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Litauen I

Litauen

Im neuen Jahr lade ich euch wieder zum Reisen ein. Wir kehren bei dem ersten heurigen Stopp nach Baltikum zurück.

Estland ist grundsätzlich gleich Tallinn. Ja, es gibt hier auch andere Städte, wie die Universitätsstadt Tartu oder das an der russischen Grenze liegende Narva. Aber von 1,3 Millionen Einwohnern leben 450 000 in der Hauptstadt, also jeder dritte. Noch mehr gilt es für Lettland, hier ist Riga mehr oder weniger das ganze Lettland. 770 000 von 1,9 Million Einwohner Lettlands leben hier. Einige an der Küste liegenden Städtchen können die Dominanz der Hauptstadt nicht brechen.

               Litauen ist nicht Vilnjus und Vilnjus ist nicht Litauen. Nicht durch seine Größe (540 000 von 3,4 Million Einwohner) und auch nicht durch seine Geschichte. Obwohl diese Stadt der litauische Großfürst Geminidas im Jahr 1316 gegründet hat. Er soll zu dieser Tat laut einer Legende durch einen Traum bewegt worden sein, als er nach einer Jagd auf einem Hügel über dem Zusammenfluss der Flüsse Neris und Vilnia ausruhen wollte. Die Hauptstadt von Litauen lag in dieser Zeit unweit von hier bei der Burg Trakai.

Ob infolge dieses Traumes oder auch nicht, er wählte richtig. In sonst sehr flachem Land ist ein Hügel von der Höhe einiger dutzende Meter direkt an dem Zusammenfluss zweier Flüsse eine für den Aufbau einer Burg eine willkommene Gelegenheit. Die alte Burg von Vilnjus steht bis heute.

               Sie ist heutzutage eine Ruine, gebaut – wie es schon in Litauen, einem Land mit einem absoluten Steinmangel Brauch war – aus Backsteinen. Es gibt von hier einen wunderschönen Ausblick über die ganze Stadt und diejenigen, die zu faul oder unfähig sind, zu Fuß diesen Hügel zu erklimmen, können einen Aufzug verwenden – ein österreichischer Gruß nach weitentfernten Litauen.

               Litauen war einmal ein sehr großes Reich, sein Gebiet reichte bis nach Moskau und ans Schwarzes Meer. Das war noch in den Zeiten, als die Litauer heidnisch waren und das waren sie sehr lange – bis zum Ende des vierzehnten Jahrhunderts. Dann wurde der litauische Großfürst Wladyslaw Jagiello zum polnischen König (um die Erbin des polnischen Königtums Hedwig im Jahr 1386 heiraten zu dürfen, musste er sich taufen lassen.)  Die Litauer halten ihn eher für einen Verräter und verehren seinen Cousin Vytautas (auf Deutsch eher unter dem Namen Witold bekannt). Seine Statue findet man im Park der Wasserburg Trakai, woher er über sein Reich herrschte. Seine Sternstunde schlug am 15. Juli 1410, als die litauischen Truppen unter seiner Führung die Schlacht bei Tannenberg zugunsten des polnisch- litauischen Bündnisses über den Deutschen Ritterorden entschieden. Die Litauer zeigen stolz das berühmte Bild von Jan Matejko, wo Vytautas direkt in der Mitte des Bildes und Jagiello nur am Rande dargestellt wird. In der Burg Trakai erzählte uns die Reiseführerin über einen Versuch von Jagiello, seinen ruhmreichen Cousin zu vergiften, die Geschichte habe ich aber eher als Zeichen der Abneigung der Litauer gegen Polen abgetan. Die Zeit der Herrschaft des Wladyslaw Jagiellos läutete die Bildung eines gemeinsamen Staates mit Polen ein.  Der Großfürst Vytautas zeugte nämlich nur eine Tochter und sein Cousin, der polnische König, der ihn um vier Jahre überlebte (Vladislav Jagiello wurde 82 Jahre alt, was für seine Zeit ein unglaublich hohes Alter war, übrigens er heiratete mit 71 Jahren das vierte Mal eine 17-jährige polnische Adelige und zeugte mit ihr noch zwei Söhne) wurde nach seinem Tod zum Herrscher von Litauen. Mit Vytautas starb im Jahr 1430 also die Selbständigkeit des litauischen Staates, die nur im Jahr 1918 wiederhergestellt wurde.

               Die neue Burg in Vilnjus, also eigentlich ein Schloss, das unter dem Hügel liegt, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Das einmalige Renaissanceschloss der Großfürsten von Litauen (die zweite Gattin des polnischen Königs und litauischen Großfürsten Sigismund war italienische Prinzessin Bona Sforza, die nach Vilnjus die italienische Renaissance brachte) wurde bei dem russischen Einfall im Jahr 1655 vernichtet. Obwohl die Stadt nach einigen Jahren zurückerobert werden konnte, gab es kein Interesse, die fürstliche Residenz wieder aufzubauen. Seit der Union von Lublin aus dem Jahr 1569 war Litauen ein fester Bestandteil des polnischen Staates und der polnische König residierte in Warschau. Im Jahr 1801, nachdem Vilnjus ein Teil des russischen Imperiums geworden war, haben die Russen die Reste des Palastes endgültig entfernt. Erst im Jahr 1997 wurden bei Ausgrabungen die Grundmauer des Gebäudes entdeckt und es wurde entschieden, es zu erneuern. Der Bau wurde im Jahr 2012 vollendet und im Gebäude befinden sich ein Museum und Konzertsäle.

               Vilnjus rühmt sich mit seiner insgesamt 56 Kirchen, überwiegend katholischen, es gibt hier aber auch orthodoxe Kirchen. (Vilnjus soll angeblich die Stadt mit der größten Dichte an Kirchen pro Quadratkilometer weltweit sein, es könnte die Reaktion darauf sein, dass die Litauer sehr lange heidnisch waren und nach ihrer Christianisierung einen Bedarf hatten, der Welt ihre Rechtgläubigkeit unter Beweis zu stellen). Die orthodoxen Kirchen sind älter als die katholischen. Schon in den Zeiten, als sich die Litauer noch zum Heidentum bekannten, gab es hier ein Viertel der russischen Kaufleute, die schon damals Christen waren. Drei von diesen Kaufleuten, die hier im heidnischen Vilnjus im vierzehnten Jahrhundert tot aufgefunden wurden, werden als heilige Märtyrer in der Kathedrale der göttlichen Dreieinigkeit geehrt. Diese Kirche ist besuchswert, sie hat eine einzigartige Ikonostase.  So eine habe ich eigentlich noch nirgends gesehen. Es dauert, bis man darauf kommt, dass es in dieser Kirche eine Ikonostase, einen nicht wegzudenkenden Teil der orthodoxen Kirchen, überhaupt gibt. Die größte Kirche in Vilnjus ist die Kirche der Heiligen Peter und Paulus, ein Bauwerk des Hochbarocks, gebaut nach Anweisung des litauischen Heerführers Michael Kazimir Pac, der sich unter der Schwelle im Eingang der Kathedrale bestatten ließ.

               Diese Kirche sollte ein Symbol der Dankbarkeit für die Befreiung der Stadt von der russischen Macht sein. Die Russen kamen aber im Jahr 1795 wieder und sie blieben. Die Kirche diente in der Zeit der russischen Okkupation als Lager, da ein Umbau zu einer orthodoxen Kirche viel zu teuer gewesen wäre. Paradox ist die Tatsache, dass gerade diese Kirche in der Zeit der sowjetischen Okkupation nach der Schließung der Kathedrale von Vilnjus für Gottesdienste geöffnet wurde, hier wurde vorübergehend auch der Sarkophag mit den leiblichen Überresten des örtlichen Heiligen – des heiligen Kazimir – bestattet. Er befindet sich heute schon wieder in einer selbständigen Kapelle in der Kathedrale, die aber nicht ihm sondern dem heiligen Stanislaus, dem Bischof von Krakau, geweiht ist. Wie man sieht, tun sich die Litauer mit ihrer Identität schwer, besonders dann in ihrer Hauptstadt. Polnisch heißt die Stadt Wilno und aus ihrer Umgebung stammte der polnische Präsident in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen Józef Pilsudski. Er ist im Wawel in Krakau begraben, er selbst aber bestimmte, dass sein Herz in Vilnjus bestattet werden sollte. Als ich aber unsere Reiseführerin gefragt habe, wo das Herz von Pilsudski begraben ist, antwortete sie lakonisch und gereizt: „Irgendwo auf dem Friedhof“ und sie mochte mich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Ich musste selbständig erfahren, dass es auf dem Friedhof im Stadtviertel Rasos ist, unweit vom Stadtzentrum. Die Litauer haben also an diesen ihren berühmten Bürger keine positiven Erinnerungen, und nicht nur weil er ein Pole war (wie nach dem ersten Weltkrieg auch ein Großteil der Bevölkerung von Vilnjus). Obwohl Vilnjus im Jahr 1920 Litauen zugesprochen wurde, ließ Pilsudski die Stadt besetzen und stellte die Weltmächte vor vollendete Tatsache. Weil er gerade durch den Sieg über die Rote Armee bei Warschau berühmt geworden war, übergingen die Weltmächte diese Verletzung des internationalen Rechtes mit Schweigen und Wilno blieb bis 1939 polnisch. Die Hauptstadt des neuen litauischen Staates wurde für diese Zeit Kaunas, das sich demzufolge immer noch für die litauischste Stadt und eigentlich für „eine geheime Hauptstadt der Litauischen Republik“ hält. Übrigens Kaunas wird im Jahr 2022 gemeinsam mit dem luxemburgischen Esch an der Alzette zur Kulturhauptstadt Europas.

               In Kaunas wurde auch die erste Universität in Litauen gegründet, die in Vilnjus folgte im Jahr 1569 als eine Schule der Jesuiten. Jesuiten wurden nach Vilnjus von dem örtlichen Bischof eingeladen, um zu verhindern, dass es seinen Untertanen einfallen könnte, zum Protestantismus zu konvertieren. Zur Sicherheit gründete er die Universität gleich neben seiner Residenz, um die Kontrolle über die Jesuiten zu behalten. Seine Taten zeigten Wirkung, die Gedanken von Luther hatten in Litauen keine Chance und Litauen blieb katholische bis geht nicht mehr. Der Beweis dafür ist ein einzigartiges Relikt, so genannter „Berg der Kreuze“ nah der lettischen Grenze. Eigentlich ist das kein Berg, nur so ein Hügelchen von einer Höhe von 5-6 Meter. Aber der „Berg“ selbst und seine Umgebung ist mit tausenden Kreuzen bedeckt, jeder Tourist darf dort ein Kreuz kaufen und es dann dort platzieren. Wir kauften und platzierten keines. Es regnete ohne Ende, ich rutschte auf dem nassen Fußweg zwischen den Kreuzen aus und zerriss dabei meinen Mantel. Vielleicht wäre es nicht passiert, hätte ich ein Kreuz hingebracht. Im Jahr 1993 war hier Papst Johannes Paulus II. (wen überrascht es, er war doch überall). Er gab Anlass dazu, dass auf diesem denkwürdigen Ort ein Kloster gebaut wird.

Der heilige Josef

Ein Weihnachtsthema zum Jahresabschluss.

Josef ist in der Kirchenlehre eine gewissermaßen vernachlässigte, obwohl natürlich eine wichtige Person. Es scheint, als ob die Kirchenlehrer mit dieser Person ein kleines Problem hätten. Josef konnte kein Vater Jesus Christus sein, zugleich aber leitete der Erlöser von ihm seine Herkunft vom König David ab. Ein genetischer Ursprung nur von der Mutter Maria war für die Juden unzureichend, also wurde auch die Herkunft von Josef von dem jüdischen Stamm Benjamin abgeleitet, konkret dann in der achtundzwanzigen Generation vom König David (deshalb musste also Josef bei der Volkszählung, die der Kaiser Augustus angeordnet hatte, nach Betlehem gehen, dem Hauptsitz des Stammes Benjamin.)

Als ob die Kirchenlehrer im Frühmittelalter nicht gewusst hätten, was sie mit dem armen Josef tun sollten. Meistens wurde er als ein alter Mann dargestellt, der die Hausarbeiten erledigte. Nur Raffael brach diese Tradition und zeigte Josef auf dem Bild „Vermählung Marias“ als einen jungen starken Mann. Als der Bräutigam einer fünfzehnjährigen Maria konnte auch ein dreißigjähriger Mann für einen alten gehalten werden. Zur Zeit Raffaels hatte allerdings der heilige Josef bereits die Unterstützung der Schriften von Johann Gerson und der heiligen Theresa von Avila, sowie auch die Pastoraltätigkeit des Karmeliterordens zu seinem Nutzen hinter sich. Dies erhöhte deutlich seine Popularität.

Den 19. März als den Kirchenfeiertag zur Ehre Josefs bestimmte Papst Gregor XV. (damals gerade frisch gewählt in das Papstamt) auf Ersuchen Kaisers Ferdinand II. im Jahr 1621 zur Ehre des Sieges des katholischen Heeres auf dem Weißen Berg bei Prag über die Protestanten am 20.November 1620. Warum gerade 19. März zum Josefs Feiertag wurde, weiß bis heute niemand. Warum gerade Josef, kann man aber ganz gut vermuten. Der heilige Josef war nämlich der Patron der habsburgischen Besitzungen in der Steiermark – woher Ferdinand stammte, weil er in Graz geboren wurde. Deshalb ist 19. März in diesem Land immer noch ein arbeitsfreier Tag. Weil aber 19. März der “westliche“ Papst ausgerufen hat, hat die orthodoxe Kirche diesen Feiertag natürlich abgelehnt. Hier wird Josef gemeinsam mit Maria als Jesuseltern am 26. Dezember gefeiert.

Von diesen vermutlichen Verdiensten als ein Beschützer der Habsburger war zum Titel „Friedensbewahrer“ nicht sehr weit, besonderes, als ihm der Verdienst für den Sieg der Verbündeten über die Türken bei Wien im Jahr 1683 zugeschrieben wurde. Bereits im Jahr 1675 erklärte Kaiser Leopold Josef zum Patron der habsburgischen Erblande und gab sogar seinem erstgeborenen Sohn den Namen Josef – das war das erste Mal in der habsburgischen Familie und dieser Sohn herrschte dann als Kaiser Josef I. in den Jahren 1705 – 1711. Maria Theresia erreichte dann, dass der heilige Josef für zum der Vorderlande erklärt wurde, also für Steiermark, Kärnten und Tirol.

Der heilige Josef machte dann in der Hierarchie der Heiligen eine steile Karriere. Am 8. Dezember 1870 wurde er von Papst Pius IX. zum Universalpatron der Weltkirche erklärt. Weil dadurch auch sein Beruf als Zimmermann in Vordergrund rückte und die Welt immer mehr die manuelle Arbeit ehrte, erklärte Papst Pius XII. im Jahr 1955 Josef zum Patron der Arbeiter. Dass es gerade am ersten Mai passierte, war sicher kein Zufall, obwohl sonst die katholische Kirche mit den überwiegend atheistischen „Socis“ nicht gerade versöhnt war. Man könnte das Datum als ein kleiner Seitenhieb des Papstes betrachten.

