Weyhnachts-Lied.
Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht,
Nur das traute heilige Paar,
Holder Knab’ im lockigten Haar;
Schlafe in himlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!
Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh,
Schlaf in himmlischer Ruh.
Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Gottes Sohn! O! wie lacht
Lieb’ aus Deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund;
Jesus! in Deiner Geburth!
Jesus in Deiner Geburth!
Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt,
Christ, in deiner Geburt.
Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höh’n,
Uns der Gnade Fülle läßt seh’n
Jesum in Menschengestalt!
Jesum in Menschen-Gestalt!
Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoß,
Und als Bruder Huldvoll umschloß
Jesus die Völker der Welt!
Jesus die Völker der Welt!

 

Wir alle kennen den Text, egal ob wir regelmäßig die Kirche besuchen, oder nur selten her kommen, oder sie vielleicht sogar vermeiden. Eines der berühmtesten Lieder der Menschengeschichte hat gestern ein 200-jähriges Jubiläum seines Entstehens gefeiert.

Dass dieses wunderschöne Lied aus Salzburg stammt, hat eine gewisse Logik. Salzburg war bis 1803 ein unabhängiges kirchliches Territorium, der Erzbischof war gleichzeitig ein Reichsfürst, der seit dem westfälischen Frieden nur dem Kaiser direkt unterstellt war. Die Erzbischöfe von Salzburg waren schon immer Herrschaften, die die Schönheit liebten. Sie haben viele schöne Schlösser um die Stadt gebaut. Alleine  ihretwegen  lohnt sich ein Besuch in Salzburg. Die Musik war vor allem in der Zeit des Barocks ein untrennbarer  Teil des repräsentativen Lebensstils. Der letzte Reichsfürst, der Erzbischof von Salzburg mit dem herrlichen Namen Jerome Franz Joseph de Paul, Graf Colloredo von Waldsee und Mels, stellt den Höhepunkt dieser Entwicklung dar. Er war ein äußerst gebildeter Mann und war für seine Zeit, und besonders für sein Amt, sehr weltoffen. Er sprach fließend deutsch, französisch, italienisch und sogar tschechisch! Er gehörte dem Orden der Illuminaten an (ich erinnere an Dan Browns Roman, der die Illuminati fast zu Terroristen machte. Aber die Illuminati versuchten nur, die Kirche durch Bildung zu reformieren) und er war ein großer Liebhaber der Musik. Er war selbst ein begeisterter  Geiger und erkannte unmittelbar nach seiner Amtsübernahme 1772 das Genie des damals jungen Wolfgang Amadeus Mozart und beauftragte ihn mit der Leitung seines Orchesters, der junge Mozart wurde also sein Konzertmeister. Mozart wurde im Jahr 1756 geboren und starb 1791, er war also kein österreichischer Bürger. Salzburg wurde erst im Jahr 1815 Teil von Österreich, der aufgeklärte Bischof hat seinen genialen Komponisten an Kaiser Joseph I. also nur geborgt.

Mit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts und dem Ausbruch der napoleonischen Kriege kam jedoch für das Salzburger Land eine schwere Zeit. Dreimal hintereinander, in den Jahren 1800, 1805 und 1809, wurde Salzburg von französischen Truppen überrannt und geplündert. 1803 gründete Napoleon aus dem Erzbistum Salzburg ein säkularisiertes Herzogtum, der Musikliebhaber Colloredo musste sein Amt des  Reichsfürsten aufgeben und starb 1812 in Wien. 1805 wurden Salzburg und die Abtei Berchtesgaden an Österreich angeschlossen. 1810 wieder, nach der österreichischen Niederlage bei Wagram, an das Napoleon treue Bayern zurück übergeben. Auf dem Wiener Kongress nach der Niederlage Napoleons wurden die Karten neu gemischt. Salzburg wurde zum Opfer der großen Politik und wurde zwischen Österreich und Bayern aufgeteilt. Die endgültigen Grenzen wurden durch den Vertrag von München vom 14. April 1816 festgelegt. Die Gemeinde Laufen, die eine wichtige Rolle in unserer Erzählung spielen wird, wurde in zwei Teile getrennt: das linke Salzbachufer mit allen wichtigen Kirchen fiel an Bayern. Der rechte Teil, genannt Oberndorf, wurde Österreich zugesprochen und damit auch die einzige übriggebliebene Kirche  – St.Nikola. Und genau hier erklangen am 24. Dezember 1818 die Töne dieses berühmten Liedes.

