San Estéban de Pravia – Soto de Luiña

Der Tag beginnt nicht gerade gut. Die Señora in der Herberge hat uns schon am Abend darauf hingewiesen, dass vor zehn Uhr kein Frühstück serviert wird. Wir verstehen das – sie muss schließlich ausschlafen, wir sind ja in Spanien. Leider gibt es in der Herberge keine Küche, in der wir uns wenigstens einen Tee kochen könnten, nicht einmal einen Wasserkocher. Also verlassen wir die Herberge in der Hoffnung, im Café auf dem kleinen Platz am Hafen frühstücken zu können – gestern Abend haben wir dort schließlich hervorragend gegessen und laut Öffnungszeiten sollte es ab acht Uhr geöffnet sein. Die Tür steht offen, davor jedoch wirbelt eine Putzfrau mit einem nassen Lappen herum. Ich versuche ihr zu erklären, dass wir frühstücken möchten. Fehlanzeige! Entschieden erklärt sie mir, dass man samstags erst um neun öffnet. Das Argument, an der Tür stehe doch, dass täglich um acht geöffnet werde, zählt bei ihr nicht. Es ist eben Samstag und erst viertel nach acht. Also beschließen wir, unsere Wanderung ohne Frühstück fortzusetzen – aus dem Automaten kaufen wir zwei Kekse, damit wir nicht ganz hungrig losziehen. Zum Trinken gibt es nur Wasser.

Wir gehen bis ans Ende des Hafens zur Mündung des Flusses Nalón.

Dort steigt der Weg steil über Treppen hinauf zu einem Aussichtspunkt mit der kleinen Kirche „Espíritu Santo“. Sie ist zwar – wie alle anderen Kirchen – geschlossen, aber von oben hat man einen zauberhaften Blick auf den Hafen und die umliegenden Strände. Offensichtlich handelt es sich hier um einen Erholungsweg über den Klippen und über dem Meer für die Einheimischen – wir begegnen etlichen Spaniern, die hier mit ihren Hunden spazieren gehen; der Weg ist mit Rastplätzen und Aussichtspunkten – Miradores – angelegt.

Nach einem langen Weg über den Klippen steigen wir hinab zum Strand Playa Aguilar.

Er ist wunderschön. Breit, sandig – doch der Atlantik hat Ende März etwa 16 Grad, zum Baden lädt er also nicht gerade ein. Ich ziehe wenigstens die Schuhe aus und lasse meine blauen Zehen im Meerwasser abkühlen. Neben dem blauen großen Zeh am rechten Fuß haben sich nun auch der zweite Zeh rechts und der dritte links verfärbt. Vladimír ist mutiger. Er zieht sich um und stürzt sich in der Badehose in die Wellen. Die sind jedoch ziemlich hoch und damit gefährlich. Schwimmen kann man kaum, trotzdem hält mein Freund mehrere Minuten im Wasser aus. Binnenländer aus der ehemaligen Tschechoslowakei können einfach nicht widerstehen, wenigstens nass zu werden, wenn sie ans Meer kommen.

Als wir genug vom Meer haben und wieder trocken sind, geht es steil bergauf, um danach erneut zum Meeresspiegel hinabzusteigen (wo wir jener älteren Deutschen begegnen, die sich freut wie ein kleines Kind, als ich sie mit ihrem Handy vor dem Strand fotografiere –sie erklärt uns, es sei das erste Bild von ihr auf der ganzen Reise. Das ist das Los der allein reisenden Pilger). Nun entfernen wir uns vom Meer, wir gehen zum Dorf „El Pito“ und verlassen wieder einmal den offiziellen Weg.

Schuld ist Germain, der über das Städtchen Cudillero geschwärmt und sie als die schönste Stadt Spaniens geschildert hat – das wollen wir uns nicht entgehen lassen. Auch wenn das bedeutet, erneut auf einer Asphaltstraße bis hinunter zum Meer zu spazieren – Cudillero ist nämlich ein Hafen. Mein Zeh tobt, doch der Besuch lohnt sich reichlich. Cudillero ist tatsächlich wunderschön, eingezwängt zwischen zwei Berghängen – eine echte vertikale Architektur.

