„Troja wurde bereits vor zehn Jahren vernichtet“, sagte einer der Männer, die vor der Hütte saßen. Es war ein schöner Tag, vom Meer wehte ein frischer Wind und zerzauste ihre Haare. Beide waren schon alt, aber während der eine, der gerade das Ferkel aufschnitt und seine Teile auf den Bratspieß spießte, durch sein Leben und seine Arbeit alt geworden ist, das Alter des anderen wirkte unecht. Er hatte zwar faltige Haut alter Männer und von Salz vertiefte Falten um die Augen und Mund, aber seine Augen, obwohl müde, zeugten von einem jüngeren Alter, als seinen grauen Haaren und dem Bart entsprachen. Er redete nur wenig, er beobachtete verträumt die Hügel der Insel, es lag also an dem anderen, die Konversation am Laufen zu halten.

            „Es ist schon zehn Jahre her“, setzte der ältere von ihnen fort, der Hirt namens Eumaios. „Trotzdem wird noch immer davon erzählt. Es war ein großer Krieg, einen solchen haben Griechen noch nie erlebt.“

            „Ein Krieg ist immer eine abstoßende Sache“, erwiderte der andere. „Es gibt Tote und Jammer. Abgeschlachtete Leute und niemand weiß, warum sie sterben mussten. Vergewaltigte Frauen und ermordete Kinder. Grausamkeiten, für die man sich bereits am Tag danach schämt, und diese Scham hält bis ans Ende seiner Tage an. Im Wahnsinn des Gemetzels der Schlacht wird man aber zu einem Tier, das seinen Trieb nicht beherrschen kann und tötet ohne nachzudenken.“

„Warst du also auch im Krieg?“ fragte Eumaios.

Der andere nickte. Er sagte nichts und senkte den Kopf.

„Du bist also ein Held,“ wollte der Hirt nicht locker lassen.

„Held?“ es schien, als ob sein Gast das Wort ausgespuckt hätte. „Helden sind die, die starben. Die müssen sich nicht mehr für ihre Taten schämen, über die darf man verherrlichende Sagen singen. Ich bin am Leben geblieben.“

Der Hirt war fertig mit seiner Arbeit. Er legte den Spieß mit Ferkelteilen über das Feuer, er legte große Holzscheite aus Lärche hinan und setzte sich näher zu seinem Gast. Er erkannte, dass es sich um einen unglücklichen, müden Menschen handelte und er tat ihm leid. Er hätte ihn am liebsten um die Schultern umarmt, um ihn zu trösten, er schreckte aber vor einer so großen Vertraulichkeit zurück. Er suchte nach den richtigen Worten.

„Krieg ist einmal Krieg“, sagte er dann. „Im Krieg tötet jeder um nicht selbst getötet zu werden. Es ist daher nicht notwendig sich deshalb zu grämen oder sich etwas vorzuwerfen. Es gibt andere Verbrechen, die man nicht verzeihen kann. Du solltest nicht daran denken.“

„Ich hatte viel zu viel Zeit zum Nachdenken“, lächelte der andere mit grauen Haaren und jungen Augen bitter. „Ganze sieben Jahre lebte ich bei einer Frau namens Kalypso am Ende der Welt nahe der Heraklessäulen. Ich hatte genug an Speise und Trank. Ich musste nicht arbeiten, ich durfte ganze Tage in der Sonne liegen, nur in der Nacht musste ich meine Gastgeberin lieben. Sie verlangte von mir nichts anderes.“

„Das ist eine schöne Geschichte“, lächelte der Hirt.

„Bei solchem Faulenzen muss man aber die Zeit irgendwie vertreiben und das tut man durch Nachdenken. Das Faulenzen ist nichts Gutes für jemanden, auf dessen Seele ein Verbrechen lastet. Deshalb flüchtete ich aus diesem Paradies und ertrank beinahe bei der Insel der Phäaken. Vielleicht sehnte ich mich nach dem Tod, als ich Kalypso verlassen habe, was sonst konnte ich in den Wellen des endlosen Ozeans suchen? Die Götter erlauben aber niemandem zu gehen, dessen Zeit noch nicht abgelaufen ist.“

„Vielleicht hast du noch eine Aufgabe auf dieser Welt“, sagte der Hirt, als er aber bemerkte, dass sein Gast ungeduldig und ablehnend den Kopf schüttelte, wechselte er das Thema des Gespräches.

