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Montenegro II

Ich würde heute meinen Artikel mit dem gleichen Zitat aus dem deutschen Reiseführer anfangen, mit dem ich vor zwei Wochen mein Schreiben beendet habe. Also:

„Die Abfahrt von Jadranski Put hinunter an den Strand des Retortendorfes Čanj lohnt sich eigentlich nur für Reisende mit sehr schmalem Budget und geringen Ansprüchen. Fast ausschließlich Urlauber aus Serbien sowie ein paar versprengte Tschechen und Ungarn verbringen hier ihren Urlaub auf der Luftmatratze. Am Wochenende wird es dann richtig voll, denn von Podgorica sind es durch den neuen Straßentunnel nur noch 45 Minuten bis hierher. Da ist es natürlich praktisch, dass der hintere Teil des Kiesstrands gleich als Parkplatz ausgewiesen ist.“

               Trotzdem hat nicht einmal dieser Reiseführer das Hauptproblem von Čanj erfasst – nämlich, dass es sich tatsächlich um den Stadtstrand der Hauptstadt von Montenegro Podgorica handelt. Nach dem Bau des Straßentunnels, der Podgorica mit der Küste anbindet, ist gerade Čajn der nächstgelegene Strand, zu dem die Einwohner von Podgorica aufbrechen, wenn sie sich entscheiden, ans Meer zu fahren. Und das tun sie leider häufig. Die Fahrt hierher mit dem Auto dauert  – wie schon erwähnt – ungefähr eine Dreiviertelstunde, also es zahlt sich aus, sogar nachmittags nach der Arbeit herzufahren und ein kleines Bad im Meer zu nehmen. Diese Möglichkeit wird leider sehr oft genutzt – meiner Meinung nach viel zu oft. Also das schöne Photo im Internet wurde sicherlich irgendwann in April um sechs Uhr morgens geschossen.

Das ist nämlich wahrscheinlich die einzige Zeit, wenn der Strand nicht überfüllt ist. Übrigens, es gibt nicht nur „ein paar versprengte Tschechen“ hier. In einem alten Hotel am Strandrand residiert die tschechische Versicherung „Mořský koník“, also „Seepferd“ und organisiert hier Erholungsaufenthalte für tschechische Kinder.

Die einzige Alternative für ein schönes Bad ist ein Transfer mit einem Boot für drei Euro zum „Königsstrand“, der sich hinter einem Felsen in einer anderen Bucht befindet. Leider ist diese Überfahrt für Menschen mit Kinetose, wie zum Beispiel meine Frau, nicht unbedingt empfehlenswert.

               Übrigens Čanj war der nördlichste Punkt von Montenegro bis zum Jahr 1918. Zwei Kilometer nördlich von diesem Dorf gibt es einen Pass, der in den Jahren 1878 – 1918 die österreichisch-montenegrinische Grenze war. Das Städtchen Petrovac – damaliges venezianisches und später österreichisches „Castello Lastva“ war der südlichste österreichische Ort. So weit nach Süden reichte nach dem Wiener Kongress Österreich-Ungarn und Montenegriner wechselten auf der anderen Seite der Grenze die Türken im Jahr 1878 aus, als sie mit russischer Hilfe den Zugang zum Meer eroberten – damals nach 1878 gehörten aber zu Montenegro lediglich die Häfen Antibari (das heutige Bar) und Ulcinj.

               Natürlich besaß ich die Adresse unserer Unterkunft. Der Name „Apartman Promis“ klang nobel und ich war überzeugt, dass in einem Loch wie Čanj doch jeder Mensch wissen müsste, wo das ist. Obwohl mein GPS natürlich keine Ahnung hatte. Es brachte uns nach Čanj , den Namen der Straße kannte es aber natürlich nicht und ich konnte den richtigen Ort nicht finden. Meine Frau war überzeugt, dass sie unser Apartment in einem Gebäude am anderen Ende des Ortes erkennen konnte, wir fuhren also hin. Vor den Häusern, die denen aus dem Internet absolut ähnelten, obwohl sie keine sichtbare Bezeichnung des Apartments trugen, gab es einen öffentlichen Parkplatz. Ich blieb dort stehen und fragte einen jungen Mann, der dort die Parkgebühren einhob, ob das Gebäude vor uns „Apartman Promis“ sei. Er sagte absolut überzeugend, dass es sicher nicht so sei, er müsste darüber doch etwas wissen. Ich wurde unsicher, allerdings glaubte ich ihm und fuhr weg, um unsere Unterkunft zu suchen. Entlang der Küstenstraße gab es eine Menge kleiner Geschäfte, Strandbars und Restaurants, ich hielt bei einem Geschäft an und zeigte der Verkäuferin die Adresse unserer Unterkunft. Sie schüttelte den Kopf und meinte, es wäre sicher nicht dort. Ich begann zu schwitzen und wandte ein, wir wären doch in Čanj. Das war sie bereit zu gestehen, sie meinte aber, dass es die Adresse auf unserer Buchung über „Booking com“ im Ort sicher nicht gäbe. Ein bisschen irritiert entschied ich mich in einem Restaurant nach dem Apartment zu fragen. Ein guter Wirt muss doch alles wissen! Er meinte aber, dass er von einem Apartment mit diesem Namen und über diese Adresse, die ich auf meinem Papier hatte, noch nie etwas gehört hätte. Ich begann zu ahnen, dass wir Opfer von Internetbetrügern waren. Auf der Buchung gab es aber eine Telefonnummer. Ich rief an… und ich läutete ins Leere. Nicht nur das erste Mal, sondern auch das zweite Mal hat niemand abgehoben. Das dritte Mal meldete das Telefon, dass die gerufene Nummer unerreichbar wäre. Kurz bevor ich in Ohnmacht gefallen wäre, erinnerte ich mich, das ich bei der Einfahrt in den Ort einen Polizisten sah, der gerade dabei war, jemandem einen Strafzettel auszustellen. Ein Polizist MUSS doch wissen, wo es welche Adresse gibt – in einem Ort, um den er sich kümmert.

               Wir fanden den Polizisten. Ich fragte ihn nach der Adresse und er meinte, dass so etwas sich in Čanj sicher nicht befinde. Er merkte meine Blässe und rief die Telefonnummer aus meiner Buchung an. Ich wandte ein, dass ich diese Nummer bereits dreimal erfolglos angerufen hatte. Er reagierte auf meinen Einwand nur mit einer missachtenden Handbewegung und tippte die Nummer in sein Handy. Diesmal wurde auf der anderen Seite sofort abgehoben. Es folgte ein langes und sehr emotionales Gespräch. Dann forderte mich der Polizist auf, ihm zu folgen. Er schaltete an seinem Motorrad das Blaulicht ein und führte uns – direkt vor die Apartments, wo wir am Anfang unserer Suche waren.

Der junge Mann auf dem Parkplatz war sehr überrascht, uns wieder zu sehen. Noch mehr überrascht war er, als er erfuhr, dass das Haus hinter dem Parkplatz, wo er bereits den ganzen Sommer die Parkgebühren eingehoben hat, ein Apartment namens „Promis“ ist.

               Die Zufahrt zum Appartement war nicht ganz einfach, weil serbische Touristen ihre Autos in zwei Reihen nebeneinander abgestellt und somit die Zufahrt beinahe verschlossen hatten, aber als ich mich auf dem Parkplatz umdrehte und die Zufahrt von der anderen Seite angefahren hat, gelang es mir mit Hilfe meiner Gattin und fester Nerven mein Auto doch in die Lücke zu pressen und bald danach vor unserem Appartement einzuparken. Die Dame in der Rezeption sprach sehr gut Russisch und Englisch gleich schlecht wie ich, also war die Kommunikation mit ihr absolut problemlos. Man durfte ausschließlich in bar zahlen, es wurden keine Karten akzeptiert. Zum Glück rechnete ich damit und hatte genug Bargeld zur Hand. Auf die Frage, wo sich der nächste Bankomat befinde, um die dadurch erschöpfte Geldresourcen aufzufüllen, sagte mir die Dame, dass es in Bar wäre. Die Stadt Bar war elf Kilometer entfernt. In diesem Moment begann ich zwei Dinge zu ahnen:

  1. Čanj ist kein touristisches Zentrum, wie wir gewohnt sind. Das bestätigte sich auch. Wir fanden hier ein einziges Restaurant, das sogar Sonnenschirme mit einer Werbung für das tschechische Bier „Staropramen“ hatte (Obwohl es nur „Nikšičko pivo“ in Angebot gab – das Bier war aber nicht schlecht). Es gab hier nur ein Hotel. Als wir dort einmal zum Mittagessen gingen, war das Personal von der Anwesenheit der Ausländer so durch den Wind, dass wir uns weitere Besuche lieber ersparten. Ein Geschäft vom Typ eines Supermarkets gab es hier keines und das ganze Dorf wurde von einem Polizisten bewacht – dem, der uns zu unserem Appartement brachte und seit diesem Moment mit uns sehr befreundet war – übrigens bekam er für die Rettung unserer Leben zehn Euro als Trinkgeld.
  2. Ganz Montenegro ist eine große Waschmaschine fürs Geld. Und zwar für russisches Geld. Es gibt doch nichts Besseres, als in dieses Land schmutzige Rubel zu investieren und aus der Waschmaschine dann saubere Euros zu kassieren. In Montenegro zahlt man mit Euro, obwohl das Land keine eigene Emissionspolitik betreibt (obwohl es eine Nationalbank in Podgorica besitzt – welche Funktion diese Bank hat, habe ich nicht entziffert). EU akzeptiert schweigend diesen Auswuchs, offensichtlich bringt er doch bestimmte Vorteile. Es war eine Tat des Präsidenten Djukanovič, als Montenegro noch ein Teil der serbisch-montenegrinischen Föderation war. Im Jahr 1999 nach der Bombardierung von Serbien durch die Flugzeuge der NATO befürchtete Djukanovič eine Inflation des serbischen Dinars. Er entkoppelte also die eigene Währung und nahm als offizielles Zahlungsmittel im Land die deutsche Mark an (die seit 1998 bereits ein offizielles Zahlungsmittel im benachbarten Bosnien und Herzegowina war). Als dann Deutschland der Eurozone beitrat, folgte ihm Montenegro – im Gegensatz zu Bosnien. Der größte der montenegrinischen Kurorte am Meer – Budva – ist fest in russischer Hand, für russische Touristen wurde sogar ein Militärflughafen in Tivat in einen zivilen Flughafen umgebaut – der Weg nach Montenegro führt direkt am diesen Flughafen vorbei, als über mein Auto in einer ungefähr Dreißigmeterhöhe ein großes Flugzeug der Aeroflot schwebte, war ich mir nicht sicher, wie es der Pilot meinte und ob er gerade landete oder abstürzte. Die  Montenegriner haben – ähnlich wie die Serben – ein traditionell gutes Verhältnis zu Russland und die Ähnlichkeit ihrer Sprache mit Russisch verdankt sie nicht nur den gemeinsamen slawischen Wurzeln, aber auch der Tatsache, dass der Gründer der serbischen (und damit auch montenegrinischen) Sprache Petar Petrovič Njeguš in Sankt Petersburg studierte.

Wir haben also unsere Unterkunft bezogen, die Apartments waren schön, neu und sauber mit einem Schwimmbad und sogar auch die Mehlschwalben auf dem Balkon hielten sich an die Vorschriften der Sauberkeit. Wir bereiteten uns vor, das interessante Land zu erkunden. Aber darüber das nächste Mal.

Montenegro

               Einmal wird der ganze Wahnsinn mir Coronavirus vorbei sein und dann beginnt man wieder Urlaub zu planen. Also versuche ich in einer kurzen Serie von drei Artikeln etwas über ein kleines Land weit weit weg am südlichen Balkan zu erzählen.

               Montenegro ist ein winzig kleines Land im Südwesten des Balkans. Es ist wirklich sehr klein. Wenn man den Berg „Jezerni Vrh“ besteigt, wo die Montenegriner  ein Mausoleum für ihren „Vater der Nation“ Petar Petrovič Njeguš erbaut haben, sieht man von diesem Gipfel aus praktisch das ganze Land. Vom Fjord von Kotor bis zum Skadarsee, die neue Hauptstand Podgorica sowie auch die alte Hauptstadt Cetinje. Von hinten (und von oben) schaut auf Sie der höchste Berg des Landes „Babin Kuk“. Also, wenn die Montenegriner ihrem geliebten Fürstbischof (geliebt war er, wie es den Väter der Nationen üblicherweise geschieht, nur nach seinem Tod) eine Aussichtsterrasse bauen wollten, so gelang es ihnen perfekt. Es ist auch notwendig zu bedenken, dass zu der Zeit, als das dankbare montenegrinische Volk  Petar Petrovič ins Grab legte, dieses Ländchen noch wesentlich kleiner war. Es waren die Landesgewinne in den Jahren 1878 und 1918, die das Land so weit vergrößerten, dass man es zumindest in die Europa- Landkarten eintragen konnte.

               Der Name des Landes ist vielsagend. Auf dem ganzen Gebiet, das 13 812 km2 umfasst und in dem 600 000 Einwohner leben, gibt es nämlich kaum etwas anderes als schwarze Berge.

Also mit Ausnahme der Küste, dem südlichsten Abschnitt der Adriaküste, der noch vom slawischen Element bewohnt wird. Das war eigentlich der Grund, warum wir in Richtung Montenegro aufbrachen.

               Der Reiseführer macht darauf aufmerksam, dass die Fahrt nach Montenegro und besonders dann die Fahrt IN MONTENEGRO feste Nerven und viel Geduld verlangen würde. Meine liebe Frau auf dem Beifahrersitz hat diese Eigenschaften nicht unbedingt im Überschuss und so gewann unsere Reise auch einen zusätzlichen emotionalen Aspekt.

               Die Fahrweise der Montenegriner ist tatsächlich spürbar emotional und so ist es ratsam, eher Instinkte als Vernunft beim Fahren zu verwenden. Dieses kann nämlich versagen. Das habe ich gleich am Tag der Anreise verstanden, als ich beinahe ein Auto übersah, das mich von rechts überholte (es hatte recht, links gab es keinen Platz). Seit diesem Moment beachtete ich bei der Fahrt mehr meinen Rückspiegel als das Geschehen vor mir. Die Montenegriner lieben eine schnelle Fahrt und lassen sich dabei durch Dinge, wie Geschwindigkeitsbeschränkung, doppelte Sperrlinie oder unübersichtliche Kurve nicht irritieren. Manche stürzen sich in diese Verbote oder Kurven mit dem Mut eines Kamikazes. Es gibt Gott sei Dank aber nicht sehr  viele von ihnen. Natürlich, alle Montenegriner würden gern auf diese Art fahren, werden aber dabei wesentlich durch die Qualität ihrer Fahrzeuge, die überwiegend aus dem Jahr „1900 und wenig“ stammen, limitiert. Bergauf schaffen ihre Mercedes maximal dreißig bis vierzig Kilometer pro Stunde. Und bergauf ist es dort häufig – siehe den Namen des Landes.

               Mit dem Parken machen sich die Einheimischen auch keine Sorgen. Das Auto wird einfach IRGENDWO abgestellt. Ob damit jemand eingesperrt wäre, interessiert sie nicht im Geringsten, auch wenn es nur einen Meter weiter zu fahren wäre, um dem Betroffenen eine freie Ausfahrt zu gewähren. Mit dieser Situation wurden wir bereits am ersten Tag konfrontiert. In der Nacht kam zu unserem Apartmenthaus irgendjemand im Mercedes mit deutschem Kennzeichen und stellte das Auto quer ab, damit niemand das Apartment verlassen konnte. Obwohl es wirklich gereicht hätte, nur einen Meter weiter, näher zur Wand des Hauses, zu fahren. Die Montenegriner kennen aber nicht die Entschlossenheit meiner Frau. Die ist bereit, sich um sieben Uhr in der Früh ins Auto zu setzen – in Montenegro herrscht zu dieser Uhrzeit noch tiefe Nacht, die Sonne strahlt zwar schon, aber alle befinden sich noch in der Phase eines tiefen Schlafes – und sie hupte so lange, bis jemand kam und den Weg für die Ausfahrt frei machte.

               Natürlich war es nicht der Desperado, der uns die Ausfahrt versperrt hatte, sondern ein anderer Bewohner des Apartmenthauses. Es war ein Deutscher aus Stuttgart, der uns den Weg durch ein kompliziertes Manöver freimachte, damit wir zu unserer Erkundungsreise aufbrechen konnten. Selbstverständlich gehörte das unsinnig eingeparkte Auto mit dem deutschen Kennzeichen einem einheimischen jungen Mann aus Čanj. In Montenegro muss man nicht die geringste Sorge haben, dass man durch das Autokennzeichen als Ausländer identifiziert werden könnte – die Hälfte aller Montenegriner arbeitet irgendwo im Ausland und hat also an ihren Fahrzeugen ausländische Kennzeichen. Am häufigsten deutsche aber überraschenderweise auf viele amerikanische, besonders aus der Staaten New York und New Jersey.

               Der Weg nach Montenegro ist lang. Es zahlt sich also aus, irgendwo unterwegs in Kroatien einmal zu übernachten. Wir taten es, wir übernachteten in Trogir und wir bereuten es nicht. Bis nach Ploče, wo die Autobahn in Richtung Sarajevo abbiegt, ist die Fahrt sehr gut, dann aber erwartet den Fahrer die Adriatische Magistrale (Jadranski Put) und einige Grenzübergänge, an denen die Zollbeamten ihre Arbeit sehr ernst nehmen. Besonders die kroatischen, die sich offensichtlich bemühen, die Touristen dafür zu bestrafen, dass sie sich entschieden hatten, in einem anderen als in ihrem Land den Urlaub zu verbringen. Zuerst überquert man die Grenze zwischen Kroatien und Bosnien und Herzegowina. Diesem Land gehört an der Küste nur eine einzige Gemeinde namens Neum, dann muss man wieder nach lediglich fünf Kilometern über die nächste Grenze von Bosnien und Herzegowina wieder zurück nach Kroatien und dann, nach einer langen Fahrt auf der Magistrale an Dubrovnik vorbei, kommt die Grenze zwischen Kroatien und Montenegro. Achtung, die sogenannte „Grüne Karte“ nicht vergessen! Wenn der Zöllner darauf kommt, dass man sie nicht mit hat, muss man gleich an der Grenze eine Reiseversicherung abschließen und die kostet 70 Euro. Ich hatte eine bereits abgelaufene Karte aus dem vorigen Jahr mit, aber so zimperlich sind die südbalkanischen Zollbeamten doch nicht. Ich kam kostenfrei durch. Auf dem Gebiet von Montenegro bewegt man sich dann fast ausschließlich in verbautem Bereich, also eine Geschwindigkeit mehr als fünfzig Kilometer pro Stunde ist nur selten erlaubt. Zusammengerechnet haben wir für 119 Kilometer von Čanj, wo wir wohnten, nach Dubrovnik, viereinhalb Stunden gebraucht, wobei uns kroatische Zollbeamten eineinhalb Stunde vor ihrer Grenze stehen ließen. Also ohne die bereits erwähnte Geduld kommt man nicht durch. Diese hatte aber meine Frau unglücklicherweise nicht eingepackt. Ich muss ihr aber sehr dankbar sein, dass sie mir einen Eintagesausflug nach Dubrovnik ausgeredet hat. Aus den oben genannten Gründen ist so etwas nicht realisierbar. Vergessen Sie eine solche Idee und mieten Sie in Dubrovnik ein Apartment für eine Nacht, wenn Sie die Stadt „Game of Throns“ unbedingt besuchen möchten.

