Am Morgen frühstücken wir noch mit Marcus (der wieder nicht weiß, wie wir heißen) und verabschieden uns, im Wissen, dass wir uns wahrscheinlich nie mehr wiedersehen werden, obwohl ich ihm einen Tipp für das Mittagessen im „Casa Manolo“ gebe. Ich muss ihm die Info per SMS schicken, da er behauptet, es in seinem löchrigen Gedächtnis nicht zu behalten.
Ich möchte noch einige Museen besuchen, doch die öffnen am Palmsonntag erst um 11 Uhr. Das Museum der galicischen Kultur und das Pilgermuseum sehen wir also nur von außen. Wir spazieren zum riesigen, etwas deprimierenden Kloster der Heiligen Klara von Assisi und gehen dann ins Zentrum. Endlich bekomme ich auch Churros mit Schokolade – meine Begeisterung über das Gericht ist sichtlich deutlich größer als die von Vladimir. Ich bestelle für zwei Personen zwei Portionen Schokolade, aber nur eine Portion Churros. So hat es uns auch der Kellner geraten und es war auch richtig so.
Churros
Als wir danach nach außen gehen, sehen wir, dass etwas Feierliches vorbereitet wird. Es ist Palmsonntag, und rund um die Kathedrale zieht eine große Prozession. Männer in Masken schieben eine Christusstatue auf einem Esel, vor ihnen marschiert ein großer Zug von Kindern in mittelalterlicher Kleidung. Hinter der Statue gehen dann Herren in feierlichen Kleidern, offensichtlich lokale Prominenz. Die Menschen kamen zur Segnung ihrer Zweige, meist Oliven, aber auch Palmenblätter, wie vor beinahe zweitausend Jahren in Jerusalem. Daher heißt dieser Tag Palmsonntag. Die Kinder tragen gelbe Zweige – offensichtlich künstliche, um die Palme zu symbolisieren.
Auf den Stufen der Kathedrale treffen wir Susi (zum vierten Mal), kurz darauf schließen sich uns die beiden jungen Deutschen aus Leipzig an. Bezüglich der Teilnehmer des „Camino de la Costa“ sind wir jetzt nun komplett.
Offensichtlich haben sich alle drei Mädchen aus Leipzig zusammengetan und gemeinsam gepilgert. Sie kamen gestern im strömenden Regen an – also das Schicksal von Susi, sie hat ihre Reise im Regen begonnen und auch beendet. Das gilt auch für uns. Wir begannen bei Sonnenschein und endeten ebenso. Allerdings wurde Susi nicht von einer Möwe „angegriffen“.
Zum Mittagessen gehen wir noch einmal ins Casa Manolo. Ich bin nun vorsichtiger und nehme Spargel mit verschiedenen Soßen und danach Fisch. Ich bekomme jedoch einen so riesigen Steinbutt, dass ich dasselbe Problem wie am Vortag habe.
Die asiatische Dame am Nebentisch, die ein Schweinshaxen-Gericht bekommen hat, starrt zunächst ungläubig auf ihre Portion, fotografiert sie, verschickt die Bilder via WhatsApp und beginnt erst dann, damit zu kämpfen. Als wir das Restaurant verlassen, ist sie noch lange nicht fertig.
Wir holen unsere Rucksäcke aus der Herberge – dort gibt es ein durchdachtes System. Schließfächer, in die man den Rucksack legen kann, geben die eingeworfene Zwei-Euro-Münze nicht zurück, sie dient gleichzeitig als Mietgebühr. Danach geht es zum Bahnhof. Durch die Sicherheitskontrollen zum Hochgeschwindigkeitszug nach Ourense. Dort funktioniert es tatsächlich. Eine Dame mit einem hochgehaltenen Schild leitet den Strom der aus dem Zug aussteigenden Menschen zum richtigen Bahnsteig, an dem der Zug nach Madrid wartet. Wir kommen dort genau nach Fahrplan an. Unsere Reise ist zu Ende.
Die “Credencial mit den notwendigen Stempel
Ich danke meinen Lesern, dass sie meine Pilgerrreise ferfolgt haben und hoffe, sie konnten sich dabei amüsieren.
Da mein Knörpel im Kniegelenk offensichtlich ein Dauerschaden erlitten hat, wird sich so eine Reise wahrscheinlich nicht mehr wiederholen. Leider! Aber das habe ich schon voriges Jahr gewusst – es gibt nur einen Versuch. Und es ist gelungen das Ziel zu erreichen.
Es ist klar, dass unser erstes Ziel der Bahnhof sein muss. Das ursprüngliche Ziel – die „Oficina de Peregrinos“, um unsere „Compostela“ zu erhalten – rückt in den Hintergrund. Die Prioritäten haben sich geändert. Draußen nieselt es, wir ziehen unsere Regenjacken an. Zum Bahnhof ist es etwa anderthalb Kilometer, ohne Rucksäcke geht das aber problemlos.
Bahnhof in Santiago de Compostela
Am Informationsschalter treffen wir zwei Angestellte, zum Glück sprechen beide passabel Englisch (meine spanisch sprechende Schwiegertochter hat mir auch einen spanischen Text mit Beschreibung meines Problems aufs Handy geschickt, den ich zum Glück nicht benötige). Als beide Mitarbeiter meine Sorgen verstehen, versuchen sie sofort, mich nach allen Kräften zu beruhigen. Sie erklären mir, dass der Zug tatsächlich als eine einzige Verbindung gedacht ist und dass der Anschluss in Ourense warten muss, bis die Leute aus Santiago umgestiegen sind. Also sollen wir uns keine Sorgen machen – wir werden auf jeden Fall mit dieser Verbindung nach Madrid kommen. Ich will es ihnen glauben.
Sie beruhigen mich so sehr, dass ich sogar frühstücken gehen kann. Das ist am Bahnhof zwar recht teuer, aber vor allem hatten wir Churros mit Schokolade zum Frühstück geplant, da dies ein typisches Gericht für Santiago und Galicien sein soll, und ich wollte die Stadt nicht verlassen, ohne Churros probiert zu haben. Am Bahnhof gibt es sie allerdings nicht.
Wir gehen durch die ganze Stadt, durch das Zentrum, bis zu jenem Pilgerbüro.
Oficina de Peregrinos
Der Kilometerstein mit der Angabe „null Kilometer“ steht direkt vor dem Büro – nicht, wie man erwarten würde, vor der Kathedrale. Es gilt, ein Formular auszufüllen, in dem auch nach den Gründen der Pilgerreise gefragt wird. Eigentlich lüge ich nicht, wenn ich religiöse Gründe angebe. Während der Reise hat sich meine Motivation auch in diese Richtung entwickelt; ich könnte also ohne Gewissensbisse jeden der beiden Gründe angeben. Ich forsche nicht nach, wie es bei dem überzeugten Atheisten Vladimir ist, da er aber auch ein Diplom beantragt, hat er wahrscheinlich auch religiöse Gründe angegeben. Die Ausstellung des Diploms erfolgt schnell – weniger als eine Minute. Zwar verunstaltet die Dame am Schalter meinen Namen, sodass das Diplom an „Antoni Polachn“ geht, aber das ist nur ein Detail und es ist mir wurscht.
Ein zweites Diplom bestätigt, dass wir seit dem 26. März 349 Kilometer zurückgelegt haben. Selbst wenn ich unsere beiden kurzen Fahrten mit Feve, das Taxi mit Antonio und den Bus nach Aviles abziehe, sind es immer noch über 300 Kilometer auf unseren eigenen schmerzenden Beinen – für einen alten Herrn und Rentner ein ziemlich gutes Ergebnis. Eigentlich wären nur 100 Kilometer nötig gewesen, aber so ein Minimalismus wäre mir peinlich gewesen.
Wir schlendern durch die Souvenirläden, von denen es hier dutzende gibt. Vor einem Geschäft am Null-Kilometer-Stein treffe ich zwei Slowakinnen. Sie sind den portugiesischen Weg gegangen und sind entsprechend erschöpft. Sie haben die Pilgerreise über ein Reisebüro gebucht, mussten ihre Rucksäcke aber selbst tragen. Ihre Reiseleiterin trieb sie täglich bis zu 40 Kilometer, sie standen morgens um sechs auf und starteten mit Stirnlampen um den Kopf. Also nichts für Pensionisten! Eine von ihnen hat die Füße bis auf Blut aufgerieben. Wieder gratuliere ich mir zu der Entscheidung, privat zu reisen und den nördlichen Weg zu wählen. Organisatorisch war es zwar etwas anspruchsvoller, aber man blieb unabhängig. Man konnte die Etappen selbst wählen, musste nicht in der Gruppe gehen und konnte ein gewisses Pilgerflair erleben. Nein, ein Reisebüro garantiert so etwas ganz sicher nicht.
Am Null-Kilometer-Stein gibt es auch das „Hostel KM0“, also Kilometer Null.
Julia hatte dort geschlafen, bevor sie nach Vilalba mit einem Taxi gebracht wurde, und hatte am Fuß mehrere Stiche, offensichtlich von Bettwanzen. Daher warnte sie uns vor dieser Unterkunft, obwohl die Lage im Stadtzentrum sehr verlockend war. Auch in unserer Herberge wird vor Bettwanzen gewarnt. Sie sollen überall sein, und man kann ihnen kaum entgehen. Wenn sie einmal ins Haus oder die Wohnung gelangen, wird man sie nur mit professioneller Schädlingsbekämpfung los und auch das nicht immer. Empfohlen wird, nach der Rückkehr nach Hause alle Sachen sofort auszuziehen – möglichst noch vor der Haustür – und bei 60 Grad zu waschen. Nur so bleibt man vor diesen lästigen Insekten sicher.
Im Zentrum liegt die Kathedrale im Fokus. Der Platz „Praza de Obradorio“ bedeutet auf Galicisch „Werkstatt“. Der Bau der Kathedrale dauerte sehr lange, und das Baumaterial sammelte sich immer wieder vor der Fassade – also auf dem heutigen Platz. Daher hat der Platz diesen Namen erhalten. Gegenüber der Kathedrale befindet sich die neoklassizistische Fassade des „Palacio de Raxoi“, unter dessen Arkaden Pilger Schatten suchen. Dort sitzt sowohl die Stadtverwaltung von Santiago als auch die galicische Regionalregierung. Heute verstecken sich dort die Pilger vor dem Regen. Es schüttelt inzwischen heftig. Die Neuankömmlinge erscheinen durchnässt, aber glücklich, das Ziel erreicht zu haben. Der Regen wartete wieder einmal diszipliniert, bis wir das Ziel erreicht hatten.
Die beiden anderen – kürzeren – Seiten des Platzes bilden der romanische Palast „Xelmirez“ und das „Hostal de los Reyes Católicos“, das im 15. Jahrhundert von den katholischen Königen Isabella von Kastilien und Fernando von Aragon für Pilger errichtet wurde. Es wird derzeit renoviert; die Fassade ist mit einem Tuch bedeckt, auf dem dargestellt wird, was dahinter zu sehen wäre. Heute werden dort noch täglich zehn Portionen kostenloses Essen ausgegeben (eigentlich zwanzig, da es zehn Mittagessen und zehn Abendessen sind – eine Tradition der damaligen Könige). Heute dient es eher als Werbung für das ansonsten sehr teure Hotel, und die Pilger bekommen das kostenlose Essen nicht im Restaurant, sondern in der Kantine für Mitarbeiter serviert. Wahrscheinlich hat man nur im Winter eine Chance, wenn die Pilgerzahl minimal ist – und das wohl erst nach Abschluss der Renovierung.
Die Kathedrale hat mehrere Eingänge. Sie ist ein riesiges Granitbauwerk und ein Symbol. Vlado meint, dass die Galicier für den Bau der Stadt wohl irgendwo ein ganzes Gebirge abtragen mussten. Wahrscheinlich hat er recht (während unserer Pilgerreise lag er fast immer richtig – wieder einmal Ähnlichkeit mit meiner Frau). Santiago ist Stein, Stein und noch einmal Stein – daher wirkt die Stadt so majestätisch und zeitlos. Granit widersteht den Witterungseinflüssen fast vollständig, auch in Santiago, das für schlechtes Wetter bekannt ist. Heute regnet es weiterhin stark. Deshalb sind alle Straßen der Altstadt mit Arkaden ausgestattet, ungewöhnlich für Spanien, angenehm für uns.
Auf dem Weg von der Kathedrale zur „Rúa de Vilar“ mit zahlreichen Cafés, Bars und Restaurants sehen wir rechts einen imposanten Renaissancepalast mit einem öffentlich zugänglichen Garten und einer Statue in der Mitte. Es ist das „Colexio de Fonseca“, und die Statue gehört dem Gründer der Universität von Santiago, Erzbischof Alonso de Fonseca y Ulloa (1476–1534). Dieser aufgeklärte Mann erwirkte bei Papst Clemens VII. 1526 ein Dekret zur Gründung der lokalen Universität und stellte sofort das Grundstück des Hauses zur Verfügung, in dem er geboren wurde. Der Renaissancepalast war bis ins 18. Jahrhundert das Zentrum des universitären Lebens der Stadt.
