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Litauen II

In dem ehemaligen Bischofspalast in Vilnjus residiert der litauische Präsident, seit dem Jahr 2019 ist es Gitanas Nauséda. Im Jahr 2013, als wir die Stadt besucht haben, war Dalia Grybauskaite im Amt und sie genoss bei der Bevölkerung große Beliebtheit und das Vertrauen. Die Methode, das zu erreichen, war ziemlich einfach. Sie hat sich nicht bereichert, sie hat nicht getrunken (Litauen hat den größten Alkoholkonsum europaweit und schlägt dabei auch solche Favoriten, wie Tschechien oder Österreich) und sie sagte immer die Wahrheit. Also ein einzigartiges Phänomen in der Politik, vielleicht deshalb durfte sie nicht mehr eine Kommissarin in Brüssel sein. Übrigens Litauen hat für seine 3,4 Millionen Einwohner 161!!! Abgeordnete. Dagegen konnte nicht einmal die populäre Präsidentin etwas tun.

               Der litauische heilige Kazimir war eigentlich ein polnischer Prinz, ein Sohn des Königs Kazimir IV. und seiner Gattin Elisabeth, der Enkelin des Kaisers Sigismund, älterer Schwester des ungarischen und tschechischen Königs und österreichischen Herzogs Ladislaus Postumus. In die litauische Geschichte trat sie unter dem Namen Elisabeth von Habsburg ein, da sie eine Tochter des deutschen Königs Albrecht II. war. Sie gebar ihrem Mann insgesamt zehn Kinder. Kazimir war der jüngere Bruder des tschechischen und ungarischen Königs Vladislav I. Jagiello und nachdem sein älterer Bruder die Königskrone von Tschechien und Ungarn angenommen hatte, hatte Kazimir eigentlich den Anspruch auf die polnische Krone. In seiner Jugend entsandte ihn sein Vater nach Ungarn, um dort Mathias Corvinus zu pazifizieren. Er bezog von den Ungaren furchtbare Prügel und verlor jedes Interesse an Regierungsgeschäften. Im Jahr 1483 im Alter von 25 Jahren übernahm er zwar auf Anweisung seines Vaters die Verwaltung von Litauen und übersiedelte nach Vilnjus, ein Jahr später starb er aber hier in Folge seines asketischen Lebens an Tuberkulose. Weil er keine Machtgelüste hatte und sich durch die Fürsorge für die Armen und durch Taten der Barmherzigkeit berühmt machte, wurde er im Jahr 1602 heiliggesprochen. Es wird erzählt, dass als bei der Gelegenheit seiner Heiligsprechung sein Sarg eröffnet wurde, sein Leichnam unversehrt gefunden wurde (das machen angeblich die Mykobakterien, also die Verursacher der Tuberkulose sehr gerne – sie verteidigen ihren Lebensraum, also den Leichnam ihres Opfers, sehr konsequent und die üblichen Fäulnisbakterien können sich in den Leichnam einfach nicht durchkämpfen).

               Natürlich gibt es in Vilnjus auch die Kathedrale des Heiligen Kazimirs (obwohl er selbst in der Kathedrale des heiligen Stanislaus bestattet ist). Es ist eine monumentale Barockkirche mit einer fürstlichen Krone auf der Turmspitze (weil Kazimir ein litauischer Fürst war). In der Kirche wurde von den Sowjets – absolut pervers – ein Museum des Atheismus errichtet. Also in der Kirche, die dem örtlichen Heiligen gewidmet wurde, mussten die Lehrer in den Pflichtstunden der Atheismuslehre erklären, dass es keinen Gott gibt. Es half nicht einmal das. Die Litauer blieben trotz allen sowjetischen Bemühungen katholisch und sie sind es bis heute. Die Sowjets fühlten sich angesichts ihrer einzigen Republik der Sowjetunion, die so hartnäckig auf ihrer Religion beharrte, ziemlich machtlos. Letztendlich erlaubten sie in Kaunas das einzige katholische Seminar für die Ausbildung katholischer Priester in dem gesamten Imperium zu gründen und die Litauer durften auf dem Hauptplatz von Kaunas sogar die Statue ihres nationaler Weckers Maironis errichten. Das Problem gab es in der Tatsache, dass Maironis (mit eigenem Namen Jonas Mačiulis) ein katholischer Priester war und demzufolge zu seiner Kleidung automatisch ein Kreuz um den Hals gehörte. Nach langen Verhandlungen wurde ein Kompromiss beschlossen (in Litauen mussten sogar die Kommunisten Kompromisse beschließen). Maironis durfte in einem Priestergewand dargestellt werden (er trug ohnehin niemals etwas anderes), er hält aber seine Hand nachdenklich unter dem Kinn und so ist sein Kreuz verdeckt.

               Nicht einmal die Schwarze Madonna aus dem 16.Jahrhundert, die sich über dem „Tor der Morgendämmerung“ in Vilnjus befindet, trauten sich die Kommunisten zu vernichten oder sie zumindest wegzubringen – es handelt sich doch um die Stadtbeschützerin und man konnte nicht wissen, was nach der Entfernung der Staue mit dem passieren hätte können, der den Befehl zu Vernichtung der Statue gegeben hatte. Obwohl nicht einmal die Madonna der Stadt Vilnjus wirklich half. Im Jahr 1795 bemächtigten sich die Russen der Stadt, im Jahr 1915 die Deutschen, im Jahr 1920 die Polen und wenn Vilnjus im Jahr 1939 endlich litauisch wurde, ging ganz Litauen im Jahr 1940 – absolut unfreiwillig – in den Bund der brüderlichen sowjetischen Republiken. Trotzdem strömen zur Madonna tausende Pilgern, um hier zu beten. Der berühmteste von ihnen war – ihr könnt nur einmal raten – natürlich Johann Paulus II. Seine Gedenktafel gibt es an vielen Stellen. Karol Wojtyla waren die Litauer bereit sogar die Tatsache, dass er ein Pole war, zu verzeihen. Hauptsache, er hat geholfen sie von den Kommunisten zu befreien.

               Kaunas rühmt sich mit einer Brücke, die 12 Jahre lang die längste Brücke der Welt war. Es dauerte nämlich beinahe zwei Wochen, um sie zu überqueren. Die Erklärung ist einfach. Der Fluss Nemen bildete nach der dritten Teilung Polens im Jahr 1796 die Grenze zwischen Russland, wo der julianische Kalender galt, und Preußen mit dem gregorianischen Kalender. Nach dem Wiener Kongress rückten die Russen weiter nach Westen und die Brücke verkürzte sich auf die normale Länge.

In Kaunas erinnert man sich auch an ein historisches Ereignis, das entscheidend die Weltgeschichte ändern sollte. Im Jahr 1812 überschritt gerade hier Napoleon mit seiner „Grand armee“ die russische Grenze. In diesem Moment, als er den Boden des Russischen Imperiums betrat, lief aus dem Busch ein Hase heraus. Das Pferd des Kaisers scheute und Napoleon stürzte zum Boden. Dies wurde allgemein für ein schlechtes Zeichen gehalten, wie dann der Napoleon Feldzug nach Russland ausgegangen ist, wissen wir alle. Die Bürger von Kaunas entschieden sich dieses historische Ereignis mit einem Denkmal zu verewigen. Sie errichteten aber keine Statue von Napoleon, der sie in ihren Hoffnungen, sie von den Russen zu befreien und auch durch französische Bemühungen, ihnen den katholischen Glauben aus den Köpfen zu schlagen, enttäuschte, sondern eine Statue des Hasen.

            Die Altstadt von Vilnjus ist verhältnismäßig klein und kann sich keinesfalls mit Riga messen- ihrer Größe entsprechen aber auch die Preise, also man kann hier für vernünftige Preise essen und trinken und das abendliche Vilnjus hat auch sein Zauber. Das litauische Bier heißt Švyturis und ist ziemlich trinkbar. Litauen war bei unserer Reise preismäßig von allen baltischen Staaten am annehmbarsten. Zur Eurozone trat Litauen im Jahr 2015, also zwei Jahre nach unserem Besuch. Ob sich dann in den Preisen etwas geändert hat, weiß ich nicht.

            Wie ich schon schrieb, Litauen ist nicht nur Vilnjus. Es gibt auch Klajpeda. Im Vergleich zu großzügig renoviertem Vilnjus ist die Stadt ein bisschen vernachlässigt und dadurch frustriert, so ist es aber einfach überall in der Welt. Das Geld strömt in die Hauptstadt und zögert dann, sie zu verlassen. Trotzdem sollte Klajpeda die reichste Stadt Litauens sein, es ist ein großer Handelshafen an der Mündung des Flusses Nemen, des größten litauischen Flusses. Auch Klajpeda (auf Deutsch Memel, nach dem Fluss, der auf Deutsch auch Memel heißt) hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Bis zum Jahr 1920 war Memel der nördlichste Hafen Deutschlands. Danach wurde es von Deutschland getrennt und von Franzosen verwaltet und später von Litauern besetzt. Gleich nach der Besetzung Tschechiens im März 1939 verlangte Hitler die Rückgabe der Stadt an Deutschland, was Litauen im April 1939 auch tat. Hitler zog in Memel ein und sprach zur versammelten begeisterten Bevölkerung vom Balkon des Theaters. (Beinahe 100% der Bevölkerung waren damals Deutsche).  Alle standen mit dem Gesicht zu Hitler gewendet und jubelten, nur eine Person stand mit dem Rücken zu ihm und jubelte nicht. Es war die Statue von Ännchen von Tharau, des Mädchens, über das einmal der preußische Dichter Simon Dach Liebesgedichten schrieb.

            Er schrieb sie eigentlich im Auftrag von einem gewissen Johann von Klinsporn, aber auch auf diese Weise hatte der verliebte Johann bei dem Mädchen keinen Erfolg. Aber obwohl ihm das Gedicht „Ännchen von Tharau“ keinen ersehnten Erfolg in der Liebe brachte, das Gedicht wurde vertont und ist bis heute das berühmteste Volkslied in der Region von Preußen und Nordlitauen. Aus diesem Grund verdiente sich Ännchen ihre Statue vor dem Theater von Klajpeda und brachte das Blut des großen Adolf vor Zorn zum Glühen. Hitler bestand danach auf der Entfernung der Statue, diese musste verschwinden und nach ihr auch ganz Memel. Nach der Einnahme der Stadt von der Roten Armee, wurden die Deutschen vertrieben (an dieses Ereignis erinnert ein rührendes Denkmal vor dem Bahnhof von Klajpeda) und danach wurde die Stadt zu einer geschlossenen sowjetischen Militärzone. Mit dieser Erbschaft kämpft sie bis heute. Zwischen neuen modernen Häusern sieht man immer noch furchtbare Betonwohnhäuser aus den kommunistischen Zeiten. Der Hafen wurde zwar modern ausgebaut, in seiner Nähe stand aber eine große zerfallende Kaserne. Klajpeda ist die jüngste Stadt Litauens – was die Zusammensetzung der Bevölkerung betrifft. Es zieht junge Leute an, die auf eine Karriere hoffen und trauen sich hier das Geld zu verdienen. Wie weit sie erfolgreich sind, das weiß ich nicht, aber mindestens die schönsten Mädchen in der gesamten Region Baltikum waren nicht in Lettland, wie ich es erwartete, sondern in Litauen, konkret in Klajpeda. Die Stadt selbst ist also nicht schön, aber neben der sehr hübschen Bedienung in den Bars und Restaurants gibt es hier auch schöne Natur – nämlich das Kurische Haff, das die große Süßwasserbucht der Mündung von Nemen von dem Baltischen Meer trennt. Der Zauber der Sanddunen, der malerischen Fischdörfer und Städtchen lockte einmal auch Thomas Mann, der hier im Jahr 1930 für 99 Jahre ein Haus gemietet hat. Er verbrachte hier aber lediglich drei Jahre, danach hatte er von den ständigen nazistischen Provokationen genug und emigrierte nach Amerika.

            Das Kurische Haff teilten sich die Litauer mit den Russen (beinahe) halb halb. Zu meinem Erstaunen bekamen die Litauer vier Kilometer mehr, weil sonst die Grenze direkt durch die Hauptplatz des größten Städtchens in dem Naturreservat namens Nida laufen würde. Es ist eine schöne Kleinstadt, mit einem guten Kaffee und litauischen Liquoren (ich sah hier sogar das estnische Vanna Tallinn), zum Baden ist aber das Meer nicht wirklich einladend – höchsten in einem Neoprenanzug. Die Liquoren sind nämlich eine Abwehr gegen die Kälte und es ist hier kalt – deshalb wahrscheinlich auch der bereits erwähnte höchste Alkoholkonsum pro Kopf in Europa.  In der Nähe von Nida gibt es eine riesige Sonnenuhr (sicherlich eine interessante Idee, eine Sonnenuhr in einem Land zu errichten, in dem es kaum Sonnenschein gibt) die ein Symbol der heidnischen Vergangenheit Litauens, auf die Litauer stolz sind, ist . In der Ferne im Wald kann man die russische Grenze mit Grenztürmen und Maschinengewehren sehen. Es ist eine dunkle Bedrohung, die Litauen nie loswerden konnte.

            Litauen hat also nicht gerade wenig Probleme mit seiner eigenen Identität. Es ist stolz auf sein Heidentum, aber bigott katholisch. Hunderte Jahre in gemeinsamen Staat mit Polen, jetzt aber den großen Bruder eher hassend und mit Versuchen, die gemeinsame Geschichte zu vergessen oder zumindest zu bagatellisieren. Hassend die Russen für die lange Unterdrückung aber an Russland wirtschaftlich festgebunden und von ihm abhängig. Stolz zeigend seine ehemalige Größe, die einmal von Moskau bis zum Schwarzen Meer reichte aber bewusst des derzeitigen bescheidenen Ausmaßes seines Landes.

            Vielleicht deshalb entstand in Vilnjus die „Unabhängige Republik Užupio“, gegründet von einem Haufen der litauischen Intellektuellen in einer Kneipe namens „Užupio Kaviné“ am Ufer des Flüsschens Vilnia. Als wir dort waren, war dort absolut nichts los. Es half nicht einmal, dass der Patron der Republik Franz Zappa ist und ihre Botschafter zahlreiche bedeutsame Persönlichkeiten, wie zum Beispiel der Dalajlama. Mit Christiania in Kopenhagen kann Užupio nicht verglichen werden und sie strebt auch nicht danach. Die Verfassung der Republik ist aber interessant durchzulesen, es hat mich besonders der Paragraf drei angesprochen.

            Dieser heißt: „Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, ist aber nicht verpflichtet es zu tun.“

Litauen I

Litauen

Im neuen Jahr lade ich euch wieder zum Reisen ein. Wir kehren bei dem ersten heurigen Stopp nach Baltikum zurück.

Estland ist grundsätzlich gleich Tallinn. Ja, es gibt hier auch andere Städte, wie die Universitätsstadt Tartu oder das an der russischen Grenze liegende Narva. Aber von 1,3 Millionen Einwohnern leben 450 000 in der Hauptstadt, also jeder dritte. Noch mehr gilt es für Lettland, hier ist Riga mehr oder weniger das ganze Lettland. 770 000 von 1,9 Million Einwohner Lettlands leben hier. Einige an der Küste liegenden Städtchen können die Dominanz der Hauptstadt nicht brechen.

               Litauen ist nicht Vilnjus und Vilnjus ist nicht Litauen. Nicht durch seine Größe (540 000 von 3,4 Million Einwohner) und auch nicht durch seine Geschichte. Obwohl diese Stadt der litauische Großfürst Geminidas im Jahr 1316 gegründet hat. Er soll zu dieser Tat laut einer Legende durch einen Traum bewegt worden sein, als er nach einer Jagd auf einem Hügel über dem Zusammenfluss der Flüsse Neris und Vilnia ausruhen wollte. Die Hauptstadt von Litauen lag in dieser Zeit unweit von hier bei der Burg Trakai.

