Abadín – Vilalba

Wir verlassen unsere luxuriöse Unterkunft in Abadín bereits um acht Uhr (der Spanier ist schon eine Stunde vor uns aufgebrochen), denn wir fürchten den Regen, der laut Wettervorhersage am Nachmittag sehr stark ausfallen soll. Vladimírs Schwester ruft an und macht sich Sorgen. Sogar in den slowakischen Nachrichten wird über heftige Regenfälle mit Überschwemmungen in Spanien berichtet – das betrifft allerdings den Süden. Bei uns nieselt es tagsüber zwar zweimal, aber nur ganz leicht, keinesfalls so, dass es unseren weiteren Weg behindern würde. Dennoch ziehen wir wasserdichte Jacken und Überhosen an – wir sind damit auch auf einen stärkeren Regen vorbereitet, der jedoch letztlich ausbleibt. Wir haben einfach Glück, der Möwendreck wirkt offenbar immer noch. Ein bisschen weniger Sonne würden wir sogar begrüßen, wir haben beide bereits verbrannte Nasen. Die Sonnenschutzcreme hat aus irgendeinem Grund versagt. Wir schmieren uns unsere Nasen mit Bepanthen ein, damit sie schneller heilen könnten, doch das ist eher ein Wunschdenken.

Schlimmer ist, dass sich mein rechtes Knie immer intensiver meldet. Es schmerzt und beginnt zu stechen – ich lokalisiere den Schmerz im Gelenkspalt, es könnte aber auch ein Seitenband sein. Noch schränkt es mich nicht allzu sehr ein, aber es ist ein beunruhigender Faktor, der die Freude am Weitergehen deutlich mindert. Für heute sind 20 Kilometer geplant, eine etwas eintönige Strecke zwischen Feldern und Wiesen, ohne besondere Höhepunkte.

Umso mehr achten wir auf die galicische Architektur, an der wir vorbeikommen. Im Gegensatz zum farbenfrohen Asturien sind die Häuser in Galicien entweder weiß oder haben steinerne Fassaden. Sie sind gepflegt und sauber, doch die farbliche Vielfalt fehlt hier. Wir überqueren mehrere Brücken, die sicherlich noch aus dem Mittelalter stammen. Sie sind aus Granit gebaut – also für die Ewigkeit – mit steinernen Bögen. Stein ist hier allgegenwärtig. Die Grundstücke sind mit flachen, senkrecht aufgestellten Steinplatten begrenzt; diesem Phänomen werden wir auf dem restlichen Weg immer wieder begegnen.

Auch die Getreidespeicher haben sich verändert – es sind offenbar Trocknungs- und Speicheranlagen in einem. Statt der asturischen quadratischen „Paneras“ gibt es in Galicien längliche „Hórreos“.

Die Wände haben Zwischenräume, damit der Wind die innen aufgehängten Maiskolben trocknen kann, und sie stehen auf waagerechten Steinplatten, die verhindern, dass Mäuse hineingelangen. Die Mäuse haben es sowohl in Galicien als auch in Asturien offenbar schwer. In beiden Regionen fehlt unmittelbar vor dem Eingang zur Speicherhütte stets die letzte Stufe, damit kein Mäuschen hineinkommt – der Bauer bringt die Stufe vermutlich selbst mit, wenn er den Speicher betreten will.

Ein weiteres typisches architektonisches Element Galiciens sind die Friedhöfe. Zum ersten Mal sehen wir einen typischen galicischen Friedhof im Dorf Goiriz.

Sie sind von hohen Mauern umgeben wie Festungen – eine Tradition aus vor­römischer, also keltischer Zeit – und diese Mauern sollen ebenso wie die großen Kreuze auf den Grabstätten vor bösen Geistern schützen. Die Gräber liegen übereinander; jede Familie besitzt ein solches Granitmonument, und die Toten werden übereinander „gestapelt“. Offenbar wird der Sarg in eine vorbereitete Öffnung geschoben und anschließend mit einer Granitplatte mit dem Namen des Verstorbenen verschlossen. So spart man viel Platz, denn der Friedhof ist von seinen mauerartigen Begrenzungen umschlossen und kann sich nicht weiter ausdehnen.

Schon nach fünf Kilometern Marsch erreichen wir in der Nähe des Dörfchens „As Paredes“ eine reizende, im Wald versteckte Herberge namens „O Xistral“.

Herberge “O Xistral”

Es handelt sich um ein von einem einheimischen Pilgerpaar renoviertes steinernes Bauernhaus. Es sieht großartig aus; fast bedaure ich, dass wir gestern nicht fünf Kilometer weitergegangen sind. Es wird auch Essen angeboten, allerdings sei eine Reservierung im Voraus nötig. Wir setzen uns nur kurz in den schönen Innenhof, füllen unsere Wasserflaschen auf und ziehen weiter.

Unterwegs begegnen wir nur einem einzigen Pilger. Es ist ein Spanier aus Granada, der einst letzten muslimischen Festung im Süden Spaniens. Ich freue mich auf die Bar in Castromaior, denn Joos schreibt, dort gebe es die besten Tortillas auf dem ganzen Weg nach Santiago. Außerdem treffen wir zur Mittagszeit ein – nichts spricht also dagegen, eine Tortilla zu probieren. Ich stelle mir mexikanische Maisfladen vor, doch zu meiner Überraschung bekomme ich eine spanische Omelette mit Eiern und Kartoffeln. Ich muss jedoch zugeben, sie schmeckt wirklich hervorragend, frisch zubereitet und genau richtig gewürzt – weder zu viel noch zu wenig. Eine spanische Tortilla ist also schlicht eine Omelette, ganz gleich in welcher Variante; später bekommen wir in einer anderen Bar sogar eine einfache Eieromelette ohne Kartoffeln als „Tortilla“.

