Soto de Luiña – Hostal Canero
Am Morgen stehen wir früh auf, denn auf den nackten Matratzen lässt sich ohnehin nicht schlafen. Es ist Sonntag. Vladimír kocht Tee; zum Glück haben wir gestern genug Lebensmittel auch fürs Frühstück eingekauft. Nach dem gestrigen Martyrium habe ich einen sündigen Plan. Da das Ziel – das Dorf Cadavedo – 24 Kilometer entfernt ist und unser Tagesplan nur etwa fünfzehn Kilometer vorsieht, habe ich im Rahmen der strategischen Planung beschlossen, ein wenig zu schummeln und die „feve“ zu benutzen, um bis ins zwölf Kilometer entfernte Dorf Ballota zu fahren. Schon am Vorabend habe ich herausgefunden, wo der Weg zum Bahnhof abzweigt – vom Platz Im Ortszentrum nach links –, allerdings weiß ich nicht, wie weit der Bahnhof entfernt ist. Laut Karte ziemlich weit. Also brechen wir gleich nach dem Frühstück, noch vor acht Uhr, auf. Der Weg zum Bahnhof führt steil bergauf, und obwohl wir den Ort bald hinter uns lassen, ist der Bahnhof noch immer nicht in Sicht. Ich beginne zu zweifeln, ob wir richtig gehen. Es gab unterwegs keine Abzweigung, an der wir hätten falsch abbiegen können, also steigen wir weiter steil bergauf – und finden tatsächlich den Bahnhof. Es ist 8:20 Uhr, der Zug soll laut Fahrplan um 9:15 kommen; wir haben also fast eine Stunde Reserve.
Und genau in dem Moment, als wir am Bahnhofsgebäude ankommen, taucht aus dem Tunnel ein Zug auf.

Meiner Einschätzung nach fährt er in die richtige Richtung – aber was macht er hier fast eine Stunde zu früh? Ein Spanier steigt ein; ich rufe ihm zu, ob das wirklich der Zug Richtung Ferrol sei, und er nickt. Zum Glück nehmen es die Spanier mit der Pünktlichkeit nicht allzu genau. Der Lokführer wartet auf uns, bis wir mit unseren Rucksäcken beim Zug sind und einsteigen. Der Schaffner verkauft uns Fahrkarten nach Ballota zu einem lächerlichen Preis von etwa zwei Euro. Ich verstehe nichts mehr. Ich schaue erneut auf den Fahrplan auf meinem Handy – dort steht „Abfahrt 9:15“, aber der Fahrplan stammt aus dem Jahr 2022. Das ärgert mich. Warum aktualisieren die Spanier den Fahrplan nicht, wenn sie die Abfahrtszeiten so grundlegend ändern?
An der nächsten Station in Novellana steigt die uns bereits bekannte ältere Deutsche ein. Auch sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, den kleinen Zug auszuprobieren. Heute ist sie überraschend bereit, Deutsch zu sprechen. Ich schildere ihr unseren Schock und unsere Empörung darüber, dass am Bahnhof ein drei Jahre alter Fahrplan hängt und der Zug eine Stunde früher fährt. Sie denkt nach und meint, ob es vielleicht an der Umstellung von Winter- auf Sommerzeit liege. Ich starre sie an, und mir bleibt beinahe das Herz stehen. Es ist tatsächlich Sonntag, der 30. März, und in der Nacht von Samstag auf Sonntag wurde die Zeit umgestellt – was uns unter den feldmäßigen Bedingungen der unversorgten Herberge völlig entgangen ist. Der Zug fuhr also korrekt, er hatte nur fünf Minuten Verspätung, was uns eigentlich gerettet hat. Kalter Schweiß bricht mir aus bei der Vorstellung, wie wir am Bahnhof gesessen wären und auf einen Zug gewartet hätten, der nie gekommen wäre. Wir hätten eine halbe Stunde gewartet und dann fluchend wieder nach „Soto de Luiña“ hinuntergestiegen, um zu Fuß weiterzugehen. Wo wären wir auf diese Weise wohl gelandet – zumal wir im Laufe des Tages erfahren sollten, dass die Herberge in Cadavedo, wo wir vorhatten zu schlafen, geschlossen ist? Es war ein buchstäblich unglaubliches Glück. Vladimír stellt fest, dass daran bestimmt die Möwen-Hinterlassenschaft schuld sei. Ich kann ihm nur zustimmen.
