Miraz – Sobrado dos Monxes
Für den vierzehnten Tag haben wir nur eine sehr kurze Strecke nach Roxica geineplant – lediglich zehn Kilometer lang. Zum einen geht es bergauf, zum anderen wollen wir meinem Knie eine Pause gönnen. Es funktioniert zwar einigermaßen, sieht aber nicht gerade glücklich aus.
Wir gehen frühstücken. Es ist dieselbe junge Frau wie gestern Abend da, nur ist ihre Stimmung diesmal etwas düsterer – Spanier stehen morgens tatsächlich nicht gern auf. Zum Frühstück gibt es wie üblich geröstetes Brot, Butter und Marmelade. Sie fragt uns, ob wir ein oder zwei „tostado“ möchten. Wir bestellen zwei und bekommen tatsächlich zwei – jeder eine Scheibe Toast. Hätten wir nur eine bestellt, hätten wir sie wohl teilen müssen. Dafür entschädigt uns ein hervorragender, frisch gepresster Orangensaft für dreieinhalb Euro – dazu haben uns die Französinnen inspiriert, die schon vor uns zur nächsten Etappe aufgebrochen sind.

Wir steigen durch wilde Landschaft zwischen Felsen auf erdigen, teilweise steinigen Wegen bergauf. Zivilisation fehlt diesmal völlig.

Um ein Uhr kommen wir in Roxica an, wo die Übernachtung geplant war. Doch die örtliche Señora ist von unserer Ankunft wenig begeistert. Offensichtlich ist sie eine Bäuerin, die sich mit dem Betrieb in ihrer Herberge etwas zur Landwirtschaft dazuverdient. Nun kann sie sich offenbar nicht recht mit dem Gedanken anfreunden, dass sie zwei Männer den ganzen Tag dort „belagern“ würden. Auch ich kann mir bei näherer Betrachtung der Unterkunft nicht vorstellen, was wir dort den ganzen Tag tun sollten. Außerdem besteht die einzige Möglichkeit zu essen darin, Abendessen und Frühstück bei der Gastgeberin zu bestellen. Sie wirkt allerdings wenig begeistert und betont – natürlich auf Spanisch – mehrmals, dass wir das Abendessen sofort reservieren müssten. Als ich dazu bereit bin, fragt sie noch einmal nach, ob wir es ernst meinen. Schließlich gebe ich auf.

Das Knie hält einigermaßen, bis zum nächsten Ziel in Sobrado dos Monxes sind es fünfzehn Kilometer. Es ist ein Uhr, also müssten wir es bei unserer Durchschnittsgeschwindigkeit von drei Kilometern pro Stunde schaffen. Ich sage ihr also, dass wir weitergehen würden, bitte sie jedoch, uns zumindest jetzt etwas zu essen zu geben. Sie lässt sich überzeugen, lässt die Kühe kurz unbeaufsichtigt und bringt uns zwei Brote mit Chorizo und Olivenöl – für neun Euro. Auf der Toilette der Herberge füllen wir unsere Wasserflaschen auf. Dieses Wasser macht uns später ziemlich nervös, denn es riecht seltsam, als könne man die Kuhfladen vom benachbarten Hof darin erahnen. Doch der Durst löst am Ende alle Vorurteile auf. Ich trinke das Wasser am Nachmittag bis auf den letzten Tropfen aus – ohne merkbare Folgen. Keine Darmprobleme, also war es offensichtlich trotz des merkwürdigen Geschmacks einwandfrei trinkbar.
Unterwegs treffen wir mehrmals Julia mit dem Wiener Leon. Offenbar haben sie eine Freundschaft geschlossen; Julia kann selbst im vollen Marschtempo ununterbrochen reden. Vielleicht trennt sich Leon deshalb einen Tag später von ihr und erhöht sein Tempo noch weiter. Jedenfalls überholen wir die zwei, als sie an einem Ort mit herrlichem Blick ins Tal picknicken. Zu unserer Überraschung wechselt Julia während des Picknicks ihre Wanderhose gegen ein Röckchen.
Ich habe gelesen, dass irgendwo hinter dem Dörfchen mit dem zauberhaften Namen Marcela, wenn das Gelände wieder ansteigt und sich dem Verlauf der Straße AC 934 anschließt, der höchste Punkt unserer Pilgerreise liegen soll – auf 714 Metern Seehöhe.

