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Bohinjsee und Triglav

               Nur fünfundzwanzig Kilometer von Bled entfernt findet man einen weiteren See, der allerdings ein absoluter Gegensatz vom touristisch erschlossenen Bled ist. Wenn Bled eine Kuranstalt und eine dazu gebaute mondäne Stadt ist, Bohinj ist ein naturbelassener See.

Also ein Platz zum Entspannen und zum Wandern. Bohinjsee (Wocheiner See auf Deutsch) befindet sich bereits im Nationalpark Triglav, der Bled noch diskret auslässt – damit hier viel und ohne Aufsicht der Naturschützer gebaut werden darf.

               Bohinj liegt nahe des Savaursprungs. Der Fluss Sava hat allerdings zwei Ursprünge und auch zwei Flussarme, die Sava Dolinka (die durch Kranjska Gora fließt) und die Sava Bohinjka. Beide Flüsse vereinigen sich in der Nähe vom Bledsee.

               Wenn man also zum Ursprung der Sava Bohinjka fahren möchte, müsste man ungefähr fünfundzwanzig Kilometer von Bled durch ein enges Tal nach Westen fahren, wobei der Fluss unzählige Male auf Brücken überquert werden muss. Dann erreicht man das Dorf Stara Fužina mit dem Hotel Jezero auf dem Platz „Ribčev Laz“. Man steht an der Stelle, wo der Fluss Sava den Bohinj See verlässt.  Um zum Flussursprung zu kommen, muss man am Südufer bis zu einem verstreuten Ort Ukanz weiterfahren. Dort gibt es einen Parkplatz und von dort kann man einen Spaziergang entlang des Flusses Savica machen – natürlich, wenn man an der Mautstelle eine Gebühr bezahlt hat. Der Weg führt durch einen Wald mit für diese Gegend typischem Kalkfelsen – genannt Karst. Die Karstlandschaft ist typisch für einen großen Teil der Julischen Alpen. Das Wasser befindet sich nicht auf der Oberfläche, die karg aussieht, sondern tief im Gestein. Man marschiert auf einem gut gepflegten Wanderweg hoch über die Schlucht des Flusses Savica, bis man zu seinem Ursprung kommt.

Der Fluss entspringt aus dem Felsen hoch über einem See mit künstlichem Damm und bildet einen beeindruckenden Wasserfall. Ganz zum See kann man nicht kommen, der Weg ist durch einen Zaun gesperrt, bei einer Aussichtsplatform ist also Schluss. Und hier befindet sich auch ein Gedenkstein an einen prominenten Besucher dieses Ortes aus den Zeiten, als dieses Land noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Den Ursprung der Sava besuchte niemand geringerer als der begeisterte Bergsteiger und Wanderer, „der steierische Prinz“ Erzherzog Johann. Er besuchte diesen Platz am 8.Juli 1807, er war hier aber nicht als Tourist, sondern als Geologe. Es handelte sich um eine Erforschung der Wasserquellen, die für die Region essenziell waren.

               Die Region war in ihrer Geschichte sehr umkämpft, im ersten Weltkrieg wurde zum Bohinjsee eine Schmalspurbahn zum Transport des Kriegsmaterials gebaut, das dann an die Front in den Bergen zu den dort stationierten österreichischen Truppen weiterbefördert wurde. Wenn man die Berge anschaut, glaubt man nicht, dass man hier erbitterte Kämpfe führen konnte. Diese blutigen Kämpfe spielten sich auf der westlichen Seite der Berge Rombon und Krn ab. Zwei Jahre lang in insgesamt elf Offensiven versuchten die Italiener, die am 23.Mai 1915 Österreich-Ungarn Krieg erklärten, diese Berge im Sperrfeuer zu erklimmen, bis sie eine Gegenoffensive der österreichischen und deutschen Truppen bei Caporetto (heute Kobrid) bis an den Fluss Piava zurückdrängte. Auf der österreichisch-deutschen Seite kämpften unter anderen Erwin Rommel (damals Leutnant, der mit seiner Einheit mit Hilfe des Giftgases als erster die italienischen Linien durchbrach) oder der zukünftige österreichische Premierminister Engelbert Schuschnigg, auf der italienischen Seite nahmen an den Kämpfen Benito Mussolini oder der damals neunzehnjährige Ernest Hemingway teil (der seine Erlebnisse in seinem ersten Roman „A Farewel to Arms“ beschrieb und dadurch weltberühmt geworden ist).

               Wenn man mehr über diese Ereignisse erfahren möchte, dann sollte man das Museum in Kobrid besuchen. Das Sočatal gehört nicht direkt zum Nationalpark, in den Ortschaften Bovec, Kobrid und Tolmin kann man aber Unterkunft buchen und ein Rafting auf dem wilden Fluss Soča (italienisch Isonzo) genießen. Oder mit der Gondel auf den Berg Veliki Kanin fahren und dort wandern (im Winter ist es ein Skigebiet), in Tolmin dortige Schluchten begehen oder den riesigen Wasserfall Boca nahe Bovec bewundern.

Unterwegs beim Aufstieg zur Boca findet man einen Artillerieposten aus dem ersten Weltkrieg und versteht nicht, wie die Soldaten die Kanonen zu diesem Posten hoch über das Tal schleppen konnten. Dazu war der Winter 1916/1917 extrem schneereich, es fiel bis zu elf Meter Schnee, was viele Lawinen und damit verbundene Todesopfer zur Folge hatte. Die Natur spielte also das grausame Spiel des Todes mit. Heute ist sie wunderbar.

               Nach dem ersten Weltkrieg fiel das Sočatal an Italien. Aus dieser Zeit sieht man noch Bunker und Grenzposten auf dem Pass Vrsic. Bohinj sowie auch Bled blieben ein Teil des „Königsreiches der Slowenen, Serben und Kroaten“. Als am 6. April 1941 Jugoslawien von den deutschen Truppen besetzt wurde, wurde die Region um Bohinj ein Teil des Deutschen Reiches. Nach Ende des Krieges kam Bled und Bohinj zurück an Jugoslawien, das Sočatal blieb bis 1947 unter anglo-amerikanischer Verwaltung, dann wurde es ebenfalls an Jugoslawien angeschlossen.

               Der Bohinjsee ist 4,2 Kilometer lang, 1 Kilometer breit und 45 Meter tief. Am südlichen Ufer führt eine Straße, das nördliche Ufer ist nur für Wanderer zugänglich. Schön sind die Kirchen „Sveti Duh“, direkt am südlichen Seeufer unter dem Berg Vogel und „Sveti Janez“ im Ort Stara Fužina.

Sveti Duh

Im Inneren der Kirche findet man romanische, gotische sowie auch barocke Elemente, wertvoll ist das Fresko des heiligen Christophorus an der Fassade der Kirche. Im Mittelalter glaubte man, dass ein Blick an den Heiligen Christophorus vor Unglück schützen konnte, zumindest für einen Tag. Beim gefährlichen Leben in einer Bergregion war das offensichtlich vonnöten.

               Es gibt eine Abzweigung von der Straße am nördlichen Seeufer zum Aussichtsberg Vogel. Es handelt sich um ein Skigebiet auf dem 1922 Meter hohen Berg (der Name bedeutet auf Slowenisch „das Eck“). Eine Gondel bringt die Besucher auf einen wunderschönen Aussichtsberg, von wo aus man den ganzen Bohinj See von oben betrachten kann. Direkt auf der anderen Seeseite ragt das Massiv des slowenischen heiligen Berges Triglav empor. Von Norden, also von der österreichischen Seite, schaut dieser Gipfel ziemlich unspektakulär aus, nur von Süden erkennt man seine Größe und seine atemberaubende Schönheit. Interessant war die Tatsache, dass je weiter man sich beim Wandern auf dem Vogel vom Triglavmassiv entfernte, desto größer und bedrohlicher er aussah. Plötzlich habe ich verstanden, warum dieser Berg, der es auf die Staatsflagge Sloweniens geschafft hat, diesem Volk so heilig ist und warum die Slowenen einen unwiderständlichen Drang verspüren, seinen Gipfel zu besteigen.

               Auf den Gipfel des Triglavs aufzusteigen ist für einen wahren Slowenen eine beinahe religiöse Pflicht, vergleichbar mit der Pilgerfahrt eines Moslems nach Mekka. Das erste Mal wurde der Berg im Jahr 1778 bezwungen – ein Denkmal für die Bergsteiger, die es geschafft haben, (Lovrenc Willomitzer, Luka Korošec, Stefan Rožič und Matija Kos) befindet sich im „Ribčev Laz“ neben der Bushaltestelle.  Am 26. Juni 1991 in Frühmorgenstunden bestieg eine Gruppe Bergsteiger den Gipfel und hisste hier die slowenische Fahne auf – das war der Tag der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens.

               Es gibt zwei Möglichkeiten, den Triglav zu erklimmen. Wir wählten den kürzeren, obwohl steileren Weg von Norden, da man von dieser Seite den Triglav in einem Tag besteigen kann. Der Ausgangspunkt befindet sich bei „Aljažev Dom“ im Ort Mojstrana.

Aljažev Dom

Die Hütte bekam ihren Namen nach dem Triglav-Pfarrer aus dem Dorf Dovje, einem Autor, Komponisten und Kämpfer für den Erhalt der Region in slowenischen Händen. Von dort kann man den klassischen Weg über Prag wählen oder – wenn man noch ein bisschen mehr Katecholamine braucht – kann man den „Tominšek Steig“ nehmen. Obwohl auch der klassische Weg über Prag genug Adrenalin bietet und steile Kletterpassagen hat – alle allerdings gut gesichert. „Aljažev dom“ befindet sich auf einer Seehöhe von 1002 Meter, also gibt es zum Gipfel in der Höhe 2864 Meter einen Höheunterschied von mehr als 1800 Meter. Also nichts für Schwächlinge.

               Im frühen Nachmittag erreichten wir die Hütte „Triglavski Dom na Krederici“ und warteten bis 15 Uhr, da man ab dieser Zeit eine Übernachtung buchen konnte.

Triglavski Dom na Krederici

Die Hütte hat insgesamt 140 Betten, wir bekamen drei Plätze auf Stockbetten in einem Raum mit weiteren 22 Menschen. Das hatte eine Horrornacht zur Folge, da einer der Gäste an einem extremen Schlaf Apnoe Syndrom litt und sehr laut schnarchte – eigentlich eher am Ersticken war. In der Reihe der Schlafenden konnte ich allerdings diesen gefährdeten Menschen trotz mehrstündiger Bemühung nicht identifizieren, schlafen konnte ich jedenfalls keine Minute. Als aber in der Früh keine Leiche im Bett liegen blieb, war meine Erleichterung groß.

Nach der Buchung der Übernachtung konnten wir unseren Ausflug hoch zum Gipfel fortsetzen. Der Reiseführer schreibt, dass der Aufstieg von der Hütte zum Gipfel 30 bis 90 Minuten dauern kann. Die Aufstiegszeit ist vom Gegenverkehr abhängig – meistens ist er in den Nachmittagsstunden sehr stark. Der Aufstieg ist mit Eisenstiften, Seilen und Ketten gesichert (das hat dem Triglav den Spitznamen „Stachelschwein“ gebracht). Je näher zum Gipfel, desto häufiger begrüßten uns entlang der Aufstiegsroute Gedenktafel mit den Namen der Toten, die bei der Besteigung des Berges verstorben sind. Es gibt Hunderte davon, was nicht gerade motivierend und beruhigend wirkt. Bei den meisten wurde als Todesursache „strela ubila“ angegeben, sie wurden also vom Blitz erschlagen. Bei Unwetter ist der Weg nämlich wirklich gefährlich, man hängt an den Eisenketten, die natürlich wie Blitzableiter fungieren, und man hat kaum eine Möglichkeit dem Blitz auszuweichen. Sowie auch bei schönem Wetter den absteigenden Touristen. Man geht zuerst auf den „Mali Triglav“ und dann auf einem schmalen aber mit Seilen gut gesichteten Grad zum Gipfel.

Triglav Gipfel

               Die Belohnung für die Anstrengung und den Mut sind unglaublich schöne Aussichten. Der Triglav ist ein Solitär, mitte im Gebirge Julische Alpen und bietet berauschende Blicke ins Sočatal bis zur Adria und weit nach Österreich bis zum Dachsteinmassiv. Auf der Spitze gibt es einen kleinen Blechturm, den so genannten „Aljažev stolp“, der hier im Jahr 1895 installiert wurde. In den kommunistischen Zeiten war er rot gestrichen und mit einem fünfzackigen Stern geschmückt, seit dem Ende dieser Ära ist er nur mehr bescheiden grau.

               Die Königstour auf den Triglav gibt es aber freilich vom Süden. Sie ist viel schöner und erlebnisreicher, allerdings auch viel länger und der Höhenunterschied ist brutal. Der Ausgangspunkt beim Bohinj See bei „Ribčev Laz“ liegt nämlich nur 530 Meter über den Meeresspiegel. Also beträgt der gesamte Höhenunterschied stolze 2334 Meter. Sogar zur Krederica ist das 2000 Meter. Es wird also empfohlen, diesen Weg auf zwei Tage zu verteilen. Es gibt einige Möglichkeiten unterwegs zu übernachten. Es gibt unterwegs mehrere Berghütten, wie zum Beispiel „Vodnikov dom“, „Koča na Planine pri Jazeru“ „Koča pri Triglavskih jezerih“ oder „Zasavska koča na Prehodavcih“. Im Unterschied zum „Triglavski dom na Kredarici“ ist aber die Bettenzahl in diesen Unterkünften bescheiden, es wäre empfehlenswert, die Übernachtung im Vorfeld zu reservieren. Zusätzlich sind diese Hütten meistens nur in den Monaten Juni bis September bewirtschaftet, manche haben aber in der übrigen Jahreszeit einen offenen Winterraum.

               Von Süden ist der Weg – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit – schöner – er führt durch Almen und um die Seen bis man das Hochgebirgsgelände erreicht.  Über die Teufelsbrücke in Stara Fužina, entlang des Flusses Mostnica mit engen Schluchten und Wasserspielen. Dann durch „Voje“, das ist ein breites grünes Tal mit Almbetrieb. Später wird es steiler, aber im Unterschied zum Aufstieg von Norden, hat man von Süden den Triglav ständig vor sich und kann den Blick auf den Riesen genießen.

               Und dann kommt als Belohnung der Blick vom Gipfel des schönsten Berges der Julischen Alpen, für die Slowenen ohnehin des schönsten Berges weltweit.

