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Mauritius II

Mahé de Labournais erschuf auch eine weitere große Attraktion der Insel. Er hatte nämlich kein Interesse daran, sein Leben in den stinkenden Straßen des Hafens von Port Louis zu verbringen, und ließ sich daher im Jahr 1736 in der Stadt Pamplemousses ein Schloss mit dem vielversprechenden Namen “Mon Plaisier” also “Mein Vergnügen“ oder „Mein Genuss” bauen.

Das Schloss steht dort zwar immer noch (obwohl von den Engländern umgebaut), würde aber die Besucher allein nicht anlocken. Aber der freundliche Gouverneur ließ auf dem 209-Morgengroßen-Grundstück mithilfe von Sklaven aus Madagaskar einen Garten anlegen. Zwar hatte er hier hauptsächlich Obstbäume und ließ Gemüse für seine Küche anbauen, aber 1767 übernahm der wirkliche Biologe Pierre Poivre die Verwaltung und ließ aus dem Gemüsegarten einen botanischen Garten entstehen, der zu einer der wichtigsten Attraktionen der Insel wurde. Bis 1785 ließ Poivre hier 600 verschiedene Pflanzenarten pflanzen. Poivre verdiente sich dafür seine Büste, die sich im Zentrum des Gartens befindet. Hier kann man rosa und weiße Lotusblumen bewundern, Wasserhyazinthen, riesige Wasserlilien aus dem Amazonas, alle Arten von Palmen, sogar eine, die nur alle dreißig Jahre blüht (sie heißt Talipot, und ich hatte Glück, dass sie gerade blühte). Aber es gibt auch Zimtbäume, Nelken, Muskatnuss, Vanille (die nur als Parasit an Bäumen wächst), Brotfrucht, Mango und viele andere Früchte. Mahagoni- und Ebenholzbäume sind ebenfalls vorhanden, sowie der sogenannte “Blutende Baum” mit rotem Harz, das angeblich zur Behandlung von Ekzemen verwendet wird, und natürlich der Baobab. Es lohnt sich auf jeden Fall, neben dem Eintrittsgeld auch für ein kleines Honorar  einen Führer zu nehmen. Sie sind meistens Showmänner, die die Besucher wirklich für ein Euro unterhalten. Sie sprechen alle Sprachen, auch wenn der Unterschied schwer zu identifizieren ist. Trotzdem, als er uns zum Schloss mit der Anweisung “Mak foto and kom bak,” schickte, konnte ich seiner Anweisung mehr oder weniger folgen. Französisch kommt den Einheimischen eben doch besser von den Lippen.

Der weiße Lotus

Übrigens wird das Pflanzen von Bäumen fortgesetzt. Offensichtlich muss jeder Staatsmann, der Mauritius besucht, nach Pamplemousses gehen und eine Schaufel in die Hand nehmen. Schon 1956 pflanzte Prinzessin Margaret hier einen Baum, 1998 folgte dem Beispiel auch Prinzessin Anne. Außerdem pflanzten hier Indira Gandhi, Nelson Mandela, Francois Mitterand, aber auch der gangsterhafte Präsident von Simbabwe, Mugabe. Und natürlich darf auch der Vater der Nation, Seewoosagur Ramgoolam, nicht fehlen, der hier am 12. März 1973 einen Baum gepflanzt hat. Nach ihm ist der ganze Garten übrigens benannt, also SSRBG (Sir Seewoosagur Ramgoolam Botanischer Garten).

In Pamplemousses ist auch die örtliche Kirche St. Franziskus sehenswert, und auf dem angrenzenden Friedhof liegt der Beichtvater von Kaiser Napoleon, Abbé Buonavita, der Napoleon nach St. Helena begleitete und nach dem Tod des Kaisers nach Mauritius umzog, wo er auch starb. Und Vorsicht, in Pamplemousses gibt es auch das Café “Wiener Walzer”. Neben dem Sacherkuchen wird hier aber auch Curryhühnchen angeboten.

Im Gegensatz zum stark bewohnten Norden und Zentrum der Insel ist der Süden nur sporadisch besiedelt. Vielleicht liegt das daran, dass es hier viel mehr regnet. Luxushotels und Golfplätze finden Sie hier natürlich auch (Der österreichische Film „O Palmenbaum“ wurde im Süden unter dem Berg Le Morne Brabant gedreht.) Im Südwesten befindet sich der Bezirk “Black River”. Der Fluss dieses Namens mündet in Tamarin ins Meer, sein Wasser ist jedoch nicht schwarz. Der Name geht auf eine historische Tatsache zurück. Gerade in der fast unbewohnten Gegend um diesen Fluss suchten entflohene Sklaven von den Zuckerrohrplantagen Zuflucht. Und die Sklaven aus Madagaskar waren – wenn man das heute noch schreiben kann – schwarz. Heute ist der Black River das größte Naturschutzgebiet auf Mauritius.

Und es gibt hier viel zu sehen. Die größte Attraktion ist der hinduistische heilige See Grand Bassin. Im Jahr 1897 hatte der hinduistische Priester Shri Jhummon Giri Gosagne (ich hoffe, ich habe den Namen richtig geschrieben, mit diesen indischen Namen habe ich einige Probleme) die Vision, dass das Wasser im Kratersee im Zentrum der Insel den gleichen heiligen Wert hat wie das Wasser des Ganges, wohin sich Hindus regelmäßig zur rituellen Reinigung begeben. Offenbar hatten die hinduistischen Einwohner der Insel keine Lust, mit dem Schiff nach Indien zum rituellen Bad zu fahren – schließlich konnten sich das nur die Wenigsten leisten. Heutzutage könnten sie viel einfacher nach Kalkutta fliegen, aber sie bevorzugen immer noch die jährliche Pilgerreise zum Grand Bassin. Angeblich versammeln sich hier während des heiligen Frühlingsfestes Maha-Shivaratree binnen einer Woche bis zu 600.000 Menschen. Am Anfang des Geländes stehen riesige Statuen der Götter Shiva und Durga.

Die Göttin Durga

Sie sind 34 und 37 Meter hoch, wobei die Durga, die immer mit einem Löwen abgebildet wird, da sie eine Kämpferin gegen alles Böse ist, größer (und jünger) ist. Der heilige See ist ein Stück weiter entfernt, alle Menschen haben einen freien Zugang zu seinem Ufer. Im Gegensatz zu Muslimen hindern Hindus auch ungläubige Touristen nicht am Betreten des Tempels, wo sie sogar den Segen des Priesters erhalten können. Der Priester möchte nur wissen, woher die Person kommt, sein Verhältnis zum Hinduismus interessiert ihn nicht, und dann zeichnet er heilige Zeichen auf die Stirn der Person. Nur Schuhe müssen – genauso wie in einer Moschee vor dem Eingang abgelegt werden. Im See befinden sich Statuen weiterer Götter, auch die Heilige Dreifaltigkeit Trimurti, die den Schöpfer Brahma, den Zerstörer Shiva und den Beschützer Vishnu darstellen. Es gibt angeblich viele Fische im See, aber sie dürfen nicht gefangen werden, sie sind genauso heilig wie das Wasser, in dem sie schwimmen. Auch ein Fisch muss bei seiner Geburt den richtigen Ort wählen können um in Sicherheit zu leben.

Die hinduistische Trinitas, Brahma, Vishna und Schiva

Eine weitere Route führt nach „Plaine Champagne“ – eine Hochebene, von der aus die höchsten Berge der Insel aufragen. Sie erreichen jedoch nur eine Höhe von etwas über 800 Metern über dem Meeresspiegel, in Gegenteil zu Reunion gibt es auf Mauritius keine höheren Berge. Aber es reicht. Von der Aussichtsterrasse aus kann man bis zum Meer und zum Wasserfall des Flusses Black River schauen. Dann geht es serpentinenartig in das Dorf Chamarel. Entlang der Straße befindet sich die echte mauritische Flora, die anderswo auf der Insel längst durch importierte Pflanzen ersetzt wurde. Hier dominiert daher noch immer die einzige Palme, die auf der Insel vor der Ankunft der Menschen wuchs – die Flachpalme. Alle anderen, einschließlich der Kokospalme, die auf der Insel am häufigsten vorkommt, sind Importe. Sie gedeihen jedoch hervorragend im lokalen Klima, es gibt so viele Kokosnüsse, dass überall Schilder vor ihnen warnen – “Beware of falling Coconuts”.

Das Dorf Chamarel hat mehrere Attraktionen. Erstens ist es das Dorf, nach dem der bekannteste mauritische Rum benannt wurde. Das allein würde dem Ruf des Dorfes genügen, aber der Mensch lebt nicht nur von Rum. Chamarel ist auch der einzige Ort, an dem Kaffee angebaut wird. Auf der Plantage nahe des Dorfes wird 100% Arabica produziert – das als Souvenir gekauft werden kann, ist aber ziemlich teuer. Die Restaurants in Chamarel bieten einen wunderschönen Blick auf die Westküste, und deshalb machen Touristengruppen hier gerne halt für das Mittagessen. Dann erwartet sie die Hauptattraktion, der „Seven Colored Earths“. Hier hat der Vulkan wirklich schön und kreativ gespielt. Der Boden, der hart genug ist, um auch den Zyklonen zu widerstehen, hat einen hohen Gehalt an Eisen und Aluminium. Diese beiden Metalle, oder genauer gesagt ihre Verbindungen, vermischen sich in verschiedenen Verhältnissen, so dass auf kleinem Raum die unterschiedlichsten Farbtöne entstehen, von Rot über Braun, Violett, Grün, Purpur, Blau und Gelb. Es sollen sieben sein und ich möchte es glauben, aber ich habe auch Grau und Weiß gesehen. Diese zählen vielleicht nicht, sie sind zu gewöhnlich.

Der Anblick ist wirklich erstaunlich. Um es ein wenig aufzulockern, haben die Einheimischen einen Auslauf für riesige Schildkröten eingerichtet (wenn man bei diesen Tieren ihre Bewegung überhaupt als Laufen bezeichnen kann), die nicht einheimisch sind, da die Kolonialherren die ursprüngliche Population dieser Schildkröten auf Mauritius ausgerottet und verspeist haben. Dann kam jedoch Charles Darwin, entschloss sich zu experimentieren und brachte neue riesige Schildkröten von den Seychellen mit. Er wollte wissen, ob sich die Tiere an die neuen Lebensbedingungen anpassen würden. Sie haben sich angepasst, und wie! Sie erreichen bis zu einem Meter Länge und leben 150 Jahre lang. Die ersten, die sich noch an Darwin erinnern könnten und um 1880 nach Mauritius kamen, haben gerade jetzt ihr Alter erreicht und bald erinnert sich niemand mehr an Herrn Charles persönlich.

Im äußersten Südwesten der Insel befindet sich eine große Attraktion – der Berg Le Morne Brabant. Dieser Berg befindet sich auf einer Landzunge, die ins Meer ragt, was ihm einen unverwechselbaren Charme verleiht.

Hier ereignete sich die Tragödie, nämlich der Massenselbstmord der Sklaven im Jahr 1834, als die Engländer ihnen die Freiheit in ihrer unverständlichen Sprache verkündeten. Dieses Ereignis wird hier durch ein Denkmal aus dem Jahr 2009 erinnert. Heutzutage werden auf der Halbinsel ständig neue Hotels gebaut, denn hier gibt es schöne Strände und einen Golfplatz. Die eigentliche Attraktion ist jedoch der Berg, der wie ein unüberwindlicher Felsen über der Halbinsel aufragt. Er kann erklommen werden, ein Weg führt zum Gipfel. Die offizielle Information lautete, dass es erlaubt ist, nur den Weg bis zu einem Aussichtspunkt etwa zweihundert Meter über dem Meer zu besteigen, und zum Gipfel sollte man mit einem Führer gehen. Sogar das Video im Internet sah ziemlich gefährlich aus und verursachte meiner Frau Angst. Sie wies mich darauf hin, dass unser drittes Enkelkind bald in Wien geboren wird und “Opa wird gebraucht.” Also suchte ich nach Hilfe für Familienfrieden und fand einen gewissen Tomáš Naňák, der auf Mauritius lebt und solche Dienstleistungen anbietet – meine Frau konnte sich nämlich nicht vorstellen, dass ich alleine auf den Gipfel klettern würde. Wir kontaktierten das Reisebüro Likexpats, erhielten jedoch die Antwort, dass die Mindestteilnehmerzahl zwei Personen und der Preis auch bei einem Teilnehmer 400 Euro beträgt. Also machte ich mich alleine ohne Führer auf den Weg. Im Gegensatz zu den Gerüchten, die mir im Hotel erzählt wurden, gab es dort kein Verbot, den Gipfel ohne Führer zu besteigen. Es wird nur empfohlen, dass es sich um einen erfahrenen Bergsteiger und kein Kind handelt, der ein angemessenes Schuhwerk und genug Wasser hat. Ich kam zu dem Schluss, dass ich alle erforderlichen Voraussetzungen erfüllte (meine Wanderstiefel habe ich zehn Stunden im Flugzeug transportiert. Sie nahmen die Hälfte meines Koffers ein, und es wäre also schade, sie nicht zu benutzen), und so erklomm ich den Gipfel. Es war eine Wanderung “leicht bis etwas schwer” – auf jeden Fall war “Hilfe der Hände notwendig für den weiteren Fortschritt”.

Aber ich habe in meinem Leben bereits schlimmere Berge bestiegen. Die Belohnung war eine erstaunliche Panoramaaussicht vom Berg über das Land bis zum Meer und zu dem den Insel umgebenden Korallenriff – einfach wie ein Traum, aus dem man nicht aufwachen möchte. Ich wollte von dort nicht weggehen, es war einer der schönsten Bergaufstiege in meinem Leben – vielleicht sogar der allerschönste. Aber meine Flasche mit 1,5 Litern Wasser war knapp bemessen. Bei Temperaturen bis zu dreißig Grad und einer Luftfeuchtigkeit von über neunzig Prozent schwinden die Kräfte schneller als in den Alpen, man schwitzt viel und der Wasserbedarf ist groß. Gott sei Dank breitete sich über meinem Kopf gnädig eine riesige Wolke aus, die die Sonnenhitze dämpfte. Also wenn man nach Mauritius reist, sollte man die Wanderschuhe nicht vergessen. Der Aufstieg, so anstrengend er auch sein mag, lohnt sich auf jeden Fall.

Und – bevor ich es vergesse, ich habe versprochen, noch die romantische Geschichte über das mauritische „Romeo und Julia Paar“ zu erzählen, nämlich in der örtlichen Ausführung über Paul und Virginie. Dieses Versprechen werde ich natürlich einhalten. Die Geschichte erzählt von einer unerfüllten Liebe des armen Jungen Paul und Virginie, des Mädchens aus einer reichen Familie. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit, und ihre Kindheitsfreundschaft entwickelte sich zu einer leidenschaftlichen Liebe. Virginies Eltern erschraken jedoch, weil sie für ihre Tochter einen anderen Bräutigam im Sinn hatten als den armen Paul. Sie schickten also ihre Tochter zum Studium nach England und hofften, dass die Jugend darüber hinwegkommen würde. Aber das geschah nicht. Virginie konnte es in England ohne Paul nicht aushalten (vielleicht spielte auch das Wetter eine Rolle, das man wirklich nicht mit dem sonnigen Mauritius vergleichen kann), sie schiffte sich heimlich auf das Schiff namens „Saint Géran“ ein und begab sich damit auf den Weg zu Paul nach Hause. Aber einige Kilometer von der Küste entfernt zerschellte das Schiff, als es auf das Korallenriff fuhr, brach in zwei Hälften und die Besatzung sowie die Passagiere ertranken. Nur neun Menschen überlebten, darunter war nicht Victoria. Paul fand nur ihren Leichnam, und kurz darauf starb er selbst – an einem gebrochenen Herzen.

Paul und Virginia

Diese Geschichte hat sich Mauritius bereits angeeignet und ist Teil seiner Kultur. Das Denkmal von Paul und Virginie findet man in Curepipe und in Port Louis. Die zwei liebenden waren auch im botanischen Garten in Pamplemousses, dort blieb nur der Sockel von ihnen übrig, die Statuen sind jetzt in der Kirche. Hotels und Restaurants tragen ihre Namen, und in der Stadt Tamarin ist sogar die Grundschule nach ihnen benannt.

Die ganze Geschichte hat nur einen Haken: Sie ist nie passiert. Auf dem Schiff Saint Géran mit einem Verdrängungsgewicht von 600 Tonnen, das am 24. März 1744 tatsächlich vor der Nordküste der Insel versank, kamen zwar drei Mädchen ums Leben, aber keines von ihnen hieß Virginie. Die Passagierlisten sind erhalten geblieben. Die neunzehnjährige Marie Anne Mallet, die sechzehnjährige Louise Augustine Callou und die zwölfjährige Jeanne Heléne Neiznein sind gestorben. Aber im Jahr 1768 kam der Schriftsteller Jaques-Henri Bernardin de Saint Pierre auf Mauritius an, und als er von der Schiffstragödie erfuhr, küsste ihn die Muse. Er verfasste also einen Roman über die Tragödie zweier jugendlicher Verliebter, und das im Jahr 1788 veröffentlichte Buch wurde zum Bestseller und anschließend ein integraler Bestandteil der mauritischen Kultur. Wenn interessiert schon, ob Paul und Virginie wirklich gelebt haben?

Glaubt vielleicht jemand wirklich, dass Julia Capulet sich tatsächlich in Romeo Montague verliebt hat?

Mauritius I

Die Insel ist für den Winterurlaub wie geschaffen – auf Mauritius ist nämlich während unserer Winterzeit Sommer. Bitte versuchen Sie nicht, wie meine Frau, im November auf Mauritius warme Winterkleider für die Enkelinnen zu kaufen. Ihre Bemühungen wurden nur mit ungläubigem Kopfschütteln belohnt, auch wenn wir in Port Louis ein etwa zweijähriges Kind mit einer warmen Mütze gesehen haben. Der ideale Beginn des Sommers ist also im November (dortiger Mai), denn mögliche Zyklone treten erst auf, wenn der Indische Ozean Temperaturen über 26 Grad erreicht, was normalerweise erst gegen Ende Dezember der Fall ist. Aber selbst von einem Zyklon wird man nicht am Strand überrascht, denn auf Mauritius gibt es ein sehr gutes Frühwarnsystem. Allerdings ist es auch nicht der ideale Urlaub, wenn draußen ein Sturm wütet und man einige Tage im Hotel verbringen müsste. Also am besten im November oder Anfang Dezember hinfliegen.

Mauritius ist von einem Korallenriff umgeben, was gleich mehrere Vorteile hat. Erstens gelangen Haie nicht durch das Riff, was den Badegästen ein Sicherheitsgefühl gibt. Es erreichen auch keine Wellen das Ufer, weil das Riff wie ein zuverlässiger Wellenbrecher wirkt. Das ist wiederum ideal für meine Frau, die gerne badet. Sie nennt das „člupkanie“, was schwer ins Deutsch zu übersetzen ist. Man könnte das als Genießen des Aufenthaltes im warmen Wasser beschreiben, vom Schwimmen ist diese Tätigkeit allerdings sehr weit entfernt. Und schließlich ist es eine ideale Situation für Touristen, die gerne tauchen. In jedem Hotel gibt es eine Tauchschule, und Boote bringen begeisterte Taucher zum besagten Korallenriff, damit sie sich erfreuen können. Übrigens ist das Wasser zwischen dem Ufer und dem Riff am Nachmittag bei Ebbe so flach, dass man fast bis zum Riff auf dem Meeresboden gehen kann. Es wird jedoch empfohlen, Badeschuhe zu tragen, da es am Boden Seeigel gibt und auch die harten Korallen sind nicht gerade angenehm zu betreten. Es ist auch ziemlich sinnlos, Muscheln am Strand zu suchen, denn dort gibt es keine, höchstens Bruchstücke von Korallen. Die Muscheln oder Korallen dürfen übrigens nicht von Mauritius ausgeführt werden, auch wenn man sie im Laden gekauft hat und dies beim Zoll nachweisen kann. Selbst dann werden die Muscheln oder Korallen beschlagnahmt, und man erhält auch noch eine saftige Strafe.

Etwas schlechter als Schwimmer haben es Surfer, aber auch sie finden Destinationen, wo sie auf Wellen stoßen. Das ist in der Nähe der Stadt Tomatin an der Westküste der Fall, wo der Black River ins Meer mündet. Das hat anscheinend zur Folge, dass das Riff hier unterbrochen ist und somit Wellen entstehen, die angeblich für den Spaß der Surfer ausreichen. Es gibt auch einen Campingplatz, aber der Strand selbst lädt nicht gerade zum Baden ein. Zumindest mich hat er nicht gelockt.

Der Strand von Tamarin

Was sollen aber Besucher auf Mauritius tun, die auch andere Interessen als das Baden im warmen Wasser des Indischen Ozeans haben? Also Menschen wie mich! Überraschenderweise finden auch sie genügend Aktivitäten, sie müssen nicht einmal auf einem der sieben Golfplätze spielen, die auf der Insel ganzjährig im Beitrieb sind. Ich habe jedoch genug Golfer gesehen. Die Problematischen, die alle Schläger mitgebracht haben und dann auf eine besondere Behandlung bestanden, sowie auch die Problemlosen, die sich einfach die Ausrüstung vor Ort ausleihen. Ich denke, die zweite Variante ist einfacher, zumindest hat mir das eine Kollegin aus Kärnten gesagt, die neben mir im Flugzeug saß.

