Syrakus war einmal eine der größten Städte der Welt. Nicht umsonst wurde es von Cicero „die schönste griechische Stadt“  genannt. In seinen glorreichsten Zeiten lebten hier eine halbe Million Einwohner. Heute, zweitausend und dreihundert Jahre später, ist das nicht einmal ein Viertel davon. Im Jahr 734 vor Christi erkannten Siedler aus Korinth die geniale Lage der Bucht von Syrakus, wo sich heute der Große Hafen – „Porto Grande“ – befindet und als sie noch dazu auf der Insel Ortigia eine ausgiebige Süßwasserquelle fanden, wurde das Schicksal dieses Ortes entschieden. Die Korinther gründeten hier eine Kolonie. Die Quelle auf der Insel gibt es immer noch, man kann sie finden, wenn man von der Kirche „Santa Lucia alla Badia“ entlang der Straße „Via Picherali“ geht und sie trägt den Namen der Nymphe Arethusa. Diese, einer Legende nach, warf sich auf der Flucht vor dem Flussgott Alpehios auf der Ostküste des Peloponnes ins Meer und tauchte in Ortigia auf, direkt auf der Stelle, wo dann kaltes Quellwasser sprudelte. So zumindest wird diese Geschichte von Vergil beschrieben.

               Bald nach ihrer Gründung expandierte die Stadt auf das Festland hinter der Insel und in der Zeit ihrer größten Blüte war ihre Stadtmauer 22 Kilometer lang. Um sich eine Vorstellung von der Größe des damaligen Syrakus machen zu können, müssen wir bedenken, dass die Festung „Castello Eurialo“, die man von der Straße aus der Richtung Catania sehen kann, ein Teil der Stadtbefestigung war. Nur dann stockt einem der Atem. Syrakus war ein ganzes Jahrtausend die wichtigste Stadt der Insel, bis die Araber die Hauptstadt nach Palermo verlagerten. In den Zeiten des Kaisers Konstans II. also im siebenten Jahrhundert n. Ch., war Syrakus kurz sogar die Hautstadt des Byzantinischen Reiches. Dann wurde es aber von den Arabern erobert und danach mit Hilfe des byzantinischen Admirals Maniacos, nach dem die Festung auf dem südlichsten Ausläufer von Ortigia ihren Namen bekommen hat, von Normanen eingenommen. Syrakus verlor danach immer mehr an Bedeutung, die dann Palermo übernahm.

               Besuchswert ist die Stadt auch heute noch, obwohl sie von ihrer Schönheit aus der Ciceros-Zeit viel eingebüßt hat. Die Altstadt befindet sich auf der Insel Ortigia, Neapolis, also die Neustadt, auf dem Festland. Die wichtigsten archäologischen Funde als Erinnerung an die Zeiten der glorreichen Diktatoren von Syrakus, findet man auf dem Festland in „Parco archeologico“.    

               Das Beeindruckteste davon ist das griechische Theater.

Es ist gigantisch, gebaut aus weißem Marmor mit einem Durchmesser von 138 Meter (zu Vergleich – der Durchmesser des Theaters von Athen hatte nur 100 Meter), mit 61 Reihen von Sitzplätzen für insgesamt 15 000 Besucher (in anderen Quellen fand ich sogar 30 000). Oberhalb des Theaters gibt es im Felsen kleine Höhlen, wo man sich im Schatten ausruhen kann, aus einer davon sprudelt immer noch Wasser wie in den besten Zeiten von Syrakus und fließt in die antiken Kanäle. Damals diente das Wasser zur Erfrischung der Zuschauer, zum Beispiel, als hier die Uraufführung des Theaterstückes „Die Perser“ von Aischylos in Anwesenheit des Autors stattgefunden hat.

               Das römische Amphitheater, das sich nicht weit davon befindet, hat bei weitem nicht diese imposanten Maße. Ob hier die Gladiatorenkämpfe ausgetragen wurden, ist bis heute nicht ganz sicher, aber aus welchem anderen Grund hätte die Römer das Amphitheater besucht? Zwischen dem Theater und Amphitheater sieht man den Altar Hierons II. Der Altar hat unglaubliche Maße von 198×23 Meter und zu Ehre des Zeus wurden hier bis zu 450 Stiere geopfert, die dann die Bewohner der Stadt in Rahmen der Feierlichkeiten verspeist haben. Es wird erzählt, dass Hieron 300 Ochsen schlachten ließ, als der im Jahr 287 v.CH. in Syrakus geborene Archimedes sein berühmtes Gesetz entdeckte. Seitdem zittern alle Ochsen, wenn etwas Neues entdeckt wird.

