Category: Italienische Impressionen

Lucca II

Also, wie ich meinen ersten Teil des Artikels über Lucca beendet habe, nicht nur von den Kirchen lebt ein Mensch. In Lucca gab es genug reiche Menschen, die wussten gut zu leben. Für die Öffentlichkeit ist der „Palazzo Mansi“ zugänglich mit innerer Ausstattung im Stil des Rokokos, wo sich die „Pinacoteca Nazionale“ befindet und der „Palazzo Pfanner“ mit einem wunderschönen Garten, der mit zahlreichen Marmorstatuen geschmückt ist.

Felix Pfanner stammte aus dem österreichischen Vorarlberg, seine Familie kam aber aus Bayern und betrieb Bierbrauerei. Im Jahr 1844 wurde der junge Pfanner nach Lucca von Herzog Leopold II. eingeladen. Der Herzog hatte Lust auf gutes Bier, das die Italiener damals noch nicht zu brauen vermochten. Der junge Felix begann mit der Produktion im Keller eines prächtigen Palastes am Rande der Stadt, den sich im siebzehnten Jahrhundert ein Seidenhändler bauen ließ (Lucca war traditionell bekannt durch Erzeugung von Brokaten und später von Stoffen aus Seide). Der Erfolg war groß, die Italiener fanden Vorliebe für das neue Getränk. Pfanner wurde reich und er kaufte später den Palast inklusiv des Gartens (den Garten kann man von der Stadtmauer gut sehen, also nur für seinen Besuch muss man die Eintrittskarte nicht unbedingt kaufen). Die Brauerei Pfanner war im Betrieb bis zum Jahr 1923. Felix selbst starb im Jahr 1892 und beide seine Söhne verließen die familiäre Tradition und wurden Ärzte. Ein wurde zum Psychiater und der zweite zum Chirurgen, aus diesem Grund gibt es heute im Palast eine Ausstellung der historischen medizinischen Instrumente, bei deren Besichtigung einem die Kälte über den Rücken läuft.

               Im Palast Pfanner spielte sich eine schöne obwohl ein bisschen traurige Geschichte ab (noch bevor Felix Pfanner nach Lucca kam). Im Jahr 1692 wohnte hier bei seinem Besuch der Stadt Lucca der dänische Kronprinz Frederik und er verliebte sich in eine einheimische Adelige namens Maria Maddalena Trenta. Im Schlafzimmer, das man besuchen kann, erlebten die zwei Verliebten eine wilde Romanze, leider ohne Happy End. Frederiks Vater Christian V. starb und Frederik wurde nach Hause berufen, um die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Er wurde zum König Frederik IV. von Dänemark und Norwegen. Eine Ehe mit einer Italienerin, obwohl vom Adel, war in der neuen Situation undenkbar. Frederik heiratete Luise von Mecklenburg und Maria Maddalena Trenta trat in ein Kloster ein und wurde None. Die schöne romantische Geschichte hat nur einen Schönheitsfehler. Der dänische König Christian V. starb nämlich im Jahr 1699. Vielleicht flüchtete also der dänische Prinz vor der leidenschaftlichen Maria Maddalena aus anderen Gründen – aber WENN INTERESSIERT ES SCHON?

               Besuchswert ist sicherlich auch der Botanische Garten, der sich in einer Ecke der Altstadt befindet.

Hier gibt es ein Lehrpfad und man kann hier die Zeder von Libanon oder amerikanische Sequoien bewundern, die höchsten Bäume der Welt. Die Sequoie in Lucca ist lediglich zweihundert Jahre alt, also sie ist noch ein Baby. Trotzdem ist es der höchste Baum im Botanischen Garten. Über den See in der Ecke des Gartens erzählt man eine Legende über die schöne Lucida Mansi. Lucida war sehr hübsch, sie stammte aus einer adeligen Familie Samiati. Sie heiratete Vincenzo Diversi, sie wurde aber bald Witwe und heiratete das zweite Mal – den alten und reichen Casparo de Nicolao Mansi. Ihr Leben floss in Partyrausch mit vielen Liebhabern darin, bis sie einmal im Spiegel, in den sie täglich schaute, in ihrem Gesicht eine erste Falte sah, das Zeichen des Altwerdens. Verzweifelt bat sie den Teufel um Hilfe, damit sie weiterhin jung und schön bleiben konnte. Er versprach ihr weitere dreißig Jahre Jugend, wollte dafür aber, wie es schon sein Brauch war, ihre Seele. Als die dreißig Jahre vorbei waren, versuchte Lucida vor dem Teufel zu flüchten, aber nach einem Lauf auf der Stadtmauer holte er sie ein und riss sie in den See im Botanischen Garten. Jedes Jahr am 31.Oktober taucht aus dem Wasser eine brennende Kutsche und man hört furchtbare Schreie Lucidas, bis die Kutsche wieder in Flammen im See untertaucht. Die Legende ist schön, die wirkliche Lucida starb aber nachweislich im Jahr 1649 im Alter von 43 Jahren und wurde im Kapuzinerkloster in der Nähe des Botanischen Gartens, das es heutzutage nicht mehr gibt, begraben. Also stellt sich die Frage – wer taucht eigentlich zu Haloweenzeit aus dem See auf.

               Was wäre allerdings Lucca ohne Giacomo Puccini? Einer der bekanntesten Komponisten wurde hier geboren und blieb mit seiner Geburtsstadt lebenslang verbunden. Sein Geburtshaus ist nur ein paar Schritte von der „Piazza San Michele“ entfernt. Puccini wuchs mit seinen Geschwistern in einer bescheidenen Wohnung in der zweiten Etage des Hauses auf, später kaufte er das ganze Haus. Heute gibt es in seiner damaligen Wohnung ein Museum, das ihm und seiner Schöpfung gewidmet ist. Es gibt hier sein Klavier, sein Diplom aus dem Musiklyceum in Mailand, wo er seine Ausbildung abschloss. Es gibt hier Teile seiner Korrespondenz und seine Bilder und Büsten aus der Zeit als er bereits berühmt war, also nachdem ihm mit der Oper Manon Lescaut der Durchbruch gelungen war – er war damals 35 Jahre alt. Bereits sieben Jahre früher fand er seine Lebenspartnerin. Elvira Bonturi war in dieser Zeit verheiratet, als sie eine leidenschaftliche Affäre mit Puccini hatte und diese blieb nicht ohne Folgen – ein Sohn Antonio kam zur Welt. Elvira verließ wegen des damals noch unbekannten Komponisten ihren Mann, mit der Hochzeit musste sie aber bis zum Jahr 1904 warten, bis ihr erster Mann starb. Elvira hätte die Hochzeit mit Puccini beinahe nicht erlebt. Ein Jahr früher hatte nämlich der leidenschaftliche Autofahrer Puccini einen schweren Unfall, den er nur nach einer mehrmonatlichen Behandlung überstanden hat.

               Es gibt aber nicht nur Puccini. Im Städtchen Collodi, ungefähr siebzehn Kilometer von Lucca in Richtung Pistoia entfernt (Also hinter Montecarlo) begegnet man eine Märchenfigur, die wir alle kennen. Pinocchio, das Männchen aus Holz, dem die Nase wuchs, wenn er log. In Collodi gibt es der „Parco Pinocchio“ als eine Attraktion, wenn man in diese Gegend mit Kindern reist. Es war mir nicht ganz klar, warum sich dieser Park gerade in Collodi befindet. Der Autor von Pinocchio Carlo Lorenzini wurde in Florenz geboren, in Florenz starb er und in dieser Stadt brachte er auch seine legendäre Figur im Jahr 1878 zur Welt. (In Florenz gibt es angeblich auch ein Pinocchio Park, nur bei der Menge anderer Attraktionen in der toskanischen Hauptstadt geht er irgendwie verloren). In Collodi gibt es nichts anderes – die Einheimischen wussten das Pseudonym des Autors, der unter dem Namen Carlo Collodi schrieb, weil in diesem Dorf seine Mutter geboren wurde, zu nutzen. Es handelt sich also im Prinzip um ein Fake, aber die Italiener sind in der Sache PR sehr geschickt. Und wenn es regnet und man weiß nicht, wohin mit den Kindern zu fahren…

               Lucca ist also schön und lieb. Und alt. Nicht nur das römische Forum, auf dem San Michele steht, erinnert an seine uralte Wurzel. Einer der berühmtesten Plätze ist das römische Amphitheater, den die kreativen Italiener mit Häusern bebauten Sie nutzten die Bausubstanz des alten römischen Amphitheaters – jetzt bildet es einen Platz mit Form einer Ellipse.

Damals – also in den römischen Zeiten, schrieb man den Namen der Stadt nur mit einem „c“, also Luca. Bereits im Jahr 177 vor Christi Geburt war Luca eine römische Kolonie, aber nur der Schutz der Kaiser Ludwig IV. und Karl IV.. brachte es unter die bedeutesten Städte der Toskana.

Lucca I.

               Wie alle anderen Kommunen erklärte Lucca nach dem Tod der letzten Markgräfin von Toskana Mathilde im Jahr 1165 ihre Unabhängigkeit. Und wie alle anderen Kommunen wurde sie sofort in die Kämpfe um die Macht und das Geld in der Region verwickelt. Im Jahr 1314 wurde Lucca für eine kurze Zeit von dem mächtigen Nachbarn Pisa beherrscht, dann aber übernahm die Macht in der Stadt Castruccio Castracani. Zuerst half er zwar den Pisanern seine Stadt einzunehmen, er verfolgte aber dabei seine eigenen Ziele. Zwei Jahre später stellte er sich dem pisanischen Stadtverwalter und wurde von ihm sogar eingesperrt. Die Bevölkerung von Lucca holte ihn aber aus dem Gefängnis und er wurde zum Herrscher der Stadt. Als ein überzeugter Ghibellin, also ein Anhänger der kaiserlichen Macht, entschied er sich richtig für die Unterstützung des Kaisers Ludwig IV. von Bayern bei seinem Feldzug nach Italien. Dank dieses Verbündeten beherrschte er nicht nur Pistoia und für eine kurze Zeit sogar Pisa, am wichtigsten war die Einnahme von Carrara, wo bis heute der schönste Marmor abgebaut wird. Man sieht es in Lucca auf jedem Schritt. Seine unzähligen Kirchen sind mit Marmorfassaden geschmückt und im Inneren mit Säulen. Mit Marmor sparte man hier wirklich nicht – letztendlich hatte man es nur für den Preis der Arbeit ohne Zuschlag erwerben können. Das Ergebnis war, dass zum Beispiel die Kirche San Michele mit ihrer Fassade wie eine etwas übertrieben geschmückte Sahnetorte ausschaut.

Bei dem Blick auf jede weitere mit weißem Marmor (aber auch gelblichem oder grauem, wer sollte schon so viele Fassaden aufrechthalten?) strahlende Fassade zahlreicher Kirchen in der Stadt kann ein informierter Mensch nicht widerstehen, sich an den berühmten Condotiere Castracani zu erinnern, dass er davon vielleicht in seinem Grab Schluckauf bekommen müsste.

               Castracani starb im Jahr 1328 unmittelbar nachdem er die Florentiner bei Pistoia in die Flucht geschlagen hatte und Lucca musste um seine Stellung fürchten, besonders aber um seine Marmormienen. Die Stadt wählte eine Lösung, die sich nicht gerade als die glücklichste erwies. Lucca bat um Schutz den tschechischen König Johann von Luxemburg, der gerade dabei war, im Norditalien ein kleines Imperium zu errichten und aus Lucca machte er sogar die Hauptstadt seiner städtischen Konföderation. Damit war zumindest ein Problem von Lucca erledigt, nämlich die Überschüsse des Stadtbudgets. Die waren definitiv dahin. Seinen Sinn konnte allerdings dieser königliche Schutz schon erfüllen. Es ist doch klar, dass eine reiche und wehrlose Stadt mögliche Angreifer viel mehr als eine zwar ausgeplünderte, aber bis auf die Zähne bewaffnete, lockt. Johann von Luxemburg litt bekanntlich an permanenten finanziellen Problemen, er verkaufte seine italienischen Städte und behielt lediglich Lucca. Lucca blieb luxemburgisch bis zum Jahr 1369. Damals erkaufte sich die Stadt von dem Johanns Sohn Kaisers Karl IV. für 100 000 Gulden die Freiheit und wurde zu einer freien Republik. Der wissenschaftliebende Kaiser Karl (in Zusammenarbeit mit Papst Urban V.) schenkte der Stadt wie eine Kirsche auf der Torte auch das Recht eine Universität zu gründen. Lucca verstand dieses Privilegium nicht ganz, weil die Universität wurde – für eine sehr kurze Zeit – lediglich im Jahr 1790 gegründet. Karl schrieb sich in die Geschichte der Region um Lucca auch anders ein – und zwar durch Gründung der Burg Montecarlo ungefähr 13 Kilometer östlich von Lucca. Heute ist die Burg nur eine Ruine, aber unter ihr wuchs eine Stadt, die zum Zentrum des Weinanbaus in der nordwestlichen Toskana wurde. Den Wein habe ich ausprobiert und er ist durchaus trinkbar.

               Lucca blieb eine freie Republik bis zum Jahr 1797, es wurde also nicht ein Teil des toskanischen Großherzogtums der Familie Medici und anschließend der Habsburger. Dadurch konnte es leider nicht von der Reformen Franz Stephans und seines Sohnes Leopold profitieren.

               Im Jahr 1804 krönte sich Napoleon Bonaparte zum Kaiser. Mitglieder seiner Familie bekamen Prinzentitel mit Ausnahme seiner Schwestern Karoline und Elisa, verheiratet Bacciochi. Beide Damen machten dem frischgebackenen Kaiser so eine Szene, dass er schnell verstand, dass er einen falschen Weg gewählt hatte und er entschied sich mit ihnen zu versöhnen. Karoline wurde an der Seite ihres Mannes des Generals Murat die Königin von Neapel und Elisa zur Herzogin von Lucca. Elisa nahm die Sache in die Hand und sorgte dafür, dass die ein bisschen zurückgebliebene Stadt neue Impulse für ihre Entwicklung bekam. Neben der Züchtung von Seidenraupen und damit verbundener Seidenproduktion, reformierte sie das Schulwesen, gründete den bis heute existierenden Botanischen Garten und holte nach Lucca den jungen, noch unbekannten, aber sehr talentierten Nicolo Paganini. Nach dem Fall Napoleons übernahmen die Macht über Toskana und Lucca Bourbonen, die neue Herzogin Marie Luisa setzte aber die Arbeit ihrer Vorgängerin nahtlos fort. Lucca verdankt also seine Entwicklung in eine moderne Stadt diesen zwei Damen.

               Lucca ist ein liebes Städtchen zwischen Bergen, die es von drei Seiten umgeben. Die Stadtmauer tut es dann von allen vieren. Die Stadtmauer wurde im sechzehnten Jahrhundert gebaut, als der alte mittelalterliche Mauerring (von dem zwei Tore übrigblieben) nicht mehr den Anforderungen entsprach, die die Einführung der Artillerie verlangte. Und weil die Stadt niemandem mehr einer Belagerung wert war, erlitt die neue Mauer keinen Schaden. Nicht einmal dann, als die Stadt für offen erklärt wurde. Auf dem Glacis, also in der Entfernung eines Kanonenschusses, durfte nicht gebaut werden. Nach Öffnung der Städte wurden gerade diese Grundstücke zu den wertvollsten für den Bau neuer Stadtviertel. Nicht so in Lucca. Die Mauer blieb unversehrt (wenn wir nicht ein neues Tor Porta Elisa zählen, die Napoleons Schwester in die Mauer schlagen ließ) und wurde zum Park umgewandelt.

Ein Spaziergang auf der Mauer um die ganze Stadt herum ist ein schönes Erlebnis, auf der bis zwanzig Meter dicken Mauer wurden Bäume eingepflanzt, die Schatten spenden und es gibt hier sogar Restaurants – wir sind in Italien, natürlich. Das Glacis ist ein Teil dieses Parks, ohne Bäume mit einem breiten Ring von Rasen Man kann also in Lucca wirklich sehen, wie so eine Befestigung in der Zeit des Barocks ausgesehen und wie sie gedient hat.

               Also Lucca, das sind, wie ich bereits erwähnte, vor allem Kirchen. Angeblich gibt es einhundert von ihnen hier. Ich zählte sie nicht, diese Zahl hat aber auch ihre Vorteile. Zahlreiche der Kirchen sind geschlossen oder zu Museum oder Bibliothek umgebaut, vor jeder Kirche muss aber logisch zumindest ein kleines Plätzchen (oder ein großer Platz) sein und auf jedem Platz in Italien dann eine Trattoria, Osteria oder zumindest eine Bar. Also keine Angst, vor Hunger oder Durst stirbt man in Lucca sicher nicht.

               Die größte Kirche in der Stadt ist natürlich die Kathedrale, die dem heiligen Martin gewidmet ist.

Es ist ein atemberaubendes – natürlich mit Marmor bekleidetes – Gebäude mit einem hohen Campanile, den man besteigen kann. Wirklich schöne Aussichten gibt es aber von dem Campanile nicht, weil die Fenster mit einem dicken Gitter verschlossen sind – die Stadt kann man von hier nicht fotografieren, zu diesem Zweck besitzt Lucca andere Türme. (Es ist der Uhrturm und der Turm Guinigi – aber darüber später) In der Kathedrale ist die größte Attraktion das Kreuz „Volto Santo“, seine Fertigstellung wird dem heiligen Nikodemus zugeschrieben.

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Das Kreuz stammt zwar nachweislich aus dem elften Jahrhundert, diese Tatsache stellt aber seiner Verehrung kein Hindernis dar. Am 13. September wird das Kreuz durch die Stadt in einer feierlichen Prozession getragen, gekleidet in einem Gewand aus silbernem vergoldetem Schmuck und mit Diamanten, diese Artefakte kann man in dem Kathedralmuseum sehen (es gibt eine gemeinsame Eintrittskarte für die Kathedrale, das Museum und den Campanile). Aus den Bildern, die auf den Wänden der Kirche hängen (die Kirchen von Lucca sind von außen fantastisch, in ihrem Inneren aber relativ bescheiden geschmückt, auf den kahlen Wänden gibt es nur Bilder aus der Zeit der Renaissance oder dem Barock) ist das wertvollste „Das letzte Abendmal“ von Tintoretto. In dem linken Schiff gibt es ein Grabmal von Ilaria del Caretto. Diese junge Dame war die Gattin Paolo Guinigis, sie starb im Jahr 1406 im Alter von 24 Jahren bei einer Geburt. Der trauende Gatte ließ für sie von dem größten damaligen Meister Jacoppo dela Quercia ein Grabmal aus Marmor herstellen (anders geht es in Lucca nicht) und setzte seine Platzierung auf die Stelle, die aller meisten Prestige versprach – also in der Kathedrale – durch.

               Paolo Giunigi war nämlich kein armer Schlucker. Im Jahr 1400 gelang es ihm, die Macht in der Stadt an sich zu reißen und für weitere dreißig Jahre die republikanische Verfassung außer Kraft zu setzen. An die Familie Guinigi erinnert einerseits ihr Palast, in dem es heutzutage die örtliche Pinakothek gibt (Museo Nazionale di Villa Guinigi), und andererseits der Aussichtsturm „Torre Guinigi“ (der sich nicht im Palast befindet, sondern in Casa Guinigi im Stadtzentrum). Für sechs Euro darf man auf 240 Stufen auf seine obere Plattform steigen, wo überraschenderweise große Bäume wachsen, die während des Fotografierens der Stadt aus der Vogelperspektive Schatten spenden.

Guinigi verteidigte die Stadt im Jahr 1429 gegen anrückende Florentiner, während sein Sohn Ladislaus eine Hilfe des Entsatzheeres unter der Anführung des zukünftigen Herrschers von Mailand, damals aber noch Condottiere, Francesco Sforza holte, die die Stadt rettete. Allerdings ist das die Undankbarkeit, die die Welt beherrscht. Es folgte ein Volksaufstand, Guinigi wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Die Bürger trauten sich nicht ihn hinzurichten, er starb zwei Jahre später in einem Gefängnis in Pavia.

               Das Zentrum des bunten Treibens des Lebens in der Stadt ist die „Piazza Napoleone“ mit dem Herzogspalast. Obwohl Lucca eine Republik war, hat es irgendwie vorbeugend im sechzehnten Jahrhundert einen Palast für einen Herrscher gebaut. Das kam gut an, als die Herrschaft in der Stadt Elisa Bonaparte und nach ihr Maria Luise von Bourbon übernahmen. Heute gibt es hier den „Palazzo della Provincia“, also eine Verwaltungszentrum.

               Nur ein paar Schritte entfernt gibt es die wahrscheinlich schönste Kirche in Lucca „San Michele in Foro“. Der Kult des Erzengels Michael haben germanische Stämme betrieben, vor allem die Langobarden. Lucca liegt tatsächlich auf der Geraden zwischen dem Kloster Saint Michelle in der Bretagne und der Grabstätte der langobardischen Könige in Monte San Angelo in Apulien. San Michele spielte also in Lucca, ähnlich wie in Pavia, die wichtigste Rolle und übertraf damit die Bedeutung der Kathedrale. Die Kirche wurde auf dem ehemaligen römischen Forum zwischen den Jahren 1070 und 1383 gebaut (davon trägt sie ihren Namen) und man sparte mit Marmor wieder einmal nicht. Im Inneren kann man die Kanzel von Andrea della Robia bewundern (der sich an der Dekoration der ursprünglichen Fassade des Doms in Florenz beteiligte) oder ein Bild von Filippino Lippi links von der Apsis.

