Mondoñedo – Abadín
Das Frühstück nehmen wir ebenfalls im Seminar ein. Die spanische Gastfreundschaft geht allerdings nicht so weit, dass die Köchin uns zuliebe früher aufstehen würde. Der Kaffee auf dem Tisch ist noch vom Vortag, und es gibt weder einen Wasserkocher noch eine Herdplatte. Dazu das übliche geröstete Brot, Butter und Marmelade. Wir wissen uns keinen Rat, bis ein Señor erscheint. Ich frage ihn, wie ich meinen Kaffee erhitzen könnte, da kalt ist er wirklich nicht trinkbar. Höflich korrigiert er mich: Es heiße nicht „Agua calda“, sondern „Agua caliente“, und zeigt uns dann die Mikrowelle. Das Problem ist gelöst, wir können trinken – Vlado leidet allerdings trotzdem, denn er trinkt keinen Kaffee und Tee wird nicht angeboten.
Deshalb machen wir gleich nach dem Verlassen des Seminars Halt in der Konditorei auf dem Platz. Dort bekomme ich einen wirklich guten Kaffee, Vlado kriegt endlich einen Tee, und vor allem erhalten wir in unsere „Credencial“ das schönste Stempelzeichen der gesamten Reise.
Wir stehen vor einem Dilemma. Von Mondoñedo aus führen auf dem Jakobsweg zwei Routen weiter. Beide gehen bergauf. Die eine steigt allmählich und lang an (sie misst 17,2 Kilometer), die andere ist vier Kilometer kürzer, dafür aber deutlich steiler. Der Höhenunterschied der ersten Variante beträgt etwa 400 Meter, bei der zweiten ist das ungefähr 530. Ich zögere, denn meinem rechten Knie traue ich überhaupt nicht mehr. Schließlich entscheiden wir uns doch für die kürzere und steilere Variante. In der Hohen Tatra und in den Alpen bewältigen wir schließlich solche Höhenunterschiede auch regelmäßig – sogar in den letzten Jahren, in denen wir doch ein Gefallen an Seilbahnen gefunden haben.
Der Zustand meines rechten Knies beunruhigt mich allerdings zunehmend. Es beginnt zu schmerzen, sticht jedoch noch nicht; man kann gehen. Doch wie wird das Gelenk auf die Belastung durch den steilen Anstieg reagieren?
Am Ende ist der Aufstieg gar nicht so schlimm. Es geht in Serpentinen hinauf, aber es gibt kein Klettern über Felsen. Wir sind in den Bergen, überall nur Natur, und während der ganzen Zeit begegnen wir nur einem einzigen Pilger. Er ist ein Spanier, mit dem wir uns nicht verständigen können, da er nur Spanisch spricht. Also wünschen wir uns gegenseitig „Buen Camino“ und wir lassen ihn weiterziehen. Er holt uns ein, als wir nach dem Erreichen des höchsten Punktes der Strecke Mittagspause machen – mit üblichem Brot und Chorizo. Und dann erscheint auf dem Horizont bekannte Gestalt. Mit einem stattlichen Bauch und im Laufschritt. Als der Schweizer zu uns kommt, mustert er uns ungläubig. Er hat uns doch gestern überholt und jetzt sind wir schon wieder vorne? Ich erkläre ihm, dann wir gestern bis nach Mondonedo gegangen sind, er hat in Vilanova de Lourenza übernachtet. Die Erklärung beruhigt ihn ein bisschen, er schaut aber nicht ganz zufriedengestellt zu sein. Er gibt Gas und verschwindet hinter dem nächsten Hügel.
Die Berge sind wunderschön, doch was stört, sind die allgegenwärtigen Windkraftanlagen.

Es sind Dutzende, auf jedem Hügel stehen sie – auch auf dem, den wir erklommen haben. Wir gehen an vielen Eukalyptuswäldern vorbei.

Man begegnet Arbeiter, die offenbar den Boden für weitere Anpflanzungen vorbereiten; sie haben sogar Mulchtraktoren, um das Unterholz zu beseitigen. Die Forstwirtschaft scheint in Galicien auf einem sehr ordentlichen Niveau zu sein.

Am Mittag rufe ich bei unserem nächsten möglichen Ziel an. Wir haben nämlich zwei Optionen: eine öffentliche Herberge in der ehemaligen Schule im Dörfchen Gontán oder die elegante Herberge Xabarín im Dorf Abadín. Ich favorisiere Xabarín, möchte aber ungern umkehren müssen, falls sie geschlossen wäre. Zu meiner Freude meldet sich am Telefon der Hospitalero, der sogar sehr gut Englisch spricht. Er heißt Daniel, seine Herberge ist geöffnet, wir können also bis zu ihm weitergehen. Er freut sich sehr auf unseren Besuch.

Als wir ankommen, erfahren wir, dass er erst seit gestern geöffnet hat und wir seine ersten Gäste in diesem Jahr sind. Das Appartement ist supermodern, mit Frühstück für 55 Euro für uns beide. Das Zimmer ist komfortabel, die Küche hervorragend ausgestattet, nur der Aufenthaltsraum hat für einen Pilgerweg zu heiligen Stätten eine etwas avantgardistische Dekoration.

Die Kaffeemaschine bereitet ausgezeichneten Kaffee zu; dieser Unterkunft ist wirklich nichts vorzuwerfen. Zudem befindet sich gleich nebenan ein Lebensmittelladen. Dort kommt mir eine Idee zu einem Experiment. Im Laden gibt es Sidra, also jenen typischen spanischen Apfelwein. Er hat vier Prozent Alkohol, also ungefähr so viel wie Bier. Ich kann nicht widerstehen und kaufe eine Flasche. Die Entscheidung erweist sich als ein völliger Fehlgriff. Das Getränk ist so schrecklich sauer, dass es uns beiden das Gesicht verzieht. Nach einem Schluck ist Schluss, mehr schaffen wir nicht – selbst mit einer hohen Dosis von Magenschutztabletten nicht. Angeblich gibt es auch „Sidra dulce“, also eine süße Variante, doch nach dem heutigen Erlebnis wage ich es bis zum Ende unseres Spanienaufenthalts nicht mehr, sie zu probieren. Vielleicht ein andermal.
Weil mein Knie immer unsicherer wird, schicke ich Vlado los, um Wein zu kaufen. Statt einer Rioja bringt er allerdings einen galicischen Wein namens „Val Quiroja“ mit. Nicht, dass er ausgesprochen schlecht wäre, doch von all den Weinen, die wir während der Pilgerreise getrunken haben, ist er der schwächste. Das war auch das letzte Mal, als ich Vlado mit dem Weineinkauf beauftragt habe. Es fehlt ihm offensichtlich die südsteierische Ausbildung.

Zum Abendessen gibt es Bohnen, und darin finden wir nach einer längeren Sucherei insgesamt vier kleine Stücke Wurst – für jeden von uns zwei. Die Anschrift auf der Konserve hat letztendlich „Bohnen mit Wurst“ versprochen.
Wir bleiben nicht die einzigen Gäste; später kommt noch einer an. Er ist jedoch wieder ein Spanier, der nur Spanisch spricht und daher kein Bedürfnis hat, mit uns eine Freundschaft zu schließen. Später begegnen wir ihm noch mehrmals, da er ungefähr im gleichen Tempo unterwegs ist wie wir.
Die Wettervorhersage sieht schlecht aus – für die nächsten zwei Tage ist Regen angekündigt.