Bled II

Die Dominante von Bled, die auf einem hundertvierzig Meter hohem Kalkfelsen über den wunderschönen blauen See mit unglaublich sauberem Wasser emporragt, ist die Burg. Ihre roten Dächer sieht man bereits von ferne und verliert sie während des Aufenthaltes im Ort praktisch nie aus den Augen. Die erste Burg ließ hier der Erzbischof von Brixen bereits im Jahr 1011 bauen, der Felsen lud dazu so beeindruckend ein, dass man einfach nicht widerstehen konnte. Damals hieß der Ort noch Veldes und dieser Name wird in deutschen Texten verwendet. In den Jahren 1511 und 1690 wurden die Burg sowie auch die Stadt von einem Erdbeben schwer beschädigt, also das aktuelle Aussehen der Festung ist das Ergebnis eines Nachbaus nach diesen Katastrophen und es ist ein Mix von Renaissance- und barocken Baustil.

Zur Burg kann man mit dem Auto fahren oder auf einem Pfad vom See aufsteigen – man muss dabei natürlich die 140 Höhemeter überwinden. Es zahlte sich aus, obwohl man für den Eintritt in die Burg 13 Euro zahlen musste (Stand im Jahr 2021) Von den Burgterrassen gibt es nämlich unglaublich schöne Aussichten auf den See und die umliegende Landschaft. Man kann das Museum im Barockflügel der Burg besuchen, wo die Geschichte der Region dokumentiert ist.

Aber aufpassen, nicht übersehen! Ein Teil der Eintrittskarte ist auch ein Gutschein für eine Weinverkostung im Burgkeller. Der örtliche Wein „Zelen“ sprach mich nicht wirklich an, der „Sauvignon blanc“ war aber hervorragend. Slowenische Weine haben einen deutlichen Obstgeschmack. Obwohl sie trocken sind, behalten sie etwas größere Menge vom Restzucker. Es gibt hier natürlich viel mehr Weinsorten zur Verkostung, wir hatten mit meiner Frau aber halt nur zwei Gutscheine. Einmal vor vielen Jahren vertratschte ich mich in diesem Keller mit einem Slowenen, der als Franziskanermönch verkleidet war (wir haben Bled in Rahmen einer gastroenterologischen Fortbildung besucht) und meine österreichische Gruppe fuhr inzwischen mit dem Bus fort. Aber Verständigung mit den Slowenen ist kein größeres Problem und sie sind hilfsbereit. Also brachten sie mich zum Hotel, und ich war dort sogar früher als die Gruppe im Bus, wo inzwischen eine Panik ausbrach, als mein Kollege auf dem Sitz neben mir meine Abwesenheit bemerkte.

Der Seeufer ist achteinhalb Kilometer lang, es handelt sich also um einen zweistündigen Spaziergang, wenn man eine Runde um den See machen will (wir wollten es). Der öffentliche Strand ist an dem von der Stadt am meisten entfernten Platz. Man kann natürlich mit dem Auto hinfahren, für das Parken muss man aber natürlich wieder einmal zahlen. Das Wasser im See ist unglaublich sauber und Ende September war es noch immer warm genug, um baden zu können. Also Badeanzug mitnehmen!

Wenn man ein begeisterter Fischer ist und im See fischen will, kann man ein Boot mit einer Lizenz zum Fischen beim Verein „Ribiška družina Bled“, also „Fishing club Bled“ kaufen. Der Sitz dieses Vereines ist am nördlichen Seeufer ungefähr einen Kilometer von der Stadt Bled entfernt. Am südlichen Ufer gibt es eine Piste mit einer Sommerrodelbahn, also jedem nach seinem Geschmack – natürlich, wenn man Geld hat.

Inmitten des Sees gibt es eine Insel mit einem ehemaligen Kloster (Blejski otok). Man kann sie mit einem Motorboot für 12 Euro pro Person besuchen oder viel mehr stilvoll mit einem Holzboot sogenanntem „Pletna“.

Der Ruderer (Pletnar) bringt Sie dann zur Insel, es gibt drei Einstiegstellen. Der Beruf des Pletnars ist auch heute noch ein angesehener Beruf, in der Zeit der Kaiserin Maria Theresia wurden Lizenzen für diese Tätigkeit an die Bauer am See vergeben und werden seitdem von Generation zur Generation vererbt. Die Fahrkarte kostete fünfzehn Euro, sie war also nicht wesentlich teurer als das Motorboot. Die Pletnars sind also so etwas wie die Gondoliere in Venedig und man kann offensichtlich von diesem Beruf gut leben. Interessant, dass der Preis für den Transfer zur Insel von allen drei Einstiegstellen gleich war, obwohl die Entfernung sehr unterschiedlich ist. Manche Ruderer müssen also für ihr Geld viel härter arbeiten als die anderen. Nach der Ankunft auf der Insel muss man 99 Stufen überwinden, um zur Kirche zu gelangen. Es wird ein Besuch des Glockenturmes empfohlen, wo sich eine Glocke befindet, die dem Besucher beim Läuten seine Wünsche erfüllen sollte. Es war mir nicht klar, warum ich während des ganzen Tages das Läuten lediglich sechsmal gehört habe, obwohl in dieser Zeit hunderte Touristen zur Insel transportiert wurden. Die Erklärung erwartete mich auf der Insel. Für einen Besuch des Glockenturmes (auch mit einem Besuch der Kirche, wo aber gerade eine bayerische Hochzeit stattfand) hätte man 12 Euro zahlen müssen. Also was zu viel ist, ist einfach zu viel.

Das Glück herauszufordern ist also in Bled nicht kostenlos, man kann das aber grundsätzlich als eine Investition für die Zukunft betrachten. Wir investierten nicht, obwohl uns unser Pletnar ganze fünfzig Minuten für den Besuch der Insel eingeräumt hatte und außer der Kirche und des Glockenturmes gab es auf der Insel gar nichts. Also eine klassische Touristenfalle. Wir bestellten einen Kaffee und Eis und beobachteten die bayerischen Hochzeitgäste. Der Besuch der Insel war trotzdem schön – und er gehört einfach unzertrennlich zum Besuch von Bled.

Im Städtchen selbst gibt es einige große Hotels, die größten sind „Hotel Park“, „Rikli Balance Hotel“ und „Hotel Toplice“. Weiters gibt es dort viele Apartments und einige Vilen, gebaut im Stil der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Am Bau dieser Gebäude beteiligten sich damalige Spitzenarchitekten der Österreichisch-ungarischen Monarchie, wie Franz Ritter. von Neumann, Paul Rikli, Raimund Jeblinger oder Wilhelm Bäumer oder auch Architekten aus der Region Friuli wie Andrej Tolazzi oder Alberto Valli. Beim Aufbau von Bled beteiligten sich auch tschechische Architekten Josef Hronek oder Jaromír Hanuš. Das reich im Jugendstill geschmückte Kaffeehaus des Hotels Toplice überlebte leider die Hotelrenovierung nicht. Direkt am Seeufer gibt es die „Vila Prešeren“, ein zauberhaftes Relikt aus den ruhmreichen Zeiten von Bled. Es gibt hier ein hervorragendes Restaurant. Der Fisch mit Polenta, die mit Trüffelöl verfeinert wurde, war einfach göttlich – die Preise dann zu unserer großen Überraschung absolut erschwinglich. Die Bedienung war ebenfalls tadellos, also kann ich die „Vila Prešeren“, die auch als ein Hotel funktioniert, mit gutem Gewissen weiterempfehlen. Am südlichen Seeufer gibt es einige Privatvilen wie zum Beispiel „Vila Zlatorog“ (das ist der slowenische Name für Steinbock). Obwohl sie aus den Fonds der EU rekonstruiert wurde, glaube ich, dass sie nicht für Normalsterbliche zum Relaxen am Seeufer bestimmt ist.

Am Seeufer direkt im Städtchen liegt eine ausgedehnte Parkanlage, projektiert vom schwedischen Architekten Karl Gustav Svensson im Jahr 1890, also in der Zeit der höchsten Blüte des Ortes. Aus dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts stammt auch die St. Martin Kirche mit einem schlanken weißen Turm im neugotischen Stil. Sie wurde auf dem Platz einer älteren mittelalterlichen Kirche nach dem Projekt des Architekten Friedrich von Schmidt erbaut, er war unter anderem auch der Autor des Wiener Rathauses. Die innere Freskendekoration stammt aus den Jahren 1932 – 1937, ihr Autor ist der akademische Maler Slavko Pengov. Seine Spur hat in Bled auch der berühmteste slowenische Architekt Joze Plecnik hinterlassen. Seine Hand sieht man nicht nur in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, wo nach ihm auch der Flughafen benannt wurde. Er war der Vorsitzende der Bildkunstakademie in Prag und im Jahr 1920 wurde er vom tschechoslowakischen Präsidenten Masaryk beauftragt, die Prager Burg umzugestalten. Also für die, die nach Prag reisen und dort das Panorama vom Hradschin bewundern – das Endergebnis ist das Werk von Joze Plecnik. Sein Projekt des königlichen Schlosses in Bled konnte leider nicht realisiert werden, auf dem Platz des geplanten Schlosses steht heute die „Vila Bled“ des Josip Bros Titos, aber zumindest vor der St Martin Kirche kann man eine Mariensäule von Plecnik sehen.

Bled darf man nicht verlassen, solange man die „Kremšnita“ nicht gekostet hat. Die Slowenen sind sehr stolz auf diese Erfindung, die dem Koch des Hotels Park in Bled namens Ištván Lukačevič zugeschrieben wird. Er soll diese Leckerei im Jahr 1953 erfunden haben. Natürlich kann man sie im Kaffee des Hotels Park, also direkt am Tatort genießen, sie wird aber überall angeboten. Wir bestellten Kremšnita im Café auf der Burg und genossen neben dem Dessert auch die fantastischen Aussichten auf die Landschaft von Bled.

Also los, fahren Sie hin und lassen Sie sich in eine der schönsten Touristenfallen, die Europa bietet, fangen.

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Bled I

Der See Bled ist einfach ein bezaubernder Ort. Es läuft hier die Schönheit der Natur mit mittelalterlichen Artefakten und mit dem Charme eines Kurortes aus der Zeit der Österreichisch- Ungarischen Monarchie zusammen, die weder die Zeit der politischen Spannungen im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen nach dem ersten Weltkrieg noch die kommunistische Herrschaft nach dem zweiten Weltkrieg zu vernichten vermochte. Bled hat alles überstanden, es hat seinen Charakter bewahrt und lockt Besucher aus der ganzen Welt an. Sie kommen in Massen.

Viele von euch haben diesen Ort bereits besucht. Die anderen, die das noch nicht geschafft haben, sollten sich durch den folgenden Artikel motivieren lassen, dieses kulturelle Defizit abzubauen. Es zahlt sich aus. Es ist nicht weit und die Slowenen sind sprachlich sehr gut aufgestellt, also es ist kein Problem sich dort zu verständigen. Auf English, Italienisch oder Deutsch. Ein Tscheche wie ich hat dann überhaupt kein Problem. Bier ist Pivo und Wein ist Vino, gleich auf Slowenisch wie auch auf Tschechisch.

Eine Warnung muss ich aber voraus stellen. Man fährt in eine Touristenfalle, wo man für so gut wie alles zahlen muss, der Besuch lohnt sich aber trotzdem. Es gibt Fallen, in denen sich das Opfer ganz gut und gemütlich fühlen kann.

Moderne Geschichte der Region um den See Bled begannen im Jahr 1855. Das bedeutet nicht, dass es vorher hier gar nichts gegeben hätte. Die Region um Bled schenkte am 10.April 1004 der deutsche König Heinrich II. der später heiliggesprochen wurde, dem Bischof von Brixen Albuin und die Folgen dieser Schenkung hatten eine lange Dauer. Erst im Jahr 1803, also nach langen achthundert Jahren, machte die Säkularisation ein Ende der Herrschaft der Bischöfe von Brixen. Im Jahr 1809 kamen die Französen hierher und sie gliederten den Bled See mit der Burg in die so genannten Illyrischen Provinzen ein, womit Bled ein Teil des Französischen Kaiserreichs wurde. Das war aber nur von kurzer Dauer und nach dem Wiener Kongress kehrte die Region unter die Obhut des Bischofs von Brixen zurück. Der hatte aber mit der Sorge um die entlegene Region bald die Schnauze voll, besonders nach dem Jahr 1848, als die örtlichen Slowenen infolge der revolutionären Geschehnisse nach einer nationalen Selbstbestimmung zu streben begannen. Also verkaufte der Bischof im Jahr 1858 den See mit der Burg an den Fabrikanten Viktor Ruard, den Besitzer der Stahlwerke im Nahen Jesenica.

Bereits in den Jahren 1846 – 1853 war hier der slowenische Priester und Fotograf Janez Pluhar tätig, der von der Schönheit der Landschaft bezaubert war und seine Fotos begannen in die damals noch immer entlegene Region erste Touristen zu locken.

Die Bilder beeindruckten auch einen jungen schweizerischen Arzt Arnold Rikli (geboren im Jahr 1823 in Wangen an der Aare). Er kam das erste Mal im Jahr 1854 her und er hatte eine Idee, heute würden wir es „bussines plan“ nennen. Ein Jahr später gründete er hier eine Heilstätte für Therapie der Zivilisationskrankheiten. Bereits im Jahr 1859 war seine Kuranstalt fertig mit Bademöglichkeiten im See und 56 Körben für ein Sonnenbad in Rahmen der Sonnentherapie. Die Behandlung beruhte auf drei Pfeilern, in dieser Zeit handelte sich um eine medizinische Revolution – es war die vegetarische Ernährung, der Nudismus und Massagen. Die Patienten aus den reichsten Kreisen strömten zum „Švajcer“, wie er von Einheimischen genannt wurde oder zu „Sun doctor“, wie er in den erhabenen Wiener Kreisen bekannt war. Der Ruhm des Kurortes Bled wurde gegründet und sollte nur mehr wachsen.

Im Jahr 1870 wurde Bled an die Rudolf-Eisenbahn angebunden, die Laibach mit Tarvisio verband, obwohl die Eisenbahnstation noch fünf Kilometer von der Stadt entfernt war und sich im Dorf Lesce befand. Als aber die österreichische Regierung beschlossen hat, die Karawanken-Bohinj Eisenbahn als eine Alternative zur Strecke Wien-Triest zu bauen (die größte Herausforderung für diese neue Strecke war der Bau von „Bohinj Tunnel“ mit einer Länge von 6327 Metern), begann der Zug mit den Touristen und Patienten direkt am See einen Stopp zu machen.

