Category: Italienische Impressionen

Mailand


Mailand ist ein bisschen anderes Italien. Ein normaler Mailänder hängt in seinem täglichen Zeitplan hinter nach genau wie ein Römer oder Neapolitaner, in Unterschied zu den zwei genannten merkt man das aber an ihm. Er flucht im Stau, hupt, ärgert sich und seine Parole ist „veloce, veloce.“ Es hilft ihm zwar nicht, er ist überall zu spät ebenso wie seine südlichen Kollegen, er erlebt es aber ganz anders.

Natürlich sind auch die Mädchen von Mailand gleich wie alle Italierinnen verpflichtet „fare la bella figura“ also gut auszusehen, aber wenn eine römische „donna“ auf ihren high heals  nobel schreitet, die mailändische „bella“ in den gleichen Schuhen mit hohen Absätzen läuft.

Mailand ist mit 1,3 Millionen Einwohner kleiner als Wien und hat ein perfekt ausgebautes U-Bahnnetz. Trotzdem kämpft man sich vormittags besonders zwischen acht und neun nur sehr schwer durch die mit eilenden Italienern überfüllten und gestauten Straßen und in dieser Zeit mit Auto in die Stadt aufzubrechen ist für einen Unerfahrenen einem Selbstmordversuch gleichzusetzen. Eine absolut andere Situation ist dann aber am Samstag oder Sonntag. In dieser Zeit sind die Straßen beinahe leer. Die Mailänder weilen in ihren Wochenendedomizilen. Für die Ankunft in die Stadt empfehle ich also dringend Samstag oder Sonntag, bei uns hat sich das wirklich ausgezahlt.

Die U-Bahn ist, wie ich schon erwähnte, sehr gut ausgebaut, aber Achtung! Die Italiener sind wahre Meister in der Erzeugung von Chaos. Wenn die Ticketautomaten zusammenbrechen, treiben sie die Menschen in die U-Bahn durch eröffnete Korridore mit der Behauptung, dass man in diesem Fall kostenlos reisen dürfte. Einen Hacken gibt es aber schon, nämlich die U-Bahn kann man dann ohne gültiges Ticket nicht mehr verlassen und muss eine Karte für Austritt kaufen, die anstatt 1,50 volle 5 Euro kostet. Also nehmen Sie ihnen diesen Trick nicht ab (uns ist das passiert). Am besten ist gleich eine Eintage- oder Zweitagekarte zu kaufen (Drei- oder längere Karten gibt es nicht), so hat man zumindest für bestimmte Zeit ausgesorgt und ist nicht der Laune der Automaten ausgeliefert.

Bitte, nicht vergessen – die mailändische Straßenbahn. Sie ist ein echtes mailändisches Phänomen!  Manche Wägen sind ganz modern, andere könnten sich noch auf den Kaiser Franz Joseph erinnern. In Italien – und damit auch in Mailand – wird nichts weggeworfen, solange es nicht spontann zerfällt. Einfach köstlich!

Ein echter Mailänder ist auf seine Stadt gehörig stolz und hält sie für ein kulturelles Zentrum vom gesamten Italien (wenn nicht vom ganzen Universum). Er ist bereit nur mit Zähneknirschen Rom als Hauptstadt Italiens anzuerkennen, Turin hält er für ein überwuchertes Dorf mit einer Automobilfabrik und aus dem ganzen italienischen Süden würde er einen Naturpark einrichten. Dass die Könige von Savoyen einmal zu ihrem Königsreich auch Neapel und Sizilien angeschossen haben, ist in den Augen eines Mailänders ein unverzeihliches Verbrechen, besonders auch deshalb, weil diese Anstrengungen ihren Ursprung in Turin gefunden hatten. (Übrigens, der Ministerpräsident Cavour hatte überhaupt nicht im Sinne, diese Teile des Landes anzuschließen und als er Garibaldi mit seinen tausend roten Hemden nach Süden geschickt hatte, hatte er gehofft, dass ihn Sizilianer umbringen würden und er hätte dann von dem unbequemen Revoluzzer seine Ruhe). Es ist deshalb ein guter Brauch sich in Galleria Vittorio Emanuelle II. dreimal auf dem Stier im Wappen der Stadt Turin, der dort auf dem Boden dargestellt ist, mit der Ferse zu drehen – besonders dann, wenn man vor hat, noch einmal Mailand zu besuchen. Bei uns hat es funktioniert.

Es ist aber objektiv anzuerkennen, dass der mailänder Stolz berechtigt ist, ob es um die Geschichte oder um die Gegenwart geht. Das alte Mediolanum war sogar einmal die Hauptstadt des Römischen Reiches, in dem vierten Jahrhundert entwickelte sich dann unter der Führung von Bischof Ambrosius (337 – 393) zu einem der bedeutendsten Zentren des Christentums. Pikant ist, dass Ambosius aus heutigem Deutschland stammte (er wurde in Trier geboren), und als er zum Bischof von Mailand gewählt worden ist, war er nicht einmal getauft. Weil er ein gebildeter Beamte war, ist es ihm gelungen, die im Zerfall sich befindende Verwaltung der Stadt zu übernehmen und die politische Lage zu stabilisieren. Die Kirche San Ambrosio verdient wirklich seinen Namen. Erstens war es der heilige Ambrosius hochpersönlich, der den Anlass zur Bau dieser Kirche in den Jahren 379 – 386 gegeben hat und er ist hier auch begraben.