Cudillero

Der Bach, den man im oberen Teil des Ortes sieht, wird vor dem Zentrum durch einen langen Tunnel ins Meer abgeleitet.

In der Stadt wimmelt es von Touristen, allerdings sind die meisten mit Autos oder Bussen gekommen; am Hafen gibt es dafür einen großen Parkplatz. Oberhalb des Hafens befindet sich sogar ein kleiner Aussichtsturm, doch man muss – logisch – hinaufsteigen. Das würde mich nicht stören, aber danach müsste ich wieder hinunter, und mein großer Zeh protestiert heftig schon vorsorglich gegen solche Gedanken. Also beschließen wir lieber zu Mittag zu essen und nehmen zwei Plätze im Restaurant „Taberna A Porto“. Das Essen ist ausgezeichnet. Ich nehme Calamari, Vladimír Seehecht (Meeresfrüchte, wie schon erwähnt, isst er nicht). Dazu Pommes, Salat und wieder dieses großartige Brot. Ich ein Bier, Vlado Wasser. (Er trinkt kein Bier.)

Und dann geschah es. Wahrscheinlich der entscheidende Moment unserer Reise, der uns in den folgenden vierzehn Tagen ein unglaubliches Glück bringen sollte. Der Tisch wurde plötzlich reichlich mit weißem Kot besprenkelt, begleitet von lautem Möwengeschrei. Mir war klar, dass uns eine Lachmöwe bekleckert – und dabei noch gelacht hatte. Unter anderem traf es auch die Kellnerin ins Gesicht, die erst schrie, das weiß bespritzte Gesicht mit Händen bedeckte und ins Innere lief, um sich zu waschen. Den Täter konnte ich nicht identifizieren; in diesem Moment kreisten mindestens zwanzig Möwen über uns – entsprechend lautstark. Wir untersuchten den Tisch. Es glich einem Wunder. Die Hinterlassenschaft zog sich quer über den Tisch zwischen unseren Tellern und Gläsern hindurch, doch nichts davon schien getroffen zu sein. Vlados Wasser blieb klar, mein Bier schmeckte wie Bier und war nicht getrübt. Calamari und Hecht schienen ebenfalls verschont, im Gegensatz zur Tischdecke, meinem Rucksack und der Glasscheibe, die uns vor dem Seewind schützte. Die bekam die volle Ladung ab – die Möwe hatte offenbar Streumunition eingesetzt.

Auch die Gäste am Nebentisch schauten ungläubig in ihre Teller, wo sich ihr Essen mit dem weißen Kot vermischte. Wir zwei, die Privilegierten – durften weiter essen.

Es war offensichtlich der Wendepunkt unserer Pilgerreise. Wenn wir vorher schon Glück gehabt hatten, so sollte es uns von nun an nicht mehr verlassen und beinahe übernatürliche, kaum glaubhafte Dimensionen annehmen. Obwohl Asturien und Galicien als „Regenloch Spaniens“ bezeichnet werden, auf uns haben nur regenfreie Tage gewartet.

Zunächst sieht es allerdings nicht so aus. Da wir keine Lust haben, durch die steilen Gassen zurückzugehen, nehmen wir die Zufahrtsstraße am Parkplatz und Hafen entlang. Asphaltstraße, mit mehreren schönen Ausblicken auf Stadt und Meer – so weit ist noch alles in Ordnung. Aber wo ist der markierte Weg? Die Suche nach dem „Camino“ erweist sich als schwierig. Vlado aktiviert wieder die App, doch sie führt uns in Richtung Autobahn. Als wir schon auf einer Auffahrt marschieren, merke ich, dass etwas nicht stimmt. Auf einer Asphaltstraße kann man zum Fuß gehen, auf einer Autobahn allerdings nicht. Die Suche ist kompliziert; schließlich entdecken wir tief unter uns den Weg auf einer Straße, die die Autobahn in einer Unterführung kreuzt. Über Leitplanken zu klettern und dann einen bewachsenen Abhang hinunterzurutschen traue ich mir nicht zu. Schließlich reicht es, etwa hundert Meter weiterzugehen; dort kann man einen Stacheldrahtzaun unversehrt überwinden und zum Weg gelangen. Danach stellen wir fest, dass auch unten der Weg von Stacheldraht gesäumt ist – wären wir den Hang hinuntergestiegen, wären wir im Zaun hängen geblieben und hätten wohl wieder hinauf klettern müssen.

