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La Digue

Die Insel La Digue, nur 5 Kilometer von Praslin entfernt, nach ihrer Größe die viertgrößte und nach der Einwohnerzahl die drittgrößte (mit 2.500 Bewohner!) Insel der Seychellen, wird die „Perle der Seychellen“ genannt. Die Einheimischen behaupten, sie sei die schönste ihrer Inseln, auch wenn die „Coco de Mer“-Palme hier nicht vorkommt.

Die Insel La Digue

Wenn man jedoch einen Badeurlaub mit Faulenzen am Strand mag, ist hier völlig falsch. Fast die ganze Insel ist von einem Korallenriff umgeben, das das Wasser gar nicht oder nur kaum bis zum Ufer durchlässt. Das heißt, wenn man ans Meer kommt, hat man das Gefühl, das Wasser sei ausgegangen – oder eigentlich gar nicht angekommen. Am Morgen bei Ebbe lohnt sich der Weg zum Meer gar nicht; um die Mittagszeit hebt die Flut den Meeresspiegel immerhin so weit an, dass ein wenig Wasser bis zum Ufer gelangt. Für ein Sitzbad reicht es, zum Schwimmen nicht. Dafür schwimmen schöne große und bunte Fische direkt um einen herum, und seine Anwesenheit stört sie überhaupt nicht.

Es gibt auch Strände, an denen das Korallenriff fehlt, hier aber schlagen wiederum Wellen in der Größe von Malibu-Strand auf das Ufer – allerdings ohne Baywatch, weshalb vom Schwimmen dort sehr abgeraten wird, und zwar in allen möglichen Sprachen. Natürlich auf Kreolisch, Französisch und Englisch, aber auch auf Italienisch und Deutsch und in einer für mich nicht definierbaren asiatischen Sprache – damit nicht zufällig jemand aus diesen leichtsinnigen Nationen auf die Idee kommt, sich mit den Wellen anzulegen. Rettungsschwimmer gibt es an den Stränden keine, das Schwimmen erfolgt nur auf eigenes Risiko, und die Meeresströmungen sind hier stark und tückisch. Auf Kreolisch heißt es: „Kouran tre danzere. Naz a ou prop risk.“ Liest man es dann auch auf Französisch: „Courants très dangereux. Nager à vos propres risques“, wird einem klar, dass Kreolisch im Grunde Französisch ist, mit dem die Einheimischen nicht gerade zimperlich umgehen.

Einen erholsamen Badeurlaub muss man allerdings in allen Sprachen streichen; meine Frau konnte nicht richtig „plantschen“ und war darüber ziemlich frustriert.

Als Ersatz für den fehlenden Badegenuss kann man kleine Küstenwanderungen von einem Strand zum anderen genießen. Besonders der Fußweg nach „Anse Caiman“ (wo ein erschöpfter Wanderer an einer Bar Getränke bekommt) kann als ein natürlicher Bouldering bezeichnet werden und erfordert beträchtliche Geschicklichkeit – vergleichbar mit Wegen in der Hohen Tatra oder in den Alpen. Also feste Schuhe sind gar nicht falsch.

Anse Cayman

Und auch der Weg von „Grand´Anse“ über „Petite Anse“ nach „Anse Cocos“ durch den tropischen Küstenwald ist wunderschön. Ebenso alle drei Strände selbst. Sie sind weiß vom Korallensand, von schönen braunen Granitblöcken gesäumt, aber die Wellen sind hier hoch, und der Hinweis, dass das Schwimmen gefährlich und nur auf eigenes Risiko möglich ist, gilt auch hier. An der „Anse Cocos“ bot man uns ein Mittagessen an, das unter wirklich improvisierten, oder besser gesagt: „strandmäßigen“ Bedingungen zubereitet wurde. Es war auch ein Stück Fisch dabei, aber ich musste lange in meinem Reis danach suchen, weil ich meine dioptrische Sonnenbrille gleich am ersten Urlaubstag im Indischen Ozean versenkt hatte. Das scharfe Curry jedoch trug erheblich zur Reinigung meines Darms bei – an einer Verstopfung leidet man auf La Digue sicher nicht. Ich nannte diese Bewirtung „ein leichtes Mittagessen für schweres Geld“. Die Seychellen – darauf muss man sich mental vorbereiten – sind wirklich keine billigen Inseln.

Nichtsdestotrotz ist die Schönheit der Insel eine gegebene Tatsache, und deshalb wurde hier nicht nur eine Folge der deutschen Serie „Traumschiff“ gedreht, sondern 1988 auch der Film Robinson Crusoe und 1976 sogar der Erotikfilm Goodbye Emmanuelle. Hier verbinden sich also Romantik, Abenteuer und Erotik – und dann soll man einmal den Verlockungen dieses Wunders widerstehen!

La Digue ist also eine Erlebnisinsel, und die Menschen kommen hierher, um Abenteuer zu erleben. Schnorcheln, tauchen, fischen, wandern und – radfahren! Ein Fahrrad sich zu leihen ist einfach und überall angeboten, es ist hier mit Abstand das meistgenutzte Verkehrsmittel. Autos gibt es nur sehr wenige, doch aus der Sicht eines Radfahrers könnten es noch weniger oder lieber gar keine sein. Sie fahren nämlich auf den schmalen Straßen ziemlich mittig, sodass am Rand gerade noch Platz für ein einzelnes Fahrrad bleibt – und selbst das nur knapp. Die Einheimischen schaffen es mit beeindruckender Geschicklichkeit, in diese Lücke hineinzufahren, was Ausländern – besonders solchen, die zuletzt im Mai 1989 auf einem Fahrrad saßen (ich will sie nicht ausdrücklich nennen, aber der Autor dieses Artikels gehört zu dieser Sorte) – etwas abgeht. Außerdem flitzen um einen herum die glücklichen Besitzer von Elektrofahrrädern (was praktisch ist, denn für ein normales Fahrrad sind die Steigungen der Straßen recht heftig, und einen Teil des Ausflugs geht man daher zu Fuß neben dem Rad her).

Helme kennt man hier nicht, aber was noch schlimmer ist, man hat auf den Fahrrädern auch keine Beleuchtung. Das hindert jedoch die Einheimischen nicht daran, nach Sonnenuntergang weiterhin mit unverminderter Geschwindigkeit durch die Gassen der Insel zu rasen. Dabei stört sie auch das fehlende Straßenlicht nicht. Und weil sie schwarz sind (das ist keineswegs rassistisch gemeint, sondern eine Tatsache), sind sie in der dunklen Äquatornacht praktisch unsichtbar. Und so wird das Radfahren nach Sonnenuntergang (also etwas nach sechs Uhr abends) ebenso wie das Gehen durch den Ort zum ersten der Abenteuer, die La Digue bietet. Immer wieder stürzt jemand – was man zwar aus den erwähnten Gründen nicht sieht, aber sehr wohl hört –, was nicht gerade zur Beruhigung beiträgt. Natürlich könnte man sich auf zum Fuß fortbewegen, schließlich ist die Insel nur fünf Kilometer lang, drei Kilometer breit und hat eine Gesamtfläche von knappen zehn Quadratkilometern. Doch angesichts der überall herumfahrenden Einheimischen (deren Zahl auf 2.500 geschätzt wird) auf ihren oft schon ziemlich abgefahrenen Fahrrädern ist das auch keine sichere Alternative.

Die Einheimischen sind erfahren und können auf ihren Rädern unglaubliche Lasten transportieren – ich sah einen, der zwischen Knien und Kinn drei Getränkekisten hielt und dazu noch sein eigenes Mittagessen in einer Plastikbox vom nahegelegenen „Take Away“. Das sind kleine Essensausgaben zu einem akzeptablen Preis von etwa 80 Rupien, also um 5 Euro, die sowohl bei Einheimischen als auch bei Touristen sehr beliebt sind. Bezaubernd sind die Kinder, die morgens auf dem Fahrrad zur Schule fahren – alle haben Schokoladefarbe, auffällige Afrofrisuren und sind einfach entzückend.

Meiner Frau gelang es, während eines tropischen Sturms vom Fahrrad zu stürzen und sich den Ellbogen zu verletzen, der dann genäht werden musste. Für mich bestand der dramatischste Moment darin, dass mir plötzlich eine Henne mit zwei winzigen Küken vor das Rad lief. Ich konnte im letzten Moment bremsen, die Küken verschwanden rechts vom Weg, die Mutter links, und ich musste warten, bis sie sich so weit beruhigt hatte um wieder über den Weg zu laufen und ihre ungezogenen Kinder zu suchen. Die Geschichte endete also ohne Blutvergießen.

Die Hauptattraktionen der Insel ist jedoch Tauchen und Schnorcheln. Um die Verbindung zur Welt zu ermöglichen, gruben die Einheimischen das örtliche Riff durch und schufen in der Siedlung „La Passe“ einen künstlichen Hafen. Hier legt die Fähre von Praslin an, und von hier aus werden Bootstouren zu den Inseln „Félicité“, „Petite Soeur“, „Grande Soeur“ und „Ile Cocos“ organisiert, damit die Touristen ein wenig die Unterwasserwelt genießen können.

Ile Cocos

Beim Schnorcheln kann man dort Fischschwärme, bunte Korallen, Riesenschildkröten und mit etwas Glück (wenn man dabei von Glück sprechen kann) auch einen Hai beobachten. Die Führer versicherten uns, dass der Hai ein scheues Tier sei und vor einem Ungeheuer mit Plastikbrille und -flossen flüchten würde – die Frage ist nur, wie sehr man ihnen glauben kann. Ich hatte jedenfalls nicht das Glück, einen Hai zu sehen; mehrere Taucher aus unserer Gruppe behaupteten jedoch, dieses Glück gehabt zu haben. Und er sei wirklich davongeschwommen – sie hatten nicht einmal Zeit, ihn zu filmen.

Der schönste Strand der Insel – und natürlich wieder einmal einer der schönsten der ganzen Welt – ist „Anse Source d’Argent“, also „Strand der Silberquelle“. Hier wird ein Eintrittsgeld von 150 Rupien verlangt, weshalb böse Zungen den Strand „Geldquellenstrand“ nennen. Doch ohne den Besuch dieses Strandes ist ein Aufenthalt auf La Digue unvollständig und ungültig. Am Eingang erhält man ein Klebeband aufs Handgelenk, das einen berechtigt, den Strand im Laufe eines Tages zu verlassen und später wieder zurückzukehren – jedes Mal wird man jedoch kontrolliert, sogar in einem Monsunsturm, wenn man die verlorene Ehefrau retten fährt – aber dazu später. Die Einfahrt zum Strand befindet sich kurz hinter der örtlichen Kirche „Notre Dame de l’Assomption“ und der einzigen Schule des Ortes.

Kirche “Notre Dame l´Asomption”

Ein Stück hinter der Einfahrt steht der mächtige, vierzig Meter hohe Granitblock „Giant Union Rock“. Er nimmt eine Fläche von 4.000 Quadratmetern ein, und um ihn herum gibt es ein Gehege mit Riesenschildkröten.

Teil des Areals ist auch die Farm „L´Union Estate“, als Erinnerung an die frühere landwirtschaftliche Tradition der Insel. Hier wurde Vanille angebaut (die, wie man uns erklärte, kein Parasit an den Bäumen ist, die sie umschlingt, sondern in Symbiose mit ihnen lebt) und aus dem Fruchtfleisch der Kokosnüsse wurde Kokosöl gepresst, das sogenannte Kopra.

In den siebziger Jahren kaufte der deutsche Unternehmer Herbert Mittermayer die Plantage. Damals arbeiteten dort 350 Menschen. Mittermayer, ein fürsorglicher Unternehmer, baute ein Krankenhaus, eine Wasserversorgung und einen Hafen. Doch dann wurden die Seychellen unabhängig, und der Präsident und Premierminister in einer Person René spielte gerade einen Kommunisten – Mittermayer wurde also von einem Tag auf den anderen enteignet. Damit war das Schicksal der Farm besiegelt – heute dreht ein einzelner Ochse Runden, um den Touristen vorzuführen, wie man früher Öl aus Kokosnüssen presste. Vieh gibt es auf der Insel ohnehin kaum – ich begegnete einer Kuh und einem Ochsen, der einen mit Touristen beladenen Wagen zog – selbstverständlich ist das eine kostenpflichtige „Sightseeing“-Attraktion.

Anse Source d´Argent vormittags, also ohne Wasser

Von der „Anse Source d’Argent“ aus werden Expeditionen in Kanus mit durchsichtigem Boden angeboten, damit man im flachen Wasser Korallen und Fische bewundern kann. Gut ausgedacht und nicht gerade billig. Allerdings hätte während unseres Aufenthalts jene Monsunböe nicht über dem Meer losbrechen dürfen. Es regnete nämlich nicht zivilisiert, mitteleuropäisch – der Himmel fiel auf uns einfach herab. Die Boote füllten sich mit Regenwasser, und unser Reiseführer, der Jack Sparrow aus Fluch der Karibik ähnelte, beharrte trotz Regen, Wind und Kälte auf der Erfüllung des versprochenen Programms, einschließlich eines Besuchs von Robinson Crusoes Strand oder dem Öffnen von Kokosnüssen.

Er war immun gegen sämtliche Bitten, das Leiden zu beenden – vermutlich fürchtete er um seinen Verdienst. Im Programm der Reise, das unser Reisebüro angeboten hatte, stand schließlich auch „Überleben“, also haben wir es „live“ ausprobiert. Der Guide hatte mindestens den Verstand, uns nicht von dem am weitesten entfernten Strand „Anse Bonnet Carré“ in den Kanus zurückpaddeln zu lassen, sondern uns dort mit dem Motorboot abzuholen. Nur dank dieser Entscheidung kam es zu keinen Verlusten an Menschenleben.

Wenn es auf La Digue einmal zu regnen beginnt, meint es dieser Regen wirklich ernst. Auf der Straße stand das Wasser so hoch, dass ich beim Radfahren die Pedale im Wasser drehte. Und meine Frau nahm nach dem Sturz einen aufgerissenen Ellbogen und eine Platzwunde auf der Hand mit nach Hause. Gott sei Dank, kein Armbruch!

Das Trauma von dem Erlebnis war zu groß, und so passte ich am Abend nicht auf. Als ich mein Wasserglas halb mit Rum gefüllt vorfand (mit dem weißen, aber immerhin mit 43 Prozent Alkohol), forschte ich nicht groß nach, wer das getan hatte, sondern trank ihn aus. Und das, obwohl ich bereits vorher Wein getrunken habe. Was hätte ich auch tun sollen? Den Rum der Marke „Takamaka“ zu verschütten wäre nur eine Spur weniger verwerflich als eine „Coco de Mer“-Nuss wegzuwerfen! Meine Opferbereitschaft hatte fatale Folgen. Obwohl ich von jungen, attraktiven Damen umgeben war, kroch ich in angeheitertem Zustand schmachvoll ins Bett. Auch dieses Erlebnis blieb mir also nicht erspart. Wer mir diese hinterhältige Rummenge eingeschenkt hatte, habe ich nicht herausgefunden. Eas bleibt also nur bei einem leisen Verdacht.

Sonnenuntergang hinter der Insel Praslin

Dennoch konnte ich mich von all dem wieder erholen und nahm daher an der Besteigung des höchsten Gipfels der Insel teil, des „Nid d’Aigle“, was „Adlernest“ bedeutet. Der Name hätte mich warnen müssen, tat es aber nicht. Vielleicht spielte mein Ehrgeiz eine Rolle oder die bereits einsetzende Senilität und damit der Verlust des Selbsterhaltungstriebs. Der Hügel ist immerhin 333 Meter hoch, und im Reiseführer steht, es handle sich um einen zwar etwas steilen, aber angenehmen Spaziergang, den sogar Kinder schaffen! Also warum nicht ein rüstiger Pensionist? Aber… Schon die Fahrt mit dem Fahrrad zur „Belle Vue“-Restaurant war ziemlich anspruchsvoll, und ein großer Teil der Strecke musste man das Fahrrad schieben – Lance Armstrong hätte das zwar sicher im Sattel geschafft, aber ich bin halt kein Lance Armstrong.

„Belle Vue“ liegt übrigens an einem wunderbaren Ort. Der Name täuscht nicht! Abends bietet das Restaurant einen großartigen Blick auf den Sonnenuntergang, sodass es sich lohnt, während des Aufenthalts zumindest einmal dort einen Platz zu reservieren. Doch es liegt erst auf halber Höhe. Und das Wort „etwas“ im „etwas steiler Spaziergang“ ist eine ordentliche Untertreibung. Dazu steigt man bei Temperaturen um die dreißig Grad und hundertprozentiger Luftfeuchtigkeit. Und den Weg kann man eher erahnen als erkennen. Man klettert gelegentlich auf rutschigem, rotem Boden, zum Glück gibt es fast überall Bäume oder zumindest deren Wurzeln, an denen man sich festhalten kann. So schleppte ich mich schließlich auf den Gipfel, obwohl ich schon auf halber Strecke mein völlig durchnässtes T-Shirt ausziehen musste und anschließend entsetzt war, wie furchtbar ich oben ohne Shirt aussah. Die Fotos dieses Sieges werde ich auf keinen Fall veröffentlichen – vielleicht haben Sie schon etwas vom König Pyrrhus gehört.

Der Gipfel bietet ansonsten großartige Ausblicke auf Praslin zu Füßen, auf Mahé und Silhouette am Horizont, und wenn man zum zweiten Aussichtspunkt im Nordosten hinübergeht, liegt einem jener Taucherparadies-Archipel mit den Inseln Félicité, Marianne, Petite Soeur und Grande Soeur sowie der Gruppe um die Ile Cocos zu Füßen. Vielleicht hat es sich doch gelohnt, aber ich hätte zwanzig Jahre früher dort gehen sollen.

