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Montenegro Küste II

Mit ein bisschen Glück und Impfbereitschaft würde man heuer hoffentlich wieder reisen dürfen. So möchte ich meine Serie der Urlaubsdestinationen fortsetzen.

Im Norden von Montenegro befindet sich der größte Fjord in Südeuropa „Kotorski zaliv“ . Wenn man von Norden kommt – und das ist die Regel – kann man die Bucht an ihrer engsten Stelle mit einer Fähre für 4 Euro überqueren, die Bucht zu umfahren ist nämlich eine unendliche Angelegenheit. Von Süden erreicht man Kotor leicht durch einen Tunnel und man kann ein Stück Geschichte erleben, wenn nicht gerade im Hafen der Stadt Kreuzfahrtschiffe anlegen – und das tun sie leider ziemlich häufig. In diesem Fall ist das Städtchen, eingeklemmt zwischen Felsen und Meer in kürzester Zeit hoffnungslos überfüllt. Ich entschied mich für acht Euro einen Aufstieg auf die Stadtmauer zu kaufen, ohne zu ahnen, dass der Weg zur Festung führt, die sich in einer Höhe von 200 Meter über dem Meeresspiegel befindet – Sie ahnen richtig, die Stadt hat eine Meereshöhe von Null.

Die zweihundert Höhemeter in der adriatischen Hitze zu bezwingen ist keine einfache Sache. Ich schaffte es, meine liebe Gattin gab in der Mitte auf. Natürlich gibt es jede paar Meter eine Erfrischungsstation mit einem Montenegriner, der überteuerte gekühlte Getränke verkaufte. Wenn man dann endlich den Gipfel erreicht, wird man von einer Anschrift „Hladna Piča“ begrüßt, Gott sein Dank mit einer englischen Übersetzung „Cold drinks“. Für einen tschechischen Touristen war diese Übersetzung eine sehr wichtige Sache, um zu wissen, was auf ihn in der Festung wartet – „Piča“ auf Tschechisch ist nämlich eine nicht gerade salonkonforme Bezeichnung des weiblichen Geschlechtsorgans. Und „hladna“ bedeutet auf Tschechisch hungrig, also keine besonders schöne Vorstellung. So viel also zur Ähnlichkeit der slawischen Sprachen.

Die Türken belagerten Kotor gleich drei Mal, aber immer erfolglos, was mich nicht überrascht. Wer möchte schon die zweihundert Meter den Felsen hinaufklettern, wenn er dort anstatt von kühlen Getränken von Männern mit geladenen Musketten erwartet würde? Da könnten sie mich auch…

Kotor stellte sich im fünfzehnten Jahrhundert freiwillig unter den Schutz von Venedig und blieb hier bis zum Jahr 1797, als es dann unter die Verwaltung des Österreichischen Kaiserreichs kam. Einmal hat auch der berühmte türkische Pirat Ahmedin Barbarossa versucht, die Stadt einzunehmen, aber auch er biss sich die Zähne aus. Sogar im Jahr 1571, in der Zeit der größten türkischen Offensive, als Cyprus, Bar und Ulcinj in die türkischen Hände fielen, schaffte es Kotor sich erfolgreich zu verteidigen. Bei einem Blick auf seine Stadtmauern, die zwanzig Meter hoch und sechzehn Meter dick sind, wundert man sich eigentlich nicht.

Matrosen von Kotor kämpften auch im Oktober 1571 bei Lepanto, wo die vereinte christliche Flotte unter der Führung von Juan d´Austria die türkische Seemacht endlich brechen konnte. An diese Helden erinnert eine Gedenktafel an der Mauer eines der Paläste von Kotor.  

Die Stadt ist wortwörtlich eingekeilt in einen winzigen Raum zwischen dem Meer und dem Felsen und hat drei Tore, des Nordtor, das Südtor (das schwer zu finden, weil unter dem Felsen versteckt ist und „Glavna gradska vrata“, also Das Haupttor, durch das man den Hafen betritt, und einige Kirchen.

Nordtor von Kotor

Natürlich, dass die größte davon „Sankt Nikola“ orthodox ist, gebaut am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in neobyzantinischem Stil, die Fresken im Kircheninneren sind ein Geschenk des Patriarchen von Moskau. Neben dieser großen Kirche gibt es noch eine Dominante, die katholische Kirche des heiligen Trifons. Sie ist eine Erinnerung an die venezianische Vergangenheit der Stadt. Wie auch sonst überall, wo Venezianer in Montenegro waren, hinterließen sie ihre Spuren in der Gestalt des katholischen Glaubens und diese Spuren reichen noch weiter nach Süden nach Nordalbanien in die Region um Skadar. Die leiblichen Überreste des heiligen Trifons wurden nach Kotor anfangs des neunten Jahrhunderts von Konstantinopel gebracht und seitdem ist der Heilige der Patron der Stadt. Seine Gebeine sind in einem Sarkophag in der Kirche aufbewahrt, an dem man Spuren vieler Erdbeben sehen kann, die sich in dieser Gegend ungefähr alle hundert Jahre wiederholen. Die Innenausstattung der Kirche ist nur rudimentär, obwohl Kotor sowie auch Budva im Jahr 1979 von UNESCO in das Weltkulturerbe aufgenommen und dann für das Geld dieser Organisation wiederaufgebaut wurden. Übrigens die Kirche des heiligen Trifons hat schon schlimmere Zeiten überstanden. Bei einem Erdbeben im Jahr 1667 stürzten beide Kirchentürme ein und mussten wieder aufgebaut werden. Von der Terrasse zwischen den Türmen gibt es einen schönen Blick auf den Platz mit dem Gebäude der ehemaligen österreichischen Admiralität. Von hier aus gebärdeten sich Österreicher als Matrosen und in einer Seeschlacht konnten sie sogar gewinnen – über wen sonst, als über die Italiener. Es war im Jahr 1866 in der Schlacht bei Lissa, aber nicht einmal dieser österreichische Sieg konnte etwas an dem Ausgang dieses Krieges ändern, da dieser bei Königsgraz in der Schlacht gegen Preußen entschieden wurde. Die Schiffsglocke des Flaggschiffes der österreichischen Flotte „SMS Erzherzog Ferdinand Max“ befindet sich seit dem Jahr 1975 im Turm der Kirche des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Graz.

In Kotor gibt es mehrere kleine liebe Kirchen wie „Sveta Maria Koledata“ oder „Sveti Pavle“ oder gleich neben dem Sankt Nikola eine unauffällige, aber schöne „Sankt Luka“. Über die seefahrerische Tradition von Kotor informiert „Pomorski muzej“ in „Palata Grgutina“ mit Schiffmodellen, der Geschichte der Seefahrt von Kotor und Bilder berühmter Landsleute, die es auf den Weltmeeren weit gebracht haben. Wie zum Beispiel der Admiral Matej Zmajevic, der es bis zum Oberkommandanten der russischen Kriegsflotte gebracht hat. Er wurde zwar nicht direkt in Kotor, sondern in dem nicht weit entfernten Perast geboren, die Menschen von Kotor halten ihn aber eigentlich für einen gebürtigen Kotoraner). Der Hauptplatz gleich hinter dem Tor in den Hafen heißt zwar offiziell „Trg oktobarskej revolucie“ also „Platz der Oktoberrevolution“, die Kotoraner kennen ihn aber eher als „Trg Oružia“, also „Waffenplatz“.

Die Dominante ist der Uhrturm, den hier die Venezianer am Anfang des siebzehnten Jahrhunderts errichten ließen, über ddem Tor sieht man als eine Erinnerung an die Einnahme von Kotor durch die jugoslawischen Partisanen im Jahr 1944 dann einen Zitat von Tito „Fremdes wollen wir nicht, Unseres geben wir nicht ab“.

Im Hafen kann man einen Bootausflug in die Bucht kaufen, wobei man auch die Halbinsel Luštica mit der alten österreichischen Festung Mamula besuchen kann. Diese Festung wird gerade in ein Luxushotel umgebaut. Man kann auch die unterirdischen Katakomben in den Höhlen besuchen, wo österreichische U-Boote ihr Versteck fanden und wo man noch heute österreichischen kaiserlichen Wappen als eine Erinnerung an diese Zeiten finden kann. Zu meinem Erstaunen hatten alle Reisebüros, die diese Ausfluge anboten, gleiche Abfahrtzeiten und zwar um elf vormittags und um drei nachmittags, nichts dazwischen. Was in der Praxis bedeuten müsste, dass alle Schiffe gleichzeitig in See stechen und dann gleichzeitig ans Ziel kommen. Im Programm war auch das Baden im Meer. So etwas kennen wir schon von La Maddalena auf Sardinien, also danke, brauche ich nicht. Obwohl für mich der Besuch alter österreichischen Arsenale verlockend war.

Die südlichste Küstenstadt Montenegros ist Ulcinj, ehemaliges Dolcinea. Erinnert euch der Name an etwas? Zum Beispiel an die Traumschönheit von Don Quijote Dulcinea? Nein, es ist kein Zufall, in Ulcinj verbrachte Miguel Cervantes fünf Jahre in Gefangenschaft der Piraten und der Name der Stadt inspirierte ihn offensichtlich, um der unerreichten schönen Dame in seinem Roman den Namen zu verleihen.

Heute gibt es hier natürlich das Hotel „Dulcinea“ und eine Statue von Cervantes in einem Hotel namens „Palata Venezia“, wo er angeblich gefangen gehalten wurde – damals gab es auf dieser Stelle sicherlich noch kein Luxushotel. Ulcinj war ein Piratennest, so etwas wie adriatische Tortuga. Im Jahr 1571 fiel es in türkische Hände, was einer der Gründe für die christliche Gegenoffensive war, die mit der Niederlage der türkischen Seemacht bei Lepanto geendet hat. Die Küste von Montenegro blieb dann türkisch bis zum Jahr 1878, Ulcinj selbst wurde nach längerem hin und her letztendlich im Jahr 1880 von der Türkei an Montenegro abgetreten.

Ulcinj ist sehr malerisch und vollständig auf den Fremdverkehr orientiert. Die Altstadt ragt auf einem Felsen über dem Stadtstrand und vielen Gassen mit Geschäften, Hotels und Appartements empor.

Auf dem höchsten Punkt der Altstadt gibt es dann eine Festung mit Museum. Der Vorteil für Touristen sind hier ziemlich niedrige Preise. Die meisten Gäste der überwiegend moslemischen Ortsbevölkerung sind nämlich Albaner aus dem Kosovo und ihre Kaufkraft ist nicht sehr groß. Zu meiner Überraschung parkten in den Straßen von Ulcinj nicht wenige Autos mit amerikanischen Kennzeichen, besonders aus den Staaten New York und New Jersey. Die Albaner kehren offensichtlich nach Hause auch mit ihren auf der anderen Seite des Atlantiks gekauften Fahrzeugen zurück. Übrigens, es waren gerade die Albaner aus der Ulcinjregion, die die entscheidende Kraft bei der Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Montenegros von Serbien waren. Während die slawischen Montenegriner mehrheitlich für Verbleib in der serbisch-montenegrinischen Föderation gestimmt haben, die Albaner im Süden des Landes waren in 80% der Stimmen für die Abspaltung. Das war dann entscheidend.

Das Baden direkt in Ulcinj würde ich nicht unbedingt empfehlen. Der Strand ist überfüllt, die Frauen baden hier nach dem muslimischen Brauch angezogen.

Aber nur ein paar Kilometer südlich der Stadt gibt es einen langen, langsam abfallenden Sandstrand, ideal für das Baden auf die Art, die meine Frau liebt. Es gibt mehrere Zufahrten zu diesem Strand und seine einzelnen Teile haben unterschiedliche Namen wie „Pearl Beach“, „White Beach“ oder sogar „Copa Cabana“. Und alle sind sehr schön.

Am südlichsten Ende dieses Strandes, fünfzehn Kilometer südlich vom Ulcinj, gibt es dann in der Mündung des Flusses Bojana der berühmte FKK Camp mit dem Strand Ada Bojana, wo bereits einige Filme gedreht wurden. Die besten Zeiten hat allerdings diese Anlage schon hinter sich und sie ist bereits sanierungsbedürftig geworden.

Übrigens, sollten Sie Ulcinj besuchen und in die Altstadt aufsteigen, kann ich Ihnen das Restaurant Antigona empfehlen. Es ist ein neugebautes Restaurant auf einer Terrasse über das Meer mit einem atemberaubenden Ausblick.

Die Preise sind, wie es in Ulcinj der Brauch ist, erschwinglich, wir aßen und tranken mit meiner Frau für einen Gesamtpreis von 20 Euro. Die Bedienung war höchst professionell und der Restaurantbesitzer, ein junger Mann namens Albert, sprach vielleicht alle Sprachen der Welt, um seinen Gästen das Gefühl zu übermitteln, dass sie willkommen seien und von ihm persönlich betreut werden. Es bleibt nur zu hoffen, dass der liebe Albert durch die Coronakrise gut durchgekommen ist und seine Dienste auch weiter anbieten kann.

Montenegro ist natürlich nicht nur die Küste, sondern auch das Innenland. Danach hat doch das Land seinen Namen bekommen. Aber darüber das nächste Mal.

Mythen um die Impfung gegen Covid 19

               Immer wieder komme ich aus dem Erstaunen nicht heraus. Bei meinem letzten Besuch in Tschechien war es egal, mit wem ich sprach, alle meinten, sie wollen sich gegen das Coronavirus nicht impfen lassen oder waren zumindest skeptisch. In Österreich ist das nicht viel anders. Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, sagten, dass es ihnen noch niemand verständlich erklärt habe.

               Die Impfgegner leisteten dagegen sehr gute Arbeit. Eine Arbeit mit Mythen, Halbwahrheiten, quasi lustigen what apps und falsch interpretierten Wahrheiten brachte ihre Fruchte. Nur ihnen, den Impfgegnern. Sie können mit sich zufrieden sein, dank ihnen darf Covid noch einige Jahre toben und töten. Dieser Kampf wird tausende Tote zur Folge haben, so ist das aber halt in jedem Krieg. Kein Krieg bleibt ohne Opfer und grundsätzlich ist jeder Tote in jedem Krieg ein sinnloser Toter. Wie diese, die jetzt infolge der Kampagne in den „sozialen Medien“ in Angst vor der Impfung leben. Und sterben.

               Es ist grundgenommen die freie Wahl jedes Menschen, ob er den Weg der Impfung oder den der Krankheit wählen wird. Die Krankheit ist aber viel zu unangenehm, um die Angst vor einem Stich in die Schulter zu rechtfertigen, die freilich in der Argumentation in der Sorge vor den Nebenwirkungen einer nicht geprüften Impfung verhüllt ist. Natürlich, die Impfung ist immer ein psychologisches Problem. Wenn ein Mensch krank ist, Schmerzen oder Fieber hat, ist er bereit alles zu tun, um wieder gesund zu werden. Bei der Impfung erhält das Vakzin ein gesunder Mensch. Das stellt eine psychologische Barriere dar, die auch psychologisch erklärbar ist. Auf diese Melodie spielen die „heiligen Kämpfer“ für körperliche Integrität und natürliche Immunität. Ich versuche, kurz und so verständlich wie möglich, die Argumente dieser Leute zusammen zu fassen und Gegenargumente anzubieten. Jeder von meinen Lesern kann sich dann ein Bild machen, was er glauben möchte.

  1. Das Impfstoff wurde schnell und zielgerichtet entwickelt, es handelt sich um eine nicht überprüfte Technologie.

Das ist nicht wahr. Natürlich arbeiteten die Pharmakologen aufgrund der Dringlichkeit des Problems an der Entwicklung des Vakzins schneller als üblich. Aber die Methoden der Entstehung der Impfstoffe sind nicht neu. Die Impfung arbeitet grundsätzlich mit zwei Prinzipien. Eines davon ist ein Vektorstoff, das zweite ist die Methode „messenger RNA“. Die erste ist überprüft in vielen früheren Impfungen. Es handelt sich um ein für den Menschen unschädliches Virus, das durch Nanotechnologie so verändert wird, dass es auf seiner Oberfläche wie ein Coronavirus aussieht. Der menschliche Körper erkennt es dann als Antigen des Coronavirus und bildet dagegen eine Immunität. Wenn er dann dem echten Coronavirus begegnet, kann es schnell identifizieren und die Abwehrreaktion starten. Das Vakzin Oxford/Astra-Zeneca arbeitet mit einem Adenovirus, das nur bei Schimpansen nachgewiesen wurde, das russische Sputnik V arbeitet mit zwei menschlichen Adenoviren. Der Grund ist, dass sich ein Mensch mit dem Affenviren unter normalen Umständen nicht anstecken kann und es ist deshalb für das menschliche Immunsystem unbekannt. Es ist also immer ein Antigen und der Mensch wird gegen ihn mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit Antikörper bilden. Bei dem russischen Vakzin ist dagegen möglich, dass ein Mensch in seinem Leben dem Adenovirus bereits begegnet war. In diesem Fall wird dann der Körper nicht reagieren, weil er es bereits kennt und keine Antikörper bilden wird. Deshalb arbeiten die Russen mit zwei Viren gleichzeitig, um diese Wahrscheinlichkeit zu minimieren. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass man den Infekt mit dem Adenovirus bereits durchgemacht hat, ziemlich hoch und steigt mit zunehmendem Alter. In diesem Fall wird die Impfung nicht funktionieren.

mRNA ist wirklich eine neue Technologie, wurde aber nicht gezielt für das Covid-vakzin entwickelt. Das Prinzip dieser Impfungsmethode wurde bereits im Jahr 2018 publiziert mit Nachsatz, dass es möglich wäre, mit dieser Methode binnen weniger Monate eine Impfung gegen JEDES RNA Virus entwickeln zu können. Wenn die Pharmafirmen kein sofortiges Interesse gezeigt haben, war das deshalb, weil sie eine langfristige Immunisierung gegen RNA Viren – sprich Influenza – fürchteten, was eine jährliche Impfung gegen Influenza überflüssig machen und damit ihre Gewinne gefährden könnte. Die Firma Moderna arbeitet aber mit dieser Methode bei anderen Impfungen bereits seit dem Jahr 2013, die Studien mit diesen Stoffen befinden sich derzeit in Phase I oder II der klinischen Forschung. Die Pharmaindustrie hatte halt nicht eilig. Dann kam es aber das Jahr 2020 und mit ihm das Coronavirus. Es ist allerdings zu erwarten, dass in Zukunft viele oder sogar alle Impfstoffe durch diese Methode produziert werden. Bis vor kurzem waren die Nanotechnologien nicht so weit entwickelt, damit dieses „Schneiden“ des Virus und die Identifizierung seiner Teile und ihrer Funktion (also fachlich ausgedrückt die Auswirkung des Genotyps auf den Phänotyp des Virus) möglich wäre.

  • Es handelt sich um einen recombinanten, also genetisch manipulierten Stoff

Ja, im Falle der Impfstoffe Oxford und Sputnik V handelt sich wirklich um ein genetisch manipuliertes Adenovirus. „Recombinant“ bedeutet artefizielle, also synthetisch veränderte DNA oder RNA. Die Produktion der Medikamente durch die rekombinante Methode, also durch eine genetische Manipulation, ist bereits einige Jahrzehnte alt und wird mit dem Ziel verwendet, damit das Medikament stärker, schneller oder länger als der natürliche Stoff wirken kann. Praktisch alle heutzutage verwendete Insuline sind rekombinant, also genetisch manipuliert und werden auch bei schwangeren Frauen ohne Angst vor genetischen Schäden des Kindes verwendet. Um den Patienten die Angst zu nehmen, nennen wir diese Insuline lieber Insulinanaloga. Rekombinant sind auch Stoffe, die Patienten bei akutem Herzinfarkt, einem Insult oder einer Lungenembolie verabreicht werden um die Gerinnsel aufzulösen oder Erythropoietine, die bei blutarmen Patienten angewendet werden. Es ist auch nicht notwendig zu befürchten, dass man zum Affen wird, wenn man mit einem Adenovirus vom Schimpansen geimpft wäre. Man bekommt bei der Impfung nämlich die RNA eines Adenovirus, nicht die DNA des Affen.

  • In den Körper wird Protein aus ungeborenen Föten verabreicht

Das veränderte Virus muss sich irgendwo vermehren, um für die Vakzine verwendet zu werden. Für die Kultivierung der manipulierten Viren wird tatsächlich embryonales Gewebe (oder Hühnereier) verwendet, weil sich dort die Viren am schnellsten vermehren können. In dem Vakzin ist allerdings dieser Wachstumsboden nicht erhalten – also man kriegt kein Protein aus einer „Missgeburt“ gespritzt. Dieses Vorgehen ist allerdings nur bei Vektorvakzinen verwendet, also bei der britischen und russischen. mRNA Vakzinen werden synthetisch produziert, was in der Praxis bedeutet, dass sie viel schneller erzeugt werden können, da die Zeit für die Vermehrung der manipulierten Viren nicht benötigt wird.