Wie der heilige Josef zum Patron der Sterbenden avancierte, konnte ich nicht ausforschen, die Folge war die Entstehung verschiedener „Josefbrüderschaften“, die für ihre Mitglieder ehrenvolle kirchliche Begräbnisse organisieren.

Anspruch an den Besitz der heiligen Reliquien des Ehemannes Marias machen sich die Städte Rom, Loreto, Frascati und Orvieto.

Eine traditionelle Darstellung Josefs

Was schreibt aber über den heiligen Josef die Heilige Schrift? Es ist nicht wirklich überraschend, dass es nicht zu viel ist. Marcus erwähnt ihn gar nicht – also entweder sprach Jesus vor dem heiligen Petrus über seinen Vater überhaupt nicht, oder hielt es dieser nicht für erwähnungswert. Übrigens, das Evangelium von Marcus beschreibt nur die Mission Christi und beschäftigt sich nicht mit seiner Kindheit.

Das Evangelium von Johannes schweigt über Josef vollkommen. Jesu Mutter (namenslos) erscheint lediglich in der Episode aus Kana in Galiläa. Dort bewog sie Jesus zu seinem ersten Wunder mit der Umwandlung von Wasser zum Wein, obwohl sie ihn dadurch erzürnte – er wollte noch keine Wunder tun, da „Seine Stunde noch nicht gekommen ist.“  Zur Hochzeit kam allerdings Jesus mit Mutter und mit seinen Jüngern aber ohne seinen Vater. Das zweite Mal erscheint die Mutter von Jesus (wieder namenlos) unter dem Kreuz, gemeinsam mit ihrer Schwester, namens Maria, die Frau des Klopas und mit Maria von Magdala, der Vater fehlt wieder. Wenn wir erwägen, dass Josef in der Zeit Jesus Geburt bereits ein reifer Mann war und Jesus im Alter von 36 Jahre hingerichtet wurde, kann man erwarten, dass er nicht mehr lebte. Die letzte Erwähnung von Josef in der Bibel gibt es bei der Gelegenheit der Pilgerfahrt nach Jerusalem (Lukas), als Jesus 12 Jahre alt war. Ob er danach starb, wissen wir nicht. Deshalb vertraute Jesus seine Mutter seinem liebsten Jünger an. Wenn also Jesus Geschwister hatte (darüber werde ich noch schreiben), begleiteten sie ihn zum Kreuz nicht.

Matthäus beschreibt die heikle Situation, in der sich Josef befand, als er von einer langen sechs Monate dauernden Dienstreise nach Hause kam und erfuhr, dass seine Frau, mit der er noch nicht geschlafen hatte, schwanger war. Nach den jüdischen Gesetzen war Josef verpflichtet seine Frau wegen des Ehebruchs anzuzeigen, für dieses Vergehen gab es die Todesstrafe durch Steinigung. (Der Islam übernahm in das Recht Scharia diese Gesetze gerade aus der jüdischen Gesetzgebung und diese Strafe wird zum Beispiel in Iran bis heute vollstreckt). Josef hat aber seine junge Frau offensichtlich herzlich gemocht und wollte ihr dieses schreckliche Schicksal ersparen. Matthäus schreibt: „Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.“ Dann aber erschien ihm im Traum ein Engel, der ihm das Problem erklärte und Josef behielt also Maria als seine Gattin bei sich. „Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.“

Ich glaube, dass wir hinter dem Wort „er berührte sie nicht“ das Sexualleben des Ehepaares vermuten können. Matthäus fiel also gar nicht ein, dass Josef in einer „Josephsehe“ nach der Geburt Jesu gelebt hätte. Die Kirchenlehrer aus der Zeit, als das Christentum in einem hartnäckigen Kampf mit der traditionellen römischen Religion um die Weltmacht kämpfte, sahen es anders. Die Geschichten aus der Bibel mussten weniger natürlich und mehr mystisch sein. Aus den Erzählungen der Evangelien wurde zu dieser Zeit eine Ideologie.

Das Dilemma, ob Josef mit Maria nach der Jesus Geburt als Mann und Frau lebten, konnte die Kirche nie verständlich erklären, umso mehr setzte sie auf Dogmatik. Heilige Väter im dritten und vierten Jahrhundert konnten sich einen Geschlechtsverkehr zwischen Maria und Josef überhaupt nicht vorstellen. Origenes hielt die Gedanken, dass Josef seine Frau irgendwann später berührt hätte, für „Wahnsinn“ und der heilige Ambros einfach für ein Sakrileg.  In das gleiche Horn bläst auch der heilige Leo I., Cyril von Alexandria oder der heilige Augustin. Sie schafften es, dass sich niemand traute, an der lebenslangen Jungfräulichkeit Marias zu zweifeln. Dadurch entstand aber eine ganze Reihe neue Probleme.

Im Evangelium von Marcus wird geschrieben: „Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Die gleiche Geschichte beschreibt auch Lukas: „Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm und konnten wegen der Menge nicht zu ihm gelangen. Da wurde ihm gesagt: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun.“

Und zu dritt auch Matthäus: „Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden. Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: „Siehe da, das ist meine Mutter rund das sind meine Brüder. Denn wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“

Lassen wir außer Acht die Frage, ob diese dreifache Schilderung der gleichen Geschichte ihre Authentizität erhöht, oder ob Lukas einfach nur den Text des Evangeliums von Marcus kannte. Das wäre gut möglich, die zwei Männer kannten sich persönlich. Zumindest nach der Ankunft des heiligen Paulus in Rom im Jahr 60 mussten sie sich kennenlernen. Dass Matthäus von Marcus abschrieb, zweifelt kein seriöser Bibelforscher mehr an. Nur die alten Kirchenväter im fünften Jahrhundert identifizierten den Evangelist Matthäus mit dem gleichnamigen Zöllner und Apostel und deshalb reihten sie sein Evangelium auf den ersten Platz unter den Evangelisten.

Kritische Forscher der Heiligen Schrift haben ein Problem mit diesem Text – Marcus Evangelium müssen wir nämlich wirklich als authentisch betrachten. Weil es sich dabei mit größter Wahrscheinlichkeit um persönliche Erinnerungen des heiligen Petrus handelt, müssen wir annehmen, dass es zu einer solchen Situation tatsächlich kam. Wie kam Jesus zu seinen Brüdern, wenn Josef nach seiner Geburt kein Geschlechtsverkehr mit Maria hatte und er der Erstgeborene war? Die Forscher begehen hier ein kompliziertes Konstrukt, dass im Hebräischen das Wort „Bruder“ für jeden nahen Verwandten angewendet wird. Sie berufen sich auf das Alte Testament, wo tatsächlich Lot und Abraham als Brüder genannt werden, obwohl es sich um Onkel und Neffen handelte. Lassen wir außer Acht die fehlende Logik, dass mit Maria eine Gruppe mehr oder weniger entfernten Verwandten zu Jesus gekommen wäre, und liefern wir ein Argument, das mehr wiegt. Die Evangelien des Neuen Testaments wurden – in Gegenteil zum Alten Testament – in Griechisch geschrieben. Und Griechen haben dieses Sprachproblem nicht. Apokryphen (also verworfene Evangelien, von denen es eine Menge gab, die allerdings im fünften Jahrhundert aussortiert wurden) lösen dieses Problem damit, dass Josef ein alter Witwer war, der in die Ehe einige Söhne aus seiner ersten Ehe brachte. Dazu komme ich noch.,

Zur Vereinfachung der Situation trägt auch der heilige Lukas auf einer anderen Stelle nicht bei. Er schreibt nämlich: „Und als sie dort (in Betlehem) waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

Wenn wir also von einem erstgeborenen Sohn reden, erwarten wir irgendwie selbstverständlich, dass die Mutter später mehr Kinder hatte. Wieder einmal eine harte Nuss und die Bibelforscher mussten wieder ein bisschen konstruiert erklären, dass:

  1. Erstgeborener ist ein allgemeiner Begriff für das erste Kind, auch wenn nicht bekannt ist, ob ein weiteres Kind folgen würde. Lukas sammelte allerdings seine Recherchen für seine Schrift in den Jahren 57 – 60, als schon bekannt sein musste, ob Maria nach Jesus weitere Kinder hatte oder nicht – also wenn über die Sache überhaupt etwas bekannt war. So ein denkwürdiges Ereignis war eine Geburt eines Zimmermannskindes auch wieder nicht.
  2. Es ist ein Begriff, dass den ersten Platz in der Hierarchie einer jüdischen Familie bezeichnet
  3. Erstgeborene ist der Ranghöchste
  4. Erstgeborene ist der älteste von mehreren Kindern

Die Kirchenväter bereuten wahrscheinlich sehr, dass zu den Apokryphen auch das Protoevangelium von Jakob aussortiert wurde. Dort gibt es nämlich eine Erklärung, die sie gerne begrüßt hätten und die sich in die Kirchenlehre eingemischt hat, obwohl sie aus einer „illegalen“ Quelle stammte. Dort wird nämlich beschrieben, wie Josef von Gott für die Ehe mit Maria auserwählt wurde. Aus dem Stab, den er in der Hand hielt, flog nämlich eine Taube und setzte sich auf seinen Kopf. Dann sprach der Priester zu Josef: „Du bist dazu erlost, die Jungfrau des Herrn heimzuführen, um sie dir jungfräulich zu behüten“. Und Josef widersprach und sagte: „Söhne habe ich bereits und bin ein alter Mann, sie aber ist ein junges Mädchen. Ich möchte den Kindern Israel nicht zum Gespött werden.“ Da sagte der Priester zu Josef: „Fürchte dich von dem Herrn deinem Gott! Und denke daran, was Gott Dathan und Abiram und Korah angetan hat, wie die Erde sich spaltete und sie verschlungen wurde wegen ihrer Widerrede! Jetzt müsstest du befürchten, Joseph, dass derartiges in deinem Hause eintritt.“ Und Josef bekam Furcht und führte sie heim, um sie zu behüten. Und Josef sprach zu Maria: „Siehe, ich habe dich im Empfang genommen aus dem Tempel des Herrn, und jetzt lasse ich dich daheim in meinem Hause und gehe fort, um meine Bauten auszuführen, und dann werden ich wieder zu dir kommen. Der Herr wird dich inzwischen Bewahren.“

In dem Protoevangelium ist alles klar. Josef ist ein alter Mann und er fürchtet, dass, wenn er nach dem Gebot des Priesters die Jungfräulichkeit Marias bewahren würde, würden über ihn seine Nachbarn als über einen alten Impotenten spotten. Menschlich und verständlich, oder? Wenn die Kirchenväter im fünften Jahrhundert, als sie aus den vielen Evangelien die vier richtigen selektierten, mehr auf Details aufgepasst und auch das Evangelium von Jakob behalten hätten, hätten wir heute eine viel einfachere Aufgabe zu erklären, wie es mit den Geschwistern von Jesus eigentlich war.

Vielleicht doch mit einem kleinen Widerspruch. Wozu hat dann nämlich Josef den im Matthäus Evangelium beschriebenen Traum mit dem Besuch des Engels gebraucht, als er von der Schwangerschaft Marias erfuhr, wenn er ohnehin von ihrer Bestimmung gewusst hätte?

Aber so oder so. Es ist nicht notwendig, in der Geschichte zu rühren. Es gibt Weihnachten und die Heilige Familie gibt es unter jedem Christbaum. Es ist egal, ob Josef ein alter oder ein junger Mann voller Kraft war. Ob er ein Verbot von den Priestern mit seiner Frau zu schlafen hatte oder nicht. Sicher ist nur eins. Er war für seine Zeit (und auch für die heutige) ein unglaublich toleranter Mann, der seine Frau herzlich liebte. Er war bereit, sich um ein Kind zu kümmern, das nicht sein war und es erziehen. Und er hat den Buben nicht schlecht erzogen. Ob Jesus ein guter Zimmermann war, wissen wir nicht. Seine moralische Botschaft hat aber ihre Bedeutung bis heute nicht verloren. Leider wird ihr nur zu selten und zu wenig gefolgt.

Die Intoleranz, der Egoismus, Geldgier und das Streben nach Ruhm verdrängen diese Botschaft immer mehr aus unserem Bewusstsein. Es liegt an jedem von uns das zu ändern. Es reicht zuzuhören, oder, noch besser gesagt, den falschen Propheten nicht zuzuhören. Von denen wimmelt es sich nämlich in Unmengen – und sie haben eine moderne Technologie namens Internet zur Verfügung. Ich wünschte sie würde trotzdem zu tauben Ohren sprechen.

Vielleicht sollte das diesjährige Weihnachten so eine Botschaft haben.

Damit wünsche ich allen meinen Lesern frohe Weihnachten.

Österreichische Weinnachtsmarke 2021

Riga II

Zur Gesellschaft der Schwarzköpfe erzählt man eine liebe Geschichte, die die Kultur in der ganzen christlichen Welt beeinflusst hat. Sie sollte im Jahr 1510 geschehen. Die Attraktion in den nördlichen unendlichen Winternächten war eine Verbrennung eines Baumes am Tag der Wintersonnenwende. An diesem Abend (man konnte bereits am Nachmittag beginnen, da sich hier die Sonne nicht lange zeigt) wurde am Ufer von Daugava ein großer Baum angezündet und dann in den Fluss geworfen. Die Schwarzköpfe haben einen Baum im Wald gefällt und in die Stadt gebracht. Als sie ihn auf die Uferpromenade brachten, begannen sie zu streiten. Manche von ihnen waren der Meinung, dass so ein schöner Baum auch eine andere Verwendung haben könnte, dass es schade ist, ihn zu vernichten. Weil die jungen Kaufleute nicht draußen in der Kälte streiten wollten, begaben sie sich in ihre Residenz, die in unmittelbarer Nähe stand und setzten dort ihren Streit bei Glühwein fort. Die Beratung zog sich in die Länge, der Glühwein war süß und gut und niemand hatte Lust wieder in die Kälte zu gehen. Inzwischen haben Kinder den Baum entdeckt und begannen ihn mit allem, was sie zur Hand hatten, zu schmücken. Mit Bändchen, Papierchen, mit Obst. Als die Herren zum Baum zurückkehrten, trauten sie ihren Augen nicht. Jetzt tat es ihnen noch mehr leid, den Baum zu verbrennen. Sie riefen den Bürgermeister und er entschied, den Baum aus den Stadtmitteln weiter zu schmücken und dann ihn vor dem Rathaus aufzurichten. So entstand angeblich die Tradition der Weihnachtsbäume mit der wir bis heute leben. Ich weiß nicht, ob diese Legende wahr ist (es gibt sicher viele andere Städte, die sich Erfindung dieser Tradition für sich beanspruchen), sollte sie aber nicht wahr sein, ist zumindest gut erfunden und damit auch wert, geglaubt zu werden.

