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Neapel


 

Wahrscheinlich kennt jeder Mensch den Spruch „Neapel sehen und sterben“. Weil er uns auch bekannt war und wir hatten noch nicht vor zu sterben, bevor wir die Stadt unter Vesuv gesehen haben, entschlossen wir uns, mit dem Zug nach Neapel zu fahren. Wir ließen unseren Lancia vor dem Hotel eingeparkt und verlangten nach dem Zugfahrplan zwischen Salerno und Neapel. Dabei realisierte ich das erste Mal, dass es nicht so einfach sein würde. Die Züge fahren zwischen diesen zwei Städten jede Stunde, das Ticket kostet ein wenig über 4 Euro, also auf den ersten Blick schaut alles unkompliziert aus. Auf den zweiten Blick merkt man aber, dass es bei der Mehrzahl der Züge einen Preiszuschlag gibt – zwischen 5 und 19 Euro. In einen solchen Zug wollten wir keinesfalls einsteigen, da ich mir vorstellen konnte, dass für den Kauf eines solchen  Zuschlages im Zug einen weiteren Zuschlag oder eventuell eine saftige Strafe zu bezahlen wäre, weil man unberechtigt in einen solchen Zug eingestiegen war. Und wie soll ich das dem Schaffner mit meinem gebrochenen Italienisch erklären?

Probleme sind aber dazu da, um gelöst zu werden. Ich schrieb alle Züge, die ohne Zuschlag geführt worden sind, nieder, kaufte ein Rückfahrtticket und wir brachen auf.

Neapel ist unglaublich. Es ist ein Nest, in dem ungefähr 2,5 Millionen Menschen leben, eine absolute Mehrheit davon ist sehr arm. Nach einer Statistik aus dem Jahr 2009 gab es in Kampanien ein durchschnittliches Einkommen 10 000 Euro pro Familie und Jahr. Wie viel Einwohner Neapel wirklich hat, weiß keiner. Bei der letzten Volkszählung gaben alle Kommissare auf und legten in der Verzweiflung ihre Mandate nieder. Man konnte für sie keinen Ersatz finden und die Volkszählung in Neapel blieb also unvollendet. Kein Wunder. Die Neapolitaner wollten nicht gezählt werden und ließen sich nicht dazu zwingen.

Die sizilianische Mafia ist nämlich in Vergleich zu neapolitanischen Camorra eine harmlose Erscheinung. Camorra hat die Macht in der gesamten Region fest in der Hand, schon deshalb, da sie neben dem italienischen Staat der einzige Arbeitsgeber ist. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit über 50% gibt es für jemanden, der keinen Job als Polizist, Beamter, Lehrer oder Arzt ergattern konnte, die einzige Möglichkeit, zu einem Paten zu gehen und dort gegen einen Treuschwur einen Job zu bekommen. 70% der Firmen, Betriebe und Geschäfte zahlen Schutzgeld (pfui, natürlich kein Schutzgeld, dass ist heutzutage nicht mehr „in“, man zahlt eine Versicherung, natürlich bei der richtigen Gesellschaft. Sie ist zwar sehr teuer, aber bringt die Sicherheit, dass Ihr Geschäft nicht ausgebrannt wird.)

