In der Stadt Braga blieb die Zeit stehen. Es geschah um drei Uhr, zumindest zeigen dies die Uhren in der Kathedrale seit vielen Jahren. Die einzige unbeantwortete Frage bleibt, ob dies um drei Uhr morgens oder nachmittags geschehen ist. Historiker werden dies vielleicht irgendwann herausfinden, aber das ist nicht wirklich wichtig. Denn trotz oder gerade wegen des Stillstands der Zeit ist Braga ein attraktives Reiseziel.

In Portugal heißt es, dass Lissabon sich amüsiert, Coimbra lernt, Porto arbeitet und Braga betet. Braga ist ein Symbol des portugiesischen Katholizismus, wie die 35 Kirchen bezeugen, die sich hier befinden. Von hier aus startete General Gomez de Costa im Jahr 1926 einen Militärputsch, der die junge chaotische Republik stürzte und dem Land fast fünfzig Jahre lang eine faschistoide Diktatur brachte. Und am 25. April 1974, als junge Offiziere die Diktatur stürzten, die Menschen in Lissabon die Straßen füllten, um für Freiheit zu demonstrieren und das Hauptquartier der verhassten Geheimpolizei PIDE anzugreifen, rief der örtliche Erzbischof Francisco Maria da Silva in Braga zum Widerstand gegen die “Putschisten” auf und kämpfte für den Erhalt des bestehenden Regimes, das auch von der Unterstützung der katholischen Kirche abhängig war. Es half nicht. Die Zeit blieb nur an den Uhren in der Kathedrale stehen, der Lauf der Geschichte konnte nicht gestoppt werden. In der ehemaligen Bischofsresidenz befindet sich heute das Universitätsgebäude, und während unseres Besuchs gab es dort eine Ausstellung von Fotografien des berühmten portugiesischen Fotografen Alfredo Cunha, die genau die Ereignisse dieses 25. April dokumentierten – vielleicht, um der Kirche zu trotzen.

Die Kathedrale in Braga ist die älteste in Portugal, ihr Bau begann im 11. Jahrhundert, nachdem es dem König von León gelungen war, den Mauren das Gebiet Minho, den nördlichsten Teil des heutigen Portugals, abzunehmen. Er übertrug dieses Gebiet Heinrich von Burgund, den er zum Grafen ernannte. Und dieser ließ an der Stelle einer ehemaligen Moschee eine Kathedrale im frühen romanischen Stil bauen. Der romanische Stil in Portugal hat seine Besonderheiten, mit denen man überall konfrontiert wird, alle Kirchen haben mit einer einzigen Ausnahme anstelle einer flachen hölzernen Decke ein steinernes Gewölbe und die Portugiesen haben den Bau der unteren Teile der Kirchen, also der Krypten, die sonst zu einer klassischen romanischen Kirche untrennbar gehören, weggelassen. Natürlich ist das Innere der Kathedrale barockisiert, wir sind schließlich auf der Iberischen Halbinsel, wo dieser Stil, der den Sieg der wahren Kirche symbolisiert, sowie auch die Macht und den Reichtum der Kirche demonstriert, die weite Gebiete in Amerika und Asien eroberte und christianisierte, einfach nicht fehlen darf.

Auch der Chor mit den stehenden Uhren ist im barocken Stil gehalten. In der Kirche befindet sich das schön verzierte Grab von Prinz Alfons, dem erstgeborenen Sohn Königs Joao I., des Gründers der zweiten portugiesischen königlichen Dynastie von Avis. (Er regierte von 1385 bis 1433). Der Junge starb im Alter von zehn Jahren, und deshalb folgte seinem Vater Joao sein Zweitgeborener Eduard (auf Portugiesisch Duarte) auf den Thron. Dieser ungewöhnliche Name (normalerweise wimmelt es in der portugiesischen königlichen Genealogie von Alfonsen, Johannen – Joaos – und Peter – Pedros) wurde offensichtlich von seiner Mutter Filippa von Lancaster, die aus England stammte, durchgesetzt. Diese Ehe zwischen König JoaoI. und Filippa war die Grundlage für die ewige Freundschaft zwischen Portugal und Großbritannien, die bis heute besteht. Die Briten bilden immer noch die größte Touristengruppe in den Besuchern des Landes. Aber über die Gründe für diese Verbindung später.