Taucherparadis zu Füssen von Nid d´Aigle

Kurz gesagt – La Digue ist eine Erlebnisinsel. Zwar kann man auf ihr nicht wirklich baden, aber man nimmt unvergessliche Erlebnisse mit.

Eine kurze Zusammenfassung umfasst:

  1. Schnorcheln oder Tauchen
  2. Kajakfahrten mit durchsichtigem Boden und Beobachtung des Meereslebens
  3. Ein Monsunsturm mit völlig verrücktem tropischem Regen
  4. Alkoholrausch
  5. Extrem anstrengender Bergaufstieg
  6. Nachtfahrten auf unbeleuchteten Fahrrädern durch unbeleuchtete Straßen
  7. Wanderungen von Strand zu Strand über Granitfelsen und durch den Dschungel

Aber all das, meine Lieben, kommt doch nicht an den Besuch des Einkaufszentrums von Seiersberg bei Graz heran, wohin ich fahren musste, um mir neue Sonnenbrillen zu kaufen, weil ich meine alten im Indischen Ozean versenkt hatte. Und das am Samstag! Wenn man ein echtes Abenteuer erleben möchte, muss man dorthin. Erst dort geht es um Leben und Tod!

Praslin

Als Kapitän Lazare Picault diese Insel, 45 Kilometer von Mahé entfernt, entdeckte, nannte er sie etwas fantasielos „Isle des Palmes“, also „Palmeninsel“. Dieser Name hielt jedoch nicht lange; bereits im Jahr 1768 wurde sie nach dem damaligen französischen Marineminister César Gabriel de Choiseul, Duc de Praslin umbenannt.

Doch vielleicht wusste selbst Picault nicht, wie nah er bei der Namensgebung der Wahrheit war, denn gerade diese zweitgrößte Insel des Seychellen-Archipels ist zusammen mit ihrem kleinen Nachbarn Curieuse der einzige Ort der Welt, an dem die berühmteste und mysteriöseste Palme der Welt wächst – die „Coco de Mer“.

Diese Palme und ihre Früchte sind legendär – schon ihretwegen reisen viele Touristen auf die Seychellen. Und sie können sich dann ein Exemplar mit Zertifikat als Souvenir für 500 Euro kaufen. Würde man Sie am Flughafen mit einer Frucht ohne Zertifikat erwischen, drohen auf den Seychellen sieben Jahre „all inclusive“ im örtlichen Gefängnis. Im Mittelalter hatte ihre Frucht eine sakrale Bedeutung. Gelegentlich wurden diese gigantischen Nüsse, die bis zu 15 Kilogramm wiegen (manchmal entstehen Verbunde aus drei Früchten, die dann 45 Kilo erreichen), an die Küsten angeschwemmt, vor allem auf den Malediven – offensichtlich aufgrund der Meeresströmungen, die von den Seychellen in diese Richtung fließen. Doch es war nicht das Gewicht dieser Früchte, sondern ihre Form – die vorne an das weibliche Schoss und hinten an das weibliche Gesäß erinnert –, die die Fantasie beflügelte, und so ließ sich mancher Herrscher diese Seltenheit mit Gold aufwiegen.

Der Sultan der Malediven ließ seine Untertanen hinrichten oder ihnen zumindest die Hände abhacken, wenn sie eine gefundene Frucht nicht SOFORT den zuständigen Behörden übergaben. Da niemand wusste, woher die Früchte stammten, hielt sich über Jahrhunderte hartnäckig die Hypothese einer Unterwasserpalme, die ihre Früchte unter der Meeresoberfläche trug. Daher auch der etwas verwirrende Name „Coco de Mer“, also „Meereskokos“. Doch auch der lateinische Name, den ihr der deutsche Botaniker Karl Christian Gmelin im Jahr 1791 zu Ehren König Ludwigs gab (zwei Jahre nach der Französischen Revolution!), half ihr nicht weiter: „Lodoicea maldivica“. Selbst damals wusste man noch nicht, dass diese Früchte nicht von den Malediven stammen, sondern von den Seychellen.

Die Tatsache, dass die Palme nur endemisch auf zwei seychellischen Inseln vorkommt, obwohl ihre Früchte sporadisch auch an anderen Küsten angespült wurden, lässt sich leicht erklären. Erstens sind nur unreife Früchte leichter als Wasser und können schwimmen. Reife Früchte sind schwer und sinken sofort zu Boden. Außerdem gibt es „Coco de Mer“ eigentlich zweimal – als weibliche und als männliche Palme. Und sie brauchen einander. Selbst wenn irgendwo eine Palme gekeimt hätte, hätte sie nicht bestäubt und befruchtet werden können. Männliche Palmen tragen ihre Blüten auf riesigen zapfenartigen Gebilden, die mit kleinen Blüten übersät sind und an einen gigantischen männlichen Penis erinnern.

So entstand die Legende der geheimnisvollen Palme, die die Fruchtbarkeit symbolisiert. Gemäß dieser Legende paaren sich die Palmen nur während heftiger tropischer Stürme, und der Mensch, der sie dabei beobachtet, sei unweigerlich dem Tod geweiht, da diese Paarung ein Mysterium sei, das den Menschen verborgen bleiben müsste. In Wirklichkeit übertragen Insekten und Kolibris den Pollen von der männlichen auf die weibliche Palme – aber lassen wir die Vernunft ruhen und bei der Legende uns von Emotionen tragen, das ist viel interessanter.

Als ich diese riesigen Kokosnüsse sah, war mir nicht klar, wie sich eine solche Frucht überhaupt vermehren kann. Sie kann sich sicherlich nirgendwo in die Erde bohren und Wurzeln schlagen. Außerdem benötigt jede Frucht vom Zeitpunkt der Bestäubung bis zur Reife 5–6 Jahre! Erst dann fällt sie vom Baum auf den Boden. Doch die Natur weiß sich zu helfen. Nachdem die Nuss auf den Boden gefallen ist, passiert ein halbes Jahr lang gar nichts. Dann platzt die Kokosnuss auf und ein Keimling schiebt sich heraus. Dieser entfernt sich vom Mutterfruchtkörper, um aus ihrem Schatten zu gelangen, und bohrt sich in die Erde. Erst in einer Tiefe von 60 Zentimetern wendet er sich der Erdoberfläche zu. Dann bildet er das erste Blatt. Das alles dauert ein Jahr. Erst nach 2–3 Jahren beginnt die Palme Wurzeln zu bilden – bis dahin lebt sie von der nahrhaften Masse im Inneren der Nuss. Die Palme bildet pro Jahr nur ein einziges Blatt, die ersten Blüten erscheinen erst nach 25 Jahren. Die Pflanzen erreichen ein Alter von bis zu 300 Jahren – das gilt allerdings für männliche Palmen. Die weiblichen leben nur 150–180 Jahre.

Heute gibt es zwar bereits eine ganze Allee künstlich gepflanzter Palmen im Botanischen Garten von Victoria auf Mahé, aber wirklich endemisch kommt die „Coco de Mer“ nur auf den Inseln Praslin und Curieuse vor.
            Bis zu 6.000 Stück wachsen im Nationalpark „Vallée de Mai“. Der Name entstand ebenfalls recht einfach. Als in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts France Jumeau auf die Insel kam und, begeistert von der Schönheit der Natur, sofort die Grundstücke im Inselinneren aufkaufte – und zwar im Mai –, erhielt dieser Teil des tropischen Regenwaldes eben diesen Namen. In den sechziger Jahren übernahm die lokale Regierung die Verwaltung (die Seychellen waren damals noch eine britische Kolonie). 1979 wurde der Nationalpark von Praslin gegründet und 1983 in das „Weltnaturerbe“ aufgenommen.
Der Park ist zugänglich, doch bitte seien Sie darauf vorbereitet, dass Sie in tropischen Temperaturen und hundertprozentiger Luftfeuchtigkeit steile Hügel hinaufsteigen müssen. Nehmen Sie also viel Wasser mit – Sie werden es auf jeden Fall ausschwitzen. Der Eintritt kostet dreihundert Rupien (etwa 18 Euro). Einen einfacheren Zugang vom Meer aus bietet „Fond Ferdinand“.

Fond Ferdinand – Eingang

Man kann auch einen Führer engagieren. Unser Derek mit den unglaublichen Dreadlocks war offensichtlich begeistert von seiner Arbeit und trieb uns durch den Park bis zu den Aussichtspunkten, von denen aus man einen wunderbaren Blick auf die Insel Praslin und die Nachbarinseln hat. Und wir sahen viele „Coco de Mer“, aber auch Kolibris und den einheimischen schwarzen Papagei.

Die ausgestellten Nüsse hatten neben vollkommenen auch verschieden deformierten Formen – also wieder etwas wie im richtigen Leben.

Nach Praslin fährt man allerdings hauptsächlich wegen seiner Strände. Einige von ihnen gelten – ebenso wie auf der Nachbarinsel La Digue – als „die schönsten der Welt“. Es ist ein bisschen so wie in Italien, wo fast jede Stadt „la più bella camera del mondo“ besitzt, also „das schönste Zimmer der Welt“, und niemand stellt das infrage.

Das Schiff von Mahé legt im Hafen Baie Sainte Anne an, die größte Siedlung der Insel ist Grand Anse. Anse bedeutet auf den Seychellen Strand – ich weiß wirklich nicht, aus welcher Sprache dieses Wort stammt; vielleicht haben die Einheimischen das Wort im Kreol selbst erfunden. Der Strand Grand Anse ist möglicherweise groß und lang, aber keinesfalls schön: er ist mit Meeresalgen bedeckt und durch eine Straße und ein Sumpfgebiet von den Hotels getrennt. Das heißt, von den hier befindlichen Hotels muss man entweder mit dem Bus oder einem Mietwagen zum Strand fahren.

Hotel Oasis in Grand Anse

Um den Titel des schönsten Strandes wetteifern gleich zwei: Anse Lazio und Anse Georgette.Der erste ist frei zugänglich, er ist lang, weiß, und Schatten spenden hier – wie an den meisten Stränden der Seychellen – die Takamaka-Bäume. Diesen Namen muss man sich unbedingt merken, und zwar nicht nur deshalb, weil so der zweithöchste Gipfel auf Praslin heißt (der höchste heißt schlicht Praslin, also leicht im Gedächtnis zu behalten). Takamaka ist nämlich auch die Marke des seychellischen Rums, der hier so etwas wie ein Nationalgetränk ist. Zwar haben die Briten hier auch die Bierbrauerei Seybrew gebaut und das Bier ist durchaus trinkbar, aber Rum ist eben Rum – und eine nationale Marke, nur knapp übertroffen von der „Coco de Mer“.

Den Rum kann man dunkel trinken; er hat 43 Prozent, ebenso wie der weiße. Doch es gibt auch veredelte Sorten wie zum Beispiel Kokosrum. Der hat nur 25 Prozent Alkohol und schmeckt süß nach Kokos. Ein Einheimischer belehrte mich, dass der dunkle Rum für Männer sei und der Kokosrum für Damen. Zwar können Mann und Frau das auch umgekehrt trinken, aber der Mann gilt dann vielleicht nicht als ein richtiger Mann und die Frau gerät in den Verdacht, sich mit den Männern messen zu wollen. Die Rezeptionistin im Hotel auf Mahé sagte uns, sie möge am liebsten Rum mit Vanillegeschmack – wie ich später feststellte, ist er allerdings ebenfalls 43 Prozent stark. Ich weiß also nicht, was sich die Rezeptionistin beweisen wollte.

Überhaupt war uns die Rezeptionistin etwas suspekt. Wir mussten das Zimmer wechseln und ließen daher morgens vor dem Gang zum Strand unsere Koffer bei ihr an der Rezeption. Als wir ein paar Stunden später zurückkamen, wusste sie nicht mehr, wer wir waren. Außerdem hatten wir offenbar große Schwierigkeiten, ihr den Unterschied zwischen den Wörtern „room“ und „rhum“ zu erklären. Während wir unsere zwei Flaschen Takamaka in den Kühlschrank stellen wollten, glaubte sie, wir wollten ein Zimmer mit Kühlschrank. Vielleicht hatte sie schon etwas von der Vanille probiert.

Die Rumfabrik befindet sich in Victoria auf der Insel Mahé (genau wie die erwähnte Brauerei), aber die Marke Takamaka hat trotzdem mehr mit Praslin zu tun. Hier sind nicht nur die Bäume dieses Namens reichlich vertreten, sondern auch ein gleichnamiger Berggipfel und ein Strand. Daher ist es wohl Praslin, das das Zentrum des seychellischen Tourismus bildet, und sein Besuch ist einfach ein Muss, wenn man seinen Ausflug auf das Archipel wirklich festhalten möchte.

Anse Lazio

Anse Lazio ist ein sehr schöner Ort, doch manche Touristen und manche Reiseführer bevorzugen manchmal die konkurrierende Anse Georgette an der äußersten Nordspitze der Insel. Das Problem ist, dass dieser Strand nur durch das Gelände eines Hotels mit einem großen Golfplatz zugänglich ist und die Zahl der Personen, die hineingelassen werden, begrenzt ist. Außerdem wird Eintritt verlangt. Unserem Reiseführer Martin wurde mitgeteilt, dass für den Tag, an dem wir den Strand besuchen wollten, die Reservierungen bereits ausgeschöpft seien. Unser Fahrer hingegen meinte, das werde kein Problem sein.

Und das war es auch nicht. Er fuhr mit unserem kleinen Bus durch das Hoteltor, der Wachmann drohte ihm mit dem Finger – aber mit dem richtigen, nämlich dem Zeigefinger. Offensichtlich kannten sie einander; schließlich leben auf Praslin gerade einmal 8.500 Einwohner, und angesichts des lebhaften gesellschaftlichen Lebens der Einheimischen kennen sich bestimmt alle – sei es von irgendeiner Hochzeit, einem Begräbnis oder einem anderen Ereignis.

Wir gingen also über den 18-Loch-Golfplatz und vorbei an unglaublichen Abschlagplätzen, etwa hoch oben auf einem Felsen, und besuchten auch jenen zweiten legendären Strand. Er war schön. Wieder weiß – denn 95 Prozent der Korallen, die die Seychellen-Inseln umgeben, sind weiß, und der Sand an den Stränden stammt von ihnen –, aber unter uns – Anse Lazio war schöner.

Anse Georgette

Wenn man vorhat, länger auf Praslin zu bleiben, steht ihm noch weitere weiße Strände zur Verfügung, zum Beispiel Anse Volbert im Osten der Insel oder natürlich Anse Takamaka im Nordosten. Und viele weitere.

Ganz ehrlich, ein Historiker wie ich hat auf Praslin eigentlich nichts verloren. Meine Frau hingegen war begeistert von der Möglichkeit, im Wasser zu „plantschen“. Und was tut man nicht alles für den Familienfrieden!

Mahé

Mahé ist die größte der sogenannten „Inneren Seychellen“, die – mit zwei Ausnahmen – aus 650 Millionen Jahre alten Granitgebirgen bestehen, die damals hier vom Urkontinent Gondwana zurückgelassen wurden. Die wichtigste Ausnahme ist die Insel Silhouette, die vor 65 Millionen Jahren aus dem Meeresgrund emporstieg; sie ist im Vergleich zu den übrigen Inseln also ein Jungspund.
Die Äußeren Seychellen sind Korallenatolle, die über 1000 Kilometer von den Inneren Seychellen entfernt liegen. Man besucht sie separat per Schiff. Die Überfahrt von Mahé dorthin dauert zwei Tage.

Der schönste Strand auf Mahé ist Beau Vallon, also „Schönes Tal“.

Beau Vallon

Er ist über eineinhalb Kilometer lang und bietet Restaurants und Infrastruktur einschließlich eines kürzlich errichteten Marktes. Wir suchten uns das Restaurant La Plage aus und freundeten uns dort nach und nach mit der Kellnerin Yule an. Auffällig war, dass sie als Einzige im Personal eine Weiße war, weshalb ich mich traute, sie zu fragen, woher sie stammt. Die Antwort überraschte nur teilweise: Yule war eine gebürtige Südafrikanerin.
Das Wasser am Strand von Beau Vallon ist ruhig, keine großen Wellen – vorausgesetzt, der Monsun bläst gerade nicht. Er blies nicht. Am oberen Ende des Strandes steht die katholische Kirche St. Roch, die als eine der schönsten auf den Seychellen gilt. Die Maßstäbe sind hier allerdings recht bescheiden.

Wenn das einem nicht reicht und man Mahé ein wenig genauer kennenlernen möchte, muss man sich auf der kurvenreichen Sans Souci Road auf den Weg machen. Das ist nur etwas für starke Nerven – nicht nur, weil hier wie in jeder ordentlichen ehemaligen britischen Kolonie links gefahren wird, sondern auch, weil die Straße mit ihren vielen Serpentinen keine Leitplanken hat und nicht gerade breit ist. Aber es geht. Und von dieser Straße aus gibt es drei Möglichkeiten, auf die lokalen Berggipfel zu wandern. Man sollte allerdings den geringen Höhenunterschied nicht unterschätzen. Man geht durch Dschungel, und die hohen Temperaturen und die fast hundertprozentige Luftfeuchtigkeit verlangt einem einiges ab.