Im Jahr 1919 gab es um diese lukrative Kurregion schon immenses Interesse. Nicht nur das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen als ein neues Staatsgebilde, das später zu Jugoslawien unbenannt wurde, sondern auch Italien wollten dieses Gebiet in seinen Besitz nehmen. Letztendlich gewann Jugoslawien diesen Streit, angeblich dank der Intervention von Mihailo Idvorski Pupin. Dieser Herr, ein Student der Karlsuniversität in Prag, wurde nach seiner Auswanderung in die USA zu einem berühmten Physiker – er erfand die so genannte Pupinspule, die das Telefonieren auf lange Entfernungen ermöglichte. Seit dem Jahr 1911 war er der serbische Konsul in den USA und er hatte einen großen Einfluss auf den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Dank seiner Bemühung gewann der neue slawische Staat den Zwist mit Italien und Bled blieb slowenisch. Im Jahr 2015 wurde eine Statue von Pupin am Ufer des Bled See bei der Gelegenheit des Jubiläums achtzig Jahre seit seinem Tod aufgestellt. Schon die Tatsache, dass in Slowenien eine Statue eines serbischen Politikers stehen darf, (obwohl auf Kosten eines serbischen Vereines errichtet), kann man möglicherweise als ein Vorzeichen für eine Überwindung der nationalen Animositäten zwischen den Nationen des ehemaligen Jugoslawiens, der Relikten des blutigen Krieges vom Anfang neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, werten.

Auch in den Zeiten des kommunistischen Regimes wussten die damaligen Herrscher die Schönheit der Region zu schätzen. Josip Broz Tito ließ am Seeufer an der Stelle eines ehemaligen Königsschlosses, das er abreißen ließ, auf dem schönsten Platz mit einem Blick auf die Insel im See und auf die Burg von Bled einen Luxuspalast im modernistischen Stil bauen, der mit einem großen Park umgeben war. Der Autor dieses Projektes war der jugoslawische Architekt Vinko Glanz. Heute gibt es in dieser Residenz Vila Bled, ein Luxushotel, in dem man tiefer in die Tasche greifen müsste. Eine Übernachtung kostet mindestens 165 Euro pro Person und Nacht und ein vegetarisches Risotto kostete hier bereits im Jahr 2021 achtzehn Euro. Allerdings man isst im Objekt, in dem Nikita Chruschtschow oder Fidel Castro zu Abend aßen. Diese Tatsache ist im Preis inkludiert.

Leipzig II

Die Universität hatte immer ihren Sitz im Augusteon am Rande des Stadtzentrums, nach dem Krieg ließen hier die Kommunisten einen neuen Campus bauen, wobei sie die Sankt Pauls Kirche, die seit der Gründung der Universität ihren zentralen Punkt und Aula darstellte (obwohl die Universität offiziell bei der Kirche des heiligen Thomas gegründet wurde), niederreisen ließen. In der Fassade der neuen Universität, die im Jahr 2004 fertiggestellt wurde, ließ der Architekt Erick van Ereraat das Motiv der Kirchenfassade wieder beleben – es wirkt sehr interessant und modern – die Leipziger Universität ist schon nur aus diesem Grund besuchswert.

            Das ursprüngliche Gebäude wurde bei der Bombardierung Leipzigs im zweiten Weltkrieg vernichtet. Leipzig hatte trotzdem großes Glück, dass die Alliierten sich entschieden, Dresden anstatt Leipzig dem Boden gleichzumachen, Leipzig war nämlich das ursprüngliche Ziel dieses Angriffs). Trotzdem erlebte die Stadt insgesamt 14 Luftangriffe und die Gegend um Augustusplatz litt am meistens. Deshalb steht hier heute eine Oper im Stil der kommunistischen Architektur aus dem Jahr 1960 (wirkt aber mit ihrem neoklassizistischen Stil gar nicht so übel wie man es erwarten würde) und das Gewandhaus aus dem Jahr 1981, dieses moderne Konzerthaus befindet sich auf der anderen Seite des Platzes.

            Leipzig hatte nach dem zweiten Weltkrieg Pech. Am 18.April 1945 zogen amerikanische Einheiten in die Stadt (ob sie die Stadt besetzten oder befreiten, wird bis heute diskutiert, es geht dabei um den Blickwinkel). Die Amerikaner traten aber anschließend das ganze westliche Sachsen und Thüringen im Austausch für Westberlin an die Russen ab und am 2.Juli 1945 zog in die Stadt die Rote Armee ein. Leipzig wurde so zum Teil Ostdeutschlands, also der russischen Besatzungszone, und anschließend der Deutschen Demokratischen Republik, die im Jahr 1949 gegründet wurde.

            In Leipzig wurde der bereits erwähnte Anführer der erfolglosen deutschen kommunistischen Revolution im Jahr 1918 Karl Liebknecht geboren, später auch der ostdeutsche Diktator in den Jahren 1949 – 1971 Walter Ulbricht, einer der Hauptprotagonisten des militärischen Einsatzes des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei im Jahr 1968. In der Stadt lebte auch Klara Zetkin, deren Initiative wir den Internationalen Frauentag am 8.März verdanken.

            Die Stadt hatte immer aufgrund ihrer Industrie eine starke rote Tradition. Paradoxerweise begann das kommunistische Regime in Deutschland gerade in Leipzig zu bröckeln. In keiner anderen Stadt gibt es so viele Museen und Expositionen, die sich mit dem kommunistischen Regime und seinem Untergang beschäftigen wie in Leipzig. Gleich neben der Mädlerpassage gibt es eine Dauerausstellung im „Zeitgeschichtliches Forum“ und dem Besucher ist auch die ehemalige STASI Zentrale zugänglich. Auch im Museum der Stadtgeschichte wird der kommunistischen Episode ein großer Raum eingeräumt. Die Bürger von Leipzig sind nämlich stolz darauf, dass sie es waren, die dem kommunistischen Regime den entscheidenden Todesstoß verpasst haben. Sie waren immer ein bisschen anders. Wo sonst wäre es möglich, dass eine Punkkapelle namens „Wutanfall“ ihren Unterschlupf und Konzertmöglichkeit in der Sakristei der Kirche des heiligen Nikolaus finden könnte? Gerade diese Kirche mit ihren feinen Farben der Innenwände – rosarot und hellgrün – die an die Frauenkirche in Dresden erinnern, sollte beim Fall der kommunistischen Regime in Ostdeutschland eine entscheidende Rolle spielen.

            Alles hat ganz harmlos begonnen. Im Jahr 1980 wurde die so genannte „Dekade der Friedentoleranz“ ausgerufen. Seit dem Jahr 1981 trafen sich jeden Montag um fünf Uhr nachmittags Menschen zu einem Gebet für den Weltfrieden. Unter der biblischen Parole: „Dann schmieden wir Pflugscharen aus ihren Schwertern“ (Micha 4,3), eine Parole, die auch die kommunistische Propaganda so gerne benutzte.

            Jetzt aber schlug STASI Menschen, die einen Aufkleber mit diesem Text trugen, sie wurden verhaftet und stundenlang verhört. Trotzdem kamen zum Gebet immer mehr Leute. Was mit einigen Dutzend Menschen begann, wuchs von Hunderten zu Tausenden. Im Mai 1989 erlaubten sich Leipziger Aktivisten die Wahlergebnisse zu kontrollieren und konnten feststellen, dass die „Einheitliche Kandidatenliste“ nicht die angekündigten 96,8 Prozent sondern nur knapp über 90 Prozent Stimmen bekam. Für die, die dem Regime noch immer vertrauten, war der Nachweis der Wahlfälschung ein herber Schlag. Als dann das chinesische Regime am 3.Juni 1989 auf dem „Platz am Tor des himmlischen Friedens“ in Peking über 2000 Studenten massakrierte und die ganze Welt im Angesicht diese Gräueltat erstarrte, gab es auf der ganzen Welt nur zwei Regierungen, die der chinesischen Führung offiziell gratulierten. Es war Kim Ir Sen von Nordkorea und Erich Honecker in der DDR. Diese sinnlose Geste erschütterte auch die letzten Treuen und die Menschenmenge in der Kirche des heiligen Nikolaus wuchs an. Am 4.September verlangte der Bürgermeister von Leipzig vom Pfarrer der Kirche des Heiligen Nikolaus, mit den Gebeten aufzuhören. Dieser lehnte es ab.

            Für 9.Oktober 1989 bereitete die Kommunistische Regierung eine abschreckende Aktion. Sie warnte im Radio und im Fernseher alle Bürger von Leipzig vor dem Kirchenbesuch. Die Kommunisten gaben bekannt, dass sie 10 000 Polizisten und Soldaten mobilisierten und dass diese einen Schießbefehl erhielten. Ich erfuhr, dass 10 000 Feldbetten für die Verwundeten und 20 000 Blutkonserven bereitgestellt wurden. Die deutsche Regierung bereitete also ein echtes Massaker nach dem chinesischen Vorbild vor. Trotzdem erschienen am 9.Oktober zum Gebet 70 000 Menschen. Mit den Kerzen in den Händen füllten sie die Straßen von Leipzig. Das Regime wagte es nicht, auf die Menschen zu schießen, die in einer Hand eine Kerze hielten und mit der anderen Hand das Licht vor dem Wind schützten. Es wäre schwer zu behaupten, dass die Demonstranten Zusammenstöße mit der Polizei durch Steinwerfen ausgelöst haben. So nämlich hieß die im Voraus vorbereitete offizielle Begründung des Einsatzes. Dazu – der Schießbefehl kam aus dem gehassten Berlin – der Leipziger Kommandeur wurde plötzlich zum Leipziger Patrioten und ließ die Sicherheitskräfte zurückziehen. Der Protest blieb ohne Blutvergießen. Am 23, Oktober waren dann in den Straßen von Leipzig sogar 320 000 Menschen. Am 9.November fiel die Berliner Mauer. Die Gebete in der Kirche Sankt Nikolaus finden auch heutzutage jeden Montag um 5 Uhr statt – als eine Erinnerung, aber auch als Streben nach einem Weltfrieden, dieses Streben ist heutzutage aktueller denn je.

            Leipzig kann sich über eine Mangel an Kriegsgeschehen in seiner Nähe nicht beschweren. Seine Lage auf der Kreuzung zwei wichtigen Straßen “Via imperialis” und „Via regia“ machte aus der Stadt nicht nur ein Handelszentrum und nach dem Jahr 1945 auch ein Finanzzentrum Ostdeutschlands, sondern auch einen Platz zahlreicher kriegerischen Auseinandersetzungen. Während des Dreißigjährigen Krieges fanden vor der Stadtmauer von Leipzig sogar drei große Schlachten statt, zweimal bei Breitenfeld (1630 und 1642) und einmal bei Lützen (1632). Besonders die Schlacht bei Lützen war schicksalhaft. Der österreichische Heerführer Wallenstein hat zwar die Schlacht verloren, aber der schwedische König und genialer Stratege Gustav Adolf starb in der Schlacht.

            Das berühmteste militärische Ereignis in dieser Gegend war aber mit Sicherheit die „Völkerschlacht“ am 16. – 19. Oktober 1813. In dieser größten Schlacht der napoleonischen Kriege gelang es dem Generalissimus Karl von Schwarzenberg den französischen Kaiser Napoleon zu bezwingen und das auf so eine vernichtende Art, dass sich Frankreich von diesem Schlag nie mehr erholte. Während dieser drei Tage starben vor der Mauer von Leipzig 90 000 Soldaten (zum Vergleich, Leipzig selbst hatte damals gerade 90 000 Einwohner). Übrigens die Sachsen haben wieder einmal auf der falschen Seite gekämpft – also in der französischen Armee. Die Sachsen haben ohnehin eine seltene Eigenschaft, immer auf der Seite der Verlierer zu kämpfen und wenn sie sich einmal der siegreichen Armee anschlossen – das war bei Breitenfeld im Jahr 1630 – flüchteten sie bereits nach dem Beginn der Schlacht und blieben 20 Kilometer hinter der Kampflinie stehen. Also erfuhren sie von dem Sieg der Schweden über den kaiserlichen General Tilly (der in der Schlacht verwundet wurde und bald danach an den Folgen der Verletzung in Leipzig starb) nur vom Hören. In Leipzig starb übrigens an den Folgen seiner Verletzungen aus der Schlacht bei Lützen auch der berühmte General der Kavallerie Pappenheim (der seine Pappenheimer gut kannte) und zuletzt ertrank hier am 18.Oktober 1813 der polnische Marschall Poniatowski – es liegen hier also viele Kriegshelden begraben. Im Jahr 1813 machten das die Sachsen doch gescheiter. In dem entscheidenden Moment der Schlacht beim Dorf Propstheida wechselten sie die Seiten und begannen auf die überraschten Französen zu schießen. Also es gibt nichts Besseres, als einen verlässlichen Verbündeten zu haben.

            Heute steht an der Stelle des ehemaligen Dorfes ein riesiges „Völkerschlachtdenkmal“.

Es wurde hier im Jahr 1913 für die Feier des hundertsten Jahrestages der Schlacht erbaut und in der Anwesenheit des deutschen Kaisers Wilhelm II. feierlich eröffnet. Zu dieser Zeit stürzte sich die Welt gerade in die nächste Katastrophe, die schlimmer als die vorherige sein sollte. Diese Tragödie begann im Jahr 1914 und endete durch Besetzung von Leipzig von den amerikanischen Soldaten am 28. April 1945.

            Leipzig kann sich mit seiner Schönheit sicherlich nicht mit Dresden, Lübeck oder Aachen messen. Historisch hat aber viel zu bieten und genau so auch, was die Kultur betrifft. Es wird hier regelmäßig die Buchmesse veranstaltet, die Konzerte im Gewandhaus auf dem Augustusplatz sind dank der Bach- und Mendellsohntradition von weltbesten Musikern besucht.

            Der Fußballklub RB Leipzig spielt in der Bundesliga und in den europäischen Wettbewerben. Übrigens war Leipzig im Jahr 1903 (damals noch unter einem anderen Namen) der erste deutsche Fußballmeister. Seinen Aufstieg aus der vierten deutschen Liga verdankt der Klub dem österreichischen Unternehmer Didi Mateschitz, dem Besitzer der Firma Red Bull. Das Fußballstadion am Ufer des Flusses Elser heißt also Red Bull Arena. Der Klub darf aber offiziell diesen Namen nicht tragen – das deutsche Gesetz verbietet den Klubs die Namen ihren Sponsoren zu präsentieren. Die einzige Ausnahme ist Bayer Leverkusen, weil dieser Klub als Klub der Angestellten des Pharmagiganten entstand, der einmal in den Gründungszeiten durch Aspirin berühmt wurde. Der Trick von Mateschitz, die Abkürzung RB, dass die Fußballer auf ihren Trikots tragen, als „RasenBallsport“ zu interpretieren, ließ Emotionen in der deutschen Fußballwelt hochgehen, aber wie schon der Fernseher-Kommentator knapp vor dem Aufstieg von RB Leipzig in die Bundesliga resigniert sagte: „Wir können sie hassen, aber in ihrem Erfolg und Aufstieg können wir sie nicht hindern.“

            Also warum eigentlich nach Lepzig fahren? Es ist nicht so weit, die Stadt ist interessant und für Shopping günstig. Nur bitte, wenn Sie dort sind, versuchen Sie lieber keine lokalen Spezialitäten. Man kann dort gut und für vernünftige Preise essen, die Stadt hat nämlich genug Restaurants mit internationaler Küche. Zum Schluss – entweder als Einladung oder als Warnung präsentiere ich die Liste der berühmtesten sächsischen Spezialitäten.

