Einmal wird der ganze Wahnsinn mir Coronavirus vorbei sein und dann beginnt man wieder Urlaub zu planen. Also versuche ich in einer kurzen Serie von drei Artikeln etwas über ein kleines Land weit weit weg am südlichen Balkan zu erzählen.

               Montenegro ist ein winzig kleines Land im Südwesten des Balkans. Es ist wirklich sehr klein. Wenn man den Berg „Jezerni Vrh“ besteigt, wo die Montenegriner  ein Mausoleum für ihren „Vater der Nation“ Petar Petrovič Njeguš erbaut haben, sieht man von diesem Gipfel aus praktisch das ganze Land. Vom Fjord von Kotor bis zum Skadarsee, die neue Hauptstand Podgorica sowie auch die alte Hauptstadt Cetinje. Von hinten (und von oben) schaut auf Sie der höchste Berg des Landes „Babin Kuk“. Also, wenn die Montenegriner ihrem geliebten Fürstbischof (geliebt war er, wie es den Väter der Nationen üblicherweise geschieht, nur nach seinem Tod) eine Aussichtsterrasse bauen wollten, so gelang es ihnen perfekt. Es ist auch notwendig zu bedenken, dass zu der Zeit, als das dankbare montenegrinische Volk  Petar Petrovič ins Grab legte, dieses Ländchen noch wesentlich kleiner war. Es waren die Landesgewinne in den Jahren 1878 und 1918, die das Land so weit vergrößerten, dass man es zumindest in die Europa- Landkarten eintragen konnte.

               Der Name des Landes ist vielsagend. Auf dem ganzen Gebiet, das 13 812 km2 umfasst und in dem 600 000 Einwohner leben, gibt es nämlich kaum etwas anderes als schwarze Berge.

Also mit Ausnahme der Küste, dem südlichsten Abschnitt der Adriaküste, der noch vom slawischen Element bewohnt wird. Das war eigentlich der Grund, warum wir in Richtung Montenegro aufbrachen.

               Der Reiseführer macht darauf aufmerksam, dass die Fahrt nach Montenegro und besonders dann die Fahrt IN MONTENEGRO feste Nerven und viel Geduld verlangen würde. Meine liebe Frau auf dem Beifahrersitz hat diese Eigenschaften nicht unbedingt im Überschuss und so gewann unsere Reise auch einen zusätzlichen emotionalen Aspekt.

               Die Fahrweise der Montenegriner ist tatsächlich spürbar emotional und so ist es ratsam, eher Instinkte als Vernunft beim Fahren zu verwenden. Dieses kann nämlich versagen. Das habe ich gleich am Tag der Anreise verstanden, als ich beinahe ein Auto übersah, das mich von rechts überholte (es hatte recht, links gab es keinen Platz). Seit diesem Moment beachtete ich bei der Fahrt mehr meinen Rückspiegel als das Geschehen vor mir. Die Montenegriner lieben eine schnelle Fahrt und lassen sich dabei durch Dinge, wie Geschwindigkeitsbeschränkung, doppelte Sperrlinie oder unübersichtliche Kurve nicht irritieren. Manche stürzen sich in diese Verbote oder Kurven mit dem Mut eines Kamikazes. Es gibt Gott sei Dank aber nicht sehr  viele von ihnen. Natürlich, alle Montenegriner würden gern auf diese Art fahren, werden aber dabei wesentlich durch die Qualität ihrer Fahrzeuge, die überwiegend aus dem Jahr „1900 und wenig“ stammen, limitiert. Bergauf schaffen ihre Mercedes maximal dreißig bis vierzig Kilometer pro Stunde. Und bergauf ist es dort häufig – siehe den Namen des Landes.

               Mit dem Parken machen sich die Einheimischen auch keine Sorgen. Das Auto wird einfach IRGENDWO abgestellt. Ob damit jemand eingesperrt wäre, interessiert sie nicht im Geringsten, auch wenn es nur einen Meter weiter zu fahren wäre, um dem Betroffenen eine freie Ausfahrt zu gewähren. Mit dieser Situation wurden wir bereits am ersten Tag konfrontiert. In der Nacht kam zu unserem Apartmenthaus irgendjemand im Mercedes mit deutschem Kennzeichen und stellte das Auto quer ab, damit niemand das Apartment verlassen konnte. Obwohl es wirklich gereicht hätte, nur einen Meter weiter, näher zur Wand des Hauses, zu fahren. Die Montenegriner kennen aber nicht die Entschlossenheit meiner Frau. Die ist bereit, sich um sieben Uhr in der Früh ins Auto zu setzen – in Montenegro herrscht zu dieser Uhrzeit noch tiefe Nacht, die Sonne strahlt zwar schon, aber alle befinden sich noch in der Phase eines tiefen Schlafes – und sie hupte so lange, bis jemand kam und den Weg für die Ausfahrt frei machte.

               Natürlich war es nicht der Desperado, der uns die Ausfahrt versperrt hatte, sondern ein anderer Bewohner des Apartmenthauses. Es war ein Deutscher aus Stuttgart, der uns den Weg durch ein kompliziertes Manöver freimachte, damit wir zu unserer Erkundungsreise aufbrechen konnten. Selbstverständlich gehörte das unsinnig eingeparkte Auto mit dem deutschen Kennzeichen einem einheimischen jungen Mann aus Čanj. In Montenegro muss man nicht die geringste Sorge haben, dass man durch das Autokennzeichen als Ausländer identifiziert werden könnte – die Hälfte aller Montenegriner arbeitet irgendwo im Ausland und hat also an ihren Fahrzeugen ausländische Kennzeichen. Am häufigsten deutsche aber überraschenderweise auf viele amerikanische, besonders aus der Staaten New York und New Jersey.

