Navia – Tapia de Casariego
Es ist der erste April und offiziell bin ich heute zum ersten Mal im Ruhestand – zuvor war es noch Urlaub. Das macht sich sofort bemerkbar. Ich verschlafe hoffnungslos und wache erst um Viertel vor neun auf. Vlado ist zufrieden und meint, das sei für einen Pensionisten genau die richtige Zeit zum Aufstehen.
Dann frühstücken wir. Die Küche ist gut ausgestattet, also kann Vlado endlich wieder seinen üblichen halben Liter Tee trinken, auf den er in den letzten Tagen verzichten musste, und ich habe zum Frühstück endlich einmal Joghurt. Der Tag könnte kaum besser beginnen. Ich bin beinahe euphorisch, denn der große Zeh am rechten Fuß hört auf zu schmerzen – er und der Schuh haben sich offenbar aneinander gewöhnt. Die rote Farbe und die Schwellung sind verschwunden, das Blau unter dem Nagel bleibt, aber das stört mich nicht.
Vor uns liegen 21 Kilometer nach Tapia de Casariego, eine flache Etappe ohne Hügel, also eigentlich einfach. Doch ganz reibungslos läuft es nicht. Schon beim Verlassen von Navia biegen wir eine Straße zu früh nach links ab, was einen Umweg von etwa einem halben Kilometer bedeutet. In El Franco verlaufen wir uns ein zweites Mal und gehen an einem wütend bellenden Hunderudel hinter einem Zaun vorbei – nur um die Hunde wenige Minuten später völlig zu verwirren, als wir in die entgegengesetzte Richtung wieder vorbeikommen, wenn wir umkehren müssen. Da starren uns die Köter nur noch verdutzt an.
Zum ersten Mal haben Vlado und ich unterschiedliche Ansichten über den weiteren Weg. Eigentlich sollte ich mich fügen – wie schon gesagt, ich bin für die strategische Planung zuständig, er für die aktuelle Umsetzung. Doch ich habe die Strecke im Buch von Raimund Joos studiert, eine Karte dabei und vor allem die Empfehlung von Aurelio im Ohr, der uns eindringlich gewarnt hat, uns nicht zu verlaufen, weil sich der Weg im Dorf „Campos“ teilt. Einer führt nach Tapia, wohin wir wollen, der andere umgeht sowohl Tapia als auch die nächste Stadt Ribadeo landeinwärts – und dort gibt es kaum Übernachtungsmöglichkeiten. Wir sollen also sehr gut aufpassen. So viel so gut Aurelio.
Vladimír ist es jedoch gewohnt, Menschen in den Bergen zu führen, wo er naturgemäß das Sagen hat, und außerdem langweilt ihn sichtlich das Wandern auf der Ebene. Er würde lieber die Asphaltstraßen nehmen, weil das seiner Meinung nach kürzer ist. Vielleicht hat er recht, aber erstens ist Asphalt viel schlechter für die Füße, wenn man auf Erde, Gras oder Schotter gehen kann, und zweitens haben wir schon erlebt, wie schwierig es ist, wieder auf den ursprünglichen Weg zurückzufinden, wenn man ihn einmal verlassen hat.
Noch geht alles gut. Im Dorf La Caridad gibt es in einem hübschen Haus eine Bar, wo ich ein Bier trinke und Vlado eine Limonade. Wir bekommen einen Stempel in die „Credencial“ und zu den Getränken gekochte Schweinezunge und Rüssel serviert.

So ist das in Spanien. Zu jedem Getränk gibt es eine Kleinigkeit zu essen, auch wenn es nur Erdnüsse sind. Wenn man also einen akuten Hunger hat und kein Restaurant in Sicht ist, reicht es, in eine Bar zu gehen und etwas zu trinken – den größten Hunger kann man so vertreiben. In unserem Fall war es nur noch ein Nachtisch, denn unser Mittagessen – Brot und Chorizo – hatten wir bereits zuvor bei einer Pause auf einer Sitzbank gegessen. Chorizo, diese spanische Paprikawurst, wird zu unserem traditionellen Mittagessen. So eintönig ist es gar nicht, es gibt viele Varianten, und mit gutem Brot schmeckt es immer. Ich stelle fest, dass Vlado und ich nicht einmal beim Verzehr von Chorizo kompatibel sind. Während ich Scheiben samt Haut abschneide und esse, schält Vlado die Wurst sorgfältig und mühsam und beißt dann hinein. Satt werden wir allerdings beide.
Die Krise kommt erst im Dorf Campos. Hier teilen sich die Wege, und Vlado will sich nicht erklären lassen, wie gefährlich es ist, hier den falschen zu nehmen. Seine App schickt uns ins Landesinnere, vermutlich weil diese Strecke insgesamt kürzer ist. Wir erleben unsere erste ernsthafte Auseinandersetzung. Ich argumentiere mit Buch, Karte und Aurelios Empfehlung, Vlado will trotzdem seiner App folgen. Im Grunde ist es ein Kulturkampf zwischen alten Technologien (Buch, Karte, Aurelio) und neuen – dem Handy. Noch einmal gelingt es mir, diesen Kampf gegen den Lauf der Geschichte zu gewinnen. Mit letzter Kraft überzeuge ich Vladimír, auf dem Küstenweg zu bleiben. Doch den Rest des Tages bleibt er unzufrieden und möchte lieber auf dem Asphalt gehen, um schneller zu sein.
Der Weg ist tatsächlich etwas langweilig – nicht nur für uns. In Campos treffen wir auf einer Bushaltestelle zum ersten Mal den Deutschen Markus aus Freiburg. Äußerlich erinnert er an den Musketier d’Artagnan, mit einem unverwechselbaren Gang seiner langen Beine (wie wir später erfahren, ist das Folge seiner zahlreichen Blasen auf den Füßen). Er möchte schummeln und sucht einen Bus nach Tapia. Wir überholen ihn zu Fuß. Am Ortseingang von Tapia gibt es zwar eine öffentliche Herberge, sie ist jedoch – wie Aurelio richtig wusste – geschlossen. Dafür liegt sie direkt über einem herrlichen Strand; es lohnt sich, sich dort hinzusetzen und die Aussicht zu genießen.

