Mahé ist die größte der sogenannten „Inneren Seychellen“, die – mit zwei Ausnahmen – aus 650 Millionen Jahre alten Granitgebirgen bestehen, die damals hier vom Urkontinent Gondwana zurückgelassen wurden. Die wichtigste Ausnahme ist die Insel Silhouette, die vor 65 Millionen Jahren aus dem Meeresgrund emporstieg; sie ist im Vergleich zu den übrigen Inseln also ein Jungspund.
Die Äußeren Seychellen sind Korallenatolle, die über 1000 Kilometer von den Inneren Seychellen entfernt liegen. Man besucht sie separat per Schiff. Die Überfahrt von Mahé dorthin dauert zwei Tage.

Der schönste Strand auf Mahé ist Beau Vallon, also „Schönes Tal“.

Beau Vallon

Er ist über eineinhalb Kilometer lang und bietet Restaurants und Infrastruktur einschließlich eines kürzlich errichteten Marktes. Wir suchten uns das Restaurant La Plage aus und freundeten uns dort nach und nach mit der Kellnerin Yule an. Auffällig war, dass sie als Einzige im Personal eine Weiße war, weshalb ich mich traute, sie zu fragen, woher sie stammt. Die Antwort überraschte nur teilweise: Yule war eine gebürtige Südafrikanerin.
Das Wasser am Strand von Beau Vallon ist ruhig, keine großen Wellen – vorausgesetzt, der Monsun bläst gerade nicht. Er blies nicht. Am oberen Ende des Strandes steht die katholische Kirche St. Roch, die als eine der schönsten auf den Seychellen gilt. Die Maßstäbe sind hier allerdings recht bescheiden.

Wenn das einem nicht reicht und man Mahé ein wenig genauer kennenlernen möchte, muss man sich auf der kurvenreichen Sans Souci Road auf den Weg machen. Das ist nur etwas für starke Nerven – nicht nur, weil hier wie in jeder ordentlichen ehemaligen britischen Kolonie links gefahren wird, sondern auch, weil die Straße mit ihren vielen Serpentinen keine Leitplanken hat und nicht gerade breit ist. Aber es geht. Und von dieser Straße aus gibt es drei Möglichkeiten, auf die lokalen Berggipfel zu wandern. Man sollte allerdings den geringen Höhenunterschied nicht unterschätzen. Man geht durch Dschungel, und die hohen Temperaturen und die fast hundertprozentige Luftfeuchtigkeit verlangt einem einiges ab.

Zum Glück wählten wir den Weg auf den Berg Copolia, was insgesamt 450 Höhenmeter bedeutete. Die beiden anderen Gipfel sind anstrengender. Le Trois Frères, also „Die drei Brüder“, ist um zweihundert Meter höher, und der höchste Berg, Morne Seychellois, ragt sogar 905 Meter über dem Meer auf. Für alle Wege wird Eintritt verlangt; für den „Morne Seychellois“ braucht man einen lokalen Führer, denn vor zwei Jahren verirrte sich dort eine ganze Gruppe, die mit Hubschraubern im Dschungel gesucht werden musste. Überhaupt sollte man für den Aufstieg auf den „Morne Seychellois“ sechs bis acht Stunden einplanen – es ist also ein ganztägiger Ausflug.

Copolia genügte völlig. Vom felsigen Gipfel hat man eine herrliche Aussicht auf die Hauptstadt Victoria; direkt zu Füßen liegt einem jenes luxuriöse, auf einer künstlich aufgeschütteten Insel errichtete Viertel Eden, etwas weiter rechts das Flughafenfeld und links davon das Stadion.

Blick von dem Berg Copolia auf die künstliche Insel Eden

All das befindet sich auf der aufgeschütteten Ebene, die die Briten dem Meer abgerungen haben. Das Stadion wurde von Prinzessin Margaret eröffnet, der Flughafen sogar von Königin Elisabeth II. Und als die Briten das alles gebaut hatten, inklusiv einer Bierbrauerei, kamen die Einwohner (Ureinwohner sie zu bezeichnen wäre nicht korrekt, denn auf den Seychellen lebte vor der Ankunft der Franzosen kein einziger Mensch) zu dem Schluss, dass sie die Briten nicht mehr brauchten, und erklärten die Unabhängigkeit.