  • Wenn einmal die virale RNA in das Genom des Menschen eintritt, kriegt man sie nie mehr raus

Diese schwachsinnige Hypothese wird sogar durch halbgebildete medizinische Mitarbeiter verbreitet, Universitätsprofessoren inkludiert. Erstens – die menschliche genetische Information ist in DNA, also Desoxyribonukleotidsäure kodiert, die virale dagegen in RNA – Ribonukleotidsäure. Diese zwei Säuren sind nicht kompatibel, DNA besitzt zwei Stränge, RNA nur einen. DNA befindet sich im Zellkern, RNA außerhalb des Kernes in der Zelle. mRNA wird im menschlichen Körper in Millionen Kopien produziert und aus dem Kern in die Zelle transportiert, da sie für Bildung von Proteinen zuständig ist. Dieser Prozess ist aber eine EINBAHNSTRASSE und kann nicht umgedreht werden – also die RNA kann nicht in den Zellkern kommen – auch nicht die virale. Bei der Impfung wird in den Körper nur ein kleiner Teil der viralen RNA appliziert und zwar der, der für Bildung der so genannten „Spikeproteine“ zuständig ist. Das sind die Hörnchen auf der Virusoberfläche, nach denen das Coronavirus seinen Namen bekam. Mit diesen Ausläufern bindet sich das Virus an die Zellmembran und ihre Rezeptoren ACE-2 und tritt in die Zelle ein. Einfach gesagt, nach der Impfung wird im Körper dieses „Spikeprotein“ erzeugt, aber ohne das Virus. Wenn dann in den Körper das echte Virus tritt, wird es nach der Struktur seiner Oberfläche von dem Immunsystem erkannt und vernichtet. Die Antikörper binden sich direkt an die „Spikes“ und machen das Andocken und den Eintritt in die Zelle unmöglich.

Sollte aber jemand noch immer Angst vor der mRNA haben, sollte er erwägen, dass alle Menschen, die an Coronavirus krank waren und so die GANZE RNA des Virus in den Körper bekamen, jetzt alle Mutanten sein müssten. Und nicht nur sie, aber auch jeder, der einmal im Leben eine Grippe hatte (ebenfalls ein RNA Virus) wäre auch ein Mutant. Und wenn man die Sache dann weiterverfolgen würde, dann auch jedes Kind, das einmal eine „Nudel“ als Folge eines nichtinvasiven Coronavirus oder Adenovirus an seiner Nase hatte, wäre natürlich auch ein Mutant. Reicht es als Beweis, dass die virale RNA nicht in die genetische Erbinformation des Menschen eingebaut wird? Übrigens ältere Menschen, die keine Absicht haben, Kinder zu zeugen, müssen sich um ihr Genom wirklich keine Sorgen machen. Ich konnte mich nicht zurückhalten und fragte eine achtzigjährige Dame, die sich SOLCHE SORGEN um ihr Genom machte, wieviel Kinder sie noch haben möchte. Aber nicht einmal die Jungen, die sich noch fortpflanzen wollen, müssen Sorge um ihr Erbgut haben. Ihre DNA wird nicht „vervirt“. Weil es nicht geht.

  • Die ganze Impfung dient zu Implantation eines Mikrochips, mit dem dann Menschen kontrolliert und beherrscht werden

Bill Gates hat tatsächlich einmal den unglücklichen Satz gesagt, dass er sich vorstellen könnte, dass es in Zukunft bestimmte digitale Zertifikate geben könnte, bei denen man ablesen könnte, ob jemand geimpft ist oder eine bestimmte Krankheit bereits durchgemacht hätte – mit anderen Worten, ob der Mensch Antikörper gegen eine bestimmte Erkrankung hat oder nicht. Weil die Gatesstiftung tatsächlich auf dem Feld der Mikrochips forscht – z.B. als eine Möglichkeit der Verhütung, entstand eine Hysterie, dass die ganze Impfung nur als Vorwand zu Chipimplantationen der gesamten Menschheit missbraucht wird und dass Bill Gates das ganze Coronavirus nur zu diesem Zweck erfunden hatte. Erstens werden die Vakzine in vielen Firmen auf drei Kontinenten produziert und dass man alle Produzenten dafür gewinnen könnte, in Milliarden Dosen der Impfung Mikrochips einzumischen, ohne dass es entdeckt werden könnte, ist einfach absurd. So viel Einfluss hat Bill Gates wirklich nicht.

  • Das Virus wurde nur dazu erfunden, um Menschen ein tödliches Vakzin zu applizieren, die die Weltpopulation reduzieren sollte

Auch dieser teuflische Plan ist dem Bill Gates zugeordnet, ev. manchmal auch Georgy Sörös. Das Virus entstand wahrscheinlich tatsächlich im Labor in Wuchan, obwohl das nie nachgewiesen wird und China alles unternehmen wird, um eine konsequente Untersuchung zu verhindern. Eine Ermordung von Milliarden Menschen durch ein Vakzin ist aber absurd. Erstens bereits in der klinischen Phase III wurden die mRNA Vakzine insgesamt 70 000 Freiwilligen verabreicht. Und vernünftig denkende Menschen sollten sich die Frage stellen, welches Interesse die Milliardäre haben sollten, die Anzahl der Konsumenten ihrer Waren zu reduzieren.  Gates stiftete zur Entwicklung der Impfstoffe bereits 4 Milliarden Dollar und Menschen fragen, was für ein Profit er davon haben möchte. Was wäre, wenn Gates, dessen Eigentum mehr als ein hundert Milliarden Dollar beträgt, das Geld wirklich verschenkt hätte? So eine Summe tut ihm nicht weh und in der Bibel steht, dass es für die Reichen mit dem Aufstieg in den Himmel schwer sein könnte. Also so könnte man doch einige positive Punkte für das Jüngste Gericht gewinnen. Die Gerüchte über tausende tote Kinder in Afrika und Indien infolge der Versuche mit Impfstoffen sind fake news der übelsten Sorte. In Afrika wurden die Impfstoffe nicht getestet. In Indien wurde der britische Impfstoff geprüft. Ein Freiwilliger erkrankte wirklich an Hirnhautentzündung, in Großbritannien dann einer an Rückenmarkentzündung. Beides hatte eine Unterbrechung der klinischen Prüfung zu Folge. Obwohl es sich um eine sehr seltene Komplikation handelte und bisher nicht nachgewiesen werden konnte, ob diese Fälle wirklich mit der Verwendung der Vakzine zusammenhängen, geriet dadurch die Vakzine Oxfxord/Astra Zeneca so weit in Verruf, dass sogar die Briten selbst mit dem mRNA Impfstoff von Pfizer impfen.

Das Vakzin macht unfruchtbar

               Diese Theorie hat ihren Ursprung in derselben Quelle, wie die von dem tödlichen Vakzin und man macht wieder einmal Bill Gates für die Absicht die Bevölkerung zu reduzieren verantwortlich. Nur ist diese Verschwörungstheorie raffinierter als die von dem tödlichen Vakzin. Wenn die Leute nach der Impfung nicht sofort tot umfallen und dass ist bereits der Fall, wackelt die Theorie der Ausrottung der Menschheit beträchtlich. Mit der Unfruchtbarkeit ist es fiel raffinierter, da diese nur nach Jahren nachgewiesen werden könnte.

               Dazu bekommt diese Theorie einen fast wissenschaftlichen Grundstein, nämlich die Lehre von Syntycin 1. Sie stammt von Biounternehmer Michael Yeadon, der fälschlicherweise als Forschungsleiter bei Pfizer bezeichnet wird. Dieses Eiweiß Syncytin 1 ist für den Aufbau der Plazenta während der Schwangerschaft verantwortlich und ist dem Spikeprotein des Covid19 Virus ähnlich. Das hat einen Grund tief in der menschlichen Geschichte. Syncytin ist kodiert durch ein Gen ERVW-1 und ist wahrscheinlich in unsere genetische Information durch eine retrovirale Infektion vor 25 Millionen Jahren gekommen. Das kann auch eine bestimmte Ähnlichkeit dieses Proteins mit Spikeprotein von Covid 19 erklären. Das bedeutet aber keinesfalls, dass die Immunität sich gegen das Syncytin und in weiterer Folge gegen die Plazentaausbau richten könnte.

               Es gefällt mir der Vergleich, den der Naturwissenschaftler Florian Aigner in „Woman“ machte, wo er sagte:

Impfung bedeutet, dem Körper ein Fahndungsfoto zu zeigen. Das Gerücht ist so als würde man sagen: Fahndungsfotos aufzuhängen ist gefährlich, denn der Täter trägt eine Brille, daher wird die Polizei alle Brillenträger erschießen!«

               Natürlich kann man diese Theorie nur nach einigen Jahren endgültig widerlegen, wenn die geimpften Frauen die gleiche Zahl Kinder wie die nicht geimpften zur Welt bringen würden, (übrigens in der Phase III der Zulassungsstudie des Impfstoffes Pfizer/Biontech sind 23 junge Frauen unter den freiwilligen Probanden schwanger geworden), zu bedenken sind aber zwei Punkte:

  1. Wie gesagt, die Theorie hat ihren Ursprung in der Hypothese, dass Bill Gates die Bevölkerungszahl reduzieren will. Die Antwort ist also auch dieselbe wie bei dem „tödlichen“ Vakzin– welches Interesse könnte der Milliardär haben, die Zahl der Konsumenten seiner Ware zu reduzieren? Will er wirklich arm werden?
  2. Sollte wirklich der mRNA Impfstoff eine Immunreaktion gegen Syncytin 1 auslösen, dann tut das das Virus umso mehr – hier gibt es nämlich die ganze RNA und nicht nur ein Teil von ihr. Und dann würde es in Sachen der Fruchtbarkeit keinen Unterschied machen, ob man sich impfen gelassen oder die Krankheit durchgemacht hat. Das zweite ist aber viel unangenehmer.
  • Impfung verursacht Autismus

Das Gerücht, die aufgrund der Studie von Andrew Wackelfield im Jahr 1998 entstand, wurde schon vielmals widerlegt. Umso hartnäckiger hält es sich am Leben und die Impfgegner verwenden dieses Argument gern bis heute. Diese Studie hatte riesige Mängel, wurde vom Lancet, wo sie publiziert wurde, zurückgezogen und 13 von 16 Autoren distanzierten sich anschließend davon. Trotzdem lebt der Mythos weiter als ein Beweis dafür, dass man ein in die Luft entlassenes Wort niemals zurücknehmen kann. Vor kurzem wurde diese Studie durch eine dänische Studie widerlegt, die 670 000 Kinder untersuchte, die in den Jahren 1991 – 2010 geimpft worden sind. Es wurde kein vermehrtes Auftreten von Autismus beobachtet. Das größte Problem eines Impfstoffes war die Impfung im Jahr 2009 gegen H1N1 Schweinegrippe. Das Vakzin hatte damals vermehrtes Eintreten von Narkolepsie bei Kindern verursacht. Es handelte sich allerdings um ein Vakzin mit getötetem Virus (oder Virusteilen), und diese Technologie wird bei den gegen Coronavirus zugelassenen Impfstoffen nicht verwendet. Übrigens Kinder würde ich sicher gegen Corona nicht impfen lassen. Weil bei ihnen das Nutzen/Risiko Profil nicht stimmt.

  • Die Impfung vernichtet die eigene Immunität. Der Körper muss selbst die Immunantwort für Infektionen erzeugen können

Es handelst sich hier um ein klassisches Produkt einer Wohlstandgesellschaft. Diese Hypothese konnte nur entstehen, weil die Infektionskrankheiten, die früher hunderttausende Menschen töteten – dank Impfung – verschwanden oder sehr selten geworden sind und damit keine Angst mehr machen. Pocken töteten sogar Mitglieder der Kaiserfamilie, an Pocken starb Kaiser Josef I. oder eine Gattin Josefs II. Die Diphterie tötete qualvoll durch Ersticken hunderte Kinder noch in den fünfzigen Jahren. Auch gelähmte Kinder in Rollstühlen infolge einer Kinderlähmung sehen wir nicht mehr. Hoch ansteckende Masern schwächen vorübergehend die Immunität der betroffenen Kinder ähnlich wie HIV Virus. Im ersten Jahr nach durchgemachter Erkrankung steigt die Sterblichkeit der Kinder durch andere infektiöse Erkrankungen im Vergleich mit Kindern ohne Maserninfektion.

Natürlich sind Nebenwirkungen einer Impfung möglich. Briten beschrieben in den ersten Tagen der Impfung zwei schwere allergische Reaktionen, in der USA kam es zu fünf solchen Zwischenfällen. Schuld ist nicht die mRNA, aber das Adjuvans, also der Stoff, in dem die mRNA aufbewahrt wird. In den Zulassungsstudien wurden diese Reaktionen nicht beschrieben – aus einem einfachen Grund – unter den freiwilligen Probanden gab es keine oder nur sehr wenige Allergiker. Bei der Impfung wird in dem Körper ein Fremdstoff verabreicht, wer also eine Neigung zur Allergie hätte, könnte pathologisch reagieren. Ich würde mich also lieber in einer Ambulanz impfen lassen, wo Gegenmittel gegen Allergie vorhanden sind und nicht zu Hause.

Viel mehr beunruhigt mich die russische Empfehlung, dass man während der Vakzination mit Sputnik V acht Wochen keinen Alkohol trinken darf. Abgesehen von der Tatsache, dass diese Maßnahme in Russland so gut wie unrealisierbar ist, weckt so eine Empfehlung (oder Verbot?) einen Verdacht, dass das Vakzin wirklich schwerwiegende Nebenwirkungen auslösen könnte, die Ärzte durch Alkoholkonsum begründen wollen. Ich kann mir eine Interaktion eines Impfstoffes mit Alkoholgenuss weder vorstellen noch physiologisch begründen.

Kopfschmerzen oder Schmerzen an der Impfstelle können auftreten, sowie auch so genannte Vakzinationsreaktionen mit erhöhter Temperatur, Kopfweh oder Müdigkeit – diese haben eine Dauer normalerweise von Stunden oder maximal von zwei Tagen. Sie können auch bei anderen Impfungen auftreten.

               Also Menschen, macht keinen Blödsinn und geht zur Impfung. Sonst werden wir dieser ganzen Sch…..Situation nie los.

Montenegro -Küste I

               Die Geschichte von Montenegro ist kompliziert, aber auch interessant – vor allem aber ziemlich kurz. Trotzdem stößt man auf ältere Relikte, die aus der Zeit des Fürstentums Zeta stammen, das einmal auf dem Gebiet von Montenegro lag oder auf Spuren der venezianischen oder türkischen Herrschaft – das alles verleiht diesem exotischen Land sein spezifisches Flair.

               Montenegro war immer mit seinem mächtigen Nachbarn im Osten – Serbien – verbunden. Deshalb kämpften die Montenegriner auf serbischer Seite in der Schlacht gegen die Türken auf dem Amselfeld im Jahr 1389 und gemeinsam mit ihnen erlitten sie eine katastrophale Niederlage. Es dauerte trotzdem noch mehr als hundert Jahre, bis sie von den Türken beherrscht wurden und auch das niemals vollständig. Der Grund dafür sind die geographischen Verhältnisse – was sollte die Hohe Pforte mit einem Land zwischen hohen Bergen mit einem steinigen unfruchtbaren Boden schon anfangen? Sollten hier türkische Soldaten sterben, nur damit sich jemand vor dem Sultan beugen würde? Die Türken hatten andere Sorgen und die waren die von Venezianern kontrollierte adriatische Küste.

               An der Küste von Montenegro befinden sich vier Städte (die fünfte ist Herzeg Novi, um die zwar damalige Weltmachten auch kämpften, wovon die spanische Festung in dieser Stadt zeugt, diese Stadt erreichte aber nie die Bedeutung ihrer Nachbaren und auch in der heutigen Touristik spielt eine untergeordnete Rolle.) Jede Stadt ist anders und jede hat eine andere Bedeutung. Wir schauen uns also die übrigen vier an.

               Bar ist eine moderne kleine Stadt mit einem industriellen und einem militärischen Hafen, die dank der Eisenbahn, durch die sie mit Beograd verbunden ist, eine ökonomische Schlüsselposition in der montenegrinischen Wirtschaft besitzt.

               Budva ist wahrscheinlich die schönste der montenegrinischen Städte und ist ein inoffizielles Zentrum der Touristik mit einem beeindruckenden Nachtleben.

               Kotor hat ein melancholisches Flair, besonders für Menschen, die auf dem Gebiet der ehemaligen Donaumonarchie aufwuchsen, hier war einmal die österreichische Seemacht stationiert.

               Ulcinj als die südlichste montenegrinische Stadt hat schon einen anderen, eher albanischen Charakter und sie ist ein Zentrum der Badetouristik, besonders auf der „Velika Plaža“ also auf dem „Großen Strand“ südlich der Stadt, der 13 Kilometer lang ist.

               Wir starteten unseren Besuch dieser Städte in Bar, schon deshalb, weil hier der nächste Supermarket und der nächste Bankomat war. Bar ist eine moderne Stadt mit 13 000 Menschenseelen, also klein, aber ziemlich lieb. In Bar gibt es den industriellen Hafen, hier liegt vor Anker aber auch die ganze montenegrinische Militärflotte und den Hafen in Bar (alternativ auch in Kotor) müssen alle privaten Jachten anfahren, um sich hier registrieren zu lassen und die Eintrittsgebühren in das Land zu bezahlen. Bar hat ein winziges Stadtzentrum, zwei riesengroße Kirchen, wobei die orthodoxe wirklich imposant ist.

Es ist ein gigantischer moderner Bau, der in seinem Inneren der orthodoxen Tradition folgend bis zum letzten Zentimeter mit Fresken bedeckt ist. Vor der Kirche befindet sich eine Büste des Königs Nikola I., der Bar für Montenegro im Jahr 1878 eingenommen hat. König Nikola, dem wir noch oft begegnen werden – er war der einzige montenegrinische König – baute in Bar seine Sommerresidenz. Es ist eine elegante Villa in klassizistischem Stil direkt an der Küste inmitten eines kleinen, aber schönen Parks mit einem Restaurant.

Der König hatte dafür nicht viele Orte zu Auswahl. Im Jahr 1878 wurde Montenegro an der Küste lediglich die Stadt Bar zugesprochen, das eroberte Ulcinj mussten sie an die Türken zurückgeben und erhielten es erst im Jahr 1880 wieder zurück. Dafür, um die Türken zum Verlassen von Ulcinj zu zwingen, musste vor der Küste die Flotte der siegreichen Weltmächte ihre Stärke demonstrieren. Der ganze Kai von Bar ist ein großer Park mit Palmen, Restaurants und Kinderspielplatz, es ist dort sehr lieb. Ein bisschen anders schaut es ein paar hundert Meter weiter im Innenland aus, wo Plattenbauwohnhäuser aus der kommunistischen Zeit das Bild der Stadt dominieren.

               Das neue Bar ist nämlich eine ziemlich junge Stadt, die um den ehemaligen Hafen entstanden ist. Die antike Stadt, die Antibari hieß, weil sie an der Küste gegenüber der italienischen Stadt Bari lag, befindet sich in den Bergen und ist von der Küste einige Kilometer entfernt.

So war es der Brauch in der Antike, nicht anders war es in Athen mit Piräus oder in Ephesos mit seinem Hafen. Das alte Bar ist eine monumentale Ruine, weil es in Rahmen der Befreiungskämpfe im Jahr 1878 vollständig zerstört und nie mehr wieder aufgebaut wurde. Die Türken leisteten in der dortigen Festung hartnäckigen Widerstand bis zum bitteren Ende. Die befestigte Ruine ist eines Besuches wert, die mächtige Stadtmauern blieben beinahe unbeschädigt, zum Tor führt ein Gässchen zwischen Geschäften und kleinen Cafés, meistens mit moslemischen Verkäufern, im Alten Bar lebt die moslemische Kommune, die meistens in Norden Montenegros ansässig ist. Davon zeugen auch einige Moscheen, die man in der Stadt unterhalb der Ruinen der Altstadt sehen kann. Die Venezianer schafften es, die Stadt im Jahr 1443 zu erobern, gerade rechtzeitig, um ihre Einnahme durch die Türken zu verhindern. Sie konnten die Stadt allerdings nur bis zum Jahr 1571 halten, dann kamen doch die Türken. Die Mehrheit der Relikte stammt also aus der türkischen Epoche, wie das türkische Bad, der Uhrturm oder ein Aquädukt, mit dem Türken die Festung mit Wasser versorgten. Es ist schwer zu glauben, aber als fast alle modernen Gebäude in der Stadt einem Erdbeben im Jahr 1979 zu Opfer gefallen sind, verursachte dieses bei dem türkischen Aquädukt nicht den geringsten Schaden. Alle Ehre also der türkischen Baukunst dieser Zeit!