  • Quarkkeulchen – Top 1.
  • Sächsische Flecke – Top 2.
  • Leipziger Allerlei – Top 3.
  • Sächsisches Feuerfleisch – Top 4.
  • Pulsnitzer Lebkuchen – Top 5.
  • Leipziger Lerchen – Top 6.
  • Der Dresdner Christstollen – Top 7.
  • Leipziger Räbchen – Top 8

Also Mahlzeit und gute Reise.

Leipzig I

            Mein Sohn lacht immer über die Tatsache, dass die Tschechen für jede Stadt in Europa einen eigenen Namen haben müssen, mit dem Original sind sie nie zufrieden. So ist aus Wien Vídeň, aus Graz Štýrský Hradec, aus Konstanz Kostnice und aus Koppenhagen Kodaň. Manchmal ist aber der tschechische Name der richtige und ursprüngliche (wie es auch bei Konstanz der Fall ist – im Altdeutsch hieß die Stadt Kostnitz). Bei Leipzig ist es auch so. Der ursprüngliche Name der Gemeinde war Lipsk, also in der serbischen Sprache ein Ort, wo „Lipy“ also Linden wachsen. Die ganze nördliche Seite des Erzgebirges wurde zu dieser Zeit von den Serben bewohnt, bevor sie von den deutschen Kaisern Heinrich I. und einem Sohn Otto I verdrängt wurden. Seitdem sind aber mehr als tausend Jahre vergangen und die slawische Vergangenheit Sachsens spiegelt sich nur mehr in zahlreichen slawischen Ortsnamen. Angeblich aber auch in der Schönheit der dortigen Frauen, wie mir ein einheimischer Taxifahrer in Dresden erklärte.

            In Leipzig war ich das erste Mal im Jahr 1982 und ich habe nach Hause ein Bild einer grauen depressiven unschönen Industriestadt gebracht, die ich nie mehr besuchen wollte. Das Schicksal wollte es aber anders. Zuerst besuchte mein Sohn Leipzig und nach einer Nacht, die er in der Moritzbastei (in der ehemaligen Stadtbefestigung errichteten Studenten der Leipziger Universität einen Klub und einen Ort, wo Diskotheken stattfinden) verbrachte, pochte er darauf, dass ich unbedingt noch einmal hinfahren müsste, um meine Meinung zu korrigieren.

            Ich tat es. Ich habe die Stadt besucht und meine Meinung korrigiert, obwohl nur teilweise. Leipzig wird die Schönheit von Dresden, München oder Aachen niemals erreichen. Es wirkt irgendwie inhomogen, zwischen historischen Häusern steht moderne Architektur kombiniert mit den Häusern aus der kommunistischen Vergangenheit der Stadt. An der Schönheit hat die Stadt dadurch viel eingebüßt.

So war es aber immer, die Stadt ist immer im Schatten von Dresden oder Meißen gestanden, sie war nie eine Residenz-, dafür aber immer eine Handelsstadt. Zwei Privilegien des Kaisers Maximilian I. aus den Jahren 1497 und 1507 verliehen der Stadt das Recht, Messen zu organisieren und Leipzig wurde so zum ostdeutschen Frankfurt am Main. Das echte Frankfurt war nämlich für die Kaufleute mit schlechter Anbindung an das Rhein/Main Flusssystem nur mühsam erreichbar. Wenn also nach Frankfurt die Ware auf dem Wasserweg transportiert wurde, nach Leipzig geschah es auf dem Landweg. Aus diesem Grund wurden die Paläste im Stadtzentrum mit sehr breiten Einfahrten in den Innenhof gebaut, damit ein vollbeladener Wagen einfahren konnte und die Ladung nicht auf der Straße umgelagert werden müsste. Heute wurden diese Einfahrten in charmante Passagen im Stadtzentrum umgebaut.

            In Leipzig war und ist eine Universität. Sie entstand im Jahr 1409 aus einem guten Grund und mit sehr guten Voraussetzungen für ihre Prosperität. Am18.Januar 1409 hat der tschechische König Wenzel IV. in Kuttenberg ein Dekret erlassen, das die Verhältnisse auf der Karlsuniversität in Prag gründlich veränderte. Bis dahin hatten ausländische Studenten und Lehrer in Prag bei Abstimmungen drei Stimmen und die Tschechen nur eine. Ab jetzt sollten die Tschechen drei Stimmen haben und alle Ausländer zusammen nur eine.  In Folge dieser Veränderung verließen Prag viele deutsche (aber auch polnische und viele andere) Professoren und Studenten – die Mehrheit von ihnen ging nach Leipzig, das auf die neue Situation flexibel mit einer Gründung der eigenen Universität am 2.Dezember 1409 reagierte. Jede neue Universität – das gilt bis heute – hat das Hauptproblem, gute Lehrer zu gewinnen. Leipzig hatte dieses Problem also nicht, hier ließen sich sofort die besten Professoren aus Prag nieder. Im Jahr 1519 fand in Leipzig die so genannte Leipziger Disputation zwischen dem katholischen Gelehrten Johann Eck und Martin Luther und seinen Freunden statt. Auch diese Tatsache bezeugt, dass Leipzig bereits damals ein anerkanntes Bildungszentrum Sachsens war. Luther mochte diese Stadt nie (er nannte Leipzig „Sodoma und Gomora“) es gelang ihm die Stadt für seine Lehre durch eine leidenschaftliche Rede in der Kirche des Heiligen Thomas im Jahr 1539 zu gewinnen. Trotzdem ist es gerade das Leipziger Museum der Stadtgeschichte im Alten Rathaus, das den Ehering der Gattin Luthers, Katharina von Bora, besitzt.

            An der Leipziger Universität studierten viele berühmten Menschen, vor allem in den Jahren 1765 – 1768 Johann Wolfgang Goethe. Seine Statue, die ihn als einen jungen Studenten darstellt, steht vor dem schönen Rokokogebäude der Börse.

            Gerade aus diesem Grund platzierte der große Dichter eine der Szenen seines Doktor Faust Dramas in den Auerbachkeller in der Mädlerpassage, wo wahrscheinlich der Lebemann Goethe nicht wenige Gläser während seines Studentenlebens leerte. Ich habe lange Zeit nicht verstanden, warum es diese Szene im „Faust“ überhaupt gibt, – aus meiner Sicht wirkt sie dort künstlich und überflüssig. Nur als ich Bescheid über die stürmischen jungen Jahre Johann Wolfgangs in Leipzig erfuhr (und er konnte wirklich leben!), dämmerte mir, warum Mephistopheles dieses Lokal besuchen musste. Übrigens Mephisto ist der Name einer Bar in dieser Passage sowie auch auf dem Leipziger Hauptplatz.

            Das Lokal Auerbachkeller, geschmückt beim Eingang mit Statuen von Doktor Faust, Mephisto und den Studenten, die in diesem Drama auftreten, ist natürlich eine Attraktion der Stadt, geschmückt mit Motiven aus Faust.

Die typische sächsische Küche würde ich aber nicht unbedingt probieren. Also ich habe es natürlich ausprobiert und erfahren, dass sie nur für Menschen mit einer sehr guten Verdauung geeignet ist. Kraut und Kartoffel sind allanwesend, der Geruch vom sauren Kraut schlägt in die Nase gleich beim Eintreten in dieses berühmte Wirtshaus und die sächsische Ernährung kann in den Gedärmen eine explosive Mischung bilden.

            Goethe lässt hier seine Studenten folgende Sätze sagen:

Will keiner trinken? Keiner lachen?
Ich will euch lehren Gesichter machen!

Ihr seyd ja heut wie nasses Stroh,

Und brennt sonst immer lichterloh.

            Goethe besuchte dieses Wirtshaus offensichtlich sehr gerne.

            Weitere berühmten Absolventen der Universität waren Richard Wagner, Karl Liebknecht oder Angela Merkel. Sie als eine Studentenaktivistin half die Moritzbastei auszugraben, ein Ort der besuchswert ist. Dieser Teil der Stadtbefestigung war nach der Bombardierung des zweiten Weltkrieges unter Trümmern begraben. Die Studenten der Universität wählten diesen Ort im Jahr 1974 aus und nach acht Jahren Ausgrabungen und Reparaturarbeiten eröffneten sie hier im Jahr 1982 eine Bar und eine Diskothek – in diesem Jahr besuchte die Moritzbastei auch meine Gattin, die damals ihre Famulatur in Leipzig machte.

            Richard Wagner war durch seinen Antisemitismus bekannt – möglicherweise auch deshalb wurde er zum Kultautor des Naziregimes. Er wurde zum Antisemiten gerade in Leipzig. Er kam in Leipzig in armen Verhältnissen zur Welt, sein Vater starb als der kleine Richard ein Jahr alt war. Mit der Mutter und dem Stiefvater war er viel unterwegs und im Jahr 1827 kehrte er nach Leipzig zurück. In Jahr 1831 begann er sein Studium an der Universität – er studierte Musik. Zur gleichen Zeit war Felix Mendelssohn-Bartholdy der Star der Leipziger Musikwelt, er wirkte in Leipzig in den Jahren 1835 – 1841. Mendelssohn Bartholdy stammte aus einer reichen jüdischen Familie und durch seinen Ruhm, seine Erziehung und seinen Reichtum waren für ihn alle Türe der Leipziger höher Gesellschaft geöffnet. Wagner dagegen kämpfte mit dem harten Schicksal und versuchte vergeblich mit seinem strahlenden Vorbild gleichzuziehen. Nach der katastrophalen Premiere seines ersten Werkes „Das Liebeverbot oder die Novize“ verließ der frustrierte Wagner Leipzig und ging nach Königsberg in der Überzeugung, dass seine Kariere in seinem Geburtsort eine jüdische Verschwörung zunichte gemacht hätte. Er hörte bis Ende seines Lebens nicht auf, die Juden zu hassen.

            Übrigens das erste, was Nazis nach der Machtergreifung im Jahr 1933 in Leipzig entfernten, war die Statue von Mendelssohn – Bartholdy, die vor der Fassade der Kirche des Heiligen Thomas stand. Heute steht sie dort wieder und bei der Feier „200 Jahre von der Geburt des Komponisten“ wurde nach ihm auch die Fassade der Kirche benannt.

            Wenn man aber über Leipzig und Musik spricht, sollte man in erster Linie an Johann Sebastian Bach denken.

Dieser höchste Meister der Barockmusik war nämlich seit dem Jahr 1723 siebenundzwanzig Jahre lang der Chormeister in der Kirche des heiligen Thomas und ist seit 1950 in dieser Kirche auch bestattet. In Leipzig waren auch Robert Schumann, Franz Liszt oder Hector Berlioz tätig, alle in der für Wagner so schicksalhafter Zeit um 1840, als in die Stadt Schumann einzog – sein Haus ist als sein Museum erhalten.

Passau II

            Mit Passau ist auch das Schicksal der seligen Gisela verbunden. Sie ist hier in der Kirche Heiligenkreuz bestattet, in einem Kloster in Niederburg, wo sie Äbtistin war. Ihr Grab ist ein Pilgerort für viele ungarische Stadtbesucher. Gisela war die Gattin des ersten ungarischen Königs Stephan und nach seinem Tod zog sie sich nach Passau zurück, wo sie zur Äbtistin wurde. In der Tat sollte die selige Gisela eigentlich einigermaßen frustriert sein. Ihr Ehemann Stephan, ihr Sohn Emmerich, ihr Bruder Heinrich und sogar auch ihre Schwägerin Kunigunde wurden alle ein nach dem anderen heiliggesprochen, sie blieb die Einzige aus der ganzen Familie, die „nur“ selig wurde. Wahrscheinlich haben die Passauer vergessen, dieses Versäumnis dem Papst Johann Paul II. zu melden. Er hätte sich so eine Gelegenheit zum Stadtbesuch sicher nicht entgehen lassen und in die kaiserliche Familie im Himmel hätte Ruhe einkehren können. Gisela hätte sich die Heiligsprechung sicher mehr als ihr Bruder, der machtgierige Kaiser Heinrich II. verdient. Wenn jemand einen Spitznahmen „der Zänker“ hat, passt es nicht unbedingt zur Heiligsprechung. Gisela und ihr Bruder Heinrich waren Kinder Herzogs Heinrich von Bayern, genannt „der Streitbare“ (sie hatten die Streitlust offensichtlich in der Familie), des jüngeren Bruders des Kaisers Otto II. Heinrich schaffte es sich gegen seinen Gegenkandidaten Hermann von Schwaben geschickt zu behaupten und dann mischte er sich ordentlich auch in die tschechische Politik ein, als er tschechische Fürsten nach Belieben eingesetzt und abgesetzt hat. Als auf dem tschechischen Thron ein schwerer Alkoholiker Vladivoj vom polnischen Fürst Boleslaw Chrobry eingesetzt wurde, lief dieser zum Kaiser und ließ sich im Jahr 1002 mit dem Fürstentum belehnen. Dadurch wurde Böhmen für viele weitere Jahrhunderte ein Teil des Römischen Reiches. Vladivoj soff sich ein Jahr später zu Tode und Heinrich intrigierte zwischen den Premyslidenbrüdern Jaromir und Oldrich, wobei er seinen treuen Verbündeten Jaromir fallen ließ, als er ihm nicht mehr von Nutzen sein konnte. Der Hauptgegner des Kaisers war aber der polnische König Boleslaw Chrobry, gegen den der Heilige viele Kriege führte. Kaiser Heinrich, der keinesfalls mit heiligen Mitteln herrschte, wurde im Jahr 1146 heiliggesprochen, als bereits der Stamm der Staufer an der Macht war. Wahrscheinlich wollte der Papst die Staufer mit dem Kult ihren Vorgängers aus dem konkurrierenden bayerischen Stamm provozieren. Ein skurriles Detail der Heiligsprechung war die Tatsache, dass die Ehe Heinrichs mit Kunigunde kinderlos blieb. Es wurde behauptet, dass es die Folge eines Schwures der Kaiserin jungfräulich zu bleiben war und dass der Kaiser mir seiner Gattin wie „Bruder und Schwester“ lebten. Natürlich kann man es glauben, ob aber eventuell dahinten eine nicht operierte Phimose oder andere sexuelle Orientierung des Herrschers war, erfahren wir wahrscheinlich nicht mehr. In jedem Fall war die Keuschheit des kaiserlichen Ehepaares der Hauptgrund für ihre Heiligsprechung. Natürlich abgesehen von williger Hilfe des Kaisers dem Papst Benedikt VIII. gegenüber, der von Normanen in Süditalien bedrängt war. Übrigens gerade um sich diese Hilfe zu erkaufen, schob der Papst in das Glaubensbekenntnis das Wort „Filioque“ ein, das seit der Zeit des Karls des Großen in seinem Reich (aber nur dort, nicht in Rom und überhaupt nicht in Konstantinopel) verwendet wurde. Das hat einige Jahrzehnte später das Schisma zwischen der westlichen und östlichen Kirche zu Folge gehabt.