               Die Stadt hatte sogar zwei Tyrannen mit dem Namen Hieron. Immer waren es geschickte Politiker, die Macht und Reichtum der Stadt vermehren konnten. Hieron I. wurde zum Tyrann im Jahr 478 vor Christi, als er die Macht nach seinem Bruder übernahm – bis dahin herrschte er im naheliegenden Gela. Er schaffte es, die ewig zerstrittenen griechischen Kolonien auf der Insel zu einen und gemeinsam dann  bei Cumae die expandierenden Etrusken zu besiegen. Zur Ehre dieses Sieges ließ Hieron auf der Insel Ortigia einen Tempel der Göttin Athena (Pallas Athena war Göttin eines vernünftig geführten Krieges, die Griechen glaubten, das so etwas wirklich existiert) im monumentalen dorischen Stil bauen. Die Säulen dieses Tempels kann man auch heute in einem sehr guten Zustand bewundern, weil dieser Tempel zum Dom von Syrakus umgebaut wurde und die Säulen die Seitenschiffe der Kirche tragen. Dank dieser Säulen hat die Kirche ihren Namen „Santa Maria delle Collone“ bekommen.   

               Hieron II. lebte zweihundert Jahre später. Er übernahm die Macht in Syrakus im Jahr 269 v.Ch, gerade rechtzeitig, da vier Jahre später der erste punische Krieg zwischen Rom und Karthago ausbrach. Sizilien wurde nämlich zum Zentralpunkt der kriegerischen Handlungen und Hieron zum Segen für seine Stadt, da er sich weitsichtig an die Seite Roms stellte, obwohl es am Anfang überhaupt nicht danach aussah, dass die Römer, die sich in der Seefahrt überhaupt nicht auskannten, die geborenen Seeleute von Karthago besiegen könnten. Es zeigte sich, dass er auf die richtige Karte gesetzt hatte. Rom hat den Krieg im Jahr 241 v.Ch. gewonnen und nahm ganz Sizilien ein. Hieron konnte allerdings als Dank für seine Loyalität  unabhängig von der römischen Macht bleiben und sein Königsreich im Osten der Insel unterlag nicht der römischen Verwaltung. Als im Jahr 218 v. Christi der zweite punische Krieg begann, lebte er noch und er hätte seine Strategie der Zusammenarbeit mir Rom nicht geändert. Er starb aber im Jahr 215 und sein Nachfolger Hieronymus wechselte unter dem Eindruck des Sieges von Hannibal über die Römer bei Cannae die Fronten und trat zu Karthago über. Er wurde zwar noch im gleichen Jahr ermordet, Syrakus hat die propunische Partei aus der Stadt vertrieben und wieder seine Loyalität zu Rom erklärt, aber die Römer konnten sich diese hervorragende Gelegenheit, die letzte unabhängige Enklave auf „ihrem Sizilien“ zu erobern nicht entgehen lassen und sie schickten nach Syrakus eine Armee unter der Führung Generals Marcellus. Wir sollten merken, dass es im Jahr 214.v.Ch war, zwei Jahre nach der vernichtenden Niederlage bei Cannae, als Hannibal in Capua saß und ganz Mittelitalien direkt vor der Toren Roms beherrschte. Für so ein Unternehmen muss man feste Nerven haben und die hatten die Römer wirklich. Allerdings, bei der Belagerung von Syrakus trafen sie auf einen Gegner, mit dem sie offensichtlich nicht gerechnet hatten – auf den Mathematiker und Physiker Archimedes. Der bereits ältere Wissenschaftler amüsierte sich die ganze Zeit durch Erfindungen speziellen Verteidigungsmaschinen, wie zum Beispiel „Die Kralle von Archimedes“ oder verschiedenen Katapulten. Angeblich reichte es mit der Zeit nur einen Ast auf den Mauern hochzuheben und die Römer ergriffen panische Flucht. Sein Meisterstück war das Anzünden der Segel der römischen Flotte im großen Hafen durch Linseneffekt, das er durch polierte Bronzenschilde der Soldaten auf den Mauern erreichte. General Marcellus verlor in diesem Moment seine Nerven und rief, dass er keine Lust hätte, weiter gegen einen einzigen Mathematiker Krieg zu führen.