Auf dem höchsten Punkt der Stadt gibt es eine Zitadelle mit wunderschönen Aussichten bis zum Meer und auf die Berge, die die Stadt von Süden und von Osten beinahe bedrohlich umzingeln. Bei diesem Blick versteht man, woher Montenegro seinen Namen hat. Im Hof der Festung gibt es eine Zisterne, in der in der Zeit der italienischen Okkupation (1941 – 1944) einige jugoslawischen Freiheitskämpfer von den Italienern ertränkt worden sind. An diese Tatsache erinnert eine Tafel mit einer Aufschrift in zyrillischer Schrift. Die Tatsache, dass ich versucht habe, den Text zu entziffern, brachte eine anwesende Touristin zur Frage, ob ich ein Russe sei. Als ich es verneinte, stellte sich die Dame selbst vor. Sie war eine Russin aus Sankt Petersburg, die in der Zeit, als es in Montenegro noch sehr billig war, ein Apartment in Budva kaufte. Jetzt führte sie ihre Verwandten aus Omsk durch das Land, in dem sie seit dem Apartmentkauf jeden Sommer verbrachte.

               Budva ist nämlich wirklich fest in russischer Hand. Russisch hört man auf jedem Schritt, die Stadt ist die Hauptstadt der montenegrinischen Touristik mit großem Jachthafen und Unmenge von Hotels. Überraschenderweise war es nicht schwierig, ziemlich nahe an dem Stadtzentrum zu parken.

Allerdings auf der Wiese vor der Stadtmauer, wo ich einmal im Jahr 1982 mit meinem finnischen Freund Heikki geschlafen habe, stehen heute Hotels, Hotels und wieder einmal Hotels. Budva ist durch sein Nachtleben berühmt, mit Diskotheken, Restaurants und Bars. Budva war – im Gegensatz zu Bar – bis zum Jahr 1918 österreichisch- Es ist lieb, wie viele z.B. ungarische Worte aus dieser Zeit geblieben sind. Die Altstadt in Podgorica heißt „stary varoš“ (die Neustadt dann logisch „novy varoš“. Varos ist das ungarische Wort für Stadt). Der Strand nahe Budva heißt dann „Bečiči“. Den Zusammenhang versteht man nur, wenn man weiß, dass Wien ungarisch Bécz heißt, also Bečiči ist „kleines Wien“ an der Adriaküste. Von der Tatsache, dass sich hier die Habsburger nicht wirklich willkommen fühlten, zeugt die Festung in der Altstadt von Budva. Auch in Richtung Stadt hat sie keine Fenster, dafür aber zahlreiche Schießscharten, offensichtlich bestand ein Bedarf, sich nicht nur gegen den Feind vor den Mauern sondern auch gegen die eigene Bevölkerung zu schützen. Von den Mauern der Festung gibt es wunderschöne Aussichten. Es ist möglich, eine Eintrittskarte für einen Rundgang auf den Stadtmauern zu kaufen, um am Ende des Weges zu erfahren, dass es keinen Rundgang gibt. Der Spaziergang endet unter der Terrasse eines Luxusrestaurants und man muss den gleichen Weg wieder zurücklegen. Also kann man die Schönheit der Aussichten von den Mauern gleich zweimal genießen. Dabei auch den Blick auf die Insel Sankt Nikola, wo es die schönsten Stadtstrände gibt und wohin die Boote pendeln, um dorthin badesüchtige Touristen zu transportieren. Strände gibt es auch unter den Stadtmauern, wohin man durch ein kleines Tor in den Stadtmauern gelangt oder es gibt auch der große Strand „Slovenska plaža!“ südlich der Altstadt.

               Budva ist sehr schön, weil es vollständig wiederaufgebaut wurde. Nach dem Erdbeben im Jahr 1979 blieben von mehr als 200 Gebäuden in der Altstadt ganze fünfzehn unbeschädigt. Deshalb durften wir damals mit Heikki nicht in die Stadt hinein, weil im Jahr 1982 die Bausubstanz noch viel zu instabil und sturzgefährdet war. UNESCO schlug damals vor, um einer Horrorvorstellung zuvor kommen, dass auf der Stelle der Ruinen das kommunistische jugoslawische Regime Platenbauten bauen würde, die Städte Budva und Kotor in die Liste der Weltkulturerbe aufzunehmen und für eigenes Geld zu erneuern. Die jugoslawische Regierung nahm dieses Angebot dankend an – im Gegensatz zu Dogmatikern in Moskau, Berlin oder Prag war Josip Bros Tito ein Pragmatiker. Die Schönheit des alten Budva war damit gerettet. Durch enge Gassen kämpft man sich bis zum Hauptplatz, der von drei Kirchen umzingelt ist – also durch die katholische Kirche des Heiligen Johann des Täufers, weiter durch die orthodoxe Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit. Die älteste Kirche in Budva ist die angeblich aus dem Jahr 840 stammende „Santa Maria in Punta“ und neben ihr ein kleines Kirchlein des heiligen Sava, das mehrmals seinen Besitzer wechselte. Seit dem Jahr 1657 ist es orthodox, aber die Franziskaner, die in ihm bis zu diesem Jahr residierten, durften den Schlüssel der Kirche behalten – man weiß ja nie…

Wir waren zweimal im Restaurant „Dvorište“ essen. Sehr gutes Essen, angemessene Preise und sehr gute nette Bedienung, ich kann es nur empfehlen.

Der schönste Blick auf Budva gibt es von der Straße ins Landesinnere in Richtung Cetinje. Die Straße ist neu und gut ausgebaut und überwindet einen Höheunterschied von 900 Metern. Oben sind schöne Aussichtspunkte, der Blick nach unten auf die Stadt ist einfach atemberaubend.

Unweit von Budva befindet sich die Insel „Sveti Stefan“ (dank eines Dammes, der sie mit dem Festland verbindet, wurde die Insel zu Halbinsel). Dort bekam ich das Gefühl, wie sich Montenegro seit meinem letzten Besuch im Jahr 1982 geändert hat. Damals konnten wir an der Küste unmittelbar gegenüber der Insel in einem Apartment wohnen, und zwar als Studenten für einen annehmbaren Preis, heute wäre so etwas undenkbar. Die ganze Insel ist heute (war allerdings immer schon) ein Luxushotel, wo eine Nacht mit dem Blick aufs Meer 5000 Euro kostet und für ein Zimmer inmitten der Insel man NUR 1000 Euro pro Person und Nacht zahlt. Im Jahr 1982 durfte man die Insel trotzdem besuchen und schauen, wo bestimmte Prominenten wie z.B. die Queen, wohnten) heute geht es nicht mehr. Die Strände, wo wir mit Heikki gebadet haben, sind für die Öffentlichkeit geschlossen, nur wenn sie nicht mit Hotelgästen ausgelastet sind, darf man eine Eintrittskarte für 75 Euro pro Tag kaufen.

Montenegro II

Ich würde heute meinen Artikel mit dem gleichen Zitat aus dem deutschen Reiseführer anfangen, mit dem ich vor zwei Wochen mein Schreiben beendet habe. Also:

„Die Abfahrt von Jadranski Put hinunter an den Strand des Retortendorfes Čanj lohnt sich eigentlich nur für Reisende mit sehr schmalem Budget und geringen Ansprüchen. Fast ausschließlich Urlauber aus Serbien sowie ein paar versprengte Tschechen und Ungarn verbringen hier ihren Urlaub auf der Luftmatratze. Am Wochenende wird es dann richtig voll, denn von Podgorica sind es durch den neuen Straßentunnel nur noch 45 Minuten bis hierher. Da ist es natürlich praktisch, dass der hintere Teil des Kiesstrands gleich als Parkplatz ausgewiesen ist.“

               Trotzdem hat nicht einmal dieser Reiseführer das Hauptproblem von Čanj erfasst – nämlich, dass es sich tatsächlich um den Stadtstrand der Hauptstadt von Montenegro Podgorica handelt. Nach dem Bau des Straßentunnels, der Podgorica mit der Küste anbindet, ist gerade Čajn der nächstgelegene Strand, zu dem die Einwohner von Podgorica aufbrechen, wenn sie sich entscheiden, ans Meer zu fahren. Und das tun sie leider häufig. Die Fahrt hierher mit dem Auto dauert  – wie schon erwähnt – ungefähr eine Dreiviertelstunde, also es zahlt sich aus, sogar nachmittags nach der Arbeit herzufahren und ein kleines Bad im Meer zu nehmen. Diese Möglichkeit wird leider sehr oft genutzt – meiner Meinung nach viel zu oft. Also das schöne Photo im Internet wurde sicherlich irgendwann in April um sechs Uhr morgens geschossen.

Das ist nämlich wahrscheinlich die einzige Zeit, wenn der Strand nicht überfüllt ist. Übrigens, es gibt nicht nur „ein paar versprengte Tschechen“ hier. In einem alten Hotel am Strandrand residiert die tschechische Versicherung „Mořský koník“, also „Seepferd“ und organisiert hier Erholungsaufenthalte für tschechische Kinder.

Die einzige Alternative für ein schönes Bad ist ein Transfer mit einem Boot für drei Euro zum „Königsstrand“, der sich hinter einem Felsen in einer anderen Bucht befindet. Leider ist diese Überfahrt für Menschen mit Kinetose, wie zum Beispiel meine Frau, nicht unbedingt empfehlenswert.

               Übrigens Čanj war der nördlichste Punkt von Montenegro bis zum Jahr 1918. Zwei Kilometer nördlich von diesem Dorf gibt es einen Pass, der in den Jahren 1878 – 1918 die österreichisch-montenegrinische Grenze war. Das Städtchen Petrovac – damaliges venezianisches und später österreichisches „Castello Lastva“ war der südlichste österreichische Ort. So weit nach Süden reichte nach dem Wiener Kongress Österreich-Ungarn und Montenegriner wechselten auf der anderen Seite der Grenze die Türken im Jahr 1878 aus, als sie mit russischer Hilfe den Zugang zum Meer eroberten – damals nach 1878 gehörten aber zu Montenegro lediglich die Häfen Antibari (das heutige Bar) und Ulcinj.

               Natürlich besaß ich die Adresse unserer Unterkunft. Der Name „Apartman Promis“ klang nobel und ich war überzeugt, dass in einem Loch wie Čanj doch jeder Mensch wissen müsste, wo das ist. Obwohl mein GPS natürlich keine Ahnung hatte. Es brachte uns nach Čanj , den Namen der Straße kannte es aber natürlich nicht und ich konnte den richtigen Ort nicht finden. Meine Frau war überzeugt, dass sie unser Apartment in einem Gebäude am anderen Ende des Ortes erkennen konnte, wir fuhren also hin. Vor den Häusern, die denen aus dem Internet absolut ähnelten, obwohl sie keine sichtbare Bezeichnung des Apartments trugen, gab es einen öffentlichen Parkplatz. Ich blieb dort stehen und fragte einen jungen Mann, der dort die Parkgebühren einhob, ob das Gebäude vor uns „Apartman Promis“ sei. Er sagte absolut überzeugend, dass es sicher nicht so sei, er müsste darüber doch etwas wissen. Ich wurde unsicher, allerdings glaubte ich ihm und fuhr weg, um unsere Unterkunft zu suchen. Entlang der Küstenstraße gab es eine Menge kleiner Geschäfte, Strandbars und Restaurants, ich hielt bei einem Geschäft an und zeigte der Verkäuferin die Adresse unserer Unterkunft. Sie schüttelte den Kopf und meinte, es wäre sicher nicht dort. Ich begann zu schwitzen und wandte ein, wir wären doch in Čanj. Das war sie bereit zu gestehen, sie meinte aber, dass es die Adresse auf unserer Buchung über „Booking com“ im Ort sicher nicht gäbe. Ein bisschen irritiert entschied ich mich in einem Restaurant nach dem Apartment zu fragen. Ein guter Wirt muss doch alles wissen! Er meinte aber, dass er von einem Apartment mit diesem Namen und über diese Adresse, die ich auf meinem Papier hatte, noch nie etwas gehört hätte. Ich begann zu ahnen, dass wir Opfer von Internetbetrügern waren. Auf der Buchung gab es aber eine Telefonnummer. Ich rief an… und ich läutete ins Leere. Nicht nur das erste Mal, sondern auch das zweite Mal hat niemand abgehoben. Das dritte Mal meldete das Telefon, dass die gerufene Nummer unerreichbar wäre. Kurz bevor ich in Ohnmacht gefallen wäre, erinnerte ich mich, das ich bei der Einfahrt in den Ort einen Polizisten sah, der gerade dabei war, jemandem einen Strafzettel auszustellen. Ein Polizist MUSS doch wissen, wo es welche Adresse gibt – in einem Ort, um den er sich kümmert.

               Wir fanden den Polizisten. Ich fragte ihn nach der Adresse und er meinte, dass so etwas sich in Čanj sicher nicht befinde. Er merkte meine Blässe und rief die Telefonnummer aus meiner Buchung an. Ich wandte ein, dass ich diese Nummer bereits dreimal erfolglos angerufen hatte. Er reagierte auf meinen Einwand nur mit einer missachtenden Handbewegung und tippte die Nummer in sein Handy. Diesmal wurde auf der anderen Seite sofort abgehoben. Es folgte ein langes und sehr emotionales Gespräch. Dann forderte mich der Polizist auf, ihm zu folgen. Er schaltete an seinem Motorrad das Blaulicht ein und führte uns – direkt vor die Apartments, wo wir am Anfang unserer Suche waren.

Der junge Mann auf dem Parkplatz war sehr überrascht, uns wieder zu sehen. Noch mehr überrascht war er, als er erfuhr, dass das Haus hinter dem Parkplatz, wo er bereits den ganzen Sommer die Parkgebühren eingehoben hat, ein Apartment namens „Promis“ ist.

               Die Zufahrt zum Appartement war nicht ganz einfach, weil serbische Touristen ihre Autos in zwei Reihen nebeneinander abgestellt und somit die Zufahrt beinahe verschlossen hatten, aber als ich mich auf dem Parkplatz umdrehte und die Zufahrt von der anderen Seite angefahren hat, gelang es mir mit Hilfe meiner Gattin und fester Nerven mein Auto doch in die Lücke zu pressen und bald danach vor unserem Appartement einzuparken. Die Dame in der Rezeption sprach sehr gut Russisch und Englisch gleich schlecht wie ich, also war die Kommunikation mit ihr absolut problemlos. Man durfte ausschließlich in bar zahlen, es wurden keine Karten akzeptiert. Zum Glück rechnete ich damit und hatte genug Bargeld zur Hand. Auf die Frage, wo sich der nächste Bankomat befinde, um die dadurch erschöpfte Geldresourcen aufzufüllen, sagte mir die Dame, dass es in Bar wäre. Die Stadt Bar war elf Kilometer entfernt. In diesem Moment begann ich zwei Dinge zu ahnen:

  1. Čanj ist kein touristisches Zentrum, wie wir gewohnt sind. Das bestätigte sich auch. Wir fanden hier ein einziges Restaurant, das sogar Sonnenschirme mit einer Werbung für das tschechische Bier „Staropramen“ hatte (Obwohl es nur „Nikšičko pivo“ in Angebot gab – das Bier war aber nicht schlecht). Es gab hier nur ein Hotel. Als wir dort einmal zum Mittagessen gingen, war das Personal von der Anwesenheit der Ausländer so durch den Wind, dass wir uns weitere Besuche lieber ersparten. Ein Geschäft vom Typ eines Supermarkets gab es hier keines und das ganze Dorf wurde von einem Polizisten bewacht – dem, der uns zu unserem Appartement brachte und seit diesem Moment mit uns sehr befreundet war – übrigens bekam er für die Rettung unserer Leben zehn Euro als Trinkgeld.
  2. Ganz Montenegro ist eine große Waschmaschine fürs Geld. Und zwar für russisches Geld. Es gibt doch nichts Besseres, als in dieses Land schmutzige Rubel zu investieren und aus der Waschmaschine dann saubere Euros zu kassieren. In Montenegro zahlt man mit Euro, obwohl das Land keine eigene Emissionspolitik betreibt (obwohl es eine Nationalbank in Podgorica besitzt – welche Funktion diese Bank hat, habe ich nicht entziffert). EU akzeptiert schweigend diesen Auswuchs, offensichtlich bringt er doch bestimmte Vorteile. Es war eine Tat des Präsidenten Djukanovič, als Montenegro noch ein Teil der serbisch-montenegrinischen Föderation war. Im Jahr 1999 nach der Bombardierung von Serbien durch die Flugzeuge der NATO befürchtete Djukanovič eine Inflation des serbischen Dinars. Er entkoppelte also die eigene Währung und nahm als offizielles Zahlungsmittel im Land die deutsche Mark an (die seit 1998 bereits ein offizielles Zahlungsmittel im benachbarten Bosnien und Herzegowina war). Als dann Deutschland der Eurozone beitrat, folgte ihm Montenegro – im Gegensatz zu Bosnien. Der größte der montenegrinischen Kurorte am Meer – Budva – ist fest in russischer Hand, für russische Touristen wurde sogar ein Militärflughafen in Tivat in einen zivilen Flughafen umgebaut – der Weg nach Montenegro führt direkt am diesen Flughafen vorbei, als über mein Auto in einer ungefähr Dreißigmeterhöhe ein großes Flugzeug der Aeroflot schwebte, war ich mir nicht sicher, wie es der Pilot meinte und ob er gerade landete oder abstürzte. Die  Montenegriner haben – ähnlich wie die Serben – ein traditionell gutes Verhältnis zu Russland und die Ähnlichkeit ihrer Sprache mit Russisch verdankt sie nicht nur den gemeinsamen slawischen Wurzeln, aber auch der Tatsache, dass der Gründer der serbischen (und damit auch montenegrinischen) Sprache Petar Petrovič Njeguš in Sankt Petersburg studierte.

Wir haben also unsere Unterkunft bezogen, die Apartments waren schön, neu und sauber mit einem Schwimmbad und sogar auch die Mehlschwalben auf dem Balkon hielten sich an die Vorschriften der Sauberkeit. Wir bereiteten uns vor, das interessante Land zu erkunden. Aber darüber das nächste Mal.

Montenegro

               Einmal wird der ganze Wahnsinn mir Coronavirus vorbei sein und dann beginnt man wieder Urlaub zu planen. Also versuche ich in einer kurzen Serie von drei Artikeln etwas über ein kleines Land weit weit weg am südlichen Balkan zu erzählen.

               Montenegro ist ein winzig kleines Land im Südwesten des Balkans. Es ist wirklich sehr klein. Wenn man den Berg „Jezerni Vrh“ besteigt, wo die Montenegriner  ein Mausoleum für ihren „Vater der Nation“ Petar Petrovič Njeguš erbaut haben, sieht man von diesem Gipfel aus praktisch das ganze Land. Vom Fjord von Kotor bis zum Skadarsee, die neue Hauptstand Podgorica sowie auch die alte Hauptstadt Cetinje. Von hinten (und von oben) schaut auf Sie der höchste Berg des Landes „Babin Kuk“. Also, wenn die Montenegriner ihrem geliebten Fürstbischof (geliebt war er, wie es den Väter der Nationen üblicherweise geschieht, nur nach seinem Tod) eine Aussichtsterrasse bauen wollten, so gelang es ihnen perfekt. Es ist auch notwendig zu bedenken, dass zu der Zeit, als das dankbare montenegrinische Volk  Petar Petrovič ins Grab legte, dieses Ländchen noch wesentlich kleiner war. Es waren die Landesgewinne in den Jahren 1878 und 1918, die das Land so weit vergrößerten, dass man es zumindest in die Europa- Landkarten eintragen konnte.

               Der Name des Landes ist vielsagend. Auf dem ganzen Gebiet, das 13 812 km2 umfasst und in dem 600 000 Einwohner leben, gibt es nämlich kaum etwas anderes als schwarze Berge.

Also mit Ausnahme der Küste, dem südlichsten Abschnitt der Adriaküste, der noch vom slawischen Element bewohnt wird. Das war eigentlich der Grund, warum wir in Richtung Montenegro aufbrachen.