Wir gehen auf den Markt. Wir passieren die Straßen „Rúa do Vilar“ und „Rúa Nova“, wo einmal die reichsten Bürger wohnten, und gelangen zur mittelalterlichen Stadtmauer mit dem Tor „Arco de Mazarelos“, durch das früher Wein aus dem Hafen von Ribadeo importiert wurde und die Pilger in die Stadt strömten. Es ist das einzige erhaltene Stadttor. Dahinter befindet sich erneut ein steinernes Gebäude der Universität. In Santiago studieren etwa 30.000 Studenten. Rund um die Universität gelangen wir zum städtischen Markt.
Markt in Santiago de Compostela
Es ist Samstag, der Markt ist voll im Betrieb. Über Jahrhunderte boten Händler ihre Waren in der ganzen Stadt unter Arkaden der Paläste, geschützt vor Regen, an. Das führte dazu, dass sich die ganze Stadt in einen großen (und stinkenden) Markt verwandelte, was die Stadtverwaltung ändern wollte. 1870 wurde der erste Markt in Eisen- und Glasgebäuden eröffnet, der aber nur bis 1925 bestand. Dann musste er abgerissen werden, um nicht zusammenzustürzen. Danach wurde der neue Markt von Architekt Jaquín Vaquero Palacios zwischen 1937–1941 errichtet. Galicien war vom Bürgerkrieg weniger betroffen, da sich der konservative Norden (eigentlich nur Galicien, nicht aber Asturien und überhaupt nicht das nach einer Autonomie strebende Baskenland) schnell den Truppen Francos anschloss. Der Markt ist jetzt aus Stein wie ganz Santiago, im neoromanischen Stil mit einem Uhrenturmgebäude, das an eine Kirche erinnert, als ob der Markt ein kleines Städtchen inmitten der Stadt bilden würde.
Jakobsmuscheln
Das Warenangebot ist riesig: Hunderte Jakobsmuscheln, verschiedenste Fischarten – ich fand einen Fisch namens Polachius polachius, was mich natürlich erfreute, auch wenn ich mit diesem Fisch nichts zu tun habe und er ziemlich schirch aussah.
Polachius polachius
Gemüse, Käse, Schinken, Wurst und Fleisch – von Schwein wird wirklich jedes Stück aufgebraucht, selbst Beine, Knie, Köpfe, Schnauzen und sogar Ohren! Zudem kann man Fisch oder Muscheln kaufen und in einem der Pavillons, die zu einem großen Restaurant umgebaut wurden (genauer gesagt zu vielen kleinen Restaurants), gleich zubereiten lassen und essen. Julia aus Frankfurt, die wir hier zuletzt treffen, wählte diesen Weg. Sie spricht Spanisch, versucht uns Mut zu machen und sagt, dass sie dem Koch eigentlich nichts sagen musste – man muss ihm einfach nur die gekaufte Ware übergeben und abwarten, was der Junge damit machen würde.
So viele Überraschungen brauchen wir nicht. Zum Mittagessen gehen wir lieber ins „Casa Manolo“ auf dem „Praza de Cervantes“ im Stadtzentrum. Joos empfiehlt das Restaurant, und er hat recht. Es ist modern, mit freundlichem Personal, das teilweise Englisch spricht, und mit großartigem Essen. Es öffnet um 13 Uhr, und wir sind die ersten hungrigen Gäste. Die Belohnung ist reichlich. Für 14 Euro gibt es ein Menü. Man kann wählen aus acht Vorspeisen und acht Hauptgerichten und anschließend gibt es noch ein Dessert. Wasser und Brot sind inklusive, Wein muss extra bezahlt werden. Natürlich gönnen wir uns je ein Glas. Vladimir wählt als Vorspeise Linsensuppe und bekommt einen riesigen Teller Linsen mit Wurst, sodass er schon nach der Suppe satt ist. Aber er muss danach noch mit einer stattlichen Portion Seebarsch weitermachen. Ich wähle die Vorspeise zwar vorsichtiger, entscheide mich dann aber für Schweinerippchen. Sie schmecken hervorragend, schwimmen aber in Fett – ich brauche an diesem Tag nichts mehr zu essen, bin bis zum Morgen satt. Vor allem, als uns der Kellner anschließend noch einen Kuchen als Dessert aufdrängt.
Der Hauptpunkt des Tagesprogramms ist der Besuch der Kathedrale.
Die Kathedrale hat mehrere Eingänge. Gestern bei der Messe gingen wir durch das seitliche Platerías-Tor (Pórtico de las Platerías) vom gleichnamigen Platz. Auf der Rückseite der riesigen Kathedrale befindet sich das Heilige Tor (Puerta Santa), geschmückt mit Statuen von Propheten und Aposteln. Es wird nur in Ausnahmefällen geöffnet, nämlich in den sogenannten Heiligen Jahren, wenn der Sonntag auf den Festtag des heiligen Jakobus, den 25. Juli, fällt (Joos gibt in seinem Buch fälschlicherweise den 27. Juli an). Und das nur an diesem einen Tag. Das wird das nächste Mal im Jahr 2027 passieren.
Vom „Praza de Obradorio“ gelangt man in den Dom durch die „Porta de la Gloria“ – allerdings nicht kostenlos. Durch dieses Tor erreicht der Besucher den ursprünglichen Eingang und das Portal der Kathedrale, das einst von Meister Mateo geschaffen wurde (heute ist dieses romanische Meisterwerk von einem barocken Portal überdeckt). König Ferdinand II. von León (das asturische Königreich erlosch nach dem Tod von König Alfons III. im Jahr 910, das Königreich León übernahm danach sein Erbe) beauftragte Meister Mateo 1168 mit der Dekoration des Eingangsportals der neuen romanischen Kathedrale. Meister Mateo arbeitete an der Dekoration aus hartem Granit bis 1211 und zögerte, sein Werk der Öffentlichkeit zu zeigen, da er es noch nicht für vollkommen hielt. Erst ein Sturm, der Santiago traf und das Gerüst vor dem Portal zerstörte, offenbarte sein geniales Werk den Zeitgenossen. Heute kann dieses Portal nur gegen Eintritt besichtigt werden; im anschließenden Museum sind weitere Artefakte von Meister Mateos Werk ausgestellt. Ich war von seinem Genie beeindruckt – der liebe Mateo war offensichtlich seiner Zeit weit voraus. Seine Statuen sind so lebendig, dass man sie eher der Renaissance als der Romanik zuordnen würde.
Mateo war nicht gerade bescheiden. Hinter dem Portal schuf er eine Statue als sein Selbstporträt. Während alle anderen Statuen des Portals nach außen schauen, blickt Mateo selbst nach innen zum Altar, als wolle er der Messe beiwohnen. Da die Statue alleine steht, zieht sie die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Man muss das Portal jedoch umrunden, um es von hinten – also von der Kathedrale aus – zu betrachten.
An die „Porta de la Gloria“ schließt sich das Kathedralmuseum an. Hier wird wohl die Entwicklung der Kathedrale dargestellt, die in vielen Bauphasen entstand; es gibt hier auch weitere Statuen und Artefakte von Meister Mateo. Es gibt einen Ausgang zum Balkon der Kathedrale, sodass man den Platz „Praza de Obradorio“ und die umliegenden Paläste von oben sehen kann. Es bietet die Möglichkeit, den Kreuzgang zu begehen, und schließlich Räume mit Wandteppichen, deren Entwurf vom berühmten Francisco Goya stammt, zu betrachten. Die stammen aus der Zeit, als der große Francisco noch nicht wahnsinnig und sei Werk düster geworden ist und seine Bilder strahlen noch von Lebensfreude.
Ein interessantes Artefakt ist die Flagge des Flaggschiffs von Juan de Austria aus der Schlacht von Lepanto 1571, bei der die christliche Flotte unter diesem spanischen Prinzen (er war ein unehelicher Sohn von Kaiser Karl V.) die türkische Flotte zerstörte und die osmanische Vorherrschaft über das Mittelmeer brach.
Wohin sonst hätte der spanische Prinz diese Flagge bringen sollen, die das christliche Heer zum Sieg führte, als nach Santiago? Dort wurde sie als eine weitere wertvolle Reliquie aufbewahrt. Das Flaggschiff selbst (eigentlich seine originaltreue Kopie) befindet sich in „Museu Maritím de Barcelona“.
Vladimir meint anschließend, dass wir schon genug Kultur genossen haben, um die Anstrengung entsprechend einer weiteren Etappe zu rechtfertigen (und er hat – wie immer – Recht). Also gehen wir auf ein Bier, um uns vor dem Regen zu schützen. Es schüttet nun direkt vom Himmel. Aber das stört uns nicht, wir sind „versorgt“. Das Bier wird frisch gezapft und in halben Litern serviert, was sehr erfreulich ist.
Erst als der Regen aufhört, machen wir uns auf zu einem weiteren Stadtrundgang, zum Kirchenbesuch von San Francisco, und anschließend zurück zur Herberge.
Die Kirche San Francisco
In der Nähe der majestätischen Kirche San Francisco erhebt sich ein weiteres riesiges Steingebäude. Vlado drängt mich, nachzusehen, was es ist, und ich stelle erstaunt fest, dass es sich um das Gebäude der medizinischen Fakultät der örtlichen Universität handelt. Mein Knie signalisiert sehr deutlich, dass es keine weitere Kultur mehr vertragen würde.
Im Untergeschoss der Herberge gibt es zwar einen kleinen Laden, aber keinen Wein – wir sind schließlich in einem Kloster. Wir müssen uns also mit Tee begnügen und trinken dazu den Rest des mährischen Pflaumenbrandes. Ich denke, dass wir das Schlimmste schon überstanden haben und keinen Grund mehr haben, ihn weiter als eiserne Reserve aufzubewahren. Der spirituelle Charakter der Reise (spirituell leitet sich in diesem Fall von „Spiritus“ ab, was komischerweise in Latein sowohl „Geist“ als auch „Alkohol“ bedeutet) verschwindet damit endgültig. Vlado kauft sich noch ein Stück Pizza, bei mir beanspruchen die Schweinerippchen vom Mittagessen noch den gesamten Verdauungstrakt, ich habe keinen einzigen Gedanken an weiteres Essen. Die Küche ist hervorragend ausgestattet, und wir treffen dort – wen sonst – unseren Musketier Markus, der uns herzlich begrüßt, obwohl er schon wieder unsere Namen vergessen hat.
Am Morgen wache ich mit einem Schock auf. Das ganze Kopfkissen ist mit Blutflecken verschmiert. Ich stelle fest, dass sowohl meine Nase als auch meine Lippen infolge der unerbittlichen spanischen Sonne aufgerissen sind. Bepanthen allein reicht dafür offensichtlich nicht aus. Trotzdem creme ich mich mit dieser Salbe ein, und wir brechen auf.
Rund um die Pension strömen bereits die Massen der „Pilger“. Im Erdgeschoss stehen zahlreiche ordentlich aufgereihte Koffer, die mit Bussen transportiert werden; aus Pilgern werden Teilnehmer einer von einem Reisebüro organisierten Pauschalreise. In der Bar, in der wir unser traditionelles Frühstück – Tee und süßes Gebäck – einnehmen, erscheinen diese Kunden mit Frühstücksgutscheinen und bekommen Eier mit Speck serviert. Das Flair des Pilgerwegs ist endgültig verschwunden!
Das Knie macht anfangs Probleme, zwar weniger als vorgestern Abend, aber mehr als gestern Morgen. Dann aber läuft es sich schnell ein, und für den Rest der Strecke benimmt es sich einigermaßen anständig.
Die letzte Etappe ist ad absurdum kommerzialisiert. Überall werden spezielle, mit Wachs verzierte und bemalte Stempel verkauft, vor solchen Ständen stehen Sammler Schlange.
Wir ignorieren das – schon deshalb, weil mein Knie sofort schlechter wird, sobald ich stehen bleibe, und ich es dann erst wieder „einlaufen“ muss. Am besten ist also kontinuierliche Bewegung ohne lange Pausen. Am Weg stehen auch Musiker mit Dudelsäcken, Flöten oder Harfen, die auf Spenden warten und ebenfalls Stempel anbieten. Einen – vom Dudelsackspieler – lasse ich mir in die Credencial geben.
Gelegenheiten für Pausen gibt es zum Abwinken. Für Bars hängen Werbeschilder an den Bäumen, und vor dem Dörfchen „San Paio“ – der galicischen Form von San Pelayo (die Galicier sind offenbar etwas mundfaul) – wird sogar darauf hingewiesen, dass es im Ort gleich zwei Bars gibt!
Vermutlich hat das Schild der Besitzer der zweiten aufgehängt, damit nicht alle Pilger in der ersten bleiben. Tatsächlich liegen sie in Sichtweite voneinander entfernt. Dazwischen steht eine kleine Kirche der heiligen Lucia. Wir besuchen sie und lassen uns von einer freiwilligen Helferin einen Stempel in den Pilgerpass geben – der erste aus einer Kirche. Später erhalten wir noch einen weiteren.
Wir umgehen den Flughafen von Santiago de Compostela. Die Flugzeuge starten hier den Pilgern direkt über den Köpfen; als wir unter der Einflugschneise hindurchgehen, landet aber gerade keines. Schade – das hätte ich gern gefilmt.
Im Dorf Labacolla suchen wir den historischen Ort, an dem sich früher die Pilger vor dem letzten Abschnitt nach Compostela wuschen. Am Zusammenfluss zweier Bäche, wie Joos schreibt, finden wir nichts. Etwas später, am Ortsausgang, entdecken wir jedoch einen Platz, der der Beschreibung sehr gut entspricht.
