Baamonde – Miraz

Am Morgen brechen wir gegen acht Uhr auf, denn es gibt keinen Grund, länger in der katastrophalen Herberge zu bleiben. An der Ecke gibt es eine Bar, wo wir frühstücken können und einen Stempel in die Credencial bekommen. Um neun stehe ich vor der Apotheke – nur um festzustellen, dass sie erst um halb zehn öffnet. Mir ist klar, dass ich mit meinem Knie in seinem jetzigen Zustand nirgendwo hinkomme. Also will ich es mit einer elastischen Binde versuchen.

Der Barmann wundert sich vermutlich, warum unser Frühstück beinahe zwei Stunden dauert, aber um halb zehn erscheint endlich eine junge blonde Apothekerin und verkauft mir eine „vendajo elastico“, also eine elastische Binde. Mit Schmerzmitteln sieht es schlechter aus. Metamizol gibt es in Spanien nur auf ärztliches Rezept, und weder mein Ärztekammerausweis noch die Behauptung, ich sei „médico austriaco“, helfen weiter. Am Ende muss ich mich mit Paracetamol zufriedengeben, das ich allerdings letztlich gar nicht brauchen werde.

Elastische Binden sind in Spanien anders als bei uns. Sie sind selbstklebend und haften direkt auf der Haut. Das Problem ist, dass es für einen Ungeübten ziemlich schwierig ist abzuschätzen, wie fest man sie anziehen darf, ohne die Blutzufuhr in das Bein abzudrehen. Beim ersten Versuch ist mir das beinahe gelungen. Die Binde wieder abzunehmen, aufzurollen und neu anzulegen, ist eine Strafarbeit für einen Mörder – schließlich schaffen Vladimir und ich es gemeinsam. Es ist allerdings schon fast zehn Uhr, als wir die Bar verlassen. Mit der Binde kann ich jetzt einigermaßen weitergehen, also versuchen wir es.

Vlado bietet an, meine Wasserflasche zu übernehmen. Das ist definitiv eine Hilfe – mein Rucksack wird dadurch um anderthalb Kilo leichter, was für das Knie von Vorteil sein könnte. Wird es funktionieren?

Weil wir zur Apotheke gegangen sind und hier eine Markierung war, folgen wir dem Gehweg, nur um nach ein paar hundert Metern festzustellen, dass wir uns auf einer Alternativroute befinden. Der Meilenstein mit der Angabe 99,999 Kilometer bis Compostela steht natürlich auf dem offiziellen Weg – wir sehen ihn also nicht. Ich habe nicht die geringste Lust, dafür einen halben Kilometer zurückzugehen. Als eine Entschädigung dafür kommen wir am Erholungszentrum am Fluss Rio Parga, „Cercud Baamonde“, vorbei. Es ist ganz hübsch, und ich könnte mir vorstellen, bei schönem Wetter hier sogar einen ganzen Tag zu verbringen. Vielleicht will uns das Dorf zum Abschied doch noch überzeugen, dass es nicht ganz der Arsch der Welt ist.

Wir gehen weiter durch eine Landschaft ohne Dörfer. Brot und Chorizo hat Vlado glücklicherweise schon in Baamonde gekauft, während ich auf die Öffnung der Apotheke gewartet habe. Nach und nach treffen wir unsere Niederländer, die Deutsche Julia und schließlich noch einen weiteren jungen Deutschen, der einen Amerikaner begleitet – den ersten und letzten Ami auf unserem Weg.

Im Dorf „Seixón de Abaixo“ bemerkt Vladimir ein interessantes blaues Haus. Dort wohnt ein Steinmetz, der die Mauer entlang der Straße und auch seinen Garten mit zahlreichen Steinskulpturen geschmückt hat. Sein Garten ist frei zugänglich und ist definitiv eines Besuches wert. Das interessanteste Artefakt ist ein in Stein gemeißelter Maya-Kalender.

Dieser endet tatsächlich im Jahr 2012, als laut den Maya der Weltuntergang kommen sollte. Er kam nicht – man musste auf Donald Trump warten.

Obwohl wir während der ganzen Zeit das Fernsehen meiden, können wir ihm in den Bars nicht völlig entgehen. Und jedes Mal, wenn wir eine Bar betreten, gibt es nur zwei Möglichkeiten, was im Fernsehen läuft: Fußball oder Trump. Fußball ist mir lieber, und die Kommentare zu Trump, die auf Spanisch gesprochen und geschrieben werden, verstehe ich glücklicherweise nur ansatzweise. Als eine Erholung von der Politik ist eine solche Pilgerreise ein wahrer Balsam für die Seele.

Die heutige Etappe misst zum Glück nur 15,6 Kilometer – das schafft mein mit der elastischen Binde geschnürtes Knie gerade noch. Vor dem Zielort Miraz stoßen wir auf die nette Herberge „A Lagoa“. Hier treffen wir – zum letzten Mal – unsere Niederländer, aber auch Julia und den Amerikaner. Man fühlt sich hier einfach wunderbar. Der Besitzer feiert ein Familienfest, denn die Herberge hat genau heute eröffnet, und so bewirtet er Eltern, Tanten und Onkel, findet aber dennoch auch Zeit für die Gäste. Den Stempel für die Credencial lässt er frei auf dem Tisch liegen, also bekommen wir so unseren zweiten Stempel des Tages.