Ich bin jedoch zu optimistisch, was die Entfernung dieser Stelle betrifft. Ich brauche insgesamt vier Versuche, um diesen Punkt zu finden. Bei den drei vorherigen, als ich überzeugt war, am Gipfel zu stehen, stieg der Weg jeweils wieder an. Vlado war jedes Mal skeptisch – und hatte wieder recht. Irgendwo dort, wo wir schließlich tatsächlich den höchsten Punkt erreichen, wechseln wir von der galicischen Provinz „Lugo“ in die Provinz „A Coruña“, und der Weg verändert sich. Er ist viel besser ausgebaut, und während wir auf den letzten Kilometern vergeblich nach einer Sitzbank zum Ausruhen gesucht hatten, stehen hier nun Bänke auf Schritt und Tritt.
Wir steigen hinunter zu einer Bar in Mesón, und dort erwartet uns eine geradezu unglaubliche Überraschung. Kaum betreten wir die Bar, stürzt sich ein riesiger Hund auf Vlado. Zunächst denke ich, es sei nur ein Doppelgänger des Hundes aus Miraz, doch beim Blick auf sein Halsband muss ich zugeben: Es ist derselbe Hund. Wie er nach Mesón gekommen ist, zwanzig Kilometer von Miraz entfernt, und woher er wusste, dass wir genau in diese Bar kommen würden, ist zu übernatürlich, um sich damit ernsthaft zu befassen. Jedenfalls zeigt der Hund eine unverhohlene Freude über Vladimirs Anwesenheit. Vlado versucht sogar, eine Hundefutterdose zu kaufen, um seinen neuen Freund zu erfreuen, doch so etwas gibt es in der Bar nicht. Nachdem Vlado also den hundegroßen „kleinen Bären“ ausreichend begrüßt hat und nach dem entsprechenden Kuscheln, brechen wir weiter auf.

Es ist offenbar auch ein galicisches Phänomen – die Vorliebe für große Hunde. Während wir in Asturien nichts Derartiges bemerkt haben, besitzt in Galicien fast jeder Bauer oder Hausbesitzer einen großen Hund im Garten, der unermüdlich bellt, um sich seine tägliche Futterration zu verdienen. Erst vor Compostela werden die Hunde wieder kleiner, und gelegentlich sehen wir dann sogar einen Yorkshire. Jetzt jedoch sind es durchwegs Hunde ab Schäferhundgröße aufwärts.
In der Bar bestelle ich gleich zwei Radler – das Mädchen hinter dem Schalter hat mich missverstanden und beschloss, als ich ein Bier für mich und eine Limonade für Vlado bestellte, beides zu mischen und mir zu servieren. Woher weiß sie, dass ein Radler in Österreich in Mode ist? Oder trinken auch die Spanier Radler? Jedenfalls schmeckt das Bier mit Zitronenlimonade gar nicht schlecht und es erfrischt. Bis zum heutigen Ziel fehlen uns noch 5,5 Kilometer.
Um halb sieben abends erreichen wir „Sobrado dos Monxes“. Aus einer geplanten kurzen Strecke ist eine Ganztagwanderung geworden. Die Stadt wird von einem riesigen Zisterzienserkloster dominiert – eigentlich ist der Ort erst um dieses herum entstanden.