In der Bar treffen wir unseren Schweizer wieder. Er ist erneut etwas schockiert, uns zu sehen, da er glaubt, uns schon endlich hinter sich gelassen zu haben. Auch diesmal können wir es klären. Er hat in der öffentlichen Herberge in Gontán übernachtet, also zwei Kilometer vor unserer Unterkunft in Abadín. Mit ihm sitzt am Tisch die erste (und einzige) Österreicherin, der wir auf der ganzen Pilgerreise begegnen – Birgit aus Eisenerz in der Steiermark.

Das Ziel unserer heutigen Etappe ist das Städtchen Vilalba. Schon vor der Stadt steht eine bunkerartige Herberge; wir gehen daran vorbei – und das ist eine richtige Entscheidung. Sie liegt noch mehrere Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, und das einzige Restaurant, das die dort übernachtenden Pilger versorgen könnte, ist heute geschlossen – es ist Samstag.

Wir gelangen über eine völlig verrückte Fußgängerüberführung, die unseren Weg um mindestens zweihundert Meter verlängert, in die Stadt.

Vlado würde am liebsten eine Abkürzung über den Kreisverkehr nehmen, doch mit meinem protestierenden Knie wage ich es nicht, mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken zwischen den fahrenden Autos hindurchzulaufen. Um uns herum fahren zahlreiche Radfahrer vorbei, völlig mit Schlamm bespritzt – offenbar findet hier ein Rennen statt. An den Straßen stehen Organisatoren und Polizisten, die die Gruppen dieser unglaublich schmutzigen Sportler dirigieren.

Wir durchqueren fast die ganze Stadt, bevor wir die Herberge „As Pedreiras“ entdecken.

Herberge “As Pedreiras”

Sie liegt etwas versteckt in einer Seitenstraße, und man muss einen ganzen Wohnblock umrunden, um zu ihr zu gelangen. Doch die Herberge ist schön und modern; wir bekommen sogar normale Stoffbettlaken, und es gibt sowohl eine funktionierende Waschmaschine als auch einen Trockner, was wir dankbar nutzen. Die Señora an der Rezeption ist erschreckend redselig, doch da sie Spanisch spricht, ist der Informationsgewinn für uns begrenzt. In der Herberge treffen wir sowohl unseren Schweizer als auch Birgit aus der Steiermark wieder. Der Schweizer wirkt schon ein bisschen genervt. Wie ist es möglich, dass ihn – einen beinahe professionellen Wanderer – zwei gesundheitlich angeschlagene Pensionisten ständig einholen oder sogar überholen können? Wahrscheinlich beschließt er gerade, morgen mindestens 40 Kilometer zurückzulegen, um uns definitiv abzuschütten. Da können wir nicht mitmachen. Wir sehen ihn in Vilalba tatsächlich das letzte Mal.

Kaum haben wir eingecheckt, beginnt es draußen heftig zu regnen. Wieder einmal haben wir Glück. Es regnet nur etwa eine Stunde – gerade lange genug, um unsere Sachen zu waschen und zu trocknen – dann hört es auf, sodass wir das reizende Städtchen Vilalba besichtigen können.

Wir gehen also in die Stadt. Gleich hinter der Herberge führen hohe Stufen auf einen Platz hinauf, wo ein Konzert vorbereitet wird.

Die Stiege führen zum Hauptplatz von Vilalba

Das Zentrum besteht aus einem Platz mit Kirche und einem großen Turm einer ehemaligen Befestigungsanlage, einem weiteren kleinen Platz mit Rathaus sowie einer Markthalle. Dort herrscht reges Treiben. In der Stadt findet gerade ein Käsemarkt statt. Es sind viele Menschen da und unzählige verschiedene Käsesorten. Ich beginne zu verstehen, dass Galicien vor allem ein Land des Käses ist – später in der Stadt Arzúa wird sich diese Tatsache bestätigen. Neben Käse gibt es natürlich auch Jamón, Würste, Souvenirs und Brot. Wir kaufen ein Kilogramm schweres Brot – und fallen fast in Ohnmacht, als die Verkäuferin dafür sieben Euro verlangt. Nach dieser Lektion kaufen wir Käse und Wurst hier auf dem Markt lieber nicht mehr, ich fotografiere und filme nur noch, denn es ist ein echt interessantes Erlebnis.

Der Lebensmittelladen liegt ganz am Ende – beziehungsweise am Anfang – der Stadt. Wir gehen dorthin und kaufen Saft für Vlado, noch in der Hoffnung, in einem Restaurant zu essen. Doch entweder sind die Gaststätte geschlossen oder servieren sie erst ab halb neun. Schließlich entdecken wir ein Spezialgeschäft für Käse und kaufen dort Produkte für das Abendessen. Da man dort jedoch keinen Wein verkauft, gibt es unser Abendessen wieder einmal mit Tee – und mit jenem teuren Brot, das sich geschmacklich als das schlechteste erweist, das wir in ganz Spanien gegessen haben. Vermutlich besitzt es besondere Qualitäten, die ein uninformierter Mitteleuropäer nicht zu schätzen weiß.

Auf Stofflaken schläft es sich unvergleichlich besser als auf Papierlaken. Ich schlafe wie ein Stein von halb zehn abends bis acht Uhr morgens. Nun ja – Rentner. Offenbar beginne ich, mich auf diese Tatsache zu gewöhnen.

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