Unterwegs holt uns der Deutsche Ralph mit seiner Tochter ein. Zuletzt hatten wir ihn in Ribadeo gesehen, als er ein Restaurant mit deutscher Speisekarte betrat. Seitdem haben wir ihm nicht mehr begegnet. Ich frage nach seiner Frau. Er gibt zu, dass sie aufgegeben hat und mit dem Auto fährt. Der Vorteil: Sie kann die Rucksäcke aller drei im Wagen mitnehmen, sodass Ralph und seine Tochter – wie die meisten anderen Touristen – entlastet ohne Gepäck spazieren können.
Im Restaurant im Ort „San Marco“ sehen wir ihn jedoch wieder mit seiner Frau – und mit Rucksäcken. Offenbar werden sie die letzten sechs Kilometer wieder zu dritt gehen. Das Restaurant ist eine typische Touristenfalle – durchschnittliches Essen, überdurchschnittliche Preise. Aber was soll’s, auch dieser Teil gehört zum Pilgerweg. Umso mehr freue ich mich, dass ich die Nordroute gewählt habe. Die „Touristische Inflation“ der letzten beiden Etappen verdirbt mir so sehr die Stimmung, dass ich Mühe habe, meine Motivation zu bewahren. Doch vor uns sind nur noch die letzten Kilometer.
Wir steigen auf den letzten Hügel vor Compostela, den „Monte do Gozo“ (Berg der Freude). Dort steht eine Kapelle des heiligen Markus, nach der auch der Ort unterhalb des Hügels, wo wir gegessen haben, benannt ist. Von hier hat man einen Blick auf Santiago de Compostela das nun zu unseren Füßen liegt (deshalb har der Hügel seinen Namen). In der Ferne sehen wir die Türme der Kathedrale von Santiago de Compostela, aber auch die Industriegebiete der Stadt.
Santiago de Compostela ist die Hauptstadt der Provinz Galicien und hat rund hunderttausend Einwohner. Nicht alle leben vom Tourismus. Vor uns liegt ein endloser Marsch über Asphaltstraßen und Bürgersteige quer durch die fünf Kilometer lange Stadt. Am Stadtrand steht ein Schild mit dem Namen der Stadt. Wir lassen uns von einer anorektisch wirkenden Engländerin fotografieren – nachdem ich zuvor sie und ihre Freundinnen abgelichtet habe. Natürlich schneidet sie uns auf dem Foto die Beine ab. Es ist merkwürdig: Auf fast allen Fotos, die wir uns von zufälligen Passanten machen ließen, fehlen unsere Beine. Ein gemeinsames Foto mit Vladimir und unseren Beinen wird trotz der Länge unserer Reise zu einer echten Rarität.
Der Weg führt bergab und dann wieder bergauf, scheinbar endlos – doch wir wissen, dass das Ziel nahe ist. Und dann hören wir Dudelsäcke. Es sind Musiker, die sich auf den Stufen zur „Praza do Obradoiro“ beim Spielen abwechseln, wo vor der Kathedrale das Ziel unserer Reise liegt. Wir haben es geschafft. Wir sind am Ziel!
Es regnet immer noch nicht, obwohl es bewölkt ist und laut Vorhersage schon seit Stunden regnen sollte. Deshalb tragen wir Regenkleidung, sogar einen Schirm oben im Rucksack. Aber es scheint, als hätten wir das schöne Wetter einfach abonniert. Der „Möwenangriff“ von Cudillero hat sich offenbar gelohnt!
Vor der Kathedrale liegt Ralph mit seiner Familie auf den Steinen. Auf unsere Bitte macht er ein gemeinsames Foto von Vladimir und mir mit der Kathedrale in Hintergrund – diesmal sind die Beine drauf, dafür fehlen die Turmspitzen. Nun ja – niemand ist vollkommen.
Für einen Moment hört das Knie vor der Kathedrale völlig auf zu schmerzen. Ich will schon an ein Wunder glauben, doch es dauert nicht lange, dann melden sich die Beschwerden zurück. Wir müssen zur Unterkunft – am anderen Ende der Stadt, genauer auf dem gegenüberliegenden Hügel am Park „Parque de Belvís“ – ins „Seminario Menor de Belvís“. Das bedeutet noch einmal steil bergab und dann wieder hinauf. Die Rezeption ist zunächst unbesetzt, und als sie endlich besetzt wird, drängeln sich spanische Damen vor, deren Check-in ewig dauert. Unser eigener ist nur noch Formsache, da wir ihn bereits online erledigt haben – dass es uns Nerven gekostet hat, ist fast vergessen. Wir können stolz auf unsere digitale Leistung sein.
Wir bekommen ein Doppelzimmer – Standard, kein Komfort. Das Bad ist gemeinschaftlich, mit relativ wenigen Duschen und Toiletten für viele Menschen, ohne Geschlechtertrennung, auf dem Flur. Vor allem aber erhalten wir den letzten Stempel in unsere Credencial – als Beweis, dass wir das Ziel erreicht haben.
Schnell unter die Dusche, denn ich möchte zur Abendmesse. Für Pilger gibt es täglich zwei Messen: eine um zwölf Uhr mittags und eine um halb acht abends. Joos empfiehlt unbedingt die Abendmesse – sie sei intimer, „normaler“, während mittags ein Kampf um Sitzplätze im vorderen Teil der Kathedrale entbrennt, um das beste Blickfeld auf das Botafumeiro zu haben.
Botafumeiro
Dieses angeblich größte Weihrauchfass der Welt wiegt 54 Kilogramm und wird am Ende der Messe mit starken Seilen über die Köpfe der Gläubigen geschwungen. Früher war so viel Weihrauch nötig, weil die Pilger in einem Zustand ankamen, der heutigen Hygienestandards nicht entsprach – ihre Gerüche waren so intensiv, dass man ohne große Mengen Weihrauch kaum atmen konnte. Heute kommen sie geduscht, und so ist das Botafumeiro zu einer Touristenattraktion geworden – wie in Santiago beinahe alles.
Wir haben inzwischen großen Hunger, aber es ist noch zu früh zum Abendessen. Also lösen wir es auf die übliche Weise. Auf dem Platz vor der großen Kirche San Agostino trinken wir ein Glas Wein und bekommen dazu – wie erwartet – Oliven und ein Stück Brot, das den größten Hunger stillen kann. Dann gehen wir zur Messe.
Da wir uns bei der Suche nach dem Touristenbüro verspätet haben – unnötig, wie sich herausstellt, denn die Compostela wird nicht dort, sondern in der „Oficina de Peregrinos“ ausgestellt –, kommen wir in letzter Minute an und bekommen keinen Sitzplatz mehr. Obwohl Fotografieren während der Messe streng verboten ist, zücken viele Anwesenden ihre Handys und filmen eifrig, besonders als die Priester das Weihrauchfass in Schwung bringen. Manchmal muss ich mich selbst tadeln, warum ich so diszipliniert bin und Regeln einhalte, die andere ignorieren.
Nach der Messe kann man die Kathedrale besichtigen und die Krypta des heiligen Jakobus unter dem Altar besuchen, wo sich in einem Reliquienschrein seine angeblichen Gebeine sowie die zweier seinen Gefährten befinden.
Dort darf man fotografieren. Die Schlange führt weiter hinter den Altar, wo man der riesigen Statue des heiligen Jakobus die Hand auf den Rücken legen und sich etwas wünschen kann – vielleicht, dass die Welt besser werde, als sie ist.
Ich tue es – bin aber skeptisch, was die Erfüllung dieses frommen Wunsches betrifft. Vielleicht hätte ich mir lieber die Heilung meines schmerzenden Knies wünschen sollen! Wenn ich nur ein wenig egoistischer gewesen wäre!
Nach der Messe gehen wir in die Stadt, um etwas zu essen zu suchen. Es ist gar nicht so einfach, obwohl es mit halb neun eigentlich die ideale spanische Zeit fürs Abendessen ist. Schließlich begnügen wir uns mit einem kleinen Snack in einer der zahlreichen Bars. Ich weiß eigentlich nicht genau, was ich bestellt habe – selbst der Übersetzer in meinem Handy hilft bei der Auswahl kaum. Es sind Kartoffelchips mit einer Gemüsepaste, vermutlich mit viel Avocado. Vlado bekommt Kartoffelkroketten mit geheimnisvollem Inhalt – die Hälfte weiß, die andere schwarz. Wir forschen lieber nicht nach, was wirklich darin steckt. So ähnlich wie „Bitterballen“ in Amsterdam – da möchte man es auch nicht so genau wissen.
Gegen zehn Uhr abends kehren wir in die Herberge zurück. Ich habe die Idee, die Zugtickets ausdrucken zu lassen. Zwar habe ich sie auf dem Handy, aber diesem Gerät des 21. Jahrhunderts traue ich nicht ganz, und außerdem hat Vlado Probleme, meine Nachrichten zu öffnen – vielleicht fehlt ihm der richtige „Reader“. An der Rezeption erweist sich der junge Mann, der unser Check-in gemacht hat und gut Englisch spricht, als sehr hilfsbereit und druckt uns die Tickets aus. Als ich sie anschaue, erleide ich einen Schock.
Ich hatte ein Ticket für den direkten Zug um 15:48 Uhr von Santiago nach Madrid gekauft – und nun stehen dort plötzlich zwei Züge. Einer von Santiago nach Ourense und ein zweiter von Ourense nach Madrid. Zwischen der Ankunft des ersten und der Abfahrt des zweiten liegen zwei Minuten. Und um es noch spannender zu machen, steht dort der Hinweis: „Cierre del acceso al tren 2 minutos antes de la salida.“ Zur Sicherheit benutze ich den Übersetzer – doch er bestätigt nur, was ich ohnehin verstanden habe: „Der Einstieg in den Zug wird zwei Minuten vor Abfahrt gesperrt“.
Für den Umstieg bleibt also überhaupt keine Zeit.
Ich bin schockiert. Alle positiven Eindrücke des Tages treten hinter die Sorge zurück: Wie um Gottes Willen komme ich nach Hause? Schlafen kann ich unter diesen Umständen nur mit einer Schlaftablette.
Am 29.dubna 1656 vypukl ve městě Lešně požár, který zničil všechny budovy. Této katastrofě předcházelo obléhání města vojskem polských šlechticů. Byl to trochu paradox, ale město bránila posádka švédských vojáků, protože ho předtím v rámci druhé severní války obsadila. Město odolalo prvním útokům obléhatelů, ale 29.dubna dostali Švédové strach, město opustili a utekli za nedalekou spásnou slezskou hranici. Město bylo následně vydrancováno a doslova lehlo popelem. V podstatě by to českou veřejnost nemuselo až tak zajímat, kdyby se právě v té době nenacházel ve městě Jan Amos Komenský s dalšími českými exulanty z církve českých bratří. Plamenům padly za oběť prakticky všechny spisy, které „učitel národů“ do té doby napsal. Podařilo se mu zachránit holý život a mohl jen bezmocně přihlížet, jak oheň nemilosrdně ničí jeho rukopisy, které ještě neměly čas vyjít tiskem.
Leszno je malé hnízdo s 30 000 obyvateli v Poznaňské provincii tedy ve Velkopolsku. Přiznejme si, že Leszno není žádný turistický magnet, pro Čecha se zájmem o historii může ale mít svou přitažlivost. Skutečnost, že město leží už za hranicemi Slezska, hrála velmi podstatnou roli. Slezsko patřilo v té době ještě k zemím koruny české a panovníkem v těchto zemích byl Ferdinand II. Habsburský, který nehodlal ve své říši trpět žádné kacíře, za něž všechny lidi, nevyznávající katolickou víru, považoval. V Lešně byli tedy čeští bratři v bezpečí, v podstatě to bylo město nejblíž jejich domovině, a proto mohli stále ještě zachovávat naději, že se jednou domů vrátí. I nábožensky jim prostředí tehdejšího Lešna přálo. Město bylo většinově protestantské a Poláci nepřijímali reformovanou víru v německé, tedy Lutherově podobě, ale z Maďarska, kde se uchytilo učení Kalvínovo. A s ním měli čeští bratři hodně společného, rituály, věrouku, lišili se jen v jednom, ovšem velmi podstatném bodě. Zatímco Kalvín hlásal, že vládce má právo rozhodovat o víře svých poddaných, čeští bratři tuto myšlenku striktně odmítali. Víra měla být záležitostí svědomí každého jednotlivého člověka.
Kostel svatého Jana Křtitele
A bylo to právě Lešno, kde se začali Čeští bratři usazovat už v roce 1516 a od roku 1565 dokonce v místní křesťanské komunitě dominovali. V Čechách pod Habsburky pomalu přituhovalo, v Polsku měli náboženskou svobodu.
Ať tak či onak, čeští exulanti dorazili do Lešna v roce 1628 a nějakou dobu tam zůstali. Stopy jejich pobytu se dochovaly dodnes, je to nejen ulice Komenskego ale i busta Jana Amose v malém parčíku v blízkosti kostela svatého Jana.
Komenský pracoval nejprve jako pomocný učitel na škole Lissa (německé jméno Lešna), později se na ní stal dokonce rektorem. Ta škola působila ve městě od roku 1555, už i díky ní bylo Lešno střediskem intelektuálů, vedle Komenského zde působil i básník Johann Hermann a básnířka Anna Memorata. Jan Amos se určitě cítil v tomto prostředí dobře.
