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Ferrara

Ferrara – nach fünfjähriger Pause wieder einmal eine Italienreise

            „Tempi passati“ sagen die Italiener, wenn sie sich an die alten guten Zeiten erinnern. Die Zeiten ändern sich aber und sie taten es auch in der Vergangenheit. Im Jahr 1152 brach der Fluss Po Schutzdämmer bei dem Städtchen Ficarolo und die Folge war eine katastrophale Flut, nach der der Fluss seine Flussrichtung änderte. Wenn also vorher Ferrara direkt an dem Fluss Po lag, der es sogar von Süden umfloss, danach verlagerte sich der Fluss weit nach Norden. Trotzdem erlebte die Stadt wunderbare Zeiten, die mit der Tätigkeit der Familie d´Este verbunden waren. Diese Familie beherrschte die Stadt im Namen des Papstes in den Kämpfen gegen Kaiser Friedrich II.  im Jahr 1242 und blieb hier bis 1597. Die reichen d´Este, anfangs Markgrafen, seit 1452 dann Herzöge, bauten Ferrara zu ihrer Residenz aus und sparten dabei nicht. Sie bauten eine riesige uneinnehmbare Wasserburg (die sie allerdings eher gegen eigene Untertanen als gegen Feinde von außen schützen sollte), sie lockten in die Stadt viel Prominenz, die hier weitere schöne Paläste baute und Herzog Alfonso II. schaffte es sogar, die Kaisertochter Barbara zur Frau zu nehmen. Na gut, Kaiser Ferdinand I. hatte zwölf Töchter und es war also nicht einfach, alle in hochgeborene und reiche Familien, die nicht auf einer großen Mitgift pochten, einzuheiraten, trotzdem war diese Heirat eine Bestätigung, wie groß die Bedeutung des Herzogs von Ferrara war. Der Herzog schätzte diese Verbindung auch sehr und in seinem Diamantenpalast ließ er für Barbara einen großen Saal „Sala grande d´Onorio“ einrichten. Aber nicht einmal das half. Alfonso starb kinderlos und seine verlockende Residenz konfiszierten die unersättlichen Päpste. Und mit dem Einzug der päpstlichen Verwalter begann der unaufhaltsame Niedergang der Stadt.

            Heute ist Ferrara eine verschlafene – mit seinen 133 000 Einwohner für italienische Verhältnisse eher kleine Stadt in dem Podelta. Verschlafen ist sie besonders am Sonntag und wenn das Thermometer 35 Grad im Schatten zeigt. Ich gebe zu, dass solche Temperaturen für die Erkundung der Stadt nicht die beste Voraussetzung waren. Es hilft auch die Volksweisheit nicht: “Wenn ihr so viel über die 35 Grad im Schatten jammert, dann, verdammt, geht in den Schatten nicht“. In der Sonne ist das nämlich keine Spur besser.  Trotzdem kann man in Ferrara viel sehen (seit dem Jahr 1995 gehört die Altstadt zum Weltkulturerbe UNESCO, die Erinnerungen an die ruhmreiche Vergangenheit wurden zwar durch ein Erdbeben am 30.Mai 2012 beschädigt, die Spuren der Verwüstung sind aber heutzutage nicht mehr sichtbar, wenn wir die verhüllte Fassade der Kathedrale nicht einrechnen. (Die Kathedrale selbst ist für Besucher nicht zugänglich, ob diese Tatsache mit dem Erdbeben vor neun Jahren zusammenhängt, habe ich nicht erfahren).

Gleichfalls ist auch die Statue des berühmtesten Bürgers von Ferrara verhüllt – im Jahr 1452 wurde in Ferrara der Prediger Girolamo Savonarola geboren, der neben Wyclif und Hus zu den bedeutendsten Kirchenreformern vor Luther gehörte. Es war ihm gelungen, Florenz zu beherrschen und die Medici aus der Stadt zu vertreiben, bevor er selbst auf dem Schafott im Jahr 1498 endete. (zuerst wurde er gehängt und dann verbrannt) Langsam muss ich mich daran gewöhnen, dass die Italiener vor mir ihre Kulturdenkmäler verhüllen, in Bologna konnte ich den berühmten Neptun auch nicht sehen.

            Die Geschichte der Stadt ist untrennbar mit der Familie d´Este verbunden. Der erste der berühmten Familienmitgliedern war Azzolino II. In der Zeit der Kämpfe zwischen Kaiser Friedrich II. und den Päpsten stellte er sich auf die päpstliche Seite und es zahlte sich aus. Im Jahr 1242 wurde er vom Papst Gregor IX. zum Podesta der Stadt ernannt und im Jahr 1259 gelang es ihm ein Husarenstück, als er das Haupt der Ghibellinen in Norditalien, Ezzelino di Romano, gefangen nehmen konnte. Die Päpste haben realisiert, dass sie sich auf diese Familie verlassen konnten und so wurde Azzelinos Enkel Obizzo II. zum Generalkapitän und Beschützer des Kirchenstaates ernannt. (Ferrara gehörte de jure zur Pippins Schenkung und damit zum Kirchenstaat). D´Este ließen sich definitiv in Ferrara nieder und wurden zu seinen Herrschern. Formal waren sie zwar Lehensmänner des Papstes, das hinderte sie aber nicht daran, ihre eigene Machtbasis auszubauen. Von der Tatsache, dass sie sich unter ihren Untertanen nicht ganz sicher gefühlt haben, zeugt das gigantische „Castello Estense“ in einer Ecke der Altstadt.

Die riesige Wasserburg begann Niccolo II. im Jahr 1385 zu bauen, weil aber seine Nachfolger noch während der Bauarbeiten entschieden, anstatt einer gotischen Festung einen Renaissanceschloss haben zu wollen, zogen sich die Arbeiten über beinahe zweihundert Jahre. Man kann allerdings nicht sagen, dass die d´Este sich um ihre Stadt nicht gekümmert hätten, die Universität gründete bereits Alberto, der Sohn Niccolos im Jahr 1391. Die Öffnungszeiten des Castellos sind merkwürdig, am Samstag und am Sonntag ist es geschlossen. Niemand konnte mir diese Tatsache erklären, die Dame an der Kasse im Palast Schiafonia, die ich gefragt habe, schämte sich ein bisschen, sie gab zu, dass es so „einfach ist“. Wir waren in Italien und dort müssen die Dinge nicht unbedingt einen nachvollziehbaren Grund haben. Also mussten wir mit dem Besuch bis Montag warten. Man kann dort ziemlich viel sehen, besonders dann die Säle mit Fresken an den Decken, die man in raffiniert positionierten Spiegeln sehen kann, ohne sich den Nacken zu versteifen, die größten Säle sind „Sala dei Giganti“ und „Salone dei Giochi“ Man kann auf das Löwentor steigen, wo einmal Ugo d´Este inhaftiert war, – darüber aber später. Man kann auch die Kapelle der Renée der France besuchen, einer Tochter des französischen Königs Ludwig XII., die Herzog Ercole II. d´Este geheiratet hat. Die Herrscher von Ferrara verkehrten wirklich in der höchsten Gesellschaft. Renée verursachte ihrem Mann durch ihre Zuneigung zu Protestantismus nicht gerade kleine Probleme (Ferrara war verdammt nah am Papst und seinem Machtinteresse), also musste sie Ercole letztendlich unter Hausarrest stellen, um den wütenden Papst zu beruhigen. Im Hof des Castellos gab es heuer eine Statuenausstellung „Le Done, i Cavallieri, gli Armi e gli Amori“, also „Die Damen, die Ritter, die Waffen und die Liebschaften“. Sie war interessant, manche der Gepanzerten gehen in der Sache der Liebe hart an die Sache, andere wirken, als ob sie aus den heutigen Zeiten stammen würden.

            Castello Estense ist durch einen langen Gang in der ersten Etage mit dem Palazzo Communale verbunden, von dem aus d´Este geherrscht hatten, bevor sind ihre Burg fertiggebaut haben. Über den Eingang ins Gebäude, das heute als Rathaus dient, gibt es zwei Statuen bedeutender d´Este aus Bronze, die hier Ercole I., der größte Erbauer der Stadt, aufstellen ließ.

            Auf einem Pferd ist hier der Vater Ercoles Niccolo III. d´Este dargestellt.

Er war eine der skurrilsten und tüchtigsten Personen in der Familie. Niccolo war ein sehr aktiver Mann. Er zeugte insgesamt 24 Kinder, einige eheliche und viel mehr uneheliche, er machte allerdings zwischen ihnen keinen Unterschied. Sie lebten alle unter einem Dach wie eine Familie, inklusiv seiner Gattinnen und Geliebten, die Burg war groß genug für alle. Seine [AP1] erste Frau Gigliola da Carara war unfruchtbar, weshalb die Position der wahren Herrscherin im Palast Stella di Tolomei eingenommen hat, die fruchtbar[AP2]  bis geht nicht mehr war. Das Problem entstand, als Niccolo nach dem Tod von Gigliola im Jahr 1418 eine neue junge Frau Parisina aus der Familie Malatesta aus Rimini heiratete. Die vierzehnjährige Braut war durch die Verhältnisse in der großen Familie, wo manche der Kinder in ihrem Alter waren, total überfordert. Besonders als Stella di Tolomei 1419 am „gebrochenen Herzen“ starb. Parisina sollte die Hausherrin spielen und sich um eine Menge Stiefkinder kümmern. Der Markgraf war um zwanzig Jahre älter als sie, das Mädchen hat eine verwandte Seele gesucht und leider auch gefunden – in der Person von Niccolos Sohn Ugo. Junge Leute, die beinahe gleich alt waren, verliebten sich einander und die Liebe blieb nicht nur platonisch, sondern wurde auch vollzogen. Das geschah im Jahr 1425, als Parisina einundzwanzig und Ugo zwanzig Jahre alt waren. Als es dem Markgrafen gemeldet wurde, wollte es das nicht glauben – er war also nicht wie Othello, der schon bei Verdacht tötete. Seine Diener ermöglichten ihm aber, seinen Sohn mit seiner Frau in flagranti zu erwischen, er wurde Augenzeuge ihrer Liebe. Der wütende Niccolo ließ beide im „Castello Estense“ inhaftieren – jeden in einem anderen Turm (der Turm, wo Parisina eingesperrt wurde, heißt bis heute Torre Malatestiana) und dann in einem unterirdischen Gefängnis (man kann es besuchen) beide enthaupten. Es dauerte weitere sechs Jahre, bis Niccolo seine Trauer überwunden hat und das dritte Mal heiratete. Zu seiner dritten Frau wurde Ricarda di Saluzzo, die ihm den Sohn Ercole gebar, der auf entscheidende Weise das Aussehen der Stadt verändern sollte. Nach dem Niccolos Tod wechselten sich auf dem Thron von Ferrara seine drei Söhne ab und sie herrschten insgesamt 64 Jahre lang – es war möglich, da zwischen ihnen 24 Jahre Altersunterschied war.

            Niccolo war aber nicht nur in Ehe- und anderen Betten aktiv. Er schaffte es, sehr geschickt zwischen den konkurrierenden Mächten Papsttums und Kaisertums zu taktieren. Kaiser Sigismund erweiterte sein Machtgebiet und schlug seine Söhne zu Rittern, danach aber unterstützte Niccolo auf eine entscheidende Art den Papst. Im Jahr 1417 wurde auf dem Konzil in Konstanz Papst Martin V. gewählt, damit wurde das Dreipapsttum beendet. Der neue Papst musste sich verpflichten, alle zehn Jahre ein neues Konzil einzuberufen, das über religiöse Fragen entscheiden sollte. Das bedeutete deutliche Abschwächung der Macht des Papstes und deshalb hatte es Martin mit der Einberufung des Konzils nicht eilig. Er tat es nur knapp vor seinem Tod im Jahr 1431 und das Konzil begann in Basel zu tagen. Martins Nachfolger Eugen IV. hatte tausend gute Gründe, um diesem Konzil fernzubleiben. Den Vorwand zum Torpedieren der Tagung der Kirchenväter gab ihm die Bereitschaft des byzantinischen Kaisers Johann über die Einigung der katholischen und orthodoxen Kirche zu verhandeln. (Kaiser Johann stand das Wasser bis zum Hals, da vor den Mauern Konstantinopels bereits Türken standen). Niccolo d´Este bot dem Papst seine Stadt als Tagungsort des Alternativkonzils an, da dem Kaiser Johann nicht in Träumen eingefallen wäre, sich nach dem weit entfernten Basel zu plagen – nach Ferrara konnte er sich auf einem Schiff bringen lassen. Für den Papst war der Ort auch sehr passend. Offiziell empfing er Kaiser Johann in seinem Machtgebiet (aber doch nicht so richtig, was wieder dem Kaiser gefiel, da ein Hauch Neutralität gewahrt werden konnte). Die Kosten für den Aufenthalt des aufwändigen kaiserlichen Gastes trugen die Herren von Ferrara, namentlich Niccolo III. Das Konzil begann in Ferrara im Jahr 1437, im Januar 1439 wurde es dann nach Florenz verlegt. Cosimo der Ältere Medici bestach die Kirchenväter und die unter dem Vorwand, dass in Ferrara ein Pestausbruch drohen sollte, verlegten das Konzil nach Florenz. Niccolo war wahrscheinlich deswegen nicht besonders traurig, Kaiser Johann benahm sich wie eine echte „Diva“ – das Dach seines Hauses musste im Sommer mit Wasser begossen werden, damit er sich abkühlen konnte und das Konzil hatte sein Zweck bereits erfüllt – Ferrara und mit ihm Niccolo traten in die Geschichte und wurden sichtbar. Im Jahr 1452 schlug dann die Stunde der Familie d´Este. Seit 1450 war Borso d´Este an der Macht, der Sohn von Stella Tolomei, nicht weniger tüchtig als sein Vater. Auch seine Statue schmückt den Eingang von Palazzo Communale, Borso sitzt aber nicht im Sattel eines Pferdes, sondern auf einem Thron – im Gegensatz zu seinem Vater war er ein Fürst.

Im Jahr 1452 zog der Kaiser Friedrich III. durch Ferrara zu seiner Kaiserkrönung nach Rom. Der Kaiser sollte bei dieser Gelegenheit auch heiraten, und zwar eine der reichsten Bräute der damaligen Welt, die portugiesische Infantin Eleonore. Der Kaiser war sehr geizig und hatte tief in die Tasche gegriffen, also fürchtete er eine Schande. (Es kam letztendlich tatsächlich zu einer Schande, aber nicht Geldes wegen, sondern in Folge seiner fehlenden Bereitschaft, die Ehe vollzuziehen. Der damals schon über dreißig Jahre alte Herrscher war immer noch Jungfrau). Borso war bereit zu helfen. Er stattete den Kaiser mit einem Geldbetrag aus, der die Geldsorgen des Kaisers hinfällig machte, dieser beförderte ihn im Gegenzug zum Herzog, also in den Rang des Souveräns (dorthin gehören die Könige und Fürsten, ein Herzog ist einem Fürsten gleichgestellt).

            Es folgte mehr als hundert Jahre des Ruhmes von Ferrara, bis der letzte d´Este Alfonso II. starb – seine Ehe mit der Kaisertochter Barbara blieb kinderlos. Nach dem Tod Alfonsos erkannte der Papst sein Testament, in dem er sein Land seinem Neffen Cesare vererbte, nicht an und annektierte Ferrara für den Kirchenstaat. Dann wechselten sich Kardinäle als Verwalter ab, die nur an ihre eigene Bereicherung dachten und der Ruhm der Stadt ging rasch zu Ende.

            Besuchswert sind drei Paläste der Familie d´Este. Neben dem monumentalen „Castello Estense“ sind das noch der Palast Schifanoia und der Diamantenpalast (Palazzo dei Diamanti). Schifanoia bedeutet Langweile und zur Wehr gegen sie bauten d´Este am Rande der Stadt einen Palast mit einer damals bunt bemalten Fassade, die heutzutage langweilig weiß ist. Im Gebäude ist das „Museo civico“ und die Wände des größten Sales sind mit schönen Fresken bemalt.

Auf dem Weg zum Palast zahlt sich ein kurzer Stopp in der monumentalen Kirche Santa Maria in Vado aus. Nicht weit von hier gibt es einen weiteren großartigen Palast, den sich in Ferrara der Herzog von Mailand Ludovico il Moro bauen ließ. Er hatte offensichtlich sehr gute Beziehungen zu den d´Este, letztendlich war er der Onkel von der ersten Frau Herzogs Alfonso I. Anna. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Alfonso die legendäre Lucrezia Borgia, Tochter des Skandalpapstes Alexander VI. Ihr wird Inzest, Giftmordanschläge und unmoralisches Leben nachgesagt. In Wirklichkeit gebar die unglückselige Lucrezia Alfonso einige Kinder und starb mit 39 Jahre im Kindbett. Heute gibt es im Palast Ludovicos il Moro das Archäologische Museum. Der „Palazzo dei Diamanti“ (seinen Namen bekam der Palast wegen seiner Fassade aus Marmor, der in die Form der Diamanten geschnitten wurde – Marmor ist in Ferrara rar, die absolute Mehrheit der Gebäude hat Fassaden aus Backsteinen) befindet sich am anderen Ende der Stadt.