Zum Glück wählten wir den Weg auf den Berg Copolia, was insgesamt 450 Höhenmeter bedeutete. Die beiden anderen Gipfel sind anstrengender. Le Trois Frères, also „Die drei Brüder“, ist um zweihundert Meter höher, und der höchste Berg, Morne Seychellois, ragt sogar 905 Meter über dem Meer auf. Für alle Wege wird Eintritt verlangt; für den „Morne Seychellois“ braucht man einen lokalen Führer, denn vor zwei Jahren verirrte sich dort eine ganze Gruppe, die mit Hubschraubern im Dschungel gesucht werden musste. Überhaupt sollte man für den Aufstieg auf den „Morne Seychellois“ sechs bis acht Stunden einplanen – es ist also ein ganztägiger Ausflug.

Copolia genügte völlig. Vom felsigen Gipfel hat man eine herrliche Aussicht auf die Hauptstadt Victoria; direkt zu Füßen liegt einem jenes luxuriöse, auf einer künstlich aufgeschütteten Insel errichtete Viertel Eden, etwas weiter rechts das Flughafenfeld und links davon das Stadion.

Blick von dem Berg Copolia auf die künstliche Insel Eden

All das befindet sich auf der aufgeschütteten Ebene, die die Briten dem Meer abgerungen haben. Das Stadion wurde von Prinzessin Margaret eröffnet, der Flughafen sogar von Königin Elisabeth II. Und als die Briten das alles gebaut hatten, inklusiv einer Bierbrauerei, kamen die Einwohner (Ureinwohner sie zu bezeichnen wäre nicht korrekt, denn auf den Seychellen lebte vor der Ankunft der Franzosen kein einziger Mensch) zu dem Schluss, dass sie die Briten nicht mehr brauchten, und erklärten die Unabhängigkeit.

Auf dem Gipfel der Copolia wachsen ganze Bestände fleischfressender Pflanzen. Sie locken Insekten mit süßem Saft in ihrem Innern an und besitzen einen „Deckel“ – nicht etwa, um sich hinter unvorsichtigen Mücken zu schließen, sondern um sich vor Regen zu schützen, der den Lockstoff verwässern könnte. Der Vorteil ist: Auf dem Gipfel der Copolia wird man von keinen Mücken oder anderen lästigen Insekten belästigt. Die befinden sich gerade im Innern dieser Fleischfresser im Prozess der Verdauung.

Fleischfressende Seychellen-Kannenpflanze (Nepenthes pervillei), 

Was historische Sehenswürdigkeiten betrifft – vom „House 1776“, in dem einst der zyprische Erzbischof Makarios seinen unfreiwilligen Aufenthalt verbrachte, sieht man nur geschlossenes Tor. Also nichts Besonderes.

House 1776

Ein Stück hinter dem Pass, in einer Höhe von 500 Metern, befindet sich ein Denkmal aus alten Kolonialzeiten – eine „Heritage Site“, also ein geschütztes Gebiet, das die Überreste einer Schule umfasst, die die Briten einst für die Kinder ehemaliger Sklaven bauten, als eine Art Versuch, alte Ungerechtigkeiten wiedergutzumachen. Die Schule hatte keinen Erfolg – ob deshalb, weil sie an einem so abgelegenen Ort stand, oder weil sich dort jene für Internatsschulen typischen Missstände ereigneten, ist nicht bekannt. Jedenfalls hielt im Jahr 1972 Königin Elisabeth II. persönlich hier an und trank eine Tasse Tee – aus diesem Anlass wurde hier ein Aussichtspavillon errichtet.

Dieser Tee wird ein Stück weiter in Richtung Westküste angebaut. In den sechziger Jahren gründete hier der Schotte Bill Henderson eine Teeplantage. Im Jahr 1961 kaufte er Grundstücke und erwarb aus Kenia Samen. Insgesamt war die Plantage in ihrer Blütezeit 120 Hektar groß und konnte damals den lokalen Bedarf decken. Heute sind es nur noch 45 Hektar, und die Teeplantage ist ein nettes Relikt, das Touristen mit einer Tasse Tee und einem Museumsbesuch für einen symbolischen Eintritt von 25 Rupien (mit englischsprachigem Führer 50 Rupien – also etwa 3 Euro) anlockt. Viel gibt es dort nicht zu sehen, dafür kann man jedoch Hendersons Hochzeitsfoto bewundern und die Tatsache, dass ein solches Ereignis es bis in die seychellische Presse schaffte. Unser lieber Schotte war offensichtlich eine lokale Berühmtheit. Heute gehört die Teeplantage der „Seychelles Trading Company“ und – wie das bei staatlichen Firmen so ist – sie siecht langsam dahin.

Die „San Souci Road“ endet in Port Launay. Ein Stück weiter beginnt der „Morne Seychellois Nationalpark“, und weitere Strände im Norden der Insel – der „Port Launay Marine National Park“, der „Baie Ternay Marine Nationalpark“ sowie der Strand „Anse Major“ – sind nur zu Fuß erreichbar. Letzteren besucht man am besten vom Ort „Bel Ombre“ aus: an der Endhaltestelle des Busses aussteigen und dann hoch über dem Meer zu dieser wunderschönen Bucht wandern. Auf der anderen Seite von „Beau Vallon“, also östlich, liegt die Gemeinde Glacis. Das war der erste Ort, an dem sich britische Honoratioren niederließen und Immobilien erwarben – dort kam Ian Fleming übrigens auch auf die Idee zu seinem James Bond und begann, seinen ersten Bond-Roman „Mister No.“ zu schreiben.

Ein Hotel, wo die Geschichte von 007 begonnen hat.

Die seychellische Gemütlichkeit endet in dem Moment, in dem man sich entschließt, mit dem Boot auf eine der weiteren Inseln der Inneren Seychellen überzusetzen, also entweder nach Praslin oder La Digue. In dem Augenblick, in dem man im Hafen ankommt, stockt einem der Atem. Hunderte, vielleicht Tausende von Touristen erzeugen mit ihrem Gepäck ein unglaubliches Chaos – es erinnerte mich ein wenig an die Atmosphäre auf der sinkenden Titanic. Ich verabschiedete mich schnell von der Vorstellung, dass wir überhaupt auf die bereitstehende Fähre kommen würden, ungeachtet unserer bereits gekauften Tickets – und vor allem davon, dass wir unsere Koffer jemals wiedersehen würden. Ein Hafenmitarbeiter zeigte echten seychellischen Gleichmut, als er uns sagte, wir sollten die Koffer einfach vor dem Gebäude, in dem die Fahrkarten abgefertigt wurden, auf dem Gehsteig stehen lassen und gehen. Ich verstand es nicht, warf meinem neuen Koffer einen letzten Blick zum Abschied zu und begab mich in die Schlange zur Fähre. Ihr werdet es nicht glauben, aber die Koffer kamen tatsächlich in Praslin an – und sogar mit unserem Schiff! Die Einheimischen haben das alles unter Kontrolle, auch wenn es auf den ersten Blick überhaupt nicht so aussieht.

Mit me iner Frau zu reisen hat einen zusätzlichen spannenden Aspekt: Man langweilt sich nie, denn sie schafft es, überall Chaos zu erzeugen. In diesem Fall wollte sie nicht mit Ethiopian Airlines über Addis Abeba fliegen, weil ich unvorsichtigerweise erwähnt hatte, dass es ein Flugzeug dieser Gesellschaft war, das einst mit dem missglückten neuen Boeing-Modell abstürzte – damals kamen drei unserer österreichischen Kollegen ums Leben. Wie dem auch sei, wir flogen also statt über Addis Abeba über Dubai. Das bedeutete aber auch, dass wir das Rückfahrticket für das Schiff umbuchen mussten, denn unser Rückflug war schon am Morgen verbucht, während der Rest der Gruppe am Abend flog. Die Dame im Ticketbüro auf Mahé wollte sich mit dem Problem nicht befassen (Ich ließ es unseren Gruppenleiter Martin regeln, denn ich hätte schon nach den ersten Sätzen aufgegeben). Auf Mahé sagte man Martin, er solle das auf La Digue klären – ein taktisch hinterhältiger Rat, denn auf La Digue gibt es kein Ticketbüro, und mein Reiseführer warnte sehr eindringlich davor, das Rückticket nicht schon auf Mahé oder Praslin zu besorgen.

Wir gingen also zum Schalter auf Praslin. Die Dame dort erklärte uns, dass sie das nicht interessiere, weil wir es auf Mahé hätten regeln sollen. Als Martin ihr sagte, dass man ihn auf Mahé abgewiesen habe, folgte ein längeres erregtes Telefonat auf Kreolisch. Martin argumentierte, dass das Reisebüro aus Bratislava im Voraus auf dieses Problem hingewiesen habe und ihm eine Lösung zugesagt worden sei. Die Dame hatte allerdings von einer derartigen Kommunikation keinerlei Kenntnis und hatte offensichtlich auch nicht die Absicht, sich diese zu verschaffen. Um irgendwelche E-Mails kümmert sich auf den Seychellen offensichtlich niemand. Martin ließ sich die gesamte Kommunikation von Zentrale in Bratislava auf sein Handy weiterleiten und legte sie ihr vor. Diese moderne Welt der Mobiltelefone übersteigt eindeutig meine Fähigkeit, mich an neue Gegebenheiten anzupassen. Doch die Dame am Schalter zeigte zum ersten Mal Interesse an unserem Anliegen und nach weiteren zwanzig Minuten Computerarbeit und einigen zusätzlichen Telefonaten erhielten wir tatsächlich zwei ausgedruckte Rückfahrkarten von La Digue nach Mahé.

Ich begriff endgültig, dass ich in solche Destinationen nur mit einer Reiseagentur fahren kann. Allein würde ich vermutlich nie wieder nach Hause kommen und müsste mir meine Rente nach La Digue überweisen lassen. Und billig ist es auf den Seychellen nicht!

            Und so erreichten wir die Insel Praslin und fanden eine Unterkunft in einem schönen Hotel namens Oasis.

Victoria, Mahé, Seychellen

Zehn Minuten müssen nicht unbedingt überall auf der Welt auch tatsächlich zehn Minuten bedeuten. Wenn ein Taxifahrer in Victoria, der Hauptstadt der Republik Seychellen, sagt, dass er in zehn Minuten am vereinbarten Ort sein wird, bedeutet das lediglich, dass er den Anruf angenommen hat und versuchen wird, so schnell wie möglich dorthin zu gelangen. Es heißt jedoch bei Weitem nicht, dass er vorhat, in irgendeiner Weise schneller zu fahren oder sich gar stressen zu lassen. Beim ersten Mal wird Sie das vielleicht nervös machen, aber die Ruhe und Gelassenheit der Einheimischen ist so ansteckend, dass Sie beim zweiten Mal die Wartezeit genießen werden – in der Sonne, unter Wolken oder im tropischen Regenschauer, der jedoch genauso schnell verschwindet, wie er gekommen ist. Er ist offenbar der Einzige, der es hier eilig hat.

Victoria auf der Insel Mahé rühmt sich damit, die kleinste Hauptstadt der Welt zu sein. Mit ihren 24.000 Einwohnern ist sie tatsächlich ein Städtchen, das man in einer halben Stunde zu Fuß von einem Ende zum anderen durchqueren kann. Doch Vaduz in Liechtenstein ist mit seinen 8.000 Einwohnern sicher kleiner. Allerdings ist Vaduz streng genommen nicht einmal eine Stadt, sondern hat nur den Status eines „Marktes“, also eines zentralen Dorfes. Ich weiß nicht, wie es mit Andorra la Vella steht, und ich habe nicht vor, es zu untersuchen – einigen wir uns darauf, dass Victoria eine der kleinsten Hauptstädte der Welt ist.

Dass wir für ihre Erkundung zwei Anläufe brauchten, hatte nur einen einzigen Grund: Am Montag, dem 27. Oktober, überraschte uns ein staatlicher Feiertag anlässlich der Inauguration des neuen Präsidenten, weshalb alle Geschäfte und Museen geschlossen waren – die Seycheller feierten, und sie feiern gerne. Nur unser Taxifahrer Rony feierte nicht. Einerseits musste er arbeiten (angeblich gibt es in Victoria bis zu 400 Taxifahrer, die Konkurrenz ist also groß, da muss man sich anstrengen), andererseits war ein sozialistischer Präsident gewählt worden, und Rony zeigte uns, dass er ihm am liebsten die Kehle durchgeschnitten hätte. Offensichtlich war er nicht dessen Wähler.

Victoria erhielt seinen Namen aus einem romantischen Grund, nämlich anlässlich der Hochzeit von Kronprinzessin Victoria mit Albert aus dem Haus Coburg-Gotha. Es war eine Hochzeit aus wahrer Liebe – schließlich mussten die Prinzen aus diesem deutschen Geschlecht wirklich fesche Männer gewesen sein, sie heirateten Prinzessinnen auf der ganzen Welt: von Brasilien und Portugal über Bulgarien und Griechenland bis nach England. Die Hochzeit fand im Jahr 1841 statt.

Die Geschichte des Archipels, das nur 355 Quadratkilometer feste Land, dafür aber 350.000 Quadratkilometer Meer besitzt und auf dem 98.000 Menschen leben, ist nicht viel länger. Die Inseln waren zwar schon den Arabern bekannt (und im Museum ist sogar ein altgriechischer Krater, also ein riesiges Keramikgefäß für den Warentransport, ausgestellt), doch niemand kam auf die Idee, die Inseln zu besiedeln. Auch nicht die Portugiesen, obwohl Vasco da Gama sie auf seiner Reise nach Indien in die Seekarten eintrug.

Über mehrere Jahrhunderte dienten sie lediglich als Piratenstützpunkt – besonders berühmt wurde der Pirat Olivier de Vasseur, genannt La Buse, also „der Bussard“. Sein Schatz, den er angeblich auf der Insel Mahé nahe der Siedlung Bel Ombre vergraben haben soll und dessen heutiger Wert auf 4,5 Milliarden Euro geschätzt wird, motiviert Schatzsucher bis heute. Der Boden in der Gemeinde Bel Ombre ist aus diesem Grund an mehreren Stellen aufgebrochen, doch den Schatz hat bisher noch niemand gefunden.

Solange die Piraten nur portugiesische Schiffe überfielen, die mit wertvollen Waren aus Indien zurückkehrten, war das den Franzosen auf den Inseln Maurice und Bourbon (dem heutigen Mauritius und Réunion) ziemlich egal. Als jedoch auch französische Schiffe betroffen waren, beschloss der damalige Gouverneur der Insel Mauritius, Bernard François Mahé de La Bourdonnais, die Seychellen mit französischen Siedlern zu kolonisieren und so die Piratenaktivitäten zu unterbinden. Sein Kapitän Lazare Picault landete 1742 auf der größten der Inseln, nannte sie „Insel des Überflusses“, doch damit endeten seine Aktivitäten auch schon wieder. Auf eine Besiedlung musste der Archipel noch einige Jahre warten.

Der erste Versuch im Jahr 1770, geleitet vom ehrgeizigen Leutnant Brayer du Barre, scheiterte noch. Die ersten 28 Siedler, die auf der Insel Saint Anne ausgesetzt wurden, hielten es nicht durch und kehrten im folgenden Jahr nach Hause zurück. Immerhin hinterließen sie auf der Insel den Stein „Stone of Possession“ mit drei französischen Lilien, der symbolisierte, dass der Archipel von da an zu Frankreich gehörte. Dieser Stein ist heute, in recht mitgenommenem Zustand, im historischen Museum im Stadtzentrum zu sehen.

Stone of Possesion

Zwei Jahre später konnten sich die Siedler auf der Insel bereits halten, und 1790 zählte die Bevölkerung der Insel 572 Menschen, davon allerdings nur 65 Franzosen – der Rest waren schwarze Sklaven, eingefangen in Madagaskar, dem heutigen Mosambik, aber auch in Indien. Die Sklaven arbeiteten lediglich für Nahrung und wohnten in Hütten abseits der weißen Siedlung.

Die Insel erwies sich als ungewöhnlich fruchtbar (auch wenn sie im Grunde der Gipfel eines granitenen Unterwasserbergs ist), und so wurden hier Baumwolle, Kokosnüsse, Guano, Zimt, Kautschuk und eine Pflanze namens Patchuli angebaut, die für Dufterzeugung verwendet wird, von der ich aber bis dahin nichts gehört habe. Und sicher auch Zuckerrohr, denn der Rum Takamaka, benannt nach einem Baum, der die Strände der Insel säumt, wird hier hergestellt und schmeckt sehr gut.

Zu einem Machtwechsel kam es im Rahmen der Napoleonischen Kriege, die nicht nur auf dem europäischen Kontinent geführt wurden, wo die Franzosen lange siegten, sondern auch auf dem Meer, wo seit der Schlacht bei Trafalgar 1805 die Briten die Oberhand hatten. Und so erschien bei der Insel Mahé – benannt 1756, drei Jahre nach dem Tod des mauritischen Gouverneurs – kurz nach der Kapitulation von Mauritius eine britische Flotte. Auf den Inseln amtierte ein sehr vernünftiger französischer Gouverneur, Jean Baptiste Quéau de Quincy. Er hatte nicht vor, den Helden zu spielen. Zum ersten Mal kapitulierte er bereits 1794, als eine britische Fregatte vor der Insel erschien, doch da die Briten nach Annahme der Kapitulation sofort wieder abreisten, blieb alles beim Alten. Erst 1811 wurde es ernst, als am 21. April Kapitän Bartholomew Sullivan eintraf. Quincy kapitulierte erneut und durfte dafür im Amt bleiben – bis zu seinem Tod im Jahr 1827. Einen Gouverneur für dieses Ende der Welt aufzutreiben, war keine einfache Sache, und so gaben sich die Briten mit einem loyalen Franzosen zufrieden. Sie verboten lediglich den Sklavenhandelauf der Insel; das eigentliche Sklavereiverbot folgte erst 1835. Auf dem Wiener Kongress wurde der Archipel am 9. Juni 1815 endgültig Großbritannien zugesprochen.

