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La Digue

Die Insel La Digue, nur 5 Kilometer von Praslin entfernt, nach ihrer Größe die viertgrößte und nach der Einwohnerzahl die drittgrößte (mit 2.500 Bewohner!) Insel der Seychellen, wird die „Perle der Seychellen“ genannt. Die Einheimischen behaupten, sie sei die schönste ihrer Inseln, auch wenn die „Coco de Mer“-Palme hier nicht vorkommt.

Die Insel La Digue

Wenn man jedoch einen Badeurlaub mit Faulenzen am Strand mag, ist hier völlig falsch. Fast die ganze Insel ist von einem Korallenriff umgeben, das das Wasser gar nicht oder nur kaum bis zum Ufer durchlässt. Das heißt, wenn man ans Meer kommt, hat man das Gefühl, das Wasser sei ausgegangen – oder eigentlich gar nicht angekommen. Am Morgen bei Ebbe lohnt sich der Weg zum Meer gar nicht; um die Mittagszeit hebt die Flut den Meeresspiegel immerhin so weit an, dass ein wenig Wasser bis zum Ufer gelangt. Für ein Sitzbad reicht es, zum Schwimmen nicht. Dafür schwimmen schöne große und bunte Fische direkt um einen herum, und seine Anwesenheit stört sie überhaupt nicht.

Es gibt auch Strände, an denen das Korallenriff fehlt, hier aber schlagen wiederum Wellen in der Größe von Malibu-Strand auf das Ufer – allerdings ohne Baywatch, weshalb vom Schwimmen dort sehr abgeraten wird, und zwar in allen möglichen Sprachen. Natürlich auf Kreolisch, Französisch und Englisch, aber auch auf Italienisch und Deutsch und in einer für mich nicht definierbaren asiatischen Sprache – damit nicht zufällig jemand aus diesen leichtsinnigen Nationen auf die Idee kommt, sich mit den Wellen anzulegen. Rettungsschwimmer gibt es an den Stränden keine, das Schwimmen erfolgt nur auf eigenes Risiko, und die Meeresströmungen sind hier stark und tückisch. Auf Kreolisch heißt es: „Kouran tre danzere. Naz a ou prop risk.“ Liest man es dann auch auf Französisch: „Courants très dangereux. Nager à vos propres risques“, wird einem klar, dass Kreolisch im Grunde Französisch ist, mit dem die Einheimischen nicht gerade zimperlich umgehen.

Einen erholsamen Badeurlaub muss man allerdings in allen Sprachen streichen; meine Frau konnte nicht richtig „plantschen“ und war darüber ziemlich frustriert.

Als Ersatz für den fehlenden Badegenuss kann man kleine Küstenwanderungen von einem Strand zum anderen genießen. Besonders der Fußweg nach „Anse Caiman“ (wo ein erschöpfter Wanderer an einer Bar Getränke bekommt) kann als ein natürlicher Bouldering bezeichnet werden und erfordert beträchtliche Geschicklichkeit – vergleichbar mit Wegen in der Hohen Tatra oder in den Alpen. Also feste Schuhe sind gar nicht falsch.

Anse Cayman

Und auch der Weg von „Grand´Anse“ über „Petite Anse“ nach „Anse Cocos“ durch den tropischen Küstenwald ist wunderschön. Ebenso alle drei Strände selbst. Sie sind weiß vom Korallensand, von schönen braunen Granitblöcken gesäumt, aber die Wellen sind hier hoch, und der Hinweis, dass das Schwimmen gefährlich und nur auf eigenes Risiko möglich ist, gilt auch hier. An der „Anse Cocos“ bot man uns ein Mittagessen an, das unter wirklich improvisierten, oder besser gesagt: „strandmäßigen“ Bedingungen zubereitet wurde. Es war auch ein Stück Fisch dabei, aber ich musste lange in meinem Reis danach suchen, weil ich meine dioptrische Sonnenbrille gleich am ersten Urlaubstag im Indischen Ozean versenkt hatte. Das scharfe Curry jedoch trug erheblich zur Reinigung meines Darms bei – an einer Verstopfung leidet man auf La Digue sicher nicht. Ich nannte diese Bewirtung „ein leichtes Mittagessen für schweres Geld“. Die Seychellen – darauf muss man sich mental vorbereiten – sind wirklich keine billigen Inseln.

Nichtsdestotrotz ist die Schönheit der Insel eine gegebene Tatsache, und deshalb wurde hier nicht nur eine Folge der deutschen Serie „Traumschiff“ gedreht, sondern 1988 auch der Film Robinson Crusoe und 1976 sogar der Erotikfilm Goodbye Emmanuelle. Hier verbinden sich also Romantik, Abenteuer und Erotik – und dann soll man einmal den Verlockungen dieses Wunders widerstehen!

La Digue ist also eine Erlebnisinsel, und die Menschen kommen hierher, um Abenteuer zu erleben. Schnorcheln, tauchen, fischen, wandern und – radfahren! Ein Fahrrad sich zu leihen ist einfach und überall angeboten, es ist hier mit Abstand das meistgenutzte Verkehrsmittel. Autos gibt es nur sehr wenige, doch aus der Sicht eines Radfahrers könnten es noch weniger oder lieber gar keine sein. Sie fahren nämlich auf den schmalen Straßen ziemlich mittig, sodass am Rand gerade noch Platz für ein einzelnes Fahrrad bleibt – und selbst das nur knapp. Die Einheimischen schaffen es mit beeindruckender Geschicklichkeit, in diese Lücke hineinzufahren, was Ausländern – besonders solchen, die zuletzt im Mai 1989 auf einem Fahrrad saßen (ich will sie nicht ausdrücklich nennen, aber der Autor dieses Artikels gehört zu dieser Sorte) – etwas abgeht. Außerdem flitzen um einen herum die glücklichen Besitzer von Elektrofahrrädern (was praktisch ist, denn für ein normales Fahrrad sind die Steigungen der Straßen recht heftig, und einen Teil des Ausflugs geht man daher zu Fuß neben dem Rad her).

Helme kennt man hier nicht, aber was noch schlimmer ist, man hat auf den Fahrrädern auch keine Beleuchtung. Das hindert jedoch die Einheimischen nicht daran, nach Sonnenuntergang weiterhin mit unverminderter Geschwindigkeit durch die Gassen der Insel zu rasen. Dabei stört sie auch das fehlende Straßenlicht nicht. Und weil sie schwarz sind (das ist keineswegs rassistisch gemeint, sondern eine Tatsache), sind sie in der dunklen Äquatornacht praktisch unsichtbar. Und so wird das Radfahren nach Sonnenuntergang (also etwas nach sechs Uhr abends) ebenso wie das Gehen durch den Ort zum ersten der Abenteuer, die La Digue bietet. Immer wieder stürzt jemand – was man zwar aus den erwähnten Gründen nicht sieht, aber sehr wohl hört –, was nicht gerade zur Beruhigung beiträgt. Natürlich könnte man sich auf zum Fuß fortbewegen, schließlich ist die Insel nur fünf Kilometer lang, drei Kilometer breit und hat eine Gesamtfläche von knappen zehn Quadratkilometern. Doch angesichts der überall herumfahrenden Einheimischen (deren Zahl auf 2.500 geschätzt wird) auf ihren oft schon ziemlich abgefahrenen Fahrrädern ist das auch keine sichere Alternative.

Die Einheimischen sind erfahren und können auf ihren Rädern unglaubliche Lasten transportieren – ich sah einen, der zwischen Knien und Kinn drei Getränkekisten hielt und dazu noch sein eigenes Mittagessen in einer Plastikbox vom nahegelegenen „Take Away“. Das sind kleine Essensausgaben zu einem akzeptablen Preis von etwa 80 Rupien, also um 5 Euro, die sowohl bei Einheimischen als auch bei Touristen sehr beliebt sind. Bezaubernd sind die Kinder, die morgens auf dem Fahrrad zur Schule fahren – alle haben Schokoladefarbe, auffällige Afrofrisuren und sind einfach entzückend.

Meiner Frau gelang es, während eines tropischen Sturms vom Fahrrad zu stürzen und sich den Ellbogen zu verletzen, der dann genäht werden musste. Für mich bestand der dramatischste Moment darin, dass mir plötzlich eine Henne mit zwei winzigen Küken vor das Rad lief. Ich konnte im letzten Moment bremsen, die Küken verschwanden rechts vom Weg, die Mutter links, und ich musste warten, bis sie sich so weit beruhigt hatte um wieder über den Weg zu laufen und ihre ungezogenen Kinder zu suchen. Die Geschichte endete also ohne Blutvergießen.

Die Hauptattraktionen der Insel ist jedoch Tauchen und Schnorcheln. Um die Verbindung zur Welt zu ermöglichen, gruben die Einheimischen das örtliche Riff durch und schufen in der Siedlung „La Passe“ einen künstlichen Hafen. Hier legt die Fähre von Praslin an, und von hier aus werden Bootstouren zu den Inseln „Félicité“, „Petite Soeur“, „Grande Soeur“ und „Ile Cocos“ organisiert, damit die Touristen ein wenig die Unterwasserwelt genießen können.

Ile Cocos

Beim Schnorcheln kann man dort Fischschwärme, bunte Korallen, Riesenschildkröten und mit etwas Glück (wenn man dabei von Glück sprechen kann) auch einen Hai beobachten. Die Führer versicherten uns, dass der Hai ein scheues Tier sei und vor einem Ungeheuer mit Plastikbrille und -flossen flüchten würde – die Frage ist nur, wie sehr man ihnen glauben kann. Ich hatte jedenfalls nicht das Glück, einen Hai zu sehen; mehrere Taucher aus unserer Gruppe behaupteten jedoch, dieses Glück gehabt zu haben. Und er sei wirklich davongeschwommen – sie hatten nicht einmal Zeit, ihn zu filmen.

Der schönste Strand der Insel – und natürlich wieder einmal einer der schönsten der ganzen Welt – ist „Anse Source d’Argent“, also „Strand der Silberquelle“. Hier wird ein Eintrittsgeld von 150 Rupien verlangt, weshalb böse Zungen den Strand „Geldquellenstrand“ nennen. Doch ohne den Besuch dieses Strandes ist ein Aufenthalt auf La Digue unvollständig und ungültig. Am Eingang erhält man ein Klebeband aufs Handgelenk, das einen berechtigt, den Strand im Laufe eines Tages zu verlassen und später wieder zurückzukehren – jedes Mal wird man jedoch kontrolliert, sogar in einem Monsunsturm, wenn man die verlorene Ehefrau retten fährt – aber dazu später. Die Einfahrt zum Strand befindet sich kurz hinter der örtlichen Kirche „Notre Dame de l’Assomption“ und der einzigen Schule des Ortes.

Kirche “Notre Dame l´Asomption”

Ein Stück hinter der Einfahrt steht der mächtige, vierzig Meter hohe Granitblock „Giant Union Rock“. Er nimmt eine Fläche von 4.000 Quadratmetern ein, und um ihn herum gibt es ein Gehege mit Riesenschildkröten.

Teil des Areals ist auch die Farm „L´Union Estate“, als Erinnerung an die frühere landwirtschaftliche Tradition der Insel. Hier wurde Vanille angebaut (die, wie man uns erklärte, kein Parasit an den Bäumen ist, die sie umschlingt, sondern in Symbiose mit ihnen lebt) und aus dem Fruchtfleisch der Kokosnüsse wurde Kokosöl gepresst, das sogenannte Kopra.

In den siebziger Jahren kaufte der deutsche Unternehmer Herbert Mittermayer die Plantage. Damals arbeiteten dort 350 Menschen. Mittermayer, ein fürsorglicher Unternehmer, baute ein Krankenhaus, eine Wasserversorgung und einen Hafen. Doch dann wurden die Seychellen unabhängig, und der Präsident und Premierminister in einer Person René spielte gerade einen Kommunisten – Mittermayer wurde also von einem Tag auf den anderen enteignet. Damit war das Schicksal der Farm besiegelt – heute dreht ein einzelner Ochse Runden, um den Touristen vorzuführen, wie man früher Öl aus Kokosnüssen presste. Vieh gibt es auf der Insel ohnehin kaum – ich begegnete einer Kuh und einem Ochsen, der einen mit Touristen beladenen Wagen zog – selbstverständlich ist das eine kostenpflichtige „Sightseeing“-Attraktion.

Anse Source d´Argent vormittags, also ohne Wasser

Von der „Anse Source d’Argent“ aus werden Expeditionen in Kanus mit durchsichtigem Boden angeboten, damit man im flachen Wasser Korallen und Fische bewundern kann. Gut ausgedacht und nicht gerade billig. Allerdings hätte während unseres Aufenthalts jene Monsunböe nicht über dem Meer losbrechen dürfen. Es regnete nämlich nicht zivilisiert, mitteleuropäisch – der Himmel fiel auf uns einfach herab. Die Boote füllten sich mit Regenwasser, und unser Reiseführer, der Jack Sparrow aus Fluch der Karibik ähnelte, beharrte trotz Regen, Wind und Kälte auf der Erfüllung des versprochenen Programms, einschließlich eines Besuchs von Robinson Crusoes Strand oder dem Öffnen von Kokosnüssen.

Er war immun gegen sämtliche Bitten, das Leiden zu beenden – vermutlich fürchtete er um seinen Verdienst. Im Programm der Reise, das unser Reisebüro angeboten hatte, stand schließlich auch „Überleben“, also haben wir es „live“ ausprobiert. Der Guide hatte mindestens den Verstand, uns nicht von dem am weitesten entfernten Strand „Anse Bonnet Carré“ in den Kanus zurückpaddeln zu lassen, sondern uns dort mit dem Motorboot abzuholen. Nur dank dieser Entscheidung kam es zu keinen Verlusten an Menschenleben.

Wenn es auf La Digue einmal zu regnen beginnt, meint es dieser Regen wirklich ernst. Auf der Straße stand das Wasser so hoch, dass ich beim Radfahren die Pedale im Wasser drehte. Und meine Frau nahm nach dem Sturz einen aufgerissenen Ellbogen und eine Platzwunde auf der Hand mit nach Hause. Gott sei Dank, kein Armbruch!

Das Trauma von dem Erlebnis war zu groß, und so passte ich am Abend nicht auf. Als ich mein Wasserglas halb mit Rum gefüllt vorfand (mit dem weißen, aber immerhin mit 43 Prozent Alkohol), forschte ich nicht groß nach, wer das getan hatte, sondern trank ihn aus. Und das, obwohl ich bereits vorher Wein getrunken habe. Was hätte ich auch tun sollen? Den Rum der Marke „Takamaka“ zu verschütten wäre nur eine Spur weniger verwerflich als eine „Coco de Mer“-Nuss wegzuwerfen! Meine Opferbereitschaft hatte fatale Folgen. Obwohl ich von jungen, attraktiven Damen umgeben war, kroch ich in angeheitertem Zustand schmachvoll ins Bett. Auch dieses Erlebnis blieb mir also nicht erspart. Wer mir diese hinterhältige Rummenge eingeschenkt hatte, habe ich nicht herausgefunden. Eas bleibt also nur bei einem leisen Verdacht.

Sonnenuntergang hinter der Insel Praslin

Dennoch konnte ich mich von all dem wieder erholen und nahm daher an der Besteigung des höchsten Gipfels der Insel teil, des „Nid d’Aigle“, was „Adlernest“ bedeutet. Der Name hätte mich warnen müssen, tat es aber nicht. Vielleicht spielte mein Ehrgeiz eine Rolle oder die bereits einsetzende Senilität und damit der Verlust des Selbsterhaltungstriebs. Der Hügel ist immerhin 333 Meter hoch, und im Reiseführer steht, es handle sich um einen zwar etwas steilen, aber angenehmen Spaziergang, den sogar Kinder schaffen! Also warum nicht ein rüstiger Pensionist? Aber… Schon die Fahrt mit dem Fahrrad zur „Belle Vue“-Restaurant war ziemlich anspruchsvoll, und ein großer Teil der Strecke musste man das Fahrrad schieben – Lance Armstrong hätte das zwar sicher im Sattel geschafft, aber ich bin halt kein Lance Armstrong.

„Belle Vue“ liegt übrigens an einem wunderbaren Ort. Der Name täuscht nicht! Abends bietet das Restaurant einen großartigen Blick auf den Sonnenuntergang, sodass es sich lohnt, während des Aufenthalts zumindest einmal dort einen Platz zu reservieren. Doch es liegt erst auf halber Höhe. Und das Wort „etwas“ im „etwas steiler Spaziergang“ ist eine ordentliche Untertreibung. Dazu steigt man bei Temperaturen um die dreißig Grad und hundertprozentiger Luftfeuchtigkeit. Und den Weg kann man eher erahnen als erkennen. Man klettert gelegentlich auf rutschigem, rotem Boden, zum Glück gibt es fast überall Bäume oder zumindest deren Wurzeln, an denen man sich festhalten kann. So schleppte ich mich schließlich auf den Gipfel, obwohl ich schon auf halber Strecke mein völlig durchnässtes T-Shirt ausziehen musste und anschließend entsetzt war, wie furchtbar ich oben ohne Shirt aussah. Die Fotos dieses Sieges werde ich auf keinen Fall veröffentlichen – vielleicht haben Sie schon etwas vom König Pyrrhus gehört.

Der Gipfel bietet ansonsten großartige Ausblicke auf Praslin zu Füßen, auf Mahé und Silhouette am Horizont, und wenn man zum zweiten Aussichtspunkt im Nordosten hinübergeht, liegt einem jener Taucherparadies-Archipel mit den Inseln Félicité, Marianne, Petite Soeur und Grande Soeur sowie der Gruppe um die Ile Cocos zu Füßen. Vielleicht hat es sich doch gelohnt, aber ich hätte zwanzig Jahre früher dort gehen sollen.

Taucherparadis zu Füssen von Nid d´Aigle

Kurz gesagt – La Digue ist eine Erlebnisinsel. Zwar kann man auf ihr nicht wirklich baden, aber man nimmt unvergessliche Erlebnisse mit.

Eine kurze Zusammenfassung umfasst:

  1. Schnorcheln oder Tauchen
  2. Kajakfahrten mit durchsichtigem Boden und Beobachtung des Meereslebens
  3. Ein Monsunsturm mit völlig verrücktem tropischem Regen
  4. Alkoholrausch
  5. Extrem anstrengender Bergaufstieg
  6. Nachtfahrten auf unbeleuchteten Fahrrädern durch unbeleuchtete Straßen
  7. Wanderungen von Strand zu Strand über Granitfelsen und durch den Dschungel

Aber all das, meine Lieben, kommt doch nicht an den Besuch des Einkaufszentrums von Seiersberg bei Graz heran, wohin ich fahren musste, um mir neue Sonnenbrillen zu kaufen, weil ich meine alten im Indischen Ozean versenkt hatte. Und das am Samstag! Wenn man ein echtes Abenteuer erleben möchte, muss man dorthin. Erst dort geht es um Leben und Tod!

Praslin

Als Kapitän Lazare Picault diese Insel, 45 Kilometer von Mahé entfernt, entdeckte, nannte er sie etwas fantasielos „Isle des Palmes“, also „Palmeninsel“. Dieser Name hielt jedoch nicht lange; bereits im Jahr 1768 wurde sie nach dem damaligen französischen Marineminister César Gabriel de Choiseul, Duc de Praslin umbenannt.

Doch vielleicht wusste selbst Picault nicht, wie nah er bei der Namensgebung der Wahrheit war, denn gerade diese zweitgrößte Insel des Seychellen-Archipels ist zusammen mit ihrem kleinen Nachbarn Curieuse der einzige Ort der Welt, an dem die berühmteste und mysteriöseste Palme der Welt wächst – die „Coco de Mer“.

Diese Palme und ihre Früchte sind legendär – schon ihretwegen reisen viele Touristen auf die Seychellen. Und sie können sich dann ein Exemplar mit Zertifikat als Souvenir für 500 Euro kaufen. Würde man Sie am Flughafen mit einer Frucht ohne Zertifikat erwischen, drohen auf den Seychellen sieben Jahre „all inclusive“ im örtlichen Gefängnis. Im Mittelalter hatte ihre Frucht eine sakrale Bedeutung. Gelegentlich wurden diese gigantischen Nüsse, die bis zu 15 Kilogramm wiegen (manchmal entstehen Verbunde aus drei Früchten, die dann 45 Kilo erreichen), an die Küsten angeschwemmt, vor allem auf den Malediven – offensichtlich aufgrund der Meeresströmungen, die von den Seychellen in diese Richtung fließen. Doch es war nicht das Gewicht dieser Früchte, sondern ihre Form – die vorne an das weibliche Schoss und hinten an das weibliche Gesäß erinnert –, die die Fantasie beflügelte, und so ließ sich mancher Herrscher diese Seltenheit mit Gold aufwiegen.

