„Masada darf nicht fallen“ – so lautet der Ruf, ein Teil der Rekrutenvereidigung der israelischen Armee. Bis vor einigen Jahren endete übrigens auch die Ausbildung der Rekruten in dieser Festung in der Wüste am Ufer des Toten Meeres. Eine so große symbolische Bedeutung hat diese Festung für Israel, sie symbolisiert den ungebrochenen Willen nach Unabhängigkeit und  Freiheit.

               Masada war tatsächlich der letzte Verteidigungspunkt, an dem Juden nach dem Fall  Jerusalems im Jahr 70 noch vier weitere Jahre Widerstand geleistet haben. Im Jahr 73 erschien aber vor der Festung die zehnte römische Legion „Fretensis“ unter der Führung von Flavius Silva und die Römer schließen um den Felsen einen dichten Belagerungsring. Sie bauten eine hohe Rampe und schoben auf dieser steilen Rampe Belagerungstürme zu Mauern, bis es ihnen gelang, in die Festungsmauer eine Bresche zu schlagen. Vor der Erstürmung der Festung, die für den nächsten Tag geplant war, begingen die Verteidiger der Festung, geführt von Eleasar ben Ja´ir, auch mit ihren Kindern und Frauen Selbstmord, um der Sklaverei zu entgehen. Reste der Rampe und des römischen Lagers sind auch heute noch sichtbar und zeugen von einer unglaublichen technischen Reife der damaligen römischen Ingenieure.

               Masada hatte immer eine sehr wichtige Funktion, da es an einer Furt lag, wo man das Tote Meer bereits in den Zeiten der Zeitwende überqueren konnte. Heutzutage, nach einem weiteren Rückgang des Wasserspiegels des Toten Meeres, entstand hier sogar eine Festlandbrücke – aus einem Meer wurden auf diese Art zwei. Mit diesem Naturphänomen möchte ich mich ein bisschen später beschäftigen.

               In Masada fand im Jahr 40 vor Christus die Familie des zukünftigen Königs Herodes die  Zuflucht, als sie vor Persern flüchten musste, die ins Land einfielen. Im Prinzip handelte es sich um einen Bürgerkrieg. Die Dynastie der Hasmonäer, die als Nachkommen der Makkabäer den Anspruch auf die jüdische Königskrone hatten, befand sich in Auflösung. Sie verlor die tatsächliche Macht, die an ihre „Majordomus“ überging. Dieser wahre Herrscher um das Jahr 50 vor Christus war der Vater des Herodes Antipatros. Er war eigentlich kein Jude – er stammte aus dem Stamm der Idumäer, also aus einem arabischen, mit Juden eng verwandten Stamm. Der König Hyrkanos II. fügte sich der Antipatros-Familie, nicht aber sein Neffe Antigonos, der Sohn seines Bruders Aristobulos. Antipatros wurde vergiftet und Aristobulos mit Unterstützung des persischen Prinzen Pakoros fiel in Judäa ein. Es gelang ihm seinen Onkel Hyrkanos gefangen zu nehmen. Er ließ ihn nach Persien führen, wo ihm die Ohren abgeschnitten wurden. Dadurch war es für Hyrkanos nicht mehr möglich, das Amt des Hohepriesters, das mit der Königswürde verbunden war, weiter zu  bekleiden, da die körperliche Makellosigkeit eine Voraussetzung dafür war. Im Krieg verlor auch der ältere Bruder von Herodes Phasael, sein Leben – er beging Selbstmord, damit er nicht als Geisel zur Erpressung missbraucht werden könnte.

