Ein deutscher Reiseführer warnt ausdrücklich davor, an der Amalfiküste ein eigenes Verkehrsmittel zu verwenden. Wörtlich schreibt er, dass die Nutzung eines eigenen Fahrzeuges kontraproduktiv sein könnte.  Er könnte wirklich recht haben. Die Küstenstraße, die Salerno mit Städten Amalfi, Positano und Sorrent verbindet, wurde nur dank dem Dynamit von Alfred Nobel im neunzehnten Jahrhundert gebaut, bis dahin war die Verbindung zwischen diesen Städten nur auf dem Seeweg möglich und bei schlechtem Wetter gab es dann überhaupt keine.

Grundsätzlich wurde die Straße für zwei entgegenkommende Fahrzeuge gedacht und gebaut, und diese sollten die Möglichkeit haben (mit Ausnahmen der Orte, wo die Straße doch etwas enger ist) an einander vorbeizufahren. Natürlich dachte man in der Zeit des Baus nicht an Busse, die allerdings heutzutage, voll mit neugierigen Touristen, die Straße in beiden Richtungen benutzen. Trotzdem wäre die Situation noch immer nicht ganz tragisch, wäre die Straße mit Ausnahmen der steilsten Kurven nicht völlig verparkt. Italiener stellen ihre Autos zwar unmittelbar an den Felsen, mit den rechten Rädern im Graben (wie sie dann rauskommen, bleibt für mich ein Rätsel), sie können also nur auf der Seite des Fahrers das Auto verlassen, aber auch ein so geparktes Auto macht die ohnehin schon enge Straße noch enger. Damit man sich aber nicht langweilt, kommen zu den Bussen und LKWs noch Motorräder, die Autos von rechts, von links und manchmal von beiden Seiten gleichzeitig überholen. Dazu kommt noch eine Menge britischen Touristen, die gerade lernen, rechts zu fahren. Also für Spannung wird ausreichend gesorgt und für die Straße zwischen Vietri und Sorrent braucht man Abenteuerlust und natürlich auch feste Nerven.

Weil ich beides besitze, entschied ich mich, diese Reise zu absolvieren. Meine Frau, die bei Reisen ein bisschen empfindlicher ist und Angstgefühle bereits beim Überholen auf der Autobahn hat, erhielt Kinedryl oder eine ähnliche Tablette. (Ich kaufte es in der Apotheke mit den Worten „Abiamo bisogno di farmaco contro la chinetosa“) und hoffte, dass ich wirklich bekam, was ich verlangte. In Betracht der Tatsache, dass meine liebe Frau während des gesamten Ausfluges weder schimpfte, noch versuchte, das Auto währen der Fahrt zu verlassen und keine hysterischen Anfälle bekam, als in der Gegenrichtung plötzlich ein Bus aus der Kurve auftauchte oder als uns zwei Motorräder zugleich von beiden Seiten überholten, erhielt sie offensichtlich die richtige Tablette und wahrscheinlich in einer deutlich höheren Stärke, als es bei uns üblich ist. Es war notwendig.

Natürlich brach ich auf diese selbstmörderische Mission nicht ohne gehörige Vorbereitung auf. Erstens ließ ich meinen Peugeot 508 zu Hause, weil ich seine Größe als absolut unpassend für die Straße von Amalfi beurteilte (ich hatte ihn bereits einmal auf die Palme gebracht, als ich ihn zwei Jahre früher auf eine Reise nach Apulien mitgenommen hatte und ich war mir nicht sicher, ob er mir das bereits verziehen hat). Ich bestellte im Internet ein Auto zum Flughafen von Neapel und wählte die kleine mittlere Klasse (ich verlangte einen Peugeot 208, weil ich fürchtete, dass ein Peugeot 108 oder ein Fiat 500 für meine Gattin doch zu klein sein könnte) Ich bekam einen Lancia und bestellte zu ihn ein Vollkasko ohne Selbstbehalt. Zu meiner Verwunderung habe ich es bekommen, ich beurteilte diese Tatsache als ein unglaubliches Vertrauen des italienischen Vermieters in meine Fahrkunst und entschied mich, ihn nicht zu enttäuschen.