Leszno má hlavní náměstí – Rynek – s velkou barokní radnicí – všechny budovy ve městě logicky pocházejí z období po onom velkém požáru, takže gotiku, renesanci nebo románský styl by tam člověk hledal marně.
Ratusz
Na věži radnice je zvonkohra, hrající v poledne milou melodii. Kostely jsou zde dva. Kostel svatého Mikuláše a kostel Matky Boží, pocházející původně ze 14. století blízko rynku, sloužil v sedmnáctém století českým bratřím, než byl při onom požáru zcela zničen. Protože v Polsku následovaly velmi pohnuté časy, jako byla polsko-švédská válka 1655–1660, obnovy se kostel dočkal až po této válce, iniciativu k jeho obnově dal lucký biskup Boguslaw Lesczynski. I proto, že majitelem lešenského panství byl jeho bratr Rafael. Pozval italské architekty Pompea Ferrariho a Giovanniho Catenazziho, a ti postavili novou svatyni ve stylu italského baroka. Kostel byl ovšem poničen ještě dvakrát v letech 1707 a 1709. Oba zakladatelé kostela bratři Lescynští si zasloužili krásné náhrobky, biskup Boguslaw u západní a jeho bratr Rafael u východní zdi.
Z rodiny Lesczynské je ovšem nejdůležitější osobou syn Rafaela Stanislav. Jeho socha stojí na samém začátku ulice vedoucí ke kostelu u rynku. Stanislav Leszynsky se totiž stal polským králem, jeho dcera Marie pak jako manželka krále Ludvíka XV. královnou francouzskou. Polské království se po vymření rodu Jagellonců Zikmundem II. Augustem v roce 1572 stalo volební monarchií, kde si šlechta panovníka volila. První pokus s francouzským princem Jindřichem v roce 1573 nedopadl dobře. Jindřich totiž po smrti svého staršího bratra Karla utekl z Varšavy zpět do Francie, aby nastoupil vládu tam. Byl ostatně nejmilejším synem královny Kateřiny Medicejské, zodpovědné za masakr Bartolomějské noci. O tom, zda to bylo rozumné rozhodnutí, se dá pochybovat. Jindřich III. ho zaplatil životem, když ho v roce 1589 zavraždil katolický fanatik – dominikánský mnich Jacques Clement. V Polsku by se mu to zřejmě nestalo.
Nicméně další volby už byly úspěšnější, po Uhrovi Báthorym vládli nějaký čas králové ze švédského rodu Wasa a poté Wettinci ze Saska. Stanislaw Lescynsky se stal králem dokonce dvakrát. Poprvé v roce 1704 s podporou švédského krále Karla XII., ale když tento dostal v roce 1709 na frak od Rusů u Poltavy, musel Lescynsky před Sasy utéct do švédského exilu. Podruhé byl zvolen polským králem v roce 1733, tentokrát s podporou francouzského krále Ludvíka XV, který byl od roku 1725 jeho zetěm. Ani tentokrát to nedopadlo dobře. V roce 1735 si Poláci zvolili Augusta III. saského kurfiřta a Stanislav musel znova do exilu, tentokrát do Lotrinska a tam i v roce 1766 tragicky zemřel, když se jeho šaty vznítily od ohně v krbu. Král Ludvík se musel o svého tchána postarat, a tak přinutil lotrinského vévodu Františka Štěpána, aby se vzdal svých dědičných zemí, výměnou za Toskánsko, kde právě vymřela rodina Medici. František Štěpán sice rodinné državy oplakal, ale pak se přece jen odebral se svou novomanželkou Marií Terezií do Florencie. Stanislaw Lescynsky se mohl v Lotrinsku usadit a po jeho tragické smrti připadlo toto území definitivně francouzské koruně. Což byl i Ludvíkův plán.
Socha Stanislawa Lescynskeho stojí u Rynku na začátku ulice pojmenovaé po něm.
Lešno, které v roce 1707 pro změnu vypálili zase Rusové, prodal Leszynsky v roce 1738 polskému magnátovi Józefowi Sulkovskému. Žil v té době ve francouzském azylu a stejně do Polska nesměl. Palác rodiny Sulkowskych se nachází u parku nedaleko rynku, Rusové ho sice hned krátce po dokončení vypálili, ale Sulkowští si ho ve stylu baroka znovu obnovili a dnes je v něm gymnázium. U stejného parku nemůže chybět – jako ve všech polských městech – i památník Katyňského masakru se jmény místních občanů, které Rusové na jaře 1940 bestiálně zavraždili. A nedaleko je i Synagoga. Postavena byla v letech 1796–1799 a od té doby několikrát přestavována ve stylech Neoromaniky, Neorenesance či Neobaroka. V roce 1956 přišla o své měděné kupole, dnes je to klasicistická budova, ve které se nachází „Museum okregowe“, čili okresní muzeum Lešenského okresu. Místní židovská komunita byla totiž nacisty za druhé světové války zcela vyhubena a už se ji po válce nepodařilo obnovit.
Synagoga
Ovšem nejkrásnější zážitek jsme si odnesli, když jsme zašli na oběd do restaurace Wieniawa.
Čtyřhvězdičkový hotel na rohu Rynku, očividně nově rekonstruovaný (což by jinak potřebovalo hodně lešenských budov), s moderním interiérem. Jídlo bylo skvělé, (v Polsku se ovšem musíte smířit s tím, že kyselé zelí dostasnete i k Vídeňskému řízku, ale vitamínu C není nikdy dost) číšnice, jak už je to v Polsku zvykem, mladé, krásné a usměvavé a k tomu proseco aperitiv jako pozornost podniku a po jídle ještě zákusek – opět jako pozornost podniku. Marně jsme se bránili, že jsme už sytí. A přesto přišlo jídlo na nějakých 300 korun. Prostě sen. Někdy píšu hodnocení restaurací na googlu opravdu rád – a to byl ten případ.
Takže, pokud se rozhodnete vyrazit po stopách Jana Amose, určitě hladem neumřete.
In der Nacht kann ich vor Angst nicht schlafen – trotz einer Schlaftablette. Als ich nachts zur Toilette gehe, sind die Schmerzen so stark, dass ich mich kaum hinschleppen kann. Mir ist in diesem kritischen Moment nicht bewusst, dass Schmerzen gegen drei Uhr morgens am schlimmsten sind, weil der Cortisol- und Stresshormonspiegel, die sie dämpfen, zu dieser Uhrzeit am niedrigsten ist. Ich spüre: Ich werde meine Pilgerreise abbrechen müssen.
Doch am Morgen habe ich das Gefühl, ein Wunder sei geschehen. Das Knie ist nicht gesund, aber der Schmerz ist mild. Wenn ich kleine Schritte mache und das Bein nicht vor die Körperachse bringe – es also nicht durchstrecke –, kann ich gehen. Vorsichtig, langsam vielleicht, aber es geht. Vlado bietet zusätzlich an, auch meinen Schlafsack zu tragen. Das ist eine enorme Hilfe – fast zwei Kilo weniger im Rucksack, das kann entscheidend sein. Er hat mich schon öfter in der Hohen und Westlichen Tatra gerettet – auf ihn ist immer Verlass, besonders wenn es schlimm wird. Und das ist es. Ein bisschen wird er zum Sherpa. Ohne ihn wäre ich verloren – und genau deshalb habe ich ihn damals so hartnäckig überredet, dieses Abenteuer mit mir zu wagen.
Das Frühstück ist wie üblich: tostados vom gestrigen Brot, Butter, Marmelade. Die Señora kreist wieder durch das Restaurant und will wissen, ob wir zufrieden waren. Wir waren es – und das freut sie.
Wir starten die heutige Etappe auf einem Gehsteig, geschmückt mit metallenen Jakobsmuscheln, und gelangen bis zur „Praza España“, dem Hauptplatz.
Praza Espana in Arzúa
Fotografieren ist hier unmöglich – ein Lkw nach dem anderen fährt vorbei und versperrt die Sicht auf die Gebäude und die gestutzten Platanen, die später Schatten spenden werden. Mit uns bricht auch die Jugendgruppe aus der Herberge auf. Die Mädchen in Leggings mit ihren schmalen Hüften sind hübsch anzusehen, marschieren aber deutlich schneller als ich, der Invalide mit einem Rucksack auf dem Rücken. Allerdings nur vorübergehend – im Laufe des Tages überholen wir sie mehrfach wieder, wenn sie erschöpft am Boden sitzen oder in einer der vielen Bars pausieren. Und sie gehen ohne Rucksack – ihr Gepäck wird in einem kleinen Bus zur nächsten Destination transportiert.
Denn ab Arzúa – einer Stadt, die für ihren Käse berühmt ist – ändert sich der Charakter des Weges radikal. Hier laufen unser „Camino del Norte“ mit dem „Camino Primitivo“ und vor allem mit dem „Camino Francés“ zusammen. Genauer gesagt: unser Weg stößt auf die anderen zwei, besonders dann auf den „Camino Francés“, der jährlich die meisten Pilger anzieht. Aus unserer fast privaten Wanderung – in fünfzehn Tagen trafen wir höchstens fünfzehn Menschen – wird schlagartig Massentourismus. Menschenströme wälzen sich über den Weg, viele ohne Rucksack. Die Koffer stapeln sich an den Rezeptionen. Viele diese „Pilger“ haben offenbar eine organisierte Reise gebucht – Gepäcktransport, Abendessen und Frühstück inklusive, sogar mit Eiern und Speck, was man sonst in spanischen Bars kaum bekommen würde. Alles ist anders.
Die Zahl der Menschen hat sich nicht verdoppelt oder verzehnfacht, sondern verhundertfacht. Es erinnert an die Hohe Tatra in der Hochsaison im Sommer, manchmal an den Weg zum Morskie Oko in Polen. Ich denke an die Kundgebungen mit Märschen am ersten Mai in den kommunistischen Zeiten mit Pflichtteilnahme für alle Bürger – eine gewisse Ähnlichkeit ist da.
Und doch: Blendet man die Menschenmassen aus, ist der Weg wunderschön. Alles blüht – Rosen, prächtige Rhododendren und schöne violette Blüten. Ich will sie für Jaracanda halten, obwohl für Jaracanda noch zu früh ist. Die Blumen entpuppen sich letztendlich als Wistarien – schön sind sie aber allemal.
Wistarien
In Gartenteichen quaken Frösche so laut, dass man kaum glauben mag, wie viel Lärm so kleine Tiere machen können. Die Häuser sind gepflegt, sogar etwas Farbe taucht auf, wenn auch weniger als in Asturien. Die Hunde werden kleiner. Es wäre ein herrlicher Spaziergang – ohne die Länge, ohne die Menschenmassen und ohne mein schmerzendes Knie. Aber selbst so bleibt es ein schönes Erlebnis.
Rododendron
Nach elf Kilometern erreichen wir Salceda. Dort gibt es eine „Pulpéría“ – eine Art Oktopus-Restaurant. Ich bestelle „pulpo a la gallega“: geschmort, mit Paprika und gekochten Kartoffeln. Kartoffeln werden im Norden Spaniens viel gegessen. Mein Oktopus schmeckt hervorragend – doch Vlado ist überzeugt, dass er für meine bald danach aufgetretene Darmprobleme verantwortlich ist. Ich schaffe es gerade noch in die nächste Bar, um sich zu erleichtern. Ich brauche zwei Toilettenbesuche, bis das Problem gelöst ist.
In dieser Bar erhält Vlado eine Nachricht aus Santiago, aus dem Seminario Menor de Belvís. Wir sollen online einchecken. Am Handy! Wir kämpfen damit eine Viertelstunde, es bringt mich an den Rand der Verzweiflung. Schließlich gelingt es, wir haben eingecheckt! Ich bestelle ein Bier, würde aber lieber einen Schluck von meinem Sliwowitz zur Darmtraktdesinfektion nehmen – viel ist von ihm übrigens nicht mehr übrig. Er war für den schlimmsten Fall gedacht, und der ist längst eingetreten. Und nun holt uns auch noch die digitale Welt ein, die alten analogen Menschen das Reisen schwer macht.
Doch das Knie hält. Als wir an der Herberge in Santa Irene vorbeikommen – mein geplanter Notstopp –, kann ich noch weitergehen. Damit gewinnt endgültig die Variante: Santiago in zwei Tagen. Das ist gut so, die Wettervorhersage kündigt für Samstag starken Regen an. Es ist warm, wir füllen Wasser bei einer Wasserquelle nach.
Durch Waldwege erreichen wir Pedrouzo. Herbergen gibt es viele, schon in Rúa sogar einen Campingplatz. Die erste Herberge mit Abendessen, „O’Borgo“, ist ausgebucht – es gibt nur noch freie Plätze im Schlafsaal. Darauf habe ich keine Lust. Wir gehen weiter zur Pension „Platas“.
Dort empfängt uns eine sehr freundliche junge Dame. 70 Euro für zwei Personen – die teuerste Unterkunft der Reise –, aber das Zimmer ist luxuriös, mit eigenem Bad und WC. Sie wäscht und trocknet sogar unsere Kleidung; wir müssen uns um nichts kümmern. Wir finden unsere Kleider an der Rezeption schön gefaltet. Nur eine Socke fehlt – wir finden sie später gemeinsam im Trockner.
