Sobrado dos Monxes – Arzúa
Ab sieben Uhr läuten wieder die Glocken, und die Herberge muss bis acht geräumt werden. Also packen wir – zum ersten Mal im Dunkeln –, was meine Abneigung gegen diesen Ort noch weiter vertieft. Um acht stehen wir auf dem kleinen Marktplatz des Städtchens und suchen eine Bar zum Frühstücken. Die, in der wir gestern zu Abend gegessen haben, ist geschlossen. Auf dem Platz ist das Restaurant „La Plata“ geöffnet.
Als wir eintreten, bin ich überrascht, wie leer es ist. Nicht nur, dass keine Gäste da sind, es gibt auch kein Gebäck im Angebot. Ich frage die Kellnerin, ob sie uns etwas zum Frühstück machen könne. Sie schüttelt den Kopf. Wir verlassen enttäuscht den Raum. Draußen kommt Vlado die Idee, dass sie uns wenigstens Tee kochen könnte; etwas zu essen würden wir dann im Supermarkt kaufen. Also drehen wir um und gehen wieder hinein. Inzwischen sind jedoch unsere drei bekannten Französinnen das Restaurant betreten.
Zu meiner Überraschung liegt nun süßes Gebäck in der Vitrine. Drei Stück. Und genau diese drei nehmen sich die drei Französinnen. Ich frage, ob es noch mehr gebe – es kommt wieder ein „Nein“. Schließlich bekommen wir nach längerer Verhandlung immerhin Tee und für jeden ein Croissant. Zwar nichts Besonderes, was man unbedingt loben sollte, aber der schlimmste Hunger ist gestillt. Unterwegs halten wir im Supermarkt an, Vlado kauft seinen üblichen Saft.
In einer anderen Bar, die von Weitem geschlossen wirkte, aber offen ist, sitzen Julia und Leon. Offenbar haben sie mehr zum Frühstück bekommen als wir. Zur Korrektur ist zu spät – wir ziehen weiter durch die mühsame Landschaft zwischen Feldern und Wiesen, und mein Knie schmerzt trotz der elastischen Binde zunehmend.

Irgendwo zwischen Soran und Boimorto, unserem Zwischenziel, überholt uns Leon. Er hat es eilig, Julia ist nicht mehr bei ihm. Von ihr erfahren wir später, als sie uns einholt, dass er ein Gebäude mit gutem Internet gesucht hätte – wegen einer Videokonferenz, an der er teilnehmen müsste. Eine Videokonferenz auf einem Pilgerweg? Wer will, mag es glauben. Vielleicht war ihm Julias Redefluss doch zu viel. Wir treffen Leon nie wieder, um ihn zu dieser Sache zu befragen.
Julia gibt mir noch einen Tipp für eine Unterkunft in Santiago – es ist ohnehin die Herberge, die auch ich bevorzuge: das „Seminario Menor“, das neben Schlafsälen auch Doppel- und Einzelzimmer anbietet. Es klingt sehr verlockend.
Ich humple nach Boimorto.