Der Sultan der Malediven ließ seine Untertanen hinrichten oder ihnen zumindest die Hände abhacken, wenn sie eine gefundene Frucht nicht SOFORT den zuständigen Behörden übergaben. Da niemand wusste, woher die Früchte stammten, hielt sich über Jahrhunderte hartnäckig die Hypothese einer Unterwasserpalme, die ihre Früchte unter der Meeresoberfläche trug. Daher auch der etwas verwirrende Name „Coco de Mer“, also „Meereskokos“. Doch auch der lateinische Name, den ihr der deutsche Botaniker Karl Christian Gmelin im Jahr 1791 zu Ehren König Ludwigs gab (zwei Jahre nach der Französischen Revolution!), half ihr nicht weiter: „Lodoicea maldivica“. Selbst damals wusste man noch nicht, dass diese Früchte nicht von den Malediven stammen, sondern von den Seychellen.

Die Tatsache, dass die Palme nur endemisch auf zwei seychellischen Inseln vorkommt, obwohl ihre Früchte sporadisch auch an anderen Küsten angespült wurden, lässt sich leicht erklären. Erstens sind nur unreife Früchte leichter als Wasser und können schwimmen. Reife Früchte sind schwer und sinken sofort zu Boden. Außerdem gibt es „Coco de Mer“ eigentlich zweimal – als weibliche und als männliche Palme. Und sie brauchen einander. Selbst wenn irgendwo eine Palme gekeimt hätte, hätte sie nicht bestäubt und befruchtet werden können. Männliche Palmen tragen ihre Blüten auf riesigen zapfenartigen Gebilden, die mit kleinen Blüten übersät sind und an einen gigantischen männlichen Penis erinnern.

So entstand die Legende der geheimnisvollen Palme, die die Fruchtbarkeit symbolisiert. Gemäß dieser Legende paaren sich die Palmen nur während heftiger tropischer Stürme, und der Mensch, der sie dabei beobachtet, sei unweigerlich dem Tod geweiht, da diese Paarung ein Mysterium sei, das den Menschen verborgen bleiben müsste. In Wirklichkeit übertragen Insekten und Kolibris den Pollen von der männlichen auf die weibliche Palme – aber lassen wir die Vernunft ruhen und bei der Legende uns von Emotionen tragen, das ist viel interessanter.

Als ich diese riesigen Kokosnüsse sah, war mir nicht klar, wie sich eine solche Frucht überhaupt vermehren kann. Sie kann sich sicherlich nirgendwo in die Erde bohren und Wurzeln schlagen. Außerdem benötigt jede Frucht vom Zeitpunkt der Bestäubung bis zur Reife 5–6 Jahre! Erst dann fällt sie vom Baum auf den Boden. Doch die Natur weiß sich zu helfen. Nachdem die Nuss auf den Boden gefallen ist, passiert ein halbes Jahr lang gar nichts. Dann platzt die Kokosnuss auf und ein Keimling schiebt sich heraus. Dieser entfernt sich vom Mutterfruchtkörper, um aus ihrem Schatten zu gelangen, und bohrt sich in die Erde. Erst in einer Tiefe von 60 Zentimetern wendet er sich der Erdoberfläche zu. Dann bildet er das erste Blatt. Das alles dauert ein Jahr. Erst nach 2–3 Jahren beginnt die Palme Wurzeln zu bilden – bis dahin lebt sie von der nahrhaften Masse im Inneren der Nuss. Die Palme bildet pro Jahr nur ein einziges Blatt, die ersten Blüten erscheinen erst nach 25 Jahren. Die Pflanzen erreichen ein Alter von bis zu 300 Jahren – das gilt allerdings für männliche Palmen. Die weiblichen leben nur 150–180 Jahre.

Heute gibt es zwar bereits eine ganze Allee künstlich gepflanzter Palmen im Botanischen Garten von Victoria auf Mahé, aber wirklich endemisch kommt die „Coco de Mer“ nur auf den Inseln Praslin und Curieuse vor.
            Bis zu 6.000 Stück wachsen im Nationalpark „Vallée de Mai“. Der Name entstand ebenfalls recht einfach. Als in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts France Jumeau auf die Insel kam und, begeistert von der Schönheit der Natur, sofort die Grundstücke im Inselinneren aufkaufte – und zwar im Mai –, erhielt dieser Teil des tropischen Regenwaldes eben diesen Namen. In den sechziger Jahren übernahm die lokale Regierung die Verwaltung (die Seychellen waren damals noch eine britische Kolonie). 1979 wurde der Nationalpark von Praslin gegründet und 1983 in das „Weltnaturerbe“ aufgenommen.
Der Park ist zugänglich, doch bitte seien Sie darauf vorbereitet, dass Sie in tropischen Temperaturen und hundertprozentiger Luftfeuchtigkeit steile Hügel hinaufsteigen müssen. Nehmen Sie also viel Wasser mit – Sie werden es auf jeden Fall ausschwitzen. Der Eintritt kostet dreihundert Rupien (etwa 18 Euro). Einen einfacheren Zugang vom Meer aus bietet „Fond Ferdinand“.

Fond Ferdinand – Eingang

Man kann auch einen Führer engagieren. Unser Derek mit den unglaublichen Dreadlocks war offensichtlich begeistert von seiner Arbeit und trieb uns durch den Park bis zu den Aussichtspunkten, von denen aus man einen wunderbaren Blick auf die Insel Praslin und die Nachbarinseln hat. Und wir sahen viele „Coco de Mer“, aber auch Kolibris und den einheimischen schwarzen Papagei.

Die ausgestellten Nüsse hatten neben vollkommenen auch verschieden deformierten Formen – also wieder etwas wie im richtigen Leben.

Nach Praslin fährt man allerdings hauptsächlich wegen seiner Strände. Einige von ihnen gelten – ebenso wie auf der Nachbarinsel La Digue – als „die schönsten der Welt“. Es ist ein bisschen so wie in Italien, wo fast jede Stadt „la più bella camera del mondo“ besitzt, also „das schönste Zimmer der Welt“, und niemand stellt das infrage.

Das Schiff von Mahé legt im Hafen Baie Sainte Anne an, die größte Siedlung der Insel ist Grand Anse. Anse bedeutet auf den Seychellen Strand – ich weiß wirklich nicht, aus welcher Sprache dieses Wort stammt; vielleicht haben die Einheimischen das Wort im Kreol selbst erfunden. Der Strand Grand Anse ist möglicherweise groß und lang, aber keinesfalls schön: er ist mit Meeresalgen bedeckt und durch eine Straße und ein Sumpfgebiet von den Hotels getrennt. Das heißt, von den hier befindlichen Hotels muss man entweder mit dem Bus oder einem Mietwagen zum Strand fahren.

Hotel Oasis in Grand Anse

Um den Titel des schönsten Strandes wetteifern gleich zwei: Anse Lazio und Anse Georgette.Der erste ist frei zugänglich, er ist lang, weiß, und Schatten spenden hier – wie an den meisten Stränden der Seychellen – die Takamaka-Bäume. Diesen Namen muss man sich unbedingt merken, und zwar nicht nur deshalb, weil so der zweithöchste Gipfel auf Praslin heißt (der höchste heißt schlicht Praslin, also leicht im Gedächtnis zu behalten). Takamaka ist nämlich auch die Marke des seychellischen Rums, der hier so etwas wie ein Nationalgetränk ist. Zwar haben die Briten hier auch die Bierbrauerei Seybrew gebaut und das Bier ist durchaus trinkbar, aber Rum ist eben Rum – und eine nationale Marke, nur knapp übertroffen von der „Coco de Mer“.

Den Rum kann man dunkel trinken; er hat 43 Prozent, ebenso wie der weiße. Doch es gibt auch veredelte Sorten wie zum Beispiel Kokosrum. Der hat nur 25 Prozent Alkohol und schmeckt süß nach Kokos. Ein Einheimischer belehrte mich, dass der dunkle Rum für Männer sei und der Kokosrum für Damen. Zwar können Mann und Frau das auch umgekehrt trinken, aber der Mann gilt dann vielleicht nicht als ein richtiger Mann und die Frau gerät in den Verdacht, sich mit den Männern messen zu wollen. Die Rezeptionistin im Hotel auf Mahé sagte uns, sie möge am liebsten Rum mit Vanillegeschmack – wie ich später feststellte, ist er allerdings ebenfalls 43 Prozent stark. Ich weiß also nicht, was sich die Rezeptionistin beweisen wollte.

Überhaupt war uns die Rezeptionistin etwas suspekt. Wir mussten das Zimmer wechseln und ließen daher morgens vor dem Gang zum Strand unsere Koffer bei ihr an der Rezeption. Als wir ein paar Stunden später zurückkamen, wusste sie nicht mehr, wer wir waren. Außerdem hatten wir offenbar große Schwierigkeiten, ihr den Unterschied zwischen den Wörtern „room“ und „rhum“ zu erklären. Während wir unsere zwei Flaschen Takamaka in den Kühlschrank stellen wollten, glaubte sie, wir wollten ein Zimmer mit Kühlschrank. Vielleicht hatte sie schon etwas von der Vanille probiert.

Die Rumfabrik befindet sich in Victoria auf der Insel Mahé (genau wie die erwähnte Brauerei), aber die Marke Takamaka hat trotzdem mehr mit Praslin zu tun. Hier sind nicht nur die Bäume dieses Namens reichlich vertreten, sondern auch ein gleichnamiger Berggipfel und ein Strand. Daher ist es wohl Praslin, das das Zentrum des seychellischen Tourismus bildet, und sein Besuch ist einfach ein Muss, wenn man seinen Ausflug auf das Archipel wirklich festhalten möchte.

Anse Lazio

Anse Lazio ist ein sehr schöner Ort, doch manche Touristen und manche Reiseführer bevorzugen manchmal die konkurrierende Anse Georgette an der äußersten Nordspitze der Insel. Das Problem ist, dass dieser Strand nur durch das Gelände eines Hotels mit einem großen Golfplatz zugänglich ist und die Zahl der Personen, die hineingelassen werden, begrenzt ist. Außerdem wird Eintritt verlangt. Unserem Reiseführer Martin wurde mitgeteilt, dass für den Tag, an dem wir den Strand besuchen wollten, die Reservierungen bereits ausgeschöpft seien. Unser Fahrer hingegen meinte, das werde kein Problem sein.

Und das war es auch nicht. Er fuhr mit unserem kleinen Bus durch das Hoteltor, der Wachmann drohte ihm mit dem Finger – aber mit dem richtigen, nämlich dem Zeigefinger. Offensichtlich kannten sie einander; schließlich leben auf Praslin gerade einmal 8.500 Einwohner, und angesichts des lebhaften gesellschaftlichen Lebens der Einheimischen kennen sich bestimmt alle – sei es von irgendeiner Hochzeit, einem Begräbnis oder einem anderen Ereignis.

Wir gingen also über den 18-Loch-Golfplatz und vorbei an unglaublichen Abschlagplätzen, etwa hoch oben auf einem Felsen, und besuchten auch jenen zweiten legendären Strand. Er war schön. Wieder weiß – denn 95 Prozent der Korallen, die die Seychellen-Inseln umgeben, sind weiß, und der Sand an den Stränden stammt von ihnen –, aber unter uns – Anse Lazio war schöner.

Anse Georgette

Wenn man vorhat, länger auf Praslin zu bleiben, steht ihm noch weitere weiße Strände zur Verfügung, zum Beispiel Anse Volbert im Osten der Insel oder natürlich Anse Takamaka im Nordosten. Und viele weitere.

Ganz ehrlich, ein Historiker wie ich hat auf Praslin eigentlich nichts verloren. Meine Frau hingegen war begeistert von der Möglichkeit, im Wasser zu „plantschen“. Und was tut man nicht alles für den Familienfrieden!

Mahé

Mahé ist die größte der sogenannten „Inneren Seychellen“, die – mit zwei Ausnahmen – aus 650 Millionen Jahre alten Granitgebirgen bestehen, die damals hier vom Urkontinent Gondwana zurückgelassen wurden. Die wichtigste Ausnahme ist die Insel Silhouette, die vor 65 Millionen Jahren aus dem Meeresgrund emporstieg; sie ist im Vergleich zu den übrigen Inseln also ein Jungspund.
Die Äußeren Seychellen sind Korallenatolle, die über 1000 Kilometer von den Inneren Seychellen entfernt liegen. Man besucht sie separat per Schiff. Die Überfahrt von Mahé dorthin dauert zwei Tage.

Der schönste Strand auf Mahé ist Beau Vallon, also „Schönes Tal“.

Beau Vallon

Er ist über eineinhalb Kilometer lang und bietet Restaurants und Infrastruktur einschließlich eines kürzlich errichteten Marktes. Wir suchten uns das Restaurant La Plage aus und freundeten uns dort nach und nach mit der Kellnerin Yule an. Auffällig war, dass sie als Einzige im Personal eine Weiße war, weshalb ich mich traute, sie zu fragen, woher sie stammt. Die Antwort überraschte nur teilweise: Yule war eine gebürtige Südafrikanerin.
Das Wasser am Strand von Beau Vallon ist ruhig, keine großen Wellen – vorausgesetzt, der Monsun bläst gerade nicht. Er blies nicht. Am oberen Ende des Strandes steht die katholische Kirche St. Roch, die als eine der schönsten auf den Seychellen gilt. Die Maßstäbe sind hier allerdings recht bescheiden.

Wenn das einem nicht reicht und man Mahé ein wenig genauer kennenlernen möchte, muss man sich auf der kurvenreichen Sans Souci Road auf den Weg machen. Das ist nur etwas für starke Nerven – nicht nur, weil hier wie in jeder ordentlichen ehemaligen britischen Kolonie links gefahren wird, sondern auch, weil die Straße mit ihren vielen Serpentinen keine Leitplanken hat und nicht gerade breit ist. Aber es geht. Und von dieser Straße aus gibt es drei Möglichkeiten, auf die lokalen Berggipfel zu wandern. Man sollte allerdings den geringen Höhenunterschied nicht unterschätzen. Man geht durch Dschungel, und die hohen Temperaturen und die fast hundertprozentige Luftfeuchtigkeit verlangt einem einiges ab.

Zum Glück wählten wir den Weg auf den Berg Copolia, was insgesamt 450 Höhenmeter bedeutete. Die beiden anderen Gipfel sind anstrengender. Le Trois Frères, also „Die drei Brüder“, ist um zweihundert Meter höher, und der höchste Berg, Morne Seychellois, ragt sogar 905 Meter über dem Meer auf. Für alle Wege wird Eintritt verlangt; für den „Morne Seychellois“ braucht man einen lokalen Führer, denn vor zwei Jahren verirrte sich dort eine ganze Gruppe, die mit Hubschraubern im Dschungel gesucht werden musste. Überhaupt sollte man für den Aufstieg auf den „Morne Seychellois“ sechs bis acht Stunden einplanen – es ist also ein ganztägiger Ausflug.

Copolia genügte völlig. Vom felsigen Gipfel hat man eine herrliche Aussicht auf die Hauptstadt Victoria; direkt zu Füßen liegt einem jenes luxuriöse, auf einer künstlich aufgeschütteten Insel errichtete Viertel Eden, etwas weiter rechts das Flughafenfeld und links davon das Stadion.

Blick von dem Berg Copolia auf die künstliche Insel Eden

All das befindet sich auf der aufgeschütteten Ebene, die die Briten dem Meer abgerungen haben. Das Stadion wurde von Prinzessin Margaret eröffnet, der Flughafen sogar von Königin Elisabeth II. Und als die Briten das alles gebaut hatten, inklusiv einer Bierbrauerei, kamen die Einwohner (Ureinwohner sie zu bezeichnen wäre nicht korrekt, denn auf den Seychellen lebte vor der Ankunft der Franzosen kein einziger Mensch) zu dem Schluss, dass sie die Briten nicht mehr brauchten, und erklärten die Unabhängigkeit.

Auf dem Gipfel der Copolia wachsen ganze Bestände fleischfressender Pflanzen. Sie locken Insekten mit süßem Saft in ihrem Innern an und besitzen einen „Deckel“ – nicht etwa, um sich hinter unvorsichtigen Mücken zu schließen, sondern um sich vor Regen zu schützen, der den Lockstoff verwässern könnte. Der Vorteil ist: Auf dem Gipfel der Copolia wird man von keinen Mücken oder anderen lästigen Insekten belästigt. Die befinden sich gerade im Innern dieser Fleischfresser im Prozess der Verdauung.

Fleischfressende Seychellen-Kannenpflanze (Nepenthes pervillei), 

Was historische Sehenswürdigkeiten betrifft – vom „House 1776“, in dem einst der zyprische Erzbischof Makarios seinen unfreiwilligen Aufenthalt verbrachte, sieht man nur geschlossenes Tor. Also nichts Besonderes.

House 1776

Ein Stück hinter dem Pass, in einer Höhe von 500 Metern, befindet sich ein Denkmal aus alten Kolonialzeiten – eine „Heritage Site“, also ein geschütztes Gebiet, das die Überreste einer Schule umfasst, die die Briten einst für die Kinder ehemaliger Sklaven bauten, als eine Art Versuch, alte Ungerechtigkeiten wiedergutzumachen. Die Schule hatte keinen Erfolg – ob deshalb, weil sie an einem so abgelegenen Ort stand, oder weil sich dort jene für Internatsschulen typischen Missstände ereigneten, ist nicht bekannt. Jedenfalls hielt im Jahr 1972 Königin Elisabeth II. persönlich hier an und trank eine Tasse Tee – aus diesem Anlass wurde hier ein Aussichtspavillon errichtet.

Dieser Tee wird ein Stück weiter in Richtung Westküste angebaut. In den sechziger Jahren gründete hier der Schotte Bill Henderson eine Teeplantage. Im Jahr 1961 kaufte er Grundstücke und erwarb aus Kenia Samen. Insgesamt war die Plantage in ihrer Blütezeit 120 Hektar groß und konnte damals den lokalen Bedarf decken. Heute sind es nur noch 45 Hektar, und die Teeplantage ist ein nettes Relikt, das Touristen mit einer Tasse Tee und einem Museumsbesuch für einen symbolischen Eintritt von 25 Rupien (mit englischsprachigem Führer 50 Rupien – also etwa 3 Euro) anlockt. Viel gibt es dort nicht zu sehen, dafür kann man jedoch Hendersons Hochzeitsfoto bewundern und die Tatsache, dass ein solches Ereignis es bis in die seychellische Presse schaffte. Unser lieber Schotte war offensichtlich eine lokale Berühmtheit. Heute gehört die Teeplantage der „Seychelles Trading Company“ und – wie das bei staatlichen Firmen so ist – sie siecht langsam dahin.

Die „San Souci Road“ endet in Port Launay. Ein Stück weiter beginnt der „Morne Seychellois Nationalpark“, und weitere Strände im Norden der Insel – der „Port Launay Marine National Park“, der „Baie Ternay Marine Nationalpark“ sowie der Strand „Anse Major“ – sind nur zu Fuß erreichbar. Letzteren besucht man am besten vom Ort „Bel Ombre“ aus: an der Endhaltestelle des Busses aussteigen und dann hoch über dem Meer zu dieser wunderschönen Bucht wandern. Auf der anderen Seite von „Beau Vallon“, also östlich, liegt die Gemeinde Glacis. Das war der erste Ort, an dem sich britische Honoratioren niederließen und Immobilien erwarben – dort kam Ian Fleming übrigens auch auf die Idee zu seinem James Bond und begann, seinen ersten Bond-Roman „Mister No.“ zu schreiben.

Ein Hotel, wo die Geschichte von 007 begonnen hat.

Die seychellische Gemütlichkeit endet in dem Moment, in dem man sich entschließt, mit dem Boot auf eine der weiteren Inseln der Inneren Seychellen überzusetzen, also entweder nach Praslin oder La Digue. In dem Augenblick, in dem man im Hafen ankommt, stockt einem der Atem. Hunderte, vielleicht Tausende von Touristen erzeugen mit ihrem Gepäck ein unglaubliches Chaos – es erinnerte mich ein wenig an die Atmosphäre auf der sinkenden Titanic. Ich verabschiedete mich schnell von der Vorstellung, dass wir überhaupt auf die bereitstehende Fähre kommen würden, ungeachtet unserer bereits gekauften Tickets – und vor allem davon, dass wir unsere Koffer jemals wiedersehen würden. Ein Hafenmitarbeiter zeigte echten seychellischen Gleichmut, als er uns sagte, wir sollten die Koffer einfach vor dem Gebäude, in dem die Fahrkarten abgefertigt wurden, auf dem Gehsteig stehen lassen und gehen. Ich verstand es nicht, warf meinem neuen Koffer einen letzten Blick zum Abschied zu und begab mich in die Schlange zur Fähre. Ihr werdet es nicht glauben, aber die Koffer kamen tatsächlich in Praslin an – und sogar mit unserem Schiff! Die Einheimischen haben das alles unter Kontrolle, auch wenn es auf den ersten Blick überhaupt nicht so aussieht.