            Gott sein Dank, passierte es noch vor dem Einmarsch der Reformation, zu der die Bürger von Riga im Jahr 1522 konvertierten. Sonst wäre das Beschmücken des Weihnachtsbaumes in Rom sicher zu einer ketzerischen Heidentradition erklärt und durch die höchste päpstliche Instanz verboten worden und demzufolge würden heute die Weihnachtsbäume nur die Protestanten schmücken.

            Die enge Beziehung zu Bremen als der Mutterstadt symbolisiert die hinter der Kirche des heiligen Petrus positionierte Statue der „Bremer Musikanten“ beinahe ident mit der, die in Bremen steht. Es ist ein Geschenk der Stadt Bremen aus dem Jahr 1993 und sollte symbolisieren, dass die deutsche Mutterstadt ihre schöne und ein bisschen extravagante Tochter im Norden nie vergessen hatte.

            Von der Stadtmauer blieb in Riga – in Gegensatz zu Tallin – nicht viel übrig. Nur Pulverturm und Schwedentor, die während ihrer hundert Jahre dauernden Herrschaft über die Stadt die Schweden bauen ließen. Gerade bei dem zweitgenannten Tor haben wir ein fantastisches Lokal mit einem nicht gerade verlockenden Namen „Garaža“, was auf Lettisch tatsächlich „Garage“ bedeutet, gefunden. Lettische, estnische aber auch die litauische Küche ist nicht wirklich einfallsreich, sie steht grundsätzlich auf Schweinfleisch, Sauerkraut und Kartoffeln. In „Garaža“ haben sie allerdings die Blutwurst wie in einem Spitzenlokal zubereitet und serviert, eine echte Haubenküche. Und das für 7.50 Euro, also für einen Preis, der in dem sonst eher teuren Riga einfach märchenhaft war. Auch das dort servierte lettische Bier war durchaus trinkbar, zwar mit viel Malz und damit süßlich, das gewöhnliche Sodbrennen bekam ich aber danach nicht. Ich hoffe nur, dass dieses Restaurant noch existiert und auch die Coronakrise überlebt hat. Es wäre schade, sollte es nicht so sein.

            Das wahre Juwel von Riga ist sein „Jugendstilviertel“. Es ist ein Stadtteil, in dem sich die reichen Bürger ihre Häuser am Ende des neunzehnten Jahrhunderts bauen ließen. Und das im Stil, den die Französen „Art nouveau“ nannten, die Österreicher, die Deutschen und die Bürger von Riga nennen es „Jugendstill“, in Tschechien zum Beispiel wird dieser Stil nach dem Gebäude am wienerischen Naschmarkt „Secession“ genannt.

            In den letzten Jahren wurden diese wunderschöne Häuser privatisiert (die Form erinnert an eine Art Kuponprivatisierung, von der allerdings russische Bürger ausgeschlossen waren) rekonstruiert und sind heute wirklich prachtvoll. Sie sind in erster Linie eine Erinnerung an den genialen Architekten Michail Osipovic Eisenstein, der seine Handschrift an der Mehrheit dieser Häuser hinterlassen hat. Michail Eisenstein verließ nach der Oktoberrevolution Riga und starb im Jahr 1920 in Berlin, sein Sohn blieb aber im kommunistischen Russland und wurde berühmter als sein Vater. Der Name des Regisseurs Sergej Eisenstein ist allgemein bekannt. Der Regisseur, der sich voll in die Dienste der Propaganda der stalinistischen Regierung gestellt hat, kreierte Filme wie „Kreuzer Potemkin“, „Oktober“ „Ivan der Schreckliche“ oder „Alexander Nevskij“. Er konnte Massenszenen frei erfinden, die nie stattgefunden haben und er machte es so überzeugend, dass heute niemand an dem Sturm der Bolschewiken auf den Winterpalast zweifelt, obwohl in Wirklichkeit hier nur eine kleine Einheit durch den Hintereingang mit Hilfe von zwei Handgranaten eingedrungen ist. Die Besucher des Marinski Theaters, wo an dem besagten Abend 7.November 1917 eine Vorstellung stattgefunden hat, haben die Revolution gar nicht bemerkt. Sie wunderten sich, warum die Polizisten auf den Straßen so komisch aussehen. Bald sollten sie sich noch viel mehr wundern. Auch die furchtbare Schlacht auf dem zugefrorenen Peipussee mit der Szene einer Attacke von tausenden gepanzerten Rittern des Deutschen Ordens, obwohl es in Wirklichkeit nur fünfzig gab, ist atemberaubend. Nicht umsonst wurde Sergej Eisenstein von Stalin persönlich ausgezeichnet, obwohl sonst Stalin und die Kommunisten allgemein die Juden nicht ausstehen konnten. In einem der Jugendstilpalästen, die sein Vater baute, hat heute die russische Botschaft in Lettland ihren Sitz – natürlich in einem der schönsten Häuser am Ufer von Daugava.

            Wer Riga besucht, darf natürlich nicht vergessen, den Markt zu besuchen, angeblich einer der größten Märkte der Welt. Ich will es glauben. Der Markt befindet sich in fünf riesigen Hallen.

Diese kaufte die Stadt im Jahr 1922, ursprünglich handelte sich um Flugzeughallen, also kann man sich die Ausmaße gut vorstellen. Der Markt ist auch überall in Freiem um die Hallen, es wird hier alles nur Denkbare verkauft, von Fleisch, Fischen (ein echter Kaviar für lediglich 200 Euro per Kilo, das aber nur wenn man das ganze Kilo kaufen würde, in kleineren Portionen kann der Preis bis zu 600 Euro per Kilo klettern), Kleider, Obst, Gemüse und Pilze. Frische, schöne, direkt aus dem Wald und das bereits Ende Juni! Ich wollte die wunderschönen Pilze fotografieren, aber die Verkäuferin vertrieb mich mit ihrem Stock. Ich flüchtete schnell genug, um nicht mit dem Stock geschlagen zu werden. Aus Frust kaufte ich eine kleine Packung des Kaviars und meine Frau hörte auf, mit mir zu sprechen. Ich stellte dabei fest, dass bei den Verkäufern in den Ständen draußen russisch herrscht, in den Hallen kann man sich mit den Verkäufern aber nur auf Englisch unterhalten. In der Halle ignorierte die Verkäuferin meinen Versuch, den Kaviar auf Russisch zu kaufen, mit einem missachtenden Schweigen (ich kann allerdings nicht ausschließen, dass es auch deshalb sein konnte, weil ich eine lächerliche Menge von 40 Gramm zu kaufen beabsichtigte) – nur dank meines Russisch konnten wir andererseits ein Kleid für unsere Enkeltochter Veronika kaufen. „Girl of age one and a half year“ sagte der Verkäuferin absolut nichts, aber auf „devočka vo vozraste odin s polovinoj goda“ reagierte sie sofort und wir haben das Kleid tatsächlich kaufen können.

            Riga hat also tatsächlich seinen Zauber, es ist multikulturell, musikalisch und schön. Es hat eine ereignisreiche Geschichte und in der Nähe gibt es den schönsten Strand in Lettland namens „Jurmala“. Wir hatten keine Zeit ihn zu besuchen, ich glaube aber nicht, dass wir dort gebadet hätten. Viel wärmer als im estnischen Parnü war das Meer hier sicher nicht. Wer aber gegen Kälte abgehärtet ist, kann hier einen schönen Urlaub erleben.

            Wenn man schon einmal dort ist, sollte man den Besuch des Schlosses Rundale nicht vergessen, den Sitz der Herzöge von Kurland südlich von Riga in Richtung Litauen.

Das Schloss ließ die Zarin Anna Iwanovna (die Nichte Peters des Großen) für ihren Liebhaber Ernst Johann Biron, den sie zum Herzog von Kurland machte, bauen. Das Schloss wird mit Versailles verglichen und das zurecht, es ist aber viel besser gepflegt als die französische Königsresidenz. (Um gerecht zu sein, seine Rekonstruktion ist eine ziemlich neue Angelegenheit und deshalb strahlt noch die Frische der neu bemalten Fassaden). Der Vergleich mit Versailles ist aber gerecht, (vielleicht noch mehr als der Vergleich Rigas mit Paris) dort sieht man, wie sich ausgezahlt hat, ein Liebhaber der russischen Zarin zu sein. Einer Herrscherin im Land, wo das Wort „Samoderžaví“, also „Alleinherrschaft“ noch ernst genommen wird. Damals wie heute.

Sollte die Impflicht gegen Coronavirus kommen?

Ein Plädoyer für eine Impfpflicht

               Es gibt neue Regeln seit Montag, diesmal wirklich fies. Die Österreicher nicht ins Wirtshaus und auf die Piste zu lassen ähnelt der Schlachtung einer heiligen Kuh in Indien. Die Kontrollen werden verschärft, die Polizei hat langsam nichts anderes zu tun, als die Einhaltung der 2G Regel zu kontrollieren. Aber wieder einmal ist das nicht fair und offen. Durch die Diskriminierung der Ungeimpften schafft man lediglich ihre schwer begründbare Benachteiligung. Die Krankenhäuser füllen sich mit ungeimpften Menschen und die geimpften und covid negativen warten vergeblich auf ihre notwendige Behandlung, weil die Abteilungen von den Patienten mit viralen Lungenentzündungen besetzt sind. Der Ratschlag „Dann halt behandelt sie nicht“ ist irrelevant. So lange die Impfung freiwillig ist, sind wir verpflichtet, diese Leute gleich wie alle andere kostenlos zu behandeln und die Österreichische Gesundheitskassa kann sich nicht der Pflicht entziehen, die dadurch entstandene Kosten zu tragen. Die Argumentation, durch die Verpflichtung der Ungeimpften die Therapiekosten mitzutragen, eine Pandora Kiste zu öffnen, weil in Zukunft das gleiche die Raucher oder adipöse Personen betreffen könnte, ist derzeit noch richtig. Das könnte sich nur durch Erlass eines entsprechenden Gesetzes ändern.

               Die einzige juristisch saubere Lösung wäre eine Impfpflicht. Entweder durch ein im Parlament aufgenommenes Gesetz oder durch einen Erlass der Regierung. Die erste Möglichkeit ist natürlich besser. Die Befürchtungen, dass so ein Gesetz die Verfassung verletzt werden könnte, wurde von dem Obersten Gerichtshof widerlegt und sogar der Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gab für so ein Gesetz grünes Licht. Bestimmte Einschränkungen der persönlichen Freiheiten sind zulässig, wenn dadurch eine allgemeine Bedrohung der Gesellschaft minimiert werden könnte. Was könnte man also durch so ein Gesetz erreichen?

  1. Durch die Einführung einer Impfpflicht müsste der Staat die Verantwortung für mögliche ernste Nebenwirkungen der Vakzine übernehmen. Diese müssten im Gesetz genau definiert werden. In einem Todesfall oder im Fall einer schweren Erkrankung (Thrombotische Thrombopenie, Thrombose des Sinus cavernosus, Thrombosen und Embolien, Myokarditiden und Perikarditiden, natürlich, wenn sie in einem direkten Zusammenhang mit der Impfung entstanden sind) würde ein Anspruch auf eine finanzielle Entschädigung entstehen. Ich bin überzeugt, dass es trotzdem finanziell für den Staat weniger belastend wäre als die derzeitige Situation mit den halbherzigen Lösungen. Natürlich müsste man auch mit Querulanten rechnen, die klagen würden, weil ihnen die Schulter weh getan hat oder sie „impotent durch die Impfung“ wurden. Oder andere Probleme, die aber mit der Impfung keinen Zusammenhang haben.
  2. Die Menschen, die sich nicht impfen lassen würden, würden dadurch das Gesetz oder den Erlass der Regierung (je nachdem, wer die Anordnung erlassen würde) verletzen. Dadurch müssten sie für ihre Handlung persönlicher Verantwortung übernehmen. Für die Gesundheitskassa wäre damit die Möglichkeit eröffnet, die Kosten der Behandlung der ungeimpften Personen nicht zu bezahlen. Die Arbeitgeber hätten dann die Möglichkeit, das Bezahlung von Krankengeld zu verweigern.
  3. Freiwillig könnte dann das Tragen des Mund- und Nasen Schutzes werden. Gleich wären damit die Kontrollen in Restaurants und bei Konzerten oder im Kino überflüssig. Wenn derzeit mit dem Schutz der Ungeimpften argumentiert wird, wenn sie nicht in die gemeinsamen Räumen eingelassen werden, ist das einfach eine Heuchelei. Nach dem Erlass des Gesetzes wäre das nur ihre persönliche Entscheidung – für die sie aber auch persönliche Verantwortung tragen müssten. Heute ist es nicht so. Sie verweigern die Maßnahmen, die ihnen EMPFOHLEN werden, die Folgen, dass sie diese Empfehlungen ignorieren, trägt aber die ganze Gesellschaft. Erstens, weil wir alle ihre Behandlung zahlen müssen, zweitens, weil es nicht möglich ist, die Patienten ohne Covid zu behandeln, die ihre Therapie dringend bräuchten. Durch Missachtung einer ANORDNUNG wäre die Situation juristisch in einer anderen Ebene. Vergleich mit Rauchen oder Übergewicht wäre sofort irrelevant (solange das Rauchen oder zu viel zu essen nicht per Gesetz verboten wäre).
  4. Die Hetzerei in den Sozialnetzen oder auf den Versammlungen der Antivaxern gegen Epidemiologen und Ärzten, die impfen oder das Impfen empfehlen, wäre dann eine Straftat der allgemeinen Gefährdung. Dieses Problem ist in unseren Nachbarländern (Slowakei und Tschechien) bereits aktuell und die Epidemiologen werden mit dem Tod bedroht und es wird vor ihren Häusern und Wohnungen demonstriert. Durch die Versuche, die impfwilligen Ärzte einzuschüchtern, geht es dann nicht nur um eine Bedrohung der konkreten Personen, sondern um die Behinderung eines gesundheitlichen Programmes und Bedrohung der Gesundheit der gesamten Bevölkerung.  Dass die Hetzer auf Facebook nicht auffindbar wären, ist nur eine Ausrede der Exekutive, die nicht bereit ist, sich mit diesem Problem zu beschäftigen. Obwohl es von einer zentralen Bedeutung ist. Im Moment des Verlustes der Anonymität, die den Hetzern ein Sicherheitsgefühl bietet, kann man mit Sicherheit von einer massiven Reduktion dieser Attacken ausgehen. Die Hetzer sind keine Helden, schon weil sie so eine furchtbare Angst vor der Nadel haben. Sie sind nur in einer Menschenmasse tapfer, wo sie glauben, nicht entdeckt werden zu können.

