Es ist der 26 März, die Tage sind noch relativ kurz. Wir stehen um 4:40 Uhr in voller Dunkelheit in meiner Wiener Wohnung auf, die ich mit meinem Sohn teile. Er wird mich jedoch nicht nach Santiago begleiten. Als Partner habe ich meinen Freund Vladimír ausgewählt und ihn zum Mitmachen überredet – allein hätte ich mich diese Pilgerreise nicht getraut. Etwas näheres zu Vladimir – er ist jener Außerirdische aus der Hohen Tatra, der nach der ganztägigen Überquerung des höchsten Bergmassivs in der Slowakei abends noch Eishockey spielen ging, danach bis 3 Uhr in der Früh mit uns gesungen hat um in der Früh um sechs Uhr zur Arbeit zu gehen. Er hat sich allerdings in den letzten Jahren mehr oder weniger vermenschlicht und ist bei den Wanderungen sogar bereit die Seilbahnen zu benutzen. So habe ich mit ihm fast die gesamten Alpen durchwandert – die bezwungene Tatragipfel sind nicht eingerechnet. Natürlich erhoffe ich mir von ihm sowohl psychische als auch körperliche Unterstützung.

Vlado ist nämlich ein völlig inkompatibler Partner.

  1. Morgens schläft er lange, während ich es gewohnt bin, früh aufzustehen. Er behauptet, ein richtiger Pensionist stehe nicht vor acht Uhr auf. In Spanien wird er im Vorteil sein: Obwohl dort mitteleuropäische Zeit gilt, geht Anfang April die Sonne erst um acht Uhr auf.
  2. Er ist ein Atheist, ich hingegen ein Katholik.
  3. Politisch befinden wir uns in unterschiedlichen Bereichen des Spektrums. Wenn ich ein Befürworter der liberalen Demokratie bin, Vladimir plädiert für autoritative Regime wie der von Fico oder Orban. Das sollte einen großen Vorteil haben, nämlich dass drei Wochen lang nicht über Politik gesprochen werden dürfte. Sie können sich nicht vorstellen, wie entspannend das ist.
  4. Er trinkt weder Bier noch Kaffee, ich hingegen schon. Bier wegen meiner Gicht nur wenig,  dafür viel Kaffee.
  5. Er trinkt schwarzen Tee – in großen Mengen. Ich darf nur grünen Tee trinken – wegen Sodbrennen – und auch das nur relativ wenig.
  6. Er isst keine Meeresfrüchte, die ich liebe.
  7. Er liebt Kofola (ein slowakisches Getränk – es war einmal die kommunistische Antwort auf Coca-Cola und hat sich auch nach der politischen Wende im Jahr 1989 behaupten können), während ich nur Wasser trinke. Hier bin ich im Vorteil, denn in Spanien gibt es kein Kofola.
  8. Er spricht weder Deutsch noch Englisch oder Spanisch, dafür fließend Polnisch. Mit Polnisch wird er in Spanien nicht weit kommen – ich allerdings mit Deutsch auch nicht und mit Englisch nur begrenzt. Spanisch wird erforderlich sein.
  9. Er bekommt Blasen an den Füßen, ich hingegen blaue Flecken unter den Zehennägeln.
  10. Er hat Probleme mit der Schulter, die er sich beim Sport verletzt hat, ich mit meinem zweimal operierten linken Knie.

Es ist also offensichtlich, dass wir überhaupt nicht zusammenpassen. Fast könnte ich mit meiner eigenen Frau gehen – unsere Kompatibilität ist ungefähr ebenso miserabel – allerdings würde sie mir nicht mit dem Rucksack helfen. Auf Vlado ist Verlass. Wenn es am schlimmsten ist, ist er immer bereit zu helfen – das hat er schon oft bewiesen – und ich ahne, dass es schlimm werden würde.

Der Rucksack ist eine heikle Angelegenheit. Es wird dringend empfohlen, dass sein Gewicht 10 Prozent des Körpergewichts nicht übersteigen dürfte; das Maximum soll zehn Kilogramm betragen. Dennoch muss eine Menge Sachen hineinpassen:

  1. Ein Schlafsack, fast zwei Kilo schwer. Mein ungarischer Berater meinte zwar, ich würde ihn nicht brauchen – doch er ging den Pilgerweg „Camino Primitivo“. Im Norden werden wir ihn gleich mehrmals benötigen.
  2. Ersatzschuhe – sofern man nicht den ganzen Tag in Wanderschuhen verbringen möchte. Die Wanderschuhe sollen eingelaufen, wasserdicht und leicht sein. Hohe Bergschuhe über den Knöchel werden nicht empfohlen – ein großer Teil der Strecke läuft nämlich auf dem Asphalt.
  3. Eine Regenjacke und eine wasserdichte Überhose.
  4. Drei Unterhosen und drei Paar Socken, drei T-Shirts, am besten aus Merinowolle, da sie leicht sind und nicht gebügelt werden müssen. Außerdem sind sie leichter und trocken schneller als klassische Baumwolle.
  5. Ein leichter, aber warmer Pullover.
  6. Eine Kopfbedeckung.
  7. Hygieneartikel mit Zahnbürste, Rasierzeug und Handtuch sowie Sonnencreme.
  8. Medikamente – in meinem Alter brauche ich einige –, zusätzlich Voltaren-Gel, Canesten (Fußpilz ist angesichts öffentlich genutzten Duschanlagen so gut wie sicher), Bepanthen und ein Schlafmittel.
  9. Ohrstöpsel – in den Herbergen schlafen manchmal zwanzig Leute in einem Raum, und viele davon schnarchen.
  10. Messer, Löffel, eventuell einen Plastikteller und eine Taschenlampe.
  11. Natürlich auch Teleskopstöcke und eine Bauchtasche für Ausweis und Geldbörse.

Zur Vorbereitung habe ich etwa zwei Monate lang Spanisch gelernt – mit einem mäßigen Erfolg. Aber letztlich funktionierte es. Essen und Unterkunft fand ich – sogar Toiletten. Außerdem lud ich mir eine Übersetzungs-App Spanisch–Deutsch und umgekehrt herunter. Eine Camino-App fürs Handy ist ebenfalls möglich und empfohlen – die hatte Vlado. Ich nahm außerdem ein Buch des deutschen Autors Raimund Joos mit, mit detaillierter Wegbeschreibung sowie Tipps zu Unterkünften und Verpflegung. Es sollte sich mehr als auszahlen.

Vor der Wohnung wartet ein Taxi auf uns, das uns zum Flughafen bringt. Am Steuer sitzt eine junge, sympathische Dame. Die Reise beginnt also positiv – ich nehme es als gutes Omen. Das Flugzeug der Gesellschaft Iberia startet um 7:05 Uhr Richtung Madrid und landet um 10:05 Uhr am Terminal 4. Diese wichtige Tatsache unterschätzen wir gewaltig. Wir haben keine Vorstellung davon, wie groß der Flughafen von Madrid ist und dass man zu den Terminals 1–3 eine Viertelstunde mit dem Taxi fahren müsste. Diese Tatsache gewinnt allerdings an Bedeutung bei der Rückreise, wo wir wieder bei Terminal 4 landen und unser Flugzeug von Terminal 1 starten würde.

Unser ursprünglicher Plan, mit dem Metro zum Bahnhof Chamartín zu fahren, wird von einem Mitarbeiter durchkreuzt, den wir um Hilfe beim Fahrkartenkauf bitten – die Automaten sprechen nur Spanisch mit uns. Er verweist uns auf die Schnellzuglinie C1 (Cercanías), die viel schneller sei. Das stimmt. In 15 Minuten sind wir am Bahnhof und hätten sogar den Zug nach Gijón um 11:23 Uhr noch erwischt – wir sind zehn Minuten vor Abfahrt dort. Allerdings habe ich Tickets für den nächsten Zug um 14:59 Uhr gekauft. Was sollen wir jetzt mit der Zeit tun? Noch zählen wir die Zeit in Stunden und Minuten. Die Pilgerreise wird uns lehren, in Tagen zu rechnen. Damit verlangsamt sich alles und die Ziele werden einfacher: eine Unterkunft zu finden und etwas zu essen zu besorgen. So weit sind wir noch nicht. Wir haben Hunger und sind nervös.

Die App meldet, dass alle Restaurants in der Umgebung geschlossen sind und frühestens um ein Uhr öffnen. Wir warten auf einer Bank vor dem Bahnhof, bis die App ihre Meinung ändert und verkündet, dass die Kneipe „Pepe“ doch im Betrieb sei. Also gehen wir dort essen. Mein erster Kontakt mit der spanischen Küche: Blutwurst mit Reis. Das Experiment gelingt – das merkwürdige Gericht schmeckt überraschend gut. Vlado bleibt konservativ bei Hühnerflügeln.

Um 14:59 Uhr fahren wir mit dem Schnellzug Richtung Gijón.

Sicherheitskontrollen sind streng wie am Flughafen. Der Rucksack muss durchleuchtet werden; im Gegensatz zum Flugzeug stören unsere im Rucksack versteckten Messer hier jedoch niemanden. Die Fahrt ist großartig – der Zug erreicht bis zu 300 km/h.