               Ein bisschen problematisch ist es in Montenegro eine bestimmte Adresse zu finden. Zum Beispiel die Adresse des Apartments, in dem man den Aufenthalt gebucht hatte. Adressen sind hier nicht üblich, Maria Theresia mit ihrem Landeskataster war hier nicht tätig. Einige Straßen haben zwar Namen und die Häuser sogar Nummer – nur niemand von den Einheimischen kennt sie – und schon gar nicht mein GPS. Die Mehrheit der Firmenautos, denen man begegnet, hat in der Firmenadresse Angabe „bb.“, also „bez broja“ – ohne Hausnummer. Die Straßen besitzen zwar Namen, diese sind aber sogar ihren eigenen Bewohnern unbekannt. Wen kümmert es schon, dass es die Njegušstraße sein soll? Für die Montenegriner ist das doch die Straße, in der Drago seine Autowerkstatt hat. Für einen Ausländer, der die örtlichen Verhältnisse nicht kennt, könnte diese Tatsache zum Problem werden. Man kennt den Drago nämlich nicht und ist damit verloren!

               Also ist es praktisch, sich das Aussehen des Apartments oder Hotels, in dem man wohnen soll, zu merken oder noch besser es auszudrucken und mitzunehmen. So kann man sein Hotel erreichen. Wir haben diese Sache in unserer Unerfahrenheit unterschätzt und vernachlässigt. Es sollte sich rächen.

               Die Wahl der Unterkunft in Čanj schaute auf den ersten Blick sehr vernünftig aus. Im Internet gab es einen schönen, breiten, sauberen. menschenleeren Kiesstrand, die Ortslage war direkt im Zentrum der montenegrinischen Küste, also für jemanden, der das Land kennenlernen möchte, absolut ideal. Nur später kaufte ich einen Reiseführer über Montenegro und nach Durchlesen des Artikels über Čanj entstanden in mir bestimmte Zweifel über die Richtigkeit der Wahl der Unterkunft. Der deutsche Reiseführer hat – ziemlich sarkastisch – geschrieben: „Die Abfahrt von Jadranski Put hinunter an den Strand des Retortendorfes Čanj lohnt sich eigentlich nur für Reisende mit sehr schmalem Budget und geringen Ansprüchen. Fast ausschließlich Urlauber aus Serbien sowie ein paar versprengte Tschechen und Ungarn verbringen hier ihren Urlaub auf der Luftmatratze. Am Wochenende wird es dann richtig voll, denn von Podgorica sind es durch den neuen Straßentunnel nur noch 45 Minuten bis hierher. Da ist es natürlich praktisch, dass der hintere Teil des Kiesstrands gleich als Parkplatz ausgewiesen ist.“

Wir haben den Strand erreicht, aber darüber das nächste Mal. Es ist eine ein bisschen längere Erzählung.

Die Rückkehr eines Kriegers

„Troja wurde bereits vor zehn Jahren vernichtet“, sagte einer der Männer, die vor der Hütte saßen. Es war ein schöner Tag, vom Meer wehte ein frischer Wind und zerzauste ihre Haare. Beide waren schon alt, aber während der eine, der gerade das Ferkel aufschnitt und seine Teile auf den Bratspieß spießte, durch sein Leben und seine Arbeit alt geworden ist, das Alter des anderen wirkte unecht. Er hatte zwar faltige Haut alter Männer und von Salz vertiefte Falten um die Augen und Mund, aber seine Augen, obwohl müde, zeugten von einem jüngeren Alter, als seinen grauen Haaren und dem Bart entsprachen. Er redete nur wenig, er beobachtete verträumt die Hügel der Insel, es lag also an dem anderen, die Konversation am Laufen zu halten.

            „Es ist schon zehn Jahre her“, setzte der ältere von ihnen fort, der Hirt namens Eumaios. „Trotzdem wird noch immer davon erzählt. Es war ein großer Krieg, einen solchen haben Griechen noch nie erlebt.“

            „Ein Krieg ist immer eine abstoßende Sache“, erwiderte der andere. „Es gibt Tote und Jammer. Abgeschlachtete Leute und niemand weiß, warum sie sterben mussten. Vergewaltigte Frauen und ermordete Kinder. Grausamkeiten, für die man sich bereits am Tag danach schämt, und diese Scham hält bis ans Ende seiner Tage an. Im Wahnsinn des Gemetzels der Schlacht wird man aber zu einem Tier, das seinen Trieb nicht beherrschen kann und tötet ohne nachzudenken.“

„Warst du also auch im Krieg?“ fragte Eumaios.

Der andere nickte. Er sagte nichts und senkte den Kopf.

„Du bist also ein Held,“ wollte der Hirt nicht locker lassen.

„Held?“ es schien, als ob sein Gast das Wort ausgespuckt hätte. „Helden sind die, die starben. Die müssen sich nicht mehr für ihre Taten schämen, über die darf man verherrlichende Sagen singen. Ich bin am Leben geblieben.“

Der Hirt war fertig mit seiner Arbeit. Er legte den Spieß mit Ferkelteilen über das Feuer, er legte große Holzscheite aus Lärche hinan und setzte sich näher zu seinem Gast. Er erkannte, dass es sich um einen unglücklichen, müden Menschen handelte und er tat ihm leid. Er hätte ihn am liebsten um die Schultern umarmt, um ihn zu trösten, er schreckte aber vor einer so großen Vertraulichkeit zurück. Er suchte nach den richtigen Worten.

„Krieg ist einmal Krieg“, sagte er dann. „Im Krieg tötet jeder um nicht selbst getötet zu werden. Es ist daher nicht notwendig sich deshalb zu grämen oder sich etwas vorzuwerfen. Es gibt andere Verbrechen, die man nicht verzeihen kann. Du solltest nicht daran denken.“

„Ich hatte viel zu viel Zeit zum Nachdenken“, lächelte der andere mit grauen Haaren und jungen Augen bitter. „Ganze sieben Jahre lebte ich bei einer Frau namens Kalypso am Ende der Welt nahe der Heraklessäulen. Ich hatte genug an Speise und Trank. Ich musste nicht arbeiten, ich durfte ganze Tage in der Sonne liegen, nur in der Nacht musste ich meine Gastgeberin lieben. Sie verlangte von mir nichts anderes.“

„Das ist eine schöne Geschichte“, lächelte der Hirt.

„Bei solchem Faulenzen muss man aber die Zeit irgendwie vertreiben und das tut man durch Nachdenken. Das Faulenzen ist nichts Gutes für jemanden, auf dessen Seele ein Verbrechen lastet. Deshalb flüchtete ich aus diesem Paradies und ertrank beinahe bei der Insel der Phäaken. Vielleicht sehnte ich mich nach dem Tod, als ich Kalypso verlassen habe, was sonst konnte ich in den Wellen des endlosen Ozeans suchen? Die Götter erlauben aber niemandem zu gehen, dessen Zeit noch nicht abgelaufen ist.“

„Vielleicht hast du noch eine Aufgabe auf dieser Welt“, sagte der Hirt, als er aber bemerkte, dass sein Gast ungeduldig und ablehnend den Kopf schüttelte, wechselte er das Thema des Gespräches.

„In welchem Krieg hast du gekämpft? Erzähle mir über dein Schicksal, bis das Fleisch fertig gebraten ist. Für einen Mann, der sein ganzes Leben zwischen seinen Schweinen verbracht hat, sind alle Erzählungen über fremde Länder verlockend und interessant. Auch wenn sie von Blut durchtränkt sind.“

„Ich war bei Troja“, sagte der andere. „Das reicht, um alles zu wissen.“

„Also bei Troja“, freute sich Eumaios. „Dort war auch unser König. Der größte aller Helden! Ohne ihn hätte man Troja niemals erobert, zumindest so wird es erzählt. Unser König Odysseus hatte schnelle Beine und ein noch schnelleres Denken. Sein Sohn watschelte noch, als er von den Boten des Königs Agamemnon ausgesucht wurde. Er wollte nicht in den Krieg ziehen. Er pflügte das Feld mit einem Pferd und einem Ochsen, so ein Gespann dachte er sich aus, um für einen Narren gehalten zu werden und er säte Salz in die Furchen. So sehr wollte er bei seiner jungen Frau und seinem kleinen Sohn zu Hause bleiben. Die königlichen Boten zwangen ihn aber zu gehen, sie durchschauten seine List, als sie sein Söhnchen in die Furche legten und er sein Gespann anhielt. Er wäre derzeit über vierzig Jahre alt.“ 

„Kam er nicht zurück?“ fragte der andere mit einer hohlen Stimme.

„Würde es auf Ithaka so aussehen, wie es aussieht, wäre er zu Hause? Ich kann dir zum Essen nur ein Ferkel anbieten, weil ich alle Mastschweine in die Stadt abliefern musste. Dort wird seit Wochen geprasst. Gut zwanzig Anwärter bewerben sich um die Hand unserer Königin Penelope, jeder von ihnen will aber vor allem an ihrer Seite König werden. Es ist eine Bande von Räubern und Betrügern und es gibt niemanden, der sie zähmen könnte“. Der Hirt wurde zornig, unterbrach aber seine Rede, als er bemerkte, mit welchem Blick ihn sein Gast anschaute.

„Odysseus hatte doch einen Sohn“, sagte der Fremde und seine Stimme zitterte.

„Ja, er ist da, aber ein Sohn ist nur ein Sohn, der Ehemann ist der Herr im Hause. Télemachos ist stark und tapfer. Wie sollte er aber die ganze Bande, die seinen Palast besetzte, vertreiben? Er hat doch keinen Beweis, dass sein Vater am Leben ist, um in seinem Namen handeln zu können. Der Augenblick ist nicht sehr weit, in dem Penelope einen der Freier zu ihrem Mann wählen muss. Sie kann mit ihrer Entscheidung nicht ewig zögern.“

„Sind alle so böse?“ zweifelte der Gast.

„Möglicherweise nicht“, sagte der Hirt. „Eurymachos hat Weisheit, Antinoos wieder Kraft und Sorglosigkeit. Vielleicht sind sie nur zu jung, um über das Leben und ihre Taten nachzudenken.“

„Viele Menschen mussten sterben, weil sie über ihre Taten nicht nachgedacht haben“, sagte der Fremde düster. „Es reicht manchmal nur so wenig und die Worte werden unmittelbar vom Tod gefolgt.“

„Deine Toten plagen dich“, bemerkte der Hirt und drehte langsam den Spieß.

„Nicht alle“, widersprach der Gast. „Die, die ich im Kampf getötet habe, stören meinen Schlaf nicht. Sie hätten mich getötet, wäre ich nicht geschickter als sie. Nur ein Toter plagt mich und lässt mich nicht schlafen. Eigentlich eine Tote.“

„Sie war also eine Frau“, sagte der Hirt. „Hast du sie aus Leidenschaft getötet?“

Der Gast schüttelte den Kopf. „Nein, so war es nicht. Ich tötete sie weder mit meinem Schwert noch erwürgte ich sie. Ich tötete sie mit einem Wort, aber umso furchtbarer war meine Tat. Weil ihr Sterben zu lange dauerte.“

„Erzähle mir deine Geschichte, Mensch“, bot ihm Eumaios. „Es kann dir helfen. Sicherlich hast du es vielmals der Frau erzählt, die dich sieben Jahre lang in ihrem Schoß versöhnen wollte. Erzähle es aber noch einmal einem bedeutungslosen Alten, weil die Gewissenbisse wie ein Becher mit Galle sind, der sich nach jedem Entleeren wieder füllt.“

„Sie hieß Iphigenia“, sagte der Fremde.

„So hieß auch die Tochter des gestorbenen Königs Agamemnon aus Mykene. Sie wurde in Aulis vor dem Feldzug nach Troja geopfert“, unterbrach ihn Eumaios.

„Das ist die, von der ich rede“, sagte der Gast still und in seinen Augen erschienen Tränen. Als ob er seine Erzählung nicht fortsetzen konnte, fragte er: „Agamemnon ist tot?“

Der Hirt nickte. „Schon seit zehn Jahren. Er wurde von seiner Frau Klytamnestra ermordet. Noch am Tag, als er von Troja nach Hause zurückkam.“

Der Fremde senkte den Kopf. „Ja“, sagte er. „So musste es enden. Sie begann ihn gerade damals zu hassen. Gerade in dem Augenblick, als ich ihr Kind dem Tod ausgeliefert habe. Sie dachte, er hätte das getan.“

„Ich verstehe dich nicht, Herr“, sagte der Hirt erstaunt.

„Wir waren zu dritt, als der Oberpriester der Göttin Artemis, Kauleas, die Prophezeiung verkündete. Furchtbare Prophezeiung. Agamemnon, Menelaos und ich hörten, dass Artemis nach der ältesten Tochter Agamemnons als Opfer verlangte. Nur so beginnt der Wind zu wehen, der uns nach Troja bringt. Wie schwuren alle drei, dass dieses Orakel niemand erfahren durfte. Und ich verriet es dem Heer.“

„Du kannst dir nicht vorstellen, was dort vor sich gegangen ist“, setzte der Fremde nach einer Weile des Schweigens fort. „Tausendzweihundert Schiffe und fünfzigtausend Männer drängten sich auf den Stränden von Aulis und warteten bereits seit Wochen auf einen günstigen Wind. Es gab Träumer unter ihnen, die nur nach Ruhm strebten, es gab dort Männer, die durch das Gold von Troja reich werden wollten. Es gab unter ihnen aber auch Männer, die nur das Verlangen nach Blut und Gewalt in den Krieg lockt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie bunt, schön, aber auch grausam jede Armee ist. Eine Armee aber, die nicht kämpft, hört auf, schön zu sein. Sie ist dann nur mehr grausam. Im Lager mehrten sich Verbrechen, jeden Tag starben Männer bei Streitereien und Schlägereien. Es gab keine Hoffnung auf Besserung, die Moral verfiel soweit, dass Soldaten sogar dem Oberbefehlshaber Agamemnon mit dem Tod drohten und ihn gleichermaßen wie seinen Bruder Menelaos und seine schöne Dirne Helena hassten. Und in diesem Moment kam Kauleas und bot eine Lösung an. Für den Tod von Iphigenia kommt der richtige Wind. Man muss nur ein Leben opfern, um später Tausende Leben zu vernichten.“

„Hast du ihm geglaubt?“ fragte der Hirt mit Furcht in seiner Stimme.

„Damals habe ich noch an Götter geglaubt“, antwortete der unechte Alte. „Ich war viel zu jung, um an ihnen zu zweifeln. Trotzdem habe ich damals, als Kauleas sein Orakel verkündet hatte, gezweifelt. Vielleicht zitterte seine Stimme von Genugtuung oder von schlecht verborgener Ungeduld. Für einen Augenblick hatte ich Gefühlt, dass nicht die Göttin Artemis, sondern er selbst nach dem Blut der Tochter Agamemnons verlangte. Er versteckte sich hinter der Göttin um dem größten aller Anwesenden zu schaden. So ein Mensch war er und heute bin ich mir schon so gut wie sicher, dass wir damals in eine Falle tappten und dass es nicht Artemis, sonder Kauleas selbst war, der Kinderblut fließen sehen wollte.“

„Du hast aber das Orakel dem Heer verraten. Warum, wenn zu Zweifel hattest?“

„Vielleicht nur, damit mich die Soldaten liebten. Vielleicht nagte beim Blick auf Agamemnons Ruhm Neid in mir. Finde die wahren Impulse für deine Taten! Wahrscheinlich habe ich Agamemnon gehasst, obwohl ich mir das nicht eingestanden habe, weil den Hass auf den Oberbefehlshaber darf man nicht einmal vor sich selbst eingestehen.“

„Es war so einfach“, setzte er fort. „Wenn der König seine Tochter opfern würde, käme der Wind. So habe ich das gesagt. Und die Armee begann von Begeisterung zu brüllen. Von Begeisterung, weil ich ihnen die Hoffnung gab, aber auch in der Erwartung einer grausamen Vorstellung, auf die sie begonnen haben sich zu freuen. Ich sah ihre Begeisterung, die ich mit meinen Worten ausgelöst hatte und ich kam mir mächtig wie ein Gott vor. So groß war dieser Moment.“

„Es war einfach“, erklärte er, „weil Iphigenia in diesem Augenblick nur ein unbekannter Name und die Begeisterung der Soldaten anwesend und spürbar war. Damals war ich überzeugt, dass ich richtig handelte. Es reichte der Applaus tausender Tölpel um mein Gewissen zum Schweigen zu bringen. Das Gewissen protestierte nämlich. Viel später verstand ich, wie sehr es sich gegen diese Tat wehrte.“

„Dann änderte sich aber alles“, sagte der Gast langsam. „ im Moment, als sie in das Lager gebracht wurde. Ein junges Mädchen, viel mehr noch ein Kind als eine Frau. Mit einem ahnungslosen kindlichen Blick voll mit fröhlicher Erwartung. Niemand sagte ihr, dass sie getötet wird. Ihr eigener Vater redete ihr ein, dass er sie vermählen wollte. Deshalb freute sie sich so sehr, weil ihr Bräutigam der schönste aller Griechen sein sollte. Achilles, der Sohn des Peleus.“

„Er war ein Trottel“, setzte der Fremde fort und spuckte ins Feuer. „Ich wusste es immer und vor Troja bestätigte er diese meine Ahnung hunderte Male. Er war aber genau der Typ, dessentwegen  Frauen ohnmächtig werden, wenn er sie anschaut. Frauen können nichts für die Unartigkeit  ihrer Gefühle. Sie besitzen keine Muskeln und keine Schwerter. Sie kämpften immer mit List und ihre Schwäche war ihre größte Stärke. Wir konnten der kleinen Iphigenia nicht übel nehmen, dass sie sich in den Schönling verliebte, der ihr nicht bestimmt war.“

„Furchtbar begann es zu werden, als sie die Wahrheit erfuhr. Plötzlich war hier ein wirklicher Mensch, weinend und klagend. Sie flehte ihren Vater um ihr Leben an, aber er konnte ihr es nicht mehr geben. Seit dem Moment, als ich den Willen der Götter der Armee offenbarte, war sie genauso tot, als ob ich ihr selbst die Kehle durchgeschnitten hätte.“

„Es war für alles zu spät“, sagte der Mann bitter. „Hundertmal wollte ich ihr helfen, sie befreien und wegbringen. Mein Herz brach bei dem Anblick ihrer Verzweiflung. Die gesagten Worte konnte ich aber nicht mehr zurücknehmen und hinter unserem Rücken wuchs die schrecklichste Naturgewalt, die einmal auf der Welt freigelassen wurde. Der menschliche Fanatismus und das Verlangen nach Blut, nach Grausamkeit. Fünfzigtausend Männer wollten sie bluten sehen, weil ich ihnen eine Entschuldigung für ihr Verbrechen angeboten hatte. Der Wille der Götter! Dadurch waren sie unschuldig und durften das Martyrium des Mädchens genießen. Hätte ich in diesem Moment zu ihnen gesagt, dass es alles Lüge sei, die Priester Kauleas frei erfunden hätte, hätten sie mich zerfleischt. Deshalb schwieg ich, als ihr der Opferkranz auf den Kopf gelegt und sie zum Altar geführt wurde. Ich schwieg und das Heer sah einen Anführer in mir. Den größten Verbrecher unter ihnen allen. Das versöhnte sie mit mir und deshalb vergötterten sie mich in diesem Augenblick.“

„Sie wurde getötet“, sagte er mit einer düsteren Stimme. „Das ist mein ganzes Verbrechen.“

Das Fleisch war fertig. Eumaios überreichte das beste Stück dem Gast und beide aßen still.