               Der Reiseführer macht darauf aufmerksam, dass die Fahrt nach Montenegro und besonders dann die Fahrt IN MONTENEGRO feste Nerven und viel Geduld verlangen würde. Meine liebe Frau auf dem Beifahrersitz hat diese Eigenschaften nicht unbedingt im Überschuss und so gewann unsere Reise auch einen zusätzlichen emotionalen Aspekt.

               Die Fahrweise der Montenegriner ist tatsächlich spürbar emotional und so ist es ratsam, eher Instinkte als Vernunft beim Fahren zu verwenden. Dieses kann nämlich versagen. Das habe ich gleich am Tag der Anreise verstanden, als ich beinahe ein Auto übersah, das mich von rechts überholte (es hatte recht, links gab es keinen Platz). Seit diesem Moment beachtete ich bei der Fahrt mehr meinen Rückspiegel als das Geschehen vor mir. Die Montenegriner lieben eine schnelle Fahrt und lassen sich dabei durch Dinge, wie Geschwindigkeitsbeschränkung, doppelte Sperrlinie oder unübersichtliche Kurve nicht irritieren. Manche stürzen sich in diese Verbote oder Kurven mit dem Mut eines Kamikazes. Es gibt Gott sei Dank aber nicht sehr  viele von ihnen. Natürlich, alle Montenegriner würden gern auf diese Art fahren, werden aber dabei wesentlich durch die Qualität ihrer Fahrzeuge, die überwiegend aus dem Jahr „1900 und wenig“ stammen, limitiert. Bergauf schaffen ihre Mercedes maximal dreißig bis vierzig Kilometer pro Stunde. Und bergauf ist es dort häufig – siehe den Namen des Landes.

               Mit dem Parken machen sich die Einheimischen auch keine Sorgen. Das Auto wird einfach IRGENDWO abgestellt. Ob damit jemand eingesperrt wäre, interessiert sie nicht im Geringsten, auch wenn es nur einen Meter weiter zu fahren wäre, um dem Betroffenen eine freie Ausfahrt zu gewähren. Mit dieser Situation wurden wir bereits am ersten Tag konfrontiert. In der Nacht kam zu unserem Apartmenthaus irgendjemand im Mercedes mit deutschem Kennzeichen und stellte das Auto quer ab, damit niemand das Apartment verlassen konnte. Obwohl es wirklich gereicht hätte, nur einen Meter weiter, näher zur Wand des Hauses, zu fahren. Die Montenegriner kennen aber nicht die Entschlossenheit meiner Frau. Die ist bereit, sich um sieben Uhr in der Früh ins Auto zu setzen – in Montenegro herrscht zu dieser Uhrzeit noch tiefe Nacht, die Sonne strahlt zwar schon, aber alle befinden sich noch in der Phase eines tiefen Schlafes – und sie hupte so lange, bis jemand kam und den Weg für die Ausfahrt frei machte.

               Natürlich war es nicht der Desperado, der uns die Ausfahrt versperrt hatte, sondern ein anderer Bewohner des Apartmenthauses. Es war ein Deutscher aus Stuttgart, der uns den Weg durch ein kompliziertes Manöver freimachte, damit wir zu unserer Erkundungsreise aufbrechen konnten. Selbstverständlich gehörte das unsinnig eingeparkte Auto mit dem deutschen Kennzeichen einem einheimischen jungen Mann aus Čanj. In Montenegro muss man nicht die geringste Sorge haben, dass man durch das Autokennzeichen als Ausländer identifiziert werden könnte – die Hälfte aller Montenegriner arbeitet irgendwo im Ausland und hat also an ihren Fahrzeugen ausländische Kennzeichen. Am häufigsten deutsche aber überraschenderweise auf viele amerikanische, besonders aus der Staaten New York und New Jersey.

               Der Weg nach Montenegro ist lang. Es zahlt sich also aus, irgendwo unterwegs in Kroatien einmal zu übernachten. Wir taten es, wir übernachteten in Trogir und wir bereuten es nicht. Bis nach Ploče, wo die Autobahn in Richtung Sarajevo abbiegt, ist die Fahrt sehr gut, dann aber erwartet den Fahrer die Adriatische Magistrale (Jadranski Put) und einige Grenzübergänge, an denen die Zollbeamten ihre Arbeit sehr ernst nehmen. Besonders die kroatischen, die sich offensichtlich bemühen, die Touristen dafür zu bestrafen, dass sie sich entschieden hatten, in einem anderen als in ihrem Land den Urlaub zu verbringen. Zuerst überquert man die Grenze zwischen Kroatien und Bosnien und Herzegowina. Diesem Land gehört an der Küste nur eine einzige Gemeinde namens Neum, dann muss man wieder nach lediglich fünf Kilometern über die nächste Grenze von Bosnien und Herzegowina wieder zurück nach Kroatien und dann, nach einer langen Fahrt auf der Magistrale an Dubrovnik vorbei, kommt die Grenze zwischen Kroatien und Montenegro. Achtung, die sogenannte „Grüne Karte“ nicht vergessen! Wenn der Zöllner darauf kommt, dass man sie nicht mit hat, muss man gleich an der Grenze eine Reiseversicherung abschließen und die kostet 70 Euro. Ich hatte eine bereits abgelaufene Karte aus dem vorigen Jahr mit, aber so zimperlich sind die südbalkanischen Zollbeamten doch nicht. Ich kam kostenfrei durch. Auf dem Gebiet von Montenegro bewegt man sich dann fast ausschließlich in verbautem Bereich, also eine Geschwindigkeit mehr als fünfzig Kilometer pro Stunde ist nur selten erlaubt. Zusammengerechnet haben wir für 119 Kilometer von Čanj, wo wir wohnten, nach Dubrovnik, viereinhalb Stunden gebraucht, wobei uns kroatische Zollbeamten eineinhalb Stunde vor ihrer Grenze stehen ließen. Also ohne die bereits erwähnte Geduld kommt man nicht durch. Diese hatte aber meine Frau unglücklicherweise nicht eingepackt. Ich muss ihr aber sehr dankbar sein, dass sie mir einen Eintagesausflug nach Dubrovnik ausgeredet hat. Aus den oben genannten Gründen ist so etwas nicht realisierbar. Vergessen Sie eine solche Idee und mieten Sie in Dubrovnik ein Apartment für eine Nacht, wenn Sie die Stadt „Game of Throns“ unbedingt besuchen möchten.

               Ein bisschen problematisch ist es in Montenegro eine bestimmte Adresse zu finden. Zum Beispiel die Adresse des Apartments, in dem man den Aufenthalt gebucht hatte. Adressen sind hier nicht üblich, Maria Theresia mit ihrem Landeskataster war hier nicht tätig. Einige Straßen haben zwar Namen und die Häuser sogar Nummer – nur niemand von den Einheimischen kennt sie – und schon gar nicht mein GPS. Die Mehrheit der Firmenautos, denen man begegnet, hat in der Firmenadresse Angabe „bb.“, also „bez broja“ – ohne Hausnummer. Die Straßen besitzen zwar Namen, diese sind aber sogar ihren eigenen Bewohnern unbekannt. Wen kümmert es schon, dass es die Njegušstraße sein soll? Für die Montenegriner ist das doch die Straße, in der Drago seine Autowerkstatt hat. Für einen Ausländer, der die örtlichen Verhältnisse nicht kennt, könnte diese Tatsache zum Problem werden. Man kennt den Drago nämlich nicht und ist damit verloren!

               Also ist es praktisch, sich das Aussehen des Apartments oder Hotels, in dem man wohnen soll, zu merken oder noch besser es auszudrucken und mitzunehmen. So kann man sein Hotel erreichen. Wir haben diese Sache in unserer Unerfahrenheit unterschätzt und vernachlässigt. Es sollte sich rächen.

               Die Wahl der Unterkunft in Čanj schaute auf den ersten Blick sehr vernünftig aus. Im Internet gab es einen schönen, breiten, sauberen. menschenleeren Kiesstrand, die Ortslage war direkt im Zentrum der montenegrinischen Küste, also für jemanden, der das Land kennenlernen möchte, absolut ideal. Nur später kaufte ich einen Reiseführer über Montenegro und nach Durchlesen des Artikels über Čanj entstanden in mir bestimmte Zweifel über die Richtigkeit der Wahl der Unterkunft. Der deutsche Reiseführer hat – ziemlich sarkastisch – geschrieben: „Die Abfahrt von Jadranski Put hinunter an den Strand des Retortendorfes Čanj lohnt sich eigentlich nur für Reisende mit sehr schmalem Budget und geringen Ansprüchen. Fast ausschließlich Urlauber aus Serbien sowie ein paar versprengte Tschechen und Ungarn verbringen hier ihren Urlaub auf der Luftmatratze. Am Wochenende wird es dann richtig voll, denn von Podgorica sind es durch den neuen Straßentunnel nur noch 45 Minuten bis hierher. Da ist es natürlich praktisch, dass der hintere Teil des Kiesstrands gleich als Parkplatz ausgewiesen ist.“

Wir haben den Strand erreicht, aber darüber das nächste Mal. Es ist eine ein bisschen längere Erzählung.

Die Rückkehr eines Kriegers

„Troja wurde bereits vor zehn Jahren vernichtet“, sagte einer der Männer, die vor der Hütte saßen. Es war ein schöner Tag, vom Meer wehte ein frischer Wind und zerzauste ihre Haare. Beide waren schon alt, aber während der eine, der gerade das Ferkel aufschnitt und seine Teile auf den Bratspieß spießte, durch sein Leben und seine Arbeit alt geworden ist, das Alter des anderen wirkte unecht. Er hatte zwar faltige Haut alter Männer und von Salz vertiefte Falten um die Augen und Mund, aber seine Augen, obwohl müde, zeugten von einem jüngeren Alter, als seinen grauen Haaren und dem Bart entsprachen. Er redete nur wenig, er beobachtete verträumt die Hügel der Insel, es lag also an dem anderen, die Konversation am Laufen zu halten.

            „Es ist schon zehn Jahre her“, setzte der ältere von ihnen fort, der Hirt namens Eumaios. „Trotzdem wird noch immer davon erzählt. Es war ein großer Krieg, einen solchen haben Griechen noch nie erlebt.“

            „Ein Krieg ist immer eine abstoßende Sache“, erwiderte der andere. „Es gibt Tote und Jammer. Abgeschlachtete Leute und niemand weiß, warum sie sterben mussten. Vergewaltigte Frauen und ermordete Kinder. Grausamkeiten, für die man sich bereits am Tag danach schämt, und diese Scham hält bis ans Ende seiner Tage an. Im Wahnsinn des Gemetzels der Schlacht wird man aber zu einem Tier, das seinen Trieb nicht beherrschen kann und tötet ohne nachzudenken.“

„Warst du also auch im Krieg?“ fragte Eumaios.

Der andere nickte. Er sagte nichts und senkte den Kopf.

„Du bist also ein Held,“ wollte der Hirt nicht locker lassen.

„Held?“ es schien, als ob sein Gast das Wort ausgespuckt hätte. „Helden sind die, die starben. Die müssen sich nicht mehr für ihre Taten schämen, über die darf man verherrlichende Sagen singen. Ich bin am Leben geblieben.“

Der Hirt war fertig mit seiner Arbeit. Er legte den Spieß mit Ferkelteilen über das Feuer, er legte große Holzscheite aus Lärche hinan und setzte sich näher zu seinem Gast. Er erkannte, dass es sich um einen unglücklichen, müden Menschen handelte und er tat ihm leid. Er hätte ihn am liebsten um die Schultern umarmt, um ihn zu trösten, er schreckte aber vor einer so großen Vertraulichkeit zurück. Er suchte nach den richtigen Worten.

„Krieg ist einmal Krieg“, sagte er dann. „Im Krieg tötet jeder um nicht selbst getötet zu werden. Es ist daher nicht notwendig sich deshalb zu grämen oder sich etwas vorzuwerfen. Es gibt andere Verbrechen, die man nicht verzeihen kann. Du solltest nicht daran denken.“

„Ich hatte viel zu viel Zeit zum Nachdenken“, lächelte der andere mit grauen Haaren und jungen Augen bitter. „Ganze sieben Jahre lebte ich bei einer Frau namens Kalypso am Ende der Welt nahe der Heraklessäulen. Ich hatte genug an Speise und Trank. Ich musste nicht arbeiten, ich durfte ganze Tage in der Sonne liegen, nur in der Nacht musste ich meine Gastgeberin lieben. Sie verlangte von mir nichts anderes.“

„Das ist eine schöne Geschichte“, lächelte der Hirt.

„Bei solchem Faulenzen muss man aber die Zeit irgendwie vertreiben und das tut man durch Nachdenken. Das Faulenzen ist nichts Gutes für jemanden, auf dessen Seele ein Verbrechen lastet. Deshalb flüchtete ich aus diesem Paradies und ertrank beinahe bei der Insel der Phäaken. Vielleicht sehnte ich mich nach dem Tod, als ich Kalypso verlassen habe, was sonst konnte ich in den Wellen des endlosen Ozeans suchen? Die Götter erlauben aber niemandem zu gehen, dessen Zeit noch nicht abgelaufen ist.“

„Vielleicht hast du noch eine Aufgabe auf dieser Welt“, sagte der Hirt, als er aber bemerkte, dass sein Gast ungeduldig und ablehnend den Kopf schüttelte, wechselte er das Thema des Gespräches.

„In welchem Krieg hast du gekämpft? Erzähle mir über dein Schicksal, bis das Fleisch fertig gebraten ist. Für einen Mann, der sein ganzes Leben zwischen seinen Schweinen verbracht hat, sind alle Erzählungen über fremde Länder verlockend und interessant. Auch wenn sie von Blut durchtränkt sind.“

„Ich war bei Troja“, sagte der andere. „Das reicht, um alles zu wissen.“

„Also bei Troja“, freute sich Eumaios. „Dort war auch unser König. Der größte aller Helden! Ohne ihn hätte man Troja niemals erobert, zumindest so wird es erzählt. Unser König Odysseus hatte schnelle Beine und ein noch schnelleres Denken. Sein Sohn watschelte noch, als er von den Boten des Königs Agamemnon ausgesucht wurde. Er wollte nicht in den Krieg ziehen. Er pflügte das Feld mit einem Pferd und einem Ochsen, so ein Gespann dachte er sich aus, um für einen Narren gehalten zu werden und er säte Salz in die Furchen. So sehr wollte er bei seiner jungen Frau und seinem kleinen Sohn zu Hause bleiben. Die königlichen Boten zwangen ihn aber zu gehen, sie durchschauten seine List, als sie sein Söhnchen in die Furche legten und er sein Gespann anhielt. Er wäre derzeit über vierzig Jahre alt.“ 

„Kam er nicht zurück?“ fragte der andere mit einer hohlen Stimme.

„Würde es auf Ithaka so aussehen, wie es aussieht, wäre er zu Hause? Ich kann dir zum Essen nur ein Ferkel anbieten, weil ich alle Mastschweine in die Stadt abliefern musste. Dort wird seit Wochen geprasst. Gut zwanzig Anwärter bewerben sich um die Hand unserer Königin Penelope, jeder von ihnen will aber vor allem an ihrer Seite König werden. Es ist eine Bande von Räubern und Betrügern und es gibt niemanden, der sie zähmen könnte“. Der Hirt wurde zornig, unterbrach aber seine Rede, als er bemerkte, mit welchem Blick ihn sein Gast anschaute.

„Odysseus hatte doch einen Sohn“, sagte der Fremde und seine Stimme zitterte.

„Ja, er ist da, aber ein Sohn ist nur ein Sohn, der Ehemann ist der Herr im Hause. Télemachos ist stark und tapfer. Wie sollte er aber die ganze Bande, die seinen Palast besetzte, vertreiben? Er hat doch keinen Beweis, dass sein Vater am Leben ist, um in seinem Namen handeln zu können. Der Augenblick ist nicht sehr weit, in dem Penelope einen der Freier zu ihrem Mann wählen muss. Sie kann mit ihrer Entscheidung nicht ewig zögern.“

„Sind alle so böse?“ zweifelte der Gast.

„Möglicherweise nicht“, sagte der Hirt. „Eurymachos hat Weisheit, Antinoos wieder Kraft und Sorglosigkeit. Vielleicht sind sie nur zu jung, um über das Leben und ihre Taten nachzudenken.“

„Viele Menschen mussten sterben, weil sie über ihre Taten nicht nachgedacht haben“, sagte der Fremde düster. „Es reicht manchmal nur so wenig und die Worte werden unmittelbar vom Tod gefolgt.“

„Deine Toten plagen dich“, bemerkte der Hirt und drehte langsam den Spieß.

„Nicht alle“, widersprach der Gast. „Die, die ich im Kampf getötet habe, stören meinen Schlaf nicht. Sie hätten mich getötet, wäre ich nicht geschickter als sie. Nur ein Toter plagt mich und lässt mich nicht schlafen. Eigentlich eine Tote.“

„Sie war also eine Frau“, sagte der Hirt. „Hast du sie aus Leidenschaft getötet?“

Der Gast schüttelte den Kopf. „Nein, so war es nicht. Ich tötete sie weder mit meinem Schwert noch erwürgte ich sie. Ich tötete sie mit einem Wort, aber umso furchtbarer war meine Tat. Weil ihr Sterben zu lange dauerte.“

„Erzähle mir deine Geschichte, Mensch“, bot ihm Eumaios. „Es kann dir helfen. Sicherlich hast du es vielmals der Frau erzählt, die dich sieben Jahre lang in ihrem Schoß versöhnen wollte. Erzähle es aber noch einmal einem bedeutungslosen Alten, weil die Gewissenbisse wie ein Becher mit Galle sind, der sich nach jedem Entleeren wieder füllt.“

„Sie hieß Iphigenia“, sagte der Fremde.

„So hieß auch die Tochter des gestorbenen Königs Agamemnon aus Mykene. Sie wurde in Aulis vor dem Feldzug nach Troja geopfert“, unterbrach ihn Eumaios.

„Das ist die, von der ich rede“, sagte der Gast still und in seinen Augen erschienen Tränen. Als ob er seine Erzählung nicht fortsetzen konnte, fragte er: „Agamemnon ist tot?“

Der Hirt nickte. „Schon seit zehn Jahren. Er wurde von seiner Frau Klytamnestra ermordet. Noch am Tag, als er von Troja nach Hause zurückkam.“

Der Fremde senkte den Kopf. „Ja“, sagte er. „So musste es enden. Sie begann ihn gerade damals zu hassen. Gerade in dem Augenblick, als ich ihr Kind dem Tod ausgeliefert habe. Sie dachte, er hätte das getan.“

„Ich verstehe dich nicht, Herr“, sagte der Hirt erstaunt.

„Wir waren zu dritt, als der Oberpriester der Göttin Artemis, Kauleas, die Prophezeiung verkündete. Furchtbare Prophezeiung. Agamemnon, Menelaos und ich hörten, dass Artemis nach der ältesten Tochter Agamemnons als Opfer verlangte. Nur so beginnt der Wind zu wehen, der uns nach Troja bringt. Wie schwuren alle drei, dass dieses Orakel niemand erfahren durfte. Und ich verriet es dem Heer.“

„Du kannst dir nicht vorstellen, was dort vor sich gegangen ist“, setzte der Fremde nach einer Weile des Schweigens fort. „Tausendzweihundert Schiffe und fünfzigtausend Männer drängten sich auf den Stränden von Aulis und warteten bereits seit Wochen auf einen günstigen Wind. Es gab Träumer unter ihnen, die nur nach Ruhm strebten, es gab dort Männer, die durch das Gold von Troja reich werden wollten. Es gab unter ihnen aber auch Männer, die nur das Verlangen nach Blut und Gewalt in den Krieg lockt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie bunt, schön, aber auch grausam jede Armee ist. Eine Armee aber, die nicht kämpft, hört auf, schön zu sein. Sie ist dann nur mehr grausam. Im Lager mehrten sich Verbrechen, jeden Tag starben Männer bei Streitereien und Schlägereien. Es gab keine Hoffnung auf Besserung, die Moral verfiel soweit, dass Soldaten sogar dem Oberbefehlshaber Agamemnon mit dem Tod drohten und ihn gleichermaßen wie seinen Bruder Menelaos und seine schöne Dirne Helena hassten. Und in diesem Moment kam Kauleas und bot eine Lösung an. Für den Tod von Iphigenia kommt der richtige Wind. Man muss nur ein Leben opfern, um später Tausende Leben zu vernichten.“

„Hast du ihm geglaubt?“ fragte der Hirt mit Furcht in seiner Stimme.

