Tapia de Casariego – Ribadeo
Am Morgen ist es zwar bewölkt und es weht ein starker Wind, aber zu unserer Freude regnet es nicht. Wir frühstücken im Hotel, was etwas kompliziert ist, weil außer Spanisch keine andere Sprache funktioniert. Schließlich bekommen wir doch ein getoastetes Croissant, süßes Gebäck und getoastetes Brot (tostado) mit Butter und Marmelade. Von Kohlenhydraten haben wir damit mehr als genug getankt, wir können losgehen.
Ich habe ein kleines Problem: Ich habe in Navia beschlossen, an jedem Tag zwei Stempel zu sammeln, und auf dem Weg nach Ribadeo sehe ich keine Zwischenstation, wo ich einen Stempel bekommen könnte. Vor uns gehen zwei Spanier, die auch beim Frühstück dabei waren. Wir wollen glauben, dass es ebenfalls Pilger sind, aber offenbar sind sie es nicht. Ihre Rucksäcke sind dafür zu klein, und plötzlich biegen sie auf einen anderen Weg ab – gut, dass wir ihnen nicht blind gefolgt sind. Vor uns liegt eine relativ kurze Etappe von knapp fünfzehn Kilometern nach Ribadeo.
Es geht schnell, da wir flach am Meer entlanglaufen.

Den Ort Vilamil erreichen wir schneller als gedacht, bei Santa Gadea am Meer warten wieder frische Orangen am Wegesrand auf uns. Die lassen wir uns nicht entgehen. Hinter Santa Gadea steht ein kleines, wunderschönes, neues Kirchlein am Weg, umgeben von einem gemähten Rasen mit Sitzbänken. Eine Pause ist hier mehr als berechtigt. Von dort hat man einen herrlichen Blick auf den Strand „Playa de Penarronda“.

Nachdem wir den Ausblick ausgiebig genossen haben, führt uns der Weg direkt zum Strand. Auf der Klippe darüber liegt das Restaurant Parajes. Die Hoffnung, dort etwas zu essen oder zu trinken zu bekommen, verpufft schnell. Es ist geschlossen, offensichtlich laufen hier vor der Saison die Renovierungsarbeiten. Trotzdem kann ich nicht widerstehen, durch die offenen Türen der Terrasse einen Blick hineinzuwerfen. Eine junge Frau tritt mir entgegen. Auf die Frage, ob wir etwas zu trinken bekommen könnten, schüttelt sie den Kopf, aber als ich frage, ob ich einen Stempel in meine „Credencial“ bekommen könnte, nickt sie erfreut und bringt sofort den Stempel. Das Problem mit dem zweiten Stempel für den heutigen Tag ist gelöst.
Nur am Rande – wenn es verwirrend wirkt, dass ich über den Ausweis „Credencial“ in weiblicher Form schreibe, es ist auf Spanisch wirklich so, obwohl das Wort auf -al endet. Aber es ist die Kurzform von „Carta credencial“ und „la carta“ ist definitiv weiblich.
Vor Ribadeo kommen wir noch an einen weiteren Strand – vermutlich „Playa de Mexota“, so schätze ich das zumindest mit der Karte in der Hand.

Von dort hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt mit einem Leuchtturm auf einer vorgelagerten Insel, am Mündungstrichter des Flusses „Rio del Eo“. Hinunter zum Sandstrand führen steile Treppen und nachdem wir wie gewohnt Brot mit Chorizo als Mittagessen genossen haben, spazieren wir auch ein Stück am Strand entlang. Warum ein Boot ständig auf das Meer hinaus- und wieder zurückfährt, wird uns in Ribadeo klar. Der Flussboden wird ausgebaggert und das Boot transportiert das ausgebaggerte Material ins Meer.
Der Fluss Rio del Eo bildet die Grenze zwischen den Provinzen Asturien und Galicien und kann nur über eine Autobahnbrücke überquert werden. Deshalb wurde dort auch ein Fußweg gebaut, mit einem hohen Zaun getrennt von der Fahrbahn – eng und nichts für Klaustrophobiker.

Wir müssen hintereinander im Gänsemarsch gehen und im starken Wind unsere natürlichen Sorgen, tief in den Fluss zu fallen, vertreiben. Die Brücke ist 800 Meter lang, wenn man feste Nerven hat, kann dann die Überquerung durchaus genießen. Schließlich erreichen wir das andere Ende der Brücke – und damit Galicien.

