Arzúa – Pedrouzo
In der Nacht kann ich vor Angst nicht schlafen – trotz einer Schlaftablette. Als ich nachts zur Toilette gehe, sind die Schmerzen so stark, dass ich mich kaum hinschleppen kann. Mir ist in diesem kritischen Moment nicht bewusst, dass Schmerzen gegen drei Uhr morgens am schlimmsten sind, weil der Cortisol- und Stresshormonspiegel, die sie dämpfen, zu dieser Uhrzeit am niedrigsten ist. Ich spüre: Ich werde meine Pilgerreise abbrechen müssen.
Doch am Morgen habe ich das Gefühl, ein Wunder sei geschehen. Das Knie ist nicht gesund, aber der Schmerz ist mild. Wenn ich kleine Schritte mache und das Bein nicht vor die Körperachse bringe – es also nicht durchstrecke –, kann ich gehen. Vorsichtig, langsam vielleicht, aber es geht. Vlado bietet zusätzlich an, auch meinen Schlafsack zu tragen. Das ist eine enorme Hilfe – fast zwei Kilo weniger im Rucksack, das kann entscheidend sein. Er hat mich schon öfter in der Hohen und Westlichen Tatra gerettet – auf ihn ist immer Verlass, besonders wenn es schlimm wird. Und das ist es. Ein bisschen wird er zum Sherpa. Ohne ihn wäre ich verloren – und genau deshalb habe ich ihn damals so hartnäckig überredet, dieses Abenteuer mit mir zu wagen.
Das Frühstück ist wie üblich: tostados vom gestrigen Brot, Butter, Marmelade. Die Señora kreist wieder durch das Restaurant und will wissen, ob wir zufrieden waren. Wir waren es – und das freut sie.
Wir starten die heutige Etappe auf einem Gehsteig, geschmückt mit metallenen Jakobsmuscheln, und gelangen bis zur „Praza España“, dem Hauptplatz.

Fotografieren ist hier unmöglich – ein Lkw nach dem anderen fährt vorbei und versperrt die Sicht auf die Gebäude und die gestutzten Platanen, die später Schatten spenden werden. Mit uns bricht auch die Jugendgruppe aus der Herberge auf. Die Mädchen in Leggings mit ihren schmalen Hüften sind hübsch anzusehen, marschieren aber deutlich schneller als ich, der Invalide mit einem Rucksack auf dem Rücken. Allerdings nur vorübergehend – im Laufe des Tages überholen wir sie mehrfach wieder, wenn sie erschöpft am Boden sitzen oder in einer der vielen Bars pausieren. Und sie gehen ohne Rucksack – ihr Gepäck wird in einem kleinen Bus zur nächsten Destination transportiert.
Denn ab Arzúa – einer Stadt, die für ihren Käse berühmt ist – ändert sich der Charakter des Weges radikal. Hier laufen unser „Camino del Norte“ mit dem „Camino Primitivo“ und vor allem mit dem „Camino Francés“ zusammen. Genauer gesagt: unser Weg stößt auf die anderen zwei, besonders dann auf den „Camino Francés“, der jährlich die meisten Pilger anzieht. Aus unserer fast privaten Wanderung – in fünfzehn Tagen trafen wir höchstens fünfzehn Menschen – wird schlagartig Massentourismus. Menschenströme wälzen sich über den Weg, viele ohne Rucksack. Die Koffer stapeln sich an den Rezeptionen. Viele diese „Pilger“ haben offenbar eine organisierte Reise gebucht – Gepäcktransport, Abendessen und Frühstück inklusive, sogar mit Eiern und Speck, was man sonst in spanischen Bars kaum bekommen würde. Alles ist anders.
Die Zahl der Menschen hat sich nicht verdoppelt oder verzehnfacht, sondern verhundertfacht. Es erinnert an die Hohe Tatra in der Hochsaison im Sommer, manchmal an den Weg zum Morskie Oko in Polen. Ich denke an die Kundgebungen mit Märschen am ersten Mai in den kommunistischen Zeiten mit Pflichtteilnahme für alle Bürger – eine gewisse Ähnlichkeit ist da.
Und doch: Blendet man die Menschenmassen aus, ist der Weg wunderschön. Alles blüht – Rosen, prächtige Rhododendren und schöne violette Blüten. Ich will sie für Jaracanda halten, obwohl für Jaracanda noch zu früh ist. Die Blumen entpuppen sich letztendlich als Wistarien – schön sind sie aber allemal.