               Wenn jemand noch Lust hat, kann man weitere Kirchen Besuchen. Zum Beispiel San Frediano (mit einem atemberaubenden byzantinischen Mosaik an der Fassade der Kirche, einem großen romanischen Baptisterium und einem Triptychon aus Marmor „Madona mit Kind und Heiligen“ von Jacoppo della Quercia. Die erste Kirche auf dieser Stelle ließ der heilige Fredianus bauen, ein Mönch aus Irland, der in Lucca zum Bischof wurde (er starb im Jahr 580). In Lucca gibt es einen ziemlich morbiden Brauch, dass in fast jeder Kirche unter dem Altar eine Leiche eines Heiligen oder Seligen als heilige Reliquie ausgestellt wird. San Frediano hat mit der Leiche seines Bischofs nicht genug, deshalb gibt es hier auch noch die Reliquie der heiligen Zita. Zita war eine einfache Magd, die in den Jahren 1212 – 1272 in Lucca lebte. Sie machte sich durch ihre Pflege der Kranken und Schwachen berühmt, nicht umsonst trägt ein Altersheim in der Nähe von San Frediano ihren Namen.

               Eine weitere besuchswerte Kirche ist „San Francisco“ am Rande der Stadt oder „Santa Maria Forisportam“ (der Name deutet an, dass die Kirche außerhalb der mittelalterlichen Mauer lag, was das naheliegende Tor des heiligen Gervasius mit zwei erhaltenen Türmen der damaligen Stadtbefestigung und ein Kanal, der heute durch die Stadt fließt, aber damals ein Teil der Befestigung war, beweisen.

Nicht nur von der Kirchen lebt ein Mensch. Lucca hat viel mehr zu bieten. Aber darüber in zwei Wochen.

Cinque Terre

               Dieses Stück Landes, (also eigentlich fünf Stücke) hatte ich in meinem Reiseplan bereits seit einigen Jahren. Zuerst blockierten einen Ausflug in diese Richtung unsere Reisen in andere Teile Italiens und dann das Coronavirus. Heuer aber, als ich meine Reise in die nördliche Toskana geplant habe, war klar, dass mir diese Küstenstädtchen nicht entgehen durften. Es war nur ein Problem zu lösen, nämlich, wie komme ich hin?

               Ziemlich logisch dachte ich, dass bei der Touristenmenge, die sich dort auf einem minimalen Raum, den die felsige Küste bieten kann, herumtreiben würde, könnte es ein Problem mit Parken geben. Deshalb bereitete ich mich für die Reise penibel vor. Ich erfuhr, wie die Züge aus Lucca, wo wir wohnten, nach La Spezia, das als der Ausgangspunkt zu dem südlichsten Teil der ligurischen Küste gilt, fahren. Dann gab es nur zu entscheiden, ob wir die Städtchen mit einem Schiff oder mit dem Zug besuchen. In Folge der Kinetose meiner Frau hat der Zug eindeutig gewonnen. Durch die Städte führt nämlich die Eisenbahnhauptverbindung zwischen Livorno und Genua (natürlich durch ein Tunnelsystem.)

               Am Tag „T“ wachten wir in ein regnerisches Wetter auf. Meine Frau erklärte mir demzufolge, dass sie durch ganz Lucca zum Bahnhof im Regen „ganz sicher nicht gehen würde“ und ich sollte das Auto vom Parkplatz holen und starten. Was ich auch tat. Ihre Argumente, dass um halb acht in der Früh die Italiener noch schlafen, klangen ziemlich logisch. Und das waren sie auch.

               Unter dem Bahnhof in La Spezia gab es freie Parkplätze ohne Ende. Wir konnten also das Auto abstellen und sich kümmern, wie weiter. Die Italiener sowie auch die Touristen schliefen noch. Nachmittags, als wir das Auto abholen wollten, war die Parkgarage schon bis zum letzten Platz voll. Also, bei einem Besuch von Cinque Terre zahlt es sich aus, nicht zu lange zu schlafen. Dann geht´s.

               Um Cinque Terre zu besuchen, muss man zuerst „Cinque Terre point“ finden. Das ist nicht ganz einfach. Besonders deshalb, weil ich nicht wusste, dass ich so etwas suchen sollte. An der Fahrkartenkassa wurde ich aber belehrt und zum „Cinque Terre point“ geschickt. Dort wollte mich der Schlag treffen, weil dieser geschlossen war. Zum Glück gaben wir nicht auf und fanden den nächsten „Point“, der im Betrieb war. In diesem Büro war es notwendig eine „Cinque Terre Card“ zu kaufen, die einen Menschen zum Nutzen der Züge zwischen allen fünf Orten (man kann sogar bis nach den sechsten namens Levante fahren, das zu diesem Gebiet nicht mehr gehört) und zum Benutzen der Wanderwege im Naturpark zwischen den Orten und wahrscheinlich auch zum Atmen der örtlichen Luft berechtigt. Eigentlich kauft man für 16 Euro das Recht einen Tag zwischen den Städtchen Monterosso al Mare und Riomaggiore leben zu dürfen. Diese Karte muss man nicht einmal, wie es sonst in Italien die Pflicht ist, auf dem Bahnsteig entwerten, es ist nur notwendig, den Namen des Besitzers auf die Karte zu schreiben. Also so einfach, dass ich echt überrascht war. Aber es besuchen dieses Land letztendlich auch Amerikaner. Zu meiner Überraschung kontrollierte im Zug unsere Karten niemand, dafür gab es aber auf dem Wanderweg zwischen den Orten Vernazza und Corniglia sogar gleich zwei „check points“, wo wir kompromisslos auf den Besitz der Karte überprüft wurden.

               Die Züge fahren alle zwanzig Minuten (vormittags, am Nachmittag kann sich das Intervall bis zu einer Stunde verlängern). Wir stiegen ein und brachen mit anderen Touristen (es gab dank der Coronapandemie schockierend wenige) in Richtung Norden auf. Ich entschloss mich unsere Erforschung von Cinque Terre in dem am entferntesten Ort zu beginnen und dann sich Schritt für Schritt dem Ausgangspunkt zu nähern. Die Idee war sicherlich nicht schlecht, aber zu wenig originell. Fast alle Anwesenden wählten nämlich diese Variante.

               Monterosso al Mare hat einen ziemlich großen Strand. Man kann hier baden, wenn es Badewetter gibt.

Dies gab es nicht. Zu meinem Erstaunen gab es hier auch einen ziemlich großen Parkplatz. Wir suchten vergeblich das Stadtzentrum, wo man angeblich „Loggia del Podestá“, die Pfarrkirche des Heiligen Johann des Taufers und das Kloster des Heiligen Franziskus sehen könnte. Alle Abzweigungen von der Küstenpromenade führten uns immer wieder zwischen Hotels und Apartments und wenn ich nach dem Weg ins Zentrum eine Frau fragte, die wie eine Einheimische ausgesehen hat, starrte sie mich an und verschwand wortlos. Ich dachte, dass mein gebrochenes Italienisch daran schuld war, meine wiederholten Fragen in Englisch brachten aber auch keinen Erfolg. Wir tranken also auf einer Terrasse über dem Meer einen Espresso, warteten, bis die Wolken verschwanden, die Sonne begann zu strahlen und danach verließen wir leicht frustriert Monterosso al Mare in Richtung Süden. Der weitere Verlauf des Ausfluges sollte uns aber ausreichend entschädigen.

Monterosso al Mare

               Das nächste Städtchen ist Vernazza und es ist möglicherweise das schönste von allen. Vernazza hat nämlich einen Hafen, liegt direkt am Meer und brüstet sich mit einer Festung über dem Meer mit einer Aussichtsterrasse, der Kirche der Heiligen Maria von Antiochia aus dem Jahr 1318 und mit Unmengen an Geschäften mit Essen und Getränken, Ristoranten, Osterien und Trattorien, also ein italienischer Traum hautnah. Weil es sich so gehört, entschieden wir uns die Entfernung zwischen den Städtchen Vernazza und Corniglia zu Fuß zu überwinden. Ich gebe zu, dass ich mir unter der Bezeichnung „der untere Weg“, die wir wählten, einen angenehmen Pfad an der Küste vorgestellt hatte.  Dass der Weg zuerst über das Städtchen stieg, habe ich anfangs positiv angenommen als ein Angebot, uns die schönsten Blicke auf Vernazza anzubieten und die haben wir wirklich genießen[AP1]  können.

Vernazza

Dann aber stieg der Weg weiter und er wollte damit nicht aufhören, was mich immer mehr unruhig und später auch zornig machte. In einer Entfernung von je ca. hundert Metern gab es hier Tafeln, die die Nummer von Rettungsdienst (und Feuerwehr) bekannt gaben. Wenn ich sie am Anfang ignorierte und später sie für unnötig hielt, mit zunehmenden Höhemetern wurde diese Information immer wertvoller. Letztendlich habe ich eine davon fotografiert, um die Information für jeden Fall zur Hand zu haben.

Es gab nämlich letztendlich 208 Höhemeter und dass ist bei Temperaturen über 30 Grad Celsius nicht gerade wenig. Die anfängliche Begeisterung meiner Gattin wurde durch eine Ernüchterung abgelöst, dann durch Enttäuschung, Proteste und zuletzt endete es mit einem erschöpften Stöhnen und ich machte mir wirklich Sorgen. Auf dem höchsten Punkt befindet sich eine Bar mit einer Aussichtsterrasse, aber vor allem mit Obstsäften, die dort für die Besucher frisch gepresst werden. Ich empfehle eine Kombination von Orangen und Zitronen, es ist erfrischend, nicht zu süß und im Zustand, in dem man die Bar erreicht, lebensrettend. Die Zitronen wachsen übrigens dort auf den Felsen überall, das Klima ist für sie sehr günstig und die Einheimischen machen aus Zitronen einen alkoholischen Liquor Limoncino. (Bitte nicht mit Limoncello aus Kampanien verwechseln, obwohl ich gar nicht weiß, warum nicht. Meiner Meinung nach schmecken beide sehr ähnlich, wenn nicht gleich, ich bin aber natürlich auf diesem Gebiet kein Spezialist.)

               Im „Cinque Terre Point“ in La Spezia wollte uns die dort arbeitende Dame einreden, dass es sich bei dem Weg zwischen Vernazza und Corniglia um einen Spaziergang mit einer Dauer von dreißig Minuten handelt. Es war ein unverschämtes PR und Fake news. Wir brauchten für den Weg beinahe zwei Stunden und anschließend wollten uns die Italiener auf dem Bahnhof in Corniglia einreden, dass die gesamte Strecke nur 3,4 Kilometer lang sei. Na sicher! Weiter hat uns niemand darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht egal ist, von welcher Seite man den Weg geht. Corniglia liegt nämlich hundert Meter über dem Meeresspiegel und Vernazza direkt am Meer. Diese hundert Höhemeter, die man in Corniglia bequem in einem Shuttlebus zurücklegen kann (natürlich nur wenn man ein stolzer Besitzer der „Cinque Terre Card“ ist, aber ohne die hätte man ohnehin kein Anspruch aufs Leben) sind unbezahlbar. Es war zu spät über unsere Entscheidung zu weinen, wir fuhren mit dem Bus hinunter zum Bahnhof. Im Dorf geht man an der Kirche San Pietro aus dem Jahr 1334 vorbei, es zahlt sich aus, hineinzuschauen.

Corneglia

               Auf dem Bahnhof in Corneglia machte meine Frau eine Meuterei. Sie lehnte den nächsten Stopp in Manarola strikt ab und das mit dem Argument, dass „Quatro Terre“ auch genug sind. Manarola ist das kleinste der Städtchen, es liegt direkt an einer Flussmündung und es gab nicht zu viel Platz dort Häuser zu bauen. Also es gab auch keinen Platz für uns und wir konnten nicht die örtliche Kirche „Nativitá di Margina Vergine“ besuchen.

Manarola

               Durch Schwänzen von Manarola ist uns natürlich auch die Möglichkeit entgangen, die „Via dell´Amore“ zu begehen. Das ist ein Weg am Meer zwischen Manarola und Riomaggiore, wo sich angeblich die Verliebten aus diesen zwei Orten heimlich treffen konnten. Aber nicht einmal die Möglichkeit, auf dem Liebespfad die Landschaft zu erkunden, konnte meine Frau zum Einlenken bringen. Recht hat sie gehabt – schon wieder einmal. Nachträglich habe ich erfahren, dass der Weg wegen eines Erdrutsches gesperrt wäre und nur die ersten zwei hundert Meter von Manarola zugänglich sind.

Via dell´Amore

               Wir fuhren also direkt zu dem größten der Städte Riomaggiore mit dem Zug. Zuerst habe ich versucht, meine Müdigkeit aus der „beinahe Bergtour“ mit dem Wein Cinque Terre zu verbannen. Der süße Wein aus Cinque Terre Sciacchetra wurde bereits von Dante Alighieri für seine bernsteinähnliche Farbe, süßen Geschmack und den feinen Geruch gepriesen. Ich bekomme allerdings nach einem süßen Wein Sodbrennen. Aus diesem Grund habe ich den Wein „Vino Bianco Cinque Terre“ gewählt der seit dem Jahr 1973 die Bezeichnung DOC (Denominazione de Origine Controllata) trägt. Dieser Wein wird aus drei Weinsorten gemischt: Bosco, Vermentino und Albarola und schmeckt hervorragend. Besonders, wenn man zuvor eine Wanderung gemacht hat, angeblich nur dreiundhalb Kilometer lang, was allerdings niemand glauben kann.

               Riomaggiore ist das größte der fünf Städtchen und wirkt ein bisschen impressionistisch, es wundert mich nicht, dass der impressionistische Maler Telemaco Signorini dem Zauber der Stadt unterlag. Ich glaube, Egon Schiele hätte sich dort auch gefreut.

Riomaggiore

Es ist notwendig bergauf zur Kirche des Heiligen Johannes des Täufers aus den Jahren 1340 – 1343 zu steigen. In der Kirche gibt es eine reich verzierte Kanzel, die allerdings um zwei hundert Jahre jünger ist. Wir setzten unseren Aufstieg bis zu einer Festung aus der Zeit der genuesischen Herrschaft fort, die sich auf dem höchsten Punkt der Stadt befindet. Von hier gibt es wunderschöne Aussichten und Bänke im Schatten großer Bäume, wo man sich erholen kann. Hier trafen wir einen örtlichen Senior, der mit seinem Rollator gerade die Festung erreicht hat. Er registrierte meinen Blick der Bewunderung und begann mit uns zu plaudern. Er hat sehr gut mit nur einem minimalen fremden Akzent deutsch gesprochen, er gab zu, dass er das ganze Leben lang Sprachen gelernt hatte, und zwar Französisch, Spanisch, Englisch und zuletzt auch Deutsch. Der Grund seiner Begeisterung für die Sprachen konnten wir dann im Laufe des Gespräches entdecken. Es handelte sich offensichtlich um einen einheimischen Casanova, der das ganze Leben Jagd auf Touristinnen machte. Und er hatte auch Erfolge. Wir ließen ihn uns über seine Erfolge erzählen, so haben wir auch das Geheimnis seines hervorragenden Deutsch verstanden – es war eine Dame aus Salzburg. Er selbst war ein Beamter in Riomaggiore und sein Hobby war, den Besucherinnen seine Stadt von der schönsten und angenehmsten Seite zu zeigen. Leider hat unser Casanova sicher bereits bessere Zeiten erlebt, jetzt war er schon im Ruhestand und nicht nur, was seine Arbeit im Gemeindeamt betraf. Man konnte es sehen und leider auch riechen. Er bestand auf einem Foto mit meiner Frau. Wir haben ihm es gegönnt, er schrieb sich sorgfältig ihren Namen auf. Er hat sicher zu Hause eine Fotosammlung als Erinnerung an die besseren Zeiten, die vergangen sind.

               Der letzte Ort in der Region, der besuchswert ist, ist Portovenere. Es ist von La Spezia zwar nur dreizehn Kilometer entfernt, man muss aber für die kurvige Straße an der Küste mindestens eine halbe Stunde einplanen.

Portovenere

Portovenere war einmal der letzte Posten der Genuesischen Republik, der die Meeresenge zu La Spezia kontrollierte (La Spezia entstand als eine moderne industrielle Stadt und es gibt hier nichts Interessantes zu sehen. Seit 1997 ist Portovenere in der Liste der „Weltkulturerbe“ der UNESCO aufgenommen. Es strahlt mit farbig bemalten Häusern, atemberaubend ist die Kirche San Pietro auf dem äußersten Felsenausläufer. Oberhalb der Stadt ragt eine große Festung empor, die einmal das Interesse der Genuesen in dieser Region bewachte. Wer Lust hat, kann zu ihr bergauf laufen, ich muss in meinem Alter nicht unbedingt alles haben.


 [AP1]

Pistoia

Wenn jemand versucht euch zu überzeugen, dass das Wort „Pistole“ vom dem Wort Pistoia stammt, weil hier angeblich die Schmiede im sechzehnten Jahrhundert das erste Mal diese kurze Schusswaffe erzeugten, die die Benutzung der Schusswaffen auch der Kavallerie möglich machte, glaubt ihm nicht. Ich habe mich bemüht über diese Hypothese zu recherchieren und ich stieß auf so viele widersprüchliche Behauptungen, dass ich diese Theorie endgültig verworfen habe. (Angeblich war das ein Name für einen Dolchtyp, der in Pistoia benutzt wurde und sogar der Name der Stadt sollte von „Pistole“ stammen.) Einfach alles an Haaren herbeigezogen, wir können uns damit zufriedengeben, dass das Wort „Pistole“ seinen Ursprung in der tschechischen Bezeichnung der Schusswaffen der Hussiten, die ihre Gewähre „Píšťala“ nannten, hat. Zumindest ich kann damit gut leben.

               Pistoia versuchte möglicherweise auf diese Art seinen Ruf zu verbessern, da diese Stadt, positioniert zwischen Florenz und Lucca, offensichtlich an einem Minderwertigkeitskomplex leidet, weil im Gegensatz zu seinen berühmteren Nachbarn kaum jemand etwas über sie weiß. Ich reiste nach Pistoia übrigens auch lediglich deshalb, um die Ordnung zu bewahren. Es fehlte mir in der Liste der von mir besuchten Städte und lag direkt auf dem Weg zwischen Florenz und Lucca, wo das Ziel meiner Reise war.

               Ganz umsonst war der Besuch der Stadt nicht und könnte sogar noch viel besser sein – wenn die Öffnungszeiten der Sehenswürdigkeiten in der Stadt christliche Dimensionen hätten. Das tat die Stadt aber nicht, fast alles war geschlossen, also der Haupteindruck, den man vom Besuch mitgenommen hat, ist das Gefühl eines riesigen Marktes.

Tatsächlich nicht nur auf der „Piazza del Duomo“ und auf der nahen „Piazza del Spirito“, sondern auch in allen Gässchen standen Stände mit Waren aller Art, mit Lebensmitteln (zum Beispiel mit ersten Steinpilzen, die ich heuer sah), mit Kleidung, Schuhen, einfach mit allem.) Durch den Wald der Stände war die Altstadt selbst kaum sichtbar.

               Die Stadtmauer, die die Altstadt noch immer umgibt, ließ der Großherzog von Toskana Cosimo I. bauen, weil Pistoia logischerweise ein Teil des Herzogtums Toskana war.

Seine Geschichte, obwohl nicht so ruhmreich wie die der Nachbarn, ist viel älter. Es handelte sich um einen Ort der Etrusker, später um eine römische Stadt. Im Jahr 1115, als die letzte toskanische Herzogin Mathilde starb, erklärte Pistoia gleich wie alle andere toskanische Kommunen ihre Unabhängigkeit und erließ eine eigene Verfassung. Aber so eine Selbständigkeit hat nicht nur positive Seiten. Pistoia geriet in Konflikte mit seinen Nachbaren Prato, Pisa, Florenz und Lucca und diese erwiesen sich stärker und mächtiger als Pistoia selbst. Natürlich auch in Pistoia wütete der Kampf zwischen Guelfen und Ghibellinen und als nach dem Tod Kaisers Friedrich II. die Guelfen Oberhand bekommen hatten, spalteten sie sich sofort in Weiße Guelfen, die eine Autonomie von der päpstlichen Macht verlangten und Schwarze Guelfen, die auf einem absoluten Gehorsam dem Papst gegenüber pochten. Der Papst Bonifatius VIII lud eine Armee unter der Führung des französischen Prinzen Charles von Valois nach Italien ein, die Ordnung schaffen sollte. Valois schaffte es in Florenz die Macht der Schwarzen Guelfen zu etablieren, was für Dante Alighieri eine lebenslange Verbannung zur Folge hatte.  Pistoia beherrschten im Gegensatz zu Florenz die Weißen Guelfen, was eine elfmonatige Belagerung von einer Armee unter der Führung von Moriella Malaspina, des Markgrafen von Lunigiano zur Folge hatte und mit einer Kapitulation der Stadt endete. Von diesem Krieg erholte sich die Stadt nie mehr vollkommen, sie wurde nur durch die historischen Ereignisse mehr oder weniger machtlos geschleppt, bis im Jahr 1401 endgültig die Vorherrschaft von Florenz akzeptierte und ihre selbständige Existenz damit beendete.

               Was berühmte Persönlichkeiten betrifft, die gab es in Pistoia auch nicht wirklich im Überschuss. Neben eines Freundes Dantes, Cino da Pistoia, war das vor allem Papst Klemens IX. Er war nur kurz in den Jahren 1667 – 1669 im Amt, er wurde aber dadurch auffällig, dass er ein anständiger Mensch war, was unter den Päpsten dieser Zeit ein absolutes Kuriosum war.