               Die lange Belagerung führte aber dazu, dass die Aufmerksamkeit der Bürger von Syrakus nachgelassen hat. Wegen Römer, die sich machtlos vor den unüberwindbaren Mauern der Stadt langweilten, waren sie nicht bereit, sich die Angenehmlichkeiten des Lebens entgehen zu lassen, wie die Feier der Göttin Artemis. An dieser Feier wollten unbedingt auch die Wachen der Stadtmauern teilnehmen. Die Römer erfuhren das, und einer kleinen Gruppe römischer Soldaten gelang es, die unbewachte Mauer zu erklimmen und die Stadttore zu öffnen. Die Stadt wurde von Römern eingenommen und dabei starb auch Archimedes. Er wurde von einem römischen Offizier aufgefordert, zu Marcellus zu gehen, gerade, als er dabei war, ein kompliziertes mathematisches Problem zu lösen. Der Römer wurde durch die Antwort von Archimedes „Störe meine Kreise nicht“ sosehr beleidigt, dass er den Alten tötete.

               Neben dem archäologischen Park gibt es einen Steinbruch, aus dem die Steine des griechischen Theaters und vielen weiteren Bauten in der Stadt stammen. Hier arbeiteten Kriegsgefangene (heute ist es ein Park unter dem freien Himmel, aber im Jahr 413 wurde noch unterirdisch gearbeitet). Gerade in diesem Jahr wurden hierher 7000 gefangenen Soldaten des Heeres von Athen zu Zwangsarbeit gebracht. In Griechenland tobte damals der „Peloponnesische Krieg“ zwischen Sparta und Athen um die Macht über das Griechenland und das Schicksal dieses Krieges entschied sich überraschenderweise auf Sizilien vor Syrakus. Syrakus war ein Verbündeter von Sparta, da es sich nicht vor der Seemacht Athen beugen wollte. Sparta war keine Seemacht und brauchte Versorgung mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen, die Athen mit seiner Flotte zu unterbinden versuchte. Die Flotte von Syrakus konnte aber Sparta ausreichend versorgen und der Krieg war damit in einer Pattstellung. Deshalb entschied sich der Politiker von Athen, Alkibiades, Syrakus zu brechen und in weiterer Folge dann auch Sparta. Im Jahr 415 v.Ch. stach eine riesige Flotte von 140 Trieren in See in Richtung Sizilien und es folgte eine erfolglose Belagerung der Stadt. Als im Großen Hafen die Flotte von Athen vernichtet wurde, entschieden sich die Athener zum Rückzug. Viel zu spät!. Im Inneren der Insel wurden sie eingekesselt und besiegt. Der Heerführer Nikias wurde hingerichtet und siebentausend Gefangene nach Syrakus überführt, um hier im Steinbruch inmitten der Stadt zu arbeiten.

               Heute ist der Steinbruch ein Park und eine besondere Attraktion ist das so genannte „Ohr des Dionysos“. Es ist eine künstliche Höhle 60 Meter lang und 23 Meter hoch mit einer Breite von fünf bis zehn Metern mit einer unglaublichen Akustik. Laut einer Legende konnte der Tyrann Dionysos dank dieser Höhle auch die stillste Gespräche der Gefangenen abhören.            

               In die Altstadt gelangt man auf dem Weg um eine furchtbare Kirche aus Beton namens „Santuario della Madonna delle Lacrime“ und sie schaut tatsächlich zum Weinen aus.

Man kann aber nichts tun, dieses Ungeheuer ist ein Wahrzeichen des modernen Syrakus. Gleich nebenan befindet sich  die „Basilica di San Giovanni“, berühmt durch ihre Katakomben. Hier lebte die erste christliche Kommunität von Syrakus. Die Kirche wurde mehrmals niedergerissen und wieder aufgebaut, heute ist sie eine Ruine,  nur die erhaltene Krypta des heiligen Marcianus in der Form eines Kreuzes erinnert noch heute an ihren Erbauer, den König von Sizilien und römischen Kaiser Friedrich II.

Der Reiseführer führt euch dann in unterirdische Katakomben, die als Grabstätte, aber auch Versammlungsort, der ersten Christen dienten und deshalb gibt es zwischen unendlichen Gängen auch kleine runde Plätze – es handelt sich wirklich um eine unterirdische Stadt der damals noch in der Illegalität lebenden Christen.   Inmitten der Katakomben führt eine Hauptstraße als Achse der Stadt, auf den Seiten gibt es dann in den Wänden ausgemeißelte Gräber, bedeutende Persönlichkeiten wurden in Sarkophagen begraben, der berühmteste von ihnen ist der so genannte „Adelfia Sarkophag“.        