Nach dem Fall des Römischen Reiches fiel Mailand für eine bestimmte Zeit in Bedeutungslosigkeit. Es wurde von den Residenzstädten der Ostrogoten und Langobarden, also Ravenna, Verona oder Pavia überholt. Aber im elften Jahrhundert führte Mailand bereits die Liga der norditalienischen Kommunen, die nach einer Unabhängigkeit von der kaiserlichen Macht strebten.1027 ließ sich noch der Kaiser Konrad, verärgert über das naheliegende Pavia, in Mailand zum italienischen König krönen. Zu einem offenen Streit mit dem Kaiser, dem neugewähltem Friedrich Barbarossa, kam es im Jahr 1154. Mailand eroberte das nahe Como und Lodi und im Jahr 1152 entzog Mailand Lodi das Marktrecht. Patrizier dieser Stadt beschwerten sich beim Kaiser und dieser befiel den Mailändern, ihre Entscheidung rückgängig zu machen. Und die wagten es, das kaiserliche Dekret vor den Augen des kaiserlichen Gesandten auf den Boden zu werfen und sein Siegel mit Füßen zu zertreten. Eine größere Beleidigung des Kaisers gab es gar nicht und eine logische Folge dieses Vorfalles war ein Krieg. Mailand hat gegen das Versprechen einer Straflosigkeit kapituliert und Barbarossa ließ sich in nahem Pavia zum König krönen. Aber Mailand hörte nicht auf, den Kaiser zu ärgern. Im Jahre 1158 mussten seine Gesandten heimlich aus der Stadt flüchten, weil sie von den Bevölkerung mit Steinen beworfen worden waren, als sie die Wahl der Stadtkonsulen nach dem Willen des Kaisers zu beeinflussen versucht hatten. Barbarossa brach im Jahre 1160 wieder nach Italien auf und diesmal meinte er es wirklich ernst.  Die unbelehrbaren Störfriede wollte er nicht nur bestrafen, sondern vernichten. Nach Italien wurde er auch von tschechischen Hilfstruppen des Fürsts  Wladislaw begleitet, der für diese Hilfe zum König gehoben worden ist. Die Belagerung der Stadt hat über zwei Jahre gedauert. Die Tschechen haben sich vor der Mauern von Mailand einen Ruf der Kannibalen verdient – um die Verteidiger der Stadt zu erschrecken, machten sie aus dem Teig Figuren im Gestalt kleiner Kindern und die backten sie in den Lagerfeuern vor den Mauern der belagerten Stadt. Es ist den Tschechen sogar gelungen, einmal in die Stadt einzubrechen, weil sie aber keine Unterstützung bekommen haben, mussten sie wieder schnell flüchten, bevor vor ihnen das Tor geschossen werden konnte – der Freiherr von Pardubice schaffte es im letzten Moment, eine Hälfte seines Pferdes ist in der Stadt geblieben abgeschnitten durch  das Gitter. Die Hälfte, die er doch mitgenommen hatte, hat die Stadt Pardubice bis heute in ihrem Stadtwappen.

Die Stadt wurde letztendlich eingenommen, gedemütigt, ihre Mauer niedergerissen, die Bevölkerung vertrieben und Barbarossa glaubte, seine Sorgen seien weg und vorbei. Es war ein Irrtum. Mailand ist aus der Asche auferstanden und in seinem vierten italienischen Feldzug erlitt der Kaiser am 29.Mai 1176 in der Schlacht bei Legnano eine katastrophale Niederlage aus der er sich nie mehr erholen konnte. Letztendlich war er gezwungen, mit den rebellierenden Städten im Jahr 1183 einen Frieden in Konstanz zu schließen, bei dem er ihre Eigenständigkeit und sie wieder seine formale Oberhoheit gegenseitig anerkannt haben. Norditalien hat sich im 13. Jahrhundert in zwei Lager geteilt, die Guelfen, die sich auf die Macht des Papstes stützten und die Ghibellinen, die die kaiserliche Macht unterstützten. (Übrigens die Montek – Montegue in Verona waren Ghibellinen und die Capulets Guelfen und so ist das Drama um Romeo und Julia entstanden)Mailand blieb das führende Glied des Lagers der Guelfen, der Stützpunkt der Ghibellinen war das naheliegende Cremona. Weil heutzutage Mailand 1,3 Millionen und Cremona 70 000 Einwohner hat, ist ziemlich klar, wer in diesem Kampf gewonnen hat. Noch einmal musste Mailand um seine Existenz zittern. Im Kampf zwischen dem Enkel von Friedrich Barbarossa Friedrich II. und dem Papst stand Mailand traditionell auf der päpstlichen Seite, eigentlich gerade wegen dieser Stadt belegte der Papst Gregor VIII. den Kaiser mit seinem Kirchenbann. Im Jahre 1237 erlitt der Verbund der lombardischen Städte eine vernichtende Niederlage bei Cortenuovo, sogar der mailändische Flaggwagen „caroccio“ fiel in die Hände des Kaisers. Mailand war bereit zu kapitulieren, der Kaiser zeigte sich aber unerbittlich und wollte die Stadt noch gründlicher als sein Großvater vernichten. Die Mailänder meinten, dass es eigentlich schlimmer gar nicht mehr werden könnte,  verschanzten sie sich hinter den festen Mauern der Stadt und warteten ab, wie es weitergehen würde. Es ging gut für sie aus. Der Kaiser erlitt eine entscheidende Niederlage bei Parma im Jahre 1248 und zwei Jahre später verstarb er. Die Staufen, Erzfeinde der Päpste und Mailands starben im Jahre 1268 aus und einem Aufstieg der Stadt stand nichts mehr im Wege. Im Jahre 1295 übernahm die Macht in der Stadt Matteo I. Visconti. Als ihn die Bürger im Jahr 1302 aus der Stadt vertrieben hatten, wechselte er die Seiten, wurde zu einem entschlossenen Ghibellin und ließ sich vom Kaiser Heinrich VII. wieder einsetzen. Seit diesem Moment bestimmte die Familie Visconti das Geschehen in der Stadt und ihr Wappen mit der einen Heiden schluckende Schlange findet man in der Stadt beinahe überall.