Stecher: Clouwet, Albertus Verleger: Rossi, Giovanni Giacomo de Zeichner: Gaulli, Giovanni Battista Maler: Gaulli, Giovanni Battista

Giulio Rospigliosi, wie er mit seinem bürgerlichen Namen hieß, stammte aus einer erhabenen Familie aus Pistoia, im Gegensatz zu seinen Vorgängern und Nachkommen ehrte er die Gesetze und missbrauchte sein Amt nicht zum Nepotismus, also zur Beschenkung seiner Verwandten. Das war eine unerhörte Sache und weckte großen Unmut, besonders bei seinen Familienangehörigen. Seine Parole lautete: „Barmherzig zu anderen, nicht zu sich selbst“. Wobei er seine Familie nicht zu „den anderen“ zählte. Er hat die Steuern reduziert und an seinem Tisch saßen täglich dreizehn Arme von der Straße und er servierte ihnen persönlich die Suppe. Er stattete oft einen Besuch dem Spital in Lateran ab und ging täglich zur Beichte. Die Römer, die gar nicht an solche Päpste gewöhnt waren, waren von seiner Persönlichkeit schockiert und sie verehrten ihn wie einen Heiligen. (Natürlich wurde er im Gegensatz zu vielen Abenteuern, Intriganten und gewaltsamen Päpsten nicht heiliggesprochen). Klemens hatte das Glück, dass gerade in seiner Zeit das Werk des genialen Berninis seinen Höhepunkt fand, und der Architekt den Säulengang auf dem Petersplatz oder die Brücke vor dem Engelsburg schuf.

               Ein anständiger Papst war in dieser Zeit eine schockierende Angelegenheit. Der Sonnenkönig Ludwig XIV. war so sehr schockiert, dass er selbst begann, sich (beinahe) anständig zu verhalten. Er stimmte sogar zu, dass der Papst Friedensverhandlungen zwischen Frankreich und Spanien im Krieg um die spanischen Niederlande veranlassen konnte. Die Beziehung der Kurie zum Sonnenkönig verbesserte sich so weit, dass Ludwig XIV sogar willig war, die Venezianer in ihrem Kampf mit den Türken um Kreta zu unterstützen. Die Franzosen taten es heimlich, weil die Türken ihre traditionellen Verbündete waren. Die Schiffe musste der Papst liefern, Franzosen schiffte ihre Soldaten ein, die Venezianer vortäuschen sollten. Sie durften keine französischen Zeichen an der Kleidung haben und Ludwig hoffte, dass ein Türke einen Franzosen von einem Italiener sowieso nicht unterscheiden konnte. Wenn diese Geschichte einigermaßen an eine nicht so lang in der Vergangenheit liegende Tat auf einer Halbinsel im Schwarzem Meer errinnert, ist das nur ein Beweis, dass sich die Geschichte häufig wiederholt. Im Jahr 1669 galt es aber nicht ganz. Nicht einmal die nicht gezeichnete Truppen halfen, Kreta fiel im Jahr 1669 in türkische Hände und der gute Papst Klemens IX. grämte sich über den Verlust eines weiteren christlichen Landes zu Tode. Überraschenderweise habe ich in Pistoia kein Denkmal dieses berühmtesten Bürgers der Stadt entdeckt – anständige Leute habe einfach Pech, sie werden von Menschen rasch vergessen. Übrigens dieser Papst ist unter seinem bürgerlichen Namen vielleicht sogar noch berühmter, und zwar als ein Librettist der römischen „Opera bufa“.

               Wenn man sich Pistoia auf der Autobahn nähert, sieht man schon von Ferne eine Kuppel, die auffällig an die Kuppel des Doms von Florenz erinnert. Es ist keine zufällige Ähnlichkeit, der Autor dieser Kuppel, der berühmte Architekt und Schriftsteller Giorgio Vasari ließ sich von dem Werk Bruneleschis in Florenz inspirieren. Die Kuppel in Pistoia ist zwar kleiner als die von Florenz, trotzdem handelt sich immer noch um drittgrößte Kuppel in Italien. Zu meiner Überraschung ist das aber nicht die Kuppel der örtlichen Kathedrale, die dem Heiligen aus Verona, Zeno, gewidmet ist (St Zeno ist neben der Heiligen Reparata in Toskana ein sehr populärer Heiliger), sondern der Kirche „Madonna dell´Umilta“ (Madonna der Demut), In dieser Kirche spielt das Fresco der Madonna auf dem Hauptaltar die tragende Rolle. Nach einer Legende begann die Madonna im Jahr 1490 an der Stirn zu schwitzen. Von ihrer Stirn tropften Schweißtropfen und fielen auf den Kopf des Christkindes in ihren Armen. Die Nachricht über das Wunder verbreitete sich schnell und nach Pistoia strömten Massen von Pilgern. Das Ereignis wurde von einer Menge weiterer Wunder begleitet, bis die Madonna am 17.Juli 1490 mit dem Schwitzen aufhörte. Zur Ehre dieses Wunders bekam das Fresco seit dem Jahr 1495 eine neue Kirche, die dann Vasari mit seiner Kuppel im Jahr 1561 vollendete.

               Pistoia liegt auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela und die Jakobsmuschel können wir also auf vielen Plätzen der Stadt sehen. Am Tag unseres Besuches flatterte die Flagge mit goldener Jakobsmuschel auf dem blauen Feld auf dem Kampanile. Der Kampanile ist ein merkwürdiger Mix, der untere Teil ist ein Rest eines Festungsturmes, dann kommen drei Stockwerke im pisanischen romanischen Stil aus dem 13. Jahrhundert und die Spitze stammt aus dem Jahr 1576.

Das berühmteste Artefakt, das an den heiligen Jakob erinnert, ist der Sankt Jakobaltar, der sich in einer Seitenkapelle der Kathedrale befindet. Man kann ihn von dem Hauptschiff durch Gitter sehen, wenn man ihn aber aus der Nähe bewundern möchte, muss man eine Eintrittskarte kaufen, was nicht ganz so einfach ist. Auch wenn die angekündigten Öffnungszeiten der Kathedrale einen ununterbrochenen Betrieb bis 17:30 versprechen, ist es nicht wahr. Zwischen 12:30 und 14:30 ist die Kirche geschlossen – die Siesta muss auch von den Heiligen eingehalten werden. Der Altar wurde beinahe zweihundert Jahre gestaltet, mit den Arbeiten haben die Schmiede von Pistoia im Jahr 1287 begonnen und sie wurden von Bruneleschi im Jahr 1457 abgeschlossen. Kein Wunder, dass es so lange gedauert hat, auf dem Altar gibt es insgesamt 628 Figuren aus Silber, die Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament darstellen, sowie natürlich auch aus dem Leben des heiligen Jakobs. Die Kirche selbst ist ein Beispiel des romanischen pisanischen Stils, der in dem dreizehnten Jahrhundert in der gesamten Toskana sowie auch auf Sardinien sehr populär war – es geht um die typische Kombination von Streifen aus weißem und grünem Marmor.

Ähnlich ist es auch mit dem riesigen Baptisterium aus dem vierzehnten Jahrhundert, obwohl dieses in Folge seines späteren Entstehungsdatums romanische Elemente mit gotischen vermischt. Innenausstattung des Baptisteriums ist überraschend arm, es gibt hier keine Fresken oder anderen Schmuck, nur das Taufbecken in der Mitte, die Wände sind nur aus bloßen Backsteinen gebaut.

Der Platz vor der Kathedrale die „Piazza del Duomo“ ist mit einigen anderen Gebäuden umgeben, die daran erinnern, dass Pistoia in seiner früher Geschichte weder klein noch arm war. Es ist der Bischofpalast, in dem sich das Kapitelmuseum befindet und dann der „Palazzo del Podestá“. Der Hof des Palastes ist mit Wappen der Stadtvögte geschmückt, die hierher Florenz einsetzte. Das Stadtmuseum befindet sich im sehr schönen Gebäude „Palazzo Commune“, gebaut in den Jahren 1294 – 1385, also noch bevor die Kontrolle über die Stadt Florenz übernommen hat. Trotzdem befindet sich auf der Fassade ein Wappen mit den päpstlichen Schlüsseln, das an den Papst Leo X, erinnert. Leo X. hieß mit eigenem Namen Giovanni Medici, stammte aus Florenz und er war ein Sohn des berühmten Lorenzo Magnifico (des Prächtigen) – er war in den Jahren 1513 – 1521 Papst. Dieser Papst war ein Symbol der Versöhnung zwischen dem Kirchenstaat und der Familie Medici. Im Jahr 1478 versuchte Papst Sixtus IV. die Gebrüder Medici ermorden zu lassen und anschließend konfiszierte er den gesamten Besitz der Familie im Raum des Kirchenstaates. Diese Taten machten natürlich zwischen beiden Parteien keine gute Stimmung. Nachdem aber Lorenzo, der im Gegensatz zu seinem Bruder Gulio das Attentat überlebt hatte, mit Ferrante, dem König von Neapel und Verbündetem des Papstes Frieden geschlossen hat, blieb dem Papst nichts anderes übrig, als eine Versöhnung mit Medici zu suchen. Giovanni wurde mit sieben Jahren zum apostolischen Protonotar und mit dreizehn wurde er zum Kardinal ernannt. Zum Papst wurde er im Alter von 38 Jahren gewählt, wenn sich aber jemand von seiner Wahl ein langes Pontifikat versprach, wurde enttäuscht. Der Papst starb nach bloß acht Jahren seiner Herrschaft.

Eine weitere schöne Kirche im Stil der pisanischen Romanik ist die Kirche San Giovanni Fuorvicitas. (Kirchen in Pistoia ähneln eine der anderen ein bisschen wie ein Ei einem anderen) Der Name der Kirche sollte uns nicht verwirren, Fuorvicitas bedeutet vor der Stadt, das galt aber in der Zeit der langobardischen Verwaltung, als Pistoia noch viel, viel kleiner war als heute, heute steht die Kirche beinahe im Stadtzentrum. Bevor wir den Kaffee ausgetrunken hatten, wurde auch diese Kirche um 12:30 geschlossen, also konnte ich nur nachlesen, dass ich dort Werke von Giovanni Pisano oder Luca de la Robia bewundern hätte können.

Die größte Enttäuschung war dann für uns der Versuch des Besuches im „Ospedale del Cepo“.

Es ist nicht weit von der „Piazza del Duomo“ auf dem „Platz Johanns XXIII“ und es handelt sich um ein mittelalterliches Spital, das bereits im Jahr 1277 gegründet wurde. Eine bedeutende Rolle spielte es in der Zeit des „Schwarzen Todes“, der Pistoia im Jahr 1348 erreichte. Nachdem Pistoia von Florenz besetzt worden war, machten die neuen Stadtherren aus dem kirchlichen Spital ein Stadtkrankenhaus. Die Öffnungszeiten des Museums, wo die mittelalterliche Medizin präsentiert wird, sind ziemlich obskur. Im Winter ist es von zehn vormittags bis zwei nachmittags. Im Sommer ist es von drei bis sechs nachmittags. Es war Sommer und eine Uhr mittags. Das Gebäude ist allerdings auch von außen interessant. Im Jahr 1502 bekam es eine Loggia im Stil der Renaissance und im Jahr 1525 wurde es mit Majolikafries geschmückt mit herrlichen Bildern der sieben Barmherzigkeitstaten von Giovanni della Robia und seinen Schülern. Übrigens, in einem Teil des Gebäudes wird auch heutzutage Medizin betrieben. Wir traten nämlich in eine falsche Tür ein und plötzlich standen wir vor der Blutbank.

Wer noch immer von den Kirchen im pisanischen Stil nicht genug hat, kann noch die Kirche des heiligen Andreas aus dem zwölften Jahrhundert besuchen, das Hauptportal ist aus dem Jahr 1166 und die Kanzel schuf Giovanni Pisano, wobei sich hier der junge Meister noch für sein berühmtes Meisterwerk in der Kathedrale von Pisa übte.

Die Altstadt ist mit einem Mauerring umgeben. Der am besten erhaltene Teil der Stadtmauer ist „Fortezza Santa Barbara“ in südöstlicher Ecke der Stadt. Er ist ein Teil des Stadtparkes, wo sich der Besucher nach dem Besuch der Stadt erholen könnte.

Wir hatten keine Zeit dafür. Enttäuscht durch die Öffnungszeiten der Sehenswürdigkeiten von Pistoia setzten wir unsere Reise in Richtung Lucca fort.

Also zur Frage, ob sich ein Besuch von Pistoia lohnen würde. Grundsätzlich ja, aber im Winter vormittags, im Sommer nachmittags und KEINESFALLS mittags!

Ferrara

Ferrara – nach fünfjähriger Pause wieder einmal eine Italienreise

            „Tempi passati“ sagen die Italiener, wenn sie sich an die alten guten Zeiten erinnern. Die Zeiten ändern sich aber und sie taten es auch in der Vergangenheit. Im Jahr 1152 brach der Fluss Po Schutzdämmer bei dem Städtchen Ficarolo und die Folge war eine katastrophale Flut, nach der der Fluss seine Flussrichtung änderte. Wenn also vorher Ferrara direkt an dem Fluss Po lag, der es sogar von Süden umfloss, danach verlagerte sich der Fluss weit nach Norden. Trotzdem erlebte die Stadt wunderbare Zeiten, die mit der Tätigkeit der Familie d´Este verbunden waren. Diese Familie beherrschte die Stadt im Namen des Papstes in den Kämpfen gegen Kaiser Friedrich II.  im Jahr 1242 und blieb hier bis 1597. Die reichen d´Este, anfangs Markgrafen, seit 1452 dann Herzöge, bauten Ferrara zu ihrer Residenz aus und sparten dabei nicht. Sie bauten eine riesige uneinnehmbare Wasserburg (die sie allerdings eher gegen eigene Untertanen als gegen Feinde von außen schützen sollte), sie lockten in die Stadt viel Prominenz, die hier weitere schöne Paläste baute und Herzog Alfonso II. schaffte es sogar, die Kaisertochter Barbara zur Frau zu nehmen. Na gut, Kaiser Ferdinand I. hatte zwölf Töchter und es war also nicht einfach, alle in hochgeborene und reiche Familien, die nicht auf einer großen Mitgift pochten, einzuheiraten, trotzdem war diese Heirat eine Bestätigung, wie groß die Bedeutung des Herzogs von Ferrara war. Der Herzog schätzte diese Verbindung auch sehr und in seinem Diamantenpalast ließ er für Barbara einen großen Saal „Sala grande d´Onorio“ einrichten. Aber nicht einmal das half. Alfonso starb kinderlos und seine verlockende Residenz konfiszierten die unersättlichen Päpste. Und mit dem Einzug der päpstlichen Verwalter begann der unaufhaltsame Niedergang der Stadt.

            Heute ist Ferrara eine verschlafene – mit seinen 133 000 Einwohner für italienische Verhältnisse eher kleine Stadt in dem Podelta. Verschlafen ist sie besonders am Sonntag und wenn das Thermometer 35 Grad im Schatten zeigt. Ich gebe zu, dass solche Temperaturen für die Erkundung der Stadt nicht die beste Voraussetzung waren. Es hilft auch die Volksweisheit nicht: “Wenn ihr so viel über die 35 Grad im Schatten jammert, dann, verdammt, geht in den Schatten nicht“. In der Sonne ist das nämlich keine Spur besser.  Trotzdem kann man in Ferrara viel sehen (seit dem Jahr 1995 gehört die Altstadt zum Weltkulturerbe UNESCO, die Erinnerungen an die ruhmreiche Vergangenheit wurden zwar durch ein Erdbeben am 30.Mai 2012 beschädigt, die Spuren der Verwüstung sind aber heutzutage nicht mehr sichtbar, wenn wir die verhüllte Fassade der Kathedrale nicht einrechnen. (Die Kathedrale selbst ist für Besucher nicht zugänglich, ob diese Tatsache mit dem Erdbeben vor neun Jahren zusammenhängt, habe ich nicht erfahren).

Gleichfalls ist auch die Statue des berühmtesten Bürgers von Ferrara verhüllt – im Jahr 1452 wurde in Ferrara der Prediger Girolamo Savonarola geboren, der neben Wyclif und Hus zu den bedeutendsten Kirchenreformern vor Luther gehörte. Es war ihm gelungen, Florenz zu beherrschen und die Medici aus der Stadt zu vertreiben, bevor er selbst auf dem Schafott im Jahr 1498 endete. (zuerst wurde er gehängt und dann verbrannt) Langsam muss ich mich daran gewöhnen, dass die Italiener vor mir ihre Kulturdenkmäler verhüllen, in Bologna konnte ich den berühmten Neptun auch nicht sehen.

            Die Geschichte der Stadt ist untrennbar mit der Familie d´Este verbunden. Der erste der berühmten Familienmitgliedern war Azzolino II. In der Zeit der Kämpfe zwischen Kaiser Friedrich II. und den Päpsten stellte er sich auf die päpstliche Seite und es zahlte sich aus. Im Jahr 1242 wurde er vom Papst Gregor IX. zum Podesta der Stadt ernannt und im Jahr 1259 gelang es ihm ein Husarenstück, als er das Haupt der Ghibellinen in Norditalien, Ezzelino di Romano, gefangen nehmen konnte. Die Päpste haben realisiert, dass sie sich auf diese Familie verlassen konnten und so wurde Azzelinos Enkel Obizzo II. zum Generalkapitän und Beschützer des Kirchenstaates ernannt. (Ferrara gehörte de jure zur Pippins Schenkung und damit zum Kirchenstaat). D´Este ließen sich definitiv in Ferrara nieder und wurden zu seinen Herrschern. Formal waren sie zwar Lehensmänner des Papstes, das hinderte sie aber nicht daran, ihre eigene Machtbasis auszubauen. Von der Tatsache, dass sie sich unter ihren Untertanen nicht ganz sicher gefühlt haben, zeugt das gigantische „Castello Estense“ in einer Ecke der Altstadt.

Die riesige Wasserburg begann Niccolo II. im Jahr 1385 zu bauen, weil aber seine Nachfolger noch während der Bauarbeiten entschieden, anstatt einer gotischen Festung einen Renaissanceschloss haben zu wollen, zogen sich die Arbeiten über beinahe zweihundert Jahre. Man kann allerdings nicht sagen, dass die d´Este sich um ihre Stadt nicht gekümmert hätten, die Universität gründete bereits Alberto, der Sohn Niccolos im Jahr 1391. Die Öffnungszeiten des Castellos sind merkwürdig, am Samstag und am Sonntag ist es geschlossen. Niemand konnte mir diese Tatsache erklären, die Dame an der Kasse im Palast Schiafonia, die ich gefragt habe, schämte sich ein bisschen, sie gab zu, dass es so „einfach ist“. Wir waren in Italien und dort müssen die Dinge nicht unbedingt einen nachvollziehbaren Grund haben. Also mussten wir mit dem Besuch bis Montag warten. Man kann dort ziemlich viel sehen, besonders dann die Säle mit Fresken an den Decken, die man in raffiniert positionierten Spiegeln sehen kann, ohne sich den Nacken zu versteifen, die größten Säle sind „Sala dei Giganti“ und „Salone dei Giochi“ Man kann auf das Löwentor steigen, wo einmal Ugo d´Este inhaftiert war, – darüber aber später. Man kann auch die Kapelle der Renée der France besuchen, einer Tochter des französischen Königs Ludwig XII., die Herzog Ercole II. d´Este geheiratet hat. Die Herrscher von Ferrara verkehrten wirklich in der höchsten Gesellschaft. Renée verursachte ihrem Mann durch ihre Zuneigung zu Protestantismus nicht gerade kleine Probleme (Ferrara war verdammt nah am Papst und seinem Machtinteresse), also musste sie Ercole letztendlich unter Hausarrest stellen, um den wütenden Papst zu beruhigen. Im Hof des Castellos gab es heuer eine Statuenausstellung „Le Done, i Cavallieri, gli Armi e gli Amori“, also „Die Damen, die Ritter, die Waffen und die Liebschaften“. Sie war interessant, manche der Gepanzerten gehen in der Sache der Liebe hart an die Sache, andere wirken, als ob sie aus den heutigen Zeiten stammen würden.

            Castello Estense ist durch einen langen Gang in der ersten Etage mit dem Palazzo Communale verbunden, von dem aus d´Este geherrscht hatten, bevor sind ihre Burg fertiggebaut haben. Über den Eingang ins Gebäude, das heute als Rathaus dient, gibt es zwei Statuen bedeutender d´Este aus Bronze, die hier Ercole I., der größte Erbauer der Stadt, aufstellen ließ.

            Auf einem Pferd ist hier der Vater Ercoles Niccolo III. d´Este dargestellt.

