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Coimbra

In Coimbra wird also studiert. Schon lange, genauer gesagt seit dem Jahr 1308. Der Übeltäter war ein aufgeklärter König mit dem für Portugal eher untypischen Namen Diniz (Dionysius), der die Universität zwar 1290 in Lissabon gründete, sie aber achtzehn Jahre später in das ruhigere Coimbra verlegte. Im Jahr 1338 verlegte sie einer der vielen Alfonsos auf dem portugiesischen Thron, der problematische Alfonso IV., von dem wir noch sprechen werden, zurück nach Lissabon, aber 1537 machte König Joao alias Johann III. (von Johanns, Alfonsos und Pedros wimmelt es geradezu in der Genealogie der portugiesischen Könige, andere Namen sind eher die Ausnahme) dem Umzug ein Ende und verlegte die Hochschule endgültig zurück nach Coimbra. Und 1544 schenkte er der Universität den königlichen Palast auf dem Gipfel des Hügels, auf dem Coimbra erbaut ist – als Zeichen des Dankes steht seine große Statue im Hof der Universität.

Diese Universität ist immer noch groß und hier studieren Zehntausende von Studenten, im Rahmen des Erasmus-Programms studierte hier auch der Sohn meines Freundes Jindřich Sobotka, Martin – zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich von ihm zum ersten Mal in meinem Leben von der Stadt Coimbra gehört habe. Coimbra hat 141.000 Einwohner und liegt am Fluss Mondego – wieder an einem richtigen Strom, im Gegensatz zu den ausgetrockneten spanischen Flüssen gibt es in den portugiesischen Strömen nämlich reichlich Wasser. Coimbra existierte zwar schon in römischer Zeit, aber die Stadt überlebte die Invasion der Sueben im Jahr 409 nicht und musste neu gegründet werden. Im Jahr 1131 schlug ihre Sternstunde. Graf Afonso Henriques, beeindruckt vom Sieg in der Schlacht von Ourique über die vereinte Armee von fünf maurischen Fürsten (die sich auf dem Schlachtfeld allerdings mehr untereinander gestritten als mit der relativ kleinen angreifenden christlichen Armee gekämpft haben), verlegte die Hauptstadt seines Landes von Guimaraes nach Coimbra. Im selben Jahr gab er den Befehl zum Bau des Klosters Santa Cruz, obwohl in der Stadt seit 1064 eine Kathedrale bereits gebaut wurde. Diese wurde jedoch erst im Todesjahr von Afonso Henriques 1185 fertiggestellt, sodass hier sein Sohn Sancho I. gekrönt werden konnte. Beide – Vater und Sohn – sind jedoch in der Kirche des Klosters Santa Cruz begraben. 1139 wurde Afonso Henriques so übermütig, dass er sich selbst zum König ausrief und sich krönen ließ. Damit verärgerte er zwar den leonischen König Alfonso sehr, aber letztendlich mussten sich die Spanier mit dieser Tatsache abfinden. Die feierliche Krönung des ersten portugiesischen Königs fand also in Coimbra statt.

Coimbra blieb die Hauptstadt bis zum Jahr 1246, als sie dem strategisch günstiger gelegenen Lissabon weichen musste. Der aufgeklärte König Diniz, der unter anderem auch für den ersten Freundschafts- und Handelsvertrag mit England aus dem Jahr 1294 verantwortlich war, der weitreichende Auswirkungen in der Geschichte Portugals haben sollte, die bis heute spürbar sind, versuchte, die Frustration der ehemaligen königlichen Metropole wenigstens dadurch zu mildern, dass er hier 1308 die Hochschule ansiedelte. Die Statue des Königs steht vor dem Universitätskomplex, der jedoch seinen Ausbau während der faschistischen Diktatur Salazars erlebte, sodass die Gebäude im Stil des sozialistischen (oder faschistischen) Realismus mit entsprechenden Skulpturen gestaltet sind. Übrigens studierte Antonio Salazar selbst an der Universität in Coimbra Wirtschaft und wollte ihr wohl auf diese etwas kontraproduktive Weise seine Dankbarkeit und Ehrfurcht erweisen. Dieser kleine Platz mit der Statue von Diniz befindet sich neben dem imposanten Aquädukt des heiligen Sebastian, das die Stadt mit Trinkwasser versorgte.

Das historische Zentrum der Universität ist allerdings sehenswert. Der Innenhof hat die Form eines offenen U mit Blick auf die umliegende Landschaft über dem Fluss Mondego, und die Innenräume sind natürlich königlich. In dem Raum, in dem die Könige gekrönt wurden, der „Sala Grande dos Actos“, finden heute die Abschlussfeiern der Studenten statt.

Die Bedeutung dieses Saals wird durch die Porträts der portugiesischen Könige, die die Wände schmücken, hervorgehoben. Er sieht also sehr prächtig aus. Die Besichtigung des Universitätsgebäudes ist ein schönes Erlebnis, aber der absolute Höhepunkt ist der Besuch der Bibliothek „Biblioteca Joanina“.

Biblioteca Joaninna

Diese ließ König Johann V. im Jahr 1717 erbauen (regierte von 1706 bis 1750). Es war gerade die Zeit, als in der portugiesischen Kolonie Brasilien große Goldvorkommen entdeckt wurden, und die Bibliothek sieht auch dementsprechend aus. Das Fotografieren ist dort streng verboten und unsere Führerin Christina bat uns so eindringlich, dieses Verbot einzuhalten, dass ich der Versuchung widerstand. Wie viele Bücher sich in der Bibliothek befinden, ist immer noch unsicher, meist wird die Zahl 300.000 genannt. Natürlich sind nicht die Bücher die größte Attraktion, sondern die Bibliothek selbst mit ihren holzgeschnitzten und vergoldeten Wänden und natürlich dem Porträt von König Johann V., der sich dort 1730 verewigen ließ.

Gleich neben der Bibliothek befindet sich die Kapelle des Erzengels Michael, der aufgrund der Kriegsgeschichte Portugals sehr verehrt wird. Die Kapelle ist klassisch mit blau-weißen Azulejos-Kacheln verziert und hat einen Altar, der interessant ist. Zumindest bis man feststellt, dass ähnliche Altäre in Nordportugal überall zu finden sind – in Form einer gestuften Pyramide. Die Universität selbst ist ein Mix aus architektonischen Stilen, vom gotischen Portal der Kapelle des heiligen Michael (im manuelischen Gothikstil, über den wir noch viel erzählen werden, und mit einem Altar, der mit den typischen portugiesischen Kacheln Azulejos verziert ist) über Renaissancehöfe und -säle bis zur Via Latina aus dem 18. Jahrhundert. Das Symbol der Universität, aber auch der Stadt, ist jedoch der Glockenturm (er ragt tatsächlich am höchsten über die Stadt hinaus und ist von überall zu sehen), der drei Glocken hat. Die bekannteste davon ist die „Cabra“, was „Ziege“ bedeutet. Angeblich wegen des Klangs, den sie erzeugt und der an das Meckern einer Ziege erinnert. Leider hatten wir keine Möglichkeit, das zu beurteilen, da sie während unseres Besuchs nicht geläutet hat. In den Bereich der alten Universität gelangt man durch das „Eiserne Tor“ „Porta Férrea“, das mit Statuen geschmückt ist, die das kanonische und zivile Recht sowie die Medizin und Literatur darstellen – das waren die Fächer, die hier bis 1770 studiert wurden, bevor der berühmte Reformator Marquis de Pombal (mit dem wir uns in Lissabon beschäftigen werden) die Studiengänge erheblich erweiterte.

Aber Coimbra ist nicht nur die Universität. Da die Stadt auf einem steilen Hügel liegt, ist es jedoch fast schneller, sich zu Fuß als mit dem Auto oder Bus zu bewegen. Wo der Bus auf den städtischen Straßen, die Bergserpentinen ähneln, einen Kilometer zurücklegen muss, sind es zu Fuß fünfzig Meter, allerdings bergauf.

Die Hauptgeschäftsstraße ist die „Rua da Fonte Nova“, die am „Praça da República“ beginnt, mit einer großen Statue des Reformers, der für das Verbot der Ordensgemeinschaften im Jahr 1834 verantwortlich war, dessen Name ich jedoch leider vergessen habe (ich wäre dankbar, wenn mir jemand diese Information geben könnte), der ebenfalls Absolvent der örtlichen Universität war und am Platz des 8. Mai vor der Kathedrale des Heiligen Kreuzes endet.

Kathedrale Santa Cruz

Das Gebäude ist zwar wieder einmal romanisch (ohne Krypta und mit einem gewölbten Dach), die Dekoration stammt jedoch aus der Zeit Königs Manuel, ebenso wie der „Claustro o Silencio“, also der Kreuzgang, und der Altarbereich, wo die ersten beiden portugiesischen Könige Afonso Henriques und Sancho begraben sind. Beeindruckend ist der Chor mit den vergoldeten Stühlen für prominente Besucher, die Sitze sind mit Wappen sowie dem unverzichtbaren Navigationsinstrument – Sphären, mit denen die Portugiesen die Weltmeere erkundeten und die in Portugal heiligen Status haben – verziert. Vom Kreuzgang kann man zum „Sanctuarium“ hinaufsteigen, wo eine große Anzahl von Reliquien der Heiligen aufbewahrt wird. Auf der einen Seite neben der Kirche befindet sich das Rathaus, auf der anderen Seite jedoch ein viel interessanteres Café mit gotischer Decke, das allein deshalb einen Besuch wert ist. Vor dem Café haben wir Kaffee getrunken und Fado gehört, die typische melancholische portugiesische Musik. Die Portugiesen lachen selten (wenn überhaupt, ich habe während der gesamten Zeit unserer Reise keinen lachenden Portugiesen gesehen) und ihre typische emotionale Verfassung ist „Saudade“, was etwas zwischen Melancholie und Depression ist. Die Musik war schön, aber Achtung, in Coimbra drückt man Anerkennung für Musiker nicht durch Applaus aus, sondern durch leises Husten. Da ich kein Portugiesisch kann, konnte ich die Unterschiede zwischen dem Fado aus Lissabon und dem Fado aus Coimbra nicht erkennen; die Lieder aus Coimbra sollen aufgrund der Universitätstradition angeblich viel intellektueller sein.

Während meine Frau auf der „Rua da Fonte Nova“ einkaufen ging, wurde ich von dem Tor „Torre de Almedina“ angelockt und machte mich auf den Weg in die Altstadt. Ich bereute es keine Sekunde, gleich hinter dem Tor wurde ich buchstäblich von einer Statue, die einen weiblichen Akt in Form einer Zither darstellt, ins Herz getroffen.

Vor Ort verliebte ich mich und es fiel mir schwer, weiterzugehen und zur „Sé Velha“, also zur alten Kathedrale, zu gelangen. Sie ist für Portugal typisch, eine an eine Festung erinnernde romanische Konstruktion.

Der etwas düstere Innenraum wird durch einen Altar aus dem Jahr 1502 belebt, der die Geburt Christi, seine Himmelfahrt und die Himmelfahrt der Jungfrau Maria darstellt. Dieser und der Altar im Querschiff sind wiederum Werke der manuelischen Epoche, in der in Portugal weder an Geld noch an Gold gespart wurde. Der Kreuzgang ist dagegen ziemlich schlicht. Am schönsten sind jedoch die Weihwasserbecken – es sind riesige Muscheln, die aus einer der portugiesischen Kolonien mitgebracht wurden.

Coimbra hat zwei Kathedralen. Die neue Kathedrale, hoch oben auf dem Hügel neben der Universität, war ursprünglich eine Jesuitenkirche und wurde nach dem Verbot des Jesuitenordens im Jahr 1759 im Jahr 1777 zum Bischofssitz.

Der Bischofspalast befindet sich allerdings bei der „Sé Velha“, also neben der alten Kathedrale. Der Bischof musste damit seit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts einen ordentlichen Weg bergauf zu seiner neuen Kathedrale zurücklegen, vielleicht war das gut für seine Kondition. Hier befindet sich das „Museu Nacional Machado de Castro“ mit einer Ausstellung von Statuen, Gemälden und dem Kryptoportikus der römischen Stadt Aeminia mit einem römischen unterirdischen Labyrinth und Artefakten aus römischer und westgotischer Zeit. Der botanische Garten befindet sich unterhalb der Universität und es bietet sich einen schönen Blick auf ihn, gerade weil der Innenhof der Universität die Form eines U hat. Der Garten wurde im Jahr 1772 gegründet – von niemand anderem als dem Marquis de Pombal, was wir verstehen werden, wenn wir über Lissabon sprechen – er umfasst zwanzig Hektar und beherbergt 1200 seltene und exotische Pflanzen. Einen Besuch kann man sich nur erlauben, wenn man sich entscheidet, länger als einen Tag in Coimbra zu bleiben.

Am anderen Ufer des Flusses Mondego befinden sich zwei Klöster der heiligen Klara, also des weiblichen Astes des Franziskanerordens. Das ältere der beiden liegt näher am Fluss und wurde regelmäßig überschwemmt. Daher ließen sich die Nonnen zwischen 1649 und 1677 ein neues Kloster weiter oben am Hang bauen und verließen das alte. Das alte Kloster wurde 1314 von der Witwenkönigin Isabel von Aragón erbaut. Sie war die Ehefrau des aufgeklärten Königs Dinis und zusammen machten sie ein wahrhaft positives Bild eines Königspaares. Isabel war die Enkelin von König Manfred von Sizilien und damit Urenkelin des römischen Kaisers Friedrich II. Ihre Mutter Konstanze war als Kleinkind das einzige Familienmitglied Manfreds, das durch die Flucht nach Aragon gerettet wurde (seine Söhne verbrachten den Rest ihres Lebens im Gefängnis der Burg „Castel del Monte“). Der aragonesische König Peter III. heiratete sie auch aus dem Grund, um seine Ansprüche auf Sizilien zu legitimieren – und dieses eroberte er tatsächlich im Jahr 1282 nach den sogenannten Sizilianischen Vespern. Isabel selbst war bis zu ihrem Tod 1336 sehr aktiv in der Wohltätigkeit. 1625 wurde sie von Papst Urban VIII. heiliggesprochen. Ihr wird das gleiche Wunder zugeschrieben wie ihrer Großtante Elisabeth von Thüringen. Als sie nämlich den Armen im Januarfrost Brot brachte, überraschte sie ihr Mann Dinis und wollte wissen, was sie aus der Burg trug. Da sie Angst vor seiner Reaktion hatte (auch der aufgeklärte Dinis war nicht bereit, es mit der Wohltätigkeit zu übertreiben), sagte sie, es seien Rosen. Rosen im Januar waren keine besonders glaubwürdige Ausrede und Dinis wollte daher den Inhalt des Korbs sehen. Und tatsächlich, als Isabel das Tuch, das den Korb bedeckte, abnahm, waren Rosen im Korb. Wer es nicht glaubt, soll es nachprüfen – anscheinend hatten es diese Elisabeths in der Familie. Ursprünglich wurde die Heilige im alten Kloster der Klarissen beigesetzt, aber 1677 wurden ihre sterblichen Überreste in das höher gelegene neue Kloster überführt, wo sie heute bestattet ist. Heute ist auch das alte Klarissenkloster, das bereits eine Ruine war, restauriert; überraschenderweise haben die Anschwemmungen und der Sand die Klostermauern in überraschend gutem Zustand erhalten.

Im alten Klarissenkloster fand auch eine andere Frau für zwanzig Jahre ihre Ruhestätte, deren Schicksal mit Coimbra verbunden ist – Inés de Castro. Sie war etwas weniger heilig. Sie war nämlich die Geliebte des Kronprinzen Pedro. Pedro wurde von seinem Vater – dem Sohn von Dinis und Isabel – Alfons IV. (ja, das ist der, der die Universität vorübergehend von Coimbra nach Lissabon verlegte) im Jahr 1340 mit der kastilischen Prinzessin Constanza Manuel verheiratet. Obwohl er mit ihr einen Sohn, Ferdinand, zeugte, verliebte er sich in ihre Hofdame Inés de Castro. Als Constanza starb, lebte er öffentlich mit Inés zusammen und heiratete sie vielleicht sogar heimlich. Sie hatten mehrere Kinder, darunter zwei Söhne. Das gefiel seinem Vater, der andere Pläne für seinen Sohn hatte, überhaupt nicht. Alfons nutzte die Tatsache, dass Pedro auf der Jagd war, ließ Inés verhaften, des Hochverrats anklagen und eilig hinrichten (ich schrieb schon, dass er ein böser König war). Als Pedro von der Jagd zurückkehrte, empörte ihn das Verhalten seines Vaters so sehr, dass es zu einem Bürgerkrieg kam. Dieser endete erst mit dem Tod König Alfons’ im Jahr 1357. Das erste, was Pedro I. nach seinem Amtsantritt tat, war, sich vom kastilischen König die Vollstrecker des Urteils gegen seine Geliebte ausliefern zu lassen, die aus Angst vor Strafe nach Kastilien geflohen waren. Der kastilische König wollte gute Beziehungen zum neuen portugiesischen Herrscher pflegen und übergab ihm die Mörder. Pedro ließ sie foltern, ihnen bei lebendigem Leibe die Herzen herausreißen und er soll sie dann gegessen haben – was ihm den Beinamen „der Grausame“ einbrachte. In der portugiesischen königlichen Genealogie wird er jedoch unter dem Beinamen „der Gerechte“ geführt, da soll man sich noch auskennen!

Seine tote Geliebte ließ er exhumieren, mit einer königlichen Krone krönen und die portugiesischen Adligen mussten der Leiche die Hand küssen und ihr Treue schwören. Von ihrem Grab im Klarissenkloster ließ er sie zwanzig Jahre später in einen prächtigen Marmorsarkophag im Kloster Santa Maria da Alcobaça überführen, aber darauf werde ich in einem anderen Artikel zurückkommen.

Pedro heiratete nie wieder, zeugte jedoch dennoch einen Sohn namens João mit einer anderen Geliebten, Teresa Lourenço. Dieser João spielte eine sehr bedeutende Rolle in der portugiesischen Geschichte. Da Pedros legitimer Sohn Ferdinand, genannt der Schöne, ohne Nachkommen starb, erlosch mit ihm die burgundische Königsdynastie. Der kastilische König Juan beanspruchte das Recht auf den portugiesischen Thron. Die Portugiesen hatten jedoch nie viel Lust auf die spanische Herrschaft. Nachdem sie die Witwe Ferdinands, Leonor Teles, entmachtet hatten, riefen sie João, der eine neue Dynastie namens Avis gründete – zum König aus. Interessanterweise wurden Pedros Söhne João und Dinis, die er mit Inés hatte, übergangen, obwohl sie älter waren. Vielleicht waren sich die portugiesischen Adligen ihrer Loyalität nicht sicher. Auch wenn seit dem Tod von Inés 28 Jahre vergangen waren, war der Skandal nicht vergessen und ist es bis heute nicht.

Wir wohnten im Hotel „Dona Inés“. Sicherlich war dies kein Zufall, die Statue der hingerichteten Geliebten von König Pedro stand in der Lobby – mit abgeschlagenen Händen, was allerdings nur die freie Invention des Künstlers war. Keiner von uns schlief gut, besonders nach Mitternacht, vielleicht hat Inés immer noch nicht endgültig ihren Frieden gefunden.

Dona Inés

Porto


          In Porto wird also gearbeitet. Auf den ersten Blick sah es jedoch nicht so aus, was daran liegen konnte, dass wir im Viertel „Ribeira“ am Ufer des Douro (was übersetzt „Goldener Fluss“ bedeutet) angekommen sind, das voller Restaurants und Bars war, in denen sich Einheimische und Touristen mischten, tranken und aßen – auch arbeitende Menschen müssen sich halt irgendwo amüsieren.

Ribeira

            Das Land erhielt seinen Namen Portucale nach dem römischen Namen der Stadt „Portus Cale“, und von dort war es nur ein kleiner Schritt zu Portugal. In römischer Zeit hatte die Siedlung jedoch keine große Bedeutung; erst die Westgoten machten sie im Jahr 540 zu einer wichtigen Stadt und zum Sitz eines Bistums.