Wir kommen in Ballota an, steigen aus und gehen von dort zu Fuß weiter. Die Markierungen sind hier äußerst spärlich; dank Vlados Luchsenaugen (er beklagt, früher Adleraugen gehabt zu haben, jetzt – altersbedingt – sehe er nur noch wie ein Luchs) finden wir die gelben Pfeile. Dialoge wie – ich: „Wo ist die Markierung?“ Vlado: „Du stehst drauf.“ – sind keine Seltenheit. Meine Sonnenbrille verursacht nämlich eine „freiwillige Blindheit“. Ich habe sie im Dezember gekauft, doch die Fernsicht ist damit sehr unzureichend – halt zwar Gleitsichtbrille, aber mit falsch eingestelltem Fokus. Ein klassischer Fehlgriff. Als ich sie nach unserer Rückkehr in Graz reklamieren wollte, stellte der Verkäufer fest, dass es meine alte Sonnenbrille aus dem Jahr 2023 war – ich hatte sie zu Hause mit der neuen verwechselt. Also ist Vlado mit seiner Luchsensicht nun unentbehrlich.
Der Weg führt uns mehrmals an die Strände des Atlantiks; dort holen wir unsere Deutsche ein, und ich mache ein Foto von ihr mit Strand im Hintergrund – sie freut sich wieder riesig und behauptet, es sei ihr erstes Bild, auf dem sie selbst zu sehen ist.

Wir wissen, es stimmt nicht, letztendlich haben wir sie bereits gestern fotografiert. Aber wir korrigieren sie nicht, ihre Freude könnte unter einer solchen Mitteilung leiden. Als wir schließlich Cadavedo erreichen, stellen wir fest, dass wir viel zu große Hoffnungen in das Dorf gesetzt haben. Die Kirche ist geschlossen, wir nutzen nur die Bank davor zur Rast. Ein Restaurant suchen wir vergeblich. In einer Bar bekommen wir zwar Bier und Wasser, aber kein Essen. Zum Glück gibt es hier einen Laden (man betritt ihn durch die Bar), wo wir Brot, Schinken, Chorizo und eine Paprika kaufen und anschließend auf einer Bank zu Mittag essen können. Der Schweineschinken – Jamón – hat in Spanien beinahe kultische Bedeutung. In den heftigen religiösen Kämpfen um die Vorherrschaft auf der Iberischen Halbinsel symbolisierte der Verzehr von Schweinefleisch die Angehörigkeit zu dem wahren – also christlichen – Glauben. Weder Muslime noch Juden essen Schweinfleisch. Der Jamón schmeckt uns gut. Der spirituelle Weg erhält dadurch eine religiöse Note.
Von Cadavedo folgen 7,6 Kilometer endlose Ebene. Zwar nicht mehr bergauf und bergab, was mein Zeh sehr zu schätzen weiß, aber es nimmt kein Ende. Wir gehen durch üppige Vegetation. Die Blumen in voller Blüte verleihen dem Weg einen Hauch von Schönheit: Callas, Rhododendren, Rosen und viele andere.


Warum wollten die Muslime im 8. Jahrhundert eigentlich nicht hierher? Oder konnten sie nicht mehr? Ist ihnen in der Bergen Asturiens in ihrem Erroberungszwang die Luft ausgegangen?
Das Hostal Canero, das wir nach der Enttäuschung in Cadavedo als Tagesersatzziel ausgewählt haben, ist unter der Autobahn hinter einem Fluss gut versteckt und über einen schwer begehbaren Pfad entlang seines Ufers erreichbar – obwohl Einheimische es offenbar gern besuchen; es gibt nämlich auch eine Asphaltstraße dorthin, die wir wieder einmal aus Versehen nicht genutzt haben. Vlado runzelt die Stirn.

Als wir endlich das Ziel erreichen, im Barbereich ein Bier trinken und unsere Stempel in den Credencial bekommen, verkompliziert sich die Lage dadurch, dass im Hostel niemand auch nur ein Wort Englisch spricht – nur Spanisch. Die Señora zeigt beim Anblick unserer Pässe besondere Freude darüber, „Austriaci“ im Haus zu haben; den Grund ihrer Freude kann ich nicht entschlüsseln. Wir lassen uns einquartieren – eine andere Möglichkeit haben wir nicht. José hilft uns – offenbar ein Südamerikaner mit indianischen Gesichtszügen, der ein paar Worte Deutsch spricht; ich frage nicht nach, wie es dazu kam.