Und endlich erhalte ich ein wirklich „großes“ Bier – also einen halben Liter. Bis jetzt bekam ich immer, wenn ich „cerveza grande“ bestellte, ein Drittelliterglas. Ich weiß also nicht, wie ein kleines Bier in Spanien aussieht. Jetzt aber ist es endlich vom Fass und ausreichend groß – zum Teufel mit den Gefahren des Tages, nach diesem Marsch ist es ein geradezu wundersames Getränk.

Auch dank ihm können wir weitere 2,6 Kilometer bis ins Dorf Miraz gehen, wo Joos die Herberge „O Abrizo“ empfiehlt. Julia bleibt in der öffentlichen Herberge im Ort, der Amerikaner und der Deutsche gehen offenbar noch etwa zehn Kilometer weiter nach Roxica, ebenso die Niederländer. Diese Pilger werden wir also künftig nicht mehr treffen.

Die Herberge „O Abrizo“ ist jedoch genau die richtige Wahl. Das Mädchen in der Bar, das zugleich die Rezeption betreut, spricht ein paar Worte Englisch. Wir bekommen die Schlüssel zur Herberge, es gibt auch einen schönen Garten, in dem wir in der Nachmittagssonne entspannen können. Doch wir müssen wieder einmal waschen und trocknen. Waschmaschine und Trockner sind zwar vorhanden, aber die Beschriftung ist etwas verwirrend – wir werfen die Münzen in den falschen Schlitz. Doch die Señorita aus der Bar hilft uns bereitwillig, sodass am Ende alles klappt und unsere Wäsche wieder sauber und trocken ist. Außerdem versorgt sie uns auch mit einem Stempel für die Credencial.

Da wir an diesem Tag bereits zwei Stempel haben und für den nächsten nur eine kurze Strecke nach Roxica planen, wo es unterwegs keinen Stempel geben wird, ist sie bereit, uns einen Stempel ohne Datum zu geben – das Datum trage ich morgen früh als erstes selbst ein. Alles ist auf einem guten Weg, trotz meinem schmerzenden Knie und Vlados Blasen an den Füßen.

Der Hauptgrund, warum wir diese Herberge gewählt haben, ist jedoch, dass hier Abendessen angeboten wird. Ein ganzes Menü mit Vorspeise, Hauptgang und Wein für 15 Euro. Der Kellner ist sehr flink, aber auch redselig – und spricht natürlich nur Spanisch. Bei seinem Wortschwall habe ich nicht gerade wenig Mühe zu verstehen, was er uns angeboten hat, aber am Ende essen wir sehr gut. Und der lokale galicische Hauswein ist ebenfalls ausgezeichnet.

Wir befinden uns in dem echten galicischen Land. Zuerst ziehen Ziegen und Schafe von links nach rechts an uns vorbei, dann Kühe von rechts nach links, und schließlich erscheint im Restaurant ein Tier, das an einen Mischling zwischen Hund und Bär erinnert. Ein riesiger weißer Hund, der gekommen ist, um nach Essen zu betteln. Offenbar gehört er nicht zur Herberge, aber weder der Kellner noch ein weiterer spanischer Gast schaffen es, ihn zu vertreiben. Besonders dann nicht, nachdem ihm Vlado Knochen von seinem Huhn gespendet hat.

An den Nebentisch setzt sich Julia mit zwei jungen deutschsprachigen Männern. In einem von ihnen erkennen wir später Leon aus Wien, der andere stammt aus dem nördlichen Rheinland. Auch Leon hat Huhn bestellt, und der Hund riecht es. Leon ist allerdings nicht bereit, ihm die Knochen zu geben. Also löst der Hund das Problem einfach selbst und nimmt sie mit einem schnellen Zungengriff direkt von Leons Teller.

Außer uns sitzen im Restaurant noch drei Frauen mittleren Alters, die uns tagsüber überholt haben. Sie sprechen eine zischende Sprache, die wir nicht identifizieren können. Offensichtlich beherrschen sie weder Spanisch noch Englisch. Am Morgen beim Frühstück kann ich nicht widerstehen und frage, wo sie herkommen. Sie sind aus Frankreich. Offenbar geht es also auch ohne Sprache – die Damen benutzen beim Sprechen einfach überproportional viel Hände und manchmal auch Füße.

Wie ich feststellen kann, sprechen sowohl Julia als auch Leon recht gut Spanisch – im Umgang mit dem Hund nützt das ihnen jedoch nichts. Hier hat eindeutig Vladimir gesiegt. Und dieser Sieg wird noch Folgen haben.

Heute können wir also mit dem Tagesabschluss zufrieden sein: gutes Abendessen, guter Wein und guter Schlaf.

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