„Damals habe ich noch an Götter geglaubt“, antwortete der unechte Alte. „Ich war viel zu jung, um an ihnen zu zweifeln. Trotzdem habe ich damals, als Kauleas sein Orakel verkündet hatte, gezweifelt. Vielleicht zitterte seine Stimme von Genugtuung oder von schlecht verborgener Ungeduld. Für einen Augenblick hatte ich Gefühlt, dass nicht die Göttin Artemis, sondern er selbst nach dem Blut der Tochter Agamemnons verlangte. Er versteckte sich hinter der Göttin um dem größten aller Anwesenden zu schaden. So ein Mensch war er und heute bin ich mir schon so gut wie sicher, dass wir damals in eine Falle tappten und dass es nicht Artemis, sonder Kauleas selbst war, der Kinderblut fließen sehen wollte.“

„Du hast aber das Orakel dem Heer verraten. Warum, wenn zu Zweifel hattest?“

„Vielleicht nur, damit mich die Soldaten liebten. Vielleicht nagte beim Blick auf Agamemnons Ruhm Neid in mir. Finde die wahren Impulse für deine Taten! Wahrscheinlich habe ich Agamemnon gehasst, obwohl ich mir das nicht eingestanden habe, weil den Hass auf den Oberbefehlshaber darf man nicht einmal vor sich selbst eingestehen.“

„Es war so einfach“, setzte er fort. „Wenn der König seine Tochter opfern würde, käme der Wind. So habe ich das gesagt. Und die Armee begann von Begeisterung zu brüllen. Von Begeisterung, weil ich ihnen die Hoffnung gab, aber auch in der Erwartung einer grausamen Vorstellung, auf die sie begonnen haben sich zu freuen. Ich sah ihre Begeisterung, die ich mit meinen Worten ausgelöst hatte und ich kam mir mächtig wie ein Gott vor. So groß war dieser Moment.“

„Es war einfach“, erklärte er, „weil Iphigenia in diesem Augenblick nur ein unbekannter Name und die Begeisterung der Soldaten anwesend und spürbar war. Damals war ich überzeugt, dass ich richtig handelte. Es reichte der Applaus tausender Tölpel um mein Gewissen zum Schweigen zu bringen. Das Gewissen protestierte nämlich. Viel später verstand ich, wie sehr es sich gegen diese Tat wehrte.“

„Dann änderte sich aber alles“, sagte der Gast langsam. „ im Moment, als sie in das Lager gebracht wurde. Ein junges Mädchen, viel mehr noch ein Kind als eine Frau. Mit einem ahnungslosen kindlichen Blick voll mit fröhlicher Erwartung. Niemand sagte ihr, dass sie getötet wird. Ihr eigener Vater redete ihr ein, dass er sie vermählen wollte. Deshalb freute sie sich so sehr, weil ihr Bräutigam der schönste aller Griechen sein sollte. Achilles, der Sohn des Peleus.“

„Er war ein Trottel“, setzte der Fremde fort und spuckte ins Feuer. „Ich wusste es immer und vor Troja bestätigte er diese meine Ahnung hunderte Male. Er war aber genau der Typ, dessentwegen  Frauen ohnmächtig werden, wenn er sie anschaut. Frauen können nichts für die Unartigkeit  ihrer Gefühle. Sie besitzen keine Muskeln und keine Schwerter. Sie kämpften immer mit List und ihre Schwäche war ihre größte Stärke. Wir konnten der kleinen Iphigenia nicht übel nehmen, dass sie sich in den Schönling verliebte, der ihr nicht bestimmt war.“

„Furchtbar begann es zu werden, als sie die Wahrheit erfuhr. Plötzlich war hier ein wirklicher Mensch, weinend und klagend. Sie flehte ihren Vater um ihr Leben an, aber er konnte ihr es nicht mehr geben. Seit dem Moment, als ich den Willen der Götter der Armee offenbarte, war sie genauso tot, als ob ich ihr selbst die Kehle durchgeschnitten hätte.“

„Es war für alles zu spät“, sagte der Mann bitter. „Hundertmal wollte ich ihr helfen, sie befreien und wegbringen. Mein Herz brach bei dem Anblick ihrer Verzweiflung. Die gesagten Worte konnte ich aber nicht mehr zurücknehmen und hinter unserem Rücken wuchs die schrecklichste Naturgewalt, die einmal auf der Welt freigelassen wurde. Der menschliche Fanatismus und das Verlangen nach Blut, nach Grausamkeit. Fünfzigtausend Männer wollten sie bluten sehen, weil ich ihnen eine Entschuldigung für ihr Verbrechen angeboten hatte. Der Wille der Götter! Dadurch waren sie unschuldig und durften das Martyrium des Mädchens genießen. Hätte ich in diesem Moment zu ihnen gesagt, dass es alles Lüge sei, die Priester Kauleas frei erfunden hätte, hätten sie mich zerfleischt. Deshalb schwieg ich, als ihr der Opferkranz auf den Kopf gelegt und sie zum Altar geführt wurde. Ich schwieg und das Heer sah einen Anführer in mir. Den größten Verbrecher unter ihnen allen. Das versöhnte sie mit mir und deshalb vergötterten sie mich in diesem Augenblick.“

„Sie wurde getötet“, sagte er mit einer düsteren Stimme. „Das ist mein ganzes Verbrechen.“

Das Fleisch war fertig. Eumaios überreichte das beste Stück dem Gast und beide aßen still.

„Es ist eine große Geschichte“, sagte der Hirt, langsam das Fleisch kauend.

„Für alles zahlt man“, antwortete sein Gast. „Für den einen Augenblick des berauschenden Glücks vor einer tobenden Menschenmasse zahle ich mit zwanzig Jahren Irrfahren.“

„Was hast du vor, weiter zu machen?“ fragte Eumaios.

Was werde ich tun? dachte der Gast. Was soll ich tun? Ich dachte, ich wäre endlich nach Hause zurückgekehrt. Ich war so glücklich, als ich auf dem Ufer dieser Insel aufwachte und mir gesagt wurde, es wäre Ithaka. Ich dachte, ich werde zu meiner Frau gehen und meinen Sohn umarmen. So erträumte ich es. Und jetzt? Als ob das alles nur eine Täuschung wäre. Mein Sohn ist groß und fähig für sich selbst zu sorgen. Er braucht mich nicht mehr, wenn ich ihm die ersten zwanzig Jahre seines Lebens kein Vater war. Und meine Frau? Sie hat in ihrem Haus zwanzig Anwärter, meistens jünger und schöner als ich es bin. Sorglosere und unermüdlichere im Bett. Der Hirt sagte, sie wäre mir die ganzen zwanzig Jahre treu gewsen. Verdiente ich es überhaupt? Wenn ich zu ihr gehen würde, würde ich den ganzen Rest meines Lebens mit einem Schuldgefühl leben müssen. Was bedeute ich ihr noch? Eine Erinnerung? Oder nur einen Vorwand für ihre Angst zu wählen? Den weisen Eurymachos wählen, der verspricht, ein treuer Ehemann zu sein auch, wenn sie schon alt und nicht begehrenswert wird, oder den starken und sorglosen Antinoos, mit dem sie noch prachtvoll die letzten Jahre erleben könnte, in denen sie noch begehrenswert bleibt. Was soll ich dort tun? Welchen Platz habe ich in dieser Geschichte?

„Ich weiß nicht, Eumaios“, sagte er endlich. „Ich werde weiter durch die Welt irren. Wenn du für mich ein Boot besorgen könntest, würde ich auf das Festland segeln. Ich möchte weiterhin meine Heimat suchen. Und das Vergessen.“

„Du könntest auch hier bleiben“, meinte der Hirt. „Du bist kein schlechter Mensch und der zukünftige König Telemachos braucht Männer wie dich.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe hier nichts verloren. Ich fühle, dass hier getötet wird. Um die Brautschau der Königin wird Blut fließen. Möglicherweise tötet Telemachos die Freier, möglicherweise sie ihn. Ich habe hier nichts zu tun. Ich mag nicht mehr töten, ich kann nicht mehr gegen einen Menschen das Schwert erheben. Ich weiß, wie leicht es ist und ich möchte die Versuchung meiden. Der Becher mit Blut, das ich vergossen habe, ist bereits voll. Ich will nicht, dass er überlaufen würde.“

In der Umzäunung begannen Hunde zu bellen. Anders als bei seiner Ankunft, als sie ihn beinahe zerfetzten. Jetzt grüßten sie jemanden Bekannten und in ihrem Bellen konnte man Freude erkennen. Der Hirt stand auf und schaute nach dem Kommenden.

Es kommt offensichtlich ein guter Mensch, dachte der Gast. Hunde erkennen das Gute in einem Menschen, deshalb grüßen sie ihn so freundlich. Mich wollten sie umbringen. Aber – was Gutes tat ich schon in meinem Leben?

Der Hirt begann zu zittern und das Gefäß mit Wein fiel ihm aus den Händen zu Boden. „Télemachos“, rief er. „Prinz Télemachos.“

Der vorzeitig ergraute Mann erzitterte. Er kommt! Dem Schicksal kann man nicht entkommen. Wenn hier heute zufällig nicht dieser Junge erschienen wäre, hätte er ein Boot bestiegen und für immer diese Insel verlassen. Er fühlte, dass er das jetzt nicht mehr schaffen würde. Das Schicksal verfolgte ihn und er konnte keinen Vorsprung vor ihm gewinnen.

Der Junge stand vor ihm. Er war ein schöner, großer junger Mann mit noch etwas schmalen Schultern. Seine Barthaare begannen nur zu wachsen, er strahlte aber vor endlosem Selbstbewusstsein. Schaute ich auch so aus? dachte der Gast. Damals, als ich mit dem Gespann aus Pferd und Ochs pflügte und Salz in die Furche streute? Damals war ich auch noch schön und jung und wollte keinesfalls diesen Jungen und seine Mutter verlassen. Und damals belastete mich noch kein Verbrechen.

Er stand vom Fell auf, um den Prinzen Platz zu machen.

„Bleib sitzen, Fremder“, hielt ihn Télemachos mit einer Stimme an, der man nicht widersprechen konnte. „Ich setze mich woanders hin, es gibt hier genug Platz.“

Er ist selbstbewusst, dachte der Gast. Er lernte zu herrschen, er wird nicht mehr gehorchen können. Wozu bin ich also hier?

Sie saßen zu zweit beim Feuer, der Hirt lief irgendwohin weg, um neuen Wein zu holen. Telemachos erzählte beim Essen über die Verhältnisse im Palast und über seine erfolglose Fahrt nach Sparta zu König Menelaos mit der Bitte um Verstärkung. Der andere schwieg. Er hielt es für entbehrlich zu bemerken, dass Menelaos der gleiche Egoist blieb, wie er es immer schon war. Es drängten andere Worte aus ihm. Er versuchte sie mit dem ganzen Willen zu unterdrücken. Dann verlor er diesen Kampf. Er sprach.

„Télemachos“, sagte er. „Ich bin dein Vater Odysseus. Ich kehrte zurück.“

Der Junge erstaunte. Dann schaute er ihn ungläubig an. Odysseus bemerkte, dass er dabei seine Hand auf dem Schwertgriff hielt. Er ist misstrauisch, dachte er. Er lernte, misstrauisch zu sein. Er hatte niemals jemanden, der ihn beschützt hätte. Er lernte allein zu kämpfen, er braucht niemanden mehr.

Telemachos rührte sich nicht. Also musste sein Vater aufstehen. Er wandte sich zu ihm und umarmte ihn. „Ich bin dein Vater, Junge“, wiederholte er, seine Stimme war aber nicht mehr freudig und aus den Augen kamen keine Freudetränen. Er fühlte nur eine furchbare Müdigkeit.

Der Junge erwiderte die Umarmung nicht. Nur als sich der Vater von ihm entfernte, verbeugte er sich und sagte: „Sei willkommen.“

„Es ist gut, dass du gekommen bist“, sagte er dann. „ Es ist die höchste Zeit. Ich brauche deine Hilfe, weil wir endlich die Ordnung in unserem Palast widerherstellen müssen. Mit deiner Hilfe vertreibe ich alle die Freier, die sich dort breit machen. Wer sich wehren würde, den werden wir töten. Du bist zurück, alles kann also nach dem Recht ablaufen.“

„Es spricht Hass aus dir, mein Sohn“, sagte der Alte. „Hass, den nur die Jugend spüren kann. Jahre des Leidens stumpften solche Gefühle ab. Setzen wir uns und reden wir, ob man die Sache nicht anders erledigen könnte.“

Télemachos setzte sich nicht. In seinem Blick gab es Erstaunen, das rasch in Zorn überging.

„Willst du mir nicht helfen?“ fragte er noch verwundert, aber er setzte schon anders fort. Seine Stimme zischte. „Du hilfst mir! Du musst! Es ist deine Pflicht und ich erlaube dir nicht, ihr zu entgehen. Wir töten alle! Für alle Erniedrigungen, für alles Unrecht, das sie begangen haben. Mit deiner Hilfe schaffe ich das. Kein einziger wird überleben!“

„Ich mag nicht mehr töten“, sagte er still.

„Du musst aber“, erwiderte sein Sohn hart. „Sonst gebe ich bekannt, dass du zurück bist. Sie werden kommen, dich zu töten und dich dann für einen Betrüger zu erklären. Versuche nur mich abzulehnen und du wirst sterben. Mit mir wirst du wieder zum König. Du hast keine Wahl! Du hast sie nicht, seit du auf dieser Insel gelandet bist und seit ich dich erkannte.“

Odysseus staunte. So hat sich das also das Schicksal ausgedacht. Alles kommt zurück. Für alles zahlt man. Er gab damals dem Mädchen auch keine Wahl. Sie musste sterben, egal, wie sich die Sache entwickeln mochte. Sie wollte nicht sterben, sie musste es aber. Er will nicht töten, aber er muss. Alles kommt zurück, man kann nicht entkommen. Also gut, der Becher mit Blut soll zum Überlaufen gebracht werden.

„Gut, Junge“, sagte er langsam. „Gut. Ich komme mit dir.“

Siegreiche Rückkehr – Kurzgeschichte

AGAMEMNON I

               Soldaten marschierten durch ein langes Tal, das Mykene vom Meer trennte und sangen. Ihre Stimmung war gut, wie es schon so bei einem Heer, das vom siegreichen Krieg nach Hause zurück kehrt, üblicherweise ist. Besonders, wenn ein solcher Krieg ganze zehn Jahre gedauert hatte. Er beobachtete sie mit Stolz. Er führte sie zum Sieg, es ist sein Verdienst, dass die mitgeführten Wagen voll mit Beute waren. Ein beträchtlicher Teil der Beute ist übrigens noch auf den Schiffen geblieben, auf denen sie gestern zur Küste kamen. Die Soldaten verfielen in einen sonderbaren Rausch, der sie in der Nähe der Heimat, die sie zehn Jahre nicht gesehen haben, beherrschte. Sie konnten den Marschschritt nicht mehr halten, um so lauter jubelten sie ihrem großen König Agamemnon zu.

               Ihre Bewunderung umspülte ihn wie ein warmes Bad, sie floss über seinen Körper, über seine Arme, die er zu seiner Stadt, zu Mykene, deren mächtige Stadtmauern auf dem Horizont auftauchten, ausgestreckt hatte. Er liebte es immer, geliebt und geachtet zu werden. Deshalb zögerte er keinen Augenblick, als ihm griechische Könige die Führung des Straffeldzuges gegen das weitentfernte Troja angeboten hatten. Übrigens war Menelaos, der unglückselige und geschmähte König von Sparta, dessen Frau der wüste Prinz von Troja, Paris, entführt hat, sein Bruder. Damals ahnte er natürlich nicht, wieviel Leid dieser Krieg den Griechen und ihm persönlich bringen würde. Er verlangte nur nach Sieg, Beute und Ruhm, nach Brechen der Hindernisse. In jedem Mann ist ein Raubtier versteckt und dieses erwachte damals in ihm. Jetzt war die Geschichte endlich hinter ihnen. Troja wurde niederbegrannt, seine Bewohner getötet oder vertrieben. Die legendären Schätze des Königs Priamos wechselten in die griechischen Schiffe und er brachte jetzt einen beträchtlichen Teil dieses Schatzes als Geschenk seiner Frau und seinem Volk. Er hatte also einen guten Grund stolz zu sein.

               Trotzdem spürte er ein Gefühl der Enge in seiner Brust. Er versuchte es zu vertreiben, zu unterdrücken, es kehrte aber immer wieder zurück, besonders die letzten Tage war es sehr lästig gwesen. In der Schlacht vergisst man manche Dinge, aber sobald die Schlacht zu Ende ist und der Rausch des Sieges verblasst, beginnen einen lästige Gedanken zu plagen und es ist schwer, sie zu verdrängen.

               Seine Frau Klytamnestra hatte er seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Das ist eine viel zu lange Zeit, um nicht mit Sorge der bevorstehenden Begegnung entgegen zu blicken. Als er sie damals verließ, war sie nicht mehr jung, sie hat bereits den Dreißiger überschritten. Wer wird ihm jetzt begegnen, wer wird ihn begrüßen? Wird es möglicherweise eine alte graue Frau mit einigen letzten Zähnen sein, von der er sich mit Ekel abwenden würde? Und die Kinder! Wie schauen seine Kinder aus? Orestes watschelte noch, als er ihn das letzte Mal sah. Er ist jetzt zwölf. Und seine älteren Schwestern, Elektra und Chrysostomis? Iphigenia wäre vierundzwanzig. Wäre… Vielleicht hätte sie ihn bereits mit Enkelkindern erwartet, nicht alle griechischen Jungen suchten den Tod in dem verrückten Krieg unter den Mauern von Troja. Iphigenia… Lieber nicht nachdenken, so eine Erinnerung tut auch noch nach zehn Jahren weh.

               Er ging mit seiner Gattin nicht in Gutem auseinander. Er wusste, dass er sie verletzt hatte, furchtbar verletzt, er hoffte aber, dass sie es verstand, dass er nicht anders handeln konnte. Dass er keine Wahl hatte. Als sie sich verabschiedete, verfluchte sie ihn. Weibliche Tücken haben aber keine lange Dauer und zehn Jahre ist eine verdammt lange Zeit. Die Zeit beruhigt die Gemüter, die Zeit heilt die Wunden und stillt die Schmerzen. Er kommt jetzt wie ein großer Sieger. Solche werden von den Frauen verehrt, solchen stürzen sich die Frauen zu Füßen. Er wird den Palast in der goldenen Rüstung des Königs Priamos betreten, umbeben von seinen Soldaten und wehenden Fahnen. Das Volk wird jubeln und Siegeschoräle singen. So bricht man den weiblichen Hass und verändert ihn zur Bewunderung. Klytamnestra wird keine Alternative haben als sich zu seinen Füßen zu stürzen, damit er sie erheben und an seine Brust schmiegen kann. Sie haben doch drei gemeinsame Kinder! Zur Sicherheit ließ er aber einen Teil der Beute in den Schiffen zurück. Besonders Kassandra. Sie ist so angenehm im Bett! Klytamnestra muss nicht unbedingt von ihr erfahren. Zumindest am Anfang nicht.

               „Alles wird gut sein“, versicherte sich der zurückkehrende König. „Alle wird wieder gut sein.“

                KLYTAMNESTRA I.

               Sie beobachtete die lange Schlange der Soldaten, die sich durch das Land schlängelte, durch die fruchtbare Ebene von Argolis und sich der Burg näherte. Sie beobachtete sie schon lange ohne Bewegung, der Wind zerzauste ihre Haare. Es war angenehm und vielleicht deshalb erschien in ihrem Gesicht ein zufriedenes Lächeln.

               „Er kommt zurück“, sagte Klytamnestra und in dem Satz war alles. Die Angst, der Hass und das eiskalte Verlangen nach Rache. Nein, so war es nicht. Die Angst fehlte. Sie fühlte sie nicht.

               „Vielleicht kommen sie ohne ihn“, sagte Aigisthos, der neben ihr stand. Er wollte sie um ihre Schulter umarmen, wie es seine Gewohnheit in der letzten Zeit war, er brachte aber den Mut dazu nicht auf. Der Gatte seiner Geliebten kehrte zurück. Der große König Agamemnon!