Ein Tourist erkennt natürlich nichts davon, zumindest haben wir nichts erkannt. Während des ganzen Aufenthaltes fühlten wir uns nicht bedroht und niemand hat es versucht, uns zu bestehlen. Wir betraten die Stadt an der „Statione centrale“ auf der „Piazza Garibaldi“. Garibaldi gibt es in jeder italienischen Stadt, es ist einfach ein Pflichtprogramm nach ihm etwas zu benennen und ihm eine Statue zu errichten. In Neapel hat es aber eine eigene Poesie. Garibaldi brachte der Stadt nämlich ihren Untergang. Als nämlich der sardinische Ministerpräsident Cavour nicht mehr wusste, was er mit dem unsteuerbaren Giuseppe tun sollte, schickte er ihn mit seinen 1000 „Rothemden“ nach Süden, um für den König das Königreich der beiden Sizilien zu erobern. Er hoffte, dass der liebe Giuseppe dort von den Bourbonen erschossen wird und er – also Cavour – selbst endlich Ruhe haben würde. Eine fatale  Fehleinschätzung. Garibaldi schaffte es, die Armee der Bourbonen auf Sizilien zu besiegen und der italienische Süden wurde wirklich dem Königreich einverleibt. Das war der Anfang vom Ende der einmal prächtigen, mächtigen und glorreichen Stadt Neapel. Aus der Hauptstadt wurde eine Provinzstadt, der Adel zog aus und verließ seine prächtigen Paläste auf der „Via tribunali“, die begannen zu verfallen und die erwarteten Investitionen der norditalienischen Unternehmern ließen auf sich warten. Neapel wurde arm und die Macht hat die Camorra übernommen. Trotzdem wird auch hier Garibaldi gefeiert. Fragen Sie mich nicht warum, es ist in Italien – wie bereits gesagt – einfach ein Pflichtprogramm.

Den ersten Kaffee, einen exzellenten Espresso um 90 Cent tranken wir bei der „Porta Capuana“. Das war einmal das wichtigste Stadttor, weil von hier der Weg nach Capua und von dort dann nach Norden in Richtung Rom führte. Gleich hinter dem Tor gibt es den ehemaligen königlichen Palast der Normannen und Staufen – „Castello Capuano“. Hier hatten Kaiser Heinrich VI.  oder Friedrich II. ihren Sitz, wenn sie sich in der Stadt aufhielten – beide taten das nicht besonders gerne. Neapel war im Jahr 1191 der wahre Stolperstein für Heinrich VI. auf seinem Weg zur Beherrschung des süditalienischen normannischen Königreiches, auf das er als der Gatte der Königserbin Konstanze Anspruch erhob. Er konnte die Stadt nicht einnehmen. Er starb beinahe an Durchfall, an dem er während der Belagerung erkrankt war, der tschechische Fürst Konrad Otto, der ihn mit tschechischen Soldaten begleitet hat, hatte weniger Glück und starb wirklich. Heute gibt es in diesem Palast das höchste neapolitanische Gericht, also dieses Gebäude wird auch heutzutage ausreichend genutzt. Die Richter werden in Kampanien von Arbeitslosigkeit sicher nicht bedroht.

Dann  betraten wir die Altstadt auf der „Via tribunali“ und meine Frau erlitt einen Kulturschock, von dem sie sich nicht mehr erholen sollte. Diese Straße war einmal tatsächlich eine Luxusstraße, die zwischen Palästen der Hofleute, Adeligen und Bankier verlief, die in der Nähe des Königshofes beiwohnten. Aber, wie ich bereits erwähnte, sie verließen Neapel und aus ihren Palästen wurden Ruinen, die später zu Wohnhäusern umgebaut wurden. Allerdings sind die Wohnungen im Stadtzentrum nicht gerade verlockend, ich kann mir nicht vorstellen, dass es dort eine Toilette für jede Wohnung gäbe. Also wohnen hier nicht gerade die Reichen und sie sind es, die auch enge Gässchen um die „Via tribunali“ bewohnen, die noch enger und schmutziger sind als die „Via tribunali“ selbst. Einen anderen Weg zum Dom, zur Kirche St Lorenzo Maggiore und zum Kloster der heiligen Klara gibt es aber nicht. Und die muss man einfach besucht haben.