Ob infolge dieses Traumes oder auch nicht, er wählte richtig. In sonst sehr flachem Land ist ein Hügel von der Höhe einiger dutzende Meter direkt an dem Zusammenfluss zweier Flüsse eine für den Aufbau einer Burg eine willkommene Gelegenheit. Die alte Burg von Vilnjus steht bis heute.

               Sie ist heutzutage eine Ruine, gebaut – wie es schon in Litauen, einem Land mit einem absoluten Steinmangel Brauch war – aus Backsteinen. Es gibt von hier einen wunderschönen Ausblick über die ganze Stadt und diejenigen, die zu faul oder unfähig sind, zu Fuß diesen Hügel zu erklimmen, können einen Aufzug verwenden – ein österreichischer Gruß nach weitentfernten Litauen.

               Litauen war einmal ein sehr großes Reich, sein Gebiet reichte bis nach Moskau und ans Schwarzes Meer. Das war noch in den Zeiten, als die Litauer heidnisch waren und das waren sie sehr lange – bis zum Ende des vierzehnten Jahrhunderts. Dann wurde der litauische Großfürst Wladyslaw Jagiello zum polnischen König (um die Erbin des polnischen Königtums Hedwig im Jahr 1386 heiraten zu dürfen, musste er sich taufen lassen.)  Die Litauer halten ihn eher für einen Verräter und verehren seinen Cousin Vytautas (auf Deutsch eher unter dem Namen Witold bekannt). Seine Statue findet man im Park der Wasserburg Trakai, woher er über sein Reich herrschte. Seine Sternstunde schlug am 15. Juli 1410, als die litauischen Truppen unter seiner Führung die Schlacht bei Tannenberg zugunsten des polnisch- litauischen Bündnisses über den Deutschen Ritterorden entschieden. Die Litauer zeigen stolz das berühmte Bild von Jan Matejko, wo Vytautas direkt in der Mitte des Bildes und Jagiello nur am Rande dargestellt wird. In der Burg Trakai erzählte uns die Reiseführerin über einen Versuch von Jagiello, seinen ruhmreichen Cousin zu vergiften, die Geschichte habe ich aber eher als Zeichen der Abneigung der Litauer gegen Polen abgetan. Die Zeit der Herrschaft des Wladyslaw Jagiellos läutete die Bildung eines gemeinsamen Staates mit Polen ein.  Der Großfürst Vytautas zeugte nämlich nur eine Tochter und sein Cousin, der polnische König, der ihn um vier Jahre überlebte (Vladislav Jagiello wurde 82 Jahre alt, was für seine Zeit ein unglaublich hohes Alter war, übrigens er heiratete mit 71 Jahren das vierte Mal eine 17-jährige polnische Adelige und zeugte mit ihr noch zwei Söhne) wurde nach seinem Tod zum Herrscher von Litauen. Mit Vytautas starb im Jahr 1430 also die Selbständigkeit des litauischen Staates, die nur im Jahr 1918 wiederhergestellt wurde.

               Die neue Burg in Vilnjus, also eigentlich ein Schloss, das unter dem Hügel liegt, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Das einmalige Renaissanceschloss der Großfürsten von Litauen (die zweite Gattin des polnischen Königs und litauischen Großfürsten Sigismund war italienische Prinzessin Bona Sforza, die nach Vilnjus die italienische Renaissance brachte) wurde bei dem russischen Einfall im Jahr 1655 vernichtet. Obwohl die Stadt nach einigen Jahren zurückerobert werden konnte, gab es kein Interesse, die fürstliche Residenz wieder aufzubauen. Seit der Union von Lublin aus dem Jahr 1569 war Litauen ein fester Bestandteil des polnischen Staates und der polnische König residierte in Warschau. Im Jahr 1801, nachdem Vilnjus ein Teil des russischen Imperiums geworden war, haben die Russen die Reste des Palastes endgültig entfernt. Erst im Jahr 1997 wurden bei Ausgrabungen die Grundmauer des Gebäudes entdeckt und es wurde entschieden, es zu erneuern. Der Bau wurde im Jahr 2012 vollendet und im Gebäude befinden sich ein Museum und Konzertsäle.

               Vilnjus rühmt sich mit seiner insgesamt 56 Kirchen, überwiegend katholischen, es gibt hier aber auch orthodoxe Kirchen. (Vilnjus soll angeblich die Stadt mit der größten Dichte an Kirchen pro Quadratkilometer weltweit sein, es könnte die Reaktion darauf sein, dass die Litauer sehr lange heidnisch waren und nach ihrer Christianisierung einen Bedarf hatten, der Welt ihre Rechtgläubigkeit unter Beweis zu stellen). Die orthodoxen Kirchen sind älter als die katholischen. Schon in den Zeiten, als sich die Litauer noch zum Heidentum bekannten, gab es hier ein Viertel der russischen Kaufleute, die schon damals Christen waren. Drei von diesen Kaufleuten, die hier im heidnischen Vilnjus im vierzehnten Jahrhundert tot aufgefunden wurden, werden als heilige Märtyrer in der Kathedrale der göttlichen Dreieinigkeit geehrt. Diese Kirche ist besuchswert, sie hat eine einzigartige Ikonostase.  So eine habe ich eigentlich noch nirgends gesehen. Es dauert, bis man darauf kommt, dass es in dieser Kirche eine Ikonostase, einen nicht wegzudenkenden Teil der orthodoxen Kirchen, überhaupt gibt. Die größte Kirche in Vilnjus ist die Kirche der Heiligen Peter und Paulus, ein Bauwerk des Hochbarocks, gebaut nach Anweisung des litauischen Heerführers Michael Kazimir Pac, der sich unter der Schwelle im Eingang der Kathedrale bestatten ließ.

               Diese Kirche sollte ein Symbol der Dankbarkeit für die Befreiung der Stadt von der russischen Macht sein. Die Russen kamen aber im Jahr 1795 wieder und sie blieben. Die Kirche diente in der Zeit der russischen Okkupation als Lager, da ein Umbau zu einer orthodoxen Kirche viel zu teuer gewesen wäre. Paradox ist die Tatsache, dass gerade diese Kirche in der Zeit der sowjetischen Okkupation nach der Schließung der Kathedrale von Vilnjus für Gottesdienste geöffnet wurde, hier wurde vorübergehend auch der Sarkophag mit den leiblichen Überresten des örtlichen Heiligen – des heiligen Kazimir – bestattet. Er befindet sich heute schon wieder in einer selbständigen Kapelle in der Kathedrale, die aber nicht ihm sondern dem heiligen Stanislaus, dem Bischof von Krakau, geweiht ist. Wie man sieht, tun sich die Litauer mit ihrer Identität schwer, besonders dann in ihrer Hauptstadt. Polnisch heißt die Stadt Wilno und aus ihrer Umgebung stammte der polnische Präsident in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen Józef Pilsudski. Er ist im Wawel in Krakau begraben, er selbst aber bestimmte, dass sein Herz in Vilnjus bestattet werden sollte. Als ich aber unsere Reiseführerin gefragt habe, wo das Herz von Pilsudski begraben ist, antwortete sie lakonisch und gereizt: „Irgendwo auf dem Friedhof“ und sie mochte mich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Ich musste selbständig erfahren, dass es auf dem Friedhof im Stadtviertel Rasos ist, unweit vom Stadtzentrum. Die Litauer haben also an diesen ihren berühmten Bürger keine positiven Erinnerungen, und nicht nur weil er ein Pole war (wie nach dem ersten Weltkrieg auch ein Großteil der Bevölkerung von Vilnjus). Obwohl Vilnjus im Jahr 1920 Litauen zugesprochen wurde, ließ Pilsudski die Stadt besetzen und stellte die Weltmächte vor vollendete Tatsache. Weil er gerade durch den Sieg über die Rote Armee bei Warschau berühmt geworden war, übergingen die Weltmächte diese Verletzung des internationalen Rechtes mit Schweigen und Wilno blieb bis 1939 polnisch. Die Hauptstadt des neuen litauischen Staates wurde für diese Zeit Kaunas, das sich demzufolge immer noch für die litauischste Stadt und eigentlich für „eine geheime Hauptstadt der Litauischen Republik“ hält. Übrigens Kaunas wird im Jahr 2022 gemeinsam mit dem luxemburgischen Esch an der Alzette zur Kulturhauptstadt Europas.

               In Kaunas wurde auch die erste Universität in Litauen gegründet, die in Vilnjus folgte im Jahr 1569 als eine Schule der Jesuiten. Jesuiten wurden nach Vilnjus von dem örtlichen Bischof eingeladen, um zu verhindern, dass es seinen Untertanen einfallen könnte, zum Protestantismus zu konvertieren. Zur Sicherheit gründete er die Universität gleich neben seiner Residenz, um die Kontrolle über die Jesuiten zu behalten. Seine Taten zeigten Wirkung, die Gedanken von Luther hatten in Litauen keine Chance und Litauen blieb katholische bis geht nicht mehr. Der Beweis dafür ist ein einzigartiges Relikt, so genannter „Berg der Kreuze“ nah der lettischen Grenze. Eigentlich ist das kein Berg, nur so ein Hügelchen von einer Höhe von 5-6 Meter. Aber der „Berg“ selbst und seine Umgebung ist mit tausenden Kreuzen bedeckt, jeder Tourist darf dort ein Kreuz kaufen und es dann dort platzieren. Wir kauften und platzierten keines. Es regnete ohne Ende, ich rutschte auf dem nassen Fußweg zwischen den Kreuzen aus und zerriss dabei meinen Mantel. Vielleicht wäre es nicht passiert, hätte ich ein Kreuz hingebracht. Im Jahr 1993 war hier Papst Johannes Paulus II. (wen überrascht es, er war doch überall). Er gab Anlass dazu, dass auf diesem denkwürdigen Ort ein Kloster gebaut wird.

Riga II

Zur Gesellschaft der Schwarzköpfe erzählt man eine liebe Geschichte, die die Kultur in der ganzen christlichen Welt beeinflusst hat. Sie sollte im Jahr 1510 geschehen. Die Attraktion in den nördlichen unendlichen Winternächten war eine Verbrennung eines Baumes am Tag der Wintersonnenwende. An diesem Abend (man konnte bereits am Nachmittag beginnen, da sich hier die Sonne nicht lange zeigt) wurde am Ufer von Daugava ein großer Baum angezündet und dann in den Fluss geworfen. Die Schwarzköpfe haben einen Baum im Wald gefällt und in die Stadt gebracht. Als sie ihn auf die Uferpromenade brachten, begannen sie zu streiten. Manche von ihnen waren der Meinung, dass so ein schöner Baum auch eine andere Verwendung haben könnte, dass es schade ist, ihn zu vernichten. Weil die jungen Kaufleute nicht draußen in der Kälte streiten wollten, begaben sie sich in ihre Residenz, die in unmittelbarer Nähe stand und setzten dort ihren Streit bei Glühwein fort. Die Beratung zog sich in die Länge, der Glühwein war süß und gut und niemand hatte Lust wieder in die Kälte zu gehen. Inzwischen haben Kinder den Baum entdeckt und begannen ihn mit allem, was sie zur Hand hatten, zu schmücken. Mit Bändchen, Papierchen, mit Obst. Als die Herren zum Baum zurückkehrten, trauten sie ihren Augen nicht. Jetzt tat es ihnen noch mehr leid, den Baum zu verbrennen. Sie riefen den Bürgermeister und er entschied, den Baum aus den Stadtmitteln weiter zu schmücken und dann ihn vor dem Rathaus aufzurichten. So entstand angeblich die Tradition der Weihnachtsbäume mit der wir bis heute leben. Ich weiß nicht, ob diese Legende wahr ist (es gibt sicher viele andere Städte, die sich Erfindung dieser Tradition für sich beanspruchen), sollte sie aber nicht wahr sein, ist zumindest gut erfunden und damit auch wert, geglaubt zu werden.

            Gott sein Dank, passierte es noch vor dem Einmarsch der Reformation, zu der die Bürger von Riga im Jahr 1522 konvertierten. Sonst wäre das Beschmücken des Weihnachtsbaumes in Rom sicher zu einer ketzerischen Heidentradition erklärt und durch die höchste päpstliche Instanz verboten worden und demzufolge würden heute die Weihnachtsbäume nur die Protestanten schmücken.

            Die enge Beziehung zu Bremen als der Mutterstadt symbolisiert die hinter der Kirche des heiligen Petrus positionierte Statue der „Bremer Musikanten“ beinahe ident mit der, die in Bremen steht. Es ist ein Geschenk der Stadt Bremen aus dem Jahr 1993 und sollte symbolisieren, dass die deutsche Mutterstadt ihre schöne und ein bisschen extravagante Tochter im Norden nie vergessen hatte.

            Von der Stadtmauer blieb in Riga – in Gegensatz zu Tallin – nicht viel übrig. Nur Pulverturm und Schwedentor, die während ihrer hundert Jahre dauernden Herrschaft über die Stadt die Schweden bauen ließen. Gerade bei dem zweitgenannten Tor haben wir ein fantastisches Lokal mit einem nicht gerade verlockenden Namen „Garaža“, was auf Lettisch tatsächlich „Garage“ bedeutet, gefunden. Lettische, estnische aber auch die litauische Küche ist nicht wirklich einfallsreich, sie steht grundsätzlich auf Schweinfleisch, Sauerkraut und Kartoffeln. In „Garaža“ haben sie allerdings die Blutwurst wie in einem Spitzenlokal zubereitet und serviert, eine echte Haubenküche. Und das für 7.50 Euro, also für einen Preis, der in dem sonst eher teuren Riga einfach märchenhaft war. Auch das dort servierte lettische Bier war durchaus trinkbar, zwar mit viel Malz und damit süßlich, das gewöhnliche Sodbrennen bekam ich aber danach nicht. Ich hoffe nur, dass dieses Restaurant noch existiert und auch die Coronakrise überlebt hat. Es wäre schade, sollte es nicht so sein.

            Das wahre Juwel von Riga ist sein „Jugendstilviertel“. Es ist ein Stadtteil, in dem sich die reichen Bürger ihre Häuser am Ende des neunzehnten Jahrhunderts bauen ließen. Und das im Stil, den die Französen „Art nouveau“ nannten, die Österreicher, die Deutschen und die Bürger von Riga nennen es „Jugendstill“, in Tschechien zum Beispiel wird dieser Stil nach dem Gebäude am wienerischen Naschmarkt „Secession“ genannt.

            In den letzten Jahren wurden diese wunderschöne Häuser privatisiert (die Form erinnert an eine Art Kuponprivatisierung, von der allerdings russische Bürger ausgeschlossen waren) rekonstruiert und sind heute wirklich prachtvoll. Sie sind in erster Linie eine Erinnerung an den genialen Architekten Michail Osipovic Eisenstein, der seine Handschrift an der Mehrheit dieser Häuser hinterlassen hat. Michail Eisenstein verließ nach der Oktoberrevolution Riga und starb im Jahr 1920 in Berlin, sein Sohn blieb aber im kommunistischen Russland und wurde berühmter als sein Vater. Der Name des Regisseurs Sergej Eisenstein ist allgemein bekannt. Der Regisseur, der sich voll in die Dienste der Propaganda der stalinistischen Regierung gestellt hat, kreierte Filme wie „Kreuzer Potemkin“, „Oktober“ „Ivan der Schreckliche“ oder „Alexander Nevskij“. Er konnte Massenszenen frei erfinden, die nie stattgefunden haben und er machte es so überzeugend, dass heute niemand an dem Sturm der Bolschewiken auf den Winterpalast zweifelt, obwohl in Wirklichkeit hier nur eine kleine Einheit durch den Hintereingang mit Hilfe von zwei Handgranaten eingedrungen ist. Die Besucher des Marinski Theaters, wo an dem besagten Abend 7.November 1917 eine Vorstellung stattgefunden hat, haben die Revolution gar nicht bemerkt. Sie wunderten sich, warum die Polizisten auf den Straßen so komisch aussehen. Bald sollten sie sich noch viel mehr wundern. Auch die furchtbare Schlacht auf dem zugefrorenen Peipussee mit der Szene einer Attacke von tausenden gepanzerten Rittern des Deutschen Ordens, obwohl es in Wirklichkeit nur fünfzig gab, ist atemberaubend. Nicht umsonst wurde Sergej Eisenstein von Stalin persönlich ausgezeichnet, obwohl sonst Stalin und die Kommunisten allgemein die Juden nicht ausstehen konnten. In einem der Jugendstilpalästen, die sein Vater baute, hat heute die russische Botschaft in Lettland ihren Sitz – natürlich in einem der schönsten Häuser am Ufer von Daugava.