Mit me iner Frau zu reisen hat einen zusätzlichen spannenden Aspekt: Man langweilt sich nie, denn sie schafft es, überall Chaos zu erzeugen. In diesem Fall wollte sie nicht mit Ethiopian Airlines über Addis Abeba fliegen, weil ich unvorsichtigerweise erwähnt hatte, dass es ein Flugzeug dieser Gesellschaft war, das einst mit dem missglückten neuen Boeing-Modell abstürzte – damals kamen drei unserer österreichischen Kollegen ums Leben. Wie dem auch sei, wir flogen also statt über Addis Abeba über Dubai. Das bedeutete aber auch, dass wir das Rückfahrticket für das Schiff umbuchen mussten, denn unser Rückflug war schon am Morgen verbucht, während der Rest der Gruppe am Abend flog. Die Dame im Ticketbüro auf Mahé wollte sich mit dem Problem nicht befassen (Ich ließ es unseren Gruppenleiter Martin regeln, denn ich hätte schon nach den ersten Sätzen aufgegeben). Auf Mahé sagte man Martin, er solle das auf La Digue klären – ein taktisch hinterhältiger Rat, denn auf La Digue gibt es kein Ticketbüro, und mein Reiseführer warnte sehr eindringlich davor, das Rückticket nicht schon auf Mahé oder Praslin zu besorgen.

Wir gingen also zum Schalter auf Praslin. Die Dame dort erklärte uns, dass sie das nicht interessiere, weil wir es auf Mahé hätten regeln sollen. Als Martin ihr sagte, dass man ihn auf Mahé abgewiesen habe, folgte ein längeres erregtes Telefonat auf Kreolisch. Martin argumentierte, dass das Reisebüro aus Bratislava im Voraus auf dieses Problem hingewiesen habe und ihm eine Lösung zugesagt worden sei. Die Dame hatte allerdings von einer derartigen Kommunikation keinerlei Kenntnis und hatte offensichtlich auch nicht die Absicht, sich diese zu verschaffen. Um irgendwelche E-Mails kümmert sich auf den Seychellen offensichtlich niemand. Martin ließ sich die gesamte Kommunikation von Zentrale in Bratislava auf sein Handy weiterleiten und legte sie ihr vor. Diese moderne Welt der Mobiltelefone übersteigt eindeutig meine Fähigkeit, mich an neue Gegebenheiten anzupassen. Doch die Dame am Schalter zeigte zum ersten Mal Interesse an unserem Anliegen und nach weiteren zwanzig Minuten Computerarbeit und einigen zusätzlichen Telefonaten erhielten wir tatsächlich zwei ausgedruckte Rückfahrkarten von La Digue nach Mahé.

Ich begriff endgültig, dass ich in solche Destinationen nur mit einer Reiseagentur fahren kann. Allein würde ich vermutlich nie wieder nach Hause kommen und müsste mir meine Rente nach La Digue überweisen lassen. Und billig ist es auf den Seychellen nicht!

            Und so erreichten wir die Insel Praslin und fanden eine Unterkunft in einem schönen Hotel namens Oasis.

Victoria, Mahé, Seychellen

Zehn Minuten müssen nicht unbedingt überall auf der Welt auch tatsächlich zehn Minuten bedeuten. Wenn ein Taxifahrer in Victoria, der Hauptstadt der Republik Seychellen, sagt, dass er in zehn Minuten am vereinbarten Ort sein wird, bedeutet das lediglich, dass er den Anruf angenommen hat und versuchen wird, so schnell wie möglich dorthin zu gelangen. Es heißt jedoch bei Weitem nicht, dass er vorhat, in irgendeiner Weise schneller zu fahren oder sich gar stressen zu lassen. Beim ersten Mal wird Sie das vielleicht nervös machen, aber die Ruhe und Gelassenheit der Einheimischen ist so ansteckend, dass Sie beim zweiten Mal die Wartezeit genießen werden – in der Sonne, unter Wolken oder im tropischen Regenschauer, der jedoch genauso schnell verschwindet, wie er gekommen ist. Er ist offenbar der Einzige, der es hier eilig hat.

Victoria auf der Insel Mahé rühmt sich damit, die kleinste Hauptstadt der Welt zu sein. Mit ihren 24.000 Einwohnern ist sie tatsächlich ein Städtchen, das man in einer halben Stunde zu Fuß von einem Ende zum anderen durchqueren kann. Doch Vaduz in Liechtenstein ist mit seinen 8.000 Einwohnern sicher kleiner. Allerdings ist Vaduz streng genommen nicht einmal eine Stadt, sondern hat nur den Status eines „Marktes“, also eines zentralen Dorfes. Ich weiß nicht, wie es mit Andorra la Vella steht, und ich habe nicht vor, es zu untersuchen – einigen wir uns darauf, dass Victoria eine der kleinsten Hauptstädte der Welt ist.

Dass wir für ihre Erkundung zwei Anläufe brauchten, hatte nur einen einzigen Grund: Am Montag, dem 27. Oktober, überraschte uns ein staatlicher Feiertag anlässlich der Inauguration des neuen Präsidenten, weshalb alle Geschäfte und Museen geschlossen waren – die Seycheller feierten, und sie feiern gerne. Nur unser Taxifahrer Rony feierte nicht. Einerseits musste er arbeiten (angeblich gibt es in Victoria bis zu 400 Taxifahrer, die Konkurrenz ist also groß, da muss man sich anstrengen), andererseits war ein sozialistischer Präsident gewählt worden, und Rony zeigte uns, dass er ihm am liebsten die Kehle durchgeschnitten hätte. Offensichtlich war er nicht dessen Wähler.

Victoria erhielt seinen Namen aus einem romantischen Grund, nämlich anlässlich der Hochzeit von Kronprinzessin Victoria mit Albert aus dem Haus Coburg-Gotha. Es war eine Hochzeit aus wahrer Liebe – schließlich mussten die Prinzen aus diesem deutschen Geschlecht wirklich fesche Männer gewesen sein, sie heirateten Prinzessinnen auf der ganzen Welt: von Brasilien und Portugal über Bulgarien und Griechenland bis nach England. Die Hochzeit fand im Jahr 1841 statt.

Die Geschichte des Archipels, das nur 355 Quadratkilometer feste Land, dafür aber 350.000 Quadratkilometer Meer besitzt und auf dem 98.000 Menschen leben, ist nicht viel länger. Die Inseln waren zwar schon den Arabern bekannt (und im Museum ist sogar ein altgriechischer Krater, also ein riesiges Keramikgefäß für den Warentransport, ausgestellt), doch niemand kam auf die Idee, die Inseln zu besiedeln. Auch nicht die Portugiesen, obwohl Vasco da Gama sie auf seiner Reise nach Indien in die Seekarten eintrug.

Über mehrere Jahrhunderte dienten sie lediglich als Piratenstützpunkt – besonders berühmt wurde der Pirat Olivier de Vasseur, genannt La Buse, also „der Bussard“. Sein Schatz, den er angeblich auf der Insel Mahé nahe der Siedlung Bel Ombre vergraben haben soll und dessen heutiger Wert auf 4,5 Milliarden Euro geschätzt wird, motiviert Schatzsucher bis heute. Der Boden in der Gemeinde Bel Ombre ist aus diesem Grund an mehreren Stellen aufgebrochen, doch den Schatz hat bisher noch niemand gefunden.

Solange die Piraten nur portugiesische Schiffe überfielen, die mit wertvollen Waren aus Indien zurückkehrten, war das den Franzosen auf den Inseln Maurice und Bourbon (dem heutigen Mauritius und Réunion) ziemlich egal. Als jedoch auch französische Schiffe betroffen waren, beschloss der damalige Gouverneur der Insel Mauritius, Bernard François Mahé de La Bourdonnais, die Seychellen mit französischen Siedlern zu kolonisieren und so die Piratenaktivitäten zu unterbinden. Sein Kapitän Lazare Picault landete 1742 auf der größten der Inseln, nannte sie „Insel des Überflusses“, doch damit endeten seine Aktivitäten auch schon wieder. Auf eine Besiedlung musste der Archipel noch einige Jahre warten.

Der erste Versuch im Jahr 1770, geleitet vom ehrgeizigen Leutnant Brayer du Barre, scheiterte noch. Die ersten 28 Siedler, die auf der Insel Saint Anne ausgesetzt wurden, hielten es nicht durch und kehrten im folgenden Jahr nach Hause zurück. Immerhin hinterließen sie auf der Insel den Stein „Stone of Possession“ mit drei französischen Lilien, der symbolisierte, dass der Archipel von da an zu Frankreich gehörte. Dieser Stein ist heute, in recht mitgenommenem Zustand, im historischen Museum im Stadtzentrum zu sehen.

Stone of Possesion

Zwei Jahre später konnten sich die Siedler auf der Insel bereits halten, und 1790 zählte die Bevölkerung der Insel 572 Menschen, davon allerdings nur 65 Franzosen – der Rest waren schwarze Sklaven, eingefangen in Madagaskar, dem heutigen Mosambik, aber auch in Indien. Die Sklaven arbeiteten lediglich für Nahrung und wohnten in Hütten abseits der weißen Siedlung.

Die Insel erwies sich als ungewöhnlich fruchtbar (auch wenn sie im Grunde der Gipfel eines granitenen Unterwasserbergs ist), und so wurden hier Baumwolle, Kokosnüsse, Guano, Zimt, Kautschuk und eine Pflanze namens Patchuli angebaut, die für Dufterzeugung verwendet wird, von der ich aber bis dahin nichts gehört habe. Und sicher auch Zuckerrohr, denn der Rum Takamaka, benannt nach einem Baum, der die Strände der Insel säumt, wird hier hergestellt und schmeckt sehr gut.

Zu einem Machtwechsel kam es im Rahmen der Napoleonischen Kriege, die nicht nur auf dem europäischen Kontinent geführt wurden, wo die Franzosen lange siegten, sondern auch auf dem Meer, wo seit der Schlacht bei Trafalgar 1805 die Briten die Oberhand hatten. Und so erschien bei der Insel Mahé – benannt 1756, drei Jahre nach dem Tod des mauritischen Gouverneurs – kurz nach der Kapitulation von Mauritius eine britische Flotte. Auf den Inseln amtierte ein sehr vernünftiger französischer Gouverneur, Jean Baptiste Quéau de Quincy. Er hatte nicht vor, den Helden zu spielen. Zum ersten Mal kapitulierte er bereits 1794, als eine britische Fregatte vor der Insel erschien, doch da die Briten nach Annahme der Kapitulation sofort wieder abreisten, blieb alles beim Alten. Erst 1811 wurde es ernst, als am 21. April Kapitän Bartholomew Sullivan eintraf. Quincy kapitulierte erneut und durfte dafür im Amt bleiben – bis zu seinem Tod im Jahr 1827. Einen Gouverneur für dieses Ende der Welt aufzutreiben, war keine einfache Sache, und so gaben sich die Briten mit einem loyalen Franzosen zufrieden. Sie verboten lediglich den Sklavenhandelauf der Insel; das eigentliche Sklavereiverbot folgte erst 1835. Auf dem Wiener Kongress wurde der Archipel am 9. Juni 1815 endgültig Großbritannien zugesprochen.

Die Briten investierten beträchtliche Mittel in die Insel, verbanden sie mit Afrika durch Unterseekabel, bauten ein Stadion (eröffnet von Prinzessin Margaret) und schließlich 1972 den internationalen Flughafen auf einer aufgeschütteten Bucht – eingeweiht höchstpersönlich von Königin Elisabeth II. Das öffnete die Tür für den Tourismus, von dem die Insel heute lebt. 28 Prozent der Bevölkerung arbeiten im Tourismussektor, der 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erzeugt. Und als die Inselbewohner all dies hatten, entschieden sie sich von der Britten loszusagen. Am 29. Juni 1976 erklärte der Archipel seine Unabhängigkeit als Republik Seychellen.

Präsident wurde der Vorsitzende der konservativen Partei James R. Mancham, Premierminister der Sozialist France-Albert René. Dieser führte ein Jahr später einen unblutigen Staatsstreich durch, entfernte Mancham aus dem Amt, verbot dessen Partei, errichtete ein Einparteiensystem und begann, mit dem kommunistischen Block zu liebäugeln. Als dieser Anfang der 1990er-Jahre zerfiel, stellte er fest, dass es keine gescheite Idee war. Die Seycheller setzten sich also zusammen, René und Mancham trafen sich, einigten sich erneut auf eine Zweiparteien-Demokratie, und bei den ersten wie auch den zweiten freien Wahlen gewann – zur allgemeinen Überraschung – René. Erst später war der konservative Präsident Alex Michel drei Wahlperioden lang an der Macht. Der neue Präsident Patrick Herminie, dessen Inauguration uns das Leben schwer machte, ist allerdings wieder ein Sozialist.


Es ist interessant, dass die Seychellen sich trotz nur 40 Jahren französischer und 160 Jahren britischer Herrschaft eher einen französischen, also kreolischen Charakter bewahrt haben, und dass auch heute noch 80 Prozent der Einwohner katholisch sind. (Seit den siebziger Jahren haben die Katholiken auf der Insel sogar ihren eigenen Bischof, während die Anglikaner ihren noch immer auf Mauritius haben.) Die Briten machten offensichtlich in den kulturellen und religiösen Sachen keinen größeren Druck, obwohl sie im Zentrum der Hauptstadt die Kathedrale St. Paul errichten ließen.

Sankt Paul Kathedrale

Sie kann jedoch keinesfalls mit der Stadtkathedrale der Unbefleckten Empfängnis mithalten, die auf einer Erhebung über der Stadt steht, samt Uhrturm; neben der Kathedrale befindet sich zudem das imposante „Priesterhaus“, das 1934 von Schweizer Pilgern erbaut wurde.

Katholische Kathedrale der Unbeflegten Empfängnis

Victoria ist bis heute ein liebenswertes Städtchen mit beinahe dörflichem Charakter – ein gutes Gasthaus zu finden, ist hier gar nicht so einfach. Der zentrale Punkt ist die Standuhr mitten auf der Kreuzung – der Clock Tower von 1903.

Es ist keine Kopie des Big Bens, wie man vermuten könnte. Und vor allem bedeutet die gelbe Schraffierung auf der Straße um diese Uhr bei Weitem nicht, dass dort keine Autos fahren. Ein Fußgänger, besonders der, der das Geschichtsmuseum mit dem bunten Schriftzug „Seychelles“ fotografieren möchte, befindet sich praktisch in Lebensgefahr. Trotzdem versuchen es viele. Die bunten Farben sind auf der Insel überall – die Einheimischen lieben sie einfach, und wenn man sich die Farbenvielfalt der lokalen Flora vor Augen hält, versteht man sie vollkommen. Und beim Museum spielt jeden Tag eine Band, denn gleich nebenan ist ein Café, und Gäste brauchen schließlich zum Genuss von Kaffee und Kuchen auch Musik. Kreolische Atmosphäre in ihrer reinsten Form – der Kaffee ist übrigens ausgezeichnet.

Auf der einen Seite der Uhr befindet sich der ziemlich erschreckende Präsidentenpalast „State House“.

State House

Von der ursprünglichen Eleganz des kolonialen Gebäudes aus den Jahren 1909–1913 ist nach den Modernisierungen nicht mehr viel übriggeblieben. Gleich bei der Uhr, auf der anderen Seite des Museums, steht der „Liberty House“ von 1953 – das Haus wurde zur Krönung von Königin Elisabeth eröffnet. Dort befinden sich die zentrale Post und das Finanzministerium.

Geht man von der Uhr aus nach rechts, gelangt man zum Markt „Sir Selwyn Selwyn-Clarke Market“, benannt nach dem Gouverneur, der der Meinung war, dass Früchte und Fische nicht unter freiem Himmel verkauft werden sollten, und den örtlichen Händlern deshalb eine Überdachung verschaffte. Der Markt wird allerdings gerade dieses Jahr renoviert; Gemüse wird daher im nahegelegenen Camion Building verkauft, das so heißt, weil hier einst das Zentrum des lokalen Verkehrs lag. Ursprünglich wurden von hier aus ab 1900 Touristen per Rikscha über die Insel gefahren; 1943 kostete eine Fahrt 40 Cent. Später setzte man überdachte Lastwagen („Camions“) ein, die in den siebziger Jahren von Bussen abgelöst wurden, die bis heute den öffentlichen Verkehr bedienen. Immer noch dieselben. Mit ihnen zu fahren ist allerdings eine Angelegenheit für „Digital Natives“. Den gesamten öffentlichen Verkehr betreibt die staatliche Gesellschaft „Seychelles Public Transport Corporation“ – SPTC. Reisen kann man nur mit einer App auf dem Mobiltelefon. Sie herunterzuladen ist einfach, aber dann muss man sie mit Geld aufladen, und da beginnt der Ärger. Niemand konnte mir sagen, wie viel eine Fahrt kostet, damit ich wüsste, wie viel Geld ich in die App laden muss. Denn zurück aufs Konto bekommt man die überschüssigen Beträge nicht. Also fuhren wir in die Stadt mit „Mister Rony“ im Taxi.

Von der Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis („Cathedral of the Immaculate Conception“) gelangt man über die Quincy Street zum hinduistischen Tempel „Arul Mihu Navasakthi Vinayagar Temple“ aus dem Jahr 1992. In Victoria leben heute etwa 5.000 Inder, laut Taxifahrer Rony „too much“. Interessant ist, dass sie offenbar alle Lebensmittelläden der Insel kontrollieren.

Die letzte religiöse Gruppe sind die Muslime. Es gibt nicht viele, die Frauen erkennt man natürlich an den bedeckten Köpfen und ihre Moschee an der gelben Kuppel in der Poudrière Lane.

Alle Kulturen leben hier angeblich in vollkommenem Frieden. Ich würde es fast glauben, denn Konflikte sind eine anstrengende Angelegenheit und passen daher nicht zur lokalen Mentalität.

Von hier aus sind es nur ein paar Schritte (eigentlich ist in Victoria alles nur ein paar Schritte entfernt) zur Nationalbibliothek – einem monumentalen modernen Gebäude im klassizistischen Stil. Dahinter befindet sich eine Boulangerie, in der man wirklich hervorragenden Kaffee bekommt, und der Orangensaft wird aus frisch gepressten Orangen hergestellt.

Gestärkt machten wir uns von dort auf den Weg zum Botanischen Garten. Es sind vielleicht zweihundert Meter, und es lohnt sich, sie zurückzulegen. Tropische Pflanzenwelt, insbesondere die legendären Kokospalmen Coco de Mer, die „Königinnen der Palmen“, die äußerst erotisch wirkende Früchte tragen (und die man mit Zertifikat für 500 Euro kaufen kann!!!).

Coco de Mer

Die erste dieser Palmen pflanzte im Garten Prinz Philip, also der „Duke of Edinburgh“, nach dem die gesamte Hauptallee benannt ist. Heimisch sind diese Palmen auf den Inseln Praslin und Curieuse; auf Mahé kamen sie ursprünglich nicht vor. Jetzt pflanzt jede ausländische Delegation eine.

Aber es gibt auch viele andere schöne Blumen und Bäume, zum Beispiel den „Kanonenkugelbaum“, dessen Früchte tatsächlich Kanonenkugeln ähneln, der aber bei unserem Besuch gerade wunderschön blühte; außerdem Seerosen, die beeindruckenden Blüten der Heliconia rostrata und viele weitere Blumen in allen Farben, darunter 150 Orchideenarten.

Kanonenkugelbabum in der Blüte

Die Hauptattraktion ist jedoch das Gehege der Riesenschildkröten. Diese freundlichen Giganten darf man streicheln und füttern; sie verschmähen kein einziges Blatt. Von den Palmblättern, die sie sonst bekommen, verdauen sie allerdings wenig – zumindest ihrem überall herumliegenden Kot nach zu urteilen.