Die Briten investierten beträchtliche Mittel in die Insel, verbanden sie mit Afrika durch Unterseekabel, bauten ein Stadion (eröffnet von Prinzessin Margaret) und schließlich 1972 den internationalen Flughafen auf einer aufgeschütteten Bucht – eingeweiht höchstpersönlich von Königin Elisabeth II. Das öffnete die Tür für den Tourismus, von dem die Insel heute lebt. 28 Prozent der Bevölkerung arbeiten im Tourismussektor, der 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erzeugt. Und als die Inselbewohner all dies hatten, entschieden sie sich von der Britten loszusagen. Am 29. Juni 1976 erklärte der Archipel seine Unabhängigkeit als Republik Seychellen.

Präsident wurde der Vorsitzende der konservativen Partei James R. Mancham, Premierminister der Sozialist France-Albert René. Dieser führte ein Jahr später einen unblutigen Staatsstreich durch, entfernte Mancham aus dem Amt, verbot dessen Partei, errichtete ein Einparteiensystem und begann, mit dem kommunistischen Block zu liebäugeln. Als dieser Anfang der 1990er-Jahre zerfiel, stellte er fest, dass es keine gescheite Idee war. Die Seycheller setzten sich also zusammen, René und Mancham trafen sich, einigten sich erneut auf eine Zweiparteien-Demokratie, und bei den ersten wie auch den zweiten freien Wahlen gewann – zur allgemeinen Überraschung – René. Erst später war der konservative Präsident Alex Michel drei Wahlperioden lang an der Macht. Der neue Präsident Patrick Herminie, dessen Inauguration uns das Leben schwer machte, ist allerdings wieder ein Sozialist.


Es ist interessant, dass die Seychellen sich trotz nur 40 Jahren französischer und 160 Jahren britischer Herrschaft eher einen französischen, also kreolischen Charakter bewahrt haben, und dass auch heute noch 80 Prozent der Einwohner katholisch sind. (Seit den siebziger Jahren haben die Katholiken auf der Insel sogar ihren eigenen Bischof, während die Anglikaner ihren noch immer auf Mauritius haben.) Die Briten machten offensichtlich in den kulturellen und religiösen Sachen keinen größeren Druck, obwohl sie im Zentrum der Hauptstadt die Kathedrale St. Paul errichten ließen.

Sankt Paul Kathedrale

Sie kann jedoch keinesfalls mit der Stadtkathedrale der Unbefleckten Empfängnis mithalten, die auf einer Erhebung über der Stadt steht, samt Uhrturm; neben der Kathedrale befindet sich zudem das imposante „Priesterhaus“, das 1934 von Schweizer Pilgern erbaut wurde.

Katholische Kathedrale der Unbeflegten Empfängnis

Victoria ist bis heute ein liebenswertes Städtchen mit beinahe dörflichem Charakter – ein gutes Gasthaus zu finden, ist hier gar nicht so einfach. Der zentrale Punkt ist die Standuhr mitten auf der Kreuzung – der Clock Tower von 1903.

Es ist keine Kopie des Big Bens, wie man vermuten könnte. Und vor allem bedeutet die gelbe Schraffierung auf der Straße um diese Uhr bei Weitem nicht, dass dort keine Autos fahren. Ein Fußgänger, besonders der, der das Geschichtsmuseum mit dem bunten Schriftzug „Seychelles“ fotografieren möchte, befindet sich praktisch in Lebensgefahr. Trotzdem versuchen es viele. Die bunten Farben sind auf der Insel überall – die Einheimischen lieben sie einfach, und wenn man sich die Farbenvielfalt der lokalen Flora vor Augen hält, versteht man sie vollkommen. Und beim Museum spielt jeden Tag eine Band, denn gleich nebenan ist ein Café, und Gäste brauchen schließlich zum Genuss von Kaffee und Kuchen auch Musik. Kreolische Atmosphäre in ihrer reinsten Form – der Kaffee ist übrigens ausgezeichnet.

Auf der einen Seite der Uhr befindet sich der ziemlich erschreckende Präsidentenpalast „State House“.

State House

Von der ursprünglichen Eleganz des kolonialen Gebäudes aus den Jahren 1909–1913 ist nach den Modernisierungen nicht mehr viel übriggeblieben. Gleich bei der Uhr, auf der anderen Seite des Museums, steht der „Liberty House“ von 1953 – das Haus wurde zur Krönung von Königin Elisabeth eröffnet. Dort befinden sich die zentrale Post und das Finanzministerium.

Geht man von der Uhr aus nach rechts, gelangt man zum Markt „Sir Selwyn Selwyn-Clarke Market“, benannt nach dem Gouverneur, der der Meinung war, dass Früchte und Fische nicht unter freiem Himmel verkauft werden sollten, und den örtlichen Händlern deshalb eine Überdachung verschaffte. Der Markt wird allerdings gerade dieses Jahr renoviert; Gemüse wird daher im nahegelegenen Camion Building verkauft, das so heißt, weil hier einst das Zentrum des lokalen Verkehrs lag. Ursprünglich wurden von hier aus ab 1900 Touristen per Rikscha über die Insel gefahren; 1943 kostete eine Fahrt 40 Cent. Später setzte man überdachte Lastwagen („Camions“) ein, die in den siebziger Jahren von Bussen abgelöst wurden, die bis heute den öffentlichen Verkehr bedienen. Immer noch dieselben. Mit ihnen zu fahren ist allerdings eine Angelegenheit für „Digital Natives“. Den gesamten öffentlichen Verkehr betreibt die staatliche Gesellschaft „Seychelles Public Transport Corporation“ – SPTC. Reisen kann man nur mit einer App auf dem Mobiltelefon. Sie herunterzuladen ist einfach, aber dann muss man sie mit Geld aufladen, und da beginnt der Ärger. Niemand konnte mir sagen, wie viel eine Fahrt kostet, damit ich wüsste, wie viel Geld ich in die App laden muss. Denn zurück aufs Konto bekommt man die überschüssigen Beträge nicht. Also fuhren wir in die Stadt mit „Mister Rony“ im Taxi.

Von der Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis („Cathedral of the Immaculate Conception“) gelangt man über die Quincy Street zum hinduistischen Tempel „Arul Mihu Navasakthi Vinayagar Temple“ aus dem Jahr 1992. In Victoria leben heute etwa 5.000 Inder, laut Taxifahrer Rony „too much“. Interessant ist, dass sie offenbar alle Lebensmittelläden der Insel kontrollieren.

Die letzte religiöse Gruppe sind die Muslime. Es gibt nicht viele, die Frauen erkennt man natürlich an den bedeckten Köpfen und ihre Moschee an der gelben Kuppel in der Poudrière Lane.

Alle Kulturen leben hier angeblich in vollkommenem Frieden. Ich würde es fast glauben, denn Konflikte sind eine anstrengende Angelegenheit und passen daher nicht zur lokalen Mentalität.

Von hier aus sind es nur ein paar Schritte (eigentlich ist in Victoria alles nur ein paar Schritte entfernt) zur Nationalbibliothek – einem monumentalen modernen Gebäude im klassizistischen Stil. Dahinter befindet sich eine Boulangerie, in der man wirklich hervorragenden Kaffee bekommt, und der Orangensaft wird aus frisch gepressten Orangen hergestellt.

Gestärkt machten wir uns von dort auf den Weg zum Botanischen Garten. Es sind vielleicht zweihundert Meter, und es lohnt sich, sie zurückzulegen. Tropische Pflanzenwelt, insbesondere die legendären Kokospalmen Coco de Mer, die „Königinnen der Palmen“, die äußerst erotisch wirkende Früchte tragen (und die man mit Zertifikat für 500 Euro kaufen kann!!!).

Coco de Mer

Die erste dieser Palmen pflanzte im Garten Prinz Philip, also der „Duke of Edinburgh“, nach dem die gesamte Hauptallee benannt ist. Heimisch sind diese Palmen auf den Inseln Praslin und Curieuse; auf Mahé kamen sie ursprünglich nicht vor. Jetzt pflanzt jede ausländische Delegation eine.

Aber es gibt auch viele andere schöne Blumen und Bäume, zum Beispiel den „Kanonenkugelbaum“, dessen Früchte tatsächlich Kanonenkugeln ähneln, der aber bei unserem Besuch gerade wunderschön blühte; außerdem Seerosen, die beeindruckenden Blüten der Heliconia rostrata und viele weitere Blumen in allen Farben, darunter 150 Orchideenarten.

Kanonenkugelbabum in der Blüte

Die Hauptattraktion ist jedoch das Gehege der Riesenschildkröten. Diese freundlichen Giganten darf man streicheln und füttern; sie verschmähen kein einziges Blatt. Von den Palmblättern, die sie sonst bekommen, verdauen sie allerdings wenig – zumindest ihrem überall herumliegenden Kot nach zu urteilen.

Wenn wir schon beim Essen sind: Die Seychellois bauen zwar viele Früchte und Gemüse an – Kokos, Mangold, Mango, Brotfrucht, Äpfel usw. –, aber Milch- und Fleischprodukte werden importiert. Ich habe auf der Insel keine einzige Kuh und kein einziges Schaf gesehen; offenbar taugt der Dschungel der Zucht nicht, und die Insel ist im Grunde ein großer Granitfels mit tropischer Vegetation. Also werden Lebensmittel von überall her eingeführt: Käse aus Holland, Schinken aus Italien, Joghurts aus England – und dann sind wir auf eine tschechische „Ungarische Salami“ aus dem Betrieb des Oligarchen und Premierminister Andrej Babis gestoßen. Das war für mich ein echter Kulturschock. Also ist Andrej schon auch hier. So habe ich verstanden, dass die Einheimischen beim Essen nicht besonders anspruchsvoll sind und essen halt alles. Ich ließ meine Frau, die aus Oberungarn – also aus Slowakei – stammt, die Salami probieren. Sie befand, dass sie überhaupt nicht wie ungarische Salami schmeckt (was mich nicht überraschte), aber sonst hat ihr die Salami nichts Böses getan (was mich eher überraschte). Wie bei unbekannten Pilzen lasse ich verdächtige Lebensmittel zuerst meine Gattin essen und warte 24 Stunden ab. Es scheint, dass diese Salami, auch wenn sie keine ungarische, harmlos war. Ihre Magenprobleme hatte meine Frau angeblich vom Besuch eines indischen Restaurants.

Victoria ist also ein kleines und nettes Städtchen. In seinem Vorort Sans Souci hielten die Briten in einem Luxusgefängnis den zypri­schen Erzbischof Makarios fest – ein Jahr lang, von März 1956 bis April 1957. Dann ließen sie ihn leider frei, und dieser Mann vermochte danach viel Unheil anzurichten; unter anderem löste er auch den Zypernkrieg von 1974 aus. Mahé wurde als luxuriöses Exil von vielen Herrschern aufgesucht, sei es unfreiwillig wie Makarios oder der ägyptische Rebell Zaghloul Pascha im Jahr 1922, oder freiwillig nach Staatsstreichen in ihren Ländern, wie der Sultan von Perak Raja Abdulla Khan, König Kabarega, König Nana Agyeman Prempeh I., Sultan Mahmood Ali Ina Shirreh oder der Präsident der Vereinigten Republik Suvadive (fragt mich nicht, wo das ist oder war) Abdullah Afif.

Heute hat man hier für Milliardäre eine künstliche Insel namens Eden gegenüber dem Flughafen aufgeschüttet. (Ruhe haben die Reichen also nicht). Sie ist mit Festland mit einer einzigen Brücke verbunden, jede Wohnung hat dort ihren eigenen Yachthafen und einen Autoabstellplatz. Angeblich soll das eine Konkurrenz zu den Arabern in Dubai sein.

Die Insel Eden

Grosseto

Grosseto war die letzte der toskanischen Städte, die ich besucht habe, und ich tat es mehr oder weniger der Vollständigkeit halber, denn in Bezug auf Zeugnisse aus der glorreichen toskanischen Vergangenheit hat Grosseto nicht allzu viel zu bieten. Dennoch ist es interessant.

Im Gegensatz zu anderen italienischen Städten liegt Grosseto in der Ebene, unweit des Meeres. Was wie ein Vorteil erscheinen könnte, war für die Stadt eher ein Fluch. Sie liegt auf den Schwemmlandböden des Flusses Ombrone, auf sumpfigem Untergrund, was eine Vielzahl von Mücken und immer wiederkehrende Malariaepidemien zur Folge hatte, die die Stadt beinahe entvölkerten. Schon die Etrusker und Römer versuchten vergeblich, die Sümpfe trockenzulegen, später taten dies mit vorübergehendem Erfolg die Medici, nachdem die Stadt im Jahr 1559 Teil des Großherzogtums Toskana geworden war. Erst den Habsburgern gelang dies im 19. Jahrhundert. Nachdem es unter Großherzog Leopold II. endlich gelungen war, die Mücken aus der Umgebung zu vertreiben, begann die Stadt wirtschaftlich zu florieren.

Historisch gewann sie an Bedeutung, als Papst Innozenz II. den Bischofssitz aus der von Sarazenen zerstörten Stadt Rusellae nach Grosseto verlegte, das bis dahin nur eine kleine Burg an der Via Aurelia war. Der erste Bischof, Rollando, begann sofort mit dem Bau einer dem Heiligen Laurentius geweihten Kirche. Die Kathedrale, das Hauptmonument der Stadt, wurde ab dem Jahr 1190 erbaut, jedoch musste der Bau mehrfach unterbrochen werden, da Grosseto in ständigem Krieg mit dem nahegelegenen Siena lag, was Geld kostete. Grosseto war eine unabhängige Republik unter der Herrschaft der Familie Aldobrandeschi und stand auf der Seite der Guelfen im Kampf gegen die Anhänger des Kaisers Friedrich II., die Ghibellinen, deren Hochburg Siena war. Der Kaiser selbst übergab die Herrschaft über die Stadt dem toskanischen Pfalzgrafen Ildobrand und besuchte die Stadt im Jahr 1224 persönlich. Dennoch wurde die Kathedrale in ihrem Rohbau und mit Dach bereits 1249 aufgebaut, also noch vor dem Tod des Kaisers. Die Kämpfe mit Siena zogen sich bis zum Jahr 1336 hin, als Grosseto kapitulierte und Teil der Republik Siena wurde.

Die Kathedrale ist wunderschön und hat etwas Besonders in sich.

Wie in den anderen Städten der Umgebung wurde sie aus verschiedenfarbigen Marmorblöcken errichtet – aber während man in Pisa, Siena oder Orvieto eine Kombination aus weißem und grünem Marmor findet, ist es hier weißer und roter – tiefroter bis bordeauxfarbener Marmor, was dem Bauwerk seinen eigenen Charakter und Charme verleiht. Der Bau begann im romanischen Stil, und die Kathedrale hat diesen Stil größtenteils beibehalten. Aufgrund der durch die Malariaepidemien verursachten Notlage der Stadt zog sich die Ausgestaltung der Fassade und der Eingänge zur Kirche lange hin; im 16. Jahrhundert verfiel die Kirche sogar so sehr, dass im Jahr 1535 ein Teil von ihr einstürzte. Daher stammt das Südportal bereits aus dem frühen 14. Jahrhundert, aber das Tympanon mit seinen Skulpturen entstand erst im Jahr 1897. Die gotische Rosette an der Fassade gehört zu den schönsten in der Toskana, und darunter befinden sich die Symbole der vier Evangelisten – der Löwe, der Stier, der Adler und der Mensch.

Im Inneren der Kathedrale ist das Juwel das Gemälde „Madonna delle Grazie“ von Matteo di Giovanni aus dem Jahr 1470. Es wirkt wie ein Übergang zwischen gotischer und renaissancezeitlicher Malerei und ist reich mit Gold verziert. Angeblich handelt es sich nur um ein Fragment eines größeren Bildes, das bei einem Brand zerstört wurde. Das schöne Weihwasserbecken ist ein Werk von Girolamo Ventagioli aus dem Jahr 1506. Drei Delfine tragen auf ihren Rücken drei Truthähne, die eine Wanne halten, die außen mit Vögeln, Girlanden, Blumen und Früchten und innen mit Krebsen, Fröschen und Fischen geschmückt ist. Die Ähnlichkeit mit dem Taufbecken in Siena ist kein Zufall – Girolamo arbeitete in der Werkstatt des Meisters Federighi in Siena.

Auch das Taufbecken von Antonio di Ser Ghino aus dem Jahr 1470 ist reich verziert, unter anderem mit den Wappen von Grosseto, Siena und dem Auftraggeber.

Grosseto ist vielleicht aus der Luft interessanter als beim Spazieren durch die Stadt.

Das liegt am erhaltenen Mauerring, der von den Medici errichtet wurde. Cosimo I. begann mit dem Bau im Jahr 1564, und Ferdinand I. beendete ihn 1593. Es handelt sich um eine imposante Festungsanlage im Renaissancestil aus Ziegelsteinen mit Bastionen, in die auch der sienesische Turm aus dem 14. Jahrhundert integriert wurde. Auch das sogenannte Glacis – also der unbebaute Streifen Land rund um die Mauern – ist erhalten geblieben. Deshalb wird Grosseto manchmal als das „Lucca der Maremma“ bezeichnet. Die Maremma ist die Küstenregion mit Stränden am Tyrrhenischen Meer, in der Grosseto liegt.

