Category: Italienische Impressionen

Grosseto

Grosseto war die letzte der toskanischen Städte, die ich besucht habe, und ich tat es mehr oder weniger der Vollständigkeit halber, denn in Bezug auf Zeugnisse aus der glorreichen toskanischen Vergangenheit hat Grosseto nicht allzu viel zu bieten. Dennoch ist es interessant.

Im Gegensatz zu anderen italienischen Städten liegt Grosseto in der Ebene, unweit des Meeres. Was wie ein Vorteil erscheinen könnte, war für die Stadt eher ein Fluch. Sie liegt auf den Schwemmlandböden des Flusses Ombrone, auf sumpfigem Untergrund, was eine Vielzahl von Mücken und immer wiederkehrende Malariaepidemien zur Folge hatte, die die Stadt beinahe entvölkerten. Schon die Etrusker und Römer versuchten vergeblich, die Sümpfe trockenzulegen, später taten dies mit vorübergehendem Erfolg die Medici, nachdem die Stadt im Jahr 1559 Teil des Großherzogtums Toskana geworden war. Erst den Habsburgern gelang dies im 19. Jahrhundert. Nachdem es unter Großherzog Leopold II. endlich gelungen war, die Mücken aus der Umgebung zu vertreiben, begann die Stadt wirtschaftlich zu florieren.

Historisch gewann sie an Bedeutung, als Papst Innozenz II. den Bischofssitz aus der von Sarazenen zerstörten Stadt Rusellae nach Grosseto verlegte, das bis dahin nur eine kleine Burg an der Via Aurelia war. Der erste Bischof, Rollando, begann sofort mit dem Bau einer dem Heiligen Laurentius geweihten Kirche. Die Kathedrale, das Hauptmonument der Stadt, wurde ab dem Jahr 1190 erbaut, jedoch musste der Bau mehrfach unterbrochen werden, da Grosseto in ständigem Krieg mit dem nahegelegenen Siena lag, was Geld kostete. Grosseto war eine unabhängige Republik unter der Herrschaft der Familie Aldobrandeschi und stand auf der Seite der Guelfen im Kampf gegen die Anhänger des Kaisers Friedrich II., die Ghibellinen, deren Hochburg Siena war. Der Kaiser selbst übergab die Herrschaft über die Stadt dem toskanischen Pfalzgrafen Ildobrand und besuchte die Stadt im Jahr 1224 persönlich. Dennoch wurde die Kathedrale in ihrem Rohbau und mit Dach bereits 1249 aufgebaut, also noch vor dem Tod des Kaisers. Die Kämpfe mit Siena zogen sich bis zum Jahr 1336 hin, als Grosseto kapitulierte und Teil der Republik Siena wurde.

Die Kathedrale ist wunderschön und hat etwas Besonders in sich.

Wie in den anderen Städten der Umgebung wurde sie aus verschiedenfarbigen Marmorblöcken errichtet – aber während man in Pisa, Siena oder Orvieto eine Kombination aus weißem und grünem Marmor findet, ist es hier weißer und roter – tiefroter bis bordeauxfarbener Marmor, was dem Bauwerk seinen eigenen Charakter und Charme verleiht. Der Bau begann im romanischen Stil, und die Kathedrale hat diesen Stil größtenteils beibehalten. Aufgrund der durch die Malariaepidemien verursachten Notlage der Stadt zog sich die Ausgestaltung der Fassade und der Eingänge zur Kirche lange hin; im 16. Jahrhundert verfiel die Kirche sogar so sehr, dass im Jahr 1535 ein Teil von ihr einstürzte. Daher stammt das Südportal bereits aus dem frühen 14. Jahrhundert, aber das Tympanon mit seinen Skulpturen entstand erst im Jahr 1897. Die gotische Rosette an der Fassade gehört zu den schönsten in der Toskana, und darunter befinden sich die Symbole der vier Evangelisten – der Löwe, der Stier, der Adler und der Mensch.

Im Inneren der Kathedrale ist das Juwel das Gemälde „Madonna delle Grazie“ von Matteo di Giovanni aus dem Jahr 1470. Es wirkt wie ein Übergang zwischen gotischer und renaissancezeitlicher Malerei und ist reich mit Gold verziert. Angeblich handelt es sich nur um ein Fragment eines größeren Bildes, das bei einem Brand zerstört wurde. Das schöne Weihwasserbecken ist ein Werk von Girolamo Ventagioli aus dem Jahr 1506. Drei Delfine tragen auf ihren Rücken drei Truthähne, die eine Wanne halten, die außen mit Vögeln, Girlanden, Blumen und Früchten und innen mit Krebsen, Fröschen und Fischen geschmückt ist. Die Ähnlichkeit mit dem Taufbecken in Siena ist kein Zufall – Girolamo arbeitete in der Werkstatt des Meisters Federighi in Siena.

Auch das Taufbecken von Antonio di Ser Ghino aus dem Jahr 1470 ist reich verziert, unter anderem mit den Wappen von Grosseto, Siena und dem Auftraggeber.

Grosseto ist vielleicht aus der Luft interessanter als beim Spazieren durch die Stadt.

Das liegt am erhaltenen Mauerring, der von den Medici errichtet wurde. Cosimo I. begann mit dem Bau im Jahr 1564, und Ferdinand I. beendete ihn 1593. Es handelt sich um eine imposante Festungsanlage im Renaissancestil aus Ziegelsteinen mit Bastionen, in die auch der sienesische Turm aus dem 14. Jahrhundert integriert wurde. Auch das sogenannte Glacis – also der unbebaute Streifen Land rund um die Mauern – ist erhalten geblieben. Deshalb wird Grosseto manchmal als das „Lucca der Maremma“ bezeichnet. Die Maremma ist die Küstenregion mit Stränden am Tyrrhenischen Meer, in der Grosseto liegt.

Stadtmauern

Ein Besuch des Archäologischen Museums „Museo archeologico e d’Arte della Maremma“ wird empfohlen, das allerdings sehr merkwürdige Öffnungszeiten hat – an manchen Tagen öffnet es nachmittags erst um fünf Uhr, was uns zu viel zu langem Warten verdonnerte. Die Fundstücke stammen aus der Zeit der Etrusker und Römer, vor allem aus der Stadt Rusellae, die etwa 10 Kilometer von Grosseto entfernt liegt. Es war eines der zwölf Städte des etruskischen Bundes und verlor seine Bedeutung erst 1138, als der Papst die Stadt nach wiederholten Überfällen durch Sarazenen endgültig aufgab und den Bischofssitz nach Grosseto verlegte. Auch dort sind noch Überreste mächtiger Stadtmauern erhalten – deutlich älter als die von Grosseto – sowie die Ruinen eines römischen Amphitheaters.

Was mich aber wirklich fasziniert hat, war das Parken. Grosseto hat – im Gegensatz zu anderen italienischen Städten – keinerlei Parkprobleme. Ein riesiges unterirdisches Parkhaus liegt auf dem Glacis, das man ohne Ticket betreten kann. Das machte mich zunächst etwas nervös. Am Eingang stand allerdings geschrieben, dass man vor der Abfahrt bezahlen müsse. Als wir die Stadt verließen, ging ich also zur Kasse – gespannt, was passieren würde. Man musste nur das Kennzeichen des Autos eingeben, und der Automat berechnete 40 Cent für zwei Stunden Parkzeit. Offenbar funktioniert alles über Kameras, die das Fahrzeug bei der Einfahrt erfassen. Also: überhaupt kein Problem und fast kostenloses Parken.

Wenn man Lust hat, kann man in den Thermalquellen von Saturnia baden, die in den Hügeln hinter Grosseto liegen. In Sinterbecken unter freiem Himmel kann man kostenlos bei 37 Grad warmem Wasser baden – allerdings ist es dort sehr überlaufen. Als die Italiener schließlich auch noch ihre Hunde mitbrachten und anfingen, sie dort zu baden, sprang meine liebe Ehefrau auf und war kein zweites Mal ins Wasser zu bekommen.

Saturnia

Monte Argentario

Diese Halbinsel im Süden der Toskana im Tyrrhenischen Meer war einst eine Insel. Erst als der Fluss Albegna genug Sand und Schlamm angeschwemmt hatte und so drei schmale Landzungen entstanden, die die Insel mit dem Festland verbanden, wurde aus der Insel eine bergige Halbinsel. Der höchste Berg, der Monte Telegrafo, erreicht eine Höhe von 635 Metern über dem Meeresspiegel.

Zwei dieser Landzungen bilden die südliche und nördliche Verbindung zum Festland (Tombolo di Feniglia und Tombolo di Giannella). Die mittlere, auf der die kleine Stadt Orbetello liegt, reicht nicht bis zur Insel, sodass die Menschen sie mit einer Brücke ergänzten, über die Monte Argentario erreichbar ist.

Heute ist die Gegend ein attraktives Urlaubsziel. Früher jedoch hatte die Insel eine strategische Bedeutung, weshalb sie sehr begehrt war und oft den Besitzer wechselte. Schließlich fiel sie – wie auch das nahegelegene Grosseto – an die Republik Siena. Siena stand jedoch ständig in Konflikt mit dem mächtigeren Florenz und suchte Verbündete, die es gegen den nördlichen Nachbarn verteidigen konnten. Nach einem Bündnis mit den Visconti aus Mailand und einer kurzen Phase der Diktatur unter Pandolfo Petrucci entschied sich die Stadt im Jahr 1512, sich unter den Schutz von Kaiser Karl V. zu begeben und damit die spanische Oberhoheit anzunehmen. Ob das die richtige Entscheidung war, ist fraglich, denn schon bald herrschte unter den Italienern Unzufriedenheit mit der spanischen Regierungsweise. Das nutzte Cosimo de’ Medici, der erste Großherzog der Toskana.

Im Jahr 1555 – als Kaiser Karl, geplagt von Gicht und Depressionen, nicht mehr in der Lage war, zur Hilfe zu eilen (im selben Jahr dankte er ab, übergab die Kaiserwürde an seinen Bruder Ferdinand und die spanische Krone an seinen Sohn Philipp) – entschloss sich Siena zu einem fatalen Schritt: es verbündete sich mit Frankreich. Großherzog Cosimo gelang es im Namen des Kaisers nach langer Belagerung, Siena einzunehmen und seinem Großherzogtum einzuverleiben. Doch gemäß dem Vertrag zur Aufteilung der habsburgischen Ländereien fielen alle italienischen Besitzungen an Karls Sohn Philipp.

Um einen langen und erschöpfenden Krieg mit dem mächtigen spanischen König zu vermeiden, entschied sich Cosimo, den Spaniern bestimmte Gebiete abzutreten, an denen sie besonders interessiert waren – und das waren logischerweise Küstengebiete. So wurden die Hafenstadt Piombino, Teile der Insel Elba und eben Monte Argentario im Jahr 1557 spanisch – und blieben es für lange Zeit. Es entstand das Stato dei Presidi, also der „Staat der Festungen“. Dieses Gebiet blieb bis 1708 spanisch, als es im Zuge des Spanischen Erbfolgekrieges von Österreich erobert wurde. Im Jahr 1735 fiel es erneut an Spanien, danach ging es in den Besitz des Königreichs Neapel über. 1797 besetzte Napoleon die Halbinsel und gliederte sie in das neu geschaffene Königreich Etrurien ein, das 1807 von ihm wieder abgeschafft, woraufhin das gesamte Gebiet Teil des Französischen Kaiserreichs wurde. Erst der Wiener Kongress schuf 1815 endgültig Ordnung und gliederte alle diese Festungen dem Großherzogtum Toskana ein.

An die spanische Präsenz auf der Insel erinnern zahlreiche Festungen in den beiden Städtchen, die sich auf der Halbinsel befinden – Porto Santo Stefano und Porto Ercole. In Porto Santo Stefano gibt es eine Festung, die sich inmitten der Stadtbebauung befindet und daher leicht zu Fuß erreichbar ist.

Fortezza spagnola in Porto Santo Stefano

In Porto Ercole hingegen gibt es zwei deutlich größere Festungen, die auf Hügeln an beiden Seiten des Hafens errichtet wurden – der Aufstieg zu ihnen gleicht einer kleinen Bergwanderung.

Porto Ercole ist winzig, aber liebenswert – ein kleiner Hafen für Privatyachten, mit einer Promenade, an der sich eine Reihe kleiner Geschäfte und Restaurants befinden. Über dem Ort thronen die zwei bereits erwähnten riesige spanische Festungen, die einst die Zufahrt zum Hafen kontrollierten. In Porto Ercole starb im Jahr 1610 der Maler Caravaggio. Dieser geniale Raufbold führte ein intensives Leben und geriet praktisch überall, wo er hinkam, in Konflikte. 1606 tötete er in Rom einen Mann und musste fliehen. Er fand Zuflucht auf Malta (wo er ein Gemälde des heiligen Hieronymus malte), doch auch dort geriet er in Streit mit Ordensbrüdern und musste erneut fliehen. Er kam nach Porto Santo Stefano, wo er auf die Begnadigung aus Rom wartete. Doch wie ich bereits im Artikel über Grosseto schrieb, war das südliche toskanische Küstengebiet von Mücken und Malaria verseucht. Caravaggio erkrankte an Malaria und starb mit nur 36 Jahren. Sein Grab befindet sich in der Kirche Sant’Erasmo.

Porto Ercole

Der zweite Hafen, Porto Santo Stefano, ist hingegen ein touristisches Zentrum. Von hier legen Boote zu den Inseln des toskanischen Archipels ab, insbesondere zur größten Insel, Giglio. Diese ist 18 Kilometer entfernt, und dort ereignete sich am 13. Januar 2012 das tragische Unglück des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia, bei dem 32 Menschen ums Leben kamen.

Der Hafen von Porto Santo Stefano ist deutlich größer und wunderschön.

Porto Santo Stefano

Die Häuser sind gepflegt, es gibt viele Restaurants mit herrlichem Blick auf das Meer, und ein riesiger Parkplatz erleichtert den Besuch. Es gibt zwei Buchten, auf der Landzunge dazwischen steht die dem heiligen Stephan – dem ersten Märtyrer – gewidmete Kirche Chiesa arcipretale di Santo Stefano Protomartire. Die Kirche wurde noch zur spanischen Zeit im Jahr 1750 erbaut, im Zweiten Weltkrieg jedoch von den Deutschen völlig zerstört und nach dem Krieg wiederaufgebaut. Sie wurde am 26. Dezember 1950 – am Stephanstag – erneut geweiht.

Über der Stadt erhebt sich stolz die spanische Festung Fortezza Spagnola. Ein riesiger Steinbau mit zwei Stockwerken und Terrassen, von denen man einen traumhaften Blick über die Stadt und das Meer hat. In der Festung befindet sich ein Museum mit etruskischen Ausgrabungen und aus dem Meer geborgenen Artefakten, denn die gesamte Region war ursprünglich von den Etruskern besiedelt, bevor sie unter die Verwaltung der Römer kam – insbesondere der Familie Ahenobarbi. Diese wurde durch Geldverleih reich, und von ihnen stammt auch der Name der Halbinsel: „Argenti“ hießen im Römischen Reich die Schuldscheine.

Dass sich Porto Santo Stefano und ganz Monte Argentario ihren Charme bewahrt haben, ist Susanna Agnelli zu verdanken – der Enkelin des Fiat-Gründers Gianni Agnelli. Sie war hier Bürgermeisterin und sorgte dafür, dass keine Hochhäuser gebaut wurden und der Massentourismus fernblieb. Die Region konnte sich so ihren familiären Charakter erhalten. Ein großes Dankeschön an sie!

Am nördlichen Verbindungsarm der Halbinsel zum Festland gibt es zwar einige Apartmentanlagen und Hotels, doch baden kann man hier nicht – die Wasserqualität ist zu schlecht. Über diese Route gelangt man weiter in den Süden nach Grosseto oder Saturnia.

Auf dem mittleren „Finger“, der erst durch eine Brücke vervollständigt wurde, liegt das Städtchen Orbetello. Die Kathedrale dort hat eine gotische Fassade aus dem 14. Jahrhundert, wurde jedoch im 16. Jahrhundert im spanischen Stil umgebaut.

Orbetello Kathedrale

Von der spanischen Besatzung zeugen auch die Vizekönigsresidenz auf der „Piazza Eroe dei Due Mondi“, eine Festung sowie die Stadtmauern.

Der südliche „Finger“ ist nicht befahrbar, doch von Porto Ercole aus gelangt man zum einzigen wirklich schönen Strand Feniglia – lang, sandig und mit der nötigen Infrastruktur ausgestattet.

Übrigens suchte der Komponist Giacomo Puccini in der Nähe der südlichen Landverbindung bei Ansedonia Linderung für seine Lungenkrankheit – die er sich durch sein leidenschaftlichen Tabakkonsum zugezogen hatte. Der Torre Puccini ragt dort über dem Meer empor – jedoch ist es schwierig, dorthin zu gelangen. Uns gelang es nicht. Der Turm befindet sich angeblich im Privatbesitz und ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Wer dann Lust auf ein wenig Nervenkitzel hat: Eine Rundstraße führt um Monte Argentario – nur teilweise asphaltiert, entsprechend schmal, aber mit spannenden Momenten und herrlichen Ausblicken.