Eine Stadt auf einem Hügel und dazu noch auf einem steilen Hügel zu bauen, ist gegenüber Touristen sehr rücksichtslos. Das ist jedoch ungefähr alles, was man der Stadt Porto vorwerfen kann. Auf der anderen Seite ist der bischöfliche Palast bei der Kathedrale, der hoch über den Ufern des Douro thront, einfach beeindruckend – anders kann man es nicht beschreiben – und verleiht Porto genau den Charme, der die Menschen dorthin zieht. Und – unter uns – man muss nicht zu Fuß gehen, Porto hat eine U-Bahn, die einen auf den Hügel hinaufbringt – obwohl ein Spaziergang, auch wenn er anstrengend ist, etwas für sich hat. Außerdem haben sich die Einwohner von Porto bereits vor dem Bau der U-Bahn abgesichert, und es führen mehrere Aufzüge in die Oberstadt. Es gibt nicht so viele wie in Lissabon, aber der „Funicular dos Guindais“ bringt den Besucher zur Kathedrale. Oder man kann sich von den alten romantischen Straßenbahnen herumfahren lassen, deren alte Holztüren ihnen einen unwiderstehlichen Retro-Charme verleihen.

            Porto liegt am Ufer des Douro. An dem Nordufer. Die Stadt auf dem Südufer ist die eigenständige Gemeinde „Vila Nova de Gaia“. Im Gegensatz zu Lissabon, wo die einzige Brücke über den Tejo täglich einen Verkehrskollaps verursacht, überspannen hier bis zu sechs Brücken den Fluss – und eine siebte ist in Planung. Die beeindruckendste ist natürlich die Brücke des Königs Luis I. mit einer imposanten Spannweite von 172 Metern.

Sie wurde von Gustave Eiffels Partner Théophile Seyrig gebaut und behält daher die für Eiffel typische Metallkonstruktion bei. Man kann auf zwei Ebenen den Fluss überqueren. Der Bau wurde auch persönlich von Eiffel überwacht; sein Büro mit Blick auf den Fluss befindet sich im Gebäude der städtischen Börse. Bis zur feierlichen Eröffnung dieser Brücke im Jahr 1886 wurde der Fluss nur mit Fähre überquert. Im Jahr 1806 wurde zwar die Pontonbrücke „Ponte das Barcas“ eingerichtet, die jedoch 1809 einbrach, als Menschen vor den Bajonetten der französischen Soldaten über den Fluss flohen. Damals ertranken bis zu 4000 Menschen im Douro. Die neueste Brücke ist die „Ponte da Arrábida“ des Architekten Edgar Cardoso. Als sie 1963 feierlich eröffnet wurde, kamen außergewöhnlich viele Politiker und Journalisten zu diesem Ereignis. Alle erwarteten nämlich, dass die Brücke einstürzen würde. Sie stürzte nicht ein und steht bis heute.

Zur Aussichtsplattform vor dem Kloster „Mosteiro da Serra do Pilar“ kann man auch mit der Kabinenseilbahn gelangen. Von dort hat man einen beeindruckenden Blick auf Porto. Von dieser Stelle soll angeblich Herzog Wellington im Jahr 1809 seinen Angriff auf die französischen Stellungen geplant haben, um am 12. Mai 1809 die Franzosen unter dem Kommando von Marschall Soult zu besiegen. Das war während des Krieges mit Napoleon, der Portugal in den Jahren 1807 bis 1811 verwüstete. Portugal hatte sich aufgrund seiner ausgezeichneten Beziehungen zu Großbritannien nicht der Kontinentalsperre angeschlossen und musste daher einer französischen Invasion entgegentreten. Die königliche Familie floh nach Brasilien und den Portugiesen kamen die Engländer unter dem Kommando von Herzog Wellington zu Hilfe. Er übte den Kampf mit den französischen Generälen ein, die er aus Portugal vertrieb, bevor er 1815 bei Waterloo dem großen Meister selbst gegenübertrat – und siegte. Das Denkmal „Monumento aos Heróis da Guerra Peninsular“, das an diesen Krieg erinnert, befindet sich im modernen Stadtteil Boavista westlich des Stadtzentrums, mitten in einem Park.

Auf der Spitze einer hohen Säule, umgeben von Kampfszenen, zertrampelt der englische Löwe den französischen Adler. Gleich daneben befindet sich die moderne Konzerthalle in einem Gebäude in Form eines geschliffenen Diamanten „Casa da Música“ aus dem Jahr 2005. Es soll die beste Konzerthalle der Stadt sein.

Diamant


            Aber zurück zu Vila Nova de Gaia. Hier, gleich hinter dem Kloster, befindet sich auch der Garten „Jardim do Morro“, der 1927 angelegt wurde, sowie die Kellereien, die zur Reifung des Portweins dienen. Der Portwein hat also wenig mit Porto selbst zu tun, vielleicht nur den Namen.

            Portwein ist die berühmteste lokale Spezialität. Angeblich entstand er durch einen unglücklichen Zufall, als eine Weinsendung für Indien vom dortigen britischen Vizekönig nicht angenommen wurde und somit zweimal den Äquator überqueren musste. In der Hitze reifte der Wein und bekam seinen spezifischen Geschmack. Ob diese Legende wahr ist oder nicht, die Briten verfielen dem Portwein, und angesichts der großartigen Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern wurde Portwein zu einem der wichtigsten Exportprodukte Portugals. Natürlich ist er nichts für jemanden mit Sodbrennen Leiden wie mich. Außerdem wird er zu Süßigkeiten empfohlen, was sich mein Magen überhaupt nicht vorstellen kann und brennt noch bevor ich den ersten Bissen gegessen habe – wahrscheinlich vorbeugend. Aber nach entsprechender Vorbereitung mit Pantoprazol habe ich mich doch zu einer Portweinprobe aufgemacht. Portwein gibt es in Weiß und Rot, wobei der rote in Ruby und Tawny unterteilt wird. Ersterer behält seine rote Farbe, während letzterer zu hellbraun oxidiert. Neben dem gewöhnlichen Konsumwein, der etwa 7,50 Euro pro Flasche kostet, gibt es auch zehn-, zwanzig- oder dreißigjährige Weine. Diese sind Mischungen aus verschiedenen Jahrgängen, die im Durchschnitt die auf dem Etikett angegebenen Jahre ergeben. Die Herstellung von Portwein ist eine ganze Wissenschaft, die uns in der Kellerei Burmester ausführlich erklärt wurde, aber selbst mit Übersetzung war es für mich zu anspruchsvoll, um es im Detail zu verstehen und im Gedächtnis zu behalten. Wenn uns der Portwein nicht überzeugt hat, dann tat es der lokale Cognac aus Traubenwein namens Macieira. Er ist köstlich, mit 36 Prozent Alkohol, und er verursacht kein Sodbrennen.

            Was das Essen betrifft, ist die lokale Hauptspezialität Kutteln nach Porto-Art „Tripas à Moda do Porto“. Dieses Gericht ist so berühmt, dass die Einwohner von Porto „Tripeiros“, also so etwas wie „Kutteler“ genannt werden – auch wenn sie sich selbst lieber nach dem Stadion des Fußballclubs Boavista Porto „Dragão“ („Drachen“) nennen. (Das Stadion liegt im Nordosten der Stadt und in der Nähe der Endstation der Metrolinie B. Übrigens ist es eine der grundlegenden Bürgerpflichten der Einwohner der Stadt Porto, Fan dieses Vereins zu sein, dessen Namen die Einwohner von Porto viel kreativer gewählt haben als den ihrer eigenen Stadt, die einfach nur „Hafen“ bedeutet.) Zur Entstehung dieser lokalen Spezialität aus Rinderinnereien gibt es bis zu drei Legenden. Die bekannteste besagt, dass als sich im Jahr 1415 die portugiesische Armee unter der Führung von Prinz Heinrich dem Seefahrer in Porto auf den Aufbruch zur Eroberung der Stadt Ceuta vorbereitete (was auch gelang), wurde zur Versorgung der Armee mit Proviant sämtliches Rindvieh in der Umgebung geschlachtet und den Einheimischen nur die Innereien übrigblieben, mit denen sie aber kreativ umgingen. Eine andere Legende besagt, dass die Einwohner von Porto im Jahr 1384 all ihre Vorräte an das von Kastilien belagerte Lissabon schickten, und die dritte, dass während des Bürgerkriegs von 1832 bis 1834 die Lebensmittelversorgung der Stadt so miserabel war, dass die Einheimischen gerne auch zu Innereien griffen. Wie auch immer, in diesem Gericht sind nicht nur Kutteln, sondern auch Schmalz und Wurst, und vor allem – das Gericht muss mit Bohnen gekocht werden, wobei unverantwortliche Gastwirte die Bohnen oft erst zum fertigen Gericht hinzufügen. Daher ist es wichtig, das richtige Restaurant zu finden – auch wenn es etwas teurer ist.  Was allerdings nicht einfach ist, diese Gericht bieten bei weitem nicht alle Restaurants an.

            Ein weiteres typisches Gericht in Porto ist Francesinha – ein Sandwich mit Fleisch, Schinken und Wurst, überbacken mit Käse in einer pikanten Tomatensauce. Es war ein Essen für die Armen, jetzt ist es zu einer Touristenattraktion geworden – wenn die Kutteln schon so schwer zu bekommen sind.

Francescinha

            Am Ufer des Douro steht die Franziskanerkirche. Sie gehört zum Pflichtprogramm. So viel Gold, das überall an den Wänden und Plastiken zu sehen ist, findet man kaum anderswo. Fotografieren ist dort nicht erlaubt, anscheinend haben die Verwalter Angst um die Kameraobjektive, ob sie so viel Gold aushalten und nicht zerbrechen. Angeblich sind es bis zu 200 Kilogramm Gold an den Schnitzereien angebracht. Für die barfüßigen Franziskaner, die sich der Armut verschrieben haben, fast zu viel. So viel Gold kann man offensichtlich sparen, wenn man keine Schuhe kaufen würde. Was sagt ihr dazu, meine Damen?

Im Rahmen der Kirchenführung kann man auch die Katakomben besuchen, in denen – gegen entsprechende Gebühr – reiche Einwohner von Porto begraben sind. Das Kloster selbst ging im Bürgerkrieg von 1832–1834 zugrunde, und da im selben Jahr alle Orden in Portugal verboten wurden, gab es keinen Grund, es wiederherzustellen.


            Der Platz des zerstörten Klosters wurde viel praktischer genutzt. Im Jahr 1842 wurde hier der Börsenpalast errichtet. Hier wurden Geschäfte bis 1990 gemacht, als die Börse von Porto mit der von Lissabon fusioniert und in die Hauptstadt verlegt wurde. Heute ist dieses prächtige Gebäude eine Touristenattraktion. Besonders der „Pátio das Nações“ mit den Wappen aller Länder, mit denen die Portugiesen Handel trieben, und dann auch der schönste Raum – der „Arabische Saal“ mit gold-blauen Arabesken, inspiriert vom Königspalast Alhambra in Granada. Hier werden Staatsbesuche in Porto empfangen. Allerdings richtet sich das Pflaster des Bodens nicht direkt auf die Mitte der Eingangstür aus – das genau nach arabischem Brauch, weil „nur Allah vollkommen ist“.

            Direkt vor der Börse befindet sich ein Platz mit einer Statue von Heinrich dem Seefahrer, der nach Westen zeigt, sowie eine große Markthalle mit einem roten Dach.

            Der Stadt Porto verlieh ihr Aussehen großteils der italienische Architekt Niccolò Nasoni. Die barocken Türme – einschließlich des höchsten „Torre dos Clérigos“ mit seinen 75 Metern Höhe, der sich über der Stadt erhebt – sowie die weißen Palastwände sind sein Werk und gaben Porto sein typisches Aussehen. Der „Torre dos Clérigos“ ist das eigentliche Wahrzeichen der Stadt und von überall sichtbar. Zur Aussichtsplattform führen 240 Stufen und angeblich bietet sich von dort der schönste Blick auf die Stadt. Aber diese sportliche Leistung ist nicht unbedingt notwendig, sodass Menschen mit Gehproblemen nicht unbedingt traurig sein müssen. Porto ist nämlich auch von unten schön. Im Jahr 1772 wurde Nasoni auch mit dem Bau des Bischofspalastes beauftragt, leider musste der Bischof seinen Palast im Jahr 1832 verlassen. Im Bürgerkrieg wurde er nämlich von den Truppen Pedro IV. als Festung genutzt und der Palast litt natürlich darunter. Trotzdem kann man sich im Rahmen einer halbstündigen Besichtigung mit dem luxuriösen Lebensstil des Bischofs von Porto vertraut machen. Die Stadt war sicherlich nicht arm. Dank Nasoni, der der Stadt eine gewisse Geschlossenheit verlieh, wurde Porto mehrmals als attraktivstes europäisches Reiseziel ausgezeichnet.

            Nicht weit vom Palast entfernt steht die Kathedrale Sé. Wie in Portugal üblich, ist es ein romanisches Bauwerk, das an eine Festung erinnert – und ohne Krypta, also nur auf einer Etage gebaut. Innen ist sie jedoch barockisiert, nur das gotische Rosettenfenster erinnert an das ursprüngliche Gebäude. Der große Silberaltar wurde von den Einheimischen vor den Franzosen gerettet, indem sie die Kapelle, in der er sich befindet, einfach zumauerten. Französische Soldaten zerstörten nämlich in ihrem revolutionären Eifer alles, was ihnen in den Kirchen in die Hände fiel – fast wie heute die Russen.   

Kathedrale Sé

   

            Neben der Kathedrale steht eine Reiterstatue von Vimara Peres, der 868 die Stadt von den Mauren eroberte – noch nicht dauerhaft, aber die Reconquista, also die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel von den Arabern, hatte bereits begonnen. Vimara Peres gründete so etwas wie die Grafschaft Portucale und eine kleine Burg Vimaranis, aus der später die erste Hauptstadt der Grafschaft Portugal, Guimarães, wurde.

Vimara Peres

Die Christen konnten Porto damals jedoch noch nicht halten, 997 eroberten es erneut die Mauren. Endgültig christlich wurde es erst 1050. Um die Statue von Vimara Peres gelangt man zur „Estação de São Bento“, dem Hauptbahnhof von Porto. Er wurde vom Architekten Jorge Colaço im Stil der Belle Époque erbaut, aber er fügte ihm etwas typisch Portugiesisches hinzu – nämlich Azulejos. Portugal ist ein Land der Kacheln. Diese Technik wurde von den Arabern übernommen und in einen eigenen Stil entwickelt. Während auf den arabischen Kacheln – blau-weiß – nur Ornamente und Blumenmuster waren, können die Portugiesen auf Kacheln wichtige Schlachten und andere Ereignisse ihrer Geschichte darstellen. Am Bahnhof São Bento ist unter anderem nicht nur die Eroberung von Ceuta durch Heinrich den Seefahrer, sondern auch einfache Szenen aus dem bäuerlichen und städtischen Leben abgebildet.

Azulejos am Bahnhof San Bento

            Von dort kann man zum Hauptplatz „Avenida dos Aliados“ mit dem Rathaus „Paços do Concelho“ an seinem oberen Ende hinuntergehen. Wenn man an diesem Ort das Gefühl hat, diesen Platz schon einmal gesehen zu haben, dann verrate ich, dass dieses deja-vu der Wenzelsplatz in Prag ist. Gleiche Größe, gleiche Neigung und die Gebäude, die ihn säumen, sind fast identisch mit denen in Prag. Nur statt des Nationalmuseums wird der Platz an seinem höchsten Punkt vom Rathaus gekrönt. Viele Häuser sind jedoch unbewohnt und ungenutzt. Der Grund dafür sind angeblich ungeklärte Eigentumsverhältnisse sowie hohe Kosten für notwendige Renovierungen. Also steht der Wenzelsplatz doch etwas besser da.

Wenn einen die Beine nach dem ständigen Auf und Ab in Porto nicht mehr tragen wollen, kann man auf ein Boot steigen und sich auf dem Fluss unter allen sechs Hafenbrücken herumfahren lassen. Die Fahrt führt auch an den ehemaligen Lagerhäusern vorbei, die heute ein Kongresszentrum beherbergen, und am Kristallpalast mit seinem Park. Der Hauptstadtpark „Parque da Cidade“ befindet sich jedoch am Meer und zu ihm führt eine lange Promenade entlang der Stadtstrände. Es ist fast unglaublich, aber die Portugiesen sind bereit, schon im Mai in die Wellen des Atlantiks zu springen, wenn das Wasser die Temperatur von nicht einmal sechzehn Grad Celsius hat. Sie sind es einfach gewohnt, mir lief allein bei dem Anblick eine Gänsehaut über den Rücken. In diesem Stadtpark direkt am Ozean befindet sich auch das unverzichtbare Oceanário, also das Aquarium, das erste seiner Art in Portugal, eröffnet im Jahr 2009.

Aber den Abend lässt man am besten am Ufer im Viertel Ribeira bei einem Glas Portwein (sofern Ihr Magen es verträgt) oder einem Macieira-Cognac ausklingen. Oder bei einem großartigen Kaffee von italienischer Qualität zu Preisen ab 80 Cent pro Tasse.

Braga

In der Stadt Braga blieb die Zeit stehen. Es geschah um drei Uhr, zumindest zeigen dies die Uhren in der Kathedrale seit vielen Jahren. Die einzige unbeantwortete Frage bleibt, ob dies um drei Uhr morgens oder nachmittags geschehen ist. Historiker werden dies vielleicht irgendwann herausfinden, aber das ist nicht wirklich wichtig. Denn trotz oder gerade wegen des Stillstands der Zeit ist Braga ein attraktives Reiseziel.

In Portugal heißt es, dass Lissabon sich amüsiert, Coimbra lernt, Porto arbeitet und Braga betet. Braga ist ein Symbol des portugiesischen Katholizismus, wie die 35 Kirchen bezeugen, die sich hier befinden. Von hier aus startete General Gomez de Costa im Jahr 1926 einen Militärputsch, der die junge chaotische Republik stürzte und dem Land fast fünfzig Jahre lang eine faschistoide Diktatur brachte. Und am 25. April 1974, als junge Offiziere die Diktatur stürzten, die Menschen in Lissabon die Straßen füllten, um für Freiheit zu demonstrieren und das Hauptquartier der verhassten Geheimpolizei PIDE anzugreifen, rief der örtliche Erzbischof Francisco Maria da Silva in Braga zum Widerstand gegen die “Putschisten” auf und kämpfte für den Erhalt des bestehenden Regimes, das auch von der Unterstützung der katholischen Kirche abhängig war. Es half nicht. Die Zeit blieb nur an den Uhren in der Kathedrale stehen, der Lauf der Geschichte konnte nicht gestoppt werden. In der ehemaligen Bischofsresidenz befindet sich heute das Universitätsgebäude, und während unseres Besuchs gab es dort eine Ausstellung von Fotografien des berühmten portugiesischen Fotografen Alfredo Cunha, die genau die Ereignisse dieses 25. April dokumentierten – vielleicht, um der Kirche zu trotzen.

Die Kathedrale in Braga ist die älteste in Portugal, ihr Bau begann im 11. Jahrhundert, nachdem es dem König von León gelungen war, den Mauren das Gebiet Minho, den nördlichsten Teil des heutigen Portugals, abzunehmen. Er übertrug dieses Gebiet Heinrich von Burgund, den er zum Grafen ernannte. Und dieser ließ an der Stelle einer ehemaligen Moschee eine Kathedrale im frühen romanischen Stil bauen. Der romanische Stil in Portugal hat seine Besonderheiten, mit denen man überall konfrontiert wird, alle Kirchen haben mit einer einzigen Ausnahme anstelle einer flachen hölzernen Decke ein steinernes Gewölbe und die Portugiesen haben den Bau der unteren Teile der Kirchen, also der Krypten, die sonst zu einer klassischen romanischen Kirche untrennbar gehören, weggelassen. Natürlich ist das Innere der Kathedrale barockisiert, wir sind schließlich auf der Iberischen Halbinsel, wo dieser Stil, der den Sieg der wahren Kirche symbolisiert, sowie auch die Macht und den Reichtum der Kirche demonstriert, die weite Gebiete in Amerika und Asien eroberte und christianisierte, einfach nicht fehlen darf.

Auch der Chor mit den stehenden Uhren ist im barocken Stil gehalten. In der Kirche befindet sich das schön verzierte Grab von Prinz Alfons, dem erstgeborenen Sohn Königs Joao I., des Gründers der zweiten portugiesischen königlichen Dynastie von Avis. (Er regierte von 1385 bis 1433). Der Junge starb im Alter von zehn Jahren, und deshalb folgte seinem Vater Joao sein Zweitgeborener Eduard (auf Portugiesisch Duarte) auf den Thron. Dieser ungewöhnliche Name (normalerweise wimmelt es in der portugiesischen königlichen Genealogie von Alfonsen, Johannen – Joaos – und Peter – Pedros) wurde offensichtlich von seiner Mutter Filippa von Lancaster, die aus England stammte, durchgesetzt. Diese Ehe zwischen König JoaoI. und Filippa war die Grundlage für die ewige Freundschaft zwischen Portugal und Großbritannien, die bis heute besteht. Die Briten bilden immer noch die größte Touristengruppe in den Besuchern des Landes. Aber über die Gründe für diese Verbindung später.