Er war eine der skurrilsten und tüchtigsten Personen in der Familie. Niccolo war ein sehr aktiver Mann. Er zeugte insgesamt 24 Kinder, einige eheliche und viel mehr uneheliche, er machte allerdings zwischen ihnen keinen Unterschied. Sie lebten alle unter einem Dach wie eine Familie, inklusiv seiner Gattinnen und Geliebten, die Burg war groß genug für alle. Seine [AP1] erste Frau Gigliola da Carara war unfruchtbar, weshalb die Position der wahren Herrscherin im Palast Stella di Tolomei eingenommen hat, die fruchtbar[AP2]  bis geht nicht mehr war. Das Problem entstand, als Niccolo nach dem Tod von Gigliola im Jahr 1418 eine neue junge Frau Parisina aus der Familie Malatesta aus Rimini heiratete. Die vierzehnjährige Braut war durch die Verhältnisse in der großen Familie, wo manche der Kinder in ihrem Alter waren, total überfordert. Besonders als Stella di Tolomei 1419 am „gebrochenen Herzen“ starb. Parisina sollte die Hausherrin spielen und sich um eine Menge Stiefkinder kümmern. Der Markgraf war um zwanzig Jahre älter als sie, das Mädchen hat eine verwandte Seele gesucht und leider auch gefunden – in der Person von Niccolos Sohn Ugo. Junge Leute, die beinahe gleich alt waren, verliebten sich einander und die Liebe blieb nicht nur platonisch, sondern wurde auch vollzogen. Das geschah im Jahr 1425, als Parisina einundzwanzig und Ugo zwanzig Jahre alt waren. Als es dem Markgrafen gemeldet wurde, wollte es das nicht glauben – er war also nicht wie Othello, der schon bei Verdacht tötete. Seine Diener ermöglichten ihm aber, seinen Sohn mit seiner Frau in flagranti zu erwischen, er wurde Augenzeuge ihrer Liebe. Der wütende Niccolo ließ beide im „Castello Estense“ inhaftieren – jeden in einem anderen Turm (der Turm, wo Parisina eingesperrt wurde, heißt bis heute Torre Malatestiana) und dann in einem unterirdischen Gefängnis (man kann es besuchen) beide enthaupten. Es dauerte weitere sechs Jahre, bis Niccolo seine Trauer überwunden hat und das dritte Mal heiratete. Zu seiner dritten Frau wurde Ricarda di Saluzzo, die ihm den Sohn Ercole gebar, der auf entscheidende Weise das Aussehen der Stadt verändern sollte. Nach dem Niccolos Tod wechselten sich auf dem Thron von Ferrara seine drei Söhne ab und sie herrschten insgesamt 64 Jahre lang – es war möglich, da zwischen ihnen 24 Jahre Altersunterschied war.

            Niccolo war aber nicht nur in Ehe- und anderen Betten aktiv. Er schaffte es, sehr geschickt zwischen den konkurrierenden Mächten Papsttums und Kaisertums zu taktieren. Kaiser Sigismund erweiterte sein Machtgebiet und schlug seine Söhne zu Rittern, danach aber unterstützte Niccolo auf eine entscheidende Art den Papst. Im Jahr 1417 wurde auf dem Konzil in Konstanz Papst Martin V. gewählt, damit wurde das Dreipapsttum beendet. Der neue Papst musste sich verpflichten, alle zehn Jahre ein neues Konzil einzuberufen, das über religiöse Fragen entscheiden sollte. Das bedeutete deutliche Abschwächung der Macht des Papstes und deshalb hatte es Martin mit der Einberufung des Konzils nicht eilig. Er tat es nur knapp vor seinem Tod im Jahr 1431 und das Konzil begann in Basel zu tagen. Martins Nachfolger Eugen IV. hatte tausend gute Gründe, um diesem Konzil fernzubleiben. Den Vorwand zum Torpedieren der Tagung der Kirchenväter gab ihm die Bereitschaft des byzantinischen Kaisers Johann über die Einigung der katholischen und orthodoxen Kirche zu verhandeln. (Kaiser Johann stand das Wasser bis zum Hals, da vor den Mauern Konstantinopels bereits Türken standen). Niccolo d´Este bot dem Papst seine Stadt als Tagungsort des Alternativkonzils an, da dem Kaiser Johann nicht in Träumen eingefallen wäre, sich nach dem weit entfernten Basel zu plagen – nach Ferrara konnte er sich auf einem Schiff bringen lassen. Für den Papst war der Ort auch sehr passend. Offiziell empfing er Kaiser Johann in seinem Machtgebiet (aber doch nicht so richtig, was wieder dem Kaiser gefiel, da ein Hauch Neutralität gewahrt werden konnte). Die Kosten für den Aufenthalt des aufwändigen kaiserlichen Gastes trugen die Herren von Ferrara, namentlich Niccolo III. Das Konzil begann in Ferrara im Jahr 1437, im Januar 1439 wurde es dann nach Florenz verlegt. Cosimo der Ältere Medici bestach die Kirchenväter und die unter dem Vorwand, dass in Ferrara ein Pestausbruch drohen sollte, verlegten das Konzil nach Florenz. Niccolo war wahrscheinlich deswegen nicht besonders traurig, Kaiser Johann benahm sich wie eine echte „Diva“ – das Dach seines Hauses musste im Sommer mit Wasser begossen werden, damit er sich abkühlen konnte und das Konzil hatte sein Zweck bereits erfüllt – Ferrara und mit ihm Niccolo traten in die Geschichte und wurden sichtbar. Im Jahr 1452 schlug dann die Stunde der Familie d´Este. Seit 1450 war Borso d´Este an der Macht, der Sohn von Stella Tolomei, nicht weniger tüchtig als sein Vater. Auch seine Statue schmückt den Eingang von Palazzo Communale, Borso sitzt aber nicht im Sattel eines Pferdes, sondern auf einem Thron – im Gegensatz zu seinem Vater war er ein Fürst.

Im Jahr 1452 zog der Kaiser Friedrich III. durch Ferrara zu seiner Kaiserkrönung nach Rom. Der Kaiser sollte bei dieser Gelegenheit auch heiraten, und zwar eine der reichsten Bräute der damaligen Welt, die portugiesische Infantin Eleonore. Der Kaiser war sehr geizig und hatte tief in die Tasche gegriffen, also fürchtete er eine Schande. (Es kam letztendlich tatsächlich zu einer Schande, aber nicht Geldes wegen, sondern in Folge seiner fehlenden Bereitschaft, die Ehe vollzuziehen. Der damals schon über dreißig Jahre alte Herrscher war immer noch Jungfrau). Borso war bereit zu helfen. Er stattete den Kaiser mit einem Geldbetrag aus, der die Geldsorgen des Kaisers hinfällig machte, dieser beförderte ihn im Gegenzug zum Herzog, also in den Rang des Souveräns (dorthin gehören die Könige und Fürsten, ein Herzog ist einem Fürsten gleichgestellt).

            Es folgte mehr als hundert Jahre des Ruhmes von Ferrara, bis der letzte d´Este Alfonso II. starb – seine Ehe mit der Kaisertochter Barbara blieb kinderlos. Nach dem Tod Alfonsos erkannte der Papst sein Testament, in dem er sein Land seinem Neffen Cesare vererbte, nicht an und annektierte Ferrara für den Kirchenstaat. Dann wechselten sich Kardinäle als Verwalter ab, die nur an ihre eigene Bereicherung dachten und der Ruhm der Stadt ging rasch zu Ende.

            Besuchswert sind drei Paläste der Familie d´Este. Neben dem monumentalen „Castello Estense“ sind das noch der Palast Schifanoia und der Diamantenpalast (Palazzo dei Diamanti). Schifanoia bedeutet Langweile und zur Wehr gegen sie bauten d´Este am Rande der Stadt einen Palast mit einer damals bunt bemalten Fassade, die heutzutage langweilig weiß ist. Im Gebäude ist das „Museo civico“ und die Wände des größten Sales sind mit schönen Fresken bemalt.

Auf dem Weg zum Palast zahlt sich ein kurzer Stopp in der monumentalen Kirche Santa Maria in Vado aus. Nicht weit von hier gibt es einen weiteren großartigen Palast, den sich in Ferrara der Herzog von Mailand Ludovico il Moro bauen ließ. Er hatte offensichtlich sehr gute Beziehungen zu den d´Este, letztendlich war er der Onkel von der ersten Frau Herzogs Alfonso I. Anna. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Alfonso die legendäre Lucrezia Borgia, Tochter des Skandalpapstes Alexander VI. Ihr wird Inzest, Giftmordanschläge und unmoralisches Leben nachgesagt. In Wirklichkeit gebar die unglückselige Lucrezia Alfonso einige Kinder und starb mit 39 Jahre im Kindbett. Heute gibt es im Palast Ludovicos il Moro das Archäologische Museum. Der „Palazzo dei Diamanti“ (seinen Namen bekam der Palast wegen seiner Fassade aus Marmor, der in die Form der Diamanten geschnitten wurde – Marmor ist in Ferrara rar, die absolute Mehrheit der Gebäude hat Fassaden aus Backsteinen) befindet sich am anderen Ende der Stadt.

Das hat einen Grund. Im Jahr 1492 entschied sich Ercole I. Ferrara zu vergrößern. Die Stadt verdoppelte sich, das neue Stadtviertel (eigentlich Hälfte) wurde nach den Plänen des Architekten Biaggio Rosseti gebaut. In Gegensatz zum alten Ferrara mit engen krümmen Gässchen wurden lange schnurgerade Boulevards angelegt, um die dann Paläste im Stil der Renaissance gebaut, sowie auch große Parkanlagen angelegt wurden (in den neuen Mauerring wurde auch der riesige Friedhof „Cimitero della Certosa“, eingeführt). In diesem Viertel kaufte sich auch der Hofdichter Ercoles Ludovico Ariosto ein Haus. Sein Haus kann man besuchen (zur Mittagszeit ist es geschlossen) in dem neuen Viertel findet man auch einen Ariostoplatz mit seiner Statue auf einer hohen antiken Säule, der Platz wurde nach dem Vorbild eines römischen Amphitheaters angelegt.

Später wirkte in Ferrara auch der berühmte Dichter Torquato Tasso (geboren in Sorent in Kampanien). Sein bewegtes Leben, gezeichnet durch seine seelische Krankheit, inspirierte auch Johann Wolfgang Goethe zu einem seiner Werke.

            Der Diamantenpalast war also die repräsentative Residenz der Familie d´Este. Heute gibt es hier die Pinakothek, die Säle veränderten sich aber nicht und so kann man den „Sala grande d´Onorio“ besuchen, den Kardinal Luigi d´Este bei der Gelegenheit der Ankunft seiner neuen Schwägerin Barbara von Habsburg umgestalten ließ. Hier, in dem rieseigen Sal, der zwei Stockwerke einnimmt, wurden Banketts und Festmahle organisiert, aber auch das konnte nichts an der Tatsache ändern, dass die Ehe von Alfonso und Barbara mit keinen Kindern beschenkt wurde. Also waren die Umbauten des Diamantenpalastes das letzte Echo des Ruhmes der Familie d´Este in Ferrara (weiter war die Familie nur in Modena tätig, das Papst dem Cesare bereit war zu überlassen.

            Wer viel Zeit hätte, könnte einen Spaziergang auf den für die Touristen zugänglichen Stadtmauern machen, bei den Temperaturen oberhalb von 35 Grads Celsius ist das aber keine gute Idee. Weil die Altstadt dank Ercole I. wirklich groß ist, wird empfohlen, sie mit einem Fahrrad zu erkunden. Fahrräder werden in allen Hotels in der Stadt zur Vermietung angeboten und in der Stadt gibt es markierte Fahrradwege. Bei relativ schwachem Autoverkehr in der Stadt ist das eine verlockende Möglichkeit – natürlich bei akzeptablen Temperaturen.

            Wem das noch immer zu wenig wäre, für den gibt es nicht weit von Ferrara die Abtei Santa Maria Pomposa.

Es handelt sich um eines der ältesten Benediktinerkloster, gegründet bereits im siebenten Jahrhundert. Hier haben die Mönche die Tonleiter erfunden und begannen die Musik mit Noten zu schreiben. (Offiziell wird diese Tat Guido von Arezzo zugeschrieben). Hier verbrachte auch der bereits totkranke Dante Alighieri seine letzte Nacht bei Rückkehr von Venedig nach Ravenna im September 1321. Es führt ein Weg durch die Poebene zwischen Feldern mit Mais, Getreide und Sonnenblumen hin, aus Fruchtbarkeit des Bodens Podeltas schöpften die d´Estes ihr Reichtum. Das war noch in der Zeit, als für Reichtum die Erträge der Felder und nicht die Industrieproduktion oder die Börsengeschäfte ausschlaggebend waren. Heute kann Ferrara von seiner ehemaligen Prosperität nur träumen.

            Es tut das aber sehr schön.


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Antikes Rom

               Es ist mir ganz klar, dass das antike Rom zu besuchen und die Eindrücke daraus in einem kurzen Text zusammenzufassen, eine Mission ist, die zum Scheitern verurteilt ist. Wo soll man eigentlich beginnen?

               Über Artefakte aus antiken Zeiten stolpert man im römischen Zentrum überall, meistens sind sie in neuere Bauten eingebaut und dadurch ziemlich unauffällig, natürlich mit Ausnahme des Kolosseums.

               Es gibt aber nicht nur das Kolosseum. In Rom gibt es insgesamt 13 Obelisken, mindestens zwei Siegessäulen, die erwähnenswert sind, drei Siegesbögen, zwei antike Therme, Paläste auf dem Palatin, den „Circus maximus“,  das Marcellustheater und die ganze faszinierende „Piazza Navona“ entstand eigentlich auf dem Platz eines ehemaligen römischen Amphitheaters. Natürlich darf man nicht das  Pantheon oder das Mausoleum des Augustus vergessen usw. usw. Also, wo soll man beginnen?

               Die wichtigste Frage ist nicht wo, sondern wann. Und auf diese Frage gibt es – Gott sei Dank – eine klare Antwort – morgens und so früh wie möglich. Zum Glück kann man ein gemeinsames Ticket zum Besuch des Kolosseums und des Palatins mit dem „Forum Romanum“ an der Kassa bereits am Vortag kaufen – das Ticket ist 48 Stunden gültig. Also, wenn nachmittags vor dem Eingang in den Palatin eine mehr als eine Stunde lange Schlange steht, um neun Uhr morgens hatten wir den ganzen riesigen Komplex für uns allein.   Wie die Römer, so auch die Touristen, sind in der Regel Langschläfer. Und so kann man von der Terrasse in dem „Giardino Farnesse“ ein Photo mit dem ganzen „Forum Romanum“ ganz allein machen, ohne von fotografiewütigen Menschenmengen bedrängt zu werden, die unbedingt ihren Besuch in der ewigen Stadt verewigen wollen.

Womit sonst sollte man sich fotografieren lassen, wenn nicht mit dem Zentrum der damaligen Weltmacht, mit dem „Forum Romanum“, wo beinahe tausendjahrelang die Zukunft der Welt bestimmt wurde.

               Der Palatin ist eine wunderschöne Aussichtsplattform, man kann bis zum Petersdom im Vatikan sowie auch bis zu Thermen des Caracalla sehen. Direkt zu den Füßen liegt dann  der „Circus Maximus“, wo einmal Wagenrennen stattfanden.

               Kaiser Domitian hatte allerdings keine Lust, gemeinsam mit dem gemeinen Volk dem Rennen zuzuschauen, er ließ sich also direkt im Palast auf dem Palatin ein privates Stadion für Wagenrennen bauen, es wirkt auch heute noch imposant. Weil der Kaiser aber auch das Spektakel unter dem Palast nicht missen wollte, ließ er die Räume des Palastes so erweitern, dass er aus dem Fenster auch den Wagenrennen im „Circus Maximus“ zuschauen konnte. Später wurde der Palast auf dem Palatin mit privaten Thermen für den Kaiser bereichert, das Wasser wurde hierher in einem imposanten Aquädukt geleitet, der die Hügel Palatin und Caelius überbrückte. Obwohl heute nur die drei unteren Stockwerke des Aquäduktes erhalten geblieben sind, wirkt er trotzdem immer noch imposant.

Die Ruine des Palastes der kaiserlichen Familie der Flavier ist die größte Dominante des Palatinhügels, das Haus des Augustus oder der Livia wirken dagegen sehr bescheiden. Aber gerade das war der geniale Trick des ersten Kaisers – in der Öffentlichkeit wirkte er immer sehr bescheiden, damit er vom Volk geliebt wird. Und er selbst hasste Pracht, seine Gesetze gegen Luxus (sogar die Seife wurde als unangebrachter Luxus stark besteuert) waren berühmt. Die Flavier sind auch für das größte römische Monument verantwortlich, das Kolosseum. Für den Besuch des Kolosseums braucht man feste Nerven, man kann nämlich diese Sehenswürdigkeit niemals allein besuchen.  Endlose Warteschlangen unter den Arkaden des Kolosseums, Gedränge und überfüllte Ausschichtsplattformen sind üblich. Natürlich auch hier gilt je früher desto besser, natürlich wenn man den Palatin sowie auch das Kolosseum in den frühen Morgenstunden besuchen will, muss man sich für Rombesuch einfach mehrere Tage einplanen. Der Eindruck ist sicherlich imposant, aber teuer bezahlt. Und nicht nur finanziell.  Wichtige Mitteilung – die Kassen, die Eintrittskarten verkaufen, nehmen kein Bargeld, also Kreditkarte nicht vergessen!

               An die Flavier erinnert der Titussiegesbogen am Eingang des „Forum Romanum“, den der Kaiser zur Ehrung seines Sieges über die aufständischen Juden bauen ließ. Im Jahr 70 n.Ch. eroberte der damalige Thronfolger Titus Jerusalem und zerstörte den dortigen Tempel so gründlich, dass man ihn nie mehr wiederaufbauen konnte und von ihm lediglich die Klagemauer blieb.

Zu diesem Zeitpunkt konnten die Römer mit dem Glauben an einen einzigen Gott noch nichts anfangen, obwohl in Rom bereits eine immer stärkere christliche Kommunität lebte – von der jüdischen ganz abgesehen. Zwei weitere Siegesbögen erinnern an Kaiser Konstantin den Großen (vor dem Kolosseum) und an Septimus Severus auf dem „Forum Romanum“ unter dem Hügel des Kapitols. Der letzte der Flavier Kaiser Domitian wurde durch seinen gewalttätigen Charakter berühmt, in seiner Zeit kam es zur ersten wirklichen Christenverfolgung (die erste in der Regierungszeit des Kaisers Nero ist eher eine literarische Fiktion des polnischen Schriftstellers Henryk Sienkiewicz. Die Prozesse gegen Christen nach dem Brand von Rom im Jahr 64 n.Ch. waren deutlich weniger blutig, obwohl sie einigen Anführer der damaligen christlichen Gemeinde, wie zum Beispiel den heiligen Paulus, das Leben kosteten). Domitian ließ als der erste die Massenhinrichtungen der Christen als große Spiele für das römische Volk veranstalten, die meisten Christen starben im Amphitheater, wo sich heute die „Piazza Navona“ befindet.

Dieser Platz wird von der Kirche der heiligen Agatha dominiert, die laut einer Legende auf dieser Stelle hingerichtet werden sollte. Nach dieser Legende bekannte sich dieses dreizehnjährige Mädchen leidenschaftlich zum neuen Glauben und bezahlte dafür mit seinem Leben. Weil nach den römischen Gesetzen keine Jungfrau hingerichtet werden durfte, gab es bereits seit der Zeiten Kaisers Tiberius einen Brauch, solche Mädchen vor der Hinrichtung zu vergewaltigen – durch  eine solche Hölle mussten schon die Töchter des Prätorianerführers Seianus gehen. Gott entschloss sich aber, die Unschuld der heiligen Agatha zu schützen und ließ auf ihr so dicht Fell wachsen, dass man keinen Freiwilligen fand, der bereit wäre, sie zu entjungfern. Letztendlich sollte sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, aber ihre Gebete waren so stark, dass sie jedes Mal die Flammen erstickten. Der Henker sah keine andere Möglichkeit, als ihr die Kehle durchzuschneiden, damit sie mit beten aufhörte. Ihre Kirche ist heute die Dominante des Platzes, direkt neben der wunderbaren Fontäne von Bernini.

               Das „Forum Romanum“ ist eine große Fläche voller Ruinen. Beherrscht wird es von der Maxentiusbasilika, genauer gesagt von ihren rudimentären Resten, die immer noch mit ihren imposanten Dimensionen bestürzt machen. Die Basilika war eigentlich ein Markt und eine Versammlungsstätte für römische Bürger, die spätere Bedeutung einer christlichen Kirche bekam das Wort aus dem gleichen Grund, nur die Christen trafen sich hier nicht wegen Einkäufen, Abstimmungen oder Diskusionen über politische Themen, sondern zum Gottesdienst. Die Kurie nahe dem Kapitol, wo der römische Senat tagte, ist rekonstruiert worden. Das einzige Gebäude auf dem Forum, das in einigermaßen brauchbarem Zustand überlebte, ist der Tempel von Antoninus Pius und seiner Frau Faustina. Und natürlich auch der bereits erwähnte Triumphbogen des Septimius Severus. (Der übrigens in Carnuntum im heutigen Niederösterreich zum Kaiser ausgerufen wurde). Die übrigen Gebäude am Forum wie der Tempel von Kastor und Polux oder der Göttin Vesta, wo die ewige Flamme brannte, sind heute nur Ruinen. 

               Wenn man das „Forum Romanum“ auf dem Weg um den Tempel von Antoninus Pius und Faustina verlässt, kommt man zu kaiserlichen Foren. Augustus (und vor ihm schon auch Caesar) hatten das Gefühl, dass das „Forum Romanum“ einfach nicht genug Platz bietet. Er baute also in seiner Nähe ein neues Forum. Weil während seiner Regierung nur wenige Kriege geführt worden sind, dafür aber um so mehr Gerichtsprozesse, nannten die Römer sein Forum „Forum der Anwälte“. Und so blieb es auch. Sehr dominant ist das Forum des Kaisers Trajan mit riesigen Markthallen, die diesem Zweck auch heute noch dienen und mit der Trajansäule. Diese unübersehbare Dominante ließ der Kaiser zur Ehre seines Sieges über die Daker, nach dem er die Region des heutigen Rumäniens an das Römische Reich angeschossen hatte. Die vergoldete Statue des Kaisers auf der Säulenspitze teilte das Schicksal aller kaiserlichen Statuen. Im Mittelalter verschwanden sie alle und wurden durch Engel oder Heilige ersetzt.

