Nach Petar I. bestieg den Thron sein Neffe Petar II. Petrovič Njeguš. Der wird von Montenegriner als „Pater Patriae“, also der Landesvater verehrt, aber nicht nur sie verehren ihn, auch bei Serben genießt er großen Respekt. Im Jahr 1982 war ich als Student in Montenegro und ich schloss Freundschaft mit einem Serben, der dort seinen Urlaub machte. Er ließ sich nicht abweisen, er wollte mich unbedingt zum Grab von Petar Petrovič Njeguš auf den Berg Lovčen, genauer gesagt auf einen der Gipfel dieses Nationalparks namens „Jezerni Vrh“ bringen. Die Tatsache, dass seine Gattin an einer Kinetose litt und sich in den zahlreichen Kehren auf dem Weg zum Gipfel in der Höhe über 1800 Meter über dem Meer (wir starteten logischerweise auf der Seehöhe Null) immer wieder übergeben musste, konnte ihn in seinem Verlangen, dem Ausländer das nationale Heiligtum zu zeigen, keinesfalls hindern, die arme Frau wurde von ihm aber häufig streng ermahnt, sich vor dem Fremden nicht so beschämend zu verhalten.

Diesmal fuhr ich mit meiner Frau hin und, obwohl sie ebenso an einer Kinetose leidet, meine rücksichtsvolle Fahrweise ermöglichte ihr den Besuch von „Jezerni vrh“ ohne Übelkeit.

               Auf dem Gipfel von „Jezerni vrh“ gibt es ein gigantisches Mausoleum, in dem der Vater des Landes bestattet ist. Es zahlt sich aus, in den Frühmorgenstunden hinzufahren, da es hier nicht genug Parkplätze gibt. Petr Petrovič ist hier in einer nachdenklichen Pose unter dem montenegrinischen Adler dargestellt, vom Gipfel des Berges kann man tatsächlich beinahe das ganze Land sehen. Von der Bucht von Kotor bis zum Skadarsee, man kann Cetinje unter dem Berg sehen, in der Ferne dann Podgorica und am Horizont eine hohe Bergkette mit dem höchsten Berg des Landes „Babin Kuk“. Petar Petrovič wacht von hier über sein Volk. Österreicher ließen ihn während des ersten Weltkrieges exhumieren und nach Cetinje überstellen, gleich nach dem Ende des Krieges brachten ihn aber Montenegriner zurück in sein Mausoleum, wo er bis heute ruht.

Petar Petrovič wurde von seinem Onkel nach Europa zum Studium entsandt. Er studierte in Wien und danach in St. Petersburg. Nach der Rückkehr ins Land und der Machtübernahme begann er im Lande bis dahin ungeahnte Reformen einzuführen. Er führte das Geld ein (man schrieb das Jahr 1830!!!), den Buchdruck, erste Schulen aber auch Steuern. Das gefiel den Montenegrinern nicht unbedingt, als er aber aus diesem Geld Straßen gebaut, die Post und ähnliche verlockende kulturelle Neuigkeiten eingeführt hatte, konnten sie sich damit letztendlich irgendwie abfinden. Petar II. baute in Cetinje einen Palast, der an die Zeit der Renaissance erinnert, ich dachte selbst, dass es sich um ein Gebäude aus dem sechzehnten Jahrhundert handelte – es war aber nicht.

Petar Petrovič lernte in Russland Billard zu spielen und das wurde zu seiner größten Leidenschaft. Er lud in den Palast örtliche Stammesführer ein, um mit ihnen Billard zu spielen, deshalb bekam der Palst seinen Namen, den er bis heute trägt – Billardia. Das Billard des Fürstbischofs Petar blieb erhalten und man kann es gleich in einem der ersten Räume des Palastes bewundern.

Der größte Verdienst gebührt allerdings Petar Petrovič für die Kodifizierung der serbischen Sprache. Er war selbst ein Dichter und Schriftsteller und wollte in der Muttersprache schreiben können. Nicht nur von dem Wortschatz, aber auch, weil er die Regel der Grammatik aus Russland importierte, ist Serbisch Russisch sehr ähnlich. Die Serben akzeptieren, dass der Vater ihrer Sprache ein Montenegriner war. Vielleicht auch deshalb ist das Verhältnis der Montenegriner zu den Serben gespalten. Die Reiseführerin in der Billardia bezeichnete zwar die Serben als eine Okkupationsmacht, in Wirklichkeit hatten aber die Montenegriner keine große Lust, sich von Serbien zu trennen. Wie ich schon schrieb, diese Volksabstimmung wurde durch die Stimmen der moslemischen Albaner in der Region Ulcinj entschieden.