               „Wäre er nicht dabei, würden die Soldaten keine erbeuteten Fahnen tragen. Das hier ist ein triumphierendes Heer, mein Lieber. Mit einem triumphierenden Anführer an seiner Spitze. Die Götter sind gerecht. Sie brachten ihn nicht vor Troja um, sie liefern ihn meinen Händen aus. Hast du vielleicht geglaubt, dass die Götter unsere Rache an sich nehmen würden?“

               Ja, er dachte es. Er hoffte es, erkannte die Königin und fühlte Verachtung. Er ist ein Feigling. Allerdings darf er feige sein, er hat keinen Grund, meinen Mann zu töten. Sein Herz ist nicht durch Hass so durchtränkt wie das meine, nur durch Angst. Er fühlt sich als erwischter Ehebrecher und deshalb verliert er seinen Mut. Ich brauche aber seinen Mut nicht, ich habe selbst genug davon. Ich brauche nur seine Muskeln. So wie ich die ganzen Jahre seine Umarmung brauchte. Nur die Umarmung, nicht die Liebe! Ich pfeife auf die Liebe, nur das Verlangen musste gestillt werden, damit ich in meinem Herzen meinen Hass kalt und scharf bewahren konnte. Dafür habe ich dich gebraucht, Aigisthos, du warst ein gutes Werkzeug, ein konservierendes Werkzeug für meinen Hass. Jetzt wirst du zu einem vollstreckenden Werkzeug. Ich brauche keine Liebe, ich erlebte sie einmal und es war mehr als genug.

               Ich heiratete König Agamemnon nicht aus Liebe. Meine Eltern zwangen mich den größten aller hellenischen Könige zu heiraten. „Die Weise zu einem Weisen, die Schöne zu einem Schönen“, sagte damals mein Vater, als er mich mit Agamemnon und Helena, meine Schwester, mit seinem Bruder Menelaos verlobte. Helena, die Hure! Wegen ihrer Hurerei verlor ich meine Tochter und demnächst verliere ich auch meinen Mann. Nur weil sie ihre Oberschenkel nicht zusammendrücken vermochte, als sie der verdammte Looser Paris auf den Rücken legte. Meine Schwester! So ein Ekel!

Ich war Agamemnon eine gute Gattin, viel besser als Helena für Menelaos. Aber sie war schön und solchen Schönheiten wird alles verziehen. Uns, Weisen, wird nicht verziehen! Nicht einmal die Verbrechen der anderen!

Warum musste gerade ich leiden für ihre Hurerei? Warum? Warum sind Götter so ungerecht?  Sie nahmen mir meinen Mann, zehn Jahre verbrachte er in einem Krieg. Schon das allein ist grausam. Aber als er in den Krieg zog, wurde er nur mehr von meinem Hass verfolgt.

Der Priester Kauleas verlangte Opfer für einen erfolgreichen Ausgang des Krieges und das Opfer sollte unserer Tochter Iphigenia sein. Agamemnon lieferte ihm unser Kind aus. Die Priester schnitten ihr den Hals durch wie einem Vieh, wie einem Kalb mit warmen braunen Augen. Meine Älteste, mein Liebling, die ich mit meinen eigenen Brüsten stillte, obwohl das als unanständig galt. An ihrem Bett habe ich nächtelang gewacht, wenn sie krank war oder schlechte Träume hatte. Sie wurde gerade zur Frau, sie war verwirrt durch diese Verwandlung und suchte Sicherheit in meiner Umarmung. Sie wurde mir brutal entrissen und die Priester schnitten ihren langen schlanken Hals durch. Wie einem Vieh! Und er, ihr Vater ließ es zu! Das kann man nicht vergessen und das kann man nicht verzeihen, auch wenn er heute den Palast in der goldenen Rüstung des Königs Priamos unter lautenden Fanfaren betreten würde. Es interessiert mich nicht, dass er damals von seinen Soldaten zu seiner Tat gezwungen wurde, ich will mich nicht an seine Tränen erinnern, die ihm über das Gesicht flossen, als Iphigenia zum Altar geführt worden ist. Er opferte sie seinem Ruhm. Jetzt hat er ihn. Gerade deshalb darf er keinen Augenblick länger leben. Zumindest nicht so lange, um entdecken zu können, dass ich ganze zehn Jahre den armen Teufel Aigisthos in mein Bett gelassen habe. Ich habe meinem Mann die Hörner in aller Öffentlichkeit aufgesetzt und absichtlich ich habe den unbedeutesten von allen Kandidaten gewählt, damit meine Lust aus der Rache noch größer würde. Ja, richtig, die Lust aus Rache war größer als die Lust aus seiner Liebkosung, sie brachte mich immer regelmäßig und verlässlich zum Höhepunkt. Bin ich pervers? Vielleicht! Jetzt aber kommt der Moment der Entscheidung. Wer als der erste zuschlägt, wird siegen. Ich würde wetten, dass es in der ankommenden Armee Soldaten gibt, die über mein Verhältnis mit Aigisthos Bescheid wissen. Wir schickten doch nach Troja Soldaten und Lebensmittel, also Nachschub und Versorgung. Möglicherweise wissen es alle. Aber genauso würde ich wetten, dass es ihm niemand sagte. Alle wären halb tot vor Angst bei der Vorstellung, wie er reagieren würde. Alle haben Angst vor ihm. Immer hatten alle Angst vor ihm. Es gab Zeiten, als ich ihn auch fürchtete. Die sind vorbei. Es ist schon so lange her, so furchtbar lange her!

AGAMEMNON II

               Er betrat den Palast. Er trug die Rüstung des Priamos, die die Strahlen der abendlichen Sonne spiegelte. Das Volk vor dem Palast jubelte, der ganze Weg vom Löwentor bis zum Palast war voll mit jubelnder Menschenmenge, die Soldaten bliesen in ihre Hörner. Auf die Köpfe der königlichen Begleitung regnete es Blumen. Könnte sich ein Herrscher einen schöneren Empfang wünschen?

               Klytamnestra stand in der Mitte des Hofes. Sie kniete vor ihrem Mann nieder, damit er sie erheben und an seine Brust drücken konnte. Die Höflinge jubelten. Alles lief also genau so, wie er sich es vorgestellt hatte. Die innere Anspannung ließ langsam nach.

               Seine Gattin erkannte er sofort als er das Tor passierte. Sie wurde nicht alt, nicht soviel, wie er fürchtete. In den Haaren hatte sie zwar bereits einige graue Streifen, aber ihre Wangen blieben noch voll und ihre Zähne strahlten in einem schönen Lächeln. Ihre Arme waren noch immer fest, die Haut hing an ihnen noch nicht, sie umspannte ihre Muskeln. Die Königsgattin war noch würdig seiner Liebe und diese Tatsache erfreute ihn. Er musste doch seine zehnjährige Abwesenheit wieder gutmachen und er freute sich darauf. Kassandra wird lange Zeit verborgen bleiben, möglicherweise sogar für immer. Er wird seiner Frau zeigen, dass er nicht nur ein Mann auf dem Schlachtfeld, sondern auch im Bett ist. Im Bett werden alle Streitereien beglichen, dort verschwinden auch die letzten Kränkungen.

               „Alles wird gut sein“, sagte der König zu sich.

               Die Königin empfing ihn mit ausgewählten Worten und führte ihn einige Schritte zur Seite, wo die Kinder warteten. Das älteste Mädchen war schon beinahe eine Frau. Schön, ein bisschen ähnlich ihrer Tante Helena, dachte er. Das ist also Elektra. Er mochte sie, nicht aber so sehr wie Iphigenia. Sie war damals noch ein Kind und Iphigenia schon ein Mädchen, die zu ihrem Vater wie zu einem Mann und Beschützer aufschaute. Er liebte sie. Wird ihm sein Gewissen einmal verzeihen, dass er sie dem Tod ausgeliefert hat? Er konnte aber doch nicht anders!

               Er umarmte Elektra und sie sagte: „Papa, ich möchte…“ Sie konnte ihren Satz nicht vollenden. Klytamnestra führte ihn schon weiter. Er spürte den Unwillen, mit dem das Mädchen seine Hände losließ. Was wollte es ihm sagen? Sicherlich etwas Wichtiges. Das kann aber warten. Wir werden ab jetzt Unmengen an Zeit füreinander haben.

               Das zweite Mädchen war also Chrysostomis. Sie schaute auf den Boden, sie war ihrer Mutter ähnlich, im Gegensatz zu ihr schien sie aber schüchtern zu sein. Sie konnte sich eigentlich auf ihn nicht erinnern. Dafür war sie vor zehn Jahren noch zu klein. Er ist ein fremder Mann für sie. Das wird sich ändern, meine Töchterlein! Ich mache alles wieder gut, es gibt so viel, was ich wieder gut machen muss!

               Auch für Orestes muss ich zum Vater und Erzieher werden. Agamemnon stand vor einem zwölfjährigen Burschen. Gut gewachsen, mit einem düsteren aber direkten Blick. Ich werde dich unterrichten, mein Sohn. Unterrichten, wie man Kriege führt und wie man Frauen ins Gras und ins Bett legt. Nach ihrer Herkunft, weiß du, Junge? Es wird ein König aus dir werden. So einer, den Mykene noch nie hatte.

               „Ich habe für dich ein Bad vorbereitet, mein Herr “, sagte Klytamnestra. „Es bekommt dir nach der Reise sicherlich wohl.“

               „Sicher“, antwortete er zerstreut. Eigentlich wollte er nicht in das Bad, er wusste aber nicht, wie und warum er es ablehnen sollte. Er merkte, dass Elektra zusammenzuckte und ein Mann, der hinter den Kindern stand, blass wurde. Er hatte schon irgendwo diesen Kerl gesehen. Sicherlich war das jemand aus der Verwandtschaft, der nicht in Troja war.  Wer soll sich schon aber alle Gesichter merken? Es sind zehn Jahre vergangen, als er sie das letztemal sah. Er wird sie noch kennenlernen. Sie werden die Rechnungen von ihrem Wirtschaften ablegen. Agamemnon war ein strenger König. Er wird es wieder sein. Gleich, wenn die erste Begeisterung verblasst ist.

               Er ließ sich von seiner Gattin in den hinteren Trakt des Palastes führen, er gab einem Diener seine Kleidung und sein Schwert und trat in das Bad.

               KLYTAMNESTRA II

               Er betrat den Palast. Wie ich es erwartete. In der Rüstung unter Jubel und Gesang. Hielt er mich wirklich für so eine Dumme und Oberflächliche und hoffte, dass er mich dadurch beeindrucken konnte? Nehmt einem Mann die weibliche Gesellschaft weg und er vertrottelt. Obwohl, er war nie ganz ohne weibliche Gesellschaft. Zuerst Chryseovna, dann Briseovna und jetzt hat er auf einem seiner Schiffe die Dirne aus Troja namens Kassandra. Ich weiß alles, meine Leute sind verlässlich. Sie fürchten nicht, mir auch die bösen Nachrichten zu übermitteln. Er ahnt aber nicht, dass ich es weiß. Es ist gut so, so wird es alles einfacher sein.

Ich kniete in der Mitte des Hofes nieder und ließ mich von ihm erheben. Ich merkte eine freudige Überraschung in seinem Blick. Er erwartete ein altes Weib und fand eine Frau in der Blüte. Wenn du wüstest, mein geliebter verhasster Ehemann, wie viel Mühe es gekostet hat, um so auszusehen, wie es ist! Nicht nur meiner Mühe, nicht weniger musste sich dein Verwandter Aigisthos anstrengen, wenn er sich deine königliche Krone in meinem Bett verdienen wollte.  Es kostete ihn tatsächlich viel Schweiß. Das erfährst du aber nie.

Ich führte ihn zu den Kindern. Elektra hätte fast alles zunichte gemacht. Zum Glück ahnte ich das und führte ihn weg, noch bevor sie etwas Schreckliches und Schicksalhaftes sagen konnte. Sicher, Elektra verwandelt sich gerade in eine junge Frau. Deshalb erwartete sie die Rückkehr ihres Vaters als ob ihr Geliebter kommen sollte. Sie sehnt sich nach einem Mann und er ist einer. Deshalb hasst sie mich, weil ich auf ihn ein gesetzliches Vorrecht habe. Auf seine Liebe. Aber auch auf seinen Tod! Sie schaffte es ihn gerade nur ansprechen und ich zog ihn schon zu Chrysostomis. Wie furchtbar langsam lockerte sich die Umarmung des Vaters mit der ältesten Tochter! Mit der ältesten lebenden Tochter, musste ich mich erinnern. Die tatsächlich älteste lebt seit zehn Jahren nicht mehr! Aus diesem Grund wird er auch nicht mehr leben! Er verdient sich kein weiteres Leben!

Er stand vor Orestes. Die Götter wissen, woran er dachte. Es wirbelten sicherlich Pläne durch seinen Kopf, er hatte dort immer nur Pläne und nie Gefühle. In seinen Gedanken machte er sicherlich einen Kämpfer, König und Liebhaber aus ihm. Diesen Jungen wird er aber nicht erziehen! Nur ich! Er wird nicht einfach sein Orestes zu erklären, warum sein Vater sterben musste. Er erinnert sich nicht an die schrecklichen Umstände des Todes seiner Schwester. Er war damals nur ein Wickelkind, er verstand die verzweifelte Umarmung Iphigenias nicht. Jetzt bewundert er den Vater wie auch das ganze Volk. Zusätzlich hasst er Aigisthos und Aigisthos wieder ihn. Es wird anstrengend sein, diese zwei zu versöhnen. Ich muss meinem Sohn erklären, dass Aigisthos nur ein Werkzeug ist. Er muss mich verstehen, er ist doch mein Sohn!

„Ich habe ein Bad für dich vorbereitet, mein Herr“, sagte ich mit der ruhigsten und mit Liebe gefüllten Stimme, deren ich fähig war. „Es gereicht dir nach der Reise sicherlich zum Wohl.“

Er glaubte es. Der Ruhm blendete seine Augen so sehr, dass er glaubte, ich liebe ihn und sorge für sein Wohl. Vor einem Gastmahl gehört sich doch ein Bad zu nehmen! Und vor einer Liebesnacht sowieso! Die Götter sind doch gerecht. Sie machten ihn blind, als ich das am meistens brauchte.

Elektra zuckte zusammen, Aigisthos wurde blass. Nur jetzt verstanden alle, dass wir einen Weg ohne Rückkehr betreten haben. Aber niemand stürzte sich dem König zu Füßen, um ihn aufzuhalten und zu warnen. Er war zehn Jahre abwesend und zehn Jahre sind eine sehr lange Zeit. In dieser Zeit haben alle gelernt, mich zu fürchten. Ich zeigte Aigisthos, dass er mir folgen sollte.

Alle anderen schauten nur machtlos zu, wie ihr König und Held von mir in den hinteren Trakt des Palastes geführt wurde um seine Rüstung und sein Schwert abzulegen und das Bad zu betreten.

               AGAMEMNON III

               Plötzlich hat er alles verstanden. Vielleicht war es die Wirkung von Dampf, der aus dem Bad aufstieg, durch den man schwächer wird und die Instinkte die einschlafende Vernunft überwinden. Das Düstere in einem Menschen, das viel weiser und weitsichtiger als er selbst und sein Verstand ist, weil er das von Göttern bei seiner Geburt geschenkt bekommen hatte. Nach einem Moment, als sein Verstand, betäubt durch Ruhm und Beifall, für eine Weile eingeschlafen war, kam es Agamemnon vor, als ob jemand vor ihm den Nebel zerteilt hätte.

               Jetzt sah er alles klar. Wie konnte er nur der liebeswürdigen Stimme seiner Frau Glauben schenken? Hätte sie ihm mit einem schlecht verborgenen Hass angesprochen, dann wäre alles in Ordnung gewesen, nur unter solchen Umständen hätte er ruhig bleiben können. Der Hass hätte ihre Ohnmacht und seine Sicherheit bedeutet. Er glaubte aber dem Billigsten, was sich zum Glauben angeboten hat. Jetzt verstand er ihre erhaltene Schönheit. Nur ein regelmäßiges Liebkosen einer männlichen Hand konnte eine Frau so schön berhalten, wie Klytamnestra es war. Sogar mit dem Verlangen in ihrem Blick. Nach zehn Jahren ohne Mann wäre es schon längst verblast. Deshalb also der Mann! Aber ja, er war ein Verwandter, Aigisthos, so ein Niemand, deshalb konnte er ihn nicht sofort erkennen. Deshalb wurde er also so blass! Ging er nicht zufällig mit ihnen, als ihn Klytamnestra zum Bad führte? Aber sicher, er folgte ihnen. Agamemnon merkte es doch, nur er verstand damals noch keine Zusammenhänge. Jetzt befand er sich auf dem einzigen Platz in dem ganzen Palast, wo kein Soldat seine Leibwache zu ihm durfte und dazu gab er seine Kleidung und sein Schwert dem Diener vor der Tür. Wo ist übrigens der Bademeister und der Masseur? Ja, ihre Abwesenheit war die Tatsache, die den Nebel vor seinen Augen auseinander gerissen hat. Die ihn dazu brachte, zu kapieren, was sich hier abspielte. Der König ist doch im Bad nie allein! Nur wenn ihn jemand töten möchte!

               In diesem Moment erwachte in Agamemnon der Soldat. Er stürzte zur Tür, um sie mit dem Riegel zuzusperren. Die Mörder werden auf die Tür schlagen, sie werden die Tür ausbrechen müssen, dachte er, damit werden sie die Wachen alarmieren. Seine Leibgarde kommt zur Hilfe. Nein, es ist noch nichts verloren. Warum sollte er sterben, wenn er keine Lust dazu hat?

Der Riegel an der Tür fehlte. Mit einem erstaunten Blick betrachtete er die leere Stelle, wo er offensichtlich vor kurzem entfernt worden war. Er stützte sich mit Rücken an die Tür. Seine Füße rutschten auf dem nassen Boden. Er verstand, dass er die Türe so nicht geschlossen halten konnte. Er würde nur ein kleiner Stoß von außen reichen um ihn auf den nassen Boden fallen zu lassen, auf den Rücken wie einen machtlosen Käfer.

Das ist das Ende, fiel ihm ein. Das erste Mal im Leben fiel ihm so etwas ein. Nicht einmal unter den Mauern von Troja, nicht einmal als die Trojaner Griechen ins Meer trieben und Achilles mit seinen Leuten sich weigerte, sich der Schlacht anzuschließen. Nicht einmal damals dachte er, es wäre alles verloren.

Jetzt aber standen die Mörder hinter der Tür. Er hörte sie nicht, aber er spürte ihre Anwesenheit. Sie waren dort, sie sammelten nur den Mut, um in das Bad einzubrechen und ihm den kalten Stahl in den Körper zu jagen. Wer wird der erste sein? Aigisthos? Den könnte er eventuell noch einschüchtern und ihm die Waffe entreißen. Nein, Klytamnestra ist konsequent. Es kommt ein bezahlter Mörder ohne Gefühle und Interesse an dem Verbrechen. Er wird ihm das Schwert in den Körper treiben, dann sein Gold kassieren und gehen. Oder kommt sie selbst? Er fühlte, wie es ihm kalt über den Rücken lief. Das doch nicht! Aber eigentlich warum nicht? Die Rache für Iphigenias Tod muss vollkommen sein. Sie ist ein Ungeheuer, dachte er über seine Frau. War ich aber kein Ungeheuer, als ich mit einem verlogenen Brief mein liebstes Kind zum Heer lockte, um es opfern lassen zu können?  Sie hätte Achilles heiraten sollen, habe ich ihr geschrieben. Sie kam mit großer Erwartung, sie freute sich so sehr auf ihren Bräutigam. Und dann kam die bittere Enttäuschung. Keine Hochzeit, dafür der Tod! Wem habe ich damals gedient? Warum sollte ich mich noch jetzt, in Angesicht des Todes, belügen? Ich habe nur mir selbst und meiner Sucht nach Ruhm gedient. Nur deshalb musste das unglückliche Mädchen sterben! Ein Blut aus meinem Blut! Ich rief damals, dass auf dem Altar auch mein Blut fließt. Es war eine Lüge. Es war nur ihr Blut, das meine wird demnächst und hier fließen.

Ein Versöhnungsgefühl drang in ihn ein. Warum nicht? Die Strafe ist gerecht. Für mich auch akzeptabel. Noch heute in der Früh habe ich mir Sorgen gemacht, wie ich mein Gewissen los werde, das meine Nächte zur Hölle macht. Also, die Lösung hat sich selbst angeboten! Der Tod ist eine Lösung. Zu sterben und definitiv Ruhe haben.  Keine Gewissenbisse, keine Pflichten. Sterben nach einem großen Sieg wie ein Held. Nicht wie ein schreiender Nackter, verfolgt von einer Herde Bewaffneter, sondern wie ein König, getötet in einem Moment der Erholung, versöhnt und großmutig.

Er wandte sich von der Tür weg und trat in die Badewanne. Er legte sich nieder und schloss seine Augen. Noch ein paar Augenblicke! Dann geht die Tür auf und die Mörder laufen ein. Er drückte seine Augenlider zusammen und wartete darauf, was jeden Moment kommen musste.

