Ribadeo – Mondoñedo

Es regnet heftig beinahe die ganze Nacht, doch am Morgen hat die Sonne bereits über die Wolken gesiegt und verspricht einen schönen Tag. Wieder einmal hatten wir Glück. Als Folge des nächtlichen Wolkenbruchs werden uns in der ersten Tageshälfte Nebel und tiefe Bewölkung in den Tälern begleiten, über die wir jedoch hinaufsteigen sollen – und das tun wir auch.

Der Schweizer steht schon gegen halb sieben auf, packt im Dunkeln seine Sachen und verlässt auf Zehenspitzen und ganz leise die Herberge – wir sind hier nur zu dritt untergebracht. Wir stehen wie richtige Rentner erst um acht auf und frühstücken – Würstchen und Joghurt; den Joghurt brauche ich dringend, in der Nacht hatte ich gewisse Darmprobleme. Wir lassen uns Zeit, schließlich habe ich Antonio versprochen, die Herberge erst um neun zu verlassen, und ich weiß inzwischen, dass die Spanier gern schlafen.

Gegen halb neun rufe ich ihn also an und sage „Estamos listos“, einen Satz, den ich mir am Abend zuvor eingeprägt habe und der bedeutet, dass wir bereit sind. Antonio steht innerhalb von fünf Minuten vor der Herberge und legt ein TAXI-Schild hinter die Windschutzscheibe. Wir müssen ihm also glauben, dass er tatsächlich ein Taxifahrer ist.

Für fünfzehn Euro bringt er uns nach „A Ponte“, etwa acht Kilometer weit. Unterwegs überholen wir den Schweitzer, der diszipliniert den asphaltierten Weg entlangläuft. Von „A Ponte“ geht es bergauf, und vor allem – wir verlassen die asphaltierte Straße. Mein rechtes Knie gefällt mir nicht so recht, auch wenn es bislang keine großen Probleme macht. Eigentlich hatte ich Angst um mein linkes – das zweimal operiertes Knie – doch das ist ruhig, während sich das rechte sporadisch meldet. Es ist allerdings kein wirklicher Schmerz, vor allem sticht es nicht. Ich weiß inzwischen: Solange der Schmerz im Gelenk dumpf ist, kann man weitergehen. Sobald es zu stechen beginnt, ist Schluss.

Bislang deutet jedoch nichts auf größere Schwierigkeiten hin. Wir steigen hinauf nach „Vilamartín Grande“. Dort gibt es eine kleine Bar mit einer sehr sympathischen jungen Dame. Sie entschuldigt sich, dass sie nur eine sehr kleine Auswahl an Getränken und Speisen habe, da die Bar offiziell erst in einigen Tagen eröffnet wird. Sie bietet aber einen großartigen Kaffee an, der den Zucker genau fünf vorgeschriebene Sekunden lang auf der Oberfläche hält – der beste Kaffee, den ich auf dem gesamten Weg nach Compostela bekomme – und das für einen Euro und zwanzig Cent. Wir kaufen Aufsätze für die Spitzen unserer Teleskopstöcke, denn Vladimír gesteht mir erst jetzt, dass ihn das Klappern meines Stocks mit der Metallspitze seit über einer Woche nervt. Außerdem bekommen wir von der Señorita Stempel in unsere „Credencial“ und als Zugabe ein schönes Lächeln. Der Tag ist ab sofort viel freundlicher.

Mehrmals begegnen wir an diesem Tag dem holländischen Paar, das wir erstmals im Zug in Navia getroffen haben. Wir wechseln den Gruß „Buen Camino“. Als wir ins Dorf „San Justo“ hinabsteigen, finden wir neben einer kleinen Kirche eine Bank, auf der man zu Mittag essen kann – unsere übliche Chorizo und Brot.