„Es ist eine große Geschichte“, sagte der Hirt, langsam das Fleisch kauend.

„Für alles zahlt man“, antwortete sein Gast. „Für den einen Augenblick des berauschenden Glücks vor einer tobenden Menschenmasse zahle ich mit zwanzig Jahren Irrfahren.“

„Was hast du vor, weiter zu machen?“ fragte Eumaios.

Was werde ich tun? dachte der Gast. Was soll ich tun? Ich dachte, ich wäre endlich nach Hause zurückgekehrt. Ich war so glücklich, als ich auf dem Ufer dieser Insel aufwachte und mir gesagt wurde, es wäre Ithaka. Ich dachte, ich werde zu meiner Frau gehen und meinen Sohn umarmen. So erträumte ich es. Und jetzt? Als ob das alles nur eine Täuschung wäre. Mein Sohn ist groß und fähig für sich selbst zu sorgen. Er braucht mich nicht mehr, wenn ich ihm die ersten zwanzig Jahre seines Lebens kein Vater war. Und meine Frau? Sie hat in ihrem Haus zwanzig Anwärter, meistens jünger und schöner als ich es bin. Sorglosere und unermüdlichere im Bett. Der Hirt sagte, sie wäre mir die ganzen zwanzig Jahre treu gewsen. Verdiente ich es überhaupt? Wenn ich zu ihr gehen würde, würde ich den ganzen Rest meines Lebens mit einem Schuldgefühl leben müssen. Was bedeute ich ihr noch? Eine Erinnerung? Oder nur einen Vorwand für ihre Angst zu wählen? Den weisen Eurymachos wählen, der verspricht, ein treuer Ehemann zu sein auch, wenn sie schon alt und nicht begehrenswert wird, oder den starken und sorglosen Antinoos, mit dem sie noch prachtvoll die letzten Jahre erleben könnte, in denen sie noch begehrenswert bleibt. Was soll ich dort tun? Welchen Platz habe ich in dieser Geschichte?

„Ich weiß nicht, Eumaios“, sagte er endlich. „Ich werde weiter durch die Welt irren. Wenn du für mich ein Boot besorgen könntest, würde ich auf das Festland segeln. Ich möchte weiterhin meine Heimat suchen. Und das Vergessen.“

„Du könntest auch hier bleiben“, meinte der Hirt. „Du bist kein schlechter Mensch und der zukünftige König Telemachos braucht Männer wie dich.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe hier nichts verloren. Ich fühle, dass hier getötet wird. Um die Brautschau der Königin wird Blut fließen. Möglicherweise tötet Telemachos die Freier, möglicherweise sie ihn. Ich habe hier nichts zu tun. Ich mag nicht mehr töten, ich kann nicht mehr gegen einen Menschen das Schwert erheben. Ich weiß, wie leicht es ist und ich möchte die Versuchung meiden. Der Becher mit Blut, das ich vergossen habe, ist bereits voll. Ich will nicht, dass er überlaufen würde.“

In der Umzäunung begannen Hunde zu bellen. Anders als bei seiner Ankunft, als sie ihn beinahe zerfetzten. Jetzt grüßten sie jemanden Bekannten und in ihrem Bellen konnte man Freude erkennen. Der Hirt stand auf und schaute nach dem Kommenden.

Es kommt offensichtlich ein guter Mensch, dachte der Gast. Hunde erkennen das Gute in einem Menschen, deshalb grüßen sie ihn so freundlich. Mich wollten sie umbringen. Aber – was Gutes tat ich schon in meinem Leben?

Der Hirt begann zu zittern und das Gefäß mit Wein fiel ihm aus den Händen zu Boden. „Télemachos“, rief er. „Prinz Télemachos.“

Der vorzeitig ergraute Mann erzitterte. Er kommt! Dem Schicksal kann man nicht entkommen. Wenn hier heute zufällig nicht dieser Junge erschienen wäre, hätte er ein Boot bestiegen und für immer diese Insel verlassen. Er fühlte, dass er das jetzt nicht mehr schaffen würde. Das Schicksal verfolgte ihn und er konnte keinen Vorsprung vor ihm gewinnen.

Der Junge stand vor ihm. Er war ein schöner, großer junger Mann mit noch etwas schmalen Schultern. Seine Barthaare begannen nur zu wachsen, er strahlte aber vor endlosem Selbstbewusstsein. Schaute ich auch so aus? dachte der Gast. Damals, als ich mit dem Gespann aus Pferd und Ochs pflügte und Salz in die Furche streute? Damals war ich auch noch schön und jung und wollte keinesfalls diesen Jungen und seine Mutter verlassen. Und damals belastete mich noch kein Verbrechen.

Er stand vom Fell auf, um den Prinzen Platz zu machen.

„Bleib sitzen, Fremder“, hielt ihn Télemachos mit einer Stimme an, der man nicht widersprechen konnte. „Ich setze mich woanders hin, es gibt hier genug Platz.“

Er ist selbstbewusst, dachte der Gast. Er lernte zu herrschen, er wird nicht mehr gehorchen können. Wozu bin ich also hier?

Sie saßen zu zweit beim Feuer, der Hirt lief irgendwohin weg, um neuen Wein zu holen. Telemachos erzählte beim Essen über die Verhältnisse im Palast und über seine erfolglose Fahrt nach Sparta zu König Menelaos mit der Bitte um Verstärkung. Der andere schwieg. Er hielt es für entbehrlich zu bemerken, dass Menelaos der gleiche Egoist blieb, wie er es immer schon war. Es drängten andere Worte aus ihm. Er versuchte sie mit dem ganzen Willen zu unterdrücken. Dann verlor er diesen Kampf. Er sprach.

„Télemachos“, sagte er. „Ich bin dein Vater Odysseus. Ich kehrte zurück.“

Der Junge erstaunte. Dann schaute er ihn ungläubig an. Odysseus bemerkte, dass er dabei seine Hand auf dem Schwertgriff hielt. Er ist misstrauisch, dachte er. Er lernte, misstrauisch zu sein. Er hatte niemals jemanden, der ihn beschützt hätte. Er lernte allein zu kämpfen, er braucht niemanden mehr.

Telemachos rührte sich nicht. Also musste sein Vater aufstehen. Er wandte sich zu ihm und umarmte ihn. „Ich bin dein Vater, Junge“, wiederholte er, seine Stimme war aber nicht mehr freudig und aus den Augen kamen keine Freudetränen. Er fühlte nur eine furchbare Müdigkeit.

Der Junge erwiderte die Umarmung nicht. Nur als sich der Vater von ihm entfernte, verbeugte er sich und sagte: „Sei willkommen.“

„Es ist gut, dass du gekommen bist“, sagte er dann. „ Es ist die höchste Zeit. Ich brauche deine Hilfe, weil wir endlich die Ordnung in unserem Palast widerherstellen müssen. Mit deiner Hilfe vertreibe ich alle die Freier, die sich dort breit machen. Wer sich wehren würde, den werden wir töten. Du bist zurück, alles kann also nach dem Recht ablaufen.“

„Es spricht Hass aus dir, mein Sohn“, sagte der Alte. „Hass, den nur die Jugend spüren kann. Jahre des Leidens stumpften solche Gefühle ab. Setzen wir uns und reden wir, ob man die Sache nicht anders erledigen könnte.“

Télemachos setzte sich nicht. In seinem Blick gab es Erstaunen, das rasch in Zorn überging.

„Willst du mir nicht helfen?“ fragte er noch verwundert, aber er setzte schon anders fort. Seine Stimme zischte. „Du hilfst mir! Du musst! Es ist deine Pflicht und ich erlaube dir nicht, ihr zu entgehen. Wir töten alle! Für alle Erniedrigungen, für alles Unrecht, das sie begangen haben. Mit deiner Hilfe schaffe ich das. Kein einziger wird überleben!“

„Ich mag nicht mehr töten“, sagte er still.

„Du musst aber“, erwiderte sein Sohn hart. „Sonst gebe ich bekannt, dass du zurück bist. Sie werden kommen, dich zu töten und dich dann für einen Betrüger zu erklären. Versuche nur mich abzulehnen und du wirst sterben. Mit mir wirst du wieder zum König. Du hast keine Wahl! Du hast sie nicht, seit du auf dieser Insel gelandet bist und seit ich dich erkannte.“

Odysseus staunte. So hat sich das also das Schicksal ausgedacht. Alles kommt zurück. Für alles zahlt man. Er gab damals dem Mädchen auch keine Wahl. Sie musste sterben, egal, wie sich die Sache entwickeln mochte. Sie wollte nicht sterben, sie musste es aber. Er will nicht töten, aber er muss. Alles kommt zurück, man kann nicht entkommen. Also gut, der Becher mit Blut soll zum Überlaufen gebracht werden.

„Gut, Junge“, sagte er langsam. „Gut. Ich komme mit dir.“

Siegreiche Rückkehr – Kurzgeschichte

AGAMEMNON I

               Soldaten marschierten durch ein langes Tal, das Mykene vom Meer trennte und sangen. Ihre Stimmung war gut, wie es schon so bei einem Heer, das vom siegreichen Krieg nach Hause zurück kehrt, üblicherweise ist. Besonders, wenn ein solcher Krieg ganze zehn Jahre gedauert hatte. Er beobachtete sie mit Stolz. Er führte sie zum Sieg, es ist sein Verdienst, dass die mitgeführten Wagen voll mit Beute waren. Ein beträchtlicher Teil der Beute ist übrigens noch auf den Schiffen geblieben, auf denen sie gestern zur Küste kamen. Die Soldaten verfielen in einen sonderbaren Rausch, der sie in der Nähe der Heimat, die sie zehn Jahre nicht gesehen haben, beherrschte. Sie konnten den Marschschritt nicht mehr halten, um so lauter jubelten sie ihrem großen König Agamemnon zu.

               Ihre Bewunderung umspülte ihn wie ein warmes Bad, sie floss über seinen Körper, über seine Arme, die er zu seiner Stadt, zu Mykene, deren mächtige Stadtmauern auf dem Horizont auftauchten, ausgestreckt hatte. Er liebte es immer, geliebt und geachtet zu werden. Deshalb zögerte er keinen Augenblick, als ihm griechische Könige die Führung des Straffeldzuges gegen das weitentfernte Troja angeboten hatten. Übrigens war Menelaos, der unglückselige und geschmähte König von Sparta, dessen Frau der wüste Prinz von Troja, Paris, entführt hat, sein Bruder. Damals ahnte er natürlich nicht, wieviel Leid dieser Krieg den Griechen und ihm persönlich bringen würde. Er verlangte nur nach Sieg, Beute und Ruhm, nach Brechen der Hindernisse. In jedem Mann ist ein Raubtier versteckt und dieses erwachte damals in ihm. Jetzt war die Geschichte endlich hinter ihnen. Troja wurde niederbegrannt, seine Bewohner getötet oder vertrieben. Die legendären Schätze des Königs Priamos wechselten in die griechischen Schiffe und er brachte jetzt einen beträchtlichen Teil dieses Schatzes als Geschenk seiner Frau und seinem Volk. Er hatte also einen guten Grund stolz zu sein.

               Trotzdem spürte er ein Gefühl der Enge in seiner Brust. Er versuchte es zu vertreiben, zu unterdrücken, es kehrte aber immer wieder zurück, besonders die letzten Tage war es sehr lästig gwesen. In der Schlacht vergisst man manche Dinge, aber sobald die Schlacht zu Ende ist und der Rausch des Sieges verblasst, beginnen einen lästige Gedanken zu plagen und es ist schwer, sie zu verdrängen.

               Seine Frau Klytamnestra hatte er seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Das ist eine viel zu lange Zeit, um nicht mit Sorge der bevorstehenden Begegnung entgegen zu blicken. Als er sie damals verließ, war sie nicht mehr jung, sie hat bereits den Dreißiger überschritten. Wer wird ihm jetzt begegnen, wer wird ihn begrüßen? Wird es möglicherweise eine alte graue Frau mit einigen letzten Zähnen sein, von der er sich mit Ekel abwenden würde? Und die Kinder! Wie schauen seine Kinder aus? Orestes watschelte noch, als er ihn das letzte Mal sah. Er ist jetzt zwölf. Und seine älteren Schwestern, Elektra und Chrysostomis? Iphigenia wäre vierundzwanzig. Wäre… Vielleicht hätte sie ihn bereits mit Enkelkindern erwartet, nicht alle griechischen Jungen suchten den Tod in dem verrückten Krieg unter den Mauern von Troja. Iphigenia… Lieber nicht nachdenken, so eine Erinnerung tut auch noch nach zehn Jahren weh.

               Er ging mit seiner Gattin nicht in Gutem auseinander. Er wusste, dass er sie verletzt hatte, furchtbar verletzt, er hoffte aber, dass sie es verstand, dass er nicht anders handeln konnte. Dass er keine Wahl hatte. Als sie sich verabschiedete, verfluchte sie ihn. Weibliche Tücken haben aber keine lange Dauer und zehn Jahre ist eine verdammt lange Zeit. Die Zeit beruhigt die Gemüter, die Zeit heilt die Wunden und stillt die Schmerzen. Er kommt jetzt wie ein großer Sieger. Solche werden von den Frauen verehrt, solchen stürzen sich die Frauen zu Füßen. Er wird den Palast in der goldenen Rüstung des Königs Priamos betreten, umbeben von seinen Soldaten und wehenden Fahnen. Das Volk wird jubeln und Siegeschoräle singen. So bricht man den weiblichen Hass und verändert ihn zur Bewunderung. Klytamnestra wird keine Alternative haben als sich zu seinen Füßen zu stürzen, damit er sie erheben und an seine Brust schmiegen kann. Sie haben doch drei gemeinsame Kinder! Zur Sicherheit ließ er aber einen Teil der Beute in den Schiffen zurück. Besonders Kassandra. Sie ist so angenehm im Bett! Klytamnestra muss nicht unbedingt von ihr erfahren. Zumindest am Anfang nicht.

               „Alles wird gut sein“, versicherte sich der zurückkehrende König. „Alle wird wieder gut sein.“

                KLYTAMNESTRA I.

               Sie beobachtete die lange Schlange der Soldaten, die sich durch das Land schlängelte, durch die fruchtbare Ebene von Argolis und sich der Burg näherte. Sie beobachtete sie schon lange ohne Bewegung, der Wind zerzauste ihre Haare. Es war angenehm und vielleicht deshalb erschien in ihrem Gesicht ein zufriedenes Lächeln.

               „Er kommt zurück“, sagte Klytamnestra und in dem Satz war alles. Die Angst, der Hass und das eiskalte Verlangen nach Rache. Nein, so war es nicht. Die Angst fehlte. Sie fühlte sie nicht.

               „Vielleicht kommen sie ohne ihn“, sagte Aigisthos, der neben ihr stand. Er wollte sie um ihre Schulter umarmen, wie es seine Gewohnheit in der letzten Zeit war, er brachte aber den Mut dazu nicht auf. Der Gatte seiner Geliebten kehrte zurück. Der große König Agamemnon!

               „Wäre er nicht dabei, würden die Soldaten keine erbeuteten Fahnen tragen. Das hier ist ein triumphierendes Heer, mein Lieber. Mit einem triumphierenden Anführer an seiner Spitze. Die Götter sind gerecht. Sie brachten ihn nicht vor Troja um, sie liefern ihn meinen Händen aus. Hast du vielleicht geglaubt, dass die Götter unsere Rache an sich nehmen würden?“

               Ja, er dachte es. Er hoffte es, erkannte die Königin und fühlte Verachtung. Er ist ein Feigling. Allerdings darf er feige sein, er hat keinen Grund, meinen Mann zu töten. Sein Herz ist nicht durch Hass so durchtränkt wie das meine, nur durch Angst. Er fühlt sich als erwischter Ehebrecher und deshalb verliert er seinen Mut. Ich brauche aber seinen Mut nicht, ich habe selbst genug davon. Ich brauche nur seine Muskeln. So wie ich die ganzen Jahre seine Umarmung brauchte. Nur die Umarmung, nicht die Liebe! Ich pfeife auf die Liebe, nur das Verlangen musste gestillt werden, damit ich in meinem Herzen meinen Hass kalt und scharf bewahren konnte. Dafür habe ich dich gebraucht, Aigisthos, du warst ein gutes Werkzeug, ein konservierendes Werkzeug für meinen Hass. Jetzt wirst du zu einem vollstreckenden Werkzeug. Ich brauche keine Liebe, ich erlebte sie einmal und es war mehr als genug.

               Ich heiratete König Agamemnon nicht aus Liebe. Meine Eltern zwangen mich den größten aller hellenischen Könige zu heiraten. „Die Weise zu einem Weisen, die Schöne zu einem Schönen“, sagte damals mein Vater, als er mich mit Agamemnon und Helena, meine Schwester, mit seinem Bruder Menelaos verlobte. Helena, die Hure! Wegen ihrer Hurerei verlor ich meine Tochter und demnächst verliere ich auch meinen Mann. Nur weil sie ihre Oberschenkel nicht zusammendrücken vermochte, als sie der verdammte Looser Paris auf den Rücken legte. Meine Schwester! So ein Ekel!

Ich war Agamemnon eine gute Gattin, viel besser als Helena für Menelaos. Aber sie war schön und solchen Schönheiten wird alles verziehen. Uns, Weisen, wird nicht verziehen! Nicht einmal die Verbrechen der anderen!

Warum musste gerade ich leiden für ihre Hurerei? Warum? Warum sind Götter so ungerecht?  Sie nahmen mir meinen Mann, zehn Jahre verbrachte er in einem Krieg. Schon das allein ist grausam. Aber als er in den Krieg zog, wurde er nur mehr von meinem Hass verfolgt.

Der Priester Kauleas verlangte Opfer für einen erfolgreichen Ausgang des Krieges und das Opfer sollte unserer Tochter Iphigenia sein. Agamemnon lieferte ihm unser Kind aus. Die Priester schnitten ihr den Hals durch wie einem Vieh, wie einem Kalb mit warmen braunen Augen. Meine Älteste, mein Liebling, die ich mit meinen eigenen Brüsten stillte, obwohl das als unanständig galt. An ihrem Bett habe ich nächtelang gewacht, wenn sie krank war oder schlechte Träume hatte. Sie wurde gerade zur Frau, sie war verwirrt durch diese Verwandlung und suchte Sicherheit in meiner Umarmung. Sie wurde mir brutal entrissen und die Priester schnitten ihren langen schlanken Hals durch. Wie einem Vieh! Und er, ihr Vater ließ es zu! Das kann man nicht vergessen und das kann man nicht verzeihen, auch wenn er heute den Palast in der goldenen Rüstung des Königs Priamos unter lautenden Fanfaren betreten würde. Es interessiert mich nicht, dass er damals von seinen Soldaten zu seiner Tat gezwungen wurde, ich will mich nicht an seine Tränen erinnern, die ihm über das Gesicht flossen, als Iphigenia zum Altar geführt worden ist. Er opferte sie seinem Ruhm. Jetzt hat er ihn. Gerade deshalb darf er keinen Augenblick länger leben. Zumindest nicht so lange, um entdecken zu können, dass ich ganze zehn Jahre den armen Teufel Aigisthos in mein Bett gelassen habe. Ich habe meinem Mann die Hörner in aller Öffentlichkeit aufgesetzt und absichtlich ich habe den unbedeutesten von allen Kandidaten gewählt, damit meine Lust aus der Rache noch größer würde. Ja, richtig, die Lust aus Rache war größer als die Lust aus seiner Liebkosung, sie brachte mich immer regelmäßig und verlässlich zum Höhepunkt. Bin ich pervers? Vielleicht! Jetzt aber kommt der Moment der Entscheidung. Wer als der erste zuschlägt, wird siegen. Ich würde wetten, dass es in der ankommenden Armee Soldaten gibt, die über mein Verhältnis mit Aigisthos Bescheid wissen. Wir schickten doch nach Troja Soldaten und Lebensmittel, also Nachschub und Versorgung. Möglicherweise wissen es alle. Aber genauso würde ich wetten, dass es ihm niemand sagte. Alle wären halb tot vor Angst bei der Vorstellung, wie er reagieren würde. Alle haben Angst vor ihm. Immer hatten alle Angst vor ihm. Es gab Zeiten, als ich ihn auch fürchtete. Die sind vorbei. Es ist schon so lange her, so furchtbar lange her!

