Das toskanische Volterra ist ein verstecktes Nest in den toskanischen Bergen. Es ist so versteckt, dass mein erster Versuch im Jahr 2000, die Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, scheiterte. Zwischen San Gimignano, wo ich war, gab es nach Volterra keine Eisenbahn und keine Busverbindung und  ein Taxi hätte man in Col Val d´Elsa bestellen müssen, wo es nur einen Taxibetreiber gab und dieser kein Auto frei hatte. Das Problem war, dass ich damals mit meinem damaligen Chef unterwegs war, der zwar ein Auto für unseren Toskanabesuch bestellt hat, den Führerschein aber zu Hause vergaß und ich hatte auch keinen mit. Also musste ich nach Volterra fünf Jahre später mit eigenem Auto fahren.

Wahrscheinlich dank seiner Lage war es die letzte etruskische Stadt, die die römische Herrschaft akzeptieren musste. Und es ist darauf gehörig stolz. Volterra, das sind Etrusker ohne Ende, ob schon in den Museen oder in den Souvenirshops.

               Übrigens der Letzte, der in der Sprache der Etrusker lesen uns schreiben konnte, war angeblich Kaiser Claudius, also seit dieser Zeit sind beinahe zwei tausend Jahre vergangen. So lange ist schon die Sprache des einmal so mächtigen Volkes vergessen. Böse Zungen – besonders der Schriftsteller Robert Graves – unterstellen Claudius, dass seine Hauptmotivation, die Kaiserkrone, nach der er niemals strebte, nach dem Tod seines Neffen Caligula anzunehmen, die Tatsache war, dass zu seinen wissenschaftlichen Vorträgen über die etruskische Kultur niemand kam (möglicherweise auch deshalb, weil er stotterte). Als er Kaiser geworden ist, mussten die Höflinge diese Vorträge besuchen, egal wie sie sich dabei gelangweilten. Nur zu lachen über den stotternden Kaiser war verboten.

               Aber zurück zu Volterra. Seine Lage auf dem Gipfel eines der toskanischen Hügel verleiht ihm ein monumentales Aussehen, nicht umsonst wird Volterra für eine der schönsten toskanischen Städte gehalten – und hier gibt es eine wirklich starke Konkurrenz.

Zu einer Festung wurde es im vierten Jahrhundert vor Christus ausgebaut, als Etrusken bei dem Blick darauf, wie eine ihre Stadt nach der anderen von Römern eingenommen wurde, in der Panik ihre Stadt mit einem sieben Kilometer langen Mauerring umgaben. Und diese Mauer gab den Römern zu schaffen. Im Jahr 79 vor Christus gelang es dem Diktator Sulla endlich nach einer zweijährigen Belagerung die Stadt einzunehmen und der römischen Verwaltung als ein „Municipium“ zu unterstellen. Von der etruskischen Befestigung der Stadt blieb nur ein Tor erhalten – „Porta all´Arco“, alles andere ging in den darauffolgenden Jahrhunderten zugrunde. Bereits im Laufe der ersten hundert Jahre unter der römischen Herrschaft vergaßen die Etrusker sogar ihre Sprache. So blieb es auch, bis der Tourismus im zwanzigsten Jahrhundert die Erinnerung an diese alte imposante Kultur wieder erwachen ließ. Gescheit ließ sich Volterra ein Monopol auf die etruskische Kultur patentieren. Die Stadt kann sich bei ihrem Gelehrten Mario Guarnacci (er lebte in den Jahren 1701 – 1785) bedanken, da er in Volterra mit den Ausgrabungen begann und seine Funde ein Interesse an der alten aber schon seit ewiger Zeit vergessenen Kultur weckten. Das Museum der etruskischen Kultur trägt seinen Namen „Museo Etrusco Guarnacci“

               Bei der Anfahrt zur Stadt fährt man an einer Menge von Manufakturen für die Bearbeitung von Alabaster vorbei. Volterra ist das italienische Zentrum dieser Kunst – oder eher des Handwerkes und in der Stadt darf natürlich ein Alabastermuseum nicht fehlen. Man findet es im Gebäude der Pinakothek, aber auch im Rathaus kann man Gefäße aus Alabaster in  verschiedenen Farben bewundern, von schneeweiß bis rosarot oder beinahe rot.

               Die wichtigsten Gebäude des Stadtzentrums stammen aus dem dreizehnten Jahrhundert, also aus der Blütezeit des mittelalterlichen Volterra, als die Stadt eine prosperierende selbständige Kommune war, bis sie im Jahr 1361 unter Kontrolle des mächtigen Nachbarn Florenz geraten ist.

               Es bleibt für mich ein Rätsel, warum das alljährige Stadtfest, das jeden dritten und vierten Sonntag im August veranstaltet wird, eine Beziehung zum Jahr 1398 hat („Giornata di Festa nell´Anno Domini 1398“). Trotz allen meinen Recherchen konnte ich nicht erfahren, was so Wichtiges in diesem Jahr passieret ist, das die Bürger von Volterra jedes Jahr so intensiv feiern. Sollte das jemand von meinen Lesern wissen, bitte ich um eine Benachrichtigung.