Der „Duomo“ von Neapel ist atemberaubend. Von außen ein monumentales Gebäude im gotischen Stil – gebaut von den französischen Anjous, die die Staufen auf dem neapolitanischen Thron im Jahr 1266 abgelöst hatten. Im Inneren ist es eine unglaubliche Stilmischung, gleich chaotisch wie Neapel selbst. Karl von Anjou ließ nämlich zwei Kirchen, die an dieser Stelle standen, nicht abreißen, sondern er inkorporierte sie in den neuen Bau. Damit hat er offensichtlich dem italienischen Unmut etwas niederzureißen Tribut gezollt. Das Hauptschiff ist also zwar gotisch, aber mit einer flachen romanischen Decke. Die Nebenkirche im frühromanischen Stil  bewahrt eine Taufkapelle aus dem vierten Jahrhundert mit typischen römischen Mosaiken. Die Kapelle des heiligen Gennaro auf der anderen Seite ist wieder einmal das prächtigste Barock – sie muss so prächtig sein, weil hier nämlich die wertvollste neapolitanische Reliquie aufbewahrt wird – das Blut des heiligen Gennaro.  Als dieser Heilige geköpft worden ist, hat eine Frau sein Blut in einer Flasche aufgefangen. Dieses Blut wird einmal pro Jahr immer wieder flüssig, was der Anlass zu einer großen begeisterten Feier in der ganzen Stadt ist. Und Neapolitaner lieben Feste!

In der Kirche St. Lorenzo Maggiore, diesmal rein gotisch, erlebten wir ein Begräbnis auf neapolitanische Art. Die Trauergäste jammerten zwar so intensiv, dass wir sie auch sechs Meter unter der Erde hören konnten – wo die Ausgrabungen aus den griechischen Zeiten der Neá pólis sind.  Als wir aber wieder in die Sonne traten, wurde bereits Gitarre gespielt und es war wieder fröhlich und lustig. Die Toten müssen schnell vergessen werden, man lebt für die Gegenwart. Es wird intensiv aber nur sehr kurz getrauert.

Neapel ist sehr schön, genauer gesagt, hat seine schönen Facetten. Besonders von Vomero aus gesehen, einem Hügel hoch über die Altstadt, wohin man mit der „funiculare“, also einer Seilbahn, fahren kann. Diese gehört zum System der Stadtverkehrslinien und ein Ticket für Metro oder Straßenbahn ist hier ebenso gültig. Von der Nähe, bei den Bergen der Abfälle auf den Straßen, ist der Eindruck der Schönheit  nicht mehr so berühmt.

Als hier im siebenten Jahrhundert v.Ch die ersten Siedler aus der griechischen Stadt Cumae ankamen, gab es hier noch keine Abfälle. Sie ließen sich auf der Insel vor der Küste nieder, wo heute die Festung Castello dell´ Ovo steht und entschieden sich, in dieser günstigen Lage eine neue Stadt zu gründen. Weil es hier bereits eine Stadt namens „Pathenope“ gab, gaben sie der neuen Siedlung einen ein bisschen fantasielosen Namen Neustadt, also „Neá pólis“, und so blieb es bis heute. Ich weiß nicht, wie den Siedlern der Berg über die Stadt gefallen hat. Sie nannten ihn „Monte Somma“ und dieser Berg überraschte alle, als er im Jahr 79 n.Ch plötzlich explodierte. Er zeigte damit den nichtsahnenden Bewohnern, dass es sich um einen aktiven Vulkan handelte, der achthundert Jahre geschlafen hatte, und nach diesem großartigen Feuerwerk brach er in sich zusammen. Der heutige Vesuv wuchs in seine derzeitige Form bei weiteren 13 Explosionen, die letzte fand im Jahr 1944 statt. Von Vomero ist der Blick auf den Vesuv in Hintergrund der Stadt mit vielen Häuschen, die auf seinen Hängen (natürlich unerlaubt) stehen, echt imposant.

Unter Vomero fanden wir eine Einkaufsgallerie Umberto I., die es vergeblich versucht, der Gallerie Vittorio Emanuelle in Mailand das Wasser zu reichen. Es fehlen hier doch die Marken wie Prada oder Versace etc.

