Die Geschichte dieses kleinen Landes spielte sich nicht an der Küste ab, wo heutzutage das Leben und der Tourismus blühen, sondern im Inneren des Landers. Übrigens bis zum Jahr 1878 hatten die Montenegriner keinen Zugang zum Meer.

               Also wenn man das Land besser kennenlernen möchte, muss man die Küste verlassen. Heute erleichtert den Zugang in das Innenland ein Straßentunnel zwischen Čanj und Podgorica, durch den man für eine mäßige Gebühr von 2 Euro die Hauptstadt des Montenegros in einer guten halben Stunde erreichen kann. In den Zeiten vor der Fertigstellung dieses Tunnels gab es nur eine schlechte Straße, die bei Petrovac in die Berge abbog und an dem Skadarsee vorbei über Vizapar nach Podgorica führte – dieser Weg verlangte mehr als die doppelte Fahrzeit. Immerhin gab es aber bereits seit 1904 eine Schmalspureisenbahn zwischen Bar und Vizapar und im Jahr 1976 wurde die Eisenbahnverbindung Beograd-Bar fertiggestellt, die ich persönlich bereits im Jahr 1982 nutzen durfte.

               In der Meinung über die montenegrinische Hauptstadt Podgorica waren meine Frau und ich nicht ganz einig. Ich vertrat die Meinung, dass es dort nicht viel zu sehen gäbe, sie war dagegen überzeugt, dass es dort GAR NICHTS gab.  Wie meine Leser wissen, in diesen Streitereien mit meiner geliebten Gattin behalte ich meistens recht, schon deshalb, weil ich es bin, der darüber schreibt. Und wenn man sucht, findet man sogar in Podgorica etwas Sehenswertes, obwohl es – in diesem Punkt gebe ich meiner Frau recht – nicht einfach ist. Natürlich findet man dort nicht viel Historisches, die Stadt lag ständig an der Frontlinie zwischen Türken und Montenegrinern und wurde mehrmals zerstört, das letzte Mal im zweiten Weltkrieg, als hier verbitterte Kämpfe zwischen den Tito-Partisanen und der deutschen Wehrmacht tobten (ich kann mich aus meiner Kindheit an einen unglaublich brutalen Film „Die Schlacht an der Neretva“ erinnern, der den Kampf der Partisanen um einen Durchbruch nach Norden zu den Hauptstreitkräften der Tito-Armee schilderte, in dem der Fluss Neretva ein todbringendes Hindernis darstellte. Dank dieses Filmes konnte ich einige Nächte danach nicht schlafen). Zu Ehre des jugoslawischen Führers bekam die Stadt nach dem zweiten Weltkrieg den Namen Titograd und kehrte erst im Jahr 1992 zu ihrem ursprünglichen Namen Podgorica zurück.

               Das Stadtzentrum teilt sich in die Altstadt (Stary Varoš) und die Neustadt (Novy Varoš) auf. Die Altstadt ist tatsächlich eigenartig. Wo sonst findet man im Zentrum der Hauptstadt einen Hühnerstall mit lebenden Hühnern und Esel auf der Hauptstraße? Von der Bedeutungslosigkeit Podgoricas in der Zeit der türkischen Vorherrschaft zeugt eine bescheidene Moschee mit einem Minarett, obwohl aus dieser Zeit die einzige historische Sehenswürdigkeit der Stadt stammt – nämlich der Uhrturm „Sahat Kula“.

Von der türkischen Festung am Zusammenfluss der Flüsse Morača und Ribnica blieb nur ein kleines Stück der Befestigungsmauer übrig. Es reicht ein Blick auf diese „Sehenswürdigkeit“ vom Stadtpark mit einer großen Reiterstatue des Königs Nikola I. aus, um zu verstehen, dass sich ein Übergang des Flusses (eher eines Baches) Ribnica aus diesem Grund sicher nicht lohnt.

               Imposant ist die Milleniumsbrücke über den Fluss Morača und im Stadtzentrum der „Trg nezavisimosti“, also „Unabhängigkeitsplatz“ im Stil der kommunistischen Architektur und mit einer Fontäne in der Mitte und mit einem Obelisken, der zu meinem Erstaunen nicht Tito und seine Partisanen ehrt, wie man erwartet hätte, sondern dem Kämpfer gegen die Türken, dem Onkel des Königs Nikola I., Mirko Petrovič Njeguš gewidmet ist.

Aber immerhin fanden wir in der Neustadt die russische und die deutsche Botschaft, eine Reihe von Cafes und Restaurants, das Hotel Hilton, die Nationalbank (ich habe zwar nicht verstanden, wozu Montenegro diese Institution hat, wenn es keine eigene Emissionspolitik betreiben darf, aber so etwas gehört sich einfach), ein großes modernes Nationaltheater mit einer Statue Petars II. Petrovič Njeguš vor dem Gebäude – wer sonst könnte dort sein? Darüber aber ein bisschen später.