Das Schlimmste ist die derzeitige Unsicherheit, die alle Regierungen zeigen. Die Aggressivität der Impf- und Respiratorverweigerer eskaliert derzeit besonders in der Slowakei. Wenn die Regierungen keine juristisch sauberen Lösungen erlassen, wird die Situation immer schlimmer. Wenn sie davon deshalb zurückschrecken, weil sie um die Stimmen der Wähler bei der nächsten Wahl bangen, kann ich sie versichern, dass diese Leute Rechts- oder Linksextreme wählen würden, egal, welche Maßnahmen die Regierungen anordnen.

Die Einführung der Impfpflicht nur für bestimmte Berufe kann zu Abgang der Impfverweigerer aus diesen Berufen kommen (besonders im Gesundheitswesen könnte zu einer kritischen Personalreduktion kommen, die kontraproduktiv wäre). Eine verpflichtende Testung ist keine gute Lösung. Die Teststraßen sind nicht überall und nicht durchgehend verfügbar, besonders an den Wochenenden nicht, und auf das Ergebnis der Testung muss man 24 Stunden warten. Am Montag könnte also keine ungeimpfte Krankenschwerster ihren Dienst antreten. Die Stationsschwester wird dann lieber ihre Mitarbeiterinnen nicht kontrollieren, um den Dienstplan nicht umgestalten zu müssen. Im Fall der allgemeinen Impfpflicht müsste sie nichts mehr kontrollieren. Wenn dann eine Krankenschwester oder ein Arzt krank wird und nicht geimpft wäre, würde für ihn das gleiche gelten, wie für jeden anderen Bürger. Seine Krankenversicherung dürfte die Zahlung der Kosten seiner Behandlung ablehnen und der Arbeitsgeber müsste ihm kein Krankengeld zahlen.

Ich bin überzeugt, dass für eine gesetzliche Regulierung ein breiter Konsensus einer großen Mehrheit der Bevölkerung erreicht werden könnte. Die Zeit ist reif. Die Politik müsste endlich Mut zeigen – also „Eier haben“.

               Bisher hat sie keine.

Riga I

            Vielleicht ist daran mein Akzent schuld. Angeblich habe ich einen typischen tschechischen Akzent, egal ob in Englisch oder in Russisch (In Deutsch habe ich ihn übrigens trotz aller Bemühungen auch nicht abbauen können). Aber wenn ich in einer Bar in Riga auf Englisch bestellt habe, habe ich den richtigen Wein nur bekommen, wenn ich meinen Wunsch dem Kellner auf Russisch erklärte. Beim Einkaufen musste ich in Riga im Gegenteil schnell von Russisch zu Englisch wechseln, um zu bekommen, was ich kaufen wollte. Also weiß ich wirklich nicht, wo der Fehler lag. Während meines ganzen Aufenthaltes in Riga verfolgte mich die Unsicherheit, mit welcher Sprache ich den Verkäufer (Kellner oder die Frau an der Kassa) ansprechen sollte. Die Erklärung liegt nicht darin, dass die Letten die Russen so lieben würden, sondern darin, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung der lettischen Hauptstadt Russen sind.

            Die alte Generation reagiert noch ähnlich wie die Flamen in Brüssel – wenn die Menschen das Gefühl haben, dass der Angesprochene nicht lettisch kann, gehen sie automatisch zu Russisch über (gleich wie der Flame von Brüssel zu Französisch). Junge Letten beherrschen aber Russisch nicht mehr, sie lernen fleißig Englisch, da sie ohnehin vorhaben nach Schulschluss nach Großbritannien, Irland oder in die USA auszuwandern. Zwischen den Jahren 2008 – 2014, also nach der Wirtschaftskrise schrumpfte die Bevölkerung Lettlands von 2,4 Millionen auf 1,9 Millionen. Kein Wunder, die lettische Regierung reduzierte die Gehälter der Staatsangestellten sowie auch die – ohnehin schon bescheidenen – Pensionen um 20%, schaffte aber keinen einzigen der 100 Angeordneten oder 22 Ministerien (für knappe 2 Millionen Bewohner!) ab.

            In dem Sprachchaos wurde überhaupt vergessen, dass man in Riga ganze Jahrhunderte Deutsch sprach – es war doch eine Hansastadt, sie wurde von Bischof Albert von Bremen gegründet und jahrhundertelang vom Deutschen Ritterorden regiert. Der Bischof von Riga zählte immer zu Bischöfen der deutschen Nation und auf dem Konzil von Konstanz spielte er als ein Mitglied der deutschen Nation, Berater und enger Verbündete Kaisers Sigismunds eine wichtige Rolle. An Riga hatte immer irgendjemand ernstes Interesse, was für die Stadt nicht immer von Vorteil war. Ein langer Machtkampf zwischen dem Bischof von Riga und dem Deutschen Ritterorden wurde anscheinend durch einen Schiedsspruch des neuen deutschen Königs Rudolf von Habsburg, der dringend Verbündete für seinen Kampf mit dem tschechischen König Premysl Ottokar suchte, im Jahr 1274 zur Gunst des Ordens entschieden. Die empörten Bürger von Riga stürmten demzufolge die Burg des Ordens, der Komtur wurde mit seinen Rittern gefangengenommen und anschließend alle gemeinsam hingerichtet. Der Krieg mit der unbeugsamen Stadt dauerte bis 1330, erst in diesem Jahr gelang es den Rittern den Widerstand der Stadt zu brechen. Im Jahr 1484 unternahmen die Bürger der Stadt den nächsten Versuch, eine Unabhängigkeit zu erlangen. Den Erzbischof, der zugleich auch Mitglied des Ordens war, vertrieben sie nach der Burg Césis und es dauerte weitere sieben Jahre, bis der Orden die Bürger im Jahr 1491zu Gehorsam zwang. Im Jahr 1558 drangen in Livonia das erste Mal Russen des Zaren Ivan des Schrecklichens ein, sie verwüsteten das Land, konnten aber Riga nicht einnehmen. Riga nutzte die Kämpfe in der Region zur Unabhängigkeitserklärung und trieb in der Zeit des Livonischen Krieges seine eigene Politik. Im Jahr 1581 beschlossen aber die Bürger von Riga, dass ein Schutz eines weitentfernten Königs nicht schaden konnte. Ein Geschäft ist übrigens immer ein Geschäft und so unterwarfen sie sich dem polnischen König Stephan Bathory. Im Jahr 1605 schafften es die polnischen Soldaten, die schwedische Invasion von den Mauern der Stadt abzuwehren, im Jahr 1621 musste aber die Stadt vor dem „Löwen des Nordens“, dem schwedischen König Karl Gustaf, kapitulieren. Die schwedische Herrschaft war für die Stadt ein Segen, sie erlebte  goldene Zeiten. Die dauerten aber nicht ewig. Im Jahr 1709 standen wieder einmal die Russen vor der Mauer der Stadt. Die Stadt leistete ganze acht Monate Widerstand und verlor – ich hoffe noch immer, dass diese Angabe im historischen Stadtmuseum ein Schreibfehler war – 94% ihrer Bevölkerung. Sollte es aber kein Schreibfehler gewesen sein, ging im Jahr 1710 eine entvölkerte und verwüstete Stadt in russische Hände über. Der Besitz der Stadt wurde den Russen in dem Friedensvertrag von Nystad im Jahr 1721 bestätigt und Riga blieb bis zum Jahr 1918 russisch.

            Möglicherweise gerade wegen seiner bewegten Geschichte traf ich in Riga die beste Verkäuferin der Welt. Natürlich punktete sie schon damit, dass sie jung und hübsch, lächelnd und positive Energie ausstrahlend war. Sie sprach fließend Deutsch, Russisch, Englisch, natürlich auch Lettisch, slowakische Kunden konnte sie auf Slowakisch zumindest begrüßen und sich bei ihnen für ihren Einkauf auf Slowakisch bedanken. Als ich ein bisschen zaghaft fragte, ob sie auch Briefmarken für die Postkarten hätte (normalerweise werden die Briefmarken in Souvenirgeschäften nicht angeboten, was immer meine Bemühung, meinen Eltern Postkarten zu schicken, zu einer komplizierten Mission mutieren ließ) sagte sie, dass es selbstverständlich wäre, und sie legte mir sofort einige auf die Bank. Sie bot mir sofort auch einen Kugelschreiber an und sagte, dass ich mir mit dem Abschicken keine Sorgen machen müsste. Wenn sie von der Arbeit nach Hause gehen wird, geht sie an der Post vorbei und wird sie ins Postkästchen einwerfen. Ich schaute sie wie eine Erscheinung an. So etwas muss man in dem fernen Norden suchen! Die Postkarte kam bei meinen Eltern tatsächlich an.

            Riga wird auch „Paris des Nordens“ genannt. In meinen Augen ein bisschen übertriebener Vergleich für die lettische Metropole am Ufer des riesigen Flusses Daugava. Nördliche Ströme haben unvorstellbare Ausmaße, ein Mitteleuropäer, der an Elbe, Donau oder Moldau gewöhnt ist, schaut verzückt auf Neva oder Daugava.

Riga gewann den Ruf einer pulsierenden Stadt. Von dem Puls war ich ein bisschen enttäuscht. Um die Gefäße zum Pulsieren zu bringen, muss in ihnen Blut strömen. Das Blut in den Straßen einer Metropole ist das Geld. Und an dem mangelt es den Letten verzweifelt. Bei einem durchschnitten Einkommen 750 Euro (Stand 2015) und bei den Lebensmittelkosten, die mit den österreichischen vergleichbar sind (die Miete ist zwar billiger, aber auch nicht wirklich billig) darf man sich darüber nicht wundern. Die Touristen allein können die Stadt nicht retten (und in der Zeit von Corona schon überhaupt nicht). Besonders für die durstigen Finnen ist Tallin doch näher und sprachmäßig mehr verwandt. Trotzdem ist Riga, diese alte Hansastadt, sehr schön und besuchswert. Übrigens am späten Sommerabend, der nur um wenig dunkler als in Tallin ist, wird hier überall gefeiert. Wir sahen Lokale, wo Letten spontan ihre Nationaltanze getanzt haben (physisch ziemlich anstrengend) aber auch Bars auf dem Platz unter dem freien Himmel, wo man Chansons oder Jazz hören konnte. Eine junge Dame hat Saxofon gespielt. Es wird behauptet, dass das Spiel auf dem Saxofon jeden Mann sexy machen kann (auch der ehemalige Präsident der USA Clinton liebte das Spiel auf dem Saxofon, vielleicht hatte er deshalb auch seine Probleme), aber auch eine junge Dame, die in der Dämmerung Saxofon spielt, hat etwas an sich. Was mich aber meistens schockierte, waren die Kajaks, beleuchtet mit kleinen Lichtern, deren Besatzungen um ein Uhr nach Mitternacht auf der nächtlichen Daugava paddelten. Ich hoffe, dass die Kajakfahrer zumindest Rettungswesten anhatten. Sollten sie nämlich in dem Strom kentern und aus dem Kajak rausfallen, würden sie die Rettungsmannschaften irgendwo im Baltischen Meer herausfischen.

            Riga hat natürlich seine Altstadt mit einigen Kirchen, besonders der Dom, gegründet noch vom Bischof Albert im Jahr 1201 und die Kirche des Heiligen Petrus, sind imposant.

Imposant ist aber auch das Eintrittsgeld, das dort verlangt wird und das bereits damals zwischen 3,50 und 7 Euro betrug. Und das in protestantischen Kirchen, wo der Bildsturm im sechzehnten Jahrhundert die Kirchen ihrer Innenausstattung beraubte. Es zahlt sich aus am Mittag in den Dom zu gehen, wenn es dort ein Konzert gibt – der Eintritt kostet sowie so sieben Euro, aber es gibt dort dann für das Geld zumindest ein schönes Erlebnis. Die Musik ist in Riga so gut wie überall. Ob es sich um die Musiker in den Nachtbars handelt, aber es gibt Musik auch überall auf den Straßen. Es sind keine Bettler mit Ziehharmonika, sondern zum Beispiel drei hübsche junge Mädchen mit Blumenkränzen auf den Häuptern, die direkt vor den Häusern der Schwarzköpfe auf dem Rathausplatz spielten. Genauer gesagt, die Kränze hatten zwei von den drei Musikerinnen auf, es waren wahrscheinlich die, die in der stürmischen St Johannesnacht am 23. Juni ihre Jungfräulichkeit verloren hatten. Warum nur zwei von drei, weiß ich nicht, hübsch waren alle drei.

            Die Schwarzkopfhäuser sind unglaublich schön.

Sie wurden im Jahr 1334 von der Gilde der unverheirateten Kaufleute gebaut. Weil die jungen und reichen Männer niemanden zu Hause hatten, der ihre Geldbeutel kontrolliert hätte, konnten sie es sich leisten. Aus diesem Grund musste jedes Mitglied nach seiner Hochzeit die Gilde verlassen. Die wunderschönen Häuser erinnern an das Rathaus in Bremen (übrigens steht vor ihnen, gleich wie in Bremen vor dem Rathaus, eine Statue von Roland, des Beschützers der Stadt), sie wurden in dem zweiten Weltkrieg zerstört und das sowjetische Regime hatte kein Interesse, sie zu erneuern. Deshalb begannen die Letten mit der Rekonstruktion gleich nach der Unabhängigkeitserklärung und sie vollendeten den Wiederaufbau dieser architektonischen Juwelen im Jahr 1999. Gleich nebenan steht aber eine furchtbare Erinnerung an die Jahrzehnte der sowjetischen Herrschaft. Ein schreckliches „modernes“ Gebäude in schwarz, das von den Bürgern von Riga „Schwarzer Sarg“ genannt wird – nach dem Jahr 1991 wurde hier kreativ ein „Museum der Okkupation“ einquartiert. Wie ich schon schrieb, die Balten machen zwischen der nazistischen und kommunistischen Okkupation keinen Unterschied, beide werden in den gleichen Sack geworfen. 

Tallinn II

            Die Obere Stadt protzt mit einigen monumentalen Gebäuden. Hier gibt es den höchsten Turm der Stadtbefestigung „Der lange Hermann“ an den der ehemalige Palast der russischen Zarin Katharina II. angelegt ist, in dem heute das estnische Parlament seinen Sitz hat. Der Gegenpol zum „Langen Hermann“ ist die „Dicke Margarethe“ in der unteren Stadt, soviel also zu den estnischen Vorstellungen, wie ein echter Mann und eine echte Frau aussehen sollten. Gleich gegenüber dem Parlament steht eine monumentale orthodoxe Kathedrale des Alexanders Newski.