Was aber Neapel wirklich im Überfluss hat, sind königliche Paläste. Jede der herrschenden Dynastien baute einen eigenen Palast und einer ist monumentaler als der andere. Neben dem bereits erwähnten „Castello Capuano“ ist das vor allem das „Castello Nuovo“ nahe dem Hafen, das Karl von Anjou zu einer uneinnehmbaren Festung ausbauen ließ. Er hatte seine schlechten Erfahrungen aus Sizilien. Dort haben die Sizilianer am 30.März 1282 in wenigen Stunden einige Tausende Franzosen ermordet (sizilianische Vesper) und der König rettete sich selbst nur knapp im Palast in Cefalú, von wo es ihm gelungen ist, auf das italienische Festland zu flüchten. Seitdem traute er seinen Untertannen nicht mehr und wusste, dass er sich vor ihnen am besten hinter mächtigen unüberwindbaren Mauern schützen konnte und das am besten in der Nähe vom Hafen, wo immer ein schnelles Schiff bereitgestellt werden sollte. „Castello Nuovo“ ist ein gigantischer Bau, der jeden von einem Versuch ihn anzugreifen, abbringen musste. Immerhin wurde aber in diesen Mauern im Jahr 1451 der zukünftige Kaiser Maximilian I. gezeugt. Sein Vater Friedrich III., im zarten Alter von 36 Jahren immer noch jungfräulich, weigerte sich nämlich hartnäckig mit seiner Frau, der wunderschönen fünfzehnjährigen portugiesischen Prinzessin Eleonore, zu schlafen. Deshalb wurde er von ihrer Verwandtschaft von Rom nach Neapel verschleppt, um hier die Ehe vollzuziehen.  Als es die erste Nacht nicht geklappt hat und der Kaiser behauptete, das Bett wäre verhext, musste ein Priester mit Weihwasser her. In der nächsten Nacht wurde die Ehe doch vollzogen und der Thronfolger gezeugt.  Vielleicht war aber nur die düstere Atmosphäre im dunklen Palst an der Enttäuschung der schönen Eleonore schuld.

Die Bourbonen, die nach dem Krieg um die spanische Erbschaft nach Neapel kamen, wollten in diesem düsteren Palast nicht einmal wohnen. Deshalb bauten sie den „Palazzo Reale“ und weil ihnen auch dieser monumentale Palast nicht genug war, bauten sie in den Bergen hinter Capua in Caserta noch ihres eigenes Versailles. (Nicht umsonst war der erste bourbonische König Karl der Enkelsohn des Sonnenkönigs Ludwig XIV.) Für die Innenausstattung der Paläste blieb dann aber nicht  mehr so viel Geld und Zeit.

Nein, in einem Tag in Neapel kann man nicht viel erledigen. Die Festungen,  Paläste und Museen sowie auch das unterirdische Neapel (Napoli sottaranea) mit 80 Kilometer langen Gängen, Höhlen und Brunnen, die bis 5000 Jahre alt sind und eine echte „Stadt unter der Stadt“ bilden, das  alles verlangt nach einem viel längeren Aufenthalt. Ich konnte also nicht einmal den „Palazzo del´ Ovo“ besuchen. In Mauern dieses Palastes versteckte einmal Vergilius ein Ei in einer Flasche und Metallschale. Das Ei wurde nie gefunden und wird auch nicht gesucht, weil einer Legende nach die Stadt Neapel so lange bestehen würde, so lange das Ei in der Mauer bleibt. Hier wurde der letzte Staufer Konradin bis zu seiner Hinrichtung festgehalten. Auch für das „Museo Archeologico Nationale“ mit Ausgrabungen aus Pompei und Herculaneum blieb keine Zeit übrig. Ich konnte auch das „Museo nationale di San Martino“, das Aquarium, die Kirche Santa Anna dei Lombardi oder die Kirche „San Giovanni a Carbonara“, wo ein monumentales Grabmal des neapolitanisches Königs Ladislaus steht, eines hartnäckigen Gegners des Kaisers Sigismund von Luxemburg und der Päpste, nicht besuchen. Ich besuchte nicht einmal die „Piazza Mercato“, wo Karl von Anjou im Jahr 1268 trotz vieler internationaler Proteste  Konradin hinrichten ließ.