Als Urlaubsziel ist dieses eher unauffällige Fleckchen Italiens bestens geeignet: zum Baden, Wandern oder als Ausgangspunkt für Ausflüge ins Umland – etwa nach Grosseto, Saturnia oder Tarquinia. Alles ist von hier aus gut erreichbar.

Tarquinia

Tarquinia ist ein nettes Städtchen mit etwa 15.000 Einwohnern in der Nähe des Tyrrhenischen Meeres, das auf eine lange und bewegte Geschichte zurückblicken kann. Genau das macht es interessant – archäologische Funde aus der Umgebung haben es zu einem der spannendsten historischen Reiseziele in Italien gemacht.

Gegründet wurde es irgendwann im zwölften Jahrhundert vor Christus und erlebte seine Blütezeit im sechsten Jahrhundert v. Chr., als es Tarchuna hieß und die letzten Könige, die über Rom herrschten, von dort stammten. Der letzte von ihnen, Lucius Tarquinius Superbus, wurde im Jahr 509 v. Chr. aus Rom verbannt, womit Rom zur Republik wurde. “Verbannt” ist vielleicht nicht ganz zutreffend – der König befand sich gerade auf einem Feldzug, als die Römer ihm einfach die Stadttore versperrten und ihn nicht mehr hineinließen.

Tarchuna war eines der zwölf Städte des etruskischen Städtebundes und musste früher oder später in Konflikt mit dem nahen Rom geraten. Als es 358 v. Chr. so weit war, besiegten die Tarchuner zwar die Römer, versäumten es jedoch, sie zu vernichten. Es folgten mehrere Niederlagen und schließlich ein 40-jähriger Friedensvertrag im Jahr 351, der 308 um weitere vierzig Jahre verlängert wurde. Doch die Römer hatten nicht genug Geduld und gliederten die Stadt bereits im Jahr 281 v. Chr. in ihr Territorium ein. Die Stadt erhielt den neuen Namen Tarquinii und verlor an Bedeutung. Die Nähe zum Meer erwies sich als Segen, aber auch als Fluch. Einerseits brachte der Hafen von Gravisca der Stadt in einer Zeit, in der das Reisen über Wasser viel schneller und sicherer war als über Land, satte Gewinne und Wohlstand. Andererseits führte dies im achten Jahrhundert zur völligen Zerstörung der Stadt durch die Sarazenen, die im Hafen landeten und die Stadt dem Erdboden gleichmachten.

Die Bewohner machten sich nicht einmal die Mühe, die Ruinen wieder aufzubauen, sondern zogen auf den benachbarten Hügel und gründeten dort eine neue Stadt mit dem Namen Corneto. Im Jahr 1872 beschlossen sie jedoch, zu ihren Wurzeln zurückzukehren, und die Stadt wurde wieder in Tarquinia umbenannt. Ab 1922 verschwand der Name Corneto endgültig – Benito Mussolini, der stolz auf die alte Geschichte seines Landes war, war dies lieber so.

Tarquinia ist also eigentlich nicht Tarquinia – und trotzdem lohnt sich ein Besuch. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein kleines San Gimignano mit vielen Türmen städtischer Paläste und großteils erhaltenen mittelalterlichen Stadtmauern.

Parken ist kein Problem – es gibt einen großen Parkplatz direkt bei der Touristeninformation, und der liegt außerdem in einem Park, sodass man das Auto im Schatten abstellen kann. Die Touristeninformation befindet sich in einem riesigen Gebäude eines ehemaligen Klosters, und die freundliche junge Frau dort sprach sehr gut Englisch.

Das wichtigste Gebäude der Stadt ist natürlich das Archäologische Museum, das sich direkt hinter dem Stadttor im „Palazzo Vitelleschi“ befindet.

Palazzo Vitelescchi

Dieser prachtvolle Renaissancepalast hat seine eigene Geschichte und wäre vermutlich auch ohne die vielen ausgestellten Exponate, die in der Nekropole des einstigen etruskischen Tarchuna gefunden wurden, einen Besuch wert.

Der Palast wurde vom einheimischen Kardinal Giovanni Vitelleschi in Auftrag gegeben, einer der schillerndsten Figuren der aufkommenden Renaissance. Vitelleschi war weit mehr ein Soldat und Condottiere als ein Geistlicher – was seiner kirchlichen Karriere jedoch nicht im Wege stand, insbesondere weil er sich in den unruhigen Zeiten gut zu positionieren wusste und auf die „richtige Seite“ stellte. Im Jahr 1431 wurde in Rom Eugen IV. zum Papst gewählt. Gegen ihn erhoben sich die Mitglieder der Familie Colonna, aus der sein Vorgänger Martin V. stammte, der auf dem Konzil von Konstanz im Jahr 1417 gewählt worden war. Die Colonnas hatten von ihrem Verwandten große Besitzungen in und um Rom erhalten, darunter auch die Engelsburg, und hatten das Gefühl, dass der neue Papst nicht vorhatte, diesen ihren Riesenbesitz unangetastet zu belassen. 1434 lösten sie in Rom einen Aufstand gegen den neuen Papst aus, der am 4. Juni jenes Jahres verkleidet in einem kleinen Boot, bedeckt mit Schilden, fliehen musste, während ihn die Menge vom Ufer aus mit Steinen und Pfeilen attackierte. Eugen gelang die Flucht, er fand Asyl in Florenz, er wollte allerdings Rom keineswegs aufgeben.

Giovanni Vitelleschi blieb ihm treu und bot sich als idealer Befehlshaber der päpstlichen Truppen an. Die Wette des Papstes ging auf – schon im Oktober unterwarf Vitelleschi Rom mit brutaler Gewalt, das sich wieder einmal kurz als Republik versuchte. Er entzog den Bürgern sämtliche Rechte und zwang den Stadtsenat, ihn zum „tertius pater patriae post Romulum“ – also zum „dritten Vater der Stadt nach Romulus“ – zu ernennen. Er herrschte mit harter Hand, und der Papst dankte ihm für seine Loyalität unter anderem, indem er ihn zum Erzbischof von Florenz und zum lateinischen Patriarchen von Alexandria ernannte. 1437 erhob Papst Eugen Vitelleschi schließlich auch zum Kardinal. Von den Aktivitäten ihres berühmten Sohnes profitierte auch die Stadt, die damals noch Corneto hieß. 1435 verlieh ihr der Papst die Stadtrechte und machte sie zum Bischofssitz.

Gerade in jener Zeit, auf dem Höhepunkt seiner Macht, ließ sich der frisch ernannte Kardinal in seiner Heimatstadt Tarquinia einen Palast erbauen – die Bauzeit war von 1436 bis 1439. Und so sieht der Palast auch aus. Es ist ein repräsentativer Sitz eines Mannes, der im Grunde die katholische Kirche beherrschte – und sich dessen auch bewusst war. Besonders das Obergeschoss mit den privaten Räumen war reich mit Fresken geschmückt, und kein Geringerer als Filippo Lippi malte 1437 die Madonna für die Kapelle des Kardinals. Diese Madonna, bekannt als „Madonna von Tarquinia“, gehört zu den Juwelen der italienischen Renaissancemalerei.

Madonna de Tarquinia von Filippo Lippi

Kardinal Giovanni konnte seinen neuen Luxus jedoch nicht lange genießen – hauptsächlich, weil er das Maß nicht kannte. 1440 begann der Papst ihm zu misstrauen, denn er sah, wie Vitelleschi immer mehr Macht an sich riss. Es gelang, Briefe abzufangen, die der Kardinal mit einem der berühmtesten Condottieri seiner Zeit, Niccolò Piccinino, austauschte, der gerade in der Toskana wütete. Der Papst fürchtete – möglicherweise zu Recht –, dass diese beiden Herren ihn stürzen wollten und Vitelleschi vielleicht selbst nach der Papstkrone strebte. Er ließ ihn daher hinterhältig von seinem Kastellan der Engelsburg, Antonio Rido, gefangen nehmen. Vitelleschi leistete bei der Verhaftung offenbar Widerstand, denn offiziell starb er kurz darauf an den Folgen seiner Verletzungen.

Heute befindet sich in seinem Palast das Archäologische Museum mit den reichhaltigsten etruskischen Funden in ganz Italien. Zahlreiche Grabsteine – männliche wie weibliche, aus Stein oder Keramik – und viele Fundstücke aus diesen Gräbern sind dort zu sehen. Die Etrusker waren recht konservativ, lehnten lange die neue Methode der roten Figurenkeramik ab und blieben bei der alten Technik der schwarzen Figuren. Ihre Spezialität waren Gefäße, die unter Sauerstoffausschluss in Kohlenmonoxid gebrannt wurden, wodurch sie ihre intensive schwarze Farbe erhielten. Was die auf der Keramik dargestellten Themen betrifft, waren sie allerdings nicht allzu konservativ – auf Tellern und Gefäßen gibt es viele erotische Szenen. Interessant fand ich, dass dabei nicht nur der klassische Geschlechtsverkehr von hinten dargestellt ist, sondern auch der in der Missionarsstellung – ich dachte, diese sei erst von den Christen eingeführt worden, aber offenbar lag ich falsch.

Im Museum gibt es neben der Madonna von Lippi auch mehrere rekonstruierte etruskische Gräber mit Wandmalereien sowie eine große numismatische Sammlung. Die Hauptattraktion ist eine Sammlung goldener Münzen (ich zählte 174) aus der Zeit der römischen Kaiser Valentinian I., Valentinian II., Theodosius, Arcadius und Honorius. Diese wurden bei Ausgrabungen in Gradisca entdeckt. Wahrscheinlich hatte ein unglaublich reicher Mensch diesen Schatz vergraben, um ihn vor den herannahenden Westgoten unter Alarich zu verbergen, die Italien im Jahr 410 verwüsteten. Offenbar überlebte er den Gotensturm nicht und konnte das Gold nie wieder ausgraben.

Der berühmteste archäologische Fund ist allerdings ein Fragment einer Statue geflügelter Pferde, das zum Symbol von Tarquinia wurde. Es ist in einem eigenen Saal im obersten Stockwerk des Gebäudes ausgestellt.

Die Hauptachse der Stadt ist die „Corso Vittorio Emanuele“, auf der man bis zum Hauptplatz „Piazza G. Matteotti“ mit dem reizenden „Palazzo Comunale“ hinaufspazieren kann.

Palazzo Communale

Aber Achtung! Bestellt euch auf keinen Fall weißen Wein in der Bar auf diesem Platz! Wir bekamen ein schrecklich saures Gesöff, vermutlich Apfelwein, und die Kellnerin wollte nicht verstehen, dass wir unter Wein etwas völlig anderes verstehen. Es mag sich um eine lokale Spezialität handeln – aber auf die kann man mit gutem Gewissen verzichten. Das so etwas in Italien passieren konnte, war für mich vollkommen unvorstellbar.

Das Städtchen selbst ist mit seinen steinernen Gebäuden und den vielen Türmen und Kirchen charmant. Der Dom („Duomo“) ist etwas eigenartig, denn obwohl er im klassizistischen Stil umgebaut wurde, blieb die Apsis in ihrem gotischen Stil erhalten. Diese sowie die Seitenkapellen sind mit Fresken von Antonio da Viterbo aus dem Jahr 1509 geschmückt. Die Kirche wirkt dadurch etwas uneinheitlich, aber die Fresken anzuschauen lohnt sich auf jeden Fall.

Die Hauptattraktion von Tarquinia liegt jedoch außerhalb der Stadt – auf der „Necropoli Etrusca“, auch Monterozzi genannt. Eintrittskarten kann man zusammen mit denen für das Museum kaufen, und ein großer Parkplatz befindet sich direkt vor dem Eingang. Das Problem ist nur, ihn zu finden. Als wir uns auf das GPS und die Beschilderung verließen, landeten wir irgendwo im Niemandsland. Erst als wir die Adresse „Via di Ripagretta“ eingaben, kamen wir an den richtigen Ort.

Diese etruskische Nekropole erinnert stark an das Tal der Könige in Ägypten. Es sind einige Gräber zugänglich. Man steigt über Treppen hinunter in die Grabkammern, die wunderschön geschmückt sind – bemalt mit Naturmotiven, aber vor allem mit Szenen von Festen und Banketten. Das brachte den britischen Schriftsteller D.H. Lawrence, der die Ausgrabungen im April 1927 besuchte, auf die Idee, dass die Etrusker sich auf den Tod freuten und ihn als Befreiung von den irdischen Mühen sahen. Vielleicht lag das auch daran, dass Lawrence an Tuberkulose litt und seinen eigenen Tod nahen fühlte. Er starb im März 1930 im Alter von 44 Jahren, und sein Werk „Etruscan Places“ erschien erst postum im Jahr 1932.

Wir sind in mehrere Gräber hinabgestiegen, die heute durch Glaswände vom Publikum getrennt sind, um zu verhindern, dass Feuchtigkeit an die Fresken gelangt und sie beschädigt. Am schönsten ist meiner Meinung nach die „Tomba dei Leopardi“, mit einer wunderschön erhaltenen Malerei eines Festmahls, wo dem Verstorbenen von links Speisen und Getränke von Dienern gebracht werden, während von rechts Musik gespielt wird. Über seinem Kopf befindet sich das Bild zweier Leoparden, nach denen das Grab benannt wurde.

Übrigens: Nur 5 Kilometer von der Stadt entfernt liegen schöne Strände, die sich hervorragend zum Baden eignen. So lässt sich eine Bildungsreise wunderbar mit dem Genuss eines Meeresbades verbinden.

Viterbo

Rom war nicht immer der Nabel der Welt und der Sitz des Oberhauptes der katholischen Kirche. Es gab Zeiten, in denen die Päpste außerhalb Roms residierten – und manchmal sogar für recht lange Zeiträume. Die Stadt Viterbo lebt bis heute von einer dieser berühmten Episoden ihrer Geschichte im 13. Jahrhundert.

Doch die Einwohner Viterbos geben sich nicht damit zufrieden, dass in den Mauern ihres „Sala del Conclave“ einst fünf Päpste gewählt wurden. Sie behaupten sogar, ihre Stadt sei von niemand Geringerem als dem biblischen Urvater Noah gegründet worden. Damit würden sie das Recht beanspruchen, sich als älteste Stadt Italiens – wenn nicht der Welt – zu bezeichnen. Als jedoch der Maler Baltassare Croce bei der Ausgestaltung des Rathaussaals „Palazzo dei Priori“ statt Noah Herkules malte, waren sie dennoch zufrieden.

Zu den berühmten Persönlichkeiten, die aus Viterbo stammen sollen, gehört auch der byzantinische Kaiser Michael Palaiologos, der Eroberer Konstantinopels im Jahr 1261. Die Einwohner stört dabei wenig, dass der griechische Kaiser damals den lateinischen Kaiser aus Konstantinopel verjagte – ein orthodoxer und damit eigentlich häretischer Herrscher, der einen rechtgläubigen besiegte und verbannte. Für eine Stadt mit päpstlicher Geschichte ist das ein beeindruckendes Zeichen von Toleranz. Das Porträt von Michael Palaiologos schmückt die Stirnwand des Rathaussaals „Sala Regia“.

Kaiser Michail Palailogos

All diese Legenden – oder vielleicht eher Märchen – beruhen auf den Schriften von Annius von Viterbo, einem Humanisten des 15. Jahrhunderts, der seine Heimatstadt berühmt machen wollte und dabei seiner Fantasie freien Lauf ließ. Seine Leistung wurde schließlich mit seinem Porträt in einem der Fresken der „Sala Regia“ gewürdigt. Der „Sala Concilii“ ist mit einfarbigen Fresken von Teodoro Siciliano verziert, die zwar weniger auffällig sind, dafür aber den Raum, in dem bis heute das Stadtparlament tagt, in eine feierliche Atmosphäre tauchen.

Der „Palazzo dei Priori“ auf der „Piazza del Plebiscito“ ist allein schon wegen dieser seinen kunstvoll gestalteten Sälen einen Besuch wert. Dieser malerische Platz im Herzen der von historischen Mauern umgebenen Altstadt wird zudem vom „Palazzo del Podestà“ und dem Gebäude der Präfektur geschmückt. Ein absolutes Highlight ist dann die Terrasse mit einem Brunnen im Innenhof des „Palazzo dei Priori“. Von hier aus bietet sich ein atemberaubender Blick über die Stadt.

Die Terasse Palazzo dei Priori

Doch das wahre historische Zentrum liegt ein Stück weiter auf der „Piazza di San Lorenzo“, wo sich neben der Kathedrale auch der päpstliche Palast „Palazzo dei Papi“ erhebt.