Auf der Brücke holt uns ein Pilger ein. Wir müssen unser Tempo erhöhen, um ihn nicht zu behindern. Kurz nachdem wir auf der anderen Seite abbiegen, spüre ich ein leichtes Stechen im rechten Knie. Es ist nichts Ernstes und verschwindet sofort wieder, doch noch ahne ich nicht, dass nun große Probleme bevorstehen, die mich in weiterer Folge an den Rand der Kapitulation bringen werden.
Sofort nach Überquerung des Flusses und der Landesgrenze ändert sich die Markierung des Weges deutlich. Statt gelber Pfeile an Wänden und Verkehrsschildern, improvisierter Kacheln oder gelegentlicher anderer Markierungen treten in Galicien standardisierte Säulen mit gelben Pfeilen auf, die nach Compostela weisen, samt Angabe der verbleibenden Distanz – in Metern! Diese Zahlen sind manchmal motivierend, manchmal frustrierend. Zweihundert Meter können sich manchmal wie ein Kilometer anfühlen.

Vlado meint, es war hier sicher EU-Finanzierung im Spiel, wobei Asturien im Gegenteil zu Galizien vergaß, das Projekt in Brüssel anzumelden.
Jetzt suchen wir in der Stadt eine Unterkunft. Joos empfiehlt die Herberge „Rio Eo“ auf der „Praza de España“ direkt beim Rathaus. Die Vorstellung, dass sie leicht zu finden sei, trügt jedoch. Schließlich kämpfen wir uns durch die Gassen der zehntausend Einwohner zählenden Stadt und erreichen das Rathaus. Eine große Enttäuschung! Die größte städtische Attraktion, der Rathausturm „Torre de los Moreno“, ist hinter Gerüsten versteckt. Neben dem Rathaus liegt der Palast des Markgrafen von Sargadelos, der einst wesentlich zur Stadtentwicklung beitrug. Der Markgraf – oder genauer seine Statue – steht auf der Treppe vor dem Palast. Na steht – eher springt sie heraus.

Die Herberge soll in der Nähe des Touristeninformationsbüros sein, und dort finde ich sie schließlich. Sie ist geschlossen, niemand ist da, aber auf der Tür ist eine Telefonnummer angegeben, unter der wir anrufen können.

Antonio meldet sich, er spricht kein Wort anders als Spanisch. Wir müssen ihm sagen, vor welcher Herberge wir stehen – offenbar hat er mehrere. Wir vereinbaren, vor der Herberge auf ihn zu warten, und tatsächlich erscheint er bald. Wie wir später erfahren, handelt es sich um Antonio Pertejo Castañes, wie eine vergoldete Tafel über dem Eingang verrät. Er ist „Custom House Agent“ und „Ships Agent“ – und bietet zudem Taxidienste an. Das Letztere erfahren wir allerdings etwas später. Er ist also ein wichtiger, vielseitiger Mann.
Wir wollen Wäsche waschen und trocknen, haben hier aber ein großes Problem. Vladimír hat die Wäsche ohne Pulver gewaschen (das können wir noch nachfüllen) und das Schleudern ist nur auf 600 Umdrehungen eingestellt – das haben wir übersehen. Wir schauen auf die Technik wie Russen im Jahr 1945 auf einen Wecker. Zum ersten Mal hilft uns niemand, wir sind auf uns allein gestellt. Als wir die Wäsche herausnehmen, merkt Vlado schnell, dass der Trockner sie nicht trocknen kann, weil sie zu feucht ist. Wir probieren es trotzdem. Während meine Merino-Shirts einigermaßen trocken werden, bleiben Vlados Baumwollshirts feucht. Ob sie in der Kälte der Herberge bis zum Morgen trocknen, ist fraglich. Ich gehe in die Stadt mit dem Plan, die Hosen am Körper trocknen zu lassen und den Pullover um den Hals zu binden, damit er ebenfalls trocknen kann.
In Ribadeo gibt es einiges zu sehen: die Kirche „Santa Maria del Campo“ auf der anderen Seite der „Praza de España“ (natürlich geschlossen wie fast alle Kirchen auf unserer Strecke), das Kloster „Santa Clara“ oder das Kloster „Santa Cruz“.

