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Teneriffa

Wenn man in den Urlaub nach Süden fliegt, also ziemlich weit nach Süden, sogar in die Nähe des Äquators, konkret auf die Kanarische Inseln und ganz konkret auf Teneriffa, erwartet man irgendwie, dass dort schönes Wetter sein wird. Besonders im Süden der Insel. Teneriffa ist nämlich, was das Klima betrifft, zweigeteilt. In den grünen Norden, wo Bananen und alle möglichen Arten von Obst angebaut werden, damit sie Touristen verzehren können, weil es hier manchmal regnet. Und in den trockenen unfruchtbaren Süden, wo es überhaupt keinen Regen gibt. Aus diesem Grund nutzen diesen Teil der Insel Touristen zu ihrem Aufenthalt, deshalb ist der Hauptflughafen der Insel nicht im Norden in der Nähe der Hauptstadt Santa Cruz de Tenerife – dort gibt es natürlich auch einen Flughafen, aber auf dem landen nur örtliche – verstehe spanische – Airlines und billige Fluggesellschaften wie Ryanair – sondern im Süden. Hier gibt es den Flughafen der Königin Sophie. Weil es in dem größten touristischen Zentrum der Insel Playa de las Américas – statistisch gesehen – fünf Tage im Jahr regnet.

               So gesehen, haben wir in dieser Destination beinahe den ganzjährigen Wasservorrat verbraucht. Wir verließen Wien, wo die Sonne strahlte und das Thermometer zwanzig Grad im Schatten zeigte – wie Christa Kummer gesagt hatte, viel zu warm für die Jahreszeit – es war Ende März. Auf Teneriffa wurden wir von Kälte und Regen empfangen und er hielt bis Dienstag an. (Weitere Tage waren nur mehr bewölkt, aber das Wasser im Himmel ist ausgegangen, also den hundertjährigen Rekord von fünf Regentagen in Serie haben wir nicht überwinden können. Ehrlich gezählt, Samstag bis Dienstag sind vier Tage, wann kommt der fünfte, ist schwer zu prophezeien, in jedem Fall sollte jeder weitere Tourist, der heuer in diese Destination fliegen würde, in ziemlicher Sicherheit sein, im Himmel könnte nicht mehr viel Wasser übrig sein. Also während wir unsere liebe Not mit einem Urlaubsprogramm hatten, provozierten uns unsere Kinder mit Nachrichten über die Sonne und Wärme zu Hause in Wien und in der Steiermark. Natürlich kam es letztendlich zu einer Wende – auf Teneriffa hörte der Regen auf und in Wien begann es zu regnen und es kühlte sich ab – das war am Freitag, also einen Tag vor unserer Rückkehr.

               Die ersten Tage hatte ich so eine Art von „deja vu“. Ich überlegte, wo ich schon so einen Urlaub erlebt hatte. Am Montag erinnerte ich mich – es war auf dem Island. Dort gab es aber ein umgekehrtes Verhältnis. Als ich einen Isländer im Regenmantel fragte, ob es auf der Insel auch manchmal schönes Wetter gibt, antwortete er trocken: „Ja, das gibt es. Fünf Tage im Jahr, die gab es vorige Woche.“

               Ich erlebte doch sogar den kühlsten Sommer in Albanien in den letzten hundert Jahren (also genauer gesagt, seit Anfang der Aufzeichnungen und die begannen irgendwann um 1850) also sollte ich gewöhnt sein. Ein bisschen jammern gehört aber zur mitteleuropäischen Kultur, also warum sollte ich das auslassen? Wir hatten doch im Hotel einen Pool mit aufgewärmtem Meereswasser, und zwar auf neunundzwanzig Grad und dann ist es eigentlich egal, ob es einem auf den Kopf regnet – das Problem ist nur beim Verlassen des Pools, das Wasser von oben ist nämlich kühler.

               Von solchem Wetter wird man gezwungen, ein Auto zu mieten und loszufahren, um die Insel mit Hilfe von einem Regenschirm zu erkunden. Das taten wir auch. Zwei Tage wanderten wir an der Küste zu Fuß, zwei Tage fuhren wir durch die Insel mit gemietetem Auto. Klasse „C“, wohlbemerkt, obwohl ich um die Klesse „B“ angesucht habe, weil mir das „C“ für die Straßenverhältnisse zu groß vorkam. War es nicht, die Straßen auf Teneriffa waren in einem überraschend guten Zustand. Die Klasse „B“ wurde aber nicht für Tagesausflüge angeboten. Warum, habe ich nicht erfahren. Einfach nicht angeboten!

               Der Fußtourismus ist zwischen La Caleta und Los Christanos möglich.

In Los Christianos gibt es einen Hafen, von dem Fähren zu La Gomera fahren, das 40 Minuten Schifffahrt entfernt ist und wo regelmäßig Christoph Kolumbus einen Stopp auf seinen Reisen nach Amerika machte, weil die Witwe des Gouverneurs seine Geliebte war. Zweimal fährt auch eine Fähre nach La Palma, die Insel, die heuer durch einen Vulkanausbruch verwüstet wurde. Natürlich wäre diese Insel ein verlockendes Ziel, der Weg hin dauert aber drei Stunden und die Fähre fährt nur zweimal am Tag, und zwar um halb zwei nachmittags und um acht abends. Das mach einen Tagesausflug praktisch unmöglich.

               Die Küstenpromenade hat zwei Teile. Den längeren von Plaza del Duque über Playa de los Amerikas bis zu Los Christianos und er ist zehn Kilometer lang. Der Weg ist bis zum letzten Meter mit Geschäften, Bars und Restaurants verbaut. Der zweite Teil in Richtung Norden nach La Caleta ist ein bisschen romantischer mit einem Hauch von Natur. Ein luxuriöses Einkaufzentrum gibt es eben auf dem „Plazza del Duque“ (Also auf dem Herzogsplatz) ein größeres gibt es aber in Playa de las Americas.

Es heißt Siammail und befindet sich direkt an der Autobahnausfahrt 73. Nur einen Kilometer weiter, bei der Ausfahrt 74, gibt es einen Aqua Park. Das ist für die, deren Kinder den Aufenthalt auf der Insel langweilig finden. Der Yachthafen Puerto Cristobal Colon ist von Plaza del Duque nur ungefähr einen Kilometer entfernt und hier werden verschiedene Attraktionen angeboten, wie zum Beispiel die Wal- oder Delphinen Beobachtung. Ob man dann so ein Säugetier wirklich sehen kann, ist natürlich Glücksache. Teneriffa liegt aber tatsächlich auf den Wegen, auf denen sich die Wale bewegen.

               Erfrischungsmöglichkeiten gibt es unterwegs auf der Küste mehr als genug und die gute Nachricht ist der Bierpreis. Kleines Bier vom örtlichen Bier Dorada (Caňa) kostet ein Euro, ein großes (Jarra) 1,50 bis 2 Euro. Es hat wahrscheinlich etwas mit der Ausnahmeregelung der Mehrwertsteuer, die EU den Kanarischen Inseln gewährt hat zu tun, es ist aber in jedem Fall eine liebe Überraschung.

               Das Meerwasser im Ozean hatte achtzehn Grad, also lockte nicht wirklich zum Baden (meine liebe Gattin verlangt MINDESTENS 25 Grad – also ein Bad im Meer auf Teneriffa kommt für sie ganzjährlich nicht in Frage, weil hier das Wasser im besten Fall (der könnte im Oktober kommen) knappe 23 Grad erreicht und das ist für sie noch immer zu wenig.

               Eine echte Geschichte erwartet euch auf Teneriffa auch nicht. Die Spanier entdeckten die Insel gegen Ende des fünftzehnten Jahrhunderts und begannen sie zu erobern (sie nennen es Kolonisierung), trotzdem gibt es auf der Insel mehr als genug, was man sehen möchte.

               Zum Vulkan El Teide brachen wir gleich am ersten Tag auf, als sich die Sonne blicken ließ.

Die Idee war zwar gut, aber wenig originell. Ähnlich wie wir dachte nämlich die Mehrheit der auf der Insel anwesenden Touristen. Also trafen wir auf der Hochebene Las Caňadas fast alle, was unerwartete adrenalingeladene Situationen zu Folge hatte, besonders bei der Suche nach einem Parkplatz. Ich bin sehr stolz, dass ich letztendlich immer einparken konnte, ohne dem ausgeborgten Auto oder dem Besitz der anderen gröbere Schäden zuzufügen. Alle drängten sich nämlich in einer verzweifelten Bemühung irgendwohin ihr Auto abzustellen, ohne dass es einen Platz gäbe.

               Teneriffa entstand irgendwann vor sieben Millionen Jahren bei einem Vulkanausbruch, als es aus dem Meeresboden hervorgebrodelt ist. Die Insel entstand nicht auf einmal, es gab mehrere Eruptionen. Zum Beispiel das Gebirge Teno im Nordwesten der Insel, wo alle Touristen, die sich auf der Insel befinden, unbedingt das malerische Dorf Masca besuchen möchten (alle natürlich gleichzeitig, was wieder einmal die gleichen Probleme wie die oben beschrieben mit Parken zu Folge hat) war lange Zeit eine eigenständige Insel, bis es weitere Eruptionen mit dem Hauptkrater El Teide verbunden haben.

               Der Hauptkrater des Vulkans Las Caňadas hat 16 Kilometer im Durchmesser und ist von Bergen umsäumt – also mit den Resten des ursprünglichen Vulkans und bildet einen 45 Kilometer langen Kreis. Das ist wirklich eindrucksvoll. Ein kleines Stück des Kraterbodens – flach und mit dünnwachsender Vegetation bedeckt – kann man in der Nähe des Aussichtspunktes Los Roques sehen, sein Rest wurde von den jüngeren Lavaströmen bedeckt. Die bisher letzte Eruption ereignete sich im Jahr 1798 – schwarze Massen der relativ frischen Lava sind gut identifizierbar. Interessant ist, dass die Lava verschiedene Farben hat, sie kann schwarz, gelb, dunkelorange oder ockergelb sein, nach ihren Farben erhielten die Vulkane ihre Namen, wie „Montaňa Mostaza“ also „Senfberg“ oder Montaňa Blanca (Weißer Berg), obwohl er sicher nicht weiß ist. Alles ist durch den riesigen Kegel El Teide überschattet. Er ist mit seinen 3718 Meter der höchste Berg Spaniens (obwohl es die Spanier aus dem Festland nicht akzeptieren wollen und sie zwingen den Touristen die Information auf, dass der höchste Berg Sierra Nevada (3482m Seehöhe) ist. Die ECHTEN Spanier, die Andalusien für eine afrikanische Provinz halten, werden dann schwören, dass die Pyrenäen mit ihren 3404 Meter Seehöhe natürlich am höchsten sind. El Teide ist ein junger Vulkan, er entstand inmitten des alten Kraters Las Caňadas vor zweihunderttausend Jahren. Bis zur Höhe von 3550 Meter kann man mit einer Gondelbahn fahren, natürlich nur, wenn sie im Betrieb ist. Als wir dort waren, war sie es nicht, obwohl die Sonne strahlte. Oben gab es angeblich viel zu starken Wind. Ich war bereits es zu glauben. Als ich nämlich eine nur kleine Aussichtsanhöhe bestiegen hatte, hat mir der Wind meine Kappe weggeblasen. Aber auch von unten ist der Berg schön, die Karten für die Gondelbahn kann man ausschließlich im Internet kaufen und es ist nicht ganz einfach – möglicherweise gibt es dabei Schwierigkeiten nur für Analogmenschen, wie ich es einer bin. Der Aufstieg auf den Gipfel von El Teide ist nur mit einem Reiseleiter möglich und man muss ihn vier Monate vorausbestellen. Der Höhenunterschied, den man überwinden muss, beträgt 1300 Meter und das in der Seehöhe von beinahe 4000 Meter, wo die Sauerstoffsättigung ziemlich sinkt. Es ist also ohne vorherige Akklimatisierung ein anstrengendes Unternehmen. Aus den Hängen des El Teide steigen noch immer schwefelhaltige heiße Dämpfe mit einer Temperatur bis zu 85 Grad auf als Beweis, dass es irgendwo tief im Vulkaninneren noch immer keine Ruhe gibt.

               Die Lava hat wertvolle Metalle ausgespült, die in Las Caňadas in der Nähe der Minen San José gefördert wurden, aber auch Nährstoffe, die die Vulkanerde sehr fruchtbar machen. Der Wein wird bis in die Seehöhe von 1000 Meter angebaut, wie im Dorf Vilaflor, das Obst reift in den Glashäusern das ganze Jahr lang, das einzige Problem ist der Wassermangel. Großteil des Nutzwassers wird durch das Entsalzen des Meereswassers gewonnen, was ihm ein Hauch von Fischgeschmack und einen leicht salzigen Geschmack verlieht.

               Wenn man in eine Stadt fahren möchte, die attraktivste Destination ist Puorto de la Cruz im Norden der Insel. Es war einmal der Umlageplatz von Zuckerrohr, das hier nach der Besetzung der Insel durch Spanier angebaut wurde. Im neunzehnten Jahrhundert kamen Engländer hierher und bekamen eine Idee, hier Bananen anzubauen. Das brachte der Insel Prosperität und nach den erfolgreichen Bananenunternehmern begannen auch andere reiche Engländer hierher umzuziehen oder zumindest kurze Erholung zu suchen. Es entstanden die ersten Hotels und Villen im Kolonialstil, die man hier immer noch sehen kann. Der spanische Kolonialstil des Häuserbaus kann man in La Orotava sehen, in einem Tal mit vielen Quellen nördlich von Puerto de la Cruz, wo ursprünglich das Zuckerrohr angebaut wurde, es war das Tal mit der größten Menge zur Verfügung stehenden Wassers – heute wimmelt es sich hier von Touristen, die die Originalhäuser mit Holzbalkons sehen möchten, zumindest die, die das große Erdbeben im Jahr 1704 überlebt haben. Bananenplantagen befinden sich manchmal direkt in der Ortsmitte, wie in dem Städtchen Icod de la Vinos, wo man die „Casa de Plátanos“ besichtigen könnte.

„Plátano“ bedeutet zu meiner großen Überraschung „Banane“. Wir kennen Platanen in einer anderen Bedeutung und auch diese Bäume waren dort überall und sehr groß und imposant. Nach dem Wörterbuch, in das ich geschaut habe, haben die Spanier für Platanen und Bananen das gleiche Wort. Fragen Sie mich nicht, warum und wie sie dann das Obst von dem Baum unterscheiden können.

               Der berühmteste Baum auf der Insel ist der „Drachenbaum“. Es ist eigentlich eine Palmenart. Wenn man ihm einen Ast abschneidet – und das taten die Ureinwohner oft, weil der Harz dieses Baumes, das im Licht dunkelbraune Farbe gewinnt, für heilende Substanz gehalten wurde und die Ureinwohner aus ihm Heilgetränke und Salben bereiteten – wächst schnell nach wie einem Drachen der abgeschlagene Kopf. Deshalb bekam der Baum den poetischen lateinischen Namen „Dracanea Drago“.