            In der Nebenkapelle „Capela der Reis“ in der Kathedrale, die die Portugiesen Sé nennen (wie alle anderen Kathedralen, es ist nämlich eine Abkürzung für “Sedo episkopalis”, also den Sitz des örtlichen Bischofs), die jedoch nicht öffentlich zugänglich ist, befinden sich die Gräber der Gründer Portugals, Heinrichs von Burgund und seiner Frau Teresa von León, sowie des Erzbischofs Lourenco Vicente (heilig oder selig, das konnte ich nicht herausfinden). Die Legende besagt, dass er an der Seite von König Joao I. in der Schlacht von Aljubarrota im Jahr 1385 gegen die Spanier kämpfte, dort heldenhaft starb und sein unversehrter Körper angeblich zweihundert Jahre nach dieser Schlacht gefunden wurde, der Schlacht, die für Jahrhunderte die Unabhängigkeit Portugals von seinem großen Nachbarn sicherte. In Wirklichkeit starb der Erzbischof im Jahr 1397, aber das weiß ich nur, weil ich keine Ruhe geben kann und es in Wikipedia gefunden habe.

Außerdem befindet sich in der Kathedrale der Gräberraum der Erzbischöfe von Braga. Die Einheimischen behaupten, dass ihr Bistum das älteste der Welt ist, weil es angeblich bereits im Jahr 45 von einem gewissen Pedro de Rates gegründet wurde. (Damals war Braga eine recht bedeutende römische Stadt namens Brackara Augusta). Ich erinnere daran, dass Christus im Jahr 29 gekreuzigt wurde, im Jahr 45 erst der heilige Paulus seine Missionsarbeit startete und der heilige Lukas begann Informationen für sein Evangelium zu sammeln irgendwann um das Jahr 60. Aber ich denke, es lohnt sich nicht, den Bewohnern von Braga ihrem Glauben zu widersprechen. Wenn jemand stolz auf etwas ist, ob es seine Berechtigung hat oder nicht, sollte man es ihm nicht nehmen. Unbestritten ist jedoch der prächtige Marmorsarkophag des Erzbischofs Dom Diego de Sousa aus der Regierungszeit von König Manuel I., also aus der Zeit, als Portugal am reichsten war. Der Erzbischof trug dazu bei, dass ein Teil des damaligen Wohlstands auch nach Braga gelangte und sich dort in architektonischen Elementen des damaligen manuelischen Baustils zeigte – darüber werde ich noch öfter schreiben. Das schönste Beispiel für diese Kunst in der Stadt ist eben der Sarkophag des Erzbischofs und zeugt von der Zeit, als in Portugal das Geld keine Rolle spielte.

Braga ist trotz seines Konservatismus überhaupt keine dunkle Stadt. Im Gegenteil, es ist eine Stadt der Blumen. Dies liegt sicherlich auch daran, dass dieser nördliche Teil Portugals die meisten Niederschläge hat und daher auch am meisten landwirtschaftlich genutzt wird. Die Blumen schmücken sowohl die Freiheitsstraße (Avenida da Liberdade) als auch den Platz der Republik (Praca da Rebublica). Und an diesen Platz mit dem großen Rathaus schließt sich sofort ein langer Park mit viel Grünfläche und vielen Blumen und mehreren Denkmälern an. Eines davon – ziemlich avantgardistisch – erinnert an den Besuch von Papst Johannes Paul II im Jahr 1982 – damals, ein Jahr nach dem Attentat, das er überstanden hatte, hat der Papst den Pilgerort Fátima besucht und dabei auch einen Abstecher nach Braga gemacht. Auch hinter der Universität, dem ehemaligen Erzbischöflichen Palast, gibt es einen schönen Garten im französischen Stil, den „Jardim de Santa Barbara“.

Diese Blumen auf den Straßen und in den Parks werden von modernen Skulpturen durchsetzt, die überraschenderweise gut in den Gesamteindruck passen obwohl sie in einer streng katholischen Stadt zum Beispiel einen Drachen darstellen.

Ein archäologisches Museum mit Artefakten aus der Römerzeit befindet sich in einer etwas abgelegenen Villa namens „Palacio dos Biskanhos“, die im 16. Jahrhundert erbaut wurde und mit für Portugal typischen Azulejos verziert ist, die Jagdszenen darstellen.

Außerdem darf in keiner portugiesischen Stadt ein Fußballverein fehlen, in diesem Fall ist es Sporting Braga, dessen Einheimische (sowohl Männer als auch Frauen) leidenschaftliche Fans sind. Das Stadion ist speziell, da es sich in einem alten Steinbruch befindet, eine Kapazität von 30.286 Plätzen hat (was für eine Stadt mit 192.000 Einwohnern mehr als anständig ist) und dort auch zwei Spiele der Europameisterschaft 2004 ausgetragen wurden.

Aber zurück zu den kirchlichen Dingen, denn trotz der Säkularisierung, die im Jahr 1834 im ganzen Land alle kirchlichen Orden aufhob, prägen sie den Norden Portugals immer noch weitgehend. Zum eigentlichen Juwel der kirchlichen Architektur müssen wir etwa 5 Kilometer außerhalb der Stadt in die nahegelegenen Hügel fahren, wo sich „Bom Jesus de Monte“ (also der Gute Jesus auf dem Berg) befindet. Dieser Wallfahrtsort wurde 1722 in den Bergen hinter Braga vom Erzbischof Rodrigo de Mauro Teles errichtet, der Bau wurde jedoch erst 1811 abgeschlossen.

Es ist ein Kreuzweg im barocken Stil, der Aufstieg zu der (wie in Portugal fast alle Kirchen) Jungfrau Maria geweihten Kirche ist ziemlich anstrengend, aber wer schwache Beine oder Lunge hat, kann eine Seilbahn nutzen, die ihn nach oben bringt, obwohl ihm diese Fahrt keinen Blick auf das schöne Gebäude ermöglicht. Aber der Abstieg ist auf jeden Fall einfacher als der Aufstieg – dieser Hügel, auf dem der “gute Jesus” thront, ist ziemlich steil und erfordert beim Aufstieg einige Anstrengung. Auf den Plattformen der Treppe mit Springbrunnen gibt es viele Symbolik. Die Springbrunnen stellen zum Beispiel die drei göttlichen Tugenden, Glauben, Hoffnung und Liebe dar (im Sinne von “Caritas”, nicht “Eros”), oder auch die fünf Wunden Christi oder die einzelnen menschlichen Sinne (beim “Hören” fließt Wasser aus den Ohren, beim “Sehen” aus den Augen und beim “Riechen” aus der Nase, den “Tastsinn” habe ich irgendwie nicht entdeckt), außerdem gibt es Kapellen, die die Stationen des Kreuzweges darstellen.

Von Braga aus können Ausflüge in Richtung Südosten in die nahe gelegene Stadt Guimaraes unternommen werden, die erste Hauptstadt Portugals, nachdem der Sohn von Heinrich von Burgund und Teresa von León, Alfonso Henriques, sich zum König erklärt und damit die Unabhängigkeit vom Königreich León erlangt hatte (um seine Souveränität vom Papst bestätigt zu bekommen, musste er allerdings noch einige Jahre warten). Die Burg der Stadt Guimaraes schmückt das portugiesische Staatswappen – es ist dort sogar siebenfach dargestellt.

Westlich von Braga liegt das Städtchen Barcelos. Hier entstand die Legende vom portugiesischen Hahn, den man in Portugal überall finden wird – auf Stickereien, Tischdecken oder Taschen.

Barcelos liegt am südlichen Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Einst war dort ein Pilger unterwegs und genau als er in der Stadt war, geschah hier ein Mord. Die Einheimischen waren sich sofort sicher, dass der Täter niemand aus der Gegend sein konnte – sie kannten sich schließlich alle gut – und so zeigten sie auf den Fremden. Dieser wurde sofort verhaftet und in einem kurzen Prozess zum Tode verurteilt, obwohl er beteuerte, unschuldig zu sein. Als das Urteil gesprochen wurde, sagte er, dass Hähne über seine Unschuld krähen würden, und das um die Mittagszeit, wenn sie das normalerweise nicht tun. Weil der örtliche Bürgermeister, der auch Richter war, sich vermutlich mit vollem Magen die Hinrichtung ansehen wollte, ließ er sich zum Mittagessen gebratenen Hahn servieren. Und dieser Hahn begann um zwölf Uhr auf seinem Teller zu krähen. Der Richter, entsetzt darüber, einen Unschuldigen verurteilt zu haben, eilte auf den Marktplatz und verhinderte in letzter Minute die Hinrichtung.

Braga war nie die Hauptstadt Portugals. Die erste “Metropole” war Guimaraes, dann übernahm Coimbra den Staffelstab, um ihn dann 1256 an Lissabon abzugeben. Aber Braga ist trotzdem eine historische und bemerkenswerte Stadt und hat für die Portugiesen eine große historische Bedeutung. Vielleicht habe ich deshalb meine literarische Reise nach Portugal gerade hier begonnen. Ich würde Braga jedoch eher zur Entspannung und Erholung nach hektischen Städten wie Porto oder Lissabon in das Reiseprogramm aufnehmen. In der Stadt, in der die Zeit stehen geblieben ist und die dennoch voller Blumen ist, lässt es sich gut ausruhen. Beten müssen Sie dabei nicht unbedingt.

Übrigens passt dazu hervorragend der lokale Wein, der sogenannte “Vinho Verde”, übersetzt bedeutet „der grüne Wein“. Er ist natürlich nicht grün, sondern weiß und leicht. Etwas säuerlich und mit einem Hauch von Luftbläschen wie Prosecco (aber deutlich weniger). Er hat nur etwa 10 Prozent Alkohol und schmeckt gekühlt hervorragend. Wenn man nach Braga kommt, sollte man nicht vergessen, sich ein Glas (oder eine Flasche) zu gönnen. Das passt hervorragend zu dieser blumigen Stadt.

Banská Štiavnica – Schemnitz

Fast jede Nation hat – so etwas wie die letzte Rettung – irgendwo einen Berg, in dem Ritter schlafen, die kommen, wenn es dem Volk am schlimmsten geht, um es zu retten. In der Slowakei gibt es so einen Berg namens Sitno und er befindet sich in der Nähe der Stadt Banská Štiavnica. (Auf Deutsch Schemnitz) Da die Stimmen unter meinen Freunden zunehmen, dass alles “bergab” geht und dass “es nicht schlimmer sein könnte”, was übrigens die letzte Wahl von Robert Fico bestätigt hat, haben wir beschlossen, zum Sitno zu gehen, um zu schauen, was mit den slowakischen Rittern los ist und ob sie bereit sind, loszuziehen. Es wäre wirklich die höchste Zeit!

Die Legende besagt, dass zur Zeit von Fürst Pribina (also noch vor dem Aufblühen des Großmährischen Reiches) auf der Burg Sitno Fürst Stojmír lebte. Er hatte zwei Söhne, Tyr und Želibor. Zwei Söhne und eine Burg, das deutet immer auf Ärger hin. Und so, obwohl Stojmír seine Söhne auf dem Sterbebett ermahnte, zusammenzuhalten, stritten sie gleich nach seinem Tod. Und als ihre Heere sich gegenseitig gegenüberstanden, schlug der Blitz ein, der Berg Sitno spaltete sich und verschlang alle Kämpfer. Und dort sind sie also (im Gegensatz zum tschechischen Berg mit der gleichen Funktion namens Blaník ist es eher unsicher, ob sie schlafen, aber das ist schon auf das unterschiedliche Temperament der zwei Völker zurückzuziehen), und warten darauf, dass sie slowakisches Volk ruft, um es zu retten. Wir übernachteten am See „Počúvadlo“ und machten uns am Morgen auf den Weg zum Berg. Der Aufstieg ist ziemlich einfach (mit einem Höhenunterschied von 340 Metern, also ein etwas anstrengender Spaziergang, zu Beginn etwas steil, dann über die Lichtung Tatranska und teilweise auch über Holztreppen bis zum Gipfel auf einer Höhe von 1009 Metern). Unterwegs gibt es mehrere schöne Aussichtsfelsen, und auf dem Gipfel gibt es einen Aussichtsturm und ein Gasthaus. Zuerst war ich überrascht, dass während die Österreicher Kreuze auf die Gipfel der Berge stellen, katholische Slowaken dort Gasthäuser bauen, aber schließlich entdeckten wir dort auch das Kreuz. Dafür keine sitnianischen Ritter.

 Der Haken könnte sein, dass der Hüter des Berges nur einmal alle sieben Jahre aus dem Zufluchtsort kommt. Er stellt sich auf den Gipfel des Berges und ruft, ob Hilfe benötigt wird. Wenn er keine Antwort erhält, kehrt er in den Berg zurück, und das war es dann. Erstens wissen wir nicht, um welche Uhrzeit er herauskommt. Wahrscheinlich nachts, denn tagsüber gibt es dort so viele Touristen wie auf einer Pilgerreise, und er könnte sich unter ihnen verlieren oder in Panik geraten. Dann ruft er vielleicht nicht laut genug, um im Tal gehört zu werden. Und dieses siebenjährige Intervall ist ziemlich unpraktisch, schon allein deshalb, weil Parlamentswahlen alle vier Jahre stattfinden (In der Slowakei übrigens eher deutlich öfter). Es wäre praktisch, wenn dieser Bergwächter zumindest alle vier Jahre nach den Wahlen herauskommt, nach Bratislava geht und fragt, ob seine Jungs bereits gebraucht werden. Dann könnte sich vielleicht etwas bewegen. Vielleicht könnten die aufgetretenen Reiter in voller Rüstung vor dem Regierungsgebäude etwas bewirken. Obwohl ihre Ausrüstung wahrscheinlich nicht die modernste sein wird, immerhin legt die Legende sie in das frühe neunte Jahrhundert. Aber besser als nichts. Wenn schon die Demonstranten mit dem Premierminister nichts schaffen, könnten zumindest die, wenn auch altmodisch gerüstete Ritter etwas erwirken. Wir haben also keine Ritter gefunden, aber ein Ausflug nach Banská Štiavnica lohnt sich trotzdem. Nicht umsonst gilt es als eines der schönsten slowakischen Städte (immerhin war es im Jahr 1782 nach Bratislava – Preßburg und Debrecen, also vor Buda, die drittgrößte ungarische Stadt mit mehr als zwanzigtausend Einwohnern).

Die Stadt verdankt ihre Bedeutung dem Gold- und Silberbergbau. Bis zur Entdeckung Amerikas war in der Slowakei das größte Goldvorkommen Europas, im besten Jahr 1690 wurden in Schemnitz 605 kg Gold und 29 Tonnen Silber abgebaut. Die drei wichtigsten Städte des ungarischen Bergbaues waren „das goldene Kremnitz – Kremnica“, das silbernde Schemnitz (Banská Štiavnica) und das kupferreiche Neusohl (Banska Bystrica). Die Berge um Schemnitz sind ein Überbleibsel vulkanischer Aktivitäten, und so ist dort viel Wertvolles an die Oberfläche gekommen. Obwohl sich bereits in der Römerzeit ein befestigter Ort in der Nähe von Sitno befand, verlor der Ort später an Bedeutung und tauchte erst im elften Jahrhundert wieder auf. Die Bevölkerung war, wie in allen Bergbaustädten, hauptsächlich deutsch. Die deutschen Siedler kamen hauptschlich nach dem Einfall der Mongolen im Jahr 1241, der eine Entvölkerung der Slowakei zur Folge hatte, auf die Einladung des Königs Bela IV. aus Niedersachsen. Im fünfzehnten Jahrhundert verwickelte sich die Stadt unglücklich in die Kämpfe zwischen zwei Königsanwärter Ladislaus Postumus (dessen Interessen in Oberungarn und damit in der Slowakei von Jan Jiskra von Brandeis vertreten wurden) und Vladislav Jagiello, für den der berühmte Janos Hunyady kämpfte, und im Jahr 1442 wurde sie niedergebrannt und das darauffolgende Erdbeben vollendete das Werk der Zerstörung.

            Obwohl der König Matthias Corvinus durch verschiedene Erleichterungen versuchte, den Bergbau wiederherzustellen und die zerstörte Stadt aufzubauen, musste die Stadt auf ihre Prosperität noch warten.

Sie verdankte einen neuen Aufschwung, wie auch andere slowakische Bergbau-Städte, einer seltsamen Koalition, die im Jahr 1495 von Jakob Fugger, genannt der Reiche (nicht ohne Grund –  er war zu dieser Zeit der reichste Mann Europas und entschied mit seinem Geld sogar über die Wahl des römischen Kaisers), und dem in Leutschau geborenen Johann Thurzo, einem zipser Patrizier und Krakauer Bürger, geschlossen wurde. Nach den ungarischen Gesetzen durfte nämlich die Bodenschätze im Lande kein Ausländer besitzen. Fugger, der nach der Erlangung des Monopols für den europäischen Kupferabbau (zur Zeit der Produktion von Kanonen ein sehr wichtiges Monopol) auch ein Monopol für den Silberabbau (und später auch für Quecksilber, ohne das damals kein Goldabbau möglich war) anstrebte, schloss mit Thurzo zunächst einen Vertrag über den Kupferabbau in Neusohl (Banská Bystrica), den sie dann auf den Silberabbau in der gesamten Slowakei ausweiteten. Thurzo, der in Padua studiert hatte, erfand nämlich ein System zur Entwässerung überfluteter Bergwerke, und so gelang es ihm, den Silberabbau in den bereits stillgelegten Minen wieder aufzunehmen und profitabel zu machen. Natürlich profitierte hauptsächlich Fugger, aber Thurzo blieb genug, um seine Familie in den Adelstand zu erheben (was in Ungarn extrem schwierig – und teuer – war), und einer seiner späteren Nachkommen Georg Thurzo wurde sogar in den Jahren 1610 – 1619 der ungarische Palatin, also der königliche Vertreter in Ungarn.

Banská Štiavnica war also eine reiche Bergbaustadt, und das ist heute noch sichtbar. Ich musste mein Wissen korrigieren, nach dem ich dachte, der steirische Erzherzog Johann hätte in Leoben die erste Bergbau-Universität gegründet. Das ist nicht wahr, seine Großmutter Maria Theresia war ihm voraus, und zwar gerade in Schemnitz zwischen 1763 und 1770.

Gedenktafel zur Gründung der ersten Bergbauuniversität

(Leoben funktioniert jedoch bis heute und ist somit die älteste immer noch funktionierende Bergbauschule). Banská Štiavnica ist wirklich eine schöne Stadt, obwohl sie im Jahr 2023 durch einen Großbrand sehr beschädigt wurde. Das Zentrum umfasst gleich zwei benachbarte Plätze – der Dreifaltigkeitsplatz und der Rathausplatz. Die monumentale Skulptur der Heiligen Dreifaltigkeit als Pestsäule wurde nach der Pestepidemie in den Jahren 1710-1711 errichtet, die derzeitige stammt aber aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Es ist bereits die zweite – aber monumentale barocke – Version).

Über dem Platz steht die Alte Burg, eine Burg, die aus einer ehemaligen Kirche umgebaut wurde. In Zeiten der türkischen Gefahr befestigte sich die Stadt und baute ein neues Verteidigungssystem, zu dem neben der Alten Burg auch die Neue Burg auf dem gegenüberliegenden, recht entfernten Hügel gehörte. Das Kalvária von Štiavnica ist berühmt und definitiv einen Besuch wert. Unser österreichischer Freund Heimo bezeichnete den Aufstieg als seine größte sportliche Lebensleistung, aber das zeugt nur über seine völlig unsportliche Natur. Der Kalvarienberg befindet sich auf dem Ostrý vrch (Scharfberg) über Štiavnica und ist von allen Seiten gut sichtbar und natürlich für Touristen attraktiv.