Das hat einen Grund. Im Jahr 1492 entschied sich Ercole I. Ferrara zu vergrößern. Die Stadt verdoppelte sich, das neue Stadtviertel (eigentlich Hälfte) wurde nach den Plänen des Architekten Biaggio Rosseti gebaut. In Gegensatz zum alten Ferrara mit engen krümmen Gässchen wurden lange schnurgerade Boulevards angelegt, um die dann Paläste im Stil der Renaissance gebaut, sowie auch große Parkanlagen angelegt wurden (in den neuen Mauerring wurde auch der riesige Friedhof „Cimitero della Certosa“, eingeführt). In diesem Viertel kaufte sich auch der Hofdichter Ercoles Ludovico Ariosto ein Haus. Sein Haus kann man besuchen (zur Mittagszeit ist es geschlossen) in dem neuen Viertel findet man auch einen Ariostoplatz mit seiner Statue auf einer hohen antiken Säule, der Platz wurde nach dem Vorbild eines römischen Amphitheaters angelegt.

Später wirkte in Ferrara auch der berühmte Dichter Torquato Tasso (geboren in Sorent in Kampanien). Sein bewegtes Leben, gezeichnet durch seine seelische Krankheit, inspirierte auch Johann Wolfgang Goethe zu einem seiner Werke.

            Der Diamantenpalast war also die repräsentative Residenz der Familie d´Este. Heute gibt es hier die Pinakothek, die Säle veränderten sich aber nicht und so kann man den „Sala grande d´Onorio“ besuchen, den Kardinal Luigi d´Este bei der Gelegenheit der Ankunft seiner neuen Schwägerin Barbara von Habsburg umgestalten ließ. Hier, in dem rieseigen Sal, der zwei Stockwerke einnimmt, wurden Banketts und Festmahle organisiert, aber auch das konnte nichts an der Tatsache ändern, dass die Ehe von Alfonso und Barbara mit keinen Kindern beschenkt wurde. Also waren die Umbauten des Diamantenpalastes das letzte Echo des Ruhmes der Familie d´Este in Ferrara (weiter war die Familie nur in Modena tätig, das Papst dem Cesare bereit war zu überlassen.

            Wer viel Zeit hätte, könnte einen Spaziergang auf den für die Touristen zugänglichen Stadtmauern machen, bei den Temperaturen oberhalb von 35 Grads Celsius ist das aber keine gute Idee. Weil die Altstadt dank Ercole I. wirklich groß ist, wird empfohlen, sie mit einem Fahrrad zu erkunden. Fahrräder werden in allen Hotels in der Stadt zur Vermietung angeboten und in der Stadt gibt es markierte Fahrradwege. Bei relativ schwachem Autoverkehr in der Stadt ist das eine verlockende Möglichkeit – natürlich bei akzeptablen Temperaturen.

            Wem das noch immer zu wenig wäre, für den gibt es nicht weit von Ferrara die Abtei Santa Maria Pomposa.

Es handelt sich um eines der ältesten Benediktinerkloster, gegründet bereits im siebenten Jahrhundert. Hier haben die Mönche die Tonleiter erfunden und begannen die Musik mit Noten zu schreiben. (Offiziell wird diese Tat Guido von Arezzo zugeschrieben). Hier verbrachte auch der bereits totkranke Dante Alighieri seine letzte Nacht bei Rückkehr von Venedig nach Ravenna im September 1321. Es führt ein Weg durch die Poebene zwischen Feldern mit Mais, Getreide und Sonnenblumen hin, aus Fruchtbarkeit des Bodens Podeltas schöpften die d´Estes ihr Reichtum. Das war noch in der Zeit, als für Reichtum die Erträge der Felder und nicht die Industrieproduktion oder die Börsengeschäfte ausschlaggebend waren. Heute kann Ferrara von seiner ehemaligen Prosperität nur träumen.

            Es tut das aber sehr schön.


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Breslau – Wroclaw – Vratislav

               Die Stadt an der Oder nördlich der tschechischen Nordgrenze hat alle diese Namen, was dadurch verursacht ist, dass sie mehrmals ihre Herrscher wechselte. Sie wurde um das Jahr 900 vom tschechischen Fürst Vratislav auf einer Insel des Flusses Oder gegründet, schon im zehnten Jahrhundert ging sie aber in die Herrschaft der polnischen Fürsten aus der Piast Familie über, bis sie vom Herzog Heinrich V. dem tschechischen König Johann von Luxembourg vermacht wurde. Seit dem Jahr 1335 war die Stadt mit dem umliegenden Herzogtum ein Teil des tschechischen Königreiches, davon zeugt der tschechische zweischwanzige Löwe, den man nicht nur im Stadtwappen von Wroclaw findet, aber zum Beispiel auch an der Fassade der Franziskanerkirche der Heiligen Dorothea, Wenzel und Stanislav auf dem Freiheitsplatz (Plac Wolnosči).

Im Jahr 1526 übernahmen die Habsburger die Herrschaft über die Stadt und im Jahr 1741 marschierte die preußische Armee Friedrichs II. ein. Die Stadt blieb preußisch bzw. deutsch bis zum Jahr 1945, als sie der Polnischen Republik übergeben wurde. Also verdient diese Stadt ihren deutschen Namen ebenso wie ihren tschechischen oder den polnischen, den sie heute trägt.

               Ich habe gehört, dass Wroclaw eine sehr schöne Stadt wäre, also entschied ich mich, sie zu besuchen. Ich habe aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt, wie WUNDERSCHÖN die Stadt ist. Historisch, sowie auch modern, gepflegt und sauber. Einfach zum Verlieben. Wer dort noch nicht war, sollte es unbedingt nachholen.

               Auf dem Platz, an dem die Stadt entstanden ist, also auf der Insel im Fluss Oder, befindet sich heutzutage das religiöse Zentrum der Stadt. Der Name Wroclaw ist im polnischen männlich, auf Deutsch Breslau natürlich Neutrum, tschechisch Vratislav aber weiblich. Ich glaube, ohne meine tschechische Herkunft hervorheben zu wollen, dass der tschechische Name zu der Stadt am besten passt, ihre Schönheit ist nämlich wirklich vom weiblichen Typ. Übrigens, der lateinische Name der Stadt behält die tschechische Form Vratislavia. Wroclaw wurde im Jahr 1000 zum Bistum – es war die Arbeit des polnischen Königs Boleslaw Chrobry (der Tapfere), der sich dadurch seine Statue im Park auf der Stelle der ehemaligen Stadtbefestigung verdiente. Heute liegt das Zentrum nicht mehr auf einer Insel, weil der nördliche Arm der Oder zugeschüttet wurde. Die Gebäude, die sich hier befinden, sind einfach atemberaubend. Schon die spätromanische Kirche „St. Maria auf dem Sande“ ist imposant, aber sie ist nur ein Vorspiel vor der „Kirche des Heiligen Kreuzes“, die der Fürst Heinrich IV. bauen ließ. Er trug den Beinahmen „der Gerechte“. Jeder Herrscher, auch der gerechteste, hat aber ein paar Sünden, die er durch Kirchenbauten gut machen möchte. Der Herzog wurde vergiftet, angeblich von seinem Leibarzt. Weil er aber von seiner Schuld nicht überzeugt war, ließ er den Arzt außer Landes bringen, damit dem Medikus nach seinem eigenen Tod nichts passieren würde. Also doch ein gerechter Herrscher bis zum letzten Atemzug. Das Bauwerk der Kirche ist so imposant, dass man es eigentlich gar nicht fotografieren kann. Es wettfeiert um den Titel der schönsten Kirche der Stadt mit der Erzbischofskathedrale „St Johann der Täufer“, in der unmittelbaren Nachbarschaft. Übrigens, alle Gebäude auf der ehemaligen Insel sind sehr schön, wie das ehemalige Waisenhaus oder die theologische Fakultät, die Verwaltungsgebäude des Erzbistums oder der zwar bescheiden aussehende aber trotzdem sehr elegante Bischofpalast.

               Es gibt natürlich eine Menge Kirchen in Wroclaw, wie übrigens auch in ganz Polen (Obwohl die höchste Konzentration der Kirchen auf einem Quadratkilometer gibt es in Vilnius im benachbarten Litauen). Alle wurden nach der deutschen Art aus Backsteinen gebaut – der Stein war hier einfach Mangelware. Ihre Türme sind in eine unglaubliche Höhe gezogen und die Gebäude schauen unglaublich imposant aus. Ob es sich um die Kirche des Fronleichnams unweit vom Denkmal Boleslaws Chrobry oder um die bereits erwähnte Franziskanerkirche der Heiligen Dorothea, Stanislaus und Wenzel handelt oder um die Dominikanerkirche mit der Kapelle des seligen Cieslaw, eines Dominikanermönches, der hier in der Zeit des Mongoleneinfalls im Jahr 1241 lebte. Nachdem die mongolische Streitkraft die Armee der schlesischen Herzöge, die vom Herzog Heinrich II. angeführt wurde, in der Schlacht bei Liegnitz vernichtet hatte, plünderten die Eindringlinge das ganze Land furchtbar aus. Cieslaw überlebte das Toben der Plünderer, er starb im Jahr 1242. Viel interessanter als sein Leben ist aber das Schicksal seiner Kapelle, wo seine irdischen Überreste begraben sind. Am Ende des zweiten Weltkrieges litt Breslau furchtbar. Hitler erklärte die Stadt zur Festung und ließ die Mehrheit der 630 000 Einwohner evakuieren. Am 15.Februar 1945 wurde die Stadt von der Roten Armee eingekesselt. Die Kämpfe in der Stadt, wo um jedes Haus gekämpft wurde, dauerten bis 6.Mai. Sie kosteten 6000 deutschen und 7000 russischen Soldaten das Leben. Es wurden 75% aller Gebäude vernichtet und die Zerstörung schonte auch die Kirchen nicht. Von der Dominikanerkirche blieb so gut wie nichts übrig – außer der Kapelle des seligen Cieslaw, die das Toben des Krieges ohne den geringsten Schaden überstanden hat. Ich verstehe nicht, wieso Johann Paul II. es nicht geschafft hat, diesen seinen Landsmann heilig zu sprechen. Es war doch sein größtes Hobby und er sprach 483 Menschen heilig (mehr als alle Päpste vor ihm zusammen).

               Nahe dem Stadtzentrum ragt die Kirche der heiligen Agnes in den Himmel empor. Sie wird hier richtig Agnes von Ungarn genannt, weil sie als ungarische Prinzessin in Bratislava – im damaligen Preßburg (oder ungarisch Pozsony) – das Licht der Welt erblickte. In Deutschland wird sie als Agnes von Thüringen verehrt – dorthin wurde sie verheiratet. Diese Kirche wurde von Johann Paul II. zu Basilika Minor erhoben. Es zahlt sich aus, den Aussichtsturm zu besteigen, obwohl man dafür mehr als 300 Stufen in einem engen Turm mit Gegenverkehr überwinden muss. Der Blick vom Turm ist aber fantastisch. Direkt gegenüber steht eine ziemlich düstere „Kirche der Maria Magdalena“. Auffällig ist, dass nur einer ihrer zwei Türme ein Dach hat. Bei der Gelegenheit des 90. Geburtstages Kaisers Wilhelm I. im Jahr 1887 wurde von diesem Dach ein Feuerwerk abgefeuert und das Dach verbrannte. Weil die Einwohner von Wroclaw, das damals noch Breslau hieß, dieses Ereignis als Strafe Gottes verstanden, reparierten sie das Dach nicht und dieses fehlt der Kirche bis heute.

               Das Stadtzentrum bildet der „Rynek“ – also der Hauptlatz. Er ist ein bisschen untypisch in seiner Mitte verbaut. Hier steht das Rathaus, eines der schönsten Gebäude in Mitteleuropa.

Wroclaw war eine ungemein reiche Stadt. Es war nämlich ein Mitglied der Hansa, der Handelsgesellschaft der nordeuropäischen Städte und durch diese Städte liefen alle Warenströme nach Mitteleuropa – der Fluss Oder eignete sich dafür hervorragend. Die Oder war der Segen für die Stadt, obwohl sie ab und zu auch gefährlich werden und große Schäden einrichten konnte, wie das letzte Mal im Jahr 1997. Sie war aber die Ader für die gewinnbringenden Geschäfte. Die größeren Schiffe konnte gerade noch nach Wroclaw fahren, dort musste dann die Ware umgeladen werden. Als Karl IV. Prag zur Hauptstadt des Heiligen römischen Reiches machte, profitierte gerade Wroclaw von den neuen Warenströmen am meistens. Übrigens im Jahr 1346, als Karl an die Macht kam und Prag gerade 8000 Menschenseelen zählte, lebten in den Mauern von Wroclaw bereits 35 000 Einwohner und diese Stad war also damals die größte im Tschechischen Königreich. Den damaligen Reichtum sieht man heute noch. Ob an dem prächtigen Rathaus oder an den Häusern auf dem „Rynek“ oder in den umliegenden Straßen. Wie zum Beispiel das „Haus zu sieben Kurfürsten“ oder das „Haus unter den Gryfen“, aber nicht nur diese, sind wirklich sehenswert. Der Reichtum weckt aber Unruhe, besonders dann, wenn der Wohlstand nicht gerecht verteilt wird. Bei einem Aufstand der Handwerker gegen das Patriziat im Jahr 1418 kam es zu dem ersten europäischen Fenstersturz. Prag, das dadurch später sogar zweimal in die Weltgeschichte einging, kann sich die Idee, sich auf diese Weise der unpopulären Politiker zu entledigen, nicht patentieren lassen. In Wroclaw wurden damals sechs Stadträte aus den Fenstern des Rathauses rausgeworfen, der siebente, der im Turm seine Rettung suchte, wurde ebenso hinuntergeworfen – mit einem noch verlässlicheren Ergebnis. Der Aufstand der Zünfte wurde von Kaiser Sigismund im Jahr 1420 niedergeschlagen, der in Wroclaw den Kreuzzug gegen Prag vorbereitete (der dann mit einer beschämenden Niederlage auf dem Berg Vitkov bei Prag zu Ende ging). Sigismund ließ damals exemplarisch 27 Anführer des Aufstandes hinrichten und die Patrizier kehrten zurück an die Macht.

               Von der Bedeutung von Wroclaw zeugt auch die Tatsache, dass gerade in dieser Stadt, in der ehemaligen Kapelle des Rathauses, die schlesischen Stände im Jahr 1741 ihrem neuen Herrn, dem preußischen Könige Friedrich II. huldigten. Das Museum der Stadtgeschichte gibt es aber nicht im Rathaus, sondern im königlichen Palast Kazimirs des Großen. Leider begrüßte mich hier eine Tafel mit Anschrift: „Expozycia niedzynna, przeprasamy“. (Wir entschuldigen uns, die Ausstellung ist außer Betrieb). Das Museum war wegen Rekonstruktionsarbeiten geschlossen. Ich hatte nicht vor zu verzeihen, wie mich die Tafel bat, aber was sollte ich schon tun? Es ging mir sonst in dieser Stadt doch so gut!

               Ein Erlebnis, das sich ein Besucher in Wroclaw nicht entgehen lassen darf, ist ein Besuch der Universität. Ihre erste Gründung im Jahr 1505 von König Vladislav Jagiello misslang noch. Die zweite Gründung von Kaiser Leopold I. hatte aber schon Erfolg. Deshalb heißt die Universität zur Ehre des Kaisers „Universitas leopoldiana vratislaviensis“. Das Universitätsgebäude wurde in nur zwei Jahren fertig gebaut, die Universität dann dem Jesuitenorden zur Verwaltung übergeben. Atemberaubend ist die Aula der Universität, geschmückt mit Fresken und Statuen des Kaisers und seiner zwei Söhne, der späteren Kaiser Josef I. und Karl VI. Viel zurück in seiner Schönheit bleibt auch das Oratorium Marianum nicht. Es ist ein prächtiges Zimmer ebenso bedeckt mit Fresken, die gleich wie die der Aula sowie auch in der Jesuitenkirche „Zum heiligen Jesusnamen“ der Maler Christoph Handgke aus Olmütz schuf. Auch die Statuen in allen Universitätsgebäuden haben einen mährischen Ursprung, sie wurden von Franz Josef Mangold aus Brünn geschaffen. Das Oratorium, sowie auch die ganze Universität wurde in den Kämpfen des zweiten Weltkrieges vernichtet. Seine Restaurierung wurde von der Bundesrepublik Deutschland finanziert. Es war eine schöne Geste für die Versöhnung, die aber nicht ganz die erhofften Früchte brachte, sonst wäre in Polen nicht Jaroslaw Kaczynski an der Macht. (In Wroclaw übrigens hat seine Partei „Recht und Gerechtigkeit“ nicht gewonnen, die Bevölkerung von Wroclaw war immer sehr sensibel gegen jede Totalität, Wroclaw war auch eines der Widerstandzentren gegen das kommunistische Regime – auch die Bewegung Solidarność (Solidarität) war hier seit dem Jahr 1981 aktiv).

In den Nischen der Aula sind Philosophen und Gelehrte wie Sokrates oder auch der Rektor der Pariser Universität Sorbonne Gerson abgebildet. Auch Johann Capistranus hat hier sein Portrait, das ich weniger gutheißen kann. Dieser Mensch wurde von der katholischen Kirche im Jahr 1690 heiliggesprochen (er ist ein Patron der Staatsanwälte und Feldkuraten). Er kam nach Wroclaw im Jahr 1453. Er wurde in die Stadt von König Ladislaus Postumus entsandt, um einen Fall der Hostienschändung zu untersuchen. Capistranus war so etwas wie ein Familienkaplan und Beichtvater der Königsfamilie, unter anderem vermählte er auch Anna, die Schwester des Ladislaus mit dem polnischen König Kazimir IV. Durch Folter erzwang er von örtlichen Juden ein Geständnis und in weiterer Folge wurden 41 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt und weitere mehr als 400 aus der Stadt vertrieben. Ihr Besitz wurde eingezogen, was wahrscheinlich der ursprüngliche Grund der Mission von Capistran war. Es war die Gier, die die Menschen zu Tode hetzte. Im Jahr 1455 hat Ladislaus für die Stadt das „Privilegium de non tolerantis iudaeis“ erlassen, das den Juden den Verbleib im Stadtgebiet von Wroclaw untersagte. Mit einigen katholischen Heiligen wie Capistranus habe ich ein echtes Problem. Er hat sich seine Heiligsprechung verdient, als er an dem Kriegszug von Janos Hunyady und dem Sieg über die Türken bei Belgrad im Jahr 1456 teilgenommen hat. Er hat sich dabei gleich wie auch der Heerführer Hunyady mit Pest angesteckt und starb.