            Wer Riga besucht, darf natürlich nicht vergessen, den Markt zu besuchen, angeblich einer der größten Märkte der Welt. Ich will es glauben. Der Markt befindet sich in fünf riesigen Hallen.

Diese kaufte die Stadt im Jahr 1922, ursprünglich handelte sich um Flugzeughallen, also kann man sich die Ausmaße gut vorstellen. Der Markt ist auch überall in Freiem um die Hallen, es wird hier alles nur Denkbare verkauft, von Fleisch, Fischen (ein echter Kaviar für lediglich 200 Euro per Kilo, das aber nur wenn man das ganze Kilo kaufen würde, in kleineren Portionen kann der Preis bis zu 600 Euro per Kilo klettern), Kleider, Obst, Gemüse und Pilze. Frische, schöne, direkt aus dem Wald und das bereits Ende Juni! Ich wollte die wunderschönen Pilze fotografieren, aber die Verkäuferin vertrieb mich mit ihrem Stock. Ich flüchtete schnell genug, um nicht mit dem Stock geschlagen zu werden. Aus Frust kaufte ich eine kleine Packung des Kaviars und meine Frau hörte auf, mit mir zu sprechen. Ich stellte dabei fest, dass bei den Verkäufern in den Ständen draußen russisch herrscht, in den Hallen kann man sich mit den Verkäufern aber nur auf Englisch unterhalten. In der Halle ignorierte die Verkäuferin meinen Versuch, den Kaviar auf Russisch zu kaufen, mit einem missachtenden Schweigen (ich kann allerdings nicht ausschließen, dass es auch deshalb sein konnte, weil ich eine lächerliche Menge von 40 Gramm zu kaufen beabsichtigte) – nur dank meines Russisch konnten wir andererseits ein Kleid für unsere Enkeltochter Veronika kaufen. „Girl of age one and a half year“ sagte der Verkäuferin absolut nichts, aber auf „devočka vo vozraste odin s polovinoj goda“ reagierte sie sofort und wir haben das Kleid tatsächlich kaufen können.

            Riga hat also tatsächlich seinen Zauber, es ist multikulturell, musikalisch und schön. Es hat eine ereignisreiche Geschichte und in der Nähe gibt es den schönsten Strand in Lettland namens „Jurmala“. Wir hatten keine Zeit ihn zu besuchen, ich glaube aber nicht, dass wir dort gebadet hätten. Viel wärmer als im estnischen Parnü war das Meer hier sicher nicht. Wer aber gegen Kälte abgehärtet ist, kann hier einen schönen Urlaub erleben.

            Wenn man schon einmal dort ist, sollte man den Besuch des Schlosses Rundale nicht vergessen, den Sitz der Herzöge von Kurland südlich von Riga in Richtung Litauen.

Das Schloss ließ die Zarin Anna Iwanovna (die Nichte Peters des Großen) für ihren Liebhaber Ernst Johann Biron, den sie zum Herzog von Kurland machte, bauen. Das Schloss wird mit Versailles verglichen und das zurecht, es ist aber viel besser gepflegt als die französische Königsresidenz. (Um gerecht zu sein, seine Rekonstruktion ist eine ziemlich neue Angelegenheit und deshalb strahlt noch die Frische der neu bemalten Fassaden). Der Vergleich mit Versailles ist aber gerecht, (vielleicht noch mehr als der Vergleich Rigas mit Paris) dort sieht man, wie sich ausgezahlt hat, ein Liebhaber der russischen Zarin zu sein. Einer Herrscherin im Land, wo das Wort „Samoderžaví“, also „Alleinherrschaft“ noch ernst genommen wird. Damals wie heute.

Riga I

            Vielleicht ist daran mein Akzent schuld. Angeblich habe ich einen typischen tschechischen Akzent, egal ob in Englisch oder in Russisch (In Deutsch habe ich ihn übrigens trotz aller Bemühungen auch nicht abbauen können). Aber wenn ich in einer Bar in Riga auf Englisch bestellt habe, habe ich den richtigen Wein nur bekommen, wenn ich meinen Wunsch dem Kellner auf Russisch erklärte. Beim Einkaufen musste ich in Riga im Gegenteil schnell von Russisch zu Englisch wechseln, um zu bekommen, was ich kaufen wollte. Also weiß ich wirklich nicht, wo der Fehler lag. Während meines ganzen Aufenthaltes in Riga verfolgte mich die Unsicherheit, mit welcher Sprache ich den Verkäufer (Kellner oder die Frau an der Kassa) ansprechen sollte. Die Erklärung liegt nicht darin, dass die Letten die Russen so lieben würden, sondern darin, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung der lettischen Hauptstadt Russen sind.

            Die alte Generation reagiert noch ähnlich wie die Flamen in Brüssel – wenn die Menschen das Gefühl haben, dass der Angesprochene nicht lettisch kann, gehen sie automatisch zu Russisch über (gleich wie der Flame von Brüssel zu Französisch). Junge Letten beherrschen aber Russisch nicht mehr, sie lernen fleißig Englisch, da sie ohnehin vorhaben nach Schulschluss nach Großbritannien, Irland oder in die USA auszuwandern. Zwischen den Jahren 2008 – 2014, also nach der Wirtschaftskrise schrumpfte die Bevölkerung Lettlands von 2,4 Millionen auf 1,9 Millionen. Kein Wunder, die lettische Regierung reduzierte die Gehälter der Staatsangestellten sowie auch die – ohnehin schon bescheidenen – Pensionen um 20%, schaffte aber keinen einzigen der 100 Angeordneten oder 22 Ministerien (für knappe 2 Millionen Bewohner!) ab.

            In dem Sprachchaos wurde überhaupt vergessen, dass man in Riga ganze Jahrhunderte Deutsch sprach – es war doch eine Hansastadt, sie wurde von Bischof Albert von Bremen gegründet und jahrhundertelang vom Deutschen Ritterorden regiert. Der Bischof von Riga zählte immer zu Bischöfen der deutschen Nation und auf dem Konzil von Konstanz spielte er als ein Mitglied der deutschen Nation, Berater und enger Verbündete Kaisers Sigismunds eine wichtige Rolle. An Riga hatte immer irgendjemand ernstes Interesse, was für die Stadt nicht immer von Vorteil war. Ein langer Machtkampf zwischen dem Bischof von Riga und dem Deutschen Ritterorden wurde anscheinend durch einen Schiedsspruch des neuen deutschen Königs Rudolf von Habsburg, der dringend Verbündete für seinen Kampf mit dem tschechischen König Premysl Ottokar suchte, im Jahr 1274 zur Gunst des Ordens entschieden. Die empörten Bürger von Riga stürmten demzufolge die Burg des Ordens, der Komtur wurde mit seinen Rittern gefangengenommen und anschließend alle gemeinsam hingerichtet. Der Krieg mit der unbeugsamen Stadt dauerte bis 1330, erst in diesem Jahr gelang es den Rittern den Widerstand der Stadt zu brechen. Im Jahr 1484 unternahmen die Bürger der Stadt den nächsten Versuch, eine Unabhängigkeit zu erlangen. Den Erzbischof, der zugleich auch Mitglied des Ordens war, vertrieben sie nach der Burg Césis und es dauerte weitere sieben Jahre, bis der Orden die Bürger im Jahr 1491zu Gehorsam zwang. Im Jahr 1558 drangen in Livonia das erste Mal Russen des Zaren Ivan des Schrecklichens ein, sie verwüsteten das Land, konnten aber Riga nicht einnehmen. Riga nutzte die Kämpfe in der Region zur Unabhängigkeitserklärung und trieb in der Zeit des Livonischen Krieges seine eigene Politik. Im Jahr 1581 beschlossen aber die Bürger von Riga, dass ein Schutz eines weitentfernten Königs nicht schaden konnte. Ein Geschäft ist übrigens immer ein Geschäft und so unterwarfen sie sich dem polnischen König Stephan Bathory. Im Jahr 1605 schafften es die polnischen Soldaten, die schwedische Invasion von den Mauern der Stadt abzuwehren, im Jahr 1621 musste aber die Stadt vor dem „Löwen des Nordens“, dem schwedischen König Karl Gustaf, kapitulieren. Die schwedische Herrschaft war für die Stadt ein Segen, sie erlebte  goldene Zeiten. Die dauerten aber nicht ewig. Im Jahr 1709 standen wieder einmal die Russen vor der Mauer der Stadt. Die Stadt leistete ganze acht Monate Widerstand und verlor – ich hoffe noch immer, dass diese Angabe im historischen Stadtmuseum ein Schreibfehler war – 94% ihrer Bevölkerung. Sollte es aber kein Schreibfehler gewesen sein, ging im Jahr 1710 eine entvölkerte und verwüstete Stadt in russische Hände über. Der Besitz der Stadt wurde den Russen in dem Friedensvertrag von Nystad im Jahr 1721 bestätigt und Riga blieb bis zum Jahr 1918 russisch.

            Möglicherweise gerade wegen seiner bewegten Geschichte traf ich in Riga die beste Verkäuferin der Welt. Natürlich punktete sie schon damit, dass sie jung und hübsch, lächelnd und positive Energie ausstrahlend war. Sie sprach fließend Deutsch, Russisch, Englisch, natürlich auch Lettisch, slowakische Kunden konnte sie auf Slowakisch zumindest begrüßen und sich bei ihnen für ihren Einkauf auf Slowakisch bedanken. Als ich ein bisschen zaghaft fragte, ob sie auch Briefmarken für die Postkarten hätte (normalerweise werden die Briefmarken in Souvenirgeschäften nicht angeboten, was immer meine Bemühung, meinen Eltern Postkarten zu schicken, zu einer komplizierten Mission mutieren ließ) sagte sie, dass es selbstverständlich wäre, und sie legte mir sofort einige auf die Bank. Sie bot mir sofort auch einen Kugelschreiber an und sagte, dass ich mir mit dem Abschicken keine Sorgen machen müsste. Wenn sie von der Arbeit nach Hause gehen wird, geht sie an der Post vorbei und wird sie ins Postkästchen einwerfen. Ich schaute sie wie eine Erscheinung an. So etwas muss man in dem fernen Norden suchen! Die Postkarte kam bei meinen Eltern tatsächlich an.

            Riga wird auch „Paris des Nordens“ genannt. In meinen Augen ein bisschen übertriebener Vergleich für die lettische Metropole am Ufer des riesigen Flusses Daugava. Nördliche Ströme haben unvorstellbare Ausmaße, ein Mitteleuropäer, der an Elbe, Donau oder Moldau gewöhnt ist, schaut verzückt auf Neva oder Daugava.

Riga gewann den Ruf einer pulsierenden Stadt. Von dem Puls war ich ein bisschen enttäuscht. Um die Gefäße zum Pulsieren zu bringen, muss in ihnen Blut strömen. Das Blut in den Straßen einer Metropole ist das Geld. Und an dem mangelt es den Letten verzweifelt. Bei einem durchschnitten Einkommen 750 Euro (Stand 2015) und bei den Lebensmittelkosten, die mit den österreichischen vergleichbar sind (die Miete ist zwar billiger, aber auch nicht wirklich billig) darf man sich darüber nicht wundern. Die Touristen allein können die Stadt nicht retten (und in der Zeit von Corona schon überhaupt nicht). Besonders für die durstigen Finnen ist Tallin doch näher und sprachmäßig mehr verwandt. Trotzdem ist Riga, diese alte Hansastadt, sehr schön und besuchswert. Übrigens am späten Sommerabend, der nur um wenig dunkler als in Tallin ist, wird hier überall gefeiert. Wir sahen Lokale, wo Letten spontan ihre Nationaltanze getanzt haben (physisch ziemlich anstrengend) aber auch Bars auf dem Platz unter dem freien Himmel, wo man Chansons oder Jazz hören konnte. Eine junge Dame hat Saxofon gespielt. Es wird behauptet, dass das Spiel auf dem Saxofon jeden Mann sexy machen kann (auch der ehemalige Präsident der USA Clinton liebte das Spiel auf dem Saxofon, vielleicht hatte er deshalb auch seine Probleme), aber auch eine junge Dame, die in der Dämmerung Saxofon spielt, hat etwas an sich. Was mich aber meistens schockierte, waren die Kajaks, beleuchtet mit kleinen Lichtern, deren Besatzungen um ein Uhr nach Mitternacht auf der nächtlichen Daugava paddelten. Ich hoffe, dass die Kajakfahrer zumindest Rettungswesten anhatten. Sollten sie nämlich in dem Strom kentern und aus dem Kajak rausfallen, würden sie die Rettungsmannschaften irgendwo im Baltischen Meer herausfischen.

            Riga hat natürlich seine Altstadt mit einigen Kirchen, besonders der Dom, gegründet noch vom Bischof Albert im Jahr 1201 und die Kirche des Heiligen Petrus, sind imposant.

Imposant ist aber auch das Eintrittsgeld, das dort verlangt wird und das bereits damals zwischen 3,50 und 7 Euro betrug. Und das in protestantischen Kirchen, wo der Bildsturm im sechzehnten Jahrhundert die Kirchen ihrer Innenausstattung beraubte. Es zahlt sich aus am Mittag in den Dom zu gehen, wenn es dort ein Konzert gibt – der Eintritt kostet sowie so sieben Euro, aber es gibt dort dann für das Geld zumindest ein schönes Erlebnis. Die Musik ist in Riga so gut wie überall. Ob es sich um die Musiker in den Nachtbars handelt, aber es gibt Musik auch überall auf den Straßen. Es sind keine Bettler mit Ziehharmonika, sondern zum Beispiel drei hübsche junge Mädchen mit Blumenkränzen auf den Häuptern, die direkt vor den Häusern der Schwarzköpfe auf dem Rathausplatz spielten. Genauer gesagt, die Kränze hatten zwei von den drei Musikerinnen auf, es waren wahrscheinlich die, die in der stürmischen St Johannesnacht am 23. Juni ihre Jungfräulichkeit verloren hatten. Warum nur zwei von drei, weiß ich nicht, hübsch waren alle drei.

            Die Schwarzkopfhäuser sind unglaublich schön.