Draußen regnet es wieder einmal. Wie so oft auf unserem Weg hat der Regen gewartet, bis wir den Tagesziel erreichen und ein Dach über den Kopf haben. Die Möwe aus Cudillero lässt grüßen. Große, warme Tropfen fallen, gleichzeitig scheint die Sonne – und wir erleben unseren ersten Regenbogen.
Zum Essen gehen wir in ein Restaurant, das sich fünfzig Meter von unserer Unterkunft entfernt befindet. Wir bestellen ein Menü mit Vorspeise, Hauptgang, Eis und einem Glas Wein: das alles für 15 Euro! Ein Glas ist uns zu wenig, also wechseln wir in eine Bar und bestellen noch eines. Was wir nicht bedacht haben: Zum Wein gibt es in Spanien doch immer etwas zu essen – diesmal Brot mit Jamón und Arzúa-Käse. Wir essen es tapfer auf, Vlado meint, er werde platzen. So nimmt man garantiert nicht ab.
Morgen erwartet uns das Finale. Im Gegensatz zu gestern bin ich vorsichtig optimistisch.
Traditionelle Pilgerbekleidung – heutzutage nur mehr in einem Souvenirgeschäft
Ab sieben Uhr läuten wieder die Glocken, und die Herberge muss bis acht geräumt werden. Also packen wir – zum ersten Mal im Dunkeln –, was meine Abneigung gegen diesen Ort noch weiter vertieft. Um acht stehen wir auf dem kleinen Marktplatz des Städtchens und suchen eine Bar zum Frühstücken. Die, in der wir gestern zu Abend gegessen haben, ist geschlossen. Auf dem Platz ist das Restaurant „La Plata“ geöffnet.
Als wir eintreten, bin ich überrascht, wie leer es ist. Nicht nur, dass keine Gäste da sind, es gibt auch kein Gebäck im Angebot. Ich frage die Kellnerin, ob sie uns etwas zum Frühstück machen könne. Sie schüttelt den Kopf. Wir verlassen enttäuscht den Raum. Draußen kommt Vlado die Idee, dass sie uns wenigstens Tee kochen könnte; etwas zu essen würden wir dann im Supermarkt kaufen. Also drehen wir um und gehen wieder hinein. Inzwischen sind jedoch unsere drei bekannten Französinnen das Restaurant betreten.
Zu meiner Überraschung liegt nun süßes Gebäck in der Vitrine. Drei Stück. Und genau diese drei nehmen sich die drei Französinnen. Ich frage, ob es noch mehr gebe – es kommt wieder ein „Nein“. Schließlich bekommen wir nach längerer Verhandlung immerhin Tee und für jeden ein Croissant. Zwar nichts Besonderes, was man unbedingt loben sollte, aber der schlimmste Hunger ist gestillt. Unterwegs halten wir im Supermarkt an, Vlado kauft seinen üblichen Saft.
In einer anderen Bar, die von Weitem geschlossen wirkte, aber offen ist, sitzen Julia und Leon. Offenbar haben sie mehr zum Frühstück bekommen als wir. Zur Korrektur ist zu spät – wir ziehen weiter durch die mühsame Landschaft zwischen Feldern und Wiesen, und mein Knie schmerzt trotz der elastischen Binde zunehmend.
Irgendwo zwischen Soran und Boimorto, unserem Zwischenziel, überholt uns Leon. Er hat es eilig, Julia ist nicht mehr bei ihm. Von ihr erfahren wir später, als sie uns einholt, dass er ein Gebäude mit gutem Internet gesucht hätte – wegen einer Videokonferenz, an der er teilnehmen müsste. Eine Videokonferenz auf einem Pilgerweg? Wer will, mag es glauben. Vielleicht war ihm Julias Redefluss doch zu viel. Wir treffen Leon nie wieder, um ihn zu dieser Sache zu befragen.
Julia gibt mir noch einen Tipp für eine Unterkunft in Santiago – es ist ohnehin die Herberge, die auch ich bevorzuge: das „Seminario Menor“, das neben Schlafsälen auch Doppel- und Einzelzimmer anbietet. Es klingt sehr verlockend.
Ich humple nach Boimorto.
Übergang für Kühe in Boimorto
Hier soll es eine Bar mit Essen geben, es ist Zeit fürs Mittagessen. Wir halten an einer Bar – doch es ist nicht die richtige. Die Señora hat nur Getränke, gibt uns aber freundlich einen Stempel in die Credencial. Bald kommen auch Julia und der junge Deutsche aus dem nördlichen Rheinland – sie hat also den Zuhörer gewechselt. Die Wirtin erklärt uns auf Spanisch, dass es das eigentliche Restaurant etwa einen Kilometer weiter in Richtung Santiago gibt.
Dort sind wir noch vor dreizehn Uhr – Essen gibt es erst ab diese Zeit. Zunächst müssen wir in der Bar Platz nehmen, bis man uns pünktlich um dreizehn Uhr ins Restaurant einlässt. Niemand spricht hier Englisch. Ich bestelle „carne con arroz“ – und erwartungsgemäß entpuppt sich das Gericht als Risotto. Es ist zwar gut, aber es fehlt etwas: nämlich das Gewürz. Weil ich beinahe immobil bin, opfert sich Vlado und bittet an der Theke um „pepe“ – Pfeffer. Allein diese Bitte löst im Restaurant und in der Küche Panik aus; offenbar ist so ein Wunsch hier ungewöhnlich bis ungehört. Schließlich kehrt Vlado mit einer Schale herrlich duftenden, frisch gemahlenen Pfeffers zurück. Mit ihm schmeckt das Essen göttlich. Erst jetzt merken wir, dass das Risotto nur die Vorspeise war – die Einheimischen essen danach noch Fisch als Hauptgang. Kein Wunder, dass die meisten spanischen Gäste ein stattliches Bäuchlein vor sich tragen.
Uns reicht das Risotto völlig. Gesättigt ziehen wir weiter durch das Dorf, entdecken eine Wasserquelle und füllen unsere Flaschen – später wird sich das als Rettung erweisen. Es ist heiß, bis zu 29 Grad im Schatten, wie das Thermometer vor der Apotheke zeigt. Da kommt mir der Gedanke, hier eine neue elastische Binde zu kaufen. Ursprünglich hatte ich geplant, einige Kilometer vor Arzúa zu übernachten, um erst morgen gegen halb zehn – wenn die Apotheken öffnen – in die Stadt zu kommen. Nun kann ich es vereinfachen. Noch ahne ich nicht, was für ein Glückgriff diese Entscheidung war.
Die Apothekerin ist eine sympathische junge Dame mit mäßigen Englischkenntnissen. Sie verkauft mir die Binde und fragt, ob wir nicht auch einen Stempel in die Credencial haben möchten. Dass es Stempel auch in Apotheken gibt, wusste ich nicht – aber aus einer „Farmacia“ habe ich noch keinen, also nehme ich ihn gern. Ihr Assistent spricht sehr gut Englisch und fragt nach unserem weiteren Weg. Da fällt mir wieder eine Information aus dem Buch von Joos ein, die ich unter Schmerzen vergessen hatte: In Boimorto teilt sich nämlich der Weg. Die neue, kürzere Variante – sei laut Joos unbedingt zu meiden – sie führt hauptsächlich auf asphaltierten Straßen und bietet keine vernünftige Herberge. Der Apotheker erklärt uns, dass wir hinter einem bestimmten grauen Gebäude in Sichtweise von der Apotheke links abbiegen müssen, um auf dem traditionellen Weg nach Arzúa zu bleiben. Er zeigt uns sogar das Gebäude.
Erst an der Kreuzung wird mir klar, wie viel Glück wir hatten. Beide Wege sind gleich markiert, aber der neue ist sichtbarer – ich war schon fast darauf unterwegs, bis Vlado mich zurückrief. Wieder einmal rettet Vladimir die Situation – und der Apotheker ebenso. Ohne den Kauf meiner Kniebinde hätte das böse enden können.
Die Herberge „Reste y San Roque“, wo ich ursprünglich vor Arzúa übernachten wollte, finden wir gar nicht. Obwohl wir den Wegweisern folgen, erreichen wir Arzúa von einer anderen Seite als im Buch beschrieben ist. Ich bin völlig desorientiert. Schließlich landen wir auf der Hauptstraße „Rúa Lugo“. Dort soll es laut Empfehlung die Herberge „Santiago Apóstol“ geben – aber in welche Richtung sollen wir sie suchen gehen? Nebenan ist ein Souvenirladen. Endlich kaufen wir die Jakobsmuschel, und ich frage nach dem Weg. Die Verkäuferin versteht nur Spanisch – vielleicht auch Chinesisch oder Vietnamesisch, was uns aber auch nicht hilft. Sie ruft in der Herberge an, diskutiert lange und schickt uns „a la izquierda“, nach links. Doch die Hausnummern steigen – wir sind bereits bei 107, die Herberge bei 37. Also kehren wir um und gehen fast einen Kilometer zurück bis zum Anfang der Stadt, wo wir die richtige Adresse finden.
Herberge Santiago Apostol
Die Señora, die uns unterbringt – ob Besitzerin oder Chefin, jedenfalls laut und schnell sprechend –, bietet uns sofort ein Doppelzimmer an. Wir nehmen dankend an: 25 Euro pro Person. Die Herberge wäre halb so teuer – warum uns allerdings gar nicht angeboten wurde, verstehen wir erst beim Abendessen. Im hinteren Saal ist für 50–70 Personen gedeckt. Bald treffen sie ein: Kinder unter fünfzehn, offenbar mit Lehrern auf Pilgerfahrt. Einige humpeln mit Blasen an den Fersen. Das erklärt den aufgeheizten Grill.
Fünfzig hungrige Mäuler zu stopfen ist kein Spaß – doch die Señora meistert es souverän und kümmert sich dennoch um uns. Vlado isst Fisch, ich Schweinefleisch – beides ausgezeichnet, der Wein ebenfalls. Wäre da nicht mein ruiniertes Knie, könnte man sagen: alles bestens.
Abends kontaktiere ich meinen Sohn und bitte ihn online Zugtickets von Santiago nach Madrid und einen Flug von Madrid nach Wien zu buchen. Über das Handy schaffe ich das nicht. Er verspricht, alles zu besorgen und per Mail zu schicken – eine Methode, die sich seit Jahren bei unseren Reisen bewährt hat.
Ich schätze, wir erreichen Santiago in zwei bis drei Tagen. Es liegen vor uns noch vierzig Kilometer. Angesichts des blockierenden, stechenden Knies ist das optimistisch. Nachts kann ich kaum schlafen. Ich denke alle Varianten durch – notfalls Taxi für einen Teil der Stecke und den Rest humpeln. Optimistisch buchen wir auf Julias Empfehlung schon Unterkunft in Santiago – für Ankunft in zwei Tagen.
Doch in Wahrheit bin ich nicht optimistisch. Nachts schaffe ich es wegen Schmerzen kaum zur Toilette. Es bleibt nur das Gebet um ein Wunder, damit ich am nächsten Tag wieder auftreten kann.
Nach dreihundert Kilometern – vierzig vor dem Ziel aufzugeben? Das würde wirklich schmerzen.
Für den vierzehnten Tag haben wir nur eine sehr kurze Strecke nach Roxica geineplant – lediglich zehn Kilometer lang. Zum einen geht es bergauf, zum anderen wollen wir meinem Knie eine Pause gönnen. Es funktioniert zwar einigermaßen, sieht aber nicht gerade glücklich aus.
Wir gehen frühstücken. Es ist dieselbe junge Frau wie gestern Abend da, nur ist ihre Stimmung diesmal etwas düsterer – Spanier stehen morgens tatsächlich nicht gern auf. Zum Frühstück gibt es wie üblich geröstetes Brot, Butter und Marmelade. Sie fragt uns, ob wir ein oder zwei „tostado“ möchten. Wir bestellen zwei und bekommen tatsächlich zwei – jeder eine Scheibe Toast. Hätten wir nur eine bestellt, hätten wir sie wohl teilen müssen. Dafür entschädigt uns ein hervorragender, frisch gepresster Orangensaft für dreieinhalb Euro – dazu haben uns die Französinnen inspiriert, die schon vor uns zur nächsten Etappe aufgebrochen sind.
Der Weg
Wir steigen durch wilde Landschaft zwischen Felsen auf erdigen, teilweise steinigen Wegen bergauf. Zivilisation fehlt diesmal völlig.
Um ein Uhr kommen wir in Roxica an, wo die Übernachtung geplant war. Doch die örtliche Señora ist von unserer Ankunft wenig begeistert. Offensichtlich ist sie eine Bäuerin, die sich mit dem Betrieb in ihrer Herberge etwas zur Landwirtschaft dazuverdient. Nun kann sie sich offenbar nicht recht mit dem Gedanken anfreunden, dass sie zwei Männer den ganzen Tag dort „belagern“ würden. Auch ich kann mir bei näherer Betrachtung der Unterkunft nicht vorstellen, was wir dort den ganzen Tag tun sollten. Außerdem besteht die einzige Möglichkeit zu essen darin, Abendessen und Frühstück bei der Gastgeberin zu bestellen. Sie wirkt allerdings wenig begeistert und betont – natürlich auf Spanisch – mehrmals, dass wir das Abendessen sofort reservieren müssten. Als ich dazu bereit bin, fragt sie noch einmal nach, ob wir es ernst meinen. Schließlich gebe ich auf.
