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Die Reise nach Turin


Italienische Impressionen

Ich habe mich entschieden, auf meiner Webseite meine Reiseberichte aus Italien zu publizieren. Sie sind – wie es meinen Interessen entspricht, historisch orientiert, aber es ist ein Gemisch von der Geschichte der Städte, der Sehenswürdigkeiten, Reisetipps und unseren Erlebnissen. Einfach etwas für ein paar entspannten Minuten und vielleicht auch etwas zum Lachen oder zumindest zum Lächeln, ich hoffe, dass jeder in den Artikeln, die in zweiwöchentlichen publiziert werden sollten, etwas findet, was ihm gefallen wird.

Als erste:

Die Reise nach Turin

Als wir uns wieder einmal entschieden hatten, Italien zu besuchen, und zwar seinen nördlichen Teil, den ich bisher nicht kannte, begrüßte ich diesen Plan mit Begeisterung. Damals hatte ich allerdings keine Ahnung, dass das Hauptziel dieser Reise der Kauf eines Hütchens für unsere Enkelin Veronika – oder wie es die Italiener entzückend nennen – „capellino“ war. Ein einfacher Vorwand für diese Reise um „capellino“ war ein Seminar meiner Frau über Lungenkrebs. Ich dachte naiv, dass es der wirklich wahre Grund unserer Reise wäre. Die Wahrheit über „capellino“ erfuhr ich erst vor Ort, als es keinen Weg zurück mehr gab.

Wir reisten mit dem Auto. Ich konnte mich mittlerweile an die Fahrweise der italienischen Autofahrer gewöhnen und ihr Fahrstil wurde daher für mich mehr oder weniger ungefährlich (ehrlich gesagt, eher weniger als mehr). Grundsätzlich gelten hier die gleichen Regeln wie bei uns, nur die Umsetzung ist ein bisschen anders und lockerer. Ich mache keine Dummheiten mehr  wie bei meiner ersten Reise nach Italien im Jahre 1993, als ich – für die einheimischen Fahrer absolut unverständlich – bei Rot an der Ampel angehalten habe, obwohl kein Auto in Sicht war. Es schockiert mich nicht mehr, dass ein Italiener im Stande ist, den ganze Verkehr in einer Stadt lahmzulegen, nur weil er gerade einen guten Bekannten auf dem Gehsteig gesehen hat und mit ihm natürlich ein paar Worte wechseln musste. (Auch der Sinn des Begriffs „ein paar Worte“ hat in Italien eine deutlich andere Bedeutung als bei uns) Noch immer kann es mich aber ein bisschen nervös machen, wenn mich ein Auto von rechts über den Gehsteig überholt, weil nach der Meinung des Fahrers meine fünfzig Stundenkilometer verdammt wenig sind. Einen stillen Protest habe ich im  Tunnel geäußert, in dem die Höchstgeschwindigkeit 70km/Stunde war. Ich fuhr 90 (ich bin nicht lebensmüde um mich bei 70 km/St von hinten anfahren zu lassen) und wurde trotzdem über die Doppelsperrlinie von Italienern überholt und noch dazu in einer – meiner Meinung nach  – ziemlich unübersichtlichen Kurve. Aber das alles gehört zum lokalen Kolorit und es ist gut so.

Turin erreichten wir also problemlos und, nachdem ich meine Frau bei dem Hotel Boston abgesetzt hatte, fuhr ich ein Parkhaus zu suchen. Das war allerdings nicht ganz einfach. Die Beschriftung hat gefehlt und mein GPS hat mich vergeblich informiert, dass ich mein Ziel gerade erreicht hätte, ich sah es einfach nicht. Letztendlich habe ich auf der Straße eingeparkt und bin zu Fuß gegangen, um die Einfahrt in das Parkhaus zu suchen. Ich entdeckte sie, es war aber eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, unterwegs im Auto einfach nicht zu schaffen. So gut war die Parkhauseinfahrt geheim gehalten.

Meine Erwartungen bezüglich der nördlichsten italienischen Metropole waren bescheiden. Turin hat den Ruf einer Industriestadt, ich erwartete also nicht allzuviele historische Denkmäler, also war ich ziemlich skeptisch. Umso angenehmer war die Überraschung, die mir diese Stadt am Fluss Po bereitete. Turin war einmal ein gallisches Ort, der im Jahre 218 vor Christus von Hannibal zerstört wurde, als er in Italien über den St-Bernhardpass eingefallen war und das Glück nicht glauben  konnte, dass er den Übergang überlebt hatte. Turin befindet sich nämlich direkt an einer Kreuzung der zwei wichtigsten Straßen nach Frankreich über Monte Geneva und über die beiden St.Bernard Pässe. Von hier aus konnte man sich  bereits bequem auf dem Fluss Po befördern lassen. Also, strategisch gesehen, hat die Stadt immer eine sehr vorteilhafte Lage gehabt.

Im Jahr 28 vor Christus entstand also gerade hier eine römische Kolonie, die später den Namen Augusta Taurinorum erhielt und es ist interessant, dass der Grundriss der römischen Stadt mit ihren senkrecht gekreuzten Straßen bis heute erhalten geblieben ist. Es blieben auch die Mauerreste aus dieser Zeit mit der erhaltenen Porta Palatina, sowie auch Reste eines römischen Theaters. An der ehemaligen Porta Pretoriana zeigten Italiener ihre übliche Kreativität. Dieses ehemalige römische Tor bauten sie zuerst zu einer mittelalterlichen Festung um – Castello. Später folgte ein Umbau im Stil der Renaissance und weil ihnen das Ergebnis noch immer nicht wirklich gefallen hat, ergänzten sie dieses Hybrid noch mit einer barocken Fassade. Das Ergebnis dieser chaotischen Kreativität ist einfach unglaublich, dieses Gebäude beherrscht den größten Platz von Turin – Piazza di Castello.

Die Menschen von Turin und eigentlich vom gesamten Piemont zeigten sich in der Vergangenheit als sehr erfinderisch. Die Entdeckungen, die in Zusammenhang mit Piemont gebracht werden könnten, begleiten uns in unserem Leben auf jedem Schritt und Tritt – zum  Beispiel entstand hier die Tafel – und später auch die Nussschokolade, der Kaffee Lavazza, Martini, Cinzano, Tic Tac und viele weitere Köstlichkeiten. Natürlich auch Nutella, die darf man nicht vergessen. Um die Stadt Alba gibt es aus diesem Grund riesige Nussplantagen. Piemont ist auch stolz auf seinen guten Wein. Das Flaggschiff ist natürlich der berühmte Barollo, ich persönlich präferiere Barberra, besonders Barberra d´ Alba. Er ist weniger intensiv aber sehr angenehm und auch erschwinglicher. Wir wollten einen Martini direkt auf dem Tatort im Cafe Torino auf Piazza San Carlo kosten, als wir aber erfuhren, dass ein Glas hier acht Euro kostete, genossen wir es in einer anderen Bar für 2 Euro.

Kreativ war auch der Koch im Restaurant Mago Rabin im Corso s´ Mauricio, wohin wir essen gegangen sind. Als er erschien, um uns zu begrüßen, war er gleich suspekt. Er sah wie ein Künstler aus, der seine Inspiration in unerlaubten Mitteln suchte. Am diesen Abend rauchte er wahrscheinlich um ein Joint mehr als üblich.               Wir hatten ein Menü mit vier Gängen bestellt, bekamen aber siebzehn Gänge!!!  Unserer Künstler vermittelte den Ausländern eine Übersicht über die ganze piemontische Küche. Eigentlich keine ganz schlechte Idee und jeder Gang war ein kulinarisches Erlebnis. Das Problem lag darin, dass sich manche Gänge miteinander nicht gut vertrugen und sich für eine kämpferische Konfrontation entschieden. Ohne Rücksicht, dass das Schlachtfeld mein Magen war. In jedem Fall musste ich den ganzen kommenden Tag nichts essen, eigentlich konnte ich überhaupt nicht – weil bereits bei einem  Blick auf das Essen ich mit Übelkeit zu kämpfen hatte.  Damit haben wir eigentlich viel Geld gespart. Piemont ist ein etwas anderes Italien. So anders, dass Napoleon, als er im Jahre 1796 ins Land einmarschierte, die Österreicher vertrieb und aus den italienischen Provinzen eine Cisalpinische Republik gründete, Piemont direkt an Frankreich anschoß. In seinen Augen war die einheimische Bevölkerung Franzosen, die Französisch nicht richtig gelernt hatten (was übrigens auch sein Problem war). Er lag nicht ganz falsch. Diese Tatsache hat besonders mein Magen zu spüren bekommen, weil die Mehrheit der konsumierten Gänge eher zu französischer als zu italienischer Küche gehörte. Torino, wie der italienische Name der Stadt ist, sagt man auf piemontesisch Türin. Herzöge von Savoy, von ihrem Ursprung her Franzosen aus der Region unterhalb des Mont Blanc, die in Piemont seit dem elften Jahrhundert geherrscht hatten und im dreizehnten Jahrhundert dann den örtlichen Bischof in der Verwaltung der Stadt ablösten, verlegten im Jahr 1563 ihre Hauptstadt aus dem französischen Chambéry nach Turin.