Die Esten hielten diese Kirche immer für einen Beweis der Bemühungen des zaristischen und später kommunistischen Regime um die Russifizierung Estlands. Es war nämlich gerade der Fürst Alexander Newski, der die Expansion der deutschen Ritter, die damals die Herren von Reval waren, in Richtung Osten in der Schlacht auf dem zugefrorenen Peipussee im Jahr 1242 aufgehalten hat. Nach der Unabhängigkeitserklärung Estlands wurden Stimmen laut, die verlangt haben, die Kathedrale abzureißen, letztendlich hat aber doch der Hausverstand gesiegt und das großartige Gebäude durfte stehen bleiben. Es ist jetzt der Zufluchtsort der in Tallinn lebenden Russen (sie machen in der Stadt 44% der Bevölkerung aus), die viel religiöser als die protestantischen Esten sind. In Estland lebenden Russen wurde lange Zeit nach der Unabhängigkeit die estnische Bürgerschaft verwehrt, nur vor dem Eintritt in die Europäische Union wurde Estland gezwungen, der russischen Minderheit die Bürgerschaft zu verleihen. Die Folge dieser Entscheidung ist, dass ein Russe, der die estnische Bürgerschaft angenommen hat, jetzt vor der russischen Botschaft lange Schlangen stehen muss, um ein Visum nach Russland zu bekommen. Ein Russe, der die Bürgerschaft abgelehnt hat, setzt sich nur einfach ins Auto und überquert irgendwo bei Narva die Staatsgrenze, ohne dabei Probleme zu haben. Bei der Einreise in die EU ist das umgekehrt.

Die evangelische Kathedrale von Tallinn – der Dom – ist überraschenderweise nicht die größte Kirche in der Stadt, die Kirche des heilige Olafs sowie auch die Kirche des heiligen Nikolaus (beide stehen allerdings in der unteren Altstadt, wo es auch Geld gab) überragen den Dom wesentlich.

Unter dem Boden des Doms sollte nach einer Legende der legendäre Urvater des finnisch-estnischen Volkes Kalev begraben sein. Die Finnen und die Esten haben einen gemeinsamen Urvater, offensichtlich hatte er aber Angst vor dem Meer und so blieb er auf dem südlichen Ufer des Finnischen Meerbusen – in Tallinn, das es damals noch nicht gab. Heute trägt seinen Namen, also Kalev, die bereits erwähnte berühmteste Konditorei in der Stadt. Unter dem Dom soll auch Heinrich Matthias Thurn begraben sein, der Anführer der tschechischen Stände im Aufstand gegen den Kaiser Ferdinand II. Er führte die Rebellen bei dem berühmten Prager Fenstersturz am 23.Mai 1618 und gab damit den Anlass zum Beginn einer der größten Tragödien in Europa – zum Dreißigjährigen Krieg. Er starb weit von seiner Heimat (Er zählte zu den Tschechen, obwohl er als gebürtiger Tiroler angeblich tschechisch nur fluchen konnte) im Jahr 1641 im Exil in Tallinn.

            In der oberen Stadt gibt es mehrere Aussichtsterrassen mit faszinierenden Blicken auf die Altstadt, den Hafen und das Meer sowie auch auf die modernen Bauten im „Rotenman Kvartal“.

Sonst herrscht hier aber abendsTotenstille. Als wir uns hier abends für ein Glas Wein setzen wollten und die Blicke auf den Sonnenuntergang über dem Meer genießen wollten, fanden wir hier kein einziges offenes Lokal und so verstanden wir, warum die obere Stadt abends wie ausgestorben ist. Man lebt in der unteren Stadt und man lebt hier teuer.

            Die untere Altstadt schaut wie ein Freilichtmuseum aus. Die neu reparierte mittelalterliche Stadtmauern strahlen durch rote Dächer ihrer Türme, um die alten krummen Gassen stehen Häuser der Hansakaufleute, von denen, gleich wie in Amsterdam, unter dem Hausgiebel Balken mit Rollen aus der Fassade ragen. Die Kaufleute lebten im Erdgeschoß, die Warenlager waren aber am Dachboden, deshalb die Haken, um die Ware in das Lager transportieren zu können. Überall gibt es dann Restaurants, Bars, Kaffeehäuser und weitere Touristenfallen, die von Studenten in mittelalterlichen Kostümen überwacht werden, die die Passanten, die nur für eine einzige Sekunde vor dem Eingang stehen bleiben, um in die Speisekarte einen Blick zu werfen, erbarmungslos hinein treiben. Wir flüchteten vor ihnen in  Panik bis in den oberen Teil der Stadtbefestigung oberhalb der Kirche des heiligen Nikolaus.

Im Turm Neitsitorn ist ein Restaurant mit einem Blick auf die Altstadt. Das Problem bestand in der Tatsache, dass man hier Eintritt zahlen musste. Drei Euro für den Eintritt in ein Restaurant habe ich noch nirgends zahlen müssen und ich war dementsprechend überrascht. Es wurde mir erklärt, dass es sich um ein Museum handelte. Also zahlte ich, obwohl ich das Museum danach nicht gefunden habe, lediglich ein Restaurant und ein Kaffeehaus auf drei Ebenen. Wenn wir aber schon einmal dort waren, entschieden wir uns dort mittags zu essen und den zauberhaften Blick auf die Altstadt dabei zu genießen. Zu unserer lieben Überraschung wurden uns dann die drei Euro pro Person von der Rechnung abgezogen. Eigentlich eine gescheite Maßnahme, damit die Leute im Restaurant nicht umsonst bummeln, nur um auf die Stadt unter ihnen Füßen zu glotzen.

            Das älteste Kaffeehaus in der Stadt heißt Maiasmokk, ist aber abends nach neun Uhr geschlossen! Besuchswert ist das Gebäude der „Großen Gilde“, wo sich ein Museum der estnischen Geschichte befindet und wo der Eintritt zufällig kostenlos war. Die Gilden waren Gesellschaften ähnlich den Zünften, aber doch anders. In der Großen Gilde waren die Kaufleute, also die reichsten Bürger, die auch den größten Einfluss auf das Geschehen in der Stadt hatten. In der „Kleinen Gilde“ waren dann die Handwerker unterschiedlicher Fachrichtungen versammelt, diese gab es hier aber eher für die Arbeit als fürs Reichwerden – wer ist schon einmal durch eine Arbeit reich geworden? Und ihr Einfluss in der Stadt war dementsprechend bescheidener. Zu einem Museum wurde auch die älteste Apotheke auf dem Rathausplatz aus dem Jahr 1433, in dem Souvenirgeschäft wird versucht, die Touristen zu überzeugen, dass der Liquor „Vanna Tallinn“ ein Medikament sei. Die menschliche Fähigkeit Alkohol so gut wie aus allem machen zu können, habe ich im Freilichtmuseum in Tallinn in dem Stadtviertel „Rocca al Mare“ kennenlernen können.

Der estnische Wein „Lossi“ wird nämlich aus Heidelbeeren produziert. Die erreichen hier im Norden dank der Feuchtigkeit und langer Sommertagen eine außergewöhnliche Größe, der Wein aber (ich bin ein neugieriger Mensch und so habe ich diese örtliche Spezialität gekostet) kann man nur mit einer äußersten Überwindung und unter dem Schutz der magensäurehemmenden Medikamente trinken. Sonst würde das Getränk in meinen nicht mehr ganz jungen Magen wahrscheinlich ein Loch durchbrennen.

            Vor dem Stadttor Viru befindet sich ein Blumenmarkt, einer der wunderschönsten, die ich in meinem Leben sah.

Der Blumenmarkt in Amsterdam war zwar größer, aber die Blumen auf dem Markt von Tallinn waren einfach schöner (obwohl sie großteils aus den Niederlanden importiert waren) Die Esten lieben Blumen. Zu einem Besuch in Estland zu gehen, ohne einen Strauß mitzubringen, ist einfach undenkbar und der Geliebten oder sogar der Gattin einen Mercedes ohne einen Strauß Blumen zu schenken ist ein absolutes „faux paix“ und ein Grund zur Trennung. Wahrscheinlich aus diesem Grund ist der Blumenmarkt auch noch lange nach Mitteernacht offen. Was wäre, wenn der Mercedesspender den Strauß vergessen hätte und ihn ganz dringend bräuchte?

            Tallinn hat einfach sein Zauber, obwohl man Glück beim Wetter haben muss. Die Sonne geht zwar im Sommer sehr spät unter, strahlt aber meistens gedämpft durch Wolken. Menschen in Estland hatten eindeutig mehr Angst vor Wasser als vor Feuer. Ich habe sonst nirgends gesehen, dass die Bauern Getreide in den Wohnräumen trocken würden, wo man auf offenem Feuer kocht. Der Dachboden wurde nur durch Balken von dem Wohnraum getrennt und zwischen die Balken wurde die Ernte gesteckt. Im Falle des Brandes konnte sich der Mensch offensichtlich immer darauf verlassen, dass ein Regen kommt, der dem Malheur ein Ende macht. Die körperliche Hygiene wurde gleich wie in Finnland in der Sauna gemacht. Das Wasser, das vom Himmel fiel, war doch ein bisschen zu kalt.

            Das estnische Volk ist aber gegen Kälte abhärtet. Das haben wir in dem Badeort Parnü gesehen.

Obwohl das Meereswasser lediglich 13 (in Worten DREIZEHN!!!) Grad hatte, badeten im Meer sogar die Kinder! Also – eines von den Kindern hatte einen Neoprenanzug angehabt und es handelte sich in diesem Fall offensichtlich um einen Ausflug Väter mit Kindern ohne Mütter. Trotzdem lief mir bei diesem Anblick die Kälte über den Rücken. Wir haben im Meer nur unsere große Zehe gebadet. Das hat gereicht. Es musste reichen! Estland ist nicht wirklich ein Land für einen sommerlichen Badeurlaub. Es hat andere Reize.

            Weil aber in der oberen Stadt die Totenruhe herrschte, die untere Stadt unchristlich teuer war und nach zehn Uhr wurde uns verweigert armenischen Cognac zu verkaufen, der mit seinen fünf Sternen sehr verlockend aussah, badeten wir nicht einmal im Meer und verließen Estland in Richtung Süden nach Lettland.

Tallinn I

            Tallinn ist eine Stadt weit in Norden (mit Betonung des Wortes „weit“) eigentlich auf der Höhe von St. Petersburg. Deshalb geht die Sonne im Sommer nur knapp vor Mitternacht unter und im Winter kommt sie wieder kaum über den Horizont. Trotzdem ist die Stadt sehenswert – natürlich im Sommer, wenn hier die Temperaturen manchmal sogar die Marke von zwanzig Grad Celsius knacken.

            Tallinn (das doppelte „ll“ wird lang ausgesprochen, ähnlich dann das doppelte „nn“. Die Esten nämlich schreiben nämlich jede Silbe, die sie lang aussprechen wollen, einfach doppelt) und diese langen Silben geben dem Namen der Stadt eine rührende, fast melancholische Schönheit.

            Die Stadt trug aber nicht immer diesen Namen. Als erste, abgesehen von der ursprünglichen mit einer ugrofinnischen Sprache sprechenden Bevölkerung, erschienen hier die Dänen. Der dänische König Waldemar II. gründete hier im Jahr 1219 eine Festung, die den Namen „Castrum Danorum“, also „Dänische Burg“ bekam, was man ins Estnische „Taanni – linna“ übersetzt. Als die Stadt im Jahr 1227 die Kreuzritter eingenommen haben, gaben sie der Stadt den Namen Reval, und so hieß sie bis zu estnischer Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1918. In diesem Jahr riefen die Esten das erste Mal ihren nationalen Staat aus. Tallinn hat eine interessante Lage. Der wichtigste Stützpunkt war natürlich immer der Hafen. Interessanterweise ist der Hafen in einer Meeresbucht gebaut. Beinahe alle nördlichen Hafenstädte liegen an den Flüssen nahe ihrer Mündung. Ob es schon St Petersburg an dem Ufer der Neva, Riga an der Daugava[AP1] , Klaipėda am Nehmen, Stettin an der Oder, Lübeck an der Tarve, Hamburg an der Elbe, Bremen an der Weser oder London an der Themse. Die Ursache ist offensichtlich die Tatsache, dass das nördliche Meer sehr oft zu stürmisch ist, um eine ruhige Verankerung der Schiffe und das Ausladen der Ware möglich zu machen. In diesem Punkt ist Tallinn eine Ausnahme und die Bucht, in der sich der Hafen von Tallinn befindet, musste ein Phänomen sein, dem man nicht widerstehen konnte. Und ein hoher Felsen über dem Meer, im flachen Land ebenso eine Rarität, rief wortwörtlich danach, dass auf ihm jemand eine Festung baut. Die Dänen konnten nicht widerstehen und taten es.

            Als sie die Festung von den Kreuzrittern im Jahr 1248 wieder übernommen hatten, gründeten sie hier eine Stadt, die im Ostbaltikum das übliche Stadtrecht nach dem Muster von Lübeck bekommen hat. Die Bindung an Lübeck ist auch heute noch auf jedem Schritt und Tritt merkbar. Nicht nur an dem Rathaus, aber auch in der Kirche des heiligen Nikolaus, in der den Totentanz der gleiche Autor Bernt Notke malte, der dieses Fresco auch in der Kathedrale von Lübeck schuf. Deshalb sind diese zwei Werke beinahe identisch. Die Kapelle, in der sein Totentanz ausgestellt wurde, ist bei der russischen Eroberung der Stadt im zweiten Weltkrieg zugrunde gegangen, die Fragmente des Gemäldes sind heute in der Kirche ausgestellt und demzufolge muss man hier eine Eintrittsgebühr zahlen. Unsere Reiseführerin hat uns geraten, uns für Senioren auszugeben, in mir gewann aber der Stolz (oder die Eitelkeit) und ich zahlte dafür einen doppelten Eintritt. Aus Lübeck kam auch die Marzipanerzeugung hierher, weil gerade durch die Produktion von Marzipan Lübeck berühmt ist (wovon, wie es eine aus Lübeck stammende Freundin meines Sohnes melancholisch sagte, wissen nur die Lübecker). Nicht einmal die Esten wollen über die Berühmtheit ihrer Partnerstadt in der Hansa etwas wissen und halten Marzipan für ihre eigene Erfindung. Heutzutage wird Marzipan in Tallinn in der Firma Kalev produziert, die ihre Konditorei direkt im Stadtzentrum in der Straße Pikk hat. Diese Straße hatte eine große historische Bedeutung.

            Das lübecker Stadtrecht galt nämlich nur in der Stadt, nicht in der Burg. Tallinn behielt bis heute viel von seinem mittelalterlichen Charakter und deshalb gibt es auch heute noch eine Trennung in die Untere und die Obere Stadt. Beide waren voneinander durch eine Mauer getrennt und nur mit einem Weg namens Pikk verbunden. In der oberen Stadt saß die adelige Elite (heute ist sie der Sitz der estnischen Regierung und Parlaments) in der unteren Stadt lebten Kaufleute und Handwerker. Reval, wie die Stadt hunderte Jahre hieß, war eine Hansastadt und die Mitgliedschaft in dieser Handelsgesellschaft garantierte der Stadt ihre Prosperität. Durch Reval lief der Großteil des Handels mit russischer Ware, besonders mit Pelzen und nach Russland wurde durch Reval westliche Ware importiert, vor allem Waffen.