Wenn wir schon beim Essen sind: Die Seychellois bauen zwar viele Früchte und Gemüse an – Kokos, Mangold, Mango, Brotfrucht, Äpfel usw. –, aber Milch- und Fleischprodukte werden importiert. Ich habe auf der Insel keine einzige Kuh und kein einziges Schaf gesehen; offenbar taugt der Dschungel der Zucht nicht, und die Insel ist im Grunde ein großer Granitfels mit tropischer Vegetation. Also werden Lebensmittel von überall her eingeführt: Käse aus Holland, Schinken aus Italien, Joghurts aus England – und dann sind wir auf eine tschechische „Ungarische Salami“ aus dem Betrieb des Oligarchen und Premierminister Andrej Babis gestoßen. Das war für mich ein echter Kulturschock. Also ist Andrej schon auch hier. So habe ich verstanden, dass die Einheimischen beim Essen nicht besonders anspruchsvoll sind und essen halt alles. Ich ließ meine Frau, die aus Oberungarn – also aus Slowakei – stammt, die Salami probieren. Sie befand, dass sie überhaupt nicht wie ungarische Salami schmeckt (was mich nicht überraschte), aber sonst hat ihr die Salami nichts Böses getan (was mich eher überraschte). Wie bei unbekannten Pilzen lasse ich verdächtige Lebensmittel zuerst meine Gattin essen und warte 24 Stunden ab. Es scheint, dass diese Salami, auch wenn sie keine ungarische, harmlos war. Ihre Magenprobleme hatte meine Frau angeblich vom Besuch eines indischen Restaurants.

Victoria ist also ein kleines und nettes Städtchen. In seinem Vorort Sans Souci hielten die Briten in einem Luxusgefängnis den zypri­schen Erzbischof Makarios fest – ein Jahr lang, von März 1956 bis April 1957. Dann ließen sie ihn leider frei, und dieser Mann vermochte danach viel Unheil anzurichten; unter anderem löste er auch den Zypernkrieg von 1974 aus. Mahé wurde als luxuriöses Exil von vielen Herrschern aufgesucht, sei es unfreiwillig wie Makarios oder der ägyptische Rebell Zaghloul Pascha im Jahr 1922, oder freiwillig nach Staatsstreichen in ihren Ländern, wie der Sultan von Perak Raja Abdulla Khan, König Kabarega, König Nana Agyeman Prempeh I., Sultan Mahmood Ali Ina Shirreh oder der Präsident der Vereinigten Republik Suvadive (fragt mich nicht, wo das ist oder war) Abdullah Afif.

Heute hat man hier für Milliardäre eine künstliche Insel namens Eden gegenüber dem Flughafen aufgeschüttet. (Ruhe haben die Reichen also nicht). Sie ist mit Festland mit einer einzigen Brücke verbunden, jede Wohnung hat dort ihren eigenen Yachthafen und einen Autoabstellplatz. Angeblich soll das eine Konkurrenz zu den Arabern in Dubai sein.

Die Insel Eden

Oman

Möchten Sie sich im Dezember oder Januar wie in Kroatien im Juli fühlen? Dann reisen Sie nach Oman, genauer gesagt nach Salalah und übernachten Sie im Hotel Fanar. Hier stellen Tschechen definitiv die relative Mehrheit, zusammen mit ihren slowakischen Brüdern sogar die absolute Mehrheit. Sollten sich Polen und Ungarn hinzugesellen (was für Slowaken natürlich nicht in Frage kommt), könnten sie sogar eine verfassungsgebende Mehrheit erreichen. Nur einige verstreute Italiener und Deutsche erwecken den Eindruck, dass man sich tatsächlich im Ausland befindet.

Natürlich gilt das nicht für die örtlichen Strände: lang, breit, sandig, sanft abfallend und vor allem mit warmem Meerwasser. Zum Jahreswechsel erreicht das Wasser des Indischen Ozeans eine Temperatur von 25 Grad und lädt somit zum Baden ein. Aus Tschechien und der Slowakei gibt es Charterflüge direkt nach Salalah, aus Österreich noch nicht. Daher haben wir zu zweit mit meiner Frau Österreich vertreten – jedenfalls soweit wir das beurteilen können, da wir niemanden anderen aus Österreich entdeckt haben, obwohl es uns an Bemühung nicht gefehlt hat.

Für Tschechen und Polen baut das Unternehmen Amazi hier ein Sommerdomizil – eigentlich ein Winterdomizil –, damit Tschechen und Polen auch im Winter die Sonne genießen können. Es werden einstöckige und zweistöckige Villen mit zwei bis vier Schlafzimmern direkt am Wasser mit eigenem Bootsanleger angeboten. Die Preise beginnen bei rund 200 000 Euro. Am Anfang genügt eine Anzahlung von 20 % des Preises, danach zahlt man alle drei Monate 7,5 %. Das halte ich für ziemlich attraktiv und seriös. Wir reisen jedoch jedes Jahr gerne woanders hin und sind daher den Versuchungen nicht erlegen.

Positiv war für uns persönlich – ich möchte nicht für andere Gäste sprechen, insbesondere nicht für Ungarn und Slowaken –, dass wir hier keinen einzigen Russen getroffen haben (wenn man Nadia, die an der Rezeption arbeitete, nicht mitzählte). Ich weiß nicht, wie es mit den Visa aussieht oder ob für die Russen in Oman andere Regeln gelten als in den benachbarten Emiraten. Der Hauptgrund für ihre Abwesenheit könnte jedoch der eingeschränkte Zugang zum Alkohol sein. In den Hotels wird Alkohol vor 12 Uhr nicht ausgeschenkt, und freitags, wenn das große Mittagsgebet stattfindet, gibt es alkoholische Getränke erst ab 14 Uhr. Diese Regel gilt auch für Hotelgäste, die selbst nicht zum Freitagsgebet verpflichtet sind. Für einen Russen im Urlaub sind das also völlig unakzeptable Einschränkungen. Die Omaner sind zwar Ibaditen, eine Sekte, die mit dem intoleranten Wahhabismus nichts zu tun hat, und sie legen den Koran angeblich liberaler aus. Deshalb sollen sie farbenfrohere Gewänder tragen (wir haben keine gesehen, nur davon gehört). Was Alkohol betrifft, schreibt der Koran Gläubigen nur vor, dass sie nicht unter dem Einfluss berauschender Substanzen zum Gebet erscheinen sollen. Ein absolutes Alkoholverbot steht in dem heiligen Buch angeblich nicht. Logistisch kann es jedoch ein Problem sein. Wann sollte man bei fünf Pflichtgebeten am Tag Alkohol trinken, um zur Gebetszeit 0,0 Promille im Blut zu haben?

Oman gilt als das freundlichste und weltoffenste arabische Land. Ich kann das bestätigen. Schon bei der Ankunft am Flughafen scherzte der Zollbeamte mit uns, Taxifahrer bemühten sich die ganze Zeit, Gespräche aufrechtzuerhalten, und erstaunlicherweise kannten sie sich in der weltpolitischen Lage recht gut aus. Oman ist ein großes Land – mit einer Fläche von 309.500 km² und knapp fünf Millionen Einwohnern, davon nur drei Millionen einheimische Omaner. Der Rest sind Ausländer, die überall arbeiten, wo man hinschaut, meist aus Indien, Pakistan, Ägypten oder sogar aus der Türkei. Sie lächeln die ganze Zeit, scheinen gute Laune zu haben und scherzen auch miteinander. Das spricht für gute Arbeitsbedingungen. Angeblich verdienen sie hier deutlich besser als in Dubai oder den Emiraten und werden nicht als minderwertig angesehen. So habe ich es gehört.

Die Geschichte Omans ist tatsächlich nicht kompliziert und begann eigentlich erst 1970, als Sultan Qaboos ibn Said seinen Vater stürzte und das Land in eine moderne Richtung führte.

Sultan Quaboos ibn Said

Der Umsturz war nicht ganz friedlich. Der alte Sultan Said ibn Taimur weigerte sich, die Macht aufzugeben, und schoss mit einer Pistole um sich, bis er sich selbst ins Bein traf. Damit war sein Widerstand gebrochen, und sein Sohn konnte die Herrschaft übernehmen. Dieser Sultan hat den Omanern so viel Wohlstand gebracht, dass sie ihm bis heute dankbar sind und ihn dementsprechend verehren. Auch wenn seit 2020 sein Cousin Haitham ibn Tariq regiert, sind überall Fotos mit beiden Sultanen zu sehen. Das durchschnittliche Einkommen eines Omaners soll zwar 1.100 Euro nicht überschreiten, aber der Staat gewährt seinen Bürgern so viele Sozialleistungen, dass niemand klagen muss. Das ist Grund genug, ihren Sultan zu lieben (Oman ist eines von zwei Sultanaten auf der Welt; das andere ist Brunei auf der Insel Borneo).

Die Geschichte des Landes begann natürlich nicht erst 1970. Oman war seit jeher ein Exporteur von Weihrauch, der von hier aus in die ganze Welt verschifft wurde – auf Schiffen (Dhaus), die aus Palmstämmen gefertigt und mit Kokosfasern zusammengebunden wurden. Diese Boote, die zur Überraschung der Europäer tatsächlich schwimmfähig waren und sich auch für lange Reisen eigneten, lernten die Omaner erst später durch die Portugiesen mit Metallnägeln zu verstärken. Die Omaner kannten Seewege sowohl nach Osten als auch nach Westen, und da sie Fässer mit Datteln mitführten (die Dattelpalme gilt im Oman als wertvollster Baum und wird „Baum des Lebens“ genannt), litten sie – im Gegensatz zu europäischen Seeleuten – nicht an Skorbut, und ihre Zähne blieben ihnen bis ins hohe Alter erhalten. Selbst der Lotse Ahmed bin Majid, der Vasco da Gama nach Indien führte, war ein Omaner. Die Portugiesen „bedankten“ sich für diese Hilfe, indem sie die omanische Küste beherrschten und 150 Jahre lang hier regierten. Zwei Festungen am Eingang des Hafens von Alt-Maskat zeugen von dieser Zeit. (Die neue Stadt, die heutige Hauptstadt, hat – wie könnte es anders sein – das Geburtsjahr 1970.)

Die Straße von Hormuz, die den Persischen Golf mit dem Indischen Ozean verbindet, war immer von strategischer Bedeutung, heute mehr denn je, da durch sie alle Öltanker fahren müssen, die Öl aus Saudi-Arabien, dem Irak und Kuwait transportieren. Das Gebiet an der Spitze der Halbinsel, das in die Straße von Hormuz ragt, ist eine omanische Exklave (es gibt eigentlich zwei, aber eine davon ist so klein, dass sie kaum der Erwähnung wert ist). Die dortigen Bewohner entschieden sich in einer Volksabstimmung im Jahr 1971, als die Vereinigten Arabischen Emirate gebildet wurden, dafür, nicht Teil des Zusammenschlusses zu werden, sondern bei Oman zu bleiben. Ein Sultan hat eben mehr Prestige als ein Emir (vergleichbar mit König und Fürst in unserer Terminologie). Der neue Sultan weckte offenbar schon damals bei der Bevölkerung Hoffnungen, die sich dann später als berechtigt erwiesen. Die Exklave ist gebirgig, die Berge fallen direkt ins Meer und bilden Fjorde wie in Norwegen. Die größte Stadt dort ist al-Hasab, und das Gebiet ist vom Oman aus nur per Flugzeug oder Schiff erreichbar – und das nur bei gutem Wetter. Glücklicherweise gibt es dort fast immer gutes Wetter.

Über Maskat, wo die Berge bis zu 3.000 Meter hoch sind, bauen die Omaner Wanderwege und Klettersteige. Das ist ein Anreiz für Bergtouristen, denen die Alpen nicht genügen und der Himalaya zu weit entfernt oder zu hoch ist. Im Süden um Salalah gibt es ebenfalls Berge, die jedoch bereits zur jemenitischen Bergkette gehören. Der Jemen liegt nur 150 Kilometer von Salalah entfernt und zeigt, dass die Herrschaft eines aufgeklärten Sultans doch besser ist als ein kommunistisches Experiment, aus dem sich der westliche Nachbar Omans bis heute nicht erholt hat und das dort zu einem niemals endenden Bürgerkrieg führte. Davon bemerkt man im Oman allerdings nichts, abgesehen von den zahlreichen Kasernen der omanischen Armee und gelegentlichen Hubschrauberüberflügen. Jemeniten machen hier keine Probleme – sie haben genug eigene Sorgen und betrachten derzeit den jüdischen Staat im Norden als ihren Hauptfeind.

Die Kommunisten haben es allerdings auch im Oman versucht. 1965 gab es in der Provinz Dhofar, deren Zentrum Salalah ist, mit Unterstützung der jemenitischen Kommunisten einen bewaffneten Aufstand. Das führte in dieser Region zu einem Bürgerkrieg, der erst 1976 endete. Seitdem hat der Sultan die Kontrolle über das gesamte Staatsgebiet – was aus meiner Sicht sehr positiv ist. In Salalah scheint die Sonne praktisch immer (das ist der einzige Punkt, der nicht dem Sultan zuzuschreiben ist), mit Ausnahme der Monate Mai bis Juli. Das ist die Monsunzeit, in der sich die Sonne nicht blicken lässt und es ununterbrochen regnet. Dieses Wetter ist ein weiterer touristischer Anziehungspunkt der Region. Während Europäer von September bis April nach Salalah reisen, um die Sonne zu genießen, kommen zwischen Mai und Juli Araber aus Saudi-Arabien und anderen Wüstenländern, um der Hitze zu entfliehen. Während dort die Temperaturen auf über 45 Grad steigen, sind es in Salalah zu dieser Zeit „nur“ 30 Grad. Die größte Hitze herrscht hier Ende April und Anfang Mai. Ein Taxifahrer erzählte uns, dass es letztes Jahr 41 Grad im Schatten gab, und ich war bereit, ihm das zu glauben. Obwohl Oman größtenteils aus Wüste besteht, sollen sich die Berge, die in dieser südlichen Provinz bis zu 2.100 Meter hoch sind, in den Sommermonaten grün färben. Für Araber ist das ein Wunder und ein Abbild des Paradieses – nicht umsonst hat jede arabische Flagge einen grünen Streifen (einschließlich der omanischen).

Auf einem Aussichtspunkt in 1400 Metern Höhe, der mit dem Auto erreichbar ist und tatsächlich das sprichwörtliche Ende der Welt darstellt, steht ein Hotel.

Es hat allerdings nur in den drei Sommermonaten geöffnet und richtet sich speziell an arabische Gäste, die das Wunder genießen möchten, im Regen und Nebel zu sitzen und darauf zu warten, dass es sich ein wenig lichtet, um die grünen Hänge unter ihnen zu betrachten. Einen Tschechen, Slowaken oder sogar Österreicher wird man dort kaum antreffen – sie haben genug Nebel zu Hause.

Wasser ist in einem Wüstenland ein Wunder. Als wir zu einem Ausflug in diese Berge aufbrachen, besuchten wir alle Orte, an denen es ein wenig Wasser gab. Das Wadi Darbat mit seinem Bach, einem kleinen See und einem Wasserfall von fast fünf Metern Höhe war eines dieser Ziele. Der Reiseleiter verriet uns, dass wir Glück hatten – im Januar war der Wasserfall noch aktiv. Irgendwann im Februar versiegt er, weil das Wasser ausgeht, und es muss auf die Regenfälle im Mai gewartet werden. Selbst der kleine See unterhalb des Wasserfalls, etwa 50 Meter lang und 20 Meter breit, ist für die Einheimischen eine touristische Attraktion. Es gibt dort einen Erholungspark, und man kann sogar ein Boot für fünf Rial pro Stunde mieten. Übrigens: Egal, welchen Ausflug man im Hotel bucht, das Wadi Darbat ist immer Teil des Programms.

Wadi Darbat

Der Rial, die lokale Währung, ist ein Erbe der Portugiesen, die hier zu Beginn des 16. Jahrhunderts ihre Reals einführten, bevor sie um 1650 vertrieben wurden. Ein Rial entspricht etwa 2,60 Euro und ist damit eine der nominal höchsten Währungen der Welt. Nominal stärker ist nur das kuwaitische Dinar – für einen Dinar kriegt man 3,12 Euro.

Nach den Portugiesen hinterließen auch die Engländer ab 1798 ihren Einfluss in der Region. Trotzdem wird auf den Straßen Omans – die neu und in ausgezeichnetem Zustand sind – rechts gefahren. Alle Schilder im Land sind konsequent zweisprachig, mit arabischem Text und englischer Übersetzung. Nach der Vertreibung der Portugiesen übernahm die Said-Dynastie die Macht, die bis heute regiert. Besonders im 19. Jahrhundert expandierte das omanische Sultanat und eroberte 1730 die Insel Sansibar sowie angrenzende afrikanische Küstengebiete. Bis 1856 war Sansibar sogar die Hauptstadt des omanischen Reiches und die Residenz des Sultans. Nach dessen Verlust begann jedoch ein wirtschaftlicher Niedergang, da die Omanis ihre afrikanischen Plantagen und Einnahmen aus Hafengebühren verloren. Zudem hatten die dominierenden Europäer etwas gegen den Sklavenhandel, der damals die wichtigste Einnahmequelle des omanischen Staates war. Sklaverei blieb in Oman jedoch bis 1970 legal, bis der reformorientierte Sultan Qaboos an die Macht kam und die Sklaverei verbot.

Nicht weit vom Wadi Darbat befindet sich die Tawi-Attair-Schlucht, die durch Monsunregen bis zu 200 Meter tief ausgewaschen wurde. Im Januar war dort jedoch kein Wasser mehr sichtbar, und auch der Imbiss am Anfang des Wanderwegs war geschlossen.

Im Norden von Salalah liegt das Wadi Dawkah mit Plantagen von Weihrauchbäumen. Weihrauch war über Jahrhunderte der wichtigste Exportartikel des Landes und ist natürlich in Souvenirläden – sogar in Hotels – erhältlich. Den Laden findet man oft schon durch den angenehmen Duft von brennendem Weihrauch, den die Verkäufer als Köder einsetzen. Es gibt auch Weihrauchöl mit angeblich heilender Wirkung gegen nahezu alles, besonders wirksam soll es aber bei Hautkrankheiten sein. Ob das stimmt, sei dahingestellt – der Verkäufer wird Sie davon aber garantiert überzeugen, und zwar in jeder Sprache.

Das Weihrauchmuseum „Al Baleed“ befindet sich in Salalah. Die Anfahrt mit dem Taxi ist kein Problem – die Straßen in Oman sind durchweg asphaltiert und in gutem Zustand, allerdings mit zahlreichen Kreisverkehren, da Ampeln hier wenig Vertrauen genießen. Die Hauptprobleme im Straßenverkehr sind jedoch Kamele. Sie laufen in großen Herden, grasen am Straßenrand oder überqueren die Fahrbahn, unabhängig von deren Größe und Bedeutung. Die vierspurige Fahrbahn lieben sie offensichtlich noch mehr als zweispurige. Und das Kamel hat immer Vorrang – und weiß das auch.

Salalah ist eine komplett neue Stadt, deren Wachstum ausschließlich des Tourismus zu verdanken ist. Der englische Reisende Wilfred Thesiger beschrieb sie 1940 noch als ein Nest aus einigen Lehmhütten. Heute ist Salalah mit etwa 300.000 Einwohnern eine moderne Stadt mit Infrastruktur, Einkaufsstraßen und mit einem Flughafen. Logischerweise gibt es auch eine große Moschee, die Platz für 3200 Gläubige bietet. Ein Besuch ist auch für Nicht-Muslime möglich – jedoch ohne Schuhe, in langen Hosen, und Frauen müssen ein Kopftuch tragen, das vor Ort nicht ausgeliehen werden kann.

In der Nähe von Salalah befindet sich das Städtchen Taqah mit einer kleinen Festung, die im 19. Jahrhundert vom Scheich Timman al Ma’ashani erbaut wurde. Für drei Rial Eintritt kann man dort historische Einrichtungen besichtigen, einschließlich eines Schlafzimmers mit Baldachin und etwas verblassten Spiegeln. Bis 1984 diente die Festung als Sitz des Gouverneurs der Provinz, bevor dieser nach Salalah umzog. Heute ist sie eine Touristenattraktion.

Alles in allem bietet die Umgebung von Salalah für Historiker und Kulturinteressierte nicht allzu viel. Der Schwerpunkt liegt auf Sandstränden, gutem Essen (vor allem Fisch und Meeresfrüchte) und Erholung.

Und – Salalah war die erste Destination, die ich besucht habe, wo man den Sonnenaufgang sowie auch Sonnenuntergang über dem Meer beobachten konnte. Und im Dezember musste man nicht einmal zu früh aufstehen. Die Sonne ging gegen 6:45 Uhr auf und gegen 18 Uhr unten. Beides war ein schönes Spektakel, wenn es keine störenden Wolken am Horizont gab.