Napoleon ist hier noch immer sehr populär. Diese Tatsache habe ich nicht ganz verstanden, er war doch ein Aggressor, Diktator und weiters – ganz einfach, ich mag ihn nicht. Wie ich allerdings im „Museo di Risorgimento“ also im Museum der Vereinigung Italiens erfuhr, wird er für einen Menschen gehalten, der nach Italien die Meinungsfreiheit und die demokratischen Ideen brachte und damit den Prozess der Vereinigung Italiens startete, der seinen Höhepunkt im Jahr 1861 gerade in Turin fand.

Es regnete und regnete. In Turin ist das allerding keine wirkliche Tragödie. Erstens gibt es hier die U-Bahn, wo es ähnlich wie in Kopenhagen keinen Zugsführer gibt und so kann man ganz vorne sitzen und die Gleise zu beobachten. Aber beinahe die ganze Stadt ist mit Arkaden ausgestattet, also kann man im Trockenem bleiben, auch wenn viel Wasser vom Himmel fällt. Natürlich sind dort überall Butiquen und Markengeschäfte, was mich nicht wirklich interessiert hätte, bis ich mich meiner Frau angeschlossen habe und begann – was glauben Sie, aber natürlich –  das „capellino“ suchen. In diesem Moment habe ich endlich realisiert, dass dieser Ausflug problematisch werden könnte.

Ich beschäftigte mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Der königliche Palast und Palazzo Madamme passten nicht mehr in meinen Zeitplan und die berühmte savoyische Rüstungskammer habe ich einfach nicht gefunden, sie ist wahrscheinlich nur für die Einheimische auffindbar und für sie bestimmt, oder man muss einen bezahlten Stadtführer dafür buchen. Das legendäre Leintuch von Turin befindet sich in Duomo di San Giovanni unmittelbar neben dem königlichen Palast.

(Die Ausstellung zu diesem Thema ist aber in einer prächtigen königlichen Barockkapelle San  Lorenzo untergebracht, ebenfalls beim königlichen Palast, aber an der Seite der Piazza di Castello). Ob in ihm wirklich Christus eingewickelt war, ist unter den Wissenschaftlern bis heute umstritten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Leintuch aus der Beute der Kreuzritter des vierten Kreuzzugs stammt, als die Kreuzritter im Jahr 1204 Konstantinopel eroberten und die Blutspuren der Blutgruppe AB entsprechen genau den Verletzungen, die ein Mensch bei der Kreuzigung mit einer Dornkrone auf dem Kopf und einem tödlichen Stich in die Herzgegend erleiden musste. Die Carbonanalyse datiert allerdings das Alter des Leintuches in das dreizehnten Jahrhundert, also handelte sich möglicherweise doch um eine Fälschung. (Die Byzantiner waren in der Fälschung der heiligen Reliquien wahre Meister). Das Tuch befindet sich in der Kirche San Giovanni in einer Seitenkapelle. Es ist eigentlich sehr angenehm, sich hier niederzusetzen und zu erholen, während es draußen regnet und regnet. Der Text, der bei dem Tuch zu lesen ist, löst den Widerspruch auf die salomonische Art – nach dem Text ist das Tuch ein Symbol des Leidens Christi. Also warum nicht? Ich mochte dieses Ort.

Turin besitzt(das behaupten die Italiener selbst, es wäre diese Behauptung unbedingt zu überprüfen) das nach Kairo zweitgrößte ägyptologische Museum der Welt, „Museo egizio“. Warum eine so großartige Ausstellung gerade in Turin ihren Sitz gefunden hat, hat natürlich einen Grund. Ein bestimmter Piemonteser namens Bernardino Drovetti fühlte sich nach der Annexion von Piemont durch Napoleon als echter Franzose und folgte Bonaparte bei seinem Feldzug nach Ägypten. Als dies mit einer Katastrophe geendet hatte, dachte er, doch kein echter Franzose zu sein und blieb als Konsul in Ägypten. Er war für alle, für die Franzosen, für die siegreichen Engländer aber auch für die Ägypter akzeptabel. Gerade Napoleon weckte durch seinen Feldzug Interesse an der Kunst des alten Ägypten, bei seiner Reise wurde er von Wissenschaftlern und Künstlern begleitet, dank seines Feldzuges wurde die Tafel von Rosetta gefunden, die es Jean Francios Champolion ermöglichte, die ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern. Drovetti blieb also in Ägypten und setzte fort, was sein General begonnen hatte – er sammelte Papyri, Statuen, Reliefs, die aus dem ägyptischen Sand auftauchten. Als er dann nach Hause kam, landete seine Sammlung im Louvre. Drovetti fühlte sich aber nicht mehr als echter Franzose und Piemont wurde nach dem Wiener Kongress zum unabhängigen Königsreich von Sardinien. Drovetti wollte nicht für einen französischen Patrioten gehalten werden, der seine Kostbarkeiten uneigennützig  verschenkt. Er hat sich entschieden, seine in Louvre platzierte Sammlung zu verkaufen und der König von Sardinien, Karl Felix, bot einfach mehr als der französische König. Danach konnte man den Transfer der Samsung aus Paris nach Turin im Jahr 1824 nicht mehr verhindern. Die Sammlung ist wirklich sehenswert. Es gibt Papyri in der Größe einer ganzen Mauer, vom Buch der Lebenden, also dem Buch der ägyptischen Medizin, bis zu einem erotischen Papyrus, der bereits vor vier tausend Jahren die Geheimnisse der Liebe erklärte. Es fehlt auch eine „beauty box“ nicht, eine Kosmetiktasche einer Ägypterin aus der Zeit des Neues Reiches. Also Damen (aber auch Herren), es ist viel zu bestaunen.

Das Symbol von Turin ist aber die Mole Antonelianna, ein Gebäude, dessen Turm auf der italienischen Zweizentmünze dargestellt ist. Ursprünglich handelte sich um eine Synagoge, aber noch vor ihrer Fertigstellung übersiedelte die Hauptstadt Italiens zuerst im Jahre 1866 nach Florenz und dann 1870 nach Rom. Deshalb fehlte für die Fertigstellung das Geld. Heute gibt es dort ein Museum der Kinematographie – italienische Filmateliers befinden sich in Turin!

Eine wirklich interessante Ausstellung zeigt die Geschichte der Kinematographie, von der Laterna magica über die ersten beweglichen Bilder und Kurzfilme aus dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis zu modernen Werken. Es gibt sehr viele interessante Dinge, wie zum Beispiel das Korsett von Marilyn Monroe, das ahnen lässt, dass an dem Mädchen wirklich einiges zu betrachten war und John Kennedy genug zum Angreifen hatte.

Im Museum fährt ein im freiem Raum hängender Lift auf die Turmspitze, die Voraussetzung für ihre Nutzung ist allerdings Schwindelfreiheit. Bei schlechtem Wetter, als die Turmspitze in den Wolken ertrank, war die Sicht reich Null. Also verzichtete ich auf diese Attraktion. Italiener können aber ihre Museen wirklich bauen, darüber sollte ich mich einen Tag später überzeugen.