Im Städtchen Icod de la vinos gibt es den ältesten Drachenbaum auf der Insel. Er ist fünf hundert Jahre alt, der Umfang seines Stammes beträgt sechs Meter. Er ist siebzehn Meter hoch und man kann ihn gut von der Terrasse der örtlichen Kirche sehen und fotografieren. In der Kirche des Heiligen Marcus gibt es das angeblich weltweit größte Filigrankreuz aus Silber, ein Geschänk des Gouverneurs von Havanna. Auch die schon genannte „Casa de Plátanos“ ist in der unmittelbaren Nähe und in diesem Städtchen wurde auch an die Touristen gedacht. Nicht nur, dass der Weg zu den örtlichen Attraktionen tadellos markiert ist, aber in ihrer unmittelbaren Nähe gibt es auch eine Tiefgarage und die Parkzeit wird nach Minuten abgerechnet, also absolut gerecht.

               Der größte Anziehungspunkt auf der Insel ist „Loro Parque“ in Puerto de la Cruz, vielleicht deshalb hat dieser Tierpark seine Werbung auf der Heckenscheibe jedes Mietautos auf der Insel. Obwohl „Loro“ Papagei bedeutet und es gibt dort wirklich hunderte Arten von dieser Vogelart, Loro Parque hat viel mehr als Papageien zu bieten. Er ist ein riesiger Tierpark und er bietet ein Programm für den ganzen Tag an. Kinder werden sicher alle drei Shows besuchen wollen, nämlich die Seehunde, Delphine und Papageien, nur für Besuch dieser drei Shows muss man den Besuch des Parkes auf mindestens vier Stunden ausdehnen.

Aber langweilig wird es dort nicht. Es gibt ein riesiges Aquarium, wo man durch einen Tunnel gehen kann und die Fische fast berühren könnte, große Menge von Pinguinen inklusiv der großen Kaiserpinguine, es gibt aber auch Löwen, Tiger, Panther oder Gorillas, also alles, was zu einem guten Tierpark gehört. Nur kein Panda, hier hat Schönbrunn doch die Nase vorne. Das Parken ist direkt im Gelände bei der Einfahrt oder in den umliegenden Straßen möglich.

               Es gibt einfach auf Teneriffa zu viel zu sehen. Ich werde noch einmal zurückkehren müssen. Mindestens, wenn der Regen aufhört und die Gondelbahn auf El Teide funktionieren würde. Dann bleibt zum Besuch noch der Botanische Garten in Puerto de la Cruz (leider auf dem anderen Ende der Stadt als Loro Parque), die Kathedrale in Candelaria mit einer Wunderstatue der Jungfrau Maria. Die Statue ist zwar ein „fake“, weil als das Original, das noch vor der Ankunft der Spanier auf die Insel angespült und von den Einheimischen verehrt wurde, von einer Flut ins Meer gespült wurde. Im Jahr 1827 fertigte der Künstler Fernando Éstevez eine Kopie an und zu der wird jetzt gepilgert. Die Kathedrale der Patronin der Kanarischen Inseln sollte man unbedingt besuchen. Ich schaffte es nicht, meine Frau wollte baden. Das verdammte Wasser im Hotelswimpool hatte die schon erwähnten neunundzwanzig Grad. Natürlich gibt es noch die Umgebung von La Laguna im Nordosten der Insel und die „Höllenkluft“ Barranco del Inferno nahe dem Dorf Adeje und sicher auch viel mehr.

               Ein Besuch dieser Insel ist einfach zu wenig. Und wer möchte sich stressen lassen? Die Einheimischen sicher nicht und mit ihrer Ruhe stecken sie bald auch die Besucher an.

               Mein Gott, wann habe ich das letzte Mal in meinem Leben bis halb neun geschlafen?

Aachen II

Die Kirche wurde von Karl dem Großen als ein riesiges Oktagon konzipiert und es ist voll mit Symbolik (bereits das Achteck symbolisiert den achten Tag der Schöpfung, also das Jüngste Gericht und mit ihm die Vollendung der Vollkommenheit.)

Diejenigen, die schon bei meinem Artikel über Köln bei der Beschreibung der dortigen heiligen Reliquien, die in der Stadt so eine wichtige Rolle spielten, den Kopf geschüttelt haben, werden jetzt wahrscheinlich mit der Stirn gegen die Wand schlagen. Karl ließ sich nämlich bei der Gelegenheit der Einweihung der Kirche vom Patriarchen von Jerusalem heilige Reliquien von unbezahlbarem Wert schicken. Es sind ausnahmeweise keine Knochen – in einem prächtigen vergoldeten Reliquiar befinden sich: Die Windel Jesu und sein Lendentuch vom Tag der Kreuzigung, das Kleid der Jungfrau Maria und das Tuch, in dem der Kopf des heiligen Johannes des Täufers eingewickelt war. Schon genug gelacht? Dann dürft ihr weiterlesen.

Also jetzt zur Symbolik dieser Kleiderstücke. Die Windel Jesu und sein Lendentuch symbolisieren die Geburt und den Tod, also den Kreislauf des menschlichen Lebens. Das Kleid Marias dann die Mutterschaft, also das Leben vor dem Leben und das Tuch des Johannes Täufers überbrückt den Neuen mit dem Alten Testament.

Die Stoffe werden seit dem Jahr 1349 (wieder einmal hatte der luxemburgisch-tschechischer deutscher Kaiser Karl IV. seine Finger im Spiel) jede sieben Jahre öffentlich ausgestellt. Und sie zeigen keine Zeichen eines Verfalls, obwohl sie nach der Karbonanalyse tatsächlich aus dem ersten Jahrhundert stammen – und das ohne jegliches Konservierungsmittel – das grenzt wirklich an einem Wunder.

In der Kirche gibt es noch ein Reliquiar – mit den Knochen ihres Gründers Karls des Großen. Dieser großer Verbreiter des Christentums – er verbreitete es mit Feuer und Schwert, wer sich nicht taufen ließ, verlor sofort seinen Kopf wie zehntausende unzähmbare und unnachgiebige Sachsen – wurde am 29.12.1165 vom Papst Paschalis III. auf das Ansuchen Kaisers Friedrich Barbarossas heiliggesprochen. Paschalis war allerdings ein Gegenpapst nach dem Willen des Kaisers – Barbarossa konnte nämlich das tatsächliche Oberhaupt der Kirche, den Papst Alexander III., nicht leiden. Karl der Große gilt also als heilig im deutschsprachigen Raum – genauer gesagt im Bereich des ehemaligen mittelalterlichen Römischen Reiches, von der allgemeinen katholischen Kirche ist er aber als ein Heiliger nicht anerkannt. Auf dem prächtigen vergoldeten Reliquiar gibt es eine Darstellung von 16 Königen, den Nachfolgern des Karls bis zu Friedrich II. – das Reliquiar schenkte dem Dom nämlich gerade dieser Enkel Barbarossas am Tag seiner Krönung am 27. Juli 1215. Interessant ist, dass die Analyse der Knochen bewies, dass sie wirklich von einer einzigen Person stammen und diese am Ende des achten Jahrhunderts lebte – es könnte sich also wirklich um die leiblichen Überreste Karls handeln. Der Leichnam war 184 cm groß, gehörte also für seine Zeit einem wirklich großen Mann. Er ist aber im Reliquiar nicht komplett, ein wichtiger Teil der Leiche fehlt – dazu kommen wir noch und hier hat wieder einmal Karl IV. seine Spielchen getrieben. Barbarossa war bei der Heiligsprechung Karls des Großen anwesend und er schenkte bei dieser Gelegenheit der Kirche einen gigantischen 265 Kilogramm schweren Leuchter, der von der Decke an einer 27 Meter langen Kette hängt. Die Kette ist gleich wie der Leuchter ein Original aus dem Jahr 1165 und wird in Richtung Kirchendecke breiter, um auszusehen, als ob sie in der gesamten Länge immer gleich dick wäre. Ihre 240 Glieder wiegen insgesamt 330 Kilogramm, also mehr als der Leuchter selbst. Auch der Leuchter ist voll mit Symbolik, er stellt das himmlische Jerusalem mit acht großen und acht kleinen Türmen und 48 Kerzen dar.

Der wichtigste Gegenstand in der Kirche ist der Krönungsstuhl der römischen Könige.

Im Dom wurde der Sohn Karls des Großen, Ludwig der Fromme, als der erste König gekrönt und diese Tradition wurde dann von Otto I. wiederbelebt. Seit dieser Zeit wurde zum römischen Herrscher nur der König anerkannt, der auf diesem Thron in der Kathedrale in Aachen vom Kölner Erzbischof mit der Krone, die Otto für diese Gelegenheit anfertigen ließ, gekrönt wurde. Diese Krone befindet sich heutzutage in der Schatzkammer der Hofburg in Wien. Es gab insgesamt dreißig Krönungen, die letzte spielte sich im Jahr 1531 ab, als Ferdinand I. zum deutschen König gekrönt wurde. Sein Sohn Maximilian II. hatte zu heiligen Reliquien eine distanzierte Stellung und seinem Enkel Rudolf II. war Aachen zu weit, um so eine Reise zu unternehmen. So starb diese Tradition am Ende des sechzehnten Jahrhunderts.

Um den Sinn für die Symbolik zu verstehen, müssen wir uns mit dem Thron länger beschäftigen. Der Thron ist nämlich selbst eine Reliquie. Die Marmorplatten, aus denen er gebaut ist, stammen angeblich aus der Kirche des Heiligen Grabes in Jerusalem. Das ist durchaus möglich, die Platten haben tatsächlich einen antiken Ursprung, auf einer von ihnen gravierten nämlich die römischen Legionäre das Spielbrett für ein in der damaligen Zeit beliebtes Brettspiel ein. Damit aber der Akt der Krönung noch mehr Symbolik hätte, wurde unter den Thron ein Beutel mit der mit dem Blut des ersten christlichen Märtyrers des heiligen Stefan durchtränkte Erde – also die Erde aus dem Heiligen Land – gelegt. Der König wurde also somit auf heiligem Boden gekrönt. Nur dann durfte der Kölner Erzbischof dem König die Krone Karls, also eigentlich Ottos I. auf das Haupt setzen, die speziell für diese Gelegenheit aus Nürnberg gebracht wurde. Die Krönungsinsignien der römischen Könige wurden auf zwei verschiedenen Plätzen aufbewahrt. In Nürnberg lag die Krone, das Kreuz, die heilige Lanze, der Reichsapfel, das Schwert, das Zepter und das Gefäß für das Weihwasser. In Aachen wurden dann der Beutel mit dem Blut des heiligen Stephans, das Reichsevangeliar und die Säbel Karls des Großen aufbewahrt.

Heute ist die Kirche mit Mosaiken geschmückt, die hier nach der Beseitigung der barocken Dekoration im neunzehnten Jahrhundert erschaffen wurden. In der Zeit Karls war die ganze Kirche weiß ausgemalt und lediglich die Metallartefakte wie die Geländer waren vergoldet. Es strahlten also in dem Kircheninneren nur zwei Farben – Weiß und Gold – die Farben des Heiligen Stuhls in Rom und damit eine klare kaiserliche Provokation im Kampf um die Vorherrschaft über die Welt. Wie schon gesagt, Karl mochte den Papst Alexander nicht.

Es ist unbedingt notwendig auch die Schatzkammer in Aachen zu besuchen. Auch hier finden wir Spuren Karls IV. Dieser Kaiser war nämlich der Namensvetter des Gründers des mittelalterlichen Weströmischen Reiches, und zwar nach langen 461 Jahren. Seit dem Tod Karls III., des Dicken im Jahr 888 gab es keinen weiteren Karl auf dem römischen Thron. Der Name war nämlich im deutschsprachigen Raum unüblich und auch Karl IV., eigentlich mit eigenem Namen Wenzel, nahm diesen Namen bei seiner Firmung in Frankreich an, wo sein Pate sein Onkel, der französische König Karl IV. der Schöne, war. Karl IV. schenkte der Schatzkammer zwei Reliquiare. Ein davon in einer traditionellen Form eines Gebäudes mit gotischen Türmen. Es ist dadurch interessant, dass der Autor hier vollkommen falsch den Dom in Aachen dargestellt hat – offensichtlich kannte er ihn nur vom Hören und das Reliquiar erstand im fernen Prag. Das zweite Reliquiar ist eine äußerst skurrile Angelegenheit. Es ist wahrscheinlich die berühmteste Büste der Welt. Sie stellt Karl den Großen mit einer Krone auf dem Haupt dar. Gerade mit dieser Krone wurde Karl IV. im Jahr 1349 zum römischen König gekrönt – nur danach landete sie auf dem Haupt der Büste seines berühmten Vorgängers. Die richtige Krone Ottos I. hatten damals nämlich die Söhne von Karls Vorgänger, Ludwig IV. des Bayern, im Besitz und wollten sie nicht herausgeben. Aber wie sollte man die Krönung mit einer Krone, die das Haupt der Gründer des Weströmischen Reiches nachträglich getragen hat, anzweifeln? Der Deckel der Büste ist abklappbar und drinnen befindet sich der Schädel Karls des Großen. Durch die Initiative Karls IV. wurde jeder neue angehende römische König in den Toren der Stadt Aachen mit dieser Büste empfangen. Er musste den Deckel abklappen und den drinnen versteckten Schädel küssen. Ein bisschen skurril und sicherlich nicht gerade hygienisch, aber das konnte keinen einzigen Königskandidaten zur Verweigerung dieser Zeremonie ermutigen. Bis zu Maximilian II.  

Neben diesen Reliquiaren gibt es in der Schatzkammer auch andere Schätze, unter ihnen auch „Der Tschechische Flügelaltar“ mit Darstellung des heiligen Wenzel. Nach Aachen kam es irgendwann in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, als in Tschechien Georg von Podiebrad herrschte, der dauernd mit dem Papst im Streit bezüglich seiner Rechtsgläubigkeit lag. Keine Ahnung, warum gerade zu dieser Zeit ein Reliquiar aus Prag nach Aachen kam. Aber es gab in dieser Zeit in Böhmen auch eine reiche katholische Opposition, die sich nach politischer Unterstützung von Gott und Kaiser sehnte und bereit war, diesbezüglich etwas zu investieren.

In der Empfangshalle des Rathauses in Aachen überraschte mich das Bild des Sohnes Karls IV. Sigismunds. Er ist auf der Wand, das dem Bild Karls des Großen gegenüber liegt, dargestellt. Ich habe keine Ahnung, warum gerade er so geehrt wurde. Vielleicht war die Wand im neuen Gebäude gerade frei. Oder hat sich es dieser Kaiser irgendwie verdient, ich weiß aber nicht wodurch.

 Den Namen Karls des Großen trägt auch der Karlspreis oder genauer seit 1988 „Internationaler Karlspreis zu Aachen“, den diejenige Person oder Organisation verliehen bekommt, die sich am meisten für die Vereinigung Europas eingesetzt hat. So wie der Kaiser das ganze damalige Europa unter seinem Zepter vereinigen versuchte. Die Preisträger sind manche großen Europäer, 1954 Konrad Adenauer, 1955 Winston Churchill, aber auch Nicht-Europäer, wie im Jahr 1959 George Marschall, der Vater des Wiederaufbauplanes Europas. Aus den neueren Zeiten dann 1987 Henry Kissinger, 1988 Helmut Kohl und Francois Mitterand und 1991 Vaclav Havel. 1995 ging dieser Preis an Franz Vranitzky, offensichtlich für seinen Verdienst für Beitritt Österreichs zu EU. 2008 wurde Angela Merkel mit diesem Preis geehrt, die Preisträger aus dem Jahr 2020 sind die Anführer der weißrussischen Opposition der letzte Preisträger aus dem Jahr 2021 ist der rumänische Präsident Klaus Johannis.