Gian Galeazzo II. Visconti erreichte im Jahre 1395 einen Herzogtitel, der dann vom Kaiser Sigismund am Konzil von  Konstanz seinem Sohn Philipp Maria bestätigt wurde. Im Jahr 1386 gab er den Befehl zum Bau des Mailänder Domes, eines der größten Gotteshäuser im Europa.

Nach der Vorstellung des Herzogs sollten in der Kirche alle damaligen 30 000 Einwohner der Stadt Platz finden. Bis der Bau allerdings einige Jahrhunderte später vollendet worden ist, hatte die Stadt natürlich viel mehr Einwohner und somit scheiterte die Absicht des Herzogs. Der Dom ist aber bis heute eine imposante Dominante der Stadt mit einer wunderschönen gotischen Fassade und einem dunklen, fast die Angst einjagenden, Inneren. Die gigantischen, das Gewölbe des Domes tragende  Pfeiler sind nichts für Klaustrophobe.

Allerdings gerade auf dem Gipfel der Macht zogen sich über die Familie Visconti dunkle Wolken zusammen. Philipp Maria hatte keinen Sohn, nur eine Tochter Namens Bianca Maria. Um die Zukunft seines Herzogtums zu sichern, verheiratete er sie mit seinem fähigsten General Francesco Sforza und nicht einmal dessen uneheliche Herkunft schreckte ihn ab. Sforza kämpfte erfolgreich für Mailand gegen Venedig und für Venedig gegen Mailand. Er kämpfte im Sold des Papstes, um ihn dann aus Emilia Romagna zu vertreiben, er war kurz gesagt zu allem fähig und das war die beste Empfehlung.

Es war eine richtige Wahl. Nach dem Tod von Philipp Maria im Jahr 1447 musste sein Nachfolger zugleich an drei Fronten kämpfen. Direkt in Mailand versuchten die Widersacher der Viscontis eine „Ambrosianische Republik“ auszurufen, in den umliegenden und von Mailand unterdrückten Städten erwachten die Bestrebungen nach Selbständigkeit und die Schwäche von Mailand wollte natürlich auch der größte Gegner (im Grunde genommen der letzte, der in Italien noch übrig geblieben war)- Venedig, nutzen. Ein Zerfall des Imperiums von Mailand wäre der Serenissima sehr gelegen gekommen. Francesco Sforza zeigte sich als der richtige Mann an der richtigen Stelle. Die Demokraten in Mailand vernichtete er mit einem Schlag, sehr schnell unterdrückte er auch die Bestrebungen nach Selbständigkeit in den umliegenden Kommunen. Venedig erwies sich aber doch als eine härtere Nuss. Seine Bestrebung nach Vernichtung von Mailand hatte einen vierjährigen Krieg zufolge, der dann mit einem Frieden von Lodi vom 9.April 1454 endete. In diesem Frieden teilten sich Mailand und Venedig definitiv die Machtbereiche und es konnte endlich eine Ära des Friedens und der Prosperität beginnen. In Mailand konnte die Epoche der Sforzas beginnen, die berühmteste Epoche schlechthin. Francesco Sforza ließ am Rande der Stadt eine riesige Festung  Castello Sforzesco  bauen, diese war eher als Schutz vor eigenen Bürgern als vor einem fremden Feind gemeint.

Die Festung ist auch heutzutage eines Besuches wert, als ein Kleinod wird hier die Pieta von Michelangelo aufbewahrt, die der alte sterbende Künstler nicht mehr vollenden konnte. Michelangelo begann seine Karriere mit einer Pieta (die schuf er für die Kirche des heiligen Petrus im Rom) und mit der Pieta in Mailand hat er seine Karriere beendet. Der ältere Sohn von Francesco Sforza Galeazzo Maria wurde im Mailänder Dom ermordet, die Macht übernahm sein Bruder Ludovico, der für die dunkle Farbe seiner Haut „il Moro“ genannt wurde. Wer weiß, mit wem ihn seine Mutter Bianca Maria hatte. Ludovico ließ seinen Neffen Gian Galeazzo (den Sohn von Galeazzo Maria) einkerkern und im Jahr 1494 vergiften. Ab diesem Moment war seine Macht über die Stadt nicht mehr angreifbar. Seit dem Jahr 1482 wirkte in der Stadt Leonardo da Vinci. Er verbrachte viele Jahre in  Mailand unter dem Schutz von Ludovico Sforza, eigentlich den Großteil seines schöpferischen Lebens. Er hinterließ das Bild der Geliebten von Ludovico Cecilia Gallerani (berühmt unter dem Namen „Die Dame mit Hermelin“) und das von Mythen umgebenes „Das letzte Abendmahl“  in der Kirche Santa Maria delle Gracie.

Das Buch von Dan Brown „Sakrileg“ löste eine unglaubliche Hysterie aus. Heute kann man also das Fresko nur nach einer Reservierung besuchen. Wenn man Glück und Ausdauer hat, könnte man im Internet eine Karte für 12 Euro erbeuten. Sonst bleibt dem Menschen nichts anders übrig, als eine Karte um 68 Euro zu kaufen, die mit einer dreistündlichen Führung durch Mailand verbunden ist. Uns blieb also nichts anders übrig. Signorina Donatella, deren Englisch einem Maschinengewährfeuer gleich kam, und der andauernd starker Regen machten aus diesem Besuch ein unvergessliches aber erschöpfendes Erlebnis. Über Leonardo werden Sie in Mailand auf jedem Schritt und Tritt stolpern. Neben dem „Letzten Abendmahl“ in Santa Maria delle Gracie ist das seine Statue auf dem Piazza Scala oder ein Museum in Galleria Vittorio Emanuelle II, das seinen Forschungen und Projekten gewidmet ist. Obwohl gerade das größte Projekt, weswegen er nach Mailand überhaupt gekommen war, eine riesige Reiterstaue  von Francesco Sforza – gibt es nicht. Angeblich ließ Ludovico Sforza aus der für die Statue bereitgestellte Bronze Kanonen für den nahenden Krieg gegen die Französen gießen.