Im Jahr 1899 gründeten acht lokale Unternehmer, unter ihnen auch Giovanni Angelli, in einem Vorort von Turin namens Lingoto „Fabrica italiana l´automobile di Torino“. So entstand der berühmte FIAT, heutzutage einer der größten Autokonzerne der Welt. (Auf deutsch wird der Name als „Fehlerhaft in allen Teilen“ interpretiert, die Amerikaner nennen ihn wieder „Fix it alone, Toni“) Allerdings besteht Fiat in der Konkurrenz der Weltmarken bis heute ganz gut und das in der Zeit, in der alle anderen italienischen Marken (Lancia, auch aus Turin, Alfa Romeo, Lamborgini usw.) seit langer Zeit ausländischen Firmen gehören. In der gigantischen Produktionshalle in Lingotto ist heute eine Kongresshalle, in der das Seminar stattgefunden hat, das meine Frau besuchte, ein Geschäft der Nahrungsmittel „Slow food“ (das ist auch eine piemontesische Erfindung als Antwort der Gourmanen auf Fast food Ketten), ein Hotel, eine Galerie usw. usw. – Die Italiener reißen nämlich sehr ungern etwas, was bereits steht, nieder.

Unweit von der ehemaligen Halle gibt es dann das „Museo nacionale de automobili“, also das nationale Automobilmuseum. Ich bin zwar kein unkritischer Fan der Autoindustrie und das Auto ist für mich in erster Linie ein Mittel zum Transfer vom Punkt A zum Punkt B, aber dieses Museum  hat alle meine Erwartungen hoch übertroffen. Nicht nur, dass sich hier eine Ausstellung der Modelle aus dem Ende des neunzehnten Jahrhundert, aber auch das Auto Italia befindet, mit dem im Jahr 1912 eine Reise nach Shanghai unternommen wurde. Also in der Zeit, in der es dort noch keine Tankstellen gab, weil in vielen Ländern, die die Reisenden überqueren mussten, die Einheimischen von einem Auto noch nie gehört hatten.

Es wird auch die Entwicklung der Autos in den Zwanzigerjahren zu den ersten Luxusmodellen der Dreißigerjahre.  Gezeigte Filme erklären den Unterschied der Produktionphilosophie nach dem zweiten Weltkrieg in Amerika und in Europa und deren spätere Annäherung, stellen unterschiedlichste Kuriositäten dar, die sich letztendlich nicht durchgesetzt haben. Natürlich darf auch eine Ausstellung der Rennautos beginnend mit dem Jahr 1914 bis zu den heutigen Boliden der Formel eins nicht fehlen. Selbstverständlich findet man hier den legendären Fiat 500 und 600 und eine Menge Ferrari. Außerdem ist hier die Entwicklung der Motoren seit dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts dargestellt, (Inklusiv z.B. Modell Laurint und Klement aus dem Jahr 1909) und die Entwicklung der Reifen vom Holzrad bis zu den heutigen Reifen der Formel I. Ich hatte wirklich ein Problem, das Museum nach vierstündigem Besuch zu verlassen, jemand, der ein echter Autofan ist, sollte wahrscheinlich einen Schlafsack mitnehmen, um irgendwo geheim zu übernachten.

Also Museen können die Italiener wirklich errichten. Turin war ein Erlebnis, das ich sicher und mit gutem Gewissen empfehlen kann.

Ach so, wie ist es mit dem „capellino“, als dem Hauptgrund unseres Besuches, ausgegangen? Wir besuchten in Turin eine Menge Geschäfte und ein Kaufhaus. Der Verlauf war immer gleich. Zuerst eine riesige Begeisterung über das vielfältiges Angebot mit einer Behauptung, hier werden wir sicher etwas finden und kaufen. Taktisch war dieses Versprechen richtig, dank dessen habe ich nicht gleich die Flucht ergriffen. Dann aber hatte ein Hütchen keine Schnur unter dem Kinn, das nächste hatte zwar eine, die war aber zu lang. Das nächste hatte die richtige Schnur, war aber viel zu teuer und das mit den Figuren von Disney kauften wir natürlich auch nicht. Letztendlich beschloss meine Frau, dass man in Turin ein Hütchen nicht kaufen kůnne, weil das Weltzentrum der Mode doch Mailand sei. Dort wird es sicher eine viel bessere Auswahl geben. Und so reisten wir weiter nach Mailand. Aber darüber wieder andersmal.

 

 

Die Weihnachtskrippe – woher kommt sie


In der Adventzeit sehen wir sie überall – ob auf dem Weihnachtsmarkt, in den Kirchen oder zu Hause unter dem Christbaum – die Krippe ist ein nicht mehr wegzudenkender Teil von Weihnachten geworden, ohne Ochse und Esel können wir uns Weihnachten kaum vorstellen.

Woher stammt aber diese Überlieferung der Geburt Christi ? Woher kommen die Krippe und die zwei Haustiere, die das Christkind mit eigenem Atem wärmen sollten?

Die Vermutung liegt nahe, dass diese Szene in der Bibel näher beschrieben ist, denn woher sonst könnte sie kommen. Begeben wir uns also auf die Suche nach dieser Geschichte.

Die wichtigste Quelle für die Weihnachttradition sollten natürlich die Evangelien sein. Nur das, was dort geschrieben ist, ist von der Kirche als Wahrheit anerkannt. Allerdings erleben wir beim Studium der Evangelien eine kleine Enttäuschung.

Markus und Johannes beschäftigen sich mit der Geburt Christi gar nicht. Es geht ihnen um die Mission, die mit der Taufe von Johann dem Täufer beginnt, die Geburt des Erlösers ist für sie hingegen nicht interessant. Interessant ist, dass es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um die historische gesehen ältesten Evangelien handelt. Das Evangelium nach Markus stammt wahrscheinlich wirklich aus dem ersten Jahrhundert und wird offensichtlich zu Recht dem Sekretär des heiligen Petrus zugeschrieben (deshalb wird es manchmal als Petrusevangelium bezeichnet).

Das Evangelium nach Johannes entstand rund um Jahrhundertwende des ersten und zweiten Jahrhunderts, es handelt sich aber um ein so genanntes nicht synoptisches Evangelium, dass den anderen in vielen Dingen widerspricht. Es ist  poetisch das beste der Evangelien und hat die Aufgabe die Gottheit von Christus zu beweisen, die Geschichte der Geburt des Erlösers wird aber ebenso nicht erwähnt.

Das Evangelium nach Matthäus wird traditionell für die älteste gehalten und deshalb im Neuen Testament auf der ersten Stelle gereiht – es wurde (irrtümlich) dem Apostel Matthäus zugeschrieben, da dieser der einzige Apostel war, der lesen und scheiben konnte. Diese Theorie wurde bereits verlässlich widerlegt, das Evangelium nach Matthäus übernimmt mehr als 600 Versen aus dem Markusevangelium, ist also wesentlich jünger. Hier werden das erste die Umständen der Geburt Christi erwähnt.

So heißt es:

„Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war, dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter, da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.“

Vor einer Krippe hören wir also nichts, lediglich von einem „Haus“.

Wir müssen also weiter nach Esel, Ochse, Krippe suchen. Der letzte Evangelist ist „Kollege“ Lukas (ich nenne ihn deshalb „Kollege“, weil er wie ich Arzt von Beruf aber auch Schriftsteller abenteuerlicher Romane war, also kann er mir hoffentlich die Bezeichnung verzeihen). Und jetzt kommen wir schon wirklich weiter – Lukas ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Er schreibt:

„Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in die Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“

Und der Engel teilt auf der gleichen Stelle der Hirten: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“

Mit Lukas sind wir also doch ein bisschen weiter gekommen, die Krippe hätten wir schon, was hat  es aber mit dem Ochsen und Esel auf sich, die bei einer Weihnachtskrippe doch nicht fehlen dürfen.