Aachen ist beeindruckend und sehr schön. Besonders für Geschichteliebhaber ist die lange Reise in diese Stadt viel wert. Aachen ist nicht wirklich nah, es liegt nämlich nah an der Grenze dreier Länder – es gibt hier einen Dreiländerpoint Deutschland, Niederlande und Belgien (dieser Punkt mit 322 m über dem Meeresspiegel ist zugleich der höchste Berg der Niederlande. Wenn ihr also Niederlande von oben schauen möchtet….

Aachen I

            Aachen verdankt seinen Ruhm einer Schwäche eines starken Mannes. Kaiser Karl der Große hatte nämlich für das frühe Mittelalter eine seltsame Vorliebe – er hat nämlich sehr gern gebadet.

            Als er dann einen Ort suchte, von dem er sein ausgedehntes Reich regieren könnte, suchte er ihn natürlich in seiner geographischen Mitte (deshalb ist auch heute die Hauptstadt Europas Brüssel, das von Aachen nicht weit entfernt ist), entscheidend für seine Wahl waren aber warme Quellen, die hier aus dem Boden sprudelten und die bereits in den römischen Zeiten berühmt waren.  Sie wurde laut einer Legende vom römischen Legionär namens Granus Severus entdeckt (der historisch nicht belegt ist), deshalb hieß die Stadt in den römischen Zeiten Aquae Grani.

Die Quellen haben übrigens eine heilende Wirkung, lässt euch nicht durch eine Aufschrift verirren, auf der steht, dass es sich nicht um Trinkwasser handelt. Ich war wirklich erschrocken, als ich diese Aufschrift entdeckte, da ich bereits das Wasser in größeren Mengen gekostet hatte (erstens war ich durstig, zweitens neugierig). Ich stellte mir sofort vor, welche Folgen dieser Genuss für mich haben könnte, wenn das Wasser durch irgendwelche todbringenden Bakterien verscheucht wäre. Meine Sorgen waren umsonst. Die Angabe, dass es sich nicht um Trinkwasser handelt, ist nicht deshalb hier, weil das Wasser verschmutzt oder infiziert wäre, sondern weil es als Medikament registriert ist. Also kein Trinkwasser, dafür ein therapeutisches Produkt. Man kann es also ohne Sorge trinken. Es hat einen intensiven Geschmack, es ist relativ salzig und stinkt nach Schwefel. Es sprudelt auf der Kolonnade im Elisenbrunnen und erhält Natrium, Kalium Phosphat und Schwefel. Seine Temperatur an der Quelle ist 53 Grad Celsius, also man musste das Wasser für den kaiserlichen Bad abkühlen. Was einfacher war, als wenn man es aufwärmen hätte müssen.

            Karl ließ hier Ende des achten Jahrhunderts eine kaiserliche Pfalz bauen und dank seiner rheumatischen Probleme verbrachte er hier die letzten sieben Jahre seines Lebens. Die Pfalz macht noch heute einen imposanten Eindruck, sie wird durch den geräumigen Katchhof gebildet, gerahmt auf dem oberen Rand von dem monumentalen Gebäude des Rathauses und auf dem unteren von dem noch größeren Dom. Beide Gebäuden sind imposant und ergänzen sich hervorragend. Beim Eintritt in den Katchhof stockt dem Besucher der Atem. Zum 1200 Jahre Jubiläum des Todes Karls des Großen (er starb im Jahr 814) wurde ein historisches Zentrum Carlemagne eingerichtet, wo ein Besucher seine Reise durch die Geschichte von Aachen beginnen sollte. Ich begann sie nicht, das Personal war gerade auf einem Betriebsausflug (man schrieb das Jahr 2016 und es war noch vor Corona, das mit solchen, für Touristen unakzeptablen Veranstaltungen einen Schluss machte). Ich musste es also akzeptieren, es blieb mir mehr Zeit, um die Schönheit der Stadt zu bewundern. Es gab nämlich mehr als genug zu sehen auch ohne das Museum des großen Karls.

            Das Rathaus ist auf jeden Fall besuchswert. Es ist ein riesiges gotisches Gebäude, es wurde im Jahr 1349 vollendet und steht an der Stelle des ehemaligen Palastes Karls.

Hier, im ersten Stockwerk, tafelten römische (eigentlich deutsche) Könige nach ihrer feierlichen Krönung. Der Palast verkam aber mit der Zeit, der König, der als der letzte in den alten Räumlichkeiten aß, war Rudolf von Habsburg. Er schaffte es, das ganze feierliche Festmahl in einer Stunde zu verzehren, wobei er die ganze Zeit mit Sorge die Decke beobachtete, die mit einem Einsturz drohte und mit dem Staub aus den lockeren Backsteinen dem König seine Suppe verfeinerte. Die Bürger der Stadt entschieden also das verfallene Gebäude im Jahr 1330 abzureißen (keine weiteren Herrscher nach Rudolf trauten sich dort zu essen) und bauten an seiner Stelle ein neues Rathaus. Den Saal für die feierlichen Gastmähler der frischgekrönten Könige bauten sie aber wieder, es war für die Stadt lebenswichtig, dass diese Tradition wiederbelebt wurde – der Saal befindet sich im ersten Stock und er ist atemberaubend, Mit seiner Größe 45 x 18,5 Meter und mit 100 gotischen Bögen gehörte er zu den größten Europas. An den Wänden gibt es 5 Fresken aus dem Leben Karls des Großen, drei weitere wurden im zweiten Weltkrieg vernichtet. Als erster schmauste in dem neuen Sal der Namensvetter Karls des Großen, Kaiser Karl IV. nach seiner Krönung im Jahr 1349 – diesem Herrscher begegnen wir in Aachen noch mehrmals.

Königssaal im Rathaus

            Aachen war die einzige deutsche Stadt, die von den Alliierten noch im Jahr 1944 eingenommen wurde. Nach schweren sechs Wochen dauernden Kämpfen ist es gelungen, die Stadt am 21. Oktober 1944 einzunehmen. Die Front stabilisierte sich dann hier für eine lange Zeit, das nicht weit entfernte Köln wurde erst Ende März 1945 erobert. Mit der Besetzung von Aachen ist eine Geschichte verbunden, die für mich fast unglaubwürdig klang. Die Amerikaner suchten nach der Einnahme der Stadt eine Person, die sie als den Bürgermeister einsetzen könnten. Sie fanden sie in Franz Oppenhof, einem katholischen Nazigegner. Er nahm die Sache eher diktatorisch als demokratisch in die Hand, er feierte aber mit seinem Zugang unübersehbare Erfolge. Im Winter 1944/1945 ist es ihm gelungen das Krankenhaus wieder in Betrieb zu nehmen, die Wasserversorgung wurde wiederhergestellt und es begann der Verkehr und die Infrastruktur zu funktionieren. Damit hat er sein Todesurteil besiegelt. Wenn ihn die Nazis hinter der Front im Herbst 1944 nur bedrohten und warteten, dass er sich selbst und die neue Besatzungsmacht durch Misserfolge diskreditierten und „das erbitterte Volk“ ihn mitsamt seinen amerikanischen Beschützern vertreiben würde, seine Erfolge hatten eine Entscheidung zu Folge, den „Verräter und Kollaborateur“ physisch zu liquidieren. Am 25. März 1945, also nur sechs Wochen vor dem Kriegsende, wurde Oppenhof von einem Fallschirmjägerkommando SS ermordet, die Himmler mit dieser Aufgabe hinter die Front entsandte.

Im unteren Teil der Pfalz steht der Dom, den Karl der Große erbauen ließ.

Es wird eine Legende erzählt, wonach es die Bürger der Stadt mit dem Bau nicht eilig hatten und die Mittel, die der Kaiser für den Bau zu Verfügung gestellt hatte, zu anderen Zwecken verwendeten. Dann hat der Kaiser unerwartet seinen Besuch der Stadt angekündigt und in der Stadt brach Panik aus. Karl war bekanntlich nicht zimperlich, wenn es um die Bestrafung des Ungehorsams ging. Wenn er böse war, konnte er sehr grausam sein und jetzt mussten die Bürger mit seinem Zorn rechnen. In diesem Moment der Verzweiflung erschien in der Stadt ein Bettler, der die Vollendung der Kirche in einem einzigen Tag versprach. Allerdings mit der Bedingung, dass die erste Seele, die die neue Kirche betritt, ihm gehören würde. Er war der Teufel persönlich. In der Angst vor dem zornigen Kaiser sahen die Bürger keine andere Wahl als diesem Angebot zuzustimmen. Am nächsten Tag war der Dom fertig. Die Bürger von Aachen fanden aber eine Lösung aus dem Schlamassel herauszukommen. Wenn der Teufel damit gerechnet hatte, dass als erster die Kirche der Kaiser persönlich oder zumindest der Erzbischof betreten würde, haben die Bürger eine Wölfin in die Kirche getrieben. Der Teufel warf sich auf sie und als er erkannte, dass er überlistet wurde, lief er mit einem furchtbaren Schrei aus der Kirche heraus. Er schlug die Tür hinter sich so stark zu, dass auf dem Klopfer sein Daumen blieb und die Tür bis heute einen Riss rechts unten hat. Die Wölfin aus Bronze steht dann direkt in der Eintrittshalle der Kirche. Ihre Anwesenheit auf dieser Stelle ist bereits im Jahr 1320 belegt.

Köln II – die Neuzeit

Die Universität in Köln wurde im Jahr 1388 gegründet, interessant daran ist, dass es sich um die erste Universität handelte, die aus der Initiative der Bürger und nicht des Herrschers entstand und die Stadt finanzierte sogar ihren Betrieb. Das reiche Bürgertum wurde nämlich überheblich und war nicht bereit, die Herrschaft ihres Landherren, des kölner Erzbischofs, ohne weiteres hinzunehmen. Der erste Konflikt im Jahr 1258 konnte noch der bereits erwähnte Albertus Magnus schlichten, im Jahr 1262 entflammte aber dieser Konflikt mit voller Intensität erneut. Dazu wird folgende Legende erzählt. Zwei Prälaten, angestiftet von Erzbischofs Engelbert II. von Falkenburg, luden den Bürgermeister Hermann Grin zum Frühstück. Sie teilten ihm aber nicht, dass er selbst die Hauptspeise sein sollte. Als er den Saal betrat, ließen sie einen ausgehungerten Löwen auf ihn los. Der tapfere Bürgermeister verlor nicht die Schlagfertigkeit. Er wickelte seinen Mantel um die Hand, steckte ihn dem Raubtier in die Kehle und stach es dann mit seinem Schwert nieder. Die Prälaten wurden gehängt, der Erzbischof aus der Stadt getrieben. Ein Bürgermeister namens Hermann Grin existierte zwar nachweislich nicht, die Szene seines Kampfes mit dem Löwen ist aber ein dankbares Motiv und ein Relief mit ihrer Darstellung findet man im Rathaus im sogenannten „Löwenhof“ sowie auch im Stadtmuseum.

Das Faktum ist aber, dass die Erzbischöfe auf die Macht in ihrer Stadt nach der Schlacht bei Woringen im Jahr 1288 verzichten mussten. Im Besitz der kölner Erzbischöfe blieb nur der Stadtteil Deutz auf dem rechten Rheinufer.

Weil die Universität in Köln dank ihres fundamentalen Katholizismus zu einer Bastion des Konservatismus wurde, wurde sie im Jahr 1794 nach Einnahme der Stadt durch die französische Revolutionsarmee aufgelöst und musste auf ihre Neugründung bis 1919 warten. In der Stadt wurden trotzdem zahlreiche berühmten Männer geboren oder sie wirkten hier. An der Jesuitenschule unterrichtete Georg Simon Ohm. Es wurde hier der Komponist Jacques Offenbach geboren, der zwar nur später während seines Aufenthaltes in Paris berühmt wurde, ein Denkmal in Köln hat er aber trotzdem. Nikolaus August Ott erfand hier den Viertaktmotor, ein Prototyp des Motors, der heute in jedem PKW seinen Platz hat, solange er nicht mit Strom angetrieben ist. Im Jahr 1848/1849 wirkte hier, und wollte die Revolution führen, ein bestimmter Karl Marx, hier wurde auch der Nobelpreisträger Heinrich Böll geboren. Böll war ein der wenigen Autoren aus dem Westen, der seiner kritischen Einstellung zum Kapitalismus wegen seine Bücher sogar in den kommunistischen Ländern vor dem Jahr 1989 publizieren durfte.   

Natürlich darf man nicht das Kölnische Wasser vergessen. Wer würde es nicht kennen? Für meine Großmutter war jedes männliche Parfum einfach „kolinska“. Im Jahr 1709 begann Johann Maria Farina sein Riechwasser unter dem Namen „Aqua mirabilis“ also „Das Wunderwasser“ zu verkaufen.

Er selbst behauptete, dass er einen Duft „frisch wie ein italienischer Morgen“ erfunden hätte (Es wurde zwar von seinem Landsmann Giovanni Paolo de Feminis erfunden, der aber offensichtlich vergessen hat, sich seine Erfindung patentieren zu lassen.) und seine Kunden waren bereit ihm es zu glauben. „Aqua mirabilis“ wurde nicht nur als Parfum verkauft, sondern auch als Heilwasser, es wurde auch bei Krankheiten der Haustiere verwendet und sollte sogar gegen Pest geholfen haben. Seinen heutigen Namen bekam das Wasser von französischen Offizieren im Siebenjährigen Krieg, die sich gegen den unerträglichen Gestank in der von ihnen eingenommenen Stadt mit den im Parfum eingetauchten Taschentüchern schützten und die Erfindung Farinas „Eau de Cologne“ benannten. Diese schützende Wirkung des Kölner Wassers für die Nase war in allen damaligen Städten willkommen und aus dem Wasser wurde ein sehr profitabler Exportartikel. Das Patent für seine Produktion erhielt letztendlich der kölner Geschäftsmann Wilhelm Mühlens. Seit dem Jahr 1810, als Napoleon verboten hatte, das „Eau de Cologne“ als Heilwasser zu verkaufen, funktioniert es nur mehr als Parfum – aber funktioniert noch immer.

Der bekannteste Bürger von Köln in der Neuzeit war wahrscheinlich Konrad Adenauer, der Gründer des modernen Deutschlands und ein der Hauptkonstrukteure des vereinten Europas. Aus diesem Grund ist er auch ein Preisträger des Karlspreises, der in dem nicht weit entfernten Aachen jedes Jahr verliehen wird. Adenauer erhielt ihn im Jahr 1954. Adenauer war der Bürgermeister von Köln in den Jahren 1919 – 1933, bis er aus dem Amt von Nationalsozialisten vertrieben wurde. Danach zog er sich zurück und blieb eine Privatperson. Nach der Einnahme von Köln durch die Amerikaner wurde er wieder in sein Amt eingesetzt und  in den Jahren 1949 – 1963 war er der erste Kanzler des Nachkriegsdeutschlands.