Stadtmauern

Ein Besuch des Archäologischen Museums „Museo archeologico e d’Arte della Maremma“ wird empfohlen, das allerdings sehr merkwürdige Öffnungszeiten hat – an manchen Tagen öffnet es nachmittags erst um fünf Uhr, was uns zu viel zu langem Warten verdonnerte. Die Fundstücke stammen aus der Zeit der Etrusker und Römer, vor allem aus der Stadt Rusellae, die etwa 10 Kilometer von Grosseto entfernt liegt. Es war eines der zwölf Städte des etruskischen Bundes und verlor seine Bedeutung erst 1138, als der Papst die Stadt nach wiederholten Überfällen durch Sarazenen endgültig aufgab und den Bischofssitz nach Grosseto verlegte. Auch dort sind noch Überreste mächtiger Stadtmauern erhalten – deutlich älter als die von Grosseto – sowie die Ruinen eines römischen Amphitheaters.

Was mich aber wirklich fasziniert hat, war das Parken. Grosseto hat – im Gegensatz zu anderen italienischen Städten – keinerlei Parkprobleme. Ein riesiges unterirdisches Parkhaus liegt auf dem Glacis, das man ohne Ticket betreten kann. Das machte mich zunächst etwas nervös. Am Eingang stand allerdings geschrieben, dass man vor der Abfahrt bezahlen müsse. Als wir die Stadt verließen, ging ich also zur Kasse – gespannt, was passieren würde. Man musste nur das Kennzeichen des Autos eingeben, und der Automat berechnete 40 Cent für zwei Stunden Parkzeit. Offenbar funktioniert alles über Kameras, die das Fahrzeug bei der Einfahrt erfassen. Also: überhaupt kein Problem und fast kostenloses Parken.

Wenn man Lust hat, kann man in den Thermalquellen von Saturnia baden, die in den Hügeln hinter Grosseto liegen. In Sinterbecken unter freiem Himmel kann man kostenlos bei 37 Grad warmem Wasser baden – allerdings ist es dort sehr überlaufen. Als die Italiener schließlich auch noch ihre Hunde mitbrachten und anfingen, sie dort zu baden, sprang meine liebe Ehefrau auf und war kein zweites Mal ins Wasser zu bekommen.

Saturnia

Monte Argentario

Diese Halbinsel im Süden der Toskana im Tyrrhenischen Meer war einst eine Insel. Erst als der Fluss Albegna genug Sand und Schlamm angeschwemmt hatte und so drei schmale Landzungen entstanden, die die Insel mit dem Festland verbanden, wurde aus der Insel eine bergige Halbinsel. Der höchste Berg, der Monte Telegrafo, erreicht eine Höhe von 635 Metern über dem Meeresspiegel.

Zwei dieser Landzungen bilden die südliche und nördliche Verbindung zum Festland (Tombolo di Feniglia und Tombolo di Giannella). Die mittlere, auf der die kleine Stadt Orbetello liegt, reicht nicht bis zur Insel, sodass die Menschen sie mit einer Brücke ergänzten, über die Monte Argentario erreichbar ist.

Heute ist die Gegend ein attraktives Urlaubsziel. Früher jedoch hatte die Insel eine strategische Bedeutung, weshalb sie sehr begehrt war und oft den Besitzer wechselte. Schließlich fiel sie – wie auch das nahegelegene Grosseto – an die Republik Siena. Siena stand jedoch ständig in Konflikt mit dem mächtigeren Florenz und suchte Verbündete, die es gegen den nördlichen Nachbarn verteidigen konnten. Nach einem Bündnis mit den Visconti aus Mailand und einer kurzen Phase der Diktatur unter Pandolfo Petrucci entschied sich die Stadt im Jahr 1512, sich unter den Schutz von Kaiser Karl V. zu begeben und damit die spanische Oberhoheit anzunehmen. Ob das die richtige Entscheidung war, ist fraglich, denn schon bald herrschte unter den Italienern Unzufriedenheit mit der spanischen Regierungsweise. Das nutzte Cosimo de’ Medici, der erste Großherzog der Toskana.

Im Jahr 1555 – als Kaiser Karl, geplagt von Gicht und Depressionen, nicht mehr in der Lage war, zur Hilfe zu eilen (im selben Jahr dankte er ab, übergab die Kaiserwürde an seinen Bruder Ferdinand und die spanische Krone an seinen Sohn Philipp) – entschloss sich Siena zu einem fatalen Schritt: es verbündete sich mit Frankreich. Großherzog Cosimo gelang es im Namen des Kaisers nach langer Belagerung, Siena einzunehmen und seinem Großherzogtum einzuverleiben. Doch gemäß dem Vertrag zur Aufteilung der habsburgischen Ländereien fielen alle italienischen Besitzungen an Karls Sohn Philipp.

Um einen langen und erschöpfenden Krieg mit dem mächtigen spanischen König zu vermeiden, entschied sich Cosimo, den Spaniern bestimmte Gebiete abzutreten, an denen sie besonders interessiert waren – und das waren logischerweise Küstengebiete. So wurden die Hafenstadt Piombino, Teile der Insel Elba und eben Monte Argentario im Jahr 1557 spanisch – und blieben es für lange Zeit. Es entstand das Stato dei Presidi, also der „Staat der Festungen“. Dieses Gebiet blieb bis 1708 spanisch, als es im Zuge des Spanischen Erbfolgekrieges von Österreich erobert wurde. Im Jahr 1735 fiel es erneut an Spanien, danach ging es in den Besitz des Königreichs Neapel über. 1797 besetzte Napoleon die Halbinsel und gliederte sie in das neu geschaffene Königreich Etrurien ein, das 1807 von ihm wieder abgeschafft, woraufhin das gesamte Gebiet Teil des Französischen Kaiserreichs wurde. Erst der Wiener Kongress schuf 1815 endgültig Ordnung und gliederte alle diese Festungen dem Großherzogtum Toskana ein.

An die spanische Präsenz auf der Insel erinnern zahlreiche Festungen in den beiden Städtchen, die sich auf der Halbinsel befinden – Porto Santo Stefano und Porto Ercole. In Porto Santo Stefano gibt es eine Festung, die sich inmitten der Stadtbebauung befindet und daher leicht zu Fuß erreichbar ist.

Fortezza spagnola in Porto Santo Stefano

In Porto Ercole hingegen gibt es zwei deutlich größere Festungen, die auf Hügeln an beiden Seiten des Hafens errichtet wurden – der Aufstieg zu ihnen gleicht einer kleinen Bergwanderung.

Porto Ercole ist winzig, aber liebenswert – ein kleiner Hafen für Privatyachten, mit einer Promenade, an der sich eine Reihe kleiner Geschäfte und Restaurants befinden. Über dem Ort thronen die zwei bereits erwähnten riesige spanische Festungen, die einst die Zufahrt zum Hafen kontrollierten. In Porto Ercole starb im Jahr 1610 der Maler Caravaggio. Dieser geniale Raufbold führte ein intensives Leben und geriet praktisch überall, wo er hinkam, in Konflikte. 1606 tötete er in Rom einen Mann und musste fliehen. Er fand Zuflucht auf Malta (wo er ein Gemälde des heiligen Hieronymus malte), doch auch dort geriet er in Streit mit Ordensbrüdern und musste erneut fliehen. Er kam nach Porto Santo Stefano, wo er auf die Begnadigung aus Rom wartete. Doch wie ich bereits im Artikel über Grosseto schrieb, war das südliche toskanische Küstengebiet von Mücken und Malaria verseucht. Caravaggio erkrankte an Malaria und starb mit nur 36 Jahren. Sein Grab befindet sich in der Kirche Sant’Erasmo.

Porto Ercole

Der zweite Hafen, Porto Santo Stefano, ist hingegen ein touristisches Zentrum. Von hier legen Boote zu den Inseln des toskanischen Archipels ab, insbesondere zur größten Insel, Giglio. Diese ist 18 Kilometer entfernt, und dort ereignete sich am 13. Januar 2012 das tragische Unglück des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia, bei dem 32 Menschen ums Leben kamen.

Der Hafen von Porto Santo Stefano ist deutlich größer und wunderschön.

Porto Santo Stefano

Die Häuser sind gepflegt, es gibt viele Restaurants mit herrlichem Blick auf das Meer, und ein riesiger Parkplatz erleichtert den Besuch. Es gibt zwei Buchten, auf der Landzunge dazwischen steht die dem heiligen Stephan – dem ersten Märtyrer – gewidmete Kirche Chiesa arcipretale di Santo Stefano Protomartire. Die Kirche wurde noch zur spanischen Zeit im Jahr 1750 erbaut, im Zweiten Weltkrieg jedoch von den Deutschen völlig zerstört und nach dem Krieg wiederaufgebaut. Sie wurde am 26. Dezember 1950 – am Stephanstag – erneut geweiht.

Über der Stadt erhebt sich stolz die spanische Festung Fortezza Spagnola. Ein riesiger Steinbau mit zwei Stockwerken und Terrassen, von denen man einen traumhaften Blick über die Stadt und das Meer hat. In der Festung befindet sich ein Museum mit etruskischen Ausgrabungen und aus dem Meer geborgenen Artefakten, denn die gesamte Region war ursprünglich von den Etruskern besiedelt, bevor sie unter die Verwaltung der Römer kam – insbesondere der Familie Ahenobarbi. Diese wurde durch Geldverleih reich, und von ihnen stammt auch der Name der Halbinsel: „Argenti“ hießen im Römischen Reich die Schuldscheine.

Dass sich Porto Santo Stefano und ganz Monte Argentario ihren Charme bewahrt haben, ist Susanna Agnelli zu verdanken – der Enkelin des Fiat-Gründers Gianni Agnelli. Sie war hier Bürgermeisterin und sorgte dafür, dass keine Hochhäuser gebaut wurden und der Massentourismus fernblieb. Die Region konnte sich so ihren familiären Charakter erhalten. Ein großes Dankeschön an sie!

Am nördlichen Verbindungsarm der Halbinsel zum Festland gibt es zwar einige Apartmentanlagen und Hotels, doch baden kann man hier nicht – die Wasserqualität ist zu schlecht. Über diese Route gelangt man weiter in den Süden nach Grosseto oder Saturnia.

Auf dem mittleren „Finger“, der erst durch eine Brücke vervollständigt wurde, liegt das Städtchen Orbetello. Die Kathedrale dort hat eine gotische Fassade aus dem 14. Jahrhundert, wurde jedoch im 16. Jahrhundert im spanischen Stil umgebaut.

Orbetello Kathedrale

Von der spanischen Besatzung zeugen auch die Vizekönigsresidenz auf der „Piazza Eroe dei Due Mondi“, eine Festung sowie die Stadtmauern.

Der südliche „Finger“ ist nicht befahrbar, doch von Porto Ercole aus gelangt man zum einzigen wirklich schönen Strand Feniglia – lang, sandig und mit der nötigen Infrastruktur ausgestattet.

Übrigens suchte der Komponist Giacomo Puccini in der Nähe der südlichen Landverbindung bei Ansedonia Linderung für seine Lungenkrankheit – die er sich durch sein leidenschaftlichen Tabakkonsum zugezogen hatte. Der Torre Puccini ragt dort über dem Meer empor – jedoch ist es schwierig, dorthin zu gelangen. Uns gelang es nicht. Der Turm befindet sich angeblich im Privatbesitz und ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Wer dann Lust auf ein wenig Nervenkitzel hat: Eine Rundstraße führt um Monte Argentario – nur teilweise asphaltiert, entsprechend schmal, aber mit spannenden Momenten und herrlichen Ausblicken.

Als Urlaubsziel ist dieses eher unauffällige Fleckchen Italiens bestens geeignet: zum Baden, Wandern oder als Ausgangspunkt für Ausflüge ins Umland – etwa nach Grosseto, Saturnia oder Tarquinia. Alles ist von hier aus gut erreichbar.

Tarquinia

Tarquinia ist ein nettes Städtchen mit etwa 15.000 Einwohnern in der Nähe des Tyrrhenischen Meeres, das auf eine lange und bewegte Geschichte zurückblicken kann. Genau das macht es interessant – archäologische Funde aus der Umgebung haben es zu einem der spannendsten historischen Reiseziele in Italien gemacht.

Gegründet wurde es irgendwann im zwölften Jahrhundert vor Christus und erlebte seine Blütezeit im sechsten Jahrhundert v. Chr., als es Tarchuna hieß und die letzten Könige, die über Rom herrschten, von dort stammten. Der letzte von ihnen, Lucius Tarquinius Superbus, wurde im Jahr 509 v. Chr. aus Rom verbannt, womit Rom zur Republik wurde. “Verbannt” ist vielleicht nicht ganz zutreffend – der König befand sich gerade auf einem Feldzug, als die Römer ihm einfach die Stadttore versperrten und ihn nicht mehr hineinließen.

Tarchuna war eines der zwölf Städte des etruskischen Städtebundes und musste früher oder später in Konflikt mit dem nahen Rom geraten. Als es 358 v. Chr. so weit war, besiegten die Tarchuner zwar die Römer, versäumten es jedoch, sie zu vernichten. Es folgten mehrere Niederlagen und schließlich ein 40-jähriger Friedensvertrag im Jahr 351, der 308 um weitere vierzig Jahre verlängert wurde. Doch die Römer hatten nicht genug Geduld und gliederten die Stadt bereits im Jahr 281 v. Chr. in ihr Territorium ein. Die Stadt erhielt den neuen Namen Tarquinii und verlor an Bedeutung. Die Nähe zum Meer erwies sich als Segen, aber auch als Fluch. Einerseits brachte der Hafen von Gravisca der Stadt in einer Zeit, in der das Reisen über Wasser viel schneller und sicherer war als über Land, satte Gewinne und Wohlstand. Andererseits führte dies im achten Jahrhundert zur völligen Zerstörung der Stadt durch die Sarazenen, die im Hafen landeten und die Stadt dem Erdboden gleichmachten.

Die Bewohner machten sich nicht einmal die Mühe, die Ruinen wieder aufzubauen, sondern zogen auf den benachbarten Hügel und gründeten dort eine neue Stadt mit dem Namen Corneto. Im Jahr 1872 beschlossen sie jedoch, zu ihren Wurzeln zurückzukehren, und die Stadt wurde wieder in Tarquinia umbenannt. Ab 1922 verschwand der Name Corneto endgültig – Benito Mussolini, der stolz auf die alte Geschichte seines Landes war, war dies lieber so.

Tarquinia ist also eigentlich nicht Tarquinia – und trotzdem lohnt sich ein Besuch. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein kleines San Gimignano mit vielen Türmen städtischer Paläste und großteils erhaltenen mittelalterlichen Stadtmauern.

Parken ist kein Problem – es gibt einen großen Parkplatz direkt bei der Touristeninformation, und der liegt außerdem in einem Park, sodass man das Auto im Schatten abstellen kann. Die Touristeninformation befindet sich in einem riesigen Gebäude eines ehemaligen Klosters, und die freundliche junge Frau dort sprach sehr gut Englisch.

Das wichtigste Gebäude der Stadt ist natürlich das Archäologische Museum, das sich direkt hinter dem Stadttor im „Palazzo Vitelleschi“ befindet.

Palazzo Vitelescchi

Dieser prachtvolle Renaissancepalast hat seine eigene Geschichte und wäre vermutlich auch ohne die vielen ausgestellten Exponate, die in der Nekropole des einstigen etruskischen Tarchuna gefunden wurden, einen Besuch wert.

Der Palast wurde vom einheimischen Kardinal Giovanni Vitelleschi in Auftrag gegeben, einer der schillerndsten Figuren der aufkommenden Renaissance. Vitelleschi war weit mehr ein Soldat und Condottiere als ein Geistlicher – was seiner kirchlichen Karriere jedoch nicht im Wege stand, insbesondere weil er sich in den unruhigen Zeiten gut zu positionieren wusste und auf die „richtige Seite“ stellte. Im Jahr 1431 wurde in Rom Eugen IV. zum Papst gewählt. Gegen ihn erhoben sich die Mitglieder der Familie Colonna, aus der sein Vorgänger Martin V. stammte, der auf dem Konzil von Konstanz im Jahr 1417 gewählt worden war. Die Colonnas hatten von ihrem Verwandten große Besitzungen in und um Rom erhalten, darunter auch die Engelsburg, und hatten das Gefühl, dass der neue Papst nicht vorhatte, diesen ihren Riesenbesitz unangetastet zu belassen. 1434 lösten sie in Rom einen Aufstand gegen den neuen Papst aus, der am 4. Juni jenes Jahres verkleidet in einem kleinen Boot, bedeckt mit Schilden, fliehen musste, während ihn die Menge vom Ufer aus mit Steinen und Pfeilen attackierte. Eugen gelang die Flucht, er fand Asyl in Florenz, er wollte allerdings Rom keineswegs aufgeben.

Giovanni Vitelleschi blieb ihm treu und bot sich als idealer Befehlshaber der päpstlichen Truppen an. Die Wette des Papstes ging auf – schon im Oktober unterwarf Vitelleschi Rom mit brutaler Gewalt, das sich wieder einmal kurz als Republik versuchte. Er entzog den Bürgern sämtliche Rechte und zwang den Stadtsenat, ihn zum „tertius pater patriae post Romulum“ – also zum „dritten Vater der Stadt nach Romulus“ – zu ernennen. Er herrschte mit harter Hand, und der Papst dankte ihm für seine Loyalität unter anderem, indem er ihn zum Erzbischof von Florenz und zum lateinischen Patriarchen von Alexandria ernannte. 1437 erhob Papst Eugen Vitelleschi schließlich auch zum Kardinal. Von den Aktivitäten ihres berühmten Sohnes profitierte auch die Stadt, die damals noch Corneto hieß. 1435 verlieh ihr der Papst die Stadtrechte und machte sie zum Bischofssitz.