               Herodes, der damals mit der Hyrkanos Tochter Mariamne verlobt war (wegen dieser Verlobung verstieß er seine erste Frau Doris, was ihm in der Zukunft große Probleme bereiten sollte), gelang es, nach Masada zu fliehen. Dort ließ er seine Familie und setzte seine Flucht bis nach Rom fort, wo er auf Geheiß seines guten Freundes Mark Anton vom römischen Senat überraschenderweise zum Jüdischen König ausgerufen wurde. Mit der Unterstützung der römischen Legionen kehrte er zurück, befreite die Familie aus der Belagerung in Masada und in den anschließenden drei Jahren gelang es ihm, das ganze Königsreich zu erobern und als ein Klientenkönig Roms die Macht zu übernehmen.  Antigonos wurde hingerichtet und Herodes ließ  seinen sechzehnjährigen Schwager Aristobulos (den Bruder Mariamnes und neuen Hohepriester) vorsorglich ertränken. Damit starb die Dynastie der Hasmonäer im Mannesstamm aus und Herodes konnte eine neue Dynastie gründen. Was nicht einfach war, besonders nicht in den Zeiten des römischen Bürgerkrieges, wo er mehrmals geschickt die Seiten wechseln müsste, bis er die Freundschaft des Augustus gewann. Er war nämlich ein Verbündeter und ein enger Freund von Mark Anton, bis dieser seinen Kampf bei Actium verlor. Damals hätte auf Herodes Leben niemand eine einzige Münze gewettet. Seine Frau Mariamne, die ihn für unwürdig, ihr Mann zu sein, betrachtete, bewarte den Thron für ihre Söhne, die sie mit Herodes hatte. Herodes segelte nach Rhodos, wo Oktavianus, der spätere Kaiser Augustus, sein Hauptquartier hatte, um die Invasion nach Ägypten vorzubereiten, und er erzwang sich eine Audienz. Bei der überraschte er den Römer damit, dass er keine Reue zeigte, sondern sagte: „Frage nicht, mit wem ich befreundet war, sondern was für ein Freund ich war.“ Augustus wurde aufmerksam, er erkannte einen Menschen der gleichen Blutgruppe, die er selbst besaß – klug, charakter- und gewissenlos. Die beiden wurden Freunde und Mariamne, die sich vorsorglich bereits einen Liebhaber besorgt hatte, wurde von Herodes hingerichtet. Später ließ Herodes sogar zwei seine eigenen Söhne, die er mit Mariamne hatte, aus Angst um seine Macht umbringen. Dies erwirkte die „graue Eminenz“ an seinem Hof, sein Sohn aus der ersten Ehe mit Doris Antipatros. Als seine Intrigen aufflogen, ließ Herodes auch ihn – fünf Tage vor seinem eigenen Tod – hinrichten. Damals sollte der Kaiser Augustus über seinen „Freund“ Herodes gesagt haben: „Es wäre besser ein Opfertier als ein Sohn dieses Königs zu sein, so könnte man länger leben.“

               Dieser Spruch des Augustus sollte die Grundlage der Legende über Kindermord in Betlehem bei Geburt Christi sein. Diese Tat des Herodes ist nämlich nicht in den historischen Quellen dokumentiert. Da sich die Historiker, besonders Flavius Josephus, mit der Herrschaft des Herodes detailiert beschäftigten und gerade Flavius Josephus zu diesem Herrscher sehr kritisch eingestellt war, hätte er sich diese grausame Tat des Königs in seinem Buch „ Der jüdische Krieg“ sicher nicht entgehen lassen. Er schweigt aber zu Vorwürfen, die in der christlichen Tradition aus dem zwar grausamen, aber äußerst fähigen Herrscher ein blutrüstiges Monster machten: Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er ließ Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die  er von den Sterndeutern erfahren hatte. (Matthäus 2, 16)

               Interessant ist auch, dass diese Geschichte nur im Matthäus Evangelium beschrieben ist, von Evangelisten Lukas wird sie aber nicht erwähnt. Gerade der Leibarzt des heiligen Paulus, Lukas sammelte Legenden und Zeugenberichte aus der Zeit der Geburt Christi während der Gefangennahme seines Meisters in Caesarea in den Jahren 56 – 58. Dass ihm so etwas entgehen hätte können, ist einfach unvorstellbar. Übrigens, die modernen Bibelforscher halten gerade die Evangelien von Markus und Lukas für authentisch, also wirklich von den Personen geschrieben, denen sie zugeschrieben wurden. Bei Matthäus und Johannes ist man bei weitem nicht so sicher. Ob das Massaker in Betlehem nach Christi Geburt tatsächlich stattgefunden hat, bleibt offen.

               Aber zurück zu Masada. Herodes erkannte sehr gut die strategische Bedeutung dieser Festung, wo sich seine Familie retten konnte und baute die Burg großzügig aus – in das heutige Ausmaß.

