Der erste Stopp in diesem Land wird euch vielleicht überraschen, aber ich halte ihn aber für einen der wichtigsten und eindrucksvollsten Orten mit einem Bezug zur Bibel überhaupt. Schon deshalb, weil im Gegensatz zu vielen anderen Orten der Mission Christi dieser Platz authentisch ist und einen großen symbolischen Wert besitzt.

               Hier, am Ursprung des Flusses Jordan (an einem der drei Quellen, wo dieser Fluss entspringt, aber dem einzigen, der auf dem Gebiet des Staates Israel liegt, die zwei weiteren sind in Syrien), ertönten die Worte des Erlösers: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben: was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Matthäus 16 – 18,19)

               Warum gerade hier? Und warum gewannen diese Worte gerade an diesem Ort ihre außerordentliche magische Bedeutung?

               Die Stadt Caesarea Philippi ließ der Sohn Herodes des Großen Philipp, der jüngste seiner Söhne, der die Herrschaft seines Vaters überlebt hatte, bauen. Drei seine ältesten Söhne ließ Herodes hinrichten (den ältesten – Antipatros – sogar noch fünf Tage vor seinem eigenen Tod!), die drei übrigen teilten sich sein Reich. (Der vierte, Herodes Boethos, auch manchmal Philipp genannt, wurde bei der Reichsteilung nicht berücksichtigt, er lebte als Privatperson und nach seinem Tod heiratete seine Gattin Herodias Herodes Antipas, was der Anlass zum Malheur mit Johannes dem Täufer war). Der älteste der überlebenden Söhne Archelaos bekam Judea (er hielt es aber nur bis zum Jahr 6.n.Ch, als er wegen Unruhen, die seine Herrschaft begleitet haben, von Römern abgesetzt wurde, und diese setzen hier eine eigene Verwaltung ein). Herodes Antipas, den wir aus der Geschichte des Johannes des Täufers, aber auch als den unwilligen Richter Christi am Karfreitag kennen, bekam Galiläa und der jüngste Sohn, Herodes Philippos, bekam eine Tetrarchie (also ein Viertel des Reiches) Gaulanitis (heutige Golanhöhen) und Paneas auf dem Fuße des Berges Hebron. Und gerade am Ursprung des Jordans baute er die Hauptstadt seiner Tetrarchie. Diese Stelle war nämlich sehr begehrt. Bereits in den Zeiten des Herodes des Großen ertrotzte sich diesen Ort die ägyptische Königin Kleopatra. Sie besuchte diesen Ort einmal als Gast ihres jüdischen Verbündeten Herodes und er gefiel ihr so sehr, dass sie ihn unbedingt haben wollte. Weil hinter Kleopatra ihr Liebhaber und langjähriger Freund des Herodes Mark Anton und mit ihm eine Menge römischer Legionen standen, konnte Herodes den dringenden Wunsch der ägyptischen Königin nicht abschlagen und übergab ihr  „gern“ das Gebiet. Nachdem die beiden obengenannten Liebenden Oktavianus Augustus unterlagen und Selbstmord begingen, nahm sich Herodes dieses Gebiet zurück und baute hier einen dem Kaiser Augustus gewidmeten Tempel. Das gefiel zwar den Juden überhaupt nicht, sie konnten aber nichts dagegen tun.

               Der Platz ist auch heute noch sehr schön. Aus einer Höhle sprudelte hier eine Quelle des Flusses, der für alle Menschen in Palästina das Leben symbolisierte. Heute ist der Abfluss aus der Höhle in Folge eines Erdbebens blockiert, der Fluss entspringt etwas tiefer. Gerade hier, vor dem rotgelben Felsen, unter dem der Fluss entsprang, an dem Ort mit der unermesslichen symbolischen Bedeutung, beauftragte Christus Petrus mit der Führung seiner Kirche, die er gründen wollte und die für die Welt die gleiche Bedeutung haben sollte, wie der Fluss Jordan für Palästina – nämlich die Bedeutung einer gewaltigen Quelle des Lebens.

               Unter dem Felsen gibt es eine Reihe Ruinen hellenistischer Tempelanlagen und eine Menge Plätze, wo man eine Messe für die Pilger lesen könnte. Wenn man einen Nachwuchs in der Familie erwartet, könnte man das Wasser aus dem Fluss, in dem Christus selbst getauft worden ist, mitnehmen (Obwohl die Stelle, wo er getauft worden ist, weit flussabwärts liegt, nur ein kleines Stück oberhalb von Jericho. Man kann aber nur schwer herkommen, da dieses Ort direkt an der Grenze zwischen Israel und Jordanien liegt und damit in der Militärzone. Es gibt hier eine orthodoxe Kirche, die an diese Taufe erinnert).