Heute steht auf der Trajansäule die Statue des heiligen Petrus, die dorthin Papst Sixtus V. unterbringen ließ            

               Ähnlich war das Schicksal der Statue von Marcus Aurelius auf seiner Siegessäule, die ein Wahrzeichen eines römischen Platzes ist, der sogar seinen Namen nach dieser Säule erhielt „Piazza Colonna“. Anstatt Marcus Aurelius steht auf der Säule, die dieser Kaiser zu Ehre seines Sieges über Markomannen und Quaden, die auf dem Gebiet der heutigen Tschechei und Slowakei lebten, der heilige Paulus. Marcus Aurelius hatte trotzdem ein ungewöhnliches Glück. Seine Reiterstatue blieb erhalten und steht heute vor dem Eingang in die Kapitolinischen Museen. Lange wurde diese Statue nämlich für die Abbildung des Konstantin des Großen gehalten, der von der katholischen Kirche heilig gesprochen wurde (zu diesem Zweck musste die Kirche eine Legende über die Taufe des Kaisers in seinem Sterbebett frei erfinden, weil ein heiliger Heide, egal mit welchen Verdiensten für die Kirche – war einfach „no go“) und Statuen der Heiligen vernichtet man halt nicht. Als man diesen Irrtum entdeckte, erhielten die antiken Denkmäler inzwischen ihren heutigen Status und ihre Vernichtung war nicht mehr „in“. Aus diesem Grund konnte Marcus Aurelius Statue überleben.       

               Nur ein paar Schritte von seiner Säule auf der „Piazza Colonna“ entfernt, die um das italienische Parlament mit einem weiteren Obelisk vor seiner Fassade führen, befindet sich das Pantheon.

Diesen monumentalen Tempel aller Götter (Also den sieben Götter, die mit den Planeten identifiziert wurden) ließ im Stadtzentrum der Freund des Kaisers Augustus Agrippa bauen, sein derzeitiges Aussehen stammt aus der Zeiten des Kaisers Hadrian und in der neuen Zeit diente er als Grabstätte der italienischen Könige. und auch der geniale Maler Rafael fand hier seine letzte Ruhestätte. Wenn sich Augustus selbst lobte, dass er am Anfang seiner Herrschaft eine Stadt aus Holz übernommen hatte und für seine Nachkommen eine Stadt aus Marmor hinterlassen hat, konnte er sich dafür bei seinen zwei nächsten Freunden Gaius Maecenas und Marcus Vipsanius Agrippa  bedanken. Dieser bester Freund von Augustus und später der Gatte seiner Tochter Julia war ein aufrichtiger Kerl ohne Machtambitionen, dafür aber sehr aktiv beim Bau von Aquädukten für die Wasserversorgung der Stadt und vieler Gebäude, die das Gesicht der Stadt wesentlich veränderten. An Augustus selbst erinnert seine Grabstätte, sehr ähnlich der von Hadrian, also der Engelburg, aber viel bescheidener. Für die Öffentlichkeit ist sie nicht zugänglich. Die Ruinen des Mausoleums von Augustus sind heutzutage mit einem Zaun umgeben, die Relikte aus diesem Grabmal werden in einem Museum in seiner Nähe ausgestellt.      

               Gerade dank Augustus und seiner Freunde blieb aus dem republikanischen Rom nur sehr wenig erhalten. Das Trio Augustus, Agrippa und Maecenas bemühten sich sehr, das Gesicht der Stadt entscheidend zu verändern und aus Rom eine echte „Metropolis“ zu machen. Das gelang ihnen auch großteils. Der zweite große Eingriff war dann der Brand von Rom im Jahr 64, wo die oder der Täter noch immer nicht mit Sicherheit ausgeforscht werden konnte. Vielleicht war es wirklich der Kaiser Nero, der die Architektur der Stadt noch mehr prägen wollte als sein Vorgänger Augustus. Bestraft wurden die Christen nach dem Motto aus dem Film Casablanca „verhaftet die üblichen Verdächtigen“. Sie waren im heidnischen Rom mit ihrer Lehre in jedem Fall verdächtig. Aus dem Werk Neros blieb allerdings nur sehr wenig erhalten. Nicht einmal der neunte Monat im Jahr behielt seinen Namen – nach dem Vorbild Julius Caesar (Juli) und Augustus (August) sollte September Nero heißen. Es blieb nicht so, nach dem Tod des ungeliebten Kaisers erhielt September wieder seinen alten Namen, also einfach „der siebente Monat“  Warum unserer neunter Monat damals der siebente war, das ist eine andere Geschichte. Auch aus der gigantischen Statue Neros, die er vor seinem Palast errichten ließ und die Kaiser Vespasianus entfernen ließ, blieb nur der Name – also Kolosseum. Dieses imposante Gebäude, ohne das Rom wie Paris ohne Eifelturm oder Prag ohne Hradschin wäre, hieß offiziell nach seiner Erbauern Circus Flavius. Weil aber auf der Stelle gebaut worden ist, wo vorher die Neros Statue stand und wegen seiner Größe „Koloss“ hieß, nannten Leute das neue Gebäude im Volksmund Colosseum – und so blieb es auch. Aus dem gigantischen Palast von Neros „Domus aureus“ (das goldene Haus) blieb nur ein Teil der Keller erhalten und der Besuch ist permanent sehr problematisch. Diese Ruinen wurden im Jahr 2003 entdeckt und seitdem werden sie ständig repariert, da hier immer wieder etwas abstürzt.

               Aus den Zeiten der römischen Republik, also aus der tiefsten Schicht der römischen Geschichte,  blieb wirklich nur sehr wenig erhalten. Die „Kurie“ ist in die heutige Form rekonstruiert worden. Wir wissen allerdings, dass dieses Gebäude auch aus der Zeit des Augustus stammt, weil die alte Kurie einem Brand zu Opfer fiel. Aus diesem Grund wurde Caesar nicht auf dieser Stelle, sondern im Pompeiustheater ermordert, wo das römische Parlament damals vorrübergehend einen Zufluchtsort fand. Das Pompeiustheater blieb nicht erhalten, dafür steht das Marcellustheater (gewidmet dem zu früh verstorbenen Schwiegersohn des Augustus) auch heute noch. Im Mittelalter baute es nämlich die Familie Orsini zu einem befestigten Palast um, weil in Rom es niemals genug Sicherheit und Befestigungen gab.

               Der „Circus maximus“ unter dem Palatin diente zwar seinem Zweck bereits in königlichen römischen Zeiten (gegründet wurde er angeblich von König Tarquinius Priscus, der in den Jahren 616 – 579 vor Christus herrschte), und dann die ganze Zeit der römischen Republik, seine derzeitige Gestalt gab ihm aber Caesar im Jahr 46 vor Christi, als das Ende der Republik bereits eingeläutet worden ist. Es wäre nicht Augustus gewesen, wenn er diese römische Dominante nicht noch einmal umgebaut hätte – in erster Linie ließ er hier eine kaiserliche Loge einbauen, da er nicht unter dem einfachen Volk sitzen wollte. Leider wurde der ganze Marmor aus den Tribünen und Sitzen längst von Römern als Baumaterial verwendet, heute sind also die ehemaligen Tribünen grün. Es ist aber noch immer angenehm, sich hier niederzusetzen und zu jausen, oder nur in der Sonne zu liegen.

               Möglicherweise bin ich jetzt an den Punkt angelangt, an dem ich meine drei römischen Einblicke beenden sollte. Es ist mir klar, dass ich bei weitem nicht alle Sehenswürdigkeiten der ewigen Stadt beschreiben konnte, nicht einmal die wichtigsten. Aber möglicherweise treffen einige meine Leser die Entscheidung, die italienische Hauptstadt zu besuchen – zumindest, wenn der ganze Wahnsinn von Coronavirus vorbei sein wird.

               Es zahlt sich aus.

               Damit muss ich meine Berichte über italienische Städte vorübergehend einstellen. Zumindest bis zu meinem nächsten Besuch Italiens. Was aufgrund der derzeitigen Pandemie auch längere Zeit dauern könnte.

               Aber zum Schluss kommt in zwei Wochen noch eine Kurzgeschichte aus der Historie des alten Roms und danach könnten wir ein anderes, derzeit ebenso gesperrtes Land besuchen – das Heilige Land, Israel.

Mittelalterliches Rom

               Rom ist seit beinahe zweitausend Jahren ein Zentrum der kirchlichen und es war lange Zeit auch das Zentrum der weltlichen Macht. So war es seit dem achten Jahrhundert, als der fränkische König Pippin dem Papst im Gegenzug zu seiner königlichen Krönung ausgedehnte italienische Regionen in Mittelitalien als eine Basis der päpstlichen weltlichen Macht geschenkt hat. Diese erreichte  ihren Höhepunkt im sechzehnten Jahrhundert, als sie nach der Einnahme von Ferrara im Norden den Fluss Po erreichte. Die französische Armee unter Anführung von Napoleon nahm Rom für das französische Kaisertum ein, nach dem Wiener Kongress entstand der Kirchenstaat für kurze Zeit noch einmal. Im Jahr 1860 verlor er aber mit Ausnahme von Latium große Teile seiner Besitzungen an das neu entstandene italienische Königreich. Trotzdem durfte der Papst seine Unabhängigkeit unter französischem Schutz bis zum Jahr 1870 behalten. In diesem Jahr verlor er aber seine weltliche Macht um sich weiterhin nur um die Seelen der Gläubigen sorgen zu dürfen.

               Aus der Regel, dass der Name des römischen Patriarchs an der ersten Stelle unter den fünf kirchlichen Oberhäuptern vor Konstantinopel, Jerusalem, Alexandria und Antiochia geschrieben werden sollte, bauten Päpste allmählich ein Machtmonopol aus. Dies war natürlich dadurch begünstigt, dass die letzten drei genannten Sitze der Patriarchen unter arabische Macht gerieten und der Patriarch von Konstantinopel nach der Eroberung der Hauptstadt des Oströmischen Reiches von den Türken im Jahr 1453 nach dem weit entfernten Moskau umgezogen hat. Gerade am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, nach dem Sieg über die Konzilbewegung, die die päpstliche Macht einschränken wollte, haben die Päpste die Machtstellung eines uneingeschränkten Herrschers über die Welt genossen, nach der sie jahrhundertelang strebten. Sie demonstrierten diese Macht durch monumentale Bauten, die Menschen auf die Knie vor der päpstlichen Allmächtigkeit zwingen sollten.

               Die römische Kirche kennt sechs Kirchen in dem Rang „Basilica maior“. Zwei davon findet man in Assisi, der Rest ist in Rom. Sie sind den wichtigsten Personen des Neuen Testaments gewidmet, dem heiligen Johannes dem Täufer, der Jungfrau Maria und den Aposteln Petrus und Paulus. Möchten Sie die ganze Pilgerreise nach Rom absolvieren, dann sind die vier Basiliken maior durch weitere drei Pilgerkirchen ergänzt – „San Sebastiano fuori le mura“, „Santa Croce in Geruzaleme“ und „San Lorenzo fuori le mura“. Schon die Tatsache, dass zwei von diesen Kirchen (eigentlich mit dem heiligen Paulus drei) den Namen „hinter den Mauern“ haben, deutet an, dass sie vom Stadtzentrum ziemlich weit entfernt sind – das antike Rom war nämlich verdammt groß. Nur zum heiligen Paulus fährt die Metro, die anderen drei muss man zu Fuß oder mit Taxi erreichen.

               Jede dieser vier Basiliken ist einzigartig.

„San Giovanni in Laterano“ war jahrhundertelang der Hauptsitz des Papstes. Den Bau dieser Kirche wurde direkt vom Kaiser Konstantin dem Großen befohlen, seine Statue steht in der Vorhalle der Kirche. Das Grundstück spendete die Familie des Generals Sextus Lateranus, nach dem das Stadtviertel seinen Namen bekommen hat. Die Kirche unmittelbar bei der von Kaiser Aurelianus errichteten Stadtmauer war das Zentrum der katholischen Kirche bis zur Entführung des Papstes nach Frankreich am Anfang des vierzehnten Jahrhunderts. Auch heute noch hat diese Kirche in der kirchlichen Hierarchie eine höhere Stellung, als die des heiligen Petrus im Vatikan. Gerade hier findet am Gründonnerstag das Ritual der päpstlichen Fusswaschung statt. Als die Päpste nach mehr als siebzig Jahren im Jahr 1378 nach Rom zurückgekehrt sind, fanden sie ihre Basilika beinahe als Ruin und deshalb entschieden sie, in den Vatikan auf dem anderen Tiberufer zum Grab des heiligen Petrus umzusiedeln.

               Die Kirche im Lateran ist riesig. Es ist eine fünfschiffige Basilika. Sie wurde zwischen dem vierzehnten und neunzehnten Jahrhundert gebaut und umgebaut, trotzdem wirkt sie ziemlich kompakt. Im Zentrum der Kirche gibt es den päpstlichen Altar, an dem nach der Überlieferung die ersten Päpste, also auch der heilige Petrus, ihre Messen lasen. Seine heilige Reliquie sowie auch die Reliquie des heiligen Paulus befinden sich in zwei Büsten aus Silber, die sich unter dem über den Altar stehenden Baldachin befinden. In Rom haben Reliquien einen großen Wert. Historisch ist auch das Baptisterium der Laterankirche sehr wertvoll. Man findet es hinter der Kirche und dem Lateranpalast auf dem Platz mit einem der vielen römischen Obelisken – der von Lateran ist angeblich der höchste. Römer litten immer an einer Obsession für ägyptische Obelisken und man findet sie wortwörtlich überall, insgesamt 13 an der Zahl, wenn wir nicht den Obelisk auf dem „Foro Italico“ dazurechnen, den Mussolini in seiner E.U.R Stadt bauen ließ. Das Baptisterium ist architektonisch von außen interessant, innen ist mit Ausnahme der Porphyrsäulen nicht viel von der ursprünglichen Ausstattung geblieben. Es ist trotzdem aus historischer Sicht sehr bedeutsam. Hier wurden nämlich am 11.Februar 1929 die sogenannten Lateranverträge unterschrieben, es war der Tag der Entstehung des päpstlichen Staates im Vatikan.

Der Papst  hatte nämlich seit 1870, also seit der Besetzung Roms durch italienische Truppen, kein Stück Land, das er verwalten könnte und fühlte sich wie „Gefangener in eigener Stadt“. Alle Versuche, das italienische Parlament zu überzeugen, dem Heiligen Stuhl ein bestimmtes Gebiet zu übergeben, auf dem er seine Staatshoheit ausüben könnte, scheiterten immer wieder am Widerstand der linksorienterten Abgeordneten. Der Papst hat sogar aus Verzweiflung überlegt, seinen Sitz nach Wien zu verlegen. Nachdem Mussolini die Macht übernommen hatte, wurde die Lage deutlich einfacher. Papst Pius XI. hatte plötzlich zur Verhandlung nur mehr eine Person. Mussolini, der sich nach seinem faschistischen Staatstreich in einer internationalen Isolation befand, ergriff seine Chance. Dadurch, dass mit ihm die Vertreter des Heiligen Suhls im Baptisterium von Lateran den Vertrag über  Ausgliederung des Gebiets des Vatikans aus dem italienischen Königreich und Übergabe der Souveränität über dieses Gebiet an den Papst unterschrieben, war es gerade die katholische Kirche, die als erste das Regime Mussolinis juristisch anerkannt hat und ihn dadurch auch für andere Regierungen der Welt salonfähig machte. Eine weitere Folge war dann zum Beispiel die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft für das Jahr 1934 an Italien (das geschah im Jahr 1932), wo dann Italien mit einer massiven Hilfe des schwedischen Schiedsrichters Ivan Eklind (der bereits im Halbfinale geholfen hat, Österreich zu eliminieren) im Finale die Tschechoslowakei besiegte und das erste Mal Weltmeister wurde.

               Gleich neben dem Eingang in die Kirche befindet sich die „Scala Santa“. Es soll sich um die Treppe handeln, auf der Pontius Pilatus Christus verurteilte. Die Kaiserin Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin, ließ auf ihrer Pilgerreise nach Jerusalem im Jahr 326 die Treppe der Festung Antonia zerlegen und auf Schiffen nach Rom transportieren, wo sie den Eingang in die Kirche in Lateran bilden sollten, die ihr Sohn gerade bauen ließ. Schon damals durfte man diese Treppe nur kniend betreten. Heute steht sie außerhalb der Kathedrale vom Lateran, also man kann die Kirche betreten, ohne sich an Kniegelenken weh zu tun. Die „Scala Santa“ kann man separat besuchen und auf den Knien besteigen. Wenn man die Werbung von Toyota hybrid auf der Fassade des Gebäudes ausblenden konnte, war das ein Ort mit mystischer Bedeutung und Atmosphäre.   Auch heutzutage ist es möglich, die Treppe nur kniend und betend zu besteigen. Obwohl die ursprüngliche Steintreppe mit einer Holzverkleidung abgedeckt ist, bis man die oberste Treppe  erreicht, tun die Knien ordentlich weh. Es ist ein für Gebet und Meditation bestimmter Platz, man darf hier ohne Blitz fotografieren, das Filmen ist allerdings streng verboten, damit Menschen, die die Treppe gerade im Gebet besteigen, in ihrer Meditation nicht gestört werden.

               Die berühmteste Kirche nicht nur in Rom aber weltweit ist natürlich der Petersdom im Vatikan (italienisch „San Pietro in Vaticano“). Als Papst Julius II. die alte mittelalterliche Kirche im Vatikan niederreißen ließ, protestierten die Römer sehr hektisch, weil sie befürchteten, dass ein neues Gebäude niemals gebaut wird. Das Ergebnis kennen wir alle und es ist sehr imposant. Obwohl gerade der Bau dieser Kirche die Reformation startete, die den Verfall der päpstlichen Macht eingeläutet hat. Die Päpste überschätzten in ihrem Gefühl der Unverletzlichkeit ihre Kräfte. Gerade der Petersdom ist ein Beweis dafür – laut der Parkinsonsgesetze bauen Staaten und Regime die großartigsten Gebäude gerade in der Zeit, in der ihre Macht zu zerbröckeln beginnt. Der Petersdom mit seiner riesigen Kuppel, entworfen von Michelangelo Buonarotti und mit der Kolonnade auf dem Platz vor der Kirche von Bernini, verdient sich natürlich eine Menge Superlative. Sie ist die größte, die höchste und in der Gegenwart auch die wichtigste Kirche des Christentums, wo über das Grab des heiligen Petrus unter einem Baldachin von Bernini nur der Vertreter Christi, also der Papst selbst oder ein von ihm beauftragter Kardinal, Messe lesen darf. Es ist allerdings möglich, die Messe im hinteren Teil der Kirche zu besuchen, die haben einen ganz normalen  pompöse freien Verlauf und das Licht der Nachmittagssonne, das hier durch das Fenster mit Abbildung des Heiligen Geistes durchdringt, verleiht diesem Erlebnis einen wahren mystischen Schein. Der Aufstieg auf die Kuppel ist interessant, man steigt auf einer Wendeltreppe unter der Kuppel empor und tief unter ihm wimmelt es von Touristen oder es wird Messe gelesen.  In der Kirche selbst ist möglich, neben vielen anderen Statuen die „Pieta“ von Michelangelo zu bewundern oder man kann am Grab von Johannes XXIII. beten. Andere Päpste, inklusiv Johannes Paulus II., sind in der Krypta begraben, der Eingang ist auf der gegenüber liegenden Seite des Eingangs zum Kuppelaufstieg.

Hinter der Kirche befindet sich dann der Vatikan, also der Sitz des Papstes, der einen eigenen Bahnhof und ein Postamt hat und wo nur sehr wenig Zivilpersonen leben dürfen – die absolute Mehrheit der Beamten verlassen den Vatikan abends nach der Arbeit.  Zum Vatikan gehören natürlich auch das Vatikanmuseum, die größten Kunstsammlungen in Rom, der Besuch wird durch den Besuch der Sixtinischen Kapelle gekrönt. Wenn man aber erwartet, das man dort allein oder in der Gesellschaft von ein paar Dutzenden Touristen die Fresken bewundern  könnte, wird man sehr enttäuscht sein. In dem kleinen Raum drücken sich Hunderte Leute, das Fotografieren oder Filmen ist verboten und aus dem Lautsprechen hört man jede Minute „Psst, Silencio“. Das alles auszublenden und die Schönheit der Fresken an den Wänden zu genießen, erfordert sehr viel psychische Widerstandfähigkeit.

               Die dritte Basilika maior ist „San Paolo fuori de Mura“,.

Sie wurde auf der Stelle gebaut, wo der heilige Paulus hingerichtet wurde und wo er sein Grab hat- zumindest ein Teil davon kann man in der Krypta unter dem Altar sehen –  sein Sarkophag mit Anschrift „PAULO APOSTOLO MART“ wurde bei Ausgrabungen im Jahr 2006 entdeckt. Obwohl die Sankt Paulus Kathedrale vom Stadtzentrum ziemlich weit entfernt ist (Paulus wurde auf dem Weg nach Ostia außerhalb der Stadtmauern hingerichtet, wie es sich für einen römischen Bürger gehörte – diese durften nämlich nicht innerhalb den Stadtmauern hingerichtet werden), es führt dorthin aber eine Metrolinie und die Metrostation ist von der Kirche nur einen Steinwurf entfernt. Die Kathedrale war bis zur Vollendung des Petersdoms die größte Kirche der Welt, sie ist auch eine fünfschiffige Basilika, die Hauptattraktion sind Portraits  aller Päpste vom heiligen Petrus bis zu Franciscus. Einer Legende nach sollte  der Weltuntergang kommen, wenn das letzte Medaillon an der Wand gefüllt wird. Weil es bereits wirklich drohte, bauten kreative Italiener einige weitere Medaillons dazu – und der Weltuntergang wurde dadurch  – vorläufig – vertagt.

               Die schönste der vier Basiliken ist die „Santa Maria Maggiore“.