Palazzo dei Papi

Um die Geschichte zu spüren, muss man die Treppen zur Terrasse des Palastes mit ihrem herrlichen Blick auf die Stadt hinaufsteigen und betritt dann den Saal, in dem Geschichte geschrieben wurde. Über dem Eingang prangen die Porträts der fünf Päpste, die hier gewählt wurden. Doch einfach war es nicht, besonders im Jahr 1271.

In Viterbo gewählte Päpste

1268 starb in Viterbo Papst Clemens IV., und die 18 Kardinäle, die seinen Nachfolger wählen sollten, fanden drei Jahre lang keinen Konsens. Eine Fraktion unterstützte den Kandidaten von Karl von Anjou, dem König von Neapel, die andere wollte auf die Wahl des römischen Königs warten. Das römische Reich befand sich seit dem Jahr 1254 in einem Interregnum, also ohne einen legitimen Herrscher. Der endlose Aufenthalt der Kardinäle kostete die Stadt Viterbo viel Geld und das strapazierte die Geduld der Stadtverwaltung. Schließlich beschlossen Bürger unter der Führung des Franziskaner-Generals Bonaventura, im Januar 1270 alle Ausgänge des Palastes zuzumauern. Als das nicht reichte, ließ Karl von Anjou im Mai das Dach des Saals entfernen. Es regnete hinein, die Sonne brannte, die Kardinäle suchten Schutz unter Zelten, die sie notfallmäßig aufgestellt hatten – die Löcher zur Befestigung der Zelten sind noch heute in dem Steinboden des Saales sichtbar. Schließlich, am 1. September 1271, wurde Teobaldo Visconti zum Papst gewählt, der sich gerade im Heiligen Land aufhielt. Also dauerte es weitere vier Monate, bis er in Italien erschien.  Er nahm den Namen Gregor X. an.

Eine Urkunde, in der sich die Kardinäle über die Umstände ihres Aufenthaltes beschweren

1276, das Jahr der vier Päpste, war noch chaotischer. Eigentlich wurden fünf Päpste gewählt, aber einer starb bereits am Tag nach seiner Wahl und konnte daher nicht geweiht werden. Deshalb zählt er nicht. Symptomatisch ist, dass unter den fünf Päpsten, die in Viterbo gewählt wurden – Urban IV., Gregor X., Johannes XXI., Nikolaus III. und Martin IV. – schickte Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ zwei in das Fegefeuer und zwei direkt in die Hölle. Nur Johannes XXI. schaffte es in seinen Augen in den Himmel. Er war ein Gelehrter aus Portugal, der sich der Alchemie widmete und möglicherweise bei einem Experiment starb.

Wenn Sie den Audioguide (kostenlos) nutzen, erfahren Sie alles über diese Wahlen bis ins kleinste Detail.

Auf der einen Seite des Platzes steht die Kathedrale San Lorenzo, ursprünglich eine romanische Kirche, die später mit gotischen Elementen erweitert wurde. Irgendwo in dieser Kathedrale soll Papst Alexander IV. begraben sein, der 1261 in Viterbo starb. Dieser unfähige Papst widmete sein Leben dem Kampf gegen die staufische Herrschaft, vertreten durch Manfred von Sizilien, den Sohn Kaiser Friedrichs II. Doch in den Auseinandersetzungen mit Manfred unterlagen die Guelfen, die Anhänger des Papstes, besonders verheerend in der Schlacht von Montaperti. Alexander starb in Viterbo. Aus Angst vor der Entweihung der Leiche versteckten die Kanoniker den toten Papst so gut, dass sein Grab bis heute unentdeckt geblieben ist.

Neben der Kathedrale befindet sich die Sakristei, die 1793 unter Bischof Giovanni Carlo Bandi im klassizistischen Stil erbaut wurde. Ihre Wände sind mit Holz verkleidet und tragen das Wappen des Bischofs. Von hier aus gelangt man in das archäologische Museum „Museo Civico“. Im Museum sind etruskische Artefakte sowie Werke von drei Künstlern aus Viterbo zu sehen, auf die die Stadt besonders stolz ist: Domenico Corvi, Ludovico Mazzanti und Bartolomeo Cavarozzi. Besonders beeindruckend ist der Evangelist Johannes von Mazzanti.

Johann Evangelist von Ludovico Mazzanti

Nach Verlassen der „Piazza San Lorenzo“ führt der Weg am prächtigen Palazzo Farnese vorbei zur „Piazza della Morte“, dem „Platz des Todes“. Dass hier Hinrichtungen stattgefunden haben, entspricht anscheinend nicht der Wahrheit. Der Name könnte auf die Tätigkeit der „Confraternità della Misericordia“ zurückgehen, die Kranke pflegte und Verstorbene beerdigte. Der Friedhof war damals in der Nähe dieses Platzes.

In der mittelalterlichen Viertel „San Pellegrino“, der einstigen Handwerkersiedlung, ist der historische Charme Viterbos besonders lebendig. Hier befindet sich auch die romanische Kirche „Santa Maria Nuova“ mit einer ungewöhnlichen Außenkanzel. Von hier predigte der berühmte Thomas von Aquin, der auf Einladung von Papst Clemens IV. 1267–1268 in Viterbo gegen Häresie predigte. Die Kanzel ist nicht in der Kirche aber auf einer Ecke auf der Außenseite gebaut. Offensichtlich hatte der heilige Thomas zu dieser Zeit noch nicht seine legendäre Körperfülle, da er sonst in die verhältnismäßig kleine Kanzel nicht passen würde.

Die Kanzel der Kirche Santa Maria Nuova

Abschließend ist die „Piazza Fontana Grande“ mit dem „Fontana Grande“ ein Muss – der Bau des Brunnens begann 1206 und wurde 1424 abgeschlossen.

Weitere Sehenswürdigkeiten findet man im nördlichen Teil der Stadt bei der „Porta Fiorentina“ (wo man problemlos unter den Stadtmauern in der Nähe des großen Parks parken kann). Das Zentrum dieses Stadtteils bildet die „Piazza Verdi“ – logisch mit dem Stadttheater. In unmittelbarer Nähe befindet sich jedoch die Wallfahrtskirche „Santuario di Santa Rosa“, wo die sterblichen Überreste der Stadtpatronin, der Heiligen Rosa, aufbewahrt werden. Sie lebte von 1233 bis 1252. Während ihres kurzen Lebens soll sie durch zahlreiche Wunder berühmt geworden sein, vor allem jedoch durch ihr politisches Engagement. Als siebzehnjähriges Mädchen versuchte sie mit flammenden Reden die Bevölkerung von Viterbo zu überzeugen, auf der Seite von Papst Innozenz IV. im Kampf gegen Kaiser Friedrich II. auszuharren. Dies gelang ihr nicht vollständig, sie musste sogar zusammen mit ihren Eltern aus der Stadt fliehen und kehrte erst nach dem Tod des Kaisers zurück. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, in den Klarissenorden einzutreten – was ihr aufgrund der Unfähigkeit, eine angemessene Mitgift aufzubringen, verweigert wurde –, starb sie im Alter von achtzehn Jahren an der dadurch verursachten Depression. Heute wird ihr Leichnam im „Sanctuario de Santa Rosa“ aufbewahrt, einem Klarissenkloster, das sie damals abgelehnt hatte. In der Nähe des Klosters zeigt man ihr Geburtshaus, und eines der Stadttore ist sogar nach ihr benannt. Am 3. September tragen 90 Männer einen mehrere Tonnen schweren Turm von San Sisto nach Viterbo.

Bevor man Viterbo verlässt, lohnt es sich, die gigantische Kirche San Francesco in der Nähe des Tores Porta Fiorentina zu besuchen. Dort befinden sich zwei monumentale Grabmäler von Päpsten, die in Viterbo gestorben sind – und deren Leichname im Gegensatz zu Alexander IV. nicht versteckt werden mussten. Vielleicht, weil es inzwischen gelungen war, die Staufer zu besiegen, auszurotten und Italien unter päpstliche Kontrolle zu bringen. (Diese Kontrolle war allerdings relativ, die Päpste taten zwar so, als ob sie herrschten und Karl von Anjou ihnen diente, aber in Wirklichkeit war es umgekehrt. Dennoch mussten sie nicht mehr um die Schändung ihrer Leichname fürchten).

Es handelt sich um die Grabmäler des bereits erwähnten Clemens IV. und vor allem von Hadrian V., die sich durch schöne, farbenfrohe Marmor- und Glas-Mosaiken auszeichnen, die in weißen Marmorstein eingelassen sind.

Die Grabstätte von Hadrian V.

Auf dem Boden befinden sich runde Steine, die an zwei Päpste erinnern, die diese Kirche besuchten: Pius XII., der am 9. Dezember 1949 hier war, und Johannes Paul II., der am 27. Mai 1984 hier war – aber der war ja sowieso überall.

Übrigens war der Grund, warum die Päpste so gerne in Viterbo wohnten, natürlich die dortigen Thermalbäder. Die „Terme dei Papi“ oder „Päpstlichen Bäder“ liegen etwa 3 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, und ihrem schwefelhaltigen Wasser werden heilende Wirkungen zugeschrieben. Es gibt dort auch Schlammbäder. Sie sind immer noch in Betrieb.

Die Umgebung des “Lago di Bolsena”

Die Umgebung des Lago di Bolsena

Mittelitalien wird von drei großen, schönen Seen geschmückt: dem „Lago di Trasimeno“, dem „Lago di Bracciano“ und dem „Lago di Bolsena“. In der Nähe des letztgenannten befinden sich zwei touristisch äußerst attraktive Ziele, die ich nicht unerwähnt lassen kann.

Etwa 20 Kilometer von Orvieto entfernt liegt das Städtchen Bagnoregio. Ich danke Facebook dafür, dass mir jemand eine Luftaufnahme dieses kleinen Juwels geschickt hat – dadurch habe ich es in meine Reiseroute aufgenommen. Das habe ich keineswegs bereut. Allerdings hatte es einen Haken.

Civita vecchia de Bagnoregio

Wir parkten bequem auf einem großen Parkplatz unterhalb der Stadt vor dem Stadttor Porta Albana, wo ein Denkmal Sacrario Garibaldino steht, weil hier, unter der Stadt, stellten sich im Jahr 1867 die Freiwiligen Garibaldis der päpstlichen Armee bei ihrem Marsch auf Rom – und verloren. Wir machten uns auf der Hauptstraße in die Richtung auf, in die das Schild „Civitas Vecchia“, also zur Altstadt, wies. Ich wusste allerdings nicht, wie weit es tatsächlich war. Nachdem wir etwa zwei Kilometer gegangen waren – und damit fast die Hälfte der Parkzeit verbraucht hatten, die ich bezahlt hatte –, stellten wir fest, dass es direkt in der Nähe der Altstadt noch einen weiteren Parkplatz gab. Nur geringfügig teurer und ziemlich gut erreichbar. Also machten wir uns im schnellen Schritt wieder zwei Kilometer zurück zum Auto und parkten um. Immerhin kamen wir auf diese Weise an der Stadtverwaltung der neuen Stadt und an einer Kirche vorbei, die einem berühmten Sohn der Stadt gewidmet ist – dem wir später noch mehrmals begegnen sollten. Diese Kirche befindet sich direkt am Porta-Albani. Doch auch die Stadtkathedrale auf der Piazza Cavour ist dem heiligen Nikolaus, dem heiligen Donatus sowie diesem berühmten Sohn der Stadt gewidmet, der in Bagnoregio einfach allgegenwärtig ist. Bagnoregio wurde bereits im sechsten Jahrhundert von Papst Gregor dem Großen zum Bischofssitz erhoben. Bis zum Jahr 1699 residierte der Bischof in der Altstadt, bevor er in die neue Stadt umzog, die leichter zugänglich ist und mehr Komfort bietet.

Es handelt sich um den heiligen Bonaventura, einen berühmten Philosophen und Schriftsteller des Franziskanerordens, der im 13. Jahrhundert lebte. Besonders bekannt wurde er durch seine apokalyptischen Visionen, in denen er das Ende der Welt und das Kommen des Antichristen voraussagte. Er war überzeugt, dass der Antichrist bereits geboren sei und sich auf seinen entscheidenden Angriff gegen das Christentum vorbereite – er identifizierte ihn mit Kaiser Friedrich II., der 1195 geboren wurde. Bonaventura wurde auch dadurch berühmt, dass er im Jahr 1270 die Bürger von Viterbo davon überzeugte, die Türen des Saales zuzumauern, in dem sich die Kardinäle bereits drei Jahre lang bei einem Konklave nicht auf einen neuen Papst einigen konnten. Doch selbst das half nicht – der damalige (inoffizielle) Herrscher Mittelitaliens, Karl von Anjou, musste den Kardinälen sogar das Dach abnehmen und die Lebensmittelzufuhr einschränken, bis sie schließlich Teobaldo Visconti wählten, der den Namen Gregor X. annahm. Der Legende nach soll Bonaventura sogar ein ernstzunehmender Kandidat für das Papstamt gewesen sein – aber das ist wohl eher ein Mythos. Ich kann mir schwer vorstellen, dass verärgerte Kardinäle, eingemauert und auf Brot und Wasser gesetzt, ihren „Gefängniswärter“ gewählt hätten. Gregor X. ernannte Bonaventura jedoch zum Kardinal und beauftragte ihn mit der Vorbereitung eines Kirchenkonzils in Lyon. Während dieser Vorbereitungen starb Bonaventura 1274 in Lyon. Sein Denkmal befindet sich in der Neustadt auf dem Platz vor der Kirche Chiesa Santa Annunziata. Auf dem Denkmal sind drei Geschichten aus seinem Leben dargestellt: seine wunderbare Heilung durch den heiligen Franziskus, seine Begegnung mit dem heiligen Thomas von Aquin und seine Tätigkeit beim Konzil in Lyon.

Das Denkmal des heiligen Bonaventura

Das Geburtshaus des heiligen Bonaventura befindet sich in Bagnoregio, in der „Civitas Vecchia“, ist jedoch ohne Führer nur schwer zu finden – uns ist es jedenfalls nicht gelungen. Dafür gibt es eine Höhle, in der er der Legende nach gelebt haben soll – diese befindet sich jedoch nicht in der Altstadt, sondern unterhalb des Aussichtspunkts auf diese, dem sogenannten „Belvedere“ im Park Falcone e Borsellino am äußersten Ende der Neustadt.

Die Grotte des heiligen Bonaventura

Bonaventura war als Kind – damals hieß er noch Giovanni Fidanza – schwer krank, und der heilige Franziskus heilte ihn durch seinen Segen. Der Legende nach besuchte die dankbare Mutter mit dem Jungen den sterbenden Franziskus (sein Sterben zog sich über längere Zeit hin), und Franziskus soll beim Anblick des Kindes ausgerufen haben: „Buona ventura“, was so viel bedeutet wie „gute Zukunft“. Wenn es nicht wahr ist, dann ist es immerhin eine gut erfundene Geschichte – Giovanni nahm diesen Namen später beim Eintritt in den Franziskanerorden an. Er studierte an der Sorbonne in Paris und wurde im Jahr 1257 zum General des Franziskanerordens gewählt – die Legende könnte bei der Wahl eine wichtige Rolle gespielt haben. Aufgrund seines Wirkens im Orden wird er manchmal als „zweiter Gründer des Ordens“ bezeichnet. Heiliggesprochen wurde er im Jahr 1482 von dem eher problematischen Papst Sixtus IV. – dem Erbauer der Sixtinischen Kapelle, der 1478 angeblich den Mordanschlag auf die Medici-Brüder Lorenzo und Giuliano angestiftet haben soll (wobei nur Giuliano getötet wurde).

Bagnoregio  ist jedoch auch ohne seinen berühmten Sohn für einen Besuch verlockend. Die Stadt liegt auf einem Tufffelsen inmitten eines weiten, grünen Tals, das nichts anderes sein kann als eine riesige vulkanische Caldera. Der Felsen, auf dem die Stadt steht, ist eigentlich ein Vulkanschlot, also eine Magmaausfüllung im Inneren des Kraters. Der Vulkan ist jedoch nicht mehr aktiv – die Stadt wurde einst von den Etruskern erbaut und bislang von keinem Ausbruch zerstört. Allerdings wurde die Altstadt von einem Erdbeben im Jahr 1695 in Mitleidenschaft gezogen worden, was den damaligen Bischof dazu bewegte, den Bischofsitz im Jahr 1699 von der Altstadt in die Neustadt zu verlegen. Bagnogerio wurde bereits im sechsten Jahrhundert durch ein Dekret von dem Papst Gregor dem Großen zum Bischofsitz. Erreichen kann man die Altstadt nur über eine Brücke, und aus der Ferne wirkt sie wie eine Ruine. Tritt man jedoch durch das Stadttor ein, ist man überrascht, wie lebendig sie ist.

