Hostel Canero – Navia
Infolge des fehlenden Wasserkochers für Tee müssen wir zum Frühstück in die Bar im Hostel gehen. Die dunkelhäutige Kellnerin bietet uns ein Omelett an, was wir freudig annehmen. Es handelt sich um eine spanische Omelette mit Eiern und Kartoffeln. Sie ist gut, doch beim Bezahlen der Rechnung bin ich einem Kollaps nahe. 92,50 Euro ist die höchste Rechnung, die wir während unserer gesamten Wanderung bezahlen werden. Wenn ich alle Posten zusammenzähle, konnte die Rechnung nur der Wein zum Abendessen in diese Höhe getrieben haben – es war schließlich ein valencianischer Wein, Jahrgang 2011. Ob das der Grund für die Freude der Gastgeberin war, als sie im Pass einen Österreicher identifizierte? Offenbar hat ihr jemand eingeredet, dass Österreicher nicht aufs Geld schauen. Doch, das tun sie – aber ich kann es ihr nicht mehr erklären; vor neun Uhr schläft ein anständiger Spanier nämlich noch und das tut natürlich auch unsere Seňora.
Bis zur nächstgelegenen Stadt – Luarca – sind es 7,5 Kilometer. Wir kommen also noch am Vormittag dort an.

Luarca ist wieder einmal wunderschön, meiner Meinung nach vergleichbar mit Cudillero. Wieder ist es ein Hafen – diesmal am Fluss Negro. Und wieder einmal eingezwängt zwischen zwei Berghängen. Die „Feve“, die ebenfalls hierherfährt, wird über ein imposantes Viadukt geführt, das ein tiefes Tal überspannt. Das Städtchen mit fünftausend Einwohnern ist sauber und gepflegt, die Häuser in gutem Zustand – ein Genuss für das Auge. Wir steigen einen steilen Hügel zum Fluss hinab, wo sich auch das Stadtzentrum mit dem schönen Rathaus befindet. Direkt vor dem Rathaus gibt es eine Bar; ich trinke einen Kaffee, genieße die Schönheit der Umgebung und bekomme einen Stempel in die „Credencial“.
Leider hat alles ihre Zeit – wir müssen weiter. Im Laden kaufen wir Brot und Chorizo, Paprika und Datteln, die als eine schnelle Zuckerquelle dienen sollen, und verlassen die Stadt, nun logischerweise wieder steil bergauf.
Zum ersten Mal treffen wir einen sympathischen Deutschen, Ralf, der mit seiner Frau und seiner Tochter unterwegs ist. Zweimal überholen wir einander, bis seine Pause schließlich doch länger dauert als unsere und er mit seiner Familie zurückbleibt. Offensichtlich machen sie den „Camino“ als Familienausflug. Sie haben meinen Respekt.
Der Weg führt nach El Rellón, wo wir ursprünglich die Etappe beenden wollten. Doch zum einen sind hier alle Herbergen noch geschlossen, und außerdem wäre es noch zu früh – es ist Mittag. Wir suchen eine Sitzbank, um darauf zu Mittag zu essen und die in Luarca gekauften Vorräte zu verzehren. Das ist mühsam, denn El Rellón ist nicht gerade reich an Sitzbänken. Schließlich finden wir eine und legen eine Mittagspause ein.
Das ist nötig, denn nun müssen wir über einen Hügel mit etwa hundert Metern Höhenunterschied. Oben angekommen, öffnet sich vor uns die ganze Landschaft nach Westen mit grünen Feldern, Eukalyptuswäldern, der Küste, aber auch mit der allgegenwärtigen Autobahn. Eine grüne Landschaft – nicht umsonst trägt dieser Teil der spanischen Küste den Namen „Costa Verde“, also „Grüne Küste“.