               In Cetinje hat der montenegrinische Präsident seinen Sitz, es gibt hier auch Regierungsgebäuden, obwohl die Hauptstadt Podgorica ist, wo auch das montenegrinische Parlament tagt. Natürlich darf in Cetinje der königliche Palast nicht fehlen.

               Nach dem Tod von Petar Petrovič am 31.Oktober 1851 bestieg den Bischofsthron sein Neffe Danilo. Dieser entschied sich aber, der Praxis der Fürstbischöfe ein Ende zu machen, möglicherweise auch deshalb, weil er sich in eine bestimmte Darinka Kvekič verliebt hatte. Im Jahr 1852 verzichtete er also auf das Amt des Bischofs und rief ein weltliches Fürstentum aus. Seine Reformen, die das Land zu sehr an Westen annähern sollten, missfielen den Montenegrinern und Danilo wurde im Jahr 1860 in Kotor ermordet. Zum Fürsten wurde sein minderjähriger Sohn Nikola, die Regierungsgeschäfte führte aber in seinem Namen Danilos Bruder Mirko Petrovič – richtig, der, dem in Podgorica der Obelisk auf dem Hauptplatz errichtet wurde. Er führte nämlich lange Jahrzehnte die Montenegriner in die Kämpfe gegen Türken bis endlich im Jahr 1878 auf dem Berliner Kongress ein unabhängiges Königtum Montenegro entstand und Mirkos Neffe Nikola zum ersten (und letztem) montenegrinischen König wurde.

               Nikolas Palast, der so genannte „Blauer Palast“ in Cetinje ist ziemlich bescheiden, aber mit Geschmack eingerichtet. An den Wänden hängen Bilder bedeutsamer Mitglieder der Njeguš-Familie.

Natürlich auch die Bilder von Nikola und seiner Frau Milena. Milena war ein ganz einfaches Mädchen, das zuerst am fürstlichen Hof erzogen werden musste, bis sie die Sitten der Oberschicht gelernt hatte und erst dann durfte sie Nikola heiraten. Ihre einzige Qualifikation für den Titel einer Königin war ihre Schönheit, sie genoss den Ruf des schönsten Mädchens im Lande. Der temperamentvolle Nikola zeugte mit ihr zwölf Kinder, davon neun Töchter! Neun Töchter in gute Familien zu verheiraten ist keine einfache Aufgabe, Nikola schaffte es aber.  Nicht umsonst verdiente er sich dadurch seinen Spitznamen „Schwiegervater Europas“. Er konnte dadurch nicht nur mit der russischen Zarenfamilie, sondern auch mit den königlichen Häusern in England oder in Italien familiäre Beziehungen anknüpfen. Seine Lage wurde dadurch erleichtert, dass seine Töchter eine schöner als die andere waren, einige Räume im Palast tragen noch ihre Namen.

               Das größte Gebäude in Cetinje ist „Vladim Dom“ aus dem Jahr 1910, das zur Krönung Nikolas I. gebaut wurde.

Heute befindet sich in diesem Haus ein historisches und ein kunsthistorisches Museum. Zwischen Bildern der Mitglieder der montenegrinischen Königsfamilie findet man auch Werke von Picasso, Chagall oder Dali, historisch am meistens interessant ist allerdings die Ikone „Madona aus Philermon“. Diese heilige Schutzpatronin des Ordens der Malteserritter hat ein sehr bewegtes Schicksal hinter sich. Die Johanniter erwarben sie irgendwann im zwölften Jahrhundert, im Jahr 1291 nach dem Fall von Akko brachten sie die Ikone nach Rhodos und als sie die Insel im Jahr 1530 räumen mussten, packten sie das Bild ein und nahmen es mit nach Malta. Im Jahr 1798 besetzte Malta Napoleon mit seiner revolutionären Armee, die zu Religion und besonders zu heiligen Reliquien keine besonders positive Beziehung hatte. Um die Ikone vor der Zerstörung zu schützen, brachten sie die Ritter nach St. Petersburg. Im Jahr 1917 wurde sie wieder einmal von Revolutionären bedroht, diesmal von den kommunistischen, und wurde wieder evakuiert. Nach Zwischenstopps in London und Kopenhagen landete sie letztendlich in Beograd, wo sich der Sitz des Patriarchen der serbischen orthodoxen Kirche befand. Als im Jahr 1941 Serbien von Einheiten der deutschen Wehrmacht überrollt wurde, wurde die Ikone in montenegrinischem Kloster Ostrog untergebracht. Seit dem Jahr 1952 befindet sie sich in Cetinje, aber nur seit dem Jahr 2002 ist siefür die Öffentlichkeit zugänglich – in einem eigenen Raum – so genannter „Blauen Kapelle“.