Es gibt eine romanische Kirche, wo der Leichnam des heiligen Hildebrand als eine heilige Reliquie aufbewahrt ist – der heilige war in den Jahren 856 – 873 der Bischof von Bagnoregio – an Heiligen mangelte es in Italien nie.

Der heilige Hildebrand

Weiter gibt es hier zahlreiche Restaurants, Hotels, Apartments, ein geologisches Museum, und man kann etruskische Höhlen besichtigen, die vor zweieinhalbtausend Jahren von den damaligen Bewohnern in den Felsen gehauen wurden. Romantische Gassen zwischen steinernen Häusern, viel Grün, herrliche Ausblicke auf die grünen und felsigen Wände des Tals, das die Stadt von allen vier Seiten umgibt – es ist ein Ort der Ruhe und des Genusses. Jedenfalls bis die Touristenmassen eintreffen.

Deshalb lohnt es sich, die Stadt bereits am Morgen zu besuchen – gegen elf Uhr verwandelt sie sich nämlich in ein wahres Babylon. Touristengruppen strömen durch die engen Gassen, die Reiseleiter winken mit Fähnchen und ziehen ihre Gruppen hinter sich her. Das ist dann der richtige Moment, diesen wunderbaren Ort wieder zu verlassen, bevor der Eindruck getrübt wird.

Im neuen Stadtteil gibt es außerdem noch ein weiteres Museum, das einen Besuch wert ist – das „Museo Piero Taruffi“. Taruffi (1906–1988) war ein Automobilrennfahrer in den 1930er bis 1950er Jahren. Er fuhr und gewann Rennen der damaligen Weltmeisterschaft zunächst für Fiat, Alfa Romeo, Ferrari und schließlich für Lancia. Weltmeister wurde er zwar nie, seine beste Platzierung war ein dritter Platz im Jahr 1952 – in diesem Jahr errang er übrigens in der Schweiz seinen einzigen Sieg in der Formel 1. Das Museum zeigt Pokale, aber auch historische Autos. Wer sich also für die Anfänge der Formel 1 interessiert, ist dort genau richtig. Parken kann man allerdings direkt am Museum nicht. Warum sich dieses Museum gerade in Bagnoregio befindet, ist ein wenig rätselhaft. Taruffi wurde dort weder geboren noch ist er dort gestorben, eigentlich hatte er mit dieser Stadt überhaupt nichts zu tun. Doch seine Familie entschied sich angeblich für diesen Ort, um die Attraktivität des Ortes für den Tourismus zu steigern. Wahrscheinlich suchte man gezielt eine Gegend ohne große Konkurrenz durch andere Sehenswürdigkeiten (was in Italien nicht einfach ist) und nutzte gleichzeitig die Anziehungskraft der Altstadt – womit man zumindest mit einer gewissen Besucherzahl für das Museum rechnen konnte.

Nur sechs Kilometer von Bagnoregio entfernt liegt das Städtchen Bolsena. Es handelt sich um die ehemalige römische Stadt Volsinii Novi, wohin die Römer die etruskische Bevölkerung aus dem eroberten Volsinii – dem heutigen Orvieto – umsiedelten. Von der antiken Stadt sind heute nur sehr bescheidene Reste erhalten. Doch Bolsena am Ufer des gleichnamigen Sees ist sowohl schön als auch berühmt.

Zunächst zur Schönheit. Die Stadt hat einen oberen und einen unteren Teil. Über dem oberen thront die große Festung „Rocca Monaldeschi della Cervara“, erbaut von der Familie Monaldeschi, die die Stadt im Namen des nahen Orvieto verwaltete.

Rocca Monaldeschi della Cervara

Orvieto kämpfte nämlich mit dem Papst bis zum Jahr 1448 um Bolsena – erst dann wurde auch Orvieto endgültig Teil des Kirchenstaats und die Auseinandersetzungen fanden ein Ende. In der Festung befindet sich heute ein Museum. In unmittelbarer Nähe steht die Kirche „Chiesa San Salvatore“. Ebenfalls nahebei: der „Palazzo del Drago“, ein Renaissancepalast mit Fresken, und der „Palazzo Conte“, in dem sich das örtliche Museum befindet. In den engen steinernen Gassen findet man zahlreiche Enotheken und Bars, die den berühmten lokalen Wein „Est! Est!! Est!!!“ anbieten.

Doch das berühmteste von Bolsena befindet sich im unteren Stadtteil, nahe dem Seeufer: die Kathedrale „Chiesa di Santa Cristina“.

Chiesa di Santa Christina

Die heilige Christina ist die Schutzpatronin der Stadt und in der Krypta der Kirche bestattet. Ihren Sarkophag kann man durch ein Gitter sehen – wenn man 50 Cent für die Beleuchtung bezahlt hat. Ihre Darstellung findet sich auch in der Seitenkapelle der romanischen Kathedrale. Die sterblichen Überreste dieser Märtyrerin, die im Jahr 295 n. Chr. starb, könnten tatsächlich echt sein. Im Jahr 1880 fanden Archäologen bei der Untersuchung der Fundamente einer frühchristlichen Basilika nahe Bolsena eine Marmorurne mit der Inschrift I.R.Q.E.S.C.P.B.T.X.M, die als „Hic requiescit corpus Beatae Xristinae Martyris“ (Hier ruht der Leib der seligen Märtyrerin Christina) interpretiert wurde. Eine Analyse bestätigte, dass es sich um die Überreste eines jungen Mädchens aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. handelte. Christina ist daher Schutzheilige der Stadt. Da Bolsena an der Pilgerroute Via Francigena nach Rom liegt (die in Canterbury, England, beginnt), wird ihr Grab von Pilgern häufig besucht.

Kein Wunder also, dass ausgerechnet in dieser Kathedrale aus dem 10. Jahrhundert, die der heiligen Christina geweiht ist und in der seit 1880 ihre Gebeine ruhen, das Blutwunder geschah, das ich in meinem Artikel über Orvieto beschrieben habe. Die Kirche stand in ihrer heutigen architektonischen Form (wenn auch mit anderer Innenausstattung) bereits im denkwürdigen Jahr 1263. Wenn Sie jedoch den steinernen Altar sehen möchten, bei dem es zu dem Wunder gekommen ist, dann ist es nicht der im Hauptschiff, sondern in der Seitenkapelle in Richtung der Grabstätte der heiligen Christina.

Der Altar des Blutwunders – Frohleichnam

Diesen Altar ließ die legendäre Gräfin Mathilde von Canossa, Markgräfin der Toskana, bereits im 11. Jahrhundert errichten. Diese Dame herrschte über die Toskana und Emilia-Romagna; im Investiturstreit stellte sie sich auf die Seite des Papstes gegen Kaiser Heinrich IV., und um ihr Erbe stritten sich Papst und Kaiser noch bis ins 13. Jahrhundert. Die Fassade der Kirche ist jünger – sie wurde in den Jahren 1493–1495 von Kardinal Giovanni di Medici (Sohn von Lorenzo dem Prächtigen) in Auftrag gegeben, der 1513 Papst Leo X. wurde. Architekt dieser Fassade war niemand Geringerer als der damals zwanzigjährige Michelangelo Buonarroti.

Das Bild mit der blutenden Hostie, bekannt als „Wunder von Bolsena“, befindet sich nicht nur in der Seitenkapelle der Kathedrale, sondern wurde unter anderem auch von dem großen Raffael (Raffaello Santi) gemalt. Sein Fresko „La Messa di Bolsena von 1512 schmückt die „Sala di Eliodoro“ im Vatikan.

Und natürlich gibt es noch den See, mit seinen Stränden, Bootsausflügen und umliegenden Bergen – also ein idealer Ausgangspunkt für die Erkundung der Umgebung. Bolsena ist darauf bestens vorbereitet.

Orvieto

Vor einer langen Zeit, im Jahr 2001, reiste ich mit meiner Familie mit dem Zug nach Rom. Früh am Morgen hielt der Zug an einem Bahnhof, und über mir erhob sich auf beeindruckenden hohen Felsen eine wunderschöne Stadt. Ich fand heraus, dass es sich um Orvieto handelte, und schon damals beschloss ich, dass ich sie eines Tages besuchen muss. Ich hätte nicht gedacht, dass ich weitere 24 Jahre auf dieses Erlebnis warten müsste und dass die Stadt noch schöner sein würde, als ich es mir vorgestellt hatte.

Die Italiener haben die unangenehme Angewohnheit, ihre Städte auf Hügeln zu bauen. Das ist eine Herausforderung, besonders wenn man ein verletztes Knie hat – was in meinem Fall zutraf. Orvieto steht jedoch vollständig auf einem Tuffsteinfelsen, was bedeutet, dass es eher schwierig ist, mit dem Auto dorthin zu gelangen (es gibt nur eine Zufahrt von der Westseite der Stadt, was in der Praxis bedeutet, dass man den beeindruckenden Felsen nach der Autobahnausfahrt vollständig umfahren muss). Und vor allem ist es fast unmöglich, in der Stadt einen Parkplatz zu finden. Deshalb habe ich ein Apartment, das „Parcheggio privato“ versprach, gebucht. Doch erst bei der Ankunft stellte ich fest, dass dies noch lange kein Sieg war. Man musste sich durch ein Labyrinth enger Straßen schlängeln, wobei die Via Albani, obwohl ein grünes Schild sie als Zubringer zur Autobahn A1 auswies, so schmal war, dass ich überlegte, die Außenspiegel zuzuklappen.

Glücklicherweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits unsere Gastgeberin Francesca am Telefon, die mich lautstark mit „Avanti, Avanti!“ ermutigte in die enge Gasse hineinzufahren. Als wir sie dann an der Kirche „Chiesa SS Apostoli“ trafen, übergab ich ihr gerne die Autoschlüssel, damit sie selbst in das „Parcheggio“ fuhr. Wie sie es schaffte, weiß ich nicht und verstehe es bis heute nicht. Zwei Tage später hatte ich erhebliche Schwierigkeiten, überhaupt aus der Garage herauszukommen. Francesca meinte, ein Fiat 500 wäre für den Besuch italienischer Städte besser geeignet als mein BMW X1. Und das mag tatsächlich stimmen. Sie prahlte jedoch nicht ohne Stolz, dass sie sogar einmal ein großes Audi in ihrer Garage geparkt hatte.

Orvieto hat das Problem mit dem Parking für Tagestouristen elegant gelöst. Direkt neben dem Bahnhof und damit in der Nähe der Autobahnausfahrt gibt es einen großen Parkplatz, von dem aus ein „Funiculare“ (eine Standseilbahn) in die Stadt hinauffährt. Der Fahrpreis ist in der sogenannten „Carta unica“ enthalten, einem Ticket, das Zugang zu allen Museen und Attraktionen in Orvieto gewährt – es ist ein Jahr lang gültig, falls man es an einem Tag nicht schaffen würde. Man kann es direkt auf dem Parkplatz oder an mehreren Stellen in der Stadt kaufen. Genau darin lag unser Problem. Als ich im Touristeninformationszentrum die „Carta unica“ kaufen wollte, musterte mich ein junger Italiener kritisch und fragte, wie lange wir in der Stadt bleiben wollten. Als ich sagte, nur einen Tag, erklärte er mir in perfektem, aber unverständlich schnellem und leisem Englisch, dass es sich für uns nicht lohne, da ältere Leute wie wir es ohnehin nicht schaffen, alle Attraktionen an einem Tag zu besuchen – und außerdem sei die etruskische Nekropole geschlossen.

Auf meine Frage, welche Tickets wir dann kaufen sollten und wo, antwortete er, dass wir das online über das Handy machen sollten, da es dort Angebote gebe – und damit hörte er auf, sich für uns zu interessieren. Ja, das Reisen in der heutigen digitalen Welt ist für analoge Menschen unseres Alters nicht einfach, und die digitale Jugend versteht das nicht und will es auch nicht verstehen. Also ging ich ins Museum „Musei archeologici Civico e Faina“ und kaufte dort die „Carta unica“ – ermäßigt für Senioren für 25 Euro. Wir haben beinahe alles geschafft – natürlich mit Ausnahme der geschlossenen etruskischen Nekropole. Die Jugend mag uns in Sachen digitaler Registrierung unterschätzen, aber körperlich schaffen wir noch immer mehr, als die jungen Leute glauben wollen.

Das Juwel von Orvieto ist seine Kathedrale. Wahrscheinlich kann sich niemand psychisch auf die Pracht vorbereiten, die einen dort erwartet. Es ist einfach ein Schock, und man könnte stundenlang auf dieses Wunder der romanisch-gotischen Architektur starren. Nicht umsonst wird sie „Goldene Lilie“ genannt. Das Bauwerk ist, ähnlich wie die Kathedrale von Siena oder Pisa, aus einer Kombination von weißem und grünem Marmor errichtet, aber das wahre Wunder ist ihre Fassade. Eine harmonische Mischung aus Mosaiken, die in leuchtenden Farben und Gold erstrahlen, Skulpturen und einer filigranen Verzierung der Säulen bis zur Spitze der Fassade – es wirkt wie ein riesiges Freiluftaltar. Oder wie ein Traum.

Die Frage ist, warum eine so prächtige Kathedrale, bei deren Bau wirklich nicht auf Geld geachtet wurde, gerade in einer Stadt wie Orvieto steht. Das hat seinen Grund. Im Jahr 1263 reiste ein deutscher Geistlicher durch die Gegend und zelebrierte eine Messe im nahegelegenen Bolsena, in der Kirche der heiligen Christina. Er selbst war ein skeptischer Priester und zweifelte an der tatsächlichen Transsubstantiation, also der Verwandlung des Brotes in den Leib Christi während der Messe. Als er allerdings die Hostie während der Messe brach, begann daraus Blut auf das Altartuch zu tropfen.

Die Hostie und das Altartuch wurden Papst Urban IV. gezeigt, der sich gerade in Orvieto aufhielt (weil ihn die Einwohner Roms wegen seiner anti-staufischen Aktivitäten vertrieben hatten). Dieser erkannte das Ereignis sofort als Wunder an und ordnete den Bau eines würdigen Heiligtums zur Aufbewahrung der Hostie in Orvieto an. Der Bau begann 1290 im romanischen Stil, da aber gute Dinge Zeit brauchen, kam vor der Fertigstellung die Gotik auf, sodass beide Stile kombiniert wurden. Allein die Erstellung der Baupläne dauerte dreißig Jahre, der eigentliche Bau zog sich über 300 Jahre hin.

Zunächst arbeitete Fra Bevignate an der Kathedrale, ihm folgten Lorenzo Maitani (der auch die Kathedrale in Florenz baute) und weitere Größen wie Andrea Pisano, sein Sohn Niccolò Pisano, Andrea Orcagna und Michele Sanmicheli. Überraschend modern sind die großen Bronzetüren der Kathedrale, die erst in den 1960er Jahren von dem lokalen Künstler Emilio Greco geschaffen wurden. (Gleich neben der Kathedrale gibt es ein Museum, das seinem Werk gewidmet ist). Im Jahr 1311 wurde das Ereignis von Bolsena auf dem Konzil von Vienne zu einem der größten kirchlichen Feste erklärt – dem „Fronleichnam“. Es wird regelmäßig am zweiten Donnerstag nach Pfingsten gefeiert, wobei Hostien in Monstranzen in feierlichen Prozessionen um die Kirchen getragen werden. In Österreich freuen wir uns, weil es ein Feiertag ist und wir nicht zur Arbeit gehen müssen.

Im Inneren der Kathedrale sollte man unbedingt die Kapellen im Querschiff besuchen. Rechts befindet sich die Kapelle mit den Fresken von Luca Signorelli, die das „Jüngste Gericht“ darstellen. Es fiel mir auf, dass in der Hölle fast ausschließlich Männer dargestellt wurden, während im Paradies auch viele Frauen waren. Wusste Signorelli nicht, dass nach kirchlicher Lehre die Frau die Quelle aller Sünden war? Die Fresken sind jedoch großartig, auch weil sie erst kürzlich restauriert wurden.

Auf der linken Seite befindet sich die „Corpus Domini“-Kapelle, also die Kapelle, in der die wundersame Hostie und das Altartuch mit den Blutflecken in einem Reliquienschrein aufbewahrt werden. Der Zugang zu dieser Kapelle ist nur zum Gebet gestattet. Das Fotografieren und Filmen sind dort strengstens verboten.

Auf der „Piazza del Duomo“ befinden sich neben dem bereits erwähnten Museum über Emilio Grecos Werk noch zwei weitere Museen. Im Palast, in dem die Päpste während ihrer Aufenthalte in Orvieto wohnten (Orvieto gehörte seit 1290 zum Kirchenstaat, dessen Herrscher der Papst persönlich war), befindet sich das „Museo Archeologico Nazionale“ mit Artefakten aus der Kathedrale, Gemälden von Andrea, Nino und Giovanni Pisano und einigen wenigen etruskischen Funden.