Der Reichtum von Mailand rief nämlich die Mächtigen der damaligen Welt auf den Plan. Den ersten Versuch des französischen Königs Karl VIII. gelang es noch abzuwehren. Sein Nachfolger Ludwig XII. nahm aber die Stadt ein und Ludovico starb in seiner Gefangenschaft. Söhne von Ludovico haben es noch mit wechselndem Erfolg versucht, den Herzogsthron zu erobern, zuletzt fiel aber Mailand dem Kaiser Karl V. zu und in weiterer Folge an Spanien. Die Familie Sforza starb aber nicht aus, ein Mitglied der Familie Francesca Riario-Sforza heiratete im April 2017 im Schloss Murau den Kronprinz Johann von Schwarzenberg, genannt Aki.

Im Jahre 1708 nahmen die Stadt in Rahmen des Spanischen Erbfolgekrieges österreichische Einheiten ein und in den Friedenverhandlungen im Jahr 1714 blieb die Lombardei bei Österreich. Aus dieser Zeit stammt das legendäre Opernahaus „La Scala“. Ein Gigant mit sechs Balkons wurde feierlich im Jahr 1778 eröffnet, übrigens durch eine Oper des im Film Amadeus von Milos Forman dehonestieren Antonio Scallieri „Europa riconosciuta“.  La Scala besitzt auch ein eigenes Museum, also wenn man keine Eintrittskarte für eine Oper bekommen konnte (mit ein bisschen Glück kann man im Internet eine Karte knapp über 100 Euro mit „eingeschränkter Sicht auf die Bühne“ kaufen), kann man zumindest das Museum besuchen. Der eigenartiger Name der Oper (bedeutet „die Stiege“) stammt aus der Tatsache, dass auf diesem Platz, wo dieses gigantischen Opernhaus entstehen sollte, einmal eine Kirche „Santa Maria alla Scalla“ stand.

Im Jahr 1860 wurde Mailand dem italienischen Königsreich angeschlossen. Grundsätzlich hätten die Mailänder gegen diese Tatsache keine Einsprüche gehabt, wenn diese Einigung nur nicht aus dem verhasstem Turin ausgegangen wäre.

Mailand ist eine Stadt der Kultur und der Mode. In Galleria Vittorio Emanuelle II.  befinden sich Modemarken Fratelli Prada, Versace und der berühmteste aller Mailänder ist natürlich „the new king of Milan“ Giorgio Armani.

Dieser hat in der Nähe des Genuatores sogar ein eigenes Museum.        Man kann natürlich für ein unchristliches Geld direkt im Stadtzentrum einkaufen (direkt neben der Kathedrale gibt es ein Kaufhaus „La Rinascente“ voll mit luxuriösen Marken und mit einer Aussichtsterrasse mit einem Cafe  im obersten Stock. Man kann zwar von der Terrasse nicht viel sehen, da sie aus Sicherheitsgründen mit hohen und dicken Glastafeln umgeben ist, man könnte hier aber essen (4 Raviolli für 16 Euro).  Es gibt aber  Gott sein dank Alternativen, wo man in Mailand schöne und elegante Ware für erschwingliche Preise kaufen könnte. Es ist in erster Linie Corso Buenos Aires zwischen der U-Bahn Stationen Porta Venezia und Lima, oder die Gegend zwischen Porta Genova und San Agostino. Für Jugend kann dann die Gegend um die U-Bahn Station Lambrate interessant sein, wo sich moderne Designers niedergelassen haben. Und sollte man Lust und gute Beine haben ( es ist von der U-Bahn doch ziemlich entfernt) und natürlich auch feste Nerven, könnte man es in Salvagente in Via Bronzetti 16 versuchen, wo sich ein Outlet der berühmten Marken befindet und wo man Prada oder Versace für die Hälfte des normalen Preises kaufen könnte – auch wenn es auch dann nicht gerade billig ist.

Bildung spielt in Mailand vielleicht nicht so eine zentrale Rolle wie zum Beispiel in Pavia, das Geld ist hier wichtiger. Trotzdem hat Mailand eine eigene große Universität, in einem bemerkenswerten Gebäude, gebaut in einer kuriosen Mischung unterschiedlichen Baustils – in Italien wird einfach nichts niedergerissen, es wäre doch schade.

Um so mehr litt Mailand im zweiten Weltkrieg dadurch, dass durch Fliegerbomben 45 % der Bausubstanz vernichtet worden ist. Anschriften „US“ (Uscita sicurenza) also ein Ausgang aus einem Schutzkeller findet man auf manchen Häuser noch heute. Die Leiche des von Partisanen hingerichteten Benito Mussolini wurde in Mailand auf der Piazza Loreto ausgestellt. Einen noch größeren Schaden, besonders dann die Vernichtung des Doms, konnte durch eine Verhandlung mit Alliierten Erzbischof von Mailand Alfredo Ildefonso Schuster verhindern, der im Jahr 1996 für selig gesprochen worden ist. Diese Seligsprechung war umstritten. Schuster stand nämlich dem faschistischem Regime sehr nahe und bis zum letzten Moment versuchte er das Leben von Mussolini zu retten – also ihn zu einer Kapitulation zu bewegen. Gerade durch das Versprechen, dass er Mussolini zur einer Kapitulation überreden würde, hat er einen direkter Angriff der Alliierten an Mailand, die Hauptstadt der sogenannten „Italienischen sozialer Republik“ wo Mussolini unter der deutschen Aufsicht seit 1943 „herrschte“, verhindert.

