Wir haben im letzten Artikel Florenz am Ende des vierzehnten Jahrhunderts verlassen, als es sich bemühte, sich von schweren Schlägen, wie Pest, Konkurs der größten Banken und Aufstand der Ciompi zu erholen. 

Hätten wir damals die Stadt angeschaut, hätten wir eine für ihre Zeit imposante Agglomeration mit acht Kilometer langer Befestigungsmauer gesehen. Auf dem Berg über die Stadt ragte das Kloster San Miniato empor, im Stadtzentrum rivalisierten die „Campanilla“ von Giotto mit dem Turn des „Palazzo vecchio“ um die Ehre des höchsten Gebäudes der Stadt. Den „Palazzo vecchio“ hätten wir im heutigen Aussehen gefunden, natürlich noch ohne David vor ihm, ihm gegenüber die „Loggia dei Lanzi“, die der Versammlungen der dezimierten Bevölkerung der Stadt diente. Auch hier hätten wir vergeblich nach Stauen gesucht, die sie heute schmücken „Perseus mit Kopf der Meduse“ von Benvenuto Cellini und „Raub der Sabinerinen“ von Giambologna. Die Loggia hatte damals nicht einmal ihren heutigen Namen, den bekam sie nach den deutschen Landsknechten des Herzogs Cosimo I. aus der Familie Medici, über die wir uns heute unterhalten werden. Es gab bereits den „Il Bargelo“ und die Kathedrale, allerdings noch ohne die heutige Kuppel. Die finanzielle Notlage der letzten Jahrzehnte erzwang die Unterbrechung des Baus. Dafür ragten über die Paläste der Stadt viele Türme, die aus Ferne bereits angekündigten, dass im Haus eine Familie logiert, die sich mit einem Adelstitel schmücken durfte. Der Fluss Arno wurde von einer einzigen Brücke überbrückt, die wir als „Ponte vecchio“ kennen, statt Goldschmuck wurden hier aber in den Geschäften Lebensmittel und Fische verkauft, der Geruch aus den Buden war für die Überquerung des Flusses nicht gerade einladend, und wer es versuchte, dann am besten mit einem Tuch vor der Nase. Natürlich hätten wir noch nicht den „Palazzo Uffizi“ oder den „Palazzo Pitti“ gefunden, die dominikanische Kirche „Santa Maria Novella“, „San Lorenzo“ oder „Santa Croce“ sahen ganz anders und viel bescheidener aus. Alle diese Kirchen haben auf ihre innere Ausstattung noch gewartet. Natürlich fehlten auch alle heutigen Paläste der reichen florentinischen Familie, die mussten auf ihre Entstehung die Renaissance abwarten.

               Im Hintergrund des politischen Lebens der Stadt arbeitete bereits unermüdlich der Gründer des Ruhmes der Familie, die in die florentinische, aber auch in die Weltgeschichte, eingehen sollte. Giovanni Medici, genannt „Bicci“ war nicht nur ein Bankier, aber auch ein Politiker. Das Bankhaus Medici war relativ jung und nicht besonders groß, damit entging es aber der Katastrophe der älteren Bankhäuser. Giovanni wirkte auch als ein Anwalt und erarbeitete sich eine Position, die einem Justizminister entsprechen würde. Er setzte eine Steuerreform durch, die arme Schichten der Bevölkerung begünstigte und gewann damit in den unteren und mittleren Schichten der florentinischen Gesellschaft eine große Popularität. Dazu beflügelte er die Erzeugung von Stoffen aus Wolle und beschäftigte damit immer mehr Leute, die von ihm abhängig wurden. Florentiner nutzten die Tatsache, dass das Osmanische Reich in einem Dauerstreit mit Genua und Venedig war und knüpften mit der „Großen Pforte“ sehr gute Beziehungen. Der Handel mit dem Orient blühte und nach dem Fall von  Konstantinopel gewannen die Florentiner in den Türken einen wichtigen Abnehmer ihrer Waren – natürlich solange sie sie durch die venezianische Blockade durchbringen konnten.

               Giovanni trat auf die Bühne der Weltpolitik im Jahre 1409, als er sich entschied, den Wahlkampf eines gewissen Seeräubers namens Baldassare Cossa zu finanzieren, der zum Staunen aller Papst werden wollte. Niemand würde auf ihn einen Cent setzen, Giovanni erkannte aber das Potenzial dieses Mannes und unterstützte ihn. Als sein Kandidat wirklich zum Papst unter dem Namen Johann XXIII. wurde, brachte es dem Haus Medici Zugang zum römischen Finanzmarkt.