Für die Fahrt ist angeblich der italienische Fahrstil notwendig. In Italien war ich bereits mehrmals, ich habe also genug trainiert. Wahrscheinlich habe ich mir den Stil bereits zu eigen gemacht, weil ich dort noch nie einen Unfall hatte. Ich hatte eher Probleme mich nach der Rückkehr an die österreichischen Verhältnisse wieder anzupassen. Erstens – in Italien gibt es keinen Rechtsvorrang. Es fährt der, der schneller und der Kreuzung näher ist – entscheidend können Zentimeter sein. Eine Vorstellung, dass man in einem Kreisverkehr in Sicherheit ist, weil man Vorrang hat, ist absolut falsch. Offiziell ist es zwar wirklich so, aber es gelten die gleichen Regeln wie beim Rechtsvorrang. Im Falle eines entgegenkommenden Fahrzeuges ist es keine Schande, sich in einer Lücke zwischen zwei geparkten Autos zu verstecken, auch wenn diese in einem Anhaltenverbot parken. Die befohlene Höchstgeschwindigkeit einzuhalten ist sehr gefährlich, weil man von hinten abgeschossen werden könnte, im besten Fall verdient man sich Hupen und unanständige Gesten. Neunzig bei Siebzig-gebot zu fahren ist gerade angemessen (natürlich muss man damit rechnen, dass man dabei überholt wird, es gibt nämlich Experten wie der Fahrer unseres Hotelbusses, die bei Sechzig Hundertzwanzig fahren und dabei es noch schaffen, mit der Freundin mit einem Handy zu telefonieren – natürlich ohne irgendwelche lächerliche technische Anlage wie Bluetooth.

Grundsätzlich werden die Verbote und Gebote in Italien als unverbindliche Empfehlungen interpretiert. Wenn man sich damit abfinden kann, hat man schon halb gewonnen.

Ich absolvierte zuerst eine Trainingsfahrt auf der Costiera cilentana – also auf der Küstenstraße des Nationalparks Cilento südlich von Paesta (aber darüber ein anders Mal). Die ist gleich schmal wie die Amalfitana, aber mit weniger Verkehr und ohne Busse. Nachdem ich das geschafft habe, entschloss ich mich, die Reise nach Amalfi am letzten Tag unseres Urlaubes zu unternehmen (wenn ich auch das Auto dort lassen müsste, wäre es nicht so tragisch, einen Tag ohne Auto würden wir schon überstehen) Und dann ist es los gegangen. Es zahlte sich aus.

 

Auf die Amalfitana biegt man von der Autobahn Salerno – Neapel bei Vierti sul Mare ab. Vietri ist ein ehemaliges Zentrum der Produktion typischer lokaler Keramik, die man überall sieht. Nicht nur in den Souvenirläden, aber auch in der Dekoration der Häuser, Kirchen und sogar auf den Säulen im Kreuzweg des Klosters Santa Chiara in Neapel. Übrigens – gleich bei der Einfahrt in Vietri gibt es ein liebes Lokal. Als der Besitzer hörte, dass ich mit meinem gebrochenen Italienisch bestellt habe (außer uns war hier nur eine große Gruppe Engländer, die sich solche Mühe nicht gemacht haben) lief er zu unserem Tisch, um meiner Frau ein Kompliment zu machen. Er sagte, sie wäre „signora belissima“ und in einer längeren Rede (wenn ich ihn richtig verstanden habe, da es an der äußersten Grenze meiner italienischen Kenntnissen war) erklärte er uns, dass er sich immer gewünscht hat, eine so schöne Tochter zu haben (er hat das Alter meiner Frau offensichtlich grob unterschätzt, um so viel älter als wir war er sicher nicht), aber seine Frau hat ihm nur Buben geboren. Dieses Erlebnis hatten wir allerdings am Ende unserer Reise, also eines nach dem anderen.