            Aber zurück zu der seligen Gisela. Sie hat ihre Arbeit in Ungarn sehr gut erledigt, sie brachte ihren Mann zur Taufe (aus Geiza wurde Stephan) und zur Einführung des Christentums in seinem Königreich und nach seinem Tod (der Sohn Emmerich starb bei einem Jagdunfall noch vor seinem Vater) ging sie nach Passau in ihr Heimatland Bayern – geboren wurde sie im nahen Regensburg. Dort wurde sie, wie schon gesagt, Äbtistin. Ihre sterblichen Überreste wurden im Jahr 1908 exhumiert, heute ist ihr Grab das Ziel von tausenden Pilgern aus Ungarn und herum liegen viele Kränze und hängen viele ungarische trikoloren. Ich glaube, es ist richtig so, obwohl sie „nur“ selig ist. Sie hat sich das verdient.

            Mehr als durch das Feuer wurde Passau immer durch das Hochwasser bedroht. Egal ob das Wasser von den Bergen mit dem Inn oder aus Deutschland mit der Donau kommt, die Gefahr vom Hochwasser ist immer anwesend, das letzte Mal wurde die Stadt von einer Flut im Jahr 2013 betroffen. Es war nicht das erste Mal, obwohl die Spuren dieser Überflutung an den Passauer Häusern noch jahrelang sichtbar blieben, vielen von ihnen fehlte noch Jahre später, als wir die Stadt besucht haben, der Putz bis zum ersten Stock. Es war aber nicht die schlimmste Flut in der Geschichte, wie die Aufzeichnungen auf dem Passauer Rathaus zeigten. Am höchsten war das Wasser im Jahr 1501, als der Inn mit der Donau noch vor der Stadt zusammenflossen und das Stadtzentrum wie eine Insel aus den Flutwellen ragte.

            Passau verlor seinen Wohlstand durch den Verlust des Salzmonopols. Es wurde ihm von den bayerischen Herzögen entzogen, denen natürlich so ein Einkommen willkommen war. Im Jahr 1803 verlor dann Passau in Rahmen der Säkularisierung des Römischen Reiches unter dem Einfluss von Napoleon und den Ideen der französischen Revolution definitiv seine Selbständigkeit und es wurde zu einem Teil des neuentstandenen Bayerischen Königsreiches. Die Passauer lösten ihre Frustration vom Verlust ihrer Privilegien wirklich seltsam. Dem König Maximilian I., der aus Passau eine bedeutungslose Bezirksstadt seines Königreiches machte, bauten sie vor dem Dom eine riesige Statue – sie wurde von dem „dankbaren Passauer Volk“ gestiftet. Wofür das Volk so dankbar war, konnte ich nicht erforschen, die Arschkriecherei ist aber offensichtlich eine universale menschliche Eigenschaft.

            Passau als eine Bischofresidenz musste natürlich eine ganze Reihe von Kirchen haben. Neben dem monumentalen Dom in Stil des Barocks, der Kirche Heiligenkreuz mit den sterblichen Überresten der seligen Gisela und der bereits erwähnten Kirche Mariahilf am rechten Innufer sind das zum Beispiel ein großes Gebäude der Kirche des Heiligen Pauls am Donauufer oder ein interessantes kleines turmloses Kirchlein des Heiligen Salvators im Viertel Ilzstadt. Hier, eingebaut in einen Berg über dem Fluss, stand bis zum Jahr 1477 eine jüdische Synagoge. In diesem Jahr wurden Juden beschuldigt, die heilige Hostie mit einem Messer durchbohrt zu haben. Die Beschuldigten wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt, der Rest der jüdischen Kommune wurde aus der Stadt verbannt und die Synagoge abgerissen. In den Jahren 1479 – 1495 bauten hier die Bürger das Kirchlein des Heiligen Salvators als ein Zeichen der Reue über diese Tat.

            In Passau kann man natürlich noch viel mehr sehen. Besonders die Atmosphäre der Gässchen zwischen beiden Flüssen, die Promenaden entlang der Flussufer, die Erinnerungen an die berühmte Geschichte der Stadt, die man auf jedem Schritt begegnet – wie zum Beispiel die Erinnerung an den Besuch der bayerischen Prinzessin Elisabeth, die in Passau einen Halt auf ihrer Reise nach Wien machte, wo sie den österreichischen Kaiser Franz Josef heiraten und dadurch zur legendären Kaiserin Sissi werden sollte.

            Fahren Sie bitte, hin. Passau ist wunderschön und das Essen und Bier sind auch sehr gut – einfach bayerisch.

Passau I

            In Tschechien ist Passau – historisch gesehen – mit negativen Emotionen verbunden. Im Jahr 1611 lud Kaiser Rudolf II. Passauer Truppen nach Prag zur Hilfe und weigerte sich dann sie zu bezahlen. Die Soldaten wüteten demzufolge in Prag und in Südböhmen, um sich den entgangenen Sold mit Gewalt zu nehmen. Damals rettete die Tschechen der alte Petr Vok von Rosenberg, der die raubenden Truppen auszahlte und sie zogen nach Süden ab. Dieses negative historische Ereignis steht in einem direkten Zusammenhang mit der Zeit, als die Habsburger das erste Mal an der enorm reichen Stadt ihr Interesse zeigten. Im Jahr 1598 ist es ihnen gelungen, den jüngeren Bruder des späteren Kaisers Ferdinand II. Leopold zum Passauer Bischof zu installieren, obwohl der Bursche damals gerade zwölf Jahre alt war. Dreizehn Jahre später verstrickte er sich in die oben beschriebene Prager Angelegenheit. Er wurde niemals zum Priester geweiht, verließ nicht nur Passau, sondern auch den Kirchendienst und heiratete die junge Witwe Katharina Medici. So viel also zu dieser nicht gerade berühmten Episoden in der Passauer Geschichte.

            Aber lassen wir die Emotionen bei Seite.

            Passau, genannt „Drei Flüsse Stadt“, ist nämlich eine der schönsten deutschen Städte. Hier fließt der blaugrüne Inn mit der dunklen Donau zusammen und zu den zwei großen Strömen gesellt sich der kleinere Fluss Ilz. Der Inn wirkt mächtiger als die Donau, weil aber der Fluss den Namen des Stromes bekommt, der seine Richtung hält, geht hier der Inn zu Ende. Der Inn bring tatsächlich weniger Wasser als die Donau, weil er hier die Tiefe von lediglich zwei Metern hat und die Donau sechs Meter tief ist, es ist aber faszinierend zu beobachten, wie Inns helles Wasser den dunklen Strom der Donau verdrängt, weil der Inn wilder ist und das Wasser der Donau ein Problem hat, sich gegen seinen Strom durchzusetzen.

            Passau war immer eine bedeutende Stadt – und eine reiche Stadt. Es ist allerdings nicht durch Arbeit seiner Bürger und von ihnen produzierter Ware reich geworden, sondern das Geschäft mit Salz war die Quelle des Reichtums. Passau war viele Jahrhunderte lang der Umschlagplatz für Salz auf dem Wege von Salzkammergut nach Tschechien. Hier begann  der so genannte „Goldener Pfad“, der in mehreren Richtungen durch den Böhmerwald führte, der älteste von diesen Wegen endete in der Stadt Prachatice. Der Zoll auf Salz, das auf dem Inn transportiert wurde, war die Quelle des Wohlstandes der Stadt. Die Häfen für Schiffe mit Salz sind noch heute am Ufer des Inns entlang der Promenade Innkai unter der Stadtmauer sichtbar.

            An der Stelle von Passau gab es bereits in den römischen Zeiten eine kleine Festung namens Batavis, ein Vorposten des Limes Romanus, der das Römische Reich gegen germanische Angriffe von Norden schützen sollte. Die Römer gaben die Grenze an der Donau Mitte des fünften Jahrhunderts auf und ihre Kastelle verödeten. Im nächsten Jahrhundert kamen hierher germanische Bajuwaren und gründeten auf der Halbinsel am Zusammenfluss eine Burg – den Kern der heutigen Stadt. Bereits im Jahr 739 ist Passau als ein Bischofsitz genannt. Die Sternstunde der Stadt schlug aber im Jahr 1217, als Kaiser Friedrich II. den Bischof von Passau zum Reichsfürsten beförderte, der weiterhin nur dem Kaiser persönlich unterstellt war – so sollte es bis zum Jahr 1803 bleiben. Im Jahr 1225 erhielt Passau die Stadtrechte und dem wachsenden Wohlstand der Stadt stand nichts mehr im Wege. Also fast nichts. Es gab doch ein kleines Problem. Die Bürger der Stadt verstanden sich nämlich mit dem Bischof, der sich auf dem gegenüber liegenden Ufer der Donau seine Burg Oberhaus Veste bauen ließ, nicht besonders gut. Es folgte eine Reihe von Aufständen und Kämpfen, in denen die Bürger versuchten, sich von der kirchlichen Herrschaft zu befreien, es gelang ihnen aber nie. Nach der entscheidenden Schlacht im Jahr 1368, in der 200 Passauer Männer starben, durften diese nicht einmal in der geweihten Erde begraben werden – als Aufständische gegen einen kirchlichen Herrscher befanden sie sich logischerweise in einem Kirchenbann.

            Zum Oberhaus konnte man sich mit einem Bus fahren lassen, der Ticketpreis wurde dann vom Eintrittspreis in die Burg abgezogen. Man kann zur Burg zu Fuß über die Luipoldsbrücke gelangen, deren Bau einmal in Passau ähnliche Proteste auslöste, wie der Bau des Eifelturmes in Paris. Ein berühmter Passauer Schriftsteller, dessen Namen ich leider vergessen habe, hat aus Protest gegen die neue Brücke die Stadt verlassen und ist niemals zurückgekehrt. Danach führt der Weg bergauf auf der Ludwigstiege – es ist ein schöner romantischer Spaziergang, an seinem Ende wird man mit wunderschönen Ausblicken vom Bischofssitz auf die Stadt belohnt. In der Burg gibt es eine schöne und informative Ausstellung über die Stadtgeschichte, man merkt, dass die Zusammenstellung jemand machte, der sich in der Geschichte auskannte und seine Stadt wirklich mochte. Das Niederhaus, das direkt auf dem Zusammenfluss von Donau und Ilz steht, ist im Privatbesitz und ein Besuch ist deshalb nicht gestattet. Über die Festung flatterte eine schweizerische Fahne und weil eine Menge der Kreuzfahrtschiffe, die Touristen auf der Donau transportieren, ebenfalls unter der schweizerischen Fahne fährt, bietet sich ein Zusammenhang an. Sollte ich der Besitzer einer solchen Schiffgesellschaft sein, könnte ich meinen Sitz nicht besser wählen.

Unterhaus mit Oberhaus im Hingtergrund

            Passau trat gleich mehrmals in die europäische Geschichte und ist auf seine Geschichte auch gehörig stolz, man findet ihre Präsentation in der Stadt überall.

            In Passau entstand das Nibelungenlied, die berühmteste altdeutsche Sage. Der Autor blieb zwar unbekannt, es war offensichtlich ein Beamter des Bischofsamtes. Die Tafel über die Entstehung des Epos ist an der Wand des ehemaligen Bischofsamtes in der Nähe des Passauer Doms platziert. Im Rathaus ist dann ein monumentales Bild der Ankunft der Königin Krimhild in die Stadt Passau.

Krimhild war auf dem Weg zum Hunnenkönig Atilla, um ihn zu heiraten und sich seine Hilfe bei der Rache für den Tod ihres ersten Mannes Siegfried zu holen. Zum Treffen mit Atilla kam es in Tulln, dort ist dieses Ereignis mit einem Monument am Donauufer verewigt. Obwohl sich die Geschichte des germanischen Massakers am Rheinufer und dann in der Burg Atillas irgendwo in Pannonien abspielte, die Idee, über die heldenhaften, rachsüchtigen und heimtückischen Burgunden ein Heldenepos zu schreiben, entstand am Zusammenfluss von Donau und Inn.

            In Passau wurde im Jahr 1552 Passauer Vertrag unterschrieben, der Religionsfreiheit im Reich garantieren sollte und er war die Basis für den Beschluss des sogenannten Augsburger Friedens drei Jahre später. Der Leitsatz „Cuius regio, eius religio“, also „wessen Regierung, dessen Religion“ war ein Kompromiss, der die Kämpfe zwischen Katholiken und Protestanten beenden sollte. Dieser Frieden, ein Meisterstück der Diplomatie Kaisers Ferdinand I. (zu dieser Zeit erst nur des tschechischen und ungarischen Königs und österreichischen Erzherzogs – zum Kaiser sollte er dann später nach der Abdankung seines Bruders Karl im Jahr 1556 werden) hielt nur bis zum Jahr 1618 – dann explodierte die angesammelte Spannung und ging in das Grauen des Dreißigjährigen Krieges über, eines der grausamsten Konflikte der Menschengeschichte. Der Passauer Vertrag fand auch seinen Platz auf einem Bild im Passauer Rathaus.

            Die dritte berühmte geschichtliche Episode ist mit dem Aufenthalt Kaisers Leopold I. in der Stadt im Jahr 1683 verbunden.