            Im mittelalterlichen Reval gleich wie im neuzeitigen Tallinn sagt man, dass die Macht von oben auf das Geld hinunter schaut. Die Macht saß in der oberen Stadt, das Geld wurde in der unteren Stadt verdient, wohin es aus dem Hafen strömte. Dass diese Geschäfte nicht ohne Risiko waren und das Baltische Meer sehr heimtückisch sein konnte, davon zeugt die Statue von „Rusalka“, der kleinen Meeresnixe, die an dem Ufer im Stadtviertel Kadriorgu steht und in die Weite des Meeres schaut. Sie sieht nach den Matrosen des gleichnamigen russischen Schiffes, das im Finnischen Meerbusen im Jahr 1893 unterging.

Das Denkmal schuf der estnische Bildhauer Amandus Adamson im Jahr 1902, also ein Jahr nachdem der tschechische Komponist Antonín Dvořák die Oper gleichen Namens uraufgeführt hatte, die ihn weltweit berühmt machte. Rusalka ist eine Meeresnixe aus der slawischen Mythologie und ihre Statue auf dem Strand in Tallinn zeugt von einem starken russischen Einfluss in dieser Stadt. Ein weiterer Zeuge der russischen Macht in dieser Region ist der Palast der Zarin Katharina I., nach der das Viertel außerhalb der historischen Stadt seinen Namen bekam. Der Palast ließ Peter der Große für seine zweite Gattin Katharina bauen. Katharina war also einer der wenigen Menschen, die von der Annexion von Livland durch Russland profitierten. Die Bevölkerung Estlands schrumpfte während des blutigen und vernichtenden „Großen nordischen Krieges“ in den Jahren 1700 – 1721 von 350 000 auf 150 000. Katharina wurde im Städtchen Aluksne im Nordlettland nahe der estnischen Grenze als eine Tochter eines polnischen Bauern namens Skowronski geboren. Mit siebzehn Jahren trat sie in den Dienst bei dem deutschen evangelischen Pastor Glück – dem ersten Übersetzer der Bibel in die lettische Sprache – so viel also zu der Zusammensetzung der Bevölkerung in dem damaligen Livland. Im Jahr 1702 wurde sie von den Russen nach Moskau verschleppt, wo sie als Waschfrau arbeitete. Dort erblickte sie Fürst Menschikov und machte sie zu seiner Geliebten (sie gebar ihm angeblich zwei Kinder). Menschikov protzte aber ein bisschen zu viel mit seiner schönen Geliebten und so traf sie einmal den Zaren Peter. Der Zar war von der Schönheit Katharinas angetan, Menschikov saß plötzlich auf dem kürzeren Ast und musste seine geliebte Schönheit „gerne“ an den Zaren abtreten. Peter machte Katharina im Jahr 1707 zu seiner Geliebten und nachdem sie ihm zwei Töchter geboren hatte, heiratete er sie im Jahr 1712. Im Jahr 1718 ließ er für sie in ihrem Geburtsland Livland in der Nähe von Reval ein wunderschönes Schlösschen inmitten eines riesigen Parks bauen, im Jahr 1724 machte er sie zu seiner Nachfolgerin (seinen Sohn Alexej aus der ersten Ehe ließ der Zar im Gefängnis zum Tode foltern) und sie betrat als erste Frau in der russischen Geschichte nach dem Tod des Zaren den Thron. Und das, obwohl sie niemals lesen und schreiben gelernt hatte (in welcher Sprache sollte sie es auch tun? Lettisch, Estnisch, Russisch, Französisch, was die offizielle Sprache an dem Hof in St Petersburg war oder Deutsch?). Die Schönheit und lockere Moral sind nicht selten genug für eine steile Karriere. Damals wie heute. In Tallinn blieb mit ihrem Schlösschen eine schöne Erinnerung an sie. Der Präsidentenpalast, der an Kadriorg grenzt, schaut im Vergleich mit der russischen Zarenpracht mehr als bescheiden aus.

            So wie das Viertel voller Parkanlagen und stolz auf seine Rusalka nach der russischen Zarin seinen Namen trägt, so liegt in der unmittelbaren Nähe der Altstadt (der unteren Stadt) das „Rotenman kvartal“. Ein Viertel, das seinen Namen nach einem Unternehmer deutscher Herkunft, bekam der hier im neunzehnten Jahrhundert einige Fabriken bauen ließ, die zum Grundstein der Industrialisierung Estlands wurden. Heute werden die alten Fabriken eine nach der anderen abgerissen und an ihrer statt wachsen Banken, Hotels und Hochhäuser mit Büros, ein Paradebeispiel der modernen estnischen Architektur, die mich wirklich angesprochen hat. Es ist ein bisschen melancholisch, wenn zwischen schönen modernen Gebäuden verlassene Schornsteine stehen (die reißen die Esten überraschenderweise nicht ab, vielleicht sollten sie ein Denkmal des Unternehmers Rotenman bleiben), es hat aber etwas an sich.

Besonders wenn über ihnen und hinter dem Horizont am Meer knapp vor Mitternacht die violette Sommersonne untergeht. Ich hatte die Gelegenheit, dieses großartige Spektakel vom Balkon meines Zimmers im sechsten Stockwerk des Hotels „Park Inn“ zu beobachten. Mit einem Glas Rotwein in der Hand ist das ein wunderschönes Erlebnis. Aber passen Sie auf! Den Alkohol muss man vor zehn Uhr abends kaufen, obwohl die Geschäfte bis elf und manche sogar bis Mitternacht offen sind – die Straßen sind zu dieser Uhrzeit noch immer hell und lebhaft, aber der Alkoholverkauf hat seine Sperrstunde bereits um zehn Uhr! Fragen Sie mich nicht warum, vielleicht verließ gerade zu dieser Stunde den Hafen von Tallinn die letzte Fähre nach Helsinki. Die Finnen sind für 35% des Alkoholverbrauches in Estland verantwortlich. Sie fahren hierher über den Finnischen Meerbusen zu alkoholischen Ausflügen, weil es hier für sie billig und die Sprache so gut wie ident ist. Ich will gar nicht wissen, wieviel ein Bier in Finnland kostet, wenn einem Finnen ein Bier um 6,60 Euro (das war auf dem Rathausplatz im Zentrum von Tallinn, aber auch sonst habe ich – im Jahr 2014 – kein Bier unter 4 Euro gesehen) leistbar erscheint. Sie werden nicht einmal von allanwesenden Anschriften „Saddam“ abgeschreckt. Es ist nämlich nicht der Ausdruck der estnischen Sympathien zum ehemaligen irakischen Diktator, sondern einfach das estnische Wort für „Hafen“.


 [AP1]

Lucca II

Also, wie ich meinen ersten Teil des Artikels über Lucca beendet habe, nicht nur von den Kirchen lebt ein Mensch. In Lucca gab es genug reiche Menschen, die wussten gut zu leben. Für die Öffentlichkeit ist der „Palazzo Mansi“ zugänglich mit innerer Ausstattung im Stil des Rokokos, wo sich die „Pinacoteca Nazionale“ befindet und der „Palazzo Pfanner“ mit einem wunderschönen Garten, der mit zahlreichen Marmorstatuen geschmückt ist.

Felix Pfanner stammte aus dem österreichischen Vorarlberg, seine Familie kam aber aus Bayern und betrieb Bierbrauerei. Im Jahr 1844 wurde der junge Pfanner nach Lucca von Herzog Leopold II. eingeladen. Der Herzog hatte Lust auf gutes Bier, das die Italiener damals noch nicht zu brauen vermochten. Der junge Felix begann mit der Produktion im Keller eines prächtigen Palastes am Rande der Stadt, den sich im siebzehnten Jahrhundert ein Seidenhändler bauen ließ (Lucca war traditionell bekannt durch Erzeugung von Brokaten und später von Stoffen aus Seide). Der Erfolg war groß, die Italiener fanden Vorliebe für das neue Getränk. Pfanner wurde reich und er kaufte später den Palast inklusiv des Gartens (den Garten kann man von der Stadtmauer gut sehen, also nur für seinen Besuch muss man die Eintrittskarte nicht unbedingt kaufen). Die Brauerei Pfanner war im Betrieb bis zum Jahr 1923. Felix selbst starb im Jahr 1892 und beide seine Söhne verließen die familiäre Tradition und wurden Ärzte. Ein wurde zum Psychiater und der zweite zum Chirurgen, aus diesem Grund gibt es heute im Palast eine Ausstellung der historischen medizinischen Instrumente, bei deren Besichtigung einem die Kälte über den Rücken läuft.

               Im Palast Pfanner spielte sich eine schöne obwohl ein bisschen traurige Geschichte ab (noch bevor Felix Pfanner nach Lucca kam). Im Jahr 1692 wohnte hier bei seinem Besuch der Stadt Lucca der dänische Kronprinz Frederik und er verliebte sich in eine einheimische Adelige namens Maria Maddalena Trenta. Im Schlafzimmer, das man besuchen kann, erlebten die zwei Verliebten eine wilde Romanze, leider ohne Happy End. Frederiks Vater Christian V. starb und Frederik wurde nach Hause berufen, um die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Er wurde zum König Frederik IV. von Dänemark und Norwegen. Eine Ehe mit einer Italienerin, obwohl vom Adel, war in der neuen Situation undenkbar. Frederik heiratete Luise von Mecklenburg und Maria Maddalena Trenta trat in ein Kloster ein und wurde None. Die schöne romantische Geschichte hat nur einen Schönheitsfehler. Der dänische König Christian V. starb nämlich im Jahr 1699. Vielleicht flüchtete also der dänische Prinz vor der leidenschaftlichen Maria Maddalena aus anderen Gründen – aber WENN INTERESSIERT ES SCHON?

               Besuchswert ist sicherlich auch der Botanische Garten, der sich in einer Ecke der Altstadt befindet.

Hier gibt es ein Lehrpfad und man kann hier die Zeder von Libanon oder amerikanische Sequoien bewundern, die höchsten Bäume der Welt. Die Sequoie in Lucca ist lediglich zweihundert Jahre alt, also sie ist noch ein Baby. Trotzdem ist es der höchste Baum im Botanischen Garten. Über den See in der Ecke des Gartens erzählt man eine Legende über die schöne Lucida Mansi. Lucida war sehr hübsch, sie stammte aus einer adeligen Familie Samiati. Sie heiratete Vincenzo Diversi, sie wurde aber bald Witwe und heiratete das zweite Mal – den alten und reichen Casparo de Nicolao Mansi. Ihr Leben floss in Partyrausch mit vielen Liebhabern darin, bis sie einmal im Spiegel, in den sie täglich schaute, in ihrem Gesicht eine erste Falte sah, das Zeichen des Altwerdens. Verzweifelt bat sie den Teufel um Hilfe, damit sie weiterhin jung und schön bleiben konnte. Er versprach ihr weitere dreißig Jahre Jugend, wollte dafür aber, wie es schon sein Brauch war, ihre Seele. Als die dreißig Jahre vorbei waren, versuchte Lucida vor dem Teufel zu flüchten, aber nach einem Lauf auf der Stadtmauer holte er sie ein und riss sie in den See im Botanischen Garten. Jedes Jahr am 31.Oktober taucht aus dem Wasser eine brennende Kutsche und man hört furchtbare Schreie Lucidas, bis die Kutsche wieder in Flammen im See untertaucht. Die Legende ist schön, die wirkliche Lucida starb aber nachweislich im Jahr 1649 im Alter von 43 Jahren und wurde im Kapuzinerkloster in der Nähe des Botanischen Gartens, das es heutzutage nicht mehr gibt, begraben. Also stellt sich die Frage – wer taucht eigentlich zu Haloweenzeit aus dem See auf.

               Was wäre allerdings Lucca ohne Giacomo Puccini? Einer der bekanntesten Komponisten wurde hier geboren und blieb mit seiner Geburtsstadt lebenslang verbunden. Sein Geburtshaus ist nur ein paar Schritte von der „Piazza San Michele“ entfernt. Puccini wuchs mit seinen Geschwistern in einer bescheidenen Wohnung in der zweiten Etage des Hauses auf, später kaufte er das ganze Haus. Heute gibt es in seiner damaligen Wohnung ein Museum, das ihm und seiner Schöpfung gewidmet ist. Es gibt hier sein Klavier, sein Diplom aus dem Musiklyceum in Mailand, wo er seine Ausbildung abschloss. Es gibt hier Teile seiner Korrespondenz und seine Bilder und Büsten aus der Zeit als er bereits berühmt war, also nachdem ihm mit der Oper Manon Lescaut der Durchbruch gelungen war – er war damals 35 Jahre alt. Bereits sieben Jahre früher fand er seine Lebenspartnerin. Elvira Bonturi war in dieser Zeit verheiratet, als sie eine leidenschaftliche Affäre mit Puccini hatte und diese blieb nicht ohne Folgen – ein Sohn Antonio kam zur Welt. Elvira verließ wegen des damals noch unbekannten Komponisten ihren Mann, mit der Hochzeit musste sie aber bis zum Jahr 1904 warten, bis ihr erster Mann starb. Elvira hätte die Hochzeit mit Puccini beinahe nicht erlebt. Ein Jahr früher hatte nämlich der leidenschaftliche Autofahrer Puccini einen schweren Unfall, den er nur nach einer mehrmonatlichen Behandlung überstanden hat.

               Es gibt aber nicht nur Puccini. Im Städtchen Collodi, ungefähr siebzehn Kilometer von Lucca in Richtung Pistoia entfernt (Also hinter Montecarlo) begegnet man eine Märchenfigur, die wir alle kennen. Pinocchio, das Männchen aus Holz, dem die Nase wuchs, wenn er log. In Collodi gibt es der „Parco Pinocchio“ als eine Attraktion, wenn man in diese Gegend mit Kindern reist. Es war mir nicht ganz klar, warum sich dieser Park gerade in Collodi befindet. Der Autor von Pinocchio Carlo Lorenzini wurde in Florenz geboren, in Florenz starb er und in dieser Stadt brachte er auch seine legendäre Figur im Jahr 1878 zur Welt. (In Florenz gibt es angeblich auch ein Pinocchio Park, nur bei der Menge anderer Attraktionen in der toskanischen Hauptstadt geht er irgendwie verloren). In Collodi gibt es nichts anderes – die Einheimischen wussten das Pseudonym des Autors, der unter dem Namen Carlo Collodi schrieb, weil in diesem Dorf seine Mutter geboren wurde, zu nutzen. Es handelt sich also im Prinzip um ein Fake, aber die Italiener sind in der Sache PR sehr geschickt. Und wenn es regnet und man weiß nicht, wohin mit den Kindern zu fahren…

               Lucca ist also schön und lieb. Und alt. Nicht nur das römische Forum, auf dem San Michele steht, erinnert an seine uralte Wurzel. Einer der berühmtesten Plätze ist das römische Amphitheater, den die kreativen Italiener mit Häusern bebauten Sie nutzten die Bausubstanz des alten römischen Amphitheaters – jetzt bildet es einen Platz mit Form einer Ellipse.