Mailand – das ist natürlich auch Fußball. Ohne ihn kann kein Italiener leben. „Calcio“ ist ein Kult und wenn die „Serie A“ gespielt wird, findet man in keiner Bar einen freien Platz, weil alles reserviert wird. (Sonst ist die Bierauswahl in Mailand überraschen groß, man findet hier auch z.B Pilsner Urquel in einer erstklassiger Qualität). Mailand hat sogar 2 Fußballvereine und damit auch zwei unversöhnliche Fangruppen. Aber sowie „AC“ wie auch „Inter“ litten die letzten Jahre gewaltig dadurch, dass im italienischen Fußball bereits seit Jahren der Gegner aus dem „überwucherten Dorf mit der Automobilindustrie“ Juventus Turin an der Spitze steht. Wie schön musste für sie sein, als AC Milan im  Jahre 2003 im Finale der Meisterleague Juventus besiegt hatte.

Mailand ist also ein bisschen anderes Italien und ist sicher eines Besuches wert. Mailänder lernt man schnell lieben, gerade für ihre Schwächen und Vorurteile. Mailand ist eine teure Stadt und das Leben hier ist für die Einheimischen anstrengend. Es ist aber eine erfolgreiche Stadt, ein Mensch, der hier überleben will, muss etwas können und wollen. Möglicherweise gerade das treibt  die lombardische Metropole weiter voran.

Beinahe hätte ich vergessen – „Capellino“!

Natürlich haben wir es nicht gekauft. Wo in Mailand, bitte? Bei Versace, bei Gucci, Armani oder Dolce e Gabbana? Hütchen für sechs Monate alte Babys waren dort nicht am Lager, oder haben wir es zumindest nicht gefunden. Ehrlich gesagt, wir haben es auch nicht besonders intensiv gesucht. Meine Frau zeigte sich aber nicht besonders enttäuscht. Unser Ausflug sollte uns am nächsten Tag nach Bergamo führen. Dort werden wir das „Capellino“ ganz sicher kaufen können. Und so verließen wir Mailand in einer guten und optimistischen Stimmung, fest entschlossen das Hütchen in Bergamo definitiv  zu kaufen. Aber darüber ein anderes Mal.

Die Reise nach Turin


Italienische Impressionen

Ich habe mich entschieden, auf meiner Webseite meine Reiseberichte aus Italien zu publizieren. Sie sind – wie es meinen Interessen entspricht, historisch orientiert, aber es ist ein Gemisch von der Geschichte der Städte, der Sehenswürdigkeiten, Reisetipps und unseren Erlebnissen. Einfach etwas für ein paar entspannten Minuten und vielleicht auch etwas zum Lachen oder zumindest zum Lächeln, ich hoffe, dass jeder in den Artikeln, die in zweiwöchentlichen publiziert werden sollten, etwas findet, was ihm gefallen wird.

Als erste:

Die Reise nach Turin

Als wir uns wieder einmal entschieden hatten, Italien zu besuchen, und zwar seinen nördlichen Teil, den ich bisher nicht kannte, begrüßte ich diesen Plan mit Begeisterung. Damals hatte ich allerdings keine Ahnung, dass das Hauptziel dieser Reise der Kauf eines Hütchens für unsere Enkelin Veronika – oder wie es die Italiener entzückend nennen – „capellino“ war. Ein einfacher Vorwand für diese Reise um „capellino“ war ein Seminar meiner Frau über Lungenkrebs. Ich dachte naiv, dass es der wirklich wahre Grund unserer Reise wäre. Die Wahrheit über „capellino“ erfuhr ich erst vor Ort, als es keinen Weg zurück mehr gab.

Wir reisten mit dem Auto. Ich konnte mich mittlerweile an die Fahrweise der italienischen Autofahrer gewöhnen und ihr Fahrstil wurde daher für mich mehr oder weniger ungefährlich (ehrlich gesagt, eher weniger als mehr). Grundsätzlich gelten hier die gleichen Regeln wie bei uns, nur die Umsetzung ist ein bisschen anders und lockerer. Ich mache keine Dummheiten mehr  wie bei meiner ersten Reise nach Italien im Jahre 1993, als ich – für die einheimischen Fahrer absolut unverständlich – bei Rot an der Ampel angehalten habe, obwohl kein Auto in Sicht war. Es schockiert mich nicht mehr, dass ein Italiener im Stande ist, den ganze Verkehr in einer Stadt lahmzulegen, nur weil er gerade einen guten Bekannten auf dem Gehsteig gesehen hat und mit ihm natürlich ein paar Worte wechseln musste. (Auch der Sinn des Begriffs „ein paar Worte“ hat in Italien eine deutlich andere Bedeutung als bei uns) Noch immer kann es mich aber ein bisschen nervös machen, wenn mich ein Auto von rechts über den Gehsteig überholt, weil nach der Meinung des Fahrers meine fünfzig Stundenkilometer verdammt wenig sind. Einen stillen Protest habe ich im  Tunnel geäußert, in dem die Höchstgeschwindigkeit 70km/Stunde war. Ich fuhr 90 (ich bin nicht lebensmüde um mich bei 70 km/St von hinten anfahren zu lassen) und wurde trotzdem über die Doppelsperrlinie von Italienern überholt und noch dazu in einer – meiner Meinung nach  – ziemlich unübersichtlichen Kurve. Aber das alles gehört zum lokalen Kolorit und es ist gut so.