Hier soll es eine Bar mit Essen geben, es ist Zeit fürs Mittagessen. Wir halten an einer Bar – doch es ist nicht die richtige. Die Señora hat nur Getränke, gibt uns aber freundlich einen Stempel in die Credencial. Bald kommen auch Julia und der junge Deutsche aus dem nördlichen Rheinland – sie hat also den Zuhörer gewechselt. Die Wirtin erklärt uns auf Spanisch, dass es das eigentliche Restaurant etwa einen Kilometer weiter in Richtung Santiago gibt.
Dort sind wir noch vor dreizehn Uhr – Essen gibt es erst ab diese Zeit. Zunächst müssen wir in der Bar Platz nehmen, bis man uns pünktlich um dreizehn Uhr ins Restaurant einlässt. Niemand spricht hier Englisch. Ich bestelle „carne con arroz“ – und erwartungsgemäß entpuppt sich das Gericht als Risotto. Es ist zwar gut, aber es fehlt etwas: nämlich das Gewürz. Weil ich beinahe immobil bin, opfert sich Vlado und bittet an der Theke um „pepe“ – Pfeffer. Allein diese Bitte löst im Restaurant und in der Küche Panik aus; offenbar ist so ein Wunsch hier ungewöhnlich bis ungehört. Schließlich kehrt Vlado mit einer Schale herrlich duftenden, frisch gemahlenen Pfeffers zurück. Mit ihm schmeckt das Essen göttlich. Erst jetzt merken wir, dass das Risotto nur die Vorspeise war – die Einheimischen essen danach noch Fisch als Hauptgang. Kein Wunder, dass die meisten spanischen Gäste ein stattliches Bäuchlein vor sich tragen.
Uns reicht das Risotto völlig. Gesättigt ziehen wir weiter durch das Dorf, entdecken eine Wasserquelle und füllen unsere Flaschen – später wird sich das als Rettung erweisen. Es ist heiß, bis zu 29 Grad im Schatten, wie das Thermometer vor der Apotheke zeigt. Da kommt mir der Gedanke, hier eine neue elastische Binde zu kaufen. Ursprünglich hatte ich geplant, einige Kilometer vor Arzúa zu übernachten, um erst morgen gegen halb zehn – wenn die Apotheken öffnen – in die Stadt zu kommen. Nun kann ich es vereinfachen. Noch ahne ich nicht, was für ein Glückgriff diese Entscheidung war.
Die Apothekerin ist eine sympathische junge Dame mit mäßigen Englischkenntnissen. Sie verkauft mir die Binde und fragt, ob wir nicht auch einen Stempel in die Credencial haben möchten. Dass es Stempel auch in Apotheken gibt, wusste ich nicht – aber aus einer „Farmacia“ habe ich noch keinen, also nehme ich ihn gern. Ihr Assistent spricht sehr gut Englisch und fragt nach unserem weiteren Weg. Da fällt mir wieder eine Information aus dem Buch von Joos ein, die ich unter Schmerzen vergessen hatte: In Boimorto teilt sich nämlich der Weg. Die neue, kürzere Variante – sei laut Joos unbedingt zu meiden – sie führt hauptsächlich auf asphaltierten Straßen und bietet keine vernünftige Herberge. Der Apotheker erklärt uns, dass wir hinter einem bestimmten grauen Gebäude in Sichtweise von der Apotheke links abbiegen müssen, um auf dem traditionellen Weg nach Arzúa zu bleiben. Er zeigt uns sogar das Gebäude.
Erst an der Kreuzung wird mir klar, wie viel Glück wir hatten. Beide Wege sind gleich markiert, aber der neue ist sichtbarer – ich war schon fast darauf unterwegs, bis Vlado mich zurückrief. Wieder einmal rettet Vladimir die Situation – und der Apotheker ebenso. Ohne den Kauf meiner Kniebinde hätte das böse enden können.
Die Herberge „Reste y San Roque“, wo ich ursprünglich vor Arzúa übernachten wollte, finden wir gar nicht. Obwohl wir den Wegweisern folgen, erreichen wir Arzúa von einer anderen Seite als im Buch beschrieben ist. Ich bin völlig desorientiert. Schließlich landen wir auf der Hauptstraße „Rúa Lugo“. Dort soll es laut Empfehlung die Herberge „Santiago Apóstol“ geben – aber in welche Richtung sollen wir sie suchen gehen? Nebenan ist ein Souvenirladen. Endlich kaufen wir die Jakobsmuschel, und ich frage nach dem Weg. Die Verkäuferin versteht nur Spanisch – vielleicht auch Chinesisch oder Vietnamesisch, was uns aber auch nicht hilft. Sie ruft in der Herberge an, diskutiert lange und schickt uns „a la izquierda“, nach links. Doch die Hausnummern steigen – wir sind bereits bei 107, die Herberge bei 37. Also kehren wir um und gehen fast einen Kilometer zurück bis zum Anfang der Stadt, wo wir die richtige Adresse finden.

Die Señora, die uns unterbringt – ob Besitzerin oder Chefin, jedenfalls laut und schnell sprechend –, bietet uns sofort ein Doppelzimmer an. Wir nehmen dankend an: 25 Euro pro Person. Die Herberge wäre halb so teuer – warum uns allerdings gar nicht angeboten wurde, verstehen wir erst beim Abendessen. Im hinteren Saal ist für 50–70 Personen gedeckt. Bald treffen sie ein: Kinder unter fünfzehn, offenbar mit Lehrern auf Pilgerfahrt. Einige humpeln mit Blasen an den Fersen. Das erklärt den aufgeheizten Grill.

Fünfzig hungrige Mäuler zu stopfen ist kein Spaß – doch die Señora meistert es souverän und kümmert sich dennoch um uns. Vlado isst Fisch, ich Schweinefleisch – beides ausgezeichnet, der Wein ebenfalls. Wäre da nicht mein ruiniertes Knie, könnte man sagen: alles bestens.
Abends kontaktiere ich meinen Sohn und bitte ihn online Zugtickets von Santiago nach Madrid und einen Flug von Madrid nach Wien zu buchen. Über das Handy schaffe ich das nicht. Er verspricht, alles zu besorgen und per Mail zu schicken – eine Methode, die sich seit Jahren bei unseren Reisen bewährt hat.
Ich schätze, wir erreichen Santiago in zwei bis drei Tagen. Es liegen vor uns noch vierzig Kilometer. Angesichts des blockierenden, stechenden Knies ist das optimistisch. Nachts kann ich kaum schlafen. Ich denke alle Varianten durch – notfalls Taxi für einen Teil der Stecke und den Rest humpeln. Optimistisch buchen wir auf Julias Empfehlung schon Unterkunft in Santiago – für Ankunft in zwei Tagen.
Doch in Wahrheit bin ich nicht optimistisch. Nachts schaffe ich es wegen Schmerzen kaum zur Toilette. Es bleibt nur das Gebet um ein Wunder, damit ich am nächsten Tag wieder auftreten kann.
Nach dreihundert Kilometern – vierzig vor dem Ziel aufzugeben?
Das würde wirklich schmerzen.