Der Eukalyptus ist in Spanien offensichtlich so etwas wie bei uns die Fichte – also ein industrieller Nutzbaum, der für Holz angebaut wird. Er ist eindeutig der häufigste Baum hier, und mit wenigen Ausnahmen sind die Wälder künstlich angelegt. Exakt gleiche Abstände zwischen den Bäumen, gerade so groß, dass ein Traktor hindurchfahren kann, um das zwischen den Bäumen wachsende Unkraut zu mulchen. Und davon gibt es viel! So viele Brombeeren, die einen undurchdringlichen Urwald bilden, habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Die meisten Wälder haben unter den Bäumen ein solches Dickicht, dass man dort sicher nicht auf Pilzsuche gehen kann. Aber Wälder gibt es hier genug – im Gegensatz zu Südspanien, vielleicht weil es hier ausreichend Feuchtigkeit gibt, während im Süden unerbittliche Trockenheit herrscht. Die Landschaft in Asturien wäre wirklich schön, würden sie nicht Hunderte von Windkraftanlagen verunstalten. Sie stehen in einer großen Zahl tatsächlich auf fast jedem Hügel, und es ist schwer, sie wegzudenken; manchmal gehen wir direkt unter ihnen hindurch. Aber nun gut – wo es Feuchtigkeit gibt, muss es auch Wind geben, und wenn die Spanier so Strom erzeugen wollen, will ich mich nicht einmischen.
Vom Hügel steigen wir auf einem endlosen Waldweg mit Serpentinen hinab, offensichtlich ist der Weg neu angelegt worden, denn es gibt keine Markierungen. Diese finden wir erst im Tal, als wir den Hügel schon hinter uns haben. Wir steigen zum Fluss Río Barayo hinunter und gehen weiter in das Dörfchen El Bao.
Ich ändere den Plan. Ursprüngliches Ziel der Etappe war Piñera, wo es jedoch nicht viel zu sehen gibt. Aber nur fünf Kilometer weiter liegt eine weitere Hafenstadt – Navia. Wenn wir es bis dorthin schaffen würden, hätten wir einen großen Vorteil für die nächsten Tage. Doch Navia ist verdammt weit, oder zumindest scheint es so. Aber wenn wir bis Villapedre gingen und von dort noch einmal die „feve“ nähmen, würde uns der Zug sechs Kilometer bis nach Navia bringen.
Villapedre erreichen wir; in einer Bar am Ortsrand trinken wir ein Bier und einen Kaffee (ich) sowie zwei Limonaden (Vlado). Die Señora ist so freundlich, dass sie uns zwei belegte Brote schenkt mit der Begründung, sie seien übriggeblieben, niemand wolle sie mehr, und sie müsste sie sonst wegwerfen. Wir ordnen sie zu den freundlichen Spaniern, die Pilgern Orangen, Wasser oder Bier anbieten, ein.
Zum Bahnhof sind es nur ein paar Hundert Meter und zur Zugabfahrt gibt es eine halbe Stunde Reserve. Unterwegs erlebt Vlado seinen ersten Sturz. Er stolpert, und der Rucksack treibt ihn vornüber, bis er am Boden landet. Für einen Moment bleibt mir das Herz stehen, aber wir haben wieder einmal Glück – Vladimir kommt ohne Verletzung davon, auch wenn der Sturz ziemlich furchterregend aussah.
Der Bahnhof besteht aus einem Gebäude und einer Haltestelle.

Wir warten auf den Zug, und er kommt nicht. Wir vertreiben die Zeit mit Beobachtung eines extrem faulen Katers, der auf einem Dach schläft und die ganze Zeit keine geringste Bewegung macht. Die halbe Stunde ist längst vorbei, und ich werde nervös, denn wenn er nicht käme, gerieten wir in großen Zeitdruck, wenn wir noch bis nach Navia gelangen möchten. Aber es ist wie immer – die Spanier haben Zeit. Der Zug kommt mit fünfzehn Minuten Verspätung. Wir steigen ein, und ich suche den Schaffner. Das ist nicht ganz einfach, denn er ist beschäftigt. Er spielt gerade ein Spiel auf dem Handy und hat daher keine Zeit für neue Fahrgäste. Erst als er das Spiel beendet hat, verkaufte er uns die Fahrkarten, und der Zug bringt uns sechs Kilometer bis nach Navia. Wir sind nicht die Einzigen, die so schummeln. Mit uns steigt ein junges niederländisches Paar aus. Wir tauschen entschuldigende Lächeln aus mit der Erklärung: „This train is of course an attraction, one has to use it.“
Vor dem Bahnhof gibt es ein schöner Park, so dicht mit Gänseblümchen bewachsen, dass er weiß erscheint.

Doch dieser Park ist, wie wir noch nicht wissen, beinahe das Letzte, was in Navia schön ist. Navia ist eine Industriestadt mit achttausend Einwohnern am gleichnamigen Fluss und wirkt ziemlich unfreundlich.
Allerdings nicht alles ist so düster. Die Herberge „San Roque“ und vor allem der Hospitalero Aurelio bilden eine absolute Ausnahme.

