Als Kapitän Lazare Picault diese Insel, 45 Kilometer von Mahé entfernt, entdeckte, nannte er sie etwas fantasielos „Isle des Palmes“, also „Palmeninsel“. Dieser Name hielt jedoch nicht lange; bereits im Jahr 1768 wurde sie nach dem damaligen französischen Marineminister César Gabriel de Choiseul, Duc de Praslin umbenannt.

Doch vielleicht wusste selbst Picault nicht, wie nah er bei der Namensgebung der Wahrheit war, denn gerade diese zweitgrößte Insel des Seychellen-Archipels ist zusammen mit ihrem kleinen Nachbarn Curieuse der einzige Ort der Welt, an dem die berühmteste und mysteriöseste Palme der Welt wächst – die „Coco de Mer“.

Diese Palme und ihre Früchte sind legendär – schon ihretwegen reisen viele Touristen auf die Seychellen. Und sie können sich dann ein Exemplar mit Zertifikat als Souvenir für 500 Euro kaufen. Würde man Sie am Flughafen mit einer Frucht ohne Zertifikat erwischen, drohen auf den Seychellen sieben Jahre „all inclusive“ im örtlichen Gefängnis. Im Mittelalter hatte ihre Frucht eine sakrale Bedeutung. Gelegentlich wurden diese gigantischen Nüsse, die bis zu 15 Kilogramm wiegen (manchmal entstehen Verbunde aus drei Früchten, die dann 45 Kilo erreichen), an die Küsten angeschwemmt, vor allem auf den Malediven – offensichtlich aufgrund der Meeresströmungen, die von den Seychellen in diese Richtung fließen. Doch es war nicht das Gewicht dieser Früchte, sondern ihre Form – die vorne an das weibliche Schoss und hinten an das weibliche Gesäß erinnert –, die die Fantasie beflügelte, und so ließ sich mancher Herrscher diese Seltenheit mit Gold aufwiegen.

Der Sultan der Malediven ließ seine Untertanen hinrichten oder ihnen zumindest die Hände abhacken, wenn sie eine gefundene Frucht nicht SOFORT den zuständigen Behörden übergaben. Da niemand wusste, woher die Früchte stammten, hielt sich über Jahrhunderte hartnäckig die Hypothese einer Unterwasserpalme, die ihre Früchte unter der Meeresoberfläche trug. Daher auch der etwas verwirrende Name „Coco de Mer“, also „Meereskokos“. Doch auch der lateinische Name, den ihr der deutsche Botaniker Karl Christian Gmelin im Jahr 1791 zu Ehren König Ludwigs gab (zwei Jahre nach der Französischen Revolution!), half ihr nicht weiter: „Lodoicea maldivica“. Selbst damals wusste man noch nicht, dass diese Früchte nicht von den Malediven stammen, sondern von den Seychellen.

Die Tatsache, dass die Palme nur endemisch auf zwei seychellischen Inseln vorkommt, obwohl ihre Früchte sporadisch auch an anderen Küsten angespült wurden, lässt sich leicht erklären. Erstens sind nur unreife Früchte leichter als Wasser und können schwimmen. Reife Früchte sind schwer und sinken sofort zu Boden. Außerdem gibt es „Coco de Mer“ eigentlich zweimal – als weibliche und als männliche Palme. Und sie brauchen einander. Selbst wenn irgendwo eine Palme gekeimt hätte, hätte sie nicht bestäubt und befruchtet werden können. Männliche Palmen tragen ihre Blüten auf riesigen zapfenartigen Gebilden, die mit kleinen Blüten übersät sind und an einen gigantischen männlichen Penis erinnern.

So entstand die Legende der geheimnisvollen Palme, die die Fruchtbarkeit symbolisiert. Gemäß dieser Legende paaren sich die Palmen nur während heftiger tropischer Stürme, und der Mensch, der sie dabei beobachtet, sei unweigerlich dem Tod geweiht, da diese Paarung ein Mysterium sei, das den Menschen verborgen bleiben müsste. In Wirklichkeit übertragen Insekten und Kolibris den Pollen von der männlichen auf die weibliche Palme – aber lassen wir die Vernunft ruhen und bei der Legende uns von Emotionen tragen, das ist viel interessanter.