„In welchem Krieg hast du gekämpft? Erzähle mir über dein Schicksal, bis das Fleisch fertig gebraten ist. Für einen Mann, der sein ganzes Leben zwischen seinen Schweinen verbracht hat, sind alle Erzählungen über fremde Länder verlockend und interessant. Auch wenn sie von Blut durchtränkt sind.“

„Ich war bei Troja“, sagte der andere. „Das reicht, um alles zu wissen.“

„Also bei Troja“, freute sich Eumaios. „Dort war auch unser König. Der größte aller Helden! Ohne ihn hätte man Troja niemals erobert, zumindest so wird es erzählt. Unser König Odysseus hatte schnelle Beine und ein noch schnelleres Denken. Sein Sohn watschelte noch, als er von den Boten des Königs Agamemnon ausgesucht wurde. Er wollte nicht in den Krieg ziehen. Er pflügte das Feld mit einem Pferd und einem Ochsen, so ein Gespann dachte er sich aus, um für einen Narren gehalten zu werden und er säte Salz in die Furchen. So sehr wollte er bei seiner jungen Frau und seinem kleinen Sohn zu Hause bleiben. Die königlichen Boten zwangen ihn aber zu gehen, sie durchschauten seine List, als sie sein Söhnchen in die Furche legten und er sein Gespann anhielt. Er wäre derzeit über vierzig Jahre alt.“ 

„Kam er nicht zurück?“ fragte der andere mit einer hohlen Stimme.

„Würde es auf Ithaka so aussehen, wie es aussieht, wäre er zu Hause? Ich kann dir zum Essen nur ein Ferkel anbieten, weil ich alle Mastschweine in die Stadt abliefern musste. Dort wird seit Wochen geprasst. Gut zwanzig Anwärter bewerben sich um die Hand unserer Königin Penelope, jeder von ihnen will aber vor allem an ihrer Seite König werden. Es ist eine Bande von Räubern und Betrügern und es gibt niemanden, der sie zähmen könnte“. Der Hirt wurde zornig, unterbrach aber seine Rede, als er bemerkte, mit welchem Blick ihn sein Gast anschaute.

„Odysseus hatte doch einen Sohn“, sagte der Fremde und seine Stimme zitterte.

„Ja, er ist da, aber ein Sohn ist nur ein Sohn, der Ehemann ist der Herr im Hause. Télemachos ist stark und tapfer. Wie sollte er aber die ganze Bande, die seinen Palast besetzte, vertreiben? Er hat doch keinen Beweis, dass sein Vater am Leben ist, um in seinem Namen handeln zu können. Der Augenblick ist nicht sehr weit, in dem Penelope einen der Freier zu ihrem Mann wählen muss. Sie kann mit ihrer Entscheidung nicht ewig zögern.“

„Sind alle so böse?“ zweifelte der Gast.

„Möglicherweise nicht“, sagte der Hirt. „Eurymachos hat Weisheit, Antinoos wieder Kraft und Sorglosigkeit. Vielleicht sind sie nur zu jung, um über das Leben und ihre Taten nachzudenken.“

„Viele Menschen mussten sterben, weil sie über ihre Taten nicht nachgedacht haben“, sagte der Fremde düster. „Es reicht manchmal nur so wenig und die Worte werden unmittelbar vom Tod gefolgt.“

„Deine Toten plagen dich“, bemerkte der Hirt und drehte langsam den Spieß.

„Nicht alle“, widersprach der Gast. „Die, die ich im Kampf getötet habe, stören meinen Schlaf nicht. Sie hätten mich getötet, wäre ich nicht geschickter als sie. Nur ein Toter plagt mich und lässt mich nicht schlafen. Eigentlich eine Tote.“

„Sie war also eine Frau“, sagte der Hirt. „Hast du sie aus Leidenschaft getötet?“

Der Gast schüttelte den Kopf. „Nein, so war es nicht. Ich tötete sie weder mit meinem Schwert noch erwürgte ich sie. Ich tötete sie mit einem Wort, aber umso furchtbarer war meine Tat. Weil ihr Sterben zu lange dauerte.“

„Erzähle mir deine Geschichte, Mensch“, bot ihm Eumaios. „Es kann dir helfen. Sicherlich hast du es vielmals der Frau erzählt, die dich sieben Jahre lang in ihrem Schoß versöhnen wollte. Erzähle es aber noch einmal einem bedeutungslosen Alten, weil die Gewissenbisse wie ein Becher mit Galle sind, der sich nach jedem Entleeren wieder füllt.“

„Sie hieß Iphigenia“, sagte der Fremde.