Turin erreichten wir also problemlos und, nachdem ich meine Frau bei dem Hotel Boston abgesetzt hatte, fuhr ich ein Parkhaus zu suchen. Das war allerdings nicht ganz einfach. Die Beschriftung hat gefehlt und mein GPS hat mich vergeblich informiert, dass ich mein Ziel gerade erreicht hätte, ich sah es einfach nicht. Letztendlich habe ich auf der Straße eingeparkt und bin zu Fuß gegangen, um die Einfahrt in das Parkhaus zu suchen. Ich entdeckte sie, es war aber eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, unterwegs im Auto einfach nicht zu schaffen. So gut war die Parkhauseinfahrt geheim gehalten.

Meine Erwartungen bezüglich der nördlichsten italienischen Metropole waren bescheiden. Turin hat den Ruf einer Industriestadt, ich erwartete also nicht allzuviele historische Denkmäler, also war ich ziemlich skeptisch. Umso angenehmer war die Überraschung, die mir diese Stadt am Fluss Po bereitete. Turin war einmal ein gallisches Ort, der im Jahre 218 vor Christus von Hannibal zerstört wurde, als er in Italien über den St-Bernhardpass eingefallen war und das Glück nicht glauben  konnte, dass er den Übergang überlebt hatte. Turin befindet sich nämlich direkt an einer Kreuzung der zwei wichtigsten Straßen nach Frankreich über Monte Geneva und über die beiden St.Bernard Pässe. Von hier aus konnte man sich  bereits bequem auf dem Fluss Po befördern lassen. Also, strategisch gesehen, hat die Stadt immer eine sehr vorteilhafte Lage gehabt.

Im Jahr 28 vor Christus entstand also gerade hier eine römische Kolonie, die später den Namen Augusta Taurinorum erhielt und es ist interessant, dass der Grundriss der römischen Stadt mit ihren senkrecht gekreuzten Straßen bis heute erhalten geblieben ist. Es blieben auch die Mauerreste aus dieser Zeit mit der erhaltenen Porta Palatina, sowie auch Reste eines römischen Theaters. An der ehemaligen Porta Pretoriana zeigten Italiener ihre übliche Kreativität. Dieses ehemalige römische Tor bauten sie zuerst zu einer mittelalterlichen Festung um – Castello. Später folgte ein Umbau im Stil der Renaissance und weil ihnen das Ergebnis noch immer nicht wirklich gefallen hat, ergänzten sie dieses Hybrid noch mit einer barocken Fassade. Das Ergebnis dieser chaotischen Kreativität ist einfach unglaublich, dieses Gebäude beherrscht den größten Platz von Turin – Piazza di Castello.

Die Menschen von Turin und eigentlich vom gesamten Piemont zeigten sich in der Vergangenheit als sehr erfinderisch. Die Entdeckungen, die in Zusammenhang mit Piemont gebracht werden könnten, begleiten uns in unserem Leben auf jedem Schritt und Tritt – zum  Beispiel entstand hier die Tafel – und später auch die Nussschokolade, der Kaffee Lavazza, Martini, Cinzano, Tic Tac und viele weitere Köstlichkeiten. Natürlich auch Nutella, die darf man nicht vergessen. Um die Stadt Alba gibt es aus diesem Grund riesige Nussplantagen. Piemont ist auch stolz auf seinen guten Wein. Das Flaggschiff ist natürlich der berühmte Barollo, ich persönlich präferiere Barberra, besonders Barberra d´ Alba. Er ist weniger intensiv aber sehr angenehm und auch erschwinglicher. Wir wollten einen Martini direkt auf dem Tatort im Cafe Torino auf Piazza San Carlo kosten, als wir aber erfuhren, dass ein Glas hier acht Euro kostete, genossen wir es in einer anderen Bar für 2 Euro.

Kreativ war auch der Koch im Restaurant Mago Rabin im Corso s´ Mauricio, wohin wir essen gegangen sind. Als er erschien, um uns zu begrüßen, war er gleich suspekt. Er sah wie ein Künstler aus, der seine Inspiration in unerlaubten Mitteln suchte. Am diesen Abend rauchte er wahrscheinlich um ein Joint mehr als üblich.               Wir hatten ein Menü mit vier Gängen bestellt, bekamen aber siebzehn Gänge!!!  Unserer Künstler vermittelte den Ausländern eine Übersicht über die ganze piemontische Küche. Eigentlich keine ganz schlechte Idee und jeder Gang war ein kulinarisches Erlebnis. Das Problem lag darin, dass sich manche Gänge miteinander nicht gut vertrugen und sich für eine kämpferische Konfrontation entschieden. Ohne Rücksicht, dass das Schlachtfeld mein Magen war. In jedem Fall musste ich den ganzen kommenden Tag nichts essen, eigentlich konnte ich überhaupt nicht – weil bereits bei einem  Blick auf das Essen ich mit Übelkeit zu kämpfen hatte.  Damit haben wir eigentlich viel Geld gespart. Piemont ist ein etwas anderes Italien. So anders, dass Napoleon, als er im Jahre 1796 ins Land einmarschierte, die Österreicher vertrieb und aus den italienischen Provinzen eine Cisalpinische Republik gründete, Piemont direkt an Frankreich anschoß. In seinen Augen war die einheimische Bevölkerung Franzosen, die Französisch nicht richtig gelernt hatten (was übrigens auch sein Problem war). Er lag nicht ganz falsch. Diese Tatsache hat besonders mein Magen zu spüren bekommen, weil die Mehrheit der konsumierten Gänge eher zu französischer als zu italienischer Küche gehörte. Torino, wie der italienische Name der Stadt ist, sagt man auf piemontesisch Türin. Herzöge von Savoy, von ihrem Ursprung her Franzosen aus der Region unterhalb des Mont Blanc, die in Piemont seit dem elften Jahrhundert geherrscht hatten und im dreizehnten Jahrhundert dann den örtlichen Bischof in der Verwaltung der Stadt ablösten, verlegten im Jahr 1563 ihre Hauptstadt aus dem französischen Chambéry nach Turin.

