Gijón – San Martín de Laspra

Der zweite Tag ist zugleich der letzte, dessen Verlauf ich im Voraus geplant habe. Am Morgen treffen wir unsere Gastgeberin – sie ist eine sehr sympathische, fließend Englisch sprechende junge Dame, was in uns die Überzeugung weckt, dass es nun überall so sein wird. Bereitwillig beantwortet sie alle unsere Fragen, etwa wo wir die sogenannte Credencial bekommen könnten. Das ist ein Pilgerausweis, der bestätigt, dass man den Weg tatsächlich gegangen ist. In ihn werden Stempel der Unterkünfte eingetragen; später werde ich erfahren, dass man zwei Stempel pro Tag braucht – allerdings verpflichtend ist es erst auf den letzten hundert Kilometern. Das Buch von Raimund Joos nennt ein Büro direkt am Stadtstrand, doch dieses geht in den Betrieb erst am 27. März – also zwar am Tag unseres Aufenthalts – aber erst um vier Uhr nachmittags. So lange können wir nicht warten. Von der Vermieterin erfahren wir jedoch, wo sich in der Stadt das offizielle Tourismusbüro befindet, wo wir unseren Ausweis erhalten.

Kurz vor neun stehen wir vor dem Supermarkt, um neun wird er geöffnet – endlich kommen wir ans Brot und tragen es triumphierend in unsere Unterkunft zurück, wo wir endlich frühstücken können. Wir haben Würstchen, das erste Frühstück ist also deftig. Das Brot in Spanien ist knusprig, frisch und sehr gut. Es wird der Hauptgrund sein, warum unser Nebenziel der Reise – Gewichtsverlust – scheitern würde. Meine Frau hatte befürchtet, ich käme nur noch als Skelett zurück, und erlaubte mir in der letzten Woche vor der Abfahrt nach Spanien ohne Widerspruch sogar fettes Schweinefleisch. Wir ahnten nicht, dass die spanische Küche nicht nur schmackhaft, sondern auch kalorienreich ist – und mit diesem Brot kann man schlicht nicht abnehmen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum junge Spanierinnen zwar sehr schön und elegant sind, aber relativ früh etwas matronenhaft werden. Und die Männer tragen stattliche Bäuche vor sich her. Kein Wunder: Was wir für ein Mittagessen hielten, war oft nur die Vorspeise – danach folgte noch ein Hauptgang, auf den wir gern verzichtet haben. Trotzdem blieb unser Körpergewicht trotz 20 Kilometer am Tag mit 10 Kilogramm schwerem Rucksack unberührt. 

Da wir das Privileg haben, die Unterkunft erst um elf Uhr verlassen zu müssen (später auf der Reise wird uns das nicht mehr vergönnt sein), können wir noch ohne Rucksäcke einen kurzen Rundgang durch die Stadt machen. Die Altstadt von Gijón liegt auf einer Halbinsel mit schmalem Isthmus, auf dem die Statue von Don Pelayo sowie der historische Uhrturm „Torre del Reloj“ stehen.

Don Pelayo

Diesen ließ König Philipp II. im Jahr 1578 als Wehrturm gegen Piraten errichten; zweihundert Jahre später wurde er in einen Uhrturm umgewandelt, damit die Einwohner die Zeit besser im Blick hatten. Die Hälfte der Halbinsel ist eine grüne Anlage. Ich hielt sie aufgrund von Luftaufnahmen für einen Park. In Wirklichkeit handelte es sich um eine Artilleriebatterie zum Schutz des Hafens – es gibt hier sogar mehrere Batterien mit in den Hang gebauten Kasernen. Heute dient das Gelände tatsächlich als Park; die Betonbauten zu entfernen wäre wohl zu aufwendig. Der Park ist gepflegt, und man hat von dort einen wunderbaren Blick auf den Ozean, den Hafen und die Stadt.

Um elf verlassen wir die Unterkunft und gehen zum Tourismusbüro, wo uns eine sympathische junge Dame zwei Credenciales ausstellt, sie mit dem ersten Stempel versieht und uns lächelnd „Buen Camino“ wünscht. Diesen Gruß werden wir bis nach Santiago immer wieder hören. Auf dem Weg am Hafen entlang stoßen wir eher zufällig auf ein großartiges Eisenbahnmuseum.

Die Geschichte des Eisenbahnverkehrs wird dort von den Anfängen bis zur Gegenwart dargestellt, historische Lokomotiven, Waggons und sogar die erste Straßenbahn von Gijón sind hier ausgestellt. Wir genießen es – und machen uns schließlich auf den Weg zum Busbahnhof.

