Wissen Sie, wo es ist? Ich hätte das nicht gewusst, hätte sich meine Frau nicht entschieden, den Urlaub im Jahr 2011 gerad dort zu verbringen. Ich wollte nach Apulien, da ich gerade für meinen neuen Roman über Friedrich II. recherchierte und sie wollte baden. Eine Kombination der Unterkunft am Meer und des Kennenlernens der Umgebung schien uns beiden optimal. War es aber nicht. Also sicher nicht  für meine Frau, die an einer Kinetose leidet. Damit kommen wir endlich zur Antwort auf die Frage, was Gargano eigentlich ist. Es ist ein Gebirge. Zwar nicht besonders hoch, aber doch ein Gebirge, durch das man sich zu den Ortschaften am Meer durch unzählige Serpentinen durchkämpfen muss. Infolge dieser Tatsache blieb meine liebe Gattin an der Küste von Apulien eingesperrt. Ich glaube, es ist ihr dabei nicht wirklich schlecht gegangen, abgesehen von der Reise hin und dann wieder zurück. 

               Gargano ist der Sporn des italienischen Stiefels. Viel Natur, ein Wald mit einem mysteriösen Namen „Forresta umbra“, Seen in der Nähe des Meeres und einige kleinen Städtchen, die sich Badeorte nennen dürfen – Vieste, Peschici und Monte San Angelo, und natürlich auch das Dorf „ San Giovanni Rotondo“ (Entschuldigung, es ist eine Stadt, es leben hier doch 27 000 Einwohner), wo in den Jahren 1947 – 1968 bis zu seinem Tod der populärste aller zeitgenössischen italienischen Heiligen, Padre Pio, tätig war.

Er hat hier „Casa sollievo della sofferenza“ also „Das Haus der Leidensminderung“ gegründet. Es war sein Projekt, das Haus wurde im Jahr 1956 eröffnet und Padre Pio führte es bis zu seinem Tod.  Also eine Unterbrechung der unendlichen Serpentinen im „Forresta umbra“ gerade in diesem Ort ist sicherlich nicht uninteressant. Heute steht hier ein großes Krankenhaus, natürlich mit einer Verbindung zu einer modernen Kirche „Santa Maria delle Grazie“.

Padre Pio wurde im Jahr 1998 selig und drei Jahre später heilig gesprochen – von wem sonst als von Johannes Paulus II.?  Zur Heiligsprechung sind Wunder unentbehrlich, in diesem Fall konnte es aber Johann Paul sogar aus eigener Erfahrung tun. Im Jahr 1947 traf der damals siebenundzwanzigjährige junge polnische Priester Karol Wojtyla Padre Pio, der bereits damals den Ruf eines Heiligen hatte (ähnlich wie beim heiligen Franziskus erschienen auf seinem Körper Stigmata, also Wunden Christi). Padre Pio sagte Wojtyla eine große Karriere voraus und auch, dass er einmal Papst würde.               Wojtyla war ein Waisenkind, seine nächsten Freunde, die ihm seine Familie ersetzten, war ein Ehepaar Wanda und Andrei. Wojtyla erfuhr, dass Wanda, Mutter vier kleiner Mädchen, schwer krank wurde. Sie hatte einen Tumor. Es war notwendig, ihn operativ zu entfernen, die Ärzte konnten aber auch dann nicht garantieren, dass Wanda durch die Operation gerettet werden konnte. Wojtyla schrieb einen Brief an Padre Pio und bat ihn um Gebete für die Genesung Wandas. Der Tumor verschwand auch ohne Operation. An dieser Heiligsprechung hatte also Johann Paul persönliches Interesse.