Damals – also in den römischen Zeiten, schrieb man den Namen der Stadt nur mit einem „c“, also Luca. Bereits im Jahr 177 vor Christi Geburt war Luca eine römische Kolonie, aber nur der Schutz der Kaiser Ludwig IV. und Karl IV.. brachte es unter die bedeutesten Städte der Toskana.

Lucca I.

               Wie alle anderen Kommunen erklärte Lucca nach dem Tod der letzten Markgräfin von Toskana Mathilde im Jahr 1165 ihre Unabhängigkeit. Und wie alle anderen Kommunen wurde sie sofort in die Kämpfe um die Macht und das Geld in der Region verwickelt. Im Jahr 1314 wurde Lucca für eine kurze Zeit von dem mächtigen Nachbarn Pisa beherrscht, dann aber übernahm die Macht in der Stadt Castruccio Castracani. Zuerst half er zwar den Pisanern seine Stadt einzunehmen, er verfolgte aber dabei seine eigenen Ziele. Zwei Jahre später stellte er sich dem pisanischen Stadtverwalter und wurde von ihm sogar eingesperrt. Die Bevölkerung von Lucca holte ihn aber aus dem Gefängnis und er wurde zum Herrscher der Stadt. Als ein überzeugter Ghibellin, also ein Anhänger der kaiserlichen Macht, entschied er sich richtig für die Unterstützung des Kaisers Ludwig IV. von Bayern bei seinem Feldzug nach Italien. Dank dieses Verbündeten beherrschte er nicht nur Pistoia und für eine kurze Zeit sogar Pisa, am wichtigsten war die Einnahme von Carrara, wo bis heute der schönste Marmor abgebaut wird. Man sieht es in Lucca auf jedem Schritt. Seine unzähligen Kirchen sind mit Marmorfassaden geschmückt und im Inneren mit Säulen. Mit Marmor sparte man hier wirklich nicht – letztendlich hatte man es nur für den Preis der Arbeit ohne Zuschlag erwerben können. Das Ergebnis war, dass zum Beispiel die Kirche San Michele mit ihrer Fassade wie eine etwas übertrieben geschmückte Sahnetorte ausschaut.

Bei dem Blick auf jede weitere mit weißem Marmor (aber auch gelblichem oder grauem, wer sollte schon so viele Fassaden aufrechthalten?) strahlende Fassade zahlreicher Kirchen in der Stadt kann ein informierter Mensch nicht widerstehen, sich an den berühmten Condotiere Castracani zu erinnern, dass er davon vielleicht in seinem Grab Schluckauf bekommen müsste.

               Castracani starb im Jahr 1328 unmittelbar nachdem er die Florentiner bei Pistoia in die Flucht geschlagen hatte und Lucca musste um seine Stellung fürchten, besonders aber um seine Marmormienen. Die Stadt wählte eine Lösung, die sich nicht gerade als die glücklichste erwies. Lucca bat um Schutz den tschechischen König Johann von Luxemburg, der gerade dabei war, im Norditalien ein kleines Imperium zu errichten und aus Lucca machte er sogar die Hauptstadt seiner städtischen Konföderation. Damit war zumindest ein Problem von Lucca erledigt, nämlich die Überschüsse des Stadtbudgets. Die waren definitiv dahin. Seinen Sinn konnte allerdings dieser königliche Schutz schon erfüllen. Es ist doch klar, dass eine reiche und wehrlose Stadt mögliche Angreifer viel mehr als eine zwar ausgeplünderte, aber bis auf die Zähne bewaffnete, lockt. Johann von Luxemburg litt bekanntlich an permanenten finanziellen Problemen, er verkaufte seine italienischen Städte und behielt lediglich Lucca. Lucca blieb luxemburgisch bis zum Jahr 1369. Damals erkaufte sich die Stadt von dem Johanns Sohn Kaisers Karl IV. für 100 000 Gulden die Freiheit und wurde zu einer freien Republik. Der wissenschaftliebende Kaiser Karl (in Zusammenarbeit mit Papst Urban V.) schenkte der Stadt wie eine Kirsche auf der Torte auch das Recht eine Universität zu gründen. Lucca verstand dieses Privilegium nicht ganz, weil die Universität wurde – für eine sehr kurze Zeit – lediglich im Jahr 1790 gegründet. Karl schrieb sich in die Geschichte der Region um Lucca auch anders ein – und zwar durch Gründung der Burg Montecarlo ungefähr 13 Kilometer östlich von Lucca. Heute ist die Burg nur eine Ruine, aber unter ihr wuchs eine Stadt, die zum Zentrum des Weinanbaus in der nordwestlichen Toskana wurde. Den Wein habe ich ausprobiert und er ist durchaus trinkbar.

               Lucca blieb eine freie Republik bis zum Jahr 1797, es wurde also nicht ein Teil des toskanischen Großherzogtums der Familie Medici und anschließend der Habsburger. Dadurch konnte es leider nicht von der Reformen Franz Stephans und seines Sohnes Leopold profitieren.

               Im Jahr 1804 krönte sich Napoleon Bonaparte zum Kaiser. Mitglieder seiner Familie bekamen Prinzentitel mit Ausnahme seiner Schwestern Karoline und Elisa, verheiratet Bacciochi. Beide Damen machten dem frischgebackenen Kaiser so eine Szene, dass er schnell verstand, dass er einen falschen Weg gewählt hatte und er entschied sich mit ihnen zu versöhnen. Karoline wurde an der Seite ihres Mannes des Generals Murat die Königin von Neapel und Elisa zur Herzogin von Lucca. Elisa nahm die Sache in die Hand und sorgte dafür, dass die ein bisschen zurückgebliebene Stadt neue Impulse für ihre Entwicklung bekam. Neben der Züchtung von Seidenraupen und damit verbundener Seidenproduktion, reformierte sie das Schulwesen, gründete den bis heute existierenden Botanischen Garten und holte nach Lucca den jungen, noch unbekannten, aber sehr talentierten Nicolo Paganini. Nach dem Fall Napoleons übernahmen die Macht über Toskana und Lucca Bourbonen, die neue Herzogin Marie Luisa setzte aber die Arbeit ihrer Vorgängerin nahtlos fort. Lucca verdankt also seine Entwicklung in eine moderne Stadt diesen zwei Damen.

               Lucca ist ein liebes Städtchen zwischen Bergen, die es von drei Seiten umgeben. Die Stadtmauer tut es dann von allen vieren. Die Stadtmauer wurde im sechzehnten Jahrhundert gebaut, als der alte mittelalterliche Mauerring (von dem zwei Tore übrigblieben) nicht mehr den Anforderungen entsprach, die die Einführung der Artillerie verlangte. Und weil die Stadt niemandem mehr einer Belagerung wert war, erlitt die neue Mauer keinen Schaden. Nicht einmal dann, als die Stadt für offen erklärt wurde. Auf dem Glacis, also in der Entfernung eines Kanonenschusses, durfte nicht gebaut werden. Nach Öffnung der Städte wurden gerade diese Grundstücke zu den wertvollsten für den Bau neuer Stadtviertel. Nicht so in Lucca. Die Mauer blieb unversehrt (wenn wir nicht ein neues Tor Porta Elisa zählen, die Napoleons Schwester in die Mauer schlagen ließ) und wurde zum Park umgewandelt.

Ein Spaziergang auf der Mauer um die ganze Stadt herum ist ein schönes Erlebnis, auf der bis zwanzig Meter dicken Mauer wurden Bäume eingepflanzt, die Schatten spenden und es gibt hier sogar Restaurants – wir sind in Italien, natürlich. Das Glacis ist ein Teil dieses Parks, ohne Bäume mit einem breiten Ring von Rasen Man kann also in Lucca wirklich sehen, wie so eine Befestigung in der Zeit des Barocks ausgesehen und wie sie gedient hat.

               Also Lucca, das sind, wie ich bereits erwähnte, vor allem Kirchen. Angeblich gibt es einhundert von ihnen hier. Ich zählte sie nicht, diese Zahl hat aber auch ihre Vorteile. Zahlreiche der Kirchen sind geschlossen oder zu Museum oder Bibliothek umgebaut, vor jeder Kirche muss aber logisch zumindest ein kleines Plätzchen (oder ein großer Platz) sein und auf jedem Platz in Italien dann eine Trattoria, Osteria oder zumindest eine Bar. Also keine Angst, vor Hunger oder Durst stirbt man in Lucca sicher nicht.

               Die größte Kirche in der Stadt ist natürlich die Kathedrale, die dem heiligen Martin gewidmet ist.

Es ist ein atemberaubendes – natürlich mit Marmor bekleidetes – Gebäude mit einem hohen Campanile, den man besteigen kann. Wirklich schöne Aussichten gibt es aber von dem Campanile nicht, weil die Fenster mit einem dicken Gitter verschlossen sind – die Stadt kann man von hier nicht fotografieren, zu diesem Zweck besitzt Lucca andere Türme. (Es ist der Uhrturm und der Turm Guinigi – aber darüber später) In der Kathedrale ist die größte Attraktion das Kreuz „Volto Santo“, seine Fertigstellung wird dem heiligen Nikodemus zugeschrieben.

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Das Kreuz stammt zwar nachweislich aus dem elften Jahrhundert, diese Tatsache stellt aber seiner Verehrung kein Hindernis dar. Am 13. September wird das Kreuz durch die Stadt in einer feierlichen Prozession getragen, gekleidet in einem Gewand aus silbernem vergoldetem Schmuck und mit Diamanten, diese Artefakte kann man in dem Kathedralmuseum sehen (es gibt eine gemeinsame Eintrittskarte für die Kathedrale, das Museum und den Campanile). Aus den Bildern, die auf den Wänden der Kirche hängen (die Kirchen von Lucca sind von außen fantastisch, in ihrem Inneren aber relativ bescheiden geschmückt, auf den kahlen Wänden gibt es nur Bilder aus der Zeit der Renaissance oder dem Barock) ist das wertvollste „Das letzte Abendmal“ von Tintoretto. In dem linken Schiff gibt es ein Grabmal von Ilaria del Caretto. Diese junge Dame war die Gattin Paolo Guinigis, sie starb im Jahr 1406 im Alter von 24 Jahren bei einer Geburt. Der trauende Gatte ließ für sie von dem größten damaligen Meister Jacoppo dela Quercia ein Grabmal aus Marmor herstellen (anders geht es in Lucca nicht) und setzte seine Platzierung auf die Stelle, die aller meisten Prestige versprach – also in der Kathedrale – durch.

               Paolo Giunigi war nämlich kein armer Schlucker. Im Jahr 1400 gelang es ihm, die Macht in der Stadt an sich zu reißen und für weitere dreißig Jahre die republikanische Verfassung außer Kraft zu setzen. An die Familie Guinigi erinnert einerseits ihr Palast, in dem es heutzutage die örtliche Pinakothek gibt (Museo Nazionale di Villa Guinigi), und andererseits der Aussichtsturm „Torre Guinigi“ (der sich nicht im Palast befindet, sondern in Casa Guinigi im Stadtzentrum). Für sechs Euro darf man auf 240 Stufen auf seine obere Plattform steigen, wo überraschenderweise große Bäume wachsen, die während des Fotografierens der Stadt aus der Vogelperspektive Schatten spenden.

Guinigi verteidigte die Stadt im Jahr 1429 gegen anrückende Florentiner, während sein Sohn Ladislaus eine Hilfe des Entsatzheeres unter der Anführung des zukünftigen Herrschers von Mailand, damals aber noch Condottiere, Francesco Sforza holte, die die Stadt rettete. Allerdings ist das die Undankbarkeit, die die Welt beherrscht. Es folgte ein Volksaufstand, Guinigi wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Die Bürger trauten sich nicht ihn hinzurichten, er starb zwei Jahre später in einem Gefängnis in Pavia.

               Das Zentrum des bunten Treibens des Lebens in der Stadt ist die „Piazza Napoleone“ mit dem Herzogspalast. Obwohl Lucca eine Republik war, hat es irgendwie vorbeugend im sechzehnten Jahrhundert einen Palast für einen Herrscher gebaut. Das kam gut an, als die Herrschaft in der Stadt Elisa Bonaparte und nach ihr Maria Luise von Bourbon übernahmen. Heute gibt es hier den „Palazzo della Provincia“, also eine Verwaltungszentrum.

               Nur ein paar Schritte entfernt gibt es die wahrscheinlich schönste Kirche in Lucca „San Michele in Foro“. Der Kult des Erzengels Michael haben germanische Stämme betrieben, vor allem die Langobarden. Lucca liegt tatsächlich auf der Geraden zwischen dem Kloster Saint Michelle in der Bretagne und der Grabstätte der langobardischen Könige in Monte San Angelo in Apulien. San Michele spielte also in Lucca, ähnlich wie in Pavia, die wichtigste Rolle und übertraf damit die Bedeutung der Kathedrale. Die Kirche wurde auf dem ehemaligen römischen Forum zwischen den Jahren 1070 und 1383 gebaut (davon trägt sie ihren Namen) und man sparte mit Marmor wieder einmal nicht. Im Inneren kann man die Kanzel von Andrea della Robia bewundern (der sich an der Dekoration der ursprünglichen Fassade des Doms in Florenz beteiligte) oder ein Bild von Filippino Lippi links von der Apsis.

               Wenn jemand noch Lust hat, kann man weitere Kirchen Besuchen. Zum Beispiel San Frediano (mit einem atemberaubenden byzantinischen Mosaik an der Fassade der Kirche, einem großen romanischen Baptisterium und einem Triptychon aus Marmor „Madona mit Kind und Heiligen“ von Jacoppo della Quercia. Die erste Kirche auf dieser Stelle ließ der heilige Fredianus bauen, ein Mönch aus Irland, der in Lucca zum Bischof wurde (er starb im Jahr 580). In Lucca gibt es einen ziemlich morbiden Brauch, dass in fast jeder Kirche unter dem Altar eine Leiche eines Heiligen oder Seligen als heilige Reliquie ausgestellt wird. San Frediano hat mit der Leiche seines Bischofs nicht genug, deshalb gibt es hier auch noch die Reliquie der heiligen Zita. Zita war eine einfache Magd, die in den Jahren 1212 – 1272 in Lucca lebte. Sie machte sich durch ihre Pflege der Kranken und Schwachen berühmt, nicht umsonst trägt ein Altersheim in der Nähe von San Frediano ihren Namen.

               Eine weitere besuchswerte Kirche ist „San Francisco“ am Rande der Stadt oder „Santa Maria Forisportam“ (der Name deutet an, dass die Kirche außerhalb der mittelalterlichen Mauer lag, was das naheliegende Tor des heiligen Gervasius mit zwei erhaltenen Türmen der damaligen Stadtbefestigung und ein Kanal, der heute durch die Stadt fließt, aber damals ein Teil der Befestigung war, beweisen.

Nicht nur von der Kirchen lebt ein Mensch. Lucca hat viel mehr zu bieten. Aber darüber in zwei Wochen.