Er wurde von den Jesuiten in den Jahren 1740-1744 erbaut, und man besteigt den Hügel an etwa 22 Kapellen und 3 Kirchen vorbei. Nicht alle sind bereits renoviert, denn während der Kämpfe zwischen der Roten Armee und der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg wurde der Kalvarienberg zerstört. Die Renovierung begann zwar bereits 1953, die Hauptarbeiten folgten in den Jahren 1976-1983, dauern aber bis heute an. Da sie aus privaten Spenden finanziert werden, geht die Arbeit nur langsam voran. Die meisten Kapellen werden von privaten Sponsoren unterstützt – oft bedeutenden einheimischen, wie die Schauspielerin Emília Vašáryová, die Schwester der ehemaligen tschechoslowakischen Botschafterin in Österreich Magda.

Vergessen Sie auf keinen Fall, die Schemnitzerkrippe zu besuchen. Sie ist wunderschön geschnitzt aus Holz mit Motiven aus dem Bergbau und der Verteidigung gegen die Türken, die hier vergeblich die Neuen Burg belagern. So sagt die Legende, es ist mir jedoch nicht gelungen herauszufinden, ob die Türken überhaupt jemals nach Banská Štiavnica kamen, aber jedes Jahr findet im September die Veranstaltung “Die Türken kommen”, die an die erfolgreiche Verteidigung gegen die türkische Invasion erinnern sollte, statt.

Zwei Kilometer hinter der Neuen Burg befindet sich das Bergbau-Museum in der Natur, sicherlich interessant, vor allem für Kinder, und einige Kilometer weiter gibt es den Tajch (aus dem deutschen Teich) Počúvadlo. Er ist nicht nur zum Baden geeignet, sondern es gibt hier auch regelmäßige Auftritte von Musikgruppen, Gulasch- oder Nockerl-Kochwettbewerbe. Es handelt sich um keinen natürlichen See, sondern um einen sogenannten Tajch, der als Energiequelle zum Antrieb von Maschinen zur Entwässerung der Bergwerke von Janos Thurzo gebaut wurde. Er hat also die überfluteten Minen mit Wasserhilfe entwässert, sicherlich eine interessante und damals revolutionäre Idee. Und eine sehr profitable, wie ich schon geschrieben habe. Der Tajch Počúvadlo ist der größte erhaltene zu diesem Zweck gebaute Stausee Europas.

Der Touristenverein in Banská Štiavnica gehört angeblich zu den ältesten in Europa, die Einwohner von Štiavnica selbst setzen ihn sogar gleich nach dem Londoner Verein an die zweite Stelle. Vielleicht ist das wahr, die Wege zum Sitno sind schön angelegt, es gibt hier immerhin eine fünfhundertfünfzigjährige Tradition. Und wenn jemand vom Wandern in den Bergen gelangweilt ist, dann gibt es in der Nähe von Štiavnica noch „Svätý Anton“, das Schloss des letzten bulgarischen Zaren Ferdinand I.

Seine Familie besaß umfangreiche Ländereien in der Slowakei, insbesondere Jagdreviere, zum Beispiel auf der Muráň-Hochebene. Ferdinand I. war nämlich bulgarischer Zar (1887–1908 der Fürst und dann bis 1918, bevor die Bulgaren ihn vertrieben, der Zar), stammte jedoch aus dem deutschen Haus Coburg-Gotha aus Thüringen. Leider schloss er sich im Ersten Weltkrieg der falschen Seite (der deutschen) an, und nach dem Krieg, von seinem Thron vertrieben, verbrachte er seinen Lebensabend im Schloss Svätý Anton. Sein Sohn Boris III. war Zar bis 1943 – im Zweiten Weltkrieg kämpfte er erneut auf der falschen – wieder auf der deutschen – Seite, manche sind einfach unbelehrbar. Zar Ferdinand bestieg unter anderem auch Sitno, aber auch er wartete vergeblich auf die Hilfe der sitnianischen Ritter. Es ist offensichtlich nie so schlimm, dass es nicht noch schlimmer sein könnte und dem Volk – oder dem Zaren – müsste es „am schlimmsten“ gehen, um die Ritter zur Hilfe zu motivieren. Der Zar hatte es übrigens auf Schloss Svätý Anton überhaupt nicht schlecht. Ob die sitnianischen Ritter gegen die Panzer der Roten Armee bestanden hätten, ist übrigens mehr als fraglich. Das Haus Coburg-Gotha war bei der Besetzung europäischer Throne sehr aktiv. Prinz Albert war der Ehemann von Königin Victoria von England, aus dieser Familie stammt auch die belgische Königsdynastie, beginnend mit König Leopold (1790–1865), ebenso auch die letzte portugiesische Dynastie und die Thüringer wilderten sogar in der brasilianischen Kaiserfamilie, wo Prinz August die Prinzessin Leopoldine heiratete. Und dann war da noch diese bulgarische Zarendynastie. Thüringen war für diese ehrgeizigen Adligen einfach zu klein.

Also, wenn Sie nicht wüssten, wohin in den Urlaub und das slowakische Hochgebirge Tatra Ihnen bereits langweilig geworden wäre, ist die Gegend um Štiavnica (mit dem nahegelegenen Kremnica, dem Badeort Sklenné Teplice, aber auch dem etwas weiter entfernten, aber gut erreichbaren Zvolen (Altsohl)oder Banská Bystrica (Neusohl) kein schlechter Tipp. Übrigens, wenn Ihnen der See Počúvadlo zu kalt wäre, ist die Therme Kováčová auch nicht weit entfernt.

Heldenberg-Tulln

Heldenberg befindet sich in Niederösterreich nahe der tschechischen Grenze, und der Haupt-Held, um den es hier geht, ist – oder war – ein Tscheche. In Tschechien immer noch unzureichend geschätzt, aber in Österreich verehrt. Wenn der österreichische Kultkomponist Johann Strauss zu Ehren des siegreichen Generals einen festlichen Marsch komponierte und dieser bis heute bei wichtigen militärischen Ereignissen (aber nicht nur bei ihnen) gespielt wird, spricht das für sich. Nur die Tschechen können ihrem besten Feldherrn, Josef Wenzel Radetzky von Radetz, nicht verzeihen, dass er loyal und treu der Armee diente, der er angehörte, und dem Kaiser, der die Verkörperung des Staates war, den er verteidigte.

Die Beziehung von Josef Wenzel Radetzky zum jungen Kaiser Franz Joseph war außergewöhnlich, der junge Kaiser (der Altersunterschied zwischen ihnen betrug 64 Jahre) bewunderte den alten Marschall und gab ihm sogar das Recht, dass er nach seinem Tod in der Habsburgergruft im Kapuzinerkloster in Wien beigesetzt werden könne, ein Privileg, das sonst nur den Mitgliedern der kaiserlichen Familie vorbehalten war. Eine größere Wertschätzung der Verdienste des Heerführers war wohl kaum möglich. Das Schicksal wollte es anders.

Wenn von Radetzkys militärischen Erfolgen die Rede ist, wird damit vor allem die Niederschlagung des italienischen Aufstands in den Jahren 1848-1849 gemeint, den er in wenigen Tagen so überzeugend brach, dass infolgedessen der piemontesische König Karl Albert von seinem Thron abdankte. Insbesondere sein glänzender Sieg bei Custozza am 24. und 25. Juli 1848 ging in die Geschichte und sogar in die Lehrbücher der Kriegsstrategie ein und inspirierte Johann Strauss zu seinem Radetzkymarsch. Erfolge gegen italienische Truppen werden immer etwas relativiert, ein bekannter Witz besagt, dass die zwei kürzesten Bücher der Welt ein englisches Kochbuch und italienische heroische Sagen sind. Aber abgesehen davon, dass die Österreicher nach Radetzkys Tod in Solferino sogar gegen diese Italiener verloren (obwohl diese zwar von den Franzosen unterstützt wurden, aber immer noch in numerischer Unterzahl waren), war Radetzkys größte militärische Leistung die Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813. Obwohl Feldmarschall Karl von Schwarzenberg der Oberbefehlshaber der verbündeten Armee war, die gegen Napoleon kämpfen sollte, war Radetzky der Chef des Generalstabs, der die Schlachtstrategie ausarbeitete. Schwarzenberg’s Aufgabe war es, die verbündeten Armeen zu koordinieren und seine Autorität zu nutzen, um auch die ungehorsamen russischen Generäle dazu zu bringen, der Schlacht nach seinen Vorstellungen beizuwohnen. Radetzkys Aufgabe war es dann, einen Schlachtplan zu erstellen, der es ermöglichen würde, die numerische Überlegenheit der verbündeten Armee auszunutzen. Die bloße numerische Überlegenheit in den Kämpfen gegen Napoleon bedeutete nicht unbedingt eine Garantie für den Sieg (auch bei Austerlitz kämpfte er gegen eine Übermacht). Der kleine Korse konnte den Mangel an Soldaten durch konzentrierte Angriffe auf die Schwachstellen des Feindes und seine ausgezeichnete Nutzung der Artillerie kompensieren. Er erklärte nicht ganz unbegründet von sich selbst, dass: “fünfzigtausend Soldaten und ich, das sind hundertfünfzigtausend Soldaten.”

Aber in Leipzig gelang es ihm nicht, eine Taktik gegen Radetzky zu umzusetzen. Schwarzenbergs Soldaten drängten die Franzosen in die Stadt und ihre Verbündeten, die Polen, in die Elbe und massakrierten sie dort so ordentlich, dass weder die Franzosen noch die Polen sich in den nächsten Jahrzehnten davon erholen konnten.

Die militärische Karriere von Radetzky war sehr lang, auf seinem Grabstein sind 22 Schlachten aufgeführt, an denen er teilgenommen hat. Es begann mit den Türkenkriegen bei Belgrad im Jahr 1796, und die letzte Schlacht war die endgültige Niederlage des piemontesischen Heeres bei Novara im März 1849.

Aber warum liegt der berühmte Marschall dann nicht in Wien in der Kapuzinergruft neben den Kaisern, denen er treu gedient hat, wie es Franz Joseph wünschte? Stattdessen fand er seinen letzten Ruheplatz in Niederösterreich in der Nähe des Dorfes Glaubendorf im Bezirk Hollabrunn.

Dahinter verbirgt sich eine etwas obskure Figur aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Unternehmer Joseph Gottfried Pargfrieder.

Er wurde irgendwann zwischen 1787 und 1789 als uneheliches Kind geboren. Er behauptete immer von sich selbst, der uneheliche Sohn von Kaiser Joseph II. zu sein. Im Grunde weiß man jedoch über seine Herkunft überhaupt nichts. Auch die Geburtsdaten variieren, neben dem üblichen 1787 werden auch Jahre 1775 oder 1782 angegeben. Nach einer Version soll er aus einer Affäre von Joseph II. mit einer schönen Jüdin stammen, nach einer anderen war seine Mutter Anna Moser aus Marchfeld, wohin die Habsburger gerne Jagdausflüge machten. Pargfrieder hatte jedoch das Bürgerrecht der Städte Buda und Pest (damals noch zwei Städte), und es gibt sogar eine Theorie, dass er in Brünn in Mähren geboren wurde. Es zahlt sich also überhaupt nicht nach seiner Geburt zu forschen.

Wie dem auch sei, als die Napoleonischen Kriege ausbrachen, erhielt der liebe Pargfrieder plötzlich den Auftrag, die österreichische Armee mit Uniformen und Stiefeln zu versorgen. Das ist etwas, was wir auch heute kennen: Ein gerade gegründetes Unternehmen erhält einen staatlichen Auftrag, und sein Besitzer wird im Schnellschritt märchenhaft reich. Dieser Mann muss also Kontakte zur kaiserlichen Familie gehabt haben. Pargfrieder wurde tatsächlich unglaublich reich, am Ende der Napoleonischen Kriege im Jahr 1815 wurde er als sechstreichster Mann in Österreich registriert – damals lebte er noch in Budapest. Im Jahr 1832 kaufte er das Schloss Wetzdorf in Niederösterreich, das damals dem Verfall nahe war, und ließ es großzügig renovieren.

Im Jahr 1849, nach der Niederlage des ungarischen Aufstands und des Aufstands in der Lombardei, war er so begeistert, dass er beschloss, die österreichische Armee mit einem monumentalen Denkmal zu ehren (er wusste anscheinend immer noch nicht, was er mit seinem verdienten Geld tun sollte). Auf seinem Grundstück errichtete er also den „Heldenberg“. Mit Büsten bedeutender Generäle und Offiziere der österreichischen Armee, an der höchsten Stelle stehen die Büsten des Generalissimus Karl I. Schwarzenberg, des Erzherzogs Karl von Habsburg, Prinz Eugen von Savoyen und Gedeon Laudon (der am 14. Juli 1790 in meiner Heimatstadt Neutitschein starb). Es gibt auch eine Allee deutscher und österreichischer Kaiser – allerdings nur diejenigen, die zum Habsburger Geschlecht gehörten.

Die Allee beginnt mit Rudolf I. Hier entstand jedoch ein kleines Problem, denn Pargfrieder oder derjenige, der das Monument plante, unterschied nicht zwischen Königen und Kaisern (wenn er nur gekrönte Kaiser aufgestellt hätte, wären es wesentlich weniger gewesen). Daher gibt es hier gleich zwei Friedrichs III. Der erste war Friedrich der Schöne, der seinen Kampf um die Herrschaft über Deutschland 1322 in der Schlacht bei Mühldorf gegen Ludwig den Bayern verlor, aber den Titel des römischen Königs behalten durfte, nachdem er versprochen hatte, sich nicht in die Regierungsangelegenheiten von Ludwig einzumischen. Der zweite Friedrich III., ursprünglich Herzog von Steiermark und römischer König von 1440 bis 1493, brachte es tatsächlich zum Kaiser – er wurde als der letzte Kaiser in Rom im Jahr 1453 gekrönt und erhielt den Kaisertitel als Friedrich III. Uninformierte könnten durch die zwei Büsten eines Feschaks und eines verschlafenen, hässlichen Mannes mit dem gleichen Namen irritiert sein, daher diese Erläuterung. Die Allee endet mit der Statue des damals noch jungen Franz Joseph I. Auf beiden Seiten gibt es viele berühmte Generäle der österreichischen und ungarischen Armee. Ich habe vergeblich nach dem Sieger der Schlacht von Weißenberg bei Prag im Jahr 1620 Buquoi gesucht, aber anscheinend habe ich ihn nur übersehen – sein Kollege Dampierre ist dort. Beide wurden im danach folgenden Jahr in Ungarn getötet, mit den Ungaren war niemals zu spaßen.

Alles schön und gut, aber wenn Pargfrieder seinem Denkmal wahre Anziehungskraft verleihen wollte, brauchte er eine prominente Leiche, einen berühmten General, den er auf seinem Grundstück begraben und dessen Grabstätte zum zentralen Punkt des Denkmals machen konnte. Er hatte zwar bereits den Leichnam von General Maximilian von Wimpffen, dem Architekten des ersten Sieges über Napoleon bei Aspern im Jahr 1809, wo er eine ähnliche Rolle wie Radetzky bei Leipzig hatte, nämlich als Chef des Generalstabs. Aber Wimpffen war in Österreich niemandem mehr bekannt, und Pargfrieder brauchte für sein Denkmal einen größeren Fisch. Das Glück war ihm hold. Josef Wenzel Radetzky hatte ein großes Problem. Seine Frau Francesca Gräfin Strassoldo-Graffemberg litt an Spielsucht. Durch ihre Sucht häufte sie unermessliche Schulden an, die der arme Marschall nicht im Stande war zu zahlen. Pargfrieder sah seine Chance. Er besuchte den damals 83-jährigen Marschall in Mailand und unterbreitete ihm sein unmoralisches Angebot. Pargfrieder würde alle Schulden des Marschalls bezahlen und seine weiteren Lebenskosten bis zu seinem Tod finanzieren, dafür würde Radecký aber schon zu Lebzeiten dem Geschäftsmann seinen Leichnam verkaufen, damit er sie mit Pomp auf seinem Heldenberg begraben werden könne. Der Marschall konnte nicht widerstehen, sie schlugen ein, Francesca Radetzky konnte wieder Karten spielen (sie starb 1854, vier Jahre vor ihrem Mann), und Radetzky war versorgt. Pargfrieder hatte sich jedoch etwas verrechnet, Radetzky lebte bis 1858, er wurde also 92 Jahre alt, womit der Wiener Unternehmer bei Vertragsabschluss nicht gerechnet hatte, und die Leiche des Marschalls wurde ihm daher ziemlich teuer (nach einer anderen, weniger interessanten Version der Geschichte unterzeichneten Pargfrieder und Radetzky den Vertrag im Jahr 1857, sieben Monate vor dem Tod des Marschalls, aber die erste Variante gefällt mir besser). Nach Radetzkys Tod in Mailand wurde seine Leiche nach Heldenberg überführt und dort mit Pomp beigesetzt. Kaiser Franz Joseph war verärgert. Ein Jahr später, als die Italiener den Tod des großen Marschalls für nächsten Aufstand nutzten, entschied er sich aus Frustration, die österreichische Armee selbst ins Feld zu führen und erlitt bei Solferino eine katastrophale Niederlage.

Radetzkys Grabmal ist monumental, unter einem großen Obelisken mit dem Gott Apollo an der Spitze und einer Gruppe von drei griechischen Göttinnen Klotho, Lachesis und Atropos, die das Schicksal der Menschen bestimmten, geht es hinter dem Grabmal hinab in die Unterwelt, und am Grab des Marschalls liegen immer noch Kränze der österreichischen Armee und verschiedener Vereine. Die Österreicher ehren ihren großen Krieger, tschechische Kränze allerdings fehlen dort.

Auf der anderen Seite des Grabmals liegt General Wimpffen, an seinem Grab liegen keine Kränze. Der Zweite zu sein, ist nie erfreulich.

Aber Heldenberg ist nicht nur Radetzky und dieses militärische Denkmal. Das würde vielleicht Touristen anlocken, aber nicht genug. Und so gibt es hier bis zu sieben Attraktionen, also ein Ziel für einen ganztägigen Ausflug für die ganze Familie.

Am beeindruckendsten ist die Oldtimer-Sammlung des österreichischen Unternehmers Rudolf Koller. Er kam legal zu seinem Reichtum. Er hatte einfach eine Idee, als er in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann, Whirlpools herzustellen. Heute hat er seine Hauptproduktion in Heinrichgraz in Tschechien, erhielt aber trotzdem den Titel Kommerzialrat von der Regierung von Niederösterreich – die Österreicher legen großen Wert auf Titel. Herr Koller feierte im Jahr unseres Besuches, also 2020 seinen achtzigsten Geburtstag, er sollte angeblich immer noch frisch sein und fuhr mit seinen Oldtimern nicht nur durch Niederösterreich. Wie es ihm derzeit geht, konnte ich nirgends erfahren, offensichtlich hält er sich der Öffentlichkeit lieber fern. Seine Sammlung ist einfach erstaunlich. Man findet dort alles, wonach das Herz sich sehnt. Eine ähnliche Sammlung habe ich nur in Monaco aus dem Nachlass von Fürst Rainier III. gesehen, aber sogar das Fiat-Museum in Turin hat keinen so großen Eindruck auf mich gemacht, als die Sammlung in Heldenberg. Ich habe das Gefühl, dass Koller einfach mehr und vor allem interessantere Autos hat.

Vom kaiserlichen Wagen, dem Peugeot des Kaisers Karl, über die ersten Fahrzeuge aus dem späten 19. Jahrhundert (mit einer Leistung von 0,75 PS!!!) bis hin zu Formel-1-Autos. Sogar der Rennwagen von Weltmeister österreichischer Herkunft Jochen Rindt,(er war eigentlich ein Deutscher, lebte aber in Wien und betrachtete sich als Wiener, und so verziehen ihm die Österreicher gerne seine deutsche Staatsangehörigkeit). Es gibt Autos aus allen Jahrzehnten, historisch geordnet. Koller hat offensichtlich eine starke Vorliebe für die tschechische Marke Tatra. Er hat hier mehrere Tatra-Wagen (obwohl der bekannteste Tatra 603 fehlt), während die Konkurrenz – die Marke Škoda  – mit nur einem einzigen Wagen viel schlechter abschneidet.