               Das Zentrum der Mission Christi war das Städtchen Kapernaum (Kefar Nahum) am Ufer des Sees Genezareth. Er kam hierher nachdem er in Nazareth nicht als Messias anerkannt worden war. Hier lebte Petrus bei seiner reichen Schwiegermutter. Über den Fundamenten des Hauses des Petrus steht heute als das Zentrum Kapernaums eine schwebende Kirche der Franziskaner. Natürlich drängt sich die Frage auf, wie man das Haus des Petrus identifizieren konnte. Übrigens Katholiken können sich mit Orthodoxen über die Lage des Hauses nicht einigen – das orthodoxe Kapernaum steht um ca. hundert Meter weiter und ist von dem katholischen durch eine Mauer getrennt.

               Zur Lokalisation der heiligen Stätte kann man allgemein sagen: die Orte bestimmte die heilige Helena, die Mutter Kaisers Konstantins. Als ihr Sohn durch das Edikt von Mailand im Jahr 313 das Christentum für eine mit dem alten Polytheismus gleichwertige Religion anerkannte, unternahm seine Mutter, die bereits in der Zeit der Christenverfolgung mit der neuen Religion sympathisierte und sich im Jahr 312 taufen ließ, im Jahre 326 eine Pilgerreise ins Heilige Land. Sie entschloss sich, alle Orte der Tätigkeit Christi zu besuchen und als Mutter des Kaisers fand sie natürlich überall genug Menschen, die bereit waren, ihr diese Orte zu zeigen – egal, ob sich jemand an sie erinnern konnte oder nicht – eine Reihe dieser Plätze wurde dann zu Pilgerorten. Übrigens, die Kaisermutter fand auf Golgota sogar auch das Kreuz, an dem Christus gekreuzigt worden war. Auf den Orten, die die Kaisermutter als authentisch betrachtete, wurden gleich Kirchen gebaut. Sie wurden alle während der persischen Invasion im Jahr 614 zerstört und nach der arabischen Landeinnahme im Jahr 635 nicht wieder gebaut. Es waren die Kreuzfahrer, die in ihrem Königreich in den Jahren 1099 – 1291 eine Reihe dieser Kirchen erneuerten, sie beschränkten sich aber im Allgemeinen auf das Gebiet von Jerusalem und Betlehem. Also, die derzeitigen Kirchen, die auf den Fundamenten der byzantinischen Vorfahren stehen, die Kaiserin Helena bauen ließ, stammen großteils aus dem zwanzigsten, manche sogar aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert. Über das Haus des Petrus stehen also Ruinen einer byzantinischen Kirche und über die schwebt dann die Konstruktion der neuen Franziskanerkirche. Hier wird der Anfang der Mission Christi in Kapernaum erwähnt (in Latein): „Jesus ging in das Haus des Petrus und sah, dass dessen Schwiegermutter im Bett lag und Fieber hatte. Da berührte er ihre Hand und das Fieber wich von ihr. Und sie stand auf und sorgte für ihn.“ (Matthäus 8, 14-15, Markus 1, 29 – 31 und Lukas 4, 38-39)        

Kapernaum kann sich auch mit Resten einer wunderschönen Synagoge im hellenistischem Stil mit korinthischen Säulen rühmen, die im vierten Jahrhundert gebaut worden ist, offensichtlich begannen zu dieser Zeit die Juden nach Palästina zurückzukehren.             

               Unweit von Kapernaum am Ufer des Sees Genezareth steht ein Kirchlein des heiligen Petrus. Es steht auf dem Ort, wo Christus Petrus mit der Führung der Kirche nach seinem Tod und Auferstehung beauftragt haben soll. Also handelt sich hier um den Ort, an dem der erste Papst inauguriert wurde: „Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! (Johannes 21,15)

               Das Johannesevangelium, das nicht zu den synoptischen Evangelien gehört und den anderen sogar mehrmals widerspricht, hat eine große Ausdruckkraft. Auch diese Geschichte der Erscheinung Christi bei den Fischern, seinen ehemaligen Gefährten, die ihn zuerst nicht erkannten, als er sie beriet, an welcher Seite des Bootes sie ihr Netz auswerfen sollten um eine reiche Beute zu haben (sie fingen eine symbolische Zahl von 153 Fischen, da es damals genau so viele bekannte Nationen gab) Dann tischte er für sie auf einem Felsen einen Frühstück aus Brot und gebratenen Fischen auf. Nur seine einfache Worte: „Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du.“ (Johannes 21,12) verleihen der Geschichte eine starke Authentizität, bei der es einem kalt über den Rücken läuft. Besonders, wenn man direkt auf dem Ort, wo sich dieses Ereignis abgespielt hat, steht. Der Felsen, auf dem Jesus seinen Gefährten zu essen gab, steht im Inneren der Kirche. Er ist mit einer Anschrift: „Mensa Christi“ gekennzeichnet und man darf ihn berühren und bei ihm beten. Eine Statuengruppe vor der Kirche erinnert an die Ernennung Petri, rund um gibt es dann viele Vordächer für Lesung der Messen und viele Blumen. Der Ort wird vom Wasser des Sees umspült und auf dem See segeln auch heute gleich wie damals Fischerboote – der beste Fisch, den der See bietet, ist „St. Petersfisch“. Er hat weißes feines Fleisch und schmeckt wunderbar, besser gegrillt als paniert.