Es ist nur logisch, dass der Pazifist Adenauer gerade aus Köln stammte. Die Ausrufung der Deutschen Republik im Jahr 1918 begrüßte er mit den Worten, dass dieser Akt das Ende des preußischen Militarismus bedeutete. Köln hatte es nie eilig, sich in irgendwelche militärischen Angelegenheiten einzumischen. Im Dreißigjährigen Krieg hielt es eine strenge Neutralität, daher erlitt es kaum Schaden – im Gegensatz zu Deutz, das von den Schweden erobert und vernichtet wurde, weil der Erzbischof sich logischerweise auf der katholischen Seite geschlagen hat. Die Kölner konnten auch bedeutend besser mit der französischen als mit der preußischen Verwaltung umgehen, die nach dem Jahr 1815 in Folge des Wiener Kongresses der französischen (1794 – 1814) folgte. Sie kämpften übrigens in der Völkerschlacht bei Leipzig in der Armee Napoleons, weil Frankreich damals den Rhein als seine Ostgrenze erreichte (wovon schon Ludwig XIV. träumte und viel Böses in dieser Region anrichtete.) Der „Misjö Amman“ (Monsieur Amtmann) war den Bürger von Köln viel sympathischer als der „Herr Schnurbartkowski“ – diesen Spitznamen bekamen die Preußen wegen ihrer Vorliebe einen Schnurbart zu tragen. Erst nach den siegreichen Kriegen gegen Österreich im Jahr 1866 und anschließend gegen Frankreich 1871 konnten sich die Kölner mit dem deutschen Staat identifizieren. Ein bisschen französisch sind sie aber trotzdem geblieben.  In Köln gibt es 4000 Bars und Restaurants, was die höchste Dichte der Gasthäuser auf die Bevölkerungszahl in Europa ergibt.

Möglicherweise aus diesem Grund war Konrad Adenauer, von der Natur her ein Pazifist, bereit, de Gaulle, einem Soldaten mit Körper und Seele, die Hand zu reichen, damit sich das Schrecken eines vernichtenden Krieges in Europa nie mehr wiederholen konnte. Der EGKS Vertrag (Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl), den sechs damaligen europäischen Staaten unterschrieben – neben Deutschland und Frankreich auch Belgien, Niederlande, Luxembourg und Italien – aus dem Jahr 1957, war der Grundstein der heutigen Europäische Union. Adenauer hat sich sein Denkmal, das in Köln neben der Kirche der Heiligen Apostel steht, sicher verdient.

Köln ist seit langer Zeit keine katholische Bastion mehr. Die Preußen brachten Protestantismus in die Stadt, die Katholiken bilden in der Stadt eine 44% Minderheit. 12 Prozent der Bevölkerung bekennt sich zum Islam – und das sind Angaben aus dem Jahr 2013, also noch vor der Flüchtlingskrise aus dem Jahr 2015!  Wenn aber die absolute Mehrheit der türkischen Frauen, die hierher in den siebziger Jahren, als Deutschland billige Arbeitskräfte für seine Fabriken suchte, eingewandert sind, keine Kopftücher trugen (Kopftuch zu tragen wurde in der Türkei vom Präsidenten Atatürk sogar verboten) rennen heutige moslemische Frauen durch die kölner Straßen mit den Kopftüchern auf dem Haupt und in den traditionellen Mänteln, die bis zum Boden reichen. Die Zeiten haben sich geändert und ich bin mir nicht sicher, ob zu Besserem.

Die Kölner passen aber vor allem auf ihre Lebensqualität auf, sie bekennen sich aber auch zu alten Traditionen. Wenn man sich in Köln ein Bier bestellt, erlebt man eine Überraschung. Das Bier „Kölsch“ ist durchaus trinkbar, wird aber in zwei Deziliter großen (eigentlich kleinen) Gläsern – Stangen – serviert. Es ist deshalb so, weil das „Kölsch“ nach einem Rezept aus dem Jahr 1516 gebraut wird nach der Anordnung des Kaisers Maximilian I. (der Köln sehr mochte und mehrmals besuchte) nur in diesen Gläser angeboten werden darf.

Angeblich deshalb, weil, wenn es länger steht und lüftet, nicht mehr trinkbar ist. Man kann das glauben, muss man aber nicht, ich war nicht bereit, das Bier so lange stehen zu lassen, um sich darin Klarheit zu verschaffen. Wenn man Bier in einem anderen Gasthaus bestellt, bekommt auch ein übliches Krügel. Vom Preis her kommt das auf das gleiche Geld, nur die Kellner in den Kölner Brauhäusergaststätten müssen viel schneller laufen. Entscheidend ist der Strich auf dem Bierdeckel – wie viele Striche, soviel zahlt man. Wenn der Kellner im Stress vergessen hat, einen Strich zu machen, hat er Pech. Wenn man von dem Bier bereits genug hat, legt man den Deckel auf das Glas. Das ist ein Zeichen, dass man kein weiteres Bier will. Sonst kriegt man das nächste gleich, wenn man das vorige ausgetrunken hat – es ist doch klar, dass man mit einer „Stange“ den Durst nicht stillen kann. Aber aufpassen! Wenn man mit den Gläsern mit Kölsch anstoßen will, dann tut man das mit dem Glasboden, nie – wie sonst üblich ist – mit dem oberen Glasrand. Es gibt zwar keine Gefahr, dass die „Stange“ dadurch zerbrechen könnte, aber so ein Anstoßen gilt in Köln als unanständig.

Das Lebensmotto der Kölner Bürger nämlich lautet: „Wenn wir schon einmal leben müssen, dann zumindest gut.“

Sympathisch, oder?

Übrigens, die „Kölner card“ zu kaufen, zahlt sich nicht wirklich aus, wenn man vorhat, sich im Stadtzentrum zu bewegen. Die Ermäßigungen in den Museen waren nur marginal, der einzige Vorteil war die Benutzung der U-Bahn und der öffentlichen Verkehrsmittel. Was man aber für den Besuch des historischen Stadtzentrums nicht unbedingt braucht.

Köln von CCAA bis zum Mittelalter

            Man muss einfach eine Idee haben. Und natürlich, weder Gewissen noch Skrupel. Erzbischof Rainald von Dassel hatte das erste, das weitere fehlte ihm vollständig. Im Jahr 1164 entschied er als Vikar für Italien im Dienste Kaisers Friedrich Barbarossas, die heiligen Reliquien der drei Könige, die einmal dem Christkind in Betlehem gehuldigt hatten, von Mailand nach Köln zu überführen. Ob die Mailänder zum Widerstand gegen diesen Diebstahl oder zumindest zu irgendwelchen Protesten im Stande waren, ist nicht bekannt. Nach der Eroberung ihrer Stadt von Kaiser Friedrich im Jahr 1158 mussten sie gezwungenermaßen brav und still sein. In der Politik geht es immer um den Anstand und die Ehrlichkeit. Wenn man es schafft, sie loszuwerden, kann man sehr viel erreichen.

            Erzbischof Rainald übertrug also die Reliquien nach Köln und machte daher aus der Stadt, in der er sein Amt ausübte, einen Pilgerort – das zweite Jerusalem. Die Knochen aus Mailand gibt es in Köln bis heute, wem sie tatsächlich gehörten, kann man nur raten, aber offiziell handelt sich um die drei biblischen Könige und ihre Königskronen schmücken das Wappen der Stadt Köln. Im Jahr 1246 entschied ein anderer Erzbischof, Konrad von Hochstaden, dass die alte romanische Kathedrale so einer wertvollen Reliquie nicht würdig sei und ließ die Kirche niederreißen. Zwei Jahre später legte er den Grundstein für den Bau einer neuen Kathedrale, die heute die wichtigste Dominante der Stadt ist. Ohne seine Kathedrale können wir uns Köln gar nicht vorstellen und sie erschien sogar auf der deutschen Zweieuromünze aus dem Jahr 2011. Der Bau der Kathedrale dauerte allerdings mehr als sechs hundert Jahre, fertiggestellt wurde sie nämlich erst im Jahr 1880. Im Jahr 1530 ist nämlich das Geld ausgegangen und im Jahr 1560 wurde der Bau gänzlich stillgelegt, der Kran auf dem Torso des Nordturmes sollte bis zum Jahr 1842 das Wahrzeichen der Stadt bleiben. In diesem Jahr entschied der preußische König Friedrich Wilhelm, um sich die Gunst seinen neuen Untertanen am Rhein zu erkaufen (seit 1815 waren hier die Preußen infolge des Wiener Kongresses die Hausherren), die Kirche fertigbauen zu lassen.

            Köln ist aber eine viel ältere Stadt und wenn man bis zu ihrer Gründung zurückblicken möchte, muss man in die Zeit des Römischen Reiches eintauchen. Hier wurde nämlich, damals noch in einer bedeutungslosen Siedlung namens Oppium Ubiorum, die zukünftige Kaiserin Agrippina die Jüngere geboren – ihr Vater Germanicus war gerade dabei, mit den ungehorsamen Germanen auf dem gegenüberliegenden Rheinufer die offenen Rechnungen zu begleichen. Als Agrippina dann ihren Onkel (Germanicus Bruder), Kaiser Claudius heiratete, setzte sie durch, dass der Ort ihrer Geburt zur römischen Kolonie mit dem Namen „Colonia Claudia Ara Agrippinnensium“ (CCAA) wurde und aus diesem Namen entstand der derzeitige Name der Stadt – Köln.

            In CCAA wurde im Jahr 69 durch seine Legionen General Vitelius zum Kaiser ausgerufen (es handelte sich um das so genannte Jahr der vier Kaiser nach dem Tod des Kaisers Nero), sein Feldzug nach Italien nahm aber kein gutes Ende, Er verlor seinen Kampf gegen Vespasianus und wurde hingerichtet. In Köln findet man sehr viele antike Sehenswürdigkeiten. Man kann das Prätorium besuchen, also das Verwaltungsgebäude des Gouverneurs, das bis in das fünfte Jahrhundert funktionierte, bis es die Franken als Königliche Residenz übernommen haben. Unter Köln gibt es in der Tiefe von 9,5 Meter einen römischen Entwässerungskanal (der nach seiner Entdeckung im neunzehnten Jahrhundert lange als Bierlager genutzt wurde), es blieben auch Reste der römischen Tore und der Stadtmauer. Ein Großteil der Ausgrabungen kann man im „Römisch-germanischen Museum“ in der Nähe des Kölner Doms sehen. Dieses Museum ist großartig. Es steht an der Stelle einer ehemaligen römischen Villa, deshalb ist hier auch ein originelles Mosaik des Hausbodens zu sehen, das so genannte „Dionysosmosaik“.

            Die Römer schätzten Trinkwasser von hoher Qualität. Deshalb schöpften sie das Wasser nicht aus dem Rhein, sondern leiteten sie es vom Fluss Eifel in den Hügeln südlich der Stadt mit einem Aquädukt mit einer Länge von 95,7 Kilometern! Teile dieses Aquäduktes blieben bis heute erhalten. In den Jahren 310 – 315 sind mehrere Aufenthalte des Kaisers Konstantin des Großen in der Stadt dokumentiert.  Der Kaiser ließ den Rhein überbrücken und errichtete auf seinem rechten Ufer eine Festung namens Divitia (heute der Stadtteil Deutz).

            Köln profitierte nicht nur von den heiligen Reliquien, sondern vor allem von seiner Lage am Rhein. Wenn man die Karte Deutschlands im frühen Mittelalter betrachtet, ist das grundsätzlich eine Reihe Städte am Rhein (logischerweise fast alle auf dem linken Ufer, da der Fluss die Grenze des Römischen Reiches bildete und die Städte sind fast ausnahmslos römische Gründungen). Der Rhein war der Hauptader des Landes, die Donau und die Elbe spielten in dieser Zeit noch so gut wie keine Rolle. Der Großteil des heutigen Deutschlands war mit Urwald bedeckt, um die östlichen Provinzen führten die Germanen erbitterte Kämpfe mit den Elbslawen und Hamburg war ein Missionsbistum, das immer wieder von Normanen niedergebrannt wurde. Köln liegt dann gerade an einer Stelle, wo Rhein zu einem Fluss wird, der für Schiffe mit größerem Tiefgang nicht mehr schiffbar ist.  Die Ware musste hier auf Schiffe mit flachem Kiel umgeladen werden, um zu Kunden stromaufwärts gelangen zu können. Das war die Quelle des Reichtums der Stadt, die von dem Erzbischof im Jahr 1259 ein „Stapelrecht“ erzwungen hat, das heißt ein Vorkaufrecht auf alle Ware, die hierher befördert wurde – dieses Recht galt bis zum Jahr 1831!

            Aber schon viel früher entschied der fränkische König Karl, genannt der Große, das nicht weit entfernte Aachen zur Hauptstadt seines Reiches zu machen. Karl war ein weiser Mann. Seinen Seelsorger wollte er nicht direkt in Aachen haben, damit er ihm nicht ständig über die verdorbene Moral des königlichen Hofes in die Ohren meckert, zu weit durfte er aber auch nicht sein. Köln war von Aachen gerade richtig entfernt. Es schlug die Sternstunde der Stadt. Die Stadt wurde zum bedeutendsten Seelsorgezentrum des Römischen (Deutschen) Reiches. Schon das ist ein guter Grund, warum ein Geschichteliebhaber wie ich die Stadt unbedingt besuchen sollte. Köln wurde allerdings im zweiten Weltkrieg zu 90% zerstört und es war nicht in menschlichen Kräften, alles, was vernichtet wurde, zu rekonstruieren. Zwischen den Gebäuden aus dem frühen Mittelalter stehen also moderne Gebäude. Die Suche nach den Sehenswürdigkeiten ähnelt also einer Rosinensuche in einem Kuchen, es zahlt sich aber trotzdem aus. Die Kölner zeigten beim Wideraufbau ihrer Stadt einen guten Geschmack. Nicht einmal moderne Fenster in den Kirchen aus dem elften Jahrhundert wirken störend, obwohl sie von der Bausubstanz, die sie ergänzen, ein Zeitfenster von tausend Jahren trennt. Und es gibt hier Unmenge solchen Kirchen! Der erste Erzbischof Bruno, der Bruder des Kaisers Otto I, entschied sich, Köln zum zweiten Jerusalem zu verwandeln. Deshalb hatte die Stadt zwölf Tore und deshalb mussten in der Stadt zwölf Kirchen sein. Bruno schaffte es, sein Vorhaben zu realisieren, zur Belohnung ruht er jetzt in einer dieser Kirchen, in der Kirche des heiligen Pantaleon (des Schutzherren der Ärzte).

            Die Stadt ist mit heiligen Reliquien voll. Die Pilger strömten von überall hierher, die drei Könige waren doch die ersten Pilger in der Bibel und damit das Vorbild schlechthin für alle, die ihnen in der Verehrung der christlichen Symbole folgen wollten.

            Heute können wir darüber lächeln, aber im Mittelalter waren die Reliquien (egal ob echt oder gefälscht) über alles geehrt. Sie waren wertvoller als Gold und Köln als ein Pilgerort ließ sich niemals zum Protestantismus verleiten. Trotz seiner Nähe zu den Niederlanden ließen die Einheimischen die reliquienzerstörerische Lehre von Calvin niemals in die Stadt. Wahrscheinlich auch deshalb kann man in Köln sehr gut essen. Den rheinischen „Sauerbraten“ mit Mandeln und Rosinensauce kann ich herzlichst empfehlen. In Köln lebte der heilige Severin, ein Bischof aus dem vierten Jahrhundert, der aus der Stadt seinen heidnischen Vorgänger vertrieb – die nach ihm benannte Kirche mit seinem Leichnam befindet sich im südlichen Teil der Stadt. Weiter gibt es hier den heiligen Gereon, den Befehlshaber der Kohorte aus Theben, die sich in der Zeit des Kaisers Diocletianus weigerte, an der Christenverfolgung teilzunehmen und deshalb vor den Mauern CCAA dezimiert und der Anführer hingerichtet wurde. Seine Kirche ist ein wunderschönes Gebäude mit einer imposanten Kuppel. Es handelt sich angeblich um eine der größten Kuppeln in Europa, größer sollte nur Hagia Sophia und die Kathedrale in Aachen sein. (Die Italiener würden sofort Einspruch erheben und mit dem Heiligen Petrus in Rom und mit Dom von Florenz argumentieren, ich fühle mich aber nicht befugt, in diesem Streit zu schlichten). Die Kuppel ist rot gefärbt als Symbol des Leidens der Legionäre der thebischen Kohorte.