KLYTAMNESTRA III

Sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann der König alles verstehen würde. Seit dem Moment, als sich die Tür hinter ihm schloss, vergingen nur einige Augenblicke. Die Tür hatte auf der Innenseite keinen Riegel, man konnte sie nicht zusperren. Die Königin überließ nichts dem Zufall. Sie hielt das Schwert ihres Mannes in der Hand, es wurde ihr von dem Diener gereicht, der sich gleich danach entfernte.

Jetzt ging es nur mehr um eines, den Mut zur Tat zu gewinnen. Den Mut sich an die Tür anzulehnen und dann das Schwert in die Brust des mächtigsten Mannes Griechenlands zu jagen. Er war jetzt hinter dieser Tür nackt und machtlos, trotzdem jagte er ihr noch immer Angst ein. Eigentlich nicht noch immer aber schon wieder! Warum? Ist das die Angst, die einmal in der Vergangenheit zur Liebe wurde und diese wieder zum Hass? Und plötzlich verwandelte sich der Hass in die ursprüngliche Gestalt, aus der er hervorging – in die Angst vor dem großen Kämpfer.

„Gehen wir?“ fragte sie bereits das zweite Mal ungeduldig.

Aigisthos war todblass und seine Hand mit dem Dolch zitterte. Es war offensichtlich, dass er das nicht schafft. Sogar der unbewaffnete Agamemnon wäre im Stande, ihn zu überwältigen. Also muss es sie selbst tun! Die Götter verzeihen nichts, man kann sie nicht überlisten.

Wenn man eine Rache will, muss man sie auch vollziehen. Sie ist die Einzige, die den König tatsächlich hasst, deshalb muss sie auch selbst morden. Obwohl sie ihn, aber daran durfte sie nicht denken, gleichzeitig noch liebte. Sie zerschlug die Liebe in sich, diese überlebte aber trotzdem. Irgendwo im Vorhof ihrer Seele, ständig geschlagen, vertrieben, still und leidend, aber sie überlebte. Sie muss jetzt Augen und Ohren zumachen, um sie nicht zu sehen und nicht zu hören. Agamemnon hat sicher bereits alles verstanden, einer von ihnen musste also sterben. Warum sollte es sie sein? Es gibt Taten, die man niemals rechtfertigen kann, aber wenn sie getan werden müssen, darf man nicht zögern.

„Wenn wir ihn nicht töten, tötet er uns“, sagte sie und schaute Aigisthos direkt in die Augen.

„Ja“, sagte er und sie verstand, dass sie sich ab diesem Moment bis zum Lebensende gegenseitig hassen werden. Dafür, dass einer den anderen zu einem Verbrechen gezwungen hat, das sich in der Tiefe ihrer Seelen keiner von ihnen wirklich gewünscht hatte. Sie wird ihn für seine Schwäche hassen und er sie, weil sie seine Schwäre gesehen und verstanden hat. Nach dem Tod des Königs wird sich für beide ihr eigener Tod nähern. Fürs Überlegen war es aber bereits viel zu spät.

Klytamnestra stieß mit dem Fuß die Tür auf und mit dem Schwert in der Hand lief sie in den wohlriechenden Dampf, der aus der Wanne aufstieg.

Massada und Totes Meer

               „Masada darf nicht fallen“ – so lautet der Ruf, ein Teil der Rekrutenvereidigung der israelischen Armee. Bis vor einigen Jahren endete übrigens auch die Ausbildung der Rekruten in dieser Festung in der Wüste am Ufer des Toten Meeres. Eine so große symbolische Bedeutung hat diese Festung für Israel, sie symbolisiert den ungebrochenen Willen nach Unabhängigkeit und  Freiheit.

               Masada war tatsächlich der letzte Verteidigungspunkt, an dem Juden nach dem Fall  Jerusalems im Jahr 70 noch vier weitere Jahre Widerstand geleistet haben. Im Jahr 73 erschien aber vor der Festung die zehnte römische Legion „Fretensis“ unter der Führung von Flavius Silva und die Römer schließen um den Felsen einen dichten Belagerungsring. Sie bauten eine hohe Rampe und schoben auf dieser steilen Rampe Belagerungstürme zu Mauern, bis es ihnen gelang, in die Festungsmauer eine Bresche zu schlagen. Vor der Erstürmung der Festung, die für den nächsten Tag geplant war, begingen die Verteidiger der Festung, geführt von Eleasar ben Ja´ir, auch mit ihren Kindern und Frauen Selbstmord, um der Sklaverei zu entgehen. Reste der Rampe und des römischen Lagers sind auch heute noch sichtbar und zeugen von einer unglaublichen technischen Reife der damaligen römischen Ingenieure.

               Masada hatte immer eine sehr wichtige Funktion, da es an einer Furt lag, wo man das Tote Meer bereits in den Zeiten der Zeitwende überqueren konnte. Heutzutage, nach einem weiteren Rückgang des Wasserspiegels des Toten Meeres, entstand hier sogar eine Festlandbrücke – aus einem Meer wurden auf diese Art zwei. Mit diesem Naturphänomen möchte ich mich ein bisschen später beschäftigen.

               In Masada fand im Jahr 40 vor Christus die Familie des zukünftigen Königs Herodes die  Zuflucht, als sie vor Persern flüchten musste, die ins Land einfielen. Im Prinzip handelte es sich um einen Bürgerkrieg. Die Dynastie der Hasmonäer, die als Nachkommen der Makkabäer den Anspruch auf die jüdische Königskrone hatten, befand sich in Auflösung. Sie verlor die tatsächliche Macht, die an ihre „Majordomus“ überging. Dieser wahre Herrscher um das Jahr 50 vor Christus war der Vater des Herodes Antipatros. Er war eigentlich kein Jude – er stammte aus dem Stamm der Idumäer, also aus einem arabischen, mit Juden eng verwandten Stamm. Der König Hyrkanos II. fügte sich der Antipatros-Familie, nicht aber sein Neffe Antigonos, der Sohn seines Bruders Aristobulos. Antipatros wurde vergiftet und Aristobulos mit Unterstützung des persischen Prinzen Pakoros fiel in Judäa ein. Es gelang ihm seinen Onkel Hyrkanos gefangen zu nehmen. Er ließ ihn nach Persien führen, wo ihm die Ohren abgeschnitten wurden. Dadurch war es für Hyrkanos nicht mehr möglich, das Amt des Hohepriesters, das mit der Königswürde verbunden war, weiter zu  bekleiden, da die körperliche Makellosigkeit eine Voraussetzung dafür war. Im Krieg verlor auch der ältere Bruder von Herodes Phasael, sein Leben – er beging Selbstmord, damit er nicht als Geisel zur Erpressung missbraucht werden könnte.

               Herodes, der damals mit der Hyrkanos Tochter Mariamne verlobt war (wegen dieser Verlobung verstieß er seine erste Frau Doris, was ihm in der Zukunft große Probleme bereiten sollte), gelang es, nach Masada zu fliehen. Dort ließ er seine Familie und setzte seine Flucht bis nach Rom fort, wo er auf Geheiß seines guten Freundes Mark Anton vom römischen Senat überraschenderweise zum Jüdischen König ausgerufen wurde. Mit der Unterstützung der römischen Legionen kehrte er zurück, befreite die Familie aus der Belagerung in Masada und in den anschließenden drei Jahren gelang es ihm, das ganze Königsreich zu erobern und als ein Klientenkönig Roms die Macht zu übernehmen.  Antigonos wurde hingerichtet und Herodes ließ  seinen sechzehnjährigen Schwager Aristobulos (den Bruder Mariamnes und neuen Hohepriester) vorsorglich ertränken. Damit starb die Dynastie der Hasmonäer im Mannesstamm aus und Herodes konnte eine neue Dynastie gründen. Was nicht einfach war, besonders nicht in den Zeiten des römischen Bürgerkrieges, wo er mehrmals geschickt die Seiten wechseln müsste, bis er die Freundschaft des Augustus gewann. Er war nämlich ein Verbündeter und ein enger Freund von Mark Anton, bis dieser seinen Kampf bei Actium verlor. Damals hätte auf Herodes Leben niemand eine einzige Münze gewettet. Seine Frau Mariamne, die ihn für unwürdig, ihr Mann zu sein, betrachtete, bewarte den Thron für ihre Söhne, die sie mit Herodes hatte. Herodes segelte nach Rhodos, wo Oktavianus, der spätere Kaiser Augustus, sein Hauptquartier hatte, um die Invasion nach Ägypten vorzubereiten, und er erzwang sich eine Audienz. Bei der überraschte er den Römer damit, dass er keine Reue zeigte, sondern sagte: „Frage nicht, mit wem ich befreundet war, sondern was für ein Freund ich war.“ Augustus wurde aufmerksam, er erkannte einen Menschen der gleichen Blutgruppe, die er selbst besaß – klug, charakter- und gewissenlos. Die beiden wurden Freunde und Mariamne, die sich vorsorglich bereits einen Liebhaber besorgt hatte, wurde von Herodes hingerichtet. Später ließ Herodes sogar zwei seine eigenen Söhne, die er mit Mariamne hatte, aus Angst um seine Macht umbringen. Dies erwirkte die „graue Eminenz“ an seinem Hof, sein Sohn aus der ersten Ehe mit Doris Antipatros. Als seine Intrigen aufflogen, ließ Herodes auch ihn – fünf Tage vor seinem eigenen Tod – hinrichten. Damals sollte der Kaiser Augustus über seinen „Freund“ Herodes gesagt haben: „Es wäre besser ein Opfertier als ein Sohn dieses Königs zu sein, so könnte man länger leben.“

               Dieser Spruch des Augustus sollte die Grundlage der Legende über Kindermord in Betlehem bei Geburt Christi sein. Diese Tat des Herodes ist nämlich nicht in den historischen Quellen dokumentiert. Da sich die Historiker, besonders Flavius Josephus, mit der Herrschaft des Herodes detailiert beschäftigten und gerade Flavius Josephus zu diesem Herrscher sehr kritisch eingestellt war, hätte er sich diese grausame Tat des Königs in seinem Buch „ Der jüdische Krieg“ sicher nicht entgehen lassen. Er schweigt aber zu Vorwürfen, die in der christlichen Tradition aus dem zwar grausamen, aber äußerst fähigen Herrscher ein blutrüstiges Monster machten: Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er ließ Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die  er von den Sterndeutern erfahren hatte. (Matthäus 2, 16)

               Interessant ist auch, dass diese Geschichte nur im Matthäus Evangelium beschrieben ist, von Evangelisten Lukas wird sie aber nicht erwähnt. Gerade der Leibarzt des heiligen Paulus, Lukas sammelte Legenden und Zeugenberichte aus der Zeit der Geburt Christi während der Gefangennahme seines Meisters in Caesarea in den Jahren 56 – 58. Dass ihm so etwas entgehen hätte können, ist einfach unvorstellbar. Übrigens, die modernen Bibelforscher halten gerade die Evangelien von Markus und Lukas für authentisch, also wirklich von den Personen geschrieben, denen sie zugeschrieben wurden. Bei Matthäus und Johannes ist man bei weitem nicht so sicher. Ob das Massaker in Betlehem nach Christi Geburt tatsächlich stattgefunden hat, bleibt offen.

               Aber zurück zu Masada. Herodes erkannte sehr gut die strategische Bedeutung dieser Festung, wo sich seine Familie retten konnte und baute die Burg großzügig aus – in das heutige Ausmaß.

               Auf das Plateau wird man von einer Seilbahn befördert – leider kein österreichisches, sondern ein schweizerisches Produkt der Firma Von Roll. Sie hat eine Länge von 900 Metern und während der dreiminütigen Fahrt taucht man über den Mittelmehrspiegel auf. Die Talstation der Seilbahn befindet sich nämlich auf minus 257 Meter Seehöhe, die Bergstation ist aber in der Höhe 33 Meter über dem Meeresspiegel – in der Zeit, als das Jordantal vom Mittelmeer durch ein Erdbeben getrennt wurde, war Massada also eine Insel. Es ist auch möglich, zu Fuß auf einem Pfad den Berg zu besteigen – es sind letztendlich „nur“ 290 Höhemeter, ich würde es aber vielleicht nur in den frühen Morgenstunden versuchen, solange die Hitze noch einigermaßen erträglich ist.

Die Festung ist gigantisch, ihren Hauptteil bilden die Speicher für Vorräte – es gab hier genug Nahrungsmittel für die gesamte Garnison für drei Jahre. Herodes baute die Festung für den Fall, dass das ganze Land gegen ihn rebellieren würde. Dann wollte er sich in diese uneinnehmbare Festung zurückzuziehen und auf die römische Hilfe warten. Drei Jahre sollten sogar für die Römer genug Zeit sein, um zu Hilfe kommen zu können. Der Palast des Herodes ist am nördlichen Hang, also an der Schattenseite des Berges gebaut und war wirklich großartig – auf drei Terrassen und auch mit einem großen Bad.

               Das Essen war im Falle einer Belagerung nicht das größte Problem, Sorgen machte natürlich das Wasser. Es gibt in dieser Gegend keine Wasserquellen, man war also auf Regenwasser angewiesen und jeder Tropfen war viel zu wertvoll, um verloren gehen zu dürfen. Nicht nur auf dem Bergplateau sondern auch auf den Hängen der Klippe wurde ein sehr komplexes System zum Abfangen des Regenwassers mit Speichern in künstlichen Höhlen eingerichtet. Im Falle einer Belagerung konnten die Verteidiger bis zu diesen Speichern absteigen und das Wasser in die Festung holen – noch immer waren sie außer der Reichweite der damaligen Bogen.

Die Gebäude auf dem Berg sind hellenistisch geprägt, mit Fresken an den Wänden und mit Mosaikböden, allerdings ohne Darstellung der Lebewesen, soweit traute sich nicht einmal Herodes gegen das jüdische Gesetz zu verstoßen.

               Die neuesten Gebäude auf dem Plateau stammen aus der byzantinischen Epoche.  Masada wurde bis zum Jahr 749 bewohnt,  bis ein Erdbeben der letzten Siedlung ein Ende bereitete.

               Von der Festung sieht man in Richtung Westen nur Wüste mit einer Straße, die durch einen Pass in den Bergen zur Festung führt. Auf dieser Straße kam Herodes hierher – er konnte von der Garnison aus einer großen Entfernung gesehen und die Festung konnte rechtzeitig für seinen Aufenthalt vorbereitet werden. Genauso gut konnte man aber auch einen anrückenden Feind beobachten und sich entsprechend vorbereiten. Nicht zufällig sieht man die Reste des römischen Lagers direkt neben dieser Straße – natürlich mussten die Römer jeden Nachschub für die Verteidiger der Festung unterbinden.

               Herodes hatte seine Winterresidenz in Jericho bei der Mündung des Flusses Jordan in das Tote Meer. Heute ist das eine moderne palästinische Siedlung (Zone A), viel von der berühmten Vergangenheit findet man hier nicht. Jericho war die erste Stadt, die Juden im ihnen zugesprochenen Land erobert haben – wahrscheinlich mit Hilfe eines Erdbebens. Sie waren aber überzeugt, dass der Lärm, die ihre Hörner und ihr Kriegsgeschrei ausgelöst hat, die Mauer der Stadt zum Sturz gebracht haben. Moses war nicht mehr dabei. Er konnte das Land nur vom Berg Nebo sehen, er durfte es aber nicht betreten. Den Berg Nebo sieht man an dem Horizont, er befindet sich in Jordanien. Das Grab des Moses gibt es in der Wüste nahe dem Weg nach Jerusalem. Sein Leichnam wurde ins Heilige Land überführt und hier begraben.

               Zum Besuch des Tals des Toten Meeres gehört den Besuch von Qumran, wo die ältesten geschriebenen Texte des Alten Testamentes in einer Höhle gefunden worden sind.

In Qumran lebte offensichtlich die Sekte der Essener. Ob Johannes der Täufer zu ihnen gehörte oder zumindest zeitweise bei ihnen die Unterkunft fand, ist nur eine Hypothese, allerdings betrieben die Essener ein Ritualbad, vielleicht ein Vorbild der Taufe. Einer von ihnen war auch Lehrer von Herodes dem Großen und er sagte ihm bereits als einem kleinen Buben eine große Zukunft und ein furchtbares Ende voraus.

               Baden kann man im Toten Meer an der „Kalia Beach“. Der Strand ist schön und gepflegt. Hier befindet sich auch die tiefst gelegene Bar der Welt – 418 Meter unter dem Meeresspiegel. Die Bar hat keinen Namen – es ist einfach „The lowest Bar in the World“, man kann hier aber ein gutes, gekühltes Bier bekommen und in der Hitze braucht man die Flüssigkeit ganz dringend. Als wir dort waren – im April – zeigte das Thermometer 43,2 Grad Celsius im Schatten.

Das Wasser des Toten Meeres hat einen Salzinhalt von 32,6%, also ungefähr 10 mal so viel, wie normales Meereswasser – daher kann hier auch kein Lebenswesen überleben. Ein Mensch übrigens auch nicht. Das Baden ist zwar möglich, es wird aber dringend empfohlen, nur am Rücken im Wasser zu liegen – das schaffen sogar die Nichtschwimmer, da man in dieser konzentrierten Salzlösung nicht unten gehen kann. Eine Einatmung des Wassers ist aber fatal. Salz zieht Wasser an und die Folge ist dann ein Lungenödem, das nicht zu behandeln ist, da man das Salz aus der Lunge nicht mehr heraus  bekommt. Auf dem Bauch sollte man also niemals baden, da die Umdrehung oder das Aufstehen ohne den Kopf unter den Spiegel zu tauchen nicht möglich ist und so entsteht eine wirklich lebensbedrohliche Situation.

               Das Tote Meer entstand einmal vor vielen, vielen Jahren, offensichtlich durch ein Erdbeben, bei dem eine Landesbrücke gehoben wurde und ein Teil des Mittelmeeres vom Rest abgeschnitten wurde. Mit der Zeit verdunstete das Wasser. Der Fluss Jordan schaffte es, das Salz in die niedrigen Lagen zu spülen (deshalb ist Genezareth See süß). Aber es blieb letztendlich nur sehr wenig vom damaligen Meer – das Wasser war weg – das Salz blieb. Es geht sogar weiter – die Verdünstung wird auch dadurch beschleunigt, dass man beinahe das gesamte Wasser vom Fluss Jordan für die Landwirtschaft aber auch als das Trinkwasser verbraucht so dass bei Jericho der Jordan kaum noch Wasser in das Meer bringt. Deshalb ist das Tote Meer heutzutage bereits von einer Landbrücke in zwei Teile getrennt. Es gibt Überlegungen, das Wasser aus dem Roten Meer zuzufügen (dagegen protestieren die Naturschützer), um ein komplettes Verschwinden des Meeres zu verhindern – sonst droht dem Toten Meer das Schicksal des Aralsees. Ob dann die Proteste der Naturschützer aufhören, wenn Salzstürme das Tal plagen würden, ist die Frage. Vorläufig versuchen die Israelis das Land um das Tote Meer zu kultivieren, es gibt hier unendliche Plantagen von Dattelpalmen – da es sich um die Zone C handelt, dürfen die Israelis – aus ihrer Sicht  – hier alles tun, was ihnen beliebt.  

               Natürlich ist es in Israel noch einiges zu sehen. Die Knesset, also das Gebäude des israelischen Parlamentes, das Holocaustmuseum „Yad Waschem“, auch die „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“ genannt. Oder die Ausgrabungen im Bereich der ehemaligen Decapolis, der hellenistischen autonomen Städte aus den Zeiten des römischen Reiches – normalerweise besucht man die einzige von diesen Städten, die sich auf dem westlichen Ufer des Jordans befindet „Bet She´an“, die frühere Scythopolis. Es gibt Strände am Roten Meer bei Elat oder die Wüste Negev im Süden des Landes.  Und natürlich es gibt die pulsierende Metropole des jüdischen Staates – Tel Aviv. Aber dafür alles würde man doch mehr Zeit brauchen, ich möchte mich an dieser Stelle vom Heiligen Land verabschieden.

Heiliges Land – Das Ende des Weges Christi

Also wenn der Weg Christi in Betlehem seinen Anfang nahm, endete dieser nach vielen Zwischenstationen in dem weitentfernten Galiläa, in Nazareth, in Kapernaum, am See Genezareth und – vielleicht – auch in Kana, in Jerusalem – so, wie er enden musste.