AGAMEMNON II

               Er betrat den Palast. Er trug die Rüstung des Priamos, die die Strahlen der abendlichen Sonne spiegelte. Das Volk vor dem Palast jubelte, der ganze Weg vom Löwentor bis zum Palast war voll mit jubelnder Menschenmenge, die Soldaten bliesen in ihre Hörner. Auf die Köpfe der königlichen Begleitung regnete es Blumen. Könnte sich ein Herrscher einen schöneren Empfang wünschen?

               Klytamnestra stand in der Mitte des Hofes. Sie kniete vor ihrem Mann nieder, damit er sie erheben und an seine Brust drücken konnte. Die Höflinge jubelten. Alles lief also genau so, wie er sich es vorgestellt hatte. Die innere Anspannung ließ langsam nach.

               Seine Gattin erkannte er sofort als er das Tor passierte. Sie wurde nicht alt, nicht soviel, wie er fürchtete. In den Haaren hatte sie zwar bereits einige graue Streifen, aber ihre Wangen blieben noch voll und ihre Zähne strahlten in einem schönen Lächeln. Ihre Arme waren noch immer fest, die Haut hing an ihnen noch nicht, sie umspannte ihre Muskeln. Die Königsgattin war noch würdig seiner Liebe und diese Tatsache erfreute ihn. Er musste doch seine zehnjährige Abwesenheit wieder gutmachen und er freute sich darauf. Kassandra wird lange Zeit verborgen bleiben, möglicherweise sogar für immer. Er wird seiner Frau zeigen, dass er nicht nur ein Mann auf dem Schlachtfeld, sondern auch im Bett ist. Im Bett werden alle Streitereien beglichen, dort verschwinden auch die letzten Kränkungen.

               „Alles wird gut sein“, sagte der König zu sich.

               Die Königin empfing ihn mit ausgewählten Worten und führte ihn einige Schritte zur Seite, wo die Kinder warteten. Das älteste Mädchen war schon beinahe eine Frau. Schön, ein bisschen ähnlich ihrer Tante Helena, dachte er. Das ist also Elektra. Er mochte sie, nicht aber so sehr wie Iphigenia. Sie war damals noch ein Kind und Iphigenia schon ein Mädchen, die zu ihrem Vater wie zu einem Mann und Beschützer aufschaute. Er liebte sie. Wird ihm sein Gewissen einmal verzeihen, dass er sie dem Tod ausgeliefert hat? Er konnte aber doch nicht anders!

               Er umarmte Elektra und sie sagte: „Papa, ich möchte…“ Sie konnte ihren Satz nicht vollenden. Klytamnestra führte ihn schon weiter. Er spürte den Unwillen, mit dem das Mädchen seine Hände losließ. Was wollte es ihm sagen? Sicherlich etwas Wichtiges. Das kann aber warten. Wir werden ab jetzt Unmengen an Zeit füreinander haben.

               Das zweite Mädchen war also Chrysostomis. Sie schaute auf den Boden, sie war ihrer Mutter ähnlich, im Gegensatz zu ihr schien sie aber schüchtern zu sein. Sie konnte sich eigentlich auf ihn nicht erinnern. Dafür war sie vor zehn Jahren noch zu klein. Er ist ein fremder Mann für sie. Das wird sich ändern, meine Töchterlein! Ich mache alles wieder gut, es gibt so viel, was ich wieder gut machen muss!

               Auch für Orestes muss ich zum Vater und Erzieher werden. Agamemnon stand vor einem zwölfjährigen Burschen. Gut gewachsen, mit einem düsteren aber direkten Blick. Ich werde dich unterrichten, mein Sohn. Unterrichten, wie man Kriege führt und wie man Frauen ins Gras und ins Bett legt. Nach ihrer Herkunft, weiß du, Junge? Es wird ein König aus dir werden. So einer, den Mykene noch nie hatte.

               „Ich habe für dich ein Bad vorbereitet, mein Herr “, sagte Klytamnestra. „Es bekommt dir nach der Reise sicherlich wohl.“

               „Sicher“, antwortete er zerstreut. Eigentlich wollte er nicht in das Bad, er wusste aber nicht, wie und warum er es ablehnen sollte. Er merkte, dass Elektra zusammenzuckte und ein Mann, der hinter den Kindern stand, blass wurde. Er hatte schon irgendwo diesen Kerl gesehen. Sicherlich war das jemand aus der Verwandtschaft, der nicht in Troja war.  Wer soll sich schon aber alle Gesichter merken? Es sind zehn Jahre vergangen, als er sie das letztemal sah. Er wird sie noch kennenlernen. Sie werden die Rechnungen von ihrem Wirtschaften ablegen. Agamemnon war ein strenger König. Er wird es wieder sein. Gleich, wenn die erste Begeisterung verblasst ist.

               Er ließ sich von seiner Gattin in den hinteren Trakt des Palastes führen, er gab einem Diener seine Kleidung und sein Schwert und trat in das Bad.

               KLYTAMNESTRA II

               Er betrat den Palast. Wie ich es erwartete. In der Rüstung unter Jubel und Gesang. Hielt er mich wirklich für so eine Dumme und Oberflächliche und hoffte, dass er mich dadurch beeindrucken konnte? Nehmt einem Mann die weibliche Gesellschaft weg und er vertrottelt. Obwohl, er war nie ganz ohne weibliche Gesellschaft. Zuerst Chryseovna, dann Briseovna und jetzt hat er auf einem seiner Schiffe die Dirne aus Troja namens Kassandra. Ich weiß alles, meine Leute sind verlässlich. Sie fürchten nicht, mir auch die bösen Nachrichten zu übermitteln. Er ahnt aber nicht, dass ich es weiß. Es ist gut so, so wird es alles einfacher sein.

Ich kniete in der Mitte des Hofes nieder und ließ mich von ihm erheben. Ich merkte eine freudige Überraschung in seinem Blick. Er erwartete ein altes Weib und fand eine Frau in der Blüte. Wenn du wüstest, mein geliebter verhasster Ehemann, wie viel Mühe es gekostet hat, um so auszusehen, wie es ist! Nicht nur meiner Mühe, nicht weniger musste sich dein Verwandter Aigisthos anstrengen, wenn er sich deine königliche Krone in meinem Bett verdienen wollte.  Es kostete ihn tatsächlich viel Schweiß. Das erfährst du aber nie.

Ich führte ihn zu den Kindern. Elektra hätte fast alles zunichte gemacht. Zum Glück ahnte ich das und führte ihn weg, noch bevor sie etwas Schreckliches und Schicksalhaftes sagen konnte. Sicher, Elektra verwandelt sich gerade in eine junge Frau. Deshalb erwartete sie die Rückkehr ihres Vaters als ob ihr Geliebter kommen sollte. Sie sehnt sich nach einem Mann und er ist einer. Deshalb hasst sie mich, weil ich auf ihn ein gesetzliches Vorrecht habe. Auf seine Liebe. Aber auch auf seinen Tod! Sie schaffte es ihn gerade nur ansprechen und ich zog ihn schon zu Chrysostomis. Wie furchtbar langsam lockerte sich die Umarmung des Vaters mit der ältesten Tochter! Mit der ältesten lebenden Tochter, musste ich mich erinnern. Die tatsächlich älteste lebt seit zehn Jahren nicht mehr! Aus diesem Grund wird er auch nicht mehr leben! Er verdient sich kein weiteres Leben!

Er stand vor Orestes. Die Götter wissen, woran er dachte. Es wirbelten sicherlich Pläne durch seinen Kopf, er hatte dort immer nur Pläne und nie Gefühle. In seinen Gedanken machte er sicherlich einen Kämpfer, König und Liebhaber aus ihm. Diesen Jungen wird er aber nicht erziehen! Nur ich! Er wird nicht einfach sein Orestes zu erklären, warum sein Vater sterben musste. Er erinnert sich nicht an die schrecklichen Umstände des Todes seiner Schwester. Er war damals nur ein Wickelkind, er verstand die verzweifelte Umarmung Iphigenias nicht. Jetzt bewundert er den Vater wie auch das ganze Volk. Zusätzlich hasst er Aigisthos und Aigisthos wieder ihn. Es wird anstrengend sein, diese zwei zu versöhnen. Ich muss meinem Sohn erklären, dass Aigisthos nur ein Werkzeug ist. Er muss mich verstehen, er ist doch mein Sohn!

„Ich habe ein Bad für dich vorbereitet, mein Herr“, sagte ich mit der ruhigsten und mit Liebe gefüllten Stimme, deren ich fähig war. „Es gereicht dir nach der Reise sicherlich zum Wohl.“

Er glaubte es. Der Ruhm blendete seine Augen so sehr, dass er glaubte, ich liebe ihn und sorge für sein Wohl. Vor einem Gastmahl gehört sich doch ein Bad zu nehmen! Und vor einer Liebesnacht sowieso! Die Götter sind doch gerecht. Sie machten ihn blind, als ich das am meistens brauchte.

Elektra zuckte zusammen, Aigisthos wurde blass. Nur jetzt verstanden alle, dass wir einen Weg ohne Rückkehr betreten haben. Aber niemand stürzte sich dem König zu Füßen, um ihn aufzuhalten und zu warnen. Er war zehn Jahre abwesend und zehn Jahre sind eine sehr lange Zeit. In dieser Zeit haben alle gelernt, mich zu fürchten. Ich zeigte Aigisthos, dass er mir folgen sollte.

Alle anderen schauten nur machtlos zu, wie ihr König und Held von mir in den hinteren Trakt des Palastes geführt wurde um seine Rüstung und sein Schwert abzulegen und das Bad zu betreten.

               AGAMEMNON III

               Plötzlich hat er alles verstanden. Vielleicht war es die Wirkung von Dampf, der aus dem Bad aufstieg, durch den man schwächer wird und die Instinkte die einschlafende Vernunft überwinden. Das Düstere in einem Menschen, das viel weiser und weitsichtiger als er selbst und sein Verstand ist, weil er das von Göttern bei seiner Geburt geschenkt bekommen hatte. Nach einem Moment, als sein Verstand, betäubt durch Ruhm und Beifall, für eine Weile eingeschlafen war, kam es Agamemnon vor, als ob jemand vor ihm den Nebel zerteilt hätte.

               Jetzt sah er alles klar. Wie konnte er nur der liebeswürdigen Stimme seiner Frau Glauben schenken? Hätte sie ihm mit einem schlecht verborgenen Hass angesprochen, dann wäre alles in Ordnung gewesen, nur unter solchen Umständen hätte er ruhig bleiben können. Der Hass hätte ihre Ohnmacht und seine Sicherheit bedeutet. Er glaubte aber dem Billigsten, was sich zum Glauben angeboten hat. Jetzt verstand er ihre erhaltene Schönheit. Nur ein regelmäßiges Liebkosen einer männlichen Hand konnte eine Frau so schön berhalten, wie Klytamnestra es war. Sogar mit dem Verlangen in ihrem Blick. Nach zehn Jahren ohne Mann wäre es schon längst verblast. Deshalb also der Mann! Aber ja, er war ein Verwandter, Aigisthos, so ein Niemand, deshalb konnte er ihn nicht sofort erkennen. Deshalb wurde er also so blass! Ging er nicht zufällig mit ihnen, als ihn Klytamnestra zum Bad führte? Aber sicher, er folgte ihnen. Agamemnon merkte es doch, nur er verstand damals noch keine Zusammenhänge. Jetzt befand er sich auf dem einzigen Platz in dem ganzen Palast, wo kein Soldat seine Leibwache zu ihm durfte und dazu gab er seine Kleidung und sein Schwert dem Diener vor der Tür. Wo ist übrigens der Bademeister und der Masseur? Ja, ihre Abwesenheit war die Tatsache, die den Nebel vor seinen Augen auseinander gerissen hat. Die ihn dazu brachte, zu kapieren, was sich hier abspielte. Der König ist doch im Bad nie allein! Nur wenn ihn jemand töten möchte!

               In diesem Moment erwachte in Agamemnon der Soldat. Er stürzte zur Tür, um sie mit dem Riegel zuzusperren. Die Mörder werden auf die Tür schlagen, sie werden die Tür ausbrechen müssen, dachte er, damit werden sie die Wachen alarmieren. Seine Leibgarde kommt zur Hilfe. Nein, es ist noch nichts verloren. Warum sollte er sterben, wenn er keine Lust dazu hat?

Der Riegel an der Tür fehlte. Mit einem erstaunten Blick betrachtete er die leere Stelle, wo er offensichtlich vor kurzem entfernt worden war. Er stützte sich mit Rücken an die Tür. Seine Füße rutschten auf dem nassen Boden. Er verstand, dass er die Türe so nicht geschlossen halten konnte. Er würde nur ein kleiner Stoß von außen reichen um ihn auf den nassen Boden fallen zu lassen, auf den Rücken wie einen machtlosen Käfer.

Das ist das Ende, fiel ihm ein. Das erste Mal im Leben fiel ihm so etwas ein. Nicht einmal unter den Mauern von Troja, nicht einmal als die Trojaner Griechen ins Meer trieben und Achilles mit seinen Leuten sich weigerte, sich der Schlacht anzuschließen. Nicht einmal damals dachte er, es wäre alles verloren.

Jetzt aber standen die Mörder hinter der Tür. Er hörte sie nicht, aber er spürte ihre Anwesenheit. Sie waren dort, sie sammelten nur den Mut, um in das Bad einzubrechen und ihm den kalten Stahl in den Körper zu jagen. Wer wird der erste sein? Aigisthos? Den könnte er eventuell noch einschüchtern und ihm die Waffe entreißen. Nein, Klytamnestra ist konsequent. Es kommt ein bezahlter Mörder ohne Gefühle und Interesse an dem Verbrechen. Er wird ihm das Schwert in den Körper treiben, dann sein Gold kassieren und gehen. Oder kommt sie selbst? Er fühlte, wie es ihm kalt über den Rücken lief. Das doch nicht! Aber eigentlich warum nicht? Die Rache für Iphigenias Tod muss vollkommen sein. Sie ist ein Ungeheuer, dachte er über seine Frau. War ich aber kein Ungeheuer, als ich mit einem verlogenen Brief mein liebstes Kind zum Heer lockte, um es opfern lassen zu können?  Sie hätte Achilles heiraten sollen, habe ich ihr geschrieben. Sie kam mit großer Erwartung, sie freute sich so sehr auf ihren Bräutigam. Und dann kam die bittere Enttäuschung. Keine Hochzeit, dafür der Tod! Wem habe ich damals gedient? Warum sollte ich mich noch jetzt, in Angesicht des Todes, belügen? Ich habe nur mir selbst und meiner Sucht nach Ruhm gedient. Nur deshalb musste das unglückliche Mädchen sterben! Ein Blut aus meinem Blut! Ich rief damals, dass auf dem Altar auch mein Blut fließt. Es war eine Lüge. Es war nur ihr Blut, das meine wird demnächst und hier fließen.

Ein Versöhnungsgefühl drang in ihn ein. Warum nicht? Die Strafe ist gerecht. Für mich auch akzeptabel. Noch heute in der Früh habe ich mir Sorgen gemacht, wie ich mein Gewissen los werde, das meine Nächte zur Hölle macht. Also, die Lösung hat sich selbst angeboten! Der Tod ist eine Lösung. Zu sterben und definitiv Ruhe haben.  Keine Gewissenbisse, keine Pflichten. Sterben nach einem großen Sieg wie ein Held. Nicht wie ein schreiender Nackter, verfolgt von einer Herde Bewaffneter, sondern wie ein König, getötet in einem Moment der Erholung, versöhnt und großmutig.

Er wandte sich von der Tür weg und trat in die Badewanne. Er legte sich nieder und schloss seine Augen. Noch ein paar Augenblicke! Dann geht die Tür auf und die Mörder laufen ein. Er drückte seine Augenlider zusammen und wartete darauf, was jeden Moment kommen musste.

KLYTAMNESTRA III

Sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann der König alles verstehen würde. Seit dem Moment, als sich die Tür hinter ihm schloss, vergingen nur einige Augenblicke. Die Tür hatte auf der Innenseite keinen Riegel, man konnte sie nicht zusperren. Die Königin überließ nichts dem Zufall. Sie hielt das Schwert ihres Mannes in der Hand, es wurde ihr von dem Diener gereicht, der sich gleich danach entfernte.

Jetzt ging es nur mehr um eines, den Mut zur Tat zu gewinnen. Den Mut sich an die Tür anzulehnen und dann das Schwert in die Brust des mächtigsten Mannes Griechenlands zu jagen. Er war jetzt hinter dieser Tür nackt und machtlos, trotzdem jagte er ihr noch immer Angst ein. Eigentlich nicht noch immer aber schon wieder! Warum? Ist das die Angst, die einmal in der Vergangenheit zur Liebe wurde und diese wieder zum Hass? Und plötzlich verwandelte sich der Hass in die ursprüngliche Gestalt, aus der er hervorging – in die Angst vor dem großen Kämpfer.

„Gehen wir?“ fragte sie bereits das zweite Mal ungeduldig.

Aigisthos war todblass und seine Hand mit dem Dolch zitterte. Es war offensichtlich, dass er das nicht schafft. Sogar der unbewaffnete Agamemnon wäre im Stande, ihn zu überwältigen. Also muss es sie selbst tun! Die Götter verzeihen nichts, man kann sie nicht überlisten.

Wenn man eine Rache will, muss man sie auch vollziehen. Sie ist die Einzige, die den König tatsächlich hasst, deshalb muss sie auch selbst morden. Obwohl sie ihn, aber daran durfte sie nicht denken, gleichzeitig noch liebte. Sie zerschlug die Liebe in sich, diese überlebte aber trotzdem. Irgendwo im Vorhof ihrer Seele, ständig geschlagen, vertrieben, still und leidend, aber sie überlebte. Sie muss jetzt Augen und Ohren zumachen, um sie nicht zu sehen und nicht zu hören. Agamemnon hat sicher bereits alles verstanden, einer von ihnen musste also sterben. Warum sollte es sie sein? Es gibt Taten, die man niemals rechtfertigen kann, aber wenn sie getan werden müssen, darf man nicht zögern.