               Die Universität in Wroclaw produzierte acht Nobelpreisträger, was eine wirklich bewundernswerte Zahl ist. Unter ihnen war zum Beispiel der Schriftsteller Theodor Mommsen, der Atomphysiker Max Born, der Chemiker Eduard Buchner oder der Vater der deutschen Epidemiologie Paul Ehrlich. Leider war die Mehrheit von ihnen Juden und als im Jahr 1933 in Schlesien wie in ganz Deutschland Nazi die Macht übernahmen, hat das hohe Level der Universität ein jähes Ende genommen. Heute hat sie eine passable Qualität und fünf Fakultäten, medizinische, juristische, philosophische und zwei theologischen, eine katholische und eine evangelische. Weitere Nobelpreisträger zeugt sie aber nicht mehr.

               Ich wurde ein wenig von einem Burschen mit einem Degen in der Hand im Universitätsmuseum überrascht. Burschenschaften, die als Studentenvereine im neunzehnten Jahrhundert entstanden sind, sind heutzutage die Hauptträger der pangermanischen und rechtsradikalen Ideen. Das Fechten ohne Gesichtsschutz ist hier eine Pflicht und deshalb rühmt sich ein echter Bursche mit zumindest einer Hiebwundenarbe im Gesicht. In Wroclaw schockierte mich diese Tatsache nur kurz. In der Zeit, als diese Studentenvereine entstanden sind, gab es hier Preußen. Auch deshalb gibt es auf dem Brunnen vor der Universität eine Statue eines Burschen, der sich auf einem Degen stützt.

               Nicht weit von der Universität gibt es ein prachtvolles Gebäude des Ossolineums, des Museums des Grafen Ossolinski, das auch einen Teil des Manuskriptes des Romans „Pan Tadeas“ (Herr Thadeus) von Adam Mickiewicz (den zweiten Teil gibt es in Warschau) besitzt. Dieses Buch hat für die polnische Kultur als ein Symbol der nationalen Identität eine zentrale Bedeutung und dementsprechend groß ist die Verehrung des Werkes.

               Eine Kuriosität von Wroclaw, die sehenswert ist, ist das „Panorama von Raclawice“, das im „Park J-Slowacki“ unter der ehemaligen Stadtfestung, von der nur die Grundmauern erhalten blieben, steht. Dieses monumentale Werk ehrt ein Sieg der polnischen Rebellen unter der Anführung von Tadeus Kosciusko über die russische Übermacht bei dem Städtchen Raclawice am 4. April 1794. Dieses 14 Meter lange und 5 Meter hohe Bild stellt den Kampf dar– wahrscheinlich malten die Autoren Jan Styka und Wojciech Kossak jeden einzelnen Soldaten, weil in dem Scharmützel um die 2000 polnische Soldaten gegen ungefähr eine gleiche Zahl Russen kämpften. Die Schlacht hatte keine strategische Bedeutung, weil die Polen nicht im Stande waren, die geschlagenen Russen zu verfolgen, geschweige sie aus Kleinpolen zu verdrängen. Für den polnischen Nationalstolz hat aber dieses Ereignis eine riesige Symbolkraft.

Das Schicksal dieses Panoramabildes dokumentiert wieder einmal die bewegte Geschichte Polens. Ursprünglich wurde es in Lwow (Lemberg) gemalt und ausgestellt.  Lemberg gehörte bis zum Jahr 1939 zu Polen. Dann aber wurde der Ostteil Polens von der Roten Armee besetzt (Infolge des Vertrages zwischen Molotov und Ribbentrop, der den Deutschen den Westteil und den Russen den Ostteil Polens zusprach) und Russen zogen sich aus dem besetzten Land – wie es schon immer ihr Brauch war – nie mehr zurück. Auf der anderen Seite war Wroclaw, das vor dem Krieg 630 000 Einwohner hatte, nach dem Krieg praktisch entvölkert. Im Jahr 1946 lebten hier lediglich 170 000 Menschen und das waren überwiegend neue Einsiedler aus Lwow, die Stalin nicht mehr dort haben wollte. Sie mussten also nach Schlesien übersiedeln, das ein Teil von Polen wurde und sie durften ihr Raclawice-Monument mitnehmen. In der Sowjetunion wäre eine Verehrung des Sieges der polnischen Waffen über die russischen störend gewesen. Zumindest ließ es Stalin nicht vernichten, sondern im Jahr 1946 nach Wroclaw übertragen. Seit dem Jahr 1985 hat das Monument eine eigene Rotunde, die man besuchen kann. Auf den Eintritt muss man allerdings bis zu zwei Stunden warten, weil der Besuch des Monuments ein Pflichtprogramm aller polnischen Schulausflügen ist, die Wroclaw besuchen möchten.

               An dem Oderufer kann man die Markthalle besuchen. Sie ist riesig und es wird hier einfach alles angeboten. Am schönsten waren aber die Blumengeschäfte. Es gab hier eine unglaubliche Menge an Begräbniskränzen, alle sehr schön mit Schnittblumen, Orchideen, Rosen usw. In Wroclaw muss es einfach ein Vergnügen sein zu sterben. Der Kai und die Parkanlagen sind alle schön gepflegt und sauber, die Stadt ist dazu auch voll von schönen Mädchen. Eigentlich habe ich so viele hübsche junge Frauen noch nie gesehen, vielleicht mit Ausnahme Kopenhagen, aber im Gegensatz zu gleich schönen, lächelnden und gepflegten Däninnen sprechen die Polinnen nicht mit dem furchtbaren dänischen Dialekt, sondern mit einer lustigen, flotten polnischen Sprache (die ich dazu auch noch verstehen kann). Wenn ich aber in diesem Punkt meine männlichen Leser zum Besuch dieser Stadt motivieren konnte – die, wie bekannt, meistens nur wenige sind – kann ich auch meine weibliche Leserschaft beruhigen – an Wroclaw werden auch sie Gefallen finden. Nicht einmal moderne Kunst kommt zu kurz, es gibt in der Stadt eine Menge interessanter Freilichtskulpturen. Am Oderufer gibt es moderne Skulpturen und direkt vor unserem Hotel stiegen aus dem Boden Figuren der nach dem zweiten Weltkrieg vertriebenen Menschen. Wroclaw ist bereit, sogar mit seiner Vergangenheit abzurechnen.

               Wroclaw war im Jahr 2016 eine der zwei Kulturhauptstädte Europas (neben dem baskischen San Sebastian) und verdiente sich sicherlich diese Ehre. Hier trifft sich die alte Geschichte mit der neuen, die moderne Kultur mit der klassischen und sollte jemand die polnische Küche meiden wollen (die nicht gerade den besten Ruf genießt), gibt es eine verlockende Alternative im tschechischen Originalrestaurant in Swidnicka ulica 8a (ich hoffe nur, dass dieses Lokal die Coronakrise überlebt hat). Es wird hier das tschechische Prazdroj (Pilsner Urquel, bekanntlich das gesündeste Bier der Welt und dazu auch sehr wohl trinkbar) serviert und das Essen ist hervorragend – die Portionen waren so riesig, dass sie für zwei Personen ausreichten. Ich habe nicht widerstehen können und beide Entenkeulen aufgegessen. So konnte ich mir am nächsten Tag das Frühstück im Hotel ersparen.

               Aber am besten sind die Zwerge. Sie sind allanwesend. Sie kriechen überall hin und vermehren sich offensichtlich sehr schnell. Ihre kleinen Statuen aus Metall sind auf den Gehsteigen vor allen wichtigen Gebäuden, mit Laptop oder als Feuerwehrmänner oder vor der Universität als ein Herr Professor mit Brille. Sie verleihen der sowieso freundlichen Stadt den echten goldenen Punkt. Sie sind eine Erinnerung an die Studentenbewegung „Die Orangenalternative“ aus dem Ende der Achtziger, als diese an der örtlichen Universität entstanden ist. Der erste Zwerg entstand auf einer Metallkugel in der Swidnickastraße, nur ein paar Schritte von dem gezapften Pilsner Bier entfernt. Einen solchen Zwerg kann man bei „Towarystwo milostnikow wroclawie“ vor der Kirche der heiligen Elisabeth kaufen. Einen schöneren und lieberen findet man sonst nirgends.

               Also, wer in Wroclaw noch nicht war, sollte dieses kulturelles Defizit wettmachen.

Mainz II

Über die Altstadt ragt die Zitadelle empor.  Diese Festung ließ nach dem Westfälischen Frieden im Jahr 1648 Erzbischof Johann Philipp von Schönborn bauen. (Sollte der Namen jemanden an den amtierenden Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn erinnern, handelt sich hier um keine zufällige Ähnlichkeit, der Kardinal stammt aus dieser berühmten Kurfürstenfamilie). Nachdem die Festung dem Ansturm der französischen Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg nicht statthalten konnte, gab ihr das heutige Aussehen Lothar Franz von Schönborn, der hier bis zum Jahr 1729 herrschte.

Im Jahr 1792 nach der Eroberung durch Franzosen wurde aus dem Tor der Festung das Wappen der Erzbischöfe ausgekratzt, heutzutage gibt es in der Festung neben dem bereits erwähnten Drususstein ein Städtisches historisches Museum mit lieben freiwilligen Führern – der Eintrittspreis ist auch freiwillig.

Mit Mainz ist eine der größten Erfindungen der Menschheit verbunden, eine Erfindung, die das Mittelalter beendete und die Neuzeit einläutete – der Buchdruck. Johann Guttenberg (mit eigenem Namen Gensfleisch) war ein mainzer Patrizier. Um die Ehre, der Geburtsort der modernen Zeit zu sein, kämpft Mainz mit Straßburg. In den Jahren 1434 – 1444 oder möglicherweise sogar bis zum Jahr 1448 lebte nämlich Guttenberg in Straßburg und führte dort seine Versuche durch, bei denen er nach einer Legierung für die Erzeugung seiner beweglichen Lettern suchte, die dem Druck der Druckmaschine standhalten könnten. Aus diesem Grund findet man ein Guttenberg-Denkmal auch in Straßburg. Die Stadt behauptet, dass Guttenberg seine Erfindung bereits dort vollendet hatte und nur dann nach Mainz zurückkehrte.  Die Tatsache ist, dass er nach seiner Rückkehr nach Mainz von mainzer Bürger Johann Fust einen Kredit in der Höhe 800 Gulden nahm und sich entschied, sein Werk zu realisieren. Es sollte sich um den Druck von 500 Stück Bibel handeln – das Alte- sowie auch das Neue Testament. Das Buch wurde auf der Frankfurter Messe im Jahr 1455 vorgestellt – und veränderte für immer den Lauf der Geschichte. Interessant ist, dass in Frankfurt gerade zu dieser Zeit Aeneas Silvius Piccolomini weilte, der Sekretär des Kaisers Friedrich III. und späterer Papst Pius II. Er erkannte sofort die Bedeutung der neuen Erfindung und versuchte ein kirchliches Monopol für den Buchdruck zu erlangen. Es gelang ihm nicht, gerade der Buchdruck verlieh der Reform von Luther Flügel und schwächte auf entscheidende Weise die Macht der Päpste. Aus ökonomischer Sicht war die Ausgabe der Bibel für Guttenberg eine Katastrophe. Er schätzte falsch die Produktionskosten ab, er ließ über die Alpen das beste Papier aus Italien holen (weil damals in Deutschland noch kein Papier produziert wurde) und die Auflage war bereits vor ihrer Erscheinung ausverkauft, daher war es nicht mehr möglich, den Preis zu erhöhen, um die Betriebskosten abzudecken. Guttenberg war nicht im Stande, Fust seine Investition zurückzuzahlen, beide Herren landeten vor Gericht und Fust gründete einen eigenen Buchdruckbetrieb. Guttenberg spezialisierte sich danach auf Druck von Flugblättern und Ablassbestätigungen, dadurch wurde er letztendlich doch vermögend.

An sein Wirken in der Stadt erinnert das Guttenberg-Museum in einem architektonisch ein bisschen inkompakten Stadtzentrum. Neben schönen historischen Gebäuden und supermodernen gläsernen Einkaufzentren gibt es hier auch formlose moderne Bauten mit Geschäften (am furchtbarsten ist das Kaufhaus Douglas vor dem Stadttheater, das ein echtes Architekturverbrechen ist). Mainz konnte nicht die katastrophalen Schäden, die es im zweiten Weltkrieg erlitten hatte, vollständig beseitigen. Im Museum im Untergeschoß gibt es eine Replik der historischen Druckerei von Guttenberg, hier gibt es auch Vorführungen des Druckes in der ursprünglichen Weise, auf den Geschoßen gibt es dann Darstellung der Buchdruckgeschichte von den Handschriften bis zum Buchdruck und das inklusiv China und Japan, wo die Entwicklung einen eigenen Weg nahm. Die wertvollsten Exponate sind drei Drucke der Guttenberg Bibel aus dem Jahr 1455. Wenn das erste Exemplar dieser Bibel im Jahr 1926 50 000 Reichsmark kostete, wurde die Zweibandbibel im Jahr 1979 in New York für 6 Millionen Mark ersteigert. Der Bürgermeister von Mainz schaute damals nicht auf die Kosten, er wollte um jeden Preis die Bibel in seiner Stadt haben. Die Folge ist ein furchtbares Gedränge um den Tresor, wo die Bibel ausgestellt wird, das Museum war (natürlich noch vor der Corona Krise) immer sehr übervölkert (Ich war dort im Jahr 2018 das vierte Mal und es war dort immer mehr Menschen, besonders Asiaten). Aber ein Besuch zahlt sich trotzdem aus. In dem Souvenirshop kann man Faksimile einzelner Seiten der Guttenberg Bibel kaufen, der Preis schwankt zwischen 35 und 20 000 Euro. Ich habe zwar nicht widerstehen können, habe mich allerdings für die billigere Variante entschieden.

Das Grab von Guttenberg findet man in Mainz nicht. Er wurde im Franziskanerkloster bestattet, das aber dem französischen Beschuss im Jahr 1793 zum Opfer fiel. Unter den Ruinen des Gebäudes verschwand auch das Grab eines der größten Entdecker der Menschengeschichte. Nach Guttenberg trägt auch die örtliche Universität ihren Namen, die im Jahr 1977 fünfhundert Jahre ihres Bestehens feierte, obwohl sie zwischen den Jahren 1802 und 1946 außer Betrieb war (sie wurde aber nicht offiziell aufgelöst).

Um nicht zu vergessen, wo kann man in Mainz gut essen? Gut und in einem interessanten Ambiente! Dann kann ich das „Heilig-Geist-Spital“ nahe dem Rheinufer empfehlen. Das Ufer wird mit drei furchtbaren Gebäuden geschmückt, mit dem Rathaus, mit der Rheingoldhalle als ein großes Konferenzzentrum und zum dritten steht hier das Hotel Hilton. Alle drei verderben unverbesserlich das Stadtbild, wenn man sie vom Fluss her betrachtet. Das Restaurant „Heilig Geist Spital“ ist dagegen hübsch. Ein ehemaliges mittelalterliches Spital für die Kranken und Armen gebaut im gotischen Stil, wurde in ein elegantes Restaurant mit einer sehr guten italienischen Küche umgebaut. Die Seele eines Historikers und die eines Gourmands jubeln bei dem Besuch gemeinsam.

In Mainz gibt es natürlich noch viele weiteren Sehenswürdigkeiten. Es gibt hier die St. Stephan Kirche mit Fenstern, die Marc Chagall entworfen hat. Der Künstler war bei diesem Auftrag im Jahr 1982 bereits 95 Jahre alt, aber das Ergebnis ist berauschend. Die blaue Farbe des Lichtes füllt die ganze Kirche, sogar die Orgel scheint blau zu sein, obwohl es natürlich nicht ist. Die Kirche ist übrigens die älteste in der Stadt, sie wurde bereits im Jahr 990 im Auftrag von Bischof Willigis gebaut.

Es gibt mehr als genug Kirchen in Mainz, nicht umsonst war die Stadt die Residenz des Erzbischofs und Kurfürsten. Die Kirche des Johanns des Täufers direkt neben der Kathedrale gehört jetzt den Protestanten, die Kirche des heiligen Quintinius, die monumentale rein barocke Kirche des Heiligen Petrus, die einen mit feinen Farben der Innenausstattung beeindruckt, oder die Kirche des Klosters der Karmeliten, direkt gegenüber des Hotel Hilton, die im Krieg vollständig vernichtet, aber später im gotischen Stil erneuert wurde. Weniger Glück hatte die Kirche des heiligen Christophorus, nicht weit von den Karmeliten. Nach den Grauen des Krieges blieb von ihr eine Ruine, es wurde lediglich die Kapelle des Heiligen Johannes wieder aufgebaut, der Rest blieb als ein Mahnmal des Schreckens, das der Krieg mit sich brachte und aus dem Hauptschiff der Kirche wurde ein Museum, die den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet ist.