Sie wurden im Jahr 1334 von der Gilde der unverheirateten Kaufleute gebaut. Weil die jungen und reichen Männer niemanden zu Hause hatten, der ihre Geldbeutel kontrolliert hätte, konnten sie es sich leisten. Aus diesem Grund musste jedes Mitglied nach seiner Hochzeit die Gilde verlassen. Die wunderschönen Häuser erinnern an das Rathaus in Bremen (übrigens steht vor ihnen, gleich wie in Bremen vor dem Rathaus, eine Statue von Roland, des Beschützers der Stadt), sie wurden in dem zweiten Weltkrieg zerstört und das sowjetische Regime hatte kein Interesse, sie zu erneuern. Deshalb begannen die Letten mit der Rekonstruktion gleich nach der Unabhängigkeitserklärung und sie vollendeten den Wiederaufbau dieser architektonischen Juwelen im Jahr 1999. Gleich nebenan steht aber eine furchtbare Erinnerung an die Jahrzehnte der sowjetischen Herrschaft. Ein schreckliches „modernes“ Gebäude in schwarz, das von den Bürgern von Riga „Schwarzer Sarg“ genannt wird – nach dem Jahr 1991 wurde hier kreativ ein „Museum der Okkupation“ einquartiert. Wie ich schon schrieb, die Balten machen zwischen der nazistischen und kommunistischen Okkupation keinen Unterschied, beide werden in den gleichen Sack geworfen. 

Tallinn II

            Die Obere Stadt protzt mit einigen monumentalen Gebäuden. Hier gibt es den höchsten Turm der Stadtbefestigung „Der lange Hermann“ an den der ehemalige Palast der russischen Zarin Katharina II. angelegt ist, in dem heute das estnische Parlament seinen Sitz hat. Der Gegenpol zum „Langen Hermann“ ist die „Dicke Margarethe“ in der unteren Stadt, soviel also zu den estnischen Vorstellungen, wie ein echter Mann und eine echte Frau aussehen sollten. Gleich gegenüber dem Parlament steht eine monumentale orthodoxe Kathedrale des Alexanders Newski.

Die Esten hielten diese Kirche immer für einen Beweis der Bemühungen des zaristischen und später kommunistischen Regime um die Russifizierung Estlands. Es war nämlich gerade der Fürst Alexander Newski, der die Expansion der deutschen Ritter, die damals die Herren von Reval waren, in Richtung Osten in der Schlacht auf dem zugefrorenen Peipussee im Jahr 1242 aufgehalten hat. Nach der Unabhängigkeitserklärung Estlands wurden Stimmen laut, die verlangt haben, die Kathedrale abzureißen, letztendlich hat aber doch der Hausverstand gesiegt und das großartige Gebäude durfte stehen bleiben. Es ist jetzt der Zufluchtsort der in Tallinn lebenden Russen (sie machen in der Stadt 44% der Bevölkerung aus), die viel religiöser als die protestantischen Esten sind. In Estland lebenden Russen wurde lange Zeit nach der Unabhängigkeit die estnische Bürgerschaft verwehrt, nur vor dem Eintritt in die Europäische Union wurde Estland gezwungen, der russischen Minderheit die Bürgerschaft zu verleihen. Die Folge dieser Entscheidung ist, dass ein Russe, der die estnische Bürgerschaft angenommen hat, jetzt vor der russischen Botschaft lange Schlangen stehen muss, um ein Visum nach Russland zu bekommen. Ein Russe, der die Bürgerschaft abgelehnt hat, setzt sich nur einfach ins Auto und überquert irgendwo bei Narva die Staatsgrenze, ohne dabei Probleme zu haben. Bei der Einreise in die EU ist das umgekehrt.

Die evangelische Kathedrale von Tallinn – der Dom – ist überraschenderweise nicht die größte Kirche in der Stadt, die Kirche des heilige Olafs sowie auch die Kirche des heiligen Nikolaus (beide stehen allerdings in der unteren Altstadt, wo es auch Geld gab) überragen den Dom wesentlich.

Unter dem Boden des Doms sollte nach einer Legende der legendäre Urvater des finnisch-estnischen Volkes Kalev begraben sein. Die Finnen und die Esten haben einen gemeinsamen Urvater, offensichtlich hatte er aber Angst vor dem Meer und so blieb er auf dem südlichen Ufer des Finnischen Meerbusen – in Tallinn, das es damals noch nicht gab. Heute trägt seinen Namen, also Kalev, die bereits erwähnte berühmteste Konditorei in der Stadt. Unter dem Dom soll auch Heinrich Matthias Thurn begraben sein, der Anführer der tschechischen Stände im Aufstand gegen den Kaiser Ferdinand II. Er führte die Rebellen bei dem berühmten Prager Fenstersturz am 23.Mai 1618 und gab damit den Anlass zum Beginn einer der größten Tragödien in Europa – zum Dreißigjährigen Krieg. Er starb weit von seiner Heimat (Er zählte zu den Tschechen, obwohl er als gebürtiger Tiroler angeblich tschechisch nur fluchen konnte) im Jahr 1641 im Exil in Tallinn.

            In der oberen Stadt gibt es mehrere Aussichtsterrassen mit faszinierenden Blicken auf die Altstadt, den Hafen und das Meer sowie auch auf die modernen Bauten im „Rotenman Kvartal“.

Sonst herrscht hier aber abendsTotenstille. Als wir uns hier abends für ein Glas Wein setzen wollten und die Blicke auf den Sonnenuntergang über dem Meer genießen wollten, fanden wir hier kein einziges offenes Lokal und so verstanden wir, warum die obere Stadt abends wie ausgestorben ist. Man lebt in der unteren Stadt und man lebt hier teuer.

            Die untere Altstadt schaut wie ein Freilichtmuseum aus. Die neu reparierte mittelalterliche Stadtmauern strahlen durch rote Dächer ihrer Türme, um die alten krummen Gassen stehen Häuser der Hansakaufleute, von denen, gleich wie in Amsterdam, unter dem Hausgiebel Balken mit Rollen aus der Fassade ragen. Die Kaufleute lebten im Erdgeschoß, die Warenlager waren aber am Dachboden, deshalb die Haken, um die Ware in das Lager transportieren zu können. Überall gibt es dann Restaurants, Bars, Kaffeehäuser und weitere Touristenfallen, die von Studenten in mittelalterlichen Kostümen überwacht werden, die die Passanten, die nur für eine einzige Sekunde vor dem Eingang stehen bleiben, um in die Speisekarte einen Blick zu werfen, erbarmungslos hinein treiben. Wir flüchteten vor ihnen in  Panik bis in den oberen Teil der Stadtbefestigung oberhalb der Kirche des heiligen Nikolaus.

Im Turm Neitsitorn ist ein Restaurant mit einem Blick auf die Altstadt. Das Problem bestand in der Tatsache, dass man hier Eintritt zahlen musste. Drei Euro für den Eintritt in ein Restaurant habe ich noch nirgends zahlen müssen und ich war dementsprechend überrascht. Es wurde mir erklärt, dass es sich um ein Museum handelte. Also zahlte ich, obwohl ich das Museum danach nicht gefunden habe, lediglich ein Restaurant und ein Kaffeehaus auf drei Ebenen. Wenn wir aber schon einmal dort waren, entschieden wir uns dort mittags zu essen und den zauberhaften Blick auf die Altstadt dabei zu genießen. Zu unserer lieben Überraschung wurden uns dann die drei Euro pro Person von der Rechnung abgezogen. Eigentlich eine gescheite Maßnahme, damit die Leute im Restaurant nicht umsonst bummeln, nur um auf die Stadt unter ihnen Füßen zu glotzen.

            Das älteste Kaffeehaus in der Stadt heißt Maiasmokk, ist aber abends nach neun Uhr geschlossen! Besuchswert ist das Gebäude der „Großen Gilde“, wo sich ein Museum der estnischen Geschichte befindet und wo der Eintritt zufällig kostenlos war. Die Gilden waren Gesellschaften ähnlich den Zünften, aber doch anders. In der Großen Gilde waren die Kaufleute, also die reichsten Bürger, die auch den größten Einfluss auf das Geschehen in der Stadt hatten. In der „Kleinen Gilde“ waren dann die Handwerker unterschiedlicher Fachrichtungen versammelt, diese gab es hier aber eher für die Arbeit als fürs Reichwerden – wer ist schon einmal durch eine Arbeit reich geworden? Und ihr Einfluss in der Stadt war dementsprechend bescheidener. Zu einem Museum wurde auch die älteste Apotheke auf dem Rathausplatz aus dem Jahr 1433, in dem Souvenirgeschäft wird versucht, die Touristen zu überzeugen, dass der Liquor „Vanna Tallinn“ ein Medikament sei. Die menschliche Fähigkeit Alkohol so gut wie aus allem machen zu können, habe ich im Freilichtmuseum in Tallinn in dem Stadtviertel „Rocca al Mare“ kennenlernen können.

Der estnische Wein „Lossi“ wird nämlich aus Heidelbeeren produziert. Die erreichen hier im Norden dank der Feuchtigkeit und langer Sommertagen eine außergewöhnliche Größe, der Wein aber (ich bin ein neugieriger Mensch und so habe ich diese örtliche Spezialität gekostet) kann man nur mit einer äußersten Überwindung und unter dem Schutz der magensäurehemmenden Medikamente trinken. Sonst würde das Getränk in meinen nicht mehr ganz jungen Magen wahrscheinlich ein Loch durchbrennen.

            Vor dem Stadttor Viru befindet sich ein Blumenmarkt, einer der wunderschönsten, die ich in meinem Leben sah.

Der Blumenmarkt in Amsterdam war zwar größer, aber die Blumen auf dem Markt von Tallinn waren einfach schöner (obwohl sie großteils aus den Niederlanden importiert waren) Die Esten lieben Blumen. Zu einem Besuch in Estland zu gehen, ohne einen Strauß mitzubringen, ist einfach undenkbar und der Geliebten oder sogar der Gattin einen Mercedes ohne einen Strauß Blumen zu schenken ist ein absolutes „faux paix“ und ein Grund zur Trennung. Wahrscheinlich aus diesem Grund ist der Blumenmarkt auch noch lange nach Mitteernacht offen. Was wäre, wenn der Mercedesspender den Strauß vergessen hätte und ihn ganz dringend bräuchte?

            Tallinn hat einfach sein Zauber, obwohl man Glück beim Wetter haben muss. Die Sonne geht zwar im Sommer sehr spät unter, strahlt aber meistens gedämpft durch Wolken. Menschen in Estland hatten eindeutig mehr Angst vor Wasser als vor Feuer. Ich habe sonst nirgends gesehen, dass die Bauern Getreide in den Wohnräumen trocken würden, wo man auf offenem Feuer kocht. Der Dachboden wurde nur durch Balken von dem Wohnraum getrennt und zwischen die Balken wurde die Ernte gesteckt. Im Falle des Brandes konnte sich der Mensch offensichtlich immer darauf verlassen, dass ein Regen kommt, der dem Malheur ein Ende macht. Die körperliche Hygiene wurde gleich wie in Finnland in der Sauna gemacht. Das Wasser, das vom Himmel fiel, war doch ein bisschen zu kalt.

            Das estnische Volk ist aber gegen Kälte abhärtet. Das haben wir in dem Badeort Parnü gesehen.

Obwohl das Meereswasser lediglich 13 (in Worten DREIZEHN!!!) Grad hatte, badeten im Meer sogar die Kinder! Also – eines von den Kindern hatte einen Neoprenanzug angehabt und es handelte sich in diesem Fall offensichtlich um einen Ausflug Väter mit Kindern ohne Mütter. Trotzdem lief mir bei diesem Anblick die Kälte über den Rücken. Wir haben im Meer nur unsere große Zehe gebadet. Das hat gereicht. Es musste reichen! Estland ist nicht wirklich ein Land für einen sommerlichen Badeurlaub. Es hat andere Reize.

            Weil aber in der oberen Stadt die Totenruhe herrschte, die untere Stadt unchristlich teuer war und nach zehn Uhr wurde uns verweigert armenischen Cognac zu verkaufen, der mit seinen fünf Sternen sehr verlockend aussah, badeten wir nicht einmal im Meer und verließen Estland in Richtung Süden nach Lettland.

Tallinn I

            Tallinn ist eine Stadt weit in Norden (mit Betonung des Wortes „weit“) eigentlich auf der Höhe von St. Petersburg. Deshalb geht die Sonne im Sommer nur knapp vor Mitternacht unter und im Winter kommt sie wieder kaum über den Horizont. Trotzdem ist die Stadt sehenswert – natürlich im Sommer, wenn hier die Temperaturen manchmal sogar die Marke von zwanzig Grad Celsius knacken.

            Tallinn (das doppelte „ll“ wird lang ausgesprochen, ähnlich dann das doppelte „nn“. Die Esten nämlich schreiben nämlich jede Silbe, die sie lang aussprechen wollen, einfach doppelt) und diese langen Silben geben dem Namen der Stadt eine rührende, fast melancholische Schönheit.

            Die Stadt trug aber nicht immer diesen Namen. Als erste, abgesehen von der ursprünglichen mit einer ugrofinnischen Sprache sprechenden Bevölkerung, erschienen hier die Dänen. Der dänische König Waldemar II. gründete hier im Jahr 1219 eine Festung, die den Namen „Castrum Danorum“, also „Dänische Burg“ bekam, was man ins Estnische „Taanni – linna“ übersetzt. Als die Stadt im Jahr 1227 die Kreuzritter eingenommen haben, gaben sie der Stadt den Namen Reval, und so hieß sie bis zu estnischer Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1918. In diesem Jahr riefen die Esten das erste Mal ihren nationalen Staat aus. Tallinn hat eine interessante Lage. Der wichtigste Stützpunkt war natürlich immer der Hafen. Interessanterweise ist der Hafen in einer Meeresbucht gebaut. Beinahe alle nördlichen Hafenstädte liegen an den Flüssen nahe ihrer Mündung. Ob es schon St Petersburg an dem Ufer der Neva, Riga an der Daugava[AP1] , Klaipėda am Nehmen, Stettin an der Oder, Lübeck an der Tarve, Hamburg an der Elbe, Bremen an der Weser oder London an der Themse. Die Ursache ist offensichtlich die Tatsache, dass das nördliche Meer sehr oft zu stürmisch ist, um eine ruhige Verankerung der Schiffe und das Ausladen der Ware möglich zu machen. In diesem Punkt ist Tallinn eine Ausnahme und die Bucht, in der sich der Hafen von Tallinn befindet, musste ein Phänomen sein, dem man nicht widerstehen konnte. Und ein hoher Felsen über dem Meer, im flachen Land ebenso eine Rarität, rief wortwörtlich danach, dass auf ihm jemand eine Festung baut. Die Dänen konnten nicht widerstehen und taten es.

            Als sie die Festung von den Kreuzrittern im Jahr 1248 wieder übernommen hatten, gründeten sie hier eine Stadt, die im Ostbaltikum das übliche Stadtrecht nach dem Muster von Lübeck bekommen hat. Die Bindung an Lübeck ist auch heute noch auf jedem Schritt und Tritt merkbar. Nicht nur an dem Rathaus, aber auch in der Kirche des heiligen Nikolaus, in der den Totentanz der gleiche Autor Bernt Notke malte, der dieses Fresco auch in der Kathedrale von Lübeck schuf. Deshalb sind diese zwei Werke beinahe identisch. Die Kapelle, in der sein Totentanz ausgestellt wurde, ist bei der russischen Eroberung der Stadt im zweiten Weltkrieg zugrunde gegangen, die Fragmente des Gemäldes sind heute in der Kirche ausgestellt und demzufolge muss man hier eine Eintrittsgebühr zahlen. Unsere Reiseführerin hat uns geraten, uns für Senioren auszugeben, in mir gewann aber der Stolz (oder die Eitelkeit) und ich zahlte dafür einen doppelten Eintritt. Aus Lübeck kam auch die Marzipanerzeugung hierher, weil gerade durch die Produktion von Marzipan Lübeck berühmt ist (wovon, wie es eine aus Lübeck stammende Freundin meines Sohnes melancholisch sagte, wissen nur die Lübecker). Nicht einmal die Esten wollen über die Berühmtheit ihrer Partnerstadt in der Hansa etwas wissen und halten Marzipan für ihre eigene Erfindung. Heutzutage wird Marzipan in Tallinn in der Firma Kalev produziert, die ihre Konditorei direkt im Stadtzentrum in der Straße Pikk hat. Diese Straße hatte eine große historische Bedeutung.