Es ist eigenartig. Die Zisterzienser hatten ihre Klöster fast immer in der Nähe großer Städte gebaut, da sie dank ihrer Kontakte und Informationen das ganze Mittelalter als eine Art Beratungs- und Diplomatenservice für Herrscher europäischer Länder wirkten. So liegt Zbraslav bei Prag, Heiligenblut nahe Wien oder Rein bei Graz. Hier jedoch ist weit und breit nichts – offenbar hatten die dortigen Mönche andere Aufgaben.
Das Kloster hat eine bewegte Geschichte. Ursprünglich ließen sich hier im 10. Jahrhundert Benediktiner nieder, verließen den Ort jedoch wieder. 1147 wurde das Kloster von Zisterziensern neu gegründet. Die gewaltige Kirche, die das Städtchen dominiert, wurde 1708 geweiht. 1835 wurde das Kloster im Zuge der Säkularisation unter der spanischen Regierung des Ministerpräsidenten Mendizábal aufgehoben, das Gebäudekomplex verfiel, bis das Kloster 1954 vom Trappistenorden aus Cóbreces übernommen wurde, dem es gelang, das monumentale Gebäude zu retten.
Eine Unterkunft im Kloster ist verlockend, deshalb habe ich beschlossen, dort zu übernachten. Doch es erwarten uns einige Enttäuschungen, teils durch unsere späte Ankunft bedingt. Der Shop, über den man auch die riesige Kirche besichtigen kann, schließt nämlich um halb sieben – das haben wir verpasst. Hätten wir das gewusst, hätten wir die Dusche verschoben und wären zuerst in die Kirche gegangen. Doch um sieben, als wir mit der Hygiene fertig sind, gibt es keine Chance mehr, die Kirche zu besuchen – und das bis halb elf am nächsten Vormittag. Uns wurde jedoch aufgetragen, die Herberge bis acht Uhr morgens zu verlassen. Also suche ich vergebens eine Logik, letztendlich handelt sich um eine Unterkunft für Pilger! Und Pilger den Zugang zur Kirche auf solche Art zu versperren…
Es gäbe zwar die Möglichkeit, die Vesper – das Abendgebet der Mönche – zu besuchen, doch diese findet in einem kleinen Raum im oberen Stock statt, und ich finde schlicht den Weg dorthin nicht. Außerdem ist die Herberge – diplomatisch gesagt – unterdurchschnittlich. Es gibt wieder Papierbettlaken, die Toiletten und Duschen befinden sich am anderen Ende des Kreuzganges. Die Waschmaschine funktioniert zwar, der Trockner ist jedoch außer Betrieb, sodass Wäschereinigung nur theoretisch möglich wäre.
Wir treffen hier erneut Markus aus Freiburg, der sich wieder entschuldigt, dass er unsere Namen vergessen hat – dafür braucht er das Bad für eine halbe Stunde, um sein musketierhaftes Aussehen zu pflegen. Ich bin nicht sonderlich überrascht, als ich später erfahre, dass er geschieden ist.
Wir gehen auf dem Dorfplatz essen. Die Küche in der Herberge ist zwar gut ausgestattet, aber abends nur bis einundzwanzig und morgens nur bis acht Uhr geöffnet. Warum, weiß ich nicht. Der Platz ist voller junger schwarzer Afrikaner – offenbar gibt es hier ein Asylzentrum. Beurteilt nach der Begeisterung, mit der sie auf dem Platz Fußball spielen, hat „Sobrado dos Monxes“ gute Chancen, demnächst in eine höhere spanische Liga aufzusteigen.
Wir setzen uns in ein Restaurant am Platz. Die Kellnerin ist freundlich, jung und leicht korpulent, doch sie vergisst nicht nur, uns „cubiertos“, also Besteck, zu bringen – sie vergisst auch, dass sie es vergessen hat. Ich muss selbst ins Lokal gehen, um Besteck zu holen. Sie entschuldigt sich überschwänglich, sie komme nicht nach – obwohl sie gar nicht so viele Gäste hat. Vor uns isst ein Spanier, dem wir seit Abadín immer wieder begegnen, und später gesellt sich zu uns Julia mit den beiden jungen Männern, also Leon aus Wien und dem jungen Mann aus dem nördlichen Rheinland.
Das Essen ist gut. Es hätte auch ein preisgünstiges Menü gegeben, doch das bemerken wir zu spät. Trotzdem werden wir für etwa zehn Euro pro Person gut satt, und auch der Wein ist nicht teuer und durchaus gut trinkbar.
Gegen halb zehn kehren wir ins Kloster zurück und stellen fest, dass das Schlafen problematisch sein könnte.

Die Glocken des Kirchturms schlagen nämlich jede Viertelstunde. Zum Glück nur bis zehn Uhr abends und dann wieder ab sieben Uhr morgens. Dazwischen halten sie die Nachtruhe. Und um sieben sollten die Pilger schließlich aufstehen – wenn sie bis acht Uhr verschwinden müssen.