Als eine Erinnerung an die ruhmreichen römischen Zeiten von Mogontiacum gibt es in der Stadt römische Steine als Reste eines damaligen Aquädukts. Das „Römisch germanisches Zentralmuseum“ im ehemaligen Kurfürstenpalast neben dem heutigen Landtag ist ein zentrales deutsches archäologisches Institut für die Erforschung der römischen historischen Epoche. Man kann es nicht besuchen, die Ausstellung, die man besuchen kann, wurde in das bereits erwähntes Museum der römischen Schifffahrt übersiedelt. Das Naturhistorische Museum ist besonders durch sein imposantes Gebäude interessant, in dem es sich befindet – es ist ein ehemaliges Kloster der Klarissinnen, das bei der Säkularisation im Jahr 1791 aufgehoben wurde. Von außen ist es ein prächtiges Gebäude einer gotischen Kirche, typisch für damalige Bettlerorden.

Von der Stadtbefestigung blieben einige Tore erhalten, Eisenturm nahe dem Rheinufer und Holzturm im südlichen Stadtteil.

Mainz ist hübsch trotz Narben, die auf seinem Körper das Wüten des Krieges hinterlassen hat. Es hat an seiner Bedeutung nichts verloren, dafür hilft die zentrale Lage am Rhein. In der Zeit nach Wiener Kongress gab es hier eine Zentrale des österreichischen Geheimdienstes, die hier Fürst Metternich gründete. Heute gewinnt die Öffentlichkeit. Im Stadtteil Lerchenberg befindet sich die Zentrale von ZDF (Zweites deutsche Fernseher) Im Jahr 1964 erwarb hier die Stadt Mainz ein Grundstück von der Größe eine Million Quadratmeter und gründete hier die Sendezentrum von ZDF.

Aber auch die Umgebung von Mainz ist sehenswert. Wer Zeit hat, kann auch das erzbischöfliche Schlösschen in Eltville am Rheinufer besuchen. Dieses begann Balduin von Luxemburg zu bauen, als er der Administrator des Erzbistums war, und hier schloss am 26. Mai 1349 Karl IV. Frieden mit seinem letzten Widersacher bei seiner Königswahl, dem todkranken (wahrscheinlich vergifteten) Günther von Schwarzburg. Wenn man am Flussufer sitzt und beobachtet, wie ein Frachtschiff nach dem anderen vorbeifährt, versteht man, welche Bedeutung der Rhein für die deutsche Wirtschaft hatte (und noch immer hat).

Nahe von Mainz befindet sich auch das Stift Eberbach, wo der Film „Der Name der Rose“ mit Sean Connery in der Rolle von William von Baskerwille gedreht wurde. Wenn man das Schlafzimmer der Mönche besucht, das im Film als Skriptorium diente, hat man das Gefühl, als ob die Tür in jedem Moment aufgehen und der große Sir Sean eintreten sollte.

Ungefähr fünfzig Kilometer flussabwärts zwischen endlosen Weinbergen gibt es dann ein Städtchen Bingen, wo die heilige Hildegard tätig war, ein Stück weiter gibt es dann den Felsen, wo die legendäre Lorelei sang und auf dem anderen Ufer dann die Stadt Rüdesheim, der Ort, wo der deutsche Cognac Asbach produziert wird mit einem Viertel der Weinkeller und Bordelle. Übrigens in Rüdesheim aß ich die wahrscheinlich beste Ente mit Orangensauce in meinem Leben.

Im Gebiet des Erzbischofs von Mainz konnte die Reformation, besonders die calvinische, nichts Böses anstellen. Meine Leser haben sicher bereits erkannt, dass Mainz meine Lieblingsstadt in Deutschland ist – und bleibt.

Mainz I

Wenn ich in dem Artikel über Wiesbaden über eine junge Stadt schrieb, deren Bedeutung höchstens zweihundert Jahre zurückliegt, befindet sich auf dem gegenüberliegenden Rheinufer eine weitere deutsche Landeshauptstadt (Die Hauptstädte der Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz trennt wirklich nur der Fluss und damit ca. 10 Kilometer), und die Geschichte dieser Stadt beginnt noch vor Christi Geburt.

Am 14. September des Jahres 9 vor Christi Geburt stürzte hier der adoptierte Sohn des Kaisers Augustus (der Sohn seiner Gattin Livia) Drusus vom Pferd und starb an den Folgen dieses Sturzes. An sein ruhmloses Ende erinnert der so genannte Drususstein, der in der Zitadelle der Stadt steht – derzeit überdeckt von einem grünen Netz, wahrscheinlich um seinen weiteren Zerfall durch Witterung zu verhindern. Drusus wurde in Rom verbrannt und begraben, in Mainz handelt es sich also um ein Scheingrab, ein so genanntes Kenotaph.

Mogontiacum, wie Mainz damals hieß, entwickelte sich in weiterer Folge zu einem wichtigen römischen Stützpunkt an der östlichen Grenze des Reiches und diese Tatsache hatte mehrere Gründe. Hier mündet nämlich der Fluss Main in den Rhein als eine Pforte in das damals barbarische Germanien und deshalb war Mainz ein wichtiger römischer Flusshafen. Zweitens ist die Region sehr günstig für Weinanbau – der berühmte Rheinwein stammt großteils aus der Umgebung von Mainz, es gibt hier riesige Weinproduzenten wie Kupfenberg (er hat in Mainz auch sein repräsentatives Restaurant „Kupfenberg Terrassen“ auf der Terrasse über die Altstadt) oder Henkel – der größte Sektproduzent. Auf dem gegenüber liegendem Rheinufer gab es dann warme Quellen, nach denen die Römer süchtig waren. Gerade deshalb bauten sie gerade in Mogontiacum die einzige Brücke über den Rhein, die auf dem östlichen Ufer durch eine Festung geschützt war – noch heute heißt dieses Stadtviertel Kastel – aus dem lateinischen Wort „castrum“.

An die römische Vergangenheit der Stadt erinnert neben dem bereits erwähnten Drususstein auch das römische Theater unter der Zitadelle,

das ausgegraben worden ist, als die Mainzer den Südbahnhof ausbauen wollten, und vor allem ein hervorragendes Museum der römischen Schifffahrt. Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht so viel erwartet, als ich das Museum besuchen wollte. Aber die Mainzer schafften es aus dem Fund einiger Reste der römischen Flussschiffe ein absolutes Maximum zu holen, vielleicht noch ein bisschen mehr. Das Museum stellt nicht nur diese Schiffreste aus Holz aus, es gibt hier Modelle der römischen Schiffe in der natürlichen Größe, detailliert beschriebene Vorgänge beim Schiffbau seit dem alten Ägypten bis heute, detaillierte Informationen über die römische Flotte mit Beschreibung der einzelnen Funktionen in der Flotte sogar auch mit entsprechendem Lohn. Es gibt wirklich mehr als genug zum Schauen und wenn sich jemand für römische Geschichte interessiert, ist er hier absolut richtig – ein besseres Museum habe ich bisher nicht besucht.

Allerdings überwunden die Germanen im fünften Jahrhundert den Rhein und von Mogontiacum blieben nur rauchende Ruinen. Die Stadt musste wieder von Null beginnen und ihr Wideraufbau gelang. Ein großer Verdienst an der Auferstehung der Stadt hatte ein Bistum, das in achtem Jahrhundert zum Erzbistum erhoben wurde und für die Stadtentwicklung im Mittelalter und der frühen Neuzeit eine essentielle Rolle spielen sollte.

Zum ersten Mainzer Erzbischof wurde der heilige Bonifatius ernannt. Seine Statue kann man vor der Mainzer Kathedrale sehen.

Dieser Heilige hieß ursprünglich Winfried und er war ein Engländer. Den Namen Bonifatius (also „ein gutes Gesicht“) gab ihm der Papst, als er ihn zu einer Mission nach Mainz entsandte, um dort Ordnung in das damals noch chaotische germanische Christentum zu bringen. Bonifatius gab sein Bestes und war auch erfolgreich. Er errang eine wichtige Stellung am fränkischen königlichen Hof und setzte auf die richtige Karte, als er die Majordomus aus der Familie der Karolinger gegen die machtlosen Könige aus der Familie der Merowinger unterstützte. Nach einer Legende, die allerdings angezweifelt wird, war es Bonifatius, der im Jahr 751 den ersten König der neuen Dynastie Pippin „den Kurzen“ krönte. Weil ihm das Amt des mainzer Erzbischofs offensichtlich zu langweilig war, entschied er sich für den Märtyrertod und in seinen alten Jahren – er war schon achtzig – unternahm er eine Reise nach Norden, um die Friesen zu taufen. Die hatten aber nicht die geringste Lust sich taufen zu lassen und erschlugen den alten Missionar bei Dokkum. Der Leichnam von Bonifatius wurde nicht in Mainz begraben, sondern in Fulda, in einem Kloster, das er zu gründen half.

Die Machtbereiche der einzelnen Erzbistümer im Reich teilte Karl der Große ein und er war zu Mainz sehr freigiebig. Möglicherweise spielte dabei noch die Dankbarkeit Karls Vaters Pippin eine Rolle. Dieses Erzbistum wurde zu dem größten nördlich der Alpen, in seinen Machtbereich gehörte die ganze Mitte Deutschlands und bis 1346 sogar auch Tschechien mit Bistümern in Prag und Olmütz.

Die Dominante der Stadt ist die romanische Kathedrale, eine der vier berühmtesten in Deutschland (neben Speyr, Worms und Trier). Es ist ein Bau aus dem elften Jahrhundert und mit Ausnahme einiger späteren gotischen Zubauten ist es ein monumentaler homogener Bau im hochromanischen Stil.

Mit dem Bau hat Kaiser Heinrich IV. begonnen, der sich gerade im Kampf mit dem Papst um die Investitur befand und mit diesem Bau dem Papst den Wind aus den Segeln nehmen wollte. Das Ergebnis ist imposant. Die Kathedrale macht besonders in den Frühmorgenstunden einen düsteren Eindruck, in ihren drei Schiffen mit riesigen Säulen fühlt man sich verloren, aber im Moment, wenn durch die Fenster die ersten Sonnenstrahlen in das Kircheninnere dringen, bekommt der Raum ein unglaubliches Flair. Die Kirche hat zwei Apsiden, sie ist in Gegensatz zu anderen Kirchen nach Westen orientiert und der Westchor gehörte dem Erzbischof. Im Ostchor saß der König, nur eine Spur niedriger als der Domherr auf der anderen Seite der Kirche. Die Krypta befindet sich aber unter dem Ostchor.  Interessant sind die Grabsteine der mainzer Erzbischöfe. Die Nummer 1 und 2 gehören den so genannten Kaisermachern. Einer davon war Peter von Aspelt, ein Kanzler des tschechischen Königs Wenzel II. Dieser Bürger der Stadt Basel machte eine unglaubliche Karriere – er wurde durch die Intervention Wenzels zum Erzbischof von Mainz. Er hatte ein Verdienst an der Wahl Heinrichs VII. von Luxemburg zum Kaiser und nach seinem Tod hatte er den entscheidenden Einfluss auf die Wahl seines Nachfolgers Ludwig IV. von Bayern. Ein nicht-adeliger wurde so zum mächtigsten Mann in Deutschland. Auf seinem Grabstein ducken sich unter dem rechten Arm des riesigen Erzbischofs diese zwei Kaiser, während unter seinem linken Ellbogen steht der tschechische König Johann von Luxemburg, dem er zur tschechischen Königskrone verhalf.  Alle drei natürlich deutlich kleiner als der große Erzbischof.

Aspelt gegenüber gibt es den Grabstein von Siegfried III. von Eppstein. Dieser ließ gegen den damaligen Kaiser Friedrich II. gleich zwei Gegenkönige wählen, zuerst Landgraf von Thüringen Heinrich Raspe, den er sogar im mainzer Dom selbst krönte und als dieser viel zu früh starb, ließ er Wilhelm von Holland zu seinem Nachfolger wählen. Beide ducken sich auf dem Grabstein unter seine Arme und sind laut ihrem Gesichtsausdruck ihrem Wohltäter entsprechend dankbar. In den Fenstern der Kathedrale gibt es Porträts der Erzbischöfe aus Glas, diese Reihe endet mit Aspelt. Seit seinem Nachfolger Mathias von Buchegg werden die Porträts durch Wappen der neuen Herrn von Mainz ersetzt. Es wurde nämlich eine Regel erlassen, dass zum Erzbischof von Mainz nur ein Adeliger, der mindestens in sechs Generationen seine adelige Herkunft nachweisen konnte, werden durfte. Somit wurde mit dem Treiben gemeiner Bürger von Typ Aspelt, die sich einbildeten, die höchste Politik machen zu dürfen, Schluss gemacht.

Die Erzbischöfe von Mainz gehörten zu den sieben Reichskurfürsten, also zu Herren mit dem Wahlrecht bei der Wahl der römischen Könige. Wenn der tschechische König als der erste die Stimme abgeben durfte und damit die Richtung andeuten konnte, hatte der Erzbischof von Mainz das Recht, als der letzte die Stimme abzugeben, was ihm bei Stimmengleichheit eine besondere Bedeutung verlieh. Die Stadt mit der Umgebung beherrschten die Erzbischöfe bis zum Jahr 1792 als französische Truppen in die Stadt einmarschierten und mit dem kirchlichen Fürstentum ein schnelles Ende machten. Nicht immer war die Fürstenkrone des Erzbischofs ein Segen. Der Thron in Mainz war viel zu verlockend und so kämpften nicht nur einmal zwei Kandidaten um dieses Privileg. Im Jahr 1462 wurde die Stadt von den Truppen des päpstlichen Kandidaten Adolf II. von Nassau eingenommen und ausgeplündert und verlor alle ihre Rechte. Damals musste auch der berühmteste Bürger von Mainz Johann Guttenberg die Stadt verlassen (später durfte er aber zurückkehren).

Übrigens auch die Luthers Reformation hat indirekt mit Mainz zu tun. Albrecht von Brandenburg war im Jahr 1514 der Erzbischof von Magdeburg und der Administrator in Halberstadt. Das war ihm aber nicht genug. Er sehnte sich nach dem Titel eines Kurfürsten, war aber nicht bereit, auf die Einkünfte aus Magdeburg zu verzichten. Zwei verschiedene Erzbistümer zu verwalten (und besonders zwei Einkünfte zu konsumieren) widersprach den damaligen kirchlichen Gesetzen. Papst Leo X. (Giovanni Medici aus einer Kaufmannfamilie) war bereit, eine Ausnahme zu machen – wenn er dafür genug Geld bekommen würde, das der Fertigstellung des Petersdomes in Vatikan zugutekommen könnte. Albrecht ließ also in ganz Deutschland Ablässe verkaufen, er beauftragte mit dem Verkauf den größten Bankier der Zeit, Jakob Fugger, der dafür einen beträchtlichen Teil des Geldes selbst behalten durfte. Diese Unverschämtheit hat Martin Luther zu seinem Auftreten in Wittenberg am 31. Oktober 1517 veranlasst. Albrecht wurde trotzdem zum Kurfürsten von Mainz und blieb in dieser Funktion bis zum Jahr 1545, er wurde sogar zum Kardinal und Erzkanzler des Römischen Reiches. An seine Person erinnert der Rohrbrunnen auf dem Markt vor der Kathedrale und ein Grabstein drinnen, in den der Autor unter dem Porträt des Erzbischofs ein bisschen böswillig einen Teufel gemeißelt hat.

Die Reise über die Grenze in den Coronazeiten

Ich sage voraus, dass ich immer ein Befürworter der Maßnahmen zum Eindämmen der Pandemie war, solange diese logisch, begründbar und verständlich waren. Ich bin ein Befürworter der Impfung, weil dies meiner Meinung nach der einzige Weg ist, wie man die Pandemie überwinden kann. Natürlich konnte man manche Sachen rationaler machen und zum Beispiel anstatt des wochenlangen Leugnens der Thrombosen, die mit der Impfung mit dem Vakzin Astra Zeneca verbunden waren, einfach zugeben, dass es diese Thrombosen gab und dass sie beinahe ausschließlich Frauen vor der Menopause betrafen und dass diese Gruppe aus der Impfung mit diesem Vakzin ausgenommen werden sollte.

Ich bin auch ein Befürworter des Tragens der FFP2 Masken in geschlossenen Räumen und ich bin überzeugt, hätte man in Sommer genug von diesen Masken gekauft oder produziert und gleich in Oktober das Tragen von ihnen befohlen, solange die Akzeptanz bei der Bevölkerung noch ausreichend hoch war, hätte man sich einen großen Teil des Lockdowns und viele Tote ersparen können.

               Niemals habe ich ganz verstanden, warum kleine Geschäfte geschlossen werden mussten (und die großen offenbleiben durften), solange Menschen dort die FFP2 Masken getragen hätten und auch nicht das Verbot der Unterkunft in den Appartements um die Schipisten, die im Betrieb bleiben durften. Möglicherweise spielte hier die Angst, dass die Menschen in den Appartements sich gegenseitig besuchen und zusammen trinken würden, eine Rolle. Warum man im Freien kein Doppel beim Tennis spielen darf, verstehe ich auch nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Beinahesenior beim Single verletzen könnte, ist tausendmal höher als sich dabei mit Covid anzustecken. Aber o.k. Verboten ist verboten, dann spielen wir halt nicht.

               Trotz dieser Einwände war ich für das Einhalten der Regel. Bis ich mich entschieden habe, meine Mutter in Tschechien zu besuchen. Es war nämlich nach einem halben Jahr bei ihrem Alter von 84 Jahren schon dringend notwendig. Dafür musste ich aber die österreichisch-tschechische Grenze überqueren. Weil ich ein disziplinierter Bürger bin, entschied ich mich, es nach den gegebenen Regeln zu tun. Und das zeigte mir die Absurdität des gesamten Systems.