Yachthafen in Gijon

Joos empfiehlt, die 25 Kilometer von Gijón nach Avilés, die durch Industriegebiete führen und daher wenig attraktiv sind, mit dem Bus zu überbrücken. Wir kaufen Fahrkarten, es ist unkompliziert, der Bus fährt vom zweiten Bahnsteig ab und bringt uns nach Avilés. Von nun an geht es zu Fuß weiter. Wir verlassen Avilés, nachdem ich mir zum Abschied in einer Bar noch einen hervorragenden Espresso gegönnt habe. Bei der Bar Afuegolento vor der Stadt stehen wir vor unserem ersten Dilemma. Der Weg teilt sich. Da ich vorhabe, in der Herberge San Martín de Laspra zu übernachten, und der neue Weg einen Umweg von etwa einem halben Kilometer bedeutet, möchte ich die alte Route über das Küstenstädtchen Salinas nehmen. Zur Sicherheit frage ich nach der richtigen dirección, und ein Lagerarbeiter, der gerade ein Auto entlädt, zeigt sie mir.

Doch die Wege in Asturien sind leider ziemlich nachlässig markiert. Anders als in Galicien, wo alle paar hundert oder sogar paar Dutzend Meter ein Wegstein mit Richtungspfeil und der verbleibenden Kilometerzahl bis nach Santiago steht, begnügt man sich in Asturien mit einfachen gelben Pfeilen – mal an einer Wand, mal an einem Verkehrsschild, mal auf dem Boden. Fast nie stehen sie an den Kreuzungen, wo man sie erwarten und dringend brauchen würde. Das macht die Pilgerschaft spannender, aber nicht unbedingt stressfrei.

Schon am ersten Hügel erscheint es mir zweifelhaft, dass wir von der Straße auf einen vom Regen aufgeweichten Waldpfad abbiegen sollten. Fehler! Wir bleiben auf der Straße, und nach etwa zwei Kilometern ist selbst mir klar, dass wir uns verlaufen haben. Vlado ist unzufrieden – er wollte den Waldweg nehmen. Das Resultat ist ein Umweg von etwa zweieinhalb Kilometern. Letztendlich erreichen wir zwar Salinas, aber auf großem Bogen. Widerwillig muss ich zugeben, dass es meine Schuld war. Von diesem Moment an teilen wir die Kompetenzen. Ich bin weiterhin für die strategische Planung verantwortlich, Vlado übernimmt die operative Führung und spontane Entscheidungen unterwegs. Schließlich ist er es, der es gewohnt ist, Menschen durch die Hochgebirge Tatra in der Slowakei zu führen, und außerdem hat er eine Pilger-App auf seinem Handy, die wir aktivieren können, wenn wir uns wieder verlaufen würden – was in Asturien noch öfter passieren wird.

Vor allem bergab schmerzt mein rechter großer Zeh erheblich. Ich habe die Wanderschuhe zwar in den letzten zwei Wochen eingelaufen, aber es ist eben etwas anderes, in Wanderschuhen ohne Rucksack in Graz oder Leibnitz auf flachem Gelände zu laufen, als mit einem Zehn-Kilo-Rucksack auf dem Rücken bergauf und besonders bergab zu marschieren. Der Zeh stößt vorne an die Schuhspitze, und der Schmerz nimmt zu.

Den markierten Weg finden wir nicht mehr, die Herberge San Martín de Laspra jedoch schon.

Herberge San Martín de Laspra

Es ist ein renoviertes Gebäude, vermutlich ein altes Kloster oder eher ein Pfarrhaus, denn daneben steht eine kleine Kirche, die allerdings außer Betrieb ist. Gleich daneben liegt ein Friedhof, der offensichtlich noch genutzt wird – vermutlich dient die Kirche nur noch für Beerdigungen. Zum Glück ist gerade niemand gestorben, die Kirche ist geschlossen. Die Herberge wird von einem jungen Paar betrieben: ein etwas bohèmehaft wirkender junger Mann namens Germain mit seiner Freundin. Beide sind ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Für zwei Euro pro Person bieten sie sogar an, unsere Kleidung zu waschen und zu trocknen. Wir nehmen das Angebot dankend an und bekommen unsere Sachen sauber gewaschen, getrocknet und ordentlich gefaltet zurück.

Bei der Registrierung sind die Gastgeber jedoch kompromisslos. Als Neuankömmlinge müssen wir den QR-Code an der Tür scannen und uns registrieren – mit Namen, Reisepassnummer und dem Grund unserer Reise. Ich hasse QR-Code aus dem ganzen Herzen, aber es gibt keinen Ausweg. Natürlich stürzt die Registrierung dreimal ab, bevor es klappt, aber schließlich sind wir erfasst. Ich erledige das auch für Vlado, der – kaum zu glauben – mit QR-Codes noch schlechter zurechtkommt als ich. Bei mir gebe ich spirituelle Gründe an. Bei Vlado frage ich nach, ob das für ihn auch passt, doch er als überzeugter Atheist entscheidet sich für sportliche Gründe. Noch wissen wir nicht, dass die sogenannte Compostela – das Abschlusszertifikat – ausschließlich Pilgern aus religiösen Motiven ausgestellt wird. Als ich das einige Tage später erfahre, bekomme ich es mit der Angst zu tun: Werde ich das Diplom erhalten oder nicht? Werden wir tatsächlich anhand unserer Passnummern überwacht? Wacht ein „Big Brother“ über uns? Die Antwort auf diese Fragen werden wir erst in Santiago erfahren.