Auf dem Gipfel der Copolia wachsen ganze Bestände fleischfressender Pflanzen. Sie locken Insekten mit süßem Saft in ihrem Innern an und besitzen einen „Deckel“ – nicht etwa, um sich hinter unvorsichtigen Mücken zu schließen, sondern um sich vor Regen zu schützen, der den Lockstoff verwässern könnte. Der Vorteil ist: Auf dem Gipfel der Copolia wird man von keinen Mücken oder anderen lästigen Insekten belästigt. Die befinden sich gerade im Innern dieser Fleischfresser im Prozess der Verdauung.

Fleischfressende Seychellen-Kannenpflanze (Nepenthes pervillei), 

Was historische Sehenswürdigkeiten betrifft – vom „House 1776“, in dem einst der zyprische Erzbischof Makarios seinen unfreiwilligen Aufenthalt verbrachte, sieht man nur geschlossenes Tor. Also nichts Besonderes.

House 1776

Ein Stück hinter dem Pass, in einer Höhe von 500 Metern, befindet sich ein Denkmal aus alten Kolonialzeiten – eine „Heritage Site“, also ein geschütztes Gebiet, das die Überreste einer Schule umfasst, die die Briten einst für die Kinder ehemaliger Sklaven bauten, als eine Art Versuch, alte Ungerechtigkeiten wiedergutzumachen. Die Schule hatte keinen Erfolg – ob deshalb, weil sie an einem so abgelegenen Ort stand, oder weil sich dort jene für Internatsschulen typischen Missstände ereigneten, ist nicht bekannt. Jedenfalls hielt im Jahr 1972 Königin Elisabeth II. persönlich hier an und trank eine Tasse Tee – aus diesem Anlass wurde hier ein Aussichtspavillon errichtet.

Dieser Tee wird ein Stück weiter in Richtung Westküste angebaut. In den sechziger Jahren gründete hier der Schotte Bill Henderson eine Teeplantage. Im Jahr 1961 kaufte er Grundstücke und erwarb aus Kenia Samen. Insgesamt war die Plantage in ihrer Blütezeit 120 Hektar groß und konnte damals den lokalen Bedarf decken. Heute sind es nur noch 45 Hektar, und die Teeplantage ist ein nettes Relikt, das Touristen mit einer Tasse Tee und einem Museumsbesuch für einen symbolischen Eintritt von 25 Rupien (mit englischsprachigem Führer 50 Rupien – also etwa 3 Euro) anlockt. Viel gibt es dort nicht zu sehen, dafür kann man jedoch Hendersons Hochzeitsfoto bewundern und die Tatsache, dass ein solches Ereignis es bis in die seychellische Presse schaffte. Unser lieber Schotte war offensichtlich eine lokale Berühmtheit. Heute gehört die Teeplantage der „Seychelles Trading Company“ und – wie das bei staatlichen Firmen so ist – sie siecht langsam dahin.

Die „San Souci Road“ endet in Port Launay. Ein Stück weiter beginnt der „Morne Seychellois Nationalpark“, und weitere Strände im Norden der Insel – der „Port Launay Marine National Park“, der „Baie Ternay Marine Nationalpark“ sowie der Strand „Anse Major“ – sind nur zu Fuß erreichbar. Letzteren besucht man am besten vom Ort „Bel Ombre“ aus: an der Endhaltestelle des Busses aussteigen und dann hoch über dem Meer zu dieser wunderschönen Bucht wandern. Auf der anderen Seite von „Beau Vallon“, also östlich, liegt die Gemeinde Glacis. Das war der erste Ort, an dem sich britische Honoratioren niederließen und Immobilien erwarben – dort kam Ian Fleming übrigens auch auf die Idee zu seinem James Bond und begann, seinen ersten Bond-Roman „Mister No.“ zu schreiben.

Ein Hotel, wo die Geschichte von 007 begonnen hat.