Die ganze Region lebt davon, dass hier einst das Reich der Etrusker war – genauer gesagt, eher eine lose Konföderation von zwölf etruskischen Städten, die es nie schafften, sich wirksam gegen die römische Expansion zu verbünden und daher untergingen.

Viel mehr dieser archäologischen Funde befinden sich im „Museo Claudio Faina e Civico“ gegenüber der Kathedrale. Graf Mauro Faina begann 1864, Gegenstände für seine Sammlung zu erwerben, und nach seinem Tod setzte sein Neffe Eugenio diese Arbeit fort. Er hörte auf, Kunstwerke aus anderen Teilen Italiens zu kaufen (viele Objekte in der Sammlung erwarb Mauro von Maria Bonaparte, der Tochter von Napoleons Bruder Lucien, da die Fainas mit dieser Familie verwandt waren) und spezialisierte sich auf Funde aus Orvieto und seiner Umgebung. Die örtliche etruskische Nekropole bot mehr als genug Material, damit die Familie Faina ihr Museum aufbauen konnte. Eugenios Sohn Claudio Junior machte die Sammlungen 1957 der Öffentlichkeit zugänglich. Für Münzsammler ist die numismatische Sammlung mit etwa 3000 antiken Münzen sicherlich sehr interessant.

Etruskische Keramik war nich gerade prüde.

Die Achse der Stadt bildet die „Corso Cavour“, die auf der „Piazza della Repubblica“ beginnt – dem ehemaligen römischen Forum der Stadt – mit der Kirche „Chiesa di Sant’Andrea“ und einer Reihe von Restaurants in unmittelbarer Nähe. An der höchsten Stelle der Stadt ragt der „Torre del Moro“ in den Himmel. Nachts wirkt er faszinierend, denn die beleuchtete Uhr strahlt in der Dunkelheit wie ein Vollmond mit Uhrzeigern.

Der Aufstieg auf den Turm umfasst 280 Stufen (oder 170, wenn man einen Teil des Weges mit dem Aufzug fährt), und von oben hat man einen wunderschönen Blick auf die gesamte Stadt.

So entdeckten wir auch den dritten Platz Orvietos, die etwas abseits gelegene „Piazza del Popolo“ mit dem gleichnamigen Palast. Davor hat Orvieto seinem berühmten Sohn Adolfo Cozza eine Büste gewidmet. Dieser Künstler, Erfinder und vor allem Archäologe, dem Orvieto die meisten archäologischen Funde verdankt, mit denen es sich heute rühmt, schloss sich im Alter von 18 Jahren den „Rothemden“ Garibaldis an und kämpfte unter der Führung des legendären Giuseppe für die Einigung Italiens, um später zur Vernunft zu kommen und sich durch seine intellektuelle Tätigkeit einen Namen in der Geschichte zu machen.

Adolfo Cozza

Geht man die „Corso Cavour“ bis zu ihrem unteren Ende entlang, erreicht man die „Fortezza Albornoz“ mit dem imposanten Tor „Porta Rocca“.

Fortezza Albornoz

Von hier aus hat man die schönsten Ausblicke auf die Felsen, auf denen die Stadt steht, sowie auf den Parkplatz am Fuße der Klippen. Die Festung ist heute ein Park, der weiter zu den eher bescheidenen Überresten der etruskischen Nekropole mit den Resten eines antiken Tempels führt.

Viel interessanter ist jedoch der nahegelegene Brunnen „Pozzo di San Patrizio“. Orvieto hatte schon immer ein Problem mit der Wasserversorgung. Es liegt auf einem Tuffsteinfelsen, der porös ist und Regenwasser durchlässt, das sich dann erst auf einer Lehmschicht 54 Meter unter der Stadt sammelt. Deshalb war der Brunnenbau in Orvieto schon immer eine äußerst anspruchsvolle Angelegenheit. Als Papst Clemens VII. im Jahr 1527 nach Orvieto kam, um hier Schutz vor den kaiserlichen Truppen zu suchen, die gerade beim „Sacco di Roma“ die Heilige Stadt geplündert hatten, beschloss er, einen Brunnen bauen zu lassen, der der Stadt im Falle einer Belagerung eine ausreichende Wasserversorgung sichern sollte.

Der Brunnen wurde vom Architekten Antonio da Sangallo gegraben, und die Arbeiten dauerten zehn Jahre. Das Ergebnis ist beeindruckend. Der Brunnen hat eine Tiefe von 54 Metern und einen Durchmesser von 13 Metern. Zur Wasseroberfläche führen 248 Stufen hinab. Diese Stufen sind sehr flach, da Esel den ganzen Tag über das Wasser hinauftrugen. Damit die absteigenden Tiere mit leeren Wassersäcken den aufsteigenden mit vollen Säcken nicht im Weg standen, ist die Treppe als Doppelspirale konstruiert, die sich nie kreuzt. Ich habe das Prinzip nicht ganz verstanden, aber es ist genial. Man kann die neugierigen Touristen gleichzeitig hinab- und hinaufsteigen sehen, ohne dass sie sich begegnen, da der Brunnen durch 72 große Fenster beleuchtet wird.

Übrigens ist der Eintrittspreis im „Carta Unica“-Ticket enthalten, aber das eigentliche Ticket muss am Informationszentrum abgeholt werden. Die „Carta Unica“ allein gewährt keinen direkten Zugang durch die Schranken am Eingang.

Orvieto ist wunderschön an der Oberfläche, aber es hat auch ein interessantes Untergrundsystem, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Auch dieser Besuch ist in der „Carta Unica“ enthalten, aber man muss sich im Informationszentrum einen Platz reservieren – am besten zur Mittagszeit, wenn die anderen Attraktionen geschlossen sind.

Unsere Führerin Christina, die ein wunderschönes Englisch sprach, allerdings in italienischem Sprechtempo, führte uns in die Räume und Gänge im Felsen unter der Stadt. In den Tuffstein zu graben, war relativ einfach und die Gänge boten eine stabile Temperatur von etwa 15 Grad – sowohl im heißen Sommer als auch im kalten Winter. Außerdem dienten diese Gänge während des Zweiten Weltkriegs als Luftschutzbunker. Viele von ihnen sind heute privat und werden als Weinkeller, Lebensmittellager oder allgemein als Lagerräume für alles genutzt, was vor Hitze geschützt werden muss. Es gibt hier auch Olivenölpressen und Mühlen. Der interessanteste Teil sind jedoch Räume mit kleinen, in die Wände gegrabenen Nischen – riesige Taubenschläge.

Die Taubenzucht war damals sehr lukrativ, da sie keine finanziellen Kosten verursachte. Das Jungtaubenfleisch „Palombo“ ist immer noch Teil der Orvietos Küche und eine lokale Spezialität, die man in Restaurants bestellen kann. Ich sah eine englische Touristin, die es bestellte. Am Ende aß sie jedoch Nudeln, weil die Taube, obwohl vermutlich lecker, nicht genug Fleisch bietet um satt zu werden.

Diese Gänge unter der Stadt dienten jedoch auch als Schmuggelwege, um Waren in die Stadt zu bringen, da die Händler die päpstlichen Zölle umgehen wollten. Als der Papst herausfand, dass die durch den Schmuggel verursachten finanziellen Verluste die Gewinne aus der Taubenzucht überstiegen, verbot er einfach die Zucht im Untergrund der Stadt und ließ die Fenster vergittern, damit die Tauben nicht zu ihren Nestern zurückkehren konnten. So ist es auch heute noch.

Ein der Gänge, die für Schmuggeln genutzt worden sind

Orvieto nennt sich selbst „Stadt des Weins“, und ich empfehle, ihn zu probieren, besonders den lokalen Weißwein. Nur einmal ließ ich mich dazu verleiten, ein Bier zu bestellen – weil der Durst groß war. Das tat ich jedoch unvorsichtigerweise auf der „Piazza del Duomo“, mit Blick auf die atemberaubende Fassade. Der Preis betrug acht Euro für 0,4 Liter, also eine „birra grande“ – offenbar war der Blick auf die Fassade im Preis inbegriffen. Es erinnerte mich ein wenig an eine Graupensuppe in der Schweiz mit Blick auf die Nordwand des Eigers.

Wenn ihr also nach Orvieto fahrt, bestellt lieber Wein, und nicht unbedingt auf dem Platz vor der Kathedrale. In anderen Lokalen waren die Preise deutlich angemessener.

Blick von der Festung auf die Felsen, auf denen die Stadt steht

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Arezzo


Arezzo ist eine mehr oder weniger unscheinbare Stadt in den toskanischen Bergen, etwa 80 Kilometer südöstlich von Florenz entfernt. Deshalb hat es ziemlich lange gedauert, bis ich mich entschlossen habe, sie zu besuchen. Umso größer war dann meine Überraschung, als ich diese schöne Stadt sah.

Arezzo ist die Geburtsstadt mehrerer berühmter Männer. Einige von ihnen sind von weltweiter Bedeutung, sodass jene, deren Ruhm sich auf Italien beschränkt, wie der Humanist Leonardo Bruni, der während der Zeit von Cosimo de’ Medici Staatssekretär in Florenz war, oder Andrea Cisalpino, ein Arzt und Botaniker aus der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, im Schatten dieser Giganten bleiben. Dennoch kümmert sich Arezzo um seine Söhne, und bei einem Spaziergang durch die Stadt stößt man immer wieder auf Büsten berühmter Männer mit entsprechenden Beschreibungen. Zum Beispiel hat Guido Monaco, ein Benediktinermönch, der von 992 bis 1050 lebte und in Arezzo die Methode der Musiknotation – also die Noten, wie wir sie heute kennen – erfand, eine große Statue auf einem runden Platz mit Kreisverkehr, der nach ihm benannt ist.

Quido Monaco

Doch die drei wirklich großen Persönlichkeiten, die in Arezzo geboren wurden, sind Gaius Cilnius Maecenas, Francesco Petrarca und vor allem Giorgio Vasari.

Derjenige, der am wenigsten Zeit in seiner Geburtsstadt verbrachte, war der Humanist und einer der Gründer der modernen Lyrik und ein Gigant der Renaissance-Literatur, Francesco Petrarca. (Leonardo Bruni nannte ihn in seinem Buch „Ignoranten“, weil er seine Verse auf Italienisch und nicht in „schönem“ Latein schrieb). Er wurde 1304 geboren, und schon 1311 musste sein Vater die Stadt verlassen, weil er in den heftigen Auseinandersetzungen zwischen Guelfen und Ghibellinen zu den Verlierern gehörte. Die Familie zog nach Avignon, und Petrarca studierte an mehreren der renommiertesten Universitäten der damaligen Zeit, hatte aber weiterhin kaum noch etwas mit seiner Geburtsstadt zu tun. In Arezzo zeigt man dennoch sein Geburtshaus, obwohl die Bedeutung dieses Gebäudes einigermaßen fraglich ist. Der Standort mag stimmen, aber das Haus wurde mehrfach umgebaut, während des Zweiten Weltkriegs gleich wie ein Großteil der Stadt bei alliierten Bombenangriffen zerstört und später wieder aufgebaut, sodass sein historischer Wert umstritten ist. Trotzdem ist in diesem Haus nahe der Kathedrale von Arezzo bis heute die „Francesco Petrarca Gesellschaft“ untergebracht.

Gaius Cilnius Maecenas lebte viel früher, als Arezzo noch Arretium hieß und eine römische Kolonie war. Maecenas war ein enger Freund des ersten römischen Kaisers Augustus – und zusammen mit ihm und Marcus Agrippa bildeten sie eine Art Triumvirat. Maecenas war Augustus sehr nützlich, ohne selbst politische Ambitionen zu haben. Er diente im diplomatischen Dienst und kümmerte sich vor allem um die Förderung der Kultur im augusteischen Rom. Sein Name ging daher als „Mäzen“ in die Sprache ein – als Bezeichnung für jemanden, der kulturelle Projekte finanziell unterstützt. Besonders förderte er die lateinischen Schriftsteller Horaz und Vergil. Ursprünglich versuchte er selbst, Verse zu schreiben, gab dies jedoch nach einer vernichtenden Kritik von Seneca auf und unterstützte lieber finanziell diejenigen, die es besser konnten. In Arezzo ist nach Maecenas das archäologische Museum benannt, das sich direkt auf dem Gelände des römischen Amphitheaters in einem ehemaligen Benediktinerkloster befindet, der die römische Bausubstanz bei dem eigenen Aufbau nutzte.

Museo archeologico

Den größten Einfluss auf das Erscheinungsbild der Stadt hatte jedoch der dritte ihrer großen Söhne – Giorgio Vasari. Dieser universelle Künstler – Bildhauer, Maler, Architekt und Schriftsteller des 16. Jahrhunderts – wurde nicht nur in Arezzo geboren, sondern lebte und arbeitete auch hier. Seine Werke sind in ganz Italien zu finden – wie der „Palazzo Uffizi“ in Florenz, die „Sala de Cinquecento“ im „Palazzo Vecchio“ ebendort oder die gigantische Kuppel der Kirche Madonna dell’Umiltà, die die Stadt Pistoia dominiert.

Aber seine Werke befinden sich auch in Mailand, Rom oder in Neapel. Ebenso seine Gemälde, Fresken und Skulpturen. Natürlich befinden sich die meisten seiner Werke in der Toskana, schließlich war Vasari der Hofkünstler und Architekt des ersten Großherzogs der Toskana, Cosimo I., und teilte auch das bewegte Schicksal der Medici-Familie.

Seinen größten Beitrag zur Kulturgeschichte der Menschheit leistete er jedoch mit seinem Werk „Le vite de’ più eccellenti pittori, scultori e architettori“, in dem er die Biografien berühmter Künstler bis zu seiner Zeit niederschrieb. Es umfasst in drei Büchern insgesamt 161 Biografien, und viele Details aus dem Leben von Künstlern wie Michelangelo oder Leonardo da Vinci sind uns nur dank ihm bekannt. Von ihm stammt übrigens auch die Einteilung der kulturellen Entwicklungsstufen in Gotik, Renaissance und Manierismus (das Barock kam erst nach ihm). Das Buch erschien erstmals im Jahr 1550 und begann mit der Biografie von Cimabue (1240–1306), während die letzte Biografie Michelangelo Buonarroti gewidmet war (der als Einziger zur Zeit der Veröffentlichung noch lebte – er starb 1564).

In Arezzo begegnet man Vasari an vielen Orten. Auf dem Hauptplatz „Piazza Grande“ wurde nach seinem Entwurf eine Loggia errichtet, unter der sich heute bekannte Restaurants wie „La Lancia d’Oro“ oder „Ristorante Logge Vasari“ befinden. Auf der Loggia ist – wohl als eine Art Signatur – ein Relief mit seinem Abbild zu sehen.

Piazza Grande

In der Kirche „Badia di Santa Flora e Lucilla“ befindet sich nicht nur sein Gemälde der Marias Himmelfahrt, sondern er malte dort auch den prächtigen Altar aus. Seine Werke sind ebenfalls im „Museo Statale d’Arte Medievale e Moderna“ zu finden.

Vor allem aber kaufte der inzwischen wohlhabende Giorgio Vasari im Jahr 1541 in Arezzo für 700 Goldstücke ein Haus in der Straße XX Settembre. Er richtete es selbst ein, malte es aus und gestaltete es, einschließlich des angrenzenden Gartens. Hier heiratete er im Jahr 1549 – er war 38 Jahre alt, seine Braut Nicolosa Bacci hingegen erst vierzehn – was damals jedoch nichts Ungewöhnliches war. Seine junge Braut verewigte er sogar selbst auf einem Fresko im Raum „Camera di Apollo e delle Musae“. So blieb sie immer jung. Der Besuch von Vasaris Haus lohnt sich auf jeden Fall, besonders der „Sala del Camino“ ist ein wahres Meisterwerk der manieristischen Kunst.

Giorgio Vasari Sebstportrait

Arezzo war lange Zeit eine eigenständige Kommune und kämpfte auf der Seite der Ghibellinen gegen die Guelfen aus Florenz. Doch 1384 unterlag es dem mächtigeren Nachbarn und musste sich unterwerfen – es wurde Teil der florentinischen Republik und später des Großherzogtums. Im Jahr 1289 führte der kämpferische Bischof und „Signore“ Guglielmo Ubertini die Aretiner in die Schlacht bei Campaldino gegen die Florentiner – auf der Gegenseite kämpfte damals auch der junge Dante Alighieri. Die Florentiner siegten und der Bischof ertrank auf der Flucht im Fluss. Sein Leichnam wurde im Dom von Arezzo bestattet – was ihm gebührte, da er das war, der im Jahr 1277 mit Erlaubnis von Papst Gregor X. den Grundstein für diese Kirche legte.

Duomo

Sein relativ bescheidenes Grab wird von dem monumentalen, mehrstöckigen Grab des Bischofs Guido Tarlati überragt, doch hinter diesem Monument befindet sich an der Wand etwas viel Schöneres – nämlich das herrliche Fresko der Maria Magdalena von Piero della Francesca.