Die Antwort findet sich in sogenannten Apokryphen – also Evangelien, die bei der Selektion der kirchlichen Texte ausgeschlossen wurden. Es gab sehr viele davon, sogar ein Evangelium nach Judas. Und in einem der bekanntesten so genanntem Pseudo-Matthäusevangelium finden wir, wonach wir suchen:

„Am dritten Tage nach der Geburt unseren Herrn Jesus Christus trat die seligste Maria aus der Höhle, ging in einen Stall hinein und legte ihren Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an. Da erfüllte sich, was durch den Propheten Jesaja verkündet ist, der sagt: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.“ So beteten sogar die Tiere, Ochs und Esel, ihn ständig an, während sie ihn zwischen sich hatten. Da erfüllte sich, was durch den Propheten Habakuk verkündet ist, der sagt: „Zwischen zwei Tieren wirst du erkannt.“

               Die Entstehung diesen Legenden fand im 8-9. Jahrhundert statt, obwohl diese so genannte „Kinderlegenden“ bereits viel früher erzählt worden sind. Die Kirche hat sie nie gern gesehen, Hieronymus hat diese ganze Literatur abgelehnt, die Päpste Damasus, Inozenz I oder Gelasius verurteilten sie sogar. Das Kirchenvolk hielt aber an diesen Erzählungen fest und so ist dieses Sammelwerk (geschrieben in Latein – alle Evangelien sind in griechischer Sprache) entstanden. Trotz Ablehnung der offiziellen kirchlichen Stellen haben diese Geschichten einen festen Platz in der weihnachtlichen Tradition gefunden und großen Einfluss auf Kunst und Kultur gehabt. Dank dieser Geschichte haben wir unsere schöne Krippe mit Ochs und Esel, die unsere Kinder so lieben.

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Zips – eine geschichtereiche slowakische Region


Wenn sie an einem Ort leben, nehmen Sie Ihre Umgebung irgendwie als selbstverständlich wahr, ohne sich mit Details zu beschäftigen. Wenn Sie die Zips als ein Tourist besuchen, zieht die Hohe Tatra Ihre volle Aufmerksamkeit auf sich. Vielleicht kann Sie das Gebiet „Slowakisches Paradies“ mit seinen schönen Wanderungen auch ansprechen, üblicher ist hier allerdings das wandern im Hochgebirge. Was fast Schade ist – die Zips hat nämlich eine sehr reiche und bewegte Geschichte, die in der Region viele Denkmäler hinterlassen hat. Was man also tun kann, wenn das Wetter schlecht ist und man in die Tatra nur mit Regenschutz aufbrechen kann?

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Ich versuche, euch durch die Zips und ihre Schönheiten zu begleiten.
Die Geschichte der Region unter der Hohen Tatra wurde entschieden von dem Mongoleneinfall im Jahr 1240 beeinflusst. Die Folge war nämlich beinahe eine Ausrottung der slawischen Bevölkerung, nur ein kleiner Teil konnte sich auf dem „Kamen zachrany“ also „Stein der Rettung“ im Slowakischem Paradies retten, wo die Mongolen mit ihren Pferden nicht hingekommen sind. Der ungarische König Bela IV. von den ungarischen Historiker „Der Erneuer“ genannt, hat sich entschlossen, das Problem nach dem Abzug des asiatischen Wandervolkes durch eine Einladung deutscher Siedler zu lösen. Er hatte in Niedersachsen Erfolg. Die Sachsen kamen und gründeten in der Region unter Tatra insgesamt 24 Städte. Hauptstadt dieser Zipser „Zupa“ wurde dank ihrer Lage die Stadt Levoca (Leutschau).
Im Jahr 1410 passierten Dinge, die für Zips von entscheidender Bedeutung waren, obwohl sie sich weit entfernt von der Region abgespielt haben. Im Norden brach ein Krieg zwischen Polen und dem Deutschen Ritterorden aus und im Süden verkaufte der König von Neapel Ladislav dalmatische Städte an Venedig. Ladislav war ein ungarischer Gegenkönig gegen Sigismund von Luxemburg und wenn er seine Ländereien, die ihm einmal Treue geschworen hatten, nicht mehr halten konnte, verkaufte er sie einfach. Und Venedig, strebend nach Vorherrschaft in Adria, hatte natürlich eminentes Interesse.
Der ungarische König Sigismund befand sich in einer unangenehmen Situation. Erstens hat er sich gerade (nicht rechtemäßig) gegen seinen Cousin Jodok (Jost) zum deutschen König wählen lassen und deshalb musste er den Deutschen Orden unterstützen, zweitens verlor er wirtschaftlich extrem wichtige Häfen an der Adria. Wohin also zuerst? Zu seinem Glück verloren die Deutschen Ritter ihren Krieg in der Schlacht bei Tannenberg bereits am 15. Juli 1410, also früher als Sigismund zu ihrer Unterstützung überhaupt irgendetwas unternehmen konnte. Die Folge der Kriegserklärung war nur die Verwüstung Nordslowakei durch das polnische Heer. Sigismund entschloss sich, mit seinem Schwager, dem polnischen König Wladislav Jagello Frieden zu schließen. (Einmal waren sie beide mit ungarischen Prinzessinnen verheiratet, Sigismund mit Maria, Wladislaw mit Hedwig.) Die Könige trafen sich in Stara Lubovna wo ein Waffenstillstand vereinbart wurde. Wladislaw bekam von dem Ritterorden in Rahmen der Kontributionen 100 000 Schock Groschen. Sigismund hat das Geld dringend gebraucht (das war bei ihm ein Dauerzustand, er war in den finanziellen Dingen seinem Großvater Johann von Luxemburg sehr ähnlich) Er bereitete sich nämlich für den Krieg gegen Venedig vor, um verlorene dalmatische Häfen zurückzuerobern. Der König Wladislaw versprach ihm 37 000 Schock Groschen (8 Tonnen Silbermünzen!), wollte aber für das Geld Haftungen. Weil sie gerade in Stara Lubovna saßen, vereinbarten sie, dass ihm Sigismund Städte und Dörfer in der Region Zips verpachten würde. Zum Schluss waren das 16 Städte und 16 Dörfer. (Im Detail waren es Lubica, Matejovce, Deutchendorf, Spiska Sobota–(Zipser Samstag), Straze, Velka, Ruskinovce, Spisska Bela, Spiska Nova Ves – Zipserneudorf, Spiske Podhradie, Spiske Vlachy, Tvarozna,Vrbov, Stara Lubovna, Hniezdne und Podolinec) Die Städte und Dörfer sollten an Ungarn nach Rückzahlung des Geldes zurückgegeben werden. Sigismund hat aber den Krieg gegen Venedig verloren (oder nicht gewonnen, wie ungarische und tschechische Historiker schreiben, jedenfalls war er nicht im Stande das Geld zurückzuzahlen.)

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So entstand eine kuriose Situation. Mitte im ungarischen Königsreich gab es eine dem polnischen König untergebene Enklave, mit deutschen Bevölkerung, umkreist mit slawischem Hinterland. In den übrigen Zipser Städten wie Levoca( Letschau) oder Kezmarok (Kesmarkt) blieb weiterhin ungarische Verwaltung und in der Zips siedelte sich auch eine große jüdische Gemeinschaft ein. Dieser Zustand dauerte bis 1772, wann Maria Theresia im Rahmen der ersten Teilung Polen, auf der sie ursprünglich keine Interesse hatte, die Städte, die jedem ungarischen König Dorn in Auge waren, in das ungarische Königsreich wieder eingegliedert hatte.