In Gartenteichen quaken Frösche so laut, dass man kaum glauben mag, wie viel Lärm so kleine Tiere machen können. Die Häuser sind gepflegt, sogar etwas Farbe taucht auf, wenn auch weniger als in Asturien. Die Hunde werden kleiner. Es wäre ein herrlicher Spaziergang – ohne die Länge, ohne die Menschenmassen und ohne mein schmerzendes Knie. Aber selbst so bleibt es ein schönes Erlebnis.

Nach elf Kilometern erreichen wir Salceda. Dort gibt es eine „Pulpéría“ – eine Art Oktopus-Restaurant. Ich bestelle „pulpo a la gallega“: geschmort, mit Paprika und gekochten Kartoffeln. Kartoffeln werden im Norden Spaniens viel gegessen. Mein Oktopus schmeckt hervorragend – doch Vlado ist überzeugt, dass er für meine bald danach aufgetretene Darmprobleme verantwortlich ist. Ich schaffe es gerade noch in die nächste Bar, um sich zu erleichtern. Ich brauche zwei Toilettenbesuche, bis das Problem gelöst ist.
In dieser Bar erhält Vlado eine Nachricht aus Santiago, aus dem Seminario Menor de Belvís. Wir sollen online einchecken. Am Handy! Wir kämpfen damit eine Viertelstunde, es bringt mich an den Rand der Verzweiflung. Schließlich gelingt es, wir haben eingecheckt! Ich bestelle ein Bier, würde aber lieber einen Schluck von meinem Sliwowitz zur Darmtraktdesinfektion nehmen – viel ist von ihm übrigens nicht mehr übrig. Er war für den schlimmsten Fall gedacht, und der ist längst eingetreten. Und nun holt uns auch noch die digitale Welt ein, die alten analogen Menschen das Reisen schwer macht.
Doch das Knie hält. Als wir an der Herberge in Santa Irene vorbeikommen – mein geplanter Notstopp –, kann ich noch weitergehen. Damit gewinnt endgültig die Variante: Santiago in zwei Tagen. Das ist gut so, die Wettervorhersage kündigt für Samstag starken Regen an. Es ist warm, wir füllen Wasser bei einer Wasserquelle nach.

Durch Waldwege erreichen wir Pedrouzo. Herbergen gibt es viele, schon in Rúa sogar einen Campingplatz. Die erste Herberge mit Abendessen, „O’Borgo“, ist ausgebucht – es gibt nur noch freie Plätze im Schlafsaal. Darauf habe ich keine Lust. Wir gehen weiter zur Pension „Platas“.

Dort empfängt uns eine sehr freundliche junge Dame. 70 Euro für zwei Personen – die teuerste Unterkunft der Reise –, aber das Zimmer ist luxuriös, mit eigenem Bad und WC. Sie wäscht und trocknet sogar unsere Kleidung; wir müssen uns um nichts kümmern. Wir finden unsere Kleider an der Rezeption schön gefaltet. Nur eine Socke fehlt – wir finden sie später gemeinsam im Trockner.
Draußen regnet es wieder einmal. Wie so oft auf unserem Weg hat der Regen gewartet, bis wir den Tagesziel erreichen und ein Dach über den Kopf haben. Die Möwe aus Cudillero lässt grüßen. Große, warme Tropfen fallen, gleichzeitig scheint die Sonne – und wir erleben unseren ersten Regenbogen.

Zum Essen gehen wir in ein Restaurant, das sich fünfzig Meter von unserer Unterkunft entfernt befindet. Wir bestellen ein Menü mit Vorspeise, Hauptgang, Eis und einem Glas Wein: das alles für 15 Euro! Ein Glas ist uns zu wenig, also wechseln wir in eine Bar und bestellen noch eines. Was wir nicht bedacht haben: Zum Wein gibt es in Spanien doch immer etwas zu essen – diesmal Brot mit Jamón und Arzúa-Käse. Wir essen es tapfer auf, Vlado meint, er werde platzen. So nimmt man garantiert nicht ab.
Morgen erwartet uns das Finale. Im Gegensatz zu gestern bin ich vorsichtig optimistisch.
