San Martín de Laspra – San Estéban
Am Morgen wache ich mit Schmerzen im großen Zeh des rechten Fußes auf. Bei näherer Betrachtung gerate ich in Panik. Der Nagel ist blau bis violett, offenbar hat es unter dem Nagel eingeblutet. Das beunruhigt mich jedoch weniger als die Tatsache, dass der Zeh rot ist wie bei einem Gichtanfall. Gicht ist es nicht, nur die noch nicht richtig eingelaufenen Schuhe sind an diesem Zustand schuld. Der Zeh sieht aus, als würde sich in ihm eine Entzündung entwickeln. Ich greife zum alten, bewährten Aluminiumacetat. Vlado wird zum ersten Mal zum Retter, denn er hat diese Salbe meiner Jugend mitgebracht.
Das Frühstück in der Herberge ist einfach: geröstetes Brot (tostados) mit Butter (mantequilla) und Marmelade (mermelada). Für unterwegs bekommen wir noch eine Banane pro Person. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass im gesamten Mittelmeerraum das Frühstück leicht ist, ohne Eier, Speck oder andere mitteleuropäische Errungenschaften. Es wird mich sehr irritieren, dass Joghurt in Spanien praktisch nur im Viererpack verkauft wird – und ich habe keine Lust, nach dem Verzehr eines Bechers die drei übrigen im Rucksack mitzuschleppen. Außerdem schmecken spanische Joghurts wie Plastik, also nach nichts. Überhaupt bemühen wir uns, möglichst wenig Lebensmittel zu kaufen, die wir dann tragen müssten; unterwegs lässt sich meist etwas besorgen.
Beim Frühstück dominiert wieder der Este, der redet und redet, bis ich innerlich abschalte, weil mich so viel Englisch auf einmal erschöpft. Vielleicht deshalb vergessen wir im Kühlschrank die belegten Brote (bocadillos), die wir gestern für das heutige Mittagessen gekauft haben. Wir brechen schon um acht Uhr auf; dass wir nichts zu essen dabeihaben, bemerkt Vlado glücklicherweise schon nach einem halben Kilometer, während ich feststelle, dass ich vergessen habe, meine Flasche mit Wasser zu füllen. Alles Anfängerfehler, es fehlt noch die Routine! Also muss ich zur Herberge zurück. Unterwegs saust der Este an mir vorbei – er nimmt es beinahe im Laufschritt –, es ist klar, dass wir ihn nie mehr wiedersehen werden. Eigentlich ist das eher eine beruhigende Tatsache, von seiner Gesprächigkeit habe ich immer noch Kopfschmerzen.
Wir suchen den Anschluss an den offiziellen Weg, denn die Herberge liegt abseits davon. Das erklärt unsere gestrigen Probleme, den markierten Weg zur Herberge zu finden. Den gibt es nämlich nicht mehr. Die Sache hatte uns Germain erklärt. Ursprünglich führte der Weg an der Herberge vorbei, doch wirtschaftliche Interessen der Bewohner des Dorfes „Piedras Blancas“ bewirkten seine Verlegung; nun führt er durch das Dorf. Das schafft Möglichkeiten zur Unterbringung von Pilgern und damit eine zusätzliche Einnahmequelle für die Einheimischen.
Den Einstieg in den offiziellen Pfad im Dorf Vilar hätten wir beinahe verpasst. Zum Glück kommt gerade zum richtigen Zeitpunkt ein Linienbus vorbei. Der Fahrer hält bei uns an, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und zeigt auf einen unauffälligen schmalen Weg, der von der Straße abzweigt. Nach gründlicher Suche entdeckt Vlado (ich nicht) einen Pfeil, der den Weg markiert. Wie ich schon schrieb: Die Wege in Asturien sind zwar einigermaßen gut gekennzeichnet – mit Ausnahme der Kreuzungen.