               In der Gegend des Sees Genezareth spielte sich der Großteil der Mission Christi ab. Die größte Stadt in dieser Gegend ist Tiberias. Die Stadt ließ Herodes Antipas auf den dortigen thermalen Quellen bauen und benannte sie nach dem damaligen Kaiser Tiberius, sie steht bis heute. In der Bibel wird deshalb der See Genezareth manchmal auch Tiberiassee genannt. Ob gerade hier Johannes der Täufer hingerichtet wurde, wird in der Bibel nicht erwähnt, es ist aber sehr wahrscheinlich. Sollte es am Tag des Geburtstages des Herodes passieren, wo zahlreiche ehrenwerte Gäste eingeladen wurden, dann ist naheliegend, dass es in seiner repräsentativen Residenz geschehen musste. Ich muss zugeben, es ist mir bis heute nicht klar, warum Johannes der Täufer Herodes wegen seiner Ehe mit seiner Schwägerin Herodias, die er wirklich liebte, so aggressiv angegriffen hat. Das Alte Testament befiehlt sogar dem Bruder eines Verstorbenen, der ohne Sohn und damit ohne Erben starb, mit der Witwe einen Sohn als den Erben des Verstorbenen zu zeugen. Wir wissen, dass es mit Onan, der sich weigerte, diesen Befehl des Gesetzes vollzuziehen, ein schlechtes Ende nahm. Herodes Boethos, der Halbbruder von Antipas, hatte mit seiner Gattin lediglich eine Tochter Salome, also keinen Sohn und Erben. An einer anderen Stelle des Alten Testaments verbietet zwar die Schrift einem Mann seine Schwägerin nackt zu sehen, hier handelt sich aber offensichtlich um die Frau eines lebenden Bruders. Herodes Antipas war ein gutmütiger Mensch. Er scheute einen Konflikt mit dem Propheten und litt also schweigend. Nicht so aber Herodias. Man sollte sich Frauen lieber nicht zu Feinden machen. Das kann nämlich tödliche Folgen haben. Wenn sie von einem die Schnauze voll haben, sind sie bereit, jedes Mittel zu nutzen, um ihn loszuwerden. So war es dann auch mit Johannes dem Täufer und das ist die Lehre aus dieser tragischen Geschichte, die sich in Tiberias, am Ufer des Sees Genezareth, abgespielt hat.

               Die Stadt fand noch einmal einen Eintrag in die Geschichtsbücher und zwar im Jahr 1187. Damals entschloss sich Sultan Saladin dem christlichen Königreich von Jerusalem ein Ende zu bereiten. Die Templerritter boten ihm mit ihrem Fanatismus und mit dem Mord an seiner Schwester einen guten Vorwand zu einem Krieg. Saladin wartete den Sommer ab und in der größten Hitze begann er die Belagerung der Stadt Tiberias, wo sich gerade die Gattin des Königs Guido von Lusignan, Sibylle, aufhielt. Einen Feldzug im Sommer zu beginnen war äußerst ungewöhnlich, deshalb fühlte sich  Sibylle hier in Sicherheit, der listige Saladin verfolgte aber ein klares Ziel. Er kannte den ehrgeizigen König Guido und wusste, dass dieser keinesfalls eine Gefangennahme seiner Gattin riskieren würde um der Feigheit beschuldigt werden zu können. Das Heer der Kreuzritter brach in der größte Hitze zum Marsch gegen Tiberias auf und wurde unweit von der Stadt bei Hattin umzingelt, von Wasser abgeschnitten und dann vollständig vernichtet. An diesem Ort wurde also das Ende der christlichen Macht in Palästina besiegelt. Die nächsten hundert Jahre bis 1291, als die letzten Kreuzfahrer Palästina verließen und wovon ich bereits im Artikel über Akko geschrieben habe, waren nur mehr ruhmlose und immer mehr verzweifelte Verteidigungskämpfe.

In zwei Wochen kehren wir zur Mision Christi und zum See Genezareth zurück.

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