Wir hatten Glück, dass wir gerade an einem solchen Sonntag die Stadt besuchten ohne zu ahnen, was auf uns wartete. Es war sehr vorteilhaft, dass wir Frühaufsteher sind und außerdem meine Frau immer nach dem Abschluss der täglichen Kulturreise noch baden wollte. Also verließen wir unseren Stützpunkt in Marina di Cecina so früh, dass wir erstens keine Probleme bei der Parkplatzsuche hatten und zweitens wir uns in die Stadt einschleichen konnten, noch bevor die Einheimischen die Straßensperren und Kassen bei Stadteingängen einbauen konnten, um danach die Gebühr für den Eintritt in die Stadt zu kassieren. Die logische Folge war, dass wir ohne eine Eintrittskarte die Stadt nicht mehr verlassen und wieder zurückkehren durften, aber es gab keinen Grund zur Klage, es war genug, was wir sehen und bewundern konnten. Umzüge von Männern und Frauen in rot-weiß mit Trommeln und Pfeifen, den Tanz mit Fahnen, die Delegationen der befreundeten Städte wie Prato in den Kostümen mit Bannern und Wappen und mit Armbrüsten und Lanzen. Auf dem Platz vor dem Rathaus gab es dann auch Duelle (die so wage ausgetragen wurden, dass es ein Gefühl hinterlassen hat, dass die Kämpfe ihre Waffen das erste Mal im Leben in der Hand hatten – nicht vergleichbar mit dem traditionellen und im Mitteleuropa etablierten historischen Fechten), Bauchtänzerinnen und zum Schluss eine Schlacht mit gerollten Socken, an der alle Anwesenden teilgenommen haben.

Überall in den Straßen gab es natürlich Vorführungen des mittelalterlichen Handwerkes, aber auch ein Karussell für die Kinder, das von einem Esel getrieben wurde. In den Straßen gab es mit Tüchern abgedeckte Tavernen, für jede Zunft eine, und man aß, wie anders – mit Löffeln aus Holz oder mit den Händen. Zum Essen wurde neben einem Brei aus gekochtem Gemüse auch Schweinsbraten auf Rosmarin serviert mit einem sodbrennengefährlichen Hauswein. Für Euro konnte man dort nichts kaufen, zuerst musste man die europäische Währung in den Wechselstuben für lokale „Il grosso Volterrano“ umtauschen, die Verkäufer akzeptierten ausschließlich diese Währung. (Die man allerdings bis zu zwei Wochen nach dem Fest wieder für Euro umtauschen konnte).

Trotz des ganzen Aufruhrs in den Straßen konnten wir auch die Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten kennenlernen. Der „Palazzo dei Priori“ auf dem Hauptplatz „Piazza dei Priori“ ist ein gigantisches Gebäude aus dem dreizehnten Jahrhundert – angeblich das älteste Rathaus in der Toskana (eine italienische Stadt kann ohne ihres „piú“ einfach nicht existieren).

Es diente als Vorbild dem „Palazzo vecchio“ in Florenz. Zum „Palazzo dei Priori“ führt der kürzeste Weg von dem berühmtesten und ältesten Tor von Volterra „Porta all´Arco“, an dem sich allerdings sein Alter schon deutlich bemerkbar machte.

Im Konferenzsaal des Rathauses, wo heute die gewählten Vertreter der Stadtverwaltung ihre Sitzungen abhalten, ist die Frontwand mit einem wunderschönen Fresko „Kreuzigung Christi“ von Pietro Francesco Florentino bemalt. Kreuzgewölbe mit sehr breiten Bögen aus Marmor und einem fast filigranen Schmuck, sowie auch die Stadtfahnen in einer Ecke des Saales verleihen dem Raum einen würdenvollen Eindruck. Aus einem kleinen Vorraum gibt es dann einen wunderschönen Blick auf den Platz aus der Vogelperspektive. Die gegenüber liegende Seite des Platzes wird vom „Palazzo Pretorio“ mit einem riesigen Turm mit Schweinskopf dominiert. Nach dem Schweinskopf erhielt der Turm seinen Namen „Torre del Porcelino“ (Schweinsturm).