So gehen wir zwischen Weiden und Wäldern hindurch. Pferde, Esel und Kühe grasen hier. Wir lernen die asturische Natur kennen und sind überrascht. Es ist Ende März, und an den Bäumen hängen reife Orangen und Zitronen. Dass sie tatsächlich reif und süß sind, stellen wir in Zukunft noch mehrfach fest. Sogar die Palmen tragen teilweise schon reife Früchte. Am meisten beeindruckt uns jedoch das Gemüse, das praktisch in jedem Garten wächst. Es ähnelt dem Kohl, bildet jedoch weder Köpfe noch Röschen. Lange wissen wir nicht, wohin wir es einordnen sollen, bis ich herausfinde, dass es sich um sogenannte „grelos“ handelt, ein in Asturien und Galicien sehr beliebtes Gemüse, das auch über den Winter und im frühen Frühjahr angebaut werden kann. Wie meine gute Bekannte Eszter für mich herausfand, heißt es auf Latein „Brassica oleracea acephala“ – also so etwas wie „kopflose Kohlart“.

Und überall gibt es Blumen, besonders schöne große weiße „Callas“ wachsen hier wie Unkraut am Wegesrand.

Die Asturier sind Pilgern gegenüber sehr freundlich. Sie grüßen uns nicht nur mit dem Gruß „Buen Camino“ und winken uns aus den Autos zu, sondern stellen entlang des Weges offene Kisten mit Orangen auf, aus denen wir uns bedienen dürfen – was wir auch tun. Ein Asturier, der bei seinem Haus einen Wegweiser aus Bierdeckeln gestaltet hat, freut sich über unsere Begeisterung, mit der ich sein Werk fotografiere, und lädt uns auf ein Bier ein. Da es noch Vormittag ist und bereits heiß, lehne ich dankend ab. Vlado trinkt ohnehin kein Bier, und mir erscheint ein Bierkonsum bei dieser Temperatur und Tageszeit viel zu riskant.

Auch die asturische Architektur ist erfrischend. Die Häuser leuchten in Farben – von Blau über Grün bis Rot oder Gelb (in Galicien werden wir das nicht mehr erleben). Die interessantesten Bauwerke sind die Kornspeicher, die „Paneras“.

Sie sind quadratisch, stehen auf Pfeilern und sind so konstruiert, dass keine Mäuse hineingelangen können – sie stehen auf einer überstehenden Platte, und auf der Treppe fehlt vor dem Eingang stets die letzte Stufe. Als Kornspeicher dienen sie nur noch selten. Manche von ihnen verfallen, meist aber wurden sie zu Vorratsräumen, Gartenhäusern mit Garage darunter oder sogar zu Wochenenddomizilen umgebaut. Sie sind entzückend; wir haben bestimmt mehr als zehn fotografiert, weil sie uns immer schöner erschienen.

In der Ferne sehen wir Flugzeuge auf dem Flughafen von Asturien landen.

Im Ort „Santiago de Montes“ kommen wir an einer kleinen Kirche vorbei, deren Bau angeblich schon 1130 begonnen wurde; wichtig ist, dass es hier eine Wasserquelle gibt – und sie ist für Pilger zugänglich. Wir überqueren einen Hügel und auf einer Brücke die Autobahn (sie wird uns den ganzen Küstenweg begleiten) und steigen auf schwer begehbaren, vom Regen der letzten Tage aufgeweichten Waldwegen in das Dorf „El Castillo“ hinab, das – wie der Name verrät – von einer alten Burg dominiert wird.