               Im Wappen der Medicis gibt es fünf Kugeln, die unterschiedlichste Interpretationen hervorriefen. In Zusammenhang mit dem Namen Medici entstanden Vermutungen, dass es sich um Pillen handelt, da die „Medici“ Ärzte oder Apotheker wären. Die einfache Wahrheit ist, dass die Medici seit der Entstehung Ihrer Familie sich nur mit Finanzen beschäftigten und die sechs Kugel sind sechs Münzen, so genannte „Besants“, die bekannt gaben, dass im Haus, auf dem dieses Zeichen angebracht war, sich eine Wechselstube befand.      

               Im Jahr 1414 wurde von Kaiser Sigismund ein Konzil nach Konstanz auf dem Bodensee einberufen, das die Spaltung der Kirche mit drei Päpsten beenden sollte. Giovanni zögerte nicht und entsandte nach Konstanz seinen ältesten Sohn Cosimo. Auf der Stelle, wo auf dem Platz nahe der Kathedrale von Konstanz die Wechselstube der Medici stand und wo Cosimo wirkte, gibt es heute die „Bar Medici“.

Johann XXIII. verlor zwar seinen Kampf gegen den Kaiser, die Medici aber haben gewonnen. Und das, obwohl sie ihren Kandidaten aus der kaiserlichen Gefangenschaft für 40 000 Dukaten freikaufen mussten. Dank der Kontakte, die Cosimo in Konstanz knüpfte, drangen die Greifer der Bank Medici in das ganze Europa. Cosimo kehrte aus Konstanz als ein geschätzter Herr zurück und im Jahr 1429 übernahm er von seinem Vater die Geschäfte.

               Sein Vater gab ihm folgende Ratschläge: „Heget nie eine Meinung, die dem Willen des Volkes zuwider ist, selbst wenn das Volk Dummheiten macht. Vermeidet es, zu dozieren, redet vielmehr sanft, verständlich, wohlwollend. Macht den Regierungspalast nicht zur Stätte euer Geschäfte, sondern wartet, bis man euch ruft. Denkt daran, dem Volk seinen Frieden und dem Handel seine Blüte zu erhalten. Sorgt dafür, dass nicht mit Fingern auf euch gezeigt wird.“

               Heute würden wir ihn Populist nennen, vielleicht sogar den Vater des Populismus, gäbe es nicht vor ihm bereits ein gewisser Gaius Julius Caesar.

               Cosimo nahm sich die Ratschläge seines Vaters zum Herzen. Seit den Zeiten des Kaisers Augustus gab es auf der Welt keinen Politiker, der so geschickt bei der Machtergreifung vorging, wie Cosimo, nämlich unbemerkt. Er ließ sich nie in öffentliche Ämter wählen, er sorgte aber dafür, dass seine Verwandte oder Schuldner gewählt wurden. Er handelte so geschickt, dass die Tatsache, dass er die Macht über die Stadt an sich riss, nur die Reichsten und Einflussreichsten bemerkten, nicht aber die breiten Massen. Zusätzlich erweiterte Cosimo die Stoffproduktion um das Geschäft mit Seide und auch dieser riskante Zug ging auf. Er wurde zum größten Arbeitsgeber in der Stadt.

               Seine politischen Gegner konnten keine Mittel gegen den geschickten Mann finden. Deshalb ließen sie ihn am 7.September 1433 im „Palazzo vecchio“ verhaften und einkerkern. Weil sie wussten, dass sie sich keinen öffentlichen Prozess gegen Cosimo ohne Gefahr eines Volksaufstanden leisten konnten, entschieden sie ihn im Gefängnis zu vergiften. Sein Kerkermeister konnte aber zählen, von wem er mehr Profit haben konnte und warnte ihn vor dem Giftanschlag. Cosimo hielt also 4 Tage einen Hungerstreik. So viel Zeit brauchte er, um ein tausend Dukaten zusammenzubringen um den „Gonfaloniere“ zu bestechen und der ermöglichte ihm eine Flucht nach Padua. Cosimo brauchte ein weiteres Jahr, bis er durch Intrigen, Bestechungen und Geldüberweisungen eine Armee aufstellen konnte, die danach problemlos die Opposition überwältigte und Cosimo durfte triumphal in die Stadt einziehen. Machiavelli wird einmal schreiben: „Selten ist ein Mann nach einem großen Sieg in seine Heimat zurückkehrend, von einer solchen Volksmenge und mit so herzlichen Kundgebungen oder Anhänglichkeit empfangen worden, wie Cosimo bei seiner Rückkehr aus der Verbannung.“            