Gerade in jener Zeit, auf dem Höhepunkt seiner Macht, ließ sich der frisch ernannte Kardinal in seiner Heimatstadt Tarquinia einen Palast erbauen – die Bauzeit war von 1436 bis 1439. Und so sieht der Palast auch aus. Es ist ein repräsentativer Sitz eines Mannes, der im Grunde die katholische Kirche beherrschte – und sich dessen auch bewusst war. Besonders das Obergeschoss mit den privaten Räumen war reich mit Fresken geschmückt, und kein Geringerer als Filippo Lippi malte 1437 die Madonna für die Kapelle des Kardinals. Diese Madonna, bekannt als „Madonna von Tarquinia“, gehört zu den Juwelen der italienischen Renaissancemalerei.

Madonna de Tarquinia von Filippo Lippi

Kardinal Giovanni konnte seinen neuen Luxus jedoch nicht lange genießen – hauptsächlich, weil er das Maß nicht kannte. 1440 begann der Papst ihm zu misstrauen, denn er sah, wie Vitelleschi immer mehr Macht an sich riss. Es gelang, Briefe abzufangen, die der Kardinal mit einem der berühmtesten Condottieri seiner Zeit, Niccolò Piccinino, austauschte, der gerade in der Toskana wütete. Der Papst fürchtete – möglicherweise zu Recht –, dass diese beiden Herren ihn stürzen wollten und Vitelleschi vielleicht selbst nach der Papstkrone strebte. Er ließ ihn daher hinterhältig von seinem Kastellan der Engelsburg, Antonio Rido, gefangen nehmen. Vitelleschi leistete bei der Verhaftung offenbar Widerstand, denn offiziell starb er kurz darauf an den Folgen seiner Verletzungen.

Heute befindet sich in seinem Palast das Archäologische Museum mit den reichhaltigsten etruskischen Funden in ganz Italien. Zahlreiche Grabsteine – männliche wie weibliche, aus Stein oder Keramik – und viele Fundstücke aus diesen Gräbern sind dort zu sehen. Die Etrusker waren recht konservativ, lehnten lange die neue Methode der roten Figurenkeramik ab und blieben bei der alten Technik der schwarzen Figuren. Ihre Spezialität waren Gefäße, die unter Sauerstoffausschluss in Kohlenmonoxid gebrannt wurden, wodurch sie ihre intensive schwarze Farbe erhielten. Was die auf der Keramik dargestellten Themen betrifft, waren sie allerdings nicht allzu konservativ – auf Tellern und Gefäßen gibt es viele erotische Szenen. Interessant fand ich, dass dabei nicht nur der klassische Geschlechtsverkehr von hinten dargestellt ist, sondern auch der in der Missionarsstellung – ich dachte, diese sei erst von den Christen eingeführt worden, aber offenbar lag ich falsch.

Im Museum gibt es neben der Madonna von Lippi auch mehrere rekonstruierte etruskische Gräber mit Wandmalereien sowie eine große numismatische Sammlung. Die Hauptattraktion ist eine Sammlung goldener Münzen (ich zählte 174) aus der Zeit der römischen Kaiser Valentinian I., Valentinian II., Theodosius, Arcadius und Honorius. Diese wurden bei Ausgrabungen in Gradisca entdeckt. Wahrscheinlich hatte ein unglaublich reicher Mensch diesen Schatz vergraben, um ihn vor den herannahenden Westgoten unter Alarich zu verbergen, die Italien im Jahr 410 verwüsteten. Offenbar überlebte er den Gotensturm nicht und konnte das Gold nie wieder ausgraben.

Der berühmteste archäologische Fund ist allerdings ein Fragment einer Statue geflügelter Pferde, das zum Symbol von Tarquinia wurde. Es ist in einem eigenen Saal im obersten Stockwerk des Gebäudes ausgestellt.

Die Hauptachse der Stadt ist die „Corso Vittorio Emanuele“, auf der man bis zum Hauptplatz „Piazza G. Matteotti“ mit dem reizenden „Palazzo Comunale“ hinaufspazieren kann.

Palazzo Communale

Aber Achtung! Bestellt euch auf keinen Fall weißen Wein in der Bar auf diesem Platz! Wir bekamen ein schrecklich saures Gesöff, vermutlich Apfelwein, und die Kellnerin wollte nicht verstehen, dass wir unter Wein etwas völlig anderes verstehen. Es mag sich um eine lokale Spezialität handeln – aber auf die kann man mit gutem Gewissen verzichten. Das so etwas in Italien passieren konnte, war für mich vollkommen unvorstellbar.

Das Städtchen selbst ist mit seinen steinernen Gebäuden und den vielen Türmen und Kirchen charmant. Der Dom („Duomo“) ist etwas eigenartig, denn obwohl er im klassizistischen Stil umgebaut wurde, blieb die Apsis in ihrem gotischen Stil erhalten. Diese sowie die Seitenkapellen sind mit Fresken von Antonio da Viterbo aus dem Jahr 1509 geschmückt. Die Kirche wirkt dadurch etwas uneinheitlich, aber die Fresken anzuschauen lohnt sich auf jeden Fall.

Die Hauptattraktion von Tarquinia liegt jedoch außerhalb der Stadt – auf der „Necropoli Etrusca“, auch Monterozzi genannt. Eintrittskarten kann man zusammen mit denen für das Museum kaufen, und ein großer Parkplatz befindet sich direkt vor dem Eingang. Das Problem ist nur, ihn zu finden. Als wir uns auf das GPS und die Beschilderung verließen, landeten wir irgendwo im Niemandsland. Erst als wir die Adresse „Via di Ripagretta“ eingaben, kamen wir an den richtigen Ort.

Diese etruskische Nekropole erinnert stark an das Tal der Könige in Ägypten. Es sind einige Gräber zugänglich. Man steigt über Treppen hinunter in die Grabkammern, die wunderschön geschmückt sind – bemalt mit Naturmotiven, aber vor allem mit Szenen von Festen und Banketten. Das brachte den britischen Schriftsteller D.H. Lawrence, der die Ausgrabungen im April 1927 besuchte, auf die Idee, dass die Etrusker sich auf den Tod freuten und ihn als Befreiung von den irdischen Mühen sahen. Vielleicht lag das auch daran, dass Lawrence an Tuberkulose litt und seinen eigenen Tod nahen fühlte. Er starb im März 1930 im Alter von 44 Jahren, und sein Werk „Etruscan Places“ erschien erst postum im Jahr 1932.

Wir sind in mehrere Gräber hinabgestiegen, die heute durch Glaswände vom Publikum getrennt sind, um zu verhindern, dass Feuchtigkeit an die Fresken gelangt und sie beschädigt. Am schönsten ist meiner Meinung nach die „Tomba dei Leopardi“, mit einer wunderschön erhaltenen Malerei eines Festmahls, wo dem Verstorbenen von links Speisen und Getränke von Dienern gebracht werden, während von rechts Musik gespielt wird. Über seinem Kopf befindet sich das Bild zweier Leoparden, nach denen das Grab benannt wurde.

Übrigens: Nur 5 Kilometer von der Stadt entfernt liegen schöne Strände, die sich hervorragend zum Baden eignen. So lässt sich eine Bildungsreise wunderbar mit dem Genuss eines Meeresbades verbinden.

Viterbo

Rom war nicht immer der Nabel der Welt und der Sitz des Oberhauptes der katholischen Kirche. Es gab Zeiten, in denen die Päpste außerhalb Roms residierten – und manchmal sogar für recht lange Zeiträume. Die Stadt Viterbo lebt bis heute von einer dieser berühmten Episoden ihrer Geschichte im 13. Jahrhundert.

Doch die Einwohner Viterbos geben sich nicht damit zufrieden, dass in den Mauern ihres „Sala del Conclave“ einst fünf Päpste gewählt wurden. Sie behaupten sogar, ihre Stadt sei von niemand Geringerem als dem biblischen Urvater Noah gegründet worden. Damit würden sie das Recht beanspruchen, sich als älteste Stadt Italiens – wenn nicht der Welt – zu bezeichnen. Als jedoch der Maler Baltassare Croce bei der Ausgestaltung des Rathaussaals „Palazzo dei Priori“ statt Noah Herkules malte, waren sie dennoch zufrieden.

Zu den berühmten Persönlichkeiten, die aus Viterbo stammen sollen, gehört auch der byzantinische Kaiser Michael Palaiologos, der Eroberer Konstantinopels im Jahr 1261. Die Einwohner stört dabei wenig, dass der griechische Kaiser damals den lateinischen Kaiser aus Konstantinopel verjagte – ein orthodoxer und damit eigentlich häretischer Herrscher, der einen rechtgläubigen besiegte und verbannte. Für eine Stadt mit päpstlicher Geschichte ist das ein beeindruckendes Zeichen von Toleranz. Das Porträt von Michael Palaiologos schmückt die Stirnwand des Rathaussaals „Sala Regia“.

Kaiser Michail Palailogos

All diese Legenden – oder vielleicht eher Märchen – beruhen auf den Schriften von Annius von Viterbo, einem Humanisten des 15. Jahrhunderts, der seine Heimatstadt berühmt machen wollte und dabei seiner Fantasie freien Lauf ließ. Seine Leistung wurde schließlich mit seinem Porträt in einem der Fresken der „Sala Regia“ gewürdigt. Der „Sala Concilii“ ist mit einfarbigen Fresken von Teodoro Siciliano verziert, die zwar weniger auffällig sind, dafür aber den Raum, in dem bis heute das Stadtparlament tagt, in eine feierliche Atmosphäre tauchen.

Der „Palazzo dei Priori“ auf der „Piazza del Plebiscito“ ist allein schon wegen dieser seinen kunstvoll gestalteten Sälen einen Besuch wert. Dieser malerische Platz im Herzen der von historischen Mauern umgebenen Altstadt wird zudem vom „Palazzo del Podestà“ und dem Gebäude der Präfektur geschmückt. Ein absolutes Highlight ist dann die Terrasse mit einem Brunnen im Innenhof des „Palazzo dei Priori“. Von hier aus bietet sich ein atemberaubender Blick über die Stadt.

Die Terasse Palazzo dei Priori

Doch das wahre historische Zentrum liegt ein Stück weiter auf der „Piazza di San Lorenzo“, wo sich neben der Kathedrale auch der päpstliche Palast „Palazzo dei Papi“ erhebt.

Palazzo dei Papi

Um die Geschichte zu spüren, muss man die Treppen zur Terrasse des Palastes mit ihrem herrlichen Blick auf die Stadt hinaufsteigen und betritt dann den Saal, in dem Geschichte geschrieben wurde. Über dem Eingang prangen die Porträts der fünf Päpste, die hier gewählt wurden. Doch einfach war es nicht, besonders im Jahr 1271.

In Viterbo gewählte Päpste

1268 starb in Viterbo Papst Clemens IV., und die 18 Kardinäle, die seinen Nachfolger wählen sollten, fanden drei Jahre lang keinen Konsens. Eine Fraktion unterstützte den Kandidaten von Karl von Anjou, dem König von Neapel, die andere wollte auf die Wahl des römischen Königs warten. Das römische Reich befand sich seit dem Jahr 1254 in einem Interregnum, also ohne einen legitimen Herrscher. Der endlose Aufenthalt der Kardinäle kostete die Stadt Viterbo viel Geld und das strapazierte die Geduld der Stadtverwaltung. Schließlich beschlossen Bürger unter der Führung des Franziskaner-Generals Bonaventura, im Januar 1270 alle Ausgänge des Palastes zuzumauern. Als das nicht reichte, ließ Karl von Anjou im Mai das Dach des Saals entfernen. Es regnete hinein, die Sonne brannte, die Kardinäle suchten Schutz unter Zelten, die sie notfallmäßig aufgestellt hatten – die Löcher zur Befestigung der Zelten sind noch heute in dem Steinboden des Saales sichtbar. Schließlich, am 1. September 1271, wurde Teobaldo Visconti zum Papst gewählt, der sich gerade im Heiligen Land aufhielt. Also dauerte es weitere vier Monate, bis er in Italien erschien.  Er nahm den Namen Gregor X. an.

Eine Urkunde, in der sich die Kardinäle über die Umstände ihres Aufenthaltes beschweren

1276, das Jahr der vier Päpste, war noch chaotischer. Eigentlich wurden fünf Päpste gewählt, aber einer starb bereits am Tag nach seiner Wahl und konnte daher nicht geweiht werden. Deshalb zählt er nicht. Symptomatisch ist, dass unter den fünf Päpsten, die in Viterbo gewählt wurden – Urban IV., Gregor X., Johannes XXI., Nikolaus III. und Martin IV. – schickte Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ zwei in das Fegefeuer und zwei direkt in die Hölle. Nur Johannes XXI. schaffte es in seinen Augen in den Himmel. Er war ein Gelehrter aus Portugal, der sich der Alchemie widmete und möglicherweise bei einem Experiment starb.

Wenn Sie den Audioguide (kostenlos) nutzen, erfahren Sie alles über diese Wahlen bis ins kleinste Detail.

Auf der einen Seite des Platzes steht die Kathedrale San Lorenzo, ursprünglich eine romanische Kirche, die später mit gotischen Elementen erweitert wurde. Irgendwo in dieser Kathedrale soll Papst Alexander IV. begraben sein, der 1261 in Viterbo starb. Dieser unfähige Papst widmete sein Leben dem Kampf gegen die staufische Herrschaft, vertreten durch Manfred von Sizilien, den Sohn Kaiser Friedrichs II. Doch in den Auseinandersetzungen mit Manfred unterlagen die Guelfen, die Anhänger des Papstes, besonders verheerend in der Schlacht von Montaperti. Alexander starb in Viterbo. Aus Angst vor der Entweihung der Leiche versteckten die Kanoniker den toten Papst so gut, dass sein Grab bis heute unentdeckt geblieben ist.

Neben der Kathedrale befindet sich die Sakristei, die 1793 unter Bischof Giovanni Carlo Bandi im klassizistischen Stil erbaut wurde. Ihre Wände sind mit Holz verkleidet und tragen das Wappen des Bischofs. Von hier aus gelangt man in das archäologische Museum „Museo Civico“. Im Museum sind etruskische Artefakte sowie Werke von drei Künstlern aus Viterbo zu sehen, auf die die Stadt besonders stolz ist: Domenico Corvi, Ludovico Mazzanti und Bartolomeo Cavarozzi. Besonders beeindruckend ist der Evangelist Johannes von Mazzanti.

Johann Evangelist von Ludovico Mazzanti

Nach Verlassen der „Piazza San Lorenzo“ führt der Weg am prächtigen Palazzo Farnese vorbei zur „Piazza della Morte“, dem „Platz des Todes“. Dass hier Hinrichtungen stattgefunden haben, entspricht anscheinend nicht der Wahrheit. Der Name könnte auf die Tätigkeit der „Confraternità della Misericordia“ zurückgehen, die Kranke pflegte und Verstorbene beerdigte. Der Friedhof war damals in der Nähe dieses Platzes.

In der mittelalterlichen Viertel „San Pellegrino“, der einstigen Handwerkersiedlung, ist der historische Charme Viterbos besonders lebendig. Hier befindet sich auch die romanische Kirche „Santa Maria Nuova“ mit einer ungewöhnlichen Außenkanzel. Von hier predigte der berühmte Thomas von Aquin, der auf Einladung von Papst Clemens IV. 1267–1268 in Viterbo gegen Häresie predigte. Die Kanzel ist nicht in der Kirche aber auf einer Ecke auf der Außenseite gebaut. Offensichtlich hatte der heilige Thomas zu dieser Zeit noch nicht seine legendäre Körperfülle, da er sonst in die verhältnismäßig kleine Kanzel nicht passen würde.

Die Kanzel der Kirche Santa Maria Nuova

Abschließend ist die „Piazza Fontana Grande“ mit dem „Fontana Grande“ ein Muss – der Bau des Brunnens begann 1206 und wurde 1424 abgeschlossen.

Weitere Sehenswürdigkeiten findet man im nördlichen Teil der Stadt bei der „Porta Fiorentina“ (wo man problemlos unter den Stadtmauern in der Nähe des großen Parks parken kann). Das Zentrum dieses Stadtteils bildet die „Piazza Verdi“ – logisch mit dem Stadttheater. In unmittelbarer Nähe befindet sich jedoch die Wallfahrtskirche „Santuario di Santa Rosa“, wo die sterblichen Überreste der Stadtpatronin, der Heiligen Rosa, aufbewahrt werden. Sie lebte von 1233 bis 1252. Während ihres kurzen Lebens soll sie durch zahlreiche Wunder berühmt geworden sein, vor allem jedoch durch ihr politisches Engagement. Als siebzehnjähriges Mädchen versuchte sie mit flammenden Reden die Bevölkerung von Viterbo zu überzeugen, auf der Seite von Papst Innozenz IV. im Kampf gegen Kaiser Friedrich II. auszuharren. Dies gelang ihr nicht vollständig, sie musste sogar zusammen mit ihren Eltern aus der Stadt fliehen und kehrte erst nach dem Tod des Kaisers zurück. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, in den Klarissenorden einzutreten – was ihr aufgrund der Unfähigkeit, eine angemessene Mitgift aufzubringen, verweigert wurde –, starb sie im Alter von achtzehn Jahren an der dadurch verursachten Depression. Heute wird ihr Leichnam im „Sanctuario de Santa Rosa“ aufbewahrt, einem Klarissenkloster, das sie damals abgelehnt hatte. In der Nähe des Klosters zeigt man ihr Geburtshaus, und eines der Stadttore ist sogar nach ihr benannt. Am 3. September tragen 90 Männer einen mehrere Tonnen schweren Turm von San Sisto nach Viterbo.