               Bitte, den Königspalast nicht vergessen! Am Ufer der Morača in einem großen Park unweit des Zentralkrankenhauses findet man einen ziemlich bescheidenen Palast der Familie Njeguš. König Nikola ließ diesen Palast als Geschenk für seinen Sohn Mirko bauen, Mirko mochte aber Podgorica – ähnlich wie meine Gattin – nicht, und wollte nicht in den Palast ziehen. Im Jahr 1916 hatte er aber keine Wahl. Montenegro wurde von österreichischen Truppen überrollt, Prinz Mirko geriet in die Gefangenschaft und er wurde in dem Palast, den sein Vater für ihn bauen ließ und den er nicht mochte, interniert. Sein Schicksal holte ihn also ein.

               In der Zeit vor der türkischen Expansion gab es auf dem Gebiet Montenegros ein Königreich namens Zeta, wo die Familie Crnojevič herrschte. Sie war eng mit dem serbischen Königreich verbunden und in der schicksalhaften Schlacht auf dem Amselfeld kämpften und starben also Montenegriner an der Seite der Serben. Danach gerieten sie unter einen gewaltigen türkischen Druck. Die Crnojeviči versuchten vergeblich, eine Koalition mit der Familie des albanischen Heros Skanderbeg zu bilden, die den Türken Paroli bieten könnte. Der letzte der Dynastie Ivan Crnojevič bemühte sich vergebens, seine Stellung in der Ebene unter den Bergen zu festigen, es gibt hier sogar zwei seiner Hauptstädte Žabjak und Rijeka Crnojeviča, die beide unter dem Druck der türkischen Truppen zugrunde gegangen sind. Heute sind sie kleine romantische Dörfer. Ivan Crnojevič konnte sich gegen die türkische Übermacht nicht halten und musste sich in die Berge zurückziehen, wo er im Jahr 1482 die Stadt Cetinje gründete und danach die Rettung in Italien suchte. Wenn man die geographische Lage Cetinjes wahrnimmt, kann man sich vorstellen, in welcher verzweifelten Lage sich Crnojevič befand, als er sich entschied, von diesem „Niemandsland“ aus zu regieren. Er konnte sich aber nicht einmal hier halten, die Armee der „Hohen Pforte“ war viel zu mächtig und die Dynastie der Crnojevič fand im Jahr 1499 ihr Ende. Ivan hat in Cetinje eine Statue – er war doch der Gründer der Stadt.

               Die Türken zeigten nie besonderes Interesse in diesem unfruchtbaren Land direkt zu herrschen. Das roch nach viel undankbarer Arbeit und wenig Gewinn. Aus diesem Grund schlossen sie einen Vertrag über eine vorteilhafte Zusammenarbeit mit den örtlichen Bischöfen. Diese regierten im Land unter dem Berg Lovčen als türkische Vasallen, sie zahlten Steuern nach Istanbul und hatten von den Türken mehr oder weniger Ruhe. Im siebzehnten Jahrhundert besetzte das Amt des Bischofs die Familie Njeguš. Danilo Petrovič, der erste aus der Reihe der Bischöfe aus dieser Familie, ließ in Cetinje ein gewaltiges Kloster bauen, das auch das Zentrum der Macht war – und das steht bis heute.

Er musste es sogar dreimal bauen, da in den Jahren 1698 und 1712 das Kloster von den Türken dem Erdboden gleich gemacht wurde. Das Kloster ist eine Dominante der Stadt auch heute und wenn man Cetinje besucht, muss man es einfach besuchen. Das Mausoleum Danilos steht auf einem Hügel über dem Kloster, ein Aufstieg zu ihm ist eine kleine sportliche Leistung. Die Macht ging regelmäßig vom Onkel auf den Neffen über, da die orthodoxen Priester zwar heiraten dürfen, nicht aber die Bischöfe. Im Jahr 1784 bestieg den Thron der Fürst Bischof Petar I. Es gelang ihm nicht nur die zerstrittenen montenegrinischen Stämme zu einigen, sondern sogar so etwas wie ein Staatsgebilde zu gründen. Er konnte sehr geschickt zwischen Türken, Russen und Franzosen, die in dieser Zeit Dalmatien besetzten, manövrieren. Das Angebot Napoleons, ein serbischer Patriarch unter französischem Schutz zu werden, lehnte er aber dankend ab. Nach seinem Tod im Jahr 1830 wurde er heiliggesprochen und sein Leichnam befindet sich im Kloster in Cetinje, das seinen Namen trägt. Wir waren Zeugen, als eine Frau einen Mönch bat, den Leichnam des Heiligen sehen zu dürfen.  Er brachte sie zum Sarg und klappte den Deckel auf, der Leichnam Petars I. befindet sich im Sarg unter einer Glasscheibe. Die Frau warf sich auf das Glas, sie umarmte und küsste es, es war für uns ein etwas ungewöhnlicher Beweis des Kultes des Heiligen. Wir weigerten uns, die Dame in dieser Tätigkeit nachzuahmen, obwohl uns der Mönch dazu aufgefordert hat.

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