Im Frühjahr 1304 spielte sich im Palast der Familie della Scala in Verona eine wichtige Szene ab. Ein sehr wichtiger Moment für die Kulturgeschichte der Welt. Signore (also der Herrscher) der Stadt empfing mit einem großen Pomp Dante Alighieri, zu dieser Zeit einen Vertriebenen aus seiner Heimatstadt Florenz, wo er zum Verlust seines Besitzes und später zur Todesstrafe durch Verbrennung verurteilt worden ist. Sein Verbrechen war, dass er auf der kaiserlichen Seite stand, als mit der Hilfe des französischen Prinzen Karl von Valois Schwarze Guelfen die Macht in der Stadt ergriffen hatten. Der Kampf zwischen der kaiserlichen und der päpstlichen Macht, der in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts zwischen Papst Gregor IX und Kaiser Friedrich II. entflammte, setzte sich auch nach dem Tod beider Protagonisten fort und sollte nicht so bald enden. Bei der Familie della Scala konnte sich Dante auf das gewährte Asyl verlassen, letztendlich ist der erste Vertreter dieser Familie auf dem Thron Veronas Mastino I. nur dank des Schwiegersohnes Friedrichs, Ezzelino da Romano, Herrscher geworden. Dante fand in Verona Ruhe und Basis für die Arbeit an der Göttlichen Komödie, eines der Standardwerke der Weltliteratur. Seinen Gönner Bartolomeo della Scala hat er nicht vergessen, er verewigte ihn im 17.Gesang des Buches – nirgendswo anders als im Paradies. Dante verstand es dankbar zu sein.

            Dieses Ereignis gelangte inzwischen in Vergessenheit und Dante allein würde keine Touristen nach Verona locken – obwohl auf der „Piazza degli Signori“ seine riesige Staue steht. Das älteste Kaffeehaus in der Stadt auf dem gleichen Platz heißt – wie sonst – Dante. Verona verdankt aber den Ruhm und die Touristenströme einem anderen Dichter, sogar so einem, der die Stadt nie besucht hat. Allerdings platzierte William Shakespeare das Geschehen seines berühmtesten Werkes in das Verona des vierzehnten Jahrhunderts. Die Geschichte der ewigen Liebe zwischen Romeo und Julia auf dem Hintergrund des tödlichen Kampfes der Familien Capulet und Montegue verhalf der Stadt zu ihrer großen Berühmtheit. Im Jahre 1913 hatten dann die Veronesen noch eine geniale Idee. Es galt dem hundertsten Geburtstag Verdis, den er ja nicht erlebt hat, zu feiern. So entschieden sie sich in ihrer römischen Arena, in der sich einmal die Gladiatoren gegenseitig umgebracht hatten, Opernfeste zu feiern. (Und das, obwohl Verdi in Verona weder geboren worden war noch dort gelebt hatte oder gestorben war – nicht einmal eine seiner Opern hatte hier ihre Uraufführung). Aber irgendwie sollte der römische Koloss, in der Mitte der Stadt genutzt werden, ihn niederzureißen wäre viel zu viel anstrengend. Man muss einfach eine Idee haben! Und die Veronesen hatten sie. Es entstand eine Tradition, die bereits 105 Jahre anhält und ein Besuch der Arena von Verona gehört zum Pflichtprogramm eines kulturell interessierten Europäers.

Wir holten unser kulturelles Defizit im Jahre 2015 nach und besuchten diese Stadt. Keinesfalls haben wir diese Entscheidung bereut. Die Stadt in der Schleife des Flusses Adige ist nämlich wunderschön. Es ist eine leichte Schönheit, die schnell zu Herz geht und dort bleibt. Möglicherweise ist der rosarote Marmor schuld, der fast alle Pforten der Stadtpaläste schmückt – und natürlich auch alle Tore der Kirchen. All diese Schönheit ist Zeuge des damaligen riesigen Reichtums und der Bedeutung der Stadt. Verona wurde bedeutsam, als die Römer ihre Expansion über die Alpen ausdehnten. Seine Lage, die auf der italienischen Seite den Weg aus Deutschland nach Italien über den Brennerpass sperren konnte, half Verona dazu, in der Zeit von Kaiser Augustus und seiner Nachfolger zu einer wichtigen Stadt zu werden.  Aus den römischen Zeiten blieb lediglich die bereits erwähnte Arena erhalten, die drittgrößte im Römischen Reich nach Rom und Capua, in der auch heute noch 22 000 Besucher Platz finden (und das obwohl das dritte Geschoss nach einem Erdbeben im elften Jahrhundert abstürzte), bescheidene Reste eines römischen Theaters, in dem immer noch gespielt wird (was sonst, wenn nicht das Drama William Shakespeares Romeo und Julia? In Verona wird fast überall Theater gespielt, zum Beispiel auch im Haus der Capulets) und die Porta dei Borsari, das ehemalige Stadttor der römischen Stadt. Großteil der römischen Stadt fiel dem Wüten der Hunen Attilas im  Jahr 452 zum  Opfer, zum Glück wurde Verona später eine Residenzstadt des Königs der Ostgoten Theodorich des Großen und später ein langobardisches Herzogtum und die Stadt wurde neu ausgebaut. Theodorich residierte auf einem Hügel auf dem anderen Ufer des Flusses, mit der Stadt unter den Füssen, offensichtlich wollte er eine Übersicht behalten, was seine Untertanen treiben. Heute steht auf der Stelle seiner damaligen Residenz Castel San Pietro und unterhalb ist das bereits erwähnte römische Theater mit Museo archeologico. Die Altstadt ist mit diesem Viertel mit einer schönen Brücke Ponte Pietra verbunden.