Der Zeh schmerzt inzwischen so sehr, dass ich die steil zum Fluss hinabführende Asphaltstraße rückwärts gehe. Auf einer Bank mit Blick auf die Burg treffen wir Susi aus Deutschland (zum ersten Mal). Sie stammt aus Leipzig, ist Jahrgang 1988 wie mein Sohn, und seit dem 3. März von Irún aus unterwegs. Sie hat die starken Regenfälle der letzten Tage auf dem Pilgerweg erlebt und überstanden. Sie erzählt uns ihre Geschichten und wir verstehen, welches Glück wir bei der Wahl des Termins für den Beginn unserer Wanderung hatten. Ich spreche Susi meine Bewunderung aus, bevor sie weiterzieht.
Im Dorf „Soto del Barco“ suchen wir die Brücke über den Fluss Nalón. Die Markierungen führen uns durch das Dorf, zwar hübsch, doch als wir zur Brücke kommen, stellen wir fest, dass sie an der Straße liegt, auf der wir vor dem Betreten des Ortes waren – Vlado hatte wieder einmal recht (er wird es fast immer haben), dass wir den Weg auf etwa ein Drittel hätten verkürzen können, wären wir auf der Straße geblieben. Aber wenigstens war das Dörfchen lieblich.
Hinter der Brücke verlassen wir den offiziellen Weg in Richtung „San Estéban“, da wir – wie schon erwähnt – im geplanten Ziel „Muros de Nalón“ keine Unterkunft gefunden hätten. Der Weg führt auf einer Asphaltstraße ohne Gehsteig, also zwischen vorbeifahrenden Autos, was mich zu der Entscheidung bringt, morgen auf keinen Fall auf diesem Weg nach Muros de Nalón zurückzugehen, sondern eine alternative Küstenroute zu nehmen. Für die strategische Planung bin immer noch ich zuständig. Es wird eine glückliche Entscheidung sein.
Ein Wegweiser zeigt an, dass wir bis nach Compostela noch 304 Kilometer vor uns haben.
Wir erreichen das zauberhafte Dorf „San Estéban de Pravia“. Es ist ein Hafen, in dem die Spanier nicht gezögert haben, einen beträchtlichen Teil des Flusses durch eine Mole abzutrennen, um ein ruhiges Hafenbecken zu schaffen. Früher wurde hier Eisen verladen; die Schienen der Loren und die Verladerampen sind erhalten geblieben und sind schön gepflegt, obwohl sie nur noch eine touristische Attraktion sind. Zwei alte Kräne schmücken ebenfalls den sehenswerten Hafen.

Wir gehen in eine Bar auf dem Dorfplatz und treffen dort Susi (zum zweiten Mal). Sie plant, noch heute entlang der Küste weiterzuziehen; wir haben genug. Wir übernachten in San Estéban. Das Hostel trägt den ansprechenden Namen „Buen Camino“.

Die Señora spricht kein Englisch. Auf Spanisch geht es mühsam – natürlich meinerseits. Von 16 bis 18 Uhr hält sie Siesta, einen Kaffee macht sie mir jedoch noch. Sie bietet Abendessen an, ein Menü mit Suppe für 20 Euro pro Person. Das reizt uns nicht besonders. Im Dorf finden wir ein Restaurant, wo wir einen ausgezeichneten Fisch bekommen – Kabeljau für 12 Euro – und dazu eine Flasche Wein.
Zum ersten Mal begegnen wir einer älteren Deutschen von wenig ansprechendem Äußeren, die ebenfalls allein pilgert (interessant ist, dass wir auf dem „Camino del Norte“ – mit zwei Ausnahmen – fast nur allein reisende Pilger treffen werden). Diese Deutsche allerdings verfügt über eine Kondition, von der wir nur träumen können. Davon wird sie uns in den kommenden Tagen noch überzeugen. Aus für mich unverständlichen Gründen spricht sie mit uns Englisch, obwohl ich versuche, ins Deutsche zu wechseln. Schließlich gebe ich auf und passe mich an. Wenn Englisch, dann eben Englisch – das deutsche Englisch ist ja durchaus verständlich.
Als wir gegen zehn Uhr ins Hostel zurückkehren, herrscht unten im Restaurant noch reges Treiben. Einschlafen kann ich nur mit Hilfe von Schlafmittel Ivadal. Vielleicht bekomme ich gerade wegen dieses Benzodiazepins nach dem Aufwachen um halb zwei nachts Panik – wo sind meine Teleskopstöcke? Natürlich stehen sie im dafür vorgesehenen Korb am Eingang. Nichts hindert uns also, morgen weiterzugehen. Nichts – außer dem inzwischen sehr schmerzhaften großen Zeh am rechten Fuß. Das Aluminiumacetat hat zwar geholfen, die Rötung und Schwellung gehen zurück, aber die Zehe ist bei weitem noch nicht geheilt.