Kaum sind wir fertig, erscheint am Horizont der Schweizer. Als er uns erkennt, traut er seinen Augen nicht. Er war doch noch in der Dunkelheit aufgebrochen, als wir zufrieden schliefen – er versteht nicht, wie wir an ihm vorbeikommen konnten. Er wechselt ein paar Worte mit uns und begreift, dass er zulegen muss, um uns abzuschütteln. Er gibt Gas und verschwindet in der Ferne. Wir folgen ihm bis nach Vilanova de Lourenzá; auf dem Platz steht dort die prächtige große Kirche San Salvador. Dort holen wir wieder einmal die Holländer ein, die für heute offenbar genug haben und im Städtchen bleiben wollen.

Vilanova de Lourenza

Ich habe jedoch eine andere Idee. Ich hatte die nächste Übernachtung im Seminar des Klosters in Mondoñedo geplant, und dieses Städtchen ist nur 8,8 Kilometer entfernt. Was wäre, wenn wir bis dorthin weitergingen? Es ist erst drei Uhr, zeitlich müsste es also passen. Vlado stimmt schließlich zu. Es geht gut voran, das Knie hält, auch wenn es mir zunehmend  Sorgen bereitet. Die letzten drei Kilometer beginnt es zu nieseln. Es sind die ersten Regentropfen auf unserer Reise, aber kein starker Regen, der uns irgendwie einschränken würde. Dennoch packen wir zum ersten Mal unsere Regenponchos aus.

So erreichen wir das Städtchen und finden direkt den Weg zum Priesterseminar.

Dort befindet sich nämlich eine Herberge, die Joos in seinem Buch sehr empfiehlt. Zunächst glauben wir, der Schweizer habe uns eingeholt. Es ist aber nicht so, er ist nicht da. Wir stehen in einer Vorhalle, in der keine Menschenseele ist. Nach einiger Zeit entdecken wir in einer Ecke eine Klingel, und ich wage es zu läuten. Lange geschieht nichts, dann erscheint ein kleiner Mann mit neutralem Gesichtsausdruck. Er spricht nur Spanisch. Er hört sich meine Bitte an, dass wir übernachten möchten, und verlangt unsere Reisepässe. Während er mit einem Finger auf der Tastatur tippt, erledigt er drei Telefonate. Das Einchecken dauert aus meiner Sicht ewig, doch er lässt sich nicht stressen. Ich bestelle auch Abendessen und Frühstück, da Joos das empfiehlt. Unterkunft mit Abendessen und Frühstück kostet 31,50 Euro pro Person! Der Preis ist sehr gut, wir bekommen auch schöne Stempel in die „Credencial“. Ich muss dem Herrn nachsprechen, dass das Abendessen um „ocho“ serviert wird, damit er sicher ist, dass ich ihn verstanden habe. Eile kennt man im Kloster offenbar nicht.

Dann bringt er uns auf unser Zimmer. Wir bekommen ein Doppelzimmer mit eigenem Bad und Toilette, mit Blick auf den Hof des Seminars. Reiner Luxus, wie wir ihn schon lange nicht mehr erlebt haben.

Wir duschen und gehen ins Städtchen. Es ist zauberhaft. Um sieben beginnt in der Kirche „Virgen de la Asunción“ die heilige Messe. Wir gehen hinein. Die Kathedrale ist großartig.

Dieses Städtchen ist nämlich Sitz des Bischofs der Diözese Mondoñedo–Ferrol. Vor langer Zeit – im fünften und sechsten Jahrhundert – hieß der Ort „Britonia“, weil Briten aus Südengland hierher vor der damaligen Invasion der germanischen Angeln und Sachsen flohen. Mit dem Bau der Kathedrale begann man bereits im elften Jahrhundert im romanischen Stil, der bis heute vorherrscht. Nur die monumentalen Türme sind barock – wie es sich in Spanien gehört. In der Kirche bewahrt man eine wertvolle Marienstatue „Nuestra Señora de la Inglesa“ auf. Warum die „englische Dame“? Ursprünglich stand diese Statue in der Kathedrale St. Paul in London. In der Zeit der Reformation und des Bildersturms gelang es, sie zu retten und hierher zu bringen. Leider weiß ich das zu dem Zeitpunkt, als ich in der Kirche sitze und die Messe höre, noch nicht – der Deutsche Joos übertreibt es in seinem Buch nicht mit kirchlichhistorischen Details. Ich hätte der Statue viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt. So scheucht der Priester gleich nach der Messe die Leute aus der Kirche und schließt ab, obwohl sie offiziell bis acht Uhr geöffnet sein sollte. Aber vermutlich will er auch zum Abendessen gehen.