Bevor man Viterbo verlässt, lohnt es sich, die gigantische Kirche San Francesco in der Nähe des Tores Porta Fiorentina zu besuchen. Dort befinden sich zwei monumentale Grabmäler von Päpsten, die in Viterbo gestorben sind – und deren Leichname im Gegensatz zu Alexander IV. nicht versteckt werden mussten. Vielleicht, weil es inzwischen gelungen war, die Staufer zu besiegen, auszurotten und Italien unter päpstliche Kontrolle zu bringen. (Diese Kontrolle war allerdings relativ, die Päpste taten zwar so, als ob sie herrschten und Karl von Anjou ihnen diente, aber in Wirklichkeit war es umgekehrt. Dennoch mussten sie nicht mehr um die Schändung ihrer Leichname fürchten).

Es handelt sich um die Grabmäler des bereits erwähnten Clemens IV. und vor allem von Hadrian V., die sich durch schöne, farbenfrohe Marmor- und Glas-Mosaiken auszeichnen, die in weißen Marmorstein eingelassen sind.

Die Grabstätte von Hadrian V.

Auf dem Boden befinden sich runde Steine, die an zwei Päpste erinnern, die diese Kirche besuchten: Pius XII., der am 9. Dezember 1949 hier war, und Johannes Paul II., der am 27. Mai 1984 hier war – aber der war ja sowieso überall.

Übrigens war der Grund, warum die Päpste so gerne in Viterbo wohnten, natürlich die dortigen Thermalbäder. Die „Terme dei Papi“ oder „Päpstlichen Bäder“ liegen etwa 3 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, und ihrem schwefelhaltigen Wasser werden heilende Wirkungen zugeschrieben. Es gibt dort auch Schlammbäder. Sie sind immer noch in Betrieb.

Die Umgebung des “Lago di Bolsena”

Die Umgebung des Lago di Bolsena

Mittelitalien wird von drei großen, schönen Seen geschmückt: dem „Lago di Trasimeno“, dem „Lago di Bracciano“ und dem „Lago di Bolsena“. In der Nähe des letztgenannten befinden sich zwei touristisch äußerst attraktive Ziele, die ich nicht unerwähnt lassen kann.

Etwa 20 Kilometer von Orvieto entfernt liegt das Städtchen Bagnoregio. Ich danke Facebook dafür, dass mir jemand eine Luftaufnahme dieses kleinen Juwels geschickt hat – dadurch habe ich es in meine Reiseroute aufgenommen. Das habe ich keineswegs bereut. Allerdings hatte es einen Haken.

Civita vecchia de Bagnoregio

Wir parkten bequem auf einem großen Parkplatz unterhalb der Stadt vor dem Stadttor Porta Albana, wo ein Denkmal Sacrario Garibaldino steht, weil hier, unter der Stadt, stellten sich im Jahr 1867 die Freiwiligen Garibaldis der päpstlichen Armee bei ihrem Marsch auf Rom – und verloren. Wir machten uns auf der Hauptstraße in die Richtung auf, in die das Schild „Civitas Vecchia“, also zur Altstadt, wies. Ich wusste allerdings nicht, wie weit es tatsächlich war. Nachdem wir etwa zwei Kilometer gegangen waren – und damit fast die Hälfte der Parkzeit verbraucht hatten, die ich bezahlt hatte –, stellten wir fest, dass es direkt in der Nähe der Altstadt noch einen weiteren Parkplatz gab. Nur geringfügig teurer und ziemlich gut erreichbar. Also machten wir uns im schnellen Schritt wieder zwei Kilometer zurück zum Auto und parkten um. Immerhin kamen wir auf diese Weise an der Stadtverwaltung der neuen Stadt und an einer Kirche vorbei, die einem berühmten Sohn der Stadt gewidmet ist – dem wir später noch mehrmals begegnen sollten. Diese Kirche befindet sich direkt am Porta-Albani. Doch auch die Stadtkathedrale auf der Piazza Cavour ist dem heiligen Nikolaus, dem heiligen Donatus sowie diesem berühmten Sohn der Stadt gewidmet, der in Bagnoregio einfach allgegenwärtig ist. Bagnoregio wurde bereits im sechsten Jahrhundert von Papst Gregor dem Großen zum Bischofssitz erhoben. Bis zum Jahr 1699 residierte der Bischof in der Altstadt, bevor er in die neue Stadt umzog, die leichter zugänglich ist und mehr Komfort bietet.

Es handelt sich um den heiligen Bonaventura, einen berühmten Philosophen und Schriftsteller des Franziskanerordens, der im 13. Jahrhundert lebte. Besonders bekannt wurde er durch seine apokalyptischen Visionen, in denen er das Ende der Welt und das Kommen des Antichristen voraussagte. Er war überzeugt, dass der Antichrist bereits geboren sei und sich auf seinen entscheidenden Angriff gegen das Christentum vorbereite – er identifizierte ihn mit Kaiser Friedrich II., der 1195 geboren wurde. Bonaventura wurde auch dadurch berühmt, dass er im Jahr 1270 die Bürger von Viterbo davon überzeugte, die Türen des Saales zuzumauern, in dem sich die Kardinäle bereits drei Jahre lang bei einem Konklave nicht auf einen neuen Papst einigen konnten. Doch selbst das half nicht – der damalige (inoffizielle) Herrscher Mittelitaliens, Karl von Anjou, musste den Kardinälen sogar das Dach abnehmen und die Lebensmittelzufuhr einschränken, bis sie schließlich Teobaldo Visconti wählten, der den Namen Gregor X. annahm. Der Legende nach soll Bonaventura sogar ein ernstzunehmender Kandidat für das Papstamt gewesen sein – aber das ist wohl eher ein Mythos. Ich kann mir schwer vorstellen, dass verärgerte Kardinäle, eingemauert und auf Brot und Wasser gesetzt, ihren „Gefängniswärter“ gewählt hätten. Gregor X. ernannte Bonaventura jedoch zum Kardinal und beauftragte ihn mit der Vorbereitung eines Kirchenkonzils in Lyon. Während dieser Vorbereitungen starb Bonaventura 1274 in Lyon. Sein Denkmal befindet sich in der Neustadt auf dem Platz vor der Kirche Chiesa Santa Annunziata. Auf dem Denkmal sind drei Geschichten aus seinem Leben dargestellt: seine wunderbare Heilung durch den heiligen Franziskus, seine Begegnung mit dem heiligen Thomas von Aquin und seine Tätigkeit beim Konzil in Lyon.

Das Denkmal des heiligen Bonaventura

Das Geburtshaus des heiligen Bonaventura befindet sich in Bagnoregio, in der „Civitas Vecchia“, ist jedoch ohne Führer nur schwer zu finden – uns ist es jedenfalls nicht gelungen. Dafür gibt es eine Höhle, in der er der Legende nach gelebt haben soll – diese befindet sich jedoch nicht in der Altstadt, sondern unterhalb des Aussichtspunkts auf diese, dem sogenannten „Belvedere“ im Park Falcone e Borsellino am äußersten Ende der Neustadt.

Die Grotte des heiligen Bonaventura

Bonaventura war als Kind – damals hieß er noch Giovanni Fidanza – schwer krank, und der heilige Franziskus heilte ihn durch seinen Segen. Der Legende nach besuchte die dankbare Mutter mit dem Jungen den sterbenden Franziskus (sein Sterben zog sich über längere Zeit hin), und Franziskus soll beim Anblick des Kindes ausgerufen haben: „Buona ventura“, was so viel bedeutet wie „gute Zukunft“. Wenn es nicht wahr ist, dann ist es immerhin eine gut erfundene Geschichte – Giovanni nahm diesen Namen später beim Eintritt in den Franziskanerorden an. Er studierte an der Sorbonne in Paris und wurde im Jahr 1257 zum General des Franziskanerordens gewählt – die Legende könnte bei der Wahl eine wichtige Rolle gespielt haben. Aufgrund seines Wirkens im Orden wird er manchmal als „zweiter Gründer des Ordens“ bezeichnet. Heiliggesprochen wurde er im Jahr 1482 von dem eher problematischen Papst Sixtus IV. – dem Erbauer der Sixtinischen Kapelle, der 1478 angeblich den Mordanschlag auf die Medici-Brüder Lorenzo und Giuliano angestiftet haben soll (wobei nur Giuliano getötet wurde).

Bagnoregio  ist jedoch auch ohne seinen berühmten Sohn für einen Besuch verlockend. Die Stadt liegt auf einem Tufffelsen inmitten eines weiten, grünen Tals, das nichts anderes sein kann als eine riesige vulkanische Caldera. Der Felsen, auf dem die Stadt steht, ist eigentlich ein Vulkanschlot, also eine Magmaausfüllung im Inneren des Kraters. Der Vulkan ist jedoch nicht mehr aktiv – die Stadt wurde einst von den Etruskern erbaut und bislang von keinem Ausbruch zerstört. Allerdings wurde die Altstadt von einem Erdbeben im Jahr 1695 in Mitleidenschaft gezogen worden, was den damaligen Bischof dazu bewegte, den Bischofsitz im Jahr 1699 von der Altstadt in die Neustadt zu verlegen. Bagnogerio wurde bereits im sechsten Jahrhundert durch ein Dekret von dem Papst Gregor dem Großen zum Bischofsitz. Erreichen kann man die Altstadt nur über eine Brücke, und aus der Ferne wirkt sie wie eine Ruine. Tritt man jedoch durch das Stadttor ein, ist man überrascht, wie lebendig sie ist.

Es gibt eine romanische Kirche, wo der Leichnam des heiligen Hildebrand als eine heilige Reliquie aufbewahrt ist – der heilige war in den Jahren 856 – 873 der Bischof von Bagnoregio – an Heiligen mangelte es in Italien nie.

Der heilige Hildebrand

Weiter gibt es hier zahlreiche Restaurants, Hotels, Apartments, ein geologisches Museum, und man kann etruskische Höhlen besichtigen, die vor zweieinhalbtausend Jahren von den damaligen Bewohnern in den Felsen gehauen wurden. Romantische Gassen zwischen steinernen Häusern, viel Grün, herrliche Ausblicke auf die grünen und felsigen Wände des Tals, das die Stadt von allen vier Seiten umgibt – es ist ein Ort der Ruhe und des Genusses. Jedenfalls bis die Touristenmassen eintreffen.

Deshalb lohnt es sich, die Stadt bereits am Morgen zu besuchen – gegen elf Uhr verwandelt sie sich nämlich in ein wahres Babylon. Touristengruppen strömen durch die engen Gassen, die Reiseleiter winken mit Fähnchen und ziehen ihre Gruppen hinter sich her. Das ist dann der richtige Moment, diesen wunderbaren Ort wieder zu verlassen, bevor der Eindruck getrübt wird.

Im neuen Stadtteil gibt es außerdem noch ein weiteres Museum, das einen Besuch wert ist – das „Museo Piero Taruffi“. Taruffi (1906–1988) war ein Automobilrennfahrer in den 1930er bis 1950er Jahren. Er fuhr und gewann Rennen der damaligen Weltmeisterschaft zunächst für Fiat, Alfa Romeo, Ferrari und schließlich für Lancia. Weltmeister wurde er zwar nie, seine beste Platzierung war ein dritter Platz im Jahr 1952 – in diesem Jahr errang er übrigens in der Schweiz seinen einzigen Sieg in der Formel 1. Das Museum zeigt Pokale, aber auch historische Autos. Wer sich also für die Anfänge der Formel 1 interessiert, ist dort genau richtig. Parken kann man allerdings direkt am Museum nicht. Warum sich dieses Museum gerade in Bagnoregio befindet, ist ein wenig rätselhaft. Taruffi wurde dort weder geboren noch ist er dort gestorben, eigentlich hatte er mit dieser Stadt überhaupt nichts zu tun. Doch seine Familie entschied sich angeblich für diesen Ort, um die Attraktivität des Ortes für den Tourismus zu steigern. Wahrscheinlich suchte man gezielt eine Gegend ohne große Konkurrenz durch andere Sehenswürdigkeiten (was in Italien nicht einfach ist) und nutzte gleichzeitig die Anziehungskraft der Altstadt – womit man zumindest mit einer gewissen Besucherzahl für das Museum rechnen konnte.

Nur sechs Kilometer von Bagnoregio entfernt liegt das Städtchen Bolsena. Es handelt sich um die ehemalige römische Stadt Volsinii Novi, wohin die Römer die etruskische Bevölkerung aus dem eroberten Volsinii – dem heutigen Orvieto – umsiedelten. Von der antiken Stadt sind heute nur sehr bescheidene Reste erhalten. Doch Bolsena am Ufer des gleichnamigen Sees ist sowohl schön als auch berühmt.

Zunächst zur Schönheit. Die Stadt hat einen oberen und einen unteren Teil. Über dem oberen thront die große Festung „Rocca Monaldeschi della Cervara“, erbaut von der Familie Monaldeschi, die die Stadt im Namen des nahen Orvieto verwaltete.

Rocca Monaldeschi della Cervara

Orvieto kämpfte nämlich mit dem Papst bis zum Jahr 1448 um Bolsena – erst dann wurde auch Orvieto endgültig Teil des Kirchenstaats und die Auseinandersetzungen fanden ein Ende. In der Festung befindet sich heute ein Museum. In unmittelbarer Nähe steht die Kirche „Chiesa San Salvatore“. Ebenfalls nahebei: der „Palazzo del Drago“, ein Renaissancepalast mit Fresken, und der „Palazzo Conte“, in dem sich das örtliche Museum befindet. In den engen steinernen Gassen findet man zahlreiche Enotheken und Bars, die den berühmten lokalen Wein „Est! Est!! Est!!!“ anbieten.

Doch das berühmteste von Bolsena befindet sich im unteren Stadtteil, nahe dem Seeufer: die Kathedrale „Chiesa di Santa Cristina“.

Chiesa di Santa Christina

Die heilige Christina ist die Schutzpatronin der Stadt und in der Krypta der Kirche bestattet. Ihren Sarkophag kann man durch ein Gitter sehen – wenn man 50 Cent für die Beleuchtung bezahlt hat. Ihre Darstellung findet sich auch in der Seitenkapelle der romanischen Kathedrale. Die sterblichen Überreste dieser Märtyrerin, die im Jahr 295 n. Chr. starb, könnten tatsächlich echt sein. Im Jahr 1880 fanden Archäologen bei der Untersuchung der Fundamente einer frühchristlichen Basilika nahe Bolsena eine Marmorurne mit der Inschrift I.R.Q.E.S.C.P.B.T.X.M, die als „Hic requiescit corpus Beatae Xristinae Martyris“ (Hier ruht der Leib der seligen Märtyrerin Christina) interpretiert wurde. Eine Analyse bestätigte, dass es sich um die Überreste eines jungen Mädchens aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. handelte. Christina ist daher Schutzheilige der Stadt. Da Bolsena an der Pilgerroute Via Francigena nach Rom liegt (die in Canterbury, England, beginnt), wird ihr Grab von Pilgern häufig besucht.

Kein Wunder also, dass ausgerechnet in dieser Kathedrale aus dem 10. Jahrhundert, die der heiligen Christina geweiht ist und in der seit 1880 ihre Gebeine ruhen, das Blutwunder geschah, das ich in meinem Artikel über Orvieto beschrieben habe. Die Kirche stand in ihrer heutigen architektonischen Form (wenn auch mit anderer Innenausstattung) bereits im denkwürdigen Jahr 1263. Wenn Sie jedoch den steinernen Altar sehen möchten, bei dem es zu dem Wunder gekommen ist, dann ist es nicht der im Hauptschiff, sondern in der Seitenkapelle in Richtung der Grabstätte der heiligen Christina.

Der Altar des Blutwunders – Frohleichnam

Diesen Altar ließ die legendäre Gräfin Mathilde von Canossa, Markgräfin der Toskana, bereits im 11. Jahrhundert errichten. Diese Dame herrschte über die Toskana und Emilia-Romagna; im Investiturstreit stellte sie sich auf die Seite des Papstes gegen Kaiser Heinrich IV., und um ihr Erbe stritten sich Papst und Kaiser noch bis ins 13. Jahrhundert. Die Fassade der Kirche ist jünger – sie wurde in den Jahren 1493–1495 von Kardinal Giovanni di Medici (Sohn von Lorenzo dem Prächtigen) in Auftrag gegeben, der 1513 Papst Leo X. wurde. Architekt dieser Fassade war niemand Geringerer als der damals zwanzigjährige Michelangelo Buonarroti.

Das Bild mit der blutenden Hostie, bekannt als „Wunder von Bolsena“, befindet sich nicht nur in der Seitenkapelle der Kathedrale, sondern wurde unter anderem auch von dem großen Raffael (Raffaello Santi) gemalt. Sein Fresko „La Messa di Bolsena von 1512 schmückt die „Sala di Eliodoro“ im Vatikan.

Und natürlich gibt es noch den See, mit seinen Stränden, Bootsausflügen und umliegenden Bergen – also ein idealer Ausgangspunkt für die Erkundung der Umgebung. Bolsena ist darauf bestens vorbereitet.