So entstand in dieser Region eine einzigartige Mischung der Völker, deren Spuren bis heute in der Region spürbar sind. In der Zeit des Slowakischen Staates (1939 – 1945) wurde zwar die jüdische Gemeinschaft ausgerottet und die Deutschen wurde im Jahre 1946 vertrieben (in ihre Häuser wurden dann Roma einquartiert) , die multikulturellen Wurzel sind aber immer noch spürbar da.
Beginnen wir unseren Ausflug in dem bekanntesten Stadt in der Zips– Levoca( Leutschau). Seit dem Jahr 1271 war sie die Hauptstadt der Zipser Region – obwohl sie um diese Stellung jahrhundertelang mit Kezmarok (Kesmarkt) ringen musste. Levoca ist wirklich eines Besuches wert. Prächtige Bauten in Still der Renaissanceschmücken den ganzen Hauptplatz – im 16. Jahrhundert erlebte die Stadt nämlich den größten wirtschaftlichen Aufschwung. Die Blütezeit wurde durch Bau der Eisenbahn beendet, die 11 Kilometer südlicher durch Zipserneudorf (Spiska Nova Ves) geführt wurde. Letschau hat sogar zwei Kirchen im Rang einer „Basilika Minor“. Für die, die nicht wissen, was dieser Titel bedeutet, erinnere ich, dass den Titel Basilika maior, also „ die Große“ nur die vier wichtigsten Pilgerkirchen in Rom und zwei in Assisi tragen dürfen. Gleich unter ihnen stehen dann Basilikas minor, also die Kirchen des zweithöchsten Ranges. Dass sich gleich zwei in einer Stadt befinden, ist eine Ausnahme und Ehre. In Levoca ist es erstens die Kirche auf dem Marienberg – einem Pilgerberg über Levoca, der eine wunderschöne Aussicht über die ganze Landschaft bietet.

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Man erreicht diese entweder zu Fuß auf dem Pilgerweg oder auch bequem mit dem Auto. Im Jahre 1949 wollten die regierenden Kommunisten die Pilgerfahrt auf den Marienberg verbieten und verhafteten den örtlichen Priester. Das hatte massive Proteste in der Bevölkerung zur Folge die als der Aufstand von Levoca in die Geschichtsbücher kam. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und viele Menschen wurden zu bis zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. In dem Vorraum der Kirche auf dem Hauptplatz befindet sich eine Gedenktafel zur Erinnerung an diese Gegner des kommunistischen Regimes. Die Pilgerfahrten finden auch heute statt, im Jahr 1995 hielt Papst Johannes Paul II. hier eine Messe ab.
Die zweite Basilika Minor ist die Kirche in der Stadtmitte, berühmt durch Schnitzereien von Meister Paul von Leutschau, der hier in den Jahren 1508 – 1510 seinen legendären Altar hergestellt hat. Auch wenn er als ein Juwel der Spätgotik gilt, ich kann mich nicht davon abhalten ihn als Renaissancealtar zu bezeichnen. Die Darstellung des letzten Abendmals, wo sich die Apostel unter sich unterhalten und nur Petrus und Judas Jesus zuhören wobei einer der Apostel sogar schläft, ist ein lebendiges Bild, das mit dem religiösen Leben der Gotik nicht viel gemeinsam hat. Auch der Gesichtsausdruck des heiligen Jakob auf dem Altar hat nicht die Starre der Figuren auf den gotischen Altären. Nicht umsonst ist das Werk des Meisters Paul das Hauptziel der Touristen, die sich entscheiden Levoca zu besuchen.
Levoca kann sich aber auch mit weiteren historischen Persönlichkeiten oder Geschehnissen rühmen. Im Jahre 1844 kamen hierher Studenten aus Bratislava, die das evangelische Lyzeum in damaligem Preßburg aus Protest gegen Ausschluss des slowakischen Nationalhelden (und Gründer der modernen slowakischen Sprache) Ludovit Stur aus dem pädagogischem Corpus verlassen haben. Das ist der Beweis für ein sehr hohes Ausbildungsniveau in der damaligen Zeit in Levoca. (Übrigens in dem preßburger Lyzeum stimmten die deutschen Professoren gegen den Ausschluss von Stur, seine slowakischen Kollegen stimmten aber gemeinsam mit den Ungarn dafür). An dieses Ereigniserinnert eine Gedenktafel auf dem Haus des damaligen Lyzeums im rechten unteren Ecke des Hauptplatzes. Ein paar Schritte weiter befindet sich ein imposantes Gebäude des neuen Gymnasiums im Jugendstill.
Ein berühmter Mann, der in Levoca geboren wurde, wurde bereits beinahe vergessen. Johann Thurzo kam am 30. April 1437 in Levoca zur Welt (sechs Jahre nachdem die Stadt von Hussiten niedergebrannt worden ist) Er interessierte sich sehr intensiv für Bergbau, der sich in Ungarn aufgrund von Überflutungen der Bergwerke in einer schweren Krise befand. Er erfand eine Methode der Entwässerung der Stollen. Einer der reichsten Männer der damaligen Zeit- Jakob Fugger aus Augsburg – wurde auf sein Geschick aufmerksam. Er hatte die slowakischen Silbermienen bereits seit längerer Zeit im Auge (bis zur Entdeckung Amerikas war die Slowakei der Hauptproduzent europäischen Goldes). Weil infolge der ungarischen Gesätze kein Ausländer Bergwerke besitzen durfte, nutzte Fugger Thurzo als Strohmann. Im Jahre 1495 schlossen sie einen Vertrag, in dem Fugger in den ungarischen Bergbau investierte und dafür den Hauptteil des Gewinnes kassierte. Thurzos Anteil war aber auch nicht gerade klein. So wurde er einer der reichsten Menschen in Ungarn. Sein Sohn Johann wurde zum Erzbischof in Breslau, der zweite Sohn Georg, verheiratet mit Anna, der Nichte von Fugger, wurde Bürgermeister von Krakau und der dritte Sohn Stanislav wurde Bischof von Olomouc. Sein Urneffe Georg III. wurde am Anfang des 17.Jahrhunderts sogar zum Palatin, also dem Vertreter des Königs in Ungarn.
Wenn sie nach Levoca kommen, empfehle ich das wunderschöne Hotel Arkada in einem alten Bürgerpalast auf dem Hauptplatz zu besuchen. Gutes Essen gibt es im Restaurant „Zu den drei Aposteln“. Die habe ich als Petrus, Johannes und natürlich Jakob den Älteren, den Patron von Levoca, identifiziert. Durch Levoca führt demzufolge auch der Jakobsweg nach Santiago de Compostella.

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Nicht weit von Levoca in Richtung Osten steht die Zipser Burg, eine riesige Wehranlage, eines Besuches auf jeden Fall wert und unter ihr befindet sich Spiska Kapitula. Dieses Städtchen, immer noch in den mittelalterlichen Mauern eingeschlossen, ist der Sitz des Bischofs von Zips. Die Kirche des heiligen Martins ist eine gotische Kathedrale, gebaut auf den Fundamenten einer von Mongolen vernichteten romanischen Basilika. In ihr befindet sich die Grabstätte der Familie Zapolya, die jahrhundertelang die Geschichte von Ungarn mitgestaltet haben. Johann Zapolya soll seinen König Ludwig Jagello im Jahr 1526 bei Mohacz in Stich gelassen haben um selbst zum ungarischen König zu werden. Er wurde wirklich in Stuhlweißenburg am 11.11.1526 (also am Tag des heiligen Martins zu dem die Familie Zapolya ein sehr enges Verhältnis pflegte) gekrönt. Nach langen Kämpfen mit Ferdinand I. von Habsburg musste sich Zapolya letztendlich nach Siebenbürgen zurückziehen, hier war er ein Herzog unter türkischem Schutz. Er selbst ist in der Krypta in Spiska Kapitula nicht begraben. In der Kirche befindet sich Büste des umstrittenen Bischofs Jan Vojtassak. Er war der Bischof der Zipser Provinz in Jahren 1921 – 1950. In der selbständigen faschistischen Slowakei war er Mitglied des Staatsrates, also der oberen Kammer des slowakischen Parlaments. Im Jahr 1944 gelang zwei Häftlingen aus dem Vernichtungslager in Auschwitz die Flucht. Sie flohen nach Spiska Kapitula zum Bischof Vojtassak. Er gewährte ihnen den Schutz und reiste nach Bratislava um den Präsidenten Tiso (auch ein Priester) zu überzeigen, dass Judentransporte aus der Slowakei sofort eingestellt werden müssten. Er hatte mit dieser Intervention aber keinen Erfolg. Nach dem Krieg war er ein entschiedener Widersacher des neuen kommunistischen Regimes. Im Jahr 1950 wurde er verhaftet und in einem inszenierten Prozess mit drei slowakischen Bischöfen wegen Hochverrats zur lebenslangen Haft verurteilt. Er starb im Jahr 1963 im Alter von 84 Jahren. Johannes Paul II. wollte Jan Vojtassak selig sprechen lassen, dieser Prozess wurde aber im Jahre 2003 wegen Protesten aus jüdischer Gemeinde eingestellt.
Interessant obwohl ein bisschen skurril ist die heilige Reliquie, die in der Kirche aufbewahrt wird, nämlich ein Tropfen Blut von Johann Paul II. Ich nehme an, dass die Kirche zu diesem Blut in Rahmen des Besuches des Heiligen Vaters in der Slowakei im Jahre 1995 kam (welche gesundheitliche Untersuchung wurde bei ihm gemacht?) und dann gewartet, bis Johann Paul II. heilig gesprochen wir, was zu erwarten war.
Die zweite wichtige Stadt in Zips, die unter der ungarischen Verwaltung blieb, war Kezmarok (Kesmarkt). Bei der Anreise in die Stadt können Sie die riesige Kirche nicht übersehen. Es handelt sich um die „Neue evangelische Kirche“. Es ist möglich, sie gemeinsam mit berühmtem Lyzeum mit der größten historischen Bibliothek in Mitteleuropa mit 150 000 Bänden und der alten Artikulärkirche zu besuchen. Die Artikulärkirche wurde aus Holz ohne Verwendung auch nur eines einzigen Nagels gebaut (so hat es Artikel 25 in der Zeit der religiösen Unfreiheit befohlen, und daher kommt der Name der Kirche).