               Der Weg nach Montenegro ist lang. Es zahlt sich also aus, irgendwo unterwegs in Kroatien einmal zu übernachten. Wir taten es, wir übernachteten in Trogir und wir bereuten es nicht. Bis nach Ploče, wo die Autobahn in Richtung Sarajevo abbiegt, ist die Fahrt sehr gut, dann aber erwartet den Fahrer die Adriatische Magistrale (Jadranski Put) und einige Grenzübergänge, an denen die Zollbeamten ihre Arbeit sehr ernst nehmen. Besonders die kroatischen, die sich offensichtlich bemühen, die Touristen dafür zu bestrafen, dass sie sich entschieden hatten, in einem anderen als in ihrem Land den Urlaub zu verbringen. Zuerst überquert man die Grenze zwischen Kroatien und Bosnien und Herzegowina. Diesem Land gehört an der Küste nur eine einzige Gemeinde namens Neum, dann muss man wieder nach lediglich fünf Kilometern über die nächste Grenze von Bosnien und Herzegowina wieder zurück nach Kroatien und dann, nach einer langen Fahrt auf der Magistrale an Dubrovnik vorbei, kommt die Grenze zwischen Kroatien und Montenegro. Achtung, die sogenannte „Grüne Karte“ nicht vergessen! Wenn der Zöllner darauf kommt, dass man sie nicht mit hat, muss man gleich an der Grenze eine Reiseversicherung abschließen und die kostet 70 Euro. Ich hatte eine bereits abgelaufene Karte aus dem vorigen Jahr mit, aber so zimperlich sind die südbalkanischen Zollbeamten doch nicht. Ich kam kostenfrei durch. Auf dem Gebiet von Montenegro bewegt man sich dann fast ausschließlich in verbautem Bereich, also eine Geschwindigkeit mehr als fünfzig Kilometer pro Stunde ist nur selten erlaubt. Zusammengerechnet haben wir für 119 Kilometer von Čanj, wo wir wohnten, nach Dubrovnik, viereinhalb Stunden gebraucht, wobei uns kroatische Zollbeamten eineinhalb Stunde vor ihrer Grenze stehen ließen. Also ohne die bereits erwähnte Geduld kommt man nicht durch. Diese hatte aber meine Frau unglücklicherweise nicht eingepackt. Ich muss ihr aber sehr dankbar sein, dass sie mir einen Eintagesausflug nach Dubrovnik ausgeredet hat. Aus den oben genannten Gründen ist so etwas nicht realisierbar. Vergessen Sie eine solche Idee und mieten Sie in Dubrovnik ein Apartment für eine Nacht, wenn Sie die Stadt „Game of Throns“ unbedingt besuchen möchten.

               Ein bisschen problematisch ist es in Montenegro eine bestimmte Adresse zu finden. Zum Beispiel die Adresse des Apartments, in dem man den Aufenthalt gebucht hatte. Adressen sind hier nicht üblich, Maria Theresia mit ihrem Landeskataster war hier nicht tätig. Einige Straßen haben zwar Namen und die Häuser sogar Nummer – nur niemand von den Einheimischen kennt sie – und schon gar nicht mein GPS. Die Mehrheit der Firmenautos, denen man begegnet, hat in der Firmenadresse Angabe „bb.“, also „bez broja“ – ohne Hausnummer. Die Straßen besitzen zwar Namen, diese sind aber sogar ihren eigenen Bewohnern unbekannt. Wen kümmert es schon, dass es die Njegušstraße sein soll? Für die Montenegriner ist das doch die Straße, in der Drago seine Autowerkstatt hat. Für einen Ausländer, der die örtlichen Verhältnisse nicht kennt, könnte diese Tatsache zum Problem werden. Man kennt den Drago nämlich nicht und ist damit verloren!

               Also ist es praktisch, sich das Aussehen des Apartments oder Hotels, in dem man wohnen soll, zu merken oder noch besser es auszudrucken und mitzunehmen. So kann man sein Hotel erreichen. Wir haben diese Sache in unserer Unerfahrenheit unterschätzt und vernachlässigt. Es sollte sich rächen.

               Die Wahl der Unterkunft in Čanj schaute auf den ersten Blick sehr vernünftig aus. Im Internet gab es einen schönen, breiten, sauberen. menschenleeren Kiesstrand, die Ortslage war direkt im Zentrum der montenegrinischen Küste, also für jemanden, der das Land kennenlernen möchte, absolut ideal. Nur später kaufte ich einen Reiseführer über Montenegro und nach Durchlesen des Artikels über Čanj entstanden in mir bestimmte Zweifel über die Richtigkeit der Wahl der Unterkunft. Der deutsche Reiseführer hat – ziemlich sarkastisch – geschrieben: „Die Abfahrt von Jadranski Put hinunter an den Strand des Retortendorfes Čanj lohnt sich eigentlich nur für Reisende mit sehr schmalem Budget und geringen Ansprüchen. Fast ausschließlich Urlauber aus Serbien sowie ein paar versprengte Tschechen und Ungarn verbringen hier ihren Urlaub auf der Luftmatratze. Am Wochenende wird es dann richtig voll, denn von Podgorica sind es durch den neuen Straßentunnel nur noch 45 Minuten bis hierher. Da ist es natürlich praktisch, dass der hintere Teil des Kiesstrands gleich als Parkplatz ausgewiesen ist.“

Wir haben den Strand erreicht, aber darüber das nächste Mal. Es ist eine ein bisschen längere Erzählung.

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