            In der Nebenkapelle „Capela der Reis“ in der Kathedrale, die die Portugiesen Sé nennen (wie alle anderen Kathedralen, es ist nämlich eine Abkürzung für “Sedo episkopalis”, also den Sitz des örtlichen Bischofs), die jedoch nicht öffentlich zugänglich ist, befinden sich die Gräber der Gründer Portugals, Heinrichs von Burgund und seiner Frau Teresa von León, sowie des Erzbischofs Lourenco Vicente (heilig oder selig, das konnte ich nicht herausfinden). Die Legende besagt, dass er an der Seite von König Joao I. in der Schlacht von Aljubarrota im Jahr 1385 gegen die Spanier kämpfte, dort heldenhaft starb und sein unversehrter Körper angeblich zweihundert Jahre nach dieser Schlacht gefunden wurde, der Schlacht, die für Jahrhunderte die Unabhängigkeit Portugals von seinem großen Nachbarn sicherte. In Wirklichkeit starb der Erzbischof im Jahr 1397, aber das weiß ich nur, weil ich keine Ruhe geben kann und es in Wikipedia gefunden habe.

Außerdem befindet sich in der Kathedrale der Gräberraum der Erzbischöfe von Braga. Die Einheimischen behaupten, dass ihr Bistum das älteste der Welt ist, weil es angeblich bereits im Jahr 45 von einem gewissen Pedro de Rates gegründet wurde. (Damals war Braga eine recht bedeutende römische Stadt namens Brackara Augusta). Ich erinnere daran, dass Christus im Jahr 29 gekreuzigt wurde, im Jahr 45 erst der heilige Paulus seine Missionsarbeit startete und der heilige Lukas begann Informationen für sein Evangelium zu sammeln irgendwann um das Jahr 60. Aber ich denke, es lohnt sich nicht, den Bewohnern von Braga ihrem Glauben zu widersprechen. Wenn jemand stolz auf etwas ist, ob es seine Berechtigung hat oder nicht, sollte man es ihm nicht nehmen. Unbestritten ist jedoch der prächtige Marmorsarkophag des Erzbischofs Dom Diego de Sousa aus der Regierungszeit von König Manuel I., also aus der Zeit, als Portugal am reichsten war. Der Erzbischof trug dazu bei, dass ein Teil des damaligen Wohlstands auch nach Braga gelangte und sich dort in architektonischen Elementen des damaligen manuelischen Baustils zeigte – darüber werde ich noch öfter schreiben. Das schönste Beispiel für diese Kunst in der Stadt ist eben der Sarkophag des Erzbischofs und zeugt von der Zeit, als in Portugal das Geld keine Rolle spielte.

Braga ist trotz seines Konservatismus überhaupt keine dunkle Stadt. Im Gegenteil, es ist eine Stadt der Blumen. Dies liegt sicherlich auch daran, dass dieser nördliche Teil Portugals die meisten Niederschläge hat und daher auch am meisten landwirtschaftlich genutzt wird. Die Blumen schmücken sowohl die Freiheitsstraße (Avenida da Liberdade) als auch den Platz der Republik (Praca da Rebublica). Und an diesen Platz mit dem großen Rathaus schließt sich sofort ein langer Park mit viel Grünfläche und vielen Blumen und mehreren Denkmälern an. Eines davon – ziemlich avantgardistisch – erinnert an den Besuch von Papst Johannes Paul II im Jahr 1982 – damals, ein Jahr nach dem Attentat, das er überstanden hatte, hat der Papst den Pilgerort Fátima besucht und dabei auch einen Abstecher nach Braga gemacht. Auch hinter der Universität, dem ehemaligen Erzbischöflichen Palast, gibt es einen schönen Garten im französischen Stil, den „Jardim de Santa Barbara“.

Diese Blumen auf den Straßen und in den Parks werden von modernen Skulpturen durchsetzt, die überraschenderweise gut in den Gesamteindruck passen obwohl sie in einer streng katholischen Stadt zum Beispiel einen Drachen darstellen.

Ein archäologisches Museum mit Artefakten aus der Römerzeit befindet sich in einer etwas abgelegenen Villa namens „Palacio dos Biskanhos“, die im 16. Jahrhundert erbaut wurde und mit für Portugal typischen Azulejos verziert ist, die Jagdszenen darstellen.

Außerdem darf in keiner portugiesischen Stadt ein Fußballverein fehlen, in diesem Fall ist es Sporting Braga, dessen Einheimische (sowohl Männer als auch Frauen) leidenschaftliche Fans sind. Das Stadion ist speziell, da es sich in einem alten Steinbruch befindet, eine Kapazität von 30.286 Plätzen hat (was für eine Stadt mit 192.000 Einwohnern mehr als anständig ist) und dort auch zwei Spiele der Europameisterschaft 2004 ausgetragen wurden.

Aber zurück zu den kirchlichen Dingen, denn trotz der Säkularisierung, die im Jahr 1834 im ganzen Land alle kirchlichen Orden aufhob, prägen sie den Norden Portugals immer noch weitgehend. Zum eigentlichen Juwel der kirchlichen Architektur müssen wir etwa 5 Kilometer außerhalb der Stadt in die nahegelegenen Hügel fahren, wo sich „Bom Jesus de Monte“ (also der Gute Jesus auf dem Berg) befindet. Dieser Wallfahrtsort wurde 1722 in den Bergen hinter Braga vom Erzbischof Rodrigo de Mauro Teles errichtet, der Bau wurde jedoch erst 1811 abgeschlossen.