Die Insel hat grundsätzlich zwei Hauptstädte. Die offizielle Hauptstadt ist Port Louis, aber das ist nur die Metropole für die arbeitende Klasse. Die Stadt selbst hat 150.000 Einwohner, weitere 200.000 pendeln hierher täglich zur Arbeit. Dies führt jeden Morgen zu unglaublichem Verkehrsstau auf den Zufahrtsstraßen (und nachmittags auf den Ausfahrtsstraßen). Die Mauritier gehen zwar mit der Zeit ziemlich nachsichtig um, aber das alltägliches Verkehrschaos ist oft sogar für ihre belastbaren Nerven zu viel. Reiche Leute wohnen daher lieber in Curepipe. Die Stadt liegt etwas abseits von der Küste, auf einem Hügel um einen erloschenen Vulkan. Dort befinden sich Luxusvillen, Residenzen und die meisten Botschaften, vor allem die französische und die britische, um nur die beiden wichtigsten zu nennen. Damit diese Privilegierten nicht mit dem Auto nach Port Louis fahren müssen, wurde in den letzten drei Jahren eine Verbindung mit einem Schnellzug zwischen diesen Städten geschaffen. Die Einheimischen nennen es stolz “Metro”, obwohl es nirgendwo unterirdisch fährt. In Port Louis hat es Haltestellen am Hafen an der sogenannten “Watterfront”, dem modernsten Teil der Stadt, der durch zwei Unterführungen mit der “Harbourfront” verbunden ist, wo sich Banken und die wichtigsten Unternehmen und Behörden in Hochhäusern befinden.

Port Luis Watterfront

Damit ist also für den Komfort der Wohlhabenden gesorgt, die einfache Bevölkerung kämpft täglich auf den überfüllten Autobahnen am Stadteingang.

Die Einheimischen behaupten, dass dieser Schnellzug in Zukunft die ganze Insel verbinden soll, aber in Curepipe scheint der Bau irgendwie ins Stocken geraten zu sein. Vielleicht fehlt das Geld oder die Motivation. Oder beides. Obwohl die Insel nicht groß ist, erfordern Transporte eine gewisse Zeit und die damit verbundene Geduld. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit beträgt etwa 30 Kilometer pro Stunde, sodass man bei der Fahrt vom Flughafen nach Port Louis, das etwa 45 Kilometer entfernt ist, mit anderthalb Stunden rechnen muss. Auch Taxifahrer halten sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit, da Strafen für Geschwindigkeitsüberschreitungen vor Ort ziemlich drakonisch sind. Sie beginnen bei 2000 Rupien, das ist 40 Euro, was bei einem durchschnittlichen Gehalt von 18.000 Rupien ziemlich viel ist. Und es gibt keine Toleranz, es muss also auch für eine Überschreitung der Geschwindigkeit um nur einen einzigen Kilometer gezahlt werden.

In Curepipe wird Touristen der erloschene Vulkankrater gezeigt, der sich auf einem Hügel unterhalb der Wetterstation befindet.

Es ist ein frequentierter Treffpunkt aller von Reisebüros organisierten Ausflügen. Zum Pflichtprogramm gehört auch der Besuch der Manufaktur für Erzeugung der Schiffsmodelle. Die Modelle werden hier von Hand hergestellt, und man wird durch die Werkstatt geführt, um dazu verleitet zu werden, zumindest eines der Modelle zu kaufen. Neben Titanic oder Victory gibt es auch Black Bird aus den „Pirates of the Caribbean“. Außerdem wird man wahrscheinlich nicht um den Besuch des Betriebes für Weinerzeugung „Takamaka“ herumkommen. Auf Mauritius kann nämlich keine Weinrebe angebaut werden, der heimische Wein wird also aus Trauben aus Südafrika hergestellt – und ist entsprechend teuer. Daher suchte der Unternehmer Alexander nach Früchten, aus denen er Wein machen könnte, und stieß auf Litschi. Der Wein reift hier drei bis sechs Monate, für einen verwöhnten Österreicher wie mich, der trockenen Wein liebt, war das jedoch nichts, was ich bereit war zu kaufen, es war für mich zu süß und ich fühlte mich von Sodbrennen gefährdet. Allerdings die mit uns reisenden Deutschen, die liebliche Weine mögen, kauften den Wein in großen Mengen ein.

Nach Port Louis können Sie auch mit dem Bus gelangen. Die Busverbindung ist gut und günstig. Für zwei Personen von Flic en Flac nach Port Louis zahlten wir 88 Rupien, also ein Euro und vierzig Cent. Für beide Personen zusammen wohlbemerkt! Im Bus sieht man auch das, was für Mauritius typisch ist – eine Überbeschäftigung. Neben dem Fahrer gab es auch einen Schaffner, der Ihnen Tickets verkaufte, aber dann stieg auch eine Kontrolleurin ein, die unsere Tickets überprüfte und durchbohrte. Was ich jedoch leider nicht verstanden habe, war das Busbahnhofsystem in Port Louis. Es gibt zwei Busbahnhöfe, den nördlichen und den südlichen. Da wir aus dem Süden kamen, nahm ich natürlich an, dass der Bus uns am südlichen Bahnhof absetzen würde. Aber weit verfehlt, er brachte uns zum nördlichen. Dann war allerdings die Sucherei nach einer passenden Rückfahrtverbindung zu unserem Wohnort für einen Fremden wie mich nicht gerade einfach. Ich habe lieber aufgegeben und bin zurück mit dem Taxi gefahren.

Dennoch gibt es in der Nähe des nördlichen Busbahnhofs den zentralen Markt, der definitiv einen Besuch wert ist. Obst und Gemüse aller Art, Fisch und in einem anderen Teil dann Kleidung und alles, woran man gar nicht denken würde. Ich habe herausgefunden, dass Litschi einen gewissen Kultwert unter den Früchten der Insel hat.

Natürlich ist es gut und süß, ebenso wie die Marmelade, die daraus hergestellt wird. Das Obst wird in ganzen Büscheln verkauft, ist aber für die Einheimischen ziemlich teuer. Litschibäume sind leicht zu erkennen, sie sind nämlich mit Netzen gegen Insekten und Vögel bedeckt. Das süße Obst lockt sie nämlich an, und sie würden es auffressen. So kommen sie nicht heran. Weil der mauritische Taxifahrer “Bird” wie “Bat” aussprach, hatte ich ein kleines Problem zu verstehen, gegen wen die Menschen diese Früchte schützen. In normalem Englisch wird so schließlich eine Fledermaus genannt.

Nicht weit vom Markt entfernt liegt das chinesische Viertel, die Chinesen machen etwa 3 Prozent der Bevölkerung aus. Erstaunlicherweise befindet sich ausgerechnet im chinesischen Viertel die größte Moschee der Stadt, Jummah. Warum gerade dort, weiß ich nicht. In der Stadt gibt es auch ein Naturkundemuseum, in dem das Skelett des legendären Dodos zu sehen ist, die Kirche St. Louis mit der Statue des heiligen König Ludwig IX. von Frankreich – eines leidenschaftlichen Sammlers von Reliquien, die in Paris in der Saint Chapel aufbewahrt werden – im Park vor der Kirche und Fort Adelaide. Diese Festung wurde von den Engländern erbaut, nachdem sie Mauritius erobert hatten, um es gegen eine erneute Übernahme durch die Franzosen oder andere Angreifer zu sichern.

Fort Adelaide

Die Festung erhielt den Namen der Frau von König William IV. (dieser Monarch schaffte 1834 die Sklaverei in seinen Kolonien ab und verursachte somit gewaltige Probleme den örtlichen französischen Bauern), wird jedoch im Allgemeinen als “Citadelle” bezeichnet. Da jedoch später niemand mehr daran dachte, Mauritius zu erobern, blieb die Festung nutzlos. Na ja, nicht ganz. Von dort aus bietet sich nämlich ein schöner Blick auf die Stadt, sodass sich der Aufstieg lohnt. Eine Aussichtsplattform hätte allerdings gereicht. Von dort aus ist auch die riesige Rennstrecke “Marsfeld” sichtbar, auf der von März bis November Pferderennen stattfinden.

Die Hauptattraktionen der Stadt befinden sich jedoch in der Waterfront. Zum einen gibt es seit 2021 das „Odysseo-Aquarium“. Jede große Hafenstadt der Welt muss doch ein Aquarium haben und Mauritius hält Schritt mit dem Trend. In zwei Millionen Litern Wasser in 45 Aquarien auf einer Fläche von 5500 m2 kann der Besucher 200 Arten des Indischen Ozeans sehen. Es gibt hier auch Haie, die sich aufgrund des Korallenriffs sonst Mauritius nicht nähern können.

Odysseo

Als Erinnerung an problematische Zeiten in der Geschichte der Insel gibt es in diesem Stadtteil das Sklaverei-Museum im alten Militärkrankenhaus und gleich daneben „Aapravasi Ghat“, das ein Aufnahmezentrum für Arbeiter aus Indien war. Hier mussten sie sich registrieren lassen, und hier wurden ihnen die entsprechenden Dokumente ausgestellt. Das Gebäude diente auch als Quarantänestation, die alle Ankommenden für 48 Stunden durchlaufen mussten, bevor sie zu ihren Arbeitsplätzen auf den Plantagen gebracht wurden. Die Kapazität der Einrichtung betrug 600 Personen, oft waren dort aber mehr als tausend Menschen untergebracht. Die Briten brachten insgesamt 420.000 Menschen von Indien auf die Insel, deshalb bilden heutzutage die Hindus und Muslime aus dem heutigen Pakistan und Bangladesch die Mehrheit der Bevölkerung. Zwischen den modernen Gebäuden der Waterfront befindet sich im Hauptpostgebäude von 1868 das Postmuseum sowie das „Museum der Blauen Mauritius“. Letzteres erhielt das Privileg, ein eigenes Museum zu bekommen. Dank dieser Briefmarke trat Mauritius ins Bewusstsein der Bewohner unseres Planeten. In diesem Museum findet der Geschichtsliebhaber neben der Geschichte der postalischen Beziehungen der abgelegenen Insel zur umgebenden Welt und der Geschichte der Entstehung dieser berühmten Marke auch eine sehr interessante Beschreibung der Geschichte der Insel sowie die Namen der wichtigsten Persönlichkeiten, die mit der Geschichte der Insel verbunden sind. Mauritius, die Blaue und die Rote, sind natürlich auch hier, aber sie werden nur zehn Minuten pro Stunde beleuchtet – angeblich, damit sie nicht durch die Wirkung des Lichtes verblassen.

Im Gebäude des Museums befindet sich auch eine Dauerausstellung, die der romantischsten Inselgeschichte von Paul und Virginie gewidmet ist. Mit dieser Geschichte möchte ich jedoch den Besuch der Insel beenden und bitte daher den Leser um etwas Geduld.

Die Straße „Queen Elizabeth“ führt durch das Zentrum der Stadt auf der einen Seite und die Bisoondyal-Straße auf der anderen Seite des kleinen Parks, wo Statuen bedeutender Persönlichkeiten von Mauritius stehen. Gleich am Hafen gibt es die Statue des wichtigsten Gouverneurs der Insel Mahé de Labourbonais.

Mahé de Labournais

Die Straße endet am ehemaligen Sitz des britischen Gouverneurs, wo heute die Inselregierung ihren Sitz hat. Vor dem Gebäude steht jedoch immer noch die Statue von Königin Victoria und direkt gegenüber dann die Statue von William Newton, einem bedeutenden lokalen Politiker aus der britischen Kolonialzeit. Neben ihnen gibt es vom Hafen bis zu diesem Regierungsgebäude zahlreiche weitere Statuen bedeutender mauritischer Politiker. Alle sehen in ihren Anzügen irgendwie gleich aus, halten meist freundlich ihre Hände vor sich zu ihrem Volk ausgestreckt, es sei denn, sie halten über dem Kopf ein Verfassungsbuch.

Königin Victoria

Ich glaube, es reicht für heute, in zwei Wochen kehren wir auf die Insel noch einmal zurück.

Dodo hat es nicht überlebt – Geschichte- Kurzfassung der Insel Mauritius

Mark Twain schrieb, dass Gott zuerst diese Insel und dann nach diesem Muster das Paradies schuf. Mark Twain konnte allerdings die Insel in einem solchen Zustand meinen, bevor sich Menschen dort niederließen, genauso wie im Paradies, wo Ruhe und Frieden herrschten, bevor Adam und Eva begannen, an Äpfeln zu naschen. Mark Twain war jedoch ein Schriftsteller und hatte daher eine blühende Fantasie. Er konnte sich die Insel also vorstellen, wie sie aussah, als die Menschen noch nichts von ihr wussten.

Als der Portugiese Diogo Fernandes Pereira sie im Jahr 1507 entdeckte, lebte dort noch kein einziger Mensch. Die Insel war von Urwald bedeckt, und dort lebte der harmlose Dodo-Vogel, der aufgrund des Fehlens natürlicher Feinde nicht einmal das Fliegen gelernt hatte. Die Portugiesen nannten die Insel “Ilha do Cisne” also die “Schwaneninsel”, wahrscheinlich nach dem Dodo, der mit etwas Fantasie als überdimensionaler Schwan betrachtet werden konnte.

Die Portugiesen hatten jedoch wichtigere Aufgaben, als sich um ein unbewohntes Stück Land mitten im Indischen Ozean zwischen Afrika und Indien zu kümmern. Im Jahr 1598 landete der niederländische Admiral Van Waywyck auf der Insel und benannte sie nach dem Prinzen Moritz von Nassau, dem damaligen Anführer des niederländischen Aufstands gegen die spanische Herrschaft, da es den Spaniern nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen endlich gelang, seinen Onkel Wilhelm I. von Oranien (genannt Der Schweiger) umzubringen. Auf die Insel kam der niederländische “Marco Polo” Jan Huygen van Linschotten, der seinen Spitznamen erhielt, weil er faszinierend über die neu entdeckten Länder schreiben konnte.

Aber die Niederländer kamen auf die Insel Mauritius im Dienst der Ostindien-Handelsgesellschaft, einer Aktiengesellschaft (eine der ersten ihrer Art weltweit, da die Niederländer die Kraft von diversifiziertem Kapital erkannten). Die Holländer hatten also keine Absicht, die Länder, die sie besuchten, zu kolonisieren. Sie waren zu dieser Zeit eigentlich noch kein eigenständiger Staat, sondern bis 1648 lediglich rebellische Provinzen des spanischen Königreichs, und sie hatten wirklich nicht die geringste Lust, irgendwo eine spanische Flagge zu hissen. Aber die East India Company, für die die Holländer arbeiteten, war ein Handelsunternehmen, dessen Erfolg im Handel mit den Ureinwohnern lag. Wie sollten sie jedoch mit Ureinwohnern auf einer unbewohnten Insel handeln, auf der es keinen einzigen Vertreter dieser Art gab? Die Holländer fällten also wertvolles Ebenholzholz im Dschungel, verzehrten den armen Dodo, der sich vor ihnen nicht verstecken konnte, und segelten wieder ab.

Zwischen 1715 und 1723 wurde die Insel von den Franzosen besetzt, die im Gegensatz zu den Niederländern sehr gerne neu entdeckte Länder kolonisierten. Sie nannten die Insel wenig einfallsreich “L’ile de France” oder “Die Französische Insel”. Eine nahe gelegene Schwesterinsel, 170 Kilometer entfernt, nannten sie “L’ile de Bourbon”, also „Die Bourboninsel“.

L´ille de Bourbon (Reunion) links, L´ille de France (Mauritius)rechts

Dem setzten sie 1793 ein Ende, als sie dem König aus der Bourbon Dynastie – Ludwig XVI.  – den Kopf abschlugen. Unter den gegebenen Umständen passte der Name der Insel nicht mehr, und so benannten sie ihn im März 1793 in “La Reunion” um, welchen Namen sie bis heute trägt. Die Franzosen kannten also damals genauso wenig Mangel an Nationalismus wie heute. Der einzige ordentliche Hafen auf der Insel “L’ile de France” in einer tiefen Bucht erhielt den Namen „Port Louis“ nach dem damaligen König Ludwig XV., aber die Franzosen nannten ihn selbst „Port Nord Ouest“, also „Nordwesthafen“. Wahrscheinlich wollten sie den König nicht durch ein Kaff mit wenigen Hütten beleidigen, das seinen Namen tragen sollten. Die Franzosen erkannten jedoch, dass die Insel sich gut zum Anbau von Zuckerrohr eignete, und mit den Händen von Sklaven, die aus dem nahegelegenen Madagaskar gebracht wurden, machten sie sich an die Arbeit. Sie taten dies mit echtem französischem Charme und damit verbundenen typischen Sinn für Chaos.

L ´ille der France

Am 4. Juni 1735 landete der neue Gouverneur Bernard Francois Mahé de La Bourdonnais auf der Insel. Er fand die Insel im Chaos und in Anarchie vor und beschloss, etwas dagegen zu unternehmen. Er regierte mit eiserner Hand, schaffte Ordnung, baute Hafendocks und Lager, begann mit dem Bau von Straßen und weiterer Infrastruktur und überzeugte sogar die französischen Plantagenbesitzer davon, dass Ordnung eine gute und vorteilhafte Sache ist. Als Belohnung steht seine Statue in „Port Luis“ gleich am Hafen auf der Hauptstraße.

Im Jahr 1742 schickte er die ersten Siedler auf die damals unbewohnten Seychellen, weshalb die Hauptinsel der Seychellen nach ihm den Namen Mahé erhielt.

Der Wohlstand der Insel begann jedoch die Engländer zu provozieren. Sie betrachteten es als ungerecht, dass die Franzosen auf halbem Weg von Afrika nach Indien gleich zwei Inseln besaßen und sie keine einzige. Nach langem Rangeln nutzten sie die Zeit der napoleonischen Kriege für einen entscheidenden Angriff. Diese Kriege wurden nicht nur auf dem Festland im Europa, sondern auch auf dem Meer geführt, und dort, im Gegensatz zum Festland, zog Napoleon besonders nach der Schlacht von Trafalgar im Jahr 1805, bei der er fast seine gesamte Flotte verlor, den Kürzeren. Im November 1810 erschien eine britische Flotte vor Port Louis und begann, die Stadt zu belagern. Beide Seiten hatten ein wenig Schwierigkeiten, sich zu motivieren, um zu erklären, warum sie sich eigentlich am anderen Ende der Welt bekämpfen sollten. Es gibt eine überlieferte gereizte Konversation zwischen zwei Schiffskapitänen, bei der der englische Kapitän den Franzosen vorwarf: “Ihr Franzosen kämpft nur fürs Geld, wir Briten kämpfen für die Ehre.” Darauf antwortete der Franzose: “Richtig, wir kämpfen beide um das, was uns am meisten fehlt.”

Schließlich stellte sich heraus, dass die Motivation der Briten doch größer war, und am 3. Dezember 1810 kapitulierte die französische Garnison. Im Friedensvertrag versprachen die siegreichen Briten der lokalen Bevölkerung, dass sie ihre Sprache, Bräuche, Religion, Gesetze und Besitztümer behalten könnten. Er versprach auch, dass kein Franzose eingesperrt und die französischen Soldaten ein freier Abzug gewährleistet werde. Die lokale Bevölkerung akzeptierte dies dankbar und spricht noch heute Französisch. Neben hinduistischen Tempeln und Moscheen gibt es auch katholische Kirchen wie die Kirche St. Louis in Port Louis. Im Jahr 1814 wurde die Insel nach Napoleons Niederlage endgültig dem Vereinigten Königreich übergeben. Die Briten konnten es jedoch nicht akzeptieren, dass die Insel weiterhin “Französische Insel” hieß, und so erinnerten sie sich an die längst vergessene holländische Bezeichnung der Insel, und sie erhielt den heutigen Namen Mauritius. Sowohl die lokalen Kreolen als auch die Franzosen haben im Laufe der Zeit gelernt, ihre Insel „L´ille de Maurice“ zu nennen.

Die lokale Bevölkerung hat sich mit den neuen Herren arrangiert, vor allem, weil sie nicht in ihre Angelegenheiten eingriffen. Den Briten ging es tatsächlich hauptsächlich um den Hafen, den sie entsprechend ausgebaut haben. Die Bewohner sprechen daher auch heute noch untereinander Französisch (oder Kreolisch, einen französischen Dialekt, das allerdings nur unter Freunden verwendet wird; sonst kommuniziert man unter sich auf Französisch), nur offizielle Schilder ab Behördenhäusern oder Verkehrsschilder sind in Englisch geschrieben. Die Einheimischen sind jedoch bereit, in dieser Sprache mit Touristen zu kommunizieren. Geschäft ist Geschäft, und außerdem handelt es sich um die Amtssprache, in der auch der Schulunterricht geführt wird. Außergewöhnlich begabte Kinder haben auch die Möglichkeit, an Universitäten im Vereinigten Königreich zu studieren, wobei die Kosten vom Staat Mauritius übernommen werden.

Die Briten waren zufrieden, dass die Insel ihnen gehörte und ihre Schiffe sicher im Hafen anlegen konnten, um neue Vorräte für weitere Fahrt nach Indien oder Südafrika aufzuladen und Zucker und Obst zu kaufen, was der Insel einen außergewöhnlichen Wohlstand brachte. Die Briten verfassten ihre Verordnungen und Gesetze in Englisch, das niemand verstand oder verstehen wollte, und daher ignorierten die Einheimischen mit gutem Gewissen diese Gesetze, und so waren alle zufrieden und lebten in seliger Symbiose.