Maria Maddalena

Die Werke dieses Meisters der Frührenaissance sind der größte Schatz der Stadt – insbesondere der Freskenzyklus der Legende „Vom Heiligen Kreuz“. Dieser befindet sich in der Kapelle der Familie Bacci (eine der wohlhabendsten Familien der Stadt, und die Bedeutung von Giorgio Vasari wird dadurch unterstrichen, dass er in diese Familie einheiratete) in der Kirche San Francesco.

Die Kapelle liegt hinter dem Altar, und obwohl einige Fresken durch die Zeit beschädigt sind, lohnt sich der Besuch auf jeden Fall. Eine Voranmeldung zur Besichtigung, am besten online, ist erforderlich. Die Besuchszeit ist auf 30 Minuten begrenzt, und wer wie ich nicht mit QR-Codes umgehen kann, muss sich für vier Euro einen Audioguide ausleihen. Damit kann man sich ausführlich über die Entstehungsgeschichte der Kirche, den Freskenzyklus und die gesamte Legende vom Kreuz Christi informieren, die bis zu Adam zurückreicht.

Der sterbende Adam schickte seinen Sohn Seth in das Paradies zum Erzengel Michael, um heilendes Öl zu erhalten. Stattdessen bekam Seth jedoch einen Setzling, den er auf Adams Grab pflanzte. Aus diesem Baum wurde später das Kreuz, an dem Christus starb. Eine schöne Legende, aber die Fresken sind noch schöner. Sie erzählen auch die Geschichte von Kaiser Konstantin dem Großen, dem das Kreuz in der Nacht vor der Schlacht an der Milvischen Brücke gegen seinen Gegner Maxentius im Traum erschien und wie seine Mutter Helena das Kreuz Christi in Jerusalem entdeckte.

Zuerst war ich verwirrt, dass es auf den Fresken zwei Schlachten gab, aber die zweite Fresco stellt die Schlacht von Kaiser Heraklius gegen den persischen König Chosrau dar, bei der es den Byzantiner gelang, das Kreuz den Persern zu entreißen, sodass es endgültig in den Besitz der Christen überging. Auffällig an diesen Fresken ist, dass es sich zwar um Schlachtenszenen handelt, aber die Hektik des Kampfes fehlt und sie eher einen ruhigen, eher statischen Eindruck vermitteln. Piero della Francesca vergaß nicht, in dem Werk die Stadt Arezzo darzustellen und man findet sogar sein eigenes Porträt.

Fresco von Pierro da Francesco – sein Selbstportrait und Bild von Arezzo sind im mittleren Bild

Arezzo hat jedoch noch viele weitere beeindruckende und schöne Gebäude. Zum Beispiel die gigantische romanische Kirche „Pieve di Santa Maria“, deren riesige Apsis einen Teil des „Piazza Grande“ bildet. Dieser Platz, der recht steil abfällt (in Arezzo ist es schwer, ein Stück ebenen Boden zu finden), wird am oberen Ende von der Vasari-Loggia und am unteren Ende vom „Palazzo della Fraternitá dei Laici“ mit seiner prächtigen Fassade (fertiggestellt – von niemand anderem als Giorgio Vasari) und der astronomischen Uhr begrenzt – zu diesem Thema gibt es im Gebäude auch ein Museum.

Ein Stück weiter – wieder bergauf – steht der imposante „Palazzo Pretorio“. Neben dem Dom befindet sich der großartige „Palazzo dei Priori“.

Palazzo dei Priori

Von dort lohnt es sich, einen Abstecher zur unscheinbaren Kirche „Chiesa San Domenico“ mit ihrer ungewöhnlichen asymmetrischen Fassade zu machen. Dort kann man nämlich das von Cimabue gemalte Kruzifix bewundern – genau jener Renaissancekünstler, mit dem Vasari seine Biographie Schreibung begann.

Cimabue, der von 1240 bis 1302 lebte, ist zwar noch kein typischer Renaissancekünstler und stark von der byzantinischen Tradition beeinflusst, aber wer es verdient, von Vasari erwähnt zu werden, musste etwas Besonderes sein.

Das Kreuz in der Kirche San Domenico

Es gibt in der Stadt eine ganze Reihe von Kirchen, die meist imposant groß sind. Neben den bereits genannten zählen dazu die „Chiesa di Sant´Agostino“ auf einem schönen modernen Platz im unteren Stadtteil, die „Chiesa SS. Annunziata“ und die „Chiesa di Santa Maria di Gradi“ am oberen Ende der Stadt. Und direkt an der Hauptstraße „Corso Italia“ befindet sich die charmante kleine Kirche „San Michele“.

Die Altstadt ist größtenteils von Stadtmauern umgeben und verfügt über mehrere erhaltenen Stadttore. Da es hier jedoch oft steil bergauf oder bergab geht, hat sich die Stadt ein Herz für Besucher gefasst. So erreicht man zum Beispiel das Tor Porta Stufi bequem über eine Rolltreppe. Nur im unteren Teil der Stadt, der sich zum Bahnhof und zur Neustadt hin öffnet, wurden die Mauern abgerissen, und es blieben nur zwei Bastionen „Bastione di Santo Spirito“ erhalten.

Oberhalb der Altstadt liegt ein großer grüner Park mit einem Denkmal für Francesco Petrarca, das seine Krönung zum Fürsten der Dichter (am 8. April 1341 auf dem Kapitol in Rom, sein Titel lautete „Poeta laureatus“) zeigt.

Das Denkmal von Francesco Petrarca

Über dem Park erhebt sich die „Fortezza Medicea“, die Medici-Festung. Die Medici lernten aus ihren schlechten Erfahrungen mit ihren Untertanen, die sie mehrmals aus der Stadt und aus der Toskana vertrieben hatten (die letzte republikanische Phase dauerte von 1527 bis 1530, und der 16-jährige Vasari musste damals zusammen mit seinem Vater Florenz verlassen – sein Vater starb noch im selben Jahr). Sie begannen daher, in all ihren Städten Festungen zu errichten, wobei sie nie vergaßen, die Kanonen nicht nur nach außen, sondern auch nach innen auf die Stadt zu richten – für den Fall, dass die Bewohner wieder auf den Gedanken kamen, von Freiheit zu träumen.

In Fortezza Medicea

Die Festung in Arezzo ist beeindruckend und kann besichtigt werden. Von ihren Mauern aus hat man einen wunderschönen Blick nicht nur auf die Stadt, sondern auch auf die umliegende Landschaft. Die Stadt ist von drei Seiten von den grünen Gipfeln des Apennin-Gebirges umgeben.

Die Hauptachsen der Stadt sind die sich kreuzenden Straßen Via Roma und Corso Italia. An der Via Roma befinden sich die Portici, Arkaden unter hohen Renaissance-Bögen, während die Corso Italia durch die Stadt hinauf zum „Parco di Prato“ führt und von kleinen Läden und Gaststätten gesäumt ist.

In Arezzo gibt es also viel zu sehen – langweilig wird es hier nicht, und verhungern oder verdursten wird man auch nicht. Allerdings ist es zur Mittagszeit in den Restaurants so voll, dass es schwierig sein kann, einen freien Platz zu finden.

Übrigens haben wir am besten und zu einem vernünftigen Preis in der „Osteria antica l’Agania“ in der Via Mazzini gegessen. Allerdings scheint dies längst kein Geheimtipp mehr zu sein, denn kurz nach der Öffnung bildet sich dort immer eine Schlange. Es ist also ratsam, rechtzeitig zu kommen.

Die größte kulinarische Attraktion der Stadt sind die Trüffel, die in den Wäldern des Apennin-Gebirges rund um die Stadt wachsen. Sie werden in vielen kleinen Geschäften in allen möglichen Formen als essbare Souvenirs angeboten. Ich konnte nicht widerstehen und habe Nudeln mit Trüffeln probiert. Meine Frau ließ sich nicht davon abbringen, dass meine anschließenden Darmprobleme damit zusammenhingen.

Aber wer würde bei einer solchen Gelegenheit schon auf Trüffel verzichten?

Also gutes Appetit!

Gorizia

Im Januar 1001 war Kaiser Otto III. auf der Rückreise von seinem Italienbesuch zurück. Er war in guter Stimmung. Gerade hatte er die Welt gerettet, und die gesamte Menschheit war dem jungen, zwanzigjährigen Mann dafür sehr dankbar. Im Jahr 1000 war man sich nämlich sicher, dass der Weltuntergang bevorstand, da die Prophezeiungen das Jüngste Gericht tausend Jahre nach Christi Geburt vorhergesagt hatten (und nur die Eingeweihten damals wussten, dass Christus sieben Jahre früher geboren worden war). Das Warten auf das Ende der Welt brachte auf einer Seite eine Resignation, auf der anderen einen religiösen Fanatismus, abgesehen von denen vielen Menschen, die sich das Warten auf die Apokalypse mit Saufen und Orgien verkürzen wollten. Damit musste man etwas tun. Am Vorabend des letzten Tages des ersten Jahrtausends betete also der junge Kaiser in einer Höhlenkapelle in Monte Sant’Angelo in Apulien so innig, dass ihm der Erzengel Michael erschien und ihm verkündete, dass dank seiner Frömmigkeit das Ende der Welt auf unbestimmte Zeit verschoben würde. Die Welt atmete auf und der Kaiser wurde zum Helden und Weltretter.

Im Januar hielt er in Cividale del Friuli an, einer Stadt, die nach der Zerstörung von Aquileia durch die Hunnen zum Sitz des Patriarchen von Aquileia geworden war. Der Kaiser schenkte in seiner guten Laune dem Patriarchen ausgedehnte Gebiete östlich von Cividale bis zu den Grenzbergen, hinter denen die Slawen lebten. Auf einem solchen Hügel ließ der Patriarch einen Wachturm errichten, aus dem später eine Burg wurde, unter der allmählich eine Stadt entstand. Zu Beginn des zwölften Jahrhunderts residierte dort der aquileianische Vogt Meinhard I., der der erste Graf von Görz (Gorizia) wurde und die Dynastie der Meinhardiner gründete, die in der Geschichte der Region und darüber hinaus eine bedeutende Rolle spielen sollte. Die Meinhardiner wurden allmählich Grafen von Tirol, Herzöge von Kärnten, und einer von ihnen, Heinrich, wurde sogar für kurze Zeit in den Jahren 1306–1310 gleich zweimal König von Böhmen, konnte den böhmischen Thron jedoch beide Male nicht behaupten.

Das Wappen der Grafen von Görz

Zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts ging es mit der Familie der Meinhardiner jedoch bergab. Graf Meinhard III. war ein wirtschaftlicher Dilettant, und sein Sohn Heinrich VI. war ein Trinker und krankhafter Spieler. Um Schutz vor der expandierenden Republik Venedig zu erhalten, schloss Heinrich VI. einen Erbvertrag mit Kaiser Friedrich III., in dem sich beide Seiten verpflichteten, dass im Falle des Aussterbens einer der herrschenden Familien das gesamte Besitz an die andere Seite übergehen würde.

Für die Habsburger war die Grafschaft Görz von unschätzbarem Wert. Seit 1382 waren sie nämlich die Schutzmacht der wichtigen Hafenstadt Triest, hatten aber keine Landverbindung dorthin und mussten für die Ware, die in den Hafen gebracht wurde, Zölle an die Grafen von Görz zahlen. Die Grafschaft bildete genau diese Landbrücke, durch deren Erwerb die Habsburger schließlich auch eine Seemacht werden konnten.

Heinrich VI. trank sich schließlich im Jahr 1454 zu Tode (er erreichte trotz seines Lebensstils das beachtliche Alter von 78 Jahren), und von seinen Söhnen überlebte bald nur noch einer, Leonard. Zunächst versuchte er, auf Kosten Friedrichs III. Gebiete in Kärnten zu erobern, doch nach einer Niederlage (der Kaiser hatte nach damaliger Sitte tschechische Söldner angeworben, die von dem husitischen Hauptmann Jan Jiskra von Brandeis ausgebildet worden waren und als unbesiegbare Killer galten) musste er sogar auf seine Residenz in der Burg Bruck bei Lienz verzichten, wohin die Grafen inzwischen von Görz umgezogen waren (diese Burg und die Stadt wurden vom Kaiser dem tschechischen Heerführer Jan Vitovec zum Greben geschenkt, doch er langweilte sich im östlichen Tirol und verkaufte das Anwesen bald für viertausend Gulden weiter). Leonhard musste wieder nach Gorizia umsiedeln.

Leonard kam nach seinem Vater. Er lebte sehr gerne, und so wurde die Lage der Finanzen seines Herrschaftsgebiets immer prekärer. Kaiser Friedrich geriet in Panik, dass der Graf beginnen könnte, seine Ländereien an Venedig zu verkaufen, und vermittelte ihm daher eine Ehe mit einer reichen Braut – Paola Gonzaga aus Mantua. Die arme Paola war ein kluges und gebildetes Mädchen, litt jedoch an Knochentuberkulose und hatte dadurch einen Buckel. Leonard zeugte mit ihr erwartungsgemäß keine Kinder, und als er 1500 kinderlos starb, ging die lang ersehnte Grafschaft schließlich in den Besitz der Habsburger über. Kaiser Maximilian hatte Leonard kurz vor dessen Tod noch zur Bestätigung des Erbvertrags gezwungen, den sein Vater geschlossen hatte. Von der Bedeutung der Grenzfestung Görz für die Habsburger zeugen auch die Besuche von Herrschern aus dieser Familie, wie Kaiser Karl VI. im Jahr 1711; Franz Josef besuchte Görz sogar zweimal, zuletzt im Jahr 1900.

Gorizia

Über der Stadt erhebt sich eine imposante Festung, die ursprüngliche Burg der Grafen von Görz, die jedoch erst von den Habsburgern in ihre heutige Form ausgebaut wurde. An den Bastionen und Befestigungsanlagen war der berühmte Edmond Halley maßgeblich beteiligt – allerdings machte er sich nicht als Architekt, sondern als Astronom einen Namen, als er 1680 den nach ihm benannten Kometen entdeckte. Die Rückkehr des Kometen, die er korrekt für das Jahr 1756 berechnete, erlebte er jedoch nicht mehr, da er 1742 starb. In der Burg befindet sich ein Museum, das das mittelalterliche Leben zeigt; das Museum des Großen Krieges also „La Grande Guerra“, wie die Italiener den Ersten Weltkrieg nennen, ist momentan in den Attems-Palast in der Stadt verlegt worden. Unter der Festung steht die entzückende Heilig-Geist-Kapelle, die jedoch gerade umgebaut wird – wie vieles andere in der Stadt, auf die Ursache des Baufiebers, der die ganze Stadt umfasste, werden wir noch eingehen.

Die Festung in Gorizia

Gorizia spielte im Ersten Weltkrieg eine wichtige Rolle. Im August 1916, während der sechsten italienischen Offensive am Isonzo (Soča), gelang es den Italienern, die Stadt einzunehmen. Dieser Sieg kostete Italien 100.000 Soldaten (Tote und Verwundete), während die Österreicher, die zu dieser Zeit der Brusilow-Offensive im Osten widerstanden und nicht genügend Soldaten an den Isonzo schicken konnten, 40.000 Mann verloren. Alles vergeblich. Am 24. Oktober 1917 durchbrachen die Deutschen zusammen mit den Österreichern die Front bei Caporetto (dem heutigen Kobarid) und trieben die Italiener bis zum Fluss Piave zurück – Gorizia kehrte in den österreichischen Besitz zurück.

Doch nicht für lange. Nach dem Krieg nahm Italien als Siegermacht den gesamten Halbinsel Istrien in Besitz, und das hielt bis 1945 an. Damals wurden ihre Truppen von Titos Partisanen vertrieben. Diese erreichten die Soča und wollten nicht weichen. In Gorizia bedeutete dies, dass sie den Bahnhof unter Kontrolle hatten. 1947 wurde die Grenze zwischen Italien und Jugoslawien mitten auf dem Platz vor dem Bahnhof festgelegt. Ähnlich wie in Teschen im Jahr 1918, als der Bahnhof in der Tschechoslowakei und die Stadt in Polen verblieben, wodurch um den Bahnhof herum das heutige Tschechische Teschen entstand, entstand hier um den Bahnhof die slowenische Stadt Nova Gorica, die jedoch nichts Sehenswertes bietet.

Die Grenze verläuft auch heute noch mitten über den Platz, der auf der italienischen Seite „Piazza Transalpina“ und auf der slowenischen „Trg Evrope“ heißt.

Erinnerung auf den “Eisernen Vorhang”

Diese Grenze war nie so undurchlässig wie beispielsweise in Berlin, und im Jahr 2004, als Slowenien der EU beitrat, verschwand sie – fast – vollständig. Bis zu diesem Jahr gab es zwar noch Stacheldraht und Metallbarrieren, aber es wurde nie allzu ernst mit dem „Eisernen Vorhang“, es fuhr beispielsweise auch eine Straßenbahn zwischen den beiden Bahnhöfen. Heute wird der Platz renoviert, da Gorizia sich auf das Jahr 2025 vorbereitet, in dem es zur „Kulturhauptstadt Europas“ ernannt werden soll. Daher wird fieberhaft renoviert und aus EU-Fonds nicht nur in Gorizia selbst, sondern auch in Cividale und in der ganzen Region umgebaut.