            Und dann gibt es noch die heilige Ursula. Diese britische, in CCAA lebende Prinzessin hatte es angeblich versucht, mit ihren elf Begleiterinnen vor den Mauern der Stadt Attilas Hunnen aufzuhalten. Diese verstanden ihre Absichten nicht ganz und ermordeten sie alle. (Elf Flammen im Stadtwappen von Köln stellen dieses elf Märtyrerinnen dar). Gott sandte den Hunnen als Vergeltung für diese üble Tat einen Sturm und in weiterer Folge auch die Pest und vertrieb sie dadurch von der Stadt. Von den heiligen Reliquien der heiligen Ursula und den ermordeten elf Jungfrauen gibt es mehr als genug. An der Stelle, wo heute die Kirche der heiligen Ursula steht, entdeckten die Kölner nämlich einen antiken Friedhof und die dort aufgefundenen menschlichen Überreste erklärten sie für die Knochen der heiligen Märtyrinnen und mit ihrem gut entwickelten Sinn für Geschäft begannen sie sie auf dem Markt mit heiligen Reliquien anzubieten. Es war ein Bombengeschäft, es war schade damit aufzuhören, als die verkauften Knochen die Knochenzahl von elf Leichen bereits bei weitem überstiegen. Deshalb korrigierten die kölner Geschäftsleute die Zahl der ermordeten Jungfrauen auf 111 und letztendlich auf 11000. Wenn einige Abnehmer protestieren, dass manche der Knochen eindeutig männlich seien, wurden sie belehrt, dass in der Begleitung der heiligen Ursula sich natürlich auch Priester und Bischöfen befanden. Geschäft ist Geschäft!

            Aber abgesehen von diesen skurrilen Angelegenheiten ist es doch faszinierend an dem Grab berühmten Menschen zu stehen, die irgendwann vor tausend Jahren starben. Ob es der Sarkophag des Bischofs Bruno in der Kirche des heiligen Pantaleons ist, wo auch die Kaiserin Theophano begraben wurde, die Gattin des Kaisers Otto II und Mutter Ottos III, eine bedeutsame Frau, die lange Jahre die Hebel der Weltpolitik in den Händen hielt. In der Kirche des heiligen Andreas gibt es dann den Sarkophag Alberts des Großen, eines berühmten Kirchenlehrers des dreizehnten Jahrhunderts (er starb in Köln im Jahr 1280).

Litauen II

In dem ehemaligen Bischofspalast in Vilnjus residiert der litauische Präsident, seit dem Jahr 2019 ist es Gitanas Nauséda. Im Jahr 2013, als wir die Stadt besucht haben, war Dalia Grybauskaite im Amt und sie genoss bei der Bevölkerung große Beliebtheit und das Vertrauen. Die Methode, das zu erreichen, war ziemlich einfach. Sie hat sich nicht bereichert, sie hat nicht getrunken (Litauen hat den größten Alkoholkonsum europaweit und schlägt dabei auch solche Favoriten, wie Tschechien oder Österreich) und sie sagte immer die Wahrheit. Also ein einzigartiges Phänomen in der Politik, vielleicht deshalb durfte sie nicht mehr eine Kommissarin in Brüssel sein. Übrigens Litauen hat für seine 3,4 Millionen Einwohner 161!!! Abgeordnete. Dagegen konnte nicht einmal die populäre Präsidentin etwas tun.

               Der litauische heilige Kazimir war eigentlich ein polnischer Prinz, ein Sohn des Königs Kazimir IV. und seiner Gattin Elisabeth, der Enkelin des Kaisers Sigismund, älterer Schwester des ungarischen und tschechischen Königs und österreichischen Herzogs Ladislaus Postumus. In die litauische Geschichte trat sie unter dem Namen Elisabeth von Habsburg ein, da sie eine Tochter des deutschen Königs Albrecht II. war. Sie gebar ihrem Mann insgesamt zehn Kinder. Kazimir war der jüngere Bruder des tschechischen und ungarischen Königs Vladislav I. Jagiello und nachdem sein älterer Bruder die Königskrone von Tschechien und Ungarn angenommen hatte, hatte Kazimir eigentlich den Anspruch auf die polnische Krone. In seiner Jugend entsandte ihn sein Vater nach Ungarn, um dort Mathias Corvinus zu pazifizieren. Er bezog von den Ungaren furchtbare Prügel und verlor jedes Interesse an Regierungsgeschäften. Im Jahr 1483 im Alter von 25 Jahren übernahm er zwar auf Anweisung seines Vaters die Verwaltung von Litauen und übersiedelte nach Vilnjus, ein Jahr später starb er aber hier in Folge seines asketischen Lebens an Tuberkulose. Weil er keine Machtgelüste hatte und sich durch die Fürsorge für die Armen und durch Taten der Barmherzigkeit berühmt machte, wurde er im Jahr 1602 heiliggesprochen. Es wird erzählt, dass als bei der Gelegenheit seiner Heiligsprechung sein Sarg eröffnet wurde, sein Leichnam unversehrt gefunden wurde (das machen angeblich die Mykobakterien, also die Verursacher der Tuberkulose sehr gerne – sie verteidigen ihren Lebensraum, also den Leichnam ihres Opfers, sehr konsequent und die üblichen Fäulnisbakterien können sich in den Leichnam einfach nicht durchkämpfen).

               Natürlich gibt es in Vilnjus auch die Kathedrale des Heiligen Kazimirs (obwohl er selbst in der Kathedrale des heiligen Stanislaus bestattet ist). Es ist eine monumentale Barockkirche mit einer fürstlichen Krone auf der Turmspitze (weil Kazimir ein litauischer Fürst war). In der Kirche wurde von den Sowjets – absolut pervers – ein Museum des Atheismus errichtet. Also in der Kirche, die dem örtlichen Heiligen gewidmet wurde, mussten die Lehrer in den Pflichtstunden der Atheismuslehre erklären, dass es keinen Gott gibt. Es half nicht einmal das. Die Litauer blieben trotz allen sowjetischen Bemühungen katholisch und sie sind es bis heute. Die Sowjets fühlten sich angesichts ihrer einzigen Republik der Sowjetunion, die so hartnäckig auf ihrer Religion beharrte, ziemlich machtlos. Letztendlich erlaubten sie in Kaunas das einzige katholische Seminar für die Ausbildung katholischer Priester in dem gesamten Imperium zu gründen und die Litauer durften auf dem Hauptplatz von Kaunas sogar die Statue ihres nationaler Weckers Maironis errichten. Das Problem gab es in der Tatsache, dass Maironis (mit eigenem Namen Jonas Mačiulis) ein katholischer Priester war und demzufolge zu seiner Kleidung automatisch ein Kreuz um den Hals gehörte. Nach langen Verhandlungen wurde ein Kompromiss beschlossen (in Litauen mussten sogar die Kommunisten Kompromisse beschließen). Maironis durfte in einem Priestergewand dargestellt werden (er trug ohnehin niemals etwas anderes), er hält aber seine Hand nachdenklich unter dem Kinn und so ist sein Kreuz verdeckt.

               Nicht einmal die Schwarze Madonna aus dem 16.Jahrhundert, die sich über dem „Tor der Morgendämmerung“ in Vilnjus befindet, trauten sich die Kommunisten zu vernichten oder sie zumindest wegzubringen – es handelt sich doch um die Stadtbeschützerin und man konnte nicht wissen, was nach der Entfernung der Staue mit dem passieren hätte können, der den Befehl zu Vernichtung der Statue gegeben hatte. Obwohl nicht einmal die Madonna der Stadt Vilnjus wirklich half. Im Jahr 1795 bemächtigten sich die Russen der Stadt, im Jahr 1915 die Deutschen, im Jahr 1920 die Polen und wenn Vilnjus im Jahr 1939 endlich litauisch wurde, ging ganz Litauen im Jahr 1940 – absolut unfreiwillig – in den Bund der brüderlichen sowjetischen Republiken. Trotzdem strömen zur Madonna tausende Pilgern, um hier zu beten. Der berühmteste von ihnen war – ihr könnt nur einmal raten – natürlich Johann Paulus II. Seine Gedenktafel gibt es an vielen Stellen. Karol Wojtyla waren die Litauer bereit sogar die Tatsache, dass er ein Pole war, zu verzeihen. Hauptsache, er hat geholfen sie von den Kommunisten zu befreien.

               Kaunas rühmt sich mit einer Brücke, die 12 Jahre lang die längste Brücke der Welt war. Es dauerte nämlich beinahe zwei Wochen, um sie zu überqueren. Die Erklärung ist einfach. Der Fluss Nemen bildete nach der dritten Teilung Polens im Jahr 1796 die Grenze zwischen Russland, wo der julianische Kalender galt, und Preußen mit dem gregorianischen Kalender. Nach dem Wiener Kongress rückten die Russen weiter nach Westen und die Brücke verkürzte sich auf die normale Länge.

In Kaunas erinnert man sich auch an ein historisches Ereignis, das entscheidend die Weltgeschichte ändern sollte. Im Jahr 1812 überschritt gerade hier Napoleon mit seiner „Grand armee“ die russische Grenze. In diesem Moment, als er den Boden des Russischen Imperiums betrat, lief aus dem Busch ein Hase heraus. Das Pferd des Kaisers scheute und Napoleon stürzte zum Boden. Dies wurde allgemein für ein schlechtes Zeichen gehalten, wie dann der Napoleon Feldzug nach Russland ausgegangen ist, wissen wir alle. Die Bürger von Kaunas entschieden sich dieses historische Ereignis mit einem Denkmal zu verewigen. Sie errichteten aber keine Statue von Napoleon, der sie in ihren Hoffnungen, sie von den Russen zu befreien und auch durch französische Bemühungen, ihnen den katholischen Glauben aus den Köpfen zu schlagen, enttäuschte, sondern eine Statue des Hasen.

            Die Altstadt von Vilnjus ist verhältnismäßig klein und kann sich keinesfalls mit Riga messen- ihrer Größe entsprechen aber auch die Preise, also man kann hier für vernünftige Preise essen und trinken und das abendliche Vilnjus hat auch sein Zauber. Das litauische Bier heißt Švyturis und ist ziemlich trinkbar. Litauen war bei unserer Reise preismäßig von allen baltischen Staaten am annehmbarsten. Zur Eurozone trat Litauen im Jahr 2015, also zwei Jahre nach unserem Besuch. Ob sich dann in den Preisen etwas geändert hat, weiß ich nicht.

            Wie ich schon schrieb, Litauen ist nicht nur Vilnjus. Es gibt auch Klajpeda. Im Vergleich zu großzügig renoviertem Vilnjus ist die Stadt ein bisschen vernachlässigt und dadurch frustriert, so ist es aber einfach überall in der Welt. Das Geld strömt in die Hauptstadt und zögert dann, sie zu verlassen. Trotzdem sollte Klajpeda die reichste Stadt Litauens sein, es ist ein großer Handelshafen an der Mündung des Flusses Nemen, des größten litauischen Flusses. Auch Klajpeda (auf Deutsch Memel, nach dem Fluss, der auf Deutsch auch Memel heißt) hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Bis zum Jahr 1920 war Memel der nördlichste Hafen Deutschlands. Danach wurde es von Deutschland getrennt und von Franzosen verwaltet und später von Litauern besetzt. Gleich nach der Besetzung Tschechiens im März 1939 verlangte Hitler die Rückgabe der Stadt an Deutschland, was Litauen im April 1939 auch tat. Hitler zog in Memel ein und sprach zur versammelten begeisterten Bevölkerung vom Balkon des Theaters. (Beinahe 100% der Bevölkerung waren damals Deutsche).  Alle standen mit dem Gesicht zu Hitler gewendet und jubelten, nur eine Person stand mit dem Rücken zu ihm und jubelte nicht. Es war die Statue von Ännchen von Tharau, des Mädchens, über das einmal der preußische Dichter Simon Dach Liebesgedichten schrieb.

            Er schrieb sie eigentlich im Auftrag von einem gewissen Johann von Klinsporn, aber auch auf diese Weise hatte der verliebte Johann bei dem Mädchen keinen Erfolg. Aber obwohl ihm das Gedicht „Ännchen von Tharau“ keinen ersehnten Erfolg in der Liebe brachte, das Gedicht wurde vertont und ist bis heute das berühmteste Volkslied in der Region von Preußen und Nordlitauen. Aus diesem Grund verdiente sich Ännchen ihre Statue vor dem Theater von Klajpeda und brachte das Blut des großen Adolf vor Zorn zum Glühen. Hitler bestand danach auf der Entfernung der Statue, diese musste verschwinden und nach ihr auch ganz Memel. Nach der Einnahme der Stadt von der Roten Armee, wurden die Deutschen vertrieben (an dieses Ereignis erinnert ein rührendes Denkmal vor dem Bahnhof von Klajpeda) und danach wurde die Stadt zu einer geschlossenen sowjetischen Militärzone. Mit dieser Erbschaft kämpft sie bis heute. Zwischen neuen modernen Häusern sieht man immer noch furchtbare Betonwohnhäuser aus den kommunistischen Zeiten. Der Hafen wurde zwar modern ausgebaut, in seiner Nähe stand aber eine große zerfallende Kaserne. Klajpeda ist die jüngste Stadt Litauens – was die Zusammensetzung der Bevölkerung betrifft. Es zieht junge Leute an, die auf eine Karriere hoffen und trauen sich hier das Geld zu verdienen. Wie weit sie erfolgreich sind, das weiß ich nicht, aber mindestens die schönsten Mädchen in der gesamten Region Baltikum waren nicht in Lettland, wie ich es erwartete, sondern in Litauen, konkret in Klajpeda. Die Stadt selbst ist also nicht schön, aber neben der sehr hübschen Bedienung in den Bars und Restaurants gibt es hier auch schöne Natur – nämlich das Kurische Haff, das die große Süßwasserbucht der Mündung von Nemen von dem Baltischen Meer trennt. Der Zauber der Sanddunen, der malerischen Fischdörfer und Städtchen lockte einmal auch Thomas Mann, der hier im Jahr 1930 für 99 Jahre ein Haus gemietet hat. Er verbrachte hier aber lediglich drei Jahre, danach hatte er von den ständigen nazistischen Provokationen genug und emigrierte nach Amerika.

            Das Kurische Haff teilten sich die Litauer mit den Russen (beinahe) halb halb. Zu meinem Erstaunen bekamen die Litauer vier Kilometer mehr, weil sonst die Grenze direkt durch die Hauptplatz des größten Städtchens in dem Naturreservat namens Nida laufen würde. Es ist eine schöne Kleinstadt, mit einem guten Kaffee und litauischen Liquoren (ich sah hier sogar das estnische Vanna Tallinn), zum Baden ist aber das Meer nicht wirklich einladend – höchsten in einem Neoprenanzug. Die Liquoren sind nämlich eine Abwehr gegen die Kälte und es ist hier kalt – deshalb wahrscheinlich auch der bereits erwähnte höchste Alkoholkonsum pro Kopf in Europa.  In der Nähe von Nida gibt es eine riesige Sonnenuhr (sicherlich eine interessante Idee, eine Sonnenuhr in einem Land zu errichten, in dem es kaum Sonnenschein gibt) die ein Symbol der heidnischen Vergangenheit Litauens, auf die Litauer stolz sind, ist . In der Ferne im Wald kann man die russische Grenze mit Grenztürmen und Maschinengewehren sehen. Es ist eine dunkle Bedrohung, die Litauen nie loswerden konnte.