               Die „Catedrale Santa Maria Assunta“ auf der „Piazza San Giovanni“ ist nur ein paar Schritte entfernt. Die Kathedrale wirkt auf den Besucher nicht mehr so imposant, offensichtlich waren die Bürger von Volterra beim Bau der Kirche schon wesentlich knapper bei Kassa. Die Fassade ist aus Backsteinen gebaut worden, nur der Eingang erhielt einen Marmorrahmen und der Glockenturm aus den Backsteinen ist von der Fassade der Kathedrale ziemlich entfernt, als ob er mit der Kirche keinen gemeinsamen Komplex bilden möchte. Das Innere der Kirche ist reicher als das Äußere, die Schiffe sind voneinander durch Säulen mit engen romanischen Bögen getrennt, die Mauern sind durch Streifen aus weißem und rotem Marmor geschmückt. Die Decke im Stil der Renaissance ist vergoldet und die Kanzel ist ein von vier Löwen getragenes gotisches Werk. Über dem Altar glänzt ein prächtiger Baldachin aus Alabaster.  Das Baptisterium steht der Kathedrale gegenüber, hat die klassische Form eines Sechseckes, mit Marmor ist allerdings nur die Frontseite bedeckt, offensichtlich schafften es die Bürger von Volterra mit dem Einzug der Pest und dann der florentinischen Truppen nicht mehr, den Bau zu vollenden. Auch das Innere ist einfach, die Wände sind ohne Schmuck und in der Mitte befindet sich ein Taufbecken aus Marmor.

               Zum etruskischen Museum muss man aus dem Stadtzentrum bergaufwärts an der Kirche des heiligen Augustinus vorbei gehen. Diese Kirche hat eine Barockfassade und ein romanisches Inneres, in ihrer Nähe befindet sich das Foltermuseum und das Museum der sakralen Kunst. Wie sich diese zwei Dinge vertragen, ist schwer zu sagen, es gab allerdings Zeiten in der Menschheitsgeschichte, in denen sie sich sehr nah lagen.  

               Das Alabastermuseum darf in Volterra natürlich nicht fehlen, im Erdgeschoss gibt es Werke aus diesem Material von modernen Künstlern, in den Obergeschoßen gibt es dann ältere Gegenstände und eine nachgemachte Werkstatt für Alabasterbearbeitung.

               Endlich erreichen wir das Ziel, des wegen wir nach Volterra gefahren sind, also das Etruskische Museum Guarnacci. Man wird von einer Sammlung von mehr als sechshundert Urnen begrüßt. Auf den ersten Blick schauen sie alle gleich aus, geschmückt sind sie mit Bildern der Kampfszenen und auf dem Deckel mit einer liegenden Figur. Das berühmteste Grabmal ist eine Terrakotta eines Ehepaares, auf der sich die Eheleutedie in die Augen schauen. Wegen der Urnen und Grabmäler fuhren wir aber nach Volterra nicht. Das einzigartige an der etruskischen Kunst ist die Erzeugung der etruskischen Bronzefiguren. Etrusker hatten ihren eigenen figuralen Stil. Entweder waren sie wirklich so schlank oder war die Schlankheit das Schönheitsideal oder hatten ihre in die Höhe gezogenen, beinahe fadenförmigen, Figuren eine symbolische oder rituale Bedeutung. Das berühmteste Exponat ist eine Votivfigur aus Bronze, so genannte „Ombra della Sera“ also „Abendschatten“. Natürlich wurde sie im Souvenirgeschäft angeboten und selbstverständlich kauften wir sie. Ob sie Glück bringen oder uns wieder nach Volterra locken sollte, wissen wir nicht, Aber, grundsätzlich – warum nicht?  

Auf dem höchsten Punkt einige hundert Meter hinter dem Etruskischen Museum ragt zum Himmel ein runder Turm der „Fortezza Medicea“, also der Medicäerfestung. Die Festung schaut imposant aus, ist aber nicht für die Öffentlichkeit geöffnet. Zu einem Eintrittsticket für die Festung kann nur ein Verbrechen werden, weil sie als Gefängnis dient.      

Wenn man auf der „Via di Castello“ zum Stadtzentrum absteigt, führt dieser Weg auf die „Acropoli etrusca“ mit einer römischen Zisterne. Die ehemalige Akropolis der Stadt wird heutzutage stolz „Parco archeologico“ genannt, alles Interessante wurde aber bereits ausgegraben und befindet sich im Museum, Neben einigen verfallenen etruskischen Gräbern gibt es hier nur mehr einen Spielplatz für Kinder.

               Wenn man noch immer von der Stadt nicht genug hätte, kann man auf die Nordseite gehen, wo man unter den Stadtmauern Reste von einem ehemaligen römischen Theater und einer Therme finden kann. Der schönste Blick auf die Ruinen bietet sich von der Stadtmauer aus, am bestens vom Park „Parco publico il Bastione“, wo es möglich ist, sich nach einem anstrengenden Tag zu erholen, bevor man die Stadt verlässt.

In unserem Fall in Richtung Marina di Cecina, damit meine Frau noch baden konnte.  

               Wer nicht baden möchte und ein bisschen Adrenalin mag, dann sollte er noch zur so genannten „Balze“, also zu Steilabhängen, nahe der Stadt fahren. Bei Felsenabstürzen wurden hier bereits etruskische, römische sowie auch mittelalterliche Siedlungen begraben, das nächste wird die Camaldoleser-Abtei sein, die aus diesem Grund bereits verlassen wurde.

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