„So hieß auch die Tochter des gestorbenen Königs Agamemnon aus Mykene. Sie wurde in Aulis vor dem Feldzug nach Troja geopfert“, unterbrach ihn Eumaios.

„Das ist die, von der ich rede“, sagte der Gast still und in seinen Augen erschienen Tränen. Als ob er seine Erzählung nicht fortsetzen konnte, fragte er: „Agamemnon ist tot?“

Der Hirt nickte. „Schon seit zehn Jahren. Er wurde von seiner Frau Klytamnestra ermordet. Noch am Tag, als er von Troja nach Hause zurückkam.“

Der Fremde senkte den Kopf. „Ja“, sagte er. „So musste es enden. Sie begann ihn gerade damals zu hassen. Gerade in dem Augenblick, als ich ihr Kind dem Tod ausgeliefert habe. Sie dachte, er hätte das getan.“

„Ich verstehe dich nicht, Herr“, sagte der Hirt erstaunt.

„Wir waren zu dritt, als der Oberpriester der Göttin Artemis, Kauleas, die Prophezeiung verkündete. Furchtbare Prophezeiung. Agamemnon, Menelaos und ich hörten, dass Artemis nach der ältesten Tochter Agamemnons als Opfer verlangte. Nur so beginnt der Wind zu wehen, der uns nach Troja bringt. Wie schwuren alle drei, dass dieses Orakel niemand erfahren durfte. Und ich verriet es dem Heer.“

„Du kannst dir nicht vorstellen, was dort vor sich gegangen ist“, setzte der Fremde nach einer Weile des Schweigens fort. „Tausendzweihundert Schiffe und fünfzigtausend Männer drängten sich auf den Stränden von Aulis und warteten bereits seit Wochen auf einen günstigen Wind. Es gab Träumer unter ihnen, die nur nach Ruhm strebten, es gab dort Männer, die durch das Gold von Troja reich werden wollten. Es gab unter ihnen aber auch Männer, die nur das Verlangen nach Blut und Gewalt in den Krieg lockt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie bunt, schön, aber auch grausam jede Armee ist. Eine Armee aber, die nicht kämpft, hört auf, schön zu sein. Sie ist dann nur mehr grausam. Im Lager mehrten sich Verbrechen, jeden Tag starben Männer bei Streitereien und Schlägereien. Es gab keine Hoffnung auf Besserung, die Moral verfiel soweit, dass Soldaten sogar dem Oberbefehlshaber Agamemnon mit dem Tod drohten und ihn gleichermaßen wie seinen Bruder Menelaos und seine schöne Dirne Helena hassten. Und in diesem Moment kam Kauleas und bot eine Lösung an. Für den Tod von Iphigenia kommt der richtige Wind. Man muss nur ein Leben opfern, um später Tausende Leben zu vernichten.“

„Hast du ihm geglaubt?“ fragte der Hirt mit Furcht in seiner Stimme.

„Damals habe ich noch an Götter geglaubt“, antwortete der unechte Alte. „Ich war viel zu jung, um an ihnen zu zweifeln. Trotzdem habe ich damals, als Kauleas sein Orakel verkündet hatte, gezweifelt. Vielleicht zitterte seine Stimme von Genugtuung oder von schlecht verborgener Ungeduld. Für einen Augenblick hatte ich Gefühlt, dass nicht die Göttin Artemis, sondern er selbst nach dem Blut der Tochter Agamemnons verlangte. Er versteckte sich hinter der Göttin um dem größten aller Anwesenden zu schaden. So ein Mensch war er und heute bin ich mir schon so gut wie sicher, dass wir damals in eine Falle tappten und dass es nicht Artemis, sonder Kauleas selbst war, der Kinderblut fließen sehen wollte.“

„Du hast aber das Orakel dem Heer verraten. Warum, wenn zu Zweifel hattest?“

„Vielleicht nur, damit mich die Soldaten liebten. Vielleicht nagte beim Blick auf Agamemnons Ruhm Neid in mir. Finde die wahren Impulse für deine Taten! Wahrscheinlich habe ich Agamemnon gehasst, obwohl ich mir das nicht eingestanden habe, weil den Hass auf den Oberbefehlshaber darf man nicht einmal vor sich selbst eingestehen.“