Nun aber ist es ein Sieg. Der Weg windet sich auf und ab; angesichts der Schmerzen im Zeh erwäge ich ernsthaft, das Ziel mit dem Zug „feve“ zu erreichen. Diese Schmalspurbahn entlang der Küste soll eigentlich eine lokale Attraktion sein – und tatsächlich ist sie das. Die Gleise sind so schmal, weil es in der felsigen Landschaft unmöglich gewesen wäre, eine normale Bahn zu bauen. Der kleine Zug fährt durch enge Kurven, durch Tunnel, schlängelt sich zwischen Felsen, über Hänge und Schluchten, fährt langsam und hat immer Verspätung. Man braucht sich nicht aufzuregen, wenn er nicht fahrplanmäßig erscheint – das wissen wir allerdings noch nicht. Selbst „harte“ Pilger halten die Nutzung der „feve“ für eine verzeihliche Sünde – solange man es nicht übertreibt.

Meine Hoffnung richtet sich auf die Haltestelle im Dorf „La Magdalena“. Mit Mühe finden wir sie, nur um festzustellen, dass der Zug zweimal täglich fährt – und vor zwanzig Minuten abgefahren ist. Also bleibt uns nichts anderes, als dem Zeh gut zuzureden, die letzten Kräfte zu sammeln und zu Fuß weiterzumarschieren. Zumal wir in La Magdalena kein Lebensmittelgeschäft finden – dafür aber viele Orangen am Wegesrand, manche durchaus essbar, und wir können von dort einen herrlichen Blick auf eine Meeresbucht genießen. Vor allem fotografiere ich in Magdalena den Fahrplan der „feve“, damit wir den Zug künftig nutzen können.

Der Weg zum Ziel in „Soto de Luiña“ führt mörderisch über zwei weitere Hügel – und vor allem wieder hinunter, erneut unter der Autobahn hindurch, die sich in riesigen Bögen über uns spannt.

Unterwegs überholen uns zwei junge Deutsche; mit ihrem Tempo können wir nicht mithalten – die Mädchen sind etwa zwanzig. Doch vor sieben Uhr abends schleppen wir uns mit letzter Kraft zur öffentlichen Herberge in „Soto de Luiña“.

Die Herberge in Soto de Luina ist in#m Gebäude der ehemaligen Schule

Und vor der Herberge treffen wir Susi (zum dritten Mal). Sie erklärt uns, dass der „Hospitalero“, also der Herbergsverwalter, um acht Uhr kommen würde. Er kommt nicht.

Wir kaufen Lebensmittel ein und haben ein kaltes Abendessen. Die Küche ist immerhin ausgestattet, die beiden jungen Deutschen – sie sind wie Susi auch aus Leipzig und ebenfalls von Irún gestartet – kochen Pasta. Vlado kocht Tee. Um halb zehn geben wir die Hoffnung auf, dass der „Hospitalero“ noch erscheinen würde. Also müssen wir ohne Stempel im Credencial auskommen – und auch ohne Bettwäsche. Wir schlafen in unseren Schlafsäcken direkt auf Kunststoffmatratzen – fragen Sie nicht, wie man unter solchen Bedingungen schlafen kann. Gerade für solche Fälle ist es gut, eine Schlaftablette dabeizuhaben – Ivadal rettet mich, auch wenn der Schlaf selbst damit miserabel ist.

Aber da der „Hospitalero“ nicht gekommen ist, schlafen wir wenigstens kostenlos! Man lernt auch negative Dinge positiv zu sehen.

Formularbeginn

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.