Als ich diese riesigen Kokosnüsse sah, war mir nicht klar, wie sich eine solche Frucht überhaupt vermehren kann. Sie kann sich sicherlich nirgendwo in die Erde bohren und Wurzeln schlagen. Außerdem benötigt jede Frucht vom Zeitpunkt der Bestäubung bis zur Reife 5–6 Jahre! Erst dann fällt sie vom Baum auf den Boden. Doch die Natur weiß sich zu helfen. Nachdem die Nuss auf den Boden gefallen ist, passiert ein halbes Jahr lang gar nichts. Dann platzt die Kokosnuss auf und ein Keimling schiebt sich heraus. Dieser entfernt sich vom Mutterfruchtkörper, um aus ihrem Schatten zu gelangen, und bohrt sich in die Erde. Erst in einer Tiefe von 60 Zentimetern wendet er sich der Erdoberfläche zu. Dann bildet er das erste Blatt. Das alles dauert ein Jahr. Erst nach 2–3 Jahren beginnt die Palme Wurzeln zu bilden – bis dahin lebt sie von der nahrhaften Masse im Inneren der Nuss. Die Palme bildet pro Jahr nur ein einziges Blatt, die ersten Blüten erscheinen erst nach 25 Jahren. Die Pflanzen erreichen ein Alter von bis zu 300 Jahren – das gilt allerdings für männliche Palmen. Die weiblichen leben nur 150–180 Jahre.

Heute gibt es zwar bereits eine ganze Allee künstlich gepflanzter Palmen im Botanischen Garten von Victoria auf Mahé, aber wirklich endemisch kommt die „Coco de Mer“ nur auf den Inseln Praslin und Curieuse vor.
            Bis zu 6.000 Stück wachsen im Nationalpark „Vallée de Mai“. Der Name entstand ebenfalls recht einfach. Als in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts France Jumeau auf die Insel kam und, begeistert von der Schönheit der Natur, sofort die Grundstücke im Inselinneren aufkaufte – und zwar im Mai –, erhielt dieser Teil des tropischen Regenwaldes eben diesen Namen. In den sechziger Jahren übernahm die lokale Regierung die Verwaltung (die Seychellen waren damals noch eine britische Kolonie). 1979 wurde der Nationalpark von Praslin gegründet und 1983 in das „Weltnaturerbe“ aufgenommen.
Der Park ist zugänglich, doch bitte seien Sie darauf vorbereitet, dass Sie in tropischen Temperaturen und hundertprozentiger Luftfeuchtigkeit steile Hügel hinaufsteigen müssen. Nehmen Sie also viel Wasser mit – Sie werden es auf jeden Fall ausschwitzen. Der Eintritt kostet dreihundert Rupien (etwa 18 Euro). Einen einfacheren Zugang vom Meer aus bietet „Fond Ferdinand“.

Fond Ferdinand – Eingang

Man kann auch einen Führer engagieren. Unser Derek mit den unglaublichen Dreadlocks war offensichtlich begeistert von seiner Arbeit und trieb uns durch den Park bis zu den Aussichtspunkten, von denen aus man einen wunderbaren Blick auf die Insel Praslin und die Nachbarinseln hat. Und wir sahen viele „Coco de Mer“, aber auch Kolibris und den einheimischen schwarzen Papagei.

Die ausgestellten Nüsse hatten neben vollkommenen auch verschieden deformierten Formen – also wieder etwas wie im richtigen Leben.

Nach Praslin fährt man allerdings hauptsächlich wegen seiner Strände. Einige von ihnen gelten – ebenso wie auf der Nachbarinsel La Digue – als „die schönsten der Welt“. Es ist ein bisschen so wie in Italien, wo fast jede Stadt „la più bella camera del mondo“ besitzt, also „das schönste Zimmer der Welt“, und niemand stellt das infrage.

Das Schiff von Mahé legt im Hafen Baie Sainte Anne an, die größte Siedlung der Insel ist Grand Anse. Anse bedeutet auf den Seychellen Strand – ich weiß wirklich nicht, aus welcher Sprache dieses Wort stammt; vielleicht haben die Einheimischen das Wort im Kreol selbst erfunden. Der Strand Grand Anse ist möglicherweise groß und lang, aber keinesfalls schön: er ist mit Meeresalgen bedeckt und durch eine Straße und ein Sumpfgebiet von den Hotels getrennt. Das heißt, von den hier befindlichen Hotels muss man entweder mit dem Bus oder einem Mietwagen zum Strand fahren.

Hotel Oasis in Grand Anse

Um den Titel des schönsten Strandes wetteifern gleich zwei: Anse Lazio und Anse Georgette.Der erste ist frei zugänglich, er ist lang, weiß, und Schatten spenden hier – wie an den meisten Stränden der Seychellen – die Takamaka-Bäume. Diesen Namen muss man sich unbedingt merken, und zwar nicht nur deshalb, weil so der zweithöchste Gipfel auf Praslin heißt (der höchste heißt schlicht Praslin, also leicht im Gedächtnis zu behalten). Takamaka ist nämlich auch die Marke des seychellischen Rums, der hier so etwas wie ein Nationalgetränk ist. Zwar haben die Briten hier auch die Bierbrauerei Seybrew gebaut und das Bier ist durchaus trinkbar, aber Rum ist eben Rum – und eine nationale Marke, nur knapp übertroffen von der „Coco de Mer“.