Das Knie hält einigermaßen, bis zum nächsten Ziel in Sobrado dos Monxes sind es fünfzehn Kilometer. Es ist ein Uhr, also müssten wir es bei unserer Durchschnittsgeschwindigkeit von drei Kilometern pro Stunde schaffen. Ich sage ihr also, dass wir weitergehen würden, bitte sie jedoch, uns zumindest jetzt etwas zu essen zu geben. Sie lässt sich überzeugen, lässt die Kühe kurz unbeaufsichtigt und bringt uns zwei Brote mit Chorizo und Olivenöl – für neun Euro. Auf der Toilette der Herberge füllen wir unsere Wasserflaschen auf. Dieses Wasser macht uns später ziemlich nervös, denn es riecht seltsam, als könne man die Kuhfladen vom benachbarten Hof darin erahnen. Doch der Durst löst am Ende alle Vorurteile auf. Ich trinke das Wasser am Nachmittag bis auf den letzten Tropfen aus – ohne merkbare Folgen. Keine Darmprobleme, also war es offensichtlich trotz des merkwürdigen Geschmacks einwandfrei trinkbar.
Unterwegs treffen wir mehrmals Julia mit dem Wiener Leon. Offenbar haben sie eine Freundschaft geschlossen; Julia kann selbst im vollen Marschtempo ununterbrochen reden. Vielleicht trennt sich Leon deshalb einen Tag später von ihr und erhöht sein Tempo noch weiter. Jedenfalls überholen wir die zwei, als sie an einem Ort mit herrlichem Blick ins Tal picknicken. Zu unserer Überraschung wechselt Julia während des Picknicks ihre Wanderhose gegen ein Röckchen.
Ich habe gelesen, dass irgendwo hinter dem Dörfchen mit dem zauberhaften Namen Marcela, wenn das Gelände wieder ansteigt und sich dem Verlauf der Straße AC 934 anschließt, der höchste Punkt unserer Pilgerreise liegen soll – auf 714 Metern Seehöhe.
Der höchste Punkt unserer Wanderung 714 m Seehöhe.
Ich bin jedoch zu optimistisch, was die Entfernung dieser Stelle betrifft. Ich brauche insgesamt vier Versuche, um diesen Punkt zu finden. Bei den drei vorherigen, als ich überzeugt war, am Gipfel zu stehen, stieg der Weg jeweils wieder an. Vlado war jedes Mal skeptisch – und hatte wieder recht. Irgendwo dort, wo wir schließlich tatsächlich den höchsten Punkt erreichen, wechseln wir von der galicischen Provinz „Lugo“ in die Provinz „A Coruña“, und der Weg verändert sich. Er ist viel besser ausgebaut, und während wir auf den letzten Kilometern vergeblich nach einer Sitzbank zum Ausruhen gesucht hatten, stehen hier nun Bänke auf Schritt und Tritt.
Wir steigen hinunter zu einer Bar in Mesón, und dort erwartet uns eine geradezu unglaubliche Überraschung. Kaum betreten wir die Bar, stürzt sich ein riesiger Hund auf Vlado. Zunächst denke ich, es sei nur ein Doppelgänger des Hundes aus Miraz, doch beim Blick auf sein Halsband muss ich zugeben: Es ist derselbe Hund. Wie er nach Mesón gekommen ist, zwanzig Kilometer von Miraz entfernt, und woher er wusste, dass wir genau in diese Bar kommen würden, ist zu übernatürlich, um sich damit ernsthaft zu befassen. Jedenfalls zeigt der Hund eine unverhohlene Freude über Vladimirs Anwesenheit. Vlado versucht sogar, eine Hundefutterdose zu kaufen, um seinen neuen Freund zu erfreuen, doch so etwas gibt es in der Bar nicht. Nachdem Vlado also den hundegroßen „kleinen Bären“ ausreichend begrüßt hat und nach dem entsprechenden Kuscheln, brechen wir weiter auf.
Es ist offenbar auch ein galicisches Phänomen – die Vorliebe für große Hunde. Während wir in Asturien nichts Derartiges bemerkt haben, besitzt in Galicien fast jeder Bauer oder Hausbesitzer einen großen Hund im Garten, der unermüdlich bellt, um sich seine tägliche Futterration zu verdienen. Erst vor Compostela werden die Hunde wieder kleiner, und gelegentlich sehen wir dann sogar einen Yorkshire. Jetzt jedoch sind es durchwegs Hunde ab Schäferhundgröße aufwärts.
In der Bar bestelle ich gleich zwei Radler – das Mädchen hinter dem Schalter hat mich missverstanden und beschloss, als ich ein Bier für mich und eine Limonade für Vlado bestellte, beides zu mischen und mir zu servieren. Woher weiß sie, dass ein Radler in Österreich in Mode ist? Oder trinken auch die Spanier Radler? Jedenfalls schmeckt das Bier mit Zitronenlimonade gar nicht schlecht und es erfrischt. Bis zum heutigen Ziel fehlen uns noch 5,5 Kilometer.
Um halb sieben abends erreichen wir „Sobrado dos Monxes“. Aus einer geplanten kurzen Strecke ist eine Ganztagwanderung geworden. Die Stadt wird von einem riesigen Zisterzienserkloster dominiert – eigentlich ist der Ort erst um dieses herum entstanden.
Es ist eigenartig. Die Zisterzienser hatten ihre Klöster fast immer in der Nähe großer Städte gebaut, da sie dank ihrer Kontakte und Informationen das ganze Mittelalter als eine Art Beratungs- und Diplomatenservice für Herrscher europäischer Länder wirkten. So liegt Zbraslav bei Prag, Heiligenblut nahe Wien oder Rein bei Graz. Hier jedoch ist weit und breit nichts – offenbar hatten die dortigen Mönche andere Aufgaben.
Das Kloster hat eine bewegte Geschichte. Ursprünglich ließen sich hier im 10. Jahrhundert Benediktiner nieder, verließen den Ort jedoch wieder. 1147 wurde das Kloster von Zisterziensern neu gegründet. Die gewaltige Kirche, die das Städtchen dominiert, wurde 1708 geweiht. 1835 wurde das Kloster im Zuge der Säkularisation unter der spanischen Regierung des Ministerpräsidenten Mendizábal aufgehoben, das Gebäudekomplex verfiel, bis das Kloster 1954 vom Trappistenorden aus Cóbreces übernommen wurde, dem es gelang, das monumentale Gebäude zu retten.
Eine Unterkunft im Kloster ist verlockend, deshalb habe ich beschlossen, dort zu übernachten. Doch es erwarten uns einige Enttäuschungen, teils durch unsere späte Ankunft bedingt. Der Shop, über den man auch die riesige Kirche besichtigen kann, schließt nämlich um halb sieben – das haben wir verpasst. Hätten wir das gewusst, hätten wir die Dusche verschoben und wären zuerst in die Kirche gegangen. Doch um sieben, als wir mit der Hygiene fertig sind, gibt es keine Chance mehr, die Kirche zu besuchen – und das bis halb elf am nächsten Vormittag. Uns wurde jedoch aufgetragen, die Herberge bis acht Uhr morgens zu verlassen. Also suche ich vergebens eine Logik, letztendlich handelt sich um eine Unterkunft für Pilger! Und Pilger den Zugang zur Kirche auf solche Art zu versperren…
Es gäbe zwar die Möglichkeit, die Vesper – das Abendgebet der Mönche – zu besuchen, doch diese findet in einem kleinen Raum im oberen Stock statt, und ich finde schlicht den Weg dorthin nicht. Außerdem ist die Herberge – diplomatisch gesagt – unterdurchschnittlich. Es gibt wieder Papierbettlaken, die Toiletten und Duschen befinden sich am anderen Ende des Kreuzganges. Die Waschmaschine funktioniert zwar, der Trockner ist jedoch außer Betrieb, sodass Wäschereinigung nur theoretisch möglich wäre.
Wir treffen hier erneut Markus aus Freiburg, der sich wieder entschuldigt, dass er unsere Namen vergessen hat – dafür braucht er das Bad für eine halbe Stunde, um sein musketierhaftes Aussehen zu pflegen. Ich bin nicht sonderlich überrascht, als ich später erfahre, dass er geschieden ist.
Wir gehen auf dem Dorfplatz essen. Die Küche in der Herberge ist zwar gut ausgestattet, aber abends nur bis einundzwanzig und morgens nur bis acht Uhr geöffnet. Warum, weiß ich nicht. Der Platz ist voller junger schwarzer Afrikaner – offenbar gibt es hier ein Asylzentrum. Beurteilt nach der Begeisterung, mit der sie auf dem Platz Fußball spielen, hat „Sobrado dos Monxes“ gute Chancen, demnächst in eine höhere spanische Liga aufzusteigen.
Wir setzen uns in ein Restaurant am Platz. Die Kellnerin ist freundlich, jung und leicht korpulent, doch sie vergisst nicht nur, uns „cubiertos“, also Besteck, zu bringen – sie vergisst auch, dass sie es vergessen hat. Ich muss selbst ins Lokal gehen, um Besteck zu holen. Sie entschuldigt sich überschwänglich, sie komme nicht nach – obwohl sie gar nicht so viele Gäste hat. Vor uns isst ein Spanier, dem wir seit Abadín immer wieder begegnen, und später gesellt sich zu uns Julia mit den beiden jungen Männern, also Leon aus Wien und dem jungen Mann aus dem nördlichen Rheinland.
Das Essen ist gut. Es hätte auch ein preisgünstiges Menü gegeben, doch das bemerken wir zu spät. Trotzdem werden wir für etwa zehn Euro pro Person gut satt, und auch der Wein ist nicht teuer und durchaus gut trinkbar.
Gegen halb zehn kehren wir ins Kloster zurück und stellen fest, dass das Schlafen problematisch sein könnte.
Die Glocken des Kirchturms schlagen nämlich jede Viertelstunde. Zum Glück nur bis zehn Uhr abends und dann wieder ab sieben Uhr morgens. Dazwischen halten sie die Nachtruhe. Und um sieben sollten die Pilger schließlich aufstehen – wenn sie bis acht Uhr verschwinden müssen.
Am Morgen brechen wir gegen acht Uhr auf, denn es gibt keinen Grund, länger in der katastrophalen Herberge zu bleiben. An der Ecke gibt es eine Bar, wo wir frühstücken können und einen Stempel in die Credencial bekommen. Um neun stehe ich vor der Apotheke – nur um festzustellen, dass sie erst um halb zehn öffnet. Mir ist klar, dass ich mit meinem Knie in seinem jetzigen Zustand nirgendwo hinkomme. Also will ich es mit einer elastischen Binde versuchen.
Der Barmann wundert sich vermutlich, warum unser Frühstück beinahe zwei Stunden dauert, aber um halb zehn erscheint endlich eine junge blonde Apothekerin und verkauft mir eine „vendajo elastico“, also eine elastische Binde. Mit Schmerzmitteln sieht es schlechter aus. Metamizol gibt es in Spanien nur auf ärztliches Rezept, und weder mein Ärztekammerausweis noch die Behauptung, ich sei „médico austriaco“, helfen weiter. Am Ende muss ich mich mit Paracetamol zufriedengeben, das ich allerdings letztlich gar nicht brauchen werde.
Elastische Binden sind in Spanien anders als bei uns. Sie sind selbstklebend und haften direkt auf der Haut. Das Problem ist, dass es für einen Ungeübten ziemlich schwierig ist abzuschätzen, wie fest man sie anziehen darf, ohne die Blutzufuhr in das Bein abzudrehen. Beim ersten Versuch ist mir das beinahe gelungen. Die Binde wieder abzunehmen, aufzurollen und neu anzulegen, ist eine Strafarbeit für einen Mörder – schließlich schaffen Vladimir und ich es gemeinsam. Es ist allerdings schon fast zehn Uhr, als wir die Bar verlassen. Mit der Binde kann ich jetzt einigermaßen weitergehen, also versuchen wir es.
Vlado bietet an, meine Wasserflasche zu übernehmen. Das ist definitiv eine Hilfe – mein Rucksack wird dadurch um anderthalb Kilo leichter, was für das Knie von Vorteil sein könnte. Wird es funktionieren?
Weil wir zur Apotheke gegangen sind und hier eine Markierung war, folgen wir dem Gehweg, nur um nach ein paar hundert Metern festzustellen, dass wir uns auf einer Alternativroute befinden. Der Meilenstein mit der Angabe 99,999 Kilometer bis Compostela steht natürlich auf dem offiziellen Weg – wir sehen ihn also nicht. Ich habe nicht die geringste Lust, dafür einen halben Kilometer zurückzugehen. Als eine Entschädigung dafür kommen wir am Erholungszentrum am Fluss Rio Parga, „Cercud Baamonde“, vorbei. Es ist ganz hübsch, und ich könnte mir vorstellen, bei schönem Wetter hier sogar einen ganzen Tag zu verbringen. Vielleicht will uns das Dorf zum Abschied doch noch überzeugen, dass es nicht ganz der Arsch der Welt ist.
Wir gehen weiter durch eine Landschaft ohne Dörfer. Brot und Chorizo hat Vlado glücklicherweise schon in Baamonde gekauft, während ich auf die Öffnung der Apotheke gewartet habe. Nach und nach treffen wir unsere Niederländer, die Deutsche Julia und schließlich noch einen weiteren jungen Deutschen, der einen Amerikaner begleitet – den ersten und letzten Ami auf unserem Weg.