Die Herberge San Martín de Laspra ist eine sogenannte Spendenherberge – man zahlt, was man geben möchte. Dafür wird zur Übernachtung auch ein Abendessen angeboten. Es soll um halb acht stattfinden. Ich habe jedoch gelesen, dass auf einem Hügel etwa einen halben Kilometer von der Herberge entfernt ein wunderschöner Sonnenuntergang zu sehen sei. Inzwischen trifft auch ein junger Mann aus Estland ein. Auf seinem T-Shirt steht „Ironman“, und er läuft täglich 30–40 Kilometer seit Irún, wo Camino del Norte seinen offiziellen Beginn hat. Später wird sich zeigen, dass der „Ironman“-Schriftzug eher symbolisch ist – er organisiert solche Wettkämpfe, nimmt aber selbst nicht daran teil.

Die Gastgeber stimmen zu, das Abendessen auf halb neun zu verschieben, denn die Sonne geht – wie wir von unserem Araber in Gijón erfuhren – zehn Minuten vor acht unter. Zu dritt mit dem Esten steigen wir hinauf und gelangen zu einem herrlichen Aussichtspunkt über einem noch schöneren Kap.

Der Blick auf die Klippen, das Kap mit einer ausgebauten Aussichtsplattform unter unseren Füssen und die untergehende Sonne ist atemberaubend. Es ist klar, die Sonne leuchtet in voller Pracht, doch sie versinkt nicht im Meer – eine kleine Enttäuschung –, sondern hinter einem kleinen Gebirge, und daher etwas früher. Das Abendessen hätte also durchaus früher sein können; wir haben inzwischen großen Hunger.

Doch Germain, seine Freundin und eine dritte Gastgeberin asiatischer Herkunft, die offenbar für Reinigung und Ordnung sorgt, bestehen auf halb neun. Es gibt Reis mit Gemüse, Brot, Spiegelei und Wein. Einfach, aber völlig in Ordnung – schmackhaft und dank des Brotes auch sättigend.

Wir stellen fest, dass der Este auch Russisch spricht; ich wage nicht zu fragen, ob es seine Muttersprache ist. In Estland gibt es – besonders in der Stadt Narva – eine große russische Minderheit. Wir bleiben also bei Englisch.  Er redet fast ununterbrochen, als müsste er nie Luft holen. Dennoch erfahren wir auch etwas über die Gastgeber – sofern er sie zu Wort kommen lässt. Germain und seine Freundin sind Freiwillige, eigentlich Studenten, die nachmittags in die Herberge kommen, um sich um die Pilger zu kümmern. Als ich von meinen bisherigen Spanienreisen erzähle – ich war schon in Valencia, Andalusien, Barcelona, Madrid mit Toledo und auch in Murcia und Mar Menor –, fragt Germain beiläufig, ob ich in Murcia mit Vladimir Urlaub gemacht habe. Eine diskrete Frage mit einem deutlichen Unterton. Offenbar wirken zwei männliche Pilger verdächtig. Ich antworte, dass ich selbstverständlich mit meiner Frau dort war. Ob ich damit Germains dunkle Gedanken zerstreut habe, bin ich mir nicht ganz sicher.

Am Anfang der Wanderung strahlen wir noch vom Optimismus

Germains Freundin – deren Namen ich leider vergessen habe – findet für mich heraus, dass in der nächsten Ortschaft, wo wir übernachten wollten, nämlich in „Muros de Nalón“, beide dortigen Herberge noch geschlossen sind – es ist eben noch März. Es gibt in dem Ort also keine Übernachtungsmöglichkeit. Sie organisiert jedoch für uns telefonisch eine Unterkunft im Ort „San Esteban“. Zum ersten Mal haben wir großes Glück – ohne es zu ahnen. Der alternative Weg wird uns nämlich über weitaus schönere Pfade führen als die offizielle Route bieten kann. Und Glück ist auch, dass dieses hilfsbereite Mädchen für uns die Reservierung erledigt hat. Die Señora unserer nächsten Unterkunft wird nämlich kein Wort Englisch sprechen. Vergessen wir nicht – Spanisch ist eine Weltsprache, und die Spanier wissen das.

Auf der Plastikmatratze schlafe ich schlecht – das wird mich während eines Großteils der Pilgerfahrt begleiten.

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