            Das lübecker Stadtrecht galt nämlich nur in der Stadt, nicht in der Burg. Tallinn behielt bis heute viel von seinem mittelalterlichen Charakter und deshalb gibt es auch heute noch eine Trennung in die Untere und die Obere Stadt. Beide waren voneinander durch eine Mauer getrennt und nur mit einem Weg namens Pikk verbunden. In der oberen Stadt saß die adelige Elite (heute ist sie der Sitz der estnischen Regierung und Parlaments) in der unteren Stadt lebten Kaufleute und Handwerker. Reval, wie die Stadt hunderte Jahre hieß, war eine Hansastadt und die Mitgliedschaft in dieser Handelsgesellschaft garantierte der Stadt ihre Prosperität. Durch Reval lief der Großteil des Handels mit russischer Ware, besonders mit Pelzen und nach Russland wurde durch Reval westliche Ware importiert, vor allem Waffen.

            Im mittelalterlichen Reval gleich wie im neuzeitigen Tallinn sagt man, dass die Macht von oben auf das Geld hinunter schaut. Die Macht saß in der oberen Stadt, das Geld wurde in der unteren Stadt verdient, wohin es aus dem Hafen strömte. Dass diese Geschäfte nicht ohne Risiko waren und das Baltische Meer sehr heimtückisch sein konnte, davon zeugt die Statue von „Rusalka“, der kleinen Meeresnixe, die an dem Ufer im Stadtviertel Kadriorgu steht und in die Weite des Meeres schaut. Sie sieht nach den Matrosen des gleichnamigen russischen Schiffes, das im Finnischen Meerbusen im Jahr 1893 unterging.

Das Denkmal schuf der estnische Bildhauer Amandus Adamson im Jahr 1902, also ein Jahr nachdem der tschechische Komponist Antonín Dvořák die Oper gleichen Namens uraufgeführt hatte, die ihn weltweit berühmt machte. Rusalka ist eine Meeresnixe aus der slawischen Mythologie und ihre Statue auf dem Strand in Tallinn zeugt von einem starken russischen Einfluss in dieser Stadt. Ein weiterer Zeuge der russischen Macht in dieser Region ist der Palast der Zarin Katharina I., nach der das Viertel außerhalb der historischen Stadt seinen Namen bekam. Der Palast ließ Peter der Große für seine zweite Gattin Katharina bauen. Katharina war also einer der wenigen Menschen, die von der Annexion von Livland durch Russland profitierten. Die Bevölkerung Estlands schrumpfte während des blutigen und vernichtenden „Großen nordischen Krieges“ in den Jahren 1700 – 1721 von 350 000 auf 150 000. Katharina wurde im Städtchen Aluksne im Nordlettland nahe der estnischen Grenze als eine Tochter eines polnischen Bauern namens Skowronski geboren. Mit siebzehn Jahren trat sie in den Dienst bei dem deutschen evangelischen Pastor Glück – dem ersten Übersetzer der Bibel in die lettische Sprache – so viel also zu der Zusammensetzung der Bevölkerung in dem damaligen Livland. Im Jahr 1702 wurde sie von den Russen nach Moskau verschleppt, wo sie als Waschfrau arbeitete. Dort erblickte sie Fürst Menschikov und machte sie zu seiner Geliebten (sie gebar ihm angeblich zwei Kinder). Menschikov protzte aber ein bisschen zu viel mit seiner schönen Geliebten und so traf sie einmal den Zaren Peter. Der Zar war von der Schönheit Katharinas angetan, Menschikov saß plötzlich auf dem kürzeren Ast und musste seine geliebte Schönheit „gerne“ an den Zaren abtreten. Peter machte Katharina im Jahr 1707 zu seiner Geliebten und nachdem sie ihm zwei Töchter geboren hatte, heiratete er sie im Jahr 1712. Im Jahr 1718 ließ er für sie in ihrem Geburtsland Livland in der Nähe von Reval ein wunderschönes Schlösschen inmitten eines riesigen Parks bauen, im Jahr 1724 machte er sie zu seiner Nachfolgerin (seinen Sohn Alexej aus der ersten Ehe ließ der Zar im Gefängnis zum Tode foltern) und sie betrat als erste Frau in der russischen Geschichte nach dem Tod des Zaren den Thron. Und das, obwohl sie niemals lesen und schreiben gelernt hatte (in welcher Sprache sollte sie es auch tun? Lettisch, Estnisch, Russisch, Französisch, was die offizielle Sprache an dem Hof in St Petersburg war oder Deutsch?). Die Schönheit und lockere Moral sind nicht selten genug für eine steile Karriere. Damals wie heute. In Tallinn blieb mit ihrem Schlösschen eine schöne Erinnerung an sie. Der Präsidentenpalast, der an Kadriorg grenzt, schaut im Vergleich mit der russischen Zarenpracht mehr als bescheiden aus.

            So wie das Viertel voller Parkanlagen und stolz auf seine Rusalka nach der russischen Zarin seinen Namen trägt, so liegt in der unmittelbaren Nähe der Altstadt (der unteren Stadt) das „Rotenman kvartal“. Ein Viertel, das seinen Namen nach einem Unternehmer deutscher Herkunft, bekam der hier im neunzehnten Jahrhundert einige Fabriken bauen ließ, die zum Grundstein der Industrialisierung Estlands wurden. Heute werden die alten Fabriken eine nach der anderen abgerissen und an ihrer statt wachsen Banken, Hotels und Hochhäuser mit Büros, ein Paradebeispiel der modernen estnischen Architektur, die mich wirklich angesprochen hat. Es ist ein bisschen melancholisch, wenn zwischen schönen modernen Gebäuden verlassene Schornsteine stehen (die reißen die Esten überraschenderweise nicht ab, vielleicht sollten sie ein Denkmal des Unternehmers Rotenman bleiben), es hat aber etwas an sich.

Besonders wenn über ihnen und hinter dem Horizont am Meer knapp vor Mitternacht die violette Sommersonne untergeht. Ich hatte die Gelegenheit, dieses großartige Spektakel vom Balkon meines Zimmers im sechsten Stockwerk des Hotels „Park Inn“ zu beobachten. Mit einem Glas Rotwein in der Hand ist das ein wunderschönes Erlebnis. Aber passen Sie auf! Den Alkohol muss man vor zehn Uhr abends kaufen, obwohl die Geschäfte bis elf und manche sogar bis Mitternacht offen sind – die Straßen sind zu dieser Uhrzeit noch immer hell und lebhaft, aber der Alkoholverkauf hat seine Sperrstunde bereits um zehn Uhr! Fragen Sie mich nicht warum, vielleicht verließ gerade zu dieser Stunde den Hafen von Tallinn die letzte Fähre nach Helsinki. Die Finnen sind für 35% des Alkoholverbrauches in Estland verantwortlich. Sie fahren hierher über den Finnischen Meerbusen zu alkoholischen Ausflügen, weil es hier für sie billig und die Sprache so gut wie ident ist. Ich will gar nicht wissen, wieviel ein Bier in Finnland kostet, wenn einem Finnen ein Bier um 6,60 Euro (das war auf dem Rathausplatz im Zentrum von Tallinn, aber auch sonst habe ich – im Jahr 2014 – kein Bier unter 4 Euro gesehen) leistbar erscheint. Sie werden nicht einmal von allanwesenden Anschriften „Saddam“ abgeschreckt. Es ist nämlich nicht der Ausdruck der estnischen Sympathien zum ehemaligen irakischen Diktator, sondern einfach das estnische Wort für „Hafen“.


 [AP1]

Breslau – Wroclaw – Vratislav

               Die Stadt an der Oder nördlich der tschechischen Nordgrenze hat alle diese Namen, was dadurch verursacht ist, dass sie mehrmals ihre Herrscher wechselte. Sie wurde um das Jahr 900 vom tschechischen Fürst Vratislav auf einer Insel des Flusses Oder gegründet, schon im zehnten Jahrhundert ging sie aber in die Herrschaft der polnischen Fürsten aus der Piast Familie über, bis sie vom Herzog Heinrich V. dem tschechischen König Johann von Luxembourg vermacht wurde. Seit dem Jahr 1335 war die Stadt mit dem umliegenden Herzogtum ein Teil des tschechischen Königreiches, davon zeugt der tschechische zweischwanzige Löwe, den man nicht nur im Stadtwappen von Wroclaw findet, aber zum Beispiel auch an der Fassade der Franziskanerkirche der Heiligen Dorothea, Wenzel und Stanislav auf dem Freiheitsplatz (Plac Wolnosči).

Im Jahr 1526 übernahmen die Habsburger die Herrschaft über die Stadt und im Jahr 1741 marschierte die preußische Armee Friedrichs II. ein. Die Stadt blieb preußisch bzw. deutsch bis zum Jahr 1945, als sie der Polnischen Republik übergeben wurde. Also verdient diese Stadt ihren deutschen Namen ebenso wie ihren tschechischen oder den polnischen, den sie heute trägt.

               Ich habe gehört, dass Wroclaw eine sehr schöne Stadt wäre, also entschied ich mich, sie zu besuchen. Ich habe aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt, wie WUNDERSCHÖN die Stadt ist. Historisch, sowie auch modern, gepflegt und sauber. Einfach zum Verlieben. Wer dort noch nicht war, sollte es unbedingt nachholen.

               Auf dem Platz, an dem die Stadt entstanden ist, also auf der Insel im Fluss Oder, befindet sich heutzutage das religiöse Zentrum der Stadt. Der Name Wroclaw ist im polnischen männlich, auf Deutsch Breslau natürlich Neutrum, tschechisch Vratislav aber weiblich. Ich glaube, ohne meine tschechische Herkunft hervorheben zu wollen, dass der tschechische Name zu der Stadt am besten passt, ihre Schönheit ist nämlich wirklich vom weiblichen Typ. Übrigens, der lateinische Name der Stadt behält die tschechische Form Vratislavia. Wroclaw wurde im Jahr 1000 zum Bistum – es war die Arbeit des polnischen Königs Boleslaw Chrobry (der Tapfere), der sich dadurch seine Statue im Park auf der Stelle der ehemaligen Stadtbefestigung verdiente. Heute liegt das Zentrum nicht mehr auf einer Insel, weil der nördliche Arm der Oder zugeschüttet wurde. Die Gebäude, die sich hier befinden, sind einfach atemberaubend. Schon die spätromanische Kirche „St. Maria auf dem Sande“ ist imposant, aber sie ist nur ein Vorspiel vor der „Kirche des Heiligen Kreuzes“, die der Fürst Heinrich IV. bauen ließ. Er trug den Beinahmen „der Gerechte“. Jeder Herrscher, auch der gerechteste, hat aber ein paar Sünden, die er durch Kirchenbauten gut machen möchte. Der Herzog wurde vergiftet, angeblich von seinem Leibarzt. Weil er aber von seiner Schuld nicht überzeugt war, ließ er den Arzt außer Landes bringen, damit dem Medikus nach seinem eigenen Tod nichts passieren würde. Also doch ein gerechter Herrscher bis zum letzten Atemzug. Das Bauwerk der Kirche ist so imposant, dass man es eigentlich gar nicht fotografieren kann. Es wettfeiert um den Titel der schönsten Kirche der Stadt mit der Erzbischofskathedrale „St Johann der Täufer“, in der unmittelbaren Nachbarschaft. Übrigens, alle Gebäude auf der ehemaligen Insel sind sehr schön, wie das ehemalige Waisenhaus oder die theologische Fakultät, die Verwaltungsgebäude des Erzbistums oder der zwar bescheiden aussehende aber trotzdem sehr elegante Bischofpalast.

               Es gibt natürlich eine Menge Kirchen in Wroclaw, wie übrigens auch in ganz Polen (Obwohl die höchste Konzentration der Kirchen auf einem Quadratkilometer gibt es in Vilnius im benachbarten Litauen). Alle wurden nach der deutschen Art aus Backsteinen gebaut – der Stein war hier einfach Mangelware. Ihre Türme sind in eine unglaubliche Höhe gezogen und die Gebäude schauen unglaublich imposant aus. Ob es sich um die Kirche des Fronleichnams unweit vom Denkmal Boleslaws Chrobry oder um die bereits erwähnte Franziskanerkirche der Heiligen Dorothea, Stanislaus und Wenzel handelt oder um die Dominikanerkirche mit der Kapelle des seligen Cieslaw, eines Dominikanermönches, der hier in der Zeit des Mongoleneinfalls im Jahr 1241 lebte. Nachdem die mongolische Streitkraft die Armee der schlesischen Herzöge, die vom Herzog Heinrich II. angeführt wurde, in der Schlacht bei Liegnitz vernichtet hatte, plünderten die Eindringlinge das ganze Land furchtbar aus. Cieslaw überlebte das Toben der Plünderer, er starb im Jahr 1242. Viel interessanter als sein Leben ist aber das Schicksal seiner Kapelle, wo seine irdischen Überreste begraben sind. Am Ende des zweiten Weltkrieges litt Breslau furchtbar. Hitler erklärte die Stadt zur Festung und ließ die Mehrheit der 630 000 Einwohner evakuieren. Am 15.Februar 1945 wurde die Stadt von der Roten Armee eingekesselt. Die Kämpfe in der Stadt, wo um jedes Haus gekämpft wurde, dauerten bis 6.Mai. Sie kosteten 6000 deutschen und 7000 russischen Soldaten das Leben. Es wurden 75% aller Gebäude vernichtet und die Zerstörung schonte auch die Kirchen nicht. Von der Dominikanerkirche blieb so gut wie nichts übrig – außer der Kapelle des seligen Cieslaw, die das Toben des Krieges ohne den geringsten Schaden überstanden hat. Ich verstehe nicht, wieso Johann Paul II. es nicht geschafft hat, diesen seinen Landsmann heilig zu sprechen. Es war doch sein größtes Hobby und er sprach 483 Menschen heilig (mehr als alle Päpste vor ihm zusammen).

               Nahe dem Stadtzentrum ragt die Kirche der heiligen Agnes in den Himmel empor. Sie wird hier richtig Agnes von Ungarn genannt, weil sie als ungarische Prinzessin in Bratislava – im damaligen Preßburg (oder ungarisch Pozsony) – das Licht der Welt erblickte. In Deutschland wird sie als Agnes von Thüringen verehrt – dorthin wurde sie verheiratet. Diese Kirche wurde von Johann Paul II. zu Basilika Minor erhoben. Es zahlt sich aus, den Aussichtsturm zu besteigen, obwohl man dafür mehr als 300 Stufen in einem engen Turm mit Gegenverkehr überwinden muss. Der Blick vom Turm ist aber fantastisch. Direkt gegenüber steht eine ziemlich düstere „Kirche der Maria Magdalena“. Auffällig ist, dass nur einer ihrer zwei Türme ein Dach hat. Bei der Gelegenheit des 90. Geburtstages Kaisers Wilhelm I. im Jahr 1887 wurde von diesem Dach ein Feuerwerk abgefeuert und das Dach verbrannte. Weil die Einwohner von Wroclaw, das damals noch Breslau hieß, dieses Ereignis als Strafe Gottes verstanden, reparierten sie das Dach nicht und dieses fehlt der Kirche bis heute.

               Das Stadtzentrum bildet der „Rynek“ – also der Hauptlatz. Er ist ein bisschen untypisch in seiner Mitte verbaut. Hier steht das Rathaus, eines der schönsten Gebäude in Mitteleuropa.