Im Dorf „Seixón de Abaixo“ bemerkt Vladimir ein interessantes blaues Haus. Dort wohnt ein Steinmetz, der die Mauer entlang der Straße und auch seinen Garten mit zahlreichen Steinskulpturen geschmückt hat. Sein Garten ist frei zugänglich und ist definitiv eines Besuches wert. Das interessanteste Artefakt ist ein in Stein gemeißelter Maya-Kalender.
Dieser endet tatsächlich im Jahr 2012, als laut den Maya der Weltuntergang kommen sollte. Er kam nicht – man musste auf Donald Trump warten.
Obwohl wir während der ganzen Zeit das Fernsehen meiden, können wir ihm in den Bars nicht völlig entgehen. Und jedes Mal, wenn wir eine Bar betreten, gibt es nur zwei Möglichkeiten, was im Fernsehen läuft: Fußball oder Trump. Fußball ist mir lieber, und die Kommentare zu Trump, die auf Spanisch gesprochen und geschrieben werden, verstehe ich glücklicherweise nur ansatzweise. Als eine Erholung von der Politik ist eine solche Pilgerreise ein wahrer Balsam für die Seele.
Die heutige Etappe misst zum Glück nur 15,6 Kilometer – das schafft mein mit der elastischen Binde geschnürtes Knie gerade noch. Vor dem Zielort Miraz stoßen wir auf die nette Herberge „A Lagoa“. Hier treffen wir – zum letzten Mal – unsere Niederländer, aber auch Julia und den Amerikaner. Man fühlt sich hier einfach wunderbar. Der Besitzer feiert ein Familienfest, denn die Herberge hat genau heute eröffnet, und so bewirtet er Eltern, Tanten und Onkel, findet aber dennoch auch Zeit für die Gäste. Den Stempel für die Credencial lässt er frei auf dem Tisch liegen, also bekommen wir so unseren zweiten Stempel des Tages.
Und endlich erhalte ich ein wirklich „großes“ Bier – also einen halben Liter. Bis jetzt bekam ich immer, wenn ich „cerveza grande“ bestellte, ein Drittelliterglas. Ich weiß also nicht, wie ein kleines Bier in Spanien aussieht. Jetzt aber ist es endlich vom Fass und ausreichend groß – zum Teufel mit den Gefahren des Tages, nach diesem Marsch ist es ein geradezu wundersames Getränk.
Auch dank ihm können wir weitere 2,6 Kilometer bis ins Dorf Miraz gehen, wo Joos die Herberge „O Abrizo“ empfiehlt. Julia bleibt in der öffentlichen Herberge im Ort, der Amerikaner und der Deutsche gehen offenbar noch etwa zehn Kilometer weiter nach Roxica, ebenso die Niederländer. Diese Pilger werden wir also künftig nicht mehr treffen.
Die Herberge „O Abrizo“ ist jedoch genau die richtige Wahl. Das Mädchen in der Bar, das zugleich die Rezeption betreut, spricht ein paar Worte Englisch. Wir bekommen die Schlüssel zur Herberge, es gibt auch einen schönen Garten, in dem wir in der Nachmittagssonne entspannen können. Doch wir müssen wieder einmal waschen und trocknen. Waschmaschine und Trockner sind zwar vorhanden, aber die Beschriftung ist etwas verwirrend – wir werfen die Münzen in den falschen Schlitz. Doch die Señorita aus der Bar hilft uns bereitwillig, sodass am Ende alles klappt und unsere Wäsche wieder sauber und trocken ist. Außerdem versorgt sie uns auch mit einem Stempel für die Credencial.
Da wir an diesem Tag bereits zwei Stempel haben und für den nächsten nur eine kurze Strecke nach Roxica planen, wo es unterwegs keinen Stempel geben wird, ist sie bereit, uns einen Stempel ohne Datum zu geben – das Datum trage ich morgen früh als erstes selbst ein. Alles ist auf einem guten Weg, trotz meinem schmerzenden Knie und Vlados Blasen an den Füßen.
Der Hauptgrund, warum wir diese Herberge gewählt haben, ist jedoch, dass hier Abendessen angeboten wird. Ein ganzes Menü mit Vorspeise, Hauptgang und Wein für 15 Euro. Der Kellner ist sehr flink, aber auch redselig – und spricht natürlich nur Spanisch. Bei seinem Wortschwall habe ich nicht gerade wenig Mühe zu verstehen, was er uns angeboten hat, aber am Ende essen wir sehr gut. Und der lokale galicische Hauswein ist ebenfalls ausgezeichnet.
Wir befinden uns in dem echten galicischen Land. Zuerst ziehen Ziegen und Schafe von links nach rechts an uns vorbei, dann Kühe von rechts nach links, und schließlich erscheint im Restaurant ein Tier, das an einen Mischling zwischen Hund und Bär erinnert. Ein riesiger weißer Hund, der gekommen ist, um nach Essen zu betteln. Offenbar gehört er nicht zur Herberge, aber weder der Kellner noch ein weiterer spanischer Gast schaffen es, ihn zu vertreiben. Besonders dann nicht, nachdem ihm Vlado Knochen von seinem Huhn gespendet hat.
An den Nebentisch setzt sich Julia mit zwei jungen deutschsprachigen Männern. In einem von ihnen erkennen wir später Leon aus Wien, der andere stammt aus dem nördlichen Rheinland. Auch Leon hat Huhn bestellt, und der Hund riecht es. Leon ist allerdings nicht bereit, ihm die Knochen zu geben. Also löst der Hund das Problem einfach selbst und nimmt sie mit einem schnellen Zungengriff direkt von Leons Teller.
Außer uns sitzen im Restaurant noch drei Frauen mittleren Alters, die uns tagsüber überholt haben. Sie sprechen eine zischende Sprache, die wir nicht identifizieren können. Offensichtlich beherrschen sie weder Spanisch noch Englisch. Am Morgen beim Frühstück kann ich nicht widerstehen und frage, wo sie herkommen. Sie sind aus Frankreich. Offenbar geht es also auch ohne Sprache – die Damen benutzen beim Sprechen einfach überproportional viel Hände und manchmal auch Füße.
Wie ich feststellen kann, sprechen sowohl Julia als auch Leon recht gut Spanisch – im Umgang mit dem Hund nützt das ihnen jedoch nichts. Hier hat eindeutig Vladimir gesiegt. Und dieser Sieg wird noch Folgen haben.
Heute können wir also mit dem Tagesabschluss zufrieden sein: gutes Abendessen, guter Wein und guter Schlaf.
Als wir aufwachen, regnet es draußen nicht, obwohl die Wettervorhersage es angekündigt hatte und es auf den ersten Blick auch so aussieht. Doch es ist nur Nebel, der das Wasser an der Außenseite der Fenster kondensieren lässt. In der Herberge ist die Putzfrau bereits zugange. Mit uns geht sie nicht gerade zimperlich um. Es ist ihr egal, dass wir noch Sachen und Wäsche auf dem Bett liegen haben – sie wirft alles auf einen Haufen, nimmt die Bettlaken ab und steckt sie in die Waschmaschine. Offensichtlich hat sie keine Zeit, mit uns darüber zu verhandeln, wann wir bereit sind, die Unterkunft zu verlassen. Sie ist eine berufstätige Frau – und das schon vor neun Uhr, wenn anständige Spanier noch schlafen. Vielleicht empfindet sie diese Tatsache als eine persönliche Kränkung, die sie grantig macht.
Wir frühstücken in der gut ausgestatteten Küche der Herberge die Lebensmittel, die wir gestern in jenem Spezialgeschäft gekauft haben – Vlado isst Sardinen – zusammen mit dem überteuerten Brot, das auch am zweiten Tag nicht besser schmeckt, und verlassen danach die Stadt. Es geht stark bergab, und meinem Knie gefällt das überhaupt nicht. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass es mit diesem Gelenk kritisch werden könnte. Das linke, operierte Knie, dem ich vor der Pilgerreise misstraut hatte, hält weiterhin durch und protestiert nicht, aber das rechte, das als gesund galt, schmerzt immer mehr, besonders beim Abstieg. Und von Vilalba geht es ziemlich steil hinunter – Städte wurden früher aus Sicherheitsgründen auf Hügeln gebaut.
In „Ponte Rodríguez“ überqueren wir wieder einmal eine mittelalterliche Steinbrücke – das Dorf hat sogar nach ihr seinen Namen erhalten.
Ponte Rodrígues
Kurz darauf ein weiterer Schockmoment – Vlado fällt plötzlich in einen Wasserkanal. Zum Glück erneut ohne sichtbare Verletzung. Als wir nach der Ursache seines Ausrutschens suchen, entdecken wir Kuhmist.
Kuhmist, auf dem sich Vladimir fast das Bein gebrochen hätte – bringt er weiterhin Glück?
Er ist hineingetreten – und schon flog er. Wenn diese Tatsache unser bislang fast unglaubliches Glück verlängern sollte, das uns begleitet, dann ist das akzeptabel. Aber zweimal reicht wohl – ein drittes Mal muss er nicht gezielt nach „Glück“ suchen.
In Joos’ Buch wird im Dorf „A Torre“ eine Bar beschrieben, in der man trinken und einfache Speisen bekommen kann. Sie soll an der Straße N-634 liegen – jener Straße, die Pilger seit Irún begleitet und in unserem heutigen Etappenziel Baamonde endet. An dieser Straße entdecken wir tatsächlich eine Bar, zu der wir allerdings einen sehr steilen Hang hinaufklettern müssen. Bald erregen wir Verdacht, dass es nicht die richtige ist. Die Kellnerin mit indianischen Gesichtszügen hat offenbar noch nie einen Pilger gesehen. Sie weiß nicht, was ein Stempel für die „Credencial“ ist, und Essen bietet sie auch nicht an. Die Stempel bekommen wir schließlich von der Chefin der Bar und gehen auf der Asphaltstraße weiter (mein Knie würde den Abstieg über den extrem steilen Hang nicht verkraften). Nach 900 Metern finden wir die richtige Bar und essen dort etwas – die Tortilla ist diesmal eine einfache Eieromelette aus zwei Eiern. Also eher eine Enttäuschung.
Im Dorf Alba besuchen wir einen typischen galicischen Friedhof – er ist geöffnet, sodass wir ihn von innen besichtigen können.
Es ist beeindruckend, wie die Toten übereinander in Etagen liegen. Mir ist schleierhaft, wie die Särge in die obersten Fächer gelangen – dafür müssen die Einheimischen wohl einen Kran haben.
Ausnahmsweise stimme ich Vlado zu, dass wir die Strecke über die Asphaltstraße abkürzen. Danach finden wir nicht mehr zurück auf den eigentlichen Weg und marschieren weitere fünf Kilometer auf Asphalt. Dem Knie gefällt das gar nicht. Die letzten Kilometer hüpfe ich beinahe auf einem Bein und schwitze – vor Schmerz und vor Sorge, wie es weitergehen soll. Eines ist klar: Mit einem solchen Knie komme ich nicht weiter. Nach Santiago fehlen noch genau hundert Kilometer!
Eine Brücke in Galizien
In Baamonde gibt es eine öffentliche Herberge. Laut Joos’ Buch sollte dort Schwester Nuria arbeiten. Sie begann 2009 im Alter von 19 Jahren in der Herberge tätig zu sein und wurde damit die jüngste Hospitalera Spaniens. Ich freue mich darauf, sie zu treffen, und plane sogar ein Foto mit ihr – schließlich handelt es sich um eine Persönlichkeit von historischem Rang. Also zögern wir nicht, als wir endlich die Herberge erreichen und uns anmelden. Das Gebäude ist von außen hübsch und hat einen Garten, in dem man in der inzwischen erschienenen Sonne sitzen kann. Die letzte angenehme Überraschung: Die anwesende Hospitalera spricht Englisch. Doch sie ist nicht die Schwester Nuria. Und es folgen in dieser Destination noch viele weitere Überraschungen – alle unangenehm.
Schwester Nuria arbeitet hier seit neun Jahren nicht mehr – seltsam, denn Joos schrieb sein Buch im Jahr 2022.
Die Unterkunft ist sehr dürftig. Papierbettlaken und eine Infrastruktur, die dringend renoviert werden müsste.
Es gibt zwar eine Küche, aber kein Geschirr. Wie sollen wir also etwas kochen? Unsere Edelstahlbecher aktivieren die Induktionsplatten nicht, und in die Mikrowelle passen sie auch nicht. Wir wissen also nicht recht, wozu diese Küche eigentlich dienen sollte.
An der Herberge gehen unsere bekannten Holländer vorbei. Sie ignorieren jedoch unsere Grüße und unser Winken und gehen weiter. Am Abend erfahren wir, dass es nur etwa 50 Meter von dieser katastrophalen Herberge entfernt ein Hostel gibt, das seinen Gästen sogar Essen anbietet.
Ich suche eine Apotheke – sie ist gleich um die Ecke in Sichtweite der Herberge, doch sie ist geschlossen. Logisch, es ist Sonntag. Die Hospitalera sagt mir, die Apotheke öffne morgen um neun.