Natürlich finden wir auch einen Trabant, und meine Frau hat sogar eine Wolga entdeckt, das Auto, das ihr Vater besaß, in das seine ganze achtköpfige Familie auf dem Weg zum Urlaub in Dalmatien passte. Es gibt auch Motorräder hier, es ist einfach ein echtes Erlebnis, sehr geschmackvoll komponiert, so dass man die Entwicklung des Automobilismus wirklich aus der Nähe genießen kann. Es gibt auch absolute Kuriositäten, wie vergoldete Autos von Leuten, die wirklich nicht wussten, was sie mit ihrem Geld anfangen sollten. Natürlich gibt es auch Ferrari und Porsche, und die Ausstellung endet mit modernen Autos von heute, die den Begriff “Oldtimer” nicht mehr verdienen. Wenn jemand historische Autos liebt, sollte er einen Besuch in Rudolf Kollers Sammlung als Pflichtprogramm vormerken. Vielleicht sogar mit einer Führung. Die Herren, die sich um die Sammlung kümmern, sind genauso begeistert wie Koller selbst und singen gerne Loblieder über die ausgestellten Modelle.

Neben dieser Sammlung gibt es auf dem Heldenberg auch das Trainingszentrum der Lipizzaner, also der weißen Pferde einer speziellen Zucht, über die sich Slowenen und Österreicher streiten. Die Slowenen haben ihre österreichischen Nachbarn geärgert, als sie die Lipizzaner auf ihre zwanzig-Cent-Münze gesetzt haben

Weiter gibt es auf dem Heldenberg ein Dorf aus der Steinzeit, das hier ausgegraben und rekonstruiert wurde, wo Kinder Brot backen können, nach der fünftausend Jahre alte Methode.

Dann gibt es die Vorführung von Greifvögeln – die Falkenshow, einen englischen Garten und natürlich – einen Weinkeller. Wir haben zwar die Wachau verlassen, aber Niederösterreich ist ein Weinland auch außerhalb dieses Gebietes – auf dem Heldenberg bieten dreißig Winzer aus der Umgebung ihre Weine an (Stand 2020), in diesem Jahr boten sie 155 verschiedene Weinsorten an, und Interessenten erhalten auch eine fachkundige Führung. Also der Heldenberg ist wirklich besuchswert.

Zum Abendessen sind wir nach Tulln gefahren. Es sind nur 27 Kilometer und diese Stadt an der Donau – eine weitere der historischen Hauptstädte Österreichs – ist auch eines Besuchs wert. Das Parken war kein Problem, es gibt eine Tiefgarage direkt im Zentrum. Tulln ist eine stolze Stadt und hat gleich mehrere Gründe dafür. Es ist der Geburtsort von Egon Schiele, einem der bedeutendsten Maler der österreichischen Moderne. Er lebte von 1890 bis 1918, als er an der Spanischen Grippe starb. Er hatte auch eine enge Beziehung zu Krumau on Südböhmen, woher seine Mutter stammte und wo er auch einige Zeit lebte und arbeitete. In Tulln finden wir sein Museum, seinen Spazierweg und viele Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend.

Tulln ist auch die Wirkungsstätte des Architekten Friedensreich Hundertwasser (1928 – 2000), einem der bekanntesten modernen österreichischen Architekten. Hier lebte er zehn Jahre lang auf dem Boot Regentag, das immer noch an seinem ursprünglichen Platz an der Donau verankert ist und dem Künstler als Wohn- und Atelier diente.

Es ist auch laut Nibelungensage der Ort der Begegnung und anschließender Hochzeit der burgundischen Königin Kremhild mit dem Hunnenkönig Attila.

Ein monumentales Denkmal aus dem Jahr 2005, das dieses Ereignis aus dem Nibelungenlied darstellt, schmückt die Donauuferpromenade, daneben befindet sich ein symbolisches Bronzebuch, das nur symbolisch auf einer Seite beschrieben ist, die andere bleibt frei für weitere Geschichten in der Zukunft.

Tulln ist der Ort des ehemaligen römischen Militärlagers Comagene. Von ihm hat sich einer der Wehrtürme erhalten, einen Großteil des ehemaligen Lagers hat die Donau bereits überflutet, dennoch gibt es hier Ausgrabungen und ein Museum, und vieles in der Stadt ist nach dem römischen Kaiser Mark Aurel benannt, der Comagene besuchte (er starb im nahe gelegenen Vindobona, also in Wien). Seine Statue steht vor der Siedlung, die nach ihm benannt wurde, und schaut über die Donau hinweg auf das Gebiet, wo zu seiner Zeit noch die Markomannen lebten, die er als letzte Bedrohung für den römischen Limes Romanus pazifizierte.

Und es gibt die Tullner Gärten. Blumen sind das, worauf die Stadt Tulln gesetzt hat, und es war eine richtige Wette. Der Garten befindet sich westlich des Stadtzentrums in der Nähe des Messegebäudes und verfügt über einen eigenen Parkplatz. Er wurde im Rahmen der Landesausstellung Niederösterreich im Jahr 2008 gegründet und wurde zu einer dauerhaften Attraktion der Stadt Tulln – und es lohnt sich. Ein Besuch in Tulln ohne einen Besuch dieser Gärten gilt angeblich nicht, aber für den Besuch dieses Wunders muss man zahlen, und nicht wenig – der Eintritt kostete damals 15 Euro. Aber wer Blumen mag, kann nicht widerstehen. Es gibt auch einen Aussichtsturm, damit man alles von oben und auf einmal sehen kann. Wenn das alles einem langweilig scheint, kann er zwischen den Beeten auf einem Boot fahren oder sich von einem Touristenzug herumfahren lassen.

Übrigens ist auch die Altstadt von Tulln schön. Ob das Sparkasse-Gebäude, das wir für das Rathaus hielten, oder das Rathaus selbst, aber auch die Kirchen, sei es die gotische Pfarrkirche St. Stephan oder die barocke Minoritenkirche. Das Essen im Restaurant S’Pfandl war auch gut. Also, wenn man an einem Wochenende nichts zu tun hat…

Mallorca II

Vor allem ist das Reisen auf Mallorca erstaunlich einfach. Man steigt in den Bus ein, hält seine Kreditkarte an das Lesegerät neben dem Fahrer (wenn es mehrere Personen gibt, muss man sovielmal halten, wie viele Personen in der Gruppe sind). Beim Ausstieg hält man dann wieder seine Kreditkarte hin, und der Betrag für die Fahrkarte (oder mehrere Fahrkarten) wird von seinem Konto abgebucht. Natürlich wird es einfacher sein, wenn man in der Eurozone lebt, ich habe keine Ahnung, wie viel eine solche Transaktion die Schweden, Dänen, Tschechen oder Ungaren kosten würde, da dort muss die Bank natürlich die Devisen umrechnen. Wenn das meine Leser wissen, teilen Sie es mir bitte mit.

               Man muss also keine Fahrkarte kaufen und damit ist auch der Preis für die Fahrt nach Palma oder Alcúdia oder wohin auch immer primär uninteressant. Ich kann verraten, dass das Reisen auf diese Art wenig kostet und sehr bequem ist. Die Tschechin Lenka in der Hotelrezeption erklärte mir, dass dieses System in Ostrava schon seit Jahren funktioniert und gut funktioniert. Für Besucher der Stadt im Norden Mährens, die ein Papierfahrschein möchten, kann dies jedoch einen Kulturschock bedeuten, wie ich aus den empörten Reaktionen meiner Freunde auf WhatsApp erfahren habe. Ich träume aber, dass es bald in Graz funktionieren würde und damit der ewige Stress, wo kaufe ich eine Fahrkarte für die Fahrt von Dörfla zum Murpark, Geschichte würde.

               Wenn man eine Woche wie wir auf Mallorca ist, hat man nicht so viel Zeit, um die Insel zu erkunden. Im Osten gibt es die Stadt Alcúdia.

Alcudia

Es ist eine Stadt mit erhaltenen Stadtmauern, die ihre Bewohner einst gegen die Piratenangriffe errichteten, denen die Insel jahrhundertelang ausgesetzt war. Die Stadt mutiert tagsüber zu einem großen Markt in den engen Gassen der Stadt und vor dem Tor, abends wird der Ort zu einem großen Restaurant, in dem es schwer ist, einen freien Platz zu finden – vor allem, wenn man nur etwas trinken aber nicht essen möchte.

Also machten wir stattdessen einen Spaziergang entlang der Stadtmauern, das war eine schöne Erfahrung. Ebenso wie die Kirche des heiligen Jakobus. Ursprünglich gotisch, fiel sie im 19. Jahrhundert zusammen und wurde im neugotischen Stil wieder aufgebaut. Und natürlich darf eine Prise Barock in ihrem Inneren nicht fehlen, schließlich sind wir in Spanien.

               Alle drei Jahre findet in Alcúdia am 26. Juli das große Fest „Triennal de Santo Christo“ statt. Im Jahr 1507 begaben sich die Bewohner der Stadt auf eine Prozession zu den Höhlen des heiligen Martin, um Regen herbeizurufen, der die damalige schreckliche Dürre beenden sollte. Sie trugen ein wundersames Kreuz mit Christus, das im gleichen Jahr am 24. Februar Blut und Wasser schwitze. Offensichtlich haben sie auf diese Weise den Regen herbeigerufen, denn seitdem findet alle drei Jahre in Alcúdia eine Prozession statt, zu der Besucher einschließlich hochrangiger Kirchenvertreter aus der ganzen Welt kommen. Das nächste wird 2025 sein.

               Natürlich darf man einen Besuch in Palma de Mallorca, der Hauptstadt der Insel, nicht versäumen. Wir kamen mit dem Bus dorthin, was bequem ist, nur danach muss man bitte direkt unter dem Schwanz des Pferdes der Statue von Jaume I. durchgehen, und so gelangt man direkt in die Altstadt. Wir sind in die falsche Richtung gegangen, was etwa eine halbe Stunde Irrweg in der Neustadt zur Folge hatte.

Jaume I

               Natürlich ist es am schönsten am Meer, wo die Kathedrale „Le Seu“ aufragt, die offiziell der Jungfrau Maria geweiht ist.

Es ist ein riesiges Gebäude, über hundert Meter lang. Es sollte ein Symbol für die Wiederbelebung des Christentums auf der Insel sein, daher ließ Jaume I. bereits im Jahr 1230, gleich nach der Eroberung der Insel, den Grundstein legen. Mit dem Bau begann jedoch erst im Jahr 1306 sein Sohn Jaume II. Da der Bau bis ins 20. Jahrhundert dauerte, wechselten sich dabei viele Architekten und Stile ab. Die Kapelle des Heiligen Bernhard zum Beispiel wurde von Antoni Gaudí entworfen (oder rekonstruiert).

Gaudí ist auch der Autor des Altarleuchters. Es gibt Tickets nur für die Kathedrale oder auch für den Zugang zu den Terrassen, von wo aus man einen Blick von oben auf die Stadt und den Hafen hat. Der Zugang zu den Terrassen wird natürlich streng kontrolliert, damit niemand hineinkommt, der nicht bezahlt hat.

               Direkt neben der Kathedrale befindet sich der Königspalast – der König und der Bischof waren Nachbarn.

Königlicher Palast

Heute verbringt König Felipe VI. mit seiner Familie seinen Urlaub im königlichen Palast, wenn er auf Mallorca weilt. Während seiner Anwesenheit wird das erste Stockwerk, das für den Aufenthalt der königlichen Familie dient, für die Öffentlichkeit geschlossen. Wir hatten Glück, der König mit seiner Frau und den Töchtern war woanders, also konnten wir den Palast in seiner Gesamtheit besichtigen, einschließlich des königlichen Audienzsaals, wo Staatsbesuche vom König empfangen werden.

Das gesamte erste Stockwerk ist mit Tapisserien aus Flandern geschmückt, eine Erinnerung an die Herrschaft von Kaiser Karl V., der offensichtlich gerne auf Mallorca weilte Er wurde aber in den damaligen Niederlanden geboren und dort wuchs er auch auf, daher seine Vorliebe zu Tapisserien aus Flandern. Die Herrschaft scheint ihm nicht so viel Spaß gemacht zu haben, und schließlich trat er zurück und verbrachte den Rest seines Lebens in einem Kloster. Möglicherweise war der Anlass für seinen Rücktritt, dass er nachts und nur in Unterwäsche aus Innsbruck vor seinen Feinden flüchten musste. Vielleicht hätte er es auf Mallorca angenehmer gehabt, hätte nicht resigniert und wäre nicht so früh gestorben. Das Erdgeschoss des Palastes ist gotisch, das Obergeschoss eher im Stil der Renaissance, es gibt auch arabische Bäder, die erstaunlicherweise das System der römischen Bäder genau nachahmen. Aber die Exterieur in Palma sind einfach schöner als die Innenräume. Und das gilt auch für die Stadt, in der man viele Gebäude im spanischen Jugendstil findet, wie das Grand Hotel oder die Häuser „Can Rei“ oder „L’Aquila“ auf der „Placa Marques de Palmer“.

               Das Einkaufen ist wohl nicht so großartig. Meine Frau verschwand auf dem „Placa de Espaňa“, und ich fand sie erst nach über einer Stunde ziemlich frustriert wieder, weil sie nichts Anständiges gefunden und daher nichts eingekauft hatte. Aber es gibt dafür überall viele Lokale zum Sitzen und Trinken und eine Kleinigkeit zu essen. Der Platz „Placa de Cort“ mit einem mehrere hundert Jahre alten Olivenbaum ist erstaunlich und dort befindet sich auch der Sitz des Balearischen Parlaments.

In der Stadt gibt es viele weitere Kirchen wie „San Francisco“ oder „Santa Eulalia“, aber für alle muss man Eintrittskarten kaufen und auch ein Museum mit kirchlichen Zeremonialgegenständen besichtigen, was zeitaufwendig ist. Geld für die Karte hätte ich gehabt, die Zeit nicht, wir waren in der Stadt nur einen einzigen Tag unterwegs.

               Kurz gesagt, wenn man zum ersten Mal und nur kurz auf Mallorca ist, schafft man nicht zu viel. Es lohnt sich, wiederzukommen. Dann kann man Palma mehr genießen – besonders, wenn man bereits weiß, dass man vom Busbahnhof direkt unter dem Schwanz des Pferdes der Statue von Jaume I. durchgehen muss, um in die Altstadt direkt zu gelangen. Aber natürlich gibt es in Palma auch das Aquarium, die Festung „Es Baluard“, die Gärten „de Marivent“ mit Skulpturen von Joan Miró und im Norden der Insel in den Bergen liegt das zauberhafte Städtchen Sóller mit einem botanischen Garten und einer Schmalspurbahn, die einen zum fünf Kilometer entfernten Hafen bringt. Mein Freund Milan hat mir definitiv geraten, ein Auto zu mieten und in diese Berge zu fahren da die Frauen auf dem Beifahrersitz auf kurvenreichen Straßen vor sich hin schweigen. Aber Milan kennt meine Frau nicht. Sie schweigt nicht, sie schimpft und speibt in einer solchen Situation und das ist für den Frieden in der Familie nicht fordernd.

               Es reichte, sie auf einen Ausflug zum Cap Formentor mitzunehmen.

Die Serpentinen dort sind wunderschön. Es geht rauf und runter, die Straßen sind schmal, Busse müssen ausweichen und immer wieder anhalten. Es war schon auffällig, als der Busfahrer in Pollenca alle Passagiere überprüfte, ob sie angeschnallt waren. Er wusste warum. Für Menschen mit Reisekrankheit ist der Norden Mallorcas ein bisschen problematisch. Als wir am Leuchtturm ankamen, von wo aus man in der Ferne sogar die Schwesterinsel Menorca sehen konnte, gefiel es mir dort sehr. Meine Frau hasste mich aber zu diesem Zeitpunkt. Weil der Ausflug meine Idee war. Eine Reisekrankheit mit Migräne ist kein Spaß.

               Trotzdem werden wir wahrscheinlich wieder nach Mallorca kommen. Aber ich fürchte, nach Port de Sóller fahre ich alleine. Egal ob mit dem Auto, dem Bus oder der Schmalspurbahn von Palma aus.

Balearisches Parliament in Palma

Mallorca I

               Zum Schreiben dieses Artikels musste ich mich fast einen Monat lang überreden (und ein beinahe weiteres Jahr hebe ich gebraucht, um es zu publizieren.). Ich bin nämlich überzeugt, dass die meisten meiner Leser diese Insel viel öfter besucht haben als ich und meine Erlebnisse daher bei ihnen nur ein Schulternzucken auslösen würden. Nun ja, ein Neuling in einem Reiseziel, das im Grunde zum Pflichtprogramm eines gebildeten Menschen gehört. Mallorca ist eine der meistbesuchten Inseln der Welt, und vielleicht war das der Grund, warum wir sie so lange gemieden haben.

               Dennoch haben wir uns in vorigem Jahr entschlossen, in den sauren Apfel zu beißen, nur um dann festzustellen, dass er eigentlich gar nicht so sauer ist. Obwohl es hier von Touristen nur so wimmelt – nun ja, wie sieht es in Prag aus, oder im schlimmsten Fall in Krumau oder in Hallstatt? Die Menschen kommen nach Mallorca nicht nur, um zu baden, sondern auch, um die Kultur, die Natur und den Sport zu genießen – es gibt hier Trainingscamps für Tennis und Golf, und natürlich gibt es auch den berühmten Ballermann, wo die Deutschen bis zum Umfallen feiern können. Das alles sind Gesichter einer sonst ziemlich kleinen Insel.

               Für den touristischen Boom verantwortlich ist ein Österreicher, genauer ein Habsburger, und noch genauer gesagt Erzherzog Ludwig Salvator.

Erzherzog Ludwig Salvator

Dieser Habsburger wurde 1847 in Florenz als zweitjüngster Sohn des Großherzogs Leopold II. geboren. Er war der Urenkel von Kaiser Leopold II., dessen zweitältester Sohn Ferdinand nach der Umsiedlung von Leopolds Familie nach Österreich sein Nachfolger auf dem toskanischen Thron wurde. Im Jahr 1859 musste die Familie aufgrund der Risorgimento-Bewegung nach der verlorenen Schlacht von Solferino Italien verlassen – Florenz wurde sogar für eine gewisse Zeit zur Hauptstadt des neu vereinten Italiens. Ludwig Salvator zog mit seinen Eltern auf das Schloss in Brandeis in Böhmen. Dieses Schloss kam im Jahr 1547 im Rahmen von Konfiskationen nach dem ersten Adelsaufstand gegen König Ferdinand I. in den Besitz der Habsburger. Der junge Erzherzog zeigte kein Interesse an einer militärischen Karriere, wie es einem echten Habsburger angemessen gewesen wäre, sondern wurde Wissenschaftler, mit Schwerpunkt Biologe und mit besonderem Interesse an Insekten. Auf seiner Forschungsreise besuchte er 1867 Mallorca und war von der Schönheit ihrer Natur fasziniert. Schon zwei Jahre später veröffentlichte er das monumentale Werk „Die Balearen in Wort und Bild“, das auch heute noch eine Wissensquelle über die Bräuche und natürlichen Bedingungen auf der Insel ist, bevor der Massentourismus hier Einzug hielt. Das Werk wurde bei der Weltausstellung im Paris im Jahr 1878 mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Der Erzherzog kaufte sich auf Mallorca das Haus „Son Marroig“ auf der Halbinsel „Sa Foradada“, das, ich gestehe, schwer aber doch, von der Stadt Port Solér aus zu erreichen ist.

               Aber Ludwig Salvator allein hätte Mallorca nicht so populär machen können. Diesen gebildeten und anscheinend auch humorvollen Intellektuellen mochte auch Kaiserin Sissi, die ihn mehrmals auf Mallorca besuchte. Und als die Kaiserin begann, von den Schönheiten der Insel zu schwärmen, wurde es gleich wieder einmal zum Hit. Die Kaiserin war halt lebenslang eine Trendsetterin. Übrigens sorgte sie im Jahr 1892 für einen Skandal, als sie Weihnachten und ihren 55. Geburtstag (sie wurde am 24. Dezember 1837 geboren) anstelle ihres langweiligen kaiserlichen Ehemanns mit Ludwig Salvator verbrachte, was der verärgerte Kaiser mit folgenden Worten kommentierte: „Ich hoffe, der dicke Luigi kümmert sich ausreichend um dein Wohlergehen.“. Übrigens gerade sein Übergewicht und damit verbundene Elefantiasis führte im Jahr 1915 zum Tod des Erzherzogs auf dem Schloss in Brandeis.

               Der eigentliche Massentourismus auf Mallorca begann dann in den 1960er Jahren, denn auch der Diktator Franco erkannte das Kapital der Insel, und die Einnahmen aus dem Tourismus waren für das politisch isolierte Land mehr als willkommen.