„Es war so einfach“, setzte er fort. „Wenn der König seine Tochter opfern würde, käme der Wind. So habe ich das gesagt. Und die Armee begann von Begeisterung zu brüllen. Von Begeisterung, weil ich ihnen die Hoffnung gab, aber auch in der Erwartung einer grausamen Vorstellung, auf die sie begonnen haben sich zu freuen. Ich sah ihre Begeisterung, die ich mit meinen Worten ausgelöst hatte und ich kam mir mächtig wie ein Gott vor. So groß war dieser Moment.“

„Es war einfach“, erklärte er, „weil Iphigenia in diesem Augenblick nur ein unbekannter Name und die Begeisterung der Soldaten anwesend und spürbar war. Damals war ich überzeugt, dass ich richtig handelte. Es reichte der Applaus tausender Tölpel um mein Gewissen zum Schweigen zu bringen. Das Gewissen protestierte nämlich. Viel später verstand ich, wie sehr es sich gegen diese Tat wehrte.“

„Dann änderte sich aber alles“, sagte der Gast langsam. „ im Moment, als sie in das Lager gebracht wurde. Ein junges Mädchen, viel mehr noch ein Kind als eine Frau. Mit einem ahnungslosen kindlichen Blick voll mit fröhlicher Erwartung. Niemand sagte ihr, dass sie getötet wird. Ihr eigener Vater redete ihr ein, dass er sie vermählen wollte. Deshalb freute sie sich so sehr, weil ihr Bräutigam der schönste aller Griechen sein sollte. Achilles, der Sohn des Peleus.“

„Er war ein Trottel“, setzte der Fremde fort und spuckte ins Feuer. „Ich wusste es immer und vor Troja bestätigte er diese meine Ahnung hunderte Male. Er war aber genau der Typ, dessentwegen  Frauen ohnmächtig werden, wenn er sie anschaut. Frauen können nichts für die Unartigkeit  ihrer Gefühle. Sie besitzen keine Muskeln und keine Schwerter. Sie kämpften immer mit List und ihre Schwäche war ihre größte Stärke. Wir konnten der kleinen Iphigenia nicht übel nehmen, dass sie sich in den Schönling verliebte, der ihr nicht bestimmt war.“

„Furchtbar begann es zu werden, als sie die Wahrheit erfuhr. Plötzlich war hier ein wirklicher Mensch, weinend und klagend. Sie flehte ihren Vater um ihr Leben an, aber er konnte ihr es nicht mehr geben. Seit dem Moment, als ich den Willen der Götter der Armee offenbarte, war sie genauso tot, als ob ich ihr selbst die Kehle durchgeschnitten hätte.“

„Es war für alles zu spät“, sagte der Mann bitter. „Hundertmal wollte ich ihr helfen, sie befreien und wegbringen. Mein Herz brach bei dem Anblick ihrer Verzweiflung. Die gesagten Worte konnte ich aber nicht mehr zurücknehmen und hinter unserem Rücken wuchs die schrecklichste Naturgewalt, die einmal auf der Welt freigelassen wurde. Der menschliche Fanatismus und das Verlangen nach Blut, nach Grausamkeit. Fünfzigtausend Männer wollten sie bluten sehen, weil ich ihnen eine Entschuldigung für ihr Verbrechen angeboten hatte. Der Wille der Götter! Dadurch waren sie unschuldig und durften das Martyrium des Mädchens genießen. Hätte ich in diesem Moment zu ihnen gesagt, dass es alles Lüge sei, die Priester Kauleas frei erfunden hätte, hätten sie mich zerfleischt. Deshalb schwieg ich, als ihr der Opferkranz auf den Kopf gelegt und sie zum Altar geführt wurde. Ich schwieg und das Heer sah einen Anführer in mir. Den größten Verbrecher unter ihnen allen. Das versöhnte sie mit mir und deshalb vergötterten sie mich in diesem Augenblick.“

„Sie wurde getötet“, sagte er mit einer düsteren Stimme. „Das ist mein ganzes Verbrechen.“

Das Fleisch war fertig. Eumaios überreichte das beste Stück dem Gast und beide aßen still.

„Es ist eine große Geschichte“, sagte der Hirt, langsam das Fleisch kauend.