            Litauen hat also nicht gerade wenig Probleme mit seiner eigenen Identität. Es ist stolz auf sein Heidentum, aber bigott katholisch. Hunderte Jahre in gemeinsamen Staat mit Polen, jetzt aber den großen Bruder eher hassend und mit Versuchen, die gemeinsame Geschichte zu vergessen oder zumindest zu bagatellisieren. Hassend die Russen für die lange Unterdrückung aber an Russland wirtschaftlich festgebunden und von ihm abhängig. Stolz zeigend seine ehemalige Größe, die einmal von Moskau bis zum Schwarzen Meer reichte aber bewusst des derzeitigen bescheidenen Ausmaßes seines Landes.

            Vielleicht deshalb entstand in Vilnjus die „Unabhängige Republik Užupio“, gegründet von einem Haufen der litauischen Intellektuellen in einer Kneipe namens „Užupio Kaviné“ am Ufer des Flüsschens Vilnia. Als wir dort waren, war dort absolut nichts los. Es half nicht einmal, dass der Patron der Republik Franz Zappa ist und ihre Botschafter zahlreiche bedeutsame Persönlichkeiten, wie zum Beispiel der Dalajlama. Mit Christiania in Kopenhagen kann Užupio nicht verglichen werden und sie strebt auch nicht danach. Die Verfassung der Republik ist aber interessant durchzulesen, es hat mich besonders der Paragraf drei angesprochen.

            Dieser heißt: „Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, ist aber nicht verpflichtet es zu tun.“

Litauen I

Litauen

Im neuen Jahr lade ich euch wieder zum Reisen ein. Wir kehren bei dem ersten heurigen Stopp nach Baltikum zurück.

Estland ist grundsätzlich gleich Tallinn. Ja, es gibt hier auch andere Städte, wie die Universitätsstadt Tartu oder das an der russischen Grenze liegende Narva. Aber von 1,3 Millionen Einwohnern leben 450 000 in der Hauptstadt, also jeder dritte. Noch mehr gilt es für Lettland, hier ist Riga mehr oder weniger das ganze Lettland. 770 000 von 1,9 Million Einwohner Lettlands leben hier. Einige an der Küste liegenden Städtchen können die Dominanz der Hauptstadt nicht brechen.

               Litauen ist nicht Vilnjus und Vilnjus ist nicht Litauen. Nicht durch seine Größe (540 000 von 3,4 Million Einwohner) und auch nicht durch seine Geschichte. Obwohl diese Stadt der litauische Großfürst Geminidas im Jahr 1316 gegründet hat. Er soll zu dieser Tat laut einer Legende durch einen Traum bewegt worden sein, als er nach einer Jagd auf einem Hügel über dem Zusammenfluss der Flüsse Neris und Vilnia ausruhen wollte. Die Hauptstadt von Litauen lag in dieser Zeit unweit von hier bei der Burg Trakai.

Ob infolge dieses Traumes oder auch nicht, er wählte richtig. In sonst sehr flachem Land ist ein Hügel von der Höhe einiger dutzende Meter direkt an dem Zusammenfluss zweier Flüsse eine für den Aufbau einer Burg eine willkommene Gelegenheit. Die alte Burg von Vilnjus steht bis heute.

               Sie ist heutzutage eine Ruine, gebaut – wie es schon in Litauen, einem Land mit einem absoluten Steinmangel Brauch war – aus Backsteinen. Es gibt von hier einen wunderschönen Ausblick über die ganze Stadt und diejenigen, die zu faul oder unfähig sind, zu Fuß diesen Hügel zu erklimmen, können einen Aufzug verwenden – ein österreichischer Gruß nach weitentfernten Litauen.

               Litauen war einmal ein sehr großes Reich, sein Gebiet reichte bis nach Moskau und ans Schwarzes Meer. Das war noch in den Zeiten, als die Litauer heidnisch waren und das waren sie sehr lange – bis zum Ende des vierzehnten Jahrhunderts. Dann wurde der litauische Großfürst Wladyslaw Jagiello zum polnischen König (um die Erbin des polnischen Königtums Hedwig im Jahr 1386 heiraten zu dürfen, musste er sich taufen lassen.)  Die Litauer halten ihn eher für einen Verräter und verehren seinen Cousin Vytautas (auf Deutsch eher unter dem Namen Witold bekannt). Seine Statue findet man im Park der Wasserburg Trakai, woher er über sein Reich herrschte. Seine Sternstunde schlug am 15. Juli 1410, als die litauischen Truppen unter seiner Führung die Schlacht bei Tannenberg zugunsten des polnisch- litauischen Bündnisses über den Deutschen Ritterorden entschieden. Die Litauer zeigen stolz das berühmte Bild von Jan Matejko, wo Vytautas direkt in der Mitte des Bildes und Jagiello nur am Rande dargestellt wird. In der Burg Trakai erzählte uns die Reiseführerin über einen Versuch von Jagiello, seinen ruhmreichen Cousin zu vergiften, die Geschichte habe ich aber eher als Zeichen der Abneigung der Litauer gegen Polen abgetan. Die Zeit der Herrschaft des Wladyslaw Jagiellos läutete die Bildung eines gemeinsamen Staates mit Polen ein.  Der Großfürst Vytautas zeugte nämlich nur eine Tochter und sein Cousin, der polnische König, der ihn um vier Jahre überlebte (Vladislav Jagiello wurde 82 Jahre alt, was für seine Zeit ein unglaublich hohes Alter war, übrigens er heiratete mit 71 Jahren das vierte Mal eine 17-jährige polnische Adelige und zeugte mit ihr noch zwei Söhne) wurde nach seinem Tod zum Herrscher von Litauen. Mit Vytautas starb im Jahr 1430 also die Selbständigkeit des litauischen Staates, die nur im Jahr 1918 wiederhergestellt wurde.

               Die neue Burg in Vilnjus, also eigentlich ein Schloss, das unter dem Hügel liegt, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Das einmalige Renaissanceschloss der Großfürsten von Litauen (die zweite Gattin des polnischen Königs und litauischen Großfürsten Sigismund war italienische Prinzessin Bona Sforza, die nach Vilnjus die italienische Renaissance brachte) wurde bei dem russischen Einfall im Jahr 1655 vernichtet. Obwohl die Stadt nach einigen Jahren zurückerobert werden konnte, gab es kein Interesse, die fürstliche Residenz wieder aufzubauen. Seit der Union von Lublin aus dem Jahr 1569 war Litauen ein fester Bestandteil des polnischen Staates und der polnische König residierte in Warschau. Im Jahr 1801, nachdem Vilnjus ein Teil des russischen Imperiums geworden war, haben die Russen die Reste des Palastes endgültig entfernt. Erst im Jahr 1997 wurden bei Ausgrabungen die Grundmauer des Gebäudes entdeckt und es wurde entschieden, es zu erneuern. Der Bau wurde im Jahr 2012 vollendet und im Gebäude befinden sich ein Museum und Konzertsäle.

               Vilnjus rühmt sich mit seiner insgesamt 56 Kirchen, überwiegend katholischen, es gibt hier aber auch orthodoxe Kirchen. (Vilnjus soll angeblich die Stadt mit der größten Dichte an Kirchen pro Quadratkilometer weltweit sein, es könnte die Reaktion darauf sein, dass die Litauer sehr lange heidnisch waren und nach ihrer Christianisierung einen Bedarf hatten, der Welt ihre Rechtgläubigkeit unter Beweis zu stellen). Die orthodoxen Kirchen sind älter als die katholischen. Schon in den Zeiten, als sich die Litauer noch zum Heidentum bekannten, gab es hier ein Viertel der russischen Kaufleute, die schon damals Christen waren. Drei von diesen Kaufleuten, die hier im heidnischen Vilnjus im vierzehnten Jahrhundert tot aufgefunden wurden, werden als heilige Märtyrer in der Kathedrale der göttlichen Dreieinigkeit geehrt. Diese Kirche ist besuchswert, sie hat eine einzigartige Ikonostase.  So eine habe ich eigentlich noch nirgends gesehen. Es dauert, bis man darauf kommt, dass es in dieser Kirche eine Ikonostase, einen nicht wegzudenkenden Teil der orthodoxen Kirchen, überhaupt gibt. Die größte Kirche in Vilnjus ist die Kirche der Heiligen Peter und Paulus, ein Bauwerk des Hochbarocks, gebaut nach Anweisung des litauischen Heerführers Michael Kazimir Pac, der sich unter der Schwelle im Eingang der Kathedrale bestatten ließ.

               Diese Kirche sollte ein Symbol der Dankbarkeit für die Befreiung der Stadt von der russischen Macht sein. Die Russen kamen aber im Jahr 1795 wieder und sie blieben. Die Kirche diente in der Zeit der russischen Okkupation als Lager, da ein Umbau zu einer orthodoxen Kirche viel zu teuer gewesen wäre. Paradox ist die Tatsache, dass gerade diese Kirche in der Zeit der sowjetischen Okkupation nach der Schließung der Kathedrale von Vilnjus für Gottesdienste geöffnet wurde, hier wurde vorübergehend auch der Sarkophag mit den leiblichen Überresten des örtlichen Heiligen – des heiligen Kazimir – bestattet. Er befindet sich heute schon wieder in einer selbständigen Kapelle in der Kathedrale, die aber nicht ihm sondern dem heiligen Stanislaus, dem Bischof von Krakau, geweiht ist. Wie man sieht, tun sich die Litauer mit ihrer Identität schwer, besonders dann in ihrer Hauptstadt. Polnisch heißt die Stadt Wilno und aus ihrer Umgebung stammte der polnische Präsident in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen Józef Pilsudski. Er ist im Wawel in Krakau begraben, er selbst aber bestimmte, dass sein Herz in Vilnjus bestattet werden sollte. Als ich aber unsere Reiseführerin gefragt habe, wo das Herz von Pilsudski begraben ist, antwortete sie lakonisch und gereizt: „Irgendwo auf dem Friedhof“ und sie mochte mich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Ich musste selbständig erfahren, dass es auf dem Friedhof im Stadtviertel Rasos ist, unweit vom Stadtzentrum. Die Litauer haben also an diesen ihren berühmten Bürger keine positiven Erinnerungen, und nicht nur weil er ein Pole war (wie nach dem ersten Weltkrieg auch ein Großteil der Bevölkerung von Vilnjus). Obwohl Vilnjus im Jahr 1920 Litauen zugesprochen wurde, ließ Pilsudski die Stadt besetzen und stellte die Weltmächte vor vollendete Tatsache. Weil er gerade durch den Sieg über die Rote Armee bei Warschau berühmt geworden war, übergingen die Weltmächte diese Verletzung des internationalen Rechtes mit Schweigen und Wilno blieb bis 1939 polnisch. Die Hauptstadt des neuen litauischen Staates wurde für diese Zeit Kaunas, das sich demzufolge immer noch für die litauischste Stadt und eigentlich für „eine geheime Hauptstadt der Litauischen Republik“ hält. Übrigens Kaunas wird im Jahr 2022 gemeinsam mit dem luxemburgischen Esch an der Alzette zur Kulturhauptstadt Europas.

               In Kaunas wurde auch die erste Universität in Litauen gegründet, die in Vilnjus folgte im Jahr 1569 als eine Schule der Jesuiten. Jesuiten wurden nach Vilnjus von dem örtlichen Bischof eingeladen, um zu verhindern, dass es seinen Untertanen einfallen könnte, zum Protestantismus zu konvertieren. Zur Sicherheit gründete er die Universität gleich neben seiner Residenz, um die Kontrolle über die Jesuiten zu behalten. Seine Taten zeigten Wirkung, die Gedanken von Luther hatten in Litauen keine Chance und Litauen blieb katholische bis geht nicht mehr. Der Beweis dafür ist ein einzigartiges Relikt, so genannter „Berg der Kreuze“ nah der lettischen Grenze. Eigentlich ist das kein Berg, nur so ein Hügelchen von einer Höhe von 5-6 Meter. Aber der „Berg“ selbst und seine Umgebung ist mit tausenden Kreuzen bedeckt, jeder Tourist darf dort ein Kreuz kaufen und es dann dort platzieren. Wir kauften und platzierten keines. Es regnete ohne Ende, ich rutschte auf dem nassen Fußweg zwischen den Kreuzen aus und zerriss dabei meinen Mantel. Vielleicht wäre es nicht passiert, hätte ich ein Kreuz hingebracht. Im Jahr 1993 war hier Papst Johannes Paulus II. (wen überrascht es, er war doch überall). Er gab Anlass dazu, dass auf diesem denkwürdigen Ort ein Kloster gebaut wird.

Riga II

Zur Gesellschaft der Schwarzköpfe erzählt man eine liebe Geschichte, die die Kultur in der ganzen christlichen Welt beeinflusst hat. Sie sollte im Jahr 1510 geschehen. Die Attraktion in den nördlichen unendlichen Winternächten war eine Verbrennung eines Baumes am Tag der Wintersonnenwende. An diesem Abend (man konnte bereits am Nachmittag beginnen, da sich hier die Sonne nicht lange zeigt) wurde am Ufer von Daugava ein großer Baum angezündet und dann in den Fluss geworfen. Die Schwarzköpfe haben einen Baum im Wald gefällt und in die Stadt gebracht. Als sie ihn auf die Uferpromenade brachten, begannen sie zu streiten. Manche von ihnen waren der Meinung, dass so ein schöner Baum auch eine andere Verwendung haben könnte, dass es schade ist, ihn zu vernichten. Weil die jungen Kaufleute nicht draußen in der Kälte streiten wollten, begaben sie sich in ihre Residenz, die in unmittelbarer Nähe stand und setzten dort ihren Streit bei Glühwein fort. Die Beratung zog sich in die Länge, der Glühwein war süß und gut und niemand hatte Lust wieder in die Kälte zu gehen. Inzwischen haben Kinder den Baum entdeckt und begannen ihn mit allem, was sie zur Hand hatten, zu schmücken. Mit Bändchen, Papierchen, mit Obst. Als die Herren zum Baum zurückkehrten, trauten sie ihren Augen nicht. Jetzt tat es ihnen noch mehr leid, den Baum zu verbrennen. Sie riefen den Bürgermeister und er entschied, den Baum aus den Stadtmitteln weiter zu schmücken und dann ihn vor dem Rathaus aufzurichten. So entstand angeblich die Tradition der Weihnachtsbäume mit der wir bis heute leben. Ich weiß nicht, ob diese Legende wahr ist (es gibt sicher viele andere Städte, die sich Erfindung dieser Tradition für sich beanspruchen), sollte sie aber nicht wahr sein, ist zumindest gut erfunden und damit auch wert, geglaubt zu werden.

            Gott sein Dank, passierte es noch vor dem Einmarsch der Reformation, zu der die Bürger von Riga im Jahr 1522 konvertierten. Sonst wäre das Beschmücken des Weihnachtsbaumes in Rom sicher zu einer ketzerischen Heidentradition erklärt und durch die höchste päpstliche Instanz verboten worden und demzufolge würden heute die Weihnachtsbäume nur die Protestanten schmücken.