               Ich muss zuerst klarmachen, dass ich seit Februar geimpft bin – dieses Privileg habe ich mir durch die Arbeit auf der Intensivstation bei den Covidpatienten verdient. Ich habe eine Bestätigung über die Anwesenheit der Antikörper gegen Coronavirus in meinem Blut, also über eine ausreichende Immunisierung und wie wir wissen, reduziert die Impfung auch die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Virus anzustecken und das Virus weiter zu verbreiten um sagenhafte 96%. Diese Tatsache wird aber nirgends berücksichtigt, sie spielt bei den Vorschriften, die die Bewegungsfreiheit einschränken, keine Rolle.

               Der Übertritt der Grenze ist nur mit einem negativen Antigentest aus den letzten 24 Stunden möglich. Das ist kein so großes Problem, weil ich im Krankenhaus arbeite, wo ich ohnehin zu wöchentlicher Testung verpflichtet bin. Es ist mir gelungen auch bei einer wahnsinnigen Arbeitsbelastung im letzten Moment noch unseren Laborassistenten Laszlo zu erwischen, der diese Tests am Freitag machte, noch bevor er den Testraum verließ. Er war sehr lieb, machte bei mir den Test und ich durfte nicht vergessen vor dem Verlassen meines Arbeitsplatzes die Bestätigung auszudrucken.

               Bereits am Donnerstag füllte ich in der Webseite der tschechischen Botschaft in Österreich ein Onlineformular über meine Absicht, die Tschechische Republik zu besuchen, aus. Es war ziemlich lustig. Als ich den Ort Starojicka Lhota angegeben habe, den ich besuchen wollte, bekam ich eine Antwort, dass dieser Ort unbekannt wäre. Ich gab also die benachbarte Marktgemeinde Stary Jicin an. Wieder mit einem negativen Ergebnis. Ich gab die Bezirkshauptstadt Novy Jicin an. Der Computer kannte nicht einmal diese Stadt, er verlangte von mit um so energischer das wahre Ziel meiner Reise anzugeben. Aus Verzweiflung gab ich die Kreishauptstadt Ostrava an. Siehe, der Computer kannte das. Die nächste Frage war, ob ich mit einem Kind jünger als 18 Jahre reisen würde. Ich klickte „nein“ an und sandte das Formular ab. Die Stelle wurde bedrohlich rot und verlange „mindestens ein Kind unter 18 Jahre anzugeben.“ Ich wurde unsicher. Ich kontrollierte, ob ich nicht zufällig bei der Frage, ob ich mit Kindern reise, das „ja“ aktivierte. Nein, aktiviert war der Punkt „nein“. Ich sandte das Formular erneut ab und der Computer schrieb mir das gleiche. Ohne mindestens ein Kind unter 18 Jahre keine Einreise nach Tschechien! Ich begann nachzudenken, wo ich mir so ein Kind ausborgen könnte und ob es mit mir fahren möchte.

               Die rettende Idee war, die Seite zu verlassen und dann wieder zu öffnen. Jetzt verlangte das Formular kein Kind mehr. In diesem Moment fiel mir ein, die deutsche Tastatur auf meinem Computer gegen die tschechische auszutauschen. Damit hatte ich die „Striche und Hackerl“ zur Verfügung. Ich gab „Starý Jičín“ an – und es hat funktioniert! Wie das ein Österreicher machen soll, der diese Tastatur auf seinem Computer logischerweise nicht hat, weiß ich nicht. Die Österreicher und Deutschen müssen also nur nach Praha, Brno, oder Ostrava fahren, also in die Ortschaften, die in ihren Namen keine Striche und Hackerl haben.

               Ich durfte also die Reise antreten. An der Grenze kontrollierte mich niemand, kein Zollbeamte war in Sicht, weder an der österreichischen noch an der tschechischen Seite. Obwohl auf meinem Beifahrersitz ein ausgefülltes und ausgedrucktes Formular, mein Impfpass, sowie auch die Bestätigung über den negativen Antigentest lag.

               Nur an der ersten Tankstelle verstand ich, dass ich noch nicht gewonnen habe. Mein Wunsch, eine Autobahnvignette zu kaufen, wurde abgeschlagen. Es wäre nur online möglich. Ich muss betonen, dass ich ein Analogtyp bin und das Internet auf dem Handy hasse – schon deshalb, weil dort alles sehr klein ist und ich dort kaum etwas lesen kann. Die Dame an der Tankstelle war aber sehr lieb und teilte mir mit, dass man die Vignetten an den Tankstellen der Firma Eurooil kaufen könnte, allerdings befand sich im Umkreis von 100 Kilometer keine solche Tankstelle. Dann verriet sie mit aber, dass es an der Grenze einen Automaten gab. Ich müsste nur zurück zur Grenze fahren, an den LKW-Abstellplatz abbiegen und dort gäbe es den Automaten, wo man die Autobahnvignette kaufen konnte. Sie gab mir sogar eine Zeichnung, wie ich den Automaten finden konnte, weil „er ist versteckt, damit ihn die Menschen nicht finden“ (Ende des Zitates). Dank dieser Zeichnung fand ich den Automaten wirklich. Von beiden Seiten mit Schranken unzugänglich gemacht, damit man mit dem Auto nicht hinkommen konnte. Der Einkauf der Vignette war selbsterklärend und einfach – sogar für eine analoge Person wie mich – und die Vignete ist für Dauer eines Jahres gültig, also nicht nur für das Kalenderjahr. Das war die erste positive Überraschung. Wie aber diese Situation ein gebürtiger Österreicher oder Deutscher meistern kann, der der tschechischen Sprache nicht mächtig ist, blieb für mich ein Rätsel.

               Ich kam zu meiner Mutter und trat die verpflichtende fünftägige Quarantäne an. Dem negativen Test, Impfung und Antikörpernachweis zum Trotz. Freilich gab es eine Möglichkeit sich aus der Quarantäne durch einen negativen PCR-Test freitesten zu lassen. Beim besten Willen konnte ich aber in dem ganzen Nordmährischen- sowie auch Olmützerkreis, also im Umkreis ca. 150 Kilometern, keine einzige Teststelle finden, wo man sich zwischen Freitag und Montag 16 Uhr testen lassen konnte. Also habe ich auf der Webseite einen Termin in Nový Jičín für Montag, 16 Uhr reserviert. Bis zu diesem Zeitpunkt durfte ich das Haus meiner Mutter nicht verlassen und keine Besuche empfangen. Bezahlen musste man direkt bei der Bestellung online, ob man dann auch zu dem Termin kommt, war meine Sache. Die Kosten 1350 Kronen – ungefähr 54 Euro.

               Am Montag ließ ich mich testen und nach dem negativen Ergebnis erhielt ich die Bewegungsfreiheit. Theoretisch, nicht praktisch. Das Ergebnis erhält man nämlich binnen 48 Stunden. Also konnte ich eigentlich zu keinem, weder früheren noch späteren, Termin als am Montag zum Test gehen, weil sonst bis Mittwoch, als ich zurückfahren musste, das Ergebnis nicht fertig wäre. Es ist sicher gut, dass das Testergebnis 72 Stunden gültig ist, damit kann man zumindest 24 Stunden Freiheit genießen. Genießt man aber nicht, weil Mittwoch der letzte mögliche Tag war, zurückzufahren, damit man die fünftägige Pflichtquarantäne in Österreich antreten konnte. Der Grund?

               Trotz der Impfung, der nachgewiesenen Antikörper und des aktuellen negativen PCR-Tests musste man für weitere fünf Tage in der Quarantäne zu Hause sitzen, um sich dann am Sonntag wieder testen zu lassen, um in die Arbeit gehen zu dürfen. Sonst wäre der Arbeitsgeber nicht verpflichtet, das Gehalt zu zahlen, wenn ich die ganzen vorgeschriebenen zehn Tage zu Hause bleiben würde. Abgesehen davon, wer an meiner statt inklusiv der Nachtdienste arbeiten würde. Natürlich musste ich vor der Abfahrt in Richtung Österreich wieder ein Onlineformular ausfüllen, damit die österreichischen Behörden wussten, dass sich so eine brandgefährliche Person in Richtung österreichische Grenze in Bewegung setzt.

               An der Grenze kontrollierten mich österreichische Zollbeamten. Sie waren sehr freundlich, zuvorkommend, aber genau. Sie verlangten den Reisepass, das Zertifikat über den PCR Test und die Registrierung. Dabei haben sie entdeckt, dass ich ein falsches Formular ausgefüllt habe. Wo das richtige im Internet zu finden ist, habe ich keine Ahnung. Sie waren allerdings bereit sogar das richtige Formular mit den Daten, die ich in das falsche Formular geschrieben habe, selbst auszufüllen. Es hat gereicht, es zu unterschreiben und dann die Heimreise anzutreten – in die fünftägige Quarantäne. Also grobgerechnet: wenn man nur einen einzigen Tag in Tschechien verbringen möchte, muss man mindestens 10 Tage Urlaub nehmen.

               Solche Maßnahmen, die auch eine geimpfte Person einhalten muss, haben mit einem Hausverstand nichts zu tun. Es ist einfach nur ein Machtspiel und ein Mobbing des Bürgers. Sogar die Verfassungsjuristen machen sich Gedanken, ob es vertretbar ist, die Freiheit eines Menschen, der nachweislich nicht mehr ansteckend sein kann, so massiv einzuschränken. Nur unsere Regierungen nicht! Von der tschechischen und österreichischen Seite gleichermaßen. Ist das nur ein Zufall, dass diese Regierung immer wieder Probleme mit der Verfassung und dem Verfassungsgericht hat? Die Symmetrie der Maßnahmen zeugt allerdings davon, dass diese unsinnigen Maßnahmen nach einer Einigung beider Seiten (der tschechischen und der österreichischen) beschlossen wurden. Wenn man schon die Reisen zwischen den EU-Staaten nicht verbieten konnte, machte man sie zumindest unmöglich. Es ist klar, dass jeder, der diese alle Regel einhalten würde (mein Beispiel) sich logischerweise wie ein Trottel fühlen müsste. Es wundert mich nicht, dass die absolute Mehrheit der Menschen solche Vorschriften ignoriert. Fatal ist aber eine andere Sache. Wenn man schon bestimmte Regel, die man wirklich nicht einhalten kann, ignoriert, hält man sich auch an die anderen Regeln nicht. Weil sie von den gleichen Personen, also von unseren Politikern bestimmt wurden. Von denen, die um unsere Stimmen kämpfen werden. Ich sage gleich, meine haben sie schon verloren.

               Ich mag niemanden, der einen Dummkopf aus mir machen will. Weil ich mich in meiner Würde beleidigt fühle.

               Ich bin sehr gespannt, wie es die Regierung mit dem Frohleichnam regeln würde, wo sich schon halb Österreich Unterkünfte in Norditalien gebucht hatte. Wenn sich nichts ändern würde, dann verbringen sie alle bei der Rückkehr mindestens 24 Stunden an der Grenze bei den Kontrollen und danach 5 Tage in der Quarantäne. Abgesehen davon, ob es genug PCR Tests in Grado geben würde. Ich wünsche einen schönen und entspannten Aufenthalt. Zumindest werden sie aber wissen, wem sie dafür zu danken haben.

NACHTRAG. Gestern habe ich erfahren, dass eine Lockerung der Maßnahmen kommen sollte. Infolge der Äußerungen der Verfassungsjuristen oder wegen Frohleichnam? Für mich aber definitiv zu spät.

Wiesbaden II

Die Hauptachse der Stadt liegt außerhalb des historischen Zentrums und es ist die breite und repräsentative Wilhelmstraße, die den Namen des ersten deutschen Kaisers trägt.

               Sie führt vom Hauptbahnhof zum Kurhaus und läuft eigentlich auf dem ehemaligen, jetzt zugeschütteten Graben. Vor dem Kurhaus, einem großen Gebäude im neoklassizistischen Stil, mit einem großen Saal und dem Restaurant „Käfer“ gibt es das moderne Zentrum der Stadt mit so genannten „Bowling green“, wie die große Grasfläche vor dem Kurhauseingang von englischen Gästen genannt wurde – mit zwei Fontänen und einer Kolonnade, hinter der sich das Wiesbadener Theater befindet und dann ein großer englischer Park „Warmer Damm“. Zur Gründung dieses Parks, ohne den das heutige Wiesbaden unvorstellbar wäre, diente die Fläche vor den Stadtmauern, die in der Zeit der befestigten Städte nicht bebaut werden durfte, damit sich hier im Fall einer Belagerung der Feind nicht verstecken konnte. In den Jahren 1859 – 1860 wurde dieser 7 Hektar großer Park von Karl Friedrich Thelemann angelegt. Der zweite Teil des Parks, vielleicht sogar der schönere Teil, ist hinter dem Kurhaus versteckt und man kann hierher von der Terrasse kommen, die von dem Hintereingang des Gebäudes zugänglich ist.

               Warme Quellen sprudeln aus dem Boden in dem oberen Stadtteil zum Fuß des Gebirges Taunus. Direkt kann man sie auf dem „Kochbrunnenplatz“ sehen, wo es eine Fontäne mit dem natürlichen Thermenwasser und mit natürlichen Sedimenten gibt.

               Um diesen Platz stehen die prominentesten Hotels von Wiesbaden, außer anderen auch der „Nassauer Hof“, das „Hotel Palast“ oder das „Radison Blue Schwarzer Bock“ – natürlich jedes mit einer eigenen Hoteltherme von dem natürlichen Warmwasser aus der Tiefe der Erde gespeist. Wiesbaden lockte gerade dadurch seine Gäste an, logischerweise war hier auch Goethe, der wahrscheinlich alle Kurorte Europas in seinem Leben besucht hat, natürlich verliebte er sich auch hier, weil er sich praktisch überall verliebt hat.  In Wiesbaden war er mehrmals in den Jahren 1814 und 1815 und Marianne Jung, die er hier kennenlernte, widmete er sein Gedicht „Ginkgo biloba“.

               Das Literaturhaus Wiesbadens hat seinen Sitz in der Villa Clementine auf der Wilhelmstrasse, auf der gleichen Straße befindet sich auch das Stadtmuseum, das ich zu meiner Schande noch nie besucht habe, obwohl es sich direkt „vis á vis“ gegenüber der Kongresshalle befindet. Es ist wieder einmal ein monumentales Gebäude in klassizistischen Stil.  Es ist deshalb so groß, da es ursprünglich als Palast für den Kronprinzen Wilhelm gebaut wurde. Als der Vater von Wilhelm im Jahr 1816 überraschend starb und der Kronprinz zum neuen Herzog wurde, übersiedelte er in das Stadtschloss und das Gebäude war plötzlich frei. Die Gründung des Museums hat angeblich aus der Initiative des bereits erwähnten und wieder einmal anwesenden Johann Wolfgang Goethes stattgefunden. Wiesbaden ehrte ihn dafür mit einer Statue, die direkt vor dem Museumeingang steht (eigentlich sitzt).

               Auf dem Kochbrunnenplatz beginnt die Einkaufsmeile von Wiesbaden – die Tausnustraße. Sie verbindet das historische Fünfeck des Stadtzentrums mit dem Tal unter dem Neroberg, einem Aussichtsberg über Wiesbaden. Der Besuch des Nerotals zahlt sich schon deshalb aus, weil hier die Villen der reichsten Bürger von Wiesbaden stehen. Auf den Neroberg führt eine Seilbahn, die aber nicht das ganze Jahr in Betrieb ist. Sie wurde im Jahr 1888 bei der Gelegenheit der Thronbesteigung des neuen Kaisers Friedrich III. auf den deutschen Kaiserthron eröffnet.

               Zu Friedrich hatte Wiesbaden eine enge Beziehung. Dieser Kaiser, ein Intellektueller und ein guter Freund des österreichischen Kronprinzen Rudolfs, war eine Hoffnung des damaligen Europas. Er bemühte sich um eine Versöhnung zwischen den Nationen, er stand politisch der Sozialdemokratie nah, da er glaubte, dass die Vermögensverteilung zur Erhöhung der Kaufkraft der Bevölkerung und dadurch zu weiterem Wohlstandwachstum und zu ökonomischem Aufschwung führen würde – was sich in Zukunft bewahrheiten sollte. Die deutsche Industrie hätte sich mehr auf Eigenverbrauch orientieren sollen, um nicht mehr so stark vom Export abhängig zu sein, den das immer mehr zurückbleibende Großbritannien blockieren wollte. Das führte zur Spannung, die sich letztendlich im Gräuel des Ersten Weltkrieges entladen sollte. Friedrich verbrachte in Wiesbaden sehr viel Zeit und deshalb hat er vor dem Hotel „Nassauer Hof“ gegenüber dem Kurhaus seine Statue. Seine Aufenthalte in der Kurstadt hatten allerdings einen traurigen Grund. Friedrich war schwer krank. Als ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher erkrankte er an Kehlkopfkrebs und starb nach lediglich 99 Tagen Regierung im Alter von 57 Jahren – deshalb wird das Jahr 1888 in Deutschland als „Dreikaiserjahr“ genannt. Sein Sohn Wilhelm II. erbte weder sein Intellekt, noch seine Ideale und Europa nahm den Weg in die größte Tragödie seiner Geschichte.

               Nach Kaiser Friedrich heißt auch die öffentliche Stadttherme „Kaiser Friedrich Therme“, die sich in der nordwestlichen Ecke des historischen Stadtzentrums befindet. Die Öffnungszeiten für die Öffentlichkeit sind von zehn vormittags bis zehn abends, am Freitag und am Sonntag sogar bis Mitternacht. Die Eintrittskarte kostet im Sommer 5 und im Winter 6,50 Euro (Stand 2019) – für eine Stunde. Der Luxus – die Therme sind im Inneren im orientalen Stil gebaut – kostet halt was.