Im Jahr 1164 wurde der so genannte Veronesischer Stadtbund gegründet, der sich entschied, dem römischen Kaiser Widerstand zu leisten und der innerhalb drei Jahren zum bekannten Lombardischen Bund anwuchs, in dem aber Mailand die Führung von Verona übernahm. In der Schlacht bei Legnano wurde Kaiser Friedrich Barbarossa besiegt und im Jahr 1183 schloss er mit dem Lombardischen Bund in Konstanz Frieden. In Verona wurde m Jahr 1184 vom Papst Lucius III. ein Konzil einberufen. Der Papst war gerade von den Bürgern der Stadt aus Rom vertrieben worden und hoffte, dass ihm der Kaiser zu Rückkehr helfen könnte. Sie kamen zu keiner Abmachung, der Kaiser half dem Papst nicht. Dafür wurde hier der dritte Kreuzzug ausgerufen, im Laufe dessen Barbarossa im Jahr 1189 starb. Papst Lucius starb im Jahr 1185 in Verona im Exil und er ist hier auch begraben.

Es gibt eine ganze Reihe Kirchen in Verona und es zahlt sich aus, sie zu besuchen. Neben dem monumentalen „Duomo“ gibt es noch die Kirche der Heiligen Anastasia – ein Höhepunkt der italienischen Gotik. Es gibt ein bemerkenswerte Kirche des heiligen Fermus, des lokalen Heiligen, der am Ufer des Flusses Adige gemeinsam mit seinem Freund Rusticus in der Zeit der Christenverfolgung unter Kaiser Diocletianus (es war die historisch belegte letzte aber sehr intensive und massive Christenverfolgung) im Jahr 304 hingerichtet wurde. San Fermo sind im Grunde zwei Kirchen. Auf den Fundamenten einer frühchristlichen Kirche aus dem fünften Jahrhundert, die Benediktiner hatten abreißen lassen, entstand im Jahr 1065 eine romanische Basilika, die heute im Untergrund ist, weil die Franziskaner, die später kamen, über diese Kirche eine monumentale gotische Kathedrale bauten. Wie ich schon mehrmals gesagt habe, in Italien wird nichts niedergerissen, weil es schade darum ist – es wird nur umgebaut. Dem Stadtheiligen Zeno ist dann eine der schönsten Kirchen in Norditalien gewidmet. Der heilige Zeno, vom Ursprung her aus Nordafrika, war ein Bischof in Verona in den Jahren 362 – 371, er wurde als Prediger und Schriftsteller berühmt und führte in der zerstrittenen Stadt wieder Ordnung ein. Sein Kult verbreitete sich bis nach Süddeutschland – Verona war nämlich im Frühmittelalter ein Teil des Herzogtum von Bayern, beziehungsweise der Kärntnerischen Mark. Diese Kirche, wieder einmal zweistöckig, ist sicher eines Besuches wert wie übrigens alle Kirchen in Verona.

Alle sind in der Innenausstattung mit schönen und überwiegend gut erhaltenen Fresken geschmückt, von frühromanisch bis zu Renaissance- oder Barockbauten. Aber auch die Kirche der heiligen Eufemia, eine gigantische einschiffige barocke Basilika, die versteckt in einem romanischen Bauwerk ist, oder die kleineren Kirchen des heiligen Lorenzo oder Peter des Märtyrers oder des heiligen Guilio sind eines Besuches wert. Die Portale der Kirchen sind aus Marmor, weiß, rosarot und ab und zu hellblau, alles helle Farben, die die Seele erfreuen. Alles, was Verona zu bieten hat, schafft man trotzdem nicht – meine Frau hat am frühen Abend bereits deutliche Zeichen von Erschöpfung gezeigt. Übrigens die Chefin und Gattin des Koches im Restaurant „Ristorante san Eufemia“ neben der gleichnamigen Kirche ist eine Deutsche aus Bayern – man kann also die lokalen Spezialitäten mit Erklärung auf Deutsch genießen.