Die Señora bietet Abendessen an – Menü für 14 Euro –, was wir dankend annehmen, denn sonst gibt es hier nichts. Wir müssen dringend unsere Kleider waschen; saubere Wäsche ist uns ausgegangen. Als ich darum bitte, reagiert die Señora aufgeregt und laut mit dem Wort „pronto“. Zunächst verstehe ich nicht, warum sofort gewaschen werden muss; bei der Waschmaschine finden wir jedoch den Hinweis, dass nur bis 18 Uhr gewaschen werden darf – warum, erfahren wir nicht. Also werfen wir die Wäsche hinein, und José hilft uns beim Starten. Es gibt auch einen Trockner, doch als ich Münzen dafür holen will, meint die Señora, wir bräuchten ihn nicht; wir sollten die Wäsche hinter der Herberge auf die Leine hängen, sie werde dort trocknen. Die Sonne geht zwar jetzt nach der Zeitumstellung erst gegen neun unter, aber zwischen den Bergen doch etwas früher. Wir hängen alles auf, doch unsere Hoffnung, dass es wirklich trocken würde, ist gering. Vielleicht hilft der frische Wind.
Vlado ist leicht gereizt – nicht wegen José oder der Waschmaschine, sondern weil es in der Herberge nicht einmal einen Wasserkocher für Tee gibt. Wir sind also auf die Verpflegung in der Bar und im Restaurant angewiesen.
Das Abendessen ist für acht Uhr terminisiert. Daran müssen wir uns gewöhnen. Üblicherweise essen die Spanier erst um halb neun. Wenn sie also schon um „ocho“, also um acht, servieren, ist das eher ein Privileg und ein Zeichen ihrer Toleranz gegenüber unangepassten Ausländern.
Um acht Uhr ist jedoch die Wäsche noch ziemlich feucht. Meine Merino-T-Shirts sind dank Wind und Abendsonne halbwegs trocken, Vladis Baumwollsachen hingegen noch nass, ebenso unsere Handtücher. Es ist klar, dass wir ein Problem haben: Über Nacht wird die Wäsche kaum trocknen, eher noch feuchter werden – und wir haben nichts zum Anziehen. Da ich alle meine Unterhosen gewaschen habe, trage ich jetzt zum Abendessen meine Badehose – wenn ich sie schon nicht zum Schwimmen benutzt habe, erfüllt sie nun wenigstens diesen Zweck, wenn auch notgedrungen. Wir überlegen, die Wäsche nach dem Essen in der Herberge aufzuhängen (wir sind die einzigen Gäste), vielleicht trocknet sie dort etwas und wird dadurch brauchbar.
Die Señora serviert das Abendessen – hervorragende Gemüsesuppe, für Vlado Fisch, für mich Huhn, Salat und natürlich wieder dieses knusprige frische Brot. Ich bestelle Wein, wir bekommen einen Valenciano Jahrgang 2011. Ich habe vergessen, nach dem Preis zu fragen! Ich versuche, der Señora auf Spanisch unser Wäscheproblem zu erklären und frage, ob sie glaubt, dass die Sachen in der Herberge über Nacht trocknen könnten. Sie meint, das werde wohl nicht klappen. Wir kommunizieren über Übersetzungs-Apps – ich vom Deutschen ins Spanische, sie vom Spanischen ins Englische. So erfahre ich, dass auch sie skeptisch ist. Also suche ich nach einer Lösung. Satt gehen wir die Wäsche von der Leine holen. Zu unserer Überraschung ist sie nicht mehr dort. Sie liegt bereits getrocknet auf unseren Betten. Die Señora hat sie während des Abendessens abgenommen und in den Trockner getan – ohne die drei Euro zu verlangen, die man einwerfen müsste. Wir sind dankbar; unser anfängliches Misstrauen gegenüber unserer Gastgeberin verflüchtigt sich. Und das, obwohl sie uns gleich bei der Ankunft mitgeteilt hatte, dass ich den Plan für den nächsten Tag ändern müsse. Die Herberge im nächsten Etappenziel in El Rellón sei nämlich noch geschlossen. Vlado bleibt allerdings misstrauisch – wegen des fehlenden Wasserkochers.
Mit den Herbergen könnte es tatsächlich allgemein ein Problem geben; die nächste Etappe verlängert sich dadurch erheblich. Trotzdem schlafe ich mit einer halben Ivadal-Tablette und Ohrstöpseln gegen Vladimírs Schnarchen (er behauptet, ich schnarche viel lauter – was ich nicht widerlegen kann, denn meine Frau sagt dasselbe) wie ein Stein. Endlich!
Vielleicht, weil der Erfolg dieser Etappe wirklich einem Wunder gleicht.