Nach zwei lieben Dörfchen Maiori und Minori, die wir im ersten Schock der Konfrontation mit der Realität der Amalfistraße mehr oder weniger übersehen haben, kam Altrani mit seiner Kathedrale. In der wurden die Dogen von Amalfi gewählt und  in das Amt eingeführt. Gleich danach erschien plötzlich die ganze Schönheit der Amalfitana vor uns. Eigentlich war ich gerade in ihrem Zentrum. Amalfi war einmal eine sehr reiche Stadt, eigentlich eine Weltmacht. Es nutzte geschickt seine Lage am Meer ohne Verbindungsstraßen mit dem Festland, sowie auch die Kämpfe zwischen Byzanz und Langobarden und machte sich selbständig.   Als dann die Flotte von Amalfi im Jahr 846 geholfen hat, die Sarazenen bei Ostia zu besiegen und dadurch sich eine unendliche Dankbarkeit des Papstes erwarb (der wollte natürlich vor allem Byzanz ärgern) stand nichts mehr im Wege, dass Amalfi die erste unabhängige Republik an der Küste geworden ist. (Und damit irgendwie ein Vorläufer von Venedig) Die Bürger der Stadt haben einen Dogen gewählt und, um sich die Treue vom nahen Atrani zu sichern (Bürger von Atrani waren weniger und hatten damit keine Chance einen eigenen Mann zum Doge wählen zu lassen), wurde der Doge gewählt und ins Amt in Atrani eingeführt. Klug waren Italiener immer. Weil Amalfi faktisch keinen fruchtbaren Boden besaß und aus dem Fischfang allein man nicht leben oder zumindest nicht gut leben konnte, war die Stadt auf Handel angewiesen. Sie musste alle Nahrungsmittel kaufen und war deshalb gezwungen, eigene Ware zu produzieren und zu exportieren. Das machte sie und das mit Erfolg. Eine große Bronzetür am Dom aus dem zehnten Jahrhundert, die in Byzanz erzeugt und die ältesten in Westeuropa sei – (CAVE Monte Angelo!), sowie auch der Dom allein sind durch seine Schönheit Zeugen des damaligen Reichtums. Die Stadt war damals größer als heute, weil ein Großteil der Stadt bei dem Erdbeben am Anfang des vierzehnten Jahrhundert im Meer begraben wurde. Aber schon viel früher, im Jahr 1073 eroberte die Stadt der normannische Herrscher Robert Guiscard und schloss sie seinem süditalienischen Imperium mit der Hauptstadt im nahen Salerno an. Damit wurde die berühmteste Epoche dieses  zauberhaften Städtchens beendet. Im neunzehnten Jahrhundert lebte sie von Papierproduktion und davon, dass sie zum Piratenstützpunkt wurde, bis sie im zwanzigsten Jahrhundert von Touristen entdeckt und überlaufen wurde.

Der Kaffee auf der Piazza del Duomo unter unendlich hoher Treppe, die zu einem monumentalen Eingang in die Kathedrale führt, schmeckte wirklich hervorragend. Der Dom „San Andrae Apostolo“ selbst ist barockisiert, gleich neben ihm gibt es aber ein romanisches Kloster Chiostro Paradiso mit einem Kreuzweg noch im arabischen Stil mit engen Bögen und schmalen Doppelsäulen, also die schönste Architektur des neunten Jahrhunderts.

Heute gibt es den größten Luxus in Amalfi im Hotel Luna Convento – ein Fünfsternehotel im ehemaligen Kloster oberhalb der Stadt mit eigener Zufahrtstraße. Wie viel dort eine Nacht kostet, weiß ich nicht und muss ich eigentlich gar nicht wissen, was würde man eine Woche lange in so einem kleinen Nest wie Amalfi tun?

Die Preise in den Geschäften waren verhältnismäßig niedrig, sogar niedriger als in Pontecaiano Faiano, wo wir wohnten. Also kauften wir ein paar Flaschen Wein Greco di Tufo, der berühmtesten Marke Kampaniens sowie auch legendären Limoncelo, einen Zitronenlikör, der Amalfi zu Amalfi macht.

Wir fuhren auf den Serpentinen nach dem um 350 Meter höher gelegenen Ravello. Überraschenderweise trafen wir dort auch ein, obwohl es nicht ganz problemlos war – besonders als ich eine Ampel an der Stelle, an der nur Einbahnverkehr möglich war, übersehen habe (wahrscheinlich hatte ich Glück und grünes Licht, weil mich niemand von der Straße abgeschossen hat). Ravello war einmal eine selbständige Republik, im Jahre 1086 wurde es sogar zum Bistum, im siebzehnten Jahrhundert nach einer Pestepidemie vollständig entvölkert und als Geisterstadt wurde es von den Romantikern des neunzehnten Jahrhunderts entdeckt. Richard Wagner fand hier die Idee zu seinem Parcifal, Verdi für Otello usw. usw. Ravello ist einfach die „Citta della musica“. Die Bühne steht auf einer künstlicher Plattform hoch über dem Meer und die Aufführung mit der Kulisse der drei hundert Meter tiefer liegenden Küste muss fantastisch sein.

Das Theater befindet sich in der Villa Rufolo, in einem Palast, den sich einmal im dreizehnten Jahrhundert ein Bankier der königlichen Familie Anjou aus Neapel namens Matteo Rufolo bauen ließ. Neben dem Palast gibt es einen wunderschönen Garten, mein Herz eines Gärtners jubelte, aber nicht nur hier. Die zweite Villa in Ravello ist nämlich die Villa Cimbrone mit einer Terrasse der Ewigkeit. Die Aussichtsterrasse liegt dreihundert Meter über dem Meer, ist mit Statuen geschmückt und einfach unvergesslich. Nicht jeder hat den Mut sich hinzustellen. Eine Japanerin, die mich mit meiner Frau fotografierte, lehnte mein Angebot der Gegenleistung mit einem Blick in den Abgrund dankend ab.

