Österreicher werden immer bei Erwähnung dieser Stadt von einer bestimmten Melancholie erfasst. Sie haben zu diesem Hafen in der nördlichen Adria eine starke emotionale Beziehung, es ist irgendwie eine nostalgische Erinnerung an die Zeiten, als Österreich noch groß und mächtig war. Kein anderer Landverlust (nicht einmal Südtirol) tut ihnen so weh, wie der Verlust von Triest mit seiner Umgebung.

Triest gehört also zu einem Pflichtprogramm jedes österreichischen Bürgers, diese Stadt mit den Schlössern Miramare und Duino nicht zu besuchen, ist einfach ein unverzeihliches Defizit der Grundbildung und ein Handicap in jeder anständigen Gesellschaft. Dass ich mich dazu nur nach beinahe zwanzig Jahren Aufenthalte in Österreich durchgerungen habe, hatte seine Ursache in erster Linie darin, dass Kollege Köck aus Murau über Triest immer nur Oden gesungen hat, niemals aber Zeit hatte, mit mir hinzufahren, wenn ich die Zeit gehabt hätte.

Also entschieden wir uns mit meiner Frau nicht mehr auf ihn zu warten und ohne den Neurologen (und Psychiater in einer Person) allein nach Triest zu fahren. Durch Depressionen waren wir nämlich im regnerischen Österreich stärker als wo anders gefährdet und so fand ich die Idee meiner Frau, nach Süden der Sonne entgegen zu fahren, absolut richtig. Ich hatte zwar vor, noch viel südlicher nach Perugia oder in die Toskana zu fahren, sie hat mich allerdings direkt hinter der italienischen Grenze gestoppt. Sie hatte recht, die Sonne war dort und blieb hier auch während unseres ganzen Aufenthaltes.

Triest (italienisch Trieste, tschechisch Terst, slowenisch Trst – die Slowenen sind Weltmeister in Bildung der Wörter ohne Selbstlaute, der absolute Höhepunkt ist das slowenische Wort für Frühstück „zajtrk“ – versuchen sie es ohne Zungenverletzung auszusprechen! Hier können den Slowenen vielleicht nur die Tschechen mit dem Satz „Strč prst skrz krk“ – „Stecke deinen Finder in den Hals“ – das Wasser reichen) wurde von den Römern im Jahr 178 vor Christus unter dem Namen Tergeste gegründet. Aus der römischen Epoche blieben Reste des römischen Theaters, das Lapidarium in der Stadtfestung und der Arco Ricardo – Überreste eines der Stadttore – erhalten.

Die Stadt erreichte nie eine vergleichbare Bedeutung wie ihr mächtiger Nachbar Aquiliea und nach der Vernichtung dieser Stadt durch Attilas Hunnen übernahm die führende Rolle in der nördlichen Adria das neu gegründete  Venedig – Triest kam wieder zu kurz. Hintereinander herrschten hier die Goten, Byzantiner, Langobarden, im Jahr 1202 nahm dann Venedig die Stadt ein. Venedig, das zwei Jahre später unter der Führung seines genialen blinden Dogen Enrico Dandolo mit Hilfe eines Kreuzzuges sogar die Macht Konstantinopels gebrochen hat. Triest mit einem Großteil der Halbinsel Istrien wurde ein Teil der venezianischen Ferra Terma. Die Stadt wollte aber nicht für immer und ewig ein zweitrangiger Hafen in der Republik des Heiligen Marcus bleiben.