               Auf das Plateau wird man von einer Seilbahn befördert – leider kein österreichisches, sondern ein schweizerisches Produkt der Firma Von Roll. Sie hat eine Länge von 900 Metern und während der dreiminütigen Fahrt taucht man über den Mittelmehrspiegel auf. Die Talstation der Seilbahn befindet sich nämlich auf minus 257 Meter Seehöhe, die Bergstation ist aber in der Höhe 33 Meter über dem Meeresspiegel – in der Zeit, als das Jordantal vom Mittelmeer durch ein Erdbeben getrennt wurde, war Massada also eine Insel. Es ist auch möglich, zu Fuß auf einem Pfad den Berg zu besteigen – es sind letztendlich „nur“ 290 Höhemeter, ich würde es aber vielleicht nur in den frühen Morgenstunden versuchen, solange die Hitze noch einigermaßen erträglich ist.

Die Festung ist gigantisch, ihren Hauptteil bilden die Speicher für Vorräte – es gab hier genug Nahrungsmittel für die gesamte Garnison für drei Jahre. Herodes baute die Festung für den Fall, dass das ganze Land gegen ihn rebellieren würde. Dann wollte er sich in diese uneinnehmbare Festung zurückzuziehen und auf die römische Hilfe warten. Drei Jahre sollten sogar für die Römer genug Zeit sein, um zu Hilfe kommen zu können. Der Palast des Herodes ist am nördlichen Hang, also an der Schattenseite des Berges gebaut und war wirklich großartig – auf drei Terrassen und auch mit einem großen Bad.

               Das Essen war im Falle einer Belagerung nicht das größte Problem, Sorgen machte natürlich das Wasser. Es gibt in dieser Gegend keine Wasserquellen, man war also auf Regenwasser angewiesen und jeder Tropfen war viel zu wertvoll, um verloren gehen zu dürfen. Nicht nur auf dem Bergplateau sondern auch auf den Hängen der Klippe wurde ein sehr komplexes System zum Abfangen des Regenwassers mit Speichern in künstlichen Höhlen eingerichtet. Im Falle einer Belagerung konnten die Verteidiger bis zu diesen Speichern absteigen und das Wasser in die Festung holen – noch immer waren sie außer der Reichweite der damaligen Bogen.

Die Gebäude auf dem Berg sind hellenistisch geprägt, mit Fresken an den Wänden und mit Mosaikböden, allerdings ohne Darstellung der Lebewesen, soweit traute sich nicht einmal Herodes gegen das jüdische Gesetz zu verstoßen.

               Die neuesten Gebäude auf dem Plateau stammen aus der byzantinischen Epoche.  Masada wurde bis zum Jahr 749 bewohnt,  bis ein Erdbeben der letzten Siedlung ein Ende bereitete.

               Von der Festung sieht man in Richtung Westen nur Wüste mit einer Straße, die durch einen Pass in den Bergen zur Festung führt. Auf dieser Straße kam Herodes hierher – er konnte von der Garnison aus einer großen Entfernung gesehen und die Festung konnte rechtzeitig für seinen Aufenthalt vorbereitet werden. Genauso gut konnte man aber auch einen anrückenden Feind beobachten und sich entsprechend vorbereiten. Nicht zufällig sieht man die Reste des römischen Lagers direkt neben dieser Straße – natürlich mussten die Römer jeden Nachschub für die Verteidiger der Festung unterbinden.

               Herodes hatte seine Winterresidenz in Jericho bei der Mündung des Flusses Jordan in das Tote Meer. Heute ist das eine moderne palästinische Siedlung (Zone A), viel von der berühmten Vergangenheit findet man hier nicht. Jericho war die erste Stadt, die Juden im ihnen zugesprochenen Land erobert haben – wahrscheinlich mit Hilfe eines Erdbebens. Sie waren aber überzeugt, dass der Lärm, die ihre Hörner und ihr Kriegsgeschrei ausgelöst hat, die Mauer der Stadt zum Sturz gebracht haben. Moses war nicht mehr dabei. Er konnte das Land nur vom Berg Nebo sehen, er durfte es aber nicht betreten. Den Berg Nebo sieht man an dem Horizont, er befindet sich in Jordanien. Das Grab des Moses gibt es in der Wüste nahe dem Weg nach Jerusalem. Sein Leichnam wurde ins Heilige Land überführt und hier begraben.

               Zum Besuch des Tals des Toten Meeres gehört den Besuch von Qumran, wo die ältesten geschriebenen Texte des Alten Testamentes in einer Höhle gefunden worden sind.