„Wenn wir ihn nicht töten, tötet er uns“, sagte sie und schaute Aigisthos direkt in die Augen.

„Ja“, sagte er und sie verstand, dass sie sich ab diesem Moment bis zum Lebensende gegenseitig hassen werden. Dafür, dass einer den anderen zu einem Verbrechen gezwungen hat, das sich in der Tiefe ihrer Seelen keiner von ihnen wirklich gewünscht hatte. Sie wird ihn für seine Schwäche hassen und er sie, weil sie seine Schwäre gesehen und verstanden hat. Nach dem Tod des Königs wird sich für beide ihr eigener Tod nähern. Fürs Überlegen war es aber bereits viel zu spät.

Klytamnestra stieß mit dem Fuß die Tür auf und mit dem Schwert in der Hand lief sie in den wohlriechenden Dampf, der aus der Wanne aufstieg.

Massada und Totes Meer

               „Masada darf nicht fallen“ – so lautet der Ruf, ein Teil der Rekrutenvereidigung der israelischen Armee. Bis vor einigen Jahren endete übrigens auch die Ausbildung der Rekruten in dieser Festung in der Wüste am Ufer des Toten Meeres. Eine so große symbolische Bedeutung hat diese Festung für Israel, sie symbolisiert den ungebrochenen Willen nach Unabhängigkeit und  Freiheit.

               Masada war tatsächlich der letzte Verteidigungspunkt, an dem Juden nach dem Fall  Jerusalems im Jahr 70 noch vier weitere Jahre Widerstand geleistet haben. Im Jahr 73 erschien aber vor der Festung die zehnte römische Legion „Fretensis“ unter der Führung von Flavius Silva und die Römer schließen um den Felsen einen dichten Belagerungsring. Sie bauten eine hohe Rampe und schoben auf dieser steilen Rampe Belagerungstürme zu Mauern, bis es ihnen gelang, in die Festungsmauer eine Bresche zu schlagen. Vor der Erstürmung der Festung, die für den nächsten Tag geplant war, begingen die Verteidiger der Festung, geführt von Eleasar ben Ja´ir, auch mit ihren Kindern und Frauen Selbstmord, um der Sklaverei zu entgehen. Reste der Rampe und des römischen Lagers sind auch heute noch sichtbar und zeugen von einer unglaublichen technischen Reife der damaligen römischen Ingenieure.

               Masada hatte immer eine sehr wichtige Funktion, da es an einer Furt lag, wo man das Tote Meer bereits in den Zeiten der Zeitwende überqueren konnte. Heutzutage, nach einem weiteren Rückgang des Wasserspiegels des Toten Meeres, entstand hier sogar eine Festlandbrücke – aus einem Meer wurden auf diese Art zwei. Mit diesem Naturphänomen möchte ich mich ein bisschen später beschäftigen.

               In Masada fand im Jahr 40 vor Christus die Familie des zukünftigen Königs Herodes die  Zuflucht, als sie vor Persern flüchten musste, die ins Land einfielen. Im Prinzip handelte es sich um einen Bürgerkrieg. Die Dynastie der Hasmonäer, die als Nachkommen der Makkabäer den Anspruch auf die jüdische Königskrone hatten, befand sich in Auflösung. Sie verlor die tatsächliche Macht, die an ihre „Majordomus“ überging. Dieser wahre Herrscher um das Jahr 50 vor Christus war der Vater des Herodes Antipatros. Er war eigentlich kein Jude – er stammte aus dem Stamm der Idumäer, also aus einem arabischen, mit Juden eng verwandten Stamm. Der König Hyrkanos II. fügte sich der Antipatros-Familie, nicht aber sein Neffe Antigonos, der Sohn seines Bruders Aristobulos. Antipatros wurde vergiftet und Aristobulos mit Unterstützung des persischen Prinzen Pakoros fiel in Judäa ein. Es gelang ihm seinen Onkel Hyrkanos gefangen zu nehmen. Er ließ ihn nach Persien führen, wo ihm die Ohren abgeschnitten wurden. Dadurch war es für Hyrkanos nicht mehr möglich, das Amt des Hohepriesters, das mit der Königswürde verbunden war, weiter zu  bekleiden, da die körperliche Makellosigkeit eine Voraussetzung dafür war. Im Krieg verlor auch der ältere Bruder von Herodes Phasael, sein Leben – er beging Selbstmord, damit er nicht als Geisel zur Erpressung missbraucht werden könnte.

               Herodes, der damals mit der Hyrkanos Tochter Mariamne verlobt war (wegen dieser Verlobung verstieß er seine erste Frau Doris, was ihm in der Zukunft große Probleme bereiten sollte), gelang es, nach Masada zu fliehen. Dort ließ er seine Familie und setzte seine Flucht bis nach Rom fort, wo er auf Geheiß seines guten Freundes Mark Anton vom römischen Senat überraschenderweise zum Jüdischen König ausgerufen wurde. Mit der Unterstützung der römischen Legionen kehrte er zurück, befreite die Familie aus der Belagerung in Masada und in den anschließenden drei Jahren gelang es ihm, das ganze Königsreich zu erobern und als ein Klientenkönig Roms die Macht zu übernehmen.  Antigonos wurde hingerichtet und Herodes ließ  seinen sechzehnjährigen Schwager Aristobulos (den Bruder Mariamnes und neuen Hohepriester) vorsorglich ertränken. Damit starb die Dynastie der Hasmonäer im Mannesstamm aus und Herodes konnte eine neue Dynastie gründen. Was nicht einfach war, besonders nicht in den Zeiten des römischen Bürgerkrieges, wo er mehrmals geschickt die Seiten wechseln müsste, bis er die Freundschaft des Augustus gewann. Er war nämlich ein Verbündeter und ein enger Freund von Mark Anton, bis dieser seinen Kampf bei Actium verlor. Damals hätte auf Herodes Leben niemand eine einzige Münze gewettet. Seine Frau Mariamne, die ihn für unwürdig, ihr Mann zu sein, betrachtete, bewarte den Thron für ihre Söhne, die sie mit Herodes hatte. Herodes segelte nach Rhodos, wo Oktavianus, der spätere Kaiser Augustus, sein Hauptquartier hatte, um die Invasion nach Ägypten vorzubereiten, und er erzwang sich eine Audienz. Bei der überraschte er den Römer damit, dass er keine Reue zeigte, sondern sagte: „Frage nicht, mit wem ich befreundet war, sondern was für ein Freund ich war.“ Augustus wurde aufmerksam, er erkannte einen Menschen der gleichen Blutgruppe, die er selbst besaß – klug, charakter- und gewissenlos. Die beiden wurden Freunde und Mariamne, die sich vorsorglich bereits einen Liebhaber besorgt hatte, wurde von Herodes hingerichtet. Später ließ Herodes sogar zwei seine eigenen Söhne, die er mit Mariamne hatte, aus Angst um seine Macht umbringen. Dies erwirkte die „graue Eminenz“ an seinem Hof, sein Sohn aus der ersten Ehe mit Doris Antipatros. Als seine Intrigen aufflogen, ließ Herodes auch ihn – fünf Tage vor seinem eigenen Tod – hinrichten. Damals sollte der Kaiser Augustus über seinen „Freund“ Herodes gesagt haben: „Es wäre besser ein Opfertier als ein Sohn dieses Königs zu sein, so könnte man länger leben.“

               Dieser Spruch des Augustus sollte die Grundlage der Legende über Kindermord in Betlehem bei Geburt Christi sein. Diese Tat des Herodes ist nämlich nicht in den historischen Quellen dokumentiert. Da sich die Historiker, besonders Flavius Josephus, mit der Herrschaft des Herodes detailiert beschäftigten und gerade Flavius Josephus zu diesem Herrscher sehr kritisch eingestellt war, hätte er sich diese grausame Tat des Königs in seinem Buch „ Der jüdische Krieg“ sicher nicht entgehen lassen. Er schweigt aber zu Vorwürfen, die in der christlichen Tradition aus dem zwar grausamen, aber äußerst fähigen Herrscher ein blutrüstiges Monster machten: Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er ließ Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die  er von den Sterndeutern erfahren hatte. (Matthäus 2, 16)

               Interessant ist auch, dass diese Geschichte nur im Matthäus Evangelium beschrieben ist, von Evangelisten Lukas wird sie aber nicht erwähnt. Gerade der Leibarzt des heiligen Paulus, Lukas sammelte Legenden und Zeugenberichte aus der Zeit der Geburt Christi während der Gefangennahme seines Meisters in Caesarea in den Jahren 56 – 58. Dass ihm so etwas entgehen hätte können, ist einfach unvorstellbar. Übrigens, die modernen Bibelforscher halten gerade die Evangelien von Markus und Lukas für authentisch, also wirklich von den Personen geschrieben, denen sie zugeschrieben wurden. Bei Matthäus und Johannes ist man bei weitem nicht so sicher. Ob das Massaker in Betlehem nach Christi Geburt tatsächlich stattgefunden hat, bleibt offen.

               Aber zurück zu Masada. Herodes erkannte sehr gut die strategische Bedeutung dieser Festung, wo sich seine Familie retten konnte und baute die Burg großzügig aus – in das heutige Ausmaß.

               Auf das Plateau wird man von einer Seilbahn befördert – leider kein österreichisches, sondern ein schweizerisches Produkt der Firma Von Roll. Sie hat eine Länge von 900 Metern und während der dreiminütigen Fahrt taucht man über den Mittelmehrspiegel auf. Die Talstation der Seilbahn befindet sich nämlich auf minus 257 Meter Seehöhe, die Bergstation ist aber in der Höhe 33 Meter über dem Meeresspiegel – in der Zeit, als das Jordantal vom Mittelmeer durch ein Erdbeben getrennt wurde, war Massada also eine Insel. Es ist auch möglich, zu Fuß auf einem Pfad den Berg zu besteigen – es sind letztendlich „nur“ 290 Höhemeter, ich würde es aber vielleicht nur in den frühen Morgenstunden versuchen, solange die Hitze noch einigermaßen erträglich ist.

Die Festung ist gigantisch, ihren Hauptteil bilden die Speicher für Vorräte – es gab hier genug Nahrungsmittel für die gesamte Garnison für drei Jahre. Herodes baute die Festung für den Fall, dass das ganze Land gegen ihn rebellieren würde. Dann wollte er sich in diese uneinnehmbare Festung zurückzuziehen und auf die römische Hilfe warten. Drei Jahre sollten sogar für die Römer genug Zeit sein, um zu Hilfe kommen zu können. Der Palast des Herodes ist am nördlichen Hang, also an der Schattenseite des Berges gebaut und war wirklich großartig – auf drei Terrassen und auch mit einem großen Bad.

               Das Essen war im Falle einer Belagerung nicht das größte Problem, Sorgen machte natürlich das Wasser. Es gibt in dieser Gegend keine Wasserquellen, man war also auf Regenwasser angewiesen und jeder Tropfen war viel zu wertvoll, um verloren gehen zu dürfen. Nicht nur auf dem Bergplateau sondern auch auf den Hängen der Klippe wurde ein sehr komplexes System zum Abfangen des Regenwassers mit Speichern in künstlichen Höhlen eingerichtet. Im Falle einer Belagerung konnten die Verteidiger bis zu diesen Speichern absteigen und das Wasser in die Festung holen – noch immer waren sie außer der Reichweite der damaligen Bogen.

Die Gebäude auf dem Berg sind hellenistisch geprägt, mit Fresken an den Wänden und mit Mosaikböden, allerdings ohne Darstellung der Lebewesen, soweit traute sich nicht einmal Herodes gegen das jüdische Gesetz zu verstoßen.

               Die neuesten Gebäude auf dem Plateau stammen aus der byzantinischen Epoche.  Masada wurde bis zum Jahr 749 bewohnt,  bis ein Erdbeben der letzten Siedlung ein Ende bereitete.

               Von der Festung sieht man in Richtung Westen nur Wüste mit einer Straße, die durch einen Pass in den Bergen zur Festung führt. Auf dieser Straße kam Herodes hierher – er konnte von der Garnison aus einer großen Entfernung gesehen und die Festung konnte rechtzeitig für seinen Aufenthalt vorbereitet werden. Genauso gut konnte man aber auch einen anrückenden Feind beobachten und sich entsprechend vorbereiten. Nicht zufällig sieht man die Reste des römischen Lagers direkt neben dieser Straße – natürlich mussten die Römer jeden Nachschub für die Verteidiger der Festung unterbinden.

               Herodes hatte seine Winterresidenz in Jericho bei der Mündung des Flusses Jordan in das Tote Meer. Heute ist das eine moderne palästinische Siedlung (Zone A), viel von der berühmten Vergangenheit findet man hier nicht. Jericho war die erste Stadt, die Juden im ihnen zugesprochenen Land erobert haben – wahrscheinlich mit Hilfe eines Erdbebens. Sie waren aber überzeugt, dass der Lärm, die ihre Hörner und ihr Kriegsgeschrei ausgelöst hat, die Mauer der Stadt zum Sturz gebracht haben. Moses war nicht mehr dabei. Er konnte das Land nur vom Berg Nebo sehen, er durfte es aber nicht betreten. Den Berg Nebo sieht man an dem Horizont, er befindet sich in Jordanien. Das Grab des Moses gibt es in der Wüste nahe dem Weg nach Jerusalem. Sein Leichnam wurde ins Heilige Land überführt und hier begraben.

               Zum Besuch des Tals des Toten Meeres gehört den Besuch von Qumran, wo die ältesten geschriebenen Texte des Alten Testamentes in einer Höhle gefunden worden sind.

In Qumran lebte offensichtlich die Sekte der Essener. Ob Johannes der Täufer zu ihnen gehörte oder zumindest zeitweise bei ihnen die Unterkunft fand, ist nur eine Hypothese, allerdings betrieben die Essener ein Ritualbad, vielleicht ein Vorbild der Taufe. Einer von ihnen war auch Lehrer von Herodes dem Großen und er sagte ihm bereits als einem kleinen Buben eine große Zukunft und ein furchtbares Ende voraus.

               Baden kann man im Toten Meer an der „Kalia Beach“. Der Strand ist schön und gepflegt. Hier befindet sich auch die tiefst gelegene Bar der Welt – 418 Meter unter dem Meeresspiegel. Die Bar hat keinen Namen – es ist einfach „The lowest Bar in the World“, man kann hier aber ein gutes, gekühltes Bier bekommen und in der Hitze braucht man die Flüssigkeit ganz dringend. Als wir dort waren – im April – zeigte das Thermometer 43,2 Grad Celsius im Schatten.

Das Wasser des Toten Meeres hat einen Salzinhalt von 32,6%, also ungefähr 10 mal so viel, wie normales Meereswasser – daher kann hier auch kein Lebenswesen überleben. Ein Mensch übrigens auch nicht. Das Baden ist zwar möglich, es wird aber dringend empfohlen, nur am Rücken im Wasser zu liegen – das schaffen sogar die Nichtschwimmer, da man in dieser konzentrierten Salzlösung nicht unten gehen kann. Eine Einatmung des Wassers ist aber fatal. Salz zieht Wasser an und die Folge ist dann ein Lungenödem, das nicht zu behandeln ist, da man das Salz aus der Lunge nicht mehr heraus  bekommt. Auf dem Bauch sollte man also niemals baden, da die Umdrehung oder das Aufstehen ohne den Kopf unter den Spiegel zu tauchen nicht möglich ist und so entsteht eine wirklich lebensbedrohliche Situation.

               Das Tote Meer entstand einmal vor vielen, vielen Jahren, offensichtlich durch ein Erdbeben, bei dem eine Landesbrücke gehoben wurde und ein Teil des Mittelmeeres vom Rest abgeschnitten wurde. Mit der Zeit verdunstete das Wasser. Der Fluss Jordan schaffte es, das Salz in die niedrigen Lagen zu spülen (deshalb ist Genezareth See süß). Aber es blieb letztendlich nur sehr wenig vom damaligen Meer – das Wasser war weg – das Salz blieb. Es geht sogar weiter – die Verdünstung wird auch dadurch beschleunigt, dass man beinahe das gesamte Wasser vom Fluss Jordan für die Landwirtschaft aber auch als das Trinkwasser verbraucht so dass bei Jericho der Jordan kaum noch Wasser in das Meer bringt. Deshalb ist das Tote Meer heutzutage bereits von einer Landbrücke in zwei Teile getrennt. Es gibt Überlegungen, das Wasser aus dem Roten Meer zuzufügen (dagegen protestieren die Naturschützer), um ein komplettes Verschwinden des Meeres zu verhindern – sonst droht dem Toten Meer das Schicksal des Aralsees. Ob dann die Proteste der Naturschützer aufhören, wenn Salzstürme das Tal plagen würden, ist die Frage. Vorläufig versuchen die Israelis das Land um das Tote Meer zu kultivieren, es gibt hier unendliche Plantagen von Dattelpalmen – da es sich um die Zone C handelt, dürfen die Israelis – aus ihrer Sicht  – hier alles tun, was ihnen beliebt.  

               Natürlich ist es in Israel noch einiges zu sehen. Die Knesset, also das Gebäude des israelischen Parlamentes, das Holocaustmuseum „Yad Waschem“, auch die „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“ genannt. Oder die Ausgrabungen im Bereich der ehemaligen Decapolis, der hellenistischen autonomen Städte aus den Zeiten des römischen Reiches – normalerweise besucht man die einzige von diesen Städten, die sich auf dem westlichen Ufer des Jordans befindet „Bet She´an“, die frühere Scythopolis. Es gibt Strände am Roten Meer bei Elat oder die Wüste Negev im Süden des Landes.  Und natürlich es gibt die pulsierende Metropole des jüdischen Staates – Tel Aviv. Aber dafür alles würde man doch mehr Zeit brauchen, ich möchte mich an dieser Stelle vom Heiligen Land verabschieden.

Heiliges Land – Das Ende des Weges Christi

Also wenn der Weg Christi in Betlehem seinen Anfang nahm, endete dieser nach vielen Zwischenstationen in dem weitentfernten Galiläa, in Nazareth, in Kapernaum, am See Genezareth und – vielleicht – auch in Kana, in Jerusalem – so, wie er enden musste.

               Als Christus einmal am Palmsonntag durch das Goldene Tor in die Stadt wie ein Messias einzog, gab es keinen Weg zurück. Seine Mission in der Hauptstadt dauerte nur fünf Tage. Die Unruhen, die sein Einzug in der Stadt zur Folge hatte, veranlassten sogar den römischen Prokurator Pontius Pilatus, seinen Arsch aus seinem Luxusdomizil in Caesarea zu heben und nach Jerusalem zu kommen, obwohl Römer diese Stadt wie die Pest hassten – weil sie sie einfach nicht verstanden. Wenn aber die jüdischen Radikalen (Zeloten)erwarteten, das Jesus zu einem Aufstand und Sturz der römischen Herrschaft aufrufen würde, waren sie sehr enttäuscht. Das Reich Christi war nicht von dieser Welt und  er forderte sie sogar auf, dem Kaiser zu geben, was ihm gehörte und Gott, was seins war. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde Jesus im Garten Getsemani auf der anderen Seite des Cedrontals verhaftet und ins Haus des Hohepriesters Kaiphas abgeführt. Auf der Stelle dieses Hauses steht heute natürlich eine Kirche, gut sichtbar vom Ölberg. Kaiphas durfte aber den Propheten nicht richten, da  Gerichte, die Todesstrafe aussprechen durften, dem römischen Prokurator unterlagen. Die Begeisterung des Pontius Pilatus, dass ihn Juden in ihre religiösen Streitigkeiten hineinziehen wollten, hielt sich in Grenzen. Er kannte sich in den Gründen ihrer Streitereien nicht aus und er hatte auch keinen Bedarf, sich darin auszukennen. Dann erfuhr er, dass sich in Jerusalem gerade der Tetrarch von Galiläa Herodes Antipas befand und schickte postwendend Jesus zu ihm mit der Begründung, dass es sich bei dem Verhafteten um einen Galiläer handelte, damit um einen Untertanen des Herodes und es war dann die Pflicht des Herodes einen falschen Propheten zu richten. Herodes Antipas, der ohnehin nach der Hinrichtung des Johannes des Täufers noch immer ein schlechtes Gewissen hatte, zeigte keine Lust in diese Falle zu tappen und retournierte Jesus zu Pontius Pilatus mit der Feststellung, dass sich dieser keines Verbrechens auf dem Gebiet von Galiläa schuldig gemacht hätte und aus diesem Grund ihn der Tetrarch nicht richten könne.