Die einzigen, die dafür bezahlten, waren die ehemaligen Sklaven. In unruhigen kriegerischen Zeiten gelang es ihnen, von den Plantagen zu fliehen, wo sie unmenschlicher Arbeit ausgesetzt waren, und sie versteckten sich in der Gegend des Berges Le Morne Brabant im Süden der Insel.

Le Morne Brabant

Als die Briten die Sklaverei abschafften (im Jahr 1807 verboten sie den Sklavenhandel im gesamten Imperium und im Jahr 1833 dann auch den Besitz von Sklaven in den Kolonien), fiel ihnen nichts Besseres ein, als Soldaten zu schicken, um diese erfreuliche Botschaft den geflohenen Sklaven mitzuteilen. Aber als die Sklaven bewaffnete Soldaten sahen, die ihnen etwas in einer Sprache zuriefen, die niemand verstand, kamen sie zu dem Schluss, dass sie entdeckt wurden und dass sie zurück auf die Plantagen gebracht werden würden. In Panik begingen sie Massenselbstmord, indem sie von den Hängen des Berges sprangen. Heute erinnert ein Denkmal an dieses Ereignis.

Die Abschaffung der Sklaverei brachte den lokalen Plantagenbesitzern jedoch erhebliche Probleme, da niemand da war, um das Zuckerrohr zu ernten. Sie baten daher ihre britischen Herren, etwas dagegen zu unternehmen. Diese beschlossen, in Indien, das sie bereits beherrschten, neue Arbeitskräfte zu finden. Die Inder konnten einen Arbeitsvertrag für fünf bis zehn Jahre unterschreiben. Das geschah noch bei ihnen zu Hause, wo sie keine Ahnung über die Folgen ihrer Unterschrift haben konnten. Danach wurden sie nach Mauritius gebracht. Zwei Tage mussten sie in einem Aufnahmelager im Hafen verbringen – heute ist aus diesem Gebäude das „Appravasi Ghat Museum“ geworden. Die Kapazität des Zentrums betrug zwar 600 Personen, aber oft waren dort zugleich mehr als tausend Menschen.

Es war eine Art der Quarantäne. Dort wurden ihre Papiere bearbeitet, und sie konnten danach zur Arbeit auf die Plantagen gebracht werden. Es war ein Experiment, das die britische Regierung im Jahr 1834 im gesamten Empire gestartet hatte, und Mauritius sollte der Testballon sein. Das Experiment gelang, und die Briten rekrutierten danach in Indien Arbeitskräfte praktisch für das gesamte Imperium. Die Plantagenbesitzer waren jedoch nicht daran gewöhnt, ihren Arbeitern Gehälter zu zahlen, und taten dies nur widerwillig und mit Verzögerung, wenn überhaupt. Daher führten die Briten bereits 1842 das Amt des Bevollmächtigten für Einwanderer, den “Protector of Immigrants”, ein. Es war kein leichter Job. In den Jahren 1860–1885 musste dieses Amt 110 940 Beschwerden bearbeiten, von denen etwa 80,000 als berechtigt anerkannt wurden. Es handelte sich größtenteils um nicht gezahlte Löhne. Zwischen 1834 und 1920 kamen so 450,000 Inder auf die Insel, heute machen Menschen indischer Herkunft 62 Prozent der 1,3 Millionen Einwohner der Insel aus. Einige von ihnen sind Muslime, aber wie mir ein Taxifahrer erklärte, handelt es sich um Muslime aus dem heutigen Pakistan (damals ein Teil des britischen Kaiserreichs Indien). Sie haben kein Problem damit, mit ihren hinduistischen Nachbarn Rum zu trinken, (die gegenseitigen Animositäten zwischen diesen zwei Volksgruppen in der alten Heimat haben sich nach Mauritius offensichtlich nicht übertragen) obwohl dies der Prophet einst verboten hat, und sie haben daher keine sündigen Gedanken an Terrorismus oder sogar Selbstmordanschläge. Das bringt mich auf die Gefährlichkeit der Abstinenz – nicht nur die Selbstmordterrorristen aber auch zum Beispiel Hitler waren Abstinenten. Das droht auf Mauritius nicht. Der Rum ist auf der Insel nämlich ein Nationalgetränk, und kein Fest kommt ohne ihn aus. Die Einheimischen trinken jedoch weißen Rum mit verschiedenen Zusätzen, während der goldene Rum für Touristen und den Export bestimmt ist. Er schmeckt hervorragend. Muslime aus arabischen Ländern, die den Rum natürlich verachten würden, bilden auf der Insel nur eine vernachlässigbare Minderheit.

Der Wohlstand der Insel endete abrupt im Jahr 1869. Die Insulaner konnten nichts dafür, aber in diesem Jahr wurde der Suezkanal eröffnet, und der Weg nach Indien verkürzte sich dadurch für britische Schiffe entscheidend. Aus einem wichtigen Stützpunkt im Indischen Ozean wurde die Insel zu einem uninteressanten Ort am Ende der Welt an der Grenze der Wahrnehmbarkeit.

Der einzige Glücksfall war, dass am 21. September 1847 der örtliche Postmeister James Stuart Brownrigg die Anordnung zur Herstellung von zwei Briefmarken erließ. Eine Einpennyrote für den Postverkehr in Port Louis und Umgebung und eine Zweipennyblaue für die gesamte Insel. Die Marken wurden von Joseph Osmond Barnard graviert, der leider (und für Philatelisten zum Glück) vergesslich und schwerhörig war und daher anstelle des üblichen “post paid” den Text “post office” auf die Marken gravierte. Weil die Frau des Gouverneurs, Lady Gomm, Einladungen zu einem Ball verschicken wollte, der am 30. September stattfinden sollte, gab es keine Zeit mehr, den Fehler zu korrigieren. So wurden die Einladungen mit diesem weltberühmtesten Druckfehler verschickt. Da es schade war, die Marken wegzuwerfen, wurden alle 500 Marken beider Serien verbraucht. So entstand auch der legendäre “Brief nach Bordeaux”, auf dem beide Marken nebeneinanderstehen und zu einer der größten philatelistischen Kuriositäten aller Zeiten wurden. Dank dieser beiden Marken kennt die vergessene Insel im Indischen Ozean die ganze Welt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs in allen Teilen des britischen Empires die Unabhängigkeitsbewegung der einzelnen Kolonien. Mauritius war in dieser Bewegung nicht besonders aktiv. Ehrlich gesagt konnten sich die lokalen Politiker eine eigenständige Existenz ohne politische und wirtschaftliche Unterstützung Londons nicht vorstellen. An der Spitze der Labour Party, der stärksten politischen Partei auf Mauritius, stand der in England ausgebildete Arzt indischer Herkunft, Seewoosagur Ramgoolam.

Man nennt ihn auch – wenn auch ein wenig passend – den mauritischen Gandhi. Im Gegensatz zu seinem Vorbild engagierte er sich zusammen mit seinen politischen Freunden für den Verbleib der Insel im „Britisch Empire“, und auch seine Ernennung zum Ritter durch Königin Elisabeth II. im Jahr 1965 änderte nichts daran. Aber die Briten hatten bereits genug von verlustreichen Kolonien, und so beschlossen sie 1968, sich von allen außer strategisch notwendigen Kolonien wie zum Beispiel Hongkong zu trennen. (Etwas auf die Art wie die Kinder aus dem bequemen „Hotel Mama“ zu jagen). Sir Seewoosagur Ramgoolam wurde also – ob er wollte oder nicht – zum nationalen Helden und zum Vater der Nation. Und er blieb es auch nach seinem Tod im Jahr 1985. Auf der Insel gibt es viele Orte, die nach ihm benannt sind, zum Beispiel der internationale Flughafen im Südosten der Insel, das Krankenhaus im Nordwesten oder der botanische Garten in Pamplemousses. Überall, wo die Abkürzung SSR im Namen vorkommt, sucht man nach Sir Seewoosagur Ramgoolam.

Die Briten gingen, und es blieb von ihnen nicht viel übrig. Nicht einmal Rugby, sonst der Nationalsport echter Männer in allen Ländern des Commonwealth, setzte sich hier durch. Es wird Fußball gespielt. Die überwältigende Mehrheit der Touristen sind Franzosen, die Briten bilden hier eine vernachlässigbare Minderheit – es gibt hier wahrscheinlich sogar mehr Tschechen oder Slowaken als Briten. (Von Deutschen oder Österreichern überhaupt zu schweigen) Vielleicht kann man das Teetrinken als englische Tradition bezeichnen (Kaffee wird hier wenig getrunken und nur an einem Ort im Süden der Insel auf einer Plantage im Ort namens Chamarel angebaut, der allerdings vor allem durch seinen Rum bekannt ist). Das markanteste Erbe der britischen Herrschaft ist der Linksverkehr. Autos tauchten nämlich genau zu der Zeit auf, als hier die Briten herrschten. Kurz nach der Unabhängigkeitserklärung begann der Tourismus zu blühen, und die Briten vergaßen ihre ehemaligen Untertanen nicht – in unserem Hotel La Pirogue gibt es eine königliche Suite (Royal Suits), die im Jahr 1994, also zwei Jahre nach der Ausrufung der Republik durch die Bewohner der Insel, feierlich vom Gatten der abgesetzten Quen, Prinz Philip und seinem Sohn Edward eröffnet wurde. Nachdem die Europäische Union aufhörte, die Zuckererzeugung aus dem Zuckerrohr (für viele europäischen Zuckerfabriken zu spät) zu subventionieren, gingen auf der Insel die meisten Zuckerfabriken von den ehemaligen dreißig Firmen bankrott, lediglich noch vier sind in Betrieb. Aber Zuckerrohr bleibt weiterhin das Hauptlandwirtschaftsprodukt, und die Mauritier haben sich auf die Herstellung von Rum umgestellt, der hier das Hauptgetränk ist. Echter Rum muss nämlich aus Zuckerrohr hergestellt werden, und deshalb musste zum Beispiel der tschechische Rum, der aus Zuckerrüben hergestellt wurde, in „Tuzemák“ umbenannt werden, was alle tschechischen Konsumenten dieses beliebten Getränkes sehr schmerzte und ihr Misstrauen gegenüber der weltweiten Globalisierung und EU wachsen ließ. So viel also kurz zu der Geschichte der Insel Mauritius. Nächste Woche werde ich versuchen zu beschreiben, was hier alles zu sehen ist. Der Dodo tritt hier nur als Souvenir auf, er ist aber überall präsent. Der echte hat die Zerstörung seines Paradieses jedoch nicht überlebt.

Aber… Joanne Kathleen Rowling, die Autorin von Harry Potter, schreibt in ihrem Buch “Phantastische Tierwesen”, dass der Dodo, den sie jedoch Didicawl nennt, magische Fähigkeiten entwickelt hätte, um zu verschwinden und an einem anderen Ort wieder aufzutauchen, was es ihm das Überleben ermöglicht hat. Allerdings hat die Internationale Zauberergemeinschaft diese Tatsache den Muggeln, also uns Nicht-Zauberern, nicht mitgeteilt, um uns im Glauben zu halten, dass der Dodo ausgestorben ist und damit wir uns gegenüber anderen gefährdeten Arten rücksichtsvoller verhalten als gegenüber diesem sympathischen ungeschickten Vogel, der neben Rum und der zweipennyblauen Briefmarke zum Symbol der Insel Mauritius geworden ist.

Also, wer weiß…?

Dodo

Osttirol II

Nach unserer Rückkehr in die Ferienwohnung war ich immer noch misstrauisch und wollte mich nicht zu früh auf die funktionierende Seilbahn freuen, also überprüfte ich es sofort im Internet. Aber es sagte dasselbe. Frau Eva wollte es am nächsten Morgen immer noch nicht glauben und rief sogar die Seilbahn an, aber es wurde ihr bestätigt, dass die Seilbahn in Betrieb ist. Da unsere ganze Gruppe einschließlich des Außerirdischen Vladimír einen Ruhetag vorgeschlagen hatte, kam uns die Seilbahn wie gerufen. Nur Vladimírs Sohn Juraj ist ein leidenschaftlicher Klettersteiggeher, also schaute ich im Internet nach, wo in der Umgebung der beste Klettersteig war. Und ich verstand, dass sich das Schicksal vollständig zu unseren Gunsten gewendet hatte – es gab einen Klettersteig zum „Blaues Spitz“ direkt in der Nähe der Bergstation der Kalser Bergbahn. Also erwartete uns eine wunderschöne Wanderung von der Bergstation mit dem Restaurant Adler Lounge zum Rothenkogel mit einem modernen Gipfelkreuz, das einst von Frau Evas Mann Martin an seine Stelle gebracht wurde. Der Aufstieg war ziemlich einfach, ein Höhenunterschied von dreihundert Metern, eine kurze gesicherte Kletterstelle und dann erstaunliche Ausblicke auf das Massiv des Großglockners.

Großglockner von Westen

Zum ersten Mal konnte ich ihn sehen. Bisher nämlich jedes Mal, wenn ich ihn sehen konnte, sei es von der Franz-Josef-Höhe (zweimal) oder vom Kitzsteinhorn, versteckte er sich immer in den Wolken. Diesmal war er zum Greifen nah und es störte bei dem Blick kein einziges Wölkchen. Er ist imposant, er ist halt der höchste Berg Österreichs und damit der prestigeträchtigste, aber unter uns gesagt – der Großvenediger ist viel schöner. Als Juraj dann von seinem Klettersteig zurückkam und erzählte, dass es kein “C” (senkrechte Wand) und kein “D” (Überhang) war, sondern ein “E”, also die schwierigste Variante – ich möchte nicht einmal wissen, wie das aussieht – herrschte in der Gruppe große Begeisterung, weil Vladimír und sein zweiter Sohn sich aufrichtig gefreut hatten, dass sie sich nicht zu dieser Klettersteig-Tour überreden ließen, sondern brav mit mir auf den Berg für normale Touristen gegangen sind.

Aufstieg zum Rothekogel

            Der Plan für den letzten Tag hatte zwei Alternativen. Eine davon war die mautpflichtige Straße von Kals zum Lucknerhaus auf 1918 Metern und von dort aus über die Lucknerhütte zur Stüdlhütte – dann wären wir auf 2802 Metern. Von dort aus führt ein Weg zum Dreitausender “Schere”, auf 3037 Metern Höhe, bereits im Massiv des Großglockners. Übrigens ist die Stüdlhütte nach dem Prager Geschäftsmann Johann Stüdl benannt. Nachdem er 1867 den Großglockner bestiegen hatte, ließ er auf eigene Kosten an diesem Ort eine Hütte bauen, als Ausgangspunkt für weitere Bergsteiger. Übrigens kann man von dieser Seite aus den Großglockner über den Stüdlgrat besteigen – heute wird der Großglockner jedoch fast ausschließlich von der Ostseite von der Franz-Josef-Höhe aus bestiegen.

            Dieser meiner Plan stieß nur auf mäßige Begeisterung, die Teilnehmer unserer Reise sahen vor allem das Problem im Höhenunterschied von 1100 Metern – das hätten sie schon einmal erlebt und wollten das nicht wiederholen. Außerdem konnten wir den Großglockner bereits vom Rothenkogel aus betrachten. Plan B war also eine Fahrt in ein anderes Tal, in dem wir noch nicht gewesen waren. Mit dem Auto könnten wir durch das Defereggental zum Staller Sattel an die italienische Grenze auf 2052 Metern Höhe fahren, und von dort aus gab es zwei Möglichkeiten – zwei Berge standen zur Auswahl, der Hinterbergkofel mit einer Höhe von 2727 Metern auf der österreichischen Seite des Passes oder die „Rote Wand“ auf der italienischen Seite. Dabei hätte man jedoch die miserable Wegmarkierung beachten müssen – nun ja, es ist eben in Italien. Dieser Berg hätte uns auf eine Höhe von 2818 Metern geführt und Ausblicke auf die Südtiroler Dolomiten geboten.

            Beim Erkunden des Weges zu diesem Ziel, das immerhin ein etwas größeres Interesse hervorrief, versuchte ich Vladimírs Hypothese zu überprüfen, dass es dort irgendwo ein Skigebiet geben müsse. Und wo es Skigebiete gibt, dort sollten auch Seilbahnen sein. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass er recht hatte. Das Skigebiet befindet sich im Dorf Sankt Jakob und die Seilbahn fuhr bis zum 17. September – es war der zwölfte. Also musste Plan B dem Plan C weichen, und wir nutzten erneut die Seilbahn, um auf 2373 Meter Höhe zu gelangen. Von dort aus waren es nur etwas über vierhundert Meter bis zum Gipfel des „Großer Leppleskofels“ auf 2811 Metern. Und das sogar entlang einer echten Autobahn für Wanderer. Denn an den Hängen des Berges wurden zwei neue Schipisten angelegt, für die eine neue Seilbahn benötigt wurde, daher wurde eine Straße für Geländefahrzeuge bis zur Bergstation der Seilbahn gebaut. Nur die letzten hundertfünfzig Höhenmeter zum Gipfel waren felsig und ein kurzer Abschnitt musste mit “Hilfe der Hände” überwunden werden. Trotzdem war es eine “touristische Wanderung ohne Schwierigkeiten”. Wir wurden mit wunderschönen Aussichten vom Gipfel dieses Berges belohnt.

Wie ich später las, handelte es sich tatsächlich um einen der schönsten Aussichtsgipfel. Da wir nicht genug hatten, stiegen wir danach auch auf den „Kleinen Leppleskofel“, den man in zwanzig Minuten von der Bergstation der Seilbahn und dem Restaurant Moosalm erreichen konnte. Bei der Moosalm gibt es nicht nur einen großen See, der zur Schneekanonenbefüllung dient, sondern auch einen großen Spielplatz für Kinder und eine Aussichtsplattform in Form der Arche mit einer Beschreibung aller Dreitausender, die von dort aus zu sehen sind. Es gibt viele davon. Vom Gipfel des „Großen Leppleskofels“ konnte man nicht nur den Großglockner und den Großvenediger sehen, sondern auch andere Tiroler Berge im Hintergrund mit dem zweithöchsten Berg Österreichs – und dem höchsten Berg Tirols – der Wildspitze.

            Wir stiegen zur Moosalm ab, und weil der Kellner wirklich Freude an seiner Arbeit hatte und es mit ihm lustig war, kehrten wir dort zum Mittagessen ein und bekamen Lust auf mehr. Also fuhren wir zum Staller Sattel und erstarrten dort vor Staunen. Der wunderschöne “Obersee” mit einer Fläche von 35 Hektar und einer Tiefe von 25 Metern mit unglaublich klarem Wasser ist ein echter Juwel.

Die Jungs konnten nicht widerstehen und badeten, obwohl das Wasser eine Temperatur von einem Zentimeter hatte (Männer wissen, wovon ich rede). Es gab danach ein Spaziergang um den See, Kaffee in der Oberseehütte und dann konnten wir nicht widerstehen, die Grenze zwischen Italien und Österreich zu überqueren. Mit Blick auf die beiden Täler, das Deferegger Tal auf der österreichischen und das Altholzertal auf der italienischen Seite. Dort gibt es ebenfalls einen schönen See, aber mit dem Auto dorthin zu gelangen, ist nicht einfach. Da die Straße auf der italienischen Seite Einbahnverkehr hat, dürfen Autos in Richtung Italien jede Stunde nur fünfzehn Minuten lang fahren – von der nullten bis zur fünfzehnten Minute jede Stunde. Auf der italienischen Seite ist es offensichtlich zwischen der dreißigsten und fünfundvierzigsten Minute.

Dieses Erlebnis konnte am See man nicht filmen, es ließ sich auch nicht auf einem Foto einfangen. Man musste es mit allen Sinnen wahrnehmen und sich einfach dieser Schönheit hingeben. Es war das Sahnehäubchen auf dem Kuchen – ein Ausflug, der zu Beginn eine Katastrophe zu sein drohte, verwandelte sich in ein unglaublich schönes Erlebnis.

Also fahren Sie dorthin. Und beeilen Sie sich. Denn was uns echt erschrak, war die Borkenkäfer-Katastrophe im Deferegger Tal. Obwohl die Einheimischen sich bemühen und befallene Bäume fällen, ist es an steilen Hängen praktisch unmöglich den Schädling zu eliminieren, und so sind ganze Waldflächen von diesen Käfern zerstört. Dieser Kampf scheint hoffnungslos zu sein, und ich fürchte, dass die schönen Wälder im Tal bald vollständig zugrunde gehen könnten. Mit Ausnahme des Waldes um den Obersee, wo Lärchen dominieren, die den Fichtenborkenkäfern, wie der Name schon sagt, nicht schmecken.

            Übrigens, wer keine Lust hat, in den Bergen herumzulaufen, kann die romanische Kirche St. Nikolaus in Matrei, oder St. Georg in Kals besuchen, oder die Kirche St. Andreas im Dorf Prägraten, das durch den Abbau des Minerals Serpentin bekannt ist, oder die Kirche “Unserer Lieben Frau” in Virgen, wo ein weiteres Denkmal an die Opfer des Aufstands von 1809-1810 erinnert. In jedem Dorf ist die örtliche Kirche das dominierende Bauwerk – wir sind schließlich in Tirol. Aber man kann auch mit dem Auto zur Jagdhausalm fahren, die als “Kleintibet” bezeichnet wird. Es handelt sich um ein architektonisches Denkmal, die älteste Almsiedlung, die aus sechzehn Steinhäusern besteht und bereits im Jahr 1212 beschrieben wurde. Sie liegt auf einer Höhe von 2009 Metern über dem Meeresspiegel, und es grasen hier seit acht hundert Jahre immer noch Kühe. Wie praktisch überall in Österreich. Und wo keine Kühe sind, da gibt es Schafe und Ziegen. Die österreichischen Wiesen werden dadurch bis weit über die Zweitausender-Marke bewirtschaftet.