Cinque Terre

               Dieses Stück Landes, (also eigentlich fünf Stücke) hatte ich in meinem Reiseplan bereits seit einigen Jahren. Zuerst blockierten einen Ausflug in diese Richtung unsere Reisen in andere Teile Italiens und dann das Coronavirus. Heuer aber, als ich meine Reise in die nördliche Toskana geplant habe, war klar, dass mir diese Küstenstädtchen nicht entgehen durften. Es war nur ein Problem zu lösen, nämlich, wie komme ich hin?

               Ziemlich logisch dachte ich, dass bei der Touristenmenge, die sich dort auf einem minimalen Raum, den die felsige Küste bieten kann, herumtreiben würde, könnte es ein Problem mit Parken geben. Deshalb bereitete ich mich für die Reise penibel vor. Ich erfuhr, wie die Züge aus Lucca, wo wir wohnten, nach La Spezia, das als der Ausgangspunkt zu dem südlichsten Teil der ligurischen Küste gilt, fahren. Dann gab es nur zu entscheiden, ob wir die Städtchen mit einem Schiff oder mit dem Zug besuchen. In Folge der Kinetose meiner Frau hat der Zug eindeutig gewonnen. Durch die Städte führt nämlich die Eisenbahnhauptverbindung zwischen Livorno und Genua (natürlich durch ein Tunnelsystem.)

               Am Tag „T“ wachten wir in ein regnerisches Wetter auf. Meine Frau erklärte mir demzufolge, dass sie durch ganz Lucca zum Bahnhof im Regen „ganz sicher nicht gehen würde“ und ich sollte das Auto vom Parkplatz holen und starten. Was ich auch tat. Ihre Argumente, dass um halb acht in der Früh die Italiener noch schlafen, klangen ziemlich logisch. Und das waren sie auch.

               Unter dem Bahnhof in La Spezia gab es freie Parkplätze ohne Ende. Wir konnten also das Auto abstellen und sich kümmern, wie weiter. Die Italiener sowie auch die Touristen schliefen noch. Nachmittags, als wir das Auto abholen wollten, war die Parkgarage schon bis zum letzten Platz voll. Also, bei einem Besuch von Cinque Terre zahlt es sich aus, nicht zu lange zu schlafen. Dann geht´s.

               Um Cinque Terre zu besuchen, muss man zuerst „Cinque Terre point“ finden. Das ist nicht ganz einfach. Besonders deshalb, weil ich nicht wusste, dass ich so etwas suchen sollte. An der Fahrkartenkassa wurde ich aber belehrt und zum „Cinque Terre point“ geschickt. Dort wollte mich der Schlag treffen, weil dieser geschlossen war. Zum Glück gaben wir nicht auf und fanden den nächsten „Point“, der im Betrieb war. In diesem Büro war es notwendig eine „Cinque Terre Card“ zu kaufen, die einen Menschen zum Nutzen der Züge zwischen allen fünf Orten (man kann sogar bis nach den sechsten namens Levante fahren, das zu diesem Gebiet nicht mehr gehört) und zum Benutzen der Wanderwege im Naturpark zwischen den Orten und wahrscheinlich auch zum Atmen der örtlichen Luft berechtigt. Eigentlich kauft man für 16 Euro das Recht einen Tag zwischen den Städtchen Monterosso al Mare und Riomaggiore leben zu dürfen. Diese Karte muss man nicht einmal, wie es sonst in Italien die Pflicht ist, auf dem Bahnsteig entwerten, es ist nur notwendig, den Namen des Besitzers auf die Karte zu schreiben. Also so einfach, dass ich echt überrascht war. Aber es besuchen dieses Land letztendlich auch Amerikaner. Zu meiner Überraschung kontrollierte im Zug unsere Karten niemand, dafür gab es aber auf dem Wanderweg zwischen den Orten Vernazza und Corniglia sogar gleich zwei „check points“, wo wir kompromisslos auf den Besitz der Karte überprüft wurden.

               Die Züge fahren alle zwanzig Minuten (vormittags, am Nachmittag kann sich das Intervall bis zu einer Stunde verlängern). Wir stiegen ein und brachen mit anderen Touristen (es gab dank der Coronapandemie schockierend wenige) in Richtung Norden auf. Ich entschloss mich unsere Erforschung von Cinque Terre in dem am entferntesten Ort zu beginnen und dann sich Schritt für Schritt dem Ausgangspunkt zu nähern. Die Idee war sicherlich nicht schlecht, aber zu wenig originell. Fast alle Anwesenden wählten nämlich diese Variante.

               Monterosso al Mare hat einen ziemlich großen Strand. Man kann hier baden, wenn es Badewetter gibt.

Dies gab es nicht. Zu meinem Erstaunen gab es hier auch einen ziemlich großen Parkplatz. Wir suchten vergeblich das Stadtzentrum, wo man angeblich „Loggia del Podestá“, die Pfarrkirche des Heiligen Johann des Taufers und das Kloster des Heiligen Franziskus sehen könnte. Alle Abzweigungen von der Küstenpromenade führten uns immer wieder zwischen Hotels und Apartments und wenn ich nach dem Weg ins Zentrum eine Frau fragte, die wie eine Einheimische ausgesehen hat, starrte sie mich an und verschwand wortlos. Ich dachte, dass mein gebrochenes Italienisch daran schuld war, meine wiederholten Fragen in Englisch brachten aber auch keinen Erfolg. Wir tranken also auf einer Terrasse über dem Meer einen Espresso, warteten, bis die Wolken verschwanden, die Sonne begann zu strahlen und danach verließen wir leicht frustriert Monterosso al Mare in Richtung Süden. Der weitere Verlauf des Ausfluges sollte uns aber ausreichend entschädigen.

Monterosso al Mare

               Das nächste Städtchen ist Vernazza und es ist möglicherweise das schönste von allen. Vernazza hat nämlich einen Hafen, liegt direkt am Meer und brüstet sich mit einer Festung über dem Meer mit einer Aussichtsterrasse, der Kirche der Heiligen Maria von Antiochia aus dem Jahr 1318 und mit Unmengen an Geschäften mit Essen und Getränken, Ristoranten, Osterien und Trattorien, also ein italienischer Traum hautnah. Weil es sich so gehört, entschieden wir uns die Entfernung zwischen den Städtchen Vernazza und Corniglia zu Fuß zu überwinden. Ich gebe zu, dass ich mir unter der Bezeichnung „der untere Weg“, die wir wählten, einen angenehmen Pfad an der Küste vorgestellt hatte.  Dass der Weg zuerst über das Städtchen stieg, habe ich anfangs positiv angenommen als ein Angebot, uns die schönsten Blicke auf Vernazza anzubieten und die haben wir wirklich genießen[AP1]  können.

Vernazza

Dann aber stieg der Weg weiter und er wollte damit nicht aufhören, was mich immer mehr unruhig und später auch zornig machte. In einer Entfernung von je ca. hundert Metern gab es hier Tafeln, die die Nummer von Rettungsdienst (und Feuerwehr) bekannt gaben. Wenn ich sie am Anfang ignorierte und später sie für unnötig hielt, mit zunehmenden Höhemetern wurde diese Information immer wertvoller. Letztendlich habe ich eine davon fotografiert, um die Information für jeden Fall zur Hand zu haben.

Es gab nämlich letztendlich 208 Höhemeter und dass ist bei Temperaturen über 30 Grad Celsius nicht gerade wenig. Die anfängliche Begeisterung meiner Gattin wurde durch eine Ernüchterung abgelöst, dann durch Enttäuschung, Proteste und zuletzt endete es mit einem erschöpften Stöhnen und ich machte mir wirklich Sorgen. Auf dem höchsten Punkt befindet sich eine Bar mit einer Aussichtsterrasse, aber vor allem mit Obstsäften, die dort für die Besucher frisch gepresst werden. Ich empfehle eine Kombination von Orangen und Zitronen, es ist erfrischend, nicht zu süß und im Zustand, in dem man die Bar erreicht, lebensrettend. Die Zitronen wachsen übrigens dort auf den Felsen überall, das Klima ist für sie sehr günstig und die Einheimischen machen aus Zitronen einen alkoholischen Liquor Limoncino. (Bitte nicht mit Limoncello aus Kampanien verwechseln, obwohl ich gar nicht weiß, warum nicht. Meiner Meinung nach schmecken beide sehr ähnlich, wenn nicht gleich, ich bin aber natürlich auf diesem Gebiet kein Spezialist.)

               Im „Cinque Terre Point“ in La Spezia wollte uns die dort arbeitende Dame einreden, dass es sich bei dem Weg zwischen Vernazza und Corniglia um einen Spaziergang mit einer Dauer von dreißig Minuten handelt. Es war ein unverschämtes PR und Fake news. Wir brauchten für den Weg beinahe zwei Stunden und anschließend wollten uns die Italiener auf dem Bahnhof in Corniglia einreden, dass die gesamte Strecke nur 3,4 Kilometer lang sei. Na sicher! Weiter hat uns niemand darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht egal ist, von welcher Seite man den Weg geht. Corniglia liegt nämlich hundert Meter über dem Meeresspiegel und Vernazza direkt am Meer. Diese hundert Höhemeter, die man in Corniglia bequem in einem Shuttlebus zurücklegen kann (natürlich nur wenn man ein stolzer Besitzer der „Cinque Terre Card“ ist, aber ohne die hätte man ohnehin kein Anspruch aufs Leben) sind unbezahlbar. Es war zu spät über unsere Entscheidung zu weinen, wir fuhren mit dem Bus hinunter zum Bahnhof. Im Dorf geht man an der Kirche San Pietro aus dem Jahr 1334 vorbei, es zahlt sich aus, hineinzuschauen.

Corneglia

               Auf dem Bahnhof in Corneglia machte meine Frau eine Meuterei. Sie lehnte den nächsten Stopp in Manarola strikt ab und das mit dem Argument, dass „Quatro Terre“ auch genug sind. Manarola ist das kleinste der Städtchen, es liegt direkt an einer Flussmündung und es gab nicht zu viel Platz dort Häuser zu bauen. Also es gab auch keinen Platz für uns und wir konnten nicht die örtliche Kirche „Nativitá di Margina Vergine“ besuchen.

Manarola

               Durch Schwänzen von Manarola ist uns natürlich auch die Möglichkeit entgangen, die „Via dell´Amore“ zu begehen. Das ist ein Weg am Meer zwischen Manarola und Riomaggiore, wo sich angeblich die Verliebten aus diesen zwei Orten heimlich treffen konnten. Aber nicht einmal die Möglichkeit, auf dem Liebespfad die Landschaft zu erkunden, konnte meine Frau zum Einlenken bringen. Recht hat sie gehabt – schon wieder einmal. Nachträglich habe ich erfahren, dass der Weg wegen eines Erdrutsches gesperrt wäre und nur die ersten zwei hundert Meter von Manarola zugänglich sind.

Via dell´Amore

               Wir fuhren also direkt zu dem größten der Städte Riomaggiore mit dem Zug. Zuerst habe ich versucht, meine Müdigkeit aus der „beinahe Bergtour“ mit dem Wein Cinque Terre zu verbannen. Der süße Wein aus Cinque Terre Sciacchetra wurde bereits von Dante Alighieri für seine bernsteinähnliche Farbe, süßen Geschmack und den feinen Geruch gepriesen. Ich bekomme allerdings nach einem süßen Wein Sodbrennen. Aus diesem Grund habe ich den Wein „Vino Bianco Cinque Terre“ gewählt der seit dem Jahr 1973 die Bezeichnung DOC (Denominazione de Origine Controllata) trägt. Dieser Wein wird aus drei Weinsorten gemischt: Bosco, Vermentino und Albarola und schmeckt hervorragend. Besonders, wenn man zuvor eine Wanderung gemacht hat, angeblich nur dreiundhalb Kilometer lang, was allerdings niemand glauben kann.

               Riomaggiore ist das größte der fünf Städtchen und wirkt ein bisschen impressionistisch, es wundert mich nicht, dass der impressionistische Maler Telemaco Signorini dem Zauber der Stadt unterlag. Ich glaube, Egon Schiele hätte sich dort auch gefreut.

Riomaggiore

Es ist notwendig bergauf zur Kirche des Heiligen Johannes des Täufers aus den Jahren 1340 – 1343 zu steigen. In der Kirche gibt es eine reich verzierte Kanzel, die allerdings um zwei hundert Jahre jünger ist. Wir setzten unseren Aufstieg bis zu einer Festung aus der Zeit der genuesischen Herrschaft fort, die sich auf dem höchsten Punkt der Stadt befindet. Von hier gibt es wunderschöne Aussichten und Bänke im Schatten großer Bäume, wo man sich erholen kann. Hier trafen wir einen örtlichen Senior, der mit seinem Rollator gerade die Festung erreicht hat. Er registrierte meinen Blick der Bewunderung und begann mit uns zu plaudern. Er hat sehr gut mit nur einem minimalen fremden Akzent deutsch gesprochen, er gab zu, dass er das ganze Leben lang Sprachen gelernt hatte, und zwar Französisch, Spanisch, Englisch und zuletzt auch Deutsch. Der Grund seiner Begeisterung für die Sprachen konnten wir dann im Laufe des Gespräches entdecken. Es handelte sich offensichtlich um einen einheimischen Casanova, der das ganze Leben Jagd auf Touristinnen machte. Und er hatte auch Erfolge. Wir ließen ihn uns über seine Erfolge erzählen, so haben wir auch das Geheimnis seines hervorragenden Deutsch verstanden – es war eine Dame aus Salzburg. Er selbst war ein Beamter in Riomaggiore und sein Hobby war, den Besucherinnen seine Stadt von der schönsten und angenehmsten Seite zu zeigen. Leider hat unser Casanova sicher bereits bessere Zeiten erlebt, jetzt war er schon im Ruhestand und nicht nur, was seine Arbeit im Gemeindeamt betraf. Man konnte es sehen und leider auch riechen. Er bestand auf einem Foto mit meiner Frau. Wir haben ihm es gegönnt, er schrieb sich sorgfältig ihren Namen auf. Er hat sicher zu Hause eine Fotosammlung als Erinnerung an die besseren Zeiten, die vergangen sind.

               Der letzte Ort in der Region, der besuchswert ist, ist Portovenere. Es ist von La Spezia zwar nur dreizehn Kilometer entfernt, man muss aber für die kurvige Straße an der Küste mindestens eine halbe Stunde einplanen.

Portovenere

Portovenere war einmal der letzte Posten der Genuesischen Republik, der die Meeresenge zu La Spezia kontrollierte (La Spezia entstand als eine moderne industrielle Stadt und es gibt hier nichts Interessantes zu sehen. Seit 1997 ist Portovenere in der Liste der „Weltkulturerbe“ der UNESCO aufgenommen. Es strahlt mit farbig bemalten Häusern, atemberaubend ist die Kirche San Pietro auf dem äußersten Felsenausläufer. Oberhalb der Stadt ragt eine große Festung empor, die einmal das Interesse der Genuesen in dieser Region bewachte. Wer Lust hat, kann zu ihr bergauf laufen, ich muss in meinem Alter nicht unbedingt alles haben.


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