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Die Kirche wurde im Jahr 1687 gebaut und im Jahre 1717 umgebaut. In dieses unauffällige Gebäude passen 1500 Gläubige hinein. Gleich in der Nähe wurde Ende 19.Jahrhundert die neue evangelische Kirsche in eklektischem Still gebaut, also mit Artefakten aus Orient (jüdisch, moslemisch), das Gebäude in diesem Still musste streng symmetrisch gebaut werden, deshalb diese Kirche zum Beispiel zwei Kanzeln hat. Diese Symmetrie wurde aufgelöst, als hier am 30. Oktober 1906 ein berühmter Landsmann von Kezmarok begraben wurde. Imrich Thököly war der Anführer eines Aufstandes gegen die habsburgische Herrschaft, er starb im Jahr 1705 im türkischen Asyl in der Stadt Izmid. Im Jahr 1906 kaufte die ungarische Regierung von der Türkei die Leichname der ungarischen Nationalhelden Franz Rakoczy und Imrich Thököly und ließ sie nach Ungarn überführen. Rakoczy wurde am 29. Okober 1906 in der Kirche der Heiligen Elisabeth in Kassau (Kosice) begraben (er stammte aus der Ostslowakei) und Thököly einen Tag später in Kezmarok. Sein Grab wurde zu einem Pilgerort für die Ungarn, sein Sarkophag ist mit ungarischen Trikoloren, Kränzen und Fahnen bedeckt. Im Grab befinden sich ein Sarkophag mit seinen Überresten, aber auch der Grabstein aus Izmid und die Standarte seines Heeres.

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Das Lyzeum von Kezmarok wurde dadurch berühmt, dass hier der slowakische Nationaldichter Pavol Orsagh Hviezdoslav in den Jahren 1865 – 1879 studiert hat. Hier hat er seine dichterische Karriere begonnen. In der Quinta begann er auf Ungarisch zu dichten, wobei sein großes Vorbild der ungarische Nationaldichter Sandor Petöfi war. Danach wechselte er ins Deutsch, da diese Sprache im Lyzeum die Hauptunterrichtsprache war (deshalb wurde er damals „der junge Goethe“ genannt). Aber bereits im Jahr 1868, also noch während seines Studiums in Kezmarok publizierte er das erste Gedichtebuch auf Slowakisch.
Hviezdoslav begegnen Sie in Kezmarok überall – er verdiente sich nämlich sein Geld für das Studium durch Unterricht nicht übermäßig talentierter Kinder der örtlichen Unternehmerfamilien. Hviezdoslav ist ein Hotel auf dem Hauptplatz gewidmet, ein wirklich prächtiges Hotel mit sehr guten Küche und einer schönen und perfekt deutsch sprechenden Bedienung. Deutsch in nämlich in der Hotelschule in Kerzmarok die zweite Wahlsprache und sogar ein Maturagegenstand.
Ein bisschen außerhalb des Hauptplatzes steht die katholische Kirche – Basilika des heiligen Kreuzes, ebenso im Jahre 1998 von Papst Johannes Paul II. in den Rang der Basilika minor erhoben. Die ursprüngliche Kirche wurde durch Einfall der Hussiten und ein Erdbeben im Jahr 1433 vernichtet, deshalb hat man mit dem Bau einer neuen gotischen Kathedrale – der Bau dauerte bis zum Jahr 1498. Die Statue von Jesus auf dem Hauptaltar ist ein Werk von Meister Paul von Levoca. In der Kirche befinden sich mehrere prächtige gotische Flügelaltäre, die Kirche ist sicher besuchswert, allerdings nur bis 14 Uhr offen.
Die größte Stadt in der Region ist Poprad. Die Stadt wurde nach dem Fluss benannt, der durch die Ortschaft fließt. (Der einzige Fluß in der Slowakei, der nach Norden in den Ostsee fließt) Sie entstand durch Zusammenschluss von 5 ehemaliger Zipser Städte – Deutschendorf (heutiges Stadtzentrum) Velka, Spisska Sobota, Stráže und Matejovce. Deshalb sind auf den öffentlichen Bussen Wappen aller fünf Städte dargestellt, das Wappen der Stadt Poprad mit zwei Pfeilen vor der Silhouette der Hoher Tatra ist nämlich neu – nach langwierigen Streitereien wurde diese Fassung Ende neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts abgesegnet.
Der Hauptplatz von Poprad mit zwei Kirchen (katholisch und evangelisch) ist schön, noch schöner ist aber der Ortsteil Spiska Sobota mit typischer Zipser Architektur. Typisch für katholische Kirchen in der Region ist frei neben der Kirche stehender Glockenturm – so ist das in Kezmarok, Poprad, Spiska Sobota aber auch in anderen Städtchen und Dörfern. Der Wappen von Spisska Sobota ist heraldisch sehr wertvoll, es ist nämlich die einzige Darstellung des heiligen Georgs – des Patrons von Spisska Sobota – in der er ohne Pferd gegen den Drachen kämpft. Wenn Sie Spisska Sobota besuchen, empfehle ich das Restaurant Fortuna. Gehobene Küche, etwas teurer als in der Slowakei üblich aber noch immer erschwinglich und mit perfekter Bedienung.
Auf dem Hauptplatz von Popradsteht die kleine Brauerei „Tatras“. Sehr gute Bedienung, gutes Essen und jeder Raum mit anderem Dekor – im ersten Raum –Pivobanka – sind das Münzen und Banknoten aus der ungarischen Zeit bis zu Euro, der in der Slowakei 2009 eingeführt wurde. Auf den Wänden gibt es viele Zitate bezüglich Geld von berühmten Persönlichkeiten, eines von Oscar Wilde erlaube ich mir zu zitieren: „Die Jungen glauben, das Geld ist das wichtigste in der Welt. Wenn sie älter werden, wissen sie das.“ Im Raum „Likerka“ sind Plastiken mit allen berühmten Likören und Schnäpsen slowakischer Herkunft, ein anderer Raum ist mit Kopien von Gemälden berühmter Maler wie Rembrandt oder Van Gogh geschmückt. Einfach ein Erlebnis, inklusive schöner und lieber Mädchen als Bedienung.
Wenn Sie noch weiter nach Norden fahren möchten, ist hier Zamagurie mit dem Stift „Červený kláštor“ eine Reise wert. Auf dem Fluss Dunajec kann man eine Fahrt auf Flößen genießen. Liebhaber der Bergtouristik können hier die „Tri korony“ also Drei Kronen auf der polnischen Seite des Flusses besteigen. Interessant ist auch die Burg in Stara Lubovna, ehemaliges Verwaltungszentrum der „polnischen Zips“. Die Burg hat einen Bezug zu der spanischen Königsfamilie Bourbon. Die Herren der ungarischen adeligen Familie Zamoysky, der große Ländereien in dieser Region gehörten, haben sogar zweimal eine Prinzessin aus der spanischen Königsfamilie geheiratet. Die Gräfin Isabela Alfonsa (1904 – 1984) liebte dann Stara Lubovna über alles. Zu Erinnerung an sie gibt es unter der Burg ein Restaurant „Zur Gräfin Isabella“.
Nicht weit von hier ist die Bergruine Plavec, wo sich Peter Aksamit von Kosovo, der Hauptmann der slowakischen Hussiten (genannt Bratrici) niedergelassen hat, auch in dem nahem Ort Haligovce gab es einen Militärlager der Bratrici und es gibt hier eine Höhle Aksamitka als Erinnerung an das Wirken der Hussitennachfolger in dieser Region. Unmittelbar vor Stara Lubovna gibt es das Städtchen Hniezdne mit der größten Destillerie in der Slowakei mit einem poetischen auch wenn auch kitschigen Namen – Nestwille (Hniezdo bedeutet auf Slowakisch ein Nest). Eine Führung durch die Destillerie mit anschließender Verkostung ist wirklich ein Erlebnis. Mein Besuch hier war unvergesslich, zu unserer Gruppe ist nämlich auch ein Betriebsausflug aus dem Laufhaus in Stara Lubovna dazugestoßen.
Erholung einer anderen Art sucht, bietet ein 18-Loch Golfplatz in Velka Lomnica, in Poprad dann die Therme AquaCity. Die Preise von 34 Euro für den ganzen Tag und 29 Euro für 3 Stunden sind aber alles andere als ein Schnäppchen. Es ist günstiger die Therme in naheliegendem Vrbov zu besuchen, hier kostet die Ganztageskarte 12 und die 2,5 Stundenkarte 8 Euro.
Sollten Sie jetzt Lust auf einen Besuch dieser Region bekommen haben, dann genießen Sie den Aufenthalt. Zips ist wirklich nicht nur Hohe Tatra.