Albanien III – Durrës

Das neue Jahr beginne ich, wo ich das alte beendte habe, in Albanien. Für die, die von meinen Erzählungen noch nicht müde sind, besuchen wir die Hafenstand Durrës – oder Durazzo.

Durrës war einst das griechische Dyrrachion, das römische Dyrrhachium, das türkische Dirac und das italienische Durazzo. Der Name der Stadt änderte sich je nachdem, wer dort herrschte, und die Herrscher wechselten hier in einem Tempo, das es nur selten anderswo gab. Es war das westliche Tor auf dem Balkan, um dessen Kontrolle sich viele bemühten. Und es hat seine Spuren im Charakter der Stadt hinterlassen.

Das Stadtzentrum ist – wie überall in Albanien – völlig neu, sauber, geräumig und schön. Die große Moschee war seit 1967 geschlossen (wie alle Kirchen in Albanien) und musste nach 1993 wiederhergestellt werden. Über den Platz hinweg sieht man das Rathaus aus dem Jahr 1929, also wieder ein Werk italienischer Architekten – und das „Aleksander-Moisiu-Theater“, ein wesentlich neueres Werk im kommunistischen Baustil.

Aleksander Moisiu Theater

Aleksander Moisiu war ein albanischer Schauspieler, der es sogar auf die internationale Bühne geschafft hat; 1935 spielte er in einem Film mit Lída Baarová, die damals eine der berühmtesten europäischen Schauspielerinnen war, sowie auch die Geliebte des Propagandaministers von Nazi-Deutschland Joseph Goebels. Im selben Jahr, als er mit Baarova gedreht hat, starb Moisiu, also weiß ich nicht, was Lída mit ihm gemacht hatte. Er hat ein kleines Museum in Durrës in der Colonel-Thompson-Straße.

Die Hauptattraktion von Durrës ist sein antikes Amphitheater.

Es wurde vom Kaiser Hadrian erbaut, wurde aber bereits durch ein großes Erdbeben im Jahr 345 zerstört. Erdbeben sind in dieser Region nicht so selten; Durrës wurde durch das Erdbeben von 1926 vollständig zerstört, und wir haben auch ein kleines erlebt – Stärke 5,0 auf der Richterskala – das ist eine Stärke, bei der zwar bereits Häuser wackeln, aber noch nicht abstürzen, und meine Liege am Pool nach vorne sprang. Meine Frau aber, die gerade eine Landsfrau aus der östlichen Slowakei entdeckt hatte und mit ihr im Pool plauderte, bemerkte das Erdbeben nicht einmal. Das letzte Erdbeben mit Todesopfern in Albanien gab es im Jahr 1967.

Das Amphitheater ist nicht vollständig ausgegraben, und vor allem – niemand versucht, es unsensibel zu rekonstruieren. Ein Teil des Amphitheaters befindet sich nämlich unter den umliegenden Häusern, deren Besitzer sich rechtlich gegen ihren Abriss wehren. Es war jedoch für nicht einmal 1 Euro zugänglich, und die Mosaiken einer – in den Umkreis des Amphitheaters eingebauten – Kirche aus byzantinischer Zeit sind interessant. Aus byzantinischer Zeit ist auch die Stadtmauer erhalten geblieben; sie ist imposant und führt bis zum Hafen, wo sie mit dem venezianischen Tor mit einer Bar auf der Terrasse endet.

Aber der schönere Ausblick ist von der Fly Bar auf dem Dach des Hochhauses direkt gegenüber dem venezianischen Tor; allein deshalb lohnt es sich, sie zu besuchen.

            Entlang der Promenade mit Statuen von Helden des kommunistischen Widerstands im Zweiten Weltkrieg und Gladiatoren gelangt man zum Archäologischen Museum; es erstreckt sich bis zum Meer. Es gibt hier ein großes Zentrum mit Geschäften, Bars und Diskotheken mit einem schönen Blick auf die Stadt. Auch zur königlichen Villa, die die Bürger von Durrës 1927 ihrem König Zog I. schenkten. Leider wurde diese Villa bei den Unruhen im Jahr 1997 beschädigt und ist geschlossen und zum Verkauf angeboten. Die Albaner hatten nur einen König – Zog I. Im Jahr 1928 entschied sich der albanische Präsident Ahmet Zogu, dass das demokratische System für Albanien überhaupt nicht geeignet sei, und ließ sich zum “König aller Albaner” krönen, einschließlich der Albaner, die in den umliegenden Ländern lebten. Von da an war das Verhältnis zu Jugoslawien und Griechenland extrem angespannt, und Zog I. hielt sich auf dem Thron nur dank der italienischen Unterstützung. Albanien war so etwas wie ein Protektorat Mussolinis, daher wurden praktisch alle Gebäude dieser Zeit von italienischen Architekten erbaut. Im Jahr 1938 feierte Zog I. seine Aufnahme in den europäischen Adel durch die Hochzeit mit der ungarischen Gräfin Geraldine Apolonyi, und sie gebar ihm kurz vor seiner Flucht aus dem Land den einzigen Sohn Leka. Im April 1939 hatte Mussolini genug davon, auf den König aufzupassen, und beschloss, Albanien militärisch zu besetzen. Im Jahr 1941 nutzte er dann Albanien als Ausgangspunkt für seinen Angriff auf Griechenland. Er erlitt eine peinliche Niederlage, aus der ihn sein Verbündeter Hitler retten musste, der aufgrund der Kämpfe auf dem Balkan den Termin seiner “Operation Barbarossa” von März auf Juni verschieben musste und demzufolge seine Armee dann vor Moskau im russischen Frost erstarrt. König Zog I. ging ins Exil und blieb dort. Sein Sohn Leka wird immer noch als König Leka I. betrachtet. Im Jahr 1993 reiste er mit einem handgefertigten Pass “Königreich Albanien” nach Albanien, aber die Behörden ließen ihn mit diesem Pass nicht ins Land, also musste er am nächsten Tag das Land verlassen. Im Jahr 1997 entschieden sich die Albaner in einem Referendum gegen die Wiederherstellung der Monarchie, und Leka I. versuchte, seine “Rechte” mit Waffengewalt durchzusetzen. Er scheiterte, musste das Land verlassen, wurde in Abwesenheit verurteilt und 2002 begnadigt. Im Jahr 2006 erhielt er den ehemaligen königlichen Palast in Tirana zurück, und 2011 starb er. Sein Sohn, der 1982 in Johannesburg geboren wurde, führt den Titel Leka II. und soll angeblich ein sehr sympathischer junger Mann sein.

            Das Archäologische Museum in Durrës zeigt zahlreiche Artefakte aus der antiken Geschichte der Stadt, fasst aber auch die bewegte Geschichte der Stadt zusammen, als sie besonders im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert buchstäblich von Hand zu Hand ging.

Archeologisches Museum

Am Eingang gibt es ein Schild, das das Fotografieren verbietet, aber als ich das nette Mädchen, das die Tickets verkauft hat, fragte, ob wirklich nicht fotografiert werden darf, zuckte sie mit den Schultern und sagte: “Nicht alles.” Also habe ich nicht alles fotografiert.

            Durrës hatte seine Bedeutung, weil von hier aus die Via Egnatia führte, eine römische Straße, die im zweiten Jahrhundert vor Christus vom Konsul Egnatius gebaut wurde, bis nach Byzanz, dem späteren Konstantinopel, führte und eine direkte Fortsetzung der Hauptstraße Via Appia mit Ende in Brindisi war. In letzter Zeit gibt es Bestrebungen, diese Straße für Touristen zugänglich zu machen, die sie wie einst vor zweitausend Jahren entlanggehen möchten.

            Am 10. Juli des Jahres 48 vor Christus kam es bei Durrës zu einer bedeutenden Schlacht zwischen Gnaeus Pompeius und Gaius Julius Caesar. Caesar erlitt hier eine empfindliche Niederlage. Nur dank des Zögerns seines Gegners, der Angst hatte, Caesars fliehende Armee zu verfolgen, endete Caesars politische Karriere nicht in Durrës. Die römische Republik hätte gerettet werden können. Sie wurde es nicht. Einen Monat später vernichtete Caesar die Armee der Republikaner bei Pharsalos, und der Weg zu seiner Alleinherrschaft war frei.

            Nach der Eroberung durch die Türken sank die Bedeutung von Durrës. Aus der Hauptverbindung zwischen Italien und dem Balkan wurde eine Grenzfestung, und die Türken waren weder eine Seemacht noch Händler, die ihre Waren in Schiffen transportierten. Erst mit der Entstehung des unabhängigen Albaniens gewann es wieder an Bedeutung und ist heute der größte albanische Hafen und mit 220.000 Einwohnern nach Tirana die zweitgrößte albanische Stadt.

Durres – Hafen

Albanien II

Die Architektur des Zentrums von Tirana wurde von den italienischen Architekten Florestino Di Fausto und Vittorio Morpurgo entworfen, die von Mussolini ins Land geschickt wurden. Rund um den Skanderbeg-Platz, dem Zentrum Tiranas, stehen Gebäude aus den 1920er- und 1930er-Jahren im Stil der italienischen Neorenaissance. Sie sind bunt bemalt, was auf die Initiative des früheren Bürgermeisters von Tirana, Edi Rama, zurückgeht, der die grauen Betonplattenbauten aus der kommunistischen Ära mit Farben verschönern ließ. Heute ist sein Freund Erion Veliaj Bürgermeister der Stadt. Edi Rama schaffte es bis zum Ministerpräsidenten Albaniens – übrigens der größte in Europa (mit einer Körpergröße von 202 cm – sein Geld hat er sich als Basketballspieler in Italien verdient). Mit Wladimir Putin (in seinen besten Jahren war er 168 cm klein, jetzt wird das wahrscheinlich noch schlimmer sein) wird er wohl nie zusammentreffen, das würde der kleinwüchsige russische Diktator psychisch nicht verkraften.

Tirana Hauptplatz

Tirana verfügt über breite Boulevards, viel Grün im Stadtzentrum, schöne Parks, die modernsten Fünf-Sterne-Hotels (wie das Hotel Piazza) und Überreste einer Burg, die man leicht übersehen könnte, wenn man nichts von ihr wüsste. Es ist fast unglaublich, dass 1991 das höchste Gebäude der Stadt das Minarett einer Moschee mit 35 Metern war, die der Diktator Enver Hoxha offenbar vergessen hatte, abreißen zu lassen. (Mit Kirchen und Moscheen ging er sonst rigoros um – die meisten ließ er entweder abreißen oder in Kinos, Sporthallen oder Erholungsheime für Mitglieder der kommunistischen Partei umbauen.)

Alte Moschee in Tirana

Dennoch gibt es einiges zu sehen. Liebhaber historischer Denkmäler kommen aber nicht wirklich auf ihre Kosten. Ich muss gestehen, dass auch ich, bevor ich mich auf die Reise in den Süden begab, nur sehr vage Vorstellungen von der Geschichte Albaniens hatte. Der Name Skanderbeg war mir ein Begriff, ich wusste, dass in Apollonia der erste römische Kaiser Augustus Rhetorik studierte, und dass der unglückliche ermordete ungarische König Karl II. auch als Karl von Durrës bekannt war – was bedeutete, dass dieser Hafen im Mittelalter irgendwie zu Italien gehören musste. Viel mehr war mir nicht bekannt, was natürlich auch daran lag, dass sich das Land nach dem Zweiten Weltkrieg vom Rest der Welt vollständig isoliert hatte.

Zunächst zerstritt sich der albanische Diktator Enver Hoxha mit Tito, dann mit Breschnew und schließlich sogar mit Mao Zedong. Albanien lebte in seiner eigenen abgeschotteten Welt und es interessierte niemanden. Nur Diktator Enver war in seiner Paranoia überzeugt, dass die ganze Welt Albanien erobern und vor allem ihn persönlich umbringen wollte. Deshalb ließ er im ganzen Land Tausende von Bunkern bauen, die eine Eroberung Albaniens unmöglich machen sollten. Wahrscheinlich glaubte er bis zu seinem Lebensende, dass diese Taktik erfolgreich war und die Invasionsarmeen abgeschreckt hatte. In Wirklichkeit dachte niemand in der Welt auch nur im Traum daran, das arme Land anzugreifen.

Enver Hoxha

Die Bunker sind buchstäblich überall. Im Zentrum von Tirana steht einer der größten von ihnen, der Platz für die gesamte albanische Regierung bot und heute das Museum Bunk’Art 2 beherbergt. Das Bild der Stadt prägen dann viele weitere kleinere Bunker für ein oder zwei Soldaten (falls sie sehr dünn waren – was bei der damaligen Ernährung durchaus möglich war, denn die Fleischration betrug angeblich nur ein Kilogramm pro Monat).

Bunkr Mitte in der Stadt

Der größte von allen ist allerdings Bunk’Art 1 und er befindet sich in einem Vorort von Tirana. Der war eigentlich der wichtigste von allen. Den Bunker im Stadtzentrum ließ Hoxha nämlich nur als Reserve bauen. Lediglich für den Fall, dass er es aus irgendeinem Grund nicht in sein Hauptquartier schaffen sollte.

Am Strand von Adria, wo wir wohnten, befand sich unweit unseres Hotels ein solcher Bunker direkt am Strand, sogar mit einer Schießscharte für eine Kanone.

Bunkr auf dem Strand

Da wir aber den Strand zwei Kilometer nach Süden und zwei Kilometer nach Norden abwanderten und keinen weiteren Bunker fanden, musste dieser ganz allein offenbar eine Küstenlinie von mindestens vier Kilometern verteidigen – wie das möglich gewesen sein sollte, ist mir ein Rätsel. (Na gut, es gibt dort doch zwei Bunker, direkt nebeneinander. Ein findiger Albaner hatte die Idee, aus dem zweiten ein Restaurant und eine Bar mit Terrasse zu machen. Doch offensichtlich scheiterte das Projekt, und übrig sind nur übelriechende öffentliche Toiletten geblieben.)

Dafür sind die Hügel über dem Tal bei der Stadt Fier regelrecht von Bunkern mit Kanonenscharten durchlöchert. Ich zählte vierzehn und bin sicher, dass ich nicht alle entdeckt habe.

Bunker in den Bergen bei Fier

Albanien erklärte sich zum ersten „atheistischen Staat der Welt“. Das Praktizieren jeglicher Religion war streng verboten und wurde mit Aufenthalten in Straflagern geahndet. Die Geheimpolizei „Sigurimi“ war allgegenwärtig, und die Brutalität des albanischen Kommunismus war unvorstellbar – sie übertraf sogar das russische System. Heute dürfen sich die Menschen wieder zu einer Religion bekennen. Zehn Prozent sind Katholiken, zwanzig Prozent orthodoxe Christen und siebzig Prozent Muslime. Doch aufgrund des langjährigen Einflusses des Kommunismus ist das religiöse Empfinden der Menschen oft recht lau. Die Muslime in Albanien gehören zudem größtenteils der Bektaschi-Sekte an, die eng mit den syrischen Aleviten verwandt ist. Diese nehmen den Koran nicht allzu wörtlich ernst und feiern sogar Weihnachten. Die Unterschiede zu den Aleviten sind marginal; es handelt sich einfach um eine europäische, und daher noch weniger ernsthaft ausgelebte Form des Islam.

Die Heiligtümer ihrer Propheten – der Derwische – sind über ganz Albanien verteilt, oft in unzugänglichen Bergen, wo sie als Einsiedler lebten. Und Berge gibt es in Albanien viele! Ein solches Heiligtum befindet sich auf einem Aussichtspunkt auf einem Berg über der Stadt Kruja. Die Fahrt dorthin führt über endlose Serpentinen und ist nichts für Menschen mit Reisekrankheit. Die Besichtigung lohnt sich jedoch. Es handelt sich um eine kleine Höhle, in der Dutzende von Kerzen brennen. Natürlich muss man, wie in jedem muslimischen Heiligtum, die Schuhe vor dem Eingang ausziehen.

Eingang in das Heilgtum

Während des Kommunismus mauerten die Menschen Kreuze in die Wände ein, um heimlich beten zu können, ohne dass die Geheimpolizei diese Kreuze entdecken konnte. Heute ist das Praktizieren von Religion wieder erlaubt, und überall stehen katholische und orthodoxe Kirchen sowie Moscheen nebeneinander. Der türkische Präsident Erdoğan, der versucht, in Albanien Einfluss zu gewinnen – obwohl die Albaner ihn bisher demonstrativ ignorieren – investierte 30 Millionen Dollar in den Bau einer großen Moschee in Tirana. Diese hat vier Minarette und war im Jahr 2018 noch nicht fertiggestellt.

Die Albaner nähern sich der Religion pragmatisch, ähnlich wie ihr Nationalheld Skanderbeg. Gjergj Kastrioti, genannt Skanderbeg, wechselte im Laufe seines Lebens mehrmals die Religion: vom Islam zum Katholizismus, dann zur Orthodoxie und wieder zurück zum Katholizismus – je nachdem, wie es ihm gerade passte und welche Verbündeten er gewinnen wollte. Das minderte seine Popularität bei den Albanern keineswegs, im Gegenteil, es stärkte sie vielleicht sogar. Zwar sieht man in Albanien auch Frauen im Tschador oder Hidschab, doch das ist bislang ein seltenes Phänomen. Allerdings wurde die Hauptmoschee in Shkodra mit saudischem Geld gebaut – und wo Saudi-Arabien erst einmal Fuß fasst…

Das letzte Mal machte Albanien im Jahr 1998 weltweit Schlagzeilen, als das Land einen vollständigen Zusammenbruch seines Finanzsystems erlebte. Es handelte sich um den sogenannten „Pyramiden-Skandal“: Banken sammelten Einlagen der Bevölkerung ein und versprachen Zinsen von bis zu fünfzig Prozent. Diese wurden den ersten „Investoren“ aus den Einlagen der späteren Anleger ausgezahlt, bis das gesamte System kollabierte. Die Banken gingen in Konkurs, und Albanien wurde zahlungsunfähig. Die Tatsache, dass die Menschen diesen Versprechen Glauben schenkten und auf ein so durchschaubares Pyramidensystem hereinfielen, zeigt, dass sie keinerlei Vorstellung von Finanzsystemen oder von dem Umgang mit Geld hatten.

Während die südlichen europäischen Länder traditionell einen eher lockeren Umgang mit Geld pflegen, hatten die Albaner vor dem Jahr 1989 und noch lange danach überhaupt keinen. In der kommunistischen Ära spielte Geld in Albanien tatsächlich keine Rolle. Die Menschen verdienten zwar kaum etwas, Wasser und Strom wurden dafür kostenlos geliefert. Hier stieß der tschechische Energiekonzern ČEZ auf Probleme, als er in die albanische Energiebranche investierte. Für Strom zahlte einfach niemand – weder Privatpersonen noch Behörden oder Krankenhäuser. Als verzweifelte Manager 2013 die Stromversorgung von Krankenhäusern einstellten, um Zahlung zu erzwingen, wurden sie wegen öffentlicher Gefährdung angeklagt. ČEZ zog sich daraufhin aus Albanien zurück, und die albanische Regierung verpflichtete sich schließlich 2014, die fehlenden Gelder teilweise nachzuzahlen. Die letzte Zahlung von 200 Millionen Kronen (ca 8 Millionen Euro) sollte in Jahr 2018 auf dem Konto von ČEZ eingehen.

Die positive Wirkung tschechischer Investoren in Albanien lässt sich recht einfach zusammenfassen: Die Albaner erfuhren die schockierende Nachricht, dass man für Strom zahlen muss – und akzeptierten diese Tatsache letztendlich. Heute ist dies weitgehend selbstverständlich.

Obwohl die Menschen wenig Geld haben, zögern sie nicht – und das ist sehr positiv –, in Bildung zu investieren.

Das durchschnittliche Einkommen eines Albaners betrug im Jahr 2018 etwa 200 Euro im Monat. Wie mir ein Taxifahrer erklärte, der uns – natürlich schwarz ohne Rechnung – nach Durrës fuhr, sind die Albaner noch nicht so weit, Steuern zu zahlen. Als Fahrlehrer in einer Fahrschule verdient er genau diese 200 Euro im Monat. Die Studiengebühren an der Universität, auf die er alle drei seiner Kinder schicken möchte (zwei sind bereits dort), kosten 1000 Euro pro Jahr. Für zwei Kinder gibt er also fast sein gesamtes offizielles Gehalt aus. Um zu überleben, braucht er ein zweites, inoffizielles Einkommen. Er war äußerst freundlich. Es ist bemerkenswert, wie gut sich Menschen verstehen, die eine Sprache gleich schlecht sprechen. In unserem Fall war das Italienisch, und wir haben uns hervorragend angefreundet.