Wroclaw war eine ungemein reiche Stadt. Es war nämlich ein Mitglied der Hansa, der Handelsgesellschaft der nordeuropäischen Städte und durch diese Städte liefen alle Warenströme nach Mitteleuropa – der Fluss Oder eignete sich dafür hervorragend. Die Oder war der Segen für die Stadt, obwohl sie ab und zu auch gefährlich werden und große Schäden einrichten konnte, wie das letzte Mal im Jahr 1997. Sie war aber die Ader für die gewinnbringenden Geschäfte. Die größeren Schiffe konnte gerade noch nach Wroclaw fahren, dort musste dann die Ware umgeladen werden. Als Karl IV. Prag zur Hauptstadt des Heiligen römischen Reiches machte, profitierte gerade Wroclaw von den neuen Warenströmen am meistens. Übrigens im Jahr 1346, als Karl an die Macht kam und Prag gerade 8000 Menschenseelen zählte, lebten in den Mauern von Wroclaw bereits 35 000 Einwohner und diese Stad war also damals die größte im Tschechischen Königreich. Den damaligen Reichtum sieht man heute noch. Ob an dem prächtigen Rathaus oder an den Häusern auf dem „Rynek“ oder in den umliegenden Straßen. Wie zum Beispiel das „Haus zu sieben Kurfürsten“ oder das „Haus unter den Gryfen“, aber nicht nur diese, sind wirklich sehenswert. Der Reichtum weckt aber Unruhe, besonders dann, wenn der Wohlstand nicht gerecht verteilt wird. Bei einem Aufstand der Handwerker gegen das Patriziat im Jahr 1418 kam es zu dem ersten europäischen Fenstersturz. Prag, das dadurch später sogar zweimal in die Weltgeschichte einging, kann sich die Idee, sich auf diese Weise der unpopulären Politiker zu entledigen, nicht patentieren lassen. In Wroclaw wurden damals sechs Stadträte aus den Fenstern des Rathauses rausgeworfen, der siebente, der im Turm seine Rettung suchte, wurde ebenso hinuntergeworfen – mit einem noch verlässlicheren Ergebnis. Der Aufstand der Zünfte wurde von Kaiser Sigismund im Jahr 1420 niedergeschlagen, der in Wroclaw den Kreuzzug gegen Prag vorbereitete (der dann mit einer beschämenden Niederlage auf dem Berg Vitkov bei Prag zu Ende ging). Sigismund ließ damals exemplarisch 27 Anführer des Aufstandes hinrichten und die Patrizier kehrten zurück an die Macht.

               Von der Bedeutung von Wroclaw zeugt auch die Tatsache, dass gerade in dieser Stadt, in der ehemaligen Kapelle des Rathauses, die schlesischen Stände im Jahr 1741 ihrem neuen Herrn, dem preußischen Könige Friedrich II. huldigten. Das Museum der Stadtgeschichte gibt es aber nicht im Rathaus, sondern im königlichen Palast Kazimirs des Großen. Leider begrüßte mich hier eine Tafel mit Anschrift: „Expozycia niedzynna, przeprasamy“. (Wir entschuldigen uns, die Ausstellung ist außer Betrieb). Das Museum war wegen Rekonstruktionsarbeiten geschlossen. Ich hatte nicht vor zu verzeihen, wie mich die Tafel bat, aber was sollte ich schon tun? Es ging mir sonst in dieser Stadt doch so gut!

               Ein Erlebnis, das sich ein Besucher in Wroclaw nicht entgehen lassen darf, ist ein Besuch der Universität. Ihre erste Gründung im Jahr 1505 von König Vladislav Jagiello misslang noch. Die zweite Gründung von Kaiser Leopold I. hatte aber schon Erfolg. Deshalb heißt die Universität zur Ehre des Kaisers „Universitas leopoldiana vratislaviensis“. Das Universitätsgebäude wurde in nur zwei Jahren fertig gebaut, die Universität dann dem Jesuitenorden zur Verwaltung übergeben. Atemberaubend ist die Aula der Universität, geschmückt mit Fresken und Statuen des Kaisers und seiner zwei Söhne, der späteren Kaiser Josef I. und Karl VI. Viel zurück in seiner Schönheit bleibt auch das Oratorium Marianum nicht. Es ist ein prächtiges Zimmer ebenso bedeckt mit Fresken, die gleich wie die der Aula sowie auch in der Jesuitenkirche „Zum heiligen Jesusnamen“ der Maler Christoph Handgke aus Olmütz schuf. Auch die Statuen in allen Universitätsgebäuden haben einen mährischen Ursprung, sie wurden von Franz Josef Mangold aus Brünn geschaffen. Das Oratorium, sowie auch die ganze Universität wurde in den Kämpfen des zweiten Weltkrieges vernichtet. Seine Restaurierung wurde von der Bundesrepublik Deutschland finanziert. Es war eine schöne Geste für die Versöhnung, die aber nicht ganz die erhofften Früchte brachte, sonst wäre in Polen nicht Jaroslaw Kaczynski an der Macht. (In Wroclaw übrigens hat seine Partei „Recht und Gerechtigkeit“ nicht gewonnen, die Bevölkerung von Wroclaw war immer sehr sensibel gegen jede Totalität, Wroclaw war auch eines der Widerstandzentren gegen das kommunistische Regime – auch die Bewegung Solidarność (Solidarität) war hier seit dem Jahr 1981 aktiv).

In den Nischen der Aula sind Philosophen und Gelehrte wie Sokrates oder auch der Rektor der Pariser Universität Sorbonne Gerson abgebildet. Auch Johann Capistranus hat hier sein Portrait, das ich weniger gutheißen kann. Dieser Mensch wurde von der katholischen Kirche im Jahr 1690 heiliggesprochen (er ist ein Patron der Staatsanwälte und Feldkuraten). Er kam nach Wroclaw im Jahr 1453. Er wurde in die Stadt von König Ladislaus Postumus entsandt, um einen Fall der Hostienschändung zu untersuchen. Capistranus war so etwas wie ein Familienkaplan und Beichtvater der Königsfamilie, unter anderem vermählte er auch Anna, die Schwester des Ladislaus mit dem polnischen König Kazimir IV. Durch Folter erzwang er von örtlichen Juden ein Geständnis und in weiterer Folge wurden 41 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt und weitere mehr als 400 aus der Stadt vertrieben. Ihr Besitz wurde eingezogen, was wahrscheinlich der ursprüngliche Grund der Mission von Capistran war. Es war die Gier, die die Menschen zu Tode hetzte. Im Jahr 1455 hat Ladislaus für die Stadt das „Privilegium de non tolerantis iudaeis“ erlassen, das den Juden den Verbleib im Stadtgebiet von Wroclaw untersagte. Mit einigen katholischen Heiligen wie Capistranus habe ich ein echtes Problem. Er hat sich seine Heiligsprechung verdient, als er an dem Kriegszug von Janos Hunyady und dem Sieg über die Türken bei Belgrad im Jahr 1456 teilgenommen hat. Er hat sich dabei gleich wie auch der Heerführer Hunyady mit Pest angesteckt und starb.

               Die Universität in Wroclaw produzierte acht Nobelpreisträger, was eine wirklich bewundernswerte Zahl ist. Unter ihnen war zum Beispiel der Schriftsteller Theodor Mommsen, der Atomphysiker Max Born, der Chemiker Eduard Buchner oder der Vater der deutschen Epidemiologie Paul Ehrlich. Leider war die Mehrheit von ihnen Juden und als im Jahr 1933 in Schlesien wie in ganz Deutschland Nazi die Macht übernahmen, hat das hohe Level der Universität ein jähes Ende genommen. Heute hat sie eine passable Qualität und fünf Fakultäten, medizinische, juristische, philosophische und zwei theologischen, eine katholische und eine evangelische. Weitere Nobelpreisträger zeugt sie aber nicht mehr.

               Ich wurde ein wenig von einem Burschen mit einem Degen in der Hand im Universitätsmuseum überrascht. Burschenschaften, die als Studentenvereine im neunzehnten Jahrhundert entstanden sind, sind heutzutage die Hauptträger der pangermanischen und rechtsradikalen Ideen. Das Fechten ohne Gesichtsschutz ist hier eine Pflicht und deshalb rühmt sich ein echter Bursche mit zumindest einer Hiebwundenarbe im Gesicht. In Wroclaw schockierte mich diese Tatsache nur kurz. In der Zeit, als diese Studentenvereine entstanden sind, gab es hier Preußen. Auch deshalb gibt es auf dem Brunnen vor der Universität eine Statue eines Burschen, der sich auf einem Degen stützt.

               Nicht weit von der Universität gibt es ein prachtvolles Gebäude des Ossolineums, des Museums des Grafen Ossolinski, das auch einen Teil des Manuskriptes des Romans „Pan Tadeas“ (Herr Thadeus) von Adam Mickiewicz (den zweiten Teil gibt es in Warschau) besitzt. Dieses Buch hat für die polnische Kultur als ein Symbol der nationalen Identität eine zentrale Bedeutung und dementsprechend groß ist die Verehrung des Werkes.

               Eine Kuriosität von Wroclaw, die sehenswert ist, ist das „Panorama von Raclawice“, das im „Park J-Slowacki“ unter der ehemaligen Stadtfestung, von der nur die Grundmauern erhalten blieben, steht. Dieses monumentale Werk ehrt ein Sieg der polnischen Rebellen unter der Anführung von Tadeus Kosciusko über die russische Übermacht bei dem Städtchen Raclawice am 4. April 1794. Dieses 14 Meter lange und 5 Meter hohe Bild stellt den Kampf dar– wahrscheinlich malten die Autoren Jan Styka und Wojciech Kossak jeden einzelnen Soldaten, weil in dem Scharmützel um die 2000 polnische Soldaten gegen ungefähr eine gleiche Zahl Russen kämpften. Die Schlacht hatte keine strategische Bedeutung, weil die Polen nicht im Stande waren, die geschlagenen Russen zu verfolgen, geschweige sie aus Kleinpolen zu verdrängen. Für den polnischen Nationalstolz hat aber dieses Ereignis eine riesige Symbolkraft.

Das Schicksal dieses Panoramabildes dokumentiert wieder einmal die bewegte Geschichte Polens. Ursprünglich wurde es in Lwow (Lemberg) gemalt und ausgestellt.  Lemberg gehörte bis zum Jahr 1939 zu Polen. Dann aber wurde der Ostteil Polens von der Roten Armee besetzt (Infolge des Vertrages zwischen Molotov und Ribbentrop, der den Deutschen den Westteil und den Russen den Ostteil Polens zusprach) und Russen zogen sich aus dem besetzten Land – wie es schon immer ihr Brauch war – nie mehr zurück. Auf der anderen Seite war Wroclaw, das vor dem Krieg 630 000 Einwohner hatte, nach dem Krieg praktisch entvölkert. Im Jahr 1946 lebten hier lediglich 170 000 Menschen und das waren überwiegend neue Einsiedler aus Lwow, die Stalin nicht mehr dort haben wollte. Sie mussten also nach Schlesien übersiedeln, das ein Teil von Polen wurde und sie durften ihr Raclawice-Monument mitnehmen. In der Sowjetunion wäre eine Verehrung des Sieges der polnischen Waffen über die russischen störend gewesen. Zumindest ließ es Stalin nicht vernichten, sondern im Jahr 1946 nach Wroclaw übertragen. Seit dem Jahr 1985 hat das Monument eine eigene Rotunde, die man besuchen kann. Auf den Eintritt muss man allerdings bis zu zwei Stunden warten, weil der Besuch des Monuments ein Pflichtprogramm aller polnischen Schulausflügen ist, die Wroclaw besuchen möchten.

               An dem Oderufer kann man die Markthalle besuchen. Sie ist riesig und es wird hier einfach alles angeboten. Am schönsten waren aber die Blumengeschäfte. Es gab hier eine unglaubliche Menge an Begräbniskränzen, alle sehr schön mit Schnittblumen, Orchideen, Rosen usw. In Wroclaw muss es einfach ein Vergnügen sein zu sterben. Der Kai und die Parkanlagen sind alle schön gepflegt und sauber, die Stadt ist dazu auch voll von schönen Mädchen. Eigentlich habe ich so viele hübsche junge Frauen noch nie gesehen, vielleicht mit Ausnahme Kopenhagen, aber im Gegensatz zu gleich schönen, lächelnden und gepflegten Däninnen sprechen die Polinnen nicht mit dem furchtbaren dänischen Dialekt, sondern mit einer lustigen, flotten polnischen Sprache (die ich dazu auch noch verstehen kann). Wenn ich aber in diesem Punkt meine männlichen Leser zum Besuch dieser Stadt motivieren konnte – die, wie bekannt, meistens nur wenige sind – kann ich auch meine weibliche Leserschaft beruhigen – an Wroclaw werden auch sie Gefallen finden. Nicht einmal moderne Kunst kommt zu kurz, es gibt in der Stadt eine Menge interessanter Freilichtskulpturen. Am Oderufer gibt es moderne Skulpturen und direkt vor unserem Hotel stiegen aus dem Boden Figuren der nach dem zweiten Weltkrieg vertriebenen Menschen. Wroclaw ist bereit, sogar mit seiner Vergangenheit abzurechnen.

               Wroclaw war im Jahr 2016 eine der zwei Kulturhauptstädte Europas (neben dem baskischen San Sebastian) und verdiente sich sicherlich diese Ehre. Hier trifft sich die alte Geschichte mit der neuen, die moderne Kultur mit der klassischen und sollte jemand die polnische Küche meiden wollen (die nicht gerade den besten Ruf genießt), gibt es eine verlockende Alternative im tschechischen Originalrestaurant in Swidnicka ulica 8a (ich hoffe nur, dass dieses Lokal die Coronakrise überlebt hat). Es wird hier das tschechische Prazdroj (Pilsner Urquel, bekanntlich das gesündeste Bier der Welt und dazu auch sehr wohl trinkbar) serviert und das Essen ist hervorragend – die Portionen waren so riesig, dass sie für zwei Personen ausreichten. Ich habe nicht widerstehen können und beide Entenkeulen aufgegessen. So konnte ich mir am nächsten Tag das Frühstück im Hotel ersparen.

               Aber am besten sind die Zwerge. Sie sind allanwesend. Sie kriechen überall hin und vermehren sich offensichtlich sehr schnell. Ihre kleinen Statuen aus Metall sind auf den Gehsteigen vor allen wichtigen Gebäuden, mit Laptop oder als Feuerwehrmänner oder vor der Universität als ein Herr Professor mit Brille. Sie verleihen der sowieso freundlichen Stadt den echten goldenen Punkt. Sie sind eine Erinnerung an die Studentenbewegung „Die Orangenalternative“ aus dem Ende der Achtziger, als diese an der örtlichen Universität entstanden ist. Der erste Zwerg entstand auf einer Metallkugel in der Swidnickastraße, nur ein paar Schritte von dem gezapften Pilsner Bier entfernt. Einen solchen Zwerg kann man bei „Towarystwo milostnikow wroclawie“ vor der Kirche der heiligen Elisabeth kaufen. Einen schöneren und lieberen findet man sonst nirgends.

               Also, wer in Wroclaw noch nicht war, sollte dieses kulturelles Defizit wettmachen.

Mainz II

Über die Altstadt ragt die Zitadelle empor.  Diese Festung ließ nach dem Westfälischen Frieden im Jahr 1648 Erzbischof Johann Philipp von Schönborn bauen. (Sollte der Namen jemanden an den amtierenden Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn erinnern, handelt sich hier um keine zufällige Ähnlichkeit, der Kardinal stammt aus dieser berühmten Kurfürstenfamilie). Nachdem die Festung dem Ansturm der französischen Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg nicht statthalten konnte, gab ihr das heutige Aussehen Lothar Franz von Schönborn, der hier bis zum Jahr 1729 herrschte.