               Die Region von Gargano erlebte seine Blütezeit in der Zeit der Regierung Kaisers Friedrich II. Dieser verlegte die Hauptstadt seines Reiches – des Sizilianischen Königreiches, in die Stadt Foggia und von dort aus regierte er auch das ganze Römische Reich. Gargano bot sich an  als Ort der Erholung, der Jagd und als Ort, wo seine Geliebten leben konnten, vor allen die Frau, die er über alles liebte, die schöne und erhabene Bianca Lancia. Für sie ließ er Burgen in Vieste und in Monte San Angelo bauen. Er hatte mit ihr drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn Manfred, den späteren sizilianischen König. Nach ihm heißt eine Stadt in der unmittelbaren Nähe von Gargano, heute ein Industriehafen Manfredonia – zum Gegenteil von allen bereits genannten Orten zahlt sich nicht aus, diese Stadt zu besuchen.

               Der Kaiser hat seine Geliebte an ihrem Sterbebett geheiratet, weil er aber gerade im kirchlichen Bann war genau wie auch der Priester, der die Hochzeitzeremonie zelebriert hat, erkannte der Papst diese Hochzeit nie an und Biancas Kinder waren offiziell Bastarde. Für Manfred sollte diese Tatsache fatale Folgen haben. Der Papst erkannte nie seine Ansprüche auf die sizilianische Krone an, er hetzte Karl von Anjou auf ihn und dieser hat Manfred in der Schlacht bei Benevento besiegt. Manfred verlor in der Schlacht nicht nur seine Krone sondern auch sein Leben. Das Grab von Bianca Lancia wurde angeblich in Tarent, wo sie starb, entdeckt, die Gräber weiterer zweier Gattinnen des Kaisers, zufällig beide Isabell (von Jerusalem und von England) befinden sich im Dom in der Stadt Andria. Andria ist ein Nest mit 100 000 Einwohnern mit einem unglaublichen Gewirr schmaler Gassen, ich glaubte von dort niemals herauskommen zu können. Wer aber genug Mut und Interesse seine Verehrung den Kaiserinnen persönlich zu bringen, soll das unbedingt versuchen. Ich habe diese Absicht aufgegeben. 

               Gargano ist aber vor allem Natur. Sie lädt zu Wanderungen im tiefen Wald „Forresta umbra“ oder zu Ausflügen an die Küste mit zauberhaften Buchten, Höhlen, alles geschmückt mit typischem roten Konglomerat, das als Baumaterial für den kaiserlichen Palast in Foggia sowie auch für die mysteriöse Burg „Castel del Monte“, genutzt worden ist.

Ich und mein Sohn entschlossen uns, die Schönheiten der Küste Garganos kennen zu lernen und meldeten uns für einen Bootsausflug an. Natürlich findet man in der ganzen Region niemanden, der Englisch sprechen würde, geschweige Deutsch, umso mehr sind aber die Einheimischen kommunikativ. Vor allem der Busfahrer Francesco, der uns zum Boot gefahren hat. Ein kleiner schlanker Mann von Gewicht irgendwo knapp unterhalb von fünfzig Kilo und ununterbrochen sprechend. Er stopfte in seinen Bus mit neuen Sitzplätzen locker 16 Personen, dreizehn Polen, mich mit meinem Sohn und eine Italienerin, wobei er die polnischen Kinder zum Erstaunen ihrer Eltern in den Gepäckraum steckte – ein Widerstand war allerdings absolut zwecklos