„Für alles zahlt man“, antwortete sein Gast. „Für den einen Augenblick des berauschenden Glücks vor einer tobenden Menschenmasse zahle ich mit zwanzig Jahren Irrfahren.“

„Was hast du vor, weiter zu machen?“ fragte Eumaios.

Was werde ich tun? dachte der Gast. Was soll ich tun? Ich dachte, ich wäre endlich nach Hause zurückgekehrt. Ich war so glücklich, als ich auf dem Ufer dieser Insel aufwachte und mir gesagt wurde, es wäre Ithaka. Ich dachte, ich werde zu meiner Frau gehen und meinen Sohn umarmen. So erträumte ich es. Und jetzt? Als ob das alles nur eine Täuschung wäre. Mein Sohn ist groß und fähig für sich selbst zu sorgen. Er braucht mich nicht mehr, wenn ich ihm die ersten zwanzig Jahre seines Lebens kein Vater war. Und meine Frau? Sie hat in ihrem Haus zwanzig Anwärter, meistens jünger und schöner als ich es bin. Sorglosere und unermüdlichere im Bett. Der Hirt sagte, sie wäre mir die ganzen zwanzig Jahre treu gewsen. Verdiente ich es überhaupt? Wenn ich zu ihr gehen würde, würde ich den ganzen Rest meines Lebens mit einem Schuldgefühl leben müssen. Was bedeute ich ihr noch? Eine Erinnerung? Oder nur einen Vorwand für ihre Angst zu wählen? Den weisen Eurymachos wählen, der verspricht, ein treuer Ehemann zu sein auch, wenn sie schon alt und nicht begehrenswert wird, oder den starken und sorglosen Antinoos, mit dem sie noch prachtvoll die letzten Jahre erleben könnte, in denen sie noch begehrenswert bleibt. Was soll ich dort tun? Welchen Platz habe ich in dieser Geschichte?

„Ich weiß nicht, Eumaios“, sagte er endlich. „Ich werde weiter durch die Welt irren. Wenn du für mich ein Boot besorgen könntest, würde ich auf das Festland segeln. Ich möchte weiterhin meine Heimat suchen. Und das Vergessen.“

„Du könntest auch hier bleiben“, meinte der Hirt. „Du bist kein schlechter Mensch und der zukünftige König Telemachos braucht Männer wie dich.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe hier nichts verloren. Ich fühle, dass hier getötet wird. Um die Brautschau der Königin wird Blut fließen. Möglicherweise tötet Telemachos die Freier, möglicherweise sie ihn. Ich habe hier nichts zu tun. Ich mag nicht mehr töten, ich kann nicht mehr gegen einen Menschen das Schwert erheben. Ich weiß, wie leicht es ist und ich möchte die Versuchung meiden. Der Becher mit Blut, das ich vergossen habe, ist bereits voll. Ich will nicht, dass er überlaufen würde.“

In der Umzäunung begannen Hunde zu bellen. Anders als bei seiner Ankunft, als sie ihn beinahe zerfetzten. Jetzt grüßten sie jemanden Bekannten und in ihrem Bellen konnte man Freude erkennen. Der Hirt stand auf und schaute nach dem Kommenden.

Es kommt offensichtlich ein guter Mensch, dachte der Gast. Hunde erkennen das Gute in einem Menschen, deshalb grüßen sie ihn so freundlich. Mich wollten sie umbringen. Aber – was Gutes tat ich schon in meinem Leben?

Der Hirt begann zu zittern und das Gefäß mit Wein fiel ihm aus den Händen zu Boden. „Télemachos“, rief er. „Prinz Télemachos.“

Der vorzeitig ergraute Mann erzitterte. Er kommt! Dem Schicksal kann man nicht entkommen. Wenn hier heute zufällig nicht dieser Junge erschienen wäre, hätte er ein Boot bestiegen und für immer diese Insel verlassen. Er fühlte, dass er das jetzt nicht mehr schaffen würde. Das Schicksal verfolgte ihn und er konnte keinen Vorsprung vor ihm gewinnen.

Der Junge stand vor ihm. Er war ein schöner, großer junger Mann mit noch etwas schmalen Schultern. Seine Barthaare begannen nur zu wachsen, er strahlte aber vor endlosem Selbstbewusstsein. Schaute ich auch so aus? dachte der Gast. Damals, als ich mit dem Gespann aus Pferd und Ochs pflügte und Salz in die Furche streute? Damals war ich auch noch schön und jung und wollte keinesfalls diesen Jungen und seine Mutter verlassen. Und damals belastete mich noch kein Verbrechen.