Matrei selbst bietet, abgesehen von Hotels, Apartments und Restaurants, nicht viel. Natürlich gibt es die große klassizistische Kirche St. Alban, eine Brücke über den Bergbach, der mitten durch die Stadt fließt, mit unglaublich durchdachten Hochwasserschutzmauern mit wasserdichten Schleusen. Und die Burg “Schloss Weißenstein” auf dem Hügel oberhalb der Stadt.

Sie stammt aus dem zwölften Jahrhundert, ihr heutiges Aussehen ist aber das Ergebnis historisierender Umbauten im neunzehnten Jahrhundert. Sie befindet sich in privatem Besitz, gehört der Aktiengesellschaft Felberntauernstraßen AG, die sie im Jahr 2020 von der Adelsfamilie von Thieme erworben hat. Wir haben vergeblich versucht, einen Zugang zur Burg zu finden, obwohl wir sie fast komplett umrundet haben. Sie thront auf einem hohen weißen Felsen (daher ihr Name), aber wir haben keine Zufahrtsstraße gefunden, selbst bei bestem Willen nicht. Wahrscheinlich zweigt sie irgendwo von der Felbernstraße ab, ist aber nicht beschildert und wahrscheinlich gut getarnt. Was also auf der Burg passiert, bleibt ein Rätsel. Vielleicht Seminare oder geheime Vorstandssitzungen der Aktiengesellschaft.

            Und zum Schluss noch eine kleine Bemerkung am Rande: Da die Restaurants in Matrei das ganze Wochenende geöffnet sind, also auch am Samstag und Sonntag, haben sich die Wirtsleute das Wochenende auf Montag und Dienstag verlegt. An diesen Tagen ein Restaurant zu finden, das Ihnen ein anständiges Abendessen zu einem vernünftigen Preis servieren würde, ist eine echte Herausforderung. Aber das ist nur ein kleiner Makel in dieser ansonsten wunderschönen Gegend.

Formularbeginn

Osttirol I


            Es gab Zeiten, in denen ich Bergtouren mit einer Höhendifferenz von weniger als tausend Metern nicht für echte Wanderungen hielt. Von meinem Freund Vladimír ganz zu schweigen; ich hatte seine körperlichen Fähigkeiten vor einigen Jahren in einem Artikel namens „In den Bergen mit Vladimír“ beschrieben, in dem ich ihn verdächtigte, ein Außerirdischer zu sein. Denn jemand, der nach einer ganztägigen elf Stunden langen Wanderung mit Höhenunterschied von 1800 Metern Eishockey spielen ging, dann bis spät in die Nacht mit Freunden feierte und am nächsten Morgen um sechs Uhr in der Früh aufstand, um zur Arbeit zu gehen, überstieg völlig meine Vorstellungskraft von einem normalen Menschen.

            Aber in der Zwischenzeit sind wir älter geworden (oder gereift und weiser, je nachdem, wie man es betrachtet), und plötzlich sind uns (nicht nur mir aber sogar auch dem Vladimir) Aufstiege über tausend Meter etwas zu viel, und wir akzeptieren es beide mit Freude, wenn uns eine Seilbahn einen erheblichen Teil des Bergaufstiegs abnimmt.

            Umso größer war mein Schock, als ich kurz vor unserer Reise in Osttirol im Internet herausfand, dass die Seilbahnen in der Nähe von Matrei nicht funktionierten; eine davon war die ganze Saison über (unter dem Vorwand von Pistenumbauten) geschlossen, und die andere wurde vorzeitig am 3. September außer Betrieb genommen. Ich war außer mir vor Wut, als ich fieberhaft ein neues Programm erstellen musste, in dem wir ohne technische Hilfe auskommen könnten. Osttirol stand nämlich schon lange auf unserer Liste, und ich hatte nicht vor, darauf zu verzichten. Dieses kleine Stück Tirol, das seit 1918 von seinem Vaterland mit der Hauptstadt Innsbruck getrennt ist, da damals der südliche Teil von Tirol abgetrennt und an Italien angeschlossen wurde – ist einen Besuch wert. Es besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen: dem südlichen Teil um seine “Hauptstadt” Lienz (eine zauberhafte kleine Stadt mit 12.000 Einwohnern), von wo aus man in den osttirolerischen Dolomiten wandern kann, und dem nördlichen Teil um das Städtchen Matrei mit knapp unter 5.000 Einwohnern, von wo aus man die Hohen Tauern besuchen kann, das höchste Gebirge Österreichs mit insgesamt 266 Gipfeln über dreitausend Meter. Wir haben in Matrei gewohnt.

Dieses Städtchen ist der zentrale Punkt, an dem sich mehrere Täler treffen, genauer gesagt das Tauerntal aus dem Norden und das Virgental aus dem Westen, die gemeinsam das Iseltal bilden, benannt nach dem wichtigsten Fluss dieser Region – dem Isel-einem Gletscherfluss. Ein Stück weiter flussabwärts zweigt das Kalser Tal ab, das nach Osten in Richtung des höchsten österreichischen Berges, dem Großglockner, führt, und im Westen führt das Defereggental von hier aus zum Pass nach Südtirol am Staller Sattel. Diese vier Täler bilden also den nördlichen Teil von Osttirol, und alle vier sind einen Besuch wert. Wir hatten drei Tage zur Verfügung.

            Als uns die freundliche Frau Eva, die Mieterin des Apartmenthauses Rainer, begrüßte, fragte ich sicherheitshalber noch einmal nach, ob doch vielleicht irgendwelche Seilbahn in Betrieb sei. Sie bestätigte mir jedoch das Horrorszenario, dass alle geschlossen seien. Das versetzte mich in eine schwere Depression und ich entschloss mich dazu, einen Artikel über Osttirol zu schreiben, der alle Touristen von einem Besuch dieser Region abschrecken würde, insbesondere dann Männer im Vorruhestand- und im Rentenalter mit bereits nachlassender Kondition, aber noch immer mit einem großen Ehrgeiz, die Welt von oben zu betrachten. Am Ende war jedoch alles anders, und dieser Artikel wird davon berichten.

Am ersten Tag machten wir uns auf den Weg nach Norden ins Tauerntal. Dort verläuft die zentrale Verbindung, die Felberstraße, die in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erbaut wurde. Während ihrer Konstruktion kamen fünfzehn Arbeiter ums Leben, aber mit dem Bau des 5304 Meter langen Felbertauerntunnels wurde schließlich die Verbindung zwischen Osttirol und dem Norden hergestellt (obwohl über das Pinzgau in Salzburg). Bevor diese Straße gebaut wurde, wurden Güter über einen Hochgebirgspass nach Norden transportiert, und die letzte Station vor diesem beschwerlichen Übergang war das „Matreier Tauernhaus“. Heute ist es der Ausgangspunkt für Wanderungen in das Hochtal Gschlösstal (falls Sie es nicht aussprechen können, machen Sie sich keine Sorgen, ich auch nicht – das Tiroler Dialekt ist nun mal so).

            Entweder ein Taxi oder der Panoramazug also ein Traktor, der Wagen mit Touristen zieht, bringt Sie zu den Almbetrieben in Aussengschlöss und dann weiter nach Innergschlöss. Die Fahrt kostet 6 Euro für Erwachsene und 3 Euro für Kinder, egal ob man das Taxi oder den Traktor nimmt.

Es lohnt sich diesen Dienst zu konsumieren, zu Fuß sind es nämlich gut zwei Stunden, und das Taxi bringt Sie bis zum Venedigerhaus auf 1691 Metern Höhe. Selbst dann werden Sie beim nächsten Aufstieg gut gefordert sein. In Außengschlöss gibt es eine Kuriosität, nämlich eine in den Felsen gehauene Kapelle – “Felsenkapelle”. Ein Stück von ihr entfernt befindet sich die Quelle „Frauenbrünnl“, die angeblich Augen- und gynäkologische Krankheiten heilt. Der Legende nach soll hier die Mutter Gottes Maria die Windeln Jesu gewaschen haben. Versuchen Sie nicht, den Tirolern diese Legende auszureden. Solche Argumente, dass die Jungfrau Maria Palästina nie verlassen hat, würden auf wenig fruchtbaren Boden fallen. Ihr Versuch, den Tirolern ihren Katholizismus zu nehmen, endete sogar für Napoleons Franzosen schlecht. Nach dem Frieden von Preßburg im Jahr 1809 wurde Tirol von Österreich abgespalten und Napoleons Verbündetem, Bayern, angegliedert. Dass die Tiroler Steuern nach München anstatt nach Wien zahlen sollten, war für sie noch erträglich. Dass sie in die französische Armee einrücken mussten, schmerzte schon mehr, aber sie kamen damit gerade noch klar. Dass die Tiroler Verfassung, die ihnen bestimmte Privilegien und Freiheiten sicherte, abgeschafft wurde, brachte ihr Blut zum Kochen, aber noch nicht zum Überlaufen. Aber im Moment, als die Franzosen, von Aufklärung infiziert, begannen, den Tirolern den Kirchgang zu verbieten, war das Maß der Geduld voll. Die Tiroler griffen unter der Führung von Andreas Hofer zu den Waffen, und es kam zu einem sehr blutigen Aufstand. Es dauerte fast ein Jahr, bis es den vereinten französischen und bayerischen Armeen gelang, den Aufstand, den Wien im Stich ließ, zu unterdrücken. Die Franzosen erlitten mehrere blutige Niederlagen, was für die durch Siege verwöhnten Soldaten ein neues Erlebnis war, auf den sie gerne verzichtet hätten, bevor sie schließlich in der dritten Schlacht auf dem Bergisel bei Innsbruck (heute gibt es dort eine Skisprungschanze, auf der im Rahmen der Vierschanzentournee am Übergang vom alten zum neuen Jahr gesprungen wird) die Tiroler doch besiegten, Andreas Hofer wurde gefangen genommen und in Mantua hingerichtet. Die Tiroler sind jedoch unheimlich stolz auf diesen Aufstand, der in ihrer Geschichte glorifiziert wird, und auch auf dem Staller Sattel-Pass gibt es ein Denkmal für die Tiroler Solidarität – ein Osttiroler aus Defeggertal hält gemeinsam mit einem Südtiroler aus Antholzertal die Fahne und sie ziehen gemeinsam gegen die bösen Franzosen.

Es gibt Dinge, über die in Tirol nicht gescherzt wird. Ich würde auch nicht empfehlen, das Antholzertal mit seinem heutigen Namen “Valle di Anterselva” zu bezeichnen, nicht einmal deshalb, weil es sich besser ausspricht.

            In Matrei, vor der riesigen klassizistischen Kirche St. Alban aus den Jahren 1776-1784, findet man neben den üblichen Gedenkstätten für die Opfer der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts auch eine Erinnerung an die Opfer dieses Aufstands. Aus Matrei stammten zwei Anführer des Aufstands, Anton Wallner, der den Kampf in den Salzburger Bezirken Pongau und Pinzgau führte, und Johann Panzl, der bei Saalfelden kämpfte. Beide zogen sich dann nach Osttirol zurück und organisierten den Widerstand im Iseltal. Nach der Niederlage des Aufstands wurden sie in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Wallner gelang die Flucht, und auch Panzl schaffte es, sich aus seinem Versteck in Sicherheit zu bringen. An ihrer Stelle wurden Geiseln hingerichtet, die von der Gemeinde Matrei an die siegreichen Franzosen ausgeliefert wurden, der örtliche Metzger Johann Weber und Franz Obersammer. Heute werden alle vier auf dem Denkmal geehrt; die beiden Anführer haben dort ihre Plastiken, auf hingerichtete Geiseln wird dort nur durch ihre Namen erinnert.

            Aber zurück zu unserem Ausflug. Innergschlöss ist ein wunderschönes grünes Hochtal, in dem Kühe weiden, durch das die Gletscherströmung „Gschlösserbach“ fließt. Hier beginnt der “Gletscherlehrpfad”. Er führt steil nach oben; die ersten fünfhundert Meter sind anstrengend, aber zu Beginn der Strecke ist man noch motiviert und konzentriert, so dass der Weg über den hohen Wasserfall zum ersten See auf 2240 Metern Höhe bewältigt werden kann. Gleich in der Nähe befindet sich die größte Attraktion des Tals, der “Auge Gottes”-See. Dieser dreieckige See mit einer kreisförmigen Insel sieht wirklich so aus, wie sein Name es sagt.

Von hier aus teilt sich der Weg. Eine Richtung führt weiter entlang des Lehrpfads mit der Möglichkeit, zur “Alten Pragerhütte” abzuzweigen, die jedoch außer Betrieb ist und in ein Museum umgewandelt wurde. Diese “Alte Prager Hütte” war die älteste Schutzhütte im Tal und wurde irgendwann um das Jahr 1870 gebaut, als es bei der Besteigung des Großvenedigers noch um Leben und Tod ging. Dieser – meiner Meinung nach schönste Berg Österreichs – dominiert das gesamte Tal. Wir haben überlegt, ob wir uns in diese Richtung begeben sollen, oder den Gipfel des „Innerer Knorrkogel“ besteigen sollen. Die Höhe war ungefähr gleich, aber die Aussicht auf eine Erfrischung, die wir von der Hütte erwarteten, war letztendlich entscheidend. Der Name der Hütte ließ uns überlegen, ob in der “Neuen Pragerhütte” original pragerisch „Staropramen“ oder vielleicht doch das kommerziellere „Pilsner Urquel“ serviert wird. Da wussten wir noch nicht, welche Überraschung uns erwartete. Das erfuhren wir, als wir bei der Alten Prager Hütte ankamen, die von einer großen Herde Schafe umgeben war.  Die Schaffe stürzten sich freudig auf uns und fingen an, uns abzulecken, weil sie nach Salz dürsteten, und wir nach dem Aufstieg auf 2489 Metern vom salzigen Schweiß bedeckt waren.

Denn dort erwartete uns auch die Hiobsbotschaft – die “Neue Pragerhütte” war nämlich aufgrund von Wassermangel geschlossen. Da ich bereits ziemlich müde war, schlug ich vor, dass wir es für heute gut sein lassen sollten, aber mein Vorschlag wurde abgelehnt. Wir gingen weitere dreihundert Höhenmeter zur “Neuen Pragerhütte”, weil sie in Sichtweite war und die anderen Teilnehmer der Expedition, nämlich Vladimír und seine beiden Söhne, betonnten, dass es auf keinen Fall nochmal dreihundert Höhenmeter sein könnte. Doch, sie waren es!!!

Neue Pragerhütte

            Allerdings war der Ausblick von dort oben erstaunlich schön. Wir befanden uns direkt unter dem Gletscher, der immer noch die Hänge des Großvenedigers bedeckt, hoch über seinem Gletschersporn und dem Gletschersee.

Dieser schöne Berg schien zum Greifen nah und ist normalerweise auch erreichbar. Gerade in der “Neuen Pragerhütte”, die im Jahr 1904 erbaut wurde, übernachten Touristen, die den Gipfel des Großvenediger mit einer Höhe von 3657 Metern zum Ziel haben.

Wir bekamen sogar vom “Hüttenwart”, der die verlassene Hütte bewachte, ein Bier in der Dose angeboten (es störte nicht, dass es weder Staropramen noch Pilsner war und dass das Bier bereits drei Jahre über dem Ablaufdatum war). Er bot uns sogar an, dort zu übernachten. Der Aufstieg zum Großvenediger über den Gletscher ist jedoch nur mit einem Bergführer möglich, der natürlich nicht da war. Wir hatten keine Lust in einer Gletscherspalte zu landen und zu neuem „Ötzi“ zu werden. Wir hatten nicht die entsprechende Ausrüstung, und die Vorstellung, am nächsten Tag weitere 900 Höhenmeter hinaufzusteigen (und das im Schnee, was viel anstrengender als Felsen ist) und danach 2000 Höhenmeter hinunterzugehen, stieß auf meinen Selbsterhaltungstrieb. Das müsste nämlich an einem Tag geschafft werden. Und dieser Berg ist auch von unten wunderschön anzusehen, und von der Hütte aus ist er geradezu optisch zum Greifen nah.

            Als wir zurück ins Tal kamen, stellten wir fest, dass das Schild mit der Information, dass die Hütte vorzeitig geschlossen sei, dort stand, nur auf dem anderen Ufer des Gschölbaches, an dem entlang wir am Morgen gegangen waren. Wir wollten nämlich den Menschenmassen entkommen, die der Panoramazug ausgespuckt hatte. Wenn wir das gewusst hätten, wären wir wahrscheinlich auf den Innerer Knorrkogel gegangen – und das wäre ein großer Fehler gewesen. Man muss einfach Glück haben.

            Wir fuhren mit dem Taxi (wie uns der Fahrer sagte, es war die letzte Fahrt) zurück zum „Matreier Tauernhaus“, und wir hatten Hunger. Das Gasthaus bot eine sehr begrenzte Speisekarte *neben dem Schnitzel nur eine Blutwurst), also zögerten wir, aber schließlich entschieden wir uns für vier Wiener Schnitzel, denn dieses Gericht geht immer. Beim Verlassen der Hütte sah ich an der Rezeption einen Prospekt – ein Büchlein, das sich von selbst auf einer Seite öffnete, auf der für die Seilbahn “Kalser Bergbahn” geworben wurde. Und es wurde dort geschrieben, dass sie bis zum 24. September in Betrieb wäre. Ich starrte ungläubig auf diese Information und wagte es nicht zu verstehen, dass uns das Schicksal vielleicht doch mochte. Das dauerte ein paar Minuten, aber meinen Lesern überlasse ich ganze zwei Wochen, um das zu begreifen. Dann werde ich Ihnen erzählen, wie sich unsrer Urlaub durch dieses Büchlein geändert hat.

Graz V

Nun erhebt sich der Felsen des Schlossbergs vor uns. Es gibt mehrere Möglichkeiten, dorthin zu gelangen. Mit der Zahnradbahn vom Hotel Schlossberg, mit dem Aufzug im Inneren des Berges, über die Treppe, die österreichische Pioniere mit Hilfe von russischen Kriegsgefangenen während des Ersten Weltkriegs errichtet haben, oder auf dem ursprünglichen Weg vom Karmelitenplatz, auf dem die Franzosen im Jahr 1809 elfmal versuchten, die Festung zu erstürmen. Zu dieser Zeit war dies der einzige Zugang zur Festung. Am bequemsten ist es jedoch mit dem Aufzug, der ebenfalls im Jahr 2003 gebaut wurde. An der Ecke des Platzes unter dem Schlossberg befindet sich der Khuenburg-Palast. Hier wurde im Jahr 1863 der Thronfolger Franz Ferdinand d’Este geboren, dessen Tod in Sarajevo am 28. Juni 1914 zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte (übrigens ist eine der Hauptstraßen in Graz nach dem Hauptkriegshetzer im österreichischen Generalstab, Konrad von Hötzendorf, benannt). Die Eltern von Franz Ferdinand, Erzherzog Karl Ludwig und die neapolitanische Prinzessin Maria Annunziata, lebten in Graz noch einige Jahre nach der Geburt des Erstgeborenen, so dass auch der jüngere Bruder von Franz Ferdinand, Otto, der Vater des letzten österreichischen Kaisers Karl, hier geboren wurde.

Gleich nebenan befindet sich der Herberstein-Palast, wo sich das Johanneum-Museum mit historischen Sammlungen zur Geschichte der Stadt befindet. Dieser Palast gehörte einst der Familie Eggenberg und ging durch Erbschaft an die Herbersteins über. Wenn wir den Schlossberg betreten, fällt sofort auf, wie durchlöchert der Berg mit vielen Tunneln ist. Während des Zweiten Weltkriegs dienten sie als zuverlässiger Luftschutz, da Graz als Eisenbahnknotenpunkt in Richtung italienischer Front häufig Ziel alliierter Luftangriffe war. Auch heute werden immer noch nicht explodierte Bomben bei Bauarbeiten gefunden, insbesondere beim Umbau des Bahnhofs war dies ein recht häufiges Phänomen. Heute gibt es im Berg Vortrags- und Hörsäle sowie eine Märchenbahn für Kinder. Während der Fahrt können sie Szenen aus vielen Märchen, einschließlich der Legende, dass der Schlossberg aus einem Stein entstand, den ein wütender Teufel hierhin warf, betrachten. Wenn wir mit dem Aufzug nach oben fahren, steht uns eine Giraffe gegenüber, das Symbol des gastronomischen Imperiums von Julia Schwarz (neben dem Flaggschiff in Andritz gehören ihr auch der Landtagskeller oder das Cafe Promenade im Stadtpark – mit anderen Worten, wo eine Giraffe draußen steht, ist Julia drinnen). Direkt daneben steht der Uhrturm.

Es war der einzige Ort auf dem Schlossberg, der den Bürgern der Stadt gehörte, die sogenannte Bürgerbastei. Die Bürger nutzten dieses Grundstück geschickt und errichteten hier 1561 einen Turm mit einer Uhr – die Zeit kann man von überall in der Stadt beobachten – allerdings muss man bedenken, dass die Zeiger verkehrt sind. Der kleine Zeiger zeigt die Minuten und der große die Stunden. Im Turm befindet sich die “Lumpenglocke”. Eine Glocke, die bei jeder Hinrichtung läutete und angeblich auch bei jenem vorzeitigen Abendläuten läutete, das Andreas Baumkircher zum Verhängnis wurde. Unterhalb des Uhrturms befinden sich die Herberstein-Gärten – wohl der schönste Ort auf diesem Hügel und vielleicht sogar im ganzen Graz.