In Qumran lebte offensichtlich die Sekte der Essener. Ob Johannes der Täufer zu ihnen gehörte oder zumindest zeitweise bei ihnen die Unterkunft fand, ist nur eine Hypothese, allerdings betrieben die Essener ein Ritualbad, vielleicht ein Vorbild der Taufe. Einer von ihnen war auch Lehrer von Herodes dem Großen und er sagte ihm bereits als einem kleinen Buben eine große Zukunft und ein furchtbares Ende voraus.

               Baden kann man im Toten Meer an der „Kalia Beach“. Der Strand ist schön und gepflegt. Hier befindet sich auch die tiefst gelegene Bar der Welt – 418 Meter unter dem Meeresspiegel. Die Bar hat keinen Namen – es ist einfach „The lowest Bar in the World“, man kann hier aber ein gutes, gekühltes Bier bekommen und in der Hitze braucht man die Flüssigkeit ganz dringend. Als wir dort waren – im April – zeigte das Thermometer 43,2 Grad Celsius im Schatten.

Das Wasser des Toten Meeres hat einen Salzinhalt von 32,6%, also ungefähr 10 mal so viel, wie normales Meereswasser – daher kann hier auch kein Lebenswesen überleben. Ein Mensch übrigens auch nicht. Das Baden ist zwar möglich, es wird aber dringend empfohlen, nur am Rücken im Wasser zu liegen – das schaffen sogar die Nichtschwimmer, da man in dieser konzentrierten Salzlösung nicht unten gehen kann. Eine Einatmung des Wassers ist aber fatal. Salz zieht Wasser an und die Folge ist dann ein Lungenödem, das nicht zu behandeln ist, da man das Salz aus der Lunge nicht mehr heraus  bekommt. Auf dem Bauch sollte man also niemals baden, da die Umdrehung oder das Aufstehen ohne den Kopf unter den Spiegel zu tauchen nicht möglich ist und so entsteht eine wirklich lebensbedrohliche Situation.

               Das Tote Meer entstand einmal vor vielen, vielen Jahren, offensichtlich durch ein Erdbeben, bei dem eine Landesbrücke gehoben wurde und ein Teil des Mittelmeeres vom Rest abgeschnitten wurde. Mit der Zeit verdunstete das Wasser. Der Fluss Jordan schaffte es, das Salz in die niedrigen Lagen zu spülen (deshalb ist Genezareth See süß). Aber es blieb letztendlich nur sehr wenig vom damaligen Meer – das Wasser war weg – das Salz blieb. Es geht sogar weiter – die Verdünstung wird auch dadurch beschleunigt, dass man beinahe das gesamte Wasser vom Fluss Jordan für die Landwirtschaft aber auch als das Trinkwasser verbraucht so dass bei Jericho der Jordan kaum noch Wasser in das Meer bringt. Deshalb ist das Tote Meer heutzutage bereits von einer Landbrücke in zwei Teile getrennt. Es gibt Überlegungen, das Wasser aus dem Roten Meer zuzufügen (dagegen protestieren die Naturschützer), um ein komplettes Verschwinden des Meeres zu verhindern – sonst droht dem Toten Meer das Schicksal des Aralsees. Ob dann die Proteste der Naturschützer aufhören, wenn Salzstürme das Tal plagen würden, ist die Frage. Vorläufig versuchen die Israelis das Land um das Tote Meer zu kultivieren, es gibt hier unendliche Plantagen von Dattelpalmen – da es sich um die Zone C handelt, dürfen die Israelis – aus ihrer Sicht  – hier alles tun, was ihnen beliebt.  

               Natürlich ist es in Israel noch einiges zu sehen. Die Knesset, also das Gebäude des israelischen Parlamentes, das Holocaustmuseum „Yad Waschem“, auch die „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“ genannt. Oder die Ausgrabungen im Bereich der ehemaligen Decapolis, der hellenistischen autonomen Städte aus den Zeiten des römischen Reiches – normalerweise besucht man die einzige von diesen Städten, die sich auf dem westlichen Ufer des Jordans befindet „Bet She´an“, die frühere Scythopolis. Es gibt Strände am Roten Meer bei Elat oder die Wüste Negev im Süden des Landes.  Und natürlich es gibt die pulsierende Metropole des jüdischen Staates – Tel Aviv. Aber dafür alles würde man doch mehr Zeit brauchen, ich möchte mich an dieser Stelle vom Heiligen Land verabschieden.

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