Er stand vom Fell auf, um den Prinzen Platz zu machen.

„Bleib sitzen, Fremder“, hielt ihn Télemachos mit einer Stimme an, der man nicht widersprechen konnte. „Ich setze mich woanders hin, es gibt hier genug Platz.“

Er ist selbstbewusst, dachte der Gast. Er lernte zu herrschen, er wird nicht mehr gehorchen können. Wozu bin ich also hier?

Sie saßen zu zweit beim Feuer, der Hirt lief irgendwohin weg, um neuen Wein zu holen. Telemachos erzählte beim Essen über die Verhältnisse im Palast und über seine erfolglose Fahrt nach Sparta zu König Menelaos mit der Bitte um Verstärkung. Der andere schwieg. Er hielt es für entbehrlich zu bemerken, dass Menelaos der gleiche Egoist blieb, wie er es immer schon war. Es drängten andere Worte aus ihm. Er versuchte sie mit dem ganzen Willen zu unterdrücken. Dann verlor er diesen Kampf. Er sprach.

„Télemachos“, sagte er. „Ich bin dein Vater Odysseus. Ich kehrte zurück.“

Der Junge erstaunte. Dann schaute er ihn ungläubig an. Odysseus bemerkte, dass er dabei seine Hand auf dem Schwertgriff hielt. Er ist misstrauisch, dachte er. Er lernte, misstrauisch zu sein. Er hatte niemals jemanden, der ihn beschützt hätte. Er lernte allein zu kämpfen, er braucht niemanden mehr.

Telemachos rührte sich nicht. Also musste sein Vater aufstehen. Er wandte sich zu ihm und umarmte ihn. „Ich bin dein Vater, Junge“, wiederholte er, seine Stimme war aber nicht mehr freudig und aus den Augen kamen keine Freudetränen. Er fühlte nur eine furchbare Müdigkeit.

Der Junge erwiderte die Umarmung nicht. Nur als sich der Vater von ihm entfernte, verbeugte er sich und sagte: „Sei willkommen.“

„Es ist gut, dass du gekommen bist“, sagte er dann. „ Es ist die höchste Zeit. Ich brauche deine Hilfe, weil wir endlich die Ordnung in unserem Palast widerherstellen müssen. Mit deiner Hilfe vertreibe ich alle die Freier, die sich dort breit machen. Wer sich wehren würde, den werden wir töten. Du bist zurück, alles kann also nach dem Recht ablaufen.“

„Es spricht Hass aus dir, mein Sohn“, sagte der Alte. „Hass, den nur die Jugend spüren kann. Jahre des Leidens stumpften solche Gefühle ab. Setzen wir uns und reden wir, ob man die Sache nicht anders erledigen könnte.“

Télemachos setzte sich nicht. In seinem Blick gab es Erstaunen, das rasch in Zorn überging.

„Willst du mir nicht helfen?“ fragte er noch verwundert, aber er setzte schon anders fort. Seine Stimme zischte. „Du hilfst mir! Du musst! Es ist deine Pflicht und ich erlaube dir nicht, ihr zu entgehen. Wir töten alle! Für alle Erniedrigungen, für alles Unrecht, das sie begangen haben. Mit deiner Hilfe schaffe ich das. Kein einziger wird überleben!“

„Ich mag nicht mehr töten“, sagte er still.

„Du musst aber“, erwiderte sein Sohn hart. „Sonst gebe ich bekannt, dass du zurück bist. Sie werden kommen, dich zu töten und dich dann für einen Betrüger zu erklären. Versuche nur mich abzulehnen und du wirst sterben. Mit mir wirst du wieder zum König. Du hast keine Wahl! Du hast sie nicht, seit du auf dieser Insel gelandet bist und seit ich dich erkannte.“

Odysseus staunte. So hat sich das also das Schicksal ausgedacht. Alles kommt zurück. Für alles zahlt man. Er gab damals dem Mädchen auch keine Wahl. Sie musste sterben, egal, wie sich die Sache entwickeln mochte. Sie wollte nicht sterben, sie musste es aber. Er will nicht töten, aber er muss. Alles kommt zurück, man kann nicht entkommen. Also gut, der Becher mit Blut soll zum Überlaufen gebracht werden.

„Gut, Junge“, sagte er langsam. „Gut. Ich komme mit dir.“

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