Mit Francesco zu diskutieren war einfach nicht möglich. Die Tatsache, dass es nur Italienisch sprach, spielte dabei aber nur eine untergeordnete Rolle. Francesco schaltete einfach nicht auf Empfang. Übrigens, bei der Rückreise fragten ihn zwei weitere Polen, ob sie mitfahren dürften. Für Francesco war das kein Problem, also fuhren wir zurück zum Hotel im Bus zu achtzehn. Es war eng aber gemütlich. Francesco fragte ein kleines polnisches Mädchen, das allen Vorschriften zuwider auf dem Vordersitz neben dem Fahrer am Schoss ihrer Mutter saß, ob sie schwimmen konnte. Als sie seine Frage mit einem „nein“ beantwortete, ohne sie zu verstehen, folgte ein längerer Vortrag von Francesco über die Risiken, die damit verbunden sind, wenn sich jemand, der nicht schwimmen kann, einen Bootausflug kauft. In diesem Moment hielt es die einzige Italienerin im Bus nicht mehr aus und sagte zu unserem lieben Busfahrer: „Francesco, non capiscono, sono tutti stranieri.“ („Francesco, keiner versteht dich, das sind alle Ausländer.“) Nicht einmal diese Bemerkung konnte Francescos Redefluss stoppen. Als er uns dann bei dem Felsen, unter dem unseres Schiff vor Anker lag, ausgesetzt hatte, verschwand er sofort mit seinem Bus. Warum, verstanden wir bald. Als wir ein Kap umfuhren und bei der nächsten Anlegestelle stopp machten, stand hier Francesco mit weiteren fünfzehn Menschen. Und als wir letztendlich im Hafen von Vieste anlegten, wo der größte Teil der Touristen zugstiegen ist, mussten wir nur eine kurze Weile warten und dann sahen wir, dass zu uns Francesco, gefolgt von weiteren achtzehn Touristen, läuft. Also, wenn ich richtig gezählt habe, schaffte es dieser eine Busfahrer mit seinem kleinen Bus mit 9 Sitzen insgesamt 48 (in Worten vierundvierzig) Passagiere zu unserem Schiff zu bringen. Das nenne ich Effektivität, da sollte sich jemand über die niedrige Arbeitsproduktivität in Italien beklagen!

               Die Küste von Gargano ist wirklich schön. Felsen, Kalkformationen wie „Arco di santa Lucia“, also „Bogen der heiligen Lucia“, Einfahrten in die Höhlen, versteckte Lagunen und zwischen Felsen kleine geschlossene Sandstrände, wo man baden konnte.

Natürlich hatten diese Idee auch viele andere Schiffe und so ist man nie allein. Nach dem Bad fuhren wir zurück, auf dem Kap vor der Stadt grüßte uns Statue des heiligen Franciscus von Paola und dann auch unserer Busfahrer Francesco. Er brachte uns alle in bester Ordnung zurück zum Hotel.       

               Die größte Stadt in Gagano ist Vieste. Die Stadt liegt auf einem Felsen hoch über das Meer mit einem Hafen, sein Wahrzeichen ist ein weißer Felsen namens Pizzomuno, der die Form eines erregten Penis hat und der sich auf dem Strand „Spiagga lunga“ also „Langer Strand“ befindet. Als ich dieses Motiv in meinem Roman „Lang sterbe der König“ verwenden wollte, leistete meine Lektorin einen unüberwindbaren Widerstand und ich musste die Stelle im Text zu einem aufgerichteten Finger verändern. Aber – nur unter uns – ein Finger schaut anders aus.

Vieste ist ein klassisches italienisches Städtchen mit einem kleinen, aber lieben, Hauptplatz und einem Dom, die Stromleitungen werden außen auf den Fassaden gezogen (gleich wie auch in London) und auf dem höchsten Punkt der Stadt ragt eine massive Festung empor, die hier Friedrich II. für seine Bianca Lancia bauen ließ. Auch die half aber nicht, als die Stadt im Jahr 1554 der türkische Pirat Dragut eroberte. Auf dem Hauptplatz vor der Kathedrale ließ er 5000 Einwohner der Stadt enthaupten. Alle italienischen Städte an der Ostküste litten unter türkischen Überfällen. Die Türken beherrschten in dieser Zeit den Balkan und von dem reichen Italien wurden sie nur durch die enge Adria getrennt. Die Festung kann man nicht besuchen, heute ist hier eine militärische Zone. Dafür kann man aber das Restaurant auf „Piazza Petrone“ besuchen. Die Tische standen schief nach unten in Richtung Meer geneigt. Man musste also aufpassen, dass das Essen und vor allem das Trinken nicht wegrutscht, aber es war ein wunderbares Erlebnis. Die Bucht tief unter uns wechselte die Farbe von hellblau zu silbern, dann zu  Gold und zuletzt, als die Sonne endlich unterging, wurde sie dunkelblau. Das Essen war hervorragend, aber der Ziegenkäse, der dort zum Essen serviert wird, hat eine unangenehme Eigenschaft – im Magen wächst und wächst und wächst er.  Ich hatte das Gefühl, dass mein Magen platzen würde, meine Frau fuhr mich zum Hotel und ich verdaute das Abendessen noch den ganzen nächsten Vormittag.