Diese umwerfende Kirche in der Nähe des römischen Hauptbahnhofs Termini blendet durch ihre Innenausstattung. Sie wirkt sehr kompakt und kann Menschen wirklich begeistern. Die Decke wurde von Papst Alexander VI. Borgia mit dem ersten Gold, das nach Rom aus der Neuen Welt, also aus Amerika gebracht worden ist, geschmückt. Es ist die einzige Kirche, wo seit dem fünften Jahrhundert ununterbrochen täglich Messe gelesen wird. Einer Legende nach erschien am 5.August 352 dem Papst Liberius die Mutter Gottes und befahl ihm, die Kirche auf einer Stelle zu bauen, wo in der kommenden Nacht Schnee fallen würde (in August, wohlbemerkt!). Weil es dann auf dem Hügel Esquilin wirklich in der kommenden Nacht schneite, ließ der Papst auf diesem Platz zu Ehre der Jungfrau Maria diese Kirche bauen. Das Innere der Kirche ist einfach umwerfend. Den Baldachin über dem Altar tragen viere Porphyrsäulen, die hierher aus der Villa Kaisers Hadrians in Tivoli gebracht worden sind. Für eine unverschämte Gebühr kann man die barocke Treppe von Bernini und die „Sala dei Papi“, sowie auch die Mosaiken in der Loggia im ersten Stock der Kirche besuchen. Das unauffällige Grab des großen Meisters Bernini befindet sich unter einer Treppe seitlich vom Altar.

               Der größte Schatz der Kirche ist aber die Ikone der heiligen Mutter Gottes „Salus Populi Romani“, also „Heil des römischen Volkes“, die man in der Borghese-Kapelle findet. 

Sie sollte persönlich von heiligem Evangelisten Lukas gemalt worden sein und wurde unter Papst Sixtus III. (432 – 440) nach Rom für die bereits bestehende Basilika gebracht. Sie darf nur zu besonderen Anläsen die Kirche verlassen, wie diese Woche, als vor ihr Papst  Franciscus in Vatikan für das Ende der Coronavirus-Pandemie betete. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns zu wünschen, dass das heilige Bild seine Wunderkraft wieder einmal zeigen würde.

               Außer diesen vier Basiliken gibt es in Rom natürlich Unmenge Kirchen, die eines Besuchs wert sind. Unterwegs vom Lateran zum Kolosseum, also in Richtung Zentrum, geht man an der Kirche des heiligen Klemens vorbei. Die Kirche ist dem dritten Nachfolger des heiligen Petrus, Klemens, geweiht, einem Papst, der einen Märtyrertod auf dem Krim gestorben ist, wohin ihn Kaiser Traianus verbannte. Die Kirche ist mit alten Fresken geschmückt (Die Kirche wurde nach ihrer Zerstörung durch die Normanen im Jahr 1084 im zwölften Jahrhundert neu gebaut), hat das klassische Atrium, also eine Architektur eines römischen Tempels.

Interessant ist sie auch dadurch, dass die sterblichen Überreste des heiligen Klemens die mährischen Missionare Konstantin und Methodius nach Rom gebracht haben. Deshalb wurde dann gerade im Heiligen Klement als einer der fünf römischen Kirchen Messe in der altslawischen Sprache gelesen, die vom Papst Hadrian als die fünfte liturgische Sprache (neben Latein, Griechisch, Hebräisch und Armenisch) anerkannt worden ist. In der Krypta der Kirche befindet sich das Grab des heiligen Cyrilos (das ist der Name Konstantins, den er nach dem Eintritt in den Kloster angenommen hat) und noch eine Etage tiefer entdeckten die Archäologen einen Tempel des Gottes Mithras. Die christliche Kirche wurde offensichtlich an der Stelle einer alten Patriziervilla gebaut, deren Besitzer den Kult des Mithras betrieben. Gerade in den ersten Jahrhunderten nach Christi wettfeierten Mithras und Christus um die dominante Position im geistigen Leben der römischen Gesellschaft. Der Polytheismus war zu dieser Zeit schon weitgehend überwunden, Menschen wollten nur an einen Gott glauben, der der damaligen, bereits zentralisierten römischen Gesellschaft besser entsprach. In dem Wettkampf zwischen Mithras und Christus hat Christentum gesiegt – aus einem einfachen Grund – zu den Mysterien von Mithras wurden nur Männer zugelassen, Frauen waren von der Teilnahme ausgeschlossen. Das Christentum setzte auf Frauen und ihre Gleichberechtigung – und siegte. Später, als der Sieg sicher war, hat die Kirche dieses Prinzip verlassen.

               Es gibt so viele Kirchen im Rom, dass nur ein Versuch, sie aufzuzählen, diesen Artikel sprengen würde. Also werde ich es gar nicht versuchen.

               Allerdings – das päpstliche Rom sind nicht nur Kirchen, obwohl sie natürlich die größten Dominanten der Stadt sind. Niemand kann aber die Engelsburg auf dem rechten Tiberufer übersehen, die durch einen Gang mit dem Vatikan verbunden ist und jahrhundertelang dem Papst als Zuflucht diente, wenn es wirklich schlimm war.

Manchmal war es tatsächlich so. Am 6.Mai 1527 marschierten plündernde und mordende Truppen Kaisers Karl V. in Rom ein, denen der Kaiser irgendwie vergaß, Sold zu bezahlen. Der Anführer, Karl III. Herzog von Bourbon, starb bei dem Angriff auf die Stadtmauer und die wilden Truppen, die jetzt keinen Kommandanten hatten, wüteten in der Stadt wie von Sinnen. Papst Klemens VII., der sich in diesem  Krieg der falschen, also französischen, Seite anschloss, sollte gefangen genommen oder getötet werden. Unter dem Schutz der schweizerischen Gardisten, die ihm als Leibgarde vom französischen König geschenkt worden waren, gelang es ihm, in die Engelsburg zu flüchten und sich dort belagern lassen. Aus der schweizerischen Garde starben in den Kämpfen 147 von 189 Männern, sie schafften es aber, die Flucht des Papstes zu schützen. Als Dank für ihre Tapferkeit ist auch heute noch die Tradition, dass in die päpstliche Leibgarde nur Schweizer treten dürfen, natürlich mit katholischem Glaubensbekenntnis. Die ursprüngliche Bedingung der Körpergröße ist heutzutage offensichtlich nicht mehr aktuell, wir sahen in den Uniformen der Garde auch Männer mit Körpergröße knapp über 160 cm. Es gibt offensichtlich in den wenigen schweizerischen katholischen Kantonen nicht eine so große Auswahl an Rekruten. Der Papst schaffte es, mit den übrigen Gardisten die Engelburg einen Monat lang zu verteidigen. Am 5 Juni nahmen die kaiserlichen Truppen die Burg ein und der Papst blieb hier sechs Monate als Gefangener. Am 7. Dezember gelang es dem Papst dank einer Menge Geld, mit der er einige kaiserlichen Offiziere bestach, die Flucht durch einen Geheimgang (Pasetto) in den Vatikan und dann weiter nach Orvieto. Wenn man an den Mauern der Engelsburg steht, kann man sich gar nicht vorstellen, wie jemand diese Festung überhaupt einnehmen konnte. Trotzdem hat sie ziemlich oft den Besitzer gewechselt, einmal sogar fünfmal in einem einzigen Jahr. Die Antwort ist ein bisschen italienisch. In Italien werden Festungen nicht mit Kanonen sondern mit Geld erobert. Wenn es genug davon gibt, findet man immer jemanden, der bereit ist, das Tor zu öffnen.

               Es ist schwer zu glauben, aber die Engelsburg wurde als Mausoleum des Kaisers Hadrian gebaut. Das Grab von diesem kunst- und philosophieliebenden Kaisers, der neben der Gattin auch einen männlichen Liebhaber hatte, war ein echtes Wahrzeichen des antiken Roms. Auf dem Dachfirst, wo heute der Engel mit Schwert steht, gab es damals die Statue des Kaisers, der nach dem guten römischen Brauch nach seinem Tod zum Gott erklärt wurde und das ganze Mausoleum war durch unzählige Marmorstatuen der Götter und Göttinnen geschmückt. Der ganze Schmuck wurde im Krieg zwischen Ostgoten und Byzantiner vernichtet. In den Jahren 535 – 555 kämpften die Ostgoten gegen die Byzantiner um die  Vorherrschaft in Italien.  Von Januar 537 bis März 538 belagerte der ostgotische König Wittiges erfolglos Rom, wo sich die byzantinische Garnison unter der Führung des Generals Belisaros verschanzte. Einer der größten ostgotischen Angriffe wurde gegen das Hadrianmausoleum  geführt. Die Verteidiger schlugen in ihrer Verzweiflung die Marmorstatuen in Stücke und bewarfen mit ihnen die angreifenden Ostgoten. Die Ostgoten wurden abgewehrt, aus dem Mausoleum wurde eine Festung, die in dieser neuen Funktion weitere tausendfünfhundert Jahre dienen sollte.

               So kommen wir aber zu der nächsten römischen archäologischen Schicht – zum antiken Rom. Aber darüber das nächste Mal.   

Rom

               Natürlich, wie anders, was wäre schon Italien ohne die „Ewige Stadt“? Das müssen auch die Norditaliener, sogar die Mitglieder der „Liga Nord“ akzeptieren. Einer von ihnen hat mir einmal erklärt, dass Italien zehn Kilometer südlich von Rom sein Ende hätte, das aber nur deshalb, weil Rom die Hauptstadt sei.

               Es ist auffällig, dass Rom, obwohl das Zentrum Italiens, nicht über das höchste Bruttoinhaltprodukt pro Kopf verfügt. Es ist nicht einmal die reichste italienische Provinz, wie es sonst so gut wie in allen europäischen Ländern  der Fall ist. Rom hinkt deutlich hinter Piemont mit Turin, Lombardei mit Mailand und sogar hinter Südtirol nach. Aber Rom ist einfach Rom, es ist etwas, was man sehen muss und deshalb werde ich meine erste Serie der Artikel über italienische Städte hier beenden.

               Die Römer sind ein eigenes Volk und mit dem Rest von Italien haben sie sich nie wirklich identifiziert (übrigens Rom wurde an Italien als das letzte Stück des Landes im Jahr 1870 als Folge der Niederlage des Kaisers Napoleon III. im Krieg gegen Preußen angeschlossen). Bis dahin war Rom unter einem französischen Protektorat (offensichtlich auf Wunsch des Papstes, der den Anschluss an Italien zurecht gefürchtet hatte) und die Italiener mussten die Hauptstadt ihres neuen Königsreiches von Turin nach Florenz verlegen und auf einen günstigen Moment warten. Im Jahr 1870  kam dieser Moment und es konnte nicht einmal der uralte Alexander Dumas helfen, der für die Rettung Roms vor bösen Italienern mit einem geliehenen Kriegsschiff mit einer Kanone und einem hübschen jungen Schiffsmädchen ins See stach. Als er Rom nicht retten konnte, starb er noch im gleichen Jahr.        

               Die Römer haben sich nicht einmal mit der italienischen offiziellen Sprache angefreundet, die zu ihrem Unmut aus dem toskanischen und nicht aus dem römischen Dialekt stammt. Sie pflegen also sehr sorgfältig ihren eigenen Dialekt und lassen sich durch Hochitalienisch nicht beirren. Möglicherweise deshalb wird die Anschrift SPQR, die man auf allen römischen Kanaldeckeln als eine Erinnerung an einstiges Römisches Reich (Senatus populusque Romanus – also Römischer Senat und Volk) vom Rest der Italiener als „Sono pezzi questi Romani“, interpretiert, also frei übersetzt – „Die spinnen die Römer“.      

               Das zeugt von der Tatsache, dass der Rest Italiens die Römer einfach nicht versteht. Einem Römer ist bewusst, dass er in einer Stadt lebt, die die Wiege der derzeitigen Zivilisation war und betrachtet also alle Nicht-Römer als mehr oder weniger zivilisierte Barbaren. Er fühlt also die Verantwortung für den Rest des Landes, lässt sich aber deshalb nicht seine südliche Gelassenheit nehmen. Die Haupteigenschaft eines Römers ist, dass er immer hinter seinem Zeitplan nachläuft (wenn er überhaupt einen hat) Er weiß es und baut diese Tatsache in sein Lebensprogramm ein, ohne dass ihm das Stress oder Kopfschmerzen verursachen könnte. Die Tatsache, dass er in sein Büro spät kommt, kann ihn nicht daran hindern, mit dem Trafikanten zu tratschen, dem gerade der neue Freund seiner Tochter Sorgen macht. Also einfach „Dolce Vita“, wie diese Lebenseinstellung der geniale Federico Fellini definierte. Rom ist einfach Rom und diese Stadt zu erleben ist ein Pflichtprogramm jedes Mitglieds der westlichen, also christlichen Zivilisation.         

               Wenn ich aber einen Artikel über Rom schreiben möchte und dieser sich in einem limitierten Rahmen halten sollte, stehe ich auf einem verlorenen Posten. Weil Rom nicht nur riesig, sondern auch vielfältig ist. Es gibt antikes Rom, mittelalterliches und natürlich auch modernes Rom. Alles ist so unglaublich miteinander verflochten, dass die Stadt einem gordischen Knoten ähnelt, den es unmöglich scheint, aufzuflechten. Die einzige Ausnahme ist das Mussolinis Stadtviertel  E.U.R,  das einen wirklich kompakten Komplex bildet – ein furchtbares Denkmal der faschistischer Architektur, sehr ähnlich der Schöpfung der Nazis oder des sozialistischen Realismus. Zum Glück traute sich nicht einmal Mussolini ein Stadtviertel im Stadtzentrum niederzureißen, um es mit diesem seinen Denkmal zu ersetzen – diese Entscheidung traf er umso leichter, weil die Italiener – wie wir schon wissen – ohnehin sehr ungern etwas niederreißen. Es gibt damit zu viel Arbeit. Sie bauen lieber um. Gott sei Dank.  

               Nichtsdestotrotz traue ich mich nicht, einen zusammenfassenden Artikel über die römische Kultur und die Sehenswürdigkeiten zu schreiben, maximal könnte ich mich um  ein paar subjektive Sondierungen bemühen. Während dreier Besuche der ewigen Stadt kann man nur einen Bruchteil seiner Schönheit kennenlernen, zu seinen Geheimnissen schafft man das in dieser kurzen Zeit überhaupt nicht.                            

Selbstverständlich muss man in Rom Frascati kosten, einen Wein aus Lazio (den Rotwein Cesanese ist etwas schwieriger zu besorgen, er wird im Gegenteil zum Weißwein in dieser Region nur in kleinen Mengen angebaut) aus südlichen Vorstädten Roms und natürlich auch „Gnochi  ala Romana“ oder „Saltinboca“ ausprobieren, ein Naturschweinschnitzel, paniert auf Butter, das, wie der Name sagt, selbst in den Mund springt. Überraschenderweise kann man in Rom für ziemlich akzeptable Preise essen. Die Konkurrenz der Gaststätte ist riesig, man muss nicht unbedingt im ersten „Ristorante“ bleiben, über das man stolpert, auch wenn man bereits das Gefühl hat, durch Hunger zu sterben. „Insider Tipps“ sind dringend wünschenswert, die Qualität der Speisen in verschiedenen Restauranten ist sehr variabel und nicht immer im Einklang mit dem Preis. Wenn man sich entscheidet, auf der „Piazza Navona“ zu Mittag zu essen, muss man akzeptieren, dass man viel für wenig zahlen würde. Man zahlt hier für den Blick auf einen der schönsten römischen Plätze. Aber zum Beispiel in der „Osteria suburana“ im früheren römischen Sündenviertel Subura oder im „Pane e Vino“ in der „Via di Parione“ kann man gut essen, ohne tief in die Tasche greifen zu müssen.

               Wenn man sich für einen Ausflug nach Rom entscheidet, muss man in Kauf nehmen, lange Strecken zu Fuß zurücklegen zu müssen. Das historische Zentrum ist logischerweise ziemlich groß und die Strecke C der U-Bahn, die durch das Zentrum führen sollte, wird wahrscheinlich niemals fertiggebaut. Es wird an ihr bereits jahrzehntelang gearbeitet, aber egal, wohin die Bauleute graben, immer finden sie ein historisches Artefakt und sie haben sofort die Denkmalschutzbehörde am Hals. Also gibt es nur die Strecken „A“ und „B“, die das historische Zentrum des antiken Roms in einer respektablen Entfernung umkreisen. Diese Entfernung muss man dann zum Fuß bewältigen. Aber es ist möglich. Sogar meine achtzigjährige Mutter hat das geschafft, obwohl sie es mit einer Bursitis im Hüftgelenk bezahlte.      

               Ich versuche durch die Zeit zurück zu rudern, also vom modernen zum antiken Rom und ich bitte um Verzeihung, wenn ich aus Versehen den Weg verlassen würde. Das kann nämlich in Rom sehr leicht passieren. Ich versuche also  immer tiefer nach der Art der Archäologen zu graben, also gegen die Zeit zu reisen.

Ich werde meinen Bericht über Rom in drei Blöcke teilen. Heute beginnen wir also mit dem modernen Rom und wir tauchen bis in die Schichten des Höhepunktes der päpstlichen Macht – also in die Zeit von Barock und Manierismus – ein. Das wird sicher für heute genug sein.

Das neueste Gebäude, das eines Besuches wert ist, ist das „Museo Nazionale delle Arti del XXI Secolo“ genannt kurz MAXXI.

Natürlich, die moderne Kunst ist nicht Jedermanns Sache, man findet hier aber auch ältere Kunstwerke, zum Beispiel im „Museo Aristaios“ gibt es Sammlung, die vom Dirigenten, Archäologen, aber auch Psychiater Giuseppe Sinopoli gespendet wurde. Interessanter als die hier untergebrachten Sammlungen ist aber vielleicht sogar das Gebäude selbst, seine avantgarden Formen verdankt es der Architektin Zaha Hadid (1950 – 2016). Besuchen Sie, wenn möglich, das Museum bei schönem Wetter, das schönste Erlebnis ist nämlich ein Espresso auf der Terrasse. Ein Problem ist, dass dieses Museum ziemlich weit vom Stadtzentrum liegt, es ist von der „Piazza di Popolo“  in Richtung Norden zu Fuß noch einen nicht gerade kurzen Weg entfernt. Man kann die Straßenbahn benutzen, nämlich die Linie 2 in Richtung Piazza Mancini.

               Siebzig Jahre vorher wurde die furchtbare Mussolinistadt E.U.R. gebaut. Sie ist eigentlich einen Besuch wert. Es ist im Grund genommen der einzige Werk der faschistischen Architektur, der uns erhalten geblieben ist – wahrscheinlich auch nur deshalb, weil Italiener – im Gegensatz zu Deutschen – wie bereits hundertmal erwähnt, äußerst ungern etwas niederreißen und auch, weil Rom im zweiten Weltkrieg an die Alliierten übergeben wurde, ohne durch Straßenkämpfe beschädigt worden zu sein. Häuser aus Beton mit Reliefs wie aus dem realen Sozialismus und sogar ein Obelisk – nicht aber ein alter ägyptischer, sondern ein neuer. Sollte jemand denken, Mussolini ließ diesen Obelisk bauen, damit in Rom nicht die unglückliche Zahl von 13 Obelisken steht, muss ich ihn enttäuschen – einen Obelisken, der auf Piazza Porta Capena stand, gaben die Italiener an Äthiopien erst im Jahr 2005 zurück.

Von Mussolinis Bescheidenheit zeugt die Tatsache, dass sein Obelisk mit seinen siebzehn Meter Höhe nur der fünft höchste in Rom ist. Die U-Bahn bringt euch zu E.U.R und wieder zurück, wenn Sie genug von dieser Architektur hätten. Was ziemlich schnell passieren könnte.

               Ein weiteres Monument ist um fünfzig Jahre älter als E.U.R und es ist eines der Wahrzeichen Roms „Monumento Nazionale Vittorio Emmanuelle II.“. Es wurde in den Jahren 1885 – 1911 von Architekten Giuseppe Sacconi gebaut und er wertete damit das Zentrum Roms für immer und ewig ab. Außer einer großen Reiterstatue des ersten italienischen Königs, der zu seinem Glück die Fertigstellung dieses Monuments nicht erlebte (er starb im Jahr 1878) gibt es hier auch das „Grab des unbekannten Soldaten“ mit ewiger Flamme und einen „Heimatsaltar“.  Die Römer konnten sich mit diesem Ungeheuer nie abfinden (im Gegenteil zu Franzosen, die sich nach anfänglichen Protesten mit ihrem Eifelturm doch anfreunden konnten oder Österreichern, die nach heftigen Hasstiraden letztendlich ihre Wiener Oper lieben und dort jedes Jahr sogar tanzen.) Die Römer nennen dieses Riesengebäude in Anspielung auf seine Form bis heute „Die Schreibmaschine“.

Das ist genau das, was ich an den Italienern liebe. Sie können sich über sich selbst lustig machen und ihr Humor gegen sich selbst kann auch sehr giftig sein, trotzdem hören sie nicht auf, auf ihr Land, ihre Kultur, Geschichte und Küche stolz zu sein. Es ist ihnen gleichgültig, dass erzählt wird, dass die zwei kürzesten Bücher der Welt das britische Kochbuch und das Buch der italienischen Heldentaten sind. Egal wie viele Kriege die Italiener verloren haben, immer konnten sie nach der Niederlage etwas für sich gewinnen. Die Österreicher werden ihnen niemals Südtirol und schon überhaupt nicht Triest verzeihen, sie können aber nichts mehr ändern. Zwar einigermaßen ironisch, aber trotzdem pompös, das ist das Monument Vittorio Emmanuelle, die Verherrlichung der italienischen Staatlichkeit.    