               Der Schwarze Peter blieb also doch den Römern. Judea stand letztendlich unter ihrer direkten Verwaltung und der Prokurator war für die Ordnung in der Provinz verantwortlich – ob ihm das gefiel oder nicht. Es gefiel ihm nicht. Andererseits war der zur Brutalität neigende Pilatus genug Politiker, um die Schlauheit des Herodes zu würdigen. Laut Lukas wurden sie an diesem Tag Freunde, obwohl sie sich früher nicht besonders mochten. Übrigens diese Verknüpfung der Geschichte Christi mit Herodes beschreibt in seinem Evangelium nur Lukas. Matthäus, Markus und Johannes schicken Christus von Kaiphas direkt zu Pilatus – zum Gericht, das für ihn nicht gut ausgehen konnte.

               Auf dem Ort, an dem Pilatus sein Urteil sprach, beginnt die „Via Dolorosa“, also der „Weg der Schmerzen“, der durch die Altstadt von Jerusalem bis auf Golgota führt, auf die damalige Hinrichtungsstelle. Pilatus musste natürlich in der Festung Antonia richten, die Herodes der Große bauen und nach seinem Freund Mark Anton benennen ließ. Diese Festung lehnte sich direkt an den Tempelbezirk an, sie war eigentlich ein Teil von ihm. Von der Festung blieb nach dem Jahr 70 nichts erhalten. Es gibt die Treppe, die zur Festung führte, auf der Pilatus sein Urteil verkündete. Diese findet man aber nicht in Jerusalem. Die Kaisermutter Helena ließ sie im Jahr 326 nach Rom führen, wo sie jahrhundertelang die Eingangstreppe der päpstlichen Kirche im Lateran bildete. Als Erinnerung an das Leiden Christi durfte man diese Treppe in die Kirche nur kniend hochsteigen. Es musste ein hartes Stück Arbeit sein, die Marmortreppe zu zerlegen, auf damaligen Schiffen nach Rom zu transportieren und dort wieder zusammenzubauen. Nachdem der Lateran nach der Rückkehr des Papstes aus Avignon nach Rom im Jahr 1377 umgebaut und das Zentrum der päpstlichen Macht in den Vatikan verlegt wurde, verlor die Treppe ihre Funktion. Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts bekam die Treppe, die bereits frei vor der Kirche stand, ein eigenes Gebäude und ihr Marmor wurde mit Holz verkleidet – um sie vor der Abnützung zu schützen. Ich glaube, dass dieses Nussholz mehr als den Marmor die Knie der Pilger schützt – auch heute darf man die Treppe nur kniend und betend betreten.

               Gleich neben der ersten Station der „Via dolorosa“ gibt es die zweite Station, wo Christus das Kreuz auf sich nahm.

Die Kapelle über diesen Ort ließ Herzog Maximilian von Bayern auf seiner Pilgerreise ins Heilige Land im Jahr 1838 bauen, als er zum Ritter des Heiligen Grabes geschlagen wurde. Für die, die diese ein bisschen extravagante Person der europäischen Geschichte nicht kennen, es handelt sich um den Vater der Kaiserin Elisabeth, der Gattin von Franz Josef I., unserer berühmten Sissi.

               Gleich in der Nähe der dritten Station steht das Österreichische Hospiz. Es wurde im Jahr 1858 gebaut und 1863 als Herberge für alle Pilger aus dem Österreich-Ungarischen Kaiserreich eingeweiht. Deshalb steht auf der Treppe die Statue der Jungfrau Maria – „Magna Mater Austriae“, die in Mariazell verehrt wird, geschmückt mit Wappen aller Länder der damaligen Monarchie. Das Hospiz musste in den 160 Jahren seiner Existenz bewegte Zeiten durchmachen. Im ersten Weltkrieg war es das Hauptquartier der österreichischen Offiziere (Die Türkei kämpfte auf der Seite von Deutschland und Österreich). Im November 1917 wurde Jerusalem von britischen Einheiten eingenommen und im Februar 1918 machten die Briten aus dem Hospiz ein Waisenhaus. Später verwandelten sie es in eine Pension für britische Offiziere und nach 1938 wurden hier österreichische Mönche und Nonnen interniert, die nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland deutsche Staatsbürger wurden. Nach dem Jahr 1948 war hier ein jordanisches Krankenhaus, wo am 20. Juli 1951 der jordanische König Abdallah starb, der bei einem Attentat bei der Moschee Al Asqa tödlich verwundet wurde. Nach dem Sechstagekrieg wurde Jerusalem Teil des israelischen Staates und das Hospiz wurde an Österreich zurückgegeben. Die Österreicher renovierten das mittelweile einsturzgefährdete Gebäude und eröffneten es im Jahr 1988 feierlich wieder.

               Das Hospiz ist besuchswert. Nicht nur seiner wunderschönen Kapelle aus dem Jahr 1908 wegen, wo oberhalb des Altars alle heiligen Landespatronen der Länder des Kaiserreiches dargestellt werden, also auch der heilige Wenzel, der heilige Stephan oder Leopold. Man kann hier nämlich auch einen guten Wiener Kaffee, einen Apfelstrudel oder eine Sachertorte genießen. Die Hauptattraktion ist aber die Dachterrasse (der Eintritt kostete 5 Schekel) von der es einen wunderschönen Blick auf ganz Jerusalem gibt.

Auf einer Seite gibt es den Felsendom, auf der anderen die Kuppel der Grabeskirche und der Erlösungskirche, sie stehen nebeneinander am Ende der „Via Dolorosa“. Die Grabeskirche ist für orthodoxe und katholische Gläubige bestimmt. Damit die Protestanten auch eine Kirche hätten, ließ der Kaiser Wilhelm in ihrer unmittelbaren Nähe eine Kirche für seine protestantischen Untertanen die Erlösungskirche bauen. Wie wir wissen, feiern die Protestanten den Tod Christi mehr als seine Auferstehung, gerade durch seinen Tod hat er nämlich die Menschheit von der Erbsünde erlöst. Von der Dachterrasse des Hospizes aus sieht man die ganze Altstadt von Jerusalem so schön, dass man sie gar nicht mehr verlassen möchte.

               Die „Via dolorosa“ setzt ihren Verlauf fort, die dritte und vierte Station sind ziemlich unauffällig, der erste Sturz unter dem Kreuz und das Treffen mit Jesu Mutter sind nur ein paar Schritte voneinander entfernt. Dann geht man bergauf nach Golgota. Die fünfte Station ist Simon aus Zyrene gewidmet, der Christus sein Kreuz zu tragen half. In der Mauer eines der Häuser gibt es hier ein Stein mit dem „Abdruck“ der Handfläche Christi. Hier stützte sich der müde Erlöser an die Mauer. Zu bestimmten heiligen Relikten bin ich ein bisschen skeptisch, ich hoffe, dass mich mein Leser verstehen kann.

               Dann geht man durch die alte Mauer von Jerusalem, da die Befestigung, die Sultan Suleiman gebaut hat, ein wesentlich größeres Gebiet umgab, als es die antike Stadt besaß. Die Hinrichtungsstätte war logischerweise außerhalb der Stadtmauer, heute ist sie allerdings innerhalb der Stadt. Das Treffen mit Veronika als die sechste Station ist also im Bereich des alten Stadttores. In der Nähe der siebenten Station der „Via dolorosa“ gibt es ein ehemaliges Spital der Johanniter, das mit einem Malteserkreuz gekennzeichnet ist und von dem uns Schibli einreden wollte, dass es protestantisch sei.

               Die letzte Station außerhalb der Grabeskirche ist die achte Station, alle übrigen befinden sich unter dem Dach der Kirche. Die Grabeskirche wird je ein Viertel von orthodoxen Christen – griechischen, ägyptischen, armenischen und aramäischen – besessen, die Katholiken besitzen hier nur eine Seitenkapelle, wo ein Rest der Säule aufbewahrt wird, an der Christus gegeißelt wurde. Das Grab ist in einem Marmorbau gehüllt, auf den Eintritt zum Grab wartet man in einer Schlange ganze Stunden. Besonders dann, wenn in dem Moment, in dem wir schon hineintreten sollten, eine Prozession der polnischen Pilger den Ablauf unterbrach, die zum Grab von den Rittern des Heiligen Grabes in ihren prächtigen Ornaten begleitet wurde – zu meiner Überraschung gab es unter den Rittern auch Frauen.

Wir warteten auf den Eintritt dadurch eine halbe Stunde länger, es zahlte sich aber aus, die Prozession der Ritter war eine schöne Attraktion. Schlimmer war es für diejenigen, die hinter der Ecke standen – sie sahen nichts, warten mussten sie aber genauso wie wir. Sie mochten nachher keine Polen. Übrigens Polen, sowie auch Russen, gab es hier in unglaublichen Mengen, Osteuropa holt offensichtlich seine Defizite auf.

               Das Grab ist natürlich ein mystischer Ort. Bedeckt mit flachen Marmorplatten und beleuchtet nur mit Kerzen, hat es einen geheimnisvollen Charakter. Es ist klein, es passen höchstens drei Personen gleichzeitig hinein. Gerade, als wir an der Reihe waren, stürmte eine fanatische junge Frau im Kopftuch hinein. Sie warf sich auf die Platten des Grabes und wollte das Grab nicht mehr verlassen. Sie wälzte sich in einer Ekstase auf den Steinen, verbrannte sich ihre Hand an der Kerze, der Pope, der auf die Besucher aufpasste, musste sie mit Gewalt herausholen.               

               Im Vorraum der Kirche ist eine Marmorplatte ausgestellt, durchtränkt durch Öl, mit dem Maria Magdalena den Leichnam Christi einbalsamierte.

Man findet diese Platte leicht, bei ihr knien oder auf ihr liegen ganze Menschenmengen, die den zauberhaften Duft der Salbe genießen wollen. Man kann ihn wirklich riechen, möglicherweise deshalb, weil die Platte damit täglich frisch geschmiert wird. Der Duft ist sehr angenehm, ich habe ihn noch lange auf meinen Handflächen riechen können.

               Golgota befindet sich in der gleichen Kirche wie das Grab. Man muss nur um ein Stockwerk höher steigen. Durch eine enge Treppe kommt man zu einer weiteren Kapelle, die über die Steine der ehemaligen Hinrichtungsstätte gebaut wurde. Die Steine sind mit einem Glas bedeckt, damit man sie sehen kann und unter dem Altar gibt es eine Stelle, wo man die Hand hinlegen und die Steine von Golgota berühren kann. Die Voraussetzung ist eine angemessene Kleidung, ein Tourist in kurzer Hose wurde von den Priestern trotz heftigen Widerstandes erbarmungslos hinausgeworfen.

               Die Protestanten haben ihr Golgota anderswo, nämlich in einem englischen Park außerhalb der Stadtmauer, wenn man die Stadt durch Damascustor verlässt. Die Protestanten begründen diese Stelle mit dem Text der Bibel, dass sich die Hinrichtungsstätte außerhalb der Stadtmauern befand. Dazu findet man in diesem Park tatsächlich einen Felsen, der dem menschlichen Schädel ähnelt. Im Jahr 1867 wurde hier ein Felsengrab entdeckt und im Jahr 1883 entschied der britische Generalmajor Charles Gordon, dass es sich hier um den wahren Ort des Todes und Begräbnisses Jesus handelte und er kaufte das Grundstück. Es ist ein ruhiger Ort, viel ruhiger als die Menschenmengen in der Grabeskirche, also es ist entbehrlich mit Protestanten zu streiten, ob die Mauer Suleimans mit der antiken übereinstimmt oder nicht. Wer Lust oder Zweifel hat, darf auch diesen Ort besuchen.

               Egal ob dort oder hier, irgendwo hier in der Nähe, jedenfalls in Jerusalem, fand das Leben Christi sein Ende. Und damit auch unsere Pilgerreise. Trotzdem möchte ich das Heilige Land noch nicht verlassen. In zwei Wochen geht es zum Toten Meer und zur Festung Massada. Das ist ohnehin ein Pflichtprogramm jeder Israelreise.

Heiliges Land – Betlehem

               Betlehem, wo der Lebensweg Christi begann, ist heutzutage mit Jerusalem grundsätzlich zusammengewachsen. Also, es wäre zusammengewachsen, gäbe es zwischen den beiden Städten nicht eine acht Meter hohe Mauer. Die Grenzübergänge werden von bewaffneten israelischen Soldaten überwacht. Betlehem liegt nämlich in Palästina also in der „Westbank“, im autonomen palästinischen  Gebiet. Betlehem gehört zur „Zone A“, also zum palästinischen Gebiet mit einer vollständigen Autonomie, also mit Zivilverwaltung und palästinischer Polizei (Palästinenser dürfen keine Armee haben). Man wird nach der Überquerung der Grenze von einer großen roten Tafel ein bisschen überrascht, auf der, geschrieben mit großen weißen Buchstaben, steht: „Dieser Weg führt in ein palästinisches Dorf. Benutzung dieser Straße ist für israelische Staatsbürger lebensgefährlich“. Aus diesem Grund wechseln die Reisegruppen, die einen israelischen Reiseführer haben, an dieser Stelle diesen in einen palästinensischen. In Betlehem machen die Führungen ausschließlich Palästinenser.

               Zur „Geburtskirche“ muss man also über die Grenze – am bestens im Taxi mit einem arabischen Fahrer. Betlehem ist eine prosperierende Stadt, gleich wie Rammallah profitiert es von der Loyalität der derzeitigen palästinischen Führung – und von der Touristik. Es gibt hier Vier – und Fünfsternhotels (obwohl man im Vergleich mit mitteleuropäischen Verhältnissen einen Stern abziehen sollte). Es ist doch ein bisschen anders, zum Beispiel im Hotel Gabriel ist die ganze Bar eine Raucherzone, also für Nichtraucher ist es dort ein bisschen schwierig. Eine Zigarette gehört im Orient zum Image eines erwachsenen Menschen noch viel mehr als bei uns und medizinischer Tratsch über die Schädlichkeit des Rauchens ist hier noch nicht angekommen. Im Stadtzentrum gibt es ein riesiges modernes Einkaufszentrum, wäre es nicht arabisch beschriftet (nur arabisch, hebräische Aufschrift würde man vergeblich suchen), könnte man glauben, man wäre zu Hause.

               Die Basilika „Geburtskirche“ist ein riesiges Gebäude im romanischen Stil. Angeblich ist es die einzige Kirche in ganz Palästina, die das Wüten der Perser im Jahr 614 überlebte. Der Grund war das Mosaik mit einer Abbildung der drei Könige vor ihrem Eingang. Diese wurden in den traditionellen persischen Gewänden dargestellt und das hielt die Soldaten des persischen Königs ab – sie fürchteten, sie könnten einen persischen Tempel zerstören. Das Mosaik gib es hier heutzutage nicht mehr, der Eingang in die Basilika ist trotzdem sehr interessant. Grundsätzlich handelt sich um drei Eingänge in einem. Der größte und der mittelgroße (sagen wir der normal große) sind beide zugemauert, es bleibt nur ein kleiner Eingang, in dem man sich viel bücken muss, um durchzukommen. Angeblich ist der Grund, dass kein Mann in der Rüstung und mit einer Waffe hineinkommen durfte. Was funktionieren könnte. Ein gepanzerter Ritter kann sich sicher nicht so klein machen, um durchzukommen. Das Innere der Kirche ist dafür groß. Groß genug, damit sich hier eine dreistündige Schlange bilden kann, die auf den Eintritt in die Höhle im Untergeschoß wartet, wo das Christkind zur Welt kam. 

               So zog auch Josef von der Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa  in die Stadt Davids, die Betlehem heißt, denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. (Lukas 2, 4-7)

               Das apokryphische Matthäus Pseudoevangelium bereichert diese Erzählung mit unseren zwei bekannten Tieren: „Am dritten Tage nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus trat die seligste Maria aus der Höhle, ging in einen Stall hinein und legte ihren Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an. Da erfüllte sich, was durch Propheten Jesaja verkündet ist, der sagt: Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn“

               Weil die Apokryphen in der christlichen Tradition eine bedeutende Rolle spielen, muss natürlich der Geburtsort Christi in einer Höhle sein – die Stelle der Geburt ist auf dem Boden mit einem Stern gekennzeichnet.

Vorher muss man aber eine mehrstündige Schlange überstehen, die sich durch die orthodoxe Basilika schlängelt, bis man zum Eingang in die Höhle kommt. Die Menschen sickern in den Eingang der Höhle wie Sand in ein Loch im Boden, der Ort hat aber trotz dieses Andrangs der Pilger und Touristen etwas in sich. Hier klingen die Worte des Evangelium von Lukas: „In jeden Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl…“ einfach anders als wo anders.

               Die wunderschöne Ikonostase und riesige Kronleuchter aus Silber stiftete der russische Zar Nikolaus II. für die Kirche. Der Herrscher, der in seinem Heimatsland zu einem heiligen Märtyrer erklärt worden ist, da er mit seiner ganzen Familie dem Terror der Bolschewiken zum Opfer fiel.

               Da die Geburtskirche ein orthodoxes Gotteshaus ist, gibt es in ihrer unmittelbaren Nähe die Kirche der Heiligen Katharina von Alexandria. Diese monumentale katholische Kirche (verwaltet wird sie von Franziskanern) steht auf dem Ort, wo laut Überlieferung der heiligen Katharina Jesus erschien und ihr bevorstehendes Martyrium voraussagte.  Die katholischen Weihnachtsmessen aus Betlehem werden in die ganze Welt aus dieser Kirche übertragen. Übrigens, die Orgel ist ein Werk der österreichischen Firma Rieger und wurde in den Jahren 2002 – 2003 gebaut.

               Betlehem ist der Geburtsort Königs David, des Gründers des ersten jüdischen Staates und Eroberers Jerusalems. Also des ersten ( obwohl eigentlich des zweiten) jüdischen Königs. Er, sowie auch Josef und Christus, leiteten ihre Herkunft vom jüdischen Stamm Benjamin ab, sie waren also Nachfahren des jüngsten der Söhne Jakobs. An Davids Geburt wird auf dem Gebiet des Feindes nicht erinnert, die Juden ehren ihn an seinem fiktiven Grab auf dem Berg Zion vor den Mauern Jerusalems.

               Also wenn der Weg Christi in Betlehem seinen Anfang nahm, endete dieser nach vielen Zwischenstationen in dem weitentfernten Galiläa, in Nazareth, in Kapernaum, am See Genezareth und – vielleicht – auch in Kana, in Jerusalem – so, wie er enden musste.