Heute gibt es hier so viele Touristen, dass die Einheimischen anfingen, sich zu wehren. Zum Beispiel, indem sie falsche Wegweiser an Straßen stellen, die die Touristen in die falsche Richtung schicken, oder sie ändern die Angaben der Entfernungen, und statt drei Kilometern erfährt man, dass sein Ziel 50 Kilometer entfernt ist. Die Touristenmassen gehen vielen Einheimischen einfach auf die Nerven. Aber für die Touristenmengen kann vielleicht Großteils auch der auf Mallorca geborene Rafael Nadal verantwortlich gemacht werden, der in seiner Heimatstadt Manacor ein großes Tennis-Trainingszentrum gebaut hat – eine unsere tennisbegeisterte Kollegin konnte sich ein Jahr ohne einen Besuch in Manacor überhaupt nicht vorstellen.

               Mallorca hat jedoch eine viel längere Geschichte. Aufgrund seiner Lage zwischen Hispanien und Gallien, also zwischen Spanien und Frankreich, hatte es genügend Bedeutung, um oft den Besitzer zu wechseln. Zuerst kamen die Römer, die auf der Insel zwei wichtigen Städte gründeten, Palma im Westen und Pollenca im Osten. Die Vandalen plünderten die Insel, aber sie schlossen sie nur formell an ihr Königreich in Afrika an. So konnte sie ohne Probleme von den Byzantinern im Zeitalter von Kaiser Justinian erobert werden. Allerdings war die Insel von Konstantinopel verdammt weit entfernt, und als die Macht Byzanz’ zu schwinden begann, konnten sie die Byzantiner nicht gegen die arabische Expansion verteidigen. Schon zu Beginn des 8. Jahrhunderts waren die Franken hier als Schutzmacht vor arabischen und wikingischen Überfällen tätig, aber im Jahr 903 wurde die Insel letztendlich doch von den arabischen Mauren erobert und dem Emirat Córdoba angegliedert.

               Zum Silvester 1229 mussten die örtlichen arabischen Herrscher vor der Armee Königs Jaume I. von Aragon kapitulieren und ihm die Schlüssel zur Hauptstadt der Insel übergeben, die damals „Medina Mayurka hieß“.

Jaume I

Sein zweitgeborener Sohn Jaume II. machte sich dann im Jahr 1276 selbstständig und schuf aus den Balearischen Inseln ein eigenständiges Königreich. (Darüber wird im Roman „Die Kathedrale des Meeres“ von Ildefonc Falcones berichtet). Während seiner Herrschaft erlebte die Insel ihre schönste Zeit, und die meisten monumentalen Gebäude, einschließlich des königlichen Palastes und der Kathedrale „Le Seu“ in Palma, stammen aus dieser Zeit. Sein Neffe Jaume III. wurde dann in der Schlacht bei Llucmajor von seinem Cousin, aragonischem König Pedro, ermordet, und damit ging die Unabhängigkeit Mallorcas zu Ende.

 In den ersten Jahrzehnten nach der Eroberung war die Mehrheit der Bevölkerung moslemisch. Das das Volk langsam, aber unanhaltsam und ohne Gewalt zum katholischen Glauben übertritt, war Verdienst eines Mannes namens Ramon Llull.

Dieser Priester setzte auf Kommunikation, mehrmals reiste er sogar nach Nordafrika, um dort mit den moslemischen Philosophen zu diskutieren. Er sprach fliesend arabisch, seine Werke schrieb er aber nicht in Latein, wie damals üblich war, sondern im katalanischen Dialekt. Damit gilt er nicht nur als erfolgreicher Missionär aber auch als Gründer der katalanischen Sprache. Sein Denkmal steht in Palma di Mallorca, in der Hand hält er ein Buch. Neben ihm und Raphael Nadal wurde noch der bekannte Bildhauer und Maler Miguel Barceló (geboren 1957).

               Mallorca gehört also zu Spanien, es wird hier allerdings katalanisch gesprochen oder sogar eher der mallorquinische Dialekt, der sich sogar von dem katalanischen unterscheidet. Dass es Unterschiede zwischen den Sprachen auf der Iberischen Halbinsel gibt, habe ich verstanden, nicht nur als mir anstelle des spanischen „solida“ das „sortida“ begegnete, was eher an das französische „sortie“ erinnert, sondern auch daran, dass Jaume die katalanische Form von Jakob ist, was auf Spanisch Diego heißt Wie katalanische Freunde meinem Sohn einmal erklärten, ist Katalanisch zur Hälfte Italienisch und zur Hälfte Französisch, hat aber “überhaupt nichts mit Spanisch zu tun!” Ende des Zitats.

               Es gibt viele Möglichkeiten, wie man einen Urlaub auf Mallorca verbringen kann. Junge Deutsche, die wilde Nächte am Ballermann lieben, werden natürlich in Palma übernachten. Ältere Menschen wie wir und Familien mit Kindern wählen eher den Osten der Insel – die schönsten Strände findet man an der „Playa de Muro“. Auch hier gibt es Hotel neben Hotel, aber die Strände sind öffentlich, und man muss sich eine Liege am Strand von den Einheimischen mieten – die Hotels haben keinen Anspruch darauf. Meine Frau brauchte jedoch keine Liege, als sie einmal ins warme Wasser des Mittelmeers ging, weigerte sie sich, wieder herauszukommen. Unser Hotel war großartig und preiswert, nur hat sich meine liebe Gattin wahrscheinlich bei der Buchung vertan, denn sie wollte ein Hotel ohne Kinder, und es handelte sich in Wirklichkeit um ein Kinderhotel mit vielen kinderfreundlichen Attraktionen und einer Menge Kinder von Windelalter bis zu Jugendlichen. Aber selbst so war es hier sehr bequem mit einem sehr guten Service.

Kairo

„Kairo ist die größte und prächtigste Stadt Ägyptens, der arabischen Welt und Afrikas. Sie hat ihre eigene Atmosphäre, ihren eigenen Charakter, ihren eigenen Zauber. Breite Boulevards mit zehn- und zwanzigstöckigen Gebäuden im modernsten Stil wechseln sich mit verwinkelten Gassen des traditionellen Orients ab. Die Stadt ist geschmückt mit vierhundert Moscheen mit schlanken Minaretten und vierzig Kirchen mit Kreuzen auf den Türmen. Antike Basare in den Gassen liegen neben luxuriösen Geschäftshäusern und malerischen Märkten unter freiem Himmel. Kairo kann mit zwanzig Museen, zehn Theatern, fünf Hochschulen, hundert Parks und Gärten unter Palmen sowie einer der schönsten Uferpromenaden der Welt prahlen.”

Diesen Text schrieb der tschechische Schriftsteller Vojtěch Zamarovský in seinem Buch “Ihre Majestäten die Pyramiden”. Ich gestehe, dass ich Zweifel hatte, ob Zamarovský wirklich die gleiche Stadt besucht hatte wie ich, nämlich Kairo. Aber er war dort im Jahr 1986, als diese Stadt “nur” neun Millionen Einwohner hatte. Heute ist es eine unglaubliche Ameisenkolonie, in der sich zweiundzwanzig Millionen Menschen drängen, und die überwiegende Mehrheit von ihnen ist sehr arm. Dies hat natürlich mit der demografischen Situation zu tun. Als Napoleon im Jahr 1798 nach Ägypten kam, hatte Frankreich 35 Millionen Einwohner, und Ägypten zwei Millionen. Heute hat Frankreich (einschließlich massiver Einwanderung aus der arabischen Welt) 65 Millionen Einwohner, Ägypten 110 Millionen. Ägypten ist zwar ein großes Land mit einer Million Quadratkilometern Fläche, was es auf den 29. Platz weltweit bringt, aber die Bevölkerung drängt sich auf weniger als fünf Prozent dieser Fläche, der Rest ist unbewohnbare Wüste. Die Massen drängen sich also in große Zentren, wo ihr Leben zu einem täglichen brutalen Überlebenskampf wird.

Natürlich, wenn man das moderne Ägypten kennenlernen möchte, sollte man nicht mit einem Reisebüro dorthin fahren. Das haben wir aber getan. Es war also eine Reise nach Ägypten für Anfänger, und ich kann nicht sauer sein, dass wir nur das obligatorische Grundprogramm gesehen haben. Auch wenn unser Führer im Ägyptischen Museum etwas gereizt sagte, dass es für ihn interessant sei, Dinge zu hören, die er normalerweise selbst erzählt. Dann schwieg ich lieber. Aber es war immer noch praktisch, etwas über das alte Ägypten zu wissen. Unser zweiter Führer Mustafa, der uns von Assuan nach Luxor begleitete, war nämlich nicht gerade der fleißigste und gab uns meistens “freie Zeit”, um die Tempel auf eigene Faust zu erkunden, damit er selbst die Zeit im Schatten vor dem Tempel verbringen konnte. Dann waren meine Kenntnisse der ägyptischen Kultur sehr nützlich – ich kann mich rühmen, dass ich zum Beispiel die Kartusche mit dem Namen des Pharaos Ramses lesen kann. Ich werde verraten, dass es ziemlich einfach ist, der Name beginnt logischerweise mit dem Buchstaben “R”, den die alten Ägypter mit einer Sonnenscheibe darstellten, weil diese mit dem Gott Re identifiziert wurde (und Vokale wurden nicht geschrieben). Übrigens war dies der erste Buchstabe, den Jean-Francois Champolion entzifferte, als er das Geheimnis der Hieroglyphen knackte.


            Ein Tourist aus Europa muss sich also mit der Tatsache abfinden, dass er für die von Armut geplagten Ägypter vor allem ein Opfer ist. Nicht Opfer von Raubüberfällen, denn die Kriminalität soll angeblich in Ägypten niedriger sein als in Europa, sondern als Verbraucher von Dienstleistungen, die er meistens gar nicht braucht und will. Sei es der Kauf von Souvenirs, verschiedener Waren (Vorsicht, Kleidung aus der gepriesenen ägyptischen Baumwolle, die auf den Basaren angeboten wird, stammt fast ausschließlich aus China) oder die Fahrt mit dem Taxi oder der Kutsche. Mit Trinkgeld kommt man in die geschlossene koptische Kathedrale genauso wie in den wegen Renovierungsarbeiten geschlossenen Tempel des Gottes Chonsu in Karnak. Einfach gesagt, der Ägypter sieht im bleichen Touristen mit der Kamera um den Hals eine Geldquelle, die ihm das Abendessen sichert. Als wir dort waren, war gerade Ramadan, und die Ägypter durften erst nach Sonnenuntergang essen und trinken, das Mittagessen war also kein Thema. Das galt jedoch nicht ganz. Am ersten Tag haben wir noch mit unserem Führer Hašib ausverhandelt, dass wir nirgendwo zum Mittagessen gehen werden, weil wir auch in der Fastenzeit vor Ostern fasten. Er war davon nicht begeistert, akzeptierte es jedoch unwillig. Am zweiten Tag hat er uns nichts mehr gefragt. Er hat uns einfach mit dem Fahrer zu einem – nicht gerade einladenden – Restaurant gebracht, uns an einen Tisch gesetzt, und bevor wir protestieren konnten, legte das Personal Vorspeisen und dann etwas gegrilltes Hackfleisch und Gemüse vor uns auf den Tisch. Für zwei Portionen und zwei Flaschen Wasser haben wir 38 Euro bezahlt. Das Rätsel des relativ hohen Preises wurde schnell gelöst. Sowohl Hašib als auch der Fahrer nahmen große Plastiktüten voller Essen aus dem Restaurant mit, offensichtlich für das Iftar-Fest während des Ramadans – ich glaube nicht, dass sie etwas bezahlt haben.

            Ich habe festgestellt, dass ich ein verbissener und unangepasster Europäer bin. Wir haben in einem Hotel in der Nähe des Flughafens gewohnt, also weit weg vom Stadtzentrum. Mit dem Taxi könnte man ins Stadtzentrum gelangen. Ein Taxi im Hotel zu bestellen, war kein Problem, aber die Vorstellung, dass ich auch wieder zurückkommen muss, ließ mir den Schweiß auf die Stirn treten. Und dann würde natürlich der Taxifahrer den Preis diktieren. Die Voraussetzung für einen solchen Ausflug ist viel Bargeld, Kreditkarten gelten nicht als Geld. Ein Auto zu mieten und versuchen, ins Stadtzentrum selbständig zu kommen, wäre gleichbedeutend mit einem Selbstmord. Selbst der Reiseführer warnt eindringlich vor solchen verrückten Ideen. Ich schätzte meine Überlebenschancen im Kairo-Verkehr auf etwa dreißig Minuten. Vielleicht hat der Verkehr in der Stadt irgendwelche Regeln, aber wenn es welche gibt, habe ich sie nicht entdeckt – außer, dass man – hauptsächlich – auf der rechten Seite fährt. Vorfahrtrecht gibt es nicht, und an den Kreuzungen gab es zwar Ampeln, aber meiner Meinung nach hatten sie rein dekorativen Charakter. Die Änderung des Lichts an der Ampel hat nichts am Fahren unseres Busses geändert.

Es scheint möglich zu sein, im Stadtzentrum spazieren zu gehen. Ich weiß es nicht, wir haben es nicht geschafft. Aber als wir in Luxor am dortigen Nilufer spazieren gehen wollten, das nur einen halben Kilometer entfernt war, schafften wir es nicht. Durch die Menge der Taxifahrer vor dem Hotel haben wir uns noch irgendwie durchgeschlagen, dann kamen jedoch die Kutscher, die versuchten, uns mit Gewalt in ihre Kutsche zu ziehen. Und als wir Widerstand leisteten, erhielten wir aggressive Beschimpfungen – glücklicherweise auf Arabisch, also weiß ich nicht, wie uns der Kutscher genannt hat – seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war es sicher nichts Schönes. Es blieb uns nichts anderes übrig, als den Versuch eines Spaziergangs aufzugeben und ins Hotel zurückzukehren. Ich hatte einfach nicht die Nerven oder genug Bargeld in der Geldbörse. Ägyptische Pfund sind bei Kutschern oder Taxifahrern nicht besonders willkommen – sie haben viel lieber Dollar oder Euro. Das liegt an der enormen Inflation. Als Ägypten sich im Jahr 1922 unabhängig machte, übernahm es das britische Pfund als seine Währung. Damals hatte es den Wert von fünf US-Dollar. Der aktuelle Wert des ägyptischen Pfunds beträgt drei US-Cent und sinkt ständig.

So habe ich leider weder den Tahrir-Platz noch die schönste Uferpromenade der Welt gesehen. Und das, obwohl wir dem Nil sehr nahegekommen sind – das Ägyptische Museum liegt im Stadtzentrum, und nur das Hilton Hotel trennt es vom Tahrir-Platz. Ich war nicht ausreichend vorbereitet, um genug Druck auf unseren Hašib auszuüben (ich wusste nicht, dass es SO NAHE ist!). Aber wahrscheinlich hätte selbst eine gründliche Vorbereitung nichts an unserem Schicksal geändert. Hašib hatte eine kranke Hüfte und hatte daher nicht vor, auch nur einen Meter mehr zu gehen als nötig, und die Vorstellung, uns ohne persönliche Aufsicht spazieren zu lassen, war für ihn ein Albtraum. Stattdessen stand der Besuch des Basars auf dem Programm – was ich WIRKLICH nicht gebraucht habe – aber es war schwer, sich in der überfüllten Gasse zu verlaufen, was Hašib, der im Auto geblieben war, die Ruhe behalten ließ.

Kairo blieb für mich also ein Ameisenhaufen von Menschen, die in Häusern leben, die teilweise im Entstehen und teilweise im Verfall begriffen sind, viele von ihnen durchlaufen beide Phasen gleichzeitig. Die Sozialwohnungen von Präsident Nasser (mit dem das sozialistische Lager so herzliche Beziehungen hatte, dass er den Ägyptern den Bau des Assuan-Staudamms ermöglichte) waren schreckliche Löcher.

Sozialwohnungen

In einigen fehlte sogar das Dach, aber an der Wand war immer eine Klimaanlage befestigt. Warum eine Klimaanlage in einer Wohnung, die Löcher in den Wänden hat, war mir nicht ganz klar – aber ich habe viele andere Dinge auch nicht verstanden.

Auf meinen Reisen durch Europa gewöhnte ich mir an, häufig John Travolta aus dem Film “Pulp Fiction” zu paraphrasieren, wo er über die Niederlande sagt: “Es ist dort alles wie bei uns, nur gibt es dort kleine Unterschiede.” Dieses Mal konnte ich diesen Satz jedoch nicht paraphrasieren – es gab keine kleinen Unterschiede, nicht einmal große, es war einfach alles komplett anders. Ich hätte sogar einen Gemüsemarkt besuchen können, aber ihn als “malerischen Markt unter freiem Himmel”, wie Zamarovský es genannt hat, zu bezeichnen, würde ich mich nicht trauen. Der Himmel war zwar hoch, aber ich habe dort nichts Malerisches gesehen – nur eine unglaubliche Menschenmenge.

In Kairo gibt es auch moderne Neubaugebiete (am Stadtrand in der Wüste, da es in Ägypten gesetzlich verboten ist, auf fruchtbarer Erde zu bauen) und sogar Siedlungen mit großen Erholungsparks – in Richtung Gizeh, wohin eine siebenspurige Autobahn führt. Wie viele Bewohner von Kairo sich jedoch einen solchen Luxus leisten können, kann ich nicht abschätzen. Es schien, dass viele dieser Wohnungen leer standen, obwohl die Gebäude fertig waren. Das ist ein ziemlich seltsamer Zustand, die meisten Häuser (auch Hotels) werden nie fertiggestellt. Für ein unfertiges Haus muss nämlich (ähnlich wie in der Türkei oder auch in Griechenland) keine Grundsteuer gezahlt werden. Daher ragen an der Spitze immer Drähte in den Himmel, als Zeichen, dass der Besitzer plant, ein weiteres Stockwerk hinzuzufügen – und das kann Jahre, Jahrzehnte oder vielleicht sogar eine Ewigkeit dauern.

Auf dem Weg ins Zentrum passierten wir die “Stadt der Toten”, also den zentralen Friedhof.

Es erstreckt sich über eine riesige Fläche von mehreren Quadratkilometern – jede Familie hat ihr kleines Haus, in dem sich zwei Massengräber befinden, eines für Männer und eines für Frauen. Männer dürfen also selbst nach dem Tod nicht mit Frauen vermischt werden – vielleicht, damit sie zumindest nach dem Tod etwas Ruhe haben. Diese Häuser unterscheiden sich sehr in Größe und Qualität – einige von ihnen ähneln auffällig Nasser’schen Sozialwohnungen, während bedeutende Männer sich Paläste bauen ließen, sogar mit Moscheen. Über der Stadt der Toten erheben sich viele von ihnen.

Die Dominante des historischen Kairos ist die Festung, die hier der legendäre Herrscher und Eroberer von Jerusalem Saladin (arabisch Salah-al Din) von 1173 bis 1186 errichten ließ.

Die Festung steht noch ein wenig – sie wurde 1992 durch ein Erdbeben beschädigt. Dieses Erdbeben hatte zwar eine Stärke von “nur” 5,8 auf der Richter-Skala, also in Tokio würde sich kein Blatt bewegen, aber in Kairo führte es zu 500 Toten und 50.000 Obdachlosen. Um ehrlich zu sein, schienen mir auch die heutigen Häuser – mit Ausnahme der Gebäude staatlicher Ämter, Museen und Krankenhäuser – nicht besonders erdbebensicher zu sein. Die Ägypter haben es in dreißig Jahren immer noch nicht geschafft, diese Saladin-Festung zu reparieren, sie warten anscheinend darauf, dass es jemand anders für sie tut. Die Dominante ist die sogenannte “Alabastermoschee” oder die Moschee von Muhammad Ali.

Alabastesermoschee

Nein, es handelt sich nicht um den berühmten amerikanischen Boxer, der ursprünglich Cassius Clay hieß, sondern um den Gründer der modernen ägyptischen Königsdynastie. Die Ägypter haben eine zwiespältige Meinung über ihn. Sie sprechen von ihm als “dem Albaner, den die Franzosen nach Ägypten gebracht haben”, können ihm aber nicht absprechen, dass sie diesem Mann viel zu verdanken haben. Vielleicht auch für diese Dominante, die über der Stadt aufragt. Die Verkleidung aus Alabaster, die ursprünglich die ganze Moschee bedecken sollte, ist jedoch unvollendet, weil die Nachkommen dieses Königs nach seinem Tod das ursprüngliche Projekt einfach ignorierten.