Dieser hässlichste von allen Habsburgern hat hier geheiratet (diese Hochzeit verdiente sich ein weiteres monumentale Bild im Rathaus gegenüber dem Bild der Königin Krimhild) und durch seine Gebete gelang es ihm angeblich gerade hier, die türkische Expansion und die Eroberung von Wien abzuwehren. Dieser Geschichte ist ein vernichtender Stadtbrand im Jahr 1662 vorausgegangen. Noch bevor es gelang, die Stadt neu zu bauen, feierte hier Leopold I. im Jahr 1676 seine Hochzeit mit Eleonore Magdalena von Pfalz – es war bereits seine dritte Hochzeit, aber gerade aus dieser Ehe gingen beide späteren Kaiser Josef I. und Karl VI. hervor. Aus den beiden früheren Ehen überlebte nämlich von insgesamt sechs Kindern nur eine einzige Tochter ihren ersten Geburtstag. Möglicherweise deshalb war das gerade Passau, wohin sich der Kaiser zurückzog, als sich Wien eine riesige türkische Armee unter der Führung des Großwesirs Kara Mustafa Pascha näherte. In der Zeit, als Wien unter dem Kanonenbeschuss der Belagerer litt, betete „Türken-Poldi“, wie dieser Herrscher noch heute in Österreich genannt wird, in der Kirche „Maria-Hilf“ am rechten Innufer.

Heute ist dieser Stadtteil das einzige Stück Deutschlands am rechten Innufer, der Rest des östlichen Passauer Territoriums fiel im Jahr 1779 in Folge des so genannter „Friede von Teschen“ an Österreich. In der gleichen Zeit, als der Kaiser vor dem Votivbild Mariahilf in Passau kniete, vernichteten die türkischen Kanonenkugeln die Kirche Mariahilf in Wien (das dortige Votivbild Jungfrau Marias gelang es aber zu retten). Dem Kaiser sollte die Jungfrau Maria bei seinem Gebet erscheinen und ihm den Ratschlag gegeben haben, dass gerade die Parole „Mariahilf“ die christliche Armee zum Sieg führen würde. Und diese Parole wurde dann tatsächlich von dem alliierten österreichischen und polnischen Heer gerufen, als dieses die türkischen Belagerer am 12. September 1683 angegriffen und vernichtend geschlagen hat. Damit wurde der türkische Angriff Richtung Westen endgültig gestoppt und beendet. Die Kirche Mariahilf auf dem gleichnamigen Hügel ist ein Pilgerort. Man kann hierher über eine Brücke über den Inn und dann auf 321 Stufen in einem überdachten Gang gelangen. (Angeblich haben die Männer so lange gemeckert, dass es entweder geregnet hat oder zu heiß war, bis ihre gottesfürchtigen Frauen den Weg überdachen ließen). Beim Eingang in den Korridor steht ein schönes frühbarockes Kreuz und in der Kirche kann man das berühmte Votivbild sehen, das angeblich Wien und damit auch das gesamte westliche Christentum gerettet haben soll.

Frankfurt am Main II

Vom Goetheplatz geht man weiter zur Station Hauptwache und biegt nach rechts. Mit der Besichtigung der Altstadt kann man in einer Stunde fertig sein.

               Der Hauptplatz wurde erfolgreich rekonstruiert. Hier steht das historische Rathaus Römerberg. In den Jahren 1405 – 1408 wurde hier das Rathaus aus zwei Häusern „Römer“ und „Goldener Schwann“ errichtet und am Ende des neunzehnten Jahrhunderts nach Zukauf weiterer sechs Patrizierhäusern vom Architekten Max Meckel im neugotischen Stil umgebaut. Vor dem Rathaus steht ein Brunnen mit der Statue der „Justitia“.

               Auf dem Hauptplatz steht auch die Nikolauskirche. Die erinnert in ihrem Inneren an den Weg Martin Luthers nach Worms im Jahr 1521. Es gibt einen Pilgerweg Martin Luthers von Eisenach nach Worms, ein Pilgerort auf diesem Weg ist auch Frankfurt. Luther wurde in Frankfurt sehr freundlich empfangen, letztendlich wurden seine Bücher hervorragend verkauft, nur im Jahr 1520 verkaufte ein Buchhändler in Frankfurt 1400 seiner Schriften – für diese Zeit war das ein enormer Umsatz – zu Vergleich die Auflage von der Guttenbergs Bibel betrug 500 Stück). Im Jahr 1533 führte die Stadt die Lehre Luthers ein und bis zum neunzehnten Jahrhundert konnten die Katholiken trotz der anerkannten Bekenntnisfreiheit das Frankfurter Bürgerrecht nur in sehr seltenen Fällen gewinnen – sie mussten dafür sehr viel Geld haben.

               Die Hauptkathedrale ist die Bartholomäuskirche. Ein monumentales gotisches Gebäude nur ein paar Schritte vom Hauptplatz entfernt wirkt in seinem Inneren verhältnismäßig bescheiden. Auf seiner Wand gibt es eine Gedenktafel seines Erbauers, des Architekten Madern Gerthener, der aber die Vollendung des Baus nicht mehr erlebte.

               Viel mehr blieb von der mittelalterlichen Stadt nicht erhalten, mit der Ausnahme des Eschenheimerturmes, des einzigen Turmes der Stadtbefestigung, wo es heute ein Restaurant gibt. 

Von den alten Palästen blieb der Palast Thurn und Taxis stehen, komisch eingepresst zwischen moderne Glashäuser. Diese sind übrigens überall, nicht nur in der Finanzcity. Die Kaufmeile gibt es in der Galeria Kaufhof Hauptwache – Shopping darf beim Besuch von Frankfurt nicht fehlen und die Besucherinnen der Stadt loben es sehr.

               Die Museen befinden sich auf dem anderen, also südlichen, Mainufer. Über den Main führen mehrere Brücken und zwei Stege für Fußgänger. Einer davon endet gerade beim Museum, wo in der Zeit meines Busches eine Renoir-Ausstellung war, der zweite Steg ist der legendäre Eiserner Steg, der am Rande der Altstadt beginnt. Er wurde im Jahr 1868 gebaut und verbindet das historische Stadtzentrum mit dem Stadtviertel Sachsenhausen auf dem anderen Mainufer. Dass dieses Stadtviertel seinen Namen nach einer Sachsenkolonie bekommen hätte, die hier Karl der Große als seine Gefangene ansiedeln sollte, ist nur eine Legende.

               Im Gegensatz von Museen, die auf das südliche Ufer verbannt wurden – mit der Ausnahme des Geburtshauses von Goethe, das ebenfalls in ein Museum verwandelt wurde und des Struwwelpetermuseums, das dem Buch von Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1844 gewidmet ist, das Generationen von Kindern Angst vor ihren bösen Taten einjagen sollte, hat Frankfurt zwei Opernhäuser und beide auf dem richtigen – also nördlichen – Ufer. Die Alte Oper wurde im Jahr 1880 gebaut. Die geplanten Baukosten von 2 Millionen Gulden wurden von den sonst so sparsamen Frankfurter Bürgern so großzügig überzogen, dass Kaiser Wilhelm, der die feierliche Eröffnung beiwohnte, angeblich jammern sollte „Das kann ich mir nicht leisten!“

               Außer dieses historischen Gebäudes hat Frankfurt noch eine Oper in der Nähe von der City neben dem Weg von Hauptbahnhof in die Stadt. Sie wurde im Jahr 1963 gebaut und als sie durch eine Brandstiftung im Jahr 1987 ausgebrannt war, wurde sie im Jahr 1992 erneuert.

               Zum Besuch einer Stadt gehört natürlich auch das Essen. Mit meiner üblichen Neugier suchte ich nach örtlichen Spezialitäten. Neben den Käsebrezeln, die überall angeboten werden, sind sehr populär die „Mettbrötchen“, das sind Brötchen für Schnellimbiss mit faschiertem frischem Fleisch und Zwiebel.

               Allerdings wer Frankfurt besucht, sollte unbedingt die legendäre „Grüne Soße“ kosten. Keine Angst, sie schmeckt nicht schlecht, eigentlich schmeckt sie nach nichts. Was in Betracht ihrer Zusammenstellung wie ein Wunder wirkt. Der Grund wird von sieben Kräuter gebildet: das sind der Boretsch, der Kerbel, die Kresse, die Petersilie, die Pimpinelle (auch Bibernelle genannt) der Sauerampfer und der Schnittlauch. Es wird normalerweise mit hartgekochten Eiern und Kartoffel serviert, ich habe mich für die Variante des „Frankfurterschnitzels“ entschieden. Das ist eigentlich das übliche Wiener Schnitzel (sehr dünn geklopft) eben mit der grünen Soße.

               Der Ursprung dieser geheimnisvollen Mischung ist unbekannt. Eindeutig falsch ist die Legende, nach der die Soße Goethes Mutter Aja erfunden haben soll. Entweder brachten das Rezept nach Frankfurt im sechszehnten Jahrhundert französische Hugenotten oder katholische Handelsmänner aus Lombardei im achtzehnten Jahrhundert. Aufgrund des fehlenden Geschmacks dieser Spezialität würde ich eher die Hugenotten, also die Folgenmänner Calvins – dahinten vermuten. Die Gründe für diese meine Hypothese habe ich in meinem Artikel „Calvin ist an allem Schuld“ erörtert.

               Zum Trinken gibt es in Frankfurt den legendären Apfelwein.

Ein Fass mit Apfelwein

Bereits im Jahr 1754 erhielten die Frankfurter Bürger die Schankerlaubnis, dieses derbe Getränk aus sauren Äpfeln (sogar die Holzäpfel dürfen verwendet werden) zu verkaufen. Seit diesem Jahr ist sein Verkauf auch versteuert. Das Getränk hat 5-7% Alkohol und man soll es bei einem Frankfurter Besuch unbedingt ausprobieren. Gerüstet mit einer Tablette Pantoprazol muss man davor keine Angst haben.

               Die aufmerksamen Leser wurden wahrscheinlich hellhörig, wenn man den Zusammenhang Frankfurt – Wien bemerkte. Natürlich – es geht um die legendären Würstchen, die in Wien „Frankfurter“ heißen und in Deutschland allgemein „Wiener“ als ob sich niemand zu der Spezialität bekennen möchte. Die Wirklichkeit ist viel einfacher. Das Rezept wurde in Wien von Metzger Johann Georg Lahner erfunden, der aus Frankfurt stammte. Deshalb entstand in Wien der Name „Frankfurter Würstel“. In Deutschland wurden aber diese Würstchen durch das Urteil des Berliner Gerichtes im Jahr 1955 für eine „lokale Spezialität“ erklärt, also darf der Name Frankfurter Würstchen in Deutschland nur in Frankfurt benutzt werden, genauer gesagt, dürfen so nur Würstchen genannt werden, die in Frankfurt produziert wurden. Aus diesem Grund verhalf sich der Rest Deutschlands damit, dass diese Spezialität nach der Stadt genannt wird, wo sie entstanden ist – also „Wiener Würstchen“. In Österreich ist dann die Gerichtsentscheidung eines deutschen Gerichtes irrelevant und so können sie dort weiterhin „Frankfurter“ genannt werden. Aber Hauptsache, sie schmecken gut!

               Frankfurt ist nicht dazu da, um hier das Leben zu genießen, sondern um hier das Geld zu verdienen. Das Geld kann man dann viel angenehmer ausgeben, zum Beispiel in der nahen Hauptstadt des Landes Hessen, in Wiesbaden. Also, wenn man genug davon verdient hat…

               Übrigens, es gibt neben den Würsteln noch eine Verbindung zwischen Frankfurt und Österreich, nämlich den Fußball. Der traditionelle Klub Eintracht Frankfurt hat offensichtlich eine Schwäche für österreichische Trainer. Der Klub hat sein Stadion am südlichen Mainufer auf der Strecke vom Stadtzentrum zum Flughafen, man kann es mit der S-Bahn erreichen. Nicht verwunderlich ist die Tatsache, dass der Platz, wo die Spiele ausgetragen werden, Deutsche Bank Park heißt. Der Klub hat gute, sowie auch schlechte Zeiten, erlebt. Neben dem deutschen Meistertitel aus dem Jahr 1959 und UEFA Pokal aus dem Jahr 1980, erlebte er in den Jahren 1996 – 2012 ein „Pater noster“ Phänomen, wann er immer wieder in die zweite Liga abstieg und um den Aufstieg zurück in die Bundesliga kämpfen musste. In den letzten Jahren allerdings blüht Eintracht Frankfurt wieder auf. Nach dem ersten österreichischen Trainer Adi Hütter übernahm heuer den Klub der Salzburger Oliver Glassner, der Eintracht Frankfurt bis zum Europa League Titel geführt hat. Nach 42 Jahren versetzte er also die Frankfurter Fans wieder in den Siegesrauschzustand. Also Österreich begegnet man hier nicht nur beim Würstelessen.

Teneriffa

Wenn man in den Urlaub nach Süden fliegt, also ziemlich weit nach Süden, sogar in die Nähe des Äquators, konkret auf die Kanarische Inseln und ganz konkret auf Teneriffa, erwartet man irgendwie, dass dort schönes Wetter sein wird. Besonders im Süden der Insel. Teneriffa ist nämlich, was das Klima betrifft, zweigeteilt. In den grünen Norden, wo Bananen und alle möglichen Arten von Obst angebaut werden, damit sie Touristen verzehren können, weil es hier manchmal regnet. Und in den trockenen unfruchtbaren Süden, wo es überhaupt keinen Regen gibt. Aus diesem Grund nutzen diesen Teil der Insel Touristen zu ihrem Aufenthalt, deshalb ist der Hauptflughafen der Insel nicht im Norden in der Nähe der Hauptstadt Santa Cruz de Tenerife – dort gibt es natürlich auch einen Flughafen, aber auf dem landen nur örtliche – verstehe spanische – Airlines und billige Fluggesellschaften wie Ryanair – sondern im Süden. Hier gibt es den Flughafen der Königin Sophie. Weil es in dem größten touristischen Zentrum der Insel Playa de las Américas – statistisch gesehen – fünf Tage im Jahr regnet.

               So gesehen, haben wir in dieser Destination beinahe den ganzjährigen Wasservorrat verbraucht. Wir verließen Wien, wo die Sonne strahlte und das Thermometer zwanzig Grad im Schatten zeigte – wie Christa Kummer gesagt hatte, viel zu warm für die Jahreszeit – es war Ende März. Auf Teneriffa wurden wir von Kälte und Regen empfangen und er hielt bis Dienstag an. (Weitere Tage waren nur mehr bewölkt, aber das Wasser im Himmel ist ausgegangen, also den hundertjährigen Rekord von fünf Regentagen in Serie haben wir nicht überwinden können. Ehrlich gezählt, Samstag bis Dienstag sind vier Tage, wann kommt der fünfte, ist schwer zu prophezeien, in jedem Fall sollte jeder weitere Tourist, der heuer in diese Destination fliegen würde, in ziemlicher Sicherheit sein, im Himmel könnte nicht mehr viel Wasser übrig sein. Also während wir unsere liebe Not mit einem Urlaubsprogramm hatten, provozierten uns unsere Kinder mit Nachrichten über die Sonne und Wärme zu Hause in Wien und in der Steiermark. Natürlich kam es letztendlich zu einer Wende – auf Teneriffa hörte der Regen auf und in Wien begann es zu regnen und es kühlte sich ab – das war am Freitag, also einen Tag vor unserer Rückkehr.