               Vom Neroberg, den man entweder zu Fuß besteigen oder sich mit der Seilbahn befördern lassen kann, hat man eine wunderschöne Aussicht auf die Stadt, die einem wortwörtlich zu Füssen liegt. Eine Kuriosität, die eines Besuches wert ist, ist die orthodoxe Kirche. Nein, die Herzöge von Hessen traten nicht zur Orthodoxie über. Einer von ihnen, Adolf, besuchte aber im Jahr 1843 Russland und verliebte sich dort in Prinzessin Jelizaveta Michailovna, eine Nichte der Zaren Alexander I. und Nikolai I. Sie erwiderte seine Liebe, im Jahr 1844 gab es eine Hochzeit und die russische Prinzessin übersiedelte nach Wiesbaden, wo sie ein Jahr später bei der Geburt ihres ersten Kindes starb – sie war 19 Jahre alt. Der verzweifelte Herzog ließ auf dem Neroberg eine Kirche bauen, in dem sie mit ihrem Kind begraben ist.

               Wiesbaden ist deutsche Hauptkurstadt, also irgendwie immer noch die zweite Hauptstadt Deutschlands. Bis heute habe ich nicht verstanden, warum Bonn und nicht Wiesbaden die Hauptstadt der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1945 – 1990 war. Vielleicht waren die Hessener nicht bereit, auf ihre Landeshauptstadt zugunsten der gesamten Republik zu verzichten. In jedem Fall ist Wiesbaden die Hauptstadt der deutschen Internisten und ich hoffe es noch einmal aus diesem Grund zu besuchen zu können. Gleich, wenn das Coronavirus Geschichte wird.

Sputnik V – ein Impfstoff oder nur ein Politikum?

               Schon wieder Sputnik! Unser Kanzler will nicht loslassen und er kündigt schon wieder eine Million Dosen dieses Impfstoffes an. Ist Sputnik V ein gutes oder ein schlechtes Vakzin? Ist es ein Teil des hybriden Krieges, den Russland gegen die EU führt oder ist diese Hypothese nur ein hysterischer Schrei der Gegner Putins?

               Dass Sputnik V ein Politikum ist, entschieden die Russen selbst in dem Moment, als sie dem Vakzin seinen Namen gaben. Das Sputnik war doch einer der größten Erfolge der sowjetischen Wissenschaft, als sie ihre Überlegenheit im Kampf um das Weltall über die USA demonstrierte. Übrigens Sputnik V brachte ins All zwei Hündinnen Belka und Strelka gemeinsam mit 40 Mäusen und 2 Ratten und es ist das erste Mal gelungen, lebende Wesen wieder zurück zur Erde zu holen. (Die erste Hündin Laika in Sputnik II wurde ins All nur geschossen, ohne mit einer Rückkehr überhaupt zu rechnen). Strelka hatte später sechs Welpen, ein davon, Puschinka, wurde Caroline Kennedy, der Tochter Johns F. Kennedy geschenkt. Aber das nur am Rande.

               Wenn man also einen Impfstoff mit einem Namen benennt, der ein Symbol für die größten Erfolge der Geschichte bei der Bemühung die Welt zu beherrschen ist, gibt man der ganzen Sache vorhinein eine politische Bedeutung. Schon hier sieht man eindeutig den Grund, warum dieser Impfstoff von Russen so aggressiv vermarktet wird. Obwohl damit zu Hause weniger als 3% der Bevölkerung geimpft wurde. Der Schutz der eigenen Bevölkerung ist offensichtlich nicht das primäre Ziel dieses Vakzins.

               Lassen wir aber Emotionen bei Seite (wenn es überhaupt möglich ist) und betrachten wir nur die sachliche Seite der ganzen Angelegenheit.

               Die Idee des Impfstoffes Sputnik V ist grundsätzlich nicht schlecht. Es handelt sich um einen Vektorimpfstoff, er arbeitet also auf einem ähnlichen Prinzip, wie es auch die Wissenschaftler von der Universität Oxford für die Firma Astra-Zeneca entwickelt haben. Es handelt sich um ein genetisch manipuliertes Adenovirus, das sonst bei Menschen für die üblichen respiratorischen Infekte verantwortlich ist. Dieses Virus wurde auf seiner Oberfläche so verändert, dass es wie Coronavirus aussieht aber trotzdem die Eigenschaften eines harmlosen Adenovirus behält. Er verursacht also einen leichten respiratorischen Infekt, den man kaum bemerken würde, es werden aber dadurch Antikörper gebildet, die im Falle, dass man mit dem echten Coronavirus angesteckt wird, dieses Virus unschädlich machen. Es geschieht gerade wegen dieser Ähnlichkeit der Oberfläche des Virus im Impfstoff mit dem Coronavirus-Original, die das menschliche Immunsystem voneinander nicht unterscheiden kann. Die Schwachstelle der Vektorvakzinen ist die Tatsache, dass, wenn man einen Infekt mit dem Adenovirus bereits in seinem Leben durchgemacht hat, und das Virus dem Immunsystem dadurch bekannt ist, keine Antikörper gebildet werden und man gegen Coronavirus schutzlos bleibt. Um diese Tatsache zu umgehen, verwendeten die Wissenschaftler von Oxford ein Virus, das Infektionen bei Schimpansen, nicht aber bei Menschen verursacht. Die Russen verwendeten zwar ein menschliches Adenovirus, zur Sicherheit gibt es aber in dem Impfstoff zwei Stämme, was die Wahrscheinlichkeit, dass man einen Infekt mit beiden Typen des Adenovirus durchgemacht hat, reduziert. Natürlich, je älter der Mensch ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er bereits beiden Viren begegnet ist, diese Tatsache ist aber nicht wirklich bedeutend, da die Hauptzeit des menschlichen Lebens, in der man Infekte mit Adenoviren durchmacht, die Zeit von Kinderkrippe, Kindergarten und der Volksschule ist.

               Der Idee kann man nichts vorwerfen, das Prinzip sollte funktionieren. Es gibt aber ein anderes Problem und das ist die industrielle Produktion des Impfstoffes. Über das Niveau und die Qualität der russischen industriellen Produktion ist einiges bekannt. Gerade die fehlende Qualität der Produkte ist der Hauptgrund, warum Russland auch in dem einundzwanzigsten Jahrhundert in seinen Exporten überwiegend nur bei Erdgas und Erdöl bleiben muss. Nur in einem Industriezweig erreichen die Russen eine Spitzenqualität, und das ist die Waffenproduktion – sie gehören auf diesem Gebiet zu den größten Exportären. Meine Generation kann sich noch erinnern, wie die Produktion in den kommunistischen Ländern vor dem Jahr 1989 funktioniert hat. Wenn die Partei befahl und einen Plan erstellte, musste dieser unter allen Umständen eingehalten werden. Entscheidend war die gelieferte Menge der Produkte, ihre Qualität war absolut nebensächlich. Wenn es sich diesmal um ein strategisches Produkt handelt, das dem Russland Putins helfen sollte, die Welt zu beherrschen oder zumindest ein Gefühl der Dankbarkeit und der Bewunderung zur Folge haben sollte, muss der Plan unter allen Umständen eingehalten werden. Diese Denkweise war auch die Ursache der Katastrophe von Tschernobyl. Ich glaube nicht, dass sich in dem russischen Denken in diesem Punkt zwischenzeitlich etwas geändert hätte.

               Also sie wichtigste Frage ist, wie weit stimmt der produzierte Stoff mit dem experimentalen Stoff, der im Labor entwickelt und danach angeblich an den Soldaten und Staatsbeamten, sowie auch in drei Ländern, nämlich in Venezuela, Weißrussland und Indien geprüft wurde, überein. Die Glaubwürdigkeit der Studien zweifelte etwas unglücklich Vladimir Vladimirovic selbst an, als er erklärte, dass der Stoff eine Wirksamkeit von über 90% hätte, noch bevor die Zulassungsstudie überhaupt begonnen hatte. Dass die Ergebnisse seine Ankündigung bestätigt oder sogar übertroffen haben, hat niemanden, der russische Verhältnisse kennt, gewundert. Nur Zweifel konnte das nicht zerstreuen. Es gibt kaum einen russischen Arzt, der Ergebnisse liefern würde, die die Worte des obersten Führers nicht bestätigt hätten. In Russland sterben Ärzte aus viel kleineren Gründen, wie zum Beispiel der betreuende Arzt von Alexej Navalny in Omsk, oder die Direktoren der Krankenhäuser, die sich geweigert haben, ihre Krankenhäuser zu Covid-Spitäler umzuwandeln, solange sie keine Schutzmittel für das Personal bekommen würden.

               Hier sind wir genau bei dem Problem angelangt. Funktioniert der industriell erzeugte Sputnik oder nicht? Ist er mit dem überprüften experimentalen Stoff ident oder handelt sich um ein Fläschchen mit einem Stoff, der zwar nicht schadet, aber auch nicht hilft? Ein peinlicher Rückschlag für Sputnik war eine Covid-Erkrankung des argentinischen Präsidenten, der sich bereits im Januar vor den laufenden Kameras mit Sputnik impfen ließ. Ungarn, das mit Sputnik schon einige Monate impft, hat gegenwärtig die höchste Sterblichkeit (umgerechnet auf die Bevölkerungszahl) weltweit. Das Land hat unter der weisen Führung des Diktators Viktor, der sich dafür vom Parlament alle Rechte zusichern ließ und für die Zeit der Epidemie keine parlamentarische Kontrolle fürchten muss, wirklich den westlichen Nachbar Tschechien in der Disziplin „Best of Covid“ überholt und vom ersten Platz in der Zahl der Toten abgelöst. Es drängt sich die Frage auf, wie ist es möglich, dass bei der hohen Impfungsrate der ungarischen Bevölkerung die Sterblichkeit nicht sinkt, sondern sogar steigt. Kann es sein, dass eine nicht funktionierende Scheinimpfung den Menschen ein falsches Sicherheitsgefühl bietet? Funktioniert sie dann überhaupt? Die Infektionszahlen explodieren derzeit auch in der Türkei, in Brasilien und Indien – alle Länder, die auf Sputnik bei der Impfung gesetzt haben. Die Türkei hat auch mit chinesischem Vakzin Sinopharm geimpft, die Chinesen gaben inzwischen ehrlich an, dass dieses Vakzin beinahe wirkungslos ist.

               Die Vektorvakzinen lösen meistens eine Impfreaktion aus, also Symptome einer Infektion mit Adenovirus. Leider auch unangenehme Nebenwirkungen. Weil sich hier um ein genetisch manipuliertes Coronavirus handelt, das ein Weltmeister in Bildung von Blutgerinnsel (also Thrombosen) ist, erschienen ziemlich logisch (obwohl sehr selten, aber mit der Impfung in einem eindeutigen Zusammenhang stehende) Thrombosen in den Gliedmaßen, in der Lunge und leider auch in den Sinusvenen im Hirn.  Diese Komplikationen könnten sogar tödlich sein. Zum 15. April wurde weltweit 86 Thrombosen der Hirnvenen registriert (bei 26 Millionen geimpften), 19 davon endeten tödlich. Neu wurden sehr seltene Thrombosen auch bei der Impfung mit dem Impfstoff von Johnson und Johnson registriert. (Ebenfalls ein Vektorimpfstoff). Sputnik arbeitet auf dem gleichen Prinzip, über das Auftreten von Thrombosen fehlen bei diesem Stoff jegliche Zahlen. Ein ungarischer Kollege meines Schwiegersohnes wurde mit Sputnik geimpft, ohne die geringsten Nebenwirkungen zu verspüren. Keine erhöhte Temperatur, keine Gliederschmerzen – mein Schwiegersohn lag nach der Impfung mit Astra Zeneca einen Tag im Bett. Verlässliche Informationen über die Zahl der Menschen, die trotz einer Impfung mit Sputnik an Covid-19 erkrankten und über die Zahl der Thrombosen in Zusammenhang mit dieser Impfung können wir von den staatlich kontrollierten ungarischen Medien nicht erwarten. Sputnik ist doch ein Herzensprojekt Viktor Orbans. Aus Russland gibt es dann überhaupt keine Daten bezüglich der Nebenwirkungen.

               Verlässliche Informationen gibt es nicht, symptomatisch ist, dass die Russen weder der EMA noch dem slowakischen Institut für Medikamentenzulassung die benötigten Unterlagen lieferten. Die größte Blamage war es, als die Slowaken festgestellt haben, dass der gelieferte Stoff eine andere Zusammensetzung hatte als der Stoff, dessen Ergebnisse in der Zeitschrift Lancet publiziert wurden. Es folgte eine wütende russische Reaktion, die Russen wollten ihren Stoff sofort zurück. Unter dem Vorwand, dass die Slowaken den Stoff überprüfen lassen habe, obwohl es angeblich in dem (geheimen) Vertrag ausdrücklich verboten war.  Laut einer Umfrage würden sich 53 000 Slowaken ausschließlich mit Sputnik impfen lassen, weitere 500 000 wären damit einverstanden, sollte kein anderer Impfstoff zu Verfügung stehen.

               Wie ein Geschenk Himmels konnten die Russen die tragische Darstellung der Firma Astra-Zeneca hinnehmen, die nicht im Stande war, die vereinbarte Mengen des Impfstoffes zu liefern und dann kamen die Berichte über tödliche Komplikationen noch dazu. Eine ganze Reihe der europäischen Staaten stützten ihre Impfstrategie gerade auf diesen Impfstoff.

               Interessant war die Meinung eines deutschen Epidemiologen, der meinte, er hätte nichts gegen Impfung mit Sputnik – wenn dieser unter kontrollierten Bedingungen in Deutschland produziert wäre. Damit kann man einverstanden sein. Das Patent ist nicht schlecht, die russische Wissenschaft ist nicht notwendig prinzipiell abzulehnen. Nur mit der Qualität und mit der Glaubwürdigkeit haben die Russen ein traditionelles Problem.

               Natürlich drängt sich die Frage auf, warum Kanzler Kurz immer wieder mit der Sputnik-Karte spielt. Er hat bestimmte Versprechungen gemacht und die sind wahrscheinlich mit den westlichen Vakzinen (besonders bei den Problemen mit Astra Zeneca) nur schwer einzuhalten. Aber Impfung ist nicht nur hier, um die Impfstrategie durchzuziehen und dann den Erfolg abzuhacken. Sonst wird der Impfstoff zum bloßen Politikum. Es geht dabei nicht primär um die Punkte bei den Umfragen! In erster Linie sollte die Impfung vor der Erkrankung schützen. Derzeit sieht man das weder in Ungarn noch in Brasilien, Indien oder Türkei. Warum also sollte es in Österreich anders sein?

               Meiner Meinung nach gehört die Zukunft ohnehin den mRNA Impfstoffen. Die Vektor- und andere Vakzinen werden auf dem Markt nur eine untergeordnete Rolle spielen.

               Also ich halte Sputnik als Impfstoff in Österreich für keine gute Idee.

Budesonid – eine neue Hoffnung in der Therapie von Covid 19

Nach vielen enttäuschten Hoffnungen mit verschiedenen Medikamenten (Hydrochloroquin oder Remdesivir) öffnet eine neue STOIC Studie der Forscher aus Oxford unter der Führung von Sanjay Ramakrischman, die am 9.4.2021 in der Zeitschrift Lancet publiziert wurde, neue Perspektiven.

               Diese allerdings kleine Studie mit lediglich 146 Patienten bewies eine klinische Besserung bei Probanden, die bei einer COVID 19 Infektion mit inhalativem Kortikoid Budesonid behandelt wurden. Diese Wirkung ist auch pathophysiologisch erklärbar, da inhalatives Kortikoid antientzündlich wirkt, die Expression des für den Eintritt in die Zelle notwendigen Angiotensin Converting Enzyme (ACE 2) in der Lunge reduziert und in Zellkultur-Experimenten die Replikation der Coronaviren hemmt.

               Die Ergebnisse sind ermutigend, allerdings müssen sie auch mit Vorsicht umgesetzt werden. Wie bereits gesagt, die Studie war sehr klein und der Endpunkt der Studie „weich“. Es handelte sich um die Anzahl der Patienten, die Hilfe in der Notambulanz gesucht haben. Im Studienarm mit Budesonid war es ein einziger Patient, im Arm mit der Standarttherapie ohne Budesonid waren es 14% der Probanden. (Ein „harter“ Endpunkt wäre zum Beispiel die Sterblichkeit, dafür war die Studie aber viel zu klein). Der Besuch der Notambulanz hängt sehr vom subjektiven Wohlbefinden des Patienten ab und liefert keine objektiven Kriterien. Trotzdem sind diese Ergebnisse ermutigend. NNT, das heißt die Zahl der Patienten, die behandelt werden müssten, um einen Besuch in der Notambulanz mit COVID 19 Infektion zu verhindern, lag bei acht, was eine sehr gute Zahl wäre.

               Diese Studie unterstützt auch die Beobachtung, dass bei Patienten mit Asthma bronchiale, die primär als Risikogruppe für schwere Verläufe der Covidinfekten definiert waren, die Erkrankungen eher mild verliefen und es gab keine erhöhte Sterblichkeit bei dieser Gruppe zu beobachten. Ein therapeutischer Versuch bei nachgewiesener Infektion mit COVID 19 mit Budesonid wäre also prinzipiell zulässig, obwohl auf größere klinische Studie ungeduldig gewartet wird.

               Pulmologen werden infolge dieser neuen Kenitnissen mit zwei grundlegenden Fragen von Seite ihrer Patienten konfrontiert.