Der Garten wurde von den Grafen von Herberstein angelegt und gepflegt und war lange Zeit nur von ihrem Palast in der Stadt über einen heute unzugänglichen Gehweg erreichbar. Die Gärten sind seit 1930 für die Öffentlichkeit zugänglich und verdienen ihren Namen “Hängende Gärten von Graz” wirklich. Selbst Semiramis würde vor Neid erblassen. Von hier aus hat man den atemberaubendsten Blick auf die Stadt unter diesem Garten – ein Ort, an dem kaum jemand widerstehen kann, ein Foto zu machen. An den Garten schließt sich das Cerrini-Schlösschen an. Karl Freiherr von Cerrini verteidigte tapfer die exponierte Bastion im Kampf gegen die Franzosen und durfte sich 1820 hier ein Haus bauen.

Wenn man unter die Schossbergmauern hinabschaut, sieht man eine Statue eines Hundes.

Mit diesem Hündchen ist eine Legende verbunden. Kaiser Friedrich versprach einst seine schöne Tochter Kunigunde dem ungarischen König Matthias. Die Beziehungen zwischen den beiden Herrschern verschlechterten sich jedoch im Laufe der Zeit erheblich. Friedrich wollte dem ungarischen König Burgenland nicht zurückgeben (und auch nicht die ungarische Königskrone, die heimlich von Königin Elisabeth, der Mutter von König Ladislaus Postumus, nach Wien gebracht wurde). Es kam zum Krieg und Matthias eroberte sowohl Wien als auch die Steiermark. Friedrich versteckte die damals fünfzehnjährige Kunigunde auf dem Schlossberg, aber die Ungarn erfuhren von ihrem Versteck. Ein Spezialkommando sollte in die Festung eindringen und die kaiserliche Tochter entführen. Aber der kleine Hund an den Mauern schnüffelte „das Ungarische“ und begann wütend zu bellen. Sein Gebell weckte das Interesse des Wachkommandanten Ulrich von Graben. Er sah die Ungarn, die versuchten, über die Mauern hochzuklettern. Die Ungarn wurden erfolgreich zurückgeschlagen und Kunigunde gerettet. Ob sie sich lange darüber freute, ist unbekannt. Friedrich verheiratete sie mit Herzog Albrecht IV. von Bayern, der angeblich gewalttätig war. Sie gebar ihm jedoch acht Kinder.

Auf dem Weg nach oben kommen wir an dem Türkenbrunnen vorbei.

Er wurde angeblich von türkischen Gefangenen auf Anweisung des Architekten Domenico d’ Allio gegraben. Es war eine schreckliche Arbeit, man musste sich bis zum Grundwasser vorarbeiten, also auf das Niveau des Mur-Wasserspiegels, und der Brunnen hat daher eine Tiefe von 94 Metern. Über dem Brunnen erhebt sich die Stahlbastei, der eindrucksvollste Teil von d’Allios Befestigungsanlagen.

Spätestens jetzt müssen wir über die berühmteste Schlacht sprechen, die hier ausgetragen wurde. Im Jahr 1809 kam es zu einem Krieg zwischen den Alliierten und Napoleon und Graz wurde zu einem wichtigen Schlachtfeld dieses Krieges. Die Kämpfe verlagerten sich von St. Leonhard, das völlig zerstört wurde, bis zum Schlossberg, den Major Hackher mit 896 Soldaten und 17 Offizieren verteidigte.

Schlossberg im Jahr 1809

Weder das Bombardement durch die französische Artillerie noch wiederholte Angriffe brachten die Verteidiger zur Kapitulation. Napoleon war so wütend über dieses Scheitern, dass er im Frieden von Pressburg nach der Niederlage Österreichs in der Schlacht von Wagram festlegte, dass die Festung zerstört werden müsse. Am 15. November 1809 begannen die Sprengungsarbeiten in der Festung. Nur der Uhrturm, der Glockenturm, den die Grazer Bürger von den Franzosen für 2978 Gulden und 41 Kreuzer freikauften

(warum gerade so eine Summe und nicht runde 3000 Gulden, kann ich nicht ahnen, entweder konnten die Grazer Bürger wirklich nicht mehr Geld zusammenbringen oder haben die Franzosen von den verlangten Summe den Preis für den ersparten Schießpulver abgezogen), und die Stahlfestung überstanden die Zerstörung. Letztere überstand alle Versuche, sie zu sprengen, sodass die Franzosen schließlich ihre Bemühungen, sie in die Luft zu jagen, aufgeben mussten. Domenico d’Allio leistete gute Arbeit. Übrigens übernahm nach dem Tod von d’Allio Sallustio Peruzzi die Arbeiten an der Befestigung des Schlossbergs, dessen Vater Baltasar nach dem Tod von Raphael Santi den Bau des Petersdoms in Rom leitete. Graz konnte sich nie über einen Mangel an italienischen Spitzenarchitekten beschweren, die bereit waren, es zu verschönern oder zu befestigen.

In der Stahlbastei befand sich die “Eiserne Jungfrau”. In diesem Sarg mit eisernen Spitzen wurden besonders schwere Verbrecher hingerichtet. Der Verurteilte wurde hineingestoßen, die Truhe wurde verschlossen, wodurch ihn die eisernen Spitzen an vielen Stellen durchbohrten. Dann öffnete sich der Boden der Truhe, und die Leiche fiel tief in die Fundamente der Festung. Einer Legende zufolge soll auch der Gründer des Ruhms der Eggenberg-Familie, Balthasar, auf diese Weise hingerichtet worden sein. Balthasar war zu Lebzeiten Friedrichs III. der Münzmeister von Innenösterreich. Wie ich schon mehrmals erwähnt habe, kämpfte der liebe Kaiser ständig mit finanziellen Schwierigkeiten und machte Schulden, wo immer er konnte. Balthasar half ihm, das Problem im Grunde genommen auf moderne Weise zu lösen – durch die Inflation. Die von ihm geprägten Münzen enthielten immer weniger Silber, bis sie zu wertlosen Metallstücken wurden. Die Schuldner freuten sich, die sparsamen Menschen weinten. Aber sie weinten nicht nur, sondern waren auch wütend. Balthasar rettete sich vor ihrem Zorn, indem er nach Ungarn zum König Matthias floh. Auch der ungarische König hatte finanzielle Probleme, und Balthasars Methode, Schulden loszuwerden, gefiel ihm auch gut. Als Belohnung erhob er den Grazer Bürger in den Adelsstand und verlieh ihm ein Wappen, auf dem drei Raben (das Wappentier von König Matthias) eine königliche Krone in ihren Schnäbeln tragen. Balthasar fühlte sich nun unantastbar und kehrte nach Graz zurück, wo er sofort verhaftet wurde und im Gefängnis starb. Ob er in jener eisernen Jungfrau umgebracht wurde, ist nicht bewiesen, aber die Legende besagt es.

Von der Stahlbastei gelangt man zum chinesischen Pavillon – einem Artefakt aus der Romantikzeit, als etwas Orientalisches einfach überall stehen musste – und dann zum Kanonenbastei hinauf. Dort standen einst vier Kanonen, die Warnschüsse abgaben, wenn sich der Feind der Stadt näherte oder wenn in der Stadt ein Feuer ausbrach. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt, heute befindet sich jedoch das “Schlossberg Museum” hier, und daher muss man für den Ausblick bezahlen. An der oberen Seilbahnstation und dem Glockenturm vorbei gelangen wir schließlich auf das höchste Plateau der Festung. Hier befinden sich die Kasematten, ehemaliges Gefängnis, heute ein Konzertsaal. Früher waren hier auch sehr prominente Gefangene inhaftiert, Grafen, Feldmarschälle oder sogar der Bischof Nadasdy. Aus den Zellen wurden Logen gemacht, die übrigen Zuhörer bevölkern den Boden der Kasematten, und das Beste ist, dass diejenigen, die keine Tickets bekommen haben, sich im Park zwischen den Bäumen hinlegen und Musik hören dürfen – auch wenn sie die Musiker nicht sehen können. An den Ecken des Plateaus befinden sich Metallplatten, die die Richtungen zu beinahe allen wichtigen Städten Europas anzeigen. Es fehlt nur eine – Prag. So viel also zu den harmonischen Beziehungen zu unserem nördlichen Nachbarn.

Am nördlichen Ende der Festung zeigten Ausgrabungen den gotischen Teil der Festung, wie er aussah, bevor Domenico d’Allio seine Arbeit aufnahm. Über diesen Ausgrabungen erhebt sich der Hackherlöwe.

Da kein Bild des tapferen Festungskommandanten erhalten geblieben ist, wurde beschlossen, sein Heldentum zum hundertsten Jubiläum im Jahr 1909 mit einem Metalllöwen zu ehren. Dieser wurde zwar während des Zweiten Weltkriegs eingeschmolzen, aber dann wieder hergestellt und 1966 an seinen ursprünglichen Platz gebracht.

Der gesamte Schlossberg ist heute ein Park. Nach der Zerstörung der Festung gab es hier ein großes Ruinenhaufen, bis der Baron Ludwig von Welden im Jahr 1838 die Idee hatte, den Hügel in einen Park umzuwandeln. Es war eine großartige Idee, und ihr Urheber wurde dafür auf dem Schlossberg mit seiner Statue belohnt. Beim Abstieg in die Stadt kommen wir am “Französischen Kreuz” vorbei.

Ob an diesem Kreuz ein französischer Unterhändler von den Österreichern hinterhältig erschossen wurde oder ob es sich um den österreichischen Fähnrich Karl König handelte, der von den Franzosen getötet wurde, ist eine Frage der unterschiedlichen Interpretation. In jedem Fall durften bis zu diesem Punkt die Familienmitglieder die Verurteilten begleiten, die zur Vollstreckung seiner Strafe in die Schlossberg-Kasematten gebracht wurden.

Wenn wir zum Karmelitenplatz hinuntergehen, befindet sich links von uns das Paulustor als Teil der ehemaligen Stadtbefestigung. Hier wurden auf Anordnung des Erzherzogs und späteren Kaisers Ferdinand II. am 8. August 1600 “ketzerische” Bücher verbrannt, also alles, was mit dem Protestantismus zu tun hatte. Später stand hier das erste Krankenhaus in Graz. Heute befindet sich in diesem Gebäude die Polizeidirektion.

Hinter dem Tor befindet sich der Stadtpark. Er ist riesig und bildet die grüne Lunge der Stadt. Seine Entstehung verdankt er einem glücklichen Zufall und einem fähigen Bürgermeister. Nach dem Abriss der Stadtmauern wurde das Glacis aufgehoben und zu begehrtem Baugrund umgewandelt. Ein Teil davon wurde jedoch von der Armee als Platz für Paraden und Marschübungen beibehalten und zu diesen Zwecken genutzt. Nach dem Krieg mit Preußen im Jahr 1866 geriet jedoch auch das österreichische Militär in große finanzielle Schwierigkeiten und wollte dieses Grundstück im Stadtzentrum verkaufen. Damals griff der aufmerksame Bürgermeister Moritz Franck ein und kaufte das ganze Grundstück im Jahr 1869 auf. Im Jahr 1872 wurde der Park feierlich eröffnet, seine ältesten Bäume sind daher bereits 150 Jahre alt. Der Bürgermeister verdiente sich mit dieser Tat nicht nur den Aufstieg in den Ritterstand, sondern auch seine Statue, die sich im Park neben einer riesigen Fontäne befindet.

Wenn wir vom Karmelitenplatz zur Sporgasse gehen, passieren wir den Saurau-Palast. Aus dem Dachfenster schaut uns ein hölzerner Türke an, der aus dem Fenster ausgelehnt ist.

Der Legende nach haben die Türken im Jahr 1532 Graz besetzt und die Bevölkerung flüchtete auf den Schlossberg. Ibrahim Pascha, der Kommandant der türkischen Armee, wollte gerade im Saurau-Palast speisen, als die Verteidiger vom Schlossberg eine Kanonenkugel abschossen, die den gedeckten Tisch traf. Daraufhin soll Ibrahim Pascha außer sich vor Wut gewesen sein. Er erklärte, dass er nicht in einer Stadt bleiben würde, in der er nicht in Ruhe essen könne, lehnte sich aus dem Fenster und gab den Befehl zum Abzug aus der Stadt. Bösartige Zungen behaupten außerdem, dass er aufgrund seiner korpulenten Statur im Fenster steckenblieb und die Türken auf den Rückzug aus der Stadt warten mussten, bis der Kommandant etwas abgenommen hatte, damit ihn die Soldaten wieder ins Haus ziehen konnten. Das ist aber nur eine Legende. Tatsächlich haben die Türken Graz nie erobert, und jener Türke im Fenster des Palastes war wahrscheinlich ein Hauszeichen.

Von der Sporgasse biegen wir in die Hofgasse ab, wo sich einst die Münze des Inneren Österreichs befand und wo Balthasar von Eggenberg seine unlauteren Geschäfte betrieb. An der Ecke befindet sich der Palast des Deutschen Ordens und ein Stück weiter der wunderschön geschnitzte hölzerne Eingang des Bäckerei Edegger-Tax.

Franz Tax, der Besitzer der Bäckerei, bat bereits im Jahr 1883 bei einem Besuch von Kaiser Franz Josef, dem er seine Produkte lieferte, um den Titel des Hofbäckers. Der Bitte wurde nicht entsprochen, warum, ist nicht bekannt. Franz Tax war jedoch ein beharrlicher Mensch, und als im Jahr 1888 Kronprinz Rudolf nach Graz kam, versuchte er es noch einmal und hatte diesmal Erfolg. Die Familie Tax backt hier nicht mehr, auch nicht ihre Nachkommen, die Familie Edegger. Der wunderschöne Eingang der Bäckerei steht jedoch seit 1950 unter Denkmalschutz. Die Hofgasse führt uns zum Beginn unserer Stadtführung, zum Dom und zur Burg mit ihren Gärten. Ich denke, ihr seid genauso erschöpft wie ich. Also, obwohl es in Graz noch viel zu besichtigen gibt – zum Beispiel sind wir nur am Opernhaus vorbeigekommen, sowohl am historischen als auch am modernen Gebäude – beenden wir unseren Spaziergang. Diejenige, die noch etwas weiteres besichtigen möchten, ebenso wie diejenige, die von der Wanderung schon mehr als genug haben, bitte ich um Verzeihung.

Graz IV


Wenn Sie bereits vom Spaziergang in der Stadt Graz müde sind, dann geht es mir genauso. Halten Sie durch, bald wird es vorbei sein. Aber es gibt noch viel zu sehen. Und ich verspreche, dass wir das Stadtzentrum nicht verlassen werden, und wir werden keine weiter entfernten Ziele besuchen, wie zum Beispiel das Schloss Eggenberg am Fuße des Plabutsch-Berges, das barocke Juwel der Wallfahrtskirche Mariatrost, das von Kaiser Karl VI., dem Vater von Maria Theresia, im Jahr 1714 erbaut wurde, die Ruine der Burg Gösting mit Jungfrausprung direkt über die Autobahn A9 oder sogar das Zisterzienserkloster Rein, wo die ersten Herrscher der Steiermark bis zum Vater von Friedrich III., Ernst der Eisernen, begraben sind. Bitte besuchen Sie es privat.

Nachdem wir uns also am Mehlplatz erfrischt haben, überqueren wir die Stadt über den Hauptplatz und betreten das Kälberne Viertel. Es ist nach der Vielzahl von Geschäften benannt, deren Stände an den Außenwänden der das Viertel dominierenden Kirche der Franziskaner aufgebaut wurden und wo einmal Rindfleisch verkauft wurde. Heute sind das Souvenirs und Kleider.

In Richtung Fluss befindet sich das kleinste Haus in Graz – in der Neutorgasse 11.

Ich mag dieses Viertel mit seinen zahlreichen Gasthäusern sehr. Zwei von ihnen, “Don Camillo” und “Peppone”, erinnern an den berühmten Roman des italienischen Journalisten Giovanni Guareschi, in dem in einem kleinen Dorf in der Po-Ebene nach dem Zweiten Weltkrieg der katholische Priester Don Camillo und der kommunistische Bürgermeister Peppone um die Gunst der einheimischen Bevölkerung kämpften. Das Franziskanerkloster wurde noch während der Babenberger-Dynastie gegründet – es werden die Jahre 1221, 1230 oder sogar 1241 angegeben. Als sich im Jahr 1517 der Franziskanerorden in Minoriten (Minoritenbrüder) und Franziskaner- Observanten spaltete, fiel die Kirche an die Minoriten. Bereits im Jahr 1571 bot Erzherzog Karl dieses Kloster den Jesuiten an, doch sie erschraken vor dem desolaten Zustand des Gebäudes und “begnügten” sich lieber mit dem Dom. Die Minoriten mussten schließlich ihr Kloster den Observanten überlassen. Der Grund war angeblich das unmoralische Leben der Mönche. Sie gingen nur über die Mur und ließen sich in Sichtweite ihres alten Quartiers das neue, wunderschöne Mariahilf-Kloster errichten. Es ist eines der wenigen rein barocken Gebäude in Graz mit einem prächtigen Barocksaal.

Sowohl Erzherzog Ferdinand als auch der frisch konvertierte Ulrich von Eggenberg trugen zum Bau bei, den der Baumeister des Mausoleums, Giovanni Pietro de Pomis, zwischen 1607 und 1611 geschaffen hat. Ulrich von Eggenberg musste nämlich beweisen, dass er es mit seiner Konversion zum Katholizismus ernst meinte, und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der Bau hat offensichtlich den steirischen Herrscher Ferdinand so angesprochen, dass er den Architekten beauftragte, das bereits erwähnte Mausoleum neben dem Dom zu errichten. Wenn jemand – wie ich – über die fehlende Logik nachdenken würde, nämlich dass das Mausoleum im Stil des Manierismus erbaut wurde und das einige Jahre ältere Mariahilf-Kloster rein barock ist, liegt das daran, dass das heutige Aussehen des Klosters hundert Jahre jünger ist. Den Mönchen hat ihr Kloster im Gegensatz zu Erzherzog Ferdinand nicht so gut gefallen, und sie ließen es in den Jahren 1742-1744 in die heutige barocke Form umbauen.

In dem Franziskanerkloster – der Pfarrkirche der Himmelfahrt der Jungfrau Maria – befindet sich die schönste gotische Jakobikapelle mit einem vergoldeten Altar. Übrigens wurde dort meine erste Enkelin getauft.

Zwischen den beiden Klöstern steht die Hauptbrücke über den Fluss Mur. Seit 1361 war sie aus Holz und wurde immer wieder von hohem Wasser weggerissen. Erst im Jahr 1889 wurde die heute noch stehende Stahlbrücke errichtet. Ursprünglich war sie mit Metallstatuen von Styria und Austria geschmückt – diese sind heute im Stadtpark ausgestellt. Styria ist eine friedliche Magd, während Austria mit Waffen klirrt.

Im Jahr 1471 war diese Brücke die einzige Überquerungsmöglichkeit über den Fluss, und auf der Stadtseite standen zwei Tore mit befestigten Türmen – das innere und das äußere Tor. Hier fand der berühmte Rebell Andreas Baumkircher sein Ende. Diese wahrhaft legendäre Figur lebte zurzeit Kaiser Friedrichs III. Andreas Baumkircher besaß ausgedehnte Ländereien und einige Burgen im heutigen Burgenland und war sogar eine Zeit lang der Zupan (Landeshauptmann) von Pressburg (Bratislava). Mehrmals half er dem Kaiser persönlich, zum Beispiel als er von der tschechischen Armee belagert wurde, die die Auslieferung von Ladislaus Posthumus forderte. Ladislaus war zwar offiziell der König von Böhmen, befand sich jedoch “unter dem Schutz” Friedrichs in der Wiener Neustadt. Baumkircher lieh dem Kaiser große Geldsummen. Friedrich war jedoch nie besonders gewissenhaft beim Begleichen seiner finanziellen Pflichten und seine Schulden bei Baumkircher wuchsen in schwindelerregende Höhen. Als Andreas die Hoffnung aufgab, seine Gelder auf legalem Weg zurückzuerlangen, erklärte er dem Kaiser “Fehde”, das heißt Krieg. Auf diese Weise konnten Gläubiger gemäß dem mittelalterlichen Recht ihre Forderungen durchsetzen. Dass dabei Menschen starben und Dörfer und Städte brannten, überraschte damals niemanden besonders. In der Steiermark entbrannte ein echter Krieg, bei dem die Rebellen die Städte Hartberg, Feldbach, Fürstenfeld, Maribor und Slovenska Bystrica besetzten, die Städtchen Wildon oder Katsch wurden völlig zerstört und der Konflikt kulminierte in der Schlacht bei Fürstenfeld am 21. Juli 1469. Auf beiden Seiten kämpften erfahrene böhmische Söldner mit husitischer Ausbildung, die kaiserliche Armee wurde vom Hauptmann Jan Holub angeführt, dessen Nationalität ist auch klar. Beide Seiten verwendeten die Taktik der Wagenburg. Die Schlacht war außergewöhnlich blutig und endete mit einem Sieg der Truppen von Baumkircher, als auch Jan Holub schwere Verletzungen erlitt und den Rückzug befehlen musste. Allein auf Seiten der Sieger gab es angeblich 300 Tote und 500 Verwundete.