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Railjet – Der Zug nach Tschechien – wo kauft man die Karten


Aufgrund meiner eigenen Erfahrung möchte ich für alle, die mit Zug nach Tschechien fahren wollen, einen kleinen Tip geben.

Der Railjet zwischen Prag und Graz ist eine hervorragende Verbindung, fährt jede 2 Stunden und ist schnell.

Wenn man aber die Karte im Internet kaufen will, sollte die web Seite der ÖBB eher meiden. Sie ist sehr kompliziert gestaltet und nach meiner persönlichen Erfahrung auch unverlässlich. Ich wollte eine Karte für 18 September kaufen, es wurde mir aber eine für 19.September ausgestellt ohne  Möglichkeit einer Stornierung. (Dass ich mich verklickt hätte, finde ich sehr unwahrscheinlich – 18. ist nämlich ein Sonntag und 19. ein Montag und damit in dem Wochenplan sehr weit entfernt). Es wurde mir von dem kundenservice ÖBB geraten, den Warenkorb genau zu kontrollieren bevor man den Kauf bestätigt, um solche Zwischenfälle zu vermeiden.

Es gibt aber eine einfachere und günstigere Lösung. Die webseite www.ceskedrahy.cz ist nämlich viel einfacher und kundenfreundlicher. Eine deutsche Version steht zu Verfügung, es reicht auf den Button “Übersetzen” zu klicken.

Vorteile:

  1. Die Preise sind günstiger, die Zahlung mit einer Kreditkarte möglich, also kein Problem bei Zahlung, obwohl Tschechien nicht zu Euro-Raum gehört
  2. Platzkarte wird hier kostenlos angeboten und ist in dem Ticken inkludiert (bei ÖBB muss man sie extra gegen Gebühr bestellen und als zweiten Ticken ausdrucken)
  3. Die Seit ist viel übersichtlicher und einfach zu bedienen

Also, wenn Sie kein Computergenie sind der solche Herausforderungen liebt, und Sie sparen gern das Geld, kaufen Sie die Karten lieber auf www.ceskedrahy.cz.

Ich zumindest würde die Seite www-oebb.at nie mehr besuchen.

Wie man Kongressteilnehmer beim Kongress halten kann


Natürlich wäre es möglich, die Attraktivität der Vorträge zu erhöhen. Seien wir aber nicht naiv, gegen solchen Verführungen sind die Ärzte seit langer Zeit immun, besonders, wenn die Kongressstadt Rom heißt. Also müssen die Organisatoren zu anderen, viel raffinierteren Mitteln greifen. Die Italiener und besonders die Römer haben in solcher Raffinessen eine tausend Jahre alte Tradition. Erlauben Sie mir eine kurze Zusammenfassung aller dieser Methoden, wie ich sie selbst in Rom beim ESC Kongress erlebt habe.