            Die enge Beziehung zu Bremen als der Mutterstadt symbolisiert die hinter der Kirche des heiligen Petrus positionierte Statue der „Bremer Musikanten“ beinahe ident mit der, die in Bremen steht. Es ist ein Geschenk der Stadt Bremen aus dem Jahr 1993 und sollte symbolisieren, dass die deutsche Mutterstadt ihre schöne und ein bisschen extravagante Tochter im Norden nie vergessen hatte.

            Von der Stadtmauer blieb in Riga – in Gegensatz zu Tallin – nicht viel übrig. Nur Pulverturm und Schwedentor, die während ihrer hundert Jahre dauernden Herrschaft über die Stadt die Schweden bauen ließen. Gerade bei dem zweitgenannten Tor haben wir ein fantastisches Lokal mit einem nicht gerade verlockenden Namen „Garaža“, was auf Lettisch tatsächlich „Garage“ bedeutet, gefunden. Lettische, estnische aber auch die litauische Küche ist nicht wirklich einfallsreich, sie steht grundsätzlich auf Schweinfleisch, Sauerkraut und Kartoffeln. In „Garaža“ haben sie allerdings die Blutwurst wie in einem Spitzenlokal zubereitet und serviert, eine echte Haubenküche. Und das für 7.50 Euro, also für einen Preis, der in dem sonst eher teuren Riga einfach märchenhaft war. Auch das dort servierte lettische Bier war durchaus trinkbar, zwar mit viel Malz und damit süßlich, das gewöhnliche Sodbrennen bekam ich aber danach nicht. Ich hoffe nur, dass dieses Restaurant noch existiert und auch die Coronakrise überlebt hat. Es wäre schade, sollte es nicht so sein.

            Das wahre Juwel von Riga ist sein „Jugendstilviertel“. Es ist ein Stadtteil, in dem sich die reichen Bürger ihre Häuser am Ende des neunzehnten Jahrhunderts bauen ließen. Und das im Stil, den die Französen „Art nouveau“ nannten, die Österreicher, die Deutschen und die Bürger von Riga nennen es „Jugendstill“, in Tschechien zum Beispiel wird dieser Stil nach dem Gebäude am wienerischen Naschmarkt „Secession“ genannt.

            In den letzten Jahren wurden diese wunderschöne Häuser privatisiert (die Form erinnert an eine Art Kuponprivatisierung, von der allerdings russische Bürger ausgeschlossen waren) rekonstruiert und sind heute wirklich prachtvoll. Sie sind in erster Linie eine Erinnerung an den genialen Architekten Michail Osipovic Eisenstein, der seine Handschrift an der Mehrheit dieser Häuser hinterlassen hat. Michail Eisenstein verließ nach der Oktoberrevolution Riga und starb im Jahr 1920 in Berlin, sein Sohn blieb aber im kommunistischen Russland und wurde berühmter als sein Vater. Der Name des Regisseurs Sergej Eisenstein ist allgemein bekannt. Der Regisseur, der sich voll in die Dienste der Propaganda der stalinistischen Regierung gestellt hat, kreierte Filme wie „Kreuzer Potemkin“, „Oktober“ „Ivan der Schreckliche“ oder „Alexander Nevskij“. Er konnte Massenszenen frei erfinden, die nie stattgefunden haben und er machte es so überzeugend, dass heute niemand an dem Sturm der Bolschewiken auf den Winterpalast zweifelt, obwohl in Wirklichkeit hier nur eine kleine Einheit durch den Hintereingang mit Hilfe von zwei Handgranaten eingedrungen ist. Die Besucher des Marinski Theaters, wo an dem besagten Abend 7.November 1917 eine Vorstellung stattgefunden hat, haben die Revolution gar nicht bemerkt. Sie wunderten sich, warum die Polizisten auf den Straßen so komisch aussehen. Bald sollten sie sich noch viel mehr wundern. Auch die furchtbare Schlacht auf dem zugefrorenen Peipussee mit der Szene einer Attacke von tausenden gepanzerten Rittern des Deutschen Ordens, obwohl es in Wirklichkeit nur fünfzig gab, ist atemberaubend. Nicht umsonst wurde Sergej Eisenstein von Stalin persönlich ausgezeichnet, obwohl sonst Stalin und die Kommunisten allgemein die Juden nicht ausstehen konnten. In einem der Jugendstilpalästen, die sein Vater baute, hat heute die russische Botschaft in Lettland ihren Sitz – natürlich in einem der schönsten Häuser am Ufer von Daugava.

            Wer Riga besucht, darf natürlich nicht vergessen, den Markt zu besuchen, angeblich einer der größten Märkte der Welt. Ich will es glauben. Der Markt befindet sich in fünf riesigen Hallen.

Diese kaufte die Stadt im Jahr 1922, ursprünglich handelte sich um Flugzeughallen, also kann man sich die Ausmaße gut vorstellen. Der Markt ist auch überall in Freiem um die Hallen, es wird hier alles nur Denkbare verkauft, von Fleisch, Fischen (ein echter Kaviar für lediglich 200 Euro per Kilo, das aber nur wenn man das ganze Kilo kaufen würde, in kleineren Portionen kann der Preis bis zu 600 Euro per Kilo klettern), Kleider, Obst, Gemüse und Pilze. Frische, schöne, direkt aus dem Wald und das bereits Ende Juni! Ich wollte die wunderschönen Pilze fotografieren, aber die Verkäuferin vertrieb mich mit ihrem Stock. Ich flüchtete schnell genug, um nicht mit dem Stock geschlagen zu werden. Aus Frust kaufte ich eine kleine Packung des Kaviars und meine Frau hörte auf, mit mir zu sprechen. Ich stellte dabei fest, dass bei den Verkäufern in den Ständen draußen russisch herrscht, in den Hallen kann man sich mit den Verkäufern aber nur auf Englisch unterhalten. In der Halle ignorierte die Verkäuferin meinen Versuch, den Kaviar auf Russisch zu kaufen, mit einem missachtenden Schweigen (ich kann allerdings nicht ausschließen, dass es auch deshalb sein konnte, weil ich eine lächerliche Menge von 40 Gramm zu kaufen beabsichtigte) – nur dank meines Russisch konnten wir andererseits ein Kleid für unsere Enkeltochter Veronika kaufen. „Girl of age one and a half year“ sagte der Verkäuferin absolut nichts, aber auf „devočka vo vozraste odin s polovinoj goda“ reagierte sie sofort und wir haben das Kleid tatsächlich kaufen können.

            Riga hat also tatsächlich seinen Zauber, es ist multikulturell, musikalisch und schön. Es hat eine ereignisreiche Geschichte und in der Nähe gibt es den schönsten Strand in Lettland namens „Jurmala“. Wir hatten keine Zeit ihn zu besuchen, ich glaube aber nicht, dass wir dort gebadet hätten. Viel wärmer als im estnischen Parnü war das Meer hier sicher nicht. Wer aber gegen Kälte abgehärtet ist, kann hier einen schönen Urlaub erleben.

            Wenn man schon einmal dort ist, sollte man den Besuch des Schlosses Rundale nicht vergessen, den Sitz der Herzöge von Kurland südlich von Riga in Richtung Litauen.

Das Schloss ließ die Zarin Anna Iwanovna (die Nichte Peters des Großen) für ihren Liebhaber Ernst Johann Biron, den sie zum Herzog von Kurland machte, bauen. Das Schloss wird mit Versailles verglichen und das zurecht, es ist aber viel besser gepflegt als die französische Königsresidenz. (Um gerecht zu sein, seine Rekonstruktion ist eine ziemlich neue Angelegenheit und deshalb strahlt noch die Frische der neu bemalten Fassaden). Der Vergleich mit Versailles ist aber gerecht, (vielleicht noch mehr als der Vergleich Rigas mit Paris) dort sieht man, wie sich ausgezahlt hat, ein Liebhaber der russischen Zarin zu sein. Einer Herrscherin im Land, wo das Wort „Samoderžaví“, also „Alleinherrschaft“ noch ernst genommen wird. Damals wie heute.

Riga I

            Vielleicht ist daran mein Akzent schuld. Angeblich habe ich einen typischen tschechischen Akzent, egal ob in Englisch oder in Russisch (In Deutsch habe ich ihn übrigens trotz aller Bemühungen auch nicht abbauen können). Aber wenn ich in einer Bar in Riga auf Englisch bestellt habe, habe ich den richtigen Wein nur bekommen, wenn ich meinen Wunsch dem Kellner auf Russisch erklärte. Beim Einkaufen musste ich in Riga im Gegenteil schnell von Russisch zu Englisch wechseln, um zu bekommen, was ich kaufen wollte. Also weiß ich wirklich nicht, wo der Fehler lag. Während meines ganzen Aufenthaltes in Riga verfolgte mich die Unsicherheit, mit welcher Sprache ich den Verkäufer (Kellner oder die Frau an der Kassa) ansprechen sollte. Die Erklärung liegt nicht darin, dass die Letten die Russen so lieben würden, sondern darin, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung der lettischen Hauptstadt Russen sind.

            Die alte Generation reagiert noch ähnlich wie die Flamen in Brüssel – wenn die Menschen das Gefühl haben, dass der Angesprochene nicht lettisch kann, gehen sie automatisch zu Russisch über (gleich wie der Flame von Brüssel zu Französisch). Junge Letten beherrschen aber Russisch nicht mehr, sie lernen fleißig Englisch, da sie ohnehin vorhaben nach Schulschluss nach Großbritannien, Irland oder in die USA auszuwandern. Zwischen den Jahren 2008 – 2014, also nach der Wirtschaftskrise schrumpfte die Bevölkerung Lettlands von 2,4 Millionen auf 1,9 Millionen. Kein Wunder, die lettische Regierung reduzierte die Gehälter der Staatsangestellten sowie auch die – ohnehin schon bescheidenen – Pensionen um 20%, schaffte aber keinen einzigen der 100 Angeordneten oder 22 Ministerien (für knappe 2 Millionen Bewohner!) ab.

            In dem Sprachchaos wurde überhaupt vergessen, dass man in Riga ganze Jahrhunderte Deutsch sprach – es war doch eine Hansastadt, sie wurde von Bischof Albert von Bremen gegründet und jahrhundertelang vom Deutschen Ritterorden regiert. Der Bischof von Riga zählte immer zu Bischöfen der deutschen Nation und auf dem Konzil von Konstanz spielte er als ein Mitglied der deutschen Nation, Berater und enger Verbündete Kaisers Sigismunds eine wichtige Rolle. An Riga hatte immer irgendjemand ernstes Interesse, was für die Stadt nicht immer von Vorteil war. Ein langer Machtkampf zwischen dem Bischof von Riga und dem Deutschen Ritterorden wurde anscheinend durch einen Schiedsspruch des neuen deutschen Königs Rudolf von Habsburg, der dringend Verbündete für seinen Kampf mit dem tschechischen König Premysl Ottokar suchte, im Jahr 1274 zur Gunst des Ordens entschieden. Die empörten Bürger von Riga stürmten demzufolge die Burg des Ordens, der Komtur wurde mit seinen Rittern gefangengenommen und anschließend alle gemeinsam hingerichtet. Der Krieg mit der unbeugsamen Stadt dauerte bis 1330, erst in diesem Jahr gelang es den Rittern den Widerstand der Stadt zu brechen. Im Jahr 1484 unternahmen die Bürger der Stadt den nächsten Versuch, eine Unabhängigkeit zu erlangen. Den Erzbischof, der zugleich auch Mitglied des Ordens war, vertrieben sie nach der Burg Césis und es dauerte weitere sieben Jahre, bis der Orden die Bürger im Jahr 1491zu Gehorsam zwang. Im Jahr 1558 drangen in Livonia das erste Mal Russen des Zaren Ivan des Schrecklichens ein, sie verwüsteten das Land, konnten aber Riga nicht einnehmen. Riga nutzte die Kämpfe in der Region zur Unabhängigkeitserklärung und trieb in der Zeit des Livonischen Krieges seine eigene Politik. Im Jahr 1581 beschlossen aber die Bürger von Riga, dass ein Schutz eines weitentfernten Königs nicht schaden konnte. Ein Geschäft ist übrigens immer ein Geschäft und so unterwarfen sie sich dem polnischen König Stephan Bathory. Im Jahr 1605 schafften es die polnischen Soldaten, die schwedische Invasion von den Mauern der Stadt abzuwehren, im Jahr 1621 musste aber die Stadt vor dem „Löwen des Nordens“, dem schwedischen König Karl Gustaf, kapitulieren. Die schwedische Herrschaft war für die Stadt ein Segen, sie erlebte  goldene Zeiten. Die dauerten aber nicht ewig. Im Jahr 1709 standen wieder einmal die Russen vor der Mauer der Stadt. Die Stadt leistete ganze acht Monate Widerstand und verlor – ich hoffe noch immer, dass diese Angabe im historischen Stadtmuseum ein Schreibfehler war – 94% ihrer Bevölkerung. Sollte es aber kein Schreibfehler gewesen sein, ging im Jahr 1710 eine entvölkerte und verwüstete Stadt in russische Hände über. Der Besitz der Stadt wurde den Russen in dem Friedensvertrag von Nystad im Jahr 1721 bestätigt und Riga blieb bis zum Jahr 1918 russisch.

            Möglicherweise gerade wegen seiner bewegten Geschichte traf ich in Riga die beste Verkäuferin der Welt. Natürlich punktete sie schon damit, dass sie jung und hübsch, lächelnd und positive Energie ausstrahlend war. Sie sprach fließend Deutsch, Russisch, Englisch, natürlich auch Lettisch, slowakische Kunden konnte sie auf Slowakisch zumindest begrüßen und sich bei ihnen für ihren Einkauf auf Slowakisch bedanken. Als ich ein bisschen zaghaft fragte, ob sie auch Briefmarken für die Postkarten hätte (normalerweise werden die Briefmarken in Souvenirgeschäften nicht angeboten, was immer meine Bemühung, meinen Eltern Postkarten zu schicken, zu einer komplizierten Mission mutieren ließ) sagte sie, dass es selbstverständlich wäre, und sie legte mir sofort einige auf die Bank. Sie bot mir sofort auch einen Kugelschreiber an und sagte, dass ich mir mit dem Abschicken keine Sorgen machen müsste. Wenn sie von der Arbeit nach Hause gehen wird, geht sie an der Post vorbei und wird sie ins Postkästchen einwerfen. Ich schaute sie wie eine Erscheinung an. So etwas muss man in dem fernen Norden suchen! Die Postkarte kam bei meinen Eltern tatsächlich an.

            Riga wird auch „Paris des Nordens“ genannt. In meinen Augen ein bisschen übertriebener Vergleich für die lettische Metropole am Ufer des riesigen Flusses Daugava. Nördliche Ströme haben unvorstellbare Ausmaße, ein Mitteleuropäer, der an Elbe, Donau oder Moldau gewöhnt ist, schaut verzückt auf Neva oder Daugava.