Ägypten verlor seine Unabhängigkeit im Jahr 1517, als es von den Türken erobert wurde und Sultan Selim (mit dem Beinamen „der Eroberer“ in der europäischen und „der Dichter“ in der moslemischen Tradition, was sich angeblich nicht widerspricht) den letzten mamelukischen Herrscher Tuman brutal ermorden ließ. Nachdem Ägypten von den französischen Truppen Napoleons erobert wurde – und sie den dort lebenden Arabern zeigten, auf welchem Schatz sie saßen, ohne etwas über seinen Wert zu wissen – und diese dann von den Briten vertrieben wurden, setzte sich in den politischen Kämpfen eben jener “Albaner” Muhammad Ali durch. Im Jahr 1805 lud er die Eliten der Mameluken zu einem Abendessen ein, was die herrschende Kaste der ägyptischen Gesellschaft war, und ließ sie alle massakrieren. Danach balancierte er geschickt zwischen der türkischen Regierung der “Großen Pforte” in Istanbul (weil Ägypten formal ein Teil des Osmanischen Reiches blieb) und den Briten, unter deren Schutz (Protektorat) er seinen Einfluss auf Jordanien und Syrien erweiterte und dessen Armeen sogar mehrmals vor Konstantinopel standen – also vor Istanbul.

So gründete er eine neue ägyptische regierende Königsdynastie, die erst 1952 durch einen Putsch der Offiziere endete, die den letzten König Faruq zwangen abzudanken. Der erste “Präsident” wurde Abdul Nasser mit einer Neigung zum kommunistischen Lager, gefolgt nach seinem Tod von Anwar Sadat, der eine Annäherung an USA suchte und sich mit Israel versöhnte, was ihm das Leben kostete. Nach dem Attentat auf ihn im Jahr 1981 begann die dreißigjährige Ära von Husni Mubarak, die mit dem “Arabischen Frühling” im Jahr 2011 endete. Nachdem die Ägypter bei freien Wahlen islamische Fanatiker unter der Führung des erstmals demokratisch gewählten Präsidenten Mohammed Mursi gewählt hatten, der das Land innerhalb eines einzigen Jahres seiner Amtszeit in politische Isolation und wirtschaftlichen Zusammenbruch führte, übernahm die Armee erneut die Kontrolle. Nachdem General Al Sisi die Uniform abgelegt hatte, wurde er  zum Präsidenten “gewählt”, und sein Bild ist jetzt an allen Ecken und Regierungsgebäuden zu sehen.

In Kairo gibt es wirklich viele große Moscheen. Zum Beispiel die Al-Hasana-Moschee, wo der iranische Schah Reza Pahlavi begraben liegt. Nach seiner Flucht aus dem Iran nach der Revolution von 1978 fand er schließlich Asyl gerade in Ägypten, wo er 1980 an Prostatakrebs starb. Mir hat besonders die Ibn-Tulun-Moschee gefallen, die auch die größte ist. Keine von ihnen ist jedoch für Touristen und erst recht nicht für Christen frei zugänglich, auch nicht barfuß. Fotografieren konnten wir sie von außen.

Normalerweise reist ein gewöhnlicher Tourist nach Kairo, um das ägyptische Museum und die Pyramiden von Gizeh und Sakkara zu besuchen. Dieses Programm haben wir erfolgreich absolviert. Natürlich ist das ägyptische Museum etwas ganz Besonderes.

Man konnte viel über Ägypten lesen und Fotos und Filme anschauen, aber wenn man vor diesem Stuhl steht, auf dessen Lehne die Frau von Pharao Tutanchamun seine Schulter mit Öl einreibt, ist das Erlebnis mit diesen Bildern nicht vergleichbar. Ich hatte dieses Bild des Stuhls vielleicht schon hundertmal auf Fotos gesehen, aber die Realität hat mich dennoch umgehauen. Ich konnte dort fotografieren (im Gegensatz zu dem Saal, in dem die goldene Totenmaske von Tutanchamun ist), aber als ich mir später das Foto ansah, war es eine riesige Enttäuschung. Einige Dinge muss man einfach live sehen.

Das gilt auch für die Pyramiden. Heutzutage stehen sie eigentlich schon in der Stadt oder am Stadtrand (Gizeh ist bereits mit Kairo zu einem Komplex verschmolzen).

Aus der Ferne wirken sie nicht besonders beeindruckend, aber wenn man zu ihnen kommt und ihre Größe begreift (eine Reihe von Steinen, die 17 Tonnen wiegen, in der untersten Reihe ist so hoch wie ein Mensch – nun ja, wie meine Frau, ich überragte sie etwas). Wer will, kann sogar in die Pyramide treten – entweder in die von Cheops (Khufu) oder die von Chefren (Khafre) – die zweite ist billiger und die Tickets leichter zu bekommen.

Im Inneren der Cheops-Pyramide, neben dem Sarkophag des Pharaos, wo der anwesende Araber gerne ein Foto von Ihnen für Trinkgeld macht, befinden sich die Graffiti des ersten Archäologen und Grabräubers Giovanni Belzoni, der hier am 2. März 1818 ankam. Es ist etwas schwieriger sich vorzustellen, wie diese Pyramiden aussahen, als sie neu waren. Ihre Oberfläche war nämlich mit Kalksteinplatten bedeckt, die die Sonne reflektierten und weiß in die Ferne leuchteten, und ihre Spitzen waren mit Gold geschmückt. Außerdem stehen die Pyramiden auf einer Anhöhe über dem Nil-Tal, das Ihnen zu Füßen liegt, mit seinen Palmen, Feldern und Wohngebieten. Eine wirklich atemberaubende Vorstellung. Aber nur eine Vorstellung.

Die berühmte Sphinx ist ein Stück weiter – sie bewachte den Zugang zu den Pyramiden und sollte Diebe abschrecken.

Das ist ihr nicht gelungen. Bei ihr gibt es ein Städtchen voller Geschäfte und Souvenirstände. Von weitem sah das Hotel Cleopatra schön aus. Aus der Nähe, wenn man sieht, wie viel Müll und Schmutz vor seinem Eingang liegt, eher abstoßend.

Die heutigen Ägypter betrachten sich zwar als Nachkommen der antiken Ägypter, die diese unglaublichen Werke gebaut haben, haben jedoch nur sehr wenig mit ihnen gemeinsam. Diese alte Kultur verschwand zuerst unter dem Sand, um dann in die Museen zu wandern, und von der Atmosphäre der einstigen einer der beiden ältesten Kulturen der Welt spürt man nicht viel. Sie werden bald verstehen, dass die Ägypter zu diesen Denkmälern eine rein kommerzielle Beziehung haben, nicht aber die emotionale, die man von den Nachkommen einer uralten Kultur erwarten würde. Die Universität von Kairo hat Fakultäten, die angeblich alle Sprachen der Welt unterrichten – sogar die Fakultät für Bohemistik hat angeblich ganze 198 Studenten. Es geht nur darum, die Sprache gut genug zu lernen, damit der Ägypter Touristen in ihrer Sprache führen kann. Die Ergebnisse sind manchmal zweifelhaft. Unser Führer Mustafa behauptete stolz, Germanistik an der Universität Kairo studiert zu haben. Sein gebrochenes Deutsch entsprach meinem etwa aus den Jahren 1998/1999. Aber es blieb nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. Wir waren Touristen mit einem Standardprogramm – wenn ich mehr wollte, müsste ich wahrscheinlich einen privaten Führer bestellen – und bezahlen. Ich weiß nicht, ob ich es versuchen werde. Auch wenn mich der Tahrir-Platz, die Nilpromenade, das Parlamentsgebäude oder der Palast von König Faruq sehr reizen würden. Oder die zweitgrößte Stadt Ägypten, die Alexandria. Aber nur mit einem eigenen Taxi und ohne Kutschenfahrer.

Mauritius II

Mahé de Labournais erschuf auch eine weitere große Attraktion der Insel. Er hatte nämlich kein Interesse daran, sein Leben in den stinkenden Straßen des Hafens von Port Louis zu verbringen, und ließ sich daher im Jahr 1736 in der Stadt Pamplemousses ein Schloss mit dem vielversprechenden Namen “Mon Plaisier” also “Mein Vergnügen“ oder „Mein Genuss” bauen.

Das Schloss steht dort zwar immer noch (obwohl von den Engländern umgebaut), würde aber die Besucher allein nicht anlocken. Aber der freundliche Gouverneur ließ auf dem 209-Morgengroßen-Grundstück mithilfe von Sklaven aus Madagaskar einen Garten anlegen. Zwar hatte er hier hauptsächlich Obstbäume und ließ Gemüse für seine Küche anbauen, aber 1767 übernahm der wirkliche Biologe Pierre Poivre die Verwaltung und ließ aus dem Gemüsegarten einen botanischen Garten entstehen, der zu einer der wichtigsten Attraktionen der Insel wurde. Bis 1785 ließ Poivre hier 600 verschiedene Pflanzenarten pflanzen. Poivre verdiente sich dafür seine Büste, die sich im Zentrum des Gartens befindet. Hier kann man rosa und weiße Lotusblumen bewundern, Wasserhyazinthen, riesige Wasserlilien aus dem Amazonas, alle Arten von Palmen, sogar eine, die nur alle dreißig Jahre blüht (sie heißt Talipot, und ich hatte Glück, dass sie gerade blühte). Aber es gibt auch Zimtbäume, Nelken, Muskatnuss, Vanille (die nur als Parasit an Bäumen wächst), Brotfrucht, Mango und viele andere Früchte. Mahagoni- und Ebenholzbäume sind ebenfalls vorhanden, sowie der sogenannte “Blutende Baum” mit rotem Harz, das angeblich zur Behandlung von Ekzemen verwendet wird, und natürlich der Baobab. Es lohnt sich auf jeden Fall, neben dem Eintrittsgeld auch für ein kleines Honorar  einen Führer zu nehmen. Sie sind meistens Showmänner, die die Besucher wirklich für ein Euro unterhalten. Sie sprechen alle Sprachen, auch wenn der Unterschied schwer zu identifizieren ist. Trotzdem, als er uns zum Schloss mit der Anweisung “Mak foto and kom bak,” schickte, konnte ich seiner Anweisung mehr oder weniger folgen. Französisch kommt den Einheimischen eben doch besser von den Lippen.

Der weiße Lotus

Übrigens wird das Pflanzen von Bäumen fortgesetzt. Offensichtlich muss jeder Staatsmann, der Mauritius besucht, nach Pamplemousses gehen und eine Schaufel in die Hand nehmen. Schon 1956 pflanzte Prinzessin Margaret hier einen Baum, 1998 folgte dem Beispiel auch Prinzessin Anne. Außerdem pflanzten hier Indira Gandhi, Nelson Mandela, Francois Mitterand, aber auch der gangsterhafte Präsident von Simbabwe, Mugabe. Und natürlich darf auch der Vater der Nation, Seewoosagur Ramgoolam, nicht fehlen, der hier am 12. März 1973 einen Baum gepflanzt hat. Nach ihm ist der ganze Garten übrigens benannt, also SSRBG (Sir Seewoosagur Ramgoolam Botanischer Garten).

In Pamplemousses ist auch die örtliche Kirche St. Franziskus sehenswert, und auf dem angrenzenden Friedhof liegt der Beichtvater von Kaiser Napoleon, Abbé Buonavita, der Napoleon nach St. Helena begleitete und nach dem Tod des Kaisers nach Mauritius umzog, wo er auch starb. Und Vorsicht, in Pamplemousses gibt es auch das Café “Wiener Walzer”. Neben dem Sacherkuchen wird hier aber auch Curryhühnchen angeboten.

Im Gegensatz zum stark bewohnten Norden und Zentrum der Insel ist der Süden nur sporadisch besiedelt. Vielleicht liegt das daran, dass es hier viel mehr regnet. Luxushotels und Golfplätze finden Sie hier natürlich auch (Der österreichische Film „O Palmenbaum“ wurde im Süden unter dem Berg Le Morne Brabant gedreht.) Im Südwesten befindet sich der Bezirk “Black River”. Der Fluss dieses Namens mündet in Tamarin ins Meer, sein Wasser ist jedoch nicht schwarz. Der Name geht auf eine historische Tatsache zurück. Gerade in der fast unbewohnten Gegend um diesen Fluss suchten entflohene Sklaven von den Zuckerrohrplantagen Zuflucht. Und die Sklaven aus Madagaskar waren – wenn man das heute noch schreiben kann – schwarz. Heute ist der Black River das größte Naturschutzgebiet auf Mauritius.

Und es gibt hier viel zu sehen. Die größte Attraktion ist der hinduistische heilige See Grand Bassin. Im Jahr 1897 hatte der hinduistische Priester Shri Jhummon Giri Gosagne (ich hoffe, ich habe den Namen richtig geschrieben, mit diesen indischen Namen habe ich einige Probleme) die Vision, dass das Wasser im Kratersee im Zentrum der Insel den gleichen heiligen Wert hat wie das Wasser des Ganges, wohin sich Hindus regelmäßig zur rituellen Reinigung begeben. Offenbar hatten die hinduistischen Einwohner der Insel keine Lust, mit dem Schiff nach Indien zum rituellen Bad zu fahren – schließlich konnten sich das nur die Wenigsten leisten. Heutzutage könnten sie viel einfacher nach Kalkutta fliegen, aber sie bevorzugen immer noch die jährliche Pilgerreise zum Grand Bassin. Angeblich versammeln sich hier während des heiligen Frühlingsfestes Maha-Shivaratree binnen einer Woche bis zu 600.000 Menschen. Am Anfang des Geländes stehen riesige Statuen der Götter Shiva und Durga.

Die Göttin Durga

Sie sind 34 und 37 Meter hoch, wobei die Durga, die immer mit einem Löwen abgebildet wird, da sie eine Kämpferin gegen alles Böse ist, größer (und jünger) ist. Der heilige See ist ein Stück weiter entfernt, alle Menschen haben einen freien Zugang zu seinem Ufer. Im Gegensatz zu Muslimen hindern Hindus auch ungläubige Touristen nicht am Betreten des Tempels, wo sie sogar den Segen des Priesters erhalten können. Der Priester möchte nur wissen, woher die Person kommt, sein Verhältnis zum Hinduismus interessiert ihn nicht, und dann zeichnet er heilige Zeichen auf die Stirn der Person. Nur Schuhe müssen – genauso wie in einer Moschee vor dem Eingang abgelegt werden. Im See befinden sich Statuen weiterer Götter, auch die Heilige Dreifaltigkeit Trimurti, die den Schöpfer Brahma, den Zerstörer Shiva und den Beschützer Vishnu darstellen. Es gibt angeblich viele Fische im See, aber sie dürfen nicht gefangen werden, sie sind genauso heilig wie das Wasser, in dem sie schwimmen. Auch ein Fisch muss bei seiner Geburt den richtigen Ort wählen können um in Sicherheit zu leben.

Die hinduistische Trinitas, Brahma, Vishna und Schiva

Eine weitere Route führt nach „Plaine Champagne“ – eine Hochebene, von der aus die höchsten Berge der Insel aufragen. Sie erreichen jedoch nur eine Höhe von etwas über 800 Metern über dem Meeresspiegel, in Gegenteil zu Reunion gibt es auf Mauritius keine höheren Berge. Aber es reicht. Von der Aussichtsterrasse aus kann man bis zum Meer und zum Wasserfall des Flusses Black River schauen. Dann geht es serpentinenartig in das Dorf Chamarel. Entlang der Straße befindet sich die echte mauritische Flora, die anderswo auf der Insel längst durch importierte Pflanzen ersetzt wurde. Hier dominiert daher noch immer die einzige Palme, die auf der Insel vor der Ankunft der Menschen wuchs – die Flachpalme. Alle anderen, einschließlich der Kokospalme, die auf der Insel am häufigsten vorkommt, sind Importe. Sie gedeihen jedoch hervorragend im lokalen Klima, es gibt so viele Kokosnüsse, dass überall Schilder vor ihnen warnen – “Beware of falling Coconuts”.

Das Dorf Chamarel hat mehrere Attraktionen. Erstens ist es das Dorf, nach dem der bekannteste mauritische Rum benannt wurde. Das allein würde dem Ruf des Dorfes genügen, aber der Mensch lebt nicht nur von Rum. Chamarel ist auch der einzige Ort, an dem Kaffee angebaut wird. Auf der Plantage nahe des Dorfes wird 100% Arabica produziert – das als Souvenir gekauft werden kann, ist aber ziemlich teuer. Die Restaurants in Chamarel bieten einen wunderschönen Blick auf die Westküste, und deshalb machen Touristengruppen hier gerne halt für das Mittagessen. Dann erwartet sie die Hauptattraktion, der „Seven Colored Earths“. Hier hat der Vulkan wirklich schön und kreativ gespielt. Der Boden, der hart genug ist, um auch den Zyklonen zu widerstehen, hat einen hohen Gehalt an Eisen und Aluminium. Diese beiden Metalle, oder genauer gesagt ihre Verbindungen, vermischen sich in verschiedenen Verhältnissen, so dass auf kleinem Raum die unterschiedlichsten Farbtöne entstehen, von Rot über Braun, Violett, Grün, Purpur, Blau und Gelb. Es sollen sieben sein und ich möchte es glauben, aber ich habe auch Grau und Weiß gesehen. Diese zählen vielleicht nicht, sie sind zu gewöhnlich.

Der Anblick ist wirklich erstaunlich. Um es ein wenig aufzulockern, haben die Einheimischen einen Auslauf für riesige Schildkröten eingerichtet (wenn man bei diesen Tieren ihre Bewegung überhaupt als Laufen bezeichnen kann), die nicht einheimisch sind, da die Kolonialherren die ursprüngliche Population dieser Schildkröten auf Mauritius ausgerottet und verspeist haben. Dann kam jedoch Charles Darwin, entschloss sich zu experimentieren und brachte neue riesige Schildkröten von den Seychellen mit. Er wollte wissen, ob sich die Tiere an die neuen Lebensbedingungen anpassen würden. Sie haben sich angepasst, und wie! Sie erreichen bis zu einem Meter Länge und leben 150 Jahre lang. Die ersten, die sich noch an Darwin erinnern könnten und um 1880 nach Mauritius kamen, haben gerade jetzt ihr Alter erreicht und bald erinnert sich niemand mehr an Herrn Charles persönlich.

Im äußersten Südwesten der Insel befindet sich eine große Attraktion – der Berg Le Morne Brabant. Dieser Berg befindet sich auf einer Landzunge, die ins Meer ragt, was ihm einen unverwechselbaren Charme verleiht.

Hier ereignete sich die Tragödie, nämlich der Massenselbstmord der Sklaven im Jahr 1834, als die Engländer ihnen die Freiheit in ihrer unverständlichen Sprache verkündeten. Dieses Ereignis wird hier durch ein Denkmal aus dem Jahr 2009 erinnert. Heutzutage werden auf der Halbinsel ständig neue Hotels gebaut, denn hier gibt es schöne Strände und einen Golfplatz. Die eigentliche Attraktion ist jedoch der Berg, der wie ein unüberwindlicher Felsen über der Halbinsel aufragt. Er kann erklommen werden, ein Weg führt zum Gipfel. Die offizielle Information lautete, dass es erlaubt ist, nur den Weg bis zu einem Aussichtspunkt etwa zweihundert Meter über dem Meer zu besteigen, und zum Gipfel sollte man mit einem Führer gehen. Sogar das Video im Internet sah ziemlich gefährlich aus und verursachte meiner Frau Angst. Sie wies mich darauf hin, dass unser drittes Enkelkind bald in Wien geboren wird und “Opa wird gebraucht.” Also suchte ich nach Hilfe für Familienfrieden und fand einen gewissen Tomáš Naňák, der auf Mauritius lebt und solche Dienstleistungen anbietet – meine Frau konnte sich nämlich nicht vorstellen, dass ich alleine auf den Gipfel klettern würde. Wir kontaktierten das Reisebüro Likexpats, erhielten jedoch die Antwort, dass die Mindestteilnehmerzahl zwei Personen und der Preis auch bei einem Teilnehmer 400 Euro beträgt. Also machte ich mich alleine ohne Führer auf den Weg. Im Gegensatz zu den Gerüchten, die mir im Hotel erzählt wurden, gab es dort kein Verbot, den Gipfel ohne Führer zu besteigen. Es wird nur empfohlen, dass es sich um einen erfahrenen Bergsteiger und kein Kind handelt, der ein angemessenes Schuhwerk und genug Wasser hat. Ich kam zu dem Schluss, dass ich alle erforderlichen Voraussetzungen erfüllte (meine Wanderstiefel habe ich zehn Stunden im Flugzeug transportiert. Sie nahmen die Hälfte meines Koffers ein, und es wäre also schade, sie nicht zu benutzen), und so erklomm ich den Gipfel. Es war eine Wanderung “leicht bis etwas schwer” – auf jeden Fall war “Hilfe der Hände notwendig für den weiteren Fortschritt”.