Orvieto

Vor einer langen Zeit, im Jahr 2001, reiste ich mit meiner Familie mit dem Zug nach Rom. Früh am Morgen hielt der Zug an einem Bahnhof, und über mir erhob sich auf beeindruckenden hohen Felsen eine wunderschöne Stadt. Ich fand heraus, dass es sich um Orvieto handelte, und schon damals beschloss ich, dass ich sie eines Tages besuchen muss. Ich hätte nicht gedacht, dass ich weitere 24 Jahre auf dieses Erlebnis warten müsste und dass die Stadt noch schöner sein würde, als ich es mir vorgestellt hatte.

Die Italiener haben die unangenehme Angewohnheit, ihre Städte auf Hügeln zu bauen. Das ist eine Herausforderung, besonders wenn man ein verletztes Knie hat – was in meinem Fall zutraf. Orvieto steht jedoch vollständig auf einem Tuffsteinfelsen, was bedeutet, dass es eher schwierig ist, mit dem Auto dorthin zu gelangen (es gibt nur eine Zufahrt von der Westseite der Stadt, was in der Praxis bedeutet, dass man den beeindruckenden Felsen nach der Autobahnausfahrt vollständig umfahren muss). Und vor allem ist es fast unmöglich, in der Stadt einen Parkplatz zu finden. Deshalb habe ich ein Apartment, das „Parcheggio privato“ versprach, gebucht. Doch erst bei der Ankunft stellte ich fest, dass dies noch lange kein Sieg war. Man musste sich durch ein Labyrinth enger Straßen schlängeln, wobei die Via Albani, obwohl ein grünes Schild sie als Zubringer zur Autobahn A1 auswies, so schmal war, dass ich überlegte, die Außenspiegel zuzuklappen.

Glücklicherweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits unsere Gastgeberin Francesca am Telefon, die mich lautstark mit „Avanti, Avanti!“ ermutigte in die enge Gasse hineinzufahren. Als wir sie dann an der Kirche „Chiesa SS Apostoli“ trafen, übergab ich ihr gerne die Autoschlüssel, damit sie selbst in das „Parcheggio“ fuhr. Wie sie es schaffte, weiß ich nicht und verstehe es bis heute nicht. Zwei Tage später hatte ich erhebliche Schwierigkeiten, überhaupt aus der Garage herauszukommen. Francesca meinte, ein Fiat 500 wäre für den Besuch italienischer Städte besser geeignet als mein BMW X1. Und das mag tatsächlich stimmen. Sie prahlte jedoch nicht ohne Stolz, dass sie sogar einmal ein großes Audi in ihrer Garage geparkt hatte.

Orvieto hat das Problem mit dem Parking für Tagestouristen elegant gelöst. Direkt neben dem Bahnhof und damit in der Nähe der Autobahnausfahrt gibt es einen großen Parkplatz, von dem aus ein „Funiculare“ (eine Standseilbahn) in die Stadt hinauffährt. Der Fahrpreis ist in der sogenannten „Carta unica“ enthalten, einem Ticket, das Zugang zu allen Museen und Attraktionen in Orvieto gewährt – es ist ein Jahr lang gültig, falls man es an einem Tag nicht schaffen würde. Man kann es direkt auf dem Parkplatz oder an mehreren Stellen in der Stadt kaufen. Genau darin lag unser Problem. Als ich im Touristeninformationszentrum die „Carta unica“ kaufen wollte, musterte mich ein junger Italiener kritisch und fragte, wie lange wir in der Stadt bleiben wollten. Als ich sagte, nur einen Tag, erklärte er mir in perfektem, aber unverständlich schnellem und leisem Englisch, dass es sich für uns nicht lohne, da ältere Leute wie wir es ohnehin nicht schaffen, alle Attraktionen an einem Tag zu besuchen – und außerdem sei die etruskische Nekropole geschlossen.

Auf meine Frage, welche Tickets wir dann kaufen sollten und wo, antwortete er, dass wir das online über das Handy machen sollten, da es dort Angebote gebe – und damit hörte er auf, sich für uns zu interessieren. Ja, das Reisen in der heutigen digitalen Welt ist für analoge Menschen unseres Alters nicht einfach, und die digitale Jugend versteht das nicht und will es auch nicht verstehen. Also ging ich ins Museum „Musei archeologici Civico e Faina“ und kaufte dort die „Carta unica“ – ermäßigt für Senioren für 25 Euro. Wir haben beinahe alles geschafft – natürlich mit Ausnahme der geschlossenen etruskischen Nekropole. Die Jugend mag uns in Sachen digitaler Registrierung unterschätzen, aber körperlich schaffen wir noch immer mehr, als die jungen Leute glauben wollen.

Das Juwel von Orvieto ist seine Kathedrale. Wahrscheinlich kann sich niemand psychisch auf die Pracht vorbereiten, die einen dort erwartet. Es ist einfach ein Schock, und man könnte stundenlang auf dieses Wunder der romanisch-gotischen Architektur starren. Nicht umsonst wird sie „Goldene Lilie“ genannt. Das Bauwerk ist, ähnlich wie die Kathedrale von Siena oder Pisa, aus einer Kombination von weißem und grünem Marmor errichtet, aber das wahre Wunder ist ihre Fassade. Eine harmonische Mischung aus Mosaiken, die in leuchtenden Farben und Gold erstrahlen, Skulpturen und einer filigranen Verzierung der Säulen bis zur Spitze der Fassade – es wirkt wie ein riesiges Freiluftaltar. Oder wie ein Traum.

Die Frage ist, warum eine so prächtige Kathedrale, bei deren Bau wirklich nicht auf Geld geachtet wurde, gerade in einer Stadt wie Orvieto steht. Das hat seinen Grund. Im Jahr 1263 reiste ein deutscher Geistlicher durch die Gegend und zelebrierte eine Messe im nahegelegenen Bolsena, in der Kirche der heiligen Christina. Er selbst war ein skeptischer Priester und zweifelte an der tatsächlichen Transsubstantiation, also der Verwandlung des Brotes in den Leib Christi während der Messe. Als er allerdings die Hostie während der Messe brach, begann daraus Blut auf das Altartuch zu tropfen.

Die Hostie und das Altartuch wurden Papst Urban IV. gezeigt, der sich gerade in Orvieto aufhielt (weil ihn die Einwohner Roms wegen seiner anti-staufischen Aktivitäten vertrieben hatten). Dieser erkannte das Ereignis sofort als Wunder an und ordnete den Bau eines würdigen Heiligtums zur Aufbewahrung der Hostie in Orvieto an. Der Bau begann 1290 im romanischen Stil, da aber gute Dinge Zeit brauchen, kam vor der Fertigstellung die Gotik auf, sodass beide Stile kombiniert wurden. Allein die Erstellung der Baupläne dauerte dreißig Jahre, der eigentliche Bau zog sich über 300 Jahre hin.

Zunächst arbeitete Fra Bevignate an der Kathedrale, ihm folgten Lorenzo Maitani (der auch die Kathedrale in Florenz baute) und weitere Größen wie Andrea Pisano, sein Sohn Niccolò Pisano, Andrea Orcagna und Michele Sanmicheli. Überraschend modern sind die großen Bronzetüren der Kathedrale, die erst in den 1960er Jahren von dem lokalen Künstler Emilio Greco geschaffen wurden. (Gleich neben der Kathedrale gibt es ein Museum, das seinem Werk gewidmet ist). Im Jahr 1311 wurde das Ereignis von Bolsena auf dem Konzil von Vienne zu einem der größten kirchlichen Feste erklärt – dem „Fronleichnam“. Es wird regelmäßig am zweiten Donnerstag nach Pfingsten gefeiert, wobei Hostien in Monstranzen in feierlichen Prozessionen um die Kirchen getragen werden. In Österreich freuen wir uns, weil es ein Feiertag ist und wir nicht zur Arbeit gehen müssen.

Im Inneren der Kathedrale sollte man unbedingt die Kapellen im Querschiff besuchen. Rechts befindet sich die Kapelle mit den Fresken von Luca Signorelli, die das „Jüngste Gericht“ darstellen. Es fiel mir auf, dass in der Hölle fast ausschließlich Männer dargestellt wurden, während im Paradies auch viele Frauen waren. Wusste Signorelli nicht, dass nach kirchlicher Lehre die Frau die Quelle aller Sünden war? Die Fresken sind jedoch großartig, auch weil sie erst kürzlich restauriert wurden.

Auf der linken Seite befindet sich die „Corpus Domini“-Kapelle, also die Kapelle, in der die wundersame Hostie und das Altartuch mit den Blutflecken in einem Reliquienschrein aufbewahrt werden. Der Zugang zu dieser Kapelle ist nur zum Gebet gestattet. Das Fotografieren und Filmen sind dort strengstens verboten.

Auf der „Piazza del Duomo“ befinden sich neben dem bereits erwähnten Museum über Emilio Grecos Werk noch zwei weitere Museen. Im Palast, in dem die Päpste während ihrer Aufenthalte in Orvieto wohnten (Orvieto gehörte seit 1290 zum Kirchenstaat, dessen Herrscher der Papst persönlich war), befindet sich das „Museo Archeologico Nazionale“ mit Artefakten aus der Kathedrale, Gemälden von Andrea, Nino und Giovanni Pisano und einigen wenigen etruskischen Funden.

Die ganze Region lebt davon, dass hier einst das Reich der Etrusker war – genauer gesagt, eher eine lose Konföderation von zwölf etruskischen Städten, die es nie schafften, sich wirksam gegen die römische Expansion zu verbünden und daher untergingen.

Viel mehr dieser archäologischen Funde befinden sich im „Museo Claudio Faina e Civico“ gegenüber der Kathedrale. Graf Mauro Faina begann 1864, Gegenstände für seine Sammlung zu erwerben, und nach seinem Tod setzte sein Neffe Eugenio diese Arbeit fort. Er hörte auf, Kunstwerke aus anderen Teilen Italiens zu kaufen (viele Objekte in der Sammlung erwarb Mauro von Maria Bonaparte, der Tochter von Napoleons Bruder Lucien, da die Fainas mit dieser Familie verwandt waren) und spezialisierte sich auf Funde aus Orvieto und seiner Umgebung. Die örtliche etruskische Nekropole bot mehr als genug Material, damit die Familie Faina ihr Museum aufbauen konnte. Eugenios Sohn Claudio Junior machte die Sammlungen 1957 der Öffentlichkeit zugänglich. Für Münzsammler ist die numismatische Sammlung mit etwa 3000 antiken Münzen sicherlich sehr interessant.

Etruskische Keramik war nich gerade prüde.

Die Achse der Stadt bildet die „Corso Cavour“, die auf der „Piazza della Repubblica“ beginnt – dem ehemaligen römischen Forum der Stadt – mit der Kirche „Chiesa di Sant’Andrea“ und einer Reihe von Restaurants in unmittelbarer Nähe. An der höchsten Stelle der Stadt ragt der „Torre del Moro“ in den Himmel. Nachts wirkt er faszinierend, denn die beleuchtete Uhr strahlt in der Dunkelheit wie ein Vollmond mit Uhrzeigern.

Der Aufstieg auf den Turm umfasst 280 Stufen (oder 170, wenn man einen Teil des Weges mit dem Aufzug fährt), und von oben hat man einen wunderschönen Blick auf die gesamte Stadt.

So entdeckten wir auch den dritten Platz Orvietos, die etwas abseits gelegene „Piazza del Popolo“ mit dem gleichnamigen Palast. Davor hat Orvieto seinem berühmten Sohn Adolfo Cozza eine Büste gewidmet. Dieser Künstler, Erfinder und vor allem Archäologe, dem Orvieto die meisten archäologischen Funde verdankt, mit denen es sich heute rühmt, schloss sich im Alter von 18 Jahren den „Rothemden“ Garibaldis an und kämpfte unter der Führung des legendären Giuseppe für die Einigung Italiens, um später zur Vernunft zu kommen und sich durch seine intellektuelle Tätigkeit einen Namen in der Geschichte zu machen.

Adolfo Cozza

Geht man die „Corso Cavour“ bis zu ihrem unteren Ende entlang, erreicht man die „Fortezza Albornoz“ mit dem imposanten Tor „Porta Rocca“.

Fortezza Albornoz

Von hier aus hat man die schönsten Ausblicke auf die Felsen, auf denen die Stadt steht, sowie auf den Parkplatz am Fuße der Klippen. Die Festung ist heute ein Park, der weiter zu den eher bescheidenen Überresten der etruskischen Nekropole mit den Resten eines antiken Tempels führt.

Viel interessanter ist jedoch der nahegelegene Brunnen „Pozzo di San Patrizio“. Orvieto hatte schon immer ein Problem mit der Wasserversorgung. Es liegt auf einem Tuffsteinfelsen, der porös ist und Regenwasser durchlässt, das sich dann erst auf einer Lehmschicht 54 Meter unter der Stadt sammelt. Deshalb war der Brunnenbau in Orvieto schon immer eine äußerst anspruchsvolle Angelegenheit. Als Papst Clemens VII. im Jahr 1527 nach Orvieto kam, um hier Schutz vor den kaiserlichen Truppen zu suchen, die gerade beim „Sacco di Roma“ die Heilige Stadt geplündert hatten, beschloss er, einen Brunnen bauen zu lassen, der der Stadt im Falle einer Belagerung eine ausreichende Wasserversorgung sichern sollte.

Der Brunnen wurde vom Architekten Antonio da Sangallo gegraben, und die Arbeiten dauerten zehn Jahre. Das Ergebnis ist beeindruckend. Der Brunnen hat eine Tiefe von 54 Metern und einen Durchmesser von 13 Metern. Zur Wasseroberfläche führen 248 Stufen hinab. Diese Stufen sind sehr flach, da Esel den ganzen Tag über das Wasser hinauftrugen. Damit die absteigenden Tiere mit leeren Wassersäcken den aufsteigenden mit vollen Säcken nicht im Weg standen, ist die Treppe als Doppelspirale konstruiert, die sich nie kreuzt. Ich habe das Prinzip nicht ganz verstanden, aber es ist genial. Man kann die neugierigen Touristen gleichzeitig hinab- und hinaufsteigen sehen, ohne dass sie sich begegnen, da der Brunnen durch 72 große Fenster beleuchtet wird.

Übrigens ist der Eintrittspreis im „Carta Unica“-Ticket enthalten, aber das eigentliche Ticket muss am Informationszentrum abgeholt werden. Die „Carta Unica“ allein gewährt keinen direkten Zugang durch die Schranken am Eingang.

Orvieto ist wunderschön an der Oberfläche, aber es hat auch ein interessantes Untergrundsystem, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Auch dieser Besuch ist in der „Carta Unica“ enthalten, aber man muss sich im Informationszentrum einen Platz reservieren – am besten zur Mittagszeit, wenn die anderen Attraktionen geschlossen sind.

Unsere Führerin Christina, die ein wunderschönes Englisch sprach, allerdings in italienischem Sprechtempo, führte uns in die Räume und Gänge im Felsen unter der Stadt. In den Tuffstein zu graben, war relativ einfach und die Gänge boten eine stabile Temperatur von etwa 15 Grad – sowohl im heißen Sommer als auch im kalten Winter. Außerdem dienten diese Gänge während des Zweiten Weltkriegs als Luftschutzbunker. Viele von ihnen sind heute privat und werden als Weinkeller, Lebensmittellager oder allgemein als Lagerräume für alles genutzt, was vor Hitze geschützt werden muss. Es gibt hier auch Olivenölpressen und Mühlen. Der interessanteste Teil sind jedoch Räume mit kleinen, in die Wände gegrabenen Nischen – riesige Taubenschläge.

Die Taubenzucht war damals sehr lukrativ, da sie keine finanziellen Kosten verursachte. Das Jungtaubenfleisch „Palombo“ ist immer noch Teil der Orvietos Küche und eine lokale Spezialität, die man in Restaurants bestellen kann. Ich sah eine englische Touristin, die es bestellte. Am Ende aß sie jedoch Nudeln, weil die Taube, obwohl vermutlich lecker, nicht genug Fleisch bietet um satt zu werden.

Diese Gänge unter der Stadt dienten jedoch auch als Schmuggelwege, um Waren in die Stadt zu bringen, da die Händler die päpstlichen Zölle umgehen wollten. Als der Papst herausfand, dass die durch den Schmuggel verursachten finanziellen Verluste die Gewinne aus der Taubenzucht überstiegen, verbot er einfach die Zucht im Untergrund der Stadt und ließ die Fenster vergittern, damit die Tauben nicht zu ihren Nestern zurückkehren konnten. So ist es auch heute noch.

Ein der Gänge, die für Schmuggeln genutzt worden sind

Orvieto nennt sich selbst „Stadt des Weins“, und ich empfehle, ihn zu probieren, besonders den lokalen Weißwein. Nur einmal ließ ich mich dazu verleiten, ein Bier zu bestellen – weil der Durst groß war. Das tat ich jedoch unvorsichtigerweise auf der „Piazza del Duomo“, mit Blick auf die atemberaubende Fassade. Der Preis betrug acht Euro für 0,4 Liter, also eine „birra grande“ – offenbar war der Blick auf die Fassade im Preis inbegriffen. Es erinnerte mich ein wenig an eine Graupensuppe in der Schweiz mit Blick auf die Nordwand des Eigers.

Wenn ihr also nach Orvieto fahrt, bestellt lieber Wein, und nicht unbedingt auf dem Platz vor der Kathedrale. In anderen Lokalen waren die Preise deutlich angemessener.

Blick von der Festung auf die Felsen, auf denen die Stadt steht

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