Riga gewann den Ruf einer pulsierenden Stadt. Von dem Puls war ich ein bisschen enttäuscht. Um die Gefäße zum Pulsieren zu bringen, muss in ihnen Blut strömen. Das Blut in den Straßen einer Metropole ist das Geld. Und an dem mangelt es den Letten verzweifelt. Bei einem durchschnitten Einkommen 750 Euro (Stand 2015) und bei den Lebensmittelkosten, die mit den österreichischen vergleichbar sind (die Miete ist zwar billiger, aber auch nicht wirklich billig) darf man sich darüber nicht wundern. Die Touristen allein können die Stadt nicht retten (und in der Zeit von Corona schon überhaupt nicht). Besonders für die durstigen Finnen ist Tallin doch näher und sprachmäßig mehr verwandt. Trotzdem ist Riga, diese alte Hansastadt, sehr schön und besuchswert. Übrigens am späten Sommerabend, der nur um wenig dunkler als in Tallin ist, wird hier überall gefeiert. Wir sahen Lokale, wo Letten spontan ihre Nationaltanze getanzt haben (physisch ziemlich anstrengend) aber auch Bars auf dem Platz unter dem freien Himmel, wo man Chansons oder Jazz hören konnte. Eine junge Dame hat Saxofon gespielt. Es wird behauptet, dass das Spiel auf dem Saxofon jeden Mann sexy machen kann (auch der ehemalige Präsident der USA Clinton liebte das Spiel auf dem Saxofon, vielleicht hatte er deshalb auch seine Probleme), aber auch eine junge Dame, die in der Dämmerung Saxofon spielt, hat etwas an sich. Was mich aber meistens schockierte, waren die Kajaks, beleuchtet mit kleinen Lichtern, deren Besatzungen um ein Uhr nach Mitternacht auf der nächtlichen Daugava paddelten. Ich hoffe, dass die Kajakfahrer zumindest Rettungswesten anhatten. Sollten sie nämlich in dem Strom kentern und aus dem Kajak rausfallen, würden sie die Rettungsmannschaften irgendwo im Baltischen Meer herausfischen.

            Riga hat natürlich seine Altstadt mit einigen Kirchen, besonders der Dom, gegründet noch vom Bischof Albert im Jahr 1201 und die Kirche des Heiligen Petrus, sind imposant.

Imposant ist aber auch das Eintrittsgeld, das dort verlangt wird und das bereits damals zwischen 3,50 und 7 Euro betrug. Und das in protestantischen Kirchen, wo der Bildsturm im sechzehnten Jahrhundert die Kirchen ihrer Innenausstattung beraubte. Es zahlt sich aus am Mittag in den Dom zu gehen, wenn es dort ein Konzert gibt – der Eintritt kostet sowie so sieben Euro, aber es gibt dort dann für das Geld zumindest ein schönes Erlebnis. Die Musik ist in Riga so gut wie überall. Ob es sich um die Musiker in den Nachtbars handelt, aber es gibt Musik auch überall auf den Straßen. Es sind keine Bettler mit Ziehharmonika, sondern zum Beispiel drei hübsche junge Mädchen mit Blumenkränzen auf den Häuptern, die direkt vor den Häusern der Schwarzköpfe auf dem Rathausplatz spielten. Genauer gesagt, die Kränze hatten zwei von den drei Musikerinnen auf, es waren wahrscheinlich die, die in der stürmischen St Johannesnacht am 23. Juni ihre Jungfräulichkeit verloren hatten. Warum nur zwei von drei, weiß ich nicht, hübsch waren alle drei.

            Die Schwarzkopfhäuser sind unglaublich schön.

Sie wurden im Jahr 1334 von der Gilde der unverheirateten Kaufleute gebaut. Weil die jungen und reichen Männer niemanden zu Hause hatten, der ihre Geldbeutel kontrolliert hätte, konnten sie es sich leisten. Aus diesem Grund musste jedes Mitglied nach seiner Hochzeit die Gilde verlassen. Die wunderschönen Häuser erinnern an das Rathaus in Bremen (übrigens steht vor ihnen, gleich wie in Bremen vor dem Rathaus, eine Statue von Roland, des Beschützers der Stadt), sie wurden in dem zweiten Weltkrieg zerstört und das sowjetische Regime hatte kein Interesse, sie zu erneuern. Deshalb begannen die Letten mit der Rekonstruktion gleich nach der Unabhängigkeitserklärung und sie vollendeten den Wiederaufbau dieser architektonischen Juwelen im Jahr 1999. Gleich nebenan steht aber eine furchtbare Erinnerung an die Jahrzehnte der sowjetischen Herrschaft. Ein schreckliches „modernes“ Gebäude in schwarz, das von den Bürgern von Riga „Schwarzer Sarg“ genannt wird – nach dem Jahr 1991 wurde hier kreativ ein „Museum der Okkupation“ einquartiert. Wie ich schon schrieb, die Balten machen zwischen der nazistischen und kommunistischen Okkupation keinen Unterschied, beide werden in den gleichen Sack geworfen. 

Tallinn II

            Die Obere Stadt protzt mit einigen monumentalen Gebäuden. Hier gibt es den höchsten Turm der Stadtbefestigung „Der lange Hermann“ an den der ehemalige Palast der russischen Zarin Katharina II. angelegt ist, in dem heute das estnische Parlament seinen Sitz hat. Der Gegenpol zum „Langen Hermann“ ist die „Dicke Margarethe“ in der unteren Stadt, soviel also zu den estnischen Vorstellungen, wie ein echter Mann und eine echte Frau aussehen sollten. Gleich gegenüber dem Parlament steht eine monumentale orthodoxe Kathedrale des Alexanders Newski.

Die Esten hielten diese Kirche immer für einen Beweis der Bemühungen des zaristischen und später kommunistischen Regime um die Russifizierung Estlands. Es war nämlich gerade der Fürst Alexander Newski, der die Expansion der deutschen Ritter, die damals die Herren von Reval waren, in Richtung Osten in der Schlacht auf dem zugefrorenen Peipussee im Jahr 1242 aufgehalten hat. Nach der Unabhängigkeitserklärung Estlands wurden Stimmen laut, die verlangt haben, die Kathedrale abzureißen, letztendlich hat aber doch der Hausverstand gesiegt und das großartige Gebäude durfte stehen bleiben. Es ist jetzt der Zufluchtsort der in Tallinn lebenden Russen (sie machen in der Stadt 44% der Bevölkerung aus), die viel religiöser als die protestantischen Esten sind. In Estland lebenden Russen wurde lange Zeit nach der Unabhängigkeit die estnische Bürgerschaft verwehrt, nur vor dem Eintritt in die Europäische Union wurde Estland gezwungen, der russischen Minderheit die Bürgerschaft zu verleihen. Die Folge dieser Entscheidung ist, dass ein Russe, der die estnische Bürgerschaft angenommen hat, jetzt vor der russischen Botschaft lange Schlangen stehen muss, um ein Visum nach Russland zu bekommen. Ein Russe, der die Bürgerschaft abgelehnt hat, setzt sich nur einfach ins Auto und überquert irgendwo bei Narva die Staatsgrenze, ohne dabei Probleme zu haben. Bei der Einreise in die EU ist das umgekehrt.

Die evangelische Kathedrale von Tallinn – der Dom – ist überraschenderweise nicht die größte Kirche in der Stadt, die Kirche des heilige Olafs sowie auch die Kirche des heiligen Nikolaus (beide stehen allerdings in der unteren Altstadt, wo es auch Geld gab) überragen den Dom wesentlich.

Unter dem Boden des Doms sollte nach einer Legende der legendäre Urvater des finnisch-estnischen Volkes Kalev begraben sein. Die Finnen und die Esten haben einen gemeinsamen Urvater, offensichtlich hatte er aber Angst vor dem Meer und so blieb er auf dem südlichen Ufer des Finnischen Meerbusen – in Tallinn, das es damals noch nicht gab. Heute trägt seinen Namen, also Kalev, die bereits erwähnte berühmteste Konditorei in der Stadt. Unter dem Dom soll auch Heinrich Matthias Thurn begraben sein, der Anführer der tschechischen Stände im Aufstand gegen den Kaiser Ferdinand II. Er führte die Rebellen bei dem berühmten Prager Fenstersturz am 23.Mai 1618 und gab damit den Anlass zum Beginn einer der größten Tragödien in Europa – zum Dreißigjährigen Krieg. Er starb weit von seiner Heimat (Er zählte zu den Tschechen, obwohl er als gebürtiger Tiroler angeblich tschechisch nur fluchen konnte) im Jahr 1641 im Exil in Tallinn.

            In der oberen Stadt gibt es mehrere Aussichtsterrassen mit faszinierenden Blicken auf die Altstadt, den Hafen und das Meer sowie auch auf die modernen Bauten im „Rotenman Kvartal“.

Sonst herrscht hier aber abendsTotenstille. Als wir uns hier abends für ein Glas Wein setzen wollten und die Blicke auf den Sonnenuntergang über dem Meer genießen wollten, fanden wir hier kein einziges offenes Lokal und so verstanden wir, warum die obere Stadt abends wie ausgestorben ist. Man lebt in der unteren Stadt und man lebt hier teuer.

            Die untere Altstadt schaut wie ein Freilichtmuseum aus. Die neu reparierte mittelalterliche Stadtmauern strahlen durch rote Dächer ihrer Türme, um die alten krummen Gassen stehen Häuser der Hansakaufleute, von denen, gleich wie in Amsterdam, unter dem Hausgiebel Balken mit Rollen aus der Fassade ragen. Die Kaufleute lebten im Erdgeschoß, die Warenlager waren aber am Dachboden, deshalb die Haken, um die Ware in das Lager transportieren zu können. Überall gibt es dann Restaurants, Bars, Kaffeehäuser und weitere Touristenfallen, die von Studenten in mittelalterlichen Kostümen überwacht werden, die die Passanten, die nur für eine einzige Sekunde vor dem Eingang stehen bleiben, um in die Speisekarte einen Blick zu werfen, erbarmungslos hinein treiben. Wir flüchteten vor ihnen in  Panik bis in den oberen Teil der Stadtbefestigung oberhalb der Kirche des heiligen Nikolaus.

Im Turm Neitsitorn ist ein Restaurant mit einem Blick auf die Altstadt. Das Problem bestand in der Tatsache, dass man hier Eintritt zahlen musste. Drei Euro für den Eintritt in ein Restaurant habe ich noch nirgends zahlen müssen und ich war dementsprechend überrascht. Es wurde mir erklärt, dass es sich um ein Museum handelte. Also zahlte ich, obwohl ich das Museum danach nicht gefunden habe, lediglich ein Restaurant und ein Kaffeehaus auf drei Ebenen. Wenn wir aber schon einmal dort waren, entschieden wir uns dort mittags zu essen und den zauberhaften Blick auf die Altstadt dabei zu genießen. Zu unserer lieben Überraschung wurden uns dann die drei Euro pro Person von der Rechnung abgezogen. Eigentlich eine gescheite Maßnahme, damit die Leute im Restaurant nicht umsonst bummeln, nur um auf die Stadt unter ihnen Füßen zu glotzen.

            Das älteste Kaffeehaus in der Stadt heißt Maiasmokk, ist aber abends nach neun Uhr geschlossen! Besuchswert ist das Gebäude der „Großen Gilde“, wo sich ein Museum der estnischen Geschichte befindet und wo der Eintritt zufällig kostenlos war. Die Gilden waren Gesellschaften ähnlich den Zünften, aber doch anders. In der Großen Gilde waren die Kaufleute, also die reichsten Bürger, die auch den größten Einfluss auf das Geschehen in der Stadt hatten. In der „Kleinen Gilde“ waren dann die Handwerker unterschiedlicher Fachrichtungen versammelt, diese gab es hier aber eher für die Arbeit als fürs Reichwerden – wer ist schon einmal durch eine Arbeit reich geworden? Und ihr Einfluss in der Stadt war dementsprechend bescheidener. Zu einem Museum wurde auch die älteste Apotheke auf dem Rathausplatz aus dem Jahr 1433, in dem Souvenirgeschäft wird versucht, die Touristen zu überzeugen, dass der Liquor „Vanna Tallinn“ ein Medikament sei. Die menschliche Fähigkeit Alkohol so gut wie aus allem machen zu können, habe ich im Freilichtmuseum in Tallinn in dem Stadtviertel „Rocca al Mare“ kennenlernen können.

Der estnische Wein „Lossi“ wird nämlich aus Heidelbeeren produziert. Die erreichen hier im Norden dank der Feuchtigkeit und langer Sommertagen eine außergewöhnliche Größe, der Wein aber (ich bin ein neugieriger Mensch und so habe ich diese örtliche Spezialität gekostet) kann man nur mit einer äußersten Überwindung und unter dem Schutz der magensäurehemmenden Medikamente trinken. Sonst würde das Getränk in meinen nicht mehr ganz jungen Magen wahrscheinlich ein Loch durchbrennen.

            Vor dem Stadttor Viru befindet sich ein Blumenmarkt, einer der wunderschönsten, die ich in meinem Leben sah.

Der Blumenmarkt in Amsterdam war zwar größer, aber die Blumen auf dem Markt von Tallinn waren einfach schöner (obwohl sie großteils aus den Niederlanden importiert waren) Die Esten lieben Blumen. Zu einem Besuch in Estland zu gehen, ohne einen Strauß mitzubringen, ist einfach undenkbar und der Geliebten oder sogar der Gattin einen Mercedes ohne einen Strauß Blumen zu schenken ist ein absolutes „faux paix“ und ein Grund zur Trennung. Wahrscheinlich aus diesem Grund ist der Blumenmarkt auch noch lange nach Mitteernacht offen. Was wäre, wenn der Mercedesspender den Strauß vergessen hätte und ihn ganz dringend bräuchte?

            Tallinn hat einfach sein Zauber, obwohl man Glück beim Wetter haben muss. Die Sonne geht zwar im Sommer sehr spät unter, strahlt aber meistens gedämpft durch Wolken. Menschen in Estland hatten eindeutig mehr Angst vor Wasser als vor Feuer. Ich habe sonst nirgends gesehen, dass die Bauern Getreide in den Wohnräumen trocken würden, wo man auf offenem Feuer kocht. Der Dachboden wurde nur durch Balken von dem Wohnraum getrennt und zwischen die Balken wurde die Ernte gesteckt. Im Falle des Brandes konnte sich der Mensch offensichtlich immer darauf verlassen, dass ein Regen kommt, der dem Malheur ein Ende macht. Die körperliche Hygiene wurde gleich wie in Finnland in der Sauna gemacht. Das Wasser, das vom Himmel fiel, war doch ein bisschen zu kalt.

            Das estnische Volk ist aber gegen Kälte abhärtet. Das haben wir in dem Badeort Parnü gesehen.

Obwohl das Meereswasser lediglich 13 (in Worten DREIZEHN!!!) Grad hatte, badeten im Meer sogar die Kinder! Also – eines von den Kindern hatte einen Neoprenanzug angehabt und es handelte sich in diesem Fall offensichtlich um einen Ausflug Väter mit Kindern ohne Mütter. Trotzdem lief mir bei diesem Anblick die Kälte über den Rücken. Wir haben im Meer nur unsere große Zehe gebadet. Das hat gereicht. Es musste reichen! Estland ist nicht wirklich ein Land für einen sommerlichen Badeurlaub. Es hat andere Reize.

            Weil aber in der oberen Stadt die Totenruhe herrschte, die untere Stadt unchristlich teuer war und nach zehn Uhr wurde uns verweigert armenischen Cognac zu verkaufen, der mit seinen fünf Sternen sehr verlockend aussah, badeten wir nicht einmal im Meer und verließen Estland in Richtung Süden nach Lettland.