               Das Kloster Ostrog, das in einen Felsen reingebaut wurde, gehört zum Pflichtprogramm des Besuches von Montenegro, es befindet sich auf dem Weg zu zweitgrößter Stadt Montenegros Nikšič. Bis nach Nikšič unbedingt zu fahren ist aber nicht notwendig, zum Schauen gibt es dort nicht viel (noch weniger als in Podgorica) und das einzige montenegrinische Bier „Nikšičko pivo“, übrigens von guter Qualität, bekommt man in Montenegro überall.

               Auf dem Weg von Podgorica in Richtung Meer fährt man am Skadarsee vorbei. Der See an der Grenze zu Albanien ist geteilt, zwei Drittel gehören Montenegro und ein Drittel Albanien. Wir hatten eigentlich vor, eine Rundreise um den See mit einem Besuch der albanischen Stadt Skadar zu machen. Das war aber nicht einfach. Auf dem Weg nach Süden gab es zuerst eine Abzweigung nach Skadar, die uns zuerst auf einen engen Weg zwischen Häusern führte, wo man den entgegenkommenden Fahrzeugen in die Höfe und Ausfahrten ausweichen musste. Hier gab es aber zumindest Asphalt. Nur dann plötzlich zeigte der Wegweiser steil hinauf auf einen wahnsinnig steilen Berg und dort sah ich nur mehr eine desolate Betonfläche mit riesigen Löchern und Stücken herausragendes Betons und ich beschloss, dass die Fahrt auf diesem Belag mein Auto nicht unbedingt überleben würde. Ich entschloss mich einen Umweg über Ulcinj zu machen. Dieser Weg war zwar länger, ich dachte aber, er wäre besser. Das war er nicht. In Ulcinj versperrten uns den Weg zwei quer abgestellte Autos der montenegrinischen Straßenarbeiter. Sie teilten uns trocken mit, dass die Straße in Folge von Reparaturarbeiten gesperrt sei. Umfahrung? Fehlanzeige! Also mussten wir ähnlich wie eine Reihe weiterer Touristen aus der Ukraine, Deutschland und dem Niederlande unsere Reise nach Albanien aufgeben. Statt dessen besuchten wir Podgorica, was – wie ich schon erwähnt habe – eine kleine Ehekrise zu Folge hatte. Zum See kamen wir aber trotzdem, und zwar bei Vizapar, einem Städtchen, das nur von Touristik lebt. Ungefähr zwanzigmal wurde uns ein Bootausflug auf dem See angeboten, aus Zeitmangel lehnte ich ab. Der See ist schön, groß, blau bis dunkelgrün. Er wird von einer Straße und der Eisenbahn, die Beograd mit Bar verbindet, durchquert. Wie bereits erwähnt, fuhr ich im Zug über den See schon einmal im Jahr 1982, als die Strecke sechs Jahre alt war. Auf dem Damm sieht man noch eine traurige Erinnerung an den türkisch-montenegrinischen Konflikt – die Ruinen der Festung Lesendro. Diese Festung ließ der Vater der Nation, Petar Petrovič, bauen. Aber noch vor ihrer Fertigstellung wurde die Festung von türkischen Truppen eingenommen und zerstört. Petar Petrovič zog sich also frustriert nach Cetinje zurück und schrieb Gedichte.

               Es hat vielleicht doch etwas für sich, wenn der Landesvater ein Dichter ist. Sogar bei einer Nation, die während ihrer Geschichte nichts anderes als Kriege, Leiden und Armut kannte. Heute entwickelt sich das Land in eine positive Richtung. Ob bei dieser Entwicklung der Rubel oder das Euro die entscheidende Rolle spielt, traue ich mich nicht abzuschätzen.

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