               Erstens – ist es sinnvoll prophylaktisch, also auch ohne einer nachgewiesenen Covidinfektion Budesonid zu inhalieren? Hier gibt es ein klares „Nein“! Alle inhalative Kortikoide haben auch mögliche Nebenwirkungen, unter anderen eine erhöhte Gefahr von bakteriellen Lungenentzündungen oder Reaktivierung einer latenten Infektion mit Mykobakterien, also Tuberkulose.

               Zweitens – sollten Asthmatiker, die ein anderes inhalatives Kortikoid in ihrer Therapie verwenden, prophylaktisch auf Budesonid umgestellt werden? In der pulmologischen Praxis werden folgende Kortisonpräparate verwendet: Budesonid, Beclometason, Fluticason, Ciclesonid und Mometason. Ihre „Stärke“ wird als Koeffizient zu Referenzstoff Dexametason definiert und beträgt bei Budesonid 9,3, bei Beclametason 13,5 bei Fluticason 18. In der Halbwertzeit oder bei der Bindung an die Plasmaproteine sind alle Stoffe vergleichbar. Also man könnte zwar eine vergleichbare protektive Wirkung aller inhalativen Kortikoiden erwarten, obwohl dazu – wie die Österreichische Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) in ihrer Stellungnahme betont – derzeit keine klinischen Daten verfügbar sind. Daher ist zu vermeiden, die Ergebnisse der STOIC Studie auf die gesamte Klasse der inhalativen Kortikoiden zu projizieren.

Warum in der Oxford- Studie Budesonid gewählt wurde, hängt mit der engen Beziehung der Universität Oxford mit dem britisch-schwedischen Pharmakonzern Astra-Zeneca zusammen. (Auch die – derzeit viel diskutierte – Vakzine von Astra-Zeneca ist ein Produkt der Forscher aus Oxford). Und Astra-Zeneca verwendet in ihren inhalativen Asthmamedikamenten (Pulmicort, Symbicort) Budesonid als inhalatives Kortison. Es ist also notwendig, ähnliche Studien auch mit den anderen Präparaten durchzuführen, sowie aber auch eine viel größere klinische Studie mit inhalativen Kortikoiden fertig zu stellen. Das wäre auch die Voraussetzung, die Zulassung dieser Therapie durch EMA (European Medicines Agency) zu veranlassen. In einer solchen Studie mit 2617 Patienten, die noch nicht publiziert ist, allerdings bereit zur Veröffentlichung eingereicht wurde, wurde in dem Budesonidarm 8,5% stationäre Aufnahmen und Todesfälle in der Kontrollgruppe 10,3% solche Ereignisse beobachtet. Der Unterschied war statistisch signifikant, also Budesonid trug zur Verbesserung der Prognose bei.

Derzeit gibt es allerdings keine Notwendigkeit, die laufende Asthmatherapie, solange sie gut funktioniert und der Patient von der Seite seines Asthmas gut eingestellt ist, umzustellen.

               Laut der Stellungnahme der ÖGP ist es derzeit noch nicht seriös möglich, endgültige Schlüsse für die frühzeitige Behandlung von COVID-19 mit inhalativen Kortikoiden zu ziehen. In der Studie STOIC handelt sich allerdings um einen neuen ermutigenden Ansatz in der Suche nach einer wirksamen Therapie der Covid 19 Infektion.

Wiesbaden

               In keiner deutschen Stadt war ich so häufig wie in Wiesbaden. Ich weiß eigentlich nicht einmal, wie oft es war, bestimmt mindestens siebenmal – über keine deutsche Stadt, die ich besucht habe, habe ich so wenig gewusst, wie über Wiesbaden.

               Der Grund dieses Widerspruchs ist der Kongress der deutschen Internisten, der in dieser Stadt alljährlich seit dem Jahr 1882 stattfindet, heuer also im Jahr 2021 bereits das 127. Mal. (Es gab offensichtlich auch Pausen, die durch Kriege und die unmittelbare Nachkriegszeit verursacht wurden). Meine Besuche in Wiesbaden beschränkten sich also meistens auf den Weg zwischen dem Hotel und der Kongresshalle. Die prächtige „Rhein-Main Hallen“ auf der Wilhelmstraße wurde in den letzten Jahren großzügig zu einem riesigen Gebäudekomplex aus Marmor und Glas umgebaut, damit deutsche Internisten (aber nicht nur sie) in würdigen Räumen tagen könnten. 

Wiesbaden Kongresshalle

Der Kongress wurde in Jahren des Umbaus nach Mannheim verlegt, was einen ziemlich großen Unwillen der Teilnehmer zur Folge hatte. Die deutschen Internisten dürfen sich nämlich in keinem anderen Ort als in Wiesbaden zu ihrem Kongress treffen, das wurde bereits bei der Gründung der Deutschen internistischen Gesellschaft in den Gründungbestimmungen festgeschrieben. Das sollte eine Vorbeugungsmaßnahme gegen den Berliner Zentralismus im neu entstandenen Deutschen Kaiserreich sein. Es war eine ein bisschen scheinheilige Entscheidung. Wiesbaden war eigentlich die zweite Hauptstadt Deutschlands, der kaiserliche Hof verbrachte die Sommersaison jedes Jahr in dieser Kurstadt, ähnlich wie der österreichische Kaiser in Bad Ischl.

               Der Grund des regelmäßigen Aufenthaltes der kaiserlichen Familie in Wiesbaden waren dortige Thermalquellen – an siebenundzwanzig Plätzen drängt hier das Wasser mit einer Temperatur 49 Grad Celsius an die Erdoberfläche und diese Quellen brachten Wiesbaden, wie dieser Ort bereits in der Zeit Karls des Großen genannt wurde (Wisibada), seinen Ruhm. Übrigens bereits für die Römer, die auf dem westlichen Rheinufer in Mogontiacum (heutigem Mainz) residiert haben, wurden diese Quellen zu so einer Versuchung, dass sie den Fluss überquerten und hier eine Siedlung namens „Aquae Mattiacorum“ gründeten. Gerade hier und aus diesem Grund begannen sie ihren „Limes romanum“ zu bauen, der die Flüsse Rhein und Donau verband und von Germanien eine Provinz namens „Argi decumatis“ abspaltete. Die Römer hielten sich hier bis zu den Jahren 260 – 270, bis sie von den Germanen doch gezwungen wurden, sich hinter den Schutz der europäischen Hauptströme zurückzuziehen und auf das warme Bad in schwefelhaltigen Thermen in Wiesbaden zu verzichten.

               Der wahre Ruhm von Wiesbaden begann aber nach dem Jahr 1816, als es zu Hauptstadt des vom Wiener Kongress neu gebildeten Großherzogtums Hessen wurde. Aus diesem Grund findet man hier keine Gebäude aus den Zeiten der Gotik oder der Renaissance. Es ist eine Kurstadt mit allem was dazu gehört, in erster Linie dann mit Luxus, den es gern zu Schau stellt.

               Die Altstadt ist bescheiden und bildet ein Fünfeck am Fuß des Gebirges Taunus. An ihrem oberen Ende kann man die Reste der römischen Vergangenheit in Form der so genannten „Heidenmauer“ sehen, in die in der modernen Zeit ein „Römertor“ für den Straßenverkehr geschlagen wurde. Um die Mauer sind römische Artefakte platziert, besonders damalige Grabsteine.

Heidenmauer

               Das Stadtzentrum bildet der Schlossplatz, der von drei Gebäuden dominiert wird und mehr oder weniger mit dem etwas größeren Marktplatz verbunden ist. Auf dem Marktplatz finden Märkte statt und es gibt hier ein elegantes Restaurant namens „Lumen“. Hier ein Bierchen zu trinken ist dank der Aussicht auf den Marktplatz angenehm, bezüglich Essen ist Lumen nicht unbedingt meine erste Wahl – aus dem immer wieder wiederkehrenden Grund. Die Bürger von Wiesbaden gehörten zur Reformierten Kirche, also zum Calvinismus.

               Aber zurück zum Schlossplatz mit seinen drei Gebäuden. Die Dominante der Stadt ist die „Marktkirche“, also die örtliche Kathedrale, deren schlanke rote Türme hoch in den Himmel emporragen und alle anderen Gebäude in der Stadt übertreffen.

In ihrem Inneren ist die Kathedrale nur sehr bescheiden geschmückt, freilich aus dem Grund, dass die Grafen von Nassau, aus denen dann später die Herzöge von Hessen wurden, dem calvinistischen Glauben anhörten. Vor der Kirche steht die Statue des berühmtesten Mitglieds der Nassauer Familie Wilhelm von Oranien, genannt „Schweiger“.

               Wilhelm, geboren im Jahr 1533 in Dillenburg, der damaligen Hauptstadt der Grafschaft Nassau-Dillenburg, sollte zum „Pater patriae“ der heutigen Niederlande werden. Das konnte er bei seiner Geburt nicht einmal ahnen. Als er allerdings elf Jahre alt war, machte ihn sein Onkel, der Herzog von Oranien, zum Universalerben seiner riesigen Besitzungen im heutigen Holland, damals waren es die habsburgischen Niederlande. Wilhelm wuchs am kaiserlichen Hof Karls V. auf und verstand sich mit dem toleranten Kaiser sehr gut – er war in dieser Zeit selbst noch ein Katholik. Nur die Schreckherrschaft Phillips II. und seiner rechten Hand, des Herzogs von Alba, rückte ihn immer mehr an die Seite der niederländischen Rebellen, die sich im Jahr 1566 gegen die spanische Unterdrückung erhoben haben. Wilhelm selbst trat unter dem Einfluss seiner zweiten Gattin Anna von Sachsen zur lutherischen Lehre über, später entschied er sich aber für die reformierte Kirche – seine zwei weiteren Gattinnen waren Hugenottinnen. Er selbst fühlte sich in erster Linie als Christ und die Konfessionen konnten ihm gestohlen bleiben. Er wollte nur seine Untertannen vor der brutalen Unterdrückung von Seite des fanatischen spanischen Königs schützen. Seine Freunde wurden vom Herzog von Alba heimtückisch gefangengenommen und hingerichtet, drei seine Brüder starben in Schlachten gegen spanische Heere. In damaliger Zeit war es nicht einfach „nur ein Christ“ zu sein, es wurde ein religiöser Fanatismus verlangt, gegen den Wilhelm schweigend – wie es sein Brauch war – Widerstand leistete. Die Aufständische riefen im Jahr 1581 in den sieben nördlichen niederländischen Provinzen eine Republik aus und wählten Wilhelm zum Landverweser. Philipp schrieb Kopfgeld für seinen Tod aus. Wilhelm überlebte das erste Attentat im Jahr 1582 mit Glück „nur“ schwer verletzt, seine dritte Gattin Charlotte von Bourbon-Montpesier kümmerte sich um ihn so selbstlos, dass sie selbst von Erschöpfung starb. Das zweite Attentat, das ein katholischer Fanatiker Balthasar Gérard durchführte, kostete Wilhelm das Leben. Den Willen der Holländer, ihre Freiheit zu verteidigen, konnte sein Tod aber nicht brechen, nach achtzig Jahren Krieg gewannen sie im Westphälischen Frieden im Jahr 1648 ihre Unabhängigkeit.

               Mit der Marktkirche ist noch eine Legende verbunden, die ich bei meinem ersten Besuch in Wiesbaden hörte, allerdings konnte ich später nie mehr den Namen der Person erforschen, mit der diese Legende verbunden war. Im Jahr 1866 wurde Hessen von Preußen eingenommen und wurde zum Mitglied des Norddeutschen Bundes. Damals war in der Marktkirche ein Pfarer tätig, der mit flammenden Reden gegen die preußische Okkupation kämpfte (Die Preußen waren im Gegensatz zu calvinistischen Einheimischen Lutheraner) und verteidigte die Unabhängigkeit von Hessen. Dann kam eine Vorladung nach Berlin. In der Überzeugung, dass er eingekerkert oder sogar hingerichtet werde, verabschiedete er sich von seinen Gläubigen und fuhr in der Erwartung eines Märtyrertodes nach Berlin. Dort wurde er von Kaiser Wilhelm I. empfangen und mit einer Medaille für Mut und Patriotismus geehrt. Verwirrt kehrte er nach Wiesbaden zurück, seinen Reden hörte niemand mehr zu. Der Widerstand in Wiesbaden wurde durch diese eine Medaille gebrochen. Kaiser Wilhelm war einfach ein listiger Fuchs. Er wärmte nämlich sehr gern seine alten Knochen in den Thermen von Wiesbaden, er brauchte also die Ruhe und die Liebe seiner neuen Untertanen.

               Das zweite imposante Gebäude auf dem Platz ist das Gebäude des neuen Rathauses, gebaut am Ende des neunzehnten Jahrhunderts im Neobarockstil. Im Rathaus befindet sich im Keller ein Restaurant „Ratskeller“, wo sich die Mönche aus dem bayerischen Kloster Achdechs eingenistet haben. Also natürlich nicht alle, sie öffneten hier ein Restaurant mit einer echten bayerischen Küche. Also für einen Calvinisten sicherlich eine Sünde, für einen Touristen ist der Besuch hier aber einer Sünde wert. Wie ich bereits mehrmals erwähnt habe, waren die Nassauer Calvinisten und wenn man die Möglichkeit hat, sollte man örtliche Spezialitäten lieber meiden. In Wiesbaden gibt es mehr als genug solche Möglichkeiten. Außer des bayerischen Gasthauses gibt es hier eine Menge italienische Restaurants, sogar das populäre Vappiano. In Wiesbaden kann man also trotz seiner calvinischen Vergangenheit sehr gut essen. Oder wenn man im interessanten Ambiente essen möchtet, bietet sich das Restaurant „Jagdschloss Platte“ im Gebirge Taunus in der Nähe der Stadt an.

Das ehemalige Jagdschloss der Herzöge von Nasau (gebaut von Herzog Wilhelm in den Jahren 1823 – 1826) wurde im zweiten Weltkrieg bis auf die Grundmauern zerstört. Eine Stiftung hat es bis zum Jahr 2007 restauriert, wobei aber die historischen mit modernen architektonischen Komponenten kombiniert wurden – der Ergebnis ist interessant und besuchswert.

               Das dritte Gebäude auf dem Schlossplatz ist das ziemlich unauffällige „Stadtschloss“. Es ist die ehemalige Residenz, die in den Jahren 1837 – 1841 Nassauer Herzöge bauen ließen und wo heutzutage der hessische Landtag seinen Sitz hat.

               Wiesbaden ist die Hauptstadt des Bundeslandes Hessen, obwohl es in diesem Land nicht die größte Stadt ist – das ist Frankfurt. (Frankfurt war nämlich nach dem Wiener Kongress eine freie Reichstadt und gehörte nicht zu Hessen). Wiesbaden ist eindeutig die reichste Stadt im Bundesland, nicht umsonst wird gesagt, dass das Geld, das man in Frankfurt verdient, in Wiesbaden ausgibt. Hunderte Luxusvillen in der Richtung vom Stadtzentrum in die Peripherie der Stadt, besonders im Stadtviertel Neroberg, legen von diesem Reichtum Zeugnis ab.

               Am südlichen Stadtrand gibt es die auffällige St. Bonifatius Kirche. Es handelt sich um eine katholische Kirche, was hier ein Kuriosum ist. Katholische Gottesdienste waren in der Nassauer Grafschaft streng verboten, die Grafen von Nassau waren ständig mit dem mächtigen Gegner konfrontiert – mit dem Erzbischof von Mainz, der sie über den Fluss anstarrte und große Landesteile sogar auf dem rechten Rheinufer in ihrer direkten Nachbarschaft besaß. Es dauerte bis zum Jahr 1787, als der tolerante Fürst Karl Wilhelm katholische Gottesdienste erlaubte, vorerst nur im privaten Bereich. Im Jahr 1820 durften die Katholiken endlich ein Grundstück auf dem Luisenplatz kaufen und hier eine Kirche im neogotischen Stil bauen, die ihren Namen nach dem Heiligen aus dem benachbarten Mainz, dem ersten dortigen Bischof, dem heiligen Bonifatius, bekam.

Luisenplatz

               Der Luisenplatz, der seinen Namen der Gattin des ersten Großherzogs von Hessen Wilhelm von Nassau verdankt, ist ein großes Rechteck. In seinem Zentrum steht ein Obelisk zu Ehre der gefallenen Soldaten, die in der Armee des Generals Wellington bei Waterloo kämpften und zur Napoleons Niederlage beitrugen. Das Zweite Denkmal mit einem auf den Hinterbeinen stehenden Pferd, das einen Besucher sogar mehr anzieht, ist neuer und ist dem Artillerieregiment Oranien aus dem ersten Weltkrieg gewidmet. Auf dem Luisenplatz vor der St. Bonifatius Kirche ist der Hauptverkehrsknoten – hier halten beinahe alle Buslinien, also wenn man irgendwohin in Wiesbaden mit dem Bus hinfahren möchte und nicht weiß, wo man einsteigen sollte, ist der Luisenplatz ein guter Tipp. Übrigens, unter dem Luisenplatz gibt es eine große Tiefgarage, also für die, die in die Stadt mit dem Auto kommen, ist es hier der beste Ausgangspunkt zum Kennenlernen der Stadt.

Rheinpfalz II

               Wenn wir uns vorige Woche am linken Rheinufer in dem kleinen Land namens Rheinpfalz bewegt haben, überqueren wir heute den Fluss und besuchen wir das rechte Ufer. Zu meiner großen Überraschung gehört dieser Teil der historischen Pfalz nicht mehr zum Bundesland Rheinland-Pfalz, wie es historisch gehört hätte, aber zu Baden-Württemberg. Auch diese Tatsache symbolisiert den Untergang des ehemaligen reichen und mächtigen Reichsgebietes. Aber gerade in die ruhmreichen Zeiten möchte ich euch jetzt führen.