Die Stadt wird von zwei Kirchen dominiert. Auf der „Piazza della Vittoria“ steht die große barocke Kirche des Heiligen Ignatius, die hier von den Jesuiten errichtet wurde, die Erzherzog Ferdinand (dem späteren Kaiser Ferdinand II.) im Jahr 1615 hierhergebracht hat, errichtet wurde.

Die Kirche des Heiligen Ignatius

(Im selben Jahr verursachte Ferdinand einen unnötigen Krieg in der Region mit Venedig um die Burg Gradisca, wo sich der junge Offizier Albrecht von Wallenstein erstmals auszeichnete). Im Jahr 1921 wurden in der Kirche die Überreste eines unbekannten Soldaten (genauer gesagt elf Soldaten von verschiedenen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs) beigesetzt.

Die zweite Kirche ist der Dom im Herzen der Altstadt, mit einem zauberhaften modernen Platz vor seiner Fassade.

Der Dom

Er ist im klassizistischen Stil erbaut und den Heiligen Hilarius und Tatian (Santi Illario e Taziano) geweiht. Hier befindet sich auch der Grabstein des letzten Grafen von Görz, des bereits erwähnten Leonhard. Die Kirche stand zwar schon im 13. Jahrhundert, wurde aber im Jahr 1752 zur Erzbischofskirche erhoben. In diesem Jahr beschloss Papst Benedikt XIV., die ewigen Streitigkeiten zwischen Venedig und der Habsburgermonarchie zu beenden, wer eigentlich der Verwalter des Patriarchats von Aquileia sei, das seit der Zerstörung Aquileias durch die Hunnen im vierten Jahrhundert eigentlich nur ein formaler Titel war (der Sitz des Patriarchen war seither in Cividale del Friuli). Der Papst hob das Patriarchat auf und errichtete zwei Erzbistümer, eines für das venezianische Udine und das zweite für das habsburgische Görz. Der erste Erzbischof wurde Karl-Michael von Attems. Sein Bruder Sigmund ließ in den Jahren 1745–1750 in Görz einen riesigen barocken Palast errichten, in dem sich heute das Hauptmuseum der Stadt mit verschiedenen Ausstellungen befindet, und momentan ist dort auch wegen Umbauarbeiten das Museum des Ersten Weltkriegs untergebracht. Die Familie Attems stammte aus dem steirischen Graz, der gleichnamige Großvater Sigmunds lebte noch dort und schrieb die Geschichte seiner Familie, die Sigmund in Görz vollendete, wo die Familie ihre neue Heimat fand und eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Region spielte.

Palast Attems

Der Erzbischöfliche Palast mit großen Gärten liegt gegenüber dem Attems-Palast, es handelt sich um den Palast Coronini-Cromberg. Auch dieser kann besichtigt werden. Der Eintritt in die Garten ist kostenlos.

In der Nähe des Zentrums, am Platz Piazza Cesare Battisti, wo eine Statue eines Soldaten ohne Bein steht, der die Leiden des „Großen Krieges“ symbolisiert, gibt es eine Einkaufsstraße, ein slowenisches Kulturhaus und zwei völlig unterschiedliche Gebäude – einen reizenden überdachten Markt und die schreckliche Hauptpost. Diese wurde unter Mussolini im Stil des faschistischen Realismus erbaut. Vor einem ebenso schrecklichen modernen Gebäude im Zentrum steht eine Statue des Kaisers Augustus. Warum sie dort steht, habe ich nicht ganz verstanden, vielleicht einfach nur, weil das nahegelegene Cividale vor dem Rathaus eine Statue von Julius Caesar hat und Görz als größere Stadt Cividale einfach übertreffen wollte.

Ist also in Görz noch etwas Österreichisches geblieben? Zumindest ist es der Wein. Das Gebiet zwischen Cividale und Görz ist ein großes Weinanbaugebiet mit dem Hauptsitz in Cormons. Der typische Wein, der hier ausgeschenkt wird, ist der Tokai Friulano, eine Rebsorte, die aus Ungarn hierhergebracht wurde und die hier besonders gut gedeiht – sie hat offenbar den richtigen Boden gefunden, den ein guter Wein braucht. Er hat allerdings nichts mit dem süßen ungarischen Tokajer gemeinsam, außer dass die Reben denselben Ursprung haben. Es ist ein trockener und sehr guter Wein – voller Geschmack. Im Jahr 2007 setzten die Ungarn jedoch durch, dass er nicht mehr als Tokai bezeichnet werden darf, und so heißt er heute offiziell „Friulano“, wie mich die Kellnerin mit einem Lächeln auf den Lippen korrigierte. Dem Geschmack hat das jedoch keinen Abbruch getan.

Vielleicht gibt es deshalb in Görz dutzende Bars. Auf jedem Platz, in den Gassen der Altstadt. Ein richtiges Restaurant zu finden, ist jedoch eine viel größere Herausforderung, da die Einheimischen offensichtlich lieber trinken als essen. Wir wählten zwischen zwei Trattorien: „Alla Luna“, wo allerdings neben Ćevapčići auch Slivovitz angeboten wurde, was zu sehr an den Einfluss der lokalen slowenischen Minderheit erinnerte, und so entschieden wir uns für die Trattoria „Giani“. Es war ein Erlebnis. Zu niedrigen Preisen servieren sie hier unglaublich große Portionen – praktisch jede reichte für mindestens zwei Personen, und von einem „cotelette milanese“, also einem Wiener Schnitzel in der lokalen Interpretation, kann eine ganze Familie satt werden. Also einmal am Samstag zum Mittagessen hingehen und man ist für das ganze Wochenende versorgt.

Nachtisch in Trattoria Giani

Görz ist einfach eine liebenswerte und gastfreundliche Stadt mit Geschichte. Und im nächsten Jahr wird sie auch Kulturhauptstadt Europas. Dann werden hoffentlich alle diese nervigen Bauarbeiten abgeschlossen sein.

Gardasee II

Im Südwesten des Sees gibt es zwei Städtchen – Desenzano mit einem Gemälde von Tiepolo in der örtlichen Kathedrale (als Beweis dafür, dass hier während des Barockzeitalters die Venezianer herrschten) sowie römischen Ausgrabungen, und Saló, dem ehemaligen Sitz der venezianischen Statthalter. Von dieser Stadt aus “regierte” Mussolini ab 1943, als Italien auf die Seite der Alliierten wechselte und die Deutschen im Norden eine Art Protektorat schufen, das formell vom ehemaligen “Duce” geführt wurde. Aus diesem Grund wird dieser Staat auch “Republik von Saló” genannt. Zumindest wusste der große Benito, wie man eine schöne Residenz findet – auch wenn er nichts mehr zu sagen hatte. Diese Residenz liegt etwas nördlich von Saló im Palazzo Feltrinelli in Gargnano. Zwischen Saló und Mussolinis Residenz gibt es eine weitere Kuriosität, die wiederum mit dem italienischen Faschismus zu tun hat – der Gardasee übte offensichtlich für diese Menschenart eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. An der “Riviera Gardone” befindet sich die Villa “Il Vittoriale degli Italiani” des Abenteurers und Dichters Gabriello d’Annunzio. Diese Figur der italienischen Geschichte ist so skurril, dass ich nicht widerstehen kann, einen Moment bei ihr zu bleiben. Gabrielle d’Annunzio war ein Dichter. Er schrieb nicht nur Gedichte, sondern auch Romane, Theaterstücke und Libretti für Opern. Als er aufgrund hoher Schulden vor seinen Gläubigern nach Frankreich fliehen musste, schrieb er auch auf Französisch. Politisch war er zwar ein Abgeordneter im italienischen Parlament für die Konservativen, bei den Wahlen gab er aber seine Stimme der radikalen Linken. Er nahm seine politische Ausrichtung also nicht allzu ernst. Im Jahr 1915 hat er dafür plädiert, dass Italien in den Ersten Weltkrieg eintritt, an dem er auch aktiv als Soldat teilnahm. Am kuriosesten war seine Aktion, als er sich entschied, mit zehn Flugzeugen über der Hauptstadt des Feindes, also über Wien, zu fliegen. Die Aktion fand am 8. August 1918 statt. Von zehn Flugzeugen erreichten zwar nur sechs ihr Ziel. Die anderen mussten aufgrund von Störungen vorzeitig landen, eins davon in Österreich, wo der Pilot sofort verhaftet wurde – der technische Zustand  der Fliegers war offensichtlich nicht ganz optimal – es handelte sich schließlich um italienische Flugzeuge. Über Wien ließ d’Annunzio Zehntausende von Flugblättern abwerfen. Es gab zwei Texte, einer war zweisprachig in Italienisch und Deutsch, den anderen Text hatte d’Annunzio selbst verfasst und er war nur auf Italienisch. Aber zumindest konnten die Wiener am Ende lesen, wie er sie aufrief: „Wiener, Viva l’Italia!“

            Die berühmteste Aktion von d’Annunzio war jedoch die Besetzung des heutigen Rijeka, das damals “Fiume” hieß. Da Italien, das Anspruch auf diese Stadt erhob, durch die Entscheidung der Pariser Konferenz befürchtete, dass es die Stadt nicht bekommen würde (sie sollte dem neu entstandenen „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ zugeteilt werden), entschied er sich kurzerhand zu handeln. Mit einer Gruppe bewaffneter Abenteurer besetzte er im September 1919 die Stadt, erklärte die Unabhängigkeit der so entstandenen “Republik Fiume” und führte dort ein Regime ein, das eine Art Labor für den zukünftigen faschistischen Staat war, in dem der “Führer” natürlich d’Annunzio selbst war. Lassen Sie sich nicht von der Tatsache täuschen, dass sogar der große Wladimir Iljitsch Lenin ihn bewundernd als Revolutionär bezeichnete – Faschisten und Kommunisten hatten immer viel gemeinsam, weshalb sie sich schließlich so sehr verachteten. D’Annunzio ließ sich sogar auf Briefmarken seines “Staates” verewigen.

Im Dezember 1920 wurde er von einer italienischen Militärflotte aus Fiume vertrieben – eine Granate traf sogar sein Büro. Obwohl d’Annunzio verkündete, er würde lieber sterben, als nachzugeben, änderte er dann seine Meinung und verkündete, dass es sich nicht lohne, für DIESES Italien zu sterben.

Er zog zum Gardasee, wo er eine Villa am Ufer kaufte. Von dort aus versuchte er, vom König zum Ministerpräsidenten ernannt zu werden, um in Italien eine “Ordnung” im faschistischen Stil einzuführen, wurde jedoch von Benito Mussolini übertroffen. Danach zog sich d’Annuzio aus dem politischen Leben zurück, was “Il Duce” zu schätzen wusste. Auf seinen Vorschlag hin erhob ihn König Vittore Emanuele Gabrielle in den Adelsstand mit dem Titel “Principe de Montenevoso”, und der italienische Staat veröffentlichte seine gesammelten Werke. D’Annunzio ließ sich dann von Mussolinis Regierung seinen aufwändigen Lebensstil finanzieren, sodass er nicht zum zweiten Mal nach Frankreich fliehen musste. Er starb am 1. März 1938 in seiner Villa am Lago di Garda. Seine Villa wurde bereits vor seinem Tod zum nationalen Denkmal erklärt und, glauben Sie es oder nicht, mir war nicht danach – der Flughafen in Brescia wurde nach ihm benannt. Offensichtlich sind die Italiener ähnlich wie die Slowaken, Ungarn oder auch Österreicher mit ihrer faschistischen Vergangenheit noch nicht ganz im Reinen – sonst hätten sie wahrscheinlich nicht Giorgia Meloni gewählt, die sich offen zum Erbe Mussolinis bekennt.

Und damit ich es nicht vergesse – natürlich darf auch am Seeufer kein botanischer Garten fehlen. Ohne diesen würde es am italienischen Alpensee einfach nicht gehen. Der “Giardino botanico Hruska” liegt in der Nähe von d’Annunzios Residenz, befindet sich in privatem Besitz und gehört seit den 1980er Jahren dem österreichischen Schriftsteller André Heller. Heller ist zwar auch eine etwas skurrile Persönlichkeit, aber zumindest kann man sein politisches Engagement im Gegensatz zu den anderen berühmten Bewohnern des Sees als links von der Mitte einordnen. Übrigens besitzt er auch einen weiteren Garten namens “Anima”, den er selbst entworfen hat und wo er sich gegenwärtig öfter aufhält als am Gardasee oder in Wien. Aber dafür müsste man bis nach Marrakesch in Marokko reisen.

Im Nordwesten des Gardasees liegt die Stadt Limone, die, wie ihr Name schon vermuten lässt, von großen Zitronenplantagen umgeben ist.


            Wer weder mit dem Auto noch mit dem Boot fahren möchte, kann es mit dem Fahrrad versuchen. Radfahren ist am Gardasee sehr beliebt, es gibt Hunderte von Radfahrern, und Fahrräder können praktisch in jedem Dorf ausgeliehen werden. Es gibt jedoch keine speziellen Fahrradwege, also müssen sich die Radfahrer die Straßen mit Autofahrern teilen, die sie dafür natürlich angemessen hassen. Die Italiener sind sich dieses Problems offensichtlich bewusst. Es ist geplant, einen 166 Kilometer langen Radweg zu bauen, der den gesamten See umrunden sollte. Die Kosten sollen sich auf 345 Millionen Euro belaufen, wobei allein 19 Kilometer in der Provinz Trento, wo die Felsen direkt in den See fallen – und wo früher die österreichisch-venezianische Grenze verlief – 100 Millionen kosten sollen. Das gesamte Projekt soll bis 2026 abgeschlossen sein, also wenn Sie den unwiderstehlichen Drang verspüren, den See mit dem Fahrrad zu umrunden, könnten Sie vielleicht noch drei Jahre warten. Dann wird es viel gemütlicher.

Eine klassische Touristenfalle ist jedoch Sirmione. Es liegt auf einer langen Halbinsel, die praktisch durch die Mitte des Sees verläuft und an einigen Stellen nur etwa hundert Meter breit ist – dennoch gibt es natürlich auf beiden Seiten Hotels, Apartments, Restaurants und Parkplätze.

Achtung! Auf allen Parkplätzen muss gezahlt werden, auch auf denen, wo es nicht angegeben ist und wo man die Parkscheinaen mühsam zwischen den Bäumen am Straßenrand suchen muss. Das habe ich schmerzlich erfahren, als ich an meiner Windschutzscheibe einen Strafzettel fand. Das Problem ist nicht der Betrag von 29 Euro, sondern die Tatsache, dass diese Summe praktisch nicht aus dem Ausland bezahlt werden kann – und wenn sie dann als Inkasso kommt, ist sie erheblich höher (der administrative Aufwand für die Sicherstellung der Daten des Autobesitzers und seiner Adresse ist teuer). Wenn Sie also einen Strafzettel finden, fahren Sie sofort zur nächsten Polizeistation und versuchen Sie, die Strafe vor Ort zu bezahlen. Wie gesagt, man befindet sich in einer klassischen Touristenfalle, und die Italiener werden versuchen, jeden möglichen Cent von jedem Touristen auszuquetschen.

Sirmione ist von allen Seiten von Wasser umgeben, die Brücke, über die Sie hineinkommen, ist ziemlich neu, in der Vergangenheit betrat man sie über eine Zugbrücke der Wasserburg – wieder einmal einer Scaligerburg.

Die Burg selbst ist vor allem wegen der Ausblicke interessant, die sie von ihren Mauern und Türmen bietet, es gibt keine Ausstellung dort. In der Stadt gibt es Thermalquellen. Sie können besichtigt werden, die wohlhabenderen können in Hotels mit direktem Zugang zu den Thermalbädern übernachten.

Und dort, wo die heißen Quellen waren, war auch das römische Anwesen nicht weit. Auf dem äußersten Vorsprung der Halbinsel ließ Kaiser Augustus eine riesige Villa mit Terrassen über dem See, mit einem gigantischen Tank zur Regenwassergewinnung – und natürlich Thermalbädern – bauen. Die Villa erhielt später den Namen „Grotte die Catullo“, benannt nach dem Veroneser Dichter Catull, mit dem sie jedoch nichts zu tun hat. Catull starb im Jahr 54 v. Chr., als Augustus neun Jahre alt war. Der Besuch der ausgedehnten Ausgrabungsstätten mit herrlichem Blick auf den See ist ein Erlebnis, das man unbedingt genießen sollte.