Napoleon ist hier noch immer sehr populär. Diese Tatsache habe ich nicht ganz verstanden, er war doch ein Aggressor, Diktator und weiters – ganz einfach, ich mag ihn nicht. Wie ich allerdings im „Museo di Risorgimento“ also im Museum der Vereinigung Italiens erfuhr, wird er für einen Menschen gehalten, der nach Italien die Meinungsfreiheit und die demokratischen Ideen brachte und damit den Prozess der Vereinigung Italiens startete, der seinen Höhepunkt im Jahr 1861 gerade in Turin fand.

Es regnete und regnete. In Turin ist das allerding keine wirkliche Tragödie. Erstens gibt es hier die U-Bahn, wo es ähnlich wie in Kopenhagen keinen Zugsführer gibt und so kann man ganz vorne sitzen und die Gleise zu beobachten. Aber beinahe die ganze Stadt ist mit Arkaden ausgestattet, also kann man im Trockenem bleiben, auch wenn viel Wasser vom Himmel fällt. Natürlich sind dort überall Butiquen und Markengeschäfte, was mich nicht wirklich interessiert hätte, bis ich mich meiner Frau angeschlossen habe und begann – was glauben Sie, aber natürlich –  das „capellino“ suchen. In diesem Moment habe ich endlich realisiert, dass dieser Ausflug problematisch werden könnte.

Ich beschäftigte mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Der königliche Palast und Palazzo Madamme passten nicht mehr in meinen Zeitplan und die berühmte savoyische Rüstungskammer habe ich einfach nicht gefunden, sie ist wahrscheinlich nur für die Einheimische auffindbar und für sie bestimmt, oder man muss einen bezahlten Stadtführer dafür buchen. Das legendäre Leintuch von Turin befindet sich in Duomo di San Giovanni unmittelbar neben dem königlichen Palast.

(Die Ausstellung zu diesem Thema ist aber in einer prächtigen königlichen Barockkapelle San  Lorenzo untergebracht, ebenfalls beim königlichen Palast, aber an der Seite der Piazza di Castello). Ob in ihm wirklich Christus eingewickelt war, ist unter den Wissenschaftlern bis heute umstritten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Leintuch aus der Beute der Kreuzritter des vierten Kreuzzugs stammt, als die Kreuzritter im Jahr 1204 Konstantinopel eroberten und die Blutspuren der Blutgruppe AB entsprechen genau den Verletzungen, die ein Mensch bei der Kreuzigung mit einer Dornkrone auf dem Kopf und einem tödlichen Stich in die Herzgegend erleiden musste. Die Carbonanalyse datiert allerdings das Alter des Leintuches in das dreizehnten Jahrhundert, also handelte sich möglicherweise doch um eine Fälschung. (Die Byzantiner waren in der Fälschung der heiligen Reliquien wahre Meister). Das Tuch befindet sich in der Kirche San Giovanni in einer Seitenkapelle. Es ist eigentlich sehr angenehm, sich hier niederzusetzen und zu erholen, während es draußen regnet und regnet. Der Text, der bei dem Tuch zu lesen ist, löst den Widerspruch auf die salomonische Art – nach dem Text ist das Tuch ein Symbol des Leidens Christi. Also warum nicht? Ich mochte dieses Ort.

Turin besitzt(das behaupten die Italiener selbst, es wäre diese Behauptung unbedingt zu überprüfen) das nach Kairo zweitgrößte ägyptologische Museum der Welt, „Museo egizio“. Warum eine so großartige Ausstellung gerade in Turin ihren Sitz gefunden hat, hat natürlich einen Grund. Ein bestimmter Piemonteser namens Bernardino Drovetti fühlte sich nach der Annexion von Piemont durch Napoleon als echter Franzose und folgte Bonaparte bei seinem Feldzug nach Ägypten. Als dies mit einer Katastrophe geendet hatte, dachte er, doch kein echter Franzose zu sein und blieb als Konsul in Ägypten. Er war für alle, für die Franzosen, für die siegreichen Engländer aber auch für die Ägypter akzeptabel. Gerade Napoleon weckte durch seinen Feldzug Interesse an der Kunst des alten Ägypten, bei seiner Reise wurde er von Wissenschaftlern und Künstlern begleitet, dank seines Feldzuges wurde die Tafel von Rosetta gefunden, die es Jean Francios Champolion ermöglichte, die ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern. Drovetti blieb also in Ägypten und setzte fort, was sein General begonnen hatte – er sammelte Papyri, Statuen, Reliefs, die aus dem ägyptischen Sand auftauchten. Als er dann nach Hause kam, landete seine Sammlung im Louvre. Drovetti fühlte sich aber nicht mehr als echter Franzose und Piemont wurde nach dem Wiener Kongress zum unabhängigen Königsreich von Sardinien. Drovetti wollte nicht für einen französischen Patrioten gehalten werden, der seine Kostbarkeiten uneigennützig  verschenkt. Er hat sich entschieden, seine in Louvre platzierte Sammlung zu verkaufen und der König von Sardinien, Karl Felix, bot einfach mehr als der französische König. Danach konnte man den Transfer der Samsung aus Paris nach Turin im Jahr 1824 nicht mehr verhindern. Die Sammlung ist wirklich sehenswert. Es gibt Papyri in der Größe einer ganzen Mauer, vom Buch der Lebenden, also dem Buch der ägyptischen Medizin, bis zu einem erotischen Papyrus, der bereits vor vier tausend Jahren die Geheimnisse der Liebe erklärte. Es fehlt auch eine „beauty box“ nicht, eine Kosmetiktasche einer Ägypterin aus der Zeit des Neues Reiches. Also Damen (aber auch Herren), es ist viel zu bestaunen.