Die seychellische Gemütlichkeit endet in dem Moment, in dem man sich entschließt, mit dem Boot auf eine der weiteren Inseln der Inneren Seychellen überzusetzen, also entweder nach Praslin oder La Digue. In dem Augenblick, in dem man im Hafen ankommt, stockt einem der Atem. Hunderte, vielleicht Tausende von Touristen erzeugen mit ihrem Gepäck ein unglaubliches Chaos – es erinnerte mich ein wenig an die Atmosphäre auf der sinkenden Titanic. Ich verabschiedete mich schnell von der Vorstellung, dass wir überhaupt auf die bereitstehende Fähre kommen würden, ungeachtet unserer bereits gekauften Tickets – und vor allem davon, dass wir unsere Koffer jemals wiedersehen würden. Ein Hafenmitarbeiter zeigte echten seychellischen Gleichmut, als er uns sagte, wir sollten die Koffer einfach vor dem Gebäude, in dem die Fahrkarten abgefertigt wurden, auf dem Gehsteig stehen lassen und gehen. Ich verstand es nicht, warf meinem neuen Koffer einen letzten Blick zum Abschied zu und begab mich in die Schlange zur Fähre. Ihr werdet es nicht glauben, aber die Koffer kamen tatsächlich in Praslin an – und sogar mit unserem Schiff! Die Einheimischen haben das alles unter Kontrolle, auch wenn es auf den ersten Blick überhaupt nicht so aussieht.

Mit me iner Frau zu reisen hat einen zusätzlichen spannenden Aspekt: Man langweilt sich nie, denn sie schafft es, überall Chaos zu erzeugen. In diesem Fall wollte sie nicht mit Ethiopian Airlines über Addis Abeba fliegen, weil ich unvorsichtigerweise erwähnt hatte, dass es ein Flugzeug dieser Gesellschaft war, das einst mit dem missglückten neuen Boeing-Modell abstürzte – damals kamen drei unserer österreichischen Kollegen ums Leben. Wie dem auch sei, wir flogen also statt über Addis Abeba über Dubai. Das bedeutete aber auch, dass wir das Rückfahrticket für das Schiff umbuchen mussten, denn unser Rückflug war schon am Morgen verbucht, während der Rest der Gruppe am Abend flog. Die Dame im Ticketbüro auf Mahé wollte sich mit dem Problem nicht befassen (Ich ließ es unseren Gruppenleiter Martin regeln, denn ich hätte schon nach den ersten Sätzen aufgegeben). Auf Mahé sagte man Martin, er solle das auf La Digue klären – ein taktisch hinterhältiger Rat, denn auf La Digue gibt es kein Ticketbüro, und mein Reiseführer warnte sehr eindringlich davor, das Rückticket nicht schon auf Mahé oder Praslin zu besorgen.

Wir gingen also zum Schalter auf Praslin. Die Dame dort erklärte uns, dass sie das nicht interessiere, weil wir es auf Mahé hätten regeln sollen. Als Martin ihr sagte, dass man ihn auf Mahé abgewiesen habe, folgte ein längeres erregtes Telefonat auf Kreolisch. Martin argumentierte, dass das Reisebüro aus Bratislava im Voraus auf dieses Problem hingewiesen habe und ihm eine Lösung zugesagt worden sei. Die Dame hatte allerdings von einer derartigen Kommunikation keinerlei Kenntnis und hatte offensichtlich auch nicht die Absicht, sich diese zu verschaffen. Um irgendwelche E-Mails kümmert sich auf den Seychellen offensichtlich niemand. Martin ließ sich die gesamte Kommunikation von Zentrale in Bratislava auf sein Handy weiterleiten und legte sie ihr vor. Diese moderne Welt der Mobiltelefone übersteigt eindeutig meine Fähigkeit, mich an neue Gegebenheiten anzupassen. Doch die Dame am Schalter zeigte zum ersten Mal Interesse an unserem Anliegen und nach weiteren zwanzig Minuten Computerarbeit und einigen zusätzlichen Telefonaten erhielten wir tatsächlich zwei ausgedruckte Rückfahrkarten von La Digue nach Mahé.

Ich begriff endgültig, dass ich in solche Destinationen nur mit einer Reiseagentur fahren kann. Allein würde ich vermutlich nie wieder nach Hause kommen und müsste mir meine Rente nach La Digue überweisen lassen. Und billig ist es auf den Seychellen nicht!

            Und so erreichten wir die Insel Praslin und fanden eine Unterkunft in einem schönen Hotel namens Oasis.

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