Während wir das tun, taucht Markus am Horizont auf. Er erklärt uns, er habe eine halbe Stunde auf den Bus gewartet, doch in der von dem Fahrplan angegebenen Zeit sei keiner gekommen. Das war selbst für einen ordentlichen Deutschen zu viel, also sei er weitergegangen. Fünf Minuten später sei der Bus an ihm vorbeigefahren – entsprechend gereizt ist er jetzt. Ich erkläre ihm, dass man in Spanien Geduld haben müsse und als Pilger sich daran ohnehin gewöhnen muss. Welche Rolle spielt auf unserer Reise schon eine halbe Stunde? Die Zeit wird in Tagen gerechnet, nicht in Stunden oder gar Minuten!
Um ihn zu beruhigen, gebe ich ihm einen Tipp für eine Unterkunft – das Hotel, das uns Aurelio empfohlen und reserviert hat. Er bedankt sich sehr und entfernt sich mit seinem eigentümlichen Gang. Wir gehen hinterher; das Hotel La Ruta zu finden ist nicht ganz einfach, aber mit Google Maps gelingt es. Das Problem mit Google Maps ist allerdings, dass ich die Funktion auf meinem Handy zwar aktivieren, aber nicht wieder beenden kann. Und sie frisst unglaublich viel Strom. Es ist egal, ob ich das Handy ausschalte oder wie lange – das Biest bleibt im Hintergrund aktiv und verbraucht weiter Akku. Manchmal kommt man jedoch nicht ohne diese App aus. Es sei denn, man fragt einen zufälligen Passanten nach dem Weg. Das tue ich – sogar auf Spanisch. Er versteht mich und zeigt uns den Weg. Ich bin stolz auf mich.

An der Rezeption des Hotels La Ruta sitzt eine sehr hübsche junge Dame, die sogar ein paar Worte Englisch spricht. Die Übernachtung mit Frühstück kostet für zwei Personen 62 Euro. Bis zum Abendessen – also bis acht Uhr – haben wir noch Zeit, daher machen wir einen Spaziergang. Und wir stellen fest, dass Tapia ein wunderschöner Ort ist. Es ist ein Badeort – die Spanier sind an die niedrigeren Temperaturen des Atlantiks gewöhnt, die meine Frau vor Baden stark abschrecken würden. Aber auch die Portugiesen baden bei sechzehn Grad Wassertemperatur, das haben wir letztes Jahr gesehen. Tapia besitzt rund um seine breiten Sandstrände eine hervorragend ausgebaute Infrastruktur mit Promenaden, Bänken, Denkmälern, kleinen Parks und Hotels.

Ein Städtchen wie aus dem Bilderbuch, absolut einen Besuch wert. Kein Wunder, dass es im Sommer hier angeblich voll ist – Kopf an Kopf –, obwohl die Strände riesig sind. Und wie überall an der „Costa Verde“ sind sie wunderschön, umgeben von Klippen mit blühender Vegetation, auf denen Häuser und Hotels stehen. Einfach herrlich.

Zum Essen gehen wir ins Restaurant „Casa de Menzon“, kommen aber schon um Viertel vor acht an. Der Kellner belehrt uns, dass das Essen erst um „ocho“ serviert werde. Also bestellen wir eine Flasche hervorragenden Weines. Punkt acht dreht sich der Kellner, der uns bis dahin den Rücken zugewandt hatte, um und nimmt unsere Bestellung auf. Ordnung muss sein – auch in Spanien. Die Fische – für mich überbackener Kabeljau mit Soße, für Vlado gebratener Seehecht – sind ausgezeichnet, ebenso der Wein.
Nur der Himmel zieht sich zu. Die Wettervorhersage kündigt Regen und Abkühlung an. Die Abkühlung spüren wir schon in der Nacht. Spanier heizen in ihren Hotels grundsätzlich nicht, und dass wir zwei Decken bekommen haben, merken wir erst am Morgen. Auf der einen haben wir geschlafen, mit der anderen uns zugedeckt. Praktischer wäre es gewesen, auf dem Laken zu schlafen und beide Decken über uns zu legen. Aber hinterher ist man immer klüger. Jedenfalls war der Schlaf wegen der Kälte wieder einmal miserabel.