Im Jahr 1792 nach der Eroberung durch Franzosen wurde aus dem Tor der Festung das Wappen der Erzbischöfe ausgekratzt, heutzutage gibt es in der Festung neben dem bereits erwähnten Drususstein ein Städtisches historisches Museum mit lieben freiwilligen Führern – der Eintrittspreis ist auch freiwillig.

Mit Mainz ist eine der größten Erfindungen der Menschheit verbunden, eine Erfindung, die das Mittelalter beendete und die Neuzeit einläutete – der Buchdruck. Johann Guttenberg (mit eigenem Namen Gensfleisch) war ein mainzer Patrizier. Um die Ehre, der Geburtsort der modernen Zeit zu sein, kämpft Mainz mit Straßburg. In den Jahren 1434 – 1444 oder möglicherweise sogar bis zum Jahr 1448 lebte nämlich Guttenberg in Straßburg und führte dort seine Versuche durch, bei denen er nach einer Legierung für die Erzeugung seiner beweglichen Lettern suchte, die dem Druck der Druckmaschine standhalten könnten. Aus diesem Grund findet man ein Guttenberg-Denkmal auch in Straßburg. Die Stadt behauptet, dass Guttenberg seine Erfindung bereits dort vollendet hatte und nur dann nach Mainz zurückkehrte.  Die Tatsache ist, dass er nach seiner Rückkehr nach Mainz von mainzer Bürger Johann Fust einen Kredit in der Höhe 800 Gulden nahm und sich entschied, sein Werk zu realisieren. Es sollte sich um den Druck von 500 Stück Bibel handeln – das Alte- sowie auch das Neue Testament. Das Buch wurde auf der Frankfurter Messe im Jahr 1455 vorgestellt – und veränderte für immer den Lauf der Geschichte. Interessant ist, dass in Frankfurt gerade zu dieser Zeit Aeneas Silvius Piccolomini weilte, der Sekretär des Kaisers Friedrich III. und späterer Papst Pius II. Er erkannte sofort die Bedeutung der neuen Erfindung und versuchte ein kirchliches Monopol für den Buchdruck zu erlangen. Es gelang ihm nicht, gerade der Buchdruck verlieh der Reform von Luther Flügel und schwächte auf entscheidende Weise die Macht der Päpste. Aus ökonomischer Sicht war die Ausgabe der Bibel für Guttenberg eine Katastrophe. Er schätzte falsch die Produktionskosten ab, er ließ über die Alpen das beste Papier aus Italien holen (weil damals in Deutschland noch kein Papier produziert wurde) und die Auflage war bereits vor ihrer Erscheinung ausverkauft, daher war es nicht mehr möglich, den Preis zu erhöhen, um die Betriebskosten abzudecken. Guttenberg war nicht im Stande, Fust seine Investition zurückzuzahlen, beide Herren landeten vor Gericht und Fust gründete einen eigenen Buchdruckbetrieb. Guttenberg spezialisierte sich danach auf Druck von Flugblättern und Ablassbestätigungen, dadurch wurde er letztendlich doch vermögend.

An sein Wirken in der Stadt erinnert das Guttenberg-Museum in einem architektonisch ein bisschen inkompakten Stadtzentrum. Neben schönen historischen Gebäuden und supermodernen gläsernen Einkaufzentren gibt es hier auch formlose moderne Bauten mit Geschäften (am furchtbarsten ist das Kaufhaus Douglas vor dem Stadttheater, das ein echtes Architekturverbrechen ist). Mainz konnte nicht die katastrophalen Schäden, die es im zweiten Weltkrieg erlitten hatte, vollständig beseitigen. Im Museum im Untergeschoß gibt es eine Replik der historischen Druckerei von Guttenberg, hier gibt es auch Vorführungen des Druckes in der ursprünglichen Weise, auf den Geschoßen gibt es dann Darstellung der Buchdruckgeschichte von den Handschriften bis zum Buchdruck und das inklusiv China und Japan, wo die Entwicklung einen eigenen Weg nahm. Die wertvollsten Exponate sind drei Drucke der Guttenberg Bibel aus dem Jahr 1455. Wenn das erste Exemplar dieser Bibel im Jahr 1926 50 000 Reichsmark kostete, wurde die Zweibandbibel im Jahr 1979 in New York für 6 Millionen Mark ersteigert. Der Bürgermeister von Mainz schaute damals nicht auf die Kosten, er wollte um jeden Preis die Bibel in seiner Stadt haben. Die Folge ist ein furchtbares Gedränge um den Tresor, wo die Bibel ausgestellt wird, das Museum war (natürlich noch vor der Corona Krise) immer sehr übervölkert (Ich war dort im Jahr 2018 das vierte Mal und es war dort immer mehr Menschen, besonders Asiaten). Aber ein Besuch zahlt sich trotzdem aus. In dem Souvenirshop kann man Faksimile einzelner Seiten der Guttenberg Bibel kaufen, der Preis schwankt zwischen 35 und 20 000 Euro. Ich habe zwar nicht widerstehen können, habe mich allerdings für die billigere Variante entschieden.

Das Grab von Guttenberg findet man in Mainz nicht. Er wurde im Franziskanerkloster bestattet, das aber dem französischen Beschuss im Jahr 1793 zum Opfer fiel. Unter den Ruinen des Gebäudes verschwand auch das Grab eines der größten Entdecker der Menschengeschichte. Nach Guttenberg trägt auch die örtliche Universität ihren Namen, die im Jahr 1977 fünfhundert Jahre ihres Bestehens feierte, obwohl sie zwischen den Jahren 1802 und 1946 außer Betrieb war (sie wurde aber nicht offiziell aufgelöst).

Um nicht zu vergessen, wo kann man in Mainz gut essen? Gut und in einem interessanten Ambiente! Dann kann ich das „Heilig-Geist-Spital“ nahe dem Rheinufer empfehlen. Das Ufer wird mit drei furchtbaren Gebäuden geschmückt, mit dem Rathaus, mit der Rheingoldhalle als ein großes Konferenzzentrum und zum dritten steht hier das Hotel Hilton. Alle drei verderben unverbesserlich das Stadtbild, wenn man sie vom Fluss her betrachtet. Das Restaurant „Heilig Geist Spital“ ist dagegen hübsch. Ein ehemaliges mittelalterliches Spital für die Kranken und Armen gebaut im gotischen Stil, wurde in ein elegantes Restaurant mit einer sehr guten italienischen Küche umgebaut. Die Seele eines Historikers und die eines Gourmands jubeln bei dem Besuch gemeinsam.

In Mainz gibt es natürlich noch viele weiteren Sehenswürdigkeiten. Es gibt hier die St. Stephan Kirche mit Fenstern, die Marc Chagall entworfen hat. Der Künstler war bei diesem Auftrag im Jahr 1982 bereits 95 Jahre alt, aber das Ergebnis ist berauschend. Die blaue Farbe des Lichtes füllt die ganze Kirche, sogar die Orgel scheint blau zu sein, obwohl es natürlich nicht ist. Die Kirche ist übrigens die älteste in der Stadt, sie wurde bereits im Jahr 990 im Auftrag von Bischof Willigis gebaut.

Es gibt mehr als genug Kirchen in Mainz, nicht umsonst war die Stadt die Residenz des Erzbischofs und Kurfürsten. Die Kirche des Johanns des Täufers direkt neben der Kathedrale gehört jetzt den Protestanten, die Kirche des heiligen Quintinius, die monumentale rein barocke Kirche des Heiligen Petrus, die einen mit feinen Farben der Innenausstattung beeindruckt, oder die Kirche des Klosters der Karmeliten, direkt gegenüber des Hotel Hilton, die im Krieg vollständig vernichtet, aber später im gotischen Stil erneuert wurde. Weniger Glück hatte die Kirche des heiligen Christophorus, nicht weit von den Karmeliten. Nach den Grauen des Krieges blieb von ihr eine Ruine, es wurde lediglich die Kapelle des Heiligen Johannes wieder aufgebaut, der Rest blieb als ein Mahnmal des Schreckens, das der Krieg mit sich brachte und aus dem Hauptschiff der Kirche wurde ein Museum, die den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet ist.

Als eine Erinnerung an die ruhmreichen römischen Zeiten von Mogontiacum gibt es in der Stadt römische Steine als Reste eines damaligen Aquädukts. Das „Römisch germanisches Zentralmuseum“ im ehemaligen Kurfürstenpalast neben dem heutigen Landtag ist ein zentrales deutsches archäologisches Institut für die Erforschung der römischen historischen Epoche. Man kann es nicht besuchen, die Ausstellung, die man besuchen kann, wurde in das bereits erwähntes Museum der römischen Schifffahrt übersiedelt. Das Naturhistorische Museum ist besonders durch sein imposantes Gebäude interessant, in dem es sich befindet – es ist ein ehemaliges Kloster der Klarissinnen, das bei der Säkularisation im Jahr 1791 aufgehoben wurde. Von außen ist es ein prächtiges Gebäude einer gotischen Kirche, typisch für damalige Bettlerorden.

Von der Stadtbefestigung blieben einige Tore erhalten, Eisenturm nahe dem Rheinufer und Holzturm im südlichen Stadtteil.

Mainz ist hübsch trotz Narben, die auf seinem Körper das Wüten des Krieges hinterlassen hat. Es hat an seiner Bedeutung nichts verloren, dafür hilft die zentrale Lage am Rhein. In der Zeit nach Wiener Kongress gab es hier eine Zentrale des österreichischen Geheimdienstes, die hier Fürst Metternich gründete. Heute gewinnt die Öffentlichkeit. Im Stadtteil Lerchenberg befindet sich die Zentrale von ZDF (Zweites deutsche Fernseher) Im Jahr 1964 erwarb hier die Stadt Mainz ein Grundstück von der Größe eine Million Quadratmeter und gründete hier die Sendezentrum von ZDF.

Aber auch die Umgebung von Mainz ist sehenswert. Wer Zeit hat, kann auch das erzbischöfliche Schlösschen in Eltville am Rheinufer besuchen. Dieses begann Balduin von Luxemburg zu bauen, als er der Administrator des Erzbistums war, und hier schloss am 26. Mai 1349 Karl IV. Frieden mit seinem letzten Widersacher bei seiner Königswahl, dem todkranken (wahrscheinlich vergifteten) Günther von Schwarzburg. Wenn man am Flussufer sitzt und beobachtet, wie ein Frachtschiff nach dem anderen vorbeifährt, versteht man, welche Bedeutung der Rhein für die deutsche Wirtschaft hatte (und noch immer hat).

Nahe von Mainz befindet sich auch das Stift Eberbach, wo der Film „Der Name der Rose“ mit Sean Connery in der Rolle von William von Baskerwille gedreht wurde. Wenn man das Schlafzimmer der Mönche besucht, das im Film als Skriptorium diente, hat man das Gefühl, als ob die Tür in jedem Moment aufgehen und der große Sir Sean eintreten sollte.

Ungefähr fünfzig Kilometer flussabwärts zwischen endlosen Weinbergen gibt es dann ein Städtchen Bingen, wo die heilige Hildegard tätig war, ein Stück weiter gibt es dann den Felsen, wo die legendäre Lorelei sang und auf dem anderen Ufer dann die Stadt Rüdesheim, der Ort, wo der deutsche Cognac Asbach produziert wird mit einem Viertel der Weinkeller und Bordelle. Übrigens in Rüdesheim aß ich die wahrscheinlich beste Ente mit Orangensauce in meinem Leben.

Im Gebiet des Erzbischofs von Mainz konnte die Reformation, besonders die calvinische, nichts Böses anstellen. Meine Leser haben sicher bereits erkannt, dass Mainz meine Lieblingsstadt in Deutschland ist – und bleibt.

Mainz I

Wenn ich in dem Artikel über Wiesbaden über eine junge Stadt schrieb, deren Bedeutung höchstens zweihundert Jahre zurückliegt, befindet sich auf dem gegenüberliegenden Rheinufer eine weitere deutsche Landeshauptstadt (Die Hauptstädte der Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz trennt wirklich nur der Fluss und damit ca. 10 Kilometer), und die Geschichte dieser Stadt beginnt noch vor Christi Geburt.

Am 14. September des Jahres 9 vor Christi Geburt stürzte hier der adoptierte Sohn des Kaisers Augustus (der Sohn seiner Gattin Livia) Drusus vom Pferd und starb an den Folgen dieses Sturzes. An sein ruhmloses Ende erinnert der so genannte Drususstein, der in der Zitadelle der Stadt steht – derzeit überdeckt von einem grünen Netz, wahrscheinlich um seinen weiteren Zerfall durch Witterung zu verhindern. Drusus wurde in Rom verbrannt und begraben, in Mainz handelt es sich also um ein Scheingrab, ein so genanntes Kenotaph.

Mogontiacum, wie Mainz damals hieß, entwickelte sich in weiterer Folge zu einem wichtigen römischen Stützpunkt an der östlichen Grenze des Reiches und diese Tatsache hatte mehrere Gründe. Hier mündet nämlich der Fluss Main in den Rhein als eine Pforte in das damals barbarische Germanien und deshalb war Mainz ein wichtiger römischer Flusshafen. Zweitens ist die Region sehr günstig für Weinanbau – der berühmte Rheinwein stammt großteils aus der Umgebung von Mainz, es gibt hier riesige Weinproduzenten wie Kupfenberg (er hat in Mainz auch sein repräsentatives Restaurant „Kupfenberg Terrassen“ auf der Terrasse über die Altstadt) oder Henkel – der größte Sektproduzent. Auf dem gegenüber liegendem Rheinufer gab es dann warme Quellen, nach denen die Römer süchtig waren. Gerade deshalb bauten sie gerade in Mogontiacum die einzige Brücke über den Rhein, die auf dem östlichen Ufer durch eine Festung geschützt war – noch heute heißt dieses Stadtviertel Kastel – aus dem lateinischen Wort „castrum“.

An die römische Vergangenheit der Stadt erinnert neben dem bereits erwähnten Drususstein auch das römische Theater unter der Zitadelle,

das ausgegraben worden ist, als die Mainzer den Südbahnhof ausbauen wollten, und vor allem ein hervorragendes Museum der römischen Schifffahrt. Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht so viel erwartet, als ich das Museum besuchen wollte. Aber die Mainzer schafften es aus dem Fund einiger Reste der römischen Flussschiffe ein absolutes Maximum zu holen, vielleicht noch ein bisschen mehr. Das Museum stellt nicht nur diese Schiffreste aus Holz aus, es gibt hier Modelle der römischen Schiffe in der natürlichen Größe, detailliert beschriebene Vorgänge beim Schiffbau seit dem alten Ägypten bis heute, detaillierte Informationen über die römische Flotte mit Beschreibung der einzelnen Funktionen in der Flotte sogar auch mit entsprechendem Lohn. Es gibt wirklich mehr als genug zum Schauen und wenn sich jemand für römische Geschichte interessiert, ist er hier absolut richtig – ein besseres Museum habe ich bisher nicht besucht.

Allerdings überwunden die Germanen im fünften Jahrhundert den Rhein und von Mogontiacum blieben nur rauchende Ruinen. Die Stadt musste wieder von Null beginnen und ihr Wideraufbau gelang. Ein großer Verdienst an der Auferstehung der Stadt hatte ein Bistum, das in achtem Jahrhundert zum Erzbistum erhoben wurde und für die Stadtentwicklung im Mittelalter und der frühen Neuzeit eine essentielle Rolle spielen sollte.

Zum ersten Mainzer Erzbischof wurde der heilige Bonifatius ernannt. Seine Statue kann man vor der Mainzer Kathedrale sehen.