Die Sternstunde von Triest kam im Jahr 1382, als die Stadt die Herrschaft und den Schutz der Habsburger angenommen hat. Durch den Seitenwechsel zu den Habsburgern – obwohl damals die Stadträte noch nicht ahnen konnten, wie weit es diese Familie bringen würde – wurde die positive Entwicklung eingeläutet. Im Jahr 1382 spielten nämlich die Habsburger, geteilt in zwei Linien neben den allmächtigen Luxemburgern nur die zweite Geige und zusätzlich lag zwischen ihren Ländern und Triest die Grafschaft Gorizia/Görz. Trotzdem wurde die Stadt nach diesem Machtwechsel zu einer direkten Konkurrenz zu Venedig – und eine solche ist sie auch bis heute geblieben. Der große Vorteil des Hafens ist, dass er sehr tiefes Wasser hat – dank seiner steilen Küste – und deshalb hier auch Schiffe mit Tiefgang anlegen können. Und so, während Venedig von einer Weltmacht zu einer touristischen Attraktion mutierte, ist Triest auch heutzutage der Hauptterminal für Tanker mit Erdölladung für Italien, Österreich und Deutschland. Gigantische Kreuzfahrtschiffe können direkt an der Piazza l´Unita d´Italia anlegen, was ein wirklich imposantes Bild bietet.

Unter der Herrschaft der Habsburger entstand ein großes Imperium und Triest erkannte, dass es auf das richtige Pferd gesetzt hatte. Bis zum Jahr 1918 war es der Handel- und Hauptkriegshafen der Monarchie und Sitz der Admiralität. Im Jahr 1500 fiel auch die Grafschaft Gorizia an die Habsburger und damit gewann Triest auch das wirtschaftlich notwendige Hinterland. Dem Reichtum der Stadt stand nichts mehr im Weg.

Die Stadt selbst ist nicht zu groß, sie hat heute um 200 000 Einwohner – und im grund hat sie keine weiteren Wachstumsmöglichkeiten. Dank der steilen Küste sind die Gebäude der Stadt auf mehreren Hügeln zerstreut, der Besuch von Triest ist konditionell eine ziemlich anstrengende Angelegenheit und für einen Menschen knapp nach einer Knieoperation (also für mich) nicht gerade die beste Wahl für einen Urlaub.

Die Stadt wird vom Hügel Cole di San Giusto mit der Zitadelle dominiert, mit einer Festung aus den habsburgischen Zeiten und mit einer riesigen romanischen Kathedrale, die dem lokalen Heiligen, dem heiligen Justus, gewidmet ist. Dieser war Bischof in Aquileia in der Zeiten der Christenverfolgung durch Kaiser Diokletian.  Er wurde mit Gewichten aus Stein an den Füßen und Händen ins Meer geworfen, seine Leiche wurde aber an die Küste bei Triest gespült. Hier wurde er auch begraben und bis heute wird er als Patron der Stadt verehrt (sein Feiertag ist am 2.November). Seine Kathedrale ist eine monumentale fünfschiffige Basilika, die nicht nur durch ihre Größe und durch korinthische Säulen, die das Gewölbe tragen, beeindruckt. Ihre innere Ausstattung ist ziemlich inhomogen, sie reicht von einem modernen Mosaik in dem Hauptschiff über alte Mosaiken aus dem 12. bzw 13. Jahrhundert bis zu Fresken  aus dem dreizehntem Jahrhundert. Die Kathedrale wirkt eigenartig asymmetrisch, die Bögen des Kreuzschiffes sind links bedeutend kleiner als rechts, die Seitenschiffe haben unterschiedliche Größe. Dieses Rätsel wird gelöst, wenn man die Kathedrale von oben betrachtet, also von den Mauern der Zitadelle. Dann sieht man, dass die Kathedrale aus zwei nebeneinander stehenden Kirchen entstanden ist, die in das neue Gebäude einfach übernommen und eingemauert worden sind – es waren die Kirchen St. Giusto und St. Maria Maggiore. Dieses architektonische Verbrechen wurde irgendwann im vierzehnten Jahrhundert begangen. Also nach der wohlbekannten italienischen Methode, dass nichts abgerissen wird. Erstens – es ist schade, zweitens – es ist viel zu viel Arbeit und drittens – die bereits stehende Bausubstanz kann man immer noch verwenden. Man muss nur flexibel und kreativ sein – mit einem Wort, einfach ein Chaot. Diese Eigenschaft besitzen die Italiener in einer ausreichenden Masse.

Der Eingang in die Basilika ist übrigens aus römischen Grabsteinen gebaut – das war im Mittelalter immer ein sehr begehrtes Baumaterial und die Triestiner konnten offensichtlich der Versuchung auch nicht widerstehen.