Unglaublich großartig sind die Grabmäler der Herrscher der Familie della Scala, die sich bei einer kleinen Kirche befinden – es ist die Familienkapelle Santa Maria Antica im Stadtzentrum. Der Gründer des Ruhmes der Familie della Scala, Cangrande I. (er war auf diesen Spitznamen, der „Großer Hund“ bedeutet, so stolz, dass er seinen richtigen Namen Francesco vergessen ließ), ist in noch einem bescheidenem Sarkophag am Kirchenportal begraben. Seine Nachfolger, die sich so lange fleißig gegenseitig gemordet hatten, bis sie die Macht in der Stadt verloren, übertrafen sich allerdings gegenseitig in Pracht ihrer Gräber. Das schönste von allen hat dann Cansignorio (er starb 1375), der dadurch berühmt geworden ist, dass er sogar zwei seine Brüder ermordete. Den zweiten hat er selbst aber nur um zwei Tage überlebt. Sein hohes elegantes Grabmal im Stil der Hochgotik mit vielen Statuen ließ den Atem stocken und kam als ein Beispiel der italienischen Hochgotik sogar in die Kunstgeschichte von Pijoan.

Eine Erinnerung an die Familie della Scala ist Castelvecchio. Die Burg wurde von Cangrande II. im Jahr 1355 gebaut, als sich die Familie im Stadtzentrum vor immer mehr rebellierenden Bürger nicht mehr sicher fühlte. Die Festung steht am Ufer des Flusses Adige, die schöne Brücke Ponte Scagliero gehört eigentlich zur Burg. Sie sollte als ein Fluchtweg für den schlimmsten Fall dienen.  Und der kam. (Cangrande II. wurde übrigens im Jahre 1359 – wie ich schon erwähnte – vom eigenen Bruder Cansignorio erschlagen). Als der letzte Herrscher Antonio della Scala nach der familiären Tradition seinen Bruder Bartolomeo im Jahr 1381 ermorden ließ, hatten die Veronesen die Schnauze endgültig voll. Als dann der Herrscher von Mailand Gian Galleazo Visconti Verona den Krieg erklärte, ließen die Bürgen von Verona ihren Herrscher im  Stich. Dieser hat sich durch Flucht über die bereits genannte Brücke  Ponte Scagliero gerettet.

Verona und mit der Stadt auch die Hauptverbindung zwischen Italien und Deutschland fiel im Jahr 1387 in die Hände der Papstpartei. Eigentlich hätte diese Tatsache den damaligen römischen König Wenzel ärgern müssen, ich wette aber, dass ihm das absolut gleichgültig war. Er hatte nicht vor, nach Rom zur Kaiserkrönung zu reisen und hatte jetzt zusätzlich eine gute Ausrede. Den Brennerpass brauchte er also nicht. Sein Bruder Sigismund erkaufte sich den Zugang nach Rom durch Erteilung des Herzoghutes an den mailänder Herrscher.

Castelvecchio sollte man besuchen, hier gibt es ein Museum der gotischen und der Renaissancekunst. Das wertvollste Exponat ist die berühmte Reiterstatue von Cangrande I. – eine der ersten Renaissancestatuen Italiens und damit auch der Welt.

            Ein Pflichtprogramm ist natürlich der Besuch des Hauses der Julia und wenn man Ausdauer hat, dann auch ihres Grabes, das doch außerhalb der damaligen Stadtmauer liegt, was ein paar Minuten Spazierganges bedeutet. „Casa di Giulette“ ist ein mittelalterlicher Palast nahe der Piazza delle Erbe, dem Hauptplatz der Stadt, über den der Marcuslöwe der Stadt Venedig wacht. Gleich neben der Piazza delle Erbe befindet sich die Piazza deli Signori mit Dantedenkmal und Paläste Palazzo die Tribunali (der ursprüngliche Sitz der Familie della Scala) und Palazzo del Comune mit einem Aussichtsturm Torre dei Lamberti.

Das Haus der Julia ist ein Palast mit Innenhof und einem Balkon, auf dem sich die berühmte Szene der Liebeserklärung abgespielt haben soll. Können Sie sich noch aus der Schule auf den Text erinnern?

            „Aber Stille! Was für ein Licht bricht aus jenem Fenster hervor? Es ist der Osten und Julia ist die Sonne.