Bei Aurelio habe ich mich schon telefonisch gemeldet, als ich am Nachmittag die Pläne änderte, also weiß er von uns. Und ich weiß, dass er sehr gut Englisch spricht, sodass ich endlich die Möglichkeit habe, die nötigen Informationen zu bekommen. So erfahren wir von Alternativen für den weiteren Weg und auch davon, dass wir in die „Credencial“ zwei Stempel pro Tag brauchen (bisher hatte ich mir nur die Übernachtung bestätigen lassen, also einen Stempel pro Tag). Aurelio meint, das sei kein Problem, denn die zwei Stempel seien erst auf den letzten hundert Kilometern vor Compostela Pflicht. Trotzdem stelle ich unser Rhythmus gleich ab morgen um und achte danach, zwei Stempel am einen Tag zu bekommen. Es wird nicht immer ganz einfach sein. Auf die Frage, wo man gut essen könne, zuckt Aurelio allerdings nur mit den Schultern und sagt unsicher: „Navia ist eine Industriestadt.“ Dafür empfiehlt er uns eine Unterkunft in der nächsten Stadt „Tapia de Casaregio“ im Hotel „La Ruta“ und bestellt für uns dort gleich auf Spanisch ein Zimmer. Das ist ein großer Vorteil – nur mit Englisch ohne Spanischkenntnisse ist es schwierig, und Aurelio, der selbst sehr gut Englisch spricht, ist sich dessen offenbar bewusst. Deshalb ist er bereit zu helfen. Wie Joos in seinem Buch über ihn schreibt, ist er Hospitalero mit Leib und Seele. Unauffällig fragt er, ob wir in Tapia ein Zimmer mit Doppelbett wollen oder ob die Betten getrennt sein dürfen. Der Verdacht, unsere Freundschaft sei mehr als nur Kameradschaft aus Militärzeiten, schwebt also weiterhin über uns. Ich antworte sofort, dass uns getrennte Betten viel lieber wären. Er nickt, aber ich weiß nicht, was er ins Telefon sagte. Jedenfalls bekommen wir am nächsten Tag im Hotel ein Doppelbett.
Vielleicht ist Aurelio seiner Stadt gegenüber zu streng. Navia kann sich zwar weder mit Luarca noch mit Cudillero messen, es hat jedoch ein kleines historisches Zentrum mit einem ansehnlichen Rathaus und einigen schmalen Gassen mit hübschen Häusern, einen kleinen Park und es gibt sogar ein Stück frühmittelalterlicher Stadtmauer – Muralla.

Und im Supermarkt kann ich endlich Joghurt kaufen, weil er einzeln verkauft wird – mit Haferflocken. Auch wenn in der Joghurtabteilung – dort, wo „Yogures“ steht – in den Kühltruhen Wurstwaren liegen. Aber das ist nur ein Detail. Wer sucht, der findet – und ich kann mich schon auf das Frühstück freuen.

Die Suche nach einem Abendessen erweist sich dagegen wirklich als eine Herausforderung. Restaurants sind am Montag geschlossen oder es sind nur Bars, die kein Essen anbieten. Schließlich müssen wir uns mit einem Kebab zufriedengeben. Dafür sehe ich zum ersten Mal eine „Sidrería“, also eine Gaststätte, in der das traditionelle nordspanische Getränk – Sidra – angeboten wird. Das ist ein Apfelwein; ich habe davon erfahren, als ich versuchte, Spanisch zu lernen. Die Sidrería ist allerdings geschlossen, also muss ich mir den Genuss, auf den ich sonst neugierig wäre, versagen.
Wir müssen die Schlafsäcke auspacken. Aurelio hat uns zwar Bettlaken gegeben, aber keine Decken. Während sich mein Zeh beruhigt und kaum noch schmerzt, entdeckt Vlado die erste Blase unter dem großen Zeh am rechten Fuß. Bis zum Ende der Wanderung werden noch mehrere dazukommen. Nach der Desinfektion mit Sliwowitz (obwohl ich ihn nicht zu diesem Zweck nach Spanien mitgebracht habe) versorge ich die Blase.
Wir schlafen gut. Wir haben einen großen Vorsprung vor dem ursprünglichen Pilgerplan. Auch wenn wir mit der „feve“ ein wenig geschummelt haben. Aber wirklich nur ein bisschen. Das ist vertretbar.