 Ich möchte euch gerne zu einem historischen Spaziergang ins Zentrum der Pfalz einladen, nämlich in die Stadt Heidelberg. Diese am Fluss Neckar liegende Stadt versperrte den Weg von Rhein nach Osten und spielte deshalb eine strategisch wichtige Rolle. Sie wird für die schönste pfälzische Stadt gehalten, obwohl auch hier Franzosen im Jahr 1689 wüteten. Und wie! Gerade in Heidelberg ist ihr Toben am sichtbarsten und diese Spuren der Zerstörung verleihen der Stadt ein unvergleichbares Flair. Die riesige Festung, die über der Stadt emporragt, wird als die romantischste Ruine Deutschlands betrachtet und im neunzehnten Jahrhundert gab es kaum einen Dichter, der keine Verse unter den bedrohlichen Resten der einmal unüberwindbaren Mauern geschrieben und über die Liebe und die Vergeblichkeit des Seins gedichtet hätte. Ich gebe zu, dass ich selbst, als ich die Burg oberhalb der Stadt das erste Mal sah, sehr beeindruckt von ihrer Schönheit war, obwohl ich kein Dichter, sondern ein Prosaiker bin. Also schreibe ich jetzt anstatt eines Gedichtes einen Artikel. In der Burg von Heidelberg entstand nämlich die Idee es zu schreiben.

               Zuerst aber einen kurzen Ausflug in die Geschichte der Pfalz, um das heutige Heidelberg besser zu verstehen. Im Jahr 1214, also kurz nach Thronantritt des Kaisers Friedrich II. auf den römischen kaiserlichen Thron, kam die Familie der Wittelsbacher in den Besitz von Rheinpfalz. Friedrich II. nahm dieses Gebiet seinem Widersacher auf dem kaiserlichen Thron Otto IV. aus dem Stamm der Welfen weg und beauftragte mit der Verwaltung des Landes die Wittelsbacher, die seit 1180 in Bayern herrschten. Bayern wurde ihnen vom Friedrichs Großvater Friedrich Barbarossa geschenkt, der dieses Land dem Vater Kaisers Otto, Heinrich dem Löwen wegnahm – die Welfen und Staufen mochten sich einfach nicht und die Wittelsbacher (aber auch die österreichischen Babenberger) profitierten von diesem Streit. Sie haben einfach auf das richtige Pferd gesetzt. Während die bayerischen Wittelsbacher nach dem Tod Kaisers Ludwig IV. in sechs zerstrittene Linien zerfallen sind, stieg die rheinische Linie in ihrer Bedeutung. In der Goldenen Bulle Karls IV. aus dem Jahr 1356 wurden die Pfalzgrafen (nicht aber die bayerischen Herzöge) zu Kurfürsten, also zu Wählern der römischen Könige, ernannt. Diese waren sieben an der Zahl, im Westen war aber der pfälzische Kurfürst der einzige weltliche Fürst mit dem Wahlrecht (weitere drei westdeutsche Stimmen besaßen Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, im Osten des Reiches durften der tschechische König und die Herzöge von Sachsen und Brandenburg bei der königlichen Wahl ihre Stimmen abgeben.

Blick auf Heidelberg von der Burg

               Im Jahr 1386 wurde in Heidelberg eine Universität gegründet (die dritte Universität im deutschsprachigen Raum nach Prag und Wien). Lassen wir uns nicht irritieren – Karl IV. gründete die erste Universität in Prag als der römische, also der deutsche und nicht als der tschechische König und die Tschechen besaßen hier bei den Entscheidungen nur eine Stimme von vieren. Zu einer tschechischen Universität wurde die Prager Universität erst durch das Dekret von Kuttenberg aus dem Jahr 1410 – und dadurch verfiel sie in Bedeutungslosigkeit. Der erste Vortrag fand in Heidelberg am 18. Oktober 1386 vor 500 !!! Studenten statt. Zum Vergleich wurde für den ersten Jahrgang der Universität in Graz im Jahr 1586 ganze acht Studenten eingeschrieben. In Heidelberg las an diesem historischen Tage Magister Marsilius von Inghen über die Problematik der Logik. Die Universität in Heidelberg gelangte einen großen Ruhm und besonders in der Welt der Medizin ist sie berühmt bis heute. Ihre Bibliothek „Bibliotheca Palatina“ war weltberühmt, im Jahr 1623 schickte der bayerische Herzog Maximilian nach der Einnahme von Heidelberg im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges dem Papst nach Rom 3600 Handschriften und 13 000 gedruckte Bücher und erhielt dafür vom erfreuten Pontifex als Gegenleistung 620 000 Gulden für den Kampf gegen die Ungläubige – gemeint waren natürlich die Protestanten. Nur ein Bruchteil dieses Schatzes kam nach den Napoleonischen Kriegen nach Heidelberg zurück, trotzdem zählt die Bibliothek an 2,5 Millionen Bände und unter ihnen gibt es auch Kopien der Handschriften, die sich seit 1623 im Original in Rom befinden.

               Im Jahr 1400 wurde der Pfalzgraf Ruprecht sogar zum Römischen König gewählt (nach der Absetzung des unfähigen tschechischen Königs Wenzel IV., der sich aber bis zu seinem Tod geweigert hat, seine Absetzung anzuerkennen). Ruprecht herrschte zehn Jahre, er blamierte sich aber eher als er geherrscht hätte. Es gelang ihm zum Beispiel niemals, nach Rom zur kaiserlichen Krönung zu kommen, obwohl er das – in Gegenteil zu Wenzel – mehrmals versuchte.

               Nach Ruprechts Tod im Jahr 1410 gründeten seine Nachkommen eine ganze Reihe von Nebenlinien und teilten das Gebiet der Rheinpfalz unter sich ein. Die Schönheit und die Pracht der Renaissancestadt Heidelberg kann man heutzutage an einem einzigen Haus, das das Jahr 1689 überlebt hat – es ist das Hotel „Zum Ritter“ – betrachten. Wenn man sich vorstellt, dass die meisten Häuser in damaligem Heidelberg ähnlich wie dieses Gebäude aussahen, muss man vor dem Wohlstand der damaligen Stadt den Hut ziehen.

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Nach dem Jahr 1585, als Kurfürst Friedrich III. starb und die Vollmacht für seinen unmündigen Sohn Friedrich IV. sein Onkel Johann Kasimir übernahm, trat die Rheinpfalz zur Reformierten Kirche, also zum calvinischen Glauben, über. Es handelte sich um eine Tat mit katastrophalen Folgen. Vorerst für die pfälzische Küche – wohin einmal die Lehre von Calvin kam, ist das Essen irreparabel verdorben. In weiterer Folge störte dieser Wechsel das Gleichgewicht der politischen Kräfte im Römischen Reich, wo seit 1555 der vom Kaiser Ferdinand I. verhandelte und äußerst brüchige „Augsburger Frieden“ geherrscht hatte. Der Übertritt der mächtigen Pfalz in das calvinische Lager bedeutete eine bedeutsame Kraftverschiebung, was eine politische Spannung erzeugte und in weiterer Folge zur Gründung der Protestantischen Union und der Katholischen Liga und zur Vorbereitung einer militärischen Konfrontation zwischen den beiden Lagern führte. Für die Pfalz war diese Entwicklung fatal. Nachdem Kurfürst Friedrich V. im Jahr 1619 gegen Ferdinand II. zum tschechischen König gewählt wurde, begann der Dreißigjähriger Krieg. Nach der Niederlage auf dem Weißen Berg bei Prag musste Friedrich nicht nur aus Prag flüchten, sondern die kaiserlichen Truppen besetzten auch sein Kernland, also die Pfalz mit Heidelberg. Gerade damals bemächtigte sich der bayerische Herzog Maximilian der berühmten pfälzischen Bibliothek und schenkte sie dem Papst in Rom, wo die Bücher bis heute geblieben sind. Im Jahr 1623 verlor Friedrich sein Land und die Kurfürstwürde, die an seinen fernen Verwandten, den rechtgläubigen und kämpferischen bayerischen Herzog Maximilian überging. Friedrich V. starb im englischen Exil im Jahr 1632 (er war mit der englischen Prinzessin Elisabeth Stuart, der Tochter des Königs James I. verheiratet). Nur nach dem „Westfälischen Frieden“, der im Jahr 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendet hatte, bekam sein Sohn Karl Ludwig sein Land und die Kurfürstenstimme zurück (seit diesem Jahr gab es anstatt sieben acht Kurfürsten – für eine Wahl also eine absolut unsinnige gerade Zahl). Der Hauptstamm der Wittelsbacher starb im Jahr 1685 mit dem Enkelsohn von Friedrich V. Karl Ludwig II. aus und die Macht ging auf die Nebenlinie Pfalz-Neuburg über, die aber leider katholisch war. Diese Tatsache weckte in den calvinistischen Untertanen ein Misstrauen gegen ihren neuen Herrscher. In diesem Moment roch der französische König Ludwig XIV. seine Chance, da er sich immer die französische Ostgrenze am Rhein wünschte und er eröffnete im Namen seiner Schwägerin Liselotte (Schwester des verstorbenen Karl Ludwig und Gattin des Bruders von Ludwig), Prinzessin von Orleans, den Krieg um das Pfälzische Erbe.

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               Im November 1688 nahmen französische Truppen Heidelberg ein. Im Jahr 1693 mussten sie die Stadt räumen und Ludwig XIV. entschloss sich, verbrannte Erde zu hinterlassen. Alle besetzten deutschen Städte sollten vernichtet und dem Boden gleich gemacht werden. In Heidelberg verhielten sich die Franzosen ähnlich wie Deutschen in Warschau im Jahr 1944. Unter jedem Haus wurde Sprengstoff gelegt und ein Haus nach dem anderen in die Luft gejagt. (Nur unter dem Haus „Zum Ritter“ explodierte der Sprengstoff wahrscheinlich in Folge einer technischen Panne nicht). Die meiste Arbeit kostete die Soldaten des französischen Sonnenkönigs die Burg, die über der Stadt emporragte. Der Palast und alle Wehrtürme wurden mit Schießpulver gefüllt und dann gesprengt, manche der Türme mit bis zu sieben Meter dicken Mauern mussten sogar mehrmals gesprengt werden. Das Ergebnis dieser Mühe war die Entstehung der monumentalen Ruine, die im neunzehnten Jahrhundert alle deutschen Romantiker anzog wie die Motten das Licht.  Das Schloss von Heidelberg wurde zur romantischsten Ruine Europas und möglicherweise auch weltweit erklärt. Es ist nicht verkehrt. Die Burg aus rotem Sandstein ragt hoch über die Stadt empor (man kann sie zum Fuß oder mit der Seilbahn erreichen) und ist gigantisch. Es gibt Führungen durch die Ruine, die Guides können aber nicht viel zeigen. In der Burg gibt es dafür ein interessantes Museum der Pharmazie (in dem ich das erste Mal wirklich ordentlich in Kontakt mit dem Gründer der modernen Medizin Paracelsus kam), gigantische Weinfässer und auf den Resten der Fassade des Palastes gibt es Statuen pfälzischer Herzöge vom Bildhauer Sebastian Götz. Dass die Reihe mit dem Kaiser Karl dem Großen beginnt, kann man nur dadurch erklären, dass sich Götz sein Honorar verdienen wollte, der letzte in der Reihe rechts ganz unten ist der Vater des tschechischen „Winterkönigs“ Friedrich IV. Dann kamen die kaiserlichen Truppen des Generals Tilly und die pfälzische Idylle war dahin.

               Auch das Museum in der „Alten Universität“ ist eines Besuches wert. Besonders die „Alte Aula“ ein Festsaal, die zu besonderen Anläsen und auch als Konzertsaal dient. Natürlich sind alle Gebäude der „Alten Universität“ bei Wiederaufbau der Stadt nach dem Jahr 1693 entstanden, die „Alte Aula“ hat ihr heutiges Aussehen im Jahr 1886 anlässlich der Fünfhundertjahrfeier der Gründung der „Ruperto Carola Universität“ nach Plänen von Josef Durm bekommen. Interessant – zumindest für mich als Mediziner – sind im Museum medizinische Exponate und man sollte nicht vergessen, den „Studentenkarzer“ zu besuchen. Es ist ein Gefängnis, wo Studenten für ihre Verstöße gegen die öffentliche Ordnung Buße tun mussten und diese Verstöße gab es mehr als genug. Weil sich die jungen Insassen dort langweilten und kreativ waren, ist der ganze Karzer mit ihren möchtegern künstlerischen und witzigen Werken bekritzelt.

               Die Stadt selbst hat ihren Charme, besonders beim Blick von der Burg bei untergehender Sonne. Nach seiner Zerstörung wurde Heidelberg nicht mehr als eine Residenzstadt aufgebaut (Kurfürst Karl Philipp hatte von Streitigkeiten seinen katholischen und protestantischen Untertanen die Nase voll, weil sie sogar in der Mitte der städtischen Kathedrale (die auch der Vernichtung von Franzosen entging) eine Mauer bauten, damit sie sich gegenseitig nicht sahen und getrennt beten und Messen lesen konnten (diese Mauer blieb bis zum Jahr 1936). Der Kurfürst verlegte im Jahr 1720  die Hauptstadt der Pfalz in das nahegelegene Mannheim. Gerade deshalb ist Heidelberg eine junge Stadt, eine Studentenstadt und damit auch wirklich lieb.

               Für die Besucher, die Romantik nicht wirklich mögen und brauchen, gibt es in Heidelberg die längste Einkaufsmeile in Deutschland – sie ist sechs Kilometer lang und führt direkt durch die Mitte der Stadt.

               Wie bereits gesagt, im Jahr 1720 wurde die Residenzstadt der pfälzischen Kurfürsten nach Mannheim verlegt und dort beenden wir unseren Ausflug in die Rheinpfalz. Die Stadt entstand oder besser gesagt, erhielt die Stadtrechte, bereits im Jahr 1607, als der Vater des Winterkönigs Friedrich IV. auf dem Rheinufer die Festung Friedrichsburg zu bauen begann. Bei der Festung gründete er eine Stadt und weil er ein begeisterter Mathematiker war, ließ er die Straßen der neuen Stadt in rechten Winkeln bauen und anstatt den Straßen Namen zu geben, bezeichnete er die so entstandenen Quadrate mit den Buchstaben A bis U und Nummern eins bis sieben. Also man wohnt nicht in einer nach einem bekannten Politiker oder Künstler benannten Straße, sondern im Quadrat A1 oder zum Beispiel D6. An die gleiche Weise wird man zu unterirdischen Parkhäusern oder zu einzelnen Geschäften geführt. Die Hälfte der Altstadt wurde nämlich zu einem gigantischen Einkaufzentrum verwandelt. Das geschah in den Quadraten L1 bis U7. Die Quadrate A bis K behielten doch einen Hauch der Ursprünglichkeit und man kann dort sogar wohnen. Es ist ein praktisches System. Wenn man im Quadrat M5 parken soll und auf der vierten Straße fährt, ist es klar, dass man einfach abbiegen und um eine Straße weiter fahren muss. Einen Stadtplan braucht man nicht. Das einzige Chaos kann die Tatsache verursachen, dass die Nummer in der Mitte beginnen, die Nummer eins ist also links sowie auch rechts von der Hauptstraße, die direkt in der Mitte eines monumentalen Barockschloss endet (Zwischen den Quadraten A1 und L1). Mannheim behielt dieses System der Quadrate bis heute, nennt sich stolz „Quadratenstadt“ und lockt durch diese Kuriosität die Touristen an. Es hat nämlich im Vergleich mit anderen pfälzischen Städten nicht so viel zu bieten.

Eigentlich nur einen wunderschönen großen Park um den Wasserturm (Friedrichsplatz), ein großes Kongresszentrum „Rosengarten“ und das große Kurfürstenschloss am Rheinufer (angeblich das größte Barockschloss in Europa mit 440 Meter langer Fassade). Das Schloss ist von außen ein Beispiel des Hochbarocks, innen dann halb Rokoko und halb in Empirestil. In den Jahren 1806 – 1811 residierte hier nämlich das Ehepaar Großherzog von Baden Karl und seine Frau Stephanie de Beauharnais (eine Verwandte der Napoleons Gattin Josephine). Diese Dame kehrte im Jahr 1818 nach Mannheim zurück und ließ einen Flügel des Schlosses im damals modernen Stil des Empires einrichten. In der Zeit der Großherzogwitwe Stephanie erlebte das Schloss seine ruhmreichste Epoche.

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               Bereits im Jahr 1778 verlegte aber Kurfürst Karl Theodor die Hauptstadt seiner Länder nach München und Mannheim sowie auch die ganze Rheinpfalz verloren ihre politische Bedeutung. Der Verfall ist so weit gegangen, dass das Land letztendlich zwischen zwei Bundesländer aufgeteilt wurde, wobei die Grenze ganz einfach der Fluss Rhein bildet.

               Zum Schluss nur eine Warnung. Wie überall in der Welt kann man auch in der Rheinpfalz essen. Ich möchte aber auf diesem Wege eindringlich vor örtlichen Spezialitäten warnen. Ich probierte sie auch und es hätte mich fast das Leben gekostet. Damals habe ich noch nicht gewusst, was der Kurfürstonkel Johann Kasimir mit seinem Übertritt zu reformierter Kirche verbrochen hat. Wie ich meinem Artikel „Calvin ist an allem schuld“ geschrieben habe, muss man lokale Spezialitäten in den Ländern, wo dieser Glauben einmal Fuß fasste, unbedingt meiden. Versuchen Sie eine aufgewärmte und gewürzlose Ente zu essen. Ich habe es versucht. Versuchen Sie das nicht nachzumachen!

               Also – guten Appetit und schöne Reise!

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