               Zum Glück hat Rom solche Denkmäler nicht im Überfluss. Wir können gleich um einige Jahrhunderte tiefer eintauchen und beginnen das barocke Rom zu bewundern. Weil Barock, der hier sein Ursprung erlebte, gibt Rom sein dominantes Gesicht. Am Beginn dieser Epoche stand Gian Lorenzo Bernini, der Vater dieses Baustils.           

               Bernini kam nach Rom als achtjähriger Bub mit seinem Vater, den Papst Paul V. Borghese als Baumeister anstellte. Der Papst, der den Anfang des Dreißigjährigen Krieges mitgestaltete und am 3.Dezember 1620 eine feierliche Messe zur Ehre des Sieges der katholischen Waffen am Weißen Berg bei Prag persönlich zelebrierte. Bernini begann für ihn im Jahr 1618 zu arbeiten und bis zum Tod im Jahr 1680 schuf er in Rom eine Reihe Werke, die der heutigen Stadt ihren Charakter verleihen. Die Borghesen prägen das Stadtbild von Rom bis heute dank ihrer Villa auf dem Berg oberhalb der Spanischen Treppe. Das Grundstück ergatterte der Neffe des Papstes Paul V. Scipionne Scafarelli und die Borghesen blieben hier. Es handelt sich um eine Villa mit einem riesigen Park und einer Gallerie von Statuen, wahrscheinlich der schönsten in Rom – unter anderen gibt es hier auch die Statue der schönen Schwester Napoleons, Pauline, die ein Mitglied der Familie Borghese  Camillo geheiratet hat. Pauline ließ sich nackt als Göttin Venus darstellen. In ihrer Zeit war es ein riesiger Skandal, meiner Meinung nach musste sich Pauline für ihr Aussehen sicher nicht schämen.  

Bernini schuf den Baldachin über das Grab des heiligen Petrus im Dom im Vatikan und den gigantischen Säulengang, der den Platz vor der Kirche des heiligen Petrus umrahmt. Als ich mich das erste Mal zu diesem Platz näherte, verstand ich nicht, wie durch das Mitte Roms eine Autobahn laufen könnte. Es gab hier keine, allerdings könnten die Säulen von Bernini locker eine Autobahn tragen, sie rahmen einen der größten und schönsten Plätze Europas ein Auch der Vorraum des Pantheons ist ein Werk von Bernini und natürlich auch die legendäre Fontäne der vier Flüsse auf der „Piazza Navona“.

Bernini arbeitete insgesamt für acht Päpste, am Ende erschwerte ihm das Leben der Neid seiner Kollegen. Er wurde in der Kirche Maria Maggiore begraben. Sein Grab ist einfach und es ist schwer zu finden, nur sein Name auf einer der Stufen, die zur Apsis führen, erinnert an den Platz seiner Ruhestätte. Große Meister brauchen keine großen Grabmäler, ihr Werk spricht ausreichend für sie. Barock, dieser repräsentative Baustil, siegte in Rom dank Bernini.

Der Höhepunkt der barocken Kunst sind weitere bekannte Denkmäler, wie die Spanische Treppe, gebaut für französisches Geld vom König Ludwig XV. Zum Glück wurde das ursprüngliche Projekt, in dem über der Treppe eine riesige Reiterstatue dieses Königs stehen sollte, nicht vollendet (der Papst war dagegen). Heute steht oberhalb der Treppe die französische „Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit“.

               Nicht weit von hier gibt es die „Fontana di Trevi“.

Dieses wunderbare Wasserspiel machte vor allem der Film „Dolce Vita“ von Federico Fellini mit Anita Eckberg und Marcello Mastroiani aus dem Jahr 1959 berühmt. Das nächtliche Bad von Anita Eckberg machte das Werk berühmter als alles andere, seitdem ist die Fontäne ein Pflichtprogramm für jeden Besucher Roms und dementsprechend  schaut es dort auch aus. Sollten Sie die mutige Idee haben, in den Nachmittagstunden die Fontäne zu besuchen, bereiten Sie sich auf unglaubliche Menschenmengen, die alle sich unbedingt vor dem Werk der Architekten Nicola Salvi und Giuseppe Pannini, das aus Anlass des Papstes Klement XII. gebaut wurde, ein Photo machen wollen. Von Gruppen, einzelne Personen, Selfie, alles was nur möglich ist und natürlich gibt es hier eine unglaubliche Menge Rosenverkäufer, die euch nicht in Ruhe lassen. In einem Moment habe ich gehofft, sie wären endlich weg – es begann nämlich zu regnen. Die Freude dauerte nur ein paar Augenblicke, dann waren sie wieder zurück, zwar ohne Rosen, dafür aber mit Regenschirmen. Einen Unternehmergeist kann man ihnen nicht abstreiten. Wenn man nur ein bisschen Privatsphäre hier erleben möchte, hier oder auf der Spanische Treppe, gibt es nur eine verlässliche Methode – man muss früh aufstehen. Was in Rom nicht unbedingt bedeutet, um sechs in der Früh wach zu sein. Die Römer sind keine Frühaufsteher. Es reicht, zur Spanischen Treppe um acht Uhr morgens zu kommen, dann hat man ein Photo nur für sich allein.

               Nur ein paar Minuten Spaziergang weiter gibt es Fontäne der Tritonen auf der „Piazza Barberini“, wieder ein Werk des genialen Bernini, diesmal für den Papst Urban VIII. gebaut.

Kommen wir aber noch eine architektonische Schicht tiefer – zum Manierismus. Der Gründer dieses Stils, der die klassische Renaissance verließ und eine neue Maß der Kunst vorgab, war kein anderer als ein weiteres Genie, der (unter anderem) auch in Rom lebte und arbeitete – Michelangelo Buonarotti.  Seine Werke, ähnlich wie die von Bernini, sind ebenso im ganz Rom verstreut, ein der berühmtesten ist natürlich die Pieta in der Kirche des heiligen Petrus. Es ist sein erstes großes Werk, mit dem sich der damals noch junge Künstler den Platz an der Sonne verschaffte. Durch Führung des Schicksals war eines der letzten Werke des bereits mehr als siebzigjährigen Künstlers die Kuppel der Kirche. Gerade die riesigen Kosten, die mit dem Bau des gigantischen Doms über das Grab des heiligen Petrus, mit dem Julius II. begann, die durch einen unverschämten europaweiten Sündenerlassverkauf finanziert wurden, waren der Grund, warum Martin Luther im Jahr 1517 seine Revolte startete. Michelangelo ist aber an vielen anderen Stellen in Rom durch seine Werke anwesend. Natürlich ist das die legendäre Sixtinische Kapelle, also ihre Decke und die Frontseite – die Seitenwände sind mit Fresken anderer Autoren, nämlich der größten Künstler der Renaissance wie Sandro Boticelli, Perugino, Roselllino und weiteren geschmückt. Das Fresko der Schöpfung des Adams ist allerdings ein der berühmtesten Motiven und neben dem David in Florenz wahrscheinlich das bekannteste Werk Michelangelos. Das Jüngste Gericht an der Frontseite der Kapelle malte Michelangelo zwanzig Jahre später – der Gott gönnte ihm für seine Arbeit genug Zeit. Michelangelo beteiligte sich auf entscheidende Weise auch am Bau des wunderschönen „Palazzo Farnesse“, in der Kirche „San Pietro in Vinculi“ im Stadtviertel Subura findet man seinen berühmten Moses, in der Kirche „Santa Maria Minerva“ dann seinen „Auferstehenden Christus“.  Ein echtes Schmankerl ist dann die Kirche „Santa Maria degli Angeli e dei Martiri“ auf der „Piazza della Republica“.

Der damals bereits fünfundachtzigjährige Künstler entschied sich für eine absolut geniale Lösung, als er aus der Ruine der ehemaligen Terme Kaisers Diokletianus eine Kirche bauen sollte. Er entschied sich die hohen Säle des Tepidariums (90 Meter lang, 27 Meter breit und 30 Meter hoch) zu nutzen und baute die Kirche in der Form eines griechischen Kreuzes (Die Arme des griechischen Kreuzes sind im Unterschied zum lateinischen gleich lang), was der Kirche eine fabelhafte Symmetrie verleiht. Von außen geht es um ein unauffälliges Gebäude – Die Fassade bilden die römischen Ruinen – im Inneren gibt es aber ein unbeschreiblich schönes Erlebnis. Johannes Paul II. schenkte der Kirche die „Milleniumsorgel“, bereits vor ihm ließ  Papst Klement XI. in den Boden der Kirche den so genanntes „Meridian“ einbauen, der zu genauer Zeitmessung dienen sollte.

Ich habe Michelangelo immer bewundert. Er war keiner der Künstler, die einen bereits existierenden Kunststill zur Perfektion bringen, wie z.B. Leonardo da Vinci, sondern einer, der neue Räume eröffnete. So erkennt man ein wahres Genie. Michelangelo hatte den Mut, die schroffen obwohl schönen Linien der Renaissance zu verlassen und sich auf einen neuen unerforschten Weg zu begeben. Der dann weiter in Richtung Barock und zu weiterer Entwicklung der menschlichen Schöpfung führte.

Der Artikel jetzt fortzusetzen wäre beinahe eine Sünde. Schließen wir die erste römische Etappe mit Michelangelo, in die nächste Schicht, nämlich in die Stadt der allmächtigen Päpste in der Zeit der Renaissance und Mittelalters, tauchen wir das nächste Mal ein.

Genua

Die Stadt Genua ist heutzutage dadurch bekannt, dass hier Autobahnbrücken abstürzen. Als wir diese Brücke im Jahr 2006 passierten, stürzte sie noch nicht, sie zeigte nicht einmal eine Absicht, es zu tun. Trotzdem ist es möglicherweise eine bessere Idee Genua mit dem Zug zu besuchen, besonders, wenn man auf der Ligurischen Riviera wohnt, oder der „Riviera dei Fiori“ also der „Riviera der Blumen“, wie sie die Italiener schmeichelhaft nennen. Es ist sicher eine bessere Idee, als in der Stadt zu übernachten, die dank ihres Hafens, in dem große Schiffe und Tanker anlegen, reich geworden ist. In diesem Punkt hat Genua heutzutage seinen ehemaligen erbitterten Gegner Venedig weit überwunden, da Venedig zu einer touristischen Attraktion degradiert worden ist und langsam auf den Meeresboden sinkt. Genua bleibt eine bedeutende Stadt, sie ist letztendlich neben Turin, Mailand und Rom die vierte italienische Stadt, die sich zwei Klubs in der ersten italienischen Fußballiga  – Serie A -zu haben, leisten kann. Venedig hat hier keinen.

Der Westbahnhof von Genua „Statione Principe“ ist ziemlich zentral gelegen und ein guter Ausgangpunkt für den Besuch der Altstadt. Sollten Sie von Osten kommen, steigen Sie in „Statione Brignoni“ aus und Sie würden gleich von der Haupteinkaufstrasse der Stadt „Via XX.Settembre“ begrüßt. Hätten Sie eine kaufsüchtige Gattin mit, dann war es das auch schon mit dem Stadtbesuch.

               Es gab Zeiten, als Genua noch berühmter und reicher als heute war, die Stadt gehörte zu den ersten Mittelmeergroßmächten und führte einen erbitterten Kampf um diese Stellung mit seinen Konkurrenten, mit Arabern, Türken, aber vor allem mit seinen italienischen Gegnern Pisa und Venedig. Warum wissen wir über Venedig viel mehr als über Genua? Das hat seinen Grund in den ewigen innenpolitischen Streitereien zwischen den genuesischen Adelsfamilien um die Macht in der Stadt, was letztendlich zum Verlust der Unabhängigkeit führte. Genua konnte – mit Ausnahme der Eroberung von Korsika (die dann die Stadt im Jahre 1755 an Frankreich verkaufte) und des Nordteils von Sardinien, kein solches Imperium aufbauen, wie sein Gegner an der Adria. Seine kaufmännischen Stützpunkte lagen eher auf der Schwarzmeerküste, besonders auf der Krim, obwohl im vierzehnten Jahrhundert es Genua doch noch geschafft hat, einige Insel im Ägäischen Meer bei der heutigen türkischen Küste wie Lesbos oder Chios unter seine Kontrolle zu bringen.

               Die genuesischen Häfen auf der Krim wurden zum Schicksal für ganzes Europa. Im Jahr 1346 entschlossen sich die heimischen Tataren, die reiche genuesische Niederlassung in Kaffa zu erobern. Als die Genueser nicht bereit waren, zu kapitulieren, begannen die Belagerer mit merkwürdigen schwarzen Hauttumoren bedeckte Leichen über die Stadtmauer zu schleudern. Die Genueser haben bei diesem Anblick Angst bekommen, verließen die Stadt auf ihren Schiffen, segelten aber nicht nach Hause, sondern nach Marseille. Pasteurella pestis, also das Bakterium der Pest, transportierten sie bereits mit. Die Folge war die schlimmste Epidemie, die je Europa erlebt hat.

               Wegen seiner Kolonien am Schwarzen Meer musste Genua gute Beziehungen mit dem Byzantinischen Reich pflegen, da dieses Reich die Meeresengen Bosporus und Dardanellen kontrolliert hat. Genua erhielt vom Kaiser den Stadtteil Pera und es waren 700 genuesische Kämpfer, die unter der Führung des Condottieres Giovanni Giustiniani im Jahr 1453 heldenhaft monatelang Konstantinopel in seinem letzten Kampf gegen hundertausende Türken verteidigten.

               In dieser Zeit hatte allerdings Genua seine erste Hochblüte bereits hinter sich. Genua schaffte es zwar, seinen ersten Konkurrenten Pisa in der Schlacht bei Meloria im Jahr 1284 zu vernichten, verlor aber danach selbst den Kampf gegen Venedig in der Schlacht bei Chioggia im Jahr 1380. Danach wechselte in Genua die Herrschaft der Viscontis aus Mailand mit den französischen Königen, bis im Jahr 1528 Andrea Doria die Stadt befreite und zu einem neuen Höhepunkt der Konjunktur brachte. Weil es in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhundert geschah und in dieser Zeit die Renaissance gerade ihren Höhepunkt erreichte, erklärt diese Tatsache die Menge der architektonischen Juwelen in der Stadt, die gerade aus dieser Epoche stammen. Wie zum Beispiel die atemberaubende Kirche „Santissima Anunciata“, die die Familie Lomellini bauen ließ. Selbstverständlich finden wir in der Stadt auch ältere Bauten, wie zum Beispiel die Stadttore, die ein Teil der Stadtbefestigung waren und zu Verteidigung gegen Kaiser Friedrich Barbarossa im zwölften Jahrhundert gebaut worden sind, wie die „Porta dei Vaca“ oder die „Porta Soprana“, deren hohe Türme gleich neben dem Geburtshaus des berühmtesten Genueser Christoph Kolumbus in den Himmel ragen. Oder das ganze Privatstadtviertel der Familie Doria um den Platz „San Matteo“ (in der Kapelle San Matteo ist der berühmteste genuesischer Herrscher Andrea Doria begraben) wo noch der gotische Stil überwiegt.

               Andrea Doria war eine imposante Persönlichkeit der europäischen Geschichte, es zahlt sich aus, bei ihm länger zu verbleiben, bis wir unsere Reise zu weiteren genuesischen Sehenswürdigkeiten fortsetzen. 

Er wurde im Jahr 1466 geboren, in für Genua schwierigen Zeiten. Seit 1484 wütete nämlich Krieg zwischen Frankreich und Spanien um die Vorherrschaft in Italien, der vom französischen König Karl VIII. ausgelöst worden war. (Wahrscheinlich aus diesem Grund suchte Christoph Kolumbus seine Bestimmung nicht zu Hause, sondern auf der Pyrenäenhalbinsel). Der Krieg legte in seiner Intensität zu, als die Throne beider Weltmächte junge Herrscher bestiegen, König Franz I. in Frankreich und Kaiser Karl V. in Spanien. Doria stand zuerst auf der kaiserlichen Seite, als Karl V. allerdings im Jahr 1522 Genua eroberte, wechselte er in den französischen Dienst und im Jahr 1524 befreite er Marseille aus der kaiserlichen Belagerung. Danach wechselte er wieder die Seiten und wurde zum kaiserlichen Admiral. Angeblich war der Grund, dass der französische König seine Heldentaten unzureichend honorierte. Wenn jemand seinen Verrat rechtfertigen will, findet er immer ein passendes Argument. Wenn er dann auch siegt, gibt es niemanden, der sein Handeln in Frage stellen würde. Doria siegte. Nur am Rande erlaube ich mir eine Notiz, dass im Jahr 1525 Franz I. bei Pavia die entscheidende Schlacht verlor und selbst in Gefangenschaft geriet. Schon aus diesem einfachen Grund konnte er Doria kaum die von ihm verlangte Belohnung auszahlen. Andrea Doria handelte also offensichtlich pragmatisch und stelle sich an die Seite des Siegers. Das ist immer viel angenehmer, als an der Seite des Verlierers zu beharren. Einen Geschlagenen kann man viel einfacher verraten als einen Sieger, besonders, wenn dieser im Gefängnis sitzt. Im Jahr 1528 übernahm Doria unter dem kaiserlichen Schutz die Macht über seine Geburtsstadt, er schrieb die Verfassung um, beendete innere Streitereien, wurde zum Herrscher auf Lebenszeit, gründete eine Herrschaftsdynastie und führte die Stadt zu einer außergewöhnlichen Blüte. Als sein unbeliebter Neffe Gianettino im Jahr 1547 ermordet wurde, behielt er die Regierung in der Stadt bis 1555, als er sich als beinahe neunzigjähriger von der Regierungsgeschäften zurückzog und die Herrschaft über Genua seinem Großneffen Giovanni (dem Sohn vom ermordeten Gianettino) überließ. Er starb im Jahr 1560 im Alter von 94 Jahren. (Übrigens, der Gründer der venezianischen Macht, der Doge Enrico Dandolo, lebte 98 Jahre lang, verwaltete Venedig bis zu seinem Tod und noch in diesem Alter nahm er am Kreuzzug ins Heilige Land teil) 

               Der Großneffe Giovanni Andrea Doria wurde dann in der legendären Schlacht bei Lepanto im Jahr 1571 berühmt, obwohl auf eine einigermaßen merkwürdige Art. Er führte den rechten Flügel der christlichen Flotte an und ließ sich vom türkischen Piraten Ulugh  Ali aus dem Schlachtfeld ausmanövrieren (für sein ziemlich ungeschicktes Manöver wurde er sogar des Verrates beschuldigt) um letztendlich im Finale der Schlacht doch irgendwie zur Schlacht zu stoßen, gerade im Moment, als sich Ulugh Ali nach der Eroberung des Flaggschiffes der Malteserritter Ansprüche auf den Gesamtsieg machte. Doria fiel den siegreichen Türken in den Rücken und zwang sie zur Flucht. In dieser Schlacht kämpften das erste Mal in der Geschichte die verbitterten Feinde Venedig und Genua Seite an Seite. Also „Seite an Seite“ – Venezianer waren auf dem linken Flügel der Flotte und Genueser auf dem rechten, der Admiral und Kommandant der Armee Juan d´Austria steckte zur Sicherheit zwischen diese zwei Streithahne die ganze spanische Flotte und dazu auch alle Schiffe der Malteser. So konnte er verlässlich verhindern, dass sich seine Verbündeten nicht in die Haare gerieten.    

               Der berühmteste Sohn der Stadt Genua ist aber zweifellos Christoph Kolumbus. In seinem Schatten bleibt nicht nur Andrea Doria, aber auch Niccolo Paganini, der allerdings nicht vergessen wurde. Seine berühmte Geige vom Geigermacher Guarniri aus dem Jahr 1743 wird im Museum im Palast Doria Tursi auf der „Via Garribaldi“ aufbewahrt.    

               Das Geburtshaus von Kolumbus ist eine Halbruine in der Nähe von der „Porta Soprana“.

Um die Wahrheit zu sagen, bin ich von der Authentizität dieses Hauses nicht wirklich überzeugt. Die Genueser suchten offensichtlich irgendein Haus aus dem fünfzehnten Jahrhundert und die sind außerhalb des Privatviertels der Familie Doria eine Mangelware. Und es wäre sehr unglaubwürdig, den kleinen Christoph im Palast der Familie Doria geboren werden zu lassen. Übrigens für die, die Zweifel hätten, gibt es ein zweites ebenso verlässlich authentisches Geburtshaus von Christoph Kolumbus in der Stadt Calvi auf Korsika. Aber authentisch oder nicht, natürlich wird es besucht, übrigens die Staue des großen Seefahrers begrüßt den Stadtbesucher gleich, wenn er den Bahnhof „Statione Principe“ verlässt und nach Kolumbus wurde auch der genuesische Flughafen benannt.

Dann ist es notwendig, in die typischen genuesischen Gässchen unterzutauchen. Sie sind extrem eng und von sehr hohen Häusern umgeben (in Genua gab es einfach immer ziemlich wenige Baugründe).

               Genua lebte und lebt dank seines Hafens. Der große, industrielle, liegt südlich der Altstadt, wir hielten uns natürlich in dem Passagierhafen auf, mit dem Schiff, auf dem Roman Polanski im Jahr 1996 den Film „Die Piraten“ drehte und mit einem großen Aquarium.

Das Aquarium wurde zur Ausstellung EXPO im Jahr 1992 gebaut – natürlich zu Ehre des Fünfhundertjahrejubiläums der Entdeckung Amerikas. Wie sonst? Der Besuch im Aquarium von Genua ist natürlich ein Pflichtprogramm und es ist hier wirklich viel zu sehen. Nicht nur die Seehunde, Haie oder Kröten usw., aber auch die Pinguine, die für uns genau so posierten, wie Skipper, Kowalski, Rico und Private aus dem Film Madagaskar.