Im Städtchen gibt es noch den alten Brunnen „Fuente Vieja“ – ein steinernes Bauwerk, das die Bevölkerung mit Wasser versorgte und das König Karl I. errichten ließ; sein Wappen schmückt den Brunnen.

Wir kennen ihn als Kaiser Karl V., doch in Spanien war er der erste König dieses Namens. Auf dem Platz im kleinen Park neben der Konditorei blickt uns die Statue eines Herrn an, lässig auf einem Stuhl sitzend, mit einem Arm über der Rückenlehne. Erst später erfahre ich, dass es sich um den Schriftsteller Álvaro Cunqueiro (1911–1981) handelt, natürlich den berühmtesten Sohn dieser Stadt. Dass er ein großer Unterstützer des Caudillo Franco war, scheint hier nicht weiter zu stören, angeblich distanzierte er sich gegen Ende seines Lebens von Francos Falange. Wir wollen es glauben.

Mondoñedo hat jedoch noch einen anderen berühmten Sohn, ebenfalls Schriftsteller und Gelehrter (nicht weiter überraschend, da es sich um einen Bischofssitz und damit um ein Bildungszentrum handelte, und hier in den Hügeln am Ende der Welt gab es wohl nicht allzu viel anderes zu tun, als zu schreiben), dem ebenfalls ein Denkmal gewidmet ist, wenn auch an einer weniger prominenten Stelle. Es war Manuel Leiras Pulpeiro (1854–1912), Vertreter des galicischen „Rexurdimento“, also der nationalen Wiedergeburt.

Er war ein Schriftsteller und Sammler nationaler Kultur, insbesondere von Liedern – „Cantares Gallegos“. Auch die Galicier erlebten also in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts etwas Ähnliches wie zum Beispiel die Slowaken – eine Emanzipation von der dominierenden spanischen Kultur, die Slowaken versuchten in dieser Zeit sich von der ungarischen Dominanz zu emanzipieren. Heute sind die Galicier mit einer eigenen Sprache belohnt und grüßen statt „Buenos Días“ mit „Bon Dio“. Doch das kastilische Spanisch beherrschen sie ebenfalls.

Wir gehen um acht Uhr zum Abendessen. Auf dem Tisch steht eine Mischung aus grünen Bohnen mit Wurst und Eiern auf einer Platte und Nudeln mit Fleischragout auf einer anderen. Dazu Wasser, Wein und Brot. Ich bin zufrieden – für Klosterkost ein reichhaltiges Mahl, und bei diesem Preis erst recht. Kaum haben wir uns jedoch von den Platten auf unsere Teller die Speisen genommen, erscheint die Köchin mit dem Hauptgang. Die beiden riesigen Platten waren also nur die Vorspeise! Da schauen wir nicht schlecht! Als Hauptgericht gibt es überbackenen Kabeljau mit Kartoffeln.

Er ist so hervorragend, dass wir ihn essen, selbst wenn wir platzen sollten – und davon sind wir nicht weit entfernt. Was man uns im Priesterseminar auftischt, ist eine wahre Völlerei. Übrigens sind wir die einzigen Gäste. Joos hat diese Herberge in seinem Buch zu Recht gelobt. Eine solche Qualität zu einem so niedrigen Preis werden wir nie wieder irgendwo bekommen.

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