            Geh auf, schöne Sonne und lösche diese neidische Luna aus, die schon ganz bleich und krank von Verdruss ist, dass du, ihr Mädchen, schöner bist als sie.

            Wer könnte schon einer solchen Liebeserklärung widerstehen, liebe Damen! Ein vierzehnjähriges Mädchen, das gerade im Clinch mit ihrer schweren Pubertät lag, schon überhaupt nicht. Ein Schönheitsfehler ist nur, dass dieser Balkon im neunzehnten Jahrhundert nachgebaut wurde, um der Nachfrage der Touristen nachzugeben, die begonnen, nach Verona zu strömen. 

Wie ich schon schrieb, die Veronesen hatten nie Mangel an guten Ideen. Das Haus der Montagues in der Via Arche Scaligneri interessiert keinen, dort spielte sich nichts Interessantes ab, außer dass Romeo dort geboren wurde. Sein Platz ist aber nicht zufällig gewählt. Die Montegues standen immer der herrschenden Familie della Scala sehr nah, die Capulets waren im Gegenteil mit größter Wahrscheinlichkeit Guelfen. Die Kämpfe um die Zukunft der Welt, die Kämpfe zwischen Mittelalter, verteidigt verbissen durch die Guelfen, und der neuerstandenen Renaissance, die durch die Ghibellinen repräsentiert wurde, zogen sich durch damalige Städte und verlangten nach Opfern – in diesem Fall ein verrückt verliebtes blutjunges Pärchen. In der erhaltenen Krypta (Tomba di Giulietta) spielte sich dann die Finalszene des Theaterstückes ab, die die beiden Liebenden dank eines Missverständnisses nicht überlebt haben.

            Wenn wir schon in Verona waren, besuchten wir natürlich die Oper von Charles Gounod „Roméo et Juliette“, wir wollten einfach Stil besitzen. Im Grunde war es uns egal, dass Französisch gesungen wurde. Die monumentale Ausstattung mit dutzenden Statisten sowie auch die perfekte Akustik der römischen Arena waren es wert. Die Oper dauerte bis halb eins in der Nacht, trotzdem waren nach der Vorstellung alle Restaurants in der Nähe der Arena offen – wie ich schon mehrmals erwähnt habe – Veronesen verstehen es, aus der Geschichte ihrer Stadt Kapital zu schlagen und aus den Touristen den einen oder anderen Groschen auszuquetschen.

            Es ist ein schöner Ausflug und nicht nur für ein Wochenende. Auch die Umgebung der Stadt kann einiges bieten. Der See Lago di Garda mit dem zauberhaften Sirmione, das Schlachtfeld Solferino südlich des Sees und westlich von Verona wo im Jahre 1859 entschieden wurde, dass italienische Provinzen nicht mehr ein Teil Österreichs blieben. Hier entstand auch das Gedanke des Roten Kreuzes, weil ein bestimmter Schweizer, Henri Dunant, das Leiden der verwundeten Soldaten nicht aushalten konnte, die nach damaligem Gebrauch nach der Schlacht ihrem Schicksal überlassen wurden. Besuchswert ist auch das Weinstädtchen Soave, umgeben von einem vollständigen Mauerring mit 24 erhaltenen Türmen – für diejenigen,  die gern Rad fahren, gibt es übrigens in der Nähe des Gardasees „La Strada del Vino Soave“ – ein echtes Paradies. Übrigens in Verona wird Weißwein Soave und Rotwein Valpolicella getrunken. Beide stammen aus der gleichen Gegend.

            Mit dem Parken in  Verona ist es ziemlich gut, direkt im Stadtzentrum gibt es einen großen Parkplatz in einer alten österreichischen Kaserne Borgo Trento. Eine Spur Österreich ist also in der Stadt geblieben und ist sogar nützlich.

            Also, sollten Sie dort noch nicht gewesen sein – denken Sie nach. Sie werden sich in die Stadt verlieben.

            Es zahlt sich aus, eine Verona Card für 2 Tage (22 Euro) zu kaufen – die Card für einen Tag kostet 18 Euro und man kann sie kaum nutzen. Inklusiv sind alle Eintritte in die Kirchen und Museen, in die Arena und ins Castelvecchio und eine Ermäßigung auf weitere Attraktionen inklusiv des Touristenzuges. Und eine freie Fahrt mit allen Verkehrsmitteln in der Stadt, also in erster Linie mit Bussen. Falls sie natürlich nach Fahrplan kommen. Es ist nicht immer so. Verona ist doch Italien und dort werden solche Sachen wie Fahrpläne nicht so ernst genommen. Also entspannen und die Schönheit der Stadt genießen!

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