Das Symbol von Turin ist aber die Mole Antonelianna, ein Gebäude, dessen Turm auf der italienischen Zweizentmünze dargestellt ist. Ursprünglich handelte sich um eine Synagoge, aber noch vor ihrer Fertigstellung übersiedelte die Hauptstadt Italiens zuerst im Jahre 1866 nach Florenz und dann 1870 nach Rom. Deshalb fehlte für die Fertigstellung das Geld. Heute gibt es dort ein Museum der Kinematographie – italienische Filmateliers befinden sich in Turin!

Eine wirklich interessante Ausstellung zeigt die Geschichte der Kinematographie, von der Laterna magica über die ersten beweglichen Bilder und Kurzfilme aus dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis zu modernen Werken. Es gibt sehr viele interessante Dinge, wie zum Beispiel das Korsett von Marilyn Monroe, das ahnen lässt, dass an dem Mädchen wirklich einiges zu betrachten war und John Kennedy genug zum Angreifen hatte.

Im Museum fährt ein im freiem Raum hängender Lift auf die Turmspitze, die Voraussetzung für ihre Nutzung ist allerdings Schwindelfreiheit. Bei schlechtem Wetter, als die Turmspitze in den Wolken ertrank, war die Sicht reich Null. Also verzichtete ich auf diese Attraktion. Italiener können aber ihre Museen wirklich bauen, darüber sollte ich mich einen Tag später überzeugen.

Im Jahr 1899 gründeten acht lokale Unternehmer, unter ihnen auch Giovanni Angelli, in einem Vorort von Turin namens Lingoto „Fabrica italiana l´automobile di Torino“. So entstand der berühmte FIAT, heutzutage einer der größten Autokonzerne der Welt. (Auf deutsch wird der Name als „Fehlerhaft in allen Teilen“ interpretiert, die Amerikaner nennen ihn wieder „Fix it alone, Toni“) Allerdings besteht Fiat in der Konkurrenz der Weltmarken bis heute ganz gut und das in der Zeit, in der alle anderen italienischen Marken (Lancia, auch aus Turin, Alfa Romeo, Lamborgini usw.) seit langer Zeit ausländischen Firmen gehören. In der gigantischen Produktionshalle in Lingotto ist heute eine Kongresshalle, in der das Seminar stattgefunden hat, das meine Frau besuchte, ein Geschäft der Nahrungsmittel „Slow food“ (das ist auch eine piemontesische Erfindung als Antwort der Gourmanen auf Fast food Ketten), ein Hotel, eine Galerie usw. usw. – Die Italiener reißen nämlich sehr ungern etwas, was bereits steht, nieder.

Unweit von der ehemaligen Halle gibt es dann das „Museo nacionale de automobili“, also das nationale Automobilmuseum. Ich bin zwar kein unkritischer Fan der Autoindustrie und das Auto ist für mich in erster Linie ein Mittel zum Transfer vom Punkt A zum Punkt B, aber dieses Museum  hat alle meine Erwartungen hoch übertroffen. Nicht nur, dass sich hier eine Ausstellung der Modelle aus dem Ende des neunzehnten Jahrhundert, aber auch das Auto Italia befindet, mit dem im Jahr 1912 eine Reise nach Shanghai unternommen wurde. Also in der Zeit, in der es dort noch keine Tankstellen gab, weil in vielen Ländern, die die Reisenden überqueren mussten, die Einheimischen von einem Auto noch nie gehört hatten.

Es wird auch die Entwicklung der Autos in den Zwanzigerjahren zu den ersten Luxusmodellen der Dreißigerjahre.  Gezeigte Filme erklären den Unterschied der Produktionphilosophie nach dem zweiten Weltkrieg in Amerika und in Europa und deren spätere Annäherung, stellen unterschiedlichste Kuriositäten dar, die sich letztendlich nicht durchgesetzt haben. Natürlich darf auch eine Ausstellung der Rennautos beginnend mit dem Jahr 1914 bis zu den heutigen Boliden der Formel eins nicht fehlen. Selbstverständlich findet man hier den legendären Fiat 500 und 600 und eine Menge Ferrari. Außerdem ist hier die Entwicklung der Motoren seit dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts dargestellt, (Inklusiv z.B. Modell Laurint und Klement aus dem Jahr 1909) und die Entwicklung der Reifen vom Holzrad bis zu den heutigen Reifen der Formel I. Ich hatte wirklich ein Problem, das Museum nach vierstündigem Besuch zu verlassen, jemand, der ein echter Autofan ist, sollte wahrscheinlich einen Schlafsack mitnehmen, um irgendwo geheim zu übernachten.

Also Museen können die Italiener wirklich errichten. Turin war ein Erlebnis, das ich sicher und mit gutem Gewissen empfehlen kann.

Ach so, wie ist es mit dem „capellino“, als dem Hauptgrund unseres Besuches, ausgegangen? Wir besuchten in Turin eine Menge Geschäfte und ein Kaufhaus. Der Verlauf war immer gleich. Zuerst eine riesige Begeisterung über das vielfältiges Angebot mit einer Behauptung, hier werden wir sicher etwas finden und kaufen. Taktisch war dieses Versprechen richtig, dank dessen habe ich nicht gleich die Flucht ergriffen. Dann aber hatte ein Hütchen keine Schnur unter dem Kinn, das nächste hatte zwar eine, die war aber zu lang. Das nächste hatte die richtige Schnur, war aber viel zu teuer und das mit den Figuren von Disney kauften wir natürlich auch nicht. Letztendlich beschloss meine Frau, dass man in Turin ein Hütchen nicht kaufen kůnne, weil das Weltzentrum der Mode doch Mailand sei. Dort wird es sicher eine viel bessere Auswahl geben. Und so reisten wir weiter nach Mailand. Aber darüber wieder andersmal.