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  • Das Kongresszentrum muss von der Stadt ausreichend weit entfernt sein. Was bei Fiera Nova di Roma definitiv der Fall ist – sie befindet sich gute 35 Kilometer vom Stadtzentrum Roms entfernt­­­­_nämlich in der Nähe des Flughafens Fiumicino da Vinci.
  • Das Kongresszentrummuss muss so gebaut werden, dass ausreichend lange Transferentfernungen garantiert sind. Auch das ist erfüllt. Das Kongresszentrum ist so riesig, dass sie in einem Tag mehrere Kilometer zurücklegen müssen. Sehr wichtig ist es die interessanten Vorträge in den voneinander am weitesten entfernten Bereichen des Zentrums stattfinden zu lassen und nur sehr kurze Pausen zwischen den Vortragsblöcken zu gewähren – maximal 5 – 15 Minuten. Das zwingt die Kongressteilnehmer zu den sehr schnellen Ortswechseln, fast schon im Laufen. Mit ein bisschen Glück kriegen sie dann bereits am ersten Tag Blasen auf den Zehen (was auch mein Fall war) – was deren Bereitschaft sich historische Sehenswürdigkeiten in der Stadt anzusehen deutlich reduziert.
  • Es muss um die 30.000 Teilnehmer eingeladen werden, damit alle öffentlichen Verkehrsmittel hoffnungslos überfüllt sind und den Leuten die Lust vergeht diese zu benutzen.
  • Die Kongressteilnehmer müssen in einem Hotel in einer absolut abgelegenen Gegend ohne Anschluss auf öffentliche Verkehrsmittel untergebracht werden. (Das Hotel wurde wahrscheinlich von der TAXI-Mafia mitfinanziert, weil es keine andere Möglichkeit das Hotel zu verlassen außer mit einem Taxi gibt). Vom Hotel Marriot Park Roma betrug die offizielle Entfernung zur nächsten Haltestelle des Schnellzuges 2,6 km. So behauptete es zumindest die Hotelinformation inklusiv beigelegtes Plan. Ein naiver österreichischer Kollege glaubte den Italiener und versuchte die Haltestelle zum Fuß zu erreichen. Abends erzählte er mir mit einer zitternden Stimme, dass die im Plan aufgezeichneten Wege großteils nicht existieren und er für den Weg zum Zug eine ganze Stunde brauchte. Und das bei 35 Grad Hitze. Das war mit Sicherheit eine ziemlich gute sportliche Leistung, die er zum Glück nur mit Erschöpfung und Dehydrierung ohne Dauerfolgen bezahlte. Ich entschied mich es nicht nachzumachen, der Hausverstand hatte gesiegt. Es gab zwar auch einen Shuttelbus vom Stadtzentrum zum Hotel und dieser fährt abends jede 2 Stunden, solche Informationen wurden aber vor den Teilnehmern gut geheim gehalten. Ich erfuhr von diesem Shuttle im Flugzeug von Rom nach Wien, also ziemlich spät.
  • Es gab natürlich auch einen Shuttlebus vom Hotel zum Kongresszentrum. Abfahrten in der Früh um 7:10 und um 7:55 Uhr hin und abends um 18:30 und 20:30 zurück. Dazwischen gab es nichts. Ist man also aus dem Bus ausgestiegen und hat man die einen Kilometer lange Strecke zum Kongresszentrum zurückgelegt, war man dort bis zum Abend endgültig  Alle Shuttlebuse, gedacht für die 30.000 Teilnehmer in 43 Hotels starteten abends vom Parkplatz zu genau gleicher Zeit, was nicht nur zu Problemen beim Verlassen des Parkplatzes führte, dazu produzierten diese Buse auf der Autobahn einen unüberwindbaren Stau. Die 12 Kilometer lange Strecke vom Kongresszentrum zum Hotel hat unter diesen Umständen beinahe 40 Minuten in Anspruch genommen. Die Italiener haben wirklich bestimmte logistische Reserven. Sie produzieren das Chaos aber so zielorientiert, dass ich versucht bin dahinten ein System zu erkennen.
  • Dass im Hotel das Frühstück bereits um 6 Uhr serviert wird, ist zwar im Hinblickauf die Abfahrzeiten der Buse nichts Überraschendes – in Italien ist das aber ein echter kultureller Schock, von dem Sie sich nicht so einfach erholen können. Das ist eine tatsächliche Germanisierung von Rom, welche diese Stadt wahrscheinlich das letzte mal im neunten Jahrhundert erlebte, als sie von den Truppen Kaiser Lothars besetzt wurde.
  • Um nicht auf die sündhafte Idee zu kommen, das Kongresszentrum mit dem Zug zu verlassen, der zwischen dem Flughafen und der Stadt fährt, wird den Kongressteilnehmern von der Kongressdelegierten bei Ihrer Ankunft erklärt, dass die Fahrkarten, die Sie bei der Registrierung bekommen haben, nur zwischen dem Hotel und dem Flughafen gültig sind, man dürfe sie aber nicht in der Stadt benützen. Zum Glück kann ich italienisch so weit, dass ich die Information auf der Rückseite der Fahrkarte selbst lesen konnte um zu erfahren, dass sie selbstverständlich in der ganzen Stadt 100 Minuten lang gültig ist. Dieser Trick ist also nicht aufgegangen.
  • Infolge der sehr erfinderisch aufgebauten Engpässe im Verkehr steht vor dem Kongresszentrum beim Taxistand eine ca. 100 Meter lange Schlange. Das soll Ihnen die Lust nehmen, zu versuchen das Kongresszentrum doch noch zu verlassen. Ob in der Schlange nur die Kongressteilnehmer oder auch bezahlte Komparsen standen, konnte ich nicht herausfinden.
  • Die Kongressmitarbeiter bestehen aus einer Menge wunderschöner junger Frauen und gut aussehender junger Männer. (In Italien gibt es solche im Überschuss), damit die Kongressteilnehmer diesen Anblick vor Ort genießen können. Alle machen natürlich, wie in Italien üblich „la bella Figura.“ Dieser Trick ist auch nicht ganz aufgegangen, schöne Mädchen gibt es nämlich in der Stadt in ähnlich hohen Konzentrationen. Eine negative Folge des Einsatzes dieser Schönheiten war, dass der Fahrer unseres Buses nicht widerstehen konnte, mit so einer Mitarbeiterin zu flirten. Damit verzögerte sich die Abfahrt unseres Buses um ca. 15 Minuten. Im Prinzip nichts schlechtes, leider machen alle Fahrer das gleiche und deshalb verlassen die Buse den Parkplatz trotzdem alle gemeinsam – nur halt um 15 Minuten später. In Italien gibt es keine Eile.
  • Sollten all diese Maßnahmenden noch versagen und sie befürchten, dass die Kongressteilnehmer doch flüchten könnten, stecken sie einen Bahnhof auf der Strecke zwischen dem Kongresszentrum und der Stadt in Brand. Damit wird endgültig jede Verbindung zu den Verführungen Roms abgeschnitten. Zu diesen extremen Maßnahmen wurde am Montag dem 29. August gegriffen.

Wenn das alles geschafft worden ist, muss man um die Teilnehmer der Veranstaltung keine Sorgen haben. Dann ist es auch kein Problem, dass die Hallen nur unzureichend schallgedämpft sind und sie zugleich den auch den Vortrag aus der Nachbarhalle hören und dass ab und zu jemand die Musik dermaßen aufdreht, dass der Vortragende schreien muss, damit ihn überhaupt jemand hört.

Aber, wie das beigelegte Photo nachweisen kann, nicht einmal alle diese raffinierten Maßnahmen können einen Menschen mit Vorliebe zu Geschichte und zu historischen Sehenswürdigkeiten abhalten. Einfach – wo der Wille dort der Weg…

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Ich gebe zu, dass ich den Papstbesuch bei dem Kongress für einen weiteren ähnlichen Trick gehalten habe. Ich habe gedacht, dass das Kongresszentrum von bewaffneten Soldaten und Mitglieder der päpstliche Schweizergarde umkreist wird, damit jedem Teilnehmer die Lust vergeht sich an den Schwerbewaffneten vorbeizuschleichen, um den Kongressraum zu verlassen. Was die Teilnahme bei dem Kongress betrifft, wirkte der Papstbesuch eher negativ. Es herrschte die Befürchtung, dass man den Kongress nicht verlassen könnte und damit die Abflüge verpassen würde. Viele Kollegen, besonders die evangelischen, blieben lieber im Hotel. Es war aber gar nicht so dramatisch. Außer ein paar Mitglieder der Schweizergarde vor dem Papamobil mit segnendem Franciscus und Carabinieri, die auf die Autos mit Kennzeichen SCV aufgepasst haben, war nichts zu merken. Nur bei der Gepäckausgabe ist es zäh gegangen.  Weil ich taktisch nicht bis zur Ansprache des Papstes geblieben bin, war ich der fünfte in der Schlange bei der Gepäckausgabe. Das Problem war nur, dass das Personal den Papst natürlich auch sehen wollte. Nur nach einer ziemlich langen Zeit kam eine der Schönheiten, von denen ich bereits geschrieben habe, außer sich, dass sie den Heiligen Vater gesehen hatte. Sie rief zweisprachig „I´m here!“ und „Sono qui,“ Das stimmte uns positiv ein. Wir freuten uns aber zu früh. Das Mädchen war nicht im Stande auch nur einen Koffer rauszuholen. Die ersten Leute in der Reihe haben die Nerven verloren und in den Raum mit den Koffern eingedrungen, um ihr eigenes Gepäck selbst zu holen. Das hat sie offensichtlich psychisch gebrochen, sie kam nie mehr raus. Zum  Glück erschienen aber bald zwei mächtige Burschen, die ihr zu Hilfe kamen und die Sache in eigene Hände nahmen. Daher dauerte die Wartezeit auf das Gepäck nur knappe zwanzig Minuten. Wie ich schon gesagt habe, ich war immerhin der fünfte in der Schlange.

Rom ist einfach Rom, ob es dort einen Kongress gibt oder nicht.

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Spätzeit


Es handlet sich um deutsche Version des Artikels “Pozdní doba”. Meiner Ansicht nach leben wir nicht mehr in der Neuzeit, die offiziell im Jahre 1492 begonnen hat, sondern in einer neuen Epoche. Ich glaube, dass nicht die Entdeckung Amerikas, sondern die Erfindung des Buchdrucks der Anfang der Neuzeit bestimmt hat. Ähnliche Änderung des Informationsaustausches wie damals die Erfindung Guttenbergs brachte die Einführung des Internets im Jahr 1989. In diesem Artikel werden Aspekte genannt, die den Einbruch einer neuen Zeit kennzeichnen – die kulturellen, wirtschaftlichen, soziologischen bis zu Aspekten einer neuen Kriegsführung. Alles Zeichen vom Ende des Humanismus und dem Übergang zu einer virtuellen Welt. Es brach also eine neue Epoche der Menschengeschichte an, welche die Menscheit vor ganz neue und bisher unbekannte Herausforderungen stellen wird. Niemand kann heute noch sagen, was diese neue Epoche mit sich bringt, die Menschheit hat aber bisher immer einen ausreichend starken Selbsterhaltungtrieb bewiesen, um diese neuen Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

Hier können Sie den ganzen Artikel herunterladen:

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