               Die ersten Tage hatte ich so eine Art von „deja vu“. Ich überlegte, wo ich schon so einen Urlaub erlebt hatte. Am Montag erinnerte ich mich – es war auf dem Island. Dort gab es aber ein umgekehrtes Verhältnis. Als ich einen Isländer im Regenmantel fragte, ob es auf der Insel auch manchmal schönes Wetter gibt, antwortete er trocken: „Ja, das gibt es. Fünf Tage im Jahr, die gab es vorige Woche.“

               Ich erlebte doch sogar den kühlsten Sommer in Albanien in den letzten hundert Jahren (also genauer gesagt, seit Anfang der Aufzeichnungen und die begannen irgendwann um 1850) also sollte ich gewöhnt sein. Ein bisschen jammern gehört aber zur mitteleuropäischen Kultur, also warum sollte ich das auslassen? Wir hatten doch im Hotel einen Pool mit aufgewärmtem Meereswasser, und zwar auf neunundzwanzig Grad und dann ist es eigentlich egal, ob es einem auf den Kopf regnet – das Problem ist nur beim Verlassen des Pools, das Wasser von oben ist nämlich kühler.

               Von solchem Wetter wird man gezwungen, ein Auto zu mieten und loszufahren, um die Insel mit Hilfe von einem Regenschirm zu erkunden. Das taten wir auch. Zwei Tage wanderten wir an der Küste zu Fuß, zwei Tage fuhren wir durch die Insel mit gemietetem Auto. Klasse „C“, wohlbemerkt, obwohl ich um die Klesse „B“ angesucht habe, weil mir das „C“ für die Straßenverhältnisse zu groß vorkam. War es nicht, die Straßen auf Teneriffa waren in einem überraschend guten Zustand. Die Klasse „B“ wurde aber nicht für Tagesausflüge angeboten. Warum, habe ich nicht erfahren. Einfach nicht angeboten!

               Der Fußtourismus ist zwischen La Caleta und Los Christanos möglich.

In Los Christianos gibt es einen Hafen, von dem Fähren zu La Gomera fahren, das 40 Minuten Schifffahrt entfernt ist und wo regelmäßig Christoph Kolumbus einen Stopp auf seinen Reisen nach Amerika machte, weil die Witwe des Gouverneurs seine Geliebte war. Zweimal fährt auch eine Fähre nach La Palma, die Insel, die heuer durch einen Vulkanausbruch verwüstet wurde. Natürlich wäre diese Insel ein verlockendes Ziel, der Weg hin dauert aber drei Stunden und die Fähre fährt nur zweimal am Tag, und zwar um halb zwei nachmittags und um acht abends. Das mach einen Tagesausflug praktisch unmöglich.

               Die Küstenpromenade hat zwei Teile. Den längeren von Plaza del Duque über Playa de los Amerikas bis zu Los Christianos und er ist zehn Kilometer lang. Der Weg ist bis zum letzten Meter mit Geschäften, Bars und Restaurants verbaut. Der zweite Teil in Richtung Norden nach La Caleta ist ein bisschen romantischer mit einem Hauch von Natur. Ein luxuriöses Einkaufzentrum gibt es eben auf dem „Plazza del Duque“ (Also auf dem Herzogsplatz) ein größeres gibt es aber in Playa de las Americas.

Es heißt Siammail und befindet sich direkt an der Autobahnausfahrt 73. Nur einen Kilometer weiter, bei der Ausfahrt 74, gibt es einen Aqua Park. Das ist für die, deren Kinder den Aufenthalt auf der Insel langweilig finden. Der Yachthafen Puerto Cristobal Colon ist von Plaza del Duque nur ungefähr einen Kilometer entfernt und hier werden verschiedene Attraktionen angeboten, wie zum Beispiel die Wal- oder Delphinen Beobachtung. Ob man dann so ein Säugetier wirklich sehen kann, ist natürlich Glücksache. Teneriffa liegt aber tatsächlich auf den Wegen, auf denen sich die Wale bewegen.

               Erfrischungsmöglichkeiten gibt es unterwegs auf der Küste mehr als genug und die gute Nachricht ist der Bierpreis. Kleines Bier vom örtlichen Bier Dorada (Caňa) kostet ein Euro, ein großes (Jarra) 1,50 bis 2 Euro. Es hat wahrscheinlich etwas mit der Ausnahmeregelung der Mehrwertsteuer, die EU den Kanarischen Inseln gewährt hat zu tun, es ist aber in jedem Fall eine liebe Überraschung.

               Das Meerwasser im Ozean hatte achtzehn Grad, also lockte nicht wirklich zum Baden (meine liebe Gattin verlangt MINDESTENS 25 Grad – also ein Bad im Meer auf Teneriffa kommt für sie ganzjährlich nicht in Frage, weil hier das Wasser im besten Fall (der könnte im Oktober kommen) knappe 23 Grad erreicht und das ist für sie noch immer zu wenig.

               Eine echte Geschichte erwartet euch auf Teneriffa auch nicht. Die Spanier entdeckten die Insel gegen Ende des fünftzehnten Jahrhunderts und begannen sie zu erobern (sie nennen es Kolonisierung), trotzdem gibt es auf der Insel mehr als genug, was man sehen möchte.

               Zum Vulkan El Teide brachen wir gleich am ersten Tag auf, als sich die Sonne blicken ließ.

Die Idee war zwar gut, aber wenig originell. Ähnlich wie wir dachte nämlich die Mehrheit der auf der Insel anwesenden Touristen. Also trafen wir auf der Hochebene Las Caňadas fast alle, was unerwartete adrenalingeladene Situationen zu Folge hatte, besonders bei der Suche nach einem Parkplatz. Ich bin sehr stolz, dass ich letztendlich immer einparken konnte, ohne dem ausgeborgten Auto oder dem Besitz der anderen gröbere Schäden zuzufügen. Alle drängten sich nämlich in einer verzweifelten Bemühung irgendwohin ihr Auto abzustellen, ohne dass es einen Platz gäbe.

               Teneriffa entstand irgendwann vor sieben Millionen Jahren bei einem Vulkanausbruch, als es aus dem Meeresboden hervorgebrodelt ist. Die Insel entstand nicht auf einmal, es gab mehrere Eruptionen. Zum Beispiel das Gebirge Teno im Nordwesten der Insel, wo alle Touristen, die sich auf der Insel befinden, unbedingt das malerische Dorf Masca besuchen möchten (alle natürlich gleichzeitig, was wieder einmal die gleichen Probleme wie die oben beschrieben mit Parken zu Folge hat) war lange Zeit eine eigenständige Insel, bis es weitere Eruptionen mit dem Hauptkrater El Teide verbunden haben.

               Der Hauptkrater des Vulkans Las Caňadas hat 16 Kilometer im Durchmesser und ist von Bergen umsäumt – also mit den Resten des ursprünglichen Vulkans und bildet einen 45 Kilometer langen Kreis. Das ist wirklich eindrucksvoll. Ein kleines Stück des Kraterbodens – flach und mit dünnwachsender Vegetation bedeckt – kann man in der Nähe des Aussichtspunktes Los Roques sehen, sein Rest wurde von den jüngeren Lavaströmen bedeckt. Die bisher letzte Eruption ereignete sich im Jahr 1798 – schwarze Massen der relativ frischen Lava sind gut identifizierbar. Interessant ist, dass die Lava verschiedene Farben hat, sie kann schwarz, gelb, dunkelorange oder ockergelb sein, nach ihren Farben erhielten die Vulkane ihre Namen, wie „Montaňa Mostaza“ also „Senfberg“ oder Montaňa Blanca (Weißer Berg), obwohl er sicher nicht weiß ist. Alles ist durch den riesigen Kegel El Teide überschattet. Er ist mit seinen 3718 Meter der höchste Berg Spaniens (obwohl es die Spanier aus dem Festland nicht akzeptieren wollen und sie zwingen den Touristen die Information auf, dass der höchste Berg Sierra Nevada (3482m Seehöhe) ist. Die ECHTEN Spanier, die Andalusien für eine afrikanische Provinz halten, werden dann schwören, dass die Pyrenäen mit ihren 3404 Meter Seehöhe natürlich am höchsten sind. El Teide ist ein junger Vulkan, er entstand inmitten des alten Kraters Las Caňadas vor zweihunderttausend Jahren. Bis zur Höhe von 3550 Meter kann man mit einer Gondelbahn fahren, natürlich nur, wenn sie im Betrieb ist. Als wir dort waren, war sie es nicht, obwohl die Sonne strahlte. Oben gab es angeblich viel zu starken Wind. Ich war bereits es zu glauben. Als ich nämlich eine nur kleine Aussichtsanhöhe bestiegen hatte, hat mir der Wind meine Kappe weggeblasen. Aber auch von unten ist der Berg schön, die Karten für die Gondelbahn kann man ausschließlich im Internet kaufen und es ist nicht ganz einfach – möglicherweise gibt es dabei Schwierigkeiten nur für Analogmenschen, wie ich es einer bin. Der Aufstieg auf den Gipfel von El Teide ist nur mit einem Reiseleiter möglich und man muss ihn vier Monate vorausbestellen. Der Höhenunterschied, den man überwinden muss, beträgt 1300 Meter und das in der Seehöhe von beinahe 4000 Meter, wo die Sauerstoffsättigung ziemlich sinkt. Es ist also ohne vorherige Akklimatisierung ein anstrengendes Unternehmen. Aus den Hängen des El Teide steigen noch immer schwefelhaltige heiße Dämpfe mit einer Temperatur bis zu 85 Grad auf als Beweis, dass es irgendwo tief im Vulkaninneren noch immer keine Ruhe gibt.

               Die Lava hat wertvolle Metalle ausgespült, die in Las Caňadas in der Nähe der Minen San José gefördert wurden, aber auch Nährstoffe, die die Vulkanerde sehr fruchtbar machen. Der Wein wird bis in die Seehöhe von 1000 Meter angebaut, wie im Dorf Vilaflor, das Obst reift in den Glashäusern das ganze Jahr lang, das einzige Problem ist der Wassermangel. Großteil des Nutzwassers wird durch das Entsalzen des Meereswassers gewonnen, was ihm ein Hauch von Fischgeschmack und einen leicht salzigen Geschmack verlieht.

               Wenn man in eine Stadt fahren möchte, die attraktivste Destination ist Puorto de la Cruz im Norden der Insel. Es war einmal der Umlageplatz von Zuckerrohr, das hier nach der Besetzung der Insel durch Spanier angebaut wurde. Im neunzehnten Jahrhundert kamen Engländer hierher und bekamen eine Idee, hier Bananen anzubauen. Das brachte der Insel Prosperität und nach den erfolgreichen Bananenunternehmern begannen auch andere reiche Engländer hierher umzuziehen oder zumindest kurze Erholung zu suchen. Es entstanden die ersten Hotels und Villen im Kolonialstil, die man hier immer noch sehen kann. Der spanische Kolonialstil des Häuserbaus kann man in La Orotava sehen, in einem Tal mit vielen Quellen nördlich von Puerto de la Cruz, wo ursprünglich das Zuckerrohr angebaut wurde, es war das Tal mit der größten Menge zur Verfügung stehenden Wassers – heute wimmelt es sich hier von Touristen, die die Originalhäuser mit Holzbalkons sehen möchten, zumindest die, die das große Erdbeben im Jahr 1704 überlebt haben. Bananenplantagen befinden sich manchmal direkt in der Ortsmitte, wie in dem Städtchen Icod de la Vinos, wo man die „Casa de Plátanos“ besichtigen könnte.

„Plátano“ bedeutet zu meiner großen Überraschung „Banane“. Wir kennen Platanen in einer anderen Bedeutung und auch diese Bäume waren dort überall und sehr groß und imposant. Nach dem Wörterbuch, in das ich geschaut habe, haben die Spanier für Platanen und Bananen das gleiche Wort. Fragen Sie mich nicht, warum und wie sie dann das Obst von dem Baum unterscheiden können.

               Der berühmteste Baum auf der Insel ist der „Drachenbaum“. Es ist eigentlich eine Palmenart. Wenn man ihm einen Ast abschneidet – und das taten die Ureinwohner oft, weil der Harz dieses Baumes, das im Licht dunkelbraune Farbe gewinnt, für heilende Substanz gehalten wurde und die Ureinwohner aus ihm Heilgetränke und Salben bereiteten – wächst schnell nach wie einem Drachen der abgeschlagene Kopf. Deshalb bekam der Baum den poetischen lateinischen Namen „Dracanea Drago“.

Im Städtchen Icod de la vinos gibt es den ältesten Drachenbaum auf der Insel. Er ist fünf hundert Jahre alt, der Umfang seines Stammes beträgt sechs Meter. Er ist siebzehn Meter hoch und man kann ihn gut von der Terrasse der örtlichen Kirche sehen und fotografieren. In der Kirche des Heiligen Marcus gibt es das angeblich weltweit größte Filigrankreuz aus Silber, ein Geschänk des Gouverneurs von Havanna. Auch die schon genannte „Casa de Plátanos“ ist in der unmittelbaren Nähe und in diesem Städtchen wurde auch an die Touristen gedacht. Nicht nur, dass der Weg zu den örtlichen Attraktionen tadellos markiert ist, aber in ihrer unmittelbaren Nähe gibt es auch eine Tiefgarage und die Parkzeit wird nach Minuten abgerechnet, also absolut gerecht.

               Der größte Anziehungspunkt auf der Insel ist „Loro Parque“ in Puerto de la Cruz, vielleicht deshalb hat dieser Tierpark seine Werbung auf der Heckenscheibe jedes Mietautos auf der Insel. Obwohl „Loro“ Papagei bedeutet und es gibt dort wirklich hunderte Arten von dieser Vogelart, Loro Parque hat viel mehr als Papageien zu bieten. Er ist ein riesiger Tierpark und er bietet ein Programm für den ganzen Tag an. Kinder werden sicher alle drei Shows besuchen wollen, nämlich die Seehunde, Delphine und Papageien, nur für Besuch dieser drei Shows muss man den Besuch des Parkes auf mindestens vier Stunden ausdehnen.