Die Lebensschicksale der beiden Autoren dieses Liedes sind ebenfalls sehr bewegt. Durch ihre künstlerischen Eigenschaften, die mit einem bestimmten Lebenschaos verbunden waren, wurden sie vorbestimmt, sich in die Kunstgeschichte der Welt gemeinsam einzuschreiben, wenn auch nur mit einem einzigen Lied.

Der Textautor Josef Mohr, geboren 1792, war ein katholischer Priester. Er erhielt im Jahr 1815 seine Priesterweihe in Salzburg und wurde dann zu seinem ersten Arbeitsplatz gesandt, nach Mariapfarr im Lungau. Lungau war ein bergiges und sehr armes Gebiet des Landes, das vom Bergbau lebte und gerade in diesem Jahr von Bayern nach Österreich zurück übergeben wurde. Gerade hier, in Mariapfarr, schrieb Josef Mohr sein Lied. Vergebens suchte er hier aber nach einem Komponisten, der eine Melodie für seinen Text kreieren würde. Aus diesem Grund ist in Mariapfarr eines der zahlreichen Museen von “Stille Nacht”.

Den Komponisten fand Mohr, nachdem er nach Oberndorf übersiedelt war, in der Person von Franz Xaver Gruber. Dieser junge Mann schlug sich mehr schlecht als recht durch das Leben. Er war nämlich ein Hilfslehrer. Und wie Kaiser Franz Joseph in seinem Gesetz schrieb: “Ein verantwortungsvoller und anspruchsvoller Beruf eines Lehrers wird nur im Himmel belohnt.” Der liebe Hilfslehrer Gruber war arm wie eine Kirchenmaus. Im Jahr 1807 bekam er eine Lehrstelle in  Arnsdorf und um zumindest die Wohnung des Messners der Kirche Maria in Möstl benutzen zu dürfen und ein Dach über den Kopf zu haben, heiratete er eine bereits zweifache Witwe, Elizabeth Fischinger, mit der er zwei Kinder hatte. In den Jahren 1816 – 1829 arbeitete er aus finanziellen Gründen auch als Orgelspieler in St. Nikola im nahen Oberndorf, wo ihn der örtliche Pfarrer Mohr ansprach. Gruber brauchte angeblich für das Schreiben der Melodie nur einen Nachmittag. Und so konnte das Lied bereits am 24.Dezember 1818 nach der Weihnachtsmette in der St.Nikola-Kirche, zum ersten Mal gespielt werden.

Es wurde nicht während der Mette gesungen, sondern nach der Christmette, diese Tradition wird bis heute eingehalten. Außerdem wurde es nicht für Orgel, sondern für die Gitarre komponiert, was für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich war. Die Gitarre wurde als Musikinstrument der Landwirte betrachtet und gehörte nicht in die Kirche. Aber auch diese Tatsache hatte einen Grund. Die Orgel in der St.Nikola-Kirche funktionierte einfach nicht. Das Gerücht, dass eine hungrige Kirchenmaus daran schuld sei (die Aussage “Arme wie eine Kirchenmaus” ist bekannt und der Vergleich mit Gruber wäre sehr passend)  stimmt allerdings nicht. Erst 1819 wurde Meister Carl Mauracher von Zillertal gerufen, der sich für den Bau einer neuen Orgel entschied. Diese wurde im Jahr 1825 fertiggestellt. Franz Gruber konnte sie also noch spielen, er war Orgelspieler  in Oberndorf bis 1829. Interessanterweise spielte in dieser denkwürdigen Nacht, am 24. Dezember 1818, Mohr die Gitarre und nicht Gruber, beide sangen aber. Das Lied wurde für zwei Solo-Tenöre und einen Chor komponiert.

Die beiden Herren schienen sich also sehr gut zu ergänzen, sie mussten seelenverwandt sein und das Ergebnis war die erstaunliche Melodie, die gemeinsam mit dem rührenden Text unsere Weihnachtsfeiertage seit zweihundert Jahren verschönert.