Der englische Millionär William Beckett kaufte die Ruine des Palastes im Jahr 1904 und ließ sie rekonstruieren – bis heute sind ihm dafür alle dankbar, wovon eine Gedenktafel beim Eingang zeugt. Der wunderschöne Garten spricht von einer gefühlsvollen Hand des englischen Gärtners, so sind die Engländer schon einmal. Meine Seele eines Gärtners jubelte schon wieder, eigentlich wollte ich gar nicht von dort fortgehen, wir wurden aber letztendlich von Durst und Hunger vertrieben. Ein großes Bier bekamen wir nur auf der Piazza del Duomo, in den Restaurants unterwegs wurden nur kleine Biere angeboten, was in Italien 0,2 L bedeutet. Wie viel davon hätten wir nach einem anstrengenden Tag trinken müssen und wie viel hätten wir dafür bezahlt? Birra Moretti auf der Piazza del Duomo war gekühlt und schmeckte wunderbar.

Die Reise führte uns weiter nach Positano, angeblich dem schönsten Städtchen auf der Amalfiküste. Die Stadt hängt eigentlich auf einem Felsen über das Meer, die Straßen in der Stadt sind Treppen. Es gibt nur eine einzige Straße, auf der man in die Stadt einfährt, um sie  dann nach unzähligen Serpentinen auf der anderen Seite zu verlassen – in diesem Fall halten sich sogar die Italiener an die Einbahnregelung und das hat schon etwas zu bedeuten. Ich verlor meine Nerven zu früh und parkte an der ersten Stelle, die sich angeboten hat. Nur dann habe ich festgestellt, dass ich noch immer gut zweihundert Meter über dem Meeresspiegel bin und die Rückkehr zum Auto einem Bergaufstieg bei Temperaturen oberhalb dreißig Grad Celsius glich. Es gibt einen großen Parkplatz (sogar zwei) gleich nahe dem Stadtzentrum, das habe ich bei meinem Abstieg auf einer steilen Treppe zum Dom und zum Strand von Positano festgestellt. Ja, Positano hat wirklich einen eigenen Strand – als die einzige Stadt an der Amalfitana. Nicht umsonst wählte es Joachim Murat, der Gatte der Napoleons Schwester Karoline, der von seinem Schwager im Jahr 1808 zum König von Neapel unter dem Namen Gicacchino I. erhoben wurde, zu seinem Sommersitz. Heute ist in seinem damaligen Palast ein Luxushotel. Murat hat ein schlechtes Ende gehabt. Als er sich seinem Schwager Napoleon nach seiner Rückkehr aus Elba angeschlossen hatte, wurde er nach seiner Niederlage bei Waterloo durch ein Standgericht im Oktober 1815 verurteilt und erschossen. Positano hat im Gegensatz zu ihm ein gutes Schicksal erwischt, es wurde von Touristen entdeckt.

Wir tranken Espresso oberhalb des Strandes von Positano, hörten Musik und beobachteten das umgebende Grün und das Menschengewimmel. In einem diesen Cafes komponierten Mick Jagger und Keith Richards ihren Song „Midnight Rambler“. Kein Wunder, Positano inspiriert.  Wie meine Frau sagte – pure Romantik, ein Platz wie geschaffen für Neuverliebte oder Neuvermählte. Kein Wunder, dass gerade am Strand von Positano Diane Lane dem italienischen Verführer Marcello im Film „Unter der Sonne von Toskana“ verfallen ist. Meine Frau meinte, ihr wäre es nicht anders gegangen. Also liebe Männer, lassen Sie niemals ihre Frauen allein nach Positano in den Urlaub fahren!  Es könnte ganz schön schief gehen!

Der Duomo steht auf einer kleinen Plattform – viel Platz gab es in Positano nicht einmal für die Kathedrale. Sie war die Kirche eines Benediktinerklosters, hat eine wunderschöne Kuppel aus Majolika und bewahrt eine byzantinische Ikone der Schwarzen Madonna aus dem dreizehnten Jahrhundert. Angeblich brachten sie Piraten nach Positano – wer sonst? Laut einer Legende haben sie diese Ikone in Byzanz gestohlen und sind an der Amalfiküste in einen Sturm geraten. Als sie um Positano segelten, hörte der Kapitän eine Stimme, die ihm sagte „Posa, posa!“ (Lege mich hier ab) Und seitdem ist die Madonna der wertvollste Gegenstand der Kathedrale.