               In der gleichen Zeit in den Jahren 1992 – 1994 (Genua war 1992 die Kulturhauptstadt Europas) wurde der verfallene Ankerplatz von Architekten zum heutigen großartigen Schaufenster der Stadt umgebaut.

               Der Kai des Hafens ist heute eine breite Promenade, die von Luxushäusern und Palmen umrahmt ist. Sie wäre noch schöner, wenn jemand nicht die Idee gehabt hätte, gerade  hier eine überirdische vierspurige Straße zu führen, aber wie wir bereits wissen, haben die Genueser mit Autobahnen ein kleines Problem. Diese Straße verunstaltet auch den Blick auf das schönste Gebäude auf dem Kai, den legendären „Palazzo San Giorgio“.

Es ist ein atemberaubendes Gebäude, bedeckt von Fresken und war der Sitz der „Banca San Giorgio“, des mächtigsten genuesischen Geldhauses, heute ist es logischerweise der Sitz der italienischen Nationalbank. Gerade in diesem Haus, das in damaligen Zeiten auch als Gefängnis diente, schrieb Marco Polo sein berühmtes Buch „Million“, als er hier nicht ganz freiwillig als Kriegsgefangener nach der venezianischer Niederlage in der Schlacht bei Curzola die Jahre 1298 – 1299 verbringen musste.

               Nur ein Stück weiter rechts (aus dem Blick von der Hafenseite) führt eine Straße bergauf in die Altstadt. Als erstes begrüßt den Besucher die Kathedrale San Lorenzo aus schwarzem und weißem Marmor.

Die Ähnlichkeit mit den Bauten auf der „Piazza dei Miraculi“ in Pisa ist nicht zufällig. Erstens hat sich der sogenannte pisanische romanische Stil über das ganze Tyrrhenische Meergebiet verbreitet, zweitens stammt der Marmor aus den gleichen Steinbrüchen in Carrara an der Grenze zwischen Toskana und Ligurien und dieser wertvolle Stein war einer der vielen Gründe, warum die Genueser für die Pisaner keine Liebe empfinden konnten, bis Pisa nach dem Jahr 1284 das politische Schlachtfeld räumen und die Machstellung Genua überlassen musste. Die Kathedrale hat nur einen Turm, er wurde zwischen den Jahren 1552 – 1557 gebaut. Ich habe keine Ahnung, warum Andrea Doria den Nordturm nicht fertig bauen ließ, wahrscheinlich investierte er das Geld irgendwo anders. Oder hat sein Architekt gekündigt – dazu kommen wir noch. Die Kathedrale ist auch innen sehr reich geschmückt, der größte Schatz wird in der Renaissancekapelle des heiligen Johannes des Täufers aufbewahrt, beide diese Schatzstücke stammen aus dem ersten Kreuzzug, an dem genuesische Matrosen aktiv teilgenommen haben. In der Schatzkammer der Kathedrale findet man eine Schale aus grünem Glas (Sacro catino), erbeutet in Caesarea im Jahr 1101, von der Genueser glauben, es wäre der heilige Gral und in der Kapelle wird dann die Asche des heiligen Johannes des Täufers beherbergt, die nach Genua bereits im Jahr 1098 gebracht worden ist. Die Entscheidung, welche von diesen heiligen Reliquien die Kirche auf wundervolle Weise gerettet hat, als die Kathedrale im Jahr 1941 von einer britischen Fliegerbombe getroffen wurde, die aber nicht explodierte, überlasse ich dem Leser. Die Bombe kann man übrigens auch heute noch in der Kirche bestaunen.

               Nur ein paar Schritte von San Lorenzo, grundsätzlich noch auf dem gleichen Platz (obwohl er mittelweile den Namen auf „Piazza Giacomo Matteoti“ geändert hat) befindet sich der „Palazzo ducale“, ein riesiger Dogenpalast im klassizistischen Stil und die Kirche „Chieza de Gesu“ mit zwei Bildern von Rubens. Nur ein kleiner Stück weiter gibt es das wahre Zentrum von Genua, den großartigen Platz „Piazza dei Ferrari“ mit einer riesigen Fontäne und wunderschönen Häusern im Stil von Neobarock und Klassizismus inklusiv der Oper von Genua „Teatro Carlo Felice“.

Vor ihm haben wir neben der üblichen Reiterstatue von Guiseppe Garribaldi, die in keiner italienischen Stadt fehlen darf, auch einen Eingang ins „Metro“ von Genua gefunden. Genua hat tatsächlich eine U-Bahn obwohl nur mit  einer Linie und acht Stationen, sie wurde im Jahr 1990 in Betrieb genommen. Sie war dringend nötig, Genua zieht sich nämlich entlang der Küste in der Gesamtlänge von 35 Kilometer hin. Wir traten nicht ein und gingen in die „Galleria Mazzini“, einer gläsernen Einkaufpassage, sehr ähnlich der „Passage Vittorio Emanuelle“ in Mailand oder „Umberto I.“ in Turin. Es gäbe die Zeit für einen Kaffee während die Gattin die Schaufenster der Geschäfte bewundern dürfte. Leider mag es meine Frau nicht wirklich, die Schaufenster zu bestaunen, also die Zeit für den Kaffee blieb relativ kurz. Es war notwendig weiter zu gehen.

               Was Genua zu Genua macht, sind seine prächtigen Paläste, der Beweis für den Wohlstand der Stadt im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert. Dann wurde die Stadt zuerst von Ludwig XIV. und dann von Österreichern in die Defensive gedrängt, die Österreicher nahmen Genua sogar im Jahr 1746 ein. Die schönsten Paläste reihen sich einer neben dem anderen gerade in der Straße, die den Namen des berühmtesten italienischen Rebellen Giuseppe Garribaldi trägt. Die Paläste verdanken ihr monumentales Aussehen dem Architekten Galeazzo Alessi und seinen Schülern – übrigens handelt sich bei Alessi um den Architekten, der an der Kathedrale San Lorenzo den einzigen Turm baute. Dann kümmerte er sich offensichtlich nur mehr um seine privaten lukrativen Aufträge und deshalb blieb der zweite Kirchenturm unvollendet. Hier steht der bereits erwähnte „Palazzo Tursi“ oder der „Palazzo Podestá“. Nur ein paar Schritte weiter gibt es den „Palazzo Spinola“, in dem die Nationalgallerie untergebracht ist.                       

    Den schönsten Palast haben wir auf der Rückkehr zum Bahnhof entdeckt. „Palazzo Reale“ steht beinahe direkt am Kai auf der „Via Balbi“, hinter ihm fanden wir einen wunderschönen kleinen Park mit Mosaikboden, Blumen, Palmen und einem Blick zum Hafen – natürlich verstellt durch die vierspurige Autobahn, die direkt um den Hafen verläuft und leider noch nicht abstürzte. In der Zeit, als im „Palazzo Reale“ Savoyische Könige verweilten, gab es dieses Ungeheuer noch nicht.                 

  Aber Achtung, ich hätte fast etwas vergessen. Die Stadt zieht vom Hafen in die Berge, da bereits in den Straßen von Genua die Alpen beginnen. Also bevor man Genua verlässt, bitte nicht vergessen, zu „Largo Zecca“ zu laufen (es ist vom „Palazzo Reale“ nicht weit) und dann mit der Seilbahn zur obersten Station zu fahren. Von hier gibt es der schönste Blick auf die Stadt, die einmal so berühmt war und für italienische Verhältnisse auch heute immer noch ausreichend reich ist.     

Volterra

                Das toskanische Volterra ist ein verstecktes Nest in den toskanischen Bergen. Es ist so versteckt, dass mein erster Versuch im Jahr 2000, die Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, scheiterte. Zwischen San Gimignano, wo ich war, gab es nach Volterra keine Eisenbahn und keine Busverbindung und  ein Taxi hätte man in Col Val d´Elsa bestellen müssen, wo es nur einen Taxibetreiber gab und dieser kein Auto frei hatte. Das Problem war, dass ich damals mit meinem damaligen Chef unterwegs war, der zwar ein Auto für unseren Toskanabesuch bestellt hat, den Führerschein aber zu Hause vergaß und ich hatte auch keinen mit. Also musste ich nach Volterra fünf Jahre später mit eigenem Auto fahren.

Wahrscheinlich dank seiner Lage war es die letzte etruskische Stadt, die die römische Herrschaft akzeptieren musste. Und es ist darauf gehörig stolz. Volterra, das sind Etrusker ohne Ende, ob schon in den Museen oder in den Souvenirshops.

               Übrigens der Letzte, der in der Sprache der Etrusker lesen uns schreiben konnte, war angeblich Kaiser Claudius, also seit dieser Zeit sind beinahe zwei tausend Jahre vergangen. So lange ist schon die Sprache des einmal so mächtigen Volkes vergessen. Böse Zungen – besonders der Schriftsteller Robert Graves – unterstellen Claudius, dass seine Hauptmotivation, die Kaiserkrone, nach der er niemals strebte, nach dem Tod seines Neffen Caligula anzunehmen, die Tatsache war, dass zu seinen wissenschaftlichen Vorträgen über die etruskische Kultur niemand kam (möglicherweise auch deshalb, weil er stotterte). Als er Kaiser geworden ist, mussten die Höflinge diese Vorträge besuchen, egal wie sie sich dabei gelangweilten. Nur zu lachen über den stotternden Kaiser war verboten.

               Aber zurück zu Volterra. Seine Lage auf dem Gipfel eines der toskanischen Hügel verleiht ihm ein monumentales Aussehen, nicht umsonst wird Volterra für eine der schönsten toskanischen Städte gehalten – und hier gibt es eine wirklich starke Konkurrenz.

Zu einer Festung wurde es im vierten Jahrhundert vor Christus ausgebaut, als Etrusken bei dem Blick darauf, wie eine ihre Stadt nach der anderen von Römern eingenommen wurde, in der Panik ihre Stadt mit einem sieben Kilometer langen Mauerring umgaben. Und diese Mauer gab den Römern zu schaffen. Im Jahr 79 vor Christus gelang es dem Diktator Sulla endlich nach einer zweijährigen Belagerung die Stadt einzunehmen und der römischen Verwaltung als ein „Municipium“ zu unterstellen. Von der etruskischen Befestigung der Stadt blieb nur ein Tor erhalten – „Porta all´Arco“, alles andere ging in den darauffolgenden Jahrhunderten zugrunde. Bereits im Laufe der ersten hundert Jahre unter der römischen Herrschaft vergaßen die Etrusker sogar ihre Sprache. So blieb es auch, bis der Tourismus im zwanzigsten Jahrhundert die Erinnerung an diese alte imposante Kultur wieder erwachen ließ. Gescheit ließ sich Volterra ein Monopol auf die etruskische Kultur patentieren. Die Stadt kann sich bei ihrem Gelehrten Mario Guarnacci (er lebte in den Jahren 1701 – 1785) bedanken, da er in Volterra mit den Ausgrabungen begann und seine Funde ein Interesse an der alten aber schon seit ewiger Zeit vergessenen Kultur weckten. Das Museum der etruskischen Kultur trägt seinen Namen „Museo Etrusco Guarnacci“

               Bei der Anfahrt zur Stadt fährt man an einer Menge von Manufakturen für die Bearbeitung von Alabaster vorbei. Volterra ist das italienische Zentrum dieser Kunst – oder eher des Handwerkes und in der Stadt darf natürlich ein Alabastermuseum nicht fehlen. Man findet es im Gebäude der Pinakothek, aber auch im Rathaus kann man Gefäße aus Alabaster in  verschiedenen Farben bewundern, von schneeweiß bis rosarot oder beinahe rot.

               Die wichtigsten Gebäude des Stadtzentrums stammen aus dem dreizehnten Jahrhundert, also aus der Blütezeit des mittelalterlichen Volterra, als die Stadt eine prosperierende selbständige Kommune war, bis sie im Jahr 1361 unter Kontrolle des mächtigen Nachbarn Florenz geraten ist.

               Es bleibt für mich ein Rätsel, warum das alljährige Stadtfest, das jeden dritten und vierten Sonntag im August veranstaltet wird, eine Beziehung zum Jahr 1398 hat („Giornata di Festa nell´Anno Domini 1398“). Trotz allen meinen Recherchen konnte ich nicht erfahren, was so Wichtiges in diesem Jahr passieret ist, das die Bürger von Volterra jedes Jahr so intensiv feiern. Sollte das jemand von meinen Lesern wissen, bitte ich um eine Benachrichtigung.

Wir hatten Glück, dass wir gerade an einem solchen Sonntag die Stadt besuchten ohne zu ahnen, was auf uns wartete. Es war sehr vorteilhaft, dass wir Frühaufsteher sind und außerdem meine Frau immer nach dem Abschluss der täglichen Kulturreise noch baden wollte. Also verließen wir unseren Stützpunkt in Marina di Cecina so früh, dass wir erstens keine Probleme bei der Parkplatzsuche hatten und zweitens wir uns in die Stadt einschleichen konnten, noch bevor die Einheimischen die Straßensperren und Kassen bei Stadteingängen einbauen konnten, um danach die Gebühr für den Eintritt in die Stadt zu kassieren. Die logische Folge war, dass wir ohne eine Eintrittskarte die Stadt nicht mehr verlassen und wieder zurückkehren durften, aber es gab keinen Grund zur Klage, es war genug, was wir sehen und bewundern konnten. Umzüge von Männern und Frauen in rot-weiß mit Trommeln und Pfeifen, den Tanz mit Fahnen, die Delegationen der befreundeten Städte wie Prato in den Kostümen mit Bannern und Wappen und mit Armbrüsten und Lanzen. Auf dem Platz vor dem Rathaus gab es dann auch Duelle (die so wage ausgetragen wurden, dass es ein Gefühl hinterlassen hat, dass die Kämpfe ihre Waffen das erste Mal im Leben in der Hand hatten – nicht vergleichbar mit dem traditionellen und im Mitteleuropa etablierten historischen Fechten), Bauchtänzerinnen und zum Schluss eine Schlacht mit gerollten Socken, an der alle Anwesenden teilgenommen haben.

Überall in den Straßen gab es natürlich Vorführungen des mittelalterlichen Handwerkes, aber auch ein Karussell für die Kinder, das von einem Esel getrieben wurde. In den Straßen gab es mit Tüchern abgedeckte Tavernen, für jede Zunft eine, und man aß, wie anders – mit Löffeln aus Holz oder mit den Händen. Zum Essen wurde neben einem Brei aus gekochtem Gemüse auch Schweinsbraten auf Rosmarin serviert mit einem sodbrennengefährlichen Hauswein. Für Euro konnte man dort nichts kaufen, zuerst musste man die europäische Währung in den Wechselstuben für lokale „Il grosso Volterrano“ umtauschen, die Verkäufer akzeptierten ausschließlich diese Währung. (Die man allerdings bis zu zwei Wochen nach dem Fest wieder für Euro umtauschen konnte).

Trotz des ganzen Aufruhrs in den Straßen konnten wir auch die Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten kennenlernen. Der „Palazzo dei Priori“ auf dem Hauptplatz „Piazza dei Priori“ ist ein gigantisches Gebäude aus dem dreizehnten Jahrhundert – angeblich das älteste Rathaus in der Toskana (eine italienische Stadt kann ohne ihres „piú“ einfach nicht existieren).

Es diente als Vorbild dem „Palazzo vecchio“ in Florenz. Zum „Palazzo dei Priori“ führt der kürzeste Weg von dem berühmtesten und ältesten Tor von Volterra „Porta all´Arco“, an dem sich allerdings sein Alter schon deutlich bemerkbar machte.

Im Konferenzsaal des Rathauses, wo heute die gewählten Vertreter der Stadtverwaltung ihre Sitzungen abhalten, ist die Frontwand mit einem wunderschönen Fresko „Kreuzigung Christi“ von Pietro Francesco Florentino bemalt. Kreuzgewölbe mit sehr breiten Bögen aus Marmor und einem fast filigranen Schmuck, sowie auch die Stadtfahnen in einer Ecke des Saales verleihen dem Raum einen würdenvollen Eindruck. Aus einem kleinen Vorraum gibt es dann einen wunderschönen Blick auf den Platz aus der Vogelperspektive. Die gegenüber liegende Seite des Platzes wird vom „Palazzo Pretorio“ mit einem riesigen Turm mit Schweinskopf dominiert. Nach dem Schweinskopf erhielt der Turm seinen Namen „Torre del Porcelino“ (Schweinsturm).

               Die „Catedrale Santa Maria Assunta“ auf der „Piazza San Giovanni“ ist nur ein paar Schritte entfernt. Die Kathedrale wirkt auf den Besucher nicht mehr so imposant, offensichtlich waren die Bürger von Volterra beim Bau der Kirche schon wesentlich knapper bei Kassa. Die Fassade ist aus Backsteinen gebaut worden, nur der Eingang erhielt einen Marmorrahmen und der Glockenturm aus den Backsteinen ist von der Fassade der Kathedrale ziemlich entfernt, als ob er mit der Kirche keinen gemeinsamen Komplex bilden möchte. Das Innere der Kirche ist reicher als das Äußere, die Schiffe sind voneinander durch Säulen mit engen romanischen Bögen getrennt, die Mauern sind durch Streifen aus weißem und rotem Marmor geschmückt. Die Decke im Stil der Renaissance ist vergoldet und die Kanzel ist ein von vier Löwen getragenes gotisches Werk. Über dem Altar glänzt ein prächtiger Baldachin aus Alabaster.  Das Baptisterium steht der Kathedrale gegenüber, hat die klassische Form eines Sechseckes, mit Marmor ist allerdings nur die Frontseite bedeckt, offensichtlich schafften es die Bürger von Volterra mit dem Einzug der Pest und dann der florentinischen Truppen nicht mehr, den Bau zu vollenden. Auch das Innere ist einfach, die Wände sind ohne Schmuck und in der Mitte befindet sich ein Taufbecken aus Marmor.

               Zum etruskischen Museum muss man aus dem Stadtzentrum bergaufwärts an der Kirche des heiligen Augustinus vorbei gehen. Diese Kirche hat eine Barockfassade und ein romanisches Inneres, in ihrer Nähe befindet sich das Foltermuseum und das Museum der sakralen Kunst. Wie sich diese zwei Dinge vertragen, ist schwer zu sagen, es gab allerdings Zeiten in der Menschheitsgeschichte, in denen sie sich sehr nah lagen.  

               Das Alabastermuseum darf in Volterra natürlich nicht fehlen, im Erdgeschoss gibt es Werke aus diesem Material von modernen Künstlern, in den Obergeschoßen gibt es dann ältere Gegenstände und eine nachgemachte Werkstatt für Alabasterbearbeitung.

               Endlich erreichen wir das Ziel, des wegen wir nach Volterra gefahren sind, also das Etruskische Museum Guarnacci. Man wird von einer Sammlung von mehr als sechshundert Urnen begrüßt. Auf den ersten Blick schauen sie alle gleich aus, geschmückt sind sie mit Bildern der Kampfszenen und auf dem Deckel mit einer liegenden Figur. Das berühmteste Grabmal ist eine Terrakotta eines Ehepaares, auf der sich die Eheleutedie in die Augen schauen. Wegen der Urnen und Grabmäler fuhren wir aber nach Volterra nicht. Das einzigartige an der etruskischen Kunst ist die Erzeugung der etruskischen Bronzefiguren. Etrusker hatten ihren eigenen figuralen Stil. Entweder waren sie wirklich so schlank oder war die Schlankheit das Schönheitsideal oder hatten ihre in die Höhe gezogenen, beinahe fadenförmigen, Figuren eine symbolische oder rituale Bedeutung. Das berühmteste Exponat ist eine Votivfigur aus Bronze, so genannte „Ombra della Sera“ also „Abendschatten“. Natürlich wurde sie im Souvenirgeschäft angeboten und selbstverständlich kauften wir sie. Ob sie Glück bringen oder uns wieder nach Volterra locken sollte, wissen wir nicht, Aber, grundsätzlich – warum nicht?  

Auf dem höchsten Punkt einige hundert Meter hinter dem Etruskischen Museum ragt zum Himmel ein runder Turm der „Fortezza Medicea“, also der Medicäerfestung. Die Festung schaut imposant aus, ist aber nicht für die Öffentlichkeit geöffnet. Zu einem Eintrittsticket für die Festung kann nur ein Verbrechen werden, weil sie als Gefängnis dient.      

Wenn man auf der „Via di Castello“ zum Stadtzentrum absteigt, führt dieser Weg auf die „Acropoli etrusca“ mit einer römischen Zisterne. Die ehemalige Akropolis der Stadt wird heutzutage stolz „Parco archeologico“ genannt, alles Interessante wurde aber bereits ausgegraben und befindet sich im Museum, Neben einigen verfallenen etruskischen Gräbern gibt es hier nur mehr einen Spielplatz für Kinder.

               Wenn man noch immer von der Stadt nicht genug hätte, kann man auf die Nordseite gehen, wo man unter den Stadtmauern Reste von einem ehemaligen römischen Theater und einer Therme finden kann. Der schönste Blick auf die Ruinen bietet sich von der Stadtmauer aus, am bestens vom Park „Parco publico il Bastione“, wo es möglich ist, sich nach einem anstrengenden Tag zu erholen, bevor man die Stadt verlässt.

In unserem Fall in Richtung Marina di Cecina, damit meine Frau noch baden konnte.  

               Wer nicht baden möchte und ein bisschen Adrenalin mag, dann sollte er noch zur so genannten „Balze“, also zu Steilabhängen, nahe der Stadt fahren. Bei Felsenabstürzen wurden hier bereits etruskische, römische sowie auch mittelalterliche Siedlungen begraben, das nächste wird die Camaldoleser-Abtei sein, die aus diesem Grund bereits verlassen wurde.