Die Altstadt auf der Insel Ortigia muss man natürlich besuchen, auch wenn man vom Spazieren durch die Stadt in der Augustsonne bereits mehr als genug hätte. Schmale Gassen bieten übrigens genug Schatten und zahlreiche Restaurants und Bars auch eine Erfrischung.

Über die „Ponte nuovo“ überquert man einen engen Wasserkanal, der den „Großen Hafen“ mit dem Kleinen verbindet und dann kommt man in die alte Stadt mit dem Flair der Vergangenheit. Gleich hinter der Brücke sieht man die Ruine des Apollotempels. Dieser Tempel hat viel durchgemacht und man sieht das auch. Er war einmal ein dorischer Tempel, dann eine byzantinische Kirche,  dann eine arabische Mosche, danach wieder einmal eine Kirche aber diesmal normannisch und zuletzt eine spanische Kaserne. Über den „Corso Matteoti“ kommt man auf den Archimedesplatz mit einer monumentalen Artemisfontäne im Jugendstil.

In der Mitte der Fontäne gibt es eine Statue, wo die Göttin Artemis die bereits erwähnte Nymphe Arethusa in eine Wasserquelle verwandelt – symbolisch wird hier so der Anfang und das Ende der Unabhängigkeit von Syrakus dargestellt. Letztendlich war das gerade die Feier der Göttin Artemis, die dem genialen Mathematiker, auf den Syrakus bis heute sehr stolz ist, den Tod brachte. 

               Um das „Municipium“ herum kommt man auf die „Piazza del Duomo“ mit dem Dom mit großartiger Barockfassade aus dem siebzehnten Jahrhundert und mit einer Treppe mit Statuen des heiligen Petrus und Paulus und auf den ersten Blick schlichtem Inneren.

Das Mittelschiff der Kirche ist nämlich im klassizistischen Stil umgebaut worden, die flache Decke und einige weitere Artefakte lassen aber den ersten Bau aus dem elften Jahrhundert im romanischen Stil vermuten. Die Seitenschiffe werden dafür aber durch monumentale dorische Säulen getragen, die noch an den Tyrannen Hieron I. erinnern. Ich habe genug Zeit, die Betrachtung dieser merkwürdigen aber interessanten Symbiose zu genießen, es war nämlich ein Samstag, in der Kirche wurde gerade eine Hochzeit vorbereitet und meine Frau wollte unbedingt die Braut sehen. Und wie ich schon erwähnt habe, die Sizilianer haben Zeit.      

               Die Quelle der Arethusa ist ein großer ummauerter Teich mit Bäumen, die direkt aus dem Wasser wachsen und mit einer Skulptur, die die Flucht der Nymphe vor dem Flussgott darstellt, die sie hierher gebracht hat. Gleich nebenan gibt es einen kleinen Park mit unglaublich großen Ficusbäumen, ein passender Moment für eine Erholung im Schatten. Nach dem Besuch der Quelle der Arethusa kann man noch einen kleinen Spaziergang zum Großen Hafen unternehmen, wo die Kreuzschiffe vor Anker liegen. Der Hafen ist noch schön und gepflegt, weiter in Richtung der Festung „Castello Maniaco“ wirkt die Stadt (oder zumindest im Jahr 2008 hat sie gewirkt) ziemlich verfallen. Die Häuser waren hier heruntergekommen, die Fenster teilweise zugemauert, offensichtlich ist dieser Teil der Stadt touristisch nicht genug interessant. Die Festung auf dem Kap, die nach dem byzantinischen Admiral benannt wurde, ist nämlich ein militärisches Sperrgebiet und man darf es nicht besuchen.

Die Frage ist, ob wir noch die Energie für den Besuch der Festung hätten, ein Tagesausflug nach Syrakus ist nämlich eine physisch anstrengende Angelegenheit, obwohl wir auch den Besuch der Festung „Castello Euriano“ ausgelassen haben – das hätte meine Frau mit Sicherheit nicht überlebt. Oder ich?

Die Küche in unserem Apartment in San Alesio di Siculo hatte nämlich sie unter Kontrolle und wenn sie böse ist….        

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