Albanien entstand 1912 hauptsächlich auf Initiative von Österreich-Ungarn, wofür es bis heute dankbar ist. Allerdings war Österreich-Ungarn nicht von idealistischen Gedanken über das Selbstbestimmungsrecht der Völker geleitet, sondern verfolgte eigene Interessen. Es fürchtete eine zu große Stärkung Serbiens, das nach der Niederlage der Osmanen im Ersten Balkankrieg Anspruch auf dieses Gebiet erhob. Die Unabhängigkeit Albaniens wurde im Hafen von Vlora vom Balkon eines sehr bescheidenen Gebäudes ausgerufen, in dem sich heute das Unabhängigkeitsmuseum befindet. Ein repräsentativeres Gebäude konnte man damals trotz aller Bemühungen nicht finden, da es in der Stadt keines gab.

Den ersten Herrscher, Wilhelm zu Wied, stellten die Preußen. Die Vorstellung, dass ein Protestant in einem religiös gespaltenen Land allgemein akzeptiert würde, da er keiner der im Land vertretenen Gruppen angehörte, erwies sich als falsch. Zum Glück schlug der neue Herrscher nach seiner Ankunft in Albanien am 7. März 1914 sein Hauptquartier in Durrës auf, von wo aus es nicht schwer war, zu fliehen. Genau das tat er auch. Am 15. Juni erschossen nämlich die Albaner seinen Militärkommandanten, den niederländischen Oberst Ludwig Thomson (ihm zu Ehren gibt es in Durrës ein Denkmal, und eine Straße im Stadtzentrum trägt seinen Namen). Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte Wilhelm endgültig genug von seiner Regentschaft in Albanien. Am 3. September 1914, nach nicht einmal 200 Tagen auf dem Thron, bestieg er ein Schiff und verließ Albanien für immer.

Um zukünftigen Herrschern die Lust auf so eine feige Flucht zu nehmen, wurde 1920 entschieden, die Hauptstadt ins Landesinnere nach Tirana zu verlegen, das damals eine unbedeutende Ortschaft mit einer einzigen kleinen Moschee war. Alle Gebäude, die man heute in Tirana sieht (mit Ausnahme der bereits erwähnten Moschee), entstanden also nach 1920, sodass auch die ältesten kaum älter als 100 Jahre sind. Dies prägt auch das Erscheinungsbild der Stadt. Hinzu kommt, dass seit 1991, als es endlich gelang, das kommunistische Regime zu stürzen, die Stadtbevölkerung von 200.000 auf die heutigen 650.000 Einwohner anwuchs.

Trotz der Bemühungen Italiens und des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (wie das spätere Jugoslawien damals hieß), die das verhindern wollten, wurde Albanien als unabhängiger Staat auf der Pariser Konferenz 1920 im Sinne des Selbstbestimmungsrechts der Völker anerkannt. Als Dank dafür steht auf einem der Plätze in Tirana eine Statue von Woodrow Wilson, der diese Konferenz – wenn auch nicht besonders erfolgreich – leitete.

Die kulturellen Sehenswürdigkeiten hebe ich mir für den nächsten Artikel auf. Das kommt im nächsten Jahr.  Jetzt möchte ich mich in die Weihnachtspause verabschieden. Ich wünsche meinen Lesern, die genug Geduld mit meinem Deutsch hatten und meine Artikel lasen, frohe Weihnachten und alles Gute im neuen Jahr, das verspricht, spannend zu sein.

Sarvar

Sárvár ist für ausländische Besucher vor allem eine Stadt der warmen Quellen und Thermalbäder. Da mir seit zwanzig Jahren schon physisch übel wird, wenn ich an Viktor Orban denke, habe ich versucht, Ungarn in dieser Zeit zu meiden. Wenn wir uns schließlich doch dazu entschlossen haben, das Königreich Orbáns zu besuchen, lag das an mehreren Faktoren.

Zunächst hatten wir unsere Enkelinnen zu betreuen. Das bringt die Verpflichtung mit sich, ein Programm für sie zu entwickeln. Thermalbäder sind da die erste Wahl. Nicht, dass es in Österreich nicht genügend Thermalbäder gäbe – allein in der Steiermark gibt es innerhalb einer Stunde Fahrtzeit sechs solcher Möglichkeiten –, aber genau das war das Problem.

Da Enkelin Veronika morgens sehr ungern aufsteht, war klar, dass wir keines dieser steirischen Bäder rechtzeitig erreichen würden. Um einen Parkplatz zu finden, dann einen Umkleideschrank und schließlich auch eine Liege zu ergattern, muss man nämlich um neun Uhr morgens am Eingang sein. Das ist bei unserer Enkelin völlig unrealistisch. Wir mussten einen Ort finden, der weit genug entfernt war, um sie dazu zu bringen, aufzustehen und mit uns ins Bad zu gehen, schon allein deshalb, weil die Menschen um sie herum eine unverständliche Sprache sprechen (was Ungarisch reichlich erfüllt), was sie unselbstständig macht. So besteht eine gewisse Chance, sie vor elf Uhr aus dem Bett zu holen.

Deshalb fiel die Wahl auf das ungarische Sárvár. Erst später erfuhr ich, dass die Stadt auch für Historiker wie mich äußerst interessant ist.

Sárvár ist zum Beispiel die Hauptstadt der ungarischen Reformation. Was den religiösen Glauben der Ungarn betrifft, schätze ich diese Nation sehr. Obwohl sie sich zur Reformation des kalvinistischen Typs bekannten und ihr Heerführer Stephan Bocskai sogar einen Ehrenplatz am Reformationsdenkmal in Genf hat, sind sie die einzigen Calvinisten, die ihre Küche nicht ruiniert haben. Versuchen Sie, eine lokale Spezialität in Schottland, Bremen, Amsterdam oder sogar in Genf zu genießen – es ist nirgends besonders toll. Die Ungarn haben sich diesbezüglich tapfer gezeigt und ließen sich nicht von der Gefahr einer Todsünde durch gutes Essen einschüchtern. Gulasch, Langos, Pörkölt oder Halászlé und andere Köstlichkeiten haben sie sich nicht nehmen lassen. Das macht Ungarn trotz Viktors Eskapaden zu einem recht attraktiven Reiseziel.

Es war jedoch Sárvár, auch „das ungarische Wittenberg“ genannt, wo der ungarische Humanist János Sylvester tätig war, der hier 1539 das Buch „Grammatica hungarolatina“ herausgab, das nicht nur das erste Buch in ungarischer Sprache war, sondern im Grunde die Grundlagen der ungarischen Sprache legte (die Amtssprache in Ungarn war bis ins 18. Jahrhundert Latein). Danach folgte der nächste logische Schritt. Wie Luther in Deutschland, übersetzte auch Sylvester das Neue Testament ins Ungarische (1541). Im Schlosspark ist ihm eine Bank gewidmet.

János Sylvester Bank

Es wäre schön, sich vorzustellen, dass Sylvester gerade auf dieser Bank die ungarische Schriftsprache entwickelte, aber dem war nicht so. Die Burg von Nádasdy war bis 1810 von einem 30 Meter breiten Wassergraben umgeben, und erst dann beschloss der neue Besitzer Franz d´Este, aus der Festung einen angenehmen Wohnort zu machen. Der Graben wurde zugeschüttet, und später entstand dort der Park und die Bank noch viel später. Die meisten Bäume in diesem Park wurden etwa hundert Jahre später, in den 1930er Jahren, gepflanzt, und sie sind mittlerweile zu einer imposanten Größe herangewachsen. Sylvesters religiöse Orientierung ist mir etwas rätselhaft. Er war ein Schüler Melanchthons, also der rechten Hand von Martin Luther, sodass er noch keine Verbindung zu Calvin haben konnte. Ein anderer Gelehrter, Mátyás Bíró Dévay, veröffentlichte bereits 1538, also ein Jahr vor Sylvesters ungarischer Grammatik und somit vor der Entstehung der offiziellen ungarischen Schriftsprache, den ersten ungarischen Katechismus in Sárvár – die beiden Herren müssen eng zusammengearbeitet haben. Daher hat Sárvár seinen Titel als „Stadt der ungarischen Reformation“ erhalten.

Dennoch ist offensichtlich die Mehrheit der Einwohner von Sárvár katholisch.

Die Kirche des heiligen Ladislaus

Mindestens zwei große katholische Kirchen gibt es hier: die Kirche des heiligen Ladislaus am Kossuth-Platz und die Kirche des heiligen Michael. Die evangelische Kirche ist relativ klein und soll den Kampf von Franz II. Rákóczi für Religionsfreiheit symbolisieren. Nach Rákóczi ist auch die Hauptstraße benannt, die zu den Thermalbädern führt.

Evangelische Kirche

Ein weiteres Denkmal im Park um das Schloss ist dem Dichter der ungarischen Renaissance Sebestyén Lántos Tinódi gewidmet, der 1556 in Sárvár starb. Es gibt nicht viele Dichter, die sich einen Adelsstand ersungen haben. Tinódi hat es geschafft. Am 23. August 1553 wurde er auf Empfehlung des Palatins Tamás Nádasdy von König Ferdinand I. in den Adelsstand erhoben. Sein länglich geteiltes Wappen zeigt ein Schwert im roten und eine silberne Laute im blauen Feld.

Sebestyén Lántzos Tinódi Denkmal

Das letzte Denkmal im Park ist den Opfern des Holocausts gewidmet. In Sárvár lebten etwa 500 Juden. Sie waren gut integriert, und das Horthy-Regime schützte sie bis 1944. Doch im März 1944 besetzten die Deutschen Ungarn. Im Mai 1944 wurde in Sárvár ein jüdisches Ghetto errichtet, und im Juli begannen die Transporte, hauptsächlich in das Konzentrationslager Auschwitz. Nur wenige Juden aus Sárvár überlebten den Krieg, und selbst diese kehrten nicht nach Sárvár zurück. Die jüdische Gemeinde in dieser Stadt erlosch somit im Jahr 1944, und nur das Denkmal im Park unter den Festungsmauern erinnert an sie.

Holocaust-Denkmal

An der Fassade der Kirche des heiligen Ladislaus erinnert eine Gedenktafel daran, dass hier zwischen 1939 und 1941 polnische Flüchtlinge, vor allem Soldaten, für die Freiheit ihres Landes und den Ruhm Ungarns beteten. 1941 trat Horthys Ungarn dann an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands in den Krieg ein, und der Ruhm war dahin. Die Ungarn haben eine unfehlbare Neigung, immer auf der Seite der Verlierer zu kämpfen. Hoffen wir, dass sie diese Tradition auch heutzutage fortsetzen, da sich Orbán eindeutig auf die Seite des russischen Aggressors stellt. Vor der Kirche stehen die Büsten der Nationalhelden Sándor Petöfi und Lajos Batthyány, die beide ihr Leben in der Revolution von 1848 ließen. Petöfi fiel im Kampf gegen die Russen bei Világos, und Ministerpräsident Batthyány wurde 1849 nach Niederschlagung des Aufstandes von den Österreichern hingerichtet – obwohl er an dem Aufstand gar nicht teilgenommen hatte.

Das Rathaus am Kossuth-Platz hat über dem Eingang ein Glockenspiel.

Das Rathaus

Ich weiß nicht, wie oft es spielt, aber ich habe es um vier Uhr nachmittags gehört. Ich habe die künstliche Intelligenz gefragt und festgestellt, dass sie keine Ahnung hat. Sie behauptete, das Glockenspiel spiele um elf Uhr morgens und um sechs Uhr abends. Was sie nicht weiß, denkt sich dieser Schlaumeier einfach aus. Auf dem Platz gibt es auch ein Denkmal für die ungarischen Husaren aus Sárvár, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Die Liste der Gefallenen auf den Tafeln, die an den Wänden der Kirche des heiligen Ladislaus befestigt sind, ist erschreckend lang. Die Angriffe der Kavallerie in Zeiten von Stacheldraht und Maschinengewehren waren offensichtlich selbstmörderische Missionen.

Die Stadt wird von einer großen Burg dominiert, die den Namen der berühmtesten Familie trägt, die hier residierte und die die Burg bauen ließ – der Familie Nádasdy.

Nádasdy Schloss

Die heutige Burg wurde um 1560 von Palatin Tamás Nádasdy als Renaissancefestung erbaut – das war notwendig, da die Stadt am Fluss Raab an der Frontlinie in den ständigen Kämpfen mit den Türken lag. Tamás’ Enkel Ferenc Nádasdy wurde auch aus diesem Grund zu einem berühmten ungarischen Kämpfer gegen die türkische Bedrohung. Ursprünglich stand hier offenbar eine Wasserburg, umgeben von Sümpfen, die eine natürliche Verteidigung darstellten. Sárvár bedeutet übersetzt „Lehmburg“. Obwohl die Burg später in barockem Stil umgebaut wurde, behielt sie ihren Namen. 1803 kaufte der habsburgische Herzog Franz IV. d’Este, Herzog von Modena und Reggio, die Burg. Er war es, der die Festung zu einem Lustschloss umbaute, den Wassergraben zuschütten ließ und den heutigen imposanten Park anlegte. 1875 ging die Burg an die bayerische Königsfamilie Wittelsbach über, da der Sohn des Prinzregenten Luitpold, Ludwig, mit Prinzessin Maria Theresia Dorothea d’Este verheiratet war und so kam das Anwesen von Sárvár in seinen Besitz. Das Schicksal wollte, dass Ludwig III. gerade hier, bereits als König, starb. Ludwig übernahm nach dem Tod seines Vaters 1912 die Regentschaft für den unfähigen König Otto. Im Jahr 1913 verloren die Bayern endgültig die Geduld, änderten die Verfassung und riefen Ludwig zum König aus, ohne Otto den Titel zu entziehen, sodass Bayern bis zu Ottos Tod 1916 zwei Könige hatte. Ludwig war beim Volk, wie sein Vater, sehr beliebt. Sein Hobby war die Landwirtschaft, und er führte einen großen Bauernhof nach modernen Methoden, wobei auf die Hygiene der Tiere geachtet wurde, sodass er bei den Bayern den liebevollen Spitznamen „Milchkönig“ erhielt. Leider brach bereits ein Jahr nach seiner Thronbesteigung der Erste Weltkrieg aus, der seine Reformpläne unterbrach, da Bayern als Teil des Deutschen Kaiserreichs gezwungen war, an der Seite der herrschenden Preußen in den Krieg zu ziehen. Aus dem geliebten König wurde dadurch ein gehasster, und am 7. November 1918 zwangen ihn Revolutionäre unter der Führung von Kurt Eisner zur Abdankung und riefen den „Freistaat Bayern“ aus. Da Ludwig keinen Widerstand leistete, durfte er sich auch später in Bayern aufhalten, starb jedoch am 21. Oktober 1921 in seiner ungarischen Residenz Sárvár. Die Nádasdy-Burg diente noch seinem Enkel, Ludwig Karl Maria, als Zuflucht vor der immer stärkeren Schikane der Nazis. (Sein Onkel, der Kronprinz Rupprecht, versteckte sich als Gegner der Nazis in Italien, seine Familie landete sogar in Konzentrationslagern.) Die Wittelsbacher betrieben in Sárvár eine Pferdezucht, und Ludwig Karl Maria gelang 1945 ein wahrer Husarenstreich, als er seine edlen Pferde durch die russischen Linien bis nach Deutschland brachte.

Der Eingang in die Burg. Die gemauerte Brücke gibt es seit 1810, bis dahin gab es hier eine 30 Meter lange Zugbrücke.

Der bereits erwähnte Enkel des Burgenbauers Ferenc Nádasdy ist in unseren Breitengraden aus zwei Gründen bekannt. Erstens war er unter dem Spitznamen „Schwarzer Beg“ ein Schrecken für die Türken und erfolgreich bei der Eroberung der Festungen Esztergom, Visegrád, Székesfehérvár und Vác. Es wird ihm auch die Eroberung von Győr (Raab) zugeschrieben, aber meine Leser wissen, dass dort der Vorfahre des ehemaligen tschechischen Außenministers Karl Schwarzenberg, Adolf, sowie Graf Miklós Pálffy durch Eroberung dieser Stadt berühmt wurden. Allerdings gelang es den Türken zu Lebzeiten Nádasdys nicht, eine einzige der von ihm eingenommenen Städte zurückzuerobern. Damals führte der Kaiser mit dem Sultan von 1593 bis 1606 den sogenannten „Langen Krieg“, der beide Seiten finanziell und moralisch ruinierte. Nádasdy war seit 1587 Oberbefehlshaber des kaiserlichen Heeres und seit 1594 Mitglied des „Kriegsrats“, 1598 wurde er zum Ritter geschlagen. Bemerkenswerterweise starb er – was für einen Feldherrn seiner Zeit ungewöhnlich war – im Bett, an einer Krankheit im Januar 1604.

Der zweite Grund für seine Bekanntheit war seine Ehe. Er war nämlich mit Erszébet (auf Deutsch Elisabeth) Báthory, bekannt als die „Blutgräfin“, verheiratet. Die Gräfin Elisabeth war keine gewöhnliche Person. Ihr Onkel Stephan Báthory war König von Polen, ihr Bruder, ebenfalls Stephan, war der Erzieher von Gabriel Báthory, der 1606 Fürst von Siebenbürgen wurde. Die Familie Báthory gehörte also zur höchsten Gesellschaft und vor allem – sie war außerordentlich reich. Franz und Elisabeth hatten zusammen fünf Kinder, von denen jedoch zwei im Kindesalter starben. Elisabeth lebte neben der slowakischen Burg Čachtice und Wien auch in Sárvár. Der Ort ihrer Verbrechen, wo sie angeblich junge Jungfrauen ermorden ließ, um in deren Blut zu baden und so ewig jung zu bleiben, befindet sich in Wien in der Augustinergasse 12, wo Nádasdy als wichtiger kaiserlicher Beamter, seinen Palast hatte. Der Skandal brach 1610 mit der Aufdeckung ihrer Morde aus und erschütterte das gesamte Kaiserreich.

Bis heute streiten sich Historiker darüber, ob Elisabeth wirklich eine blutrünstige Sadistin war oder ob alles nur eine Intrige des ehrgeizigen Palatins György Thurzó war. Elisabeth Báthory war nämlich außerordentlich reich und führte sich nach dem Tod ihres Mannes wie das Oberhaupt der Familie auf, was für eine Frau zu jener Zeit absolut ungewöhnlich und provokativ war. Während Elisabeth zur traditionellen ungarischen Hochadelsgesellschaft gehörte, war Thurzó ein Emporkömmling, dessen Vorfahren erst im 16. Jahrhundert durch die Zusammenarbeit mit der Augsburger Familie Fugger und damit erworbenen Reichtum in den Adelsstand erhoben worden waren. Am 29. Dezember 1610 stürmte Palatin Thurzó mit seinen Soldaten die Burg in Čachtice und ließ sie durchsuchen. Dabei wurden angeblich Leichen junger Mädchen entdeckt. Der darauffolgende Prozess (eigentlich zwei, da einer auf Latein und der andere auf Ungarisch geführt wurde) waren sehr fragwürdig. Schon allein deshalb, weil Elisabeth an diesem Prozess nicht einmal teilnehmen durfte, sondern in Abwesenheit allein auf Grundlage der Aussagen ihres Dienstpersonals verurteilt wurde, die unter Folter erpresst worden waren. Drei der vier Zeugen wurden nach der Folter lebendig verbrannt. Thurzó lehnte das Ersuchen des Kaisers Matthias ab, Elisabeth hinzurichten, und verurteilte sie stattdessen zu lebenslangem Hausarrest auf der Burg Čachtice, wo sie vier Jahre später starb. Ob sie wirklich lebendig eingemauert wurde, wie es der slowakische Regisseur Jakubisko in seinem Film „Báthory“ darstellte, ist sehr zweifelhaft. Mindestens konnte sie während ihrer Haft Kontakt zu ihren Kindern halten und sogar über Erbschaftsangelegenheiten entscheiden.

Was kann man also im Schloss von Sárvár sehen? Es gibt dort ein Museum mit einer Ausstellung über die Geschichte der Husaren, ein Museum für angewandte Kunst, man kann den repräsentativen Saal des Schlosses besichtigen und es gibt eine Sammlung historischer Karten Ungarns.

Der representative Saal im Schloss

Der Park auf dem ehemaligen Burggraben ist jedoch nicht die einzige Grünfläche in der Stadt. Der Hauptpark ist das Arboretum, das nur wenige Dutzend Meter vom Schloss auf der anderen Seite der Hauptstraße entfernt liegt.