Es ist ein Kreuzweg im barocken Stil, der Aufstieg zu der (wie in Portugal fast alle Kirchen) Jungfrau Maria geweihten Kirche ist ziemlich anstrengend, aber wer schwache Beine oder Lunge hat, kann eine Seilbahn nutzen, die ihn nach oben bringt, obwohl ihm diese Fahrt keinen Blick auf das schöne Gebäude ermöglicht. Aber der Abstieg ist auf jeden Fall einfacher als der Aufstieg – dieser Hügel, auf dem der “gute Jesus” thront, ist ziemlich steil und erfordert beim Aufstieg einige Anstrengung. Auf den Plattformen der Treppe mit Springbrunnen gibt es viele Symbolik. Die Springbrunnen stellen zum Beispiel die drei göttlichen Tugenden, Glauben, Hoffnung und Liebe dar (im Sinne von “Caritas”, nicht “Eros”), oder auch die fünf Wunden Christi oder die einzelnen menschlichen Sinne (beim “Hören” fließt Wasser aus den Ohren, beim “Sehen” aus den Augen und beim “Riechen” aus der Nase, den “Tastsinn” habe ich irgendwie nicht entdeckt), außerdem gibt es Kapellen, die die Stationen des Kreuzweges darstellen.

Von Braga aus können Ausflüge in Richtung Südosten in die nahe gelegene Stadt Guimaraes unternommen werden, die erste Hauptstadt Portugals, nachdem der Sohn von Heinrich von Burgund und Teresa von León, Alfonso Henriques, sich zum König erklärt und damit die Unabhängigkeit vom Königreich León erlangt hatte (um seine Souveränität vom Papst bestätigt zu bekommen, musste er allerdings noch einige Jahre warten). Die Burg der Stadt Guimaraes schmückt das portugiesische Staatswappen – es ist dort sogar siebenfach dargestellt.

Westlich von Braga liegt das Städtchen Barcelos. Hier entstand die Legende vom portugiesischen Hahn, den man in Portugal überall finden wird – auf Stickereien, Tischdecken oder Taschen.

Barcelos liegt am südlichen Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Einst war dort ein Pilger unterwegs und genau als er in der Stadt war, geschah hier ein Mord. Die Einheimischen waren sich sofort sicher, dass der Täter niemand aus der Gegend sein konnte – sie kannten sich schließlich alle gut – und so zeigten sie auf den Fremden. Dieser wurde sofort verhaftet und in einem kurzen Prozess zum Tode verurteilt, obwohl er beteuerte, unschuldig zu sein. Als das Urteil gesprochen wurde, sagte er, dass Hähne über seine Unschuld krähen würden, und das um die Mittagszeit, wenn sie das normalerweise nicht tun. Weil der örtliche Bürgermeister, der auch Richter war, sich vermutlich mit vollem Magen die Hinrichtung ansehen wollte, ließ er sich zum Mittagessen gebratenen Hahn servieren. Und dieser Hahn begann um zwölf Uhr auf seinem Teller zu krähen. Der Richter, entsetzt darüber, einen Unschuldigen verurteilt zu haben, eilte auf den Marktplatz und verhinderte in letzter Minute die Hinrichtung.

Braga war nie die Hauptstadt Portugals. Die erste “Metropole” war Guimaraes, dann übernahm Coimbra den Staffelstab, um ihn dann 1256 an Lissabon abzugeben. Aber Braga ist trotzdem eine historische und bemerkenswerte Stadt und hat für die Portugiesen eine große historische Bedeutung. Vielleicht habe ich deshalb meine literarische Reise nach Portugal gerade hier begonnen. Ich würde Braga jedoch eher zur Entspannung und Erholung nach hektischen Städten wie Porto oder Lissabon in das Reiseprogramm aufnehmen. In der Stadt, in der die Zeit stehen geblieben ist und die dennoch voller Blumen ist, lässt es sich gut ausruhen. Beten müssen Sie dabei nicht unbedingt.

Übrigens passt dazu hervorragend der lokale Wein, der sogenannte “Vinho Verde”, übersetzt bedeutet „der grüne Wein“. Er ist natürlich nicht grün, sondern weiß und leicht. Etwas säuerlich und mit einem Hauch von Luftbläschen wie Prosecco (aber deutlich weniger). Er hat nur etwa 10 Prozent Alkohol und schmeckt gekühlt hervorragend. Wenn man nach Braga kommt, sollte man nicht vergessen, sich ein Glas (oder eine Flasche) zu gönnen. Das passt hervorragend zu dieser blumigen Stadt.

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