Von Cole di San  Giusto kann man zum Hafen und zum Hauptplatz Piazza l´Unita d´Italia hinabsteigen. Laut Triestiner ist dieser Platz der größte Italiens, aber auf diese Ehre erhebt auch der Platz Pratto della Valle in Padua und einige weitere Anspruch – in Italien ist einfach nichts unumstritten. Viel schöner als der Hauptplatz mit dem Rathaus ist aber der Borgo Teresiano – derjenige Stadtteil, den nach einem einheitlichen Plan (in Italien etwas Unerhörtes!) im achtzehnten Jahrhundert Maria Theresia bauen ließ – nicht umsonst wird Triest manchmal „das kleine Wien“ genannt. Schnurgerade breite Straßen um den Canal Grande, voller Cafés, Bars und Restaurants erinnern wirklich an die Donaumetropole.

Eine Erinnerung an die Donaumonarchie ist auch die Firma Illy, eine der bekanntesten Produzenten von Kaffemaschinen, die noch immer ihren Hauptsitz in der „Zona industriale“ in Triest hat. Francesco (eigentlich Ferenz) Illy war ein Offizier der ungarischen Kavallerie gewesen, bevor er sich in Triest niederließ und das Prinzip der Hochdruckkaffemaschine erfand. Es geschah zwar im Jahr 1933, als Triest bereits zu Italien gehörte, aber die ungarischen Wurzeln der Firma sind wohl bekannt. Übrigens ist das nicht die einzige Erinnerung an die Donaumonarchie in dieser Region – in der Umgebung von Görz wird die Tokairebe angebaut, obwohl die Weinerzeugung anders als in Ungarn ist – einfach italienisch. Die Familie Illy ist eine der einflussreichsten Familien in der Region, der Enkelsohn des Gründers der Firma, Riccardo, wurde gleich zweimal (1993 und 1997) zum Bürgermeister von Triest gewählt und es wäre auch das dritte (oder sogar das vierte) Mal geschehen, wenn es in Italien nicht verboten wäre. Übrigens ist Riccardo Illy auch seit 1999 Träger des Großen goldenen Ehrenzeichens der Republik Österreich – ob seiner politischen Verdiensten oder des guten Kaffees wegen sei dem Leser freigestellt.

Triest erlebte den Höhepunkt seiner Blüte im neunzehnten Jahrhundert. Es war damals das Kulturzentrum, hier lebte und wirkte James Joyce (nach ihm heißt eine von vielen Treppen, die Hügel der Stadt verbinden und gleich nebenan gibt es die Scala Dublino, offensichtlich  aus dem gleichen Grund). Auch Sigmund Freud lebte hier und in dem nahen Schloss Duino in den Jahren 1912 – 1913 auch Rainer Maria Rilke. In Triest wurden zwei Oper von Verdi uraufgeführt (Der Korsar und Stifelio).

Als gerade in Triest am 30. Juni 1914 das Schiff mit den körperlichen Überresten des Erzherzogs Franz Ferdinand d´Este anlegte, war das ein Vorzeichen des Niederganges der Stadt. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Triest mit seiner ganzen Umgebung an Italien angegliedert, nach dem zweiten Weltkrieg erhob aber Jugoslawien seine Ansprüche auf dieses gemischtnationale Gebiet. Im Jahr 1947 wurden letztendlich drei Zonen A, B und C gebildet, davon entfielen die Zonen B und C an Jugoslawien  und Tito teilte sie zwischen seinen zwei Kindern, Kroatien und Slowenien, auf. Istrien wurde Kroatien zugesprochen und die Küste zwischen Triest und Umag in der Länge von 27 km erhielt Slowenien. Dass Tito dabei vergaß, auch das Meer in der Bucht aufzuteilen, sorgt bis heute für Konflikte zwischen diesen beiden Ländern. Triest blieb bis 1954 eine freie Stadt unter internationaler Kontrolle und danach kehrte es nach Italien zurück. Mehrsprachig blieb es aber weiterhin, alle Aufschriften sind hier italienisch sowie auch slowenisch. Weil wir zu unfreiwilligen Zeugen der Diensteinteilung in unserem Hotel wurden, erfuhren wir auf diese Art, dass das Personal ausschließlich slowenisch war.  Um die Sauberkeit unserer Zimmer sorgten also Zlatica, Dragica, Milica usw. und sie machten das hervorragend. Vice versa ist an der slowenischen Küste alles italienisch beschrieben und die Kellner in Piran oder Portorož sprachen fließend italienisch. Die slowenischen Städte besitzen übrigens auf Italienisch wohlklingende Namen – Koper ist Capo di Istria und Portorož heißt sogar romantisch Portorosa.