Cosimo dosierte seine Rache sehr vorsichtig. Er verbannte aus der Stadt nur die größten Konkurrenten der Familien Strozzi und Albizzi, es wurden keine Paläste oder Türme niedergerissen, wie es früher Brauch war, nur achtzig Personen wurden in die Verbannung geschickt und nach einiger Zeit durften sie sogar zurückkehren und zwischen Albizzi und Medizi sollten in Zukunft sogar eheliche Verbindungen entstehen. Cosimo beherrschte die Stadt und wurde zum „Pater patriae“. Die Stadt unter seiner Herrschaft wurde immer reicher, Cosimo investierte 600 000 Dukaten in die Kunst. Die wichtigste Tat war die Anstellung des genialen Architekten Brunelleschi für die Fertigstellung des Domes. Die neue revolutionäre Lösung der Kuppel, die ohne Stützgerüst gebaut wurde, war für die Bauarbeiter so ungewöhnlich, dass sie Angst hatten dort zu arbeiten und Brunelleschi musste persönlich nach oben klettern und dort die Backsteine legen, um sie von ihrer Angst zu befreien.

Die Statuen aus dem Dom, unter ihnen auch die „Pieta“ von Michelangelo, kann man in Museum „Museo dell´Opera del Duomo“ sehen. Cosimo ließ die Kirche „San Lorenzo“ umbauen, ein Jahr vor seinem Tod wurde hier die berühmte Kapelle Medici fertiggestellt, die als Grabstätte der Familie dienen sollte. Er ließ für sich nur einen ziemlich “bescheidenen” Palast bauen, der heutige Palast Medici-Riccardi, weil er dann später an die Familie Riccardi verkauft wurde, als ihn die Medici nicht mehr brauchten.

               Vom Vater hat Cosimo gelernt, dass es notwendig ist, in der Weltpolitik mitzumischen. Er nutzte den Kampf zwischen Papst Eugen IV. und der Konziliarbewegung, die ein Konzil nach Basel gerufen hat. Eugen verlagerte das Konzil nach Ferrara und hierher kam auch der byzantinische Kaiser Johann, um über die Einigung der westlichen und östlichen Kirche zu verhandeln. Cosimo ergriff seine Chance. Durch große Bestechungen brachte er den Papst und den Kaiser dazu, dass sie unter dem Vorwand einer drohenden Pestepidemie von Ferrara nach Florenz umzogen. Seine Erfahrungen aus Konstanz kamen jetzt zu gute. In Florenz wurde dann am 6. Juli 1439 in der gerade neu vollendeten Kathedrale der Vertrag über die Union zwischen Westen und Osten der so genannte „Laenentur coeli“ unterschrieben. Zwar erfüllte dieser Vertrag nicht, was er versprach, da er von der Mehrheit des byzantinischen Klerus abgelehnt wurde, das Konzil brachte aber Fürste und kirchliche Oberhaupte nach Florenz und die alle gaben Geld aus, vor allen der byzantinische Kaiser. Und sie meldeten nach Hause Nachrichten von einer wundervollen reichen Stadt am Fluss Arno und von den ungeahnten Handelsmöglichkeiten mit dieser Metropole und mit ihrem Herrscher Cosimo, der unglaublich schöne Stoffe aus Wolle und Seide produzierte. In PR kannte sich also Cosimo perfekt aus.

Im Jahr 1453 bewirtete er in seinem „bescheidenen“ Haus Kaiser Friedrich III. auf seiner Reise nach Kaiserkrönung in Rom. Die Person des Kaisers war für Cosimo bei weitem nicht so wichtig, wie sein Sekretär Aeneas Silvius Picolomini, der später zum Papst Pius II. werden sollte. Cosimo lud die besten Maler seiner Zeit in die Stadt und er unterstützte freigiebig ihre Arbeit, was später in der Zeiten der Regierung seines Enkelsohnes Lorenzo zu größtem Ruhm von Florenz und der Familie Medici führen sollte. Jetzt waren es Fra Angelico, Donatello, Giovanni Ruccelai, Lorenzo Ghiberti und weitere, die den Boden für die Größten der Hochrenaissance wie Sandro Botticelli, Filippo Lippi Leonardo da Vinci oder Michelangelo Buonarotti vorbereiten sollten. 

               Cosimo starb im Jahr 1464 gebrochen durch den Tod seines Sohnes Giovanni vor einem Jahr zuvor. Sein zweitgeborener Sohn Pietro war sehr krank und es war offensichtlich, dass er nicht  lange zu leben hatte. Das bestätigte sich zwar, er lebte aber trotzdem lang genug, dass sein Sohn Lorenzo, später genannt „ der Prächtige“ obwohl er selbst kein schöner Mann war und im Jahr 1469 gerade zwanzig Jahre alt, bereits im Stande war, die Macht über die Stadt zu übernehmen und aus ihr das mächtigste Zentrum damaligen Italiens zu machen. Es sollte die berühmteste Epoche für Florenz einbrechen, aber darüber das nächste Mal.

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