Das Museum mit Relikten aus der Villa befindet sich gleich rechts am Eingang. Ungeduldige Touristen wie ich könnten es übersehen, und wenn sie dann zurück in das Gelände wollen, könnten sie Schwierigkeiten haben zu erklären, dass ihr Ticket noch gültig ist. Es gibt eine kombinierte Eintrittskarte für die Wasserburg der Scaliger und die Villa des Catull, sie kostet 14 Euro – die Einzeltickets zusammen kosten ebenfalls genau 14 Euro. In der kombinierten Karte ist auch der Besuch der römischen Ausgrabungen in Desenzano enthalten – also der ist dann praktisch kostenlos.

            Und natürlich – wenn Sie mit Kindern am See ankommen, gibt es Gardaland, einen der größten Vergnügungsparks Europas. Meine Enkelinnen lieben es. Meine Frau nicht. Ich bin mit ihr nicht ins Gardaland gegangen, weil sie sich auf einem Karussell gerne – eigentlich nicht gerne – übergibt. Reisekrankheit ist furchtbar.

Eine Überraschung waren die absolut erschwinglichen Preise in den Restaurants. Obwohl ich gerade in Sirmione gegen eine italienische Essgewohnheit verstoßen habe. Ich bestellte „Penne con salmone“ (Penne mit Lachs) und war überrascht, dass ich keinen Parmesan zu den Teigwaren bekam. Also bat ich den Kellner um „Parmigiano“ und bekam anstelle des Käses einen vernichtenden Blick und ein klares Nein. Ich verstand, dass etwas nicht stimmte, und so bildete ich mich weiter. In Italien wird NIE Parmesan zu Fischgerichten serviert. Und diese Lachsstücke in den Nudeln waren eindeutig ein Fisch! Ich bin schlauer geworden, aber der Kellner könnte an die germanischen Barbaren aus dem Norden gewöhnt und daher toleranter sein. Aber wenn es um Essen geht, kennen die Italiener keine Gnade. Abgesehen von diesem Zwischenfall war das Essen großartig und sehr preiswert. Offensichtlich gibt es viel Wettbewerb, der die Preise nach unten drückt. Und die ziehen natürlich die Touristen nachträglich an. Im Restaurant Al Pino haben wir zwei für 47,50 Euro hervorragend gegessen. Sowohl die Forelle als auch der Goldbrasse waren ausgezeichnet. Und in Malcesine im Stadtzentrum gibt es sogar gezapftes Pilsner Urquell. Und das bis spät in die Nacht.

Vielleicht ist doch nicht alles Goethes Schuld.

Sirmione Burg, Hafen

Formularbeginn

Gardasee I

Jahrelang habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, warum die Österreicher und die Deutschen eine unglaubliche Affinität zum Gardasee, auf Italienisch Lago di Garda, haben. Alle fahren dorthin, manche sogar jedes Jahr, und erzählen davon, als wäre es ein unglaubliches Erlebnis. Da ich den Grund für ihr Verhalten lange nicht verstanden habe, machte ich mich heuer endlich auf, um dieses Rätsel zu lösen.

Und ich habe es herausgefunden. Alles ist Goethes Schuld! Johann Wolfgang machte sich 1786 von Karlsbad aus (woher auch sonst, in Karlsbad war er praktisch immer) auf seine italienische Reise. Während dieser Reise sollte er endlich die Erfüllung seiner erotischen Fantasien finden, sich neu zu definieren und einen neuen Abschnitt seiner Schriftstellerkarriere zu beginnen. Bis dahin hatte er eine erfolgreiche Karriere als Beamter in Weimar hinter sich, sieben Jahre einer platonischen Beziehung zu einer Hofdame, bei der er keine Chance auf echte körperliche Liebe hatte (sein Roman “Die Leiden des jungen Werthers”, inspiriert von dieser Beziehung, machte ihn jedoch zu einem schriftstellerischen Star seiner Generation).

Aus für mich unverständlichen Gründen bog er von der üblichen Route von Trient nach Verona nach Westen ab und erreichte im September 1786 das Städtchen Riva am Nordufer des Gardasees. Er war von der Schönheit der lokalen Natur so begeistert, dass er in sein Tagebuch schrieb, wie sehr er bedauere, dass seine deutschen Freunde dieses unglaubliche Erlebnis nicht mit ihm teilen konnten. Von Riva aus ging er nach Torbole. Am 13. September wollte er dann mit einem Boot nach Verona weiterfahren, aber der ungünstige Wind trieb ihn nach Malcesine, wo er zuerst als möglicher Spion des österreichischen Kaisers Joseph II. festgehalten wurde (die Region gehörte damals zur Republik Venedig, die gerade noch zehn Jahre existieren sollte und deren Beziehungen zum Kaiserreich traditionell angespannt waren). Dank seiner Redegewandtheit konnte Goethe jedoch schnell alle Verdächtigungen zerstreuen und sogar eine Freundschaft mit dem örtlichen Bürgermeister schließen (der zuvor in Frankfurt am Main studiert hatte). In Torbole gibt es übrigens eine Gedenktafel, die auf den Besuch von Kaiserin Maria Theresia und ihrem Sohn Joseph erinnert. Der nördliche Teil des Sees gehörte zur Provinz Trient und damit zu Südtirol, der südliche Teil zu Venedig. Die Grenze ist auch heute immer noch gut nachvollziehbar, es ist der längste Tunnel an der Ostküste. Die Straße um den See herum wurde erst von Mussolini gebaut, bis in die 1930er Jahre gab es die Verbindung zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil des Sees ausschließlich auf dem Wasserweg.

Die Büste von Goethe in Malcesine


Goethe beschrieb seine Erlebnisse in der Region Gardasee in seinem Tagebuch und veröffentlichte sie später nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1788. Seitdem strömen die Massen von Deutschen und in der Folge auch von Österreichern zu dieser zauberhaften Naturszenerie, von der einst der König aller deutschen Dichter so suggestiv sprach. Die Italiener haben schnell den wirtschaftlichen Nutzen dieser germanischen Begeisterung erkannt und eine entsprechende Infrastruktur ausgebaut. Übrigens haben sie Johann Wolfgang seine Verdienste nie vergessen. In Riva di Garda ist ihm ein Brunnen auf dem Platz vor dem Schloss gewidmet, in Torbole gibt es eine Gedenktafel am Haus, in dem er wohnte, und in Malcesine ist ihm im örtlichen Schloss sogar ein ganzer Saal gewidmet, der seine Reise durch Italien dokumentiert.

In einem Punkt hatte der “poeta mirabilis” allerdings recht. Der Lago di Garda oder Benaco, wie der See zu Goethes Zeiten genannt wurde, ist wunderschön. Es ist der größte See in Italien mit einem Volumen von 49 Milliarden Kubikmetern Wasser (ganz Italien verbraucht jährlich acht Milliarden). Natürlich ist er ein Überbleibsel aus der Eiszeit, als ein Gletscher aus den Alpen eine Moräne bildete und dahinter den See entstehen ließ. Und das auf einer überdimensionalen und beeindruckenden Weise.

Die Entfernung vom südlichen Ende des Sees in Sirmione bis zum nördlichen Ende in Riva beträgt etwa sechzig Kilometer und die Fahrt auf dem Festland dauert anderthalb Stunden. Oder länger, wenn Sie einen oder mehrere Stopps einlegen möchten – Anreize dazu gibt es mehr als genug.

Beginnen wir im Norden, dort gibt es das bereits erwähnte Riva di Garda. Ein zauberhaftes Städtchen mit einer Festung namens „Rocca“, die einst von den Herrschern von Verona aus dem Geschlecht Della Scala erbaut wurde, daher der Name „Rocca Scaligera“.

Angeblich ließen die Herrscher von Verona die Festung bereits im Jahr 1124 bauen, allerdings noch im Jahr 1393 wurde sie als “castrum novum” bezeichnet, also haben sie sich möglicherweise viel Zeit gelassen. Später diente die Burg als Sommerresidenz der Bischöfe von Trient, die ihren Sitz im Renaissancestil umbauen ließen. Die Festung und das Städtchen erlebten ihre größte Blütezeit unter dem Fürstbischof Cristoforo Mandruzza, der vor seinen aufgebrachten Untertanen aus Trient fliehen musste und Riva 1568 zu seiner Residenzstadt machte. Hier lud er Politiker und Gelehrte ein, und das Städtchen konnte sich zumindest für kurze Zeit als Nabel der Welt fühlen. Später befanden sich hier Kasernen der österreichischen Armee, denn Riva war der südlichste Militärposten des österreichischen Kaiserreichs – woran das Datum 1852 mit dem Namen Franz Josephs an der Fassade der Festung erinnert. In dem Gebäude, einer klassischen Wasserburg, gibt es ein Museum mit archäologischen Ausgrabungen und der Geschichte der Stadt im Ersten Weltkrieg, als sie an vorderster Front war und auch im Zweiten Weltkrieg. Die Stadt schaffte es, sich dank örtlicher Partisanen am Ende April 1944 von den Deutschen selbst zu befreien, so dass die 10. Gebirgsdivision der Amerikaner hier ohne Widerstand vorrücken konnte. Nicht so im nahegelegenen Torbole, wo es zu einem intensiven Zusammenstoß mit zurückweichenden deutschen Panzern kam. Die Stadt hat noch das erhaltene „Heilige Michael-Tor“ und die große einschiffige barocke Kirche „Inviolata“ aus dem Jahr 1603. Man kann mit einem Aufzug zum „Bastione“ fahren.

Es ist eine kleine Festung oberhalb der Stadt, die im Jahr 1703 von den Franzosen während des spanischen Erbfolgekriegs zerstört wurde – also in einem Krieg, der die Einheimischen eigentlich überhaupt nicht interessieren sollte. Von dort hat man einen herrlichen Blick auf das Städtchen aus der Vogelperspektive, also lohnen sich die paar Euro für den „Funiculare“, mit dem man hinauffahren kann. Übrigens gibt es auch einen Weg für die Sparsamen, um zu Fuß hochzusteigen.

Riva

Riva ist wunderschön in die hohen Felsen eingebaut, und der Anblick von den engen Gassen aus nach oben raubt einem den Atem, besonders bei der Vorstellung, dass dort ein Felsen abbrechen könnte. Was angesichts der aktuellen Klimaveränderungen nicht ungewöhnlich wäre. Es scheint jedoch nicht, als würde dies die Italiener auf irgendeine Weise beunruhigen. Sie lassen sich sowieso nicht leicht beunruhigen. Und die Tradition steht über allem. Schon im Mittelalter wurden die Einwohner der Stadt von den örtlichen Bürgermeistern unter dem Bogengang des Gebäudes gerichtet, wo sich heute immer noch das Rathaus befindet.

Übrigens befindet sich am Ufer des Sees in der Nähe des Hafens und des Aufzugs zum Bastione das örtliche Kraftwerk. Wasser wird über Röhre von den hohen Felsen zugeführt, die direkt über dem Kraftwerk aufragen. Es handelt sich also um einen umweltfreundlichen Strom. Man muss nur hoffen, dass sich eines dieser Felsstücke nicht anders besinnt und durch seinen Absturz einen Stromausfall für Riva verursacht.

Der Brunnen in der Mitte der Stadt erinnert an Goethes Besuch, genauso wie die Ausstellung im „Rocca“. Dort sind alle Berühmtheiten aufgeführt, die die Stadt jemals besucht haben, idealerweise mit Zitaten, in denen sie Riva gelobt haben. Es ist praktischerweise nichts anderes als Lob überliefert.

Wenn Riva auf seinen historischen Charme setzt, ist das nahegelegene Torbole, durch einen Felsen von Riva getrennt, eine typische Badeortstadt mit Kieselstränden und einer großen Surfschule.

Die Bergwinde sind ideal zum Surfen, und Torbole hat das ausgenutzt. Selbst hier war eine österreichische Garnison, und zwar im „Beuz-Haus“, wo sich heute ein sehr gutes italienisches Restaurant befindet.

Richtung Süden am östlichen Ufer gelangt man nach Malcesine. Die Hauptattraktion in dieser Stadt ist die „Funiculare“, also die Seilbahn, die Touristen auf den „Monte Baldo“ bringt. Der „Monte Baldo“ ist nicht nur ein Aussichtsberg, sondern auch sehr reich an Natur. Da dieser Berg nie ganz vereist war, vermischen sich hier die mitteleuropäische Vegetation mit der mediterranen Flora. Die Seilbahn bringt Sie auf eine Höhe von 1790 Metern, und von dort aus können Sie in alle Richtungen wandern. Am attraktivsten ist wahrscheinlich der Spaziergang entlang des Gratwegs Richtung Süden zum „Monte Telegrapho“ mit einer Höhe von 2215 Metern über dem Meeresspiegel. Angeblich bietet sich von dort oben ein wunderschöner Blick auf den ganzen See. Natürlich nur, wenn es Mitte Mai nicht schneit und die Berge nicht in dichten Wolken versinken, wie es uns passiert ist. Der Hauptgrund für unseren Aufenthalt in dieser malerischen Stadt wurde also durch das Wetter zunichte gemacht. Es schien mir jedoch, dass meine Frau das nicht allzu viel bedauerte. Es ist aber nicht aller Tage Abend, sie sollte sich nicht zu früh freuen.  Der Gardasee ist für einen nächsten Besuch nicht unerreichbar weit.

Malcesine hat auch eine Burg, die von den Della Scala errichtet wurde, die sogenannte „Scaligerburg“.

Neben dem Saal, den Goethebesuch beschreibt und der seine Reise durch Italien inklusiv seiner erotischen Erlebnisse dokumentiert, gibt es hier ein Naturmuseum mit Exponaten zur Fauna und Flora des Gardasees sowie ein Saal, wo eine unglaubliche militärische Operation aus dem mittelalterlichen Italien beschrieben wird. In der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts kämpften Venedig und Mailand um die Vorherrschaft in Norditalien. Venedig wurde von dem berühmten Condottiere Gattamelata geführt (seine Statue von Donatello kann man vor der Kirche des Heiligen Antonius in Padua bewundern), die Mailänder Armee von dem ebenso berühmten Feldherrn Piccinino. Den Mailändern gelang es 1438, Brescia zu erobern, und damit erreichten sie die Kontrolle über den Gardasee. Gattamelata hatte eine Idee, von der er auch den venezianischen Stadtrat überzeugen konnte. Er wollte die Mailänder, die ihre Flotte in Desenzano am südlichen Ende des Sees hatten, mit einem gewagten Trick überraschen. Es wollte die venezianische Flotte stromaufwärts des Flusses Adige transportieren und dann die Schiffe über den Bergpass von Mori bis nach Riva am Land ziehen, Es handelte sich um eine ziemlich große Flotte mit 2 großen Fregatten, 6 Galeeren und 25 kleineren Schiffen. Diese ganze Aktion ging als „Galeas per montes“ in die Geschichte ein. Der Feldzug dauerte ein halbes Jahr bis Mai 1439 (also war Sultan Mehmed doch nicht der erste in der Geschichte mit einem ähnlichen Trick seine Flotte in der Bucht des Goldenen Horns während der Belagerung von Konstantinopel im Jahr 1452 zu positionieren). Gattamelata schaffte es zwar, die venezianische Flotte zum See zu bringen, die Mailänder ließen sich jedoch nicht überraschen und zerstörten die Schiffe bereits beim Auslaufen auf den See.


Malcesine, das sind schmale Gassen am Ufer des Sees. Man kann bis unterhalb der Burg hinabsteigen, zur Bucht, wo die Frauen von der Burg früher Wäsche waschen gingen. Diese Bucht diente auch dem örtlichen Verwalter als ein Nothafen für den Fall der Flucht, wenn es im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung wirklich schlimm würde. Das war allerdings nie der Fall. Der riesige Palast des venezianischen Verwalters, in dem einst Goethe verhört wurde, liegt direkt am Ufer des Sees mit einem Garten und einem eigenen Hafen.

Über seine Geschichte zeugt ein großes Fresko mit dem venezianischen Löwen an der Decke des Korridors, der die Straße mit dem Garten und dem See verbindet. Ein Stück weiter ist dann der moderne Hafen geschmückt mit zeitgenössischen Skulpturen.

Zwischen den Dörfern am Ufer kann man auch mit dem Boot reisen (in jeder größeren Ortschaft gibt es einen Hafen), aber die Reisezeiten sind ziemlich lang – von Malcesine nach Sirmione würde die Bootsfahrt drei Stunden dauern, also haben wir lieber das Auto gewählt.

Südlich von Malcesine liegt Garda, nach dem der See seinen Namen bekam, mit großen Wochenmärkten (die Stände sind samstags und sonntags geöffnet) und weiter südlich Lazise mit einer großen, aber für die Öffentlichkeit unzugänglichen Burg und gut erhaltenen mittelalterlichen Stadtmauern.

Lazise

Überall gibt es Wein, Geschäfte, Weinberge und Weingüter.

Also nehmen wir hier eine kurze Rast. Den westlichen Teil des Sees schauen wir uns in zwei Wochen an.