Zum Leuchtturm auf der Insel „Illa Pancha“ oder gar zum Strand „Playa As Catedrais“ – angeblich der schönste Strand der Nordküste Spaniens, wo die Felsen Bögen bilden, die an die Rippen einer Kathedrale erinnern – ist es jedoch noch weit. Dass ich Antonio hätte bitten können, uns dorthin zu fahren, fällt mir erst einige Tage später ein. Sicherlich hätte er das gegen entsprechende Gebühr getan. Trotzdem frage ich ihn, ob er uns ein Taxi für den nächsten Morgen bestellen könnte, um die ersten sechs Kilometer aus der Stadt auf dem Weg nach „Vilanova de Lourenzá zu überbrücken. Antonio meint, das sei kein Problem, er habe selbst ein Taxiunternehmen, wir müssten uns nur morgens melden.
Wir suchen jedoch ein Lebensmittelgeschäft. Die Küche der Herberge ist gut ausgestattet, Vladimír möchte also etwas kochen. Wir durchqueren fast die ganze Stadt, bevor wir einen Supermarkt finden. Auf dem Weg treffen wir Ralf mit seiner Familie – offensichtlich hat er uns eingeholt – der gerade mit einem schüchternen Lächeln ein Restaurant betritt, das als einziges auf unserer ganzen Strecke eine Speisekarte auf Deutsch anbietet.
Als wir endlich eingekauft und zur „Praza de España“ zurückgekehrt sind, finden wir ein Lebensmittelgeschäft natürlich an der nächsten Ecke, in Sichtweite von unserer Herberge – so ist es eben immer.
Vlado bereitet Eier mit Speck und Zwiebeln zu; mit gutem spanischem Brot ist das ein Genuss und eine Kalorienbombe zugleich. Wein haben wir natürlich auch gekauft. In der Herberge treffen wir einen Schweizer aus Thun. Er ist der Pilger, der uns auf der Autobahnbrücke eingeholt hatte. Wie wir erfahren, ist er ein leidenschaftlicher Wanderer und Pilger, der bereits die gesamten Alpen von Slowenien bis nach Frankreich durchquert hat. Er plant, den „Camino del Norte“ zu gehen, dann den Bus nach Oviedo zu nehmen und den „Camino Primitivo“ noch anzuschließen. Er spricht auch Russisch – laut seinem Lebenslauf lebte er fast ein Jahr in Sankt Petersburg. Dort lernte er die Sprache, weil er seine Liebe traf. Diese verließ ihn später nach der Rückkehr in die Schweiz. Beeindruckend ist auch sein stattlicher Bauch – wir beginnen die Hoffnung auf eine Gewichtsabnahme während unserer Pilgerreise aufzugeben.
Wir gehen schlafen, während unsere Wäsche in der Diele auf der Leine hängt. Wir sind nervös, ob sie bis morgen trocken wird, damit wir sie in den Rucksack packen können. Denn es warten 24 Kilometer bis nach „Vilanova de Lourenzá“. Antonio empfiehlt uns dringend eine Herberge in dieser Stadt – ich habe fast den Verdacht, dass auch sie ihm gehört. Bei Antonio ist alles möglich. Trotzdem habe ich trotz Sprachbarriere offensichtlich seine Sympathie gewonnen – es reichte, dass wir denselben Vornamen haben.
Draußen beginnt es stark zu regnen. Es ist uns egal, wir sind in der Herberge geschützt.
Lieber Toni, toller Blog….motiviert und inspiriert für die “Zeit danach”…. Komm gut zurück! LG Heinz
Lieber Heinz! Es ist meine Pilgerreise aus dem vorigen Jahr. Sei also nicht überrascht, dass besonders der Palmsontag um zwei Wochen verschoben sein wird. Ich bin also bereits zu Hause und ich habe die Wanderung überstanden – auch wenn vermutlich mit einem Dauerschaden in meinem Knie. Aber es wird mich freuen, wenn du trotzdem meine Reise weiter verfolgen wirst, es fehlen nur mehr fünf Tage.
Lieber Antonin es ist ein Genuss deine Geschichten zu lesen.
Danke
Danke. Schön von dir zu hören. Hast du vor, zu Buchi in Mai zu dem traditionellen Treffen zu fahren?
Hallo Toni!
Ich lese deinen Blog mit Begeisterung, Chapeau für deine/eure Spitzenleistung im letzten Jahr,super-herzliche Gratulation!
Freue mich schon auf den morgigen Tag,LG Rosi
Danke, Rosi. Freut mich, dass du meinen Blog gefunden hast. Hoffentlich wird er dich auch weiterhin amüsieren. Inspiration auch hinzugehen?