Arboretum

Das Arboretum, also der botanische Garten in Sárvár, wurde bereits zur Zeit von Ferdinand I., also im 16. Jahrhundert, gegründet. Seitdem hat sich dort viel Interessantes angesammelt. Es gibt seltene und exotische Bäume, gigantische Platanen und Ginkgo-Bäume, Blumenbeete und Pflanzen, die die lokale Flora repräsentieren, Teiche und Seen mit Wasserpflanzen und Tieren. Leider blühte im August, als ich dort war, nichts – abgesehen von einem rosa Busch mit zwei Blüten. Aber für den Eintrittspreis eines Euros und zwanzig Cent war es trotzdem ein schöner Spaziergang.

Das Zentrum des Geschehens in Sárvár ist natürlich das Thermalbad.

Termalbad

Die warmen Quellen, die hier an die Erdoberfläche sprudeln, sollen heilend sein und angeblich so ziemlich alles heilen. Im Jahr 2012 wurde Sárvár nach Durchführung von Zertifizierungstests vom ungarischen Hauptgesundheitsamt offiziell zum Kurort erklärt. Dies haben vor allem tschechische Besucher entdeckt, von denen es hier viele gibt. Ich vermute jedoch, dass der Hauptgrund weniger die heilende Wirkung des Wassers, sondern eher die Tatsache, dass der Eintritt relativ günstig ist – deutlich günstiger als in den Thermen in Österreich. Ein Tagesticket kostet 7.900 Forint, was etwa 20 Euro entspricht. Eine Familienkarte für zwei Erwachsene und zwei Kinder kostet in der Hauptsaison 48 Euro pro Tag. Außerhalb der Hauptsaison – also auch jetzt in November – sind die Preise noch günstiger (16 bzw. 40 Euro). Alles ist neben Ungarisch, Deutsch und Englisch auch auf Tschechisch beschrieben.

In den Pools gibt es viele Attraktionen für Kinder: Rutschen, ein Piratenbecken und ein Wellenbecken. Kleine Rutschen gibt es im „Family Spa“ unter dem Dach, draußen im Gelände finden sich große Rutschen in verschiedenen Neigungen und Formen, wobei ich hier keine „Killer“-Rutschen wie in Moravske Toplice gesehen habe.

Übrigens, das Personal spricht Deutsch und zumindest grundlegendes Tschechisch, sowohl an der Kasse als auch in den Restaurants, sodass man Ungarisch nicht benötigt und selbst diejenigen zurechtkommen, die außer der Muttersprache keine andere Sprache beherrschen. Die Beschreibungen der Speisen auf Deutsch und Tschechisch wurden zwar offensichtlich von Ungarn eigenhändig erstellt und haben manchmal ein Lächeln zur Folge, sind aber verständlich. Und falls Ungarn auf den Anzeigetafeln Slowakisch mit Slowenisch verwechseln, ist das nichts, was einen Touristen aus der Ruhe bringen würde.

Lángos bleibt Lángos, Gulyás ist Gulasch und dass Suppe „leves“ heißt, ist nicht schwer zu verstehen. Eine Konditorei zu finden („cukrázda“) ist ebenfalls machbar für einen ausländischen Touristen, „kavézó“ bedeutet Kaffeehaus, nur bei „étterem“ – also Restaurant – könnte ein Tourist kurzfristig Schwierigkeiten haben. Aber satt wird man auf jeden Fall. In Sárvár gibt es fast so viele Restaurants wie Hotels und Apartments, also reichlich Auswahl.

Auch das Bierangebot hat sich offensichtlich den Besuchern angepasst. Hier bekommt man eine Menge tschechischen Biermarken, wie Krušovice, Budvar, Staropramen oder Pilsner Urquell.

Ein Nachteil ist, dass man in den Restaurants im Thermenbereich nicht mit den Armbändern zahlen kann, die man beim Eintritt, wie in Österreich, erhält. Man muss Bargeld oder eine Bankkarte mitnehmen, was natürlich Taschendiebe anzieht. Meiner Frau wurden während unseres Aufenthalts im warmen Wasser die Armbanduhr gestohlen. Mit Karte zu zahlen ist zwar bequem, aber leider teuer. Während der offizielle Wechselkurs bei 396 Forint pro Euro lag, wurde in den Thermen ein Kurs von 360 berechnet, was bei jeder Kartenzahlung aisch einen Aufschlag von 10 Prozent bedeutet. Es ist also günstiger, Bargeld am Geldaen in der Stadt abzuheben (zu einem akzeptablen Kurs von 391:1) und bar zu bezahlen.

Saalbach Hinterglemm

            Nach dem Artikel über Pinzgau vor 2 Wochen, kann ich nicht widerstehen, um den Bericht um das nächste Tal in der gleichen Region zu ergänzen, obwohl ich diesen Teil von Pinzgau bereits voriges Jahr besucht habe.

Saalbach-Hinterglemm war lange Zeit ein Schizentrum, das ich immer wieder verpasste. Ich war überall in der Umgebung – am Wilder Kaiser, in Kitzbühel, am Hochkönig –, doch das hochgelobte Saalbach blieb mir verborgen. Bis zu vorigem Winter, als ich endlich mit meinem Sohn hinfuhr, und es war wirklich großartig, auch wenn wir in drei Tagen Schifahrens nur 150 der insgesamt 650 Pistenkilometer bewältigten. Das war mehr als genug für uns. Am Ende unseres Aufenthaltes saßen wir dann auf der Terrasse der Hütte am Westgipfel des Schattbergs, genossen die Sonne, während mein Sohn über einen QR-Code Getränke bestellte, mit seinem Handy bezahlte, und diese dann tatsächlich ankamen – was mir ein kleines seelisches Trauma bereitete. Von dort sah ich den Weg zum nächsten Gipfel (es war der Stemmerkogel), der so greifbar nah war, dass ich den starken Wunsch verspürte, im Sommer mit meiner Frau zurückzukommen und sie auf diesen verlockend nahen Gipfel zu führen.

Wussten Sie, dass die Farbe Weiß Dinge näher erscheinen lässt? Ich hatte es geahnt, aber nicht, dass es so stark wirkt. Als wir dann im Sommer am Westgipfel des Schattbergs standen (kommend zu Fuß vom Ostgipfel, den wir mit der Seilbahn erreicht hatten), wirkte der Gipfel gar nicht mehr so nah. Trotzdem erklommen wir ihn tapfer – es war tatsächlich nicht schwierig.

Stemmerkogel

Auch im Sommer gibt es viele Touristen in Saalbach, vor allem Radfahrer. Mountainbiking und insbesondere Abfahrten auf den speziell präparierten Wegen vom Gipfel (wohin sie mit der Seilbahn gelangen) sind hier der große Renner. Wir Fußgänger waren eher eine geduldete Minderheit, aber es hat sich gelohnt. Der Saalbach-Hinterglemm-Kamm ist grün und sanft (deshalb wird hier im Winter Ski gefahren), bietet aber auf beiden Seiten atemberaubende Ausblicke. Im Norden sieht man den Hochkönig, dann die Steinberge (bei Berchtesgaden, Saalfelden und Löfler, nach welchen Städten Teile dieses Gebirges benannt sind). Es handelt sich hier um echte Felsgebirge mit Höhen über 2000 Metern, die Ehre ihrem Namen machen. Und ganz im Westen ragt das zerklüftete „Wilder Kaiser“-Gebirge auf, unter dem das Dorf Elmau liegt, das durch die TV-Serie „Der Bergdoktor“ berühmt wurde.

Im Süden erheben sich die Dreitausender der Hohen Tauern mit dem dominanten Kitzsteinhorn und dem Großvenediger (der Großglockner, Österreichs höchster Berg, ist eher im Hintergrund und eigentlich gar nicht so dominant). Das Panorama ist atemberaubend und absolut sehenswert.

Ein Vorteil ist, dass man mehrere Gipfel mit Seilbahnen erreichen kann. Das Beste daran: Wenn man in einer Unterkunft übernachtet, die Partner der sogenannten „Jokercard“ ist, sind alle diese Seilbahnfahrten im Übernachtungspreis inbegriffen, sodass man kostenlos fahren kann. Es lohnt sich also, zu prüfen, ob die gebuchte Unterkunft wirklich ein Jokercard-Partner ist. Andernfalls kann der Aufenthalt teurer werden – es sei denn, man ist ein begeisterter Wanderer, der die Gipfel wie einst Erzherzog Johann aus dem Tal erklimmt. Wir hatten ein Apartment, das der Partner war, und das hat sich sehr gelohnt (neben den Seilbahnen und anderen Kleinigkeiten kann man zum Beispiel in den Kapruner Thermen eine Stunde länger bleiben). Die Jokercard ermöglicht auch kostenloses Parken an den Seilbahnen – man muss nur das Ticket an der Kasse bestätigen lassen. Es gilt bis 18 Uhr, danach wird das Parken kostenpflichtig, um zu verhindern, dass raffinierte Touristen die Parkplätze für Abendessenbesuche nutzen.

Direkt von Saalbach aus führen zwei Seilbahnen auf die Schattberggipfel – der „Schattberg X-Press“ auf den Ostgipfel und die „Westgipfelbahn“ auf den Westgipfel. Es gibt noch einen Mittengipfel, der sogar der höchste der drei Schattberggipfel ist, aber zu diesem muss man zu Fuß gehen.

Zum Westgipfel fährt auch eine kurze Seilbahn, der „Schattberg Sprinter“, der jedoch für den Transport von Fahrrädern und Radfahrern dient, die dann auf den Winterabfahrten hinunterfahren und anschließend die chirurgischen Ambulanzen in Zell am See oder in Saalfelden füllen. Für die Radfahrer ist es ein wahres Paradies, weshalb es auch so viele davon gibt. Die Abfahrten sind unterschiedlich schwierig und farblich markiert gleich wie die Schipisten im Winter – blau, rot und schwarz. Die schwarzen Abfahrten sind natürlich nur für Lebensmüde, die blauen fahren auch Kinder hinunter. Auf den schwarzen gibt es Sprünge von bis zu fünf Metern, auf den blauen angeblich maximal einen Meter. Ich habe es nicht ausprobiert – mein zweimal operiertes Knie hätte mir wohl nach dem ersten, auch nur ein Meter hohen Sprung, ein paar Ohrfeigen verpasst. Das Problem stellen vor allem die roten Abfahrten dar. Auf diese wagen sich auch weniger Erfahrene und blockieren dann die schnelleren Fahrer, vor allem in Kurven, was gefährlich werden kann. Im Gegensatz zu Schipisten, wo man solchen langsamen Schifahrern ausweichen kann, gibt es hier nur eine Spur, dass Überholen praktisch unmöglich macht.

Für wirkliche Anfänger gibt es ein Übungsgelände direkt in Saalbach. Es ist nicht nötig, Fahrräder und Ausrüstung mitzubringen – praktisch überall gibt es Verleihstationen, wo der Wagemutige alles bekommt, vom Fahrrad über Helm bis zur vollständigen Rüstung, um die Unfallambulanzen doch etwas zu entlasten. Radfahrer haben mit der Jokercard zwei Fahrten pro Tag kostenlos (es wird davon ausgegangen, dass sie im Gegensatz zu Fußgängern den Weg nach unten eigenständig zurücklegen). Wer den ganzen Tag Seilbahn fahren möchte, muss ein Tagesticket kaufen, wobei die Jokercard einen Rabatt bietet.

Auf dem Ostgipfel des Schattbergs beginnt die attraktivste (und anstrengendste) Wanderung in dieser Region: die „7-Summits“-Tour.Auf dieser Tour besteigt man an einem Tag sieben Gipfel, überwindet insgesamt 1450 Höhenmeter, und die gesamte Strecke beträgt etwa 24 Kilometer. Es geht zwar über den Kamm, und man startet vom Ostgipfel des Schattbergs in über zweitausend Metern Höhe, aber der Kamm ist ein ständiges Auf und Ab, das kein Ende nimmt. Also nichts für ältere Wanderer über sechzig, es sei denn, sie sind täglich in den Bergen unterwegs. Niedrigere Gipfel wie der Saalbachkogel zählen nicht einmal zu den sieben Gipfeln, müssen aber dennoch erklommen werden. Vom Ostgipfel des Schattbergs geht es zuerst zum Westgipfel. Dann auf den Stemmerkogel (dorthin sind wir mit meiner Frau gekommen), und dann weiter zum Hochkogel (der hat mich noch gelockt, aber meine Frau nicht, und so hat er mir dann auch irgendwann meine Sympathie verloren). Danach wird es wirklich interessant und manchmal sogar spannend, besonders auf dem Weg zum Hochsaalbachkogel – der Aufstieg ist hier mit Seilen gesichert. Dann führt der Weg über den Bärensteigkogel und den Manlitzkogel zum Mittagskogel. Selbst wenn man mit der ersten Seilbahn losfährt, wird man bis zum „Mittagsgipfel“ nicht vor dem Mittag ankommen – vermutlich liegt der Gipfel einfach genau im Osten, „zur Mittagszeit“, und daher hat er seinen Namen. Schließlich erreicht man den mit 2363 Metern über dem Meer höchsten und glücklicherweise letzten Gipfel der Tour, den Geißstein. Doch wer glaubt, mit der Besteigung dieses Gipfels sei die Herausforderung gewonnen, liegt falsch: Der Abstieg über Birgel ins Tal ist lang und mühsam. Natürlich, wie überall in Österreich, ist der Weg von Berghütten gesäumt, wo man essen und trinken kann und erschöpfte Wanderer hier sogar übernachten könnten.

Nein, wir waren nicht so ehrgeizig. Stattdessen fuhren wir mit der Seilbahn „12er Kogelbahn“ auf den „12er Kogel“.

Die Talstation liegt diesmal in Hinterglemm, und es gibt auch hier genügend kostenlose Parkplätze. Was sich hier die Einheimischen alles einfallen lassen, um Touristen und vor allem Familien mit Kindern anzulocken, ist wirklich bewundernswert. Spielplätze für Kinder, Liegestühle, Restaurants, Aussichtsplattformen und ein absolut erstaunlicher Minigolfplatz mit originellen Holzschlägern.

Minigolf auf dem “12-er Kogel”

Wir aber machten uns auf den Weg zum „Hohen Penhab“, der den Zwölferkogel um etwa zweihundert Meter überragt. Es ist nichts besonders Anspruchsvolles. Von dort führt ein fantastischer „Panoramaweg“ entlang des Kamms mit wunderschönen Ausblicken auf das Kitzsteinhorn und den Großvenediger. Es ist ein Spaziergang von etwas mehr als einer halben Stunde, der unvergesslich bleibt.

Hinter einem Sattel gibt es noch einen Aufstieg zum Gipfel namens Schönhoferwand. Danach hat man als Wanderer mehrere Möglichkeiten: Man kann weiter entlang des Kamms gehen, über den „Heimat Rundweg“ zum Zwölferkogel zurückkehren oder zum Elmaualm absteigen und dort essen. Wir wählten die letzte Variante; nach einer Pause auf dem Elmaualm kann man zur Mittelstation der Seilbahn gehen (leider etwas bergauf, was meiner Frau nicht ganz gefiel) und von dort nach Hinterglemm zurückfahren. Diese Tour ist unvergesslich, und wer einmal in Saalbach ist, sollte sie auf jeden Fall machen. Selbst vierjährige Kinder haben sie geschafft, und das Erlebnis ist großartig.

Weitere Seilbahnen, die in der Jokercard enthalten sind, sind die Kohlmaisbahn, die vom Zentrum Saalbachs startet. Angeblich gibt es hier Parkplätze, aber wir haben keine gefunden – zumindest nicht an der Talstation der Seilbahn. Anders als die Seilbahnen, die wir nutzten, fährt diese nach Norden, also näher zu den Steinbergen, und auf eine etwas niedrigere Höhe von 1794 m.ü.M.

Die Reiterkogelbahn in Hinterglemm bringt Sie auf eine Höhe von nur 1480 Metern. Sie wird häufig von Skifahrern im Winter und Radfahrern im Sommer genutzt. Zu den Gipfeln der Berge ist es von hier aus noch weit (oder hoch, je nachdem, wie man es sieht).

Zur letzten Seilbahn im Angebot, der Asitzbahn/Steinbergbahn, muss man ein Stück mit dem Auto nach Leogang fahren, das ein Tal weiter liegt. Im Winter gibt es auf dieser Seite komfortable Abfahrten mit blauen Pisten (oder auch roten, die aber in Wirklichkeit auch blau – na sagen wir dunkelblau – sind). Im Sommer hat man die Möglichkeit, die Steinberge wirklich direkt vor sich zu sehen. Wer seine Nervenstärke testen möchte, kann den Flying Fox XXL erleben, auf den die Jokercard einen Rabatt von zehn Prozent gewährt. Ein Stück weiter im gleichen Tal, in Fieberbrunn, steht das berühmte Jakobskreuz. Das riesige Holzbauwerk auf dem Gipfel ist mit dreißig Metern Höhe das größte Gipfelkreuz der Welt, das man besteigen kann. Es hat fünf Aussichtsplattformen und war schon in zahlreichen österreichischen Filmen zu sehen. (In Krimis stürzt oder springt man häufig von diesem Kreuz – immer mit tödlichem Ausgang). Man kann mit der Pillersee-Seilbahn dorthin fahren, diese ist aber nicht in der Jokercard enthalten. Wer sich also Euros sparen möchte, kann die Höhe von 1456 Metern auch zu Fuß erreichen.

Jakobskreuz

Wir entschieden uns aber für einen Besuch des Kitzsteinhorns. Über den habe ich vor zwei Wochen berichtet, also heute nur sehr kurz..

Zum Kitzsteinhorn fährt man – wie schon erwähnt – über Kaprun. Dort gibt es eine Seilbahn, die jedoch nicht direkt aufs Kitzsteinhorn führt, sondern auf den Maiskogel. Von dort kann man angeblich mit der modernsten Gondelbahn zur Mittelstation des Kitzsteinhorns weiterfahren, allerdings kostete dieses Vergnügen 63 Euro pro Person. Wenn man Kaprun durchfährt und nach sechs Kilometern unter der „Gipfeljetbahn“ parkt, kostete die Fahrt zum Gipfel „Top of Salzburg“ immerhin „nur“ 54,50 Euro. Diese Seilbahnen sind nicht im Jocker-Card-Angebot enthalten. Es ist also kein günstiges Vergnügen, aber es lohnt sich. Für die Seilbahn „Aquilla di Midi“ am Mont Blanc in Chamonix haben wir schon vor zehn Jahren 55 Euro pro Person bezahlt. Ich will gar nicht wissen, was das heute bei der aktuellen Inflation kostet. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist der „Gletscherjet“ in Kaprun geradezu günstig.

Wer denkt, er fährt einfach mit der Gondel hoch, trinkt einen Kaffee und fährt dann wieder runter, und das sei ein Programm für eine Stunde, der irrt gewaltig. Man könnte einen ganzen Tag auf dem Kitzsteinhorn verbringen. Es gibt hier zahlreiche Attraktionen. Nach der Ankunft an der Bergstation der Seilbahn kann man sich entscheiden, ob man den Lift direkt zum Restaurant nimmt oder lieber über die letzten Überreste des Gletschers zur „Ice Arena“ läuft, einem sogenannten Schneestrand.

Dort gibt es einen Förderbandlift, der Touristen, insbesondere Kinder, die auf Plastikschlitten im Schnee rutschen wollen, auf 3000 Meter Höhe bringt. Wir rutschten nicht. Von dort führt ein Weg zur Aussichtsplattform „National Gallery Platform“, die einen Blick auf die österreichischen Dreitausender der Hohen Tauern mit dem Großglockner im Hintergrund bietet, der sich allerdings oft in Wolken versteckt. Es gibt hier auch einen Skywalk, auf dem sich Touristen fotografieren können, mit dem Großglockner im Hintergrund, auch wenn man ihn oft aus dem bereits erwähnten Grundhäufig nicht sehen kann. Ich hatte Glück, für gute halbe Stunde hat sich die Spitze über die Wolken gezeigt, aber das war auch schon.

Von der Aussichtsplattform führt ein Tunnel zum Restaurant. Der Tunnel ist 360 Meter lang und wurde in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gegraben. Heute befindet sich hier die „Nationalpark Gallery“, ein Lehrpfad zur Entstehung der Hohen Tauern vor 400 Millionen Jahren, über Flora und Fauna, Bergsteiger, Halbedelsteine in den Felsen und vieles mehr. Es gibt zweimal pro Tag eine Führung, die ungefähr eine Stunde dauert. So gelangt man schließlich zum „Gipfel Restaurant“. Es ist eine Gaststätte mit Selbstbedienung, gestresstem fremdsprachigem Personal und nicht gerade empfehlenswertem Essen. Wenn man aber den ganzen Tag in 3000 Metern Höhe verbringen möchte, bleibt als Alternative nur noch eine Jause im Rucksack. Also, bitte, vorsorgen!