Zu Triest gehört natürlich auch seine Umgebung. Triest zu besuchen und nicht zum Schloss Miramare einen Abstecher zu machen ist einfach undenkbar.

Es ist ein zauberhaftes Schlösschen, das sich der Konteradmiral und Kommandant der österreichischen Kriegsmarine Erzherzog Maximilian in den Jahren 1856 – 1860 bauen ließ. Wenn das Erdgeschoß eine luxuriöse bürgerliche Wohnung ist, so ist dann das Obergeschoß ein Beweis, wie der Ruhm einem den Verstand rauben kann. Das Obergeschoß ließ der Erzherzog nämlich nach seiner Krönung zum Kaiser von Mexiko ausstatten und hier gibt es Prunkräume mit Portraits aller damaligen Herrscher von Kaiser Napoleon III., der Maximilian zu diesem tödlichen Abenteuer in Mexiko angestiftet hat, bis zum brasilianischen Kaiser Pedro II. Im Obergeschoß gibt es auch die Wohnung von Prinz Amadeus, Herzog von Aosta,(Duke d´Aosta) der Vizekönig  im italienischen Ostafrika war und nach dem das beste Hotel in Triest direkt im Stadtzentrum benannt ist.

Nur ein bisschen weiter steht ein romantisches Schloss Duino (slowenisch Devin, also Mädchenburg), das dem Geschlecht Thurn und Taxis gehört.

Es ragt hoch über den See empor und bietet damit wunderschöne Aussichten über die ganze nordadriatische Küste. In Duino gibt es ein Museum, das die Tätigkeiten berühmter Persönlichkeiten im Schloss erläutert. Wie ich bereits erwähnte, waren hier Rainer Maria Rilke oder die griechische Prinzesin Maria Bonaparte (die Enkelin von Napoleons Bruder Lucien) tätig. Maria Bonaparte war zuerst eine Patientin, später dann eine Freundin von Sigmund Freud, der ihre Frigidität erfolglos behandelt hat. Sie kaufte den alten Herrn aus der nazistischen Gefangenschaft frei, damit er in Ruhe in London sterben konnte (Außer ihm wurde seine ganze Familie umgebracht, sogar seine neunzigjährige Schwester wurde in Auschwitz vergast)

Natürlich muss man auch Grotta Gigante besuchen, eine riesige Naturhöhle mit einer Höhe von über 100 Metern, die in der Guinness Buch der Rekorde als die größte Hölle aufscheint und die man mit einer Führung (Englisch oder Italienisch) besuchen kann.

Triest ist also für jemanden, der in Österreich lebt, ein kulturelles Pflichtprogramm, allerdings keinesfalls uninteressant. Möglicherweise fahre ich noch einmal hin, wenn in Österreich wieder einmal regnerisches Wetter meine Psyche beeinträchtigt. Während unseres Aufenthaltes sind trotz Dauerregen in Österreich hier nur ein paar Regentropfen vom Himmel gefallen und der Sonnenuntergang, von Cole di San  Giusto beobachtet, war einfach atemberaubend.

3 comments on “Triest”

  1. Lieber Antonin, deine Reise durch und rund um Triest spricht mir aus der Seele! Es ist noch so imperial österreichisch und trotzdem verloren!!!
    Lieben Gruß
    Eva Herbst

      • Wir haben es genau so genossen. Ein Hauch Nostalgie mit gutem Wein und Essen und einem wunderschönen Sonnenuntergang.
        Sicherlich besuchen wir die Stadt noch mehrmals.
        Danke, Eva

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.