Dieser Heilige hieß ursprünglich Winfried und er war ein Engländer. Den Namen Bonifatius (also „ein gutes Gesicht“) gab ihm der Papst, als er ihn zu einer Mission nach Mainz entsandte, um dort Ordnung in das damals noch chaotische germanische Christentum zu bringen. Bonifatius gab sein Bestes und war auch erfolgreich. Er errang eine wichtige Stellung am fränkischen königlichen Hof und setzte auf die richtige Karte, als er die Majordomus aus der Familie der Karolinger gegen die machtlosen Könige aus der Familie der Merowinger unterstützte. Nach einer Legende, die allerdings angezweifelt wird, war es Bonifatius, der im Jahr 751 den ersten König der neuen Dynastie Pippin „den Kurzen“ krönte. Weil ihm das Amt des mainzer Erzbischofs offensichtlich zu langweilig war, entschied er sich für den Märtyrertod und in seinen alten Jahren – er war schon achtzig – unternahm er eine Reise nach Norden, um die Friesen zu taufen. Die hatten aber nicht die geringste Lust sich taufen zu lassen und erschlugen den alten Missionar bei Dokkum. Der Leichnam von Bonifatius wurde nicht in Mainz begraben, sondern in Fulda, in einem Kloster, das er zu gründen half.

Die Machtbereiche der einzelnen Erzbistümer im Reich teilte Karl der Große ein und er war zu Mainz sehr freigiebig. Möglicherweise spielte dabei noch die Dankbarkeit Karls Vaters Pippin eine Rolle. Dieses Erzbistum wurde zu dem größten nördlich der Alpen, in seinen Machtbereich gehörte die ganze Mitte Deutschlands und bis 1346 sogar auch Tschechien mit Bistümern in Prag und Olmütz.

Die Dominante der Stadt ist die romanische Kathedrale, eine der vier berühmtesten in Deutschland (neben Speyr, Worms und Trier). Es ist ein Bau aus dem elften Jahrhundert und mit Ausnahme einiger späteren gotischen Zubauten ist es ein monumentaler homogener Bau im hochromanischen Stil.

Mit dem Bau hat Kaiser Heinrich IV. begonnen, der sich gerade im Kampf mit dem Papst um die Investitur befand und mit diesem Bau dem Papst den Wind aus den Segeln nehmen wollte. Das Ergebnis ist imposant. Die Kathedrale macht besonders in den Frühmorgenstunden einen düsteren Eindruck, in ihren drei Schiffen mit riesigen Säulen fühlt man sich verloren, aber im Moment, wenn durch die Fenster die ersten Sonnenstrahlen in das Kircheninnere dringen, bekommt der Raum ein unglaubliches Flair. Die Kirche hat zwei Apsiden, sie ist in Gegensatz zu anderen Kirchen nach Westen orientiert und der Westchor gehörte dem Erzbischof. Im Ostchor saß der König, nur eine Spur niedriger als der Domherr auf der anderen Seite der Kirche. Die Krypta befindet sich aber unter dem Ostchor.  Interessant sind die Grabsteine der mainzer Erzbischöfe. Die Nummer 1 und 2 gehören den so genannten Kaisermachern. Einer davon war Peter von Aspelt, ein Kanzler des tschechischen Königs Wenzel II. Dieser Bürger der Stadt Basel machte eine unglaubliche Karriere – er wurde durch die Intervention Wenzels zum Erzbischof von Mainz. Er hatte ein Verdienst an der Wahl Heinrichs VII. von Luxemburg zum Kaiser und nach seinem Tod hatte er den entscheidenden Einfluss auf die Wahl seines Nachfolgers Ludwig IV. von Bayern. Ein nicht-adeliger wurde so zum mächtigsten Mann in Deutschland. Auf seinem Grabstein ducken sich unter dem rechten Arm des riesigen Erzbischofs diese zwei Kaiser, während unter seinem linken Ellbogen steht der tschechische König Johann von Luxemburg, dem er zur tschechischen Königskrone verhalf.  Alle drei natürlich deutlich kleiner als der große Erzbischof.

Aspelt gegenüber gibt es den Grabstein von Siegfried III. von Eppstein. Dieser ließ gegen den damaligen Kaiser Friedrich II. gleich zwei Gegenkönige wählen, zuerst Landgraf von Thüringen Heinrich Raspe, den er sogar im mainzer Dom selbst krönte und als dieser viel zu früh starb, ließ er Wilhelm von Holland zu seinem Nachfolger wählen. Beide ducken sich auf dem Grabstein unter seine Arme und sind laut ihrem Gesichtsausdruck ihrem Wohltäter entsprechend dankbar. In den Fenstern der Kathedrale gibt es Porträts der Erzbischöfe aus Glas, diese Reihe endet mit Aspelt. Seit seinem Nachfolger Mathias von Buchegg werden die Porträts durch Wappen der neuen Herrn von Mainz ersetzt. Es wurde nämlich eine Regel erlassen, dass zum Erzbischof von Mainz nur ein Adeliger, der mindestens in sechs Generationen seine adelige Herkunft nachweisen konnte, werden durfte. Somit wurde mit dem Treiben gemeiner Bürger von Typ Aspelt, die sich einbildeten, die höchste Politik machen zu dürfen, Schluss gemacht.

Die Erzbischöfe von Mainz gehörten zu den sieben Reichskurfürsten, also zu Herren mit dem Wahlrecht bei der Wahl der römischen Könige. Wenn der tschechische König als der erste die Stimme abgeben durfte und damit die Richtung andeuten konnte, hatte der Erzbischof von Mainz das Recht, als der letzte die Stimme abzugeben, was ihm bei Stimmengleichheit eine besondere Bedeutung verlieh. Die Stadt mit der Umgebung beherrschten die Erzbischöfe bis zum Jahr 1792 als französische Truppen in die Stadt einmarschierten und mit dem kirchlichen Fürstentum ein schnelles Ende machten. Nicht immer war die Fürstenkrone des Erzbischofs ein Segen. Der Thron in Mainz war viel zu verlockend und so kämpften nicht nur einmal zwei Kandidaten um dieses Privileg. Im Jahr 1462 wurde die Stadt von den Truppen des päpstlichen Kandidaten Adolf II. von Nassau eingenommen und ausgeplündert und verlor alle ihre Rechte. Damals musste auch der berühmteste Bürger von Mainz Johann Guttenberg die Stadt verlassen (später durfte er aber zurückkehren).

Übrigens auch die Luthers Reformation hat indirekt mit Mainz zu tun. Albrecht von Brandenburg war im Jahr 1514 der Erzbischof von Magdeburg und der Administrator in Halberstadt. Das war ihm aber nicht genug. Er sehnte sich nach dem Titel eines Kurfürsten, war aber nicht bereit, auf die Einkünfte aus Magdeburg zu verzichten. Zwei verschiedene Erzbistümer zu verwalten (und besonders zwei Einkünfte zu konsumieren) widersprach den damaligen kirchlichen Gesetzen. Papst Leo X. (Giovanni Medici aus einer Kaufmannfamilie) war bereit, eine Ausnahme zu machen – wenn er dafür genug Geld bekommen würde, das der Fertigstellung des Petersdomes in Vatikan zugutekommen könnte. Albrecht ließ also in ganz Deutschland Ablässe verkaufen, er beauftragte mit dem Verkauf den größten Bankier der Zeit, Jakob Fugger, der dafür einen beträchtlichen Teil des Geldes selbst behalten durfte. Diese Unverschämtheit hat Martin Luther zu seinem Auftreten in Wittenberg am 31. Oktober 1517 veranlasst. Albrecht wurde trotzdem zum Kurfürsten von Mainz und blieb in dieser Funktion bis zum Jahr 1545, er wurde sogar zum Kardinal und Erzkanzler des Römischen Reiches. An seine Person erinnert der Rohrbrunnen auf dem Markt vor der Kathedrale und ein Grabstein drinnen, in den der Autor unter dem Porträt des Erzbischofs ein bisschen böswillig einen Teufel gemeißelt hat.

Wiesbaden II

Die Hauptachse der Stadt liegt außerhalb des historischen Zentrums und es ist die breite und repräsentative Wilhelmstraße, die den Namen des ersten deutschen Kaisers trägt.

               Sie führt vom Hauptbahnhof zum Kurhaus und läuft eigentlich auf dem ehemaligen, jetzt zugeschütteten Graben. Vor dem Kurhaus, einem großen Gebäude im neoklassizistischen Stil, mit einem großen Saal und dem Restaurant „Käfer“ gibt es das moderne Zentrum der Stadt mit so genannten „Bowling green“, wie die große Grasfläche vor dem Kurhauseingang von englischen Gästen genannt wurde – mit zwei Fontänen und einer Kolonnade, hinter der sich das Wiesbadener Theater befindet und dann ein großer englischer Park „Warmer Damm“. Zur Gründung dieses Parks, ohne den das heutige Wiesbaden unvorstellbar wäre, diente die Fläche vor den Stadtmauern, die in der Zeit der befestigten Städte nicht bebaut werden durfte, damit sich hier im Fall einer Belagerung der Feind nicht verstecken konnte. In den Jahren 1859 – 1860 wurde dieser 7 Hektar großer Park von Karl Friedrich Thelemann angelegt. Der zweite Teil des Parks, vielleicht sogar der schönere Teil, ist hinter dem Kurhaus versteckt und man kann hierher von der Terrasse kommen, die von dem Hintereingang des Gebäudes zugänglich ist.

               Warme Quellen sprudeln aus dem Boden in dem oberen Stadtteil zum Fuß des Gebirges Taunus. Direkt kann man sie auf dem „Kochbrunnenplatz“ sehen, wo es eine Fontäne mit dem natürlichen Thermenwasser und mit natürlichen Sedimenten gibt.

               Um diesen Platz stehen die prominentesten Hotels von Wiesbaden, außer anderen auch der „Nassauer Hof“, das „Hotel Palast“ oder das „Radison Blue Schwarzer Bock“ – natürlich jedes mit einer eigenen Hoteltherme von dem natürlichen Warmwasser aus der Tiefe der Erde gespeist. Wiesbaden lockte gerade dadurch seine Gäste an, logischerweise war hier auch Goethe, der wahrscheinlich alle Kurorte Europas in seinem Leben besucht hat, natürlich verliebte er sich auch hier, weil er sich praktisch überall verliebt hat.  In Wiesbaden war er mehrmals in den Jahren 1814 und 1815 und Marianne Jung, die er hier kennenlernte, widmete er sein Gedicht „Ginkgo biloba“.

               Das Literaturhaus Wiesbadens hat seinen Sitz in der Villa Clementine auf der Wilhelmstrasse, auf der gleichen Straße befindet sich auch das Stadtmuseum, das ich zu meiner Schande noch nie besucht habe, obwohl es sich direkt „vis á vis“ gegenüber der Kongresshalle befindet. Es ist wieder einmal ein monumentales Gebäude in klassizistischen Stil.  Es ist deshalb so groß, da es ursprünglich als Palast für den Kronprinzen Wilhelm gebaut wurde. Als der Vater von Wilhelm im Jahr 1816 überraschend starb und der Kronprinz zum neuen Herzog wurde, übersiedelte er in das Stadtschloss und das Gebäude war plötzlich frei. Die Gründung des Museums hat angeblich aus der Initiative des bereits erwähnten und wieder einmal anwesenden Johann Wolfgang Goethes stattgefunden. Wiesbaden ehrte ihn dafür mit einer Statue, die direkt vor dem Museumeingang steht (eigentlich sitzt).

               Auf dem Kochbrunnenplatz beginnt die Einkaufsmeile von Wiesbaden – die Tausnustraße. Sie verbindet das historische Fünfeck des Stadtzentrums mit dem Tal unter dem Neroberg, einem Aussichtsberg über Wiesbaden. Der Besuch des Nerotals zahlt sich schon deshalb aus, weil hier die Villen der reichsten Bürger von Wiesbaden stehen. Auf den Neroberg führt eine Seilbahn, die aber nicht das ganze Jahr in Betrieb ist. Sie wurde im Jahr 1888 bei der Gelegenheit der Thronbesteigung des neuen Kaisers Friedrich III. auf den deutschen Kaiserthron eröffnet.

               Zu Friedrich hatte Wiesbaden eine enge Beziehung. Dieser Kaiser, ein Intellektueller und ein guter Freund des österreichischen Kronprinzen Rudolfs, war eine Hoffnung des damaligen Europas. Er bemühte sich um eine Versöhnung zwischen den Nationen, er stand politisch der Sozialdemokratie nah, da er glaubte, dass die Vermögensverteilung zur Erhöhung der Kaufkraft der Bevölkerung und dadurch zu weiterem Wohlstandwachstum und zu ökonomischem Aufschwung führen würde – was sich in Zukunft bewahrheiten sollte. Die deutsche Industrie hätte sich mehr auf Eigenverbrauch orientieren sollen, um nicht mehr so stark vom Export abhängig zu sein, den das immer mehr zurückbleibende Großbritannien blockieren wollte. Das führte zur Spannung, die sich letztendlich im Gräuel des Ersten Weltkrieges entladen sollte. Friedrich verbrachte in Wiesbaden sehr viel Zeit und deshalb hat er vor dem Hotel „Nassauer Hof“ gegenüber dem Kurhaus seine Statue. Seine Aufenthalte in der Kurstadt hatten allerdings einen traurigen Grund. Friedrich war schwer krank. Als ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher erkrankte er an Kehlkopfkrebs und starb nach lediglich 99 Tagen Regierung im Alter von 57 Jahren – deshalb wird das Jahr 1888 in Deutschland als „Dreikaiserjahr“ genannt. Sein Sohn Wilhelm II. erbte weder sein Intellekt, noch seine Ideale und Europa nahm den Weg in die größte Tragödie seiner Geschichte.

               Nach Kaiser Friedrich heißt auch die öffentliche Stadttherme „Kaiser Friedrich Therme“, die sich in der nordwestlichen Ecke des historischen Stadtzentrums befindet. Die Öffnungszeiten für die Öffentlichkeit sind von zehn vormittags bis zehn abends, am Freitag und am Sonntag sogar bis Mitternacht. Die Eintrittskarte kostet im Sommer 5 und im Winter 6,50 Euro (Stand 2019) – für eine Stunde. Der Luxus – die Therme sind im Inneren im orientalen Stil gebaut – kostet halt was.

               Vom Neroberg, den man entweder zu Fuß besteigen oder sich mit der Seilbahn befördern lassen kann, hat man eine wunderschöne Aussicht auf die Stadt, die einem wortwörtlich zu Füssen liegt. Eine Kuriosität, die eines Besuches wert ist, ist die orthodoxe Kirche. Nein, die Herzöge von Hessen traten nicht zur Orthodoxie über. Einer von ihnen, Adolf, besuchte aber im Jahr 1843 Russland und verliebte sich dort in Prinzessin Jelizaveta Michailovna, eine Nichte der Zaren Alexander I. und Nikolai I. Sie erwiderte seine Liebe, im Jahr 1844 gab es eine Hochzeit und die russische Prinzessin übersiedelte nach Wiesbaden, wo sie ein Jahr später bei der Geburt ihres ersten Kindes starb – sie war 19 Jahre alt. Der verzweifelte Herzog ließ auf dem Neroberg eine Kirche bauen, in dem sie mit ihrem Kind begraben ist.

               Wiesbaden ist deutsche Hauptkurstadt, also irgendwie immer noch die zweite Hauptstadt Deutschlands. Bis heute habe ich nicht verstanden, warum Bonn und nicht Wiesbaden die Hauptstadt der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1945 – 1990 war. Vielleicht waren die Hessener nicht bereit, auf ihre Landeshauptstadt zugunsten der gesamten Republik zu verzichten. In jedem Fall ist Wiesbaden die Hauptstadt der deutschen Internisten und ich hoffe es noch einmal aus diesem Grund zu besuchen zu können. Gleich, wenn das Coronavirus Geschichte wird.