Nach dieser Niederlage erkannte der Kaiser, dass er den Aufstand militärisch nicht unterdrücken konnte, und bot Baumkircher Verhandlungen an. Am 23. April 1471 kamen Andreas Baumkircher und sein Freund Andreas von Greisenegger mit einem Schutzbrief nach Graz, der bis zu der Vesper gültig sein sollte. Die Verhandlungen auf dem Schlossberg zogen sich jedoch hin, der Kaiser musste natürlich sowohl am Vormittag als auch nach dem Mittagessen ausschlafen (nicht umsonst nannte man ihn Erzschlafmütze), und als es der spätere Nachmittag war, bat Baumkircher um eine Verlängerung des Schutzbriefes. Als dies abgelehnt wurde, begann er einen Hinterhalt zu ahnen. Er brach die Verhandlungen ab, aber seine Pferde waren vom Schlosshof verschwunden. Die Ritter rannten zum Tor, und sie hätten es vielleicht geschafft, aber der Kaiser, der ihre Flucht beobachtete, ließ die Vesper eine Viertelstunde früher läuten. In dem Moment, als beide Ritter zwischen dem inneren und äußeren Tor waren, fielen die eisernen Gitter an beiden Toren herab, und sie befanden sich in der Falle. Ihre tapfere Verteidigung half ihnen nicht. Sie wurden gefangen genommen und noch am selben Tag hingerichtet, laut der Legende genau an jener Stelle zwischen den beiden Toren mit Blick auf die Brücke und das gegenüberliegende Ufer, wo die Rettung in Form von Baumkirchers Männern wartete.

Gleich auf der anderen Seite des Flusses befindet sich das Kunsthaus.

Mit seinem unkonventionellen Aussehen konnten sich die Bewohner von Graz, und nicht nur sie, lange Zeit nicht abfinden. Die Stadt versuchte den Unmut mit dem Spitznamen „Friendly Alien“ zu besänftigen. Die Bürger gaben dem Gebäude den Spitznamen “Krake”, aber sie gewöhnten sich allmählich daran. Es wurde sozusagen zum steirischen Eiffelturm. Auf jener rechten Flussseite befinden sich die schönsten Jugendstilhäuser, in denen einst die jüdische Gemeinde lebte. Die alte Synagoge wurde in der Kristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von den Nazis zerstört, die neue wurde an derselben Stelle im Jahr 2000 eröffnet. Die Uferpromenade wird von den Hotels Weitzer und Wiesler dominiert. Das Fünfsternhotel Weitzer hat bereits Mick Jagger, Dalai Lama oder Jennifer Lawrence beherbergt. Arnold Schwarzenegger soll sogar eine Suite für seine Besuche in seiner Heimatstadt langfristig gemietet haben. Hinter den Hotels befindet sich das Kloster der Barmherzigen Brüder mit einem Krankenhaus. Die Mönche des Ordens, den der portugiesische Abenteurer Johann von Gott im Jahr 1539 gegründet hat, wurden im Jahr 1615 von den Erzherzögen Ferdinand und Maximilian nach Graz eingeladen. Es war ihr zweiter Wirkungsort auf habsburgischem Gebiet, der erste befand sich seit 1605 im mährischen (damals allerdings noch österreichischen) Valtice (Felsenberg). Dieser Orden reformierte die medizinische Versorgung und das angesehene Krankenhaus befindet sich dort bis heute. Genauso wie im nahegelegenen Haus des Elisabethinen-Ordens – der Turm ihrer Kirche ist weiß im Gegensatz zum gelben der Barmherzigen Brüder. Im Turm der Kirche der Barmherzigen Brüder befindet sich eine Kuriosität – die Schiffsglocke des österreichischen Kriegsschiffs “SMS Tegetthoff”. Es war das Flaggschiff der österreichischen Marine in der einzigen Seeschlacht, die Österreich je gewonnen hat – natürlich gegen Italien. Die Schlacht fand 1866 bei Lissa statt. Die Glocke hatte eine bewegte Geschichte. Zuerst wurde sie nach der österreichischen Kapitulation im Jahr 1918 den Italienern übergeben. Im Jahr 1942 wurde sie auf den schweren Kreuzer “Prinz Eugen” verlegt und im Jahr 1945 nach Kiel gebracht, um in Sicherheit zu sein. Dort blieb sie in einer Marineschule bis 1973, als sie ihren Platz im Turm der Kirche der Barmherzigen Brüder in Graz erhielt.

Auf der linken Muruferseite können wir über die Brücke oder über die Murinsel zurückkehren – eine künstliche Insel, die anlässlich von Graz als Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2003 geschaffen wurde. Achten Sie darauf, die Toilette auf dieser Insel zu besuchen! Die Spiegel sind so gemein angeordnet, dass es recht schwierig ist, die Toilette wieder zu verlassen.

          Ich habe wirklich gehofft, den Spaziergang durch Graz heute beenden zu können. Allerdings haben wir heute schon mehr als genug gesehen und gelesen. Gönnen wir uns also noch eine zweiwöchentliche Pause, bis unser Besuch von Graz endlich zu Ende geht.

Graz III

Wenn wir das Kaufhaus Kastner und Öhler verlassen, haben wir zwei Möglichkeiten, wohin wir unsere Stadtbesichtigung fortsetzen könnten. Entweder nach links zum Schlossberg oder rechts am Hotel Erzherzog Johann vorbei zum Hauptplatz. Gehen wir heute in diese Richtung, den Schlossberg behalten wir uns für das Ende unseres Spaziergangs. Der Hauptplatz wird von einem Rathausgebäude dominiert, das mit seinem neubarocken Stil zwar gar nicht her passt, ist aber imposant, sodass man sich damit abfinden kann.

Die meisten Gebäude stammen aus der Renaissance, dem vorherrschenden Stil in dieser Stadt. Und in der Mitte des Platzes steht ein Brunnen mit der Statue des steirischen Prinzen Erzherzog Johann.

Ohne ihn geht es in der Steiermark einfach nicht. Genauso wie man sich bei einem Besuch in Tschechien den Namen Karl IV. merken müsste, muss man das mit Johann, dem Landesvater der Steiermark, tun. Wir werden buchstäblich über ihn überall stolpern, also lassen wir seine Lebensgeschichte – für die, die sie nicht kennen – kurz zusammenfassen.

Johann wurde 1782 in der Toskana als achtes Kind des zukünftigen Kaisers Leopold II. geboren. Als sein Vater Kaiser wurde, siedelte er nach Wien um und nachdem er im Krieg gegen Napoleon im Jahr 1809 versagte – er hatte einen Löwenanteil an der Niederlage in der Schlacht bei Wagram – zog er sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Er kaufte einen Bauernhof namens Brandhof in der Nähe von Mariazell in der Steiermark und begann mit der Reformierung des Landes. Es waren nicht nur Experimente mit dem Anbau von Pflanzen unter bergigen Bedingungen und Aufklärungsvorträge. Er gründete eine Getreidebörse, die den Bauern feste Preise beim Getreideankauf garantierte, die Grazer Wechselseitige Versicherung, bei der sie sich gegen Missernten versichern konnten, und die Sparkasse-Bank, die kleine Kredite vergab. Dadurch blieben die steirischen Gelder in der Steiermark und bildeten die Grundlage für den lokalen Wohlstand. Darüber hinaus gründete er nach dem Vorbild seiner Großmutter Maria Theresia eine Bergbau-Hochschule, an der Carl Friedrich Christian Mohs die Härteskala der Mineralien festlegte – wir erinnern uns zumindest teilweise daran, weil wir das in der Schule lernen mussten – sie hat zehn Stufen und der härteste ist natürlich der Diamant. Im revolutionären Jahr 1848 kandidierte Johann für die Steiermark in den Wahlen in das gesamtdeutsche Parlament, das in Frankfurt tagte, und wurde natürlich gewählt und anschließend auch zum Vorsitzenden dieses Parlaments. Dort führte er einen vergeblichen Kampf für die sogenannte großdeutsche Lösung, also die Wiederherstellung des Deutschen Kaiserreichs mit Österreich und der Hauptstadt Wien. Diesen Kampf verlor er gegen die preußische Lobby, und ein neuer Kaiser ging aus den Sitzungen jenes ersten revolutionären Parlaments auch nicht hervor. Johann zog sich dann in die Steiermark zurück und war bis zu seinem Tod als Bürgermeister in der Stadt Stainz tätig, wo er ein Jagdschloss hatte.

Als Lebenspartnerin wählte der liebe Johann die Tochter des Postmeisters aus Bad Aussee, Anna Plochl, was für damalige Verhältnisse einen enormen Skandal darstellte. Es dauerte zehn Jahre, bis er von seinem Bruder, Kaiser Franz, die Erlaubnis zur Hochzeit erwirkte. Um den Skandal etwas zu mildern, erhob der Kaiser die liebe Anna zur Gräfin von Meran. Deshalb trägt der Palast, den Johann in der Stadt erbauen ließ, den Namen Palais Meran und er beherbergt heute eine Schule für musikalische Künste. Im Hauptkonzertsaal dominiert an der vorderen Wand ein großes Gemälde des Erzherzogs – mit seiner unverwechselbaren Glatze. Diese hat er auch auf der Statue auf dem Hauptplatz, und die Stadtverwaltung versucht vergeblich, sie vor Tauben und ihrem unhygienischen Verhalten zu schützen. Der Brunnen, auf dem die Statue des Herzogs steht, stellt die vier steirischen Flüsse dar – Enns, Mur, Drau, die bis 1918 auch ein steirischer Fluss war, und Sann. Mit dem letzten habe ich mich lange beschäftigt und den Architekten verdächtigt, dass er diesen Fluss einfach frei erfunden hat, um keinen dreieckigen Brunnen bauen zu müssen. Aber der Fluss existiert – nun ja, es ist eher ein größerer Bach – er heißt heute Savinja und befindet sich wie sein großer Bruderfluss Drau in dem heutigen Slowenien.

Wenn wir vom Hauptplatz aus ein Stück nach rechts am Casino entlang gehen, gelangen wir zum Joanneum. Das Gebäude, das Johann erwarb, um dort seine Bergakademie unterzubringen, ist ein seltenes barockes Element in der Stadt. Der ehemalige Palast der Mönche aus Sankt Lambrecht wurde von der Familie Leslie erworben – daher trägt das Gebäude bis heute den Namen Lesliehof. Es wurde wieder einmal von einem italienischen Architekten mit einem für mich unaussprechlichen Namen Domenico Sciassia erbaut. Im Innenhof befindet sich eine Büste des bereits erwähnten Christian Mohs. Kaiser Franz Josef ließ dem ursprünglichen Museumsgebäude noch einen weiteren klassizistischen Anbau in Richtung des Flusses hinzufügen. Die beiden Gebäude passen nicht ganz zusammen, die Stadt Graz hat das Problem originell, aber aus meiner Sicht gut gelöst. Zwischen den beiden Gebäuden wurde ein hochmodernes Eingangstor in Form einer in die Erde eingelassenen Pyramide errichtet (umgekehrt im Vergleich zum Louvre in Paris). Der Eingang zum Museum befindet sich also unter der Erde, und auch die beiden Museumsgebäude sind unterirdisch miteinander verbunden.

Wenn wir uns vom Hauptplatz aus auf der Herrengasse befinden, wird uns wahrscheinlich zuerst das mit Fresken bemalte Haus, der Herrenhof, auffallen.

Der Besitzer dieses Hauses hatte das Privileg, keine Steuern zahlen zu müssen. Auf der anderen Seite war er jedoch verpflichtet, den Landesfürsten zu beherbergen, wenn er in die Steiermark kam. Dieses fragliches Privileg hat dem Hausbesitzer Herzog Rudolf der Stifter verliehen. Die Fresken stellen antike Motive der griechischen Götter dar.

Wenn wir an dem Landhaus und das Landzeughaus entlang weiter gehen, gelangen wir zur Grazer Pfarrkirche. Die Fassade ist barock, aber im Inneren handelt es sich um ein gotisches Gebäude.

Es war einmal die Kirche des Dominikanerordens. Aber die Dominikaner, ein Orden von bettelnden Predigermönchen, hatten in einer protestantischen Stadt ein hartes Leben. Sie kämpften ständig mit Armut und Hunger, und eines schönen Tages hatten sie die Schnauze voll und beschlossen, die undankbare Stadt zu verlassen. Herzog Karl erkannte die Gefahr, dass die Kirche in protestantische Hände geraten könnte, und griff ein. Da er den Dom dem Jesuitenorden übergeben hatte, hatte die Stadt keine katholische Pfarrkirche mehr. Karl bat daher den Papst in Rom, diese Kirche auf der Herrengasse zur Pfarrkirche zu erheben, wenn möglich noch bevor die letzten beiden verärgerten Mönche sie verließen. Der Papst verstand die Dringlichkeit der Bitte des Erzherzogs und kam ihr umgehend nach. In der Kirche befindet sich in der Seitenkapelle das Gemälde der Himmelfahrt der Jungfrau Maria von Tintoretto, aber es befindet sich hier auch die größte Kuriosität der Stadt. Man muss in das Hauptschiff gehen und die Glasfenster in der Apsis betrachten. Graz wurde im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert, da es vor allem für die italienische Front ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt war. Die Kirchenfenster aus Glas überstanden die Druckwellen der Explosionen logischerweise nicht. Nach dem Krieg wurde der Berliner Künstler Andreas Birkle mit der Gestaltung neuer Fenster beauftragt. Und er wagte es, auf einem der Fenster Hitler und Mussolini darzustellen, wie sie die Auspeitschung Christi beobachten. Es handelt sich um das linke Fenster, das dritte Fensterfeld von unten in der rechten Spalte.

Birkle hat diese beiden somit zu “bösen” Feinden Christi und seiner Botschaft erklärt. Eine ähnliche Provokation findet sich in ganz Europa nur noch an einem Ort, nämlich in der Kirche St. Martin in Landshut, wo Hitler, Goebbels und Göring ihre Gesichter den Peinigern des Heiligen Kastulus liehen.

Wir können uns um die Pfarrkirche herum begeben und am Delikatessengeschäft Frankowitsch vorbeigehen (mit den berühmtesten belegten Brötchen in der Stadt) zum Tummelplatz. Dieser hat zwei Teile. Einer davon ist der runde Platz vor dem Gebäude des Akademischen Gymnasiums. Dieses Gebäude war einst ein Kloster, nämlich das Kloster der Dominikanerinnen. Sie hielten in der Stadt etwas länger durch als der männliche Zweig des Ordens. Sie lebten hauptsächlich vom Verkauf von Wolle und Milch von Schaffen, die sie auf den Wiesen vor den Stadtbefestigungen, auf dem sogenannten Glacis, weideten. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit durften keine Häuser in der Nähe der Stadtmauern gebaut werden, und zwar in Schussweite der Kanonen. Dadurch sollte im Falle einer Belagerung verhindert werden, dass sich Feinde in diesen Gebäuden verstecken konnten. (Dieses Glacis kann man heute zum Beispiel in der italienischen Stadt Lucca in unveränderter Form sehen). Zu dieser Zeit kam der Postmeister slowenischer Herkunft und italienischen Namens Kaspar Andreas Jacomini in die Stadt. Er war ein Weltenbummler, diente als Leutnant in der Miliz in Rijeka und war auch Postmeister in Celje. Daher wusste er, dass die Stadtmauern abgerissen werden würden. Er bot den Nonnen einen guten Preis für ihre Wiesen an, und sie nahmen dankbar an. Im Jahr 1782 entschied Kaiser Josef, Graz zur “offenen Stadt” zu erklären. Das Glacis hörte auf zu existieren und Jacomini besaß die lukrativsten Baugrundstücke. Er verkaufte sie an die Bürger von Graz, und vor den Stadtmauern entstand das ganze Vorstadtviertel “Jacomini Vorstadt”. Heute trägt das gesamte Stadtviertel den Namen des geschickten Postmeisters, und der Platz, der nach ihm heißt, ist der Hauptverkehrsknotenpunkt – und ein Eldorado für Drogendealer.

Der zweite Teil des Tummelplatzes hat eine seltsame Form

. Er ist lang und schmal. Hier fanden im Mittelalter Ritterturniere statt. Auf beiden Seiten standen Tribünen, und die Ritter ritten auf Pferden und in Rüstungen in der Mitte aufeinander zu. Da es etwas bergab geht, kann ich mir vorstellen, dass sie – sofern es sich nicht um prominente Persönlichkeiten handelte – das Los ziehen mussten, um ihre Seite zu bestimmen. Mit diesem Ort sind drei Geschichten verbunden, die ich erzählen möchte. Die erste stammt aus dem späten 12. Jahrhundert. Die Legende besagt, dass Herzog Leopold V. zu Silvester 1194 an einem Turnier auf diesem Platz teilnahm. Leopold, verwandt mit Kaiser Friedrich I. Barbarossa (sein Vater Heinrich Jasomirgott war der Stiefbruder von Barbarossas Vaters und wurde auch deshalb 1156 vom Markgrafen von Österreich zum Herzog erhoben), war seit 1177 Herzog von Österreich und seit 1192 auch Markgraf von Steiermark.

Die Babenberger erwarben nämlich durch einen Vertrag mit dem aussterbenden Geschlecht der Ottokare im Jahr 1186 (Georgenberger Handfeste) die erbliche Herrschaft über die Steiermark. Aber der liebe Leopold befand sich im kirchlichen Bann. Er nahm nämlich am dritten Kreuzzug teil und übernahm nach dem Tod von Kaiser Barbarossa, der bei einem Bad in der heutigen Türkei ertrank, das Kommando über das deutsche Kontingent. Mit ihm beteiligte er sich an der Eroberung der Stadt Akkon. Doch der englische König Richard Löwenherz war nicht gewillt, dass neben seiner königlichen Fahne auf den Mauern der eroberten Stadt auch die Fahne “irgendeines Herzogs” wehte, und warf sie in den Graben. Leopold wurde wütend und verließ im Jahr 1191 Palästina. Als Richard nichts Besseres einfiel, als durch Österreich nach England zurückzukehren, fing er ihn ein und hielt ihn auf der Burg Dürnstein in der Wachau gefangen. Er forderte ein Lösegeld für ihn, und als Richards Bruder Johann Ohneland nicht bereit war zu zahlen, verkaufte er seine Geisel einfach an Kaiser Heinrich VI. zum halben Preis, um beide zu bereichern. Da er durch die Gefangennahme eines Kreuzritters gegen kirchliches Recht verstieß (Kreuzritter waren unantastbar und unterlagen ausschließlich kirchlicher Gerichtsbarkeit), verhängte Papst Coelestin III. den kirchlichen Bann über ihn. Der Legende nach stürzte der Herzog beim Turnier zusammen mit seinem Pferd und erlitt eine offene und stark blutende Beinfraktur. Da ihm niemand helfen wollte, zog er angeblich sein Schwert und trennte sich das Bein ab. Da ihm jedoch auch danach keine angemessene Pflege zuteilwurde, verblutete er und starb.

Die Legende ist schön, wenn auch etwas blutig, aber sie beruht nicht auf der Wahrheit. Tatsächlich stürzte Leopold mit seinem Pferd und brach sich das Bein, aber das geschah bereits am 26. Dezember in der vereisten Herrengasse. Er starb dann fünf Tage später an Sepsis. Es gab erhebliche Probleme mit seiner Beerdigung, denn solange der Papst nicht gnädig wurde und seinen Bann aufhob, durfte der Herzog nicht in geweihter Erde begraben werden.

Die zweite interessante Geschichte ereignete sich im Jahr 1467, als eine Delegation des böhmischen Königs Georg von Podiebrad Graz besuchte. Georg, als ein Nachkomme der Hussiten und ein Utraquist, wurde vom Papst Pius II. (unser bereits gut bekannter Aeneas Silvius Piccolomini) für Ketzer erklärt und musste sich ständig den Angriffen des ungarischen Königs Matthias Corvinus erwehren, der sich berechtigt fühlte, im Namen des Papstes den heiligen Glauben zu verteidigen (und als willkommener Nebeneffekt die böhmische Königskrone zu erlangen). Daher schickte Georg eine Delegation, die ganz Europa bereiste und versuchte (vergeblich), europäische Herrscher für einen internationalen Friedens- und Zusammenarbeitsvertrag zwischen den europäischen Nationen zu gewinnen – sozusagen ein Versuch der ersten Europäischen Union. Auf dem Rückweg von dieser visionären, aber erfolglosen Mission machte die Delegation auch in Graz Halt, wo sich gerade Kaiser Friedrich III. aufhielt. Zu Ehren der Tschechen veranstaltete er auf dem Tummelplatz ein Turnier, bei dem der damals beste tschechische Kämpfer Jan Libštejnský von Kolowrat unter tschechischen Farben antrat. Dieser siegte triumphal, als er seinen Gegner, den berühmten deutschen Ritter Reimberger, aus dem Sattel warf. Die ganze Geschichte wurde von einem Teilnehmer dieser tschechischen Expedition, Václav Šašek von Bířkov, in seiner Chronik “Die Reise ans Ende der Welt” festgehalten. Ob der Herr von Kolowrat von oben oder von unten angegriffen hat, ist nicht dokumentiert. Ich persönlich glaube, dass es von oben war, denn wenn er sich auf dem unteren Teil des Platzes befunden hätte, hätte Šašek diesen Nachteil in seinem Bericht sicherlich erwähnt.