Sorrento als die letzte Stadt der Amalfitana kann man angeblich auslassen. Wir taten es nicht. Es war gut so, wie haben dadurch viel verstanden. Sorrent liegt eigentlich nicht mehr an Amalfiküste. Um dorthin zu gelangen, muss man die Halbinsel überqueren und auf die Costiera sorrentina, also Sorrentküste kommen. Trotzdem wird sie zur Amalfitana gezählt. Warum? Wenn man in einem Reisebüro eine Reise zur Amalfiküste buchen möchte, kriegt man automatisch Übernachtungen in Sorrent. Nirgends, wirklich nirgends in meinem Leben habe ich so viele Hotels in einer Stadt gesehen. Ich wiederholte den Fehler von Positano und parkte in der ersten Tiefgarage, die sich angeboten hat. Sie war beim Rathaus, also dachte ich, dass ich bereits im Zentrum sei. Weit verfehlt! Eigentlich war ich wirklich im Zentrum, aber im Zentrum der Neustadt – ins historische Zentrum war es eine gut zwei Kilometer lange Strecke. Auf diesem Weg passierten wir unzählige Hotels – nach dem zwanzigsten hörte ich auf zu zählen. Alle waren mit vier, manche mit fünf Sternen geschmückt, vor allen hielten Busse an und spuckten Hunderte erkentnnishungrige Pensionisten aus. In der Stadt liefen unzählige Gruppen mit Reiseführen mit Regenschirmen unterschiedlichster Farben, einfach ein Chaos, das seinesgleichen lange suchen müsste. Man könnte davon wahnsinnig werden. Als ob hier noch der Geist des bekanntesten Landsmann von Sorrent, des Renaissancedichters Torquatto Tasso geisterte, der aus der Unsicherheit, ob sein Werk „La Gerusalemme liberata“ wirklich gut sei, tatsächlich wahnsinnig wurde. Endlich wahnsinnig waren auch die Preise in den Geschäften auf der Haupteinkaufstraße. Es gab hier eine Unmenge Geschäfte mit viel schöner Ware, aber der Wunsch meiner Frau, hier ein schönes Kleid für unsere Enkelin für einen angemessenen Preis zu kaufen, war natürlich absolut naiv und unerfüllbar. Letztendlich hat sie aber der italienischen Mode doch nicht widerstehen können und sie hat ein wirklich liebes Kleid gekauft. Ein angemessener Preis schaut aber meiner Meinung nach anders aus.

Sorrent allein ist schön, es steht hoch über das Meer auf einem steilen Felsen, von dem man zum Hafen absteigen muss, von wo aus Schiffe nach Positano, Amalfi, Neapel, Capri oder Ischia fahren. Alte Griechen, die einmal die Stadt gegründet haben, gaben sich mit einem kleinen Hafen unter dem Felsen zufrieden. Von diesem Hafen führt in die Stadt ein Weg durch ein historisches griechisches Tor. Es wurde zwar hundertmal repariert und umgebaut, darüber gibt es heutzutage eine Menge Wohnungen, aber es ist noch immer das ursprüngliche – nach ´dem bekannten italienischen Motto – nicht abreißen, was schon einmal steht. Unterwegs geht man an vielen schönen Restaurants mit Blick auf das Meer vorbei also, wer auf den Preis nicht unbedingt schauen muss….

Als es uns gelang, Sorrent zu verlassen und in der Abenddämmerung unübersichtliche Straßen der Städten Gragnano und Castellamare unbeschadet hinter uns zu lassen, erreichten wir endlich die Autobahn. (Abend ist die Zeit, in der alle, aber wirklich ALLE Italiener in ihren Autos trotz unverschämter Benzinpreise, die bei manchen Tankstellen die Marke zwei Euros überschritten haben, von einem Platz zu einem anderen fahren. (Ob sie dazu einen nachvollziehbaren Grund haben oder das nur zum Vergnügen und für einen Adrenalinschub tun, habe ich nicht erfahren.) Ich hatte die Schnauze voll.

Zum Glück folgte noch das bereits erwähnte Abendessen in Vietri mit dem galanten Besitzer. Also, hätten Sie Lust auf Romantik, Adrenalin und Chaos an einem Tag, kann ich die Amalfiküste herzlichst empfehlen.

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