Vielleicht erklärt diese Seelenverwandtschaft auch weitere Schicksale beider Autoren. Mohr hat sich in Oberndorf nicht lange Zeit aufgehalten. Sein Vorgesetzter der Presbyter Georg Heinrich Joseph Nöstler beklagte sich über ihn, dass er faul sei, keinen Bezug zu den Messen und zu bei den Krankenbesuchen hätte und dass er mit weiblichem Geschlecht scherzte!!! Außerdem soll er nichtreligiöse Lieder gesungen haben. Mohr war einfach viel mehr ein junger Mann als ein Priester. Das Schicksal führte ihn durch viele andere Standorte, er war Priester in Kuchl, Golling, Vigaun, Authering, Eugendorf, Hof und Hintersee. Hier hatte er sogar ein großes Problem. Arme Menschen in diesem abgelegenen Dorf mit 267 Seelen haben gewildert, was verboten war. Mohr kaufte das Fleisch von den Wilderern ab, und dafür sollte er das Geld aus den Mettenspenden genutzt haben. Als er angezeigt wurde, musste er das Dorf verlassen und war ab 1837 Vikar in Wagrain. Hier fand er endlich seine Ruhe, und übte sein Amt verantwortungsvoll aus, obwohl er sich mit den örtlichen Bauern gegenseitlich nicht wirklich mochte und er mehrmals um eine Versetzung angesucht hat. Im Jahr 1838 gründete er in Wagrain sogar eine Schule, die bis heute seinen Namen trägt.

1848 starb er und wurde in Wagrain begraben. Er liegt immer noch hier, aber nicht sein ganzer Leichnam. Es fehlt nämlich der Schädel. Mohr war das ganze Leben ein wenig eigenartig und ließ sich niemals porträtieren. Als der Priester und Bildhauer Joseph Mühlbacher im Jahr 1912 feststellte, dass es kein einziges Porträt des berühmten Lyrikers gab, exhumierte er den Kopf und versuchte, sein Antlitz anhand des Schädels zu rekonstruieren! Der Kopf wurde danach nicht in das Grab in Wagrain zurückgegeben, sondern in Oberndorf in die Wand der neu erbauten “Stille-Nacht-Kapelle”, die 1936 geweiht wurde, eingemauert. Die ursprüngliche Kirche St. Nikola wurde nämlich nach einem schweren Schaden durch ein Hochwasser abgerissen.

Franz Josef Gruber lebte in Arnsdorf, nach dem Tod seiner ersten Frau Elisabeth heiratete er im Jahr 1826 seine ehemalige Schülerin Maria Breitfuß, mit der er zehn Kinder hatte. 1833 fand er in der Stadt Hallein eine Anstellung als Chordirigent der Stadtpfarrkirche. Nachdem er 1842 zum dritten Mal, Catherine Rieser heiratete, lebte er hier bis 1863 als relativ wohlhabender und angesehener Bürger. Das Grab findet man neben der Pfarrkirche. Es ist leicht zu finden, da es hier das einzige Grab nach Aufhebung des Friedhofes geblieben ist.

Für uns war es ein Glück, das Franz Gruber so lange lebte (damals waren 76 Jahre ein gesegnetes Alter). Beide Autoren des Liedes gerieten nämlich in Vergessenheit und niemand wusste, wie das berühmte Lied entstand. 1854 stellte die königliche Hofkapelle aus Berlin eine Frage an die Erzabtei St. Peter in Salzburg, ob der Autor des Liedes Michael Haydn sei (der Bruder des berühmten Joseph Haydn). Dieser Komponist lebte nämlich zwischen 1737 und 1806 auch in Salzburg. Die Frage wurde an Haydns Sohn Felix übermittelt, einen Musiker im Dienste der Erzabtei. Er sandte den Brief weiter an Franz Gruber nach Hallein. Dieser schrieb dann “Die vollständige und wahre Geschichte über die Entstehung des Liedes Stille Nacht ” nieder.

Dank dieses Textes wissen wir, wo und wie das Lied entstanden ist. Mittlerweile gibt es Museen in Mariapfarr, Hallein, Oberndorf und Wagrein und die Gräber beider Autoren wurden zu echten Pilgerstätten. Es entstand der Spielfilm “Das ewige Lied” mit Tobias Moretti in der Hauptrolle. Er spielte die Rolle von Joseph Mohr. Franz Gruber wurde vom deutschen Schauspieler Heino von Stetten dargestellt.

Österreich hat dieses Ereignis nicht vergessen und begeht dieses Fest unter anderem  auch mit einer 20-Euro-Gedenkmünze.

Das Lied lebt durch sein eigenes Leben weiter.

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