Den Rum kann man dunkel trinken; er hat 43 Prozent, ebenso wie der weiße. Doch es gibt auch veredelte Sorten wie zum Beispiel Kokosrum. Der hat nur 25 Prozent Alkohol und schmeckt süß nach Kokos. Ein Einheimischer belehrte mich, dass der dunkle Rum für Männer sei und der Kokosrum für Damen. Zwar können Mann und Frau das auch umgekehrt trinken, aber der Mann gilt dann vielleicht nicht als ein richtiger Mann und die Frau gerät in den Verdacht, sich mit den Männern messen zu wollen. Die Rezeptionistin im Hotel auf Mahé sagte uns, sie möge am liebsten Rum mit Vanillegeschmack – wie ich später feststellte, ist er allerdings ebenfalls 43 Prozent stark. Ich weiß also nicht, was sich die Rezeptionistin beweisen wollte.

Überhaupt war uns die Rezeptionistin etwas suspekt. Wir mussten das Zimmer wechseln und ließen daher morgens vor dem Gang zum Strand unsere Koffer bei ihr an der Rezeption. Als wir ein paar Stunden später zurückkamen, wusste sie nicht mehr, wer wir waren. Außerdem hatten wir offenbar große Schwierigkeiten, ihr den Unterschied zwischen den Wörtern „room“ und „rhum“ zu erklären. Während wir unsere zwei Flaschen Takamaka in den Kühlschrank stellen wollten, glaubte sie, wir wollten ein Zimmer mit Kühlschrank. Vielleicht hatte sie schon etwas von der Vanille probiert.

Die Rumfabrik befindet sich in Victoria auf der Insel Mahé (genau wie die erwähnte Brauerei), aber die Marke Takamaka hat trotzdem mehr mit Praslin zu tun. Hier sind nicht nur die Bäume dieses Namens reichlich vertreten, sondern auch ein gleichnamiger Berggipfel und ein Strand. Daher ist es wohl Praslin, das das Zentrum des seychellischen Tourismus bildet, und sein Besuch ist einfach ein Muss, wenn man seinen Ausflug auf das Archipel wirklich festhalten möchte.

Anse Lazio

Anse Lazio ist ein sehr schöner Ort, doch manche Touristen und manche Reiseführer bevorzugen manchmal die konkurrierende Anse Georgette an der äußersten Nordspitze der Insel. Das Problem ist, dass dieser Strand nur durch das Gelände eines Hotels mit einem großen Golfplatz zugänglich ist und die Zahl der Personen, die hineingelassen werden, begrenzt ist. Außerdem wird Eintritt verlangt. Unserem Reiseführer Martin wurde mitgeteilt, dass für den Tag, an dem wir den Strand besuchen wollten, die Reservierungen bereits ausgeschöpft seien. Unser Fahrer hingegen meinte, das werde kein Problem sein.

Und das war es auch nicht. Er fuhr mit unserem kleinen Bus durch das Hoteltor, der Wachmann drohte ihm mit dem Finger – aber mit dem richtigen, nämlich dem Zeigefinger. Offensichtlich kannten sie einander; schließlich leben auf Praslin gerade einmal 8.500 Einwohner, und angesichts des lebhaften gesellschaftlichen Lebens der Einheimischen kennen sich bestimmt alle – sei es von irgendeiner Hochzeit, einem Begräbnis oder einem anderen Ereignis.

Wir gingen also über den 18-Loch-Golfplatz und vorbei an unglaublichen Abschlagplätzen, etwa hoch oben auf einem Felsen, und besuchten auch jenen zweiten legendären Strand. Er war schön. Wieder weiß – denn 95 Prozent der Korallen, die die Seychellen-Inseln umgeben, sind weiß, und der Sand an den Stränden stammt von ihnen –, aber unter uns – Anse Lazio war schöner.

Anse Georgette

Wenn man vorhat, länger auf Praslin zu bleiben, steht ihm noch weitere weiße Strände zur Verfügung, zum Beispiel Anse Volbert im Osten der Insel oder natürlich Anse Takamaka im Nordosten. Und viele weitere.

Ganz ehrlich, ein Historiker wie ich hat auf Praslin eigentlich nichts verloren. Meine Frau hingegen war begeistert von der Möglichkeit, im Wasser zu „plantschen“. Und was tut man nicht alles für den Familienfrieden!

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