Kein Rattern der Schienen, völlig ruhiger Lauf. Mehrere Kilometer lange Tunnel – praktisch alle Gebirge auf der Strecke sind mit langen Tunneln unterquert. Deshalb schafft der Zug die 350 Kilometer nach Gijón in drei Stunden. Informationen auf dem Display werden in allen fünf Sprachen des spanischen Königreichs (Kastilisch, Katalanisch, Valenzianisch, Galicisch und Baskisch) angeboten, dazu auf Englisch und auf Französisch – nicht aber auf Deutsch.

Die Berge tragen weiße Gipfel. In den letzten Tagen hat es in Spanien stark geregnet und in den Bergen geschneit. Östlich von Madrid gab es Überschwemmungen, betroffen waren auch das Baskenland und Asturien – also die Regionen, wohin wir reisen. Doch wir haben Glück – nicht zum letzten Mal. Seit Montag haben die Regenfälle aufgehört; wir werden noch angeschwollene Flüsse sehen, doch die Sonne hat bereits den Kampf mit den Wolken gewonnen.

In Gijón kommen wir um 18:42 Uhr an. Wir schalten Google Maps ein, um den Weg zu dem Apartment zu finden, das ich im Internet gebucht habe. Es heißt Boogalow, liegt direkt über dem Stadtstrand im Zentrum und ist großartig – ebenso wie seine Besitzerin.

Strand von Gijon

Der Kontakt verläuft problemlos; genau um zwei Uhr, wie versprochen, erhalten wir eine SMS mit Check-in-Informationen. Obwohl wir bisher auf Englisch kommuniziert haben, bekomme ich detaillierte Informationen auf Deutsch. Ich staune.

Wir haben ein Doppelzimmer. Dusche und Toilette sind gemeinschaftlich, ebenso ein Aufenthaltsraum und eine sehr gut ausgestattete Küche. In der Küche sitzt ein Araber, der über einer Schüssel Pommes auf den Sonnenuntergang wartet – es ist Ramadan. Die Sonne geht in Spanien erst zehn Minuten vor acht unter. Eigentlich müsste er mir fast leidtun, doch das ist nicht der Fall. Er selbst sagt, er brauche nicht viel zu essen, er rauche lieber. So sieht er auch aus. Er kommt aus Algerien, spricht kaum Spanisch, dafür Französisch – das wiederum ich nicht beherrsche. Er schläft im Aufenthaltsraum, hilft offenbar beim Bettenmachen und Wäschewaschen und darf dafür im Hostel übernachten.

Das Hostel ist großartig – das werden wir in den folgenden Tagen umso mehr zu schätzen wissen, wenn es längst nicht mehr so luxuriös und bequem sein wird.

In der Küche sind zwei Gäste, beide Deutsche. Ein junger Mann aus Leipzig, der sich zu einem Studienaufenthalt in Gijón befindet, und eine Pilgerin, die beschlossen hat, ihre Reise nach Santiago in Gijón aufzugeben. Die Regenfälle der letzten Tage haben ihr so zugesetzt, dass sie nicht weiterkann. Also eine echte Ermutigung ist es nicht.

Ich versuche, die Herberge anzurufen, in der wir die nächste Nacht in San Martín de Laspra schlafen wollen. Niemand hebt ab. Das erfüllt mich mit Unruhe – was, wenn sie noch nicht geöffnet hat? Es ist doch erst März! Am schwarzen Brett im Hostel finde ich jedoch einen Hinweis auf diese Herberge mit einer völlig anderen Telefonnummer. Ich wähle sie – diesmal mit Erfolg. Die Herberge ist geöffnet. Wir reservieren die Übernachtung. Den Grund erfahre ich morgen: Der Hospitalero José, dem die ursprüngliche Nummer gehörte, hat aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben, es gibt also einen neuen Betreiber und demzufolge auch eine neue Telefonnummer. Mein Buch von Raimund Joos ist aus dem Jahr 2022 – kleine Fehler sind also möglich.

Vergeblich suchen wir nach einem Geschäft, in dem man Brot kaufen könnte. Das einzige Laden in der Nähe führt kein Brot. Erst morgen werden wir feststellen, dass wir den Supermarkt in Sichtweite hatten – aber in die falsche Richtung geschaut haben.

Wir gehen in die Stadt essen, vorbei an der geschlossenen Kirche des heiligen Petrus und an der Statue von Don Pelayo. Wir finden die italienische Pizzeria Certicci. Vlado bestellt Pizza, ich Nudeln mit Gorgonzola. Dazu Wein, den uns die Kellnerin beim Bezahlen nicht einrechnet.

Alles beginnt nach Plan – ja sogar besser als geplant. Um halb zehn liegen wir im Bett. Morgen starten wir auf die Route nach Compostela.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.