               Das zweite Städtchen heißt Peschici. Auch in diesem Fall handelt sich um ein Städtchen hoch über dem Meer mit einem Hafen und mit einer Festung aus dem zehnten Jahrhundert, die man im Gegenteil zu Vieste besuchen darf. Ich plagte mich mit meinem Peugeot 407 durch das Gewirr der schmalen Gassen der Stadt und suchte einen Parkplatz und dann erreichte ich eine Kreuzung in der Form des Buchstabes „T“. Ich verstand in diesem Moment, dass ich verloren war. An der Kreuzung wurde überall geparkt, mit meinem Auto war ich absolut chancenlos durchzukommen. Wie es so schon in Italien überall ist, standen in den nächsten paar Sekunden mindestens weitere drei Autos hinter mir. Ich kapierte, dass mich von dort nur mehr ein Hubschrauber holen konnte. Aber in diesem Moment eilten bereits drei italienische Pensionisten zu mir, um mir zu helfen. Sie zeigten mir, wie ich das Auto drehen sollte, mit einer Genauigkeit auf Millimeter. Es war notwendig, Zentimeter wären zu wenig gewesen. Mit dieser Hilfe verließ ich aber die Kreuzung ohne einen einzigen Kratzer und liebte die Italiener schon wieder ein bisschen mehr.

Das Städtchen selbst hat einen kleinen Hauptplatz, ein Tor der mittelalterlichen Befestigung, die Häuser drücken sich dicht zusammen, gleich wie die Restaurants. Also ein kleiner Hauptplatz für eine kleine Bewohnerzahl, die ganze Stadt hat 4500 Seelen. Wir aßen wieder einmal in einem Restaurant hoch über den Hafen mit wunderschönen Aussichten und diesmal bestellte den Ziegenkäse meine Frau. Das war der letzte Besuch in einem Restaurant in Gargano. 

               Ach so, dass ich Friedrich II. wegen dem ich eingetlich hingefahren bin, vergessen habe? Nicht ganz, aber darüber im nächsten Artikel in zwei Wochen.

2 Comments on Gargano

  1. Vážený pane doktore,přečetl jsem Vaši Richenzu.Čte se jedním dechem.Tak dobře nepíši.U mne je hlavní postavou Jan Lucemburský.Rozdíl mezi Eliškou Přemyslovnou a Richenzou vidím v jejich zjevu a hlavně výchově,EP byla vychována tetou abatyší,muže nemusela.Richenza tetou,která TO měla ráda. Víte proč R.tak řádila při pohřbu jindřicha?Zabila jej,j.byl už starší pán,dala mu do vína španělské mušky,asi moc.Zemřel na prudké chrlení krve po nakopání smrti do zadku,jak říkají milování Francouzi.Uvedl tento fakt i Piccolomini.Také Karel VI. byl patrně Annou F. přiotráven.Vše uvedeno v knížce brněnského historika.Ovšem Vaše Richenza se Vám povedla.Přeji hezké dny VH.

    • Piccolminimu bych až tak nevěřil, i když se jedná o budoucího papeže.Jeho Historia Bohemica je napínavé a vtipné čtení, ale samozřejmě hledal senzace, aby čtenáře pobavil – a dělal to moc dobře. Ta hypotéze je zajímavá, přiznám se, že jsem o ni nezakopl. Pokud se ale zakládá pouze na textu velkého Eneáše, jsem poněkud skeptický. Ten viděl rád jed všude o otrávení Ladislava Pohrobka taky nepochyboval.

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