Schließlich wurde der Tummelplatz zum legendären Schauplatz eines Duells, als der steirische Adlige Eberhard von Rauber gegen einen spanischen Granden vor den Augen Kaisers Maximilian II. um die Hand der kaiserlichen schönen unehelichen Tochter Helena kämpfte. Eberhard siegte triumphal, als er den Besiegten in einen Sack steckte und dem Kaiser zu Füßen legte. Daraufhin küsste der Kaiser ihn auf die Wange und übergab ihm “das göttliche Mädchen Helena”. Leider wurde aus der Ehe mit Helena kein Nachwuchs geboren. Nach der bedeutenden Adelsfamilie Rauber ist Raubergasse im Stadtzentrum benannt, und ich fand ein Porträt von Eberhard auf der Burg Güssing im Burgenland. Dort ist er jedoch mit so langen Haaren und Bart dargestellt, dass er sich sicherlich nicht gegen den Spanier durchgesetzt hätte. Wahrscheinlich ließ er sich die Haare erst danach wachsen. Übrigens soll der besiegte Spanier seine Niederlage nicht verkraftet haben. Nach seiner Rückkehr nach Spanien legte er alle Titel ab und trat in den Dominikanerorden ein.

Vom Tummelplatz gelangt man direkt zum Bischofplatz, dem Sitz des Bistums Graz-Seckau. Dieses wurde 1218 als Suffraganbistum des Erzbistums Salzburg gegründet, hatte jedoch seinen Sitz in dem obersteirischen Ort Seckau. Erst im Jahr 1786 wurde der Sitz nach Graz verlegt. Nach Durchqueren der Stempfergasse, die das jüdische Ghetto im Norden bis 1449 begrenzte, als die Juden auf Anordnung von Kaiser Friedrich III. aus der Stadt vertrieben wurden, gelangen wir zum Glockenspielplatz und Mehlplatz, die im Grunde eine Einheit bilden. Im Jahr 1884 kaufte ein Hersteller von Schnaps namens Gottfried Mauer hier ein Haus. Durch die Schnapsherstellung wurde er wohlhabend. Bei seinen Reisen durch Europa sah er viele verschiedene Glockenspiele und bedauerte, dass Graz keines hatte. Deshalb ließ er eines an seinem Haus installieren. Dreimal am Tag um 11, 15 und 18 Uhr erklingt das Glockenspiel und aus den Fenstern der Fassade tanzen ein Mädchen und ein junger Mann in steirischer Tracht, wobei der Mann natürlich ein Glas über dem Kopf hält – vermutlich mit Schnaps von Herrn Mauer. So tanzt man besser.

Der Mehlplatz mit seinen vielen Restaurants ist ein beliebter Ort zum Ausruhen während eines Spaziergangs durch die Stadt. Also machen wir hier eine Pause, bevor wir uns in den westlichen Teil der Altstadt begeben.

Graz II

Wir werden bei unserem Spaziergang noch eine Weile im fürstlichen Teil der Stadt bleiben, also in der Nähe des Doms. Direkt neben ihm steht nämlich ein architektonisches Juwel des Manierismus, eines architektonischen Stils, der an die Renaissance anknüpft – das Mausoleum von Kaiser Ferdinand II.

Mausoleum

Der Herrscher ließ dieses Grabmal nach dem Tod seiner geliebten Frau Maria Anna bauen und ließ sich selbst darin neben seinem früh verstorbenen Sohn Johann Karl begraben. Es handelt sich im Wesentlichen um zwei miteinander verbundene Gebäude, entworfen vom italienischen Architekten Giovanni Pietro de Pomis. Der Besucher betritt zuerst die Kirche St. Katharina von Alexandrien, der Schutzpatronin der Wissenschaften.

Katharina von Alexandria

Daher wurde das Mausoleum direkt neben der von Ferdinands Vater, Erzherzog Karl, gegründeten Universität gebaut. Die Kuppel ist mit Wappen der Länder geschmückt, in denen die Habsburger herrschten. Der zweite Teil ist die eigentliche Grabkapelle. Sie wurde nach dem Vorbild des Heiligen Grabes in Jerusalem gebaut. Früher konnte man in die Grabkammer hinabsteigen, heute ist der Zugang gesperrt. Von oben kann man den Sarkophag von Ferdinands Eltern Karl und Maria sehen. Auf dem Sarkophag sind zwar beide dargestellt, aber nur Maria liegt darin. Karl ist im Kloster Seckau in der Obersteiermark begraben. Warum das so ist, konnte ich nicht herausfinden. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1590 spendete Maria eine beträchtliche Summe Geldes, damit täglich Messen über dem Grab ihres Mannes gelesen werden und hat ihre Spende auch mit dem Wunsch verbunden, dass sie nach ihrem Tod neben ihm begraben wird. Ihre Untertanen erfüllten diese Bedingung jedoch nicht, anscheinend wollten sie, dass der vom Volk geliebte Erzherzog zumindest nach seinem Tod seine Ruhe hat. Mit seiner fanatischen, dominanten und intoleranten Frau hatte er während seines Lebens schon genug ertragen müssen.

Kaiser Ferdinand II. selbst ist in der Wand der Familiengruft begraben, ebenso wie seine Frau Maria Anna und sein ältester Sohn Johann Karl. Darüber hinaus wurde dort die französische Prinzessin Marie Therese von Savoyen begraben, die vor der französischen Revolution nach Graz geflohen war und hier 1805 verstarb. Ein angemessenes Grab wurde für sie gesucht, und so fand sie ihre letzte Ruhestätte neben dem ehemaligen Kaiser Ferdinand.

Ferdinand ist somit der letzte Habsburger, der nicht bei den Karmeliten in Wien begraben ist. Diese Wiener Gruft wurde von Anna, der Gattin Ferdinands Vorgängers auf dem kaiserlichen Thron, Matthias, gegründet, Ferdinand wollte aber neben seiner ersten Frau beerdigt werden. Ferdinand war ein recht einfacher und grundsätzlich guter Mensch. Seine intellektuellen Defizite – und eine fanatisch katholische Erziehung durch seine Mutter – wurden jedoch von den Jesuiten ausgenutzt, um ihm einzureden, dass er persönlich für das Seelenheil all seiner Untertanen verantwortlich sei – und dass Ketzer, also Protestanten, natürlich nicht gerettet werden könnten. Aus Angst vor seiner eigenen Verdammnis, wenn er diese Aufgabe nicht erfüllen würde, rekatholisierte er brutal die Steiermark und versuchte dasselbe auch in Böhmen und Deutschland, nachdem er Kaiser geworden war. Das Ergebnis war einer der schrecklichsten Kriegskonflikte, die Europa je erlebt hat – der Dreißigjährige Krieg. Gott bewahre uns vor solchen Gutmenschen! Der Kaiser selbst hat das Ende des von ihm verursachten Krieges nicht mehr erlebt, es wurde von seinem Sohn Ferdinand III. beendet. Im Gegensatz zu seinem Vater war dieser sehr begabt. Er war nicht nur der erste, der schwedische Truppen besiegen konnte, sondern komponierte auch Musik, die noch heute gespielt wird, und zeigte große Fähigkeiten in der Diplomatie. Auch die anderen Kinder von Ferdinand bewiesen beträchtliche Intelligenz, jene unansehnliche Annele musste eine sehr kluge Person gewesen sein – von wem hätten die Kinder es sonst geerbt?

Die Wappen von Ferdinand II. und seiner Ehefrau Maria Anna findet man an der Fassade des alten Universitätsgebäudes gleich neben dem Dom.

Ferdinand II links, Maria Anna von Bayern rechts

Die Universität wurde im Jahr 1585 von Erzherzog Karl gegründet – “damit die Bewohner der Steiermark nicht weit von ihrer Heimat die Bildung suchen müssen”. Als ersten Studenten der neuen Universität ließ Karl seinen erstgeborenen Sohn Ferdinand einschreiben, der damals acht Jahre alt war. Er durfte allerdings nicht in Graz studieren – die Angst seiner Mutter, dass er sich mit der protestantischen Ketzerei anstecken könnte, war zu groß. Sie schickte ihn zum Studium in das zuverlässig katholische Ingolstadt und er durfte nicht einmal zur Beerdigung seines Vaters im Jahr 1590 zurückkehren. Erst als er nach damaligen Gesetzen volljährig wurde, erlaubte ihm seine Mutter die Rückkehr – damit er seine brutale Kampagne starten konnte, gegen alle, die an Gott anders glaubten als die katholische Kirche es erlaubte.

Das Universitätsgebäude ist ein schönes Beispiel für den Manierismus, das Innere ist im Rokoko-Stil dekoriert. Das bedeutet, dass der Stil von außen zum Barock führt, während er im Inneren den Barock verlässt – sie ergänzen sich perfekt und der Besuch des großen Saals im Universitätsgebäude ist ein unvergessliches Erlebnis.

Alte Universität

Aber gute Absichten gehen manchmal schief. Im Jahr 1602 übergab Ferdinand, der Sohn Karls, die Universität in die Hände der Jesuiten. Das führte nicht nur zu einer ideologischen Veränderung in der Bildung, sondern auch zur Abschaffung dieser Hochschule durch Joseph II. Der Jesuitenorden wurde nämlich im Jahr 1773 aufgelöst (aufgrund von Streitigkeiten um Paraguay in Südamerika), der Staat übernahm die Universität und Kaiser Joseph II. verwandelte sie dann in ein Lyzeum.


Im Jahr 1827 wurde die Universität von Josephs Neffen Franz (II. als römischer Kaiser und I. als Kaiser von Österreich) wiedereröffnet. Davon kommt ihr heutiger Name Karl-Franzes Universität. Eine Statue ihres Erneuerers steht in der Mitte des Freiheitsplatzes vor der Universität. (Bis 1848 hieß dieser Platz übrigens Franzesplatz).

Franz I (II)

Der Platz hat seine einheitliche klassizistische Konzeption (mit Ausnahme der manieristischen Universität). Das Theatergebäude wurde von dem italienischen Architekten Pietro de Nobile (er war eigentlich ein Schweizer, aber aus dem italienischen Kanton Tessin) entworfen und Johann Nestroy spielte hier in 269 verschiedenen Rollen. Hier wurde auch die Premiere seines allerersten Theaterstücks “Der Zettelträger Papp” aufgeführt.

Der Platz wird von oben durch das Gebäude Lambrechterhof des Architekten Hauberisser abgeschlossen. Im Giebel ist ein Junge abgebildet, der vor Wölfen flieht. Es war eine kleine Rache des Architekten an dem Wiener Architekten Wolf, wegen dem er nach Graz umziehen musste.

Graz ist jedoch vor allem von der Renaissance geprägt und wenn wir über die Renaissance in Graz sprechen, sprechen wir vor allem von einem Meister namens Domenico d’Allio. Im Jahr 1529 belagerten die Türken zum ersten Mal Wien. Die Stadt hatte noch mittelalterliche Stadtmauern, die einst von Herzog Leopold mit dem Lösegeld für Richard Löwenherz errichtet wurden. Solche Mauern konnten dem Artilleriefeuer nicht standhalten, aber die Österreicher hatten großes Glück. Fast die ganze Zeit der türkischen Belagerung regnete es und die Türken konnten ihre Waffen nicht benutzen, weil ihr Schießpulver nass geworden war. Als ihnen die Vorräte ausgingen, zogen sie von der Stadt ab und marschierten durch die Steiermark. Sie erschienen auch vor Graz, hatten jedoch keine Kraft mehr, die Stadt anzugreifen, und zogen nach Süden weiter, wo sie das gesamte südliche Steiermark verwüsteten.

Erzherzog Ferdinand I. verstand, dass die Befestigungen der Städte modernisiert werden mussten, da sie einem zukünftigen türkischen Angriff nicht standhalten würden. Im Jahr 1534 schenkte er das abgebrannte Klagenfurt den Kärntner Ständen, weil er kein Geld für dessen Wiederherstellung hatte, und die Bürger beauftragten mit den Arbeiten den italienischen Architekten Domenico Allio. Domenico wurde um das Jahr 1500 in der italienischen Stadt Scaria in der Nähe des Luganer Sees geboren. Daher wird manchmal fälschlicherweise angegeben, dass er aus Lugano stammt. Wenn er jedoch aus Lugano stammen würde, wäre er genauso wie Pietro de Nobile ein Schweizer aus dem Kanton Tessin, da dieser Kanton im Jahr 1512 der schweizerischen Eidgenossenschaft beigetreten ist. Scaria liegt aber am gegenüberliegenden italienischen Seeufer. Domenico arbeitete mit den modernsten Methoden und Ferdinand verstand, dass er diesen Meister behalten musste. Im Jahr 1540 rief er ihn nach Wien, um die städtische Befestigung zu modernisieren, und im Jahr 1544 ernannte er ihn zum Oberbaumeister für Innerösterreich, also für das Gebiet der heutigen Steiermark, Kärnten, Windischer Mark, Grafschaft Görz und der Stadt Triest. Aus dieser Funktion baute Allio neue Befestigungsanlagen in insgesamt fünfzehn Städten, davon in vier in Österreich – neben Klagenfurt und Graz befestigte er auch Fürstenfeld und Bad Radkersburg. Im Jahr 1545 wurde Domenico zum Generaldirektor der Festungsanlagen in Graz ernannt. Und er nahm seine neue Funktion zu Herzen. Graz erhielt Befestigungen, die mit ihrer Größe ins Guinness-Buch der Rekorde als die stärksten Befestigungen aller Zeiten aufgenommen wurden. Im Jahr 1558 erhob ihn der nunmehrige römische König Ferdinand in den Adelsstand. Domenico wählte Knoblauch für seinen Wappen und wurde somit Domenico d’Allio, also auf Deutsch Domenico von Knoblauch. Die Mauern rund um die Stadt fielen den Reformen von Josef II. zum Opfer, während die Befestigung auf dem Schlossberg der wütende Napoleon sprengen ließ – aber dazu später mehr.

Als die Bürger von Graz schon einmal so einen solchen Meister in ihren Mauern hatten, gaben sie ihm einen Auftrag, den er nicht ablehnen konnte. Sie baten ihn, das Landhaus, das Gebäude des Landtags, zu bauen.

Zu diesem Zweck kauften die Stände mehrere Häuser in der Herrengasse im Zentrum der Stadt. Domenico begann im Jahr 1557 mit der Arbeit, konnte sie jedoch nicht mehr vollenden. Er starb im Jahr 1563, sein Werk, das schönste Renaissancegebäude nördlich der Alpen, wurde im Jahr 1565 fertiggestellt. Wenn man den Hof des Landhauses betritt, ist es wirklich ein ästhetisches Erlebnis. Es ist das Werk der reinsten Hochrenaissance – die Galerie in Richtung Landeszeughaus ist allerdings ein Fake. Sie wurde im 19. Jahrhundert dazu gebaut, um den Eindruck auf den Besucher zu verstärken. Das ist gelungen. Am schönsten ist es hier vor Weihnachten, wenn die Heilige Familie aus Eisblöcken traditionell aufgestellt und mit wechselnden Lichten beleuchtet wird und Freiwillige Weihnachtslieder singen – ein unvergleichliches Erlebnis.

Das Landeszeughaus wurde vom Erzherzog Karl erbaut. Karl war der jüngste von drei Söhnen des Kaisers Ferdinand I. (neben ihnen zeugte der Kaiser mit seiner Frau, Königin Anna, noch zwölf Töchter). Es wurde versucht, Karl mit der englischen Königin Elizabeth (die sieben Jahre älter war als er) zu verheiraten, aber schließlich wurde er mit der Herzogin Maria von Bayern vermählt, was fatale Folgen hatte. Karl, wie auch seine Brüder Maximilian und Ferdinand, war gegenüber dem Protestantismus tolerant, seine Frau war jedoch eine katholische Fanatikerin. Im Jahr 1564 wurde Karl zum Herrscher in Innerösterreich ernannt, was mit der Hauptaufgabe der Verteidigung dieser Länder gegen die Türken verbunden war. Bereits 1565 wurde das Zeughaus als Waffenlager fertiggestellt. Heute enthält es 29.000 Waffenstücke, darunter auch prächtige Rüstungen – es ist eine der umfangreichsten und schönsten Waffensammlungen der Welt. Über dem Eingang zur Waffenkammer sind die Wappen der bedeutendsten steirischen Adelsfamilien zu sehen, die den Bau finanziert haben. Der Eingang wird von den Statuen der Götter Mars und Pallas Athena in barocker Ausführung eingerahmt – das ist das bisschen Barock in Graz. (Nun gut, nicht ganz allein). Beinahe alle Paläste, die sich in der Bürgergasse, Sporgasse oder Sackgasse befinden, wurden im Renaissance-Stil erbaut. Sie ähneln mit ausgedehnten Innenhöfen sehr einander. In der Zeit, als die Stadt eine Residenzstadt war, also in der Regierungszeit von Erzherzog Karl, bauten die steirischen Adligen ihre luxuriösen Wohnsitze im Stadtzentrum und so nahe wie möglich am Erzherzog. Auch das Haus in der Herrengasse auf der anderen Straßenseite des Landhauses, wo sich die bekannte Weinbar „Klapotetz“ befindet und wo früher der Grazer Bürgermeister Nagl residierte, ist im Renaissance-Stil erbaut. Hier befand sich zu Zeiten des größten Aufschwungs der Stadt die Landesregierung, die dem Erzherzog diente. Das Geld wurde also auf den Sitzungen des Landtags im Landhaus genehmigt, aber auf der anderen Straßenseite ausgegeben. Man sagt, es gebe einen unterirdischen Verbindungsgang zwischen beiden Häusern. Die Beamten mussten sich damals irgendwie einigen. Nach außen hin in den Augen des gemeinen Volkes mussten sie sich jedoch hassen. Wenn sie sich also treffen und Dinge regeln wollten, gingen sie nicht über die Straße, wo die Leute sie sehen und ihre Spielchen durchschauen konnten, sondern unter der Erde. Ob es wahr ist, weiß ich nicht, aber die Gänge, wenn es sie gibt, sind heute nicht mehr in Betrieb.

Den wahren Schatz der Renaissance-Architektur findet man jedoch an einem unerwarteten Ort – im Kaufhaus Kastner und Öhler. Es handelt sich um den “Paradeishof”, den Hof eines ehemaligen protestantischen Lyzeums.

Das Lyzeum gab es bereits in der Stadt, bevor Erzherzog Karl seine Universität gründete. Der Hauptförderer war Ulrich von Eggenberg, zu dieser Zeit einer der wichtigsten und reichsten steirischen Adligen. Für diese Schule gelang es, einen Professor von außergewöhnlicher Qualität zu gewinnen, den gebürtigen Straßburger Johann Kepler. Dieser Mann war einer der größten Genies, die je auf der Erde lebten. Im Jahr 1594 kam er im Alter von 23 Jahren nach Graz, um am Lyzeum Mathematik zu unterrichten. Der junge Mann lehrte nicht nur erfolgreich, sondern verliebte sich auch und heiratete. Er nahm Barbara Müller von Mühleck zur Frau, die bereits Witwe war. Er zog zu ihr auf Schloss Mühleck in Gössendorf und pendelte zur Arbeit in die Stadt. Aber das antireformatorische Streben des neuen Herrschers Ferdinand erreichte auch das Lyzeum. Ulrich von Eggenberg trat opportunistisch zur katholischen Kirche über, wodurch er die unsterbliche Dankbarkeit von Erzherzog Ferdinand erlangte. Nachdem Ferdinand zum Kaiser gewählt worden war, wurde Ulrich dessen Kanzler und Ministerpräsident und erhielt für seine Verdienste das Gut Krumau, was ihn zu einem der reichsten Menschen im Habsburgerreich machte. Ulrich hörte jedoch logischerweise auf, das Lyzeum finanziell zu unterstützen. Und im Jahr 1599 kam der tödliche Schlag. Ferdinand befahl allen protestantischen Priestern und Lehrern, die Stadt zu verlassen. Nur Kepler erhielt eine Ausnahme, genauer gesagt Zeit zum Nachdenken – ein Jahr. Johann entschied sich jedoch, seinem Glauben treu zu bleiben und musste daher 1600 Graz verlassen. Er hatte Glück, dass er auf dem Weg nach Prag den steirischen Adligen Ferdinand Hofmann von Strechau und Grünbühel traf, der ebenfalls beschlossen hatte, seine Heimat zu verlassen. Er war der Sprecher der steirischen Stände und dank der Minen im Dachsteingebirge einer der reichsten Menschen im Land. Er verkaufte allerdings sein Gut und entschied sich nach Prag umzusiedeln, das religiös toleranter war. Ferdinand Hofmann war ein aufgeschlossener und gebildeter Mann. Kepler freundete sich auf dem Weg mit ihm an und konnte mit seiner Familie eine Weile bei ihm in Prag wohnen, bevor er sich eine eigene Wohnung leisten konnte. Im Jahr 1609 veröffentlichte er dann sein geniales Werk “Astronomia Nova”, mit dem er unvergesslich in die Weltgeschichte einging. Im Hof des ehemaligen Lyzeums befindet sich eine Gedenktafel. Nach der Auflösung des Lyzeums schenkte Ferdinand 1600 das Gebäude dem Klarissenorden., Das Kloster wurde im Jahr 1782 von Kaiser Josef II aufgelöst. Die neuen Besitzer ließen sowohl die Kirche als auch das Kloster abreißen und es blieb nur dieser Renaissancehof, einen der schönsten nicht nur in Graz, übrig. Heute gehört er zum Kaufhaus Kastner und Öhler und wird regelmäßig zum Gemüsemarkt.