Aber darüber das nächste Mal.

Jerusalem II.Teil

Der Berg Zion wird von der Kirche Maria Himmelfahrt dominiert. Nach der christlichen Tradition stieg sie gerade von diesem Ort in den Himmel, laut einer anderen Überlieferung passierte es in Ephesos im Kleinasien. (Dort gibt es auch eine Pilgerkirche zur Ehre der Jungfrau Maria) Auf dem Berg Zion ließ Kaiser Wilhelm auf seiner Pilgerreise nach Palästina im Jahr 1910 eine monumentale Kirche bauen. Er ließ damals in Jerusalem insgesamt vier Kirchen bauen, zwei für Katholiken und zwei für Protestanten, diese auf dem Berg Zion, die der Jungfrau Maria gewidmet ist, ist logischerweise katholisch.

               Gegenüber dem Tempelberg steht der Ölberg. In keinem Fall empfehle ich mit einem eigenen Fahrzeug hinzufahren. Wenn dort irgendwelche Verkehrsregel gelten, dann ist es mir nicht gelungen, sie zu entziffern – außer dem Rechte des Stärkeren. Hier einen Parkplatz zu suchen ist eine absolut verrückte Idee und sie ist nur für Lebensmüde geeignet. Es zahlt sich aus, sich mit Taxi hinfahren zu lassen. Hier, auf dem Ölberg, beginnt die Prozession am Palmsonntag, also der Weg, den Jesus mit seinen Jüngern auf dem ausgeliehenen Esel zum Goldenen Tor ging, durch das er Jerusalem betrat. An der Prozession am Palmsonntag nehmen bis zu 20 000 Pilger teil.  Es ist sicherlich nichts für Menschen mit Agoraphobie. Übrigens, es gibt auf diesem Weg mehr als genug Menschen auch an anderen Tagen ohne die Palmsonntagsprozession. Heutzutage kann natürlich der Weg in die Stadt nicht durch das Goldene Tor führen. Man muss das Tal Cedron (oder Kidrun) überqueren und dann die Stadt durch ein anderes Tor betreten – oder sich mit dem Taxi zur Altstadt hinfahren lassen.

               Die Hänge des Ölberges sind mit jüdischen Gräbern dicht bedeckt. Gerade im Tal Cedron vor den Mauern von Jerusalem sollte das Jüngste Gericht stattfinden und es gibt viele, die dabei die Ersten sein wollen. Für einen Grab auf dem Hang des Ölberges werden Unsummen bis zu einer halben Million Dollar bezahlt. Eine „Pole position“ kostet halt etwas. Obwohl – ich hätte es nicht so eilig. Die Erfahrung sagt, dass Richter im Prozessverlauf eher nachsichtiger werden und im Himmel gibt es  genug Platz für alle. Übrigens – in der Hölle auch.

               Der Pilgerweg auf dem Ölberg beginnt bei der Kirche „Paternoster“ (Vater unser). Nirgends in der Bibel wird beschrieben, wo Jesus seine Jünger dieses Grundgebet des neuen Glaubens, das durch seine Einfachheit genial ist, gelehrt hat: Vater unser im Himmel, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf der Erde. Gib uns heute das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unserer Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen (Matthäus 6, 9-13, modifiziert und etwas verkürzt auch Lukas 11, 2-4))

               Matthäus erwähnt den Ort gar nicht, Lukas schreibt nur es geschah „an einem Ort“. Es ist merkwürdig, dass Markus dieses Gebet gar nicht erwähnte. Sollte Markus tatsächlich der Sekretär des heiligen Petrus gewesen sein und die Erinnerungen seines Meisters aufgeschrieben haben, wäre es möglich gewesen, dass er dieses Gebet nicht kannte?  Entstand es vielleicht doch später? Oder war es Petrus nicht wert, es zu erwähnen? So oder so, „Vater unser“ ist eine schöne Kirche im gotischen Stil aus der Zeit der Kreuzfahrer über einer Höhle, wo angeblich dieses Gebet das erste Mal gesprochen wurde (wahrscheinlich entschied darüber wieder einmal die Kaisermutter Helena). Die Kirche ist  mit einem schönen Garten voll mit blühenden Rosen umgegeben. Überall gibt es Tafeln mit dem Text des Gebetes in allen Weltsprachen. Im Inneren der Kirche, im Kreuzgang, sowie auch im Garten. Den deutschen Text findet man im Kreuzgang, wie auch den tschechischen, dieser ist an der Wand in unmittelbarer Nähe von Latein, Griechisch und Arabisch. Die Slowaken schafften das sogar direkt ins Kircheninneren. Der einzige Wermuttropfen für sie könnte sein, dass sich ihre Tafel in der direkten Nachbarschaft des ungarischen Textes befindet. Diese zwei Nationen lebten einfach eintausend Jahren in einem Staat, sie bekamen in der Kirche also Plätze nebeneinander zugeteilt, ob das ihnen gefällt oder nicht.

               Von der Kirche steigt man ab zum Cedrontal. Auf dem Weg gibt es ein Kirchlein „Dominus flevit“ (Der Herr weint) auf dem Ort, wo Jesus über das Schicksal Jerusalems weinte, da er wusste, dass die Stadt vernichtet würde. Als er näher kam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen. Es wird eine Zeit für dich kommen, in der deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich einschließen und von allen Seiten bedrängen. Sie werden dich und deine Kinder zerschmettern und keinen Stein auf dem anderen lassen, denn du hast die Zeit der Gnade nicht erkannt. (Lukas 19,41-44)

               Es steht hier ein entzückendes Kirchlein in der Form eines Tropfens oder eigentlich einer Träne, ein Werk des italienischen Architekten Antonio Barluzzi. Eröffnet wurde es im Jahr 1955, als der Ölberg noch zu Ostjerusalem gehörte und damit unter arabischer Verwaltung stand. Gleich nebenan steht die orthodoxe Kirche der Maria Magdalena mit goldenen Kuppeln, eine Dominante beim Blick auf den Ölberg von der Moschee Al Aqsa aus. Diese Kirche ließ auf diesem Ort der russische Zar Alexander III. bauen. Von der Kirche „Dominus flevit“ gibt es wunderschöne Blicke auf Jerusalem mit dem Felsendom und dem zugemauerten Goldenen Tor, aber auch auf die Hänge des Ölberges, bedeckt mit tausenden Gräbern der ungeduldigen Juden.

               Dann führt der Weg ins Tal in den Garten Getsemani. Dieser Garten wurde als der Ort der Gefangennahme Christi in drei Evangelien beschrieben ( Markus, Matthäus und Lukas), nur Johannes nennt ihn nicht mit dem Namen, sondern er schreibt über einen Garten hinter dem Bach Cedron, was allerdings geographisch mit dem Garten von Getsemani übereinstimmt. Das verleiht dem Ort eine unbezweifelbare Authentizität.   Einige der Olivenbäume sind tatsächlich zweitausend Jahre alt und mussten also die Geschehnisse des damaligen Freitagsmorgens erleben. Dem Menschen läuft es bei dem Anblick dieser stummen Zeugen kalt über den Rücken. Im Garten steht eine Kirche „Allen Nationen“ (Auch genannt „Kirche des Leidens des Herren“ – „Basilica agoniae domini“). Sie hat fünfzehn Kuppeln, weil so viele Nationen sich an den Kosten für den Bau dieser Kirche beteiligten. Der Architekt war wieder einmal Antonio Barluzzi, die Kirche wurde im Jahr 1924 fertiggestellt. Vor dem Altar, umrahmt mit einem niedrigen Geländer in der Form der Dornkrone, gibt es einen Felsen, auf dem Christus betete. Die erste Kirche über diesen Felsen ließ Kaiser Theodosius bauen, auch diese Kirche fiel dem Persischen Einfall im Jahr 614 zu Opfer. Die Nachfolgekirche der Kreuzfahrer verschwand irgendwann im vierzehnten Jahrhundert, also ist die heutige Kirche bereits das dritte Gebäude auf dem Ort, wo Jesu Schweiß zu Blut wurde.

               Vater, wenn du willst, nimmt diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. Da erschein ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm Kraft. Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte. (Lukas 22, 42 – 44)

               Diesem Felsen kann man sich nähern und ihn berühren sowie direkt auf dem Ort, wo Jesus betete, auch ein Gebet sprechen. Obwohl ein Felsen in den Evangelien nicht direkt erwähnt wurde, ist es ein logischer Ort, da auf dem Stein seine Jünger kaum schlafen konnten, von denen er sich zum Gebet entfernte. Alle Darstellungen Christi, wie er in Getsemani betet, zeigen ihn auf einem Stein, also kann man glauben, dass es gerade an diesem Ort geschah. Wenn man es glaubt, ist das Gefühl faszinierend.

               Direkt unter  dem Garten ist dann der Cedron und dann gibt es einen Aufstieg zu den Toren von Jerusalem. Dorthin, zum Kreuzweg und nach Betlehem, wo Jesus geboren wurde, schauen wir in zwei Wochen.

Jerusalem 1.Teil

               Jerusalem ist ein ewiger Streitpunkt zwischen Religionen. Es ist ein Symbol für Christen, Juden und leider auch für Moslems. Der Prophet Mohammed ahnte wahrscheinlich gar nicht, was er seinen Kindern eingebrockt hat, als er sich entschied, für seine Himmelfahrt auf seinem Zaubertier Buraq als Startfläche gerade den Tempelberg  in Jerusalem zu wählen. Was er dort tat in der Zeit, als die Stadt noch unter byzantinischen Verwaltung stand, werden wir wahrscheinlich niemals erfahren, rückblickend wäre es möglicherweise günstiger gewesen zum Treffen mit den anderen Propheten von einem anderen Ort aufzubrechen, zum Beispiel von Mekka oder Medina oder – eigentlich egal woher, nur nicht von Jerusalem aus! Aber es geschah so.

               Jerusalem ist also ein Symbol, nicht umsonst beharren die Juden darauf, dass gerade diese Stadt die Hauptstadt von Israel sein sollte. Trotz aller Proteste und Unruhen, die das mit sich bringt.

               Im Film „Königreich der Himmel“ fragt Orlando Bloom Saladin: „Was ist Jerusalem wert?“ Und Saladin antwortet mit einem Lächeln: „Nichts! Und alles!“

               Wenn man an diesem Ort steht, beginnt man diesen Widerspruch zu verstehen. Der Tempelberg mit dem Felsendom, der Berg Zion oder der Ölberg sind Orte, von denen man vielmals gelesen und unzähligemal gehört hat und wenn man sie sieht, ist man trotzdem nicht enttäuscht. Das geschieht nicht so oft im Leben.

               Jerusalem wurde irgendwann um das Jahr 1000 vor Christus von König David erobert und dieser machte es zur ersten Hauptstadt der Juden, die bis dahin als Nomaden lebten. Sein Sohn Salomon baute hier den ersten Tempel – die Juden dürfen nur einen Tempel haben, alles anderes sind nur Synagogen, also Gebetshäuser. Diesen Tempel zerstörte der babylonische König Nebukadnesar, als er Jerusalem im Jahr 586 vor Christus eroberte. Er führte Juden in die babylonische Gefangenschaft, also in die Sklaverei. Als sie dann nach der Rückkehr, die ihnen der persische König Kyros erlaubte, einen neuen Tempel bauten, war es nur ein bescheidenes Gebäude, das man mit dem Tempel von Salomon nicht vergleichen konnte. Um eine Korrektur dieser beschämenden Tatsache bemühte sich König Herodes der Große. Er ließ das Gebäude aus dem sechsten Jahrhundert vor Christi allen Protesten des Volkes zum Trotz niederreißen und baute ein großartiges Gotteshaus, das in der damaligen Welt seinesgleichen vergeblich suchen musste. 

               Genau in diesem Tempel spielten sich die Geschichten des Neuen Testamentes ab. Herodes war überzeugt, dass der Messias aus seiner Familie stammen würde und gerade auf dem Tempelberg würde er dann die Lebenden und die Toten richten, nachdem er durch das Goldene Tor in die Stadt triumphal einziehen würde. Deshalb sparte Herodes nicht bei den Baukosten, immerhin war er in dieser Zeit im Auftrag des Augustus der Verwalter des ganzen asiatischen Teils des römischen Reiches. Am Geld mangelte es also nicht.  Herodes freute sich sicherlich, wenn der Erlöser einmal sagen würde – „Und diesen prachtvollen Tempel ließ mein Ur- Ur – Urgroßvater Herodes bauen.“ Und Herodes selbst würde vor dem Messias als der Erste stehen und dank seiner Verdiensten um diesen prächtigen Bau seiner Verbrechen begnadigt und paradieswürdig gesprochen werden. 

               Es sollte anders kommen. Im Jahr 70 nach Christus wurde Jerusalem von den Römern erobert und der römische Heerführer und spätere Kaiser Titus ließ die Stadt samt dem Tempel dem Boden gleichmachen. Von dem ganzen monumentalen Gebäude des Herodes blieb nur ein Teil der westlichen Mauer erhalten, die heutige Klagemauer. Im Jahr 530 ließ Kaiser Justinian auf dem Tempelberg eine Kirche der Jungfrau Maria bauen, diese hatte aber nur eine kurze Lebensdauer, im Jahr 614 wurde sie, wie alle anderen Kirchen auch, von Persern zerstört. Dann kamen die Araber. Sie erinnerten sich, dass gerade von diesem Ort Prophet Mohammed zu seiner Himmelfahrt aufbrach und bauten hier die erste Moschee. Bereits im Jahr 692 stand hier ein „Felsendom“. Seine goldene Kuppel ist eine Dominante der ganzen Stadt. Im Jahr 1099 wurde die Stadt von Kreuzfahrern erobert und  diese verursachten unter der Zivilbevölkerung, die Asyl im Tempel gesucht hatte, ein furchtbares Massaker. Hier entstand der Templerorden und die Templer hatten dann gerade hier (in einem Teil des königlichen Palastes) ihr Hauptquartier.

               Im Jahr 1187 wurde die Stadt von Sultan Saladin erobert und mit einer kurzen Unterbrechung in den Jahren 1229 – 1244 blieb sie dann schon in moslemischen Händen. Im Jahr 1517 wurde Jerusalem von Türken eingenommen und die Symbole des Vollmondes wurden durch türkische Halbmonde ersetzt. Im Jahr 1917 kamen Briten hierher und im Jahr 1947 wurde die Teilung der Stadt zwischen den beiden hier lebenden Nationen beschlossen. Die Juden bekamen den westlichen modernen Stadtteil, den Arabern wurden die Altstadt und die östlichen Stadtviertel zugesprochen. Diese Teilung wurde im Sechstagekrieg beendet, als Ostjerusalem von jüdischen Truppen eingenommen wurde. Später annektierte der Staat Israel den östlichen Teil der Stadt und erklärte Jerusalem zu seiner „unteilbaren“ Hauptstadt.       

               In der Stadt gibt es das Viertel Mea Shearim, wo ultraorthodoxe Juden leben. Sie betrachten den Staat Israel als Gotteslästerung, da in ihren Vorstellungen den Staat Israel nur der Messias gründen kann. Sie verweigern den Militärdienst, sie zahlen keine Steuern, die arbeiten nicht und leben von Spenden (angeblich besonders von den Juden aus den USA). Alle Männer waren hier in der traditionellen Kleidung zu sehen mit Hüten und Kaftanen, die Frauen mit Kopfbedeckung und ungeschminkt, die Kinderwagen (die Familien der ultraorthodoxen Juden sind sehr kinderreich) wurden aber ausschließlich von Männern geschoben.

               Die heutige Mauer, die die Altstadt umgibt, ließ Sultan Suleiman „der Prächtige“ bauen. Sie ist mehr als vier Kilometer lang und hat acht Tore. Nur sieben davon sind offen. Das wichtigste aller Tore, das Goldene Tor, direkt unter dem Tempelberg in Richtung Ölberg, ließ Suleiman zumauern. Diese Tat hat eine Logik. Gerade durch dieses Tor sollte der jüdische Messias in die Stadt einziehen (deshalb betrat auch Christus die Stadt durch dieses Tor). Also wenn man dieses Tor zumauert, wird dadurch die Wahrscheinlichkeit des Einzugs des Messias minimalisiert.

               Zum Tempelbezirk kommt man durch das „Mülltor“. Den Namen bekam das Tor dank der Tatsache, dass gerade durch dieses Tor die Abfälle aus der Stadt getragen wurden. Durch Check points kommt man auf das Tempelplateau. Den Juden ist der Zutritt verboten, das ganze Plateau ist eigentlich jordanisches Gebiet und der jordanische König  ist auch offiziell der Wächter über den Felsendom. Die Juden dürfen diesen Platz aber auch in Folge ihrer eigenen Gesetze nicht betreten. Niemand weiß nämlich, wo sich das Heiligtum des Tempels befand, das nur der Hohepriester betreten durfte. Also ein orthodoxer Jude würde ein Sakrileg begehen, wenn er sich – auch unabsichtlich, auf diesen Platz stellen würde. Ariel Sharon war es egal, als er im Jahr 2000 den Tempelbezirk betrat, was die zweite Intifada auslöste und ihm den Wahlsieg im Jahr 2001 sicherte. Auf dem Tempelplateau stehen zwei Gebäude – die Moschee Al Aqsa und der Felsendom. Beide dürfen seit dem Jahr 2000 von Nicht-moslems nicht betreten werden. Ich suchte lange die Minarette, die zu einer Moschee einfach untrennbar gehören. Um das Gebäude  Al Aqsa fand ich keine, obwohl nach meiner Schätzung diese Moschee mindestens vier haben müsste (die Zahl der Minarette entspricht der Wichtigkeit der Moschee, sechs Minarette darf offiziell nur die Moschee in Mekka haben). Letztendlich fand ich sie. Sie stehen an den Ecken des Plateaus – also offiziell ist das ganze Plateau eine Moschee und der Felsendom mit seiner vergoldeten Kuppel gehört dazu.                  

               Die Juden beten an der Klagemauer. Die Männer und Frauen tun das getrennt, wie es schon im Orient üblich ist. Männern steht ein wesentlich größerer Teil der Mauer zu Verfügung, ich zählte aber mehr betende Frauen als Männer. Neben säkularen Juden und Touristen, die auf dem Kopf eine kleine Kippa (oder Jarmulka) tragen – (ohne sie darf man nicht zur Mauer, man kann sich aber eine solche Kopfbedeckung beim Eingang kostenlos ausleihen) beten hier auch orthodoxe Juden mit Schläfenlocken, in Kaftanen und Hüten. Diese beten sehr intensiv, nämlich mit dem ganzen Körper, da ihnen das Gesetz befiehlt, alle körperlichen Organe beim Gebet zu bewegen. Die Mehrheit der orthodoxen Juden betet in dem überdachten Teil der Klagemauer, links bei der Mauer gibt es einen kleinen Eingang.              