               Als Christus einmal am Palmsonntag durch das Goldene Tor in die Stadt wie ein Messias einzog, gab es keinen Weg zurück. Seine Mission in der Hauptstadt dauerte nur fünf Tage. Die Unruhen, die sein Einzug in der Stadt zur Folge hatte, veranlassten sogar den römischen Prokurator Pontius Pilatus, seinen Arsch aus seinem Luxusdomizil in Caesarea zu heben und nach Jerusalem zu kommen, obwohl Römer diese Stadt wie die Pest hassten – weil sie sie einfach nicht verstanden. Wenn aber die jüdischen Radikalen (Zeloten)erwarteten, das Jesus zu einem Aufstand und Sturz der römischen Herrschaft aufrufen würde, waren sie sehr enttäuscht. Das Reich Christi war nicht von dieser Welt und  er forderte sie sogar auf, dem Kaiser zu geben, was ihm gehörte und Gott, was seins war. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde Jesus im Garten Getsemani auf der anderen Seite des Cedrontals verhaftet und ins Haus des Hohepriesters Kaiphas abgeführt. Auf der Stelle dieses Hauses steht heute natürlich eine Kirche, gut sichtbar vom Ölberg. Kaiphas durfte aber den Propheten nicht richten, da  Gerichte, die Todesstrafe aussprechen durften, dem römischen Prokurator unterlagen. Die Begeisterung des Pontius Pilatus, dass ihn Juden in ihre religiösen Streitigkeiten hineinziehen wollten, hielt sich in Grenzen. Er kannte sich in den Gründen ihrer Streitereien nicht aus und er hatte auch keinen Bedarf, sich darin auszukennen. Dann erfuhr er, dass sich in Jerusalem gerade der Tetrarch von Galiläa Herodes Antipas befand und schickte postwendend Jesus zu ihm mit der Begründung, dass es sich bei dem Verhafteten um einen Galiläer handelte, damit um einen Untertanen des Herodes und es war dann die Pflicht des Herodes einen falschen Propheten zu richten. Herodes Antipas, der ohnehin nach der Hinrichtung des Johannes des Täufers noch immer ein schlechtes Gewissen hatte, zeigte keine Lust in diese Falle zu tappen und retournierte Jesus zu Pontius Pilatus mit der Feststellung, dass sich dieser keines Verbrechens auf dem Gebiet von Galiläa schuldig gemacht hätte und aus diesem Grund ihn der Tetrarch nicht richten könne.

               Der Schwarze Peter blieb also doch den Römern. Judea stand letztendlich unter ihrer direkten Verwaltung und der Prokurator war für die Ordnung in der Provinz verantwortlich – ob ihm das gefiel oder nicht. Es gefiel ihm nicht. Andererseits war der zur Brutalität neigende Pilatus genug Politiker, um die Schlauheit des Herodes zu würdigen. Laut Lukas wurden sie an diesem Tag Freunde, obwohl sie sich früher nicht besonders mochten. Übrigens diese Verknüpfung der Geschichte Christi mit Herodes beschreibt in seinem Evangelium nur Lukas. Matthäus, Markus und Johannes schicken Christus von Kaiphas direkt zu Pilatus – zum Gericht, das für ihn nicht gut ausgehen konnte.

               Auf dem Ort, an dem Pilatus sein Urteil sprach, beginnt die „Via Dolorosa“, also der „Weg der Schmerzen“, der durch die Altstadt von Jerusalem bis auf Golgota führt, auf die damalige Hinrichtungsstelle. Pilatus musste natürlich in der Festung Antonia richten, die Herodes der Große bauen und nach seinem Freund Mark Anton benennen ließ. Diese Festung lehnte sich direkt an den Tempelbezirk an, sie war eigentlich ein Teil von ihm. Von der Festung blieb nach dem Jahr 70 nichts erhalten. Es gibt die Treppe, die zur Festung führte, auf der Pilatus sein Urteil verkündete. Diese findet man aber nicht in Jerusalem. Die Kaisermutter Helena ließ sie im Jahr 326 nach Rom führen, wo sie jahrhundertelang die Eingangstreppe der päpstlichen Kirche im Lateran bildete. Als Erinnerung an das Leiden Christi durfte man diese Treppe in die Kirche nur kniend hochsteigen. Es musste ein hartes Stück Arbeit sein, die Marmortreppe zu zerlegen, auf damaligen Schiffen nach Rom zu transportieren und dort wieder zusammenzubauen. Nachdem der Lateran nach der Rückkehr des Papstes aus Avignon nach Rom im Jahr 1377 umgebaut und das Zentrum der päpstlichen Macht in den Vatikan verlegt wurde, verlor die Treppe ihre Funktion. Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts bekam die Treppe, die bereits frei vor der Kirche stand, ein eigenes Gebäude und ihr Marmor wurde mit Holz verkleidet – um sie vor der Abnützung zu schützen. Ich glaube, dass dieses Nussholz mehr als den Marmor die Knie der Pilger schützt – auch heute darf man die Treppe nur kniend und betend betreten.

               Gleich neben der ersten Station der „Via dolorosa“ gibt es die zweite Station, wo Christus das Kreuz auf sich nahm.

Die Kapelle über diesen Ort ließ Herzog Maximilian von Bayern auf seiner Pilgerreise ins Heilige Land im Jahr 1838 bauen, als er zum Ritter des Heiligen Grabes geschlagen wurde. Für die, die diese ein bisschen extravagante Person der europäischen Geschichte nicht kennen, es handelt sich um den Vater der Kaiserin Elisabeth, der Gattin von Franz Josef I., unserer berühmten Sissi.

               Gleich in der Nähe der dritten Station steht das Österreichische Hospiz. Es wurde im Jahr 1858 gebaut und 1863 als Herberge für alle Pilger aus dem Österreich-Ungarischen Kaiserreich eingeweiht. Deshalb steht auf der Treppe die Statue der Jungfrau Maria – „Magna Mater Austriae“, die in Mariazell verehrt wird, geschmückt mit Wappen aller Länder der damaligen Monarchie. Das Hospiz musste in den 160 Jahren seiner Existenz bewegte Zeiten durchmachen. Im ersten Weltkrieg war es das Hauptquartier der österreichischen Offiziere (Die Türkei kämpfte auf der Seite von Deutschland und Österreich). Im November 1917 wurde Jerusalem von britischen Einheiten eingenommen und im Februar 1918 machten die Briten aus dem Hospiz ein Waisenhaus. Später verwandelten sie es in eine Pension für britische Offiziere und nach 1938 wurden hier österreichische Mönche und Nonnen interniert, die nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland deutsche Staatsbürger wurden. Nach dem Jahr 1948 war hier ein jordanisches Krankenhaus, wo am 20. Juli 1951 der jordanische König Abdallah starb, der bei einem Attentat bei der Moschee Al Asqa tödlich verwundet wurde. Nach dem Sechstagekrieg wurde Jerusalem Teil des israelischen Staates und das Hospiz wurde an Österreich zurückgegeben. Die Österreicher renovierten das mittelweile einsturzgefährdete Gebäude und eröffneten es im Jahr 1988 feierlich wieder.

               Das Hospiz ist besuchswert. Nicht nur seiner wunderschönen Kapelle aus dem Jahr 1908 wegen, wo oberhalb des Altars alle heiligen Landespatronen der Länder des Kaiserreiches dargestellt werden, also auch der heilige Wenzel, der heilige Stephan oder Leopold. Man kann hier nämlich auch einen guten Wiener Kaffee, einen Apfelstrudel oder eine Sachertorte genießen. Die Hauptattraktion ist aber die Dachterrasse (der Eintritt kostete 5 Schekel) von der es einen wunderschönen Blick auf ganz Jerusalem gibt.

Auf einer Seite gibt es den Felsendom, auf der anderen die Kuppel der Grabeskirche und der Erlösungskirche, sie stehen nebeneinander am Ende der „Via Dolorosa“. Die Grabeskirche ist für orthodoxe und katholische Gläubige bestimmt. Damit die Protestanten auch eine Kirche hätten, ließ der Kaiser Wilhelm in ihrer unmittelbaren Nähe eine Kirche für seine protestantischen Untertanen die Erlösungskirche bauen. Wie wir wissen, feiern die Protestanten den Tod Christi mehr als seine Auferstehung, gerade durch seinen Tod hat er nämlich die Menschheit von der Erbsünde erlöst. Von der Dachterrasse des Hospizes aus sieht man die ganze Altstadt von Jerusalem so schön, dass man sie gar nicht mehr verlassen möchte.

               Die „Via dolorosa“ setzt ihren Verlauf fort, die dritte und vierte Station sind ziemlich unauffällig, der erste Sturz unter dem Kreuz und das Treffen mit Jesu Mutter sind nur ein paar Schritte voneinander entfernt. Dann geht man bergauf nach Golgota. Die fünfte Station ist Simon aus Zyrene gewidmet, der Christus sein Kreuz zu tragen half. In der Mauer eines der Häuser gibt es hier ein Stein mit dem „Abdruck“ der Handfläche Christi. Hier stützte sich der müde Erlöser an die Mauer. Zu bestimmten heiligen Relikten bin ich ein bisschen skeptisch, ich hoffe, dass mich mein Leser verstehen kann.

               Dann geht man durch die alte Mauer von Jerusalem, da die Befestigung, die Sultan Suleiman gebaut hat, ein wesentlich größeres Gebiet umgab, als es die antike Stadt besaß. Die Hinrichtungsstätte war logischerweise außerhalb der Stadtmauer, heute ist sie allerdings innerhalb der Stadt. Das Treffen mit Veronika als die sechste Station ist also im Bereich des alten Stadttores. In der Nähe der siebenten Station der „Via dolorosa“ gibt es ein ehemaliges Spital der Johanniter, das mit einem Malteserkreuz gekennzeichnet ist und von dem uns Schibli einreden wollte, dass es protestantisch sei.

               Die letzte Station außerhalb der Grabeskirche ist die achte Station, alle übrigen befinden sich unter dem Dach der Kirche. Die Grabeskirche wird je ein Viertel von orthodoxen Christen – griechischen, ägyptischen, armenischen und aramäischen – besessen, die Katholiken besitzen hier nur eine Seitenkapelle, wo ein Rest der Säule aufbewahrt wird, an der Christus gegeißelt wurde. Das Grab ist in einem Marmorbau gehüllt, auf den Eintritt zum Grab wartet man in einer Schlange ganze Stunden. Besonders dann, wenn in dem Moment, in dem wir schon hineintreten sollten, eine Prozession der polnischen Pilger den Ablauf unterbrach, die zum Grab von den Rittern des Heiligen Grabes in ihren prächtigen Ornaten begleitet wurde – zu meiner Überraschung gab es unter den Rittern auch Frauen.

Wir warteten auf den Eintritt dadurch eine halbe Stunde länger, es zahlte sich aber aus, die Prozession der Ritter war eine schöne Attraktion. Schlimmer war es für diejenigen, die hinter der Ecke standen – sie sahen nichts, warten mussten sie aber genauso wie wir. Sie mochten nachher keine Polen. Übrigens Polen, sowie auch Russen, gab es hier in unglaublichen Mengen, Osteuropa holt offensichtlich seine Defizite auf.

               Das Grab ist natürlich ein mystischer Ort. Bedeckt mit flachen Marmorplatten und beleuchtet nur mit Kerzen, hat es einen geheimnisvollen Charakter. Es ist klein, es passen höchstens drei Personen gleichzeitig hinein. Gerade, als wir an der Reihe waren, stürmte eine fanatische junge Frau im Kopftuch hinein. Sie warf sich auf die Platten des Grabes und wollte das Grab nicht mehr verlassen. Sie wälzte sich in einer Ekstase auf den Steinen, verbrannte sich ihre Hand an der Kerze, der Pope, der auf die Besucher aufpasste, musste sie mit Gewalt herausholen.               

               Im Vorraum der Kirche ist eine Marmorplatte ausgestellt, durchtränkt durch Öl, mit dem Maria Magdalena den Leichnam Christi einbalsamierte.

Man findet diese Platte leicht, bei ihr knien oder auf ihr liegen ganze Menschenmengen, die den zauberhaften Duft der Salbe genießen wollen. Man kann ihn wirklich riechen, möglicherweise deshalb, weil die Platte damit täglich frisch geschmiert wird. Der Duft ist sehr angenehm, ich habe ihn noch lange auf meinen Handflächen riechen können.

               Golgota befindet sich in der gleichen Kirche wie das Grab. Man muss nur um ein Stockwerk höher steigen. Durch eine enge Treppe kommt man zu einer weiteren Kapelle, die über die Steine der ehemaligen Hinrichtungsstätte gebaut wurde. Die Steine sind mit einem Glas bedeckt, damit man sie sehen kann und unter dem Altar gibt es eine Stelle, wo man die Hand hinlegen und die Steine von Golgota berühren kann. Die Voraussetzung ist eine angemessene Kleidung, ein Tourist in kurzer Hose wurde von den Priestern trotz heftigen Widerstandes erbarmungslos hinausgeworfen.

               Die Protestanten haben ihr Golgota anderswo, nämlich in einem englischen Park außerhalb der Stadtmauer, wenn man die Stadt durch Damascustor verlässt. Die Protestanten begründen diese Stelle mit dem Text der Bibel, dass sich die Hinrichtungsstätte außerhalb der Stadtmauern befand. Dazu findet man in diesem Park tatsächlich einen Felsen, der dem menschlichen Schädel ähnelt. Im Jahr 1867 wurde hier ein Felsengrab entdeckt und im Jahr 1883 entschied der britische Generalmajor Charles Gordon, dass es sich hier um den wahren Ort des Todes und Begräbnisses Jesus handelte und er kaufte das Grundstück. Es ist ein ruhiger Ort, viel ruhiger als die Menschenmengen in der Grabeskirche, also es ist entbehrlich mit Protestanten zu streiten, ob die Mauer Suleimans mit der antiken übereinstimmt oder nicht. Wer Lust oder Zweifel hat, darf auch diesen Ort besuchen.

               Egal ob dort oder hier, irgendwo hier in der Nähe, jedenfalls in Jerusalem, fand das Leben Christi sein Ende. Und damit auch unsere Pilgerreise. Trotzdem möchte ich das Heilige Land noch nicht verlassen. In zwei Wochen geht es zum Toten Meer und zur Festung Massada. Das ist ohnehin ein Pflichtprogramm jeder Israelreise.

Heiliges Land – Betlehem

               Betlehem, wo der Lebensweg Christi begann, ist heutzutage mit Jerusalem grundsätzlich zusammengewachsen. Also, es wäre zusammengewachsen, gäbe es zwischen den beiden Städten nicht eine acht Meter hohe Mauer. Die Grenzübergänge werden von bewaffneten israelischen Soldaten überwacht. Betlehem liegt nämlich in Palästina also in der „Westbank“, im autonomen palästinischen  Gebiet. Betlehem gehört zur „Zone A“, also zum palästinischen Gebiet mit einer vollständigen Autonomie, also mit Zivilverwaltung und palästinischer Polizei (Palästinenser dürfen keine Armee haben). Man wird nach der Überquerung der Grenze von einer großen roten Tafel ein bisschen überrascht, auf der, geschrieben mit großen weißen Buchstaben, steht: „Dieser Weg führt in ein palästinisches Dorf. Benutzung dieser Straße ist für israelische Staatsbürger lebensgefährlich“. Aus diesem Grund wechseln die Reisegruppen, die einen israelischen Reiseführer haben, an dieser Stelle diesen in einen palästinensischen. In Betlehem machen die Führungen ausschließlich Palästinenser.

               Zur „Geburtskirche“ muss man also über die Grenze – am bestens im Taxi mit einem arabischen Fahrer. Betlehem ist eine prosperierende Stadt, gleich wie Rammallah profitiert es von der Loyalität der derzeitigen palästinischen Führung – und von der Touristik. Es gibt hier Vier – und Fünfsternhotels (obwohl man im Vergleich mit mitteleuropäischen Verhältnissen einen Stern abziehen sollte). Es ist doch ein bisschen anders, zum Beispiel im Hotel Gabriel ist die ganze Bar eine Raucherzone, also für Nichtraucher ist es dort ein bisschen schwierig. Eine Zigarette gehört im Orient zum Image eines erwachsenen Menschen noch viel mehr als bei uns und medizinischer Tratsch über die Schädlichkeit des Rauchens ist hier noch nicht angekommen. Im Stadtzentrum gibt es ein riesiges modernes Einkaufszentrum, wäre es nicht arabisch beschriftet (nur arabisch, hebräische Aufschrift würde man vergeblich suchen), könnte man glauben, man wäre zu Hause.

               Die Basilika „Geburtskirche“ist ein riesiges Gebäude im romanischen Stil. Angeblich ist es die einzige Kirche in ganz Palästina, die das Wüten der Perser im Jahr 614 überlebte. Der Grund war das Mosaik mit einer Abbildung der drei Könige vor ihrem Eingang. Diese wurden in den traditionellen persischen Gewänden dargestellt und das hielt die Soldaten des persischen Königs ab – sie fürchteten, sie könnten einen persischen Tempel zerstören. Das Mosaik gib es hier heutzutage nicht mehr, der Eingang in die Basilika ist trotzdem sehr interessant. Grundsätzlich handelt sich um drei Eingänge in einem. Der größte und der mittelgroße (sagen wir der normal große) sind beide zugemauert, es bleibt nur ein kleiner Eingang, in dem man sich viel bücken muss, um durchzukommen. Angeblich ist der Grund, dass kein Mann in der Rüstung und mit einer Waffe hineinkommen durfte. Was funktionieren könnte. Ein gepanzerter Ritter kann sich sicher nicht so klein machen, um durchzukommen. Das Innere der Kirche ist dafür groß. Groß genug, damit sich hier eine dreistündige Schlange bilden kann, die auf den Eintritt in die Höhle im Untergeschoß wartet, wo das Christkind zur Welt kam. 

               So zog auch Josef von der Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa  in die Stadt Davids, die Betlehem heißt, denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. (Lukas 2, 4-7)

               Das apokryphische Matthäus Pseudoevangelium bereichert diese Erzählung mit unseren zwei bekannten Tieren: „Am dritten Tage nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus trat die seligste Maria aus der Höhle, ging in einen Stall hinein und legte ihren Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an. Da erfüllte sich, was durch Propheten Jesaja verkündet ist, der sagt: Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn“

               Weil die Apokryphen in der christlichen Tradition eine bedeutende Rolle spielen, muss natürlich der Geburtsort Christi in einer Höhle sein – die Stelle der Geburt ist auf dem Boden mit einem Stern gekennzeichnet.

Vorher muss man aber eine mehrstündige Schlange überstehen, die sich durch die orthodoxe Basilika schlängelt, bis man zum Eingang in die Höhle kommt. Die Menschen sickern in den Eingang der Höhle wie Sand in ein Loch im Boden, der Ort hat aber trotz dieses Andrangs der Pilger und Touristen etwas in sich. Hier klingen die Worte des Evangelium von Lukas: „In jeden Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl…“ einfach anders als wo anders.

               Die wunderschöne Ikonostase und riesige Kronleuchter aus Silber stiftete der russische Zar Nikolaus II. für die Kirche. Der Herrscher, der in seinem Heimatsland zu einem heiligen Märtyrer erklärt worden ist, da er mit seiner ganzen Familie dem Terror der Bolschewiken zum Opfer fiel.

               Da die Geburtskirche ein orthodoxes Gotteshaus ist, gibt es in ihrer unmittelbaren Nähe die Kirche der Heiligen Katharina von Alexandria. Diese monumentale katholische Kirche (verwaltet wird sie von Franziskanern) steht auf dem Ort, wo laut Überlieferung der heiligen Katharina Jesus erschien und ihr bevorstehendes Martyrium voraussagte.  Die katholischen Weihnachtsmessen aus Betlehem werden in die ganze Welt aus dieser Kirche übertragen. Übrigens, die Orgel ist ein Werk der österreichischen Firma Rieger und wurde in den Jahren 2002 – 2003 gebaut.

               Betlehem ist der Geburtsort Königs David, des Gründers des ersten jüdischen Staates und Eroberers Jerusalems. Also des ersten ( obwohl eigentlich des zweiten) jüdischen Königs. Er, sowie auch Josef und Christus, leiteten ihre Herkunft vom jüdischen Stamm Benjamin ab, sie waren also Nachfahren des jüngsten der Söhne Jakobs. An Davids Geburt wird auf dem Gebiet des Feindes nicht erinnert, die Juden ehren ihn an seinem fiktiven Grab auf dem Berg Zion vor den Mauern Jerusalems.

               Also wenn der Weg Christi in Betlehem seinen Anfang nahm, endete dieser nach vielen Zwischenstationen in dem weitentfernten Galiläa, in Nazareth, in Kapernaum, am See Genezareth und – vielleicht – auch in Kana, in Jerusalem – so, wie er enden musste.

Aber darüber das nächste Mal.