Das Kaufhaus „Kastner und Öhler“ erstreckt sich über das gesamte Altstadtviertel. Seine Gründung verdankt es einem Zufall. Im Jahr 1883 verpasste Carl Kastner auf seiner Reise von Troppau, wo sein Unternehmen seinen Hauptsitz hatte, den Anschlusszug nach Zagreb in Graz. Da er nun warten musste, beschloss er, einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Und sein Auge fiel auf das Gebäude in der Sackstraße 7. Er mietete es und eröffnete hier eine weitere Filiale. Carl Kastner und Hermann Öhler führten 1985 als die Ersten feste Preise ein. Dies war eine Überraschung für die Kunden, die gewohnt waren beim Einkauf zu feilschen. Der Erfolg der Firma kam endgültig durch den Versand von Katalogen per Post. Die vierte Filiale in Graz entstand nach Troppau, Wien und Zagreb. Kastner und Öhler ließen die gewonnenen Räume prächtig umbauen – der Umbau erfolgte im Jugendstil in den Jahren 1912-1914 und die neuen Räume wurden kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs eröffnet, was natürlich dem Geschäft nicht guttat. Das Kaufhaus überlebte jedoch, seine Innenräume, Anfang des 21. Jahrhunderts renoviert und 2007 auf 40.000 Quadratmeter Verkaufsfläche erweitert, sind ein Juwel des Jugendstils und erinnern an ähnliche Kaufhäuser in Paris. Die Treppe schmücken Porträts von Kastner und Öhler – natürlich in ihrer Jugend.

Ein Besuch im Café auf der Dachterrasse des Kaufhauses ist ein Muss bei einem Stadtrundgang, einschließlich des Skywalks, von dem aus man herrliche Ausblicke auf das Stadtzentrum sowie auf den Schlossberg gegenüber dem Kaufhaus hat.

Auch für meine Gäste ist eine Kaffeepause mit Bier oder Aperolspritz obligatorisch. Wir werden es jetzt auch tun. Das nächste Mal werden wir durch die Gassen der Altstadt schlendern.

Graz I

Vor kurzem bat mich mein Freund Heimo Liendl, ein treuer Leser meiner Stadtbeschreibungen, etwas über Graz zu schreiben. Zunächst war ich verwirrt, denn ich hatte bereits über Graz geschrieben, und zwar im Jahr 2013 zu Beginn meiner Veröffentlichungstätigkeit im Web. Dann wurde mir jedoch klar, dass dieser Artikel auf Tschechisch verfasst worden war und dass mein Wissen über die Stadt, die unser neues Zuhause geworden ist, in den letzten zehn Jahren erheblich gewachsen ist. Wenn ich mich also ans Schreiben mache, bedeutet das, dass ich sicher nicht in der Lage sein werde, alle Ecken der Stadt mit den Geschichten, die damit verbunden sind, in einem einzigen Artikel zu beschreiben. Es muss also eine Serie sein. Und trotzdem werde ich vieles auslassen müssen. Aber ich kann versuchen, Graz so zu beschreiben, wie ich es meinen Verwandten und Freunden erzähle, wenn ich sie durch Graz führe.

Also, Graz ist eine sehr schöne Stadt. Es wird gesagt, dass es die schönste italienische Stadt außerhalb Italiens ist. Der Grund dafür ist, dass hauptsächlich italienische Architekten an ihrem Bau beteiligt waren. Es war Italien nahe und der italienische Norden gehörte genauso zum Interessensgebiet der Habsburger, die sich 1278 in der Steiermark niederließen und seitdem ihr Schicksal bestimmten. Es reicht aus, auf dem Hauptplatz zu stehen (unbedingt mit dem Rücken zum Rathaus), um zu verstehen, was mit diesem Satz gemeint ist. Oder aus dem Fenster von Heimos Praxis im dritten Stock runterblicken, von wo aus man einen großartigen Blick auf das Stadtzentrum hat.

Graz hat einen großen Vorteil. Es wirkt architektonisch sehr homogen, was daran liegt, dass es hauptsächlich in der Zeit der Renaissance und später des Klassizismus erbaut wurde. Diese beiden Stile greifen fast unmittelbar ineinander, dank der Bücher des Architekten Andrea Palladio aus Vicenza. Sie ergänzen sich perfekt. Ein wenig Gotik, Manierismus, eine Prise Barock und schließlich auch moderner Architektur wirken dann wie Gewürze in einem Gericht, die ihm einen spezifischen Geschmack verleihen, aber das ursprüngliche Konzept nicht stören. Die einzigen beiden Gebäude, die nicht in diesen Stil passen, sind die Oper und das Rathaus, die in einem neu-barocken Stil am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert gebaut wurden. Wirklich hässlich ist nur der Andreas-Hofer-Platz. Aber niemand ist eben perfekt und Graz gleicht diese Ausnahmen gut aus.

Graz ist eine relativ junge Stadt. In römischer Zeit, als die Steiermark Teil des Römischen Reiches wurde, war die Lage am Fuße der Berge uninteressant. Kaiser Vespasianus gründete daher seine Stadt am Fluss Sulm (damals Solva genannt) und so entstand die Stadt Flavia Solva im Süden der Steiermark in der Nähe der heutigen Grenze zu Slowenien. Im frühen Mittelalter wurde Judenburg die älteste Stadt der Steiermark. Erst als die ungarischen Truppen die Region nicht mehr bedrohten, entstand die Stadt am Schlossberg, die den Weg entlang der Mur nach Norden kontrollierte.

Wenn man in Graz nach Gotik sucht, muss man sich in den Bereich des ehemaligen Herzogsviertels beim Burgtor begeben. Die älteste Kirche steht jedoch außerhalb der Altstadt und heißt „Maria Himmelfahrt am Leech“ im Stadtteil Gleidorf. Das ursprüngliche romanische Gebäude, das der letzte Babenberger Herzog Friedrich II. dem Orden der Deutschen Ritter geschenkt hatte, wurde während der Kämpfe zwischen Ungarn und Böhmen um die Vorherrschaft in der Steiermark zerstört. Als die Habsburger die Macht im Lande übernahmen, wurde hier eine neue Kirche im frühen gotischen Stil errichtet, die im Jahr 1293 geweiht wurde. Der Orden der Deutschen Ritter schenkte diese Kirche im Jahr 1979 dem Bistum Graz-Seckau, das sie im Jahr 1985 zur Karl-Franzens-Universitätskirche machte. Dank dieser Tatsache wurde die Kirche in den 1990er Jahren gründlich renoviert.

Die Kirche Maria Himmelfahrt am Leech.

Der Dom ist wesentlich jünger. Der ursprüngliche romanische Bau, in dem die steirischen Stände im Dezember 1260 dem böhmischen König Přemysl Ottokar huldigten, wurde vom Herzog Friedrich V. im Jahr 1438 abgerissen und an dieser Stelle wurde eine neue Kirche im Stil der Spätgotik errichtet. Aus Friedrich V. wurde 1440 der römische König Friedrich IV. und zwölf Jahre später sogar Kaiser Friedrich III. Mit der Vorstellung, von seiner Heimatstadt Graz aus regieren zu können, begann er nicht nur den neuen Dom, sondern auch den Herzogspalast – also eigentlich den Königspalast – zu bauen. Übrigens war Friedrich der erste Habsburger mit der auffällig hervorstehenden Unterlippe, die er von seiner Mutter Cimburga von Masowien, der Frau seines Vaters Ernst des Eisernen, geerbt hatte – diese herabhängende Habsburger Lippe ist also eine polnische Importware. Wir werden Friedrich noch oft begegnen, schon allein deshalb, weil er für seine Zeit sehr lange lebte. Er starb erst im Jahr 1493 im Alter von 78 Jahren.

Er war nicht besonders aktiv, schlief gerne und wurde nicht umsonst “Erzschlafmütze” genannt. Er lebte also langsam, aber dafür umso länger. Aus irgendeinem Grund hinterließ er an den von ihm errichteten Gebäuden die Inschrift AEIOU. Ich habe unzählige Theorien gehört, was diese Abkürzung bedeuten sollte, Am häufigsten wird es als “Austria erit in orbe ultima” interpretiert, also “Österreich herrscht über den ganzen Erdkreis”. Ich bin dieser Interpretation sehr skeptisch gegenüber, weil Friedrich prophetische Fähigkeiten gehabt haben müsste und in die Zukunft hätte sehen müssen, denn erst durch die Hochzeit seines Sohnes Maximilian mit Maria von Burgund und dann seines Enkels Philipp dem Schönen mit der Erbin des spanischen Throns Johanna erweiterte sich die Habsburger Monarchie tatsächlich auf die ganze Welt. Friedrich verwendete jedoch seine Unterschrift schon viel früher – persönlich denke ich, dass es dem nicht besonders einfallsreichen Herrscher einfach nur gefiel, alle Vokale aus dem Alphabet herauszunehmen und sie alphabetisch zu ordnen. Sein AEIOU finden wir sowohl an der Wand des Palastes im ersten Hof der Burg als auch über dem Portal des Doms.

Dort, neben seinem kaiserlichen Adler, finden wir ein Wappen, das wir heutzutage auf den portugiesischen Euromünzen sehen können. Es gehört Friedrichs Frau Eleonore von Portugal.

Friedrich heiratete sie während seiner Reise nach Rom im Jahr 1452. Zu dieser Zeit war er bereits zweiunddreißig Jahre alt, aber immer noch männliche Jungfrau, was bei Herrschern ziemlich ungewöhnlich war. Aber Friedrich, wie ich bereits sagte, war nirgendwohin in Eile. Die Braut wurde ihm vor der Stadt  Siena vorgestellt und niemand Geringerer als Aeneas Silvius Piccolomini, der zukünftige Papst Pius II., brachte sie zu ihm. Zu dieser Zeit war er der Sekretär des Kaisers und bereitete seine Krönungsreise mit einem Perfektionismus vor. Es wird gesagt, dass er sich sehr unhöflich über den Wein Schilcher geäußert hat, als er eine Herberge für den Kaiser in der Gegend von Deutschlandsberg suchte. Er schrieb, dass die Menschen in dieser Region sehr rückständig seien und “einen widerlichen Essig trinken, den sie Schilcher nennen”. Möge ihm vergeben werden, die Päpste irren sich nur in den Glaubensfragen nicht. Danke Silvio wissen wir zumindest, dass Schilcher bereits im fünfzehnten Jahrhundert angebaut wurde. Bei Siena brachte er jedoch dem schüchternen Kaiser seine wunderschöne fünfzehnjährige Braut mit Rabenhaaren, die fast bis zum Boden reichten, und erschrak sofort, als der Kaiser bei dem Blick an seine Braut wie vom Tode gezeichnet erblasste und ohnmächtig umzufallen drohte.

Dennoch überlebte der Kaiser das Treffen und es wurde die Hochzeit und feierliche Kaiserkrönung beider Ehepartner in Rom gefeiert, aber das Problem war, dass die Ehe noch nicht vollzogen war. Der Kaiser entschuldigte sich damit, dass er keinen Thronerben auf italienischem Boden zeugen wollte, was die Italiener jedoch sehr verärgerte und sie den lieben Monarchen und seine frisch vermählte Frau zu Eleonoras Onkel Alfonso I. nach Neapel brachten, damit er ihm Leviten lesen konnte. Trotz aller Proteste wurden die Ehepartner ins Bett gelegt, in der ersten Nacht funktionierte es aber wieder nicht. Friedrich entschuldigte sich damit, dass das Bett verhext war. Das Bett wurde also ausgetauscht, mit geweihtem Wasser besprengt und danach gab es keine weiteren Ausreden mehr, und Friedrich zeugte mit Eleonore vier Kinder, von denen zwei – sein Thronfolger Maximilian und die schöne Tochter Kunigunde – in der Geschichte des Reiches und der Stadt Graz eine wichtige Rolle spielen sollten. Es wird gesagt, dass als Eleonore ihren erstgeborenen Sohn Maximilian auf den Armen hielt, sie zu ihm sagte: “Lieber Sohn, wenn du wie dein Vater sein wirst, werde ich mir nie verzeihen, was ich wegen dir ertragen musste.”

Der Sohn wurde allerdings ganz anders als sein Vater, er wurde zum “letzten Ritter” auf dem Kaiserthron, gewann Schlachten und führte Kriege, die er nicht gewinnen konnte, weil ihm jedes Mal das Geld ausging. Er änderte die Militärtaktik für die nächsten hundert Jahre, verschwendete Geld gedankenlos, machte Schulden, erweiterte das Reich und vermählte seine Kinder und Enkelkinder mit großem Erfolg.

Eleonore erlebte Erfolge ihres Sohnes nicht. Das Leben mit ihrem mürrischen Ehemann im kalten Wiener Neustadt, das zur Hauptstadt des Reiches wurde, nachdem die Wiener sich über den humorlosen Herrscher lustig gemacht hatten, tat ihr nicht gut und sie starb jung im Alter von 31 Jahren.

Aus dem Palais Friedrichs in Graz ist nicht viel übriggeblieben. Der Teil, der zum Dom hin ausgerichtet war, musste sogar im neunzehnten Jahrhundert abgerissen werden. Zusammen mit ihm wurde auch der Übergang zum Dom abgerissen, den Friedrich bauen ließ, um bei einem Besuch der Kirche nicht mit einfachem Volk in Berührung zu kommen. Der Ort, an dem die Brücke mit dem Dom verbunden war, kann man immer noch an der Kirche merken. Es befindet sich in der Nähe der Kapelle der Heiligen Barbara und der darüber liegenden Friedrichskapelle, von der angenommen wird, dass der Kaiser von hier die Messe beiwohnte. Dort befindet sich das gotische Gemälde der Kreuzigung von Conrad Laib.

Heute ist die Landesregierung in der Burg untergebracht. Die interessanteste architektonische Komponente ist die Doppelwendeltreppe, die Friedrichs Sohn Maximilian zum Palast hinzufügte. Eine ähnliche doppelte gotische Treppe befindet sich nur noch an einem Ort in Europa, und zwar in der Elisabeth-Kathedrale in Košice (Kaschau)- dort wird sie “Königliche Treppe” genannt und erinnert an die Herrschaft von König Matthias Corvinus, eines Zeitgenossen Friedrichs III. aber im Gegensatz zu Graz ist sie nicht öffentlich zugänglich.

Den Burggarten kann man durch einen Eingang betreten, der noch vor dem Burgtor liegt. Es ist schön dort, man kann bis zur Burgmauer gehen, von wo aus man einen herrlichen Blick auf den Grazer Stadtpark hat – dazu später mehr. Besonders von der Bank neben dem Freiheitsdenkmal aus dem Jahr 1960. Der Adler als ein Symbol der Freiheit wurde von dem Bildhauer Wolfgang Skala errichtet und erinnert an den Abzug der letzten russischen Truppen aus der Steiermark am 14.September 1955. In den Gärten gibt es auch eine schöne Orangerie, einfach ein Ort zum Entspannen.

Freiheitsdenkmal

Der Dom hat eine besondere Form. Sein Grundriss ist zu breit, und es blieb kein Platz für ausreichende Länge. Es fehlt auch ein Querschiff.

Die seitlichen barocken Kapellen sind eindeutig jünger als die Kirche, nicht aber die Fresken von Christophorus auf beiden Seiten der Kirche. Im Mittelalter herrschte der Glaube, dass an dem Tag, an dem ein Mensch Christophorus sah, er nicht sterben konnte. Da man von beiden Seiten in die Kirche gelangen konnte, gibt es auch auf beiden Seiten ein Fresko von Christophorus. Damit genügte den Gläubigen nur ein Blick in die Kirche.

Die prachtvollen Reliquiare auf beiden Seiten der Apsis haben eine eigene Geschichte. Heute befinden sich in diesen Truhen die Überreste von Heiligen, die Papst Paul V. im Jahr 1617 dem Erzherzog Ferdinand als Belohnung für die Rekatholisierung der Steiermark geschickt hat. Aber diese Truhen haben eine interessante Geschichte. Bereits im Jahr 1382 schloss sich die Stadt Triest freiwillig dem Habsburgerreich an. Dies geschah sicherlich, weil sie Schutz vor den expandierenden konkurrierenden Venezianern erhoffte. Aber zwischen der Habsburger Windischen Mark (dem heutigen Slowenien) und Triest gab es keine Landbrücke, zwischen diesen Ländern lag die Grafschaft Görz. Zu Zeiten des Kaisers Friedrich herrschte hier Graf Leonhard, ein verschwenderischer und genussfreudiger Mensch, der sich in Schulden stürzte. Die Habsburger schlossen mit den Grafen von Görz einen Vertrag (bereits im Jahr 1397), wonach wenn einer dieser Familien ausstirbt, die andere seine Besitzungen erben wird. Aber es drohte, dass Leonhard seine Länder verkaufen würde. Friedrich suchte nach einer Lösung.

In Mantua herrschte zu dieser Zeit die Familie Gonzaga. Sie wurde dank Pferdezucht eine der reichsten Familien Europas. Mantuanische Pferde wurden als die besten geschätzt, sie zu besitzen war eine prestigeträchtige Angelegenheit, etwas Ähnliches wie heute ein Ferrari in der Garage zu haben. Der Markgraf von Mantua, Ludovico, hatte eine Tochter namens Paola. Sie war klug und gebildet, außerdem ein herzensguter Mensch. Leider ähnelte sie ihrer Mutter Barbara von Brandenburg, die keine Schönheit war. Paola litt zusätzlich an Knochentuberkulose und sie hatte daher einen Buckel. Sie galt als unvermählbar, aber ihre Mutter wollte das nicht so lassen. Um einen Bräutigam anzulocken, veröffentlichte sie die Höhe von Paolas Mitgift. Und Friedrich III. roch die Lunte. Er vermittelte die Hochzeit des Grafen von Görz mit Paola, damit der Graf seine Schulden bezahlen konnte. Der Kaiser vermutete richtig, dass der Graf mit solch einer Braut keine Kinder zeugen würde und sein Geschlecht aussterben würde. So geschah es. Die arme Paola starb im Jahr 1496 im Alter von 33 Jahren, ihr Ehemann vier Jahre später. Er konnte keine Kinder zeugen, aber er schaffte es, all das Geld zu verschleudern, das er durch die Ehe mit Paola erhalten hatte. Er verkaufte sogar beide Truhen, in denen die Mitgift von Mantua nach Görz transportiert wurde. Es ist ein wunderschönes italienisches Werk mit Elfenbeinreliefs, ein wahres Meisterwerk der italienischen Renaissancekunst. Leonhard verkaufte die Truhen an die Mönche in Millstatt in Kärnten. Und als Erzherzog Ferdinand die Jesuiten nach Graz brachte, musste er ihnen auch einige Ländereien geben, von denen sie leben konnten. Die Wahl fiel auf Millstatt. Und als Ferdinand dann nach einem angemessenen Behälter für die heiligen Reliquien aus Rom suchte, boten die Jesuiten diese Truhen an. Ob sie wussten, dass einst Brokate, Wäsche, Schmuck und Geld in ihnen transportiert wurden, ist schwer zu sagen. Aber auf diesem Weg fanden die Reliquiare ihren Weg in den Grazer Dom.

Übrigens, wenn Sie nach Mantua fahren und die Camera degli Sporgersi besuchen, wieder einmal “piú bella camera del Mondo”, (in Italien gibt es eine Menge der schönsten Räume der Welt) schauen Sie sich das Fresko an, auf dem die Familie des Markgrafen Ludovico von einem der größten Renaissance-Künstler, Andrea Mantegna, dargestellt wird. Dort ist auch das Mauerblümchen der Familie, Paola, dargestellt, die ihrer Mutter einen Apfel reicht. Sie wusste zu dieser Zeit noch nicht, welch trauriges Schicksal auf sie wartet.

Das wichtigste Ereignis im Grazer Dom war die Hochzeit des Erzherzogs Ferdinand am 23. April 1600 mit der bayerischen Prinzessin Maria Anna. Als Hochzeitpriester musste Kardinal Franz von Dietrichstein aus dem entfernten Olmütz antanzen. Ferdinands Mutter Maria fand keinen steirischen und im Grunde genommen keinen österreichischen Priester, der aus ihrer Sicht katholisch genug war, um ihren Sohn zu vermählen. Alle rochen ihr nach protestantischer Ketzerei. Nur Dietrichstein, geboren in katholischem Spanien und studiert in Rom, erhielt ihr Vertrauen. Es funktionierte. Obwohl die Braut so hässlich war, dass sogar Ferdinands Jesuiten-Beichtväter sich Sorgen machten, dass “das Aussehen der Braut sich negativ auf die Zeugung von Nachwuchs auswirken könnte”, liebte Ferdinand seine unansehnliche „Annele“ und zeugte mit ihr einige Kinder.

An der Wand des Doms sollte man sich das “Landplagenbild” ansehen. Es wurde auf Initiative der Grazer Bürger im Jahr 1480 geschaffen, als plötzlich die schwarze Pest ausbrach, Heuschrecken die Ernte fraßen und die Türken zum ersten Mal vor der Stadt auftauchten. Um die Stadt vor solchen Katastrophen in der Zukunft zu schützen, stifteten die Bürger dieses Gemälde an der Wand des Doms. Es lohnt sich, es anzuschauen, vor allem weil es das einzige Bild der Stadt Graz vor ihrem Renaissance-Umbau darstellt, also noch mit mittelalterlicher gotischer Befestigung.

Damit verlassen wir das gotische Graz, (also nicht ganz, es gibt natürlich noch die Stadtpfarkirche, die Franziskanerkirche, der Hof des Hauses des Deutschritterordens und zwei Fenster in der Fassade des Hauses in der Sporgasse 12, aber darüber später. Jedenfalls im nächsten Artikel werden wir uns mit der jüngeren Geschichte der Stadt beschäftigen.