               Durch das jüdische Viertel (mit der größten Synagoge und dem riesigen siebenarmigen Leuchter aus echtem Gold) und das armenische Viertel mit dem Ziontor ( in der Altstadt gibt es noch ein arabisches und ein christliches Viertel) kommt man auf den Berg Zion. An dem Ziontor sieht man noch immer die Einschüsse  aus dem Sechstagekrieg. Gerade durch dieses Tor drangen die israelitischen Truppen in die Altstadt ein. Zion ist der bedeutendste jüdische Berg, obwohl er bereits außerhalb der Stadtmauer liegt. Nach ihm heißt die Zionistische Bewegung, die das Recht der Juden auf die Rückkehr in ihre alte Heimat predigt und die vom wiener Juden Theodor Herzl gegründet wurde. König David hat hier sein symbolisches Grab. Sein Grabmal ist wirklich nur symbolisch. Sein Leichnam liegt nicht hier, trotzdem ist das ein jüdischer Pilgerort. Zu dem Sarg des Königs werden Männer und Frauen getrennt zugelassen. Frauen sehen nur einen kleineren Teil, unsere Damen begegneten im Gegenteil zu uns also keinen betenden orthodoxen Juden, dafür aber wunderschön singenden argentinische Frauen.

               Der Berg Zion ist auch für Christen heilig. Hier fand das letzte Abendmahl statt, hier wurde die neue Tradition, das neue Ritual gegründet, das uns bei jeder Messe begleitet: Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst, das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trink alle daraus, das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26, 26-28, auch Markus 14, 22-25 und Lukas 22 14 – 20). Johannes lokalisiert die Lehre über das Blut und Körper Christi in die Synagoge in Kapernaum, das Mysterium des letzten Abendmals beschreibt er nicht.

               Der Saal des letzten Abendmals ist ein gotisches Gebäude aus der Zeit der Kreuzfahrer, ein Olivenbaum aus Bronze mit drei Fruchtarten – neben Oliven auch Weizen und Weintrauben – erinnert an den Besuch des Papstes Johann Pauls II. im Jahr 2000 und symbolisiert das Zusammenleben aller drei monotheistischen Religionen.

Obwohl der Saal natürlich immer voll mit Menschen ist, hat er doch ein bestimmtes Flair, gerade hier wurde doch das Ritual gegründet, das die christliche Kirche zusammenhält und die Verbreitung der Botschaft Gottes ermöglicht: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst! (Markus12, 31, Galater 5,14). Es ist faszinierend, dass Christus, der sein ganzes Leben gegen jüdische Rituale kämpfte, am letzten Abend seiner Mission erkannte, dass ohne Ritual seine Lehre nicht überleben konnte und er nutzte dieses letzte Abendmahl mit seinen Aposteln zur Gründung einer neuen Tradition. Angeblich passierte es gerade an diesem Ort. Aber wenn auch nicht, es konnte nicht zu weit von hier sein.

Galiläa Teil II.

Der See Genezareth befindet sich 200 Meter unter dem Mittelmeerspiegel, er hat also den gleichen Ursprung wie das Tote Meer, das Wasser im See ist aber süß.

Trotzdem konnte Christus auf seiner Wasseroberfläche gehen. „In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen, er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, er sei ein Gespenst und sie schrien vor Angst. Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (Matthäus 14,25-27, auch Markus 6,48-51 und auch Johannes 6, 19-20) Heutzutage werden natürlich Bootausflüge auf dem See organisiert, sie gehören zum Pflichtprogramm, das Ziel ist der Hafen in Tiberias. Einen Sturm erlebten wir nicht, um sich ein Bild machen zu können, was die Jünger dort erlebten.  (Matthäus 8, 23 – 27, Markus 4 35- 41, auch Lukas 8, 22-25)

Einen wunderschönen Blick gibt es vom Berg der Seligpreisung.

Es ist ein zauberhafter Ort mit einer Kirche, einem Hospiz für Pilger, das die Franziskaner verwalten und mit Gärten voll mit Blumen. Es ist ganz gut möglich sich vorzustellen, dass gerade hier Christus seinen Jüngern die Grundsätze seiner Lehre mitteilte, obwohl nur Matthäus Christus auf den Berg steigen lässt (Matthäus 5,1-12). Lukas lässt ihn im Gegensatz dazu vom Berg in die Ebene absteigen. Auf dem Berg ist es aber sicher schöner, geben wir also Matthäus recht und lassen wir die faszinierenden Sätze ertönen: „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben. Selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich.“ (Matthäus 5, 3-10) Diese Sätze sind hier geschrieben – in Englisch entlang des Weges zur Kirche, in der Kirche dann in den Glasfenstern in Latein.

               Eine weitere wichtige Pilgerstätte ist der Ort der Brotvermehrung. Das war eines der berühmtesten Wunder Christi, als er mit einigen Broten und Fischen ganze Menschenmengen satt machte.

Hier gerieten wir mit unserem Reiseführer in einen Streit. Er ließ immer an den heiligen Orten Texte aus der Bibel lesen, die den Bezug zu diesen Orten hatten. Unsere Freunde aus der Gruppe brachten einen eigenen Text mit und lasen über das Sattmachen von vier Tausend mit sieben Broten und einigen Fischlein. Unser lieber Schibli regte sich sehr auf und wollte wissen, woher sie diesen Text hätten. Er beharrte auf fünf Fischen und zwei Broten. Ich gebe zu, dass ich auch einigermaßen verwirrt war, da ich auch diesen Text, also fünf Fische und zwei Brote, kannte. Ich musste also im Text der Bibel suchen und ich fand eine Erklärung dieses Problems.        

               Es gibt nämlich in der Bibel sogar zwei Wunder der Brotvermehrung. Zumindest  in Markus und Matthäus, Lukas und Johannes kennen nur ein solches Wunder und dort gibt es wirklich fünf Fische und zwei Brote. Also dieses Wunder ist in allen vier Evangelien beschrieben und es ist demzufolge bekannter. Laut Lukas kam es aber dazu in Betsaida und laut Johannes auf einem nicht genannten Hügel. Die Kirche des Wunders der Brotvermehrung  – identifiziert mit dem ersten Wunder mit fünf Fischen und zwei Broten – steht auf dem westlichen Ufer des Sees Genezareth an einem Ort mit einem unaussprechlichen Namen Taghba. Betsaida, wo Lukas das Wunder lokalisierte, (Lukas 9,10-17) liegt nördlich des Sees, an der Mündung des Flusses Jordan, in Erwägung kommt noch ein Ort an dem östlichen Ufer des Sees namens Tell Hadar. Keines dieser Orte liegt auf einem Hügel, was der Schilderung des Johannes widerspricht. Taghba hat einen Vorteil, dass es einfacher erreichbar ist – besonders vor dem Sechstagekrieg, weil nur während dieses Krieges Israel die Golanhöhen besetzte und damit auch das Ostufer des Sees mit Betsaida und Tell Hadar unter seine Kontrolle brachte. Möglicherweise deshalb gewann in diesem Wettbewerb eben Taghba. Heute steht hier eine schöne Kirche mit einem großen Atrium mit Wasserbecken, in dem große Fische schwimmen und diese Kirche wollten angeblich militante Juden anzünden. Der Name des Ortes stammt aus arabischem El-Tabega, was eigentlich eine Verstümmelung des griechischen Namens Heptapegon, also „die Quelle der Sieben“ ist.  Das Ort des Wunders wird mit biblischen Namen Magadan, also „Glückwasser“ (Matthäus 15,39) oder Dalmanutha „das Ort seines Aufenthaltes“ (Markus 8,10) identifiziert. Was kleine Probleme zur Folge hat. Beide diese Namen sind nämlich in der Bibel im Zusammenhang mit dem zweiten Wunder der Brotvermehrung erwähnt. Allerdings mit Nachsatz, dass Christus an diese Orte NACH der Vollendung des Wunders ging. „Danach schickte er die Menge nach Hause, stieg ins Boot und fuhr in die Gegend von Magadan“ (Matthäus 15,39) oder „Gleich darauf stieg er mit seinen Jüngern  ins Boot und fuhr in das Gebiet von Dalmanuta.“ (Markus 8,10)

               Daraus kann man nur eines folgern – das zweite Wunder der Brotvermehrung konnte sich nicht in Taghba abspielen, dieses Wunder musste auf dem anderen, also auf dem östlichen Ufer geschehen. Wo aber fand das erste, bekanntere, Wunder statt? Nirgends außer in Lukasevangelium wird der Ort genannt. Die Angabe von Lukas – also Betsaida – wird aus irgendwelchen Gründen nicht akzeptiert. Wahrscheinlich war entscheidend, dass Taghba ein Pilgerort der Christen aus Kapernaum war und um das Jahr 350 hier eine Pilgerkirche gebaut wurde. Es ist gut möglich, dass es auf die Initiative der Kaisermutter Helena zurückzuführen ist, der bei ihrem Besuch von Kapernaum dieser Ort gezeigt wurde und sie ihn als den Ort des Wunders bestimmte. Die Tradition war also stärker als die Worte des Evangeliums. Auf den Fundamenten der ersten Kirche wurde um 480 eine byzantinische Kirche erbaut, die im Jahr 614 zerstört wurde. Im Jahr 1932 wurden die Reste dieser Kirche inklusiv unversehrter frühchristlicher Mosaiken vom Team des Paters Andreas Mader entdeckt und in den Jahren 1980 – 1982 wurde hier von Architekten Anton Goergen und Fritz Baumann aus Köln eine neue Kirche gebaut. Also heute ist es der offizielle Ort, wo folgendes geschah:

               „Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät. Schick sie weg, damit sie in die umliegende Gehöfe und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können. Er erwiderte: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Sollen wir weggehen für zweihundert Denare Brot kaufen und es ihnen geben, damit sie zu essen haben? Er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote und außerdem zwei Fische. Dann befahl er ihnen, den Leuten  zu sagen, sie sollten sich in Gruppen ins grüne Gras setzen. Und sie setzen sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig. Darauf nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie an die Leute austeilten. Auch die zwei Fische ließ er unter allen verteilen. Und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die Reste der Brote und auch der Fische einsammelten, wurden zwölf Körbe voll. Es waren fünftausend Männer, die von den Broten gegessen hatten.“ (Markus 6, 35 – 44)

               Sein erstes Wunder tat Christus ein bisschen ungern und gezwungenermaßen, wer könnte aber eine Bitte der eigenen Mutter abschlagen? Es geschah in Kana in der Nähe von Nazareth, wo er lebte.

Dieses Wunder, eines seiner populärsten, wurde zum Thema vieler Theaterstücke – ich wohnte einmal der Aufführung des Brünner Theaters „Na provázku“ bei und es war wunderbar. Es wird nur im Evangelium des Johannes beschrieben, weil es eigentlich mit der wahren Mission Christi nichts zu tun hatte. Die übrigen drei Evangelisten wissen nichts von diesem Wunder. Heute steht in Kana in Galiläa auf dem Ort dieses Wunders eine katholische Kirche aus dem Jahr 1883, in der unterirdischen Krypta wird ein Weinsteingefäß aufbewahrt, das wirklich aus dem ersten Jahrhundert stammt und zweihundert Liter Wein umfassen kann. Die Weingefäße wurden aus Stein gemacht, damit der Wein kalt blieb.

Wir wollen also glauben, dass das Gefäß authentisch ist, unter der Kirche gibt es auch Ausgrabungen eines Hauses aus dem ersten Jahrhundert, wo sich die in der Bibel beschriebene Hochzeit abgespielt haben sollte. Die orthodoxen Christen sind wieder einmal anderer Meinung, ihre Kirche gibt es an dem Ort, wo einmal das „Haus von Nathanel“ stehen sollte. Natürlich gibt es gleich neben der Kirche ein Souvenirgeschäft, wo man Wein kaufen kann – entweder süß, wie man ihn in den Zeiten Christi trank, oder trocken, den man heute lieber trinkt – besonders, wenn man nach süßem Wein an Sodbrennen leidet wie ich. Allerdings, da der Verkäufer ein Palästinenser war, machte man sich bei ihm mit den israelischen Schekeln nicht beliebt  – und das, obwohl Kana im israelischen Gebiet liegt.

               Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. (Johannes 2, 1-4)

               Aber ob gern oder ungern, zornig oder nicht zornig, letztendlich tat der Sohn, wofür ihn seine Mutter bat.

               Was wäre eine Pilgerreise ins Heilige Land ohne einen Besuch von Nazareth? Von dem Ort, wo die Jungfrau Maria empfing, wo sie Erzengel Gabriel besuchte und wo Jesus nach seiner Rückkehr aus Ägypten bei seinem Stiefvater Josef lebte und den Beruf eines Zimmermanns erlernte. Nazareth ist heute eine Stadt mit 90 000 Einwohnern, fast ausschließlich Palästinenser. Das ist die Folge der Tatsache, dass gerade Nazareth im Krieg des Jahres 1948 zum Zufluchtsort für Palästinenser aus den umgebenden Dörfern wurde. Bis zum Jahr 1948 lebten hier angeblich nur 1500 Menschen. Die hier lebenden Palästinenser haben natürlich israelische Bürgerschaft, die Aufschriften auf den Mauern erinnern den Besucher aber daran, dass sie sich keinesfalls als Israelis fühlen wollen. Die Kirchen der Verkündigung Marias sind wieder einmal zwei. Es ist die Folge unterschiedlicher Interpretationen der orthodoxen und katholischen Christen, was den Ort betrifft, wo der Erzengel Gabriel Maria besuchte. Nach der Meinung der Orthodoxen passierte es bei der Wasserquelle, woher sie das Wasser für den Haushalt holte und deshalb gibt es bei allen orthodoxen Ikonen zwischen Maria und dem Erzengel eine Wasserquelle.

Die Katholiken dagegen sind überzeugt, dass der Erzengel seinen Besuch bei Maria zu Hause abstattete und dieser Tatsache entsprechen alle Bilder von den Ikonen bis zu Bildern von Leonardo da Vinci oder Sandro Botticelli. Deshalb steht die orthodoxe Kirche über der Quelle und die katholische Kirche über dem Haus Marias. Praktisch an dieser Regelung ist, dass beide Kirchen nicht um das Grundstück streiten. Wie kam es aber überhaupt zu diesem Streit?

               Die Ankündigung Marias wir lediglich in einem Evangelium beschrieben und das ist das Lukasevangelium. Dieser schreibt aber nur: Im sechsten Monat wurde der Erzengel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazareth zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte, der Name der Jungfrau war Maria. Der Erzengel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.“ (Lukas 1, 26-28)

Lukas beschäftigte sich also gar nicht mit der Frage, wo zu dieser schicksalhaften Begegnung kam. Wir müssen wieder einmal zu Apokryphen greifen, also zu den zwar nicht anerkannten Evangelien, die aber einen großen Einfluss auf die christliche Tradition haben. Im Jakobs Proevangelium, das vor allem ein Lobgesang an die Jungfrau Maria ist, wird geschrieben: Und sie nahm den Krug und ging hinaus, um Wasser zu schöpfen. Und siehe, eine Stimme sprach: „Sei begrüßt, du Begnadete! Der Herr sei mit dir, du gepriesene unter Frauen! Und sie blickte sich um nach rechts und nach links, woher diese Stimme wohl käme. Und es kam ihr ein Zittern an. Da ging sie heim in ihr Haus und stellte den Krug ab. Dann nahm sie den Purpur und setzte sich auf ihren Sessel und zog ihn zu Fäden. Und siehe, ein Engel des Herren trat vor sie hier und sprach: „Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade gefunden bei dem Gebieter über alles und du sollst empfangen aus seinem Wort.“

               Wie wir sehen, der Wortlaut dieses eigentlich verworfenen Textes fand sogar den Einzug in das Gebet „Gegrüßet seist du, Maria“, eines der christlichen Grundgebete überhaupt.

               Es geht also darum, ob für die Verkündigung die Stimme, die Maria zur Rückkehr nach Hause bewegte, oder die eigentliche Erscheinung Gabriels, der eine wichtige, allerdings für eine verlobte Jungfrau höchst problematische Nachricht brachte, für die Verkündigung angenommen wird. Da die Worte der Stimme im Text des Apokryphen mit dem Evangelium von Lukas übereinstimmen, wird von Orthodoxen bereits die Stimme als Besuch des Erzengels betrachtet. Die orthodoxe Kirche steht also über der Quelle.

Sie ist ganz lieb, umgeben von Ikonen mit Darstellung der Jungfrau Maria, in ihrem Inneren sind natürlich die Heiligen der orthodoxen Kirche auf den Wänden dargestellt und wenn man Glück hat wie wir, und dort gerade eine Messe gefeiert wird, ist der Gesang, der die orthodoxe Messe begleitet, eine wunderschöne Kulisse zum Kennenlernen dieses heiligen Ortes.     

Zur katholischen Kirche    führt ein relativ langer Weg. Maria musste also mit dem Wasser lange Strecken zurücklegen. Im Gegenteil zur orthodoxen Kirche handelt sich um ein großartiges monumentales Gebäude. Sein Grundstein wurde vom Papst Johann XXIII. im Jahr 1959 auf seiner Pilgerreise ins Heilige Land gelegt, geweiht wurde es fünf Jahre später vom Papst Paul VI.

Bei dieser Gelegenheit kam es zum ökumenischen Treffen und der Versöhnung zwischen dem Papst und dem Patriarch von Jerusalem.  Die Kirche besitzt eine prachtvolle moderne Fassade mit Darstellung der Jungfrau Maria und des Erzengels Gabriels, unter ihnen gibt es Symbole der vier Evangelisten und der vier Elemente. Die Bilder auf der Bronzetür stellen das Leben Christi dar, auf dem Nebeneingang rechts sind Szenen aus dem Alten Testament von Adam und Eva bis zur Opferung des Isaks, die Darstellungen auf der Tür links, durch die man die Kirche betritt, sind dem König David gewidmet. Die Kirche selbst ist modern mit prachtvollen Glasfenstern – ein Geschenk von Oberösterreich – und mit einer Kapelle über die Ruinen eines antiken Hauses, wo auf dem Altar eine Anschrift in Latein steht: „Verbum caro hic factum est“  (An dieser Stelle wurde das Wort zum Fleisch).

Die Kirche wurde nach einer traditionellen romanischen Tradition in zwei Stockwerken gebaut, eine untere und eine obere Kirche, wobei die obere die größere ist. Auf den Wänden der Kirche, aber auch auf der Mauer, die die Kirche umgibt, gibt es Darstellungen der Jungfrau Maria, die verschiedene Länder gestiftet haben.

Das österreichische Bild aus Glas ist sehr interessant, die Slowaken haben ein eigenes Bild, was man versteht, wenn man das Bild findet, das von dem damals noch gemeinsamen Staat Tschechoslowakei gestiftet wurde. Hier gibt es die Anschrift „Maria Regina Bohemie und Moravie“, also die „Königin von Böhmen und Mähren“ – die Slowakei wurde offensichtlich vergessen. Oder wurde das Bild nach der Trennung von Tschechien gespendet und mit einer falschen Aufschrift beschriftet.   

               In unmittelbarer Nähe der Ankündigungskirche steht die Kirche des heiligen Josefs, angeblich steht sie über den Fundamenten seiner Werkstatt – sie wurde im Jahr 1914 von deutschen Architekten über die Reste einer Kreuzfahrerkirche aus dem zwölften Jahrhundert gebaut. Die Reste der Werkstatt findet man in der Krypta tief unter der Erdoberfläche und man findet hier auch ein Taufbecken aus der byzantinischen Zeit – also war es wieder einmal die byzantinische Tradition, die den Ort bestimmte, wo Josef seinem Beruf nachgegangen sein sollte.

               In Nazareth verlassen wir Galiläa und in der Fortsetzung unserer imaginären Pilgerreise übersiedeln wir in zwei Wochen nach Jerusalem und Betlehem, wo das Leben Christi begann und sein Ende fand.