Aber langweilig wird es dort nicht. Es gibt ein riesiges Aquarium, wo man durch einen Tunnel gehen kann und die Fische fast berühren könnte, große Menge von Pinguinen inklusiv der großen Kaiserpinguine, es gibt aber auch Löwen, Tiger, Panther oder Gorillas, also alles, was zu einem guten Tierpark gehört. Nur kein Panda, hier hat Schönbrunn doch die Nase vorne. Das Parken ist direkt im Gelände bei der Einfahrt oder in den umliegenden Straßen möglich.

               Es gibt einfach auf Teneriffa zu viel zu sehen. Ich werde noch einmal zurückkehren müssen. Mindestens, wenn der Regen aufhört und die Gondelbahn auf El Teide funktionieren würde. Dann bleibt zum Besuch noch der Botanische Garten in Puerto de la Cruz (leider auf dem anderen Ende der Stadt als Loro Parque), die Kathedrale in Candelaria mit einer Wunderstatue der Jungfrau Maria. Die Statue ist zwar ein „fake“, weil als das Original, das noch vor der Ankunft der Spanier auf die Insel angespült und von den Einheimischen verehrt wurde, von einer Flut ins Meer gespült wurde. Im Jahr 1827 fertigte der Künstler Fernando Éstevez eine Kopie an und zu der wird jetzt gepilgert. Die Kathedrale der Patronin der Kanarischen Inseln sollte man unbedingt besuchen. Ich schaffte es nicht, meine Frau wollte baden. Das verdammte Wasser im Hotelswimpool hatte die schon erwähnten neunundzwanzig Grad. Natürlich gibt es noch die Umgebung von La Laguna im Nordosten der Insel und die „Höllenkluft“ Barranco del Inferno nahe dem Dorf Adeje und sicher auch viel mehr.

               Ein Besuch dieser Insel ist einfach zu wenig. Und wer möchte sich stressen lassen? Die Einheimischen sicher nicht und mit ihrer Ruhe stecken sie bald auch die Besucher an.

               Mein Gott, wann habe ich das letzte Mal in meinem Leben bis halb neun geschlafen?

Aachen II

Die Kirche wurde von Karl dem Großen als ein riesiges Oktagon konzipiert und es ist voll mit Symbolik (bereits das Achteck symbolisiert den achten Tag der Schöpfung, also das Jüngste Gericht und mit ihm die Vollendung der Vollkommenheit.)

Diejenigen, die schon bei meinem Artikel über Köln bei der Beschreibung der dortigen heiligen Reliquien, die in der Stadt so eine wichtige Rolle spielten, den Kopf geschüttelt haben, werden jetzt wahrscheinlich mit der Stirn gegen die Wand schlagen. Karl ließ sich nämlich bei der Gelegenheit der Einweihung der Kirche vom Patriarchen von Jerusalem heilige Reliquien von unbezahlbarem Wert schicken. Es sind ausnahmeweise keine Knochen – in einem prächtigen vergoldeten Reliquiar befinden sich: Die Windel Jesu und sein Lendentuch vom Tag der Kreuzigung, das Kleid der Jungfrau Maria und das Tuch, in dem der Kopf des heiligen Johannes des Täufers eingewickelt war. Schon genug gelacht? Dann dürft ihr weiterlesen.

Also jetzt zur Symbolik dieser Kleiderstücke. Die Windel Jesu und sein Lendentuch symbolisieren die Geburt und den Tod, also den Kreislauf des menschlichen Lebens. Das Kleid Marias dann die Mutterschaft, also das Leben vor dem Leben und das Tuch des Johannes Täufers überbrückt den Neuen mit dem Alten Testament.

Die Stoffe werden seit dem Jahr 1349 (wieder einmal hatte der luxemburgisch-tschechischer deutscher Kaiser Karl IV. seine Finger im Spiel) jede sieben Jahre öffentlich ausgestellt. Und sie zeigen keine Zeichen eines Verfalls, obwohl sie nach der Karbonanalyse tatsächlich aus dem ersten Jahrhundert stammen – und das ohne jegliches Konservierungsmittel – das grenzt wirklich an einem Wunder.

In der Kirche gibt es noch ein Reliquiar – mit den Knochen ihres Gründers Karls des Großen. Dieser großer Verbreiter des Christentums – er verbreitete es mit Feuer und Schwert, wer sich nicht taufen ließ, verlor sofort seinen Kopf wie zehntausende unzähmbare und unnachgiebige Sachsen – wurde am 29.12.1165 vom Papst Paschalis III. auf das Ansuchen Kaisers Friedrich Barbarossas heiliggesprochen. Paschalis war allerdings ein Gegenpapst nach dem Willen des Kaisers – Barbarossa konnte nämlich das tatsächliche Oberhaupt der Kirche, den Papst Alexander III., nicht leiden. Karl der Große gilt also als heilig im deutschsprachigen Raum – genauer gesagt im Bereich des ehemaligen mittelalterlichen Römischen Reiches, von der allgemeinen katholischen Kirche ist er aber als ein Heiliger nicht anerkannt. Auf dem prächtigen vergoldeten Reliquiar gibt es eine Darstellung von 16 Königen, den Nachfolgern des Karls bis zu Friedrich II. – das Reliquiar schenkte dem Dom nämlich gerade dieser Enkel Barbarossas am Tag seiner Krönung am 27. Juli 1215. Interessant ist, dass die Analyse der Knochen bewies, dass sie wirklich von einer einzigen Person stammen und diese am Ende des achten Jahrhunderts lebte – es könnte sich also wirklich um die leiblichen Überreste Karls handeln. Der Leichnam war 184 cm groß, gehörte also für seine Zeit einem wirklich großen Mann. Er ist aber im Reliquiar nicht komplett, ein wichtiger Teil der Leiche fehlt – dazu kommen wir noch und hier hat wieder einmal Karl IV. seine Spielchen getrieben. Barbarossa war bei der Heiligsprechung Karls des Großen anwesend und er schenkte bei dieser Gelegenheit der Kirche einen gigantischen 265 Kilogramm schweren Leuchter, der von der Decke an einer 27 Meter langen Kette hängt. Die Kette ist gleich wie der Leuchter ein Original aus dem Jahr 1165 und wird in Richtung Kirchendecke breiter, um auszusehen, als ob sie in der gesamten Länge immer gleich dick wäre. Ihre 240 Glieder wiegen insgesamt 330 Kilogramm, also mehr als der Leuchter selbst. Auch der Leuchter ist voll mit Symbolik, er stellt das himmlische Jerusalem mit acht großen und acht kleinen Türmen und 48 Kerzen dar.

Der wichtigste Gegenstand in der Kirche ist der Krönungsstuhl der römischen Könige.

Im Dom wurde der Sohn Karls des Großen, Ludwig der Fromme, als der erste König gekrönt und diese Tradition wurde dann von Otto I. wiederbelebt. Seit dieser Zeit wurde zum römischen Herrscher nur der König anerkannt, der auf diesem Thron in der Kathedrale in Aachen vom Kölner Erzbischof mit der Krone, die Otto für diese Gelegenheit anfertigen ließ, gekrönt wurde. Diese Krone befindet sich heutzutage in der Schatzkammer der Hofburg in Wien. Es gab insgesamt dreißig Krönungen, die letzte spielte sich im Jahr 1531 ab, als Ferdinand I. zum deutschen König gekrönt wurde. Sein Sohn Maximilian II. hatte zu heiligen Reliquien eine distanzierte Stellung und seinem Enkel Rudolf II. war Aachen zu weit, um so eine Reise zu unternehmen. So starb diese Tradition am Ende des sechzehnten Jahrhunderts.

Um den Sinn für die Symbolik zu verstehen, müssen wir uns mit dem Thron länger beschäftigen. Der Thron ist nämlich selbst eine Reliquie. Die Marmorplatten, aus denen er gebaut ist, stammen angeblich aus der Kirche des Heiligen Grabes in Jerusalem. Das ist durchaus möglich, die Platten haben tatsächlich einen antiken Ursprung, auf einer von ihnen gravierten nämlich die römischen Legionäre das Spielbrett für ein in der damaligen Zeit beliebtes Brettspiel ein. Damit aber der Akt der Krönung noch mehr Symbolik hätte, wurde unter den Thron ein Beutel mit der mit dem Blut des ersten christlichen Märtyrers des heiligen Stefan durchtränkte Erde – also die Erde aus dem Heiligen Land – gelegt. Der König wurde also somit auf heiligem Boden gekrönt. Nur dann durfte der Kölner Erzbischof dem König die Krone Karls, also eigentlich Ottos I. auf das Haupt setzen, die speziell für diese Gelegenheit aus Nürnberg gebracht wurde. Die Krönungsinsignien der römischen Könige wurden auf zwei verschiedenen Plätzen aufbewahrt. In Nürnberg lag die Krone, das Kreuz, die heilige Lanze, der Reichsapfel, das Schwert, das Zepter und das Gefäß für das Weihwasser. In Aachen wurden dann der Beutel mit dem Blut des heiligen Stephans, das Reichsevangeliar und die Säbel Karls des Großen aufbewahrt.

Heute ist die Kirche mit Mosaiken geschmückt, die hier nach der Beseitigung der barocken Dekoration im neunzehnten Jahrhundert erschaffen wurden. In der Zeit Karls war die ganze Kirche weiß ausgemalt und lediglich die Metallartefakte wie die Geländer waren vergoldet. Es strahlten also in dem Kircheninneren nur zwei Farben – Weiß und Gold – die Farben des Heiligen Stuhls in Rom und damit eine klare kaiserliche Provokation im Kampf um die Vorherrschaft über die Welt. Wie schon gesagt, Karl mochte den Papst Alexander nicht.

Es ist unbedingt notwendig auch die Schatzkammer in Aachen zu besuchen. Auch hier finden wir Spuren Karls IV. Dieser Kaiser war nämlich der Namensvetter des Gründers des mittelalterlichen Weströmischen Reiches, und zwar nach langen 461 Jahren. Seit dem Tod Karls III., des Dicken im Jahr 888 gab es keinen weiteren Karl auf dem römischen Thron. Der Name war nämlich im deutschsprachigen Raum unüblich und auch Karl IV., eigentlich mit eigenem Namen Wenzel, nahm diesen Namen bei seiner Firmung in Frankreich an, wo sein Pate sein Onkel, der französische König Karl IV. der Schöne, war. Karl IV. schenkte der Schatzkammer zwei Reliquiare. Ein davon in einer traditionellen Form eines Gebäudes mit gotischen Türmen. Es ist dadurch interessant, dass der Autor hier vollkommen falsch den Dom in Aachen dargestellt hat – offensichtlich kannte er ihn nur vom Hören und das Reliquiar erstand im fernen Prag. Das zweite Reliquiar ist eine äußerst skurrile Angelegenheit. Es ist wahrscheinlich die berühmteste Büste der Welt. Sie stellt Karl den Großen mit einer Krone auf dem Haupt dar. Gerade mit dieser Krone wurde Karl IV. im Jahr 1349 zum römischen König gekrönt – nur danach landete sie auf dem Haupt der Büste seines berühmten Vorgängers. Die richtige Krone Ottos I. hatten damals nämlich die Söhne von Karls Vorgänger, Ludwig IV. des Bayern, im Besitz und wollten sie nicht herausgeben. Aber wie sollte man die Krönung mit einer Krone, die das Haupt der Gründer des Weströmischen Reiches nachträglich getragen hat, anzweifeln? Der Deckel der Büste ist abklappbar und drinnen befindet sich der Schädel Karls des Großen. Durch die Initiative Karls IV. wurde jeder neue angehende römische König in den Toren der Stadt Aachen mit dieser Büste empfangen. Er musste den Deckel abklappen und den drinnen versteckten Schädel küssen. Ein bisschen skurril und sicherlich nicht gerade hygienisch, aber das konnte keinen einzigen Königskandidaten zur Verweigerung dieser Zeremonie ermutigen. Bis zu Maximilian II.  

Neben diesen Reliquiaren gibt es in der Schatzkammer auch andere Schätze, unter ihnen auch „Der Tschechische Flügelaltar“ mit Darstellung des heiligen Wenzel. Nach Aachen kam es irgendwann in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, als in Tschechien Georg von Podiebrad herrschte, der dauernd mit dem Papst im Streit bezüglich seiner Rechtsgläubigkeit lag. Keine Ahnung, warum gerade zu dieser Zeit ein Reliquiar aus Prag nach Aachen kam. Aber es gab in dieser Zeit in Böhmen auch eine reiche katholische Opposition, die sich nach politischer Unterstützung von Gott und Kaiser sehnte und bereit war, diesbezüglich etwas zu investieren.

In der Empfangshalle des Rathauses in Aachen überraschte mich das Bild des Sohnes Karls IV. Sigismunds. Er ist auf der Wand, das dem Bild Karls des Großen gegenüber liegt, dargestellt. Ich habe keine Ahnung, warum gerade er so geehrt wurde. Vielleicht war die Wand im neuen Gebäude gerade frei. Oder hat sich es dieser Kaiser irgendwie verdient, ich weiß aber nicht wodurch.

 Den Namen Karls des Großen trägt auch der Karlspreis oder genauer seit 1988 „Internationaler Karlspreis zu Aachen“, den diejenige Person oder Organisation verliehen bekommt, die sich am meisten für die Vereinigung Europas eingesetzt hat. So wie der Kaiser das ganze damalige Europa unter seinem Zepter vereinigen versuchte. Die Preisträger sind manche großen Europäer, 1954 Konrad Adenauer, 1955 Winston Churchill, aber auch Nicht-Europäer, wie im Jahr 1959 George Marschall, der Vater des Wiederaufbauplanes Europas. Aus den neueren Zeiten dann 1987 Henry Kissinger, 1988 Helmut Kohl und Francois Mitterand und 1991 Vaclav Havel. 1995 ging dieser Preis an Franz Vranitzky, offensichtlich für seinen Verdienst für Beitritt Österreichs zu EU. 2008 wurde Angela Merkel mit diesem Preis geehrt, die Preisträger aus dem Jahr 2020 sind die Anführer der weißrussischen Opposition der letzte Preisträger aus dem Jahr 2021 ist der rumänische Präsident Klaus Johannis.

Aachen ist beeindruckend und sehr schön. Besonders für Geschichteliebhaber ist die lange Reise in diese Stadt viel wert. Aachen ist nicht wirklich nah, es liegt nämlich nah an der Grenze dreier Länder – es gibt hier einen Dreiländerpoint Deutschland, Niederlande und Belgien (dieser Punkt mit 322 m über dem Meeresspiegel ist zugleich der höchste Berg der Niederlande. Wenn ihr also Niederlande von oben schauen möchtet….