Direkt neben der Herberge befindet sich eine Bar. Wir gehen wenigstens auf ein Glas Wein. Die Bar ist voll, die Kellnerin – etwa vierzig, durchaus hübsch und sexy – serviert guten Wein. Dann erleben wir eine wahrhaft spanische Szene. Plötzlich erscheint ein kräftiger, kahlköpfiger Mann mittleren Alters. Die Kellnerin wirft sich eine Jacke über die Schultern und verschwindet mit ihm. Die Bar bleibt ohne Bedienung, wir müssen mit dem Bezahlen warten. Nach einer halben Stunde erscheint die Kellnerin wieder, eingehakt bei ihrem Freund, ganz strahlend, offensichtlich nach einem angenehmen Erlebnis. In bester Laune kommt sie zurück in die Bar, ein Abschiedskuss für den Partner – und dann bedient sie weiter. Diese kleine Pause hat ihr offensichtlich gutgetan. Warum auch nicht? Liebe ist Liebe, und wenn eine Pause fürs Mittagessen erlaubt ist, warum nicht auch für eine kleine intime Einlage?
Ich gehe – beziehungsweise humple – auf der Suche nach etwas essbarem los. Um die Ecke liegt das Restaurant Galicia, empfohlen von Joos und auch von der Hospitalera. Doch der Kellner teilt uns mit, dass Essen erst ab neun Uhr abends serviert wird – ein Rekord auf unserer Reise! So lange wollen wir definitiv nicht warten, das hieße nämlich erst gegen elf ins Bett zu kommen.
Schließlich essen wir in einer Diskobar Pizza. Aus der Tiefkühltruhe genommen und in der Mikrowelle aufgewärmt – unzureichend, der Schinken ist roh, und auf der Pizza befindet sich sogar ein Rest Plastikfolie, in der sie verpackt war. Wir treffen – zum ersten Mal – die Deutsche Julia aus Frankfurt. Sie ist aus Vilalba gekommen, wo sie im vergangenen Jahr ihre Reise abgebrochen hatte. Dieses Jahr will sie sie beenden. Wir sind uns einig: Baamonde ist der Arsch der Welt. Es hilft uns ein wenig aufzubauen, zumindest emotional.
Ich bin von meinem Knie so durcheinandergebracht, dass ich vergesse, die Herberge in Baamonde zu fotografieren und zu filmen – sie bleibt damit unsere einzige Unterkunft ohne Dokumentation.
Wir gehen zu Bett und schlafen auf den Papierlaken ziemlich schlecht. Jemand in der Herberge schnarcht entsetzlich. Julia, die ich zunächst verdächtigte, ist es nicht. Wir werden nie erfahren, wer es war, denn die Person verlässt die Herberge noch vor Tagesanbruch, während wir noch schlafen.
Wir verlassen unsere luxuriöse Unterkunft in Abadín bereits um acht Uhr (der Spanier ist schon eine Stunde vor uns aufgebrochen), denn wir fürchten den Regen, der laut Wettervorhersage am Nachmittag sehr stark ausfallen soll. Vladimírs Schwester ruft an und macht sich Sorgen. Sogar in den slowakischen Nachrichten wird über heftige Regenfälle mit Überschwemmungen in Spanien berichtet – das betrifft allerdings den Süden. Bei uns nieselt es tagsüber zwar zweimal, aber nur ganz leicht, keinesfalls so, dass es unseren weiteren Weg behindern würde. Dennoch ziehen wir wasserdichte Jacken und Überhosen an – wir sind damit auch auf einen stärkeren Regen vorbereitet, der jedoch letztlich ausbleibt. Wir haben einfach Glück, der Möwendreck wirkt offenbar immer noch. Ein bisschen weniger Sonne würden wir sogar begrüßen, wir haben beide bereits verbrannte Nasen. Die Sonnenschutzcreme hat aus irgendeinem Grund versagt. Wir schmieren uns unsere Nasen mit Bepanthen ein, damit sie schneller heilen könnten, doch das ist eher ein Wunschdenken.
Schlimmer ist, dass sich mein rechtes Knie immer intensiver meldet. Es schmerzt und beginnt zu stechen – ich lokalisiere den Schmerz im Gelenkspalt, es könnte aber auch ein Seitenband sein. Noch schränkt es mich nicht allzu sehr ein, aber es ist ein beunruhigender Faktor, der die Freude am Weitergehen deutlich mindert. Für heute sind 20 Kilometer geplant, eine etwas eintönige Strecke zwischen Feldern und Wiesen, ohne besondere Höhepunkte.
Umso mehr achten wir auf die galicische Architektur, an der wir vorbeikommen. Im Gegensatz zum farbenfrohen Asturien sind die Häuser in Galicien entweder weiß oder haben steinerne Fassaden. Sie sind gepflegt und sauber, doch die farbliche Vielfalt fehlt hier. Wir überqueren mehrere Brücken, die sicherlich noch aus dem Mittelalter stammen. Sie sind aus Granit gebaut – also für die Ewigkeit – mit steinernen Bögen. Stein ist hier allgegenwärtig. Die Grundstücke sind mit flachen, senkrecht aufgestellten Steinplatten begrenzt; diesem Phänomen werden wir auf dem restlichen Weg immer wieder begegnen.
Auch die Getreidespeicher haben sich verändert – es sind offenbar Trocknungs- und Speicheranlagen in einem. Statt der asturischen quadratischen „Paneras“ gibt es in Galicien längliche „Hórreos“.
Die Wände haben Zwischenräume, damit der Wind die innen aufgehängten Maiskolben trocknen kann, und sie stehen auf waagerechten Steinplatten, die verhindern, dass Mäuse hineingelangen. Die Mäuse haben es sowohl in Galicien als auch in Asturien offenbar schwer. In beiden Regionen fehlt unmittelbar vor dem Eingang zur Speicherhütte stets die letzte Stufe, damit kein Mäuschen hineinkommt – der Bauer bringt die Stufe vermutlich selbst mit, wenn er den Speicher betreten will.
Ein weiteres typisches architektonisches Element Galiciens sind die Friedhöfe. Zum ersten Mal sehen wir einen typischen galicischen Friedhof im Dorf Goiriz.
Sie sind von hohen Mauern umgeben wie Festungen – eine Tradition aus vorrömischer, also keltischer Zeit – und diese Mauern sollen ebenso wie die großen Kreuze auf den Grabstätten vor bösen Geistern schützen. Die Gräber liegen übereinander; jede Familie besitzt ein solches Granitmonument, und die Toten werden übereinander „gestapelt“. Offenbar wird der Sarg in eine vorbereitete Öffnung geschoben und anschließend mit einer Granitplatte mit dem Namen des Verstorbenen verschlossen. So spart man viel Platz, denn der Friedhof ist von seinen mauerartigen Begrenzungen umschlossen und kann sich nicht weiter ausdehnen.
Schon nach fünf Kilometern Marsch erreichen wir in der Nähe des Dörfchens „As Paredes“ eine reizende, im Wald versteckte Herberge namens „O Xistral“.
Herberge “O Xistral”
Es handelt sich um ein von einem einheimischen Pilgerpaar renoviertes steinernes Bauernhaus. Es sieht großartig aus; fast bedaure ich, dass wir gestern nicht fünf Kilometer weitergegangen sind. Es wird auch Essen angeboten, allerdings sei eine Reservierung im Voraus nötig. Wir setzen uns nur kurz in den schönen Innenhof, füllen unsere Wasserflaschen auf und ziehen weiter.
Unterwegs begegnen wir nur einem einzigen Pilger. Es ist ein Spanier aus Granada, der einst letzten muslimischen Festung im Süden Spaniens. Ich freue mich auf die Bar in Castromaior, denn Joos schreibt, dort gebe es die besten Tortillas auf dem ganzen Weg nach Santiago. Außerdem treffen wir zur Mittagszeit ein – nichts spricht also dagegen, eine Tortilla zu probieren. Ich stelle mir mexikanische Maisfladen vor, doch zu meiner Überraschung bekomme ich eine spanische Omelette mit Eiern und Kartoffeln. Ich muss jedoch zugeben, sie schmeckt wirklich hervorragend, frisch zubereitet und genau richtig gewürzt – weder zu viel noch zu wenig. Eine spanische Tortilla ist also schlicht eine Omelette, ganz gleich in welcher Variante; später bekommen wir in einer anderen Bar sogar eine einfache Eieromelette ohne Kartoffeln als „Tortilla“.
In der Bar treffen wir unseren Schweizer wieder. Er ist erneut etwas schockiert, uns zu sehen, da er glaubt, uns schon endlich hinter sich gelassen zu haben. Auch diesmal können wir es klären. Er hat in der öffentlichen Herberge in Gontán übernachtet, also zwei Kilometer vor unserer Unterkunft in Abadín. Mit ihm sitzt am Tisch die erste (und einzige) Österreicherin, der wir auf der ganzen Pilgerreise begegnen – Birgit aus Eisenerz in der Steiermark.
Das Ziel unserer heutigen Etappe ist das Städtchen Vilalba. Schon vor der Stadt steht eine bunkerartige Herberge; wir gehen daran vorbei – und das ist eine richtige Entscheidung. Sie liegt noch mehrere Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, und das einzige Restaurant, das die dort übernachtenden Pilger versorgen könnte, ist heute geschlossen – es ist Samstag.
Wir gelangen über eine völlig verrückte Fußgängerüberführung, die unseren Weg um mindestens zweihundert Meter verlängert, in die Stadt.
Vlado würde am liebsten eine Abkürzung über den Kreisverkehr nehmen, doch mit meinem protestierenden Knie wage ich es nicht, mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken zwischen den fahrenden Autos hindurchzulaufen. Um uns herum fahren zahlreiche Radfahrer vorbei, völlig mit Schlamm bespritzt – offenbar findet hier ein Rennen statt. An den Straßen stehen Organisatoren und Polizisten, die die Gruppen dieser unglaublich schmutzigen Sportler dirigieren.
Wir durchqueren fast die ganze Stadt, bevor wir die Herberge „As Pedreiras“ entdecken.
Herberge “As Pedreiras”
Sie liegt etwas versteckt in einer Seitenstraße, und man muss einen ganzen Wohnblock umrunden, um zu ihr zu gelangen. Doch die Herberge ist schön und modern; wir bekommen sogar normale Stoffbettlaken, und es gibt sowohl eine funktionierende Waschmaschine als auch einen Trockner, was wir dankbar nutzen. Die Señora an der Rezeption ist erschreckend redselig, doch da sie Spanisch spricht, ist der Informationsgewinn für uns begrenzt. In der Herberge treffen wir sowohl unseren Schweizer als auch Birgit aus der Steiermark wieder. Der Schweizer wirkt schon ein bisschen genervt. Wie ist es möglich, dass ihn – einen beinahe professionellen Wanderer – zwei gesundheitlich angeschlagene Pensionisten ständig einholen oder sogar überholen können? Wahrscheinlich beschließt er gerade, morgen mindestens 40 Kilometer zurückzulegen, um uns definitiv abzuschütten. Da können wir nicht mitmachen. Wir sehen ihn in Vilalba tatsächlich das letzte Mal.
Kaum haben wir eingecheckt, beginnt es draußen heftig zu regnen. Wieder einmal haben wir Glück. Es regnet nur etwa eine Stunde – gerade lange genug, um unsere Sachen zu waschen und zu trocknen – dann hört es auf, sodass wir das reizende Städtchen Vilalba besichtigen können.
Wir gehen also in die Stadt. Gleich hinter der Herberge führen hohe Stufen auf einen Platz hinauf, wo ein Konzert vorbereitet wird.
Die Stiege führen zum Hauptplatz von Vilalba
Das Zentrum besteht aus einem Platz mit Kirche und einem großen Turm einer ehemaligen Befestigungsanlage, einem weiteren kleinen Platz mit Rathaus sowie einer Markthalle. Dort herrscht reges Treiben. In der Stadt findet gerade ein Käsemarkt statt. Es sind viele Menschen da und unzählige verschiedene Käsesorten. Ich beginne zu verstehen, dass Galicien vor allem ein Land des Käses ist – später in der Stadt Arzúa wird sich diese Tatsache bestätigen. Neben Käse gibt es natürlich auch Jamón, Würste, Souvenirs und Brot. Wir kaufen ein Kilogramm schweres Brot – und fallen fast in Ohnmacht, als die Verkäuferin dafür sieben Euro verlangt. Nach dieser Lektion kaufen wir Käse und Wurst hier auf dem Markt lieber nicht mehr, ich fotografiere und filme nur noch, denn es ist ein echt interessantes Erlebnis.
Der Lebensmittelladen liegt ganz am Ende – beziehungsweise am Anfang – der Stadt. Wir gehen dorthin und kaufen Saft für Vlado, noch in der Hoffnung, in einem Restaurant zu essen. Doch entweder sind die Gaststätte geschlossen oder servieren sie erst ab halb neun. Schließlich entdecken wir ein Spezialgeschäft für Käse und kaufen dort Produkte für das Abendessen. Da man dort jedoch keinen Wein verkauft, gibt es unser Abendessen wieder einmal mit Tee – und mit jenem teuren Brot, das sich geschmacklich als das schlechteste erweist, das wir in ganz Spanien gegessen haben. Vermutlich besitzt es besondere Qualitäten, die ein uninformierter Mitteleuropäer nicht zu schätzen weiß.
Auf Stofflaken schläft es sich unvergleichlich besser als auf Papierlaken. Ich schlafe wie ein Stein von halb zehn abends bis acht Uhr morgens. Nun ja – Rentner. Offenbar beginne ich, mich auf diese Tatsache zu gewöhnen.