Zurück zur Mittelstation kann man wieder mit dem Gletscherjet fahren, aber ab dem Restaurant fährt alle fünfzehn Minuten auch eine große Gondel, bei der man sich ein Umsteigen spart. Und man hat die Möglichkeit, das Kitzsteinhorn wieder aus einem etwas anderen Blickwinkel zu sehen.

Den Abschluss des Tages bildete dann ein Besuch in der Therme in Kaprun.

Therme Kaprun

Sie liegt direkt am Anfang des Ortes. Das Wasser ist zwar nicht besonders warm, aber für einen Sommerbesuch genau richtig, und man kann das gesamte Panorama der Berge direkt gegenüber aus dem Wasser beobachten. Außerdem wird man direkt im Wasser bedient. Der Kellner nimmt die Bestellungen am Schwimmbeckenrand auf, bringt das Getränk bis an den Pool und man bezahlt mit der Uhr am Handgelenk, die man an der Kasse bekommen hat. Also, wer es nicht möchte, muss das Wasser nicht einmal verlassen. Und mit der Joker-Card kann man eine Stunde länger bleiben, also wenn man ein Drei-Stunden-Ticket für 24 Euro kaufte, durfte man vier Stunden lang baden. Ich nehme an, auch hier ist inzwischen die Inflation zugeschlagen, also die aktuellen Preise werden woanders liegen.

Also findet fast jeder in dieser Region etwas für sich: Mountainbiker, Wanderer aber auch Menschen, die einfach nur entspannen wollen. Ob nun verschleiert oder unverschleiert. Vielleicht kommen wir hierher noch einmal zurück.

Pinzgau

Pinzgau ist die westlichste Region des österreichischen Bundeslandes Salzburg. Er ragt nach Westen zwischen Nord- und Osttirol hinein und besteht im Wesentlichen aus einem Gebirgstal rund um den Oberlauf des Flusses Salzach, dem Landeszentrum Zell am See und den nach Norden hinauslaufenden Gebieten um die Orte Saalbach und Saalfelden. Dies lässt vermuten, dass in diesem Teil des Landes ein anderer Fluss die Lebensader bildet, nämlich die Saalach. Und vor allem gibt es hier Berge, Berge und noch mehr Berge. Sehr viele Berge. Schließlich ist Pinzgau flächenmäßig der größte Bezirk Salzburgs. Doch gerade wegen dieser Berge kommen die Menschen seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hierher, als der Tourismus begann. Also kamen auch wir hierher.

Das Ende der Welt liegt in Krimml. Oder zumindest war es das. Heute ist es durch eine mautpflichtige Passstraße über den Gerlos-Pass mit dem östlichsten Tal Tirols, dem Zillertal, verbunden. Doch dieses „Ende der Welt“ lohnt sich wegen seiner Wasserfälle zu besuchen. In drei Stufen stürzt hier das Wasser aus einer Höhe von 380 Metern hinab.

Krimmler Wasserfälle

Die Menge des Wassers ist beeindruckend; am Tag unseres Besuchs betrug sie 1700 Liter pro Sekunde, es können aber auch über 2000 Liter sein. Im Salzburgerland herrschte bis 1806 der Erzbischof von Salzburg, der die Position eines Reichsfürsten innehatte. Danach kam das Land unter habsburgische Herrschaft und wurde in Österreich eingegliedert. Für die Gebiete rund um die Stadt Mittersill, zu der Krimml gehörte, wurde ein sogenannter Pfleger, also Verwalter, eingesetzt. 1835 wurde ein bestimmter Ignaz von Kürsinger hierhergeschickt, und er erkannte sofort das Potenzial der Krimmler Wasserfälle. Er ließ hier einen Weg mit einer Gloriette und einem Pavillon für Maler errichten. Kürsinger ist heute die Aussichtsplattform am Fuß des Wasserfalls gewidmet. Kürsinger organisierte auch die erste Besteigung des Großvenediger, sodass dieser Berg zum ersten Mal von Norden und nicht von der Neuen Prager Hütte in Osttirol bestiegen wurde, wo wir uns im letzten Jahr dem Gipfel näherten. Weitere Aussichtspunkte tragen die Namen anderer Verwalter, die die immer wieder verfallenden Treppen um den Wasserfall herum reparieren und verbessern ließen, da der Zahn der Zeit unerbittlich war. Es handelte sich dabei überwiegend um Funktionäre des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DuÖAV), wie Ernst Jung, Rudolf Riemann, Theodor Ritter von Sendtner oder Ernst Friedrich Berger. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Weg mit den Aussichtsterrassen fertiggestellt und ist bis heute in Betrieb. Jeder Aussichtspunkt bietet ein schönes Erlebnis, sei es der Blick auf die Wassermassen oder in den Abgrund unterhalb der Wasserfälle. Oberhalb der dritten Stufe des Wasserfalls gibt es eine Hütte, und der Weg führt dann durch das Krimmler Achetal vorbei an zwei „Almen“, also Bergbauernhöfen, wo Erfrischungen angeboten werden, bis zum Hotel Krimmler Tauernhaus.

Krimmler Tauernhaus

Von dort führen Wege in alle Richtungen zu Hütten, die Ausgangspunkte für Aufstiege auf die Dreitausender darstellen, und zwar Warnsdorfer Hütte, Birnlückenhütte in Südtirol oder Richterhütte in Nordtirol.

Da der Weg zum Krimmler Tauernhaus ziemlich lang ist, kann man auch ein Taxi dorthin nehmen. Oder, wenn einem im Hotel die Kräfte ausgehen, kann man mit einem Taxi zurück nach Krimml fahren.

Auf dem Weg entlang der Salzach fällt die Menge an neuen Apartments in den Dörfern, durch die man fährt, auf. Die Erklärung ist einfach: Seilbahnen bringen einen von dort zu den Skipisten, die mit dem Skigebiet von Kitzbühel verbunden sind. Das heißt, man wohnt günstiger als in Kitzbühel, kann aber seine Pisten nutzen – vorausgesetzt, man ist schnell genug, denn es ist weit, das Schigebiet ist einfach riesig. Die drei Seilbahnen Panoramabahn, Smaragdbahn und Wildkogelbahn sind auch im Sommer in Betrieb, und von ihren Bergstationen aus sind leichte Gratwanderungen für die ganze Familie möglich.

Das Zentrum des Tals ist Mittersill.

Mittersill

Es ist ein charmantes Städtchen mit etwa fünftausend Einwohnern – und der Sitz der berühmten Firma Blizzard. Skier dieser Marke wurden hier seit 1953 von Anton Arnsteiner produziert. Dieser örtliche Tischler kehrte aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, in dem er mehrmals verwundet worden war, und begann in seiner Werkstatt Skier herzustellen. Da er keine Angst vor Innovationen hatte, führte er als Erster Polyethylen für Skibeläge ein, später experimentierte er mit Glasfaser und Metallen. 1974 produzierte sein Unternehmen eine halbe Million Skier. 1996 präsentierte er die ersten Carving-Skier, musste aber im selben Jahr Insolvenz anmelden. Das Unternehmen wurde nach und nach von mehreren Investoren übernommen und gehört jetzt zur italienischen Technica-Gruppe, wobei die Produktion größtenteils in die Ukraine verlagert wurde. Arnsteiner verstarb 2013 und ist auf dem Friedhof im Ortsteil Felber beerdigt.

Felber ist der älteste Stadtteil, wo sich auch die romanische Kirche und der Felberturm befinden, in dem das örtliche Museum untergebracht ist. Dieses widmet sich den sogenannten „Säumern“, Händlern, die Waren über Gebirgspässe transportierten. Sie brachten auf Maultieren Salz nach Süden und Wein nach Norden über Pässe in Höhen von über 2000 Metern, oft unter Lebensgefahr. Mittersill war ein Umschlagplatz für diesen Handel, selbst isoliert von der Zivilisation bis 1898, als eine Schmalspurbahn von Zell am See gebaut wurde.

Die Familie Felber beherrschte die Stadt, die damals noch ein Markt war, vom 12. bis 14. Jahrhundert. Ihr Name blieb sowohl im Stadtteil Felber als auch im Felbertal erhalten, wo sich das größte Vorkommen des Minerals Scheelit in Europa befindet, aus dem Wolfram gewonnen wird. Ebenso heißen nach dieser Familie das Gebirge Felbertauern, unter dem ein Tunnel nach Osttirol führt.

In der Stadt gibt es zwei Kirchen. Die ältere, frühgotische, steht direkt neben dem Museum im Felberturm, die zweite, eine Rokokokirche der Heiligen Anna, befindet sich im Stadtzentrum. Am Friedhofseingang warnt ein Schild davor, dass es verboten ist, mit Fahrrädern oder Skiern den Friedhof zu betreten – wir sind schließlich in den Alpen!

Mittersill hat sich auch auf andere Weise einen Namen gemacht. 1948 gründete Hubert Baron von Pantz im örtlichen Schloss oberhalb der Stadt, wo sich heute ein Vier-Sterne-Hotel befindet, den „Sport and Shooting Club“, der damals das teuerste Unternehmen seiner Art war. Infolgedessen verkehrten hier die prominentesten Gäste, darunter Schah Reza Pahlavi mit seiner ersten Frau Soraya, die niederländische Königsfamilie, der Herzog von Windsor (ehemaliger König Eduard VIII.), Aga Khan, Henry Ford II., Gina Lollobrigida oder Clark Gable. Mittersill war bis Mitte der 1960er Jahre das Zentrum der Jetset-Gesellschaft.

Heute ist es ein entzückendes kleines Städtchen mit vielen Restaurants, Bars und Cafés sowie einem großen Krankenhaus, das als Relikt aus der Zeit geblieben ist, als Mittersill noch eine Bezirksstadt war. Seit 2005 gehört Mittersill zum Bezirk Zell am See.

Ein Tal weiter östlich führt von Uttendorf eine Straße ins Tal zum Erzinger Boden auf 1468 Metern Höhe, und von dort bringt eine Seilbahn Touristen zum Berghotel Rudolfshütte.

Rudolfshütte

Dieses steht zwischen zwei Stauseen, dem Weißsee und dem Tauernmoossee, auf 2311 Metern Höhe. Im Winter gibt es hier ein Skigebiet, im Sommer dient es als Ausgangspunkt für Wanderungen in die umliegenden Berge. Über den Kalser Tauernpass führt ein Wanderweg nach Osttirol ins Kalsertal.

Ein weiteres Tal weiter östlich liegt das legendäre Kaprun.

Kaprun

Auf dem dortigen Gletscher am Kitzsteinhorn konnte man noch vor nicht allzu langer Zeit das ganze Jahr über Skifahren – ich selbst bin hier im Juni 1997 Ski gefahren. Heute ist vom Gletscher nur noch ein kleiner kümmerlicher Rest übrig, und es wird hier nur noch im Winter Ski gefahren. Im Sommer wurde wenigstens eine kleine Schneefläche geschaffen, auf der Kinder und arabische Besucher auf Plastikschlitten herumrutschen können. Das Kitzsteinhorn erlangte traurige Berühmtheit durch die Katastrophe im Jahr 1999, als ein Feuer in einem Tunnel ausbrach, durch den damals eine Seilbahn fuhr. 155 Menschen starben, seitdem fährt man mit einer Gondelbahn auf den Gletscher. Oben zeigt sich das wahre Gesicht des Massentourismus: Tausende Menschen, Bagger und schwere Maschinen, die eine Restaurantkette nach der anderen und immer mehr Gebäude errichten – hier scheint der Umweltschutz keinen Einfluss zu haben. Das nahe Zell am See ist nämlich ein beliebtes Urlaubsziel für Saudis. Irgendwie kamen sie auf die Idee, dass Zell am See der Beschreibung des muslimischen Paradieses entspricht, und sie wollen sehen, was sie im Jenseits erwartet: Wasser, Wälder, Berge und Schnee. Und für jeden 77 Jungfrauen, die es allerdings in Zell am See nicht gibt, weshalb die Besucher mit ihren ganzen großen Familien anreisen. Überall gibt es Schilder auch auf Arabisch, und auf dem Kitzsteinhorn werden „Halal“-Menüs angeboten. Die Stadt ist voll dieser Besucher, doch in den Restaurants trifft man keinen von ihnen. Die Hotels, in denen sie wohnen, bieten ihnen Halal-Essen, daher gehen sie nicht in die gewöhnlichen Restaurants. Die vier Flüsse des Paradises mit kühlem Wasser, Wein, Honig und Milch gibt es auch – noch – nicht.

Ebenso trifft man die arabischen Besucher nicht in den Thermen von Kaprun an, wo man nach einem Aufenthalt in den Bergen im warmen Wasser baden kann. Getränke werden einem vom Kellner bis an den Rand des Pools gebracht. Und wer möchte, kann in Kaprun ein Oldtimer-Museum besuchen.

Aber zurück zum Kitzsteinhorn. Mit mehreren Gondeln gelangt man bis auf eine Höhe von 3029 Metern zur Aussichtsplattform „Top of Salzburg“, wo sich die Menschen in langen Schlangen anstellen, um ein Foto zu machen. Diese Plattform ist durch einen Tunnel mit Ausstellungsstücken aus dem Nationalpark mit einer anderen Aussichtsplattform verbunden, die in Richtung Großglockner und Großvenediger zeigt. Zweimal täglich werden kostenlose Führungen durch diesen Tunnel angeboten, die aber eine Stunde dauern. Die Projektion im Cinema 3000 hingegen dauert nur acht Minuten und ist sehenswert.

Für die Mutigen gibt es die Möglichkeit, den Gipfel des Berges zu erklimmen. Der Aufstieg über steiles Gestein ist mit einem Stahlseil gesichert und entspricht im Wesentlichen dem Charakter einer Klettersteigroute der Kategorien A bis B. Für Menschen mit Höhenangst oder weniger beweglichen Knien, was in meinem Alter häufig vorkommt, ist es ratsam, ein Kletterset mit Karabinern mitzunehmen. Das gibt einem die Sicherheit, sich in die Menge der Aufsteigenden zum Gipfel auf 3203 Metern Höhe einzuordnen. Von dort hat man einen atemberaubenden Blick auf zahlreiche Seen, die jedoch alle künstlichen Stauseen zur Stromerzeugung sind.

Blick von dem Gipfel von Kitzsteilhorn

Das Zentrum der Region ist natürlich das bereits erwähnte Zell am See. Die Stadt mit 10.000 Einwohnern hat eine lange Geschichte. Schon im Jahr 740 schickte der Salzburger Bischof Johannes Mönche in diese Gegend, um dort ein Kloster zu gründen. 743 wurde der Ort erstmals als Cella in Bisonzio erwähnt, woraus später der Name Zell entstand, und 1810 erhielt die Gemeinde ihren endgültigen Namen Zell am See. Zur Stadt wurde sie erst 1928 erhoben. Ihre Bedeutung verdankt sie dem Bürgermeister Josef Salzmann, der Zell am See von 1854 bis 1859 und dann wieder von 1860 bis 1880 leitete. Der weitsichtige Lokalpolitiker erkannte das touristische Potenzial des Ortes. 1860 kaufte die Gemeinde den See, und Salzmann ließ eine Promenade und einen Park anlegen. 1875 wurde Zell am See an die Eisenbahn (Giselabahn) angeschlossen, und dem Aufschwung der Stadt stand nichts mehr im Wege. Salzmann gelang es auch, durch Intervention in Wien sicherzustellen, dass Zell am See das Verwaltungszentrum der Region Pinzgau blieb, was es bis heute ist. Die Eröffnung des Grandhotels auf der Halbinsel, die in den See hineinragt, erlebte Salzmann jedoch nicht mehr.

Grandhotel mit x in Zell am See

Das Hotel wurde 1896 eröffnet, vier Jahre nach Salzmanns Tod. Im Jahr 2016 wurde das Hotel um ein x erweitert. Vor dem Grandhotel steht ein auffälliger Brunnen, entworfen vom berühmten österreichischen Architekten Friedensreich Hundertwasser. Der Brunnen wurde zwar erst nach seinem Tod im Jahr 2003 errichtet (Hundertwasser selbst starb 2000 während einer Reise im Pazifik), doch der Entwurf stammt bereits aus dem Jahr 1996, und 2003 wurde er vom Wiener Architekten Hans Muhr realisiert. Es handelt sich um den sogenannten „Österreichischen Brunnen“, bei dem neun Säulen die neun österreichischen Bundesländer darstellen. Ihre Höhe orientiert sich an der Einwohnerzahl, und die Farbe der Säulen entspricht der vorherrschenden Farbe im Landeswappen. Die Steiermark ist daher leicht zu erkennen – sie ist als einzige grün.

Österreichischer Brunnen von Friedensreich Hundertwasser

1927 wurde die erste Seilbahn auf den Schnittenhöhe-Gipfel oberhalb der Stadt gebaut (sie ist nur im Sommer in Betrieb, nicht im Winter, wo sie Zell am See mit dem Skigebiet in Saalbach verbinden könnte). In den Jahren 1952 bis 1974, als der See im Winter von einer dicken Eisschicht bedeckt war, fanden hier zu Ehren von Ferdinand Porsche Autorennen auf dem Eis statt. 1947 stach das erste Ausflugsschiff „Libelle“ in den See, heute gibt es vier Schiffe, die von der „Aktiengesellschaft Schnittenhöhe“ betrieben werden.

Die Stadt ist wunderschön gepflegt, das Rathaus befindet sich an der Hauptstraße, die durch die Stadt führt, in einem ehemaligen Schloss, das einmal von Carl und Hans Rosenberger erbaut und 1807 vom österreichischen Staat gekauft wurde.

Am Hauptplatz steht das älteste Gebäude der Stadt, der Vogtturm, der aus dem Jahr 1000 stammt und heute ein Museum beherbergt. Dort steht auch die Kirche St. Hippolytus, der im Stadtwappen als römischer Soldat mit einer Fahne dargestellt wird. Dies ist eine seiner traditionellen Darstellungen, doch Hippolytus selbst war ein Gelehrter und ein bedeutender Kirchenautor und sogar der erste Gegenpapst (gegen Papst Calixtus I.). Er starb 235 n. Chr. im Exil auf Sardinien bei Zwangsarbeit. Die Kirche selbst besteht aus zwei Teilen, eigentlich aus drei. Die winzige Krypta stammt noch aus vorromanischer Zeit im 8. Jahrhundert, die romanische Basilika mit flachem Dach und Fresken an den Wänden der Seitenschiffe stammt aus der Zeit um 1140, und der gotische Turm und Chor wurden nach 1450 hinzugefügt. Die Innenausstattung ist natürlich barock.

Auf dem Hauptplatz am Brunnen werden bedeutende Ereignisse der Stadtgeschichte gewürdigt, wie ihre Gründung und die Eröffnung des Straßentunnels im Jahr 1996, der den Transitverkehr aus der Stadt herausführte. Außerdem gibt es Tafeln, die berühmten einheimischen Sportlern gewidmet sind, die olympische Goldmedaillen gewonnen haben. Hans Peter Steinmacher, der zusammen mit seinem Partner Roman Hagara Goldmedaillen im Segeln in der Tornado-Klasse bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney und 2004 in Athen gewann, und der bekannteste Sportler aus Zell am See, Felix Gottwald, der am 13. Januar 1976 geboren wurde und in der Nordischen Kombination drei Goldmedaillen (Turin 2006 und Vancouver 2010), eine Silbermedaille und drei Bronzemedaillen bei den Olympischen Spielen gewann sowie insgesamt 18 Medaillen bei großen Veranstaltungen (Olympische Spiele und Weltmeisterschaften) errang.

Falls man nach einem Aufenthalt in den Kapruner Thermen oder nach einem Spaziergang auf der schönen Stadtpromenade oder auf der Hauptstraße in der Altstadt, die zu Recht den Namen des berühmten Bürgermeisters Salzmann trägt, Hunger bekommt, gibt es mehr als genug Möglichkeiten, um sich zu stärken. Wir entschieden uns für das Restaurant „Zum Hirsch“ und es war eine gute Wahl. Es war keine zufällige Entscheidung, wir bekamen einen „Insider-Tipp“. Also war das Restaurant für sein gutes Essen bereits bekannt gewesen.

Haben Sie Lust auf einen Besuch im Pinzgau bekommen? Das wundert mich nicht. Fahren Sie hin und sehen Sie es sich an.