Aber ich habe in meinem Leben bereits schlimmere Berge bestiegen. Die Belohnung war eine erstaunliche Panoramaaussicht vom Berg über das Land bis zum Meer und zu dem den Insel umgebenden Korallenriff – einfach wie ein Traum, aus dem man nicht aufwachen möchte. Ich wollte von dort nicht weggehen, es war einer der schönsten Bergaufstiege in meinem Leben – vielleicht sogar der allerschönste. Aber meine Flasche mit 1,5 Litern Wasser war knapp bemessen. Bei Temperaturen bis zu dreißig Grad und einer Luftfeuchtigkeit von über neunzig Prozent schwinden die Kräfte schneller als in den Alpen, man schwitzt viel und der Wasserbedarf ist groß. Gott sei Dank breitete sich über meinem Kopf gnädig eine riesige Wolke aus, die die Sonnenhitze dämpfte. Also wenn man nach Mauritius reist, sollte man die Wanderschuhe nicht vergessen. Der Aufstieg, so anstrengend er auch sein mag, lohnt sich auf jeden Fall.

Und – bevor ich es vergesse, ich habe versprochen, noch die romantische Geschichte über das mauritische „Romeo und Julia Paar“ zu erzählen, nämlich in der örtlichen Ausführung über Paul und Virginie. Dieses Versprechen werde ich natürlich einhalten. Die Geschichte erzählt von einer unerfüllten Liebe des armen Jungen Paul und Virginie, des Mädchens aus einer reichen Familie. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit, und ihre Kindheitsfreundschaft entwickelte sich zu einer leidenschaftlichen Liebe. Virginies Eltern erschraken jedoch, weil sie für ihre Tochter einen anderen Bräutigam im Sinn hatten als den armen Paul. Sie schickten also ihre Tochter zum Studium nach England und hofften, dass die Jugend darüber hinwegkommen würde. Aber das geschah nicht. Virginie konnte es in England ohne Paul nicht aushalten (vielleicht spielte auch das Wetter eine Rolle, das man wirklich nicht mit dem sonnigen Mauritius vergleichen kann), sie schiffte sich heimlich auf das Schiff namens „Saint Géran“ ein und begab sich damit auf den Weg zu Paul nach Hause. Aber einige Kilometer von der Küste entfernt zerschellte das Schiff, als es auf das Korallenriff fuhr, brach in zwei Hälften und die Besatzung sowie die Passagiere ertranken. Nur neun Menschen überlebten, darunter war nicht Victoria. Paul fand nur ihren Leichnam, und kurz darauf starb er selbst – an einem gebrochenen Herzen.

Paul und Virginia

Diese Geschichte hat sich Mauritius bereits angeeignet und ist Teil seiner Kultur. Das Denkmal von Paul und Virginie findet man in Curepipe und in Port Louis. Die zwei liebenden waren auch im botanischen Garten in Pamplemousses, dort blieb nur der Sockel von ihnen übrig, die Statuen sind jetzt in der Kirche. Hotels und Restaurants tragen ihre Namen, und in der Stadt Tamarin ist sogar die Grundschule nach ihnen benannt.

Die ganze Geschichte hat nur einen Haken: Sie ist nie passiert. Auf dem Schiff Saint Géran mit einem Verdrängungsgewicht von 600 Tonnen, das am 24. März 1744 tatsächlich vor der Nordküste der Insel versank, kamen zwar drei Mädchen ums Leben, aber keines von ihnen hieß Virginie. Die Passagierlisten sind erhalten geblieben. Die neunzehnjährige Marie Anne Mallet, die sechzehnjährige Louise Augustine Callou und die zwölfjährige Jeanne Heléne Neiznein sind gestorben. Aber im Jahr 1768 kam der Schriftsteller Jaques-Henri Bernardin de Saint Pierre auf Mauritius an, und als er von der Schiffstragödie erfuhr, küsste ihn die Muse. Er verfasste also einen Roman über die Tragödie zweier jugendlicher Verliebter, und das im Jahr 1788 veröffentlichte Buch wurde zum Bestseller und anschließend ein integraler Bestandteil der mauritischen Kultur. Wenn interessiert schon, ob Paul und Virginie wirklich gelebt haben?

Glaubt vielleicht jemand wirklich, dass Julia Capulet sich tatsächlich in Romeo Montague verliebt hat?

Mauritius I

Die Insel ist für den Winterurlaub wie geschaffen – auf Mauritius ist nämlich während unserer Winterzeit Sommer. Bitte versuchen Sie nicht, wie meine Frau, im November auf Mauritius warme Winterkleider für die Enkelinnen zu kaufen. Ihre Bemühungen wurden nur mit ungläubigem Kopfschütteln belohnt, auch wenn wir in Port Louis ein etwa zweijähriges Kind mit einer warmen Mütze gesehen haben. Der ideale Beginn des Sommers ist also im November (dortiger Mai), denn mögliche Zyklone treten erst auf, wenn der Indische Ozean Temperaturen über 26 Grad erreicht, was normalerweise erst gegen Ende Dezember der Fall ist. Aber selbst von einem Zyklon wird man nicht am Strand überrascht, denn auf Mauritius gibt es ein sehr gutes Frühwarnsystem. Allerdings ist es auch nicht der ideale Urlaub, wenn draußen ein Sturm wütet und man einige Tage im Hotel verbringen müsste. Also am besten im November oder Anfang Dezember hinfliegen.

Mauritius ist von einem Korallenriff umgeben, was gleich mehrere Vorteile hat. Erstens gelangen Haie nicht durch das Riff, was den Badegästen ein Sicherheitsgefühl gibt. Es erreichen auch keine Wellen das Ufer, weil das Riff wie ein zuverlässiger Wellenbrecher wirkt. Das ist wiederum ideal für meine Frau, die gerne badet. Sie nennt das „člupkanie“, was schwer ins Deutsch zu übersetzen ist. Man könnte das als Genießen des Aufenthaltes im warmen Wasser beschreiben, vom Schwimmen ist diese Tätigkeit allerdings sehr weit entfernt. Und schließlich ist es eine ideale Situation für Touristen, die gerne tauchen. In jedem Hotel gibt es eine Tauchschule, und Boote bringen begeisterte Taucher zum besagten Korallenriff, damit sie sich erfreuen können. Übrigens ist das Wasser zwischen dem Ufer und dem Riff am Nachmittag bei Ebbe so flach, dass man fast bis zum Riff auf dem Meeresboden gehen kann. Es wird jedoch empfohlen, Badeschuhe zu tragen, da es am Boden Seeigel gibt und auch die harten Korallen sind nicht gerade angenehm zu betreten. Es ist auch ziemlich sinnlos, Muscheln am Strand zu suchen, denn dort gibt es keine, höchstens Bruchstücke von Korallen. Die Muscheln oder Korallen dürfen übrigens nicht von Mauritius ausgeführt werden, auch wenn man sie im Laden gekauft hat und dies beim Zoll nachweisen kann. Selbst dann werden die Muscheln oder Korallen beschlagnahmt, und man erhält auch noch eine saftige Strafe.

Etwas schlechter als Schwimmer haben es Surfer, aber auch sie finden Destinationen, wo sie auf Wellen stoßen. Das ist in der Nähe der Stadt Tomatin an der Westküste der Fall, wo der Black River ins Meer mündet. Das hat anscheinend zur Folge, dass das Riff hier unterbrochen ist und somit Wellen entstehen, die angeblich für den Spaß der Surfer ausreichen. Es gibt auch einen Campingplatz, aber der Strand selbst lädt nicht gerade zum Baden ein. Zumindest mich hat er nicht gelockt.

Der Strand von Tamarin

Was sollen aber Besucher auf Mauritius tun, die auch andere Interessen als das Baden im warmen Wasser des Indischen Ozeans haben? Also Menschen wie mich! Überraschenderweise finden auch sie genügend Aktivitäten, sie müssen nicht einmal auf einem der sieben Golfplätze spielen, die auf der Insel ganzjährig im Beitrieb sind. Ich habe jedoch genug Golfer gesehen. Die Problematischen, die alle Schläger mitgebracht haben und dann auf eine besondere Behandlung bestanden, sowie auch die Problemlosen, die sich einfach die Ausrüstung vor Ort ausleihen. Ich denke, die zweite Variante ist einfacher, zumindest hat mir das eine Kollegin aus Kärnten gesagt, die neben mir im Flugzeug saß.

Die Insel hat grundsätzlich zwei Hauptstädte. Die offizielle Hauptstadt ist Port Louis, aber das ist nur die Metropole für die arbeitende Klasse. Die Stadt selbst hat 150.000 Einwohner, weitere 200.000 pendeln hierher täglich zur Arbeit. Dies führt jeden Morgen zu unglaublichem Verkehrsstau auf den Zufahrtsstraßen (und nachmittags auf den Ausfahrtsstraßen). Die Mauritier gehen zwar mit der Zeit ziemlich nachsichtig um, aber das alltägliches Verkehrschaos ist oft sogar für ihre belastbaren Nerven zu viel. Reiche Leute wohnen daher lieber in Curepipe. Die Stadt liegt etwas abseits von der Küste, auf einem Hügel um einen erloschenen Vulkan. Dort befinden sich Luxusvillen, Residenzen und die meisten Botschaften, vor allem die französische und die britische, um nur die beiden wichtigsten zu nennen. Damit diese Privilegierten nicht mit dem Auto nach Port Louis fahren müssen, wurde in den letzten drei Jahren eine Verbindung mit einem Schnellzug zwischen diesen Städten geschaffen. Die Einheimischen nennen es stolz “Metro”, obwohl es nirgendwo unterirdisch fährt. In Port Louis hat es Haltestellen am Hafen an der sogenannten “Watterfront”, dem modernsten Teil der Stadt, der durch zwei Unterführungen mit der “Harbourfront” verbunden ist, wo sich Banken und die wichtigsten Unternehmen und Behörden in Hochhäusern befinden.

Port Luis Watterfront

Damit ist also für den Komfort der Wohlhabenden gesorgt, die einfache Bevölkerung kämpft täglich auf den überfüllten Autobahnen am Stadteingang.

Die Einheimischen behaupten, dass dieser Schnellzug in Zukunft die ganze Insel verbinden soll, aber in Curepipe scheint der Bau irgendwie ins Stocken geraten zu sein. Vielleicht fehlt das Geld oder die Motivation. Oder beides. Obwohl die Insel nicht groß ist, erfordern Transporte eine gewisse Zeit und die damit verbundene Geduld. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit beträgt etwa 30 Kilometer pro Stunde, sodass man bei der Fahrt vom Flughafen nach Port Louis, das etwa 45 Kilometer entfernt ist, mit anderthalb Stunden rechnen muss. Auch Taxifahrer halten sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit, da Strafen für Geschwindigkeitsüberschreitungen vor Ort ziemlich drakonisch sind. Sie beginnen bei 2000 Rupien, das ist 40 Euro, was bei einem durchschnittlichen Gehalt von 18.000 Rupien ziemlich viel ist. Und es gibt keine Toleranz, es muss also auch für eine Überschreitung der Geschwindigkeit um nur einen einzigen Kilometer gezahlt werden.

In Curepipe wird Touristen der erloschene Vulkankrater gezeigt, der sich auf einem Hügel unterhalb der Wetterstation befindet.

Es ist ein frequentierter Treffpunkt aller von Reisebüros organisierten Ausflügen. Zum Pflichtprogramm gehört auch der Besuch der Manufaktur für Erzeugung der Schiffsmodelle. Die Modelle werden hier von Hand hergestellt, und man wird durch die Werkstatt geführt, um dazu verleitet zu werden, zumindest eines der Modelle zu kaufen. Neben Titanic oder Victory gibt es auch Black Bird aus den „Pirates of the Caribbean“. Außerdem wird man wahrscheinlich nicht um den Besuch des Betriebes für Weinerzeugung „Takamaka“ herumkommen. Auf Mauritius kann nämlich keine Weinrebe angebaut werden, der heimische Wein wird also aus Trauben aus Südafrika hergestellt – und ist entsprechend teuer. Daher suchte der Unternehmer Alexander nach Früchten, aus denen er Wein machen könnte, und stieß auf Litschi. Der Wein reift hier drei bis sechs Monate, für einen verwöhnten Österreicher wie mich, der trockenen Wein liebt, war das jedoch nichts, was ich bereit war zu kaufen, es war für mich zu süß und ich fühlte mich von Sodbrennen gefährdet. Allerdings die mit uns reisenden Deutschen, die liebliche Weine mögen, kauften den Wein in großen Mengen ein.

Nach Port Louis können Sie auch mit dem Bus gelangen. Die Busverbindung ist gut und günstig. Für zwei Personen von Flic en Flac nach Port Louis zahlten wir 88 Rupien, also ein Euro und vierzig Cent. Für beide Personen zusammen wohlbemerkt! Im Bus sieht man auch das, was für Mauritius typisch ist – eine Überbeschäftigung. Neben dem Fahrer gab es auch einen Schaffner, der Ihnen Tickets verkaufte, aber dann stieg auch eine Kontrolleurin ein, die unsere Tickets überprüfte und durchbohrte. Was ich jedoch leider nicht verstanden habe, war das Busbahnhofsystem in Port Louis. Es gibt zwei Busbahnhöfe, den nördlichen und den südlichen. Da wir aus dem Süden kamen, nahm ich natürlich an, dass der Bus uns am südlichen Bahnhof absetzen würde. Aber weit verfehlt, er brachte uns zum nördlichen. Dann war allerdings die Sucherei nach einer passenden Rückfahrtverbindung zu unserem Wohnort für einen Fremden wie mich nicht gerade einfach. Ich habe lieber aufgegeben und bin zurück mit dem Taxi gefahren.

Dennoch gibt es in der Nähe des nördlichen Busbahnhofs den zentralen Markt, der definitiv einen Besuch wert ist. Obst und Gemüse aller Art, Fisch und in einem anderen Teil dann Kleidung und alles, woran man gar nicht denken würde. Ich habe herausgefunden, dass Litschi einen gewissen Kultwert unter den Früchten der Insel hat.

Natürlich ist es gut und süß, ebenso wie die Marmelade, die daraus hergestellt wird. Das Obst wird in ganzen Büscheln verkauft, ist aber für die Einheimischen ziemlich teuer. Litschibäume sind leicht zu erkennen, sie sind nämlich mit Netzen gegen Insekten und Vögel bedeckt. Das süße Obst lockt sie nämlich an, und sie würden es auffressen. So kommen sie nicht heran. Weil der mauritische Taxifahrer “Bird” wie “Bat” aussprach, hatte ich ein kleines Problem zu verstehen, gegen wen die Menschen diese Früchte schützen. In normalem Englisch wird so schließlich eine Fledermaus genannt.

Nicht weit vom Markt entfernt liegt das chinesische Viertel, die Chinesen machen etwa 3 Prozent der Bevölkerung aus. Erstaunlicherweise befindet sich ausgerechnet im chinesischen Viertel die größte Moschee der Stadt, Jummah. Warum gerade dort, weiß ich nicht. In der Stadt gibt es auch ein Naturkundemuseum, in dem das Skelett des legendären Dodos zu sehen ist, die Kirche St. Louis mit der Statue des heiligen König Ludwig IX. von Frankreich – eines leidenschaftlichen Sammlers von Reliquien, die in Paris in der Saint Chapel aufbewahrt werden – im Park vor der Kirche und Fort Adelaide. Diese Festung wurde von den Engländern erbaut, nachdem sie Mauritius erobert hatten, um es gegen eine erneute Übernahme durch die Franzosen oder andere Angreifer zu sichern.

Fort Adelaide

Die Festung erhielt den Namen der Frau von König William IV. (dieser Monarch schaffte 1834 die Sklaverei in seinen Kolonien ab und verursachte somit gewaltige Probleme den örtlichen französischen Bauern), wird jedoch im Allgemeinen als “Citadelle” bezeichnet. Da jedoch später niemand mehr daran dachte, Mauritius zu erobern, blieb die Festung nutzlos. Na ja, nicht ganz. Von dort aus bietet sich nämlich ein schöner Blick auf die Stadt, sodass sich der Aufstieg lohnt. Eine Aussichtsplattform hätte allerdings gereicht. Von dort aus ist auch die riesige Rennstrecke “Marsfeld” sichtbar, auf der von März bis November Pferderennen stattfinden.

Die Hauptattraktionen der Stadt befinden sich jedoch in der Waterfront. Zum einen gibt es seit 2021 das „Odysseo-Aquarium“. Jede große Hafenstadt der Welt muss doch ein Aquarium haben und Mauritius hält Schritt mit dem Trend. In zwei Millionen Litern Wasser in 45 Aquarien auf einer Fläche von 5500 m2 kann der Besucher 200 Arten des Indischen Ozeans sehen. Es gibt hier auch Haie, die sich aufgrund des Korallenriffs sonst Mauritius nicht nähern können.

Odysseo

Als Erinnerung an problematische Zeiten in der Geschichte der Insel gibt es in diesem Stadtteil das Sklaverei-Museum im alten Militärkrankenhaus und gleich daneben „Aapravasi Ghat“, das ein Aufnahmezentrum für Arbeiter aus Indien war. Hier mussten sie sich registrieren lassen, und hier wurden ihnen die entsprechenden Dokumente ausgestellt. Das Gebäude diente auch als Quarantänestation, die alle Ankommenden für 48 Stunden durchlaufen mussten, bevor sie zu ihren Arbeitsplätzen auf den Plantagen gebracht wurden. Die Kapazität der Einrichtung betrug 600 Personen, oft waren dort aber mehr als tausend Menschen untergebracht. Die Briten brachten insgesamt 420.000 Menschen von Indien auf die Insel, deshalb bilden heutzutage die Hindus und Muslime aus dem heutigen Pakistan und Bangladesch die Mehrheit der Bevölkerung. Zwischen den modernen Gebäuden der Waterfront befindet sich im Hauptpostgebäude von 1868 das Postmuseum sowie das „Museum der Blauen Mauritius“. Letzteres erhielt das Privileg, ein eigenes Museum zu bekommen. Dank dieser Briefmarke trat Mauritius ins Bewusstsein der Bewohner unseres Planeten. In diesem Museum findet der Geschichtsliebhaber neben der Geschichte der postalischen Beziehungen der abgelegenen Insel zur umgebenden Welt und der Geschichte der Entstehung dieser berühmten Marke auch eine sehr interessante Beschreibung der Geschichte der Insel sowie die Namen der wichtigsten Persönlichkeiten, die mit der Geschichte der Insel verbunden sind. Mauritius, die Blaue und die Rote, sind natürlich auch hier, aber sie werden nur zehn Minuten pro Stunde beleuchtet – angeblich, damit sie nicht durch die Wirkung des Lichtes verblassen.

Im Gebäude des Museums befindet sich auch eine Dauerausstellung, die der romantischsten Inselgeschichte von Paul und Virginie gewidmet ist. Mit dieser Geschichte möchte ich jedoch den Besuch der Insel beenden und bitte daher den Leser um etwas Geduld.

Die Straße „Queen Elizabeth“ führt durch das Zentrum der Stadt auf der einen Seite und die Bisoondyal-Straße auf der anderen Seite des kleinen Parks, wo Statuen bedeutender Persönlichkeiten von Mauritius stehen. Gleich am Hafen gibt es die Statue des wichtigsten Gouverneurs der Insel Mahé de Labourbonais.

Mahé de Labournais

Die Straße endet am ehemaligen Sitz des britischen Gouverneurs, wo heute die Inselregierung ihren Sitz hat. Vor dem Gebäude steht jedoch immer noch die Statue von Königin Victoria und direkt gegenüber dann die Statue von William Newton, einem bedeutenden lokalen Politiker aus der britischen Kolonialzeit. Neben ihnen gibt es vom Hafen bis zu diesem Regierungsgebäude zahlreiche weitere Statuen bedeutender mauritischer Politiker. Alle sehen in ihren Anzügen irgendwie gleich aus, halten meist freundlich ihre Hände vor sich zu ihrem Volk ausgestreckt, es sei denn, sie halten über dem Kopf ein Verfassungsbuch.

Königin Victoria

Ich glaube, es reicht für heute, in zwei Wochen kehren wir auf die Insel noch einmal zurück.