Das alles hätte ich natürlich gerne gesehen, aber es war notwendig, zum Zug zu eilen. Der unsere hatte nämlich 18:18 Abfahrt,  er hatte die Nummer 3387 und seine Endstation war Battaglie. Das alles habe ich notiert, um sicher nach Hause (also nach Salerno) zu kommen. Als wir den Bahnhof betraten, wurde der Zug noch nicht einmal ausgeschrieben. Es war zehn vor sechs, als ich meine Frau, die sich noch immer unter einem kulturellen Schock litt und am Ende ihrer Kräfte war, zu keinem weiteren Spaziergang durch die Stadt überreden konnte. Ein bisschen überraschend (weil es 17:50 war) war ein Zug nach Salerno mit Abfahrt 17:20 angekündigt. Das kann natürlich passieren, besonders in Italien, Verspätungen gehören zum Leben. Sicher war nur, dass es sich sicher nicht um unseren Zug handelte, da auf ihn ein Zuschlag von 16 Euro ausgeschrieben war – zumindest so stand es im Fahrplan.

Um sechs Uhr wurde plötzlich unser Zug nach Battaglia ausgeschrieben – auf dem gleichen Bahnsteig wie der Zug nach Salerno, der schon seit geräumiger Zeit weg sein sollte. Er war es nicht. Im Gegenteil, als wir zum Bahnsteig kamen, fuhr er gerade ein.

Viele Menschen begannen einzusteigen, eine vergleichbare Menge stand aber mit uns weiter auf dem Bahnsteig und wartete auf den richtigen Zug. Um 18:10 wurde ich langsam nervös. Der falsche Zug stand weiter auf dem Bahnsteig, die Menschen stiegen ein und er fuhr nicht weg, um den Platz für den richtigen Zug zu machen. Ich kontrollierte die Anzeigetafel, sie kündigte unbeirrt an, dass es sich um einen Zug Nummer 3382 nach Salerno mit Abfahrt 17:20 handelte. Es war viertel nach sechs, die Nervosität wuchs nicht nur bei uns, aber auch bei den anderen Menschen. Sie diskutierten, wiesen auf den Zug und auf die Anzeigetafel, zuckten die Schulter und ihr italienisches Temperament war immer mehr zu hören. Und dann plötzlich, es konnte 18:17 sein, sagte der Lautsprecher etwas in so einem schnellen Italienisch, dass ich nicht die geringste Chance hatte, etwas davon zu verstehen. Aber die ganze Menschenmenge, die uns umgab, stürzte sich plötzlich auf den Zug, der vor uns stand. Die Massenpanik riss uns mit. Ich spekulierte nicht mehr darüber, ob der Zug der richtige war. Wichtig war nur, dass er offensichtlich in die richtige Richtung fahren würde. Es ist nur um nacktes Überleben gegangen. Wir warfen uns in den überfüllten Waggon und der Zug kam in Bewegung. Auch in der Anzeigetafel im Zug stand, dass es sich um den Zug 3382 nach Salerno mit Abfahrt 17:20 handelte. Als der Zug einige Hundert Meter gefahren war, kamen die Zahlen und Buchstaben plötzlich in Bewegung und auf der Anzeigetafel erschien der Zug 2287 nach Battaglia. Wir waren also im richtigen Zug und mein Puls und meine Atemfrequenz normalisierten sich langsam wieder.

Natürlich bin ich glücklich, dass wir Neapel besucht, meine Frau dann noch glücklicher, dass wir die Stadt verlassen haben. Ich habe also ein Problem. Es gibt dort doch noch das „Museo archeologico“, das „Museo nationale di San Martino“, es gibt dort den „Palazzo reale“, das „Castello Nuovo“ und viele weitere Gebäuden und Plätze, die ich so gerne noch besuchen würde. Aber wie bringe ich meine bessere Hälfte dazu, mit mir hinzufahren? Sie ist der Meinung, sie hätte Neapel gesehen und wäre nicht gestorben und es sei gut so. Warum sollte sie das noch einmal riskieren?

Wie einmal Curzio Malaparte in seinem Roman „Haut“ schrieb: „Neapel ist keine Stadt, Neapel ist die Welt.“

Benevent


Benevent war das südlichste Herzogtum der Langobarden und ist auf seine langobardische Geschichte gehörig stolz. Langobarden erschienen, angeführt von ihrem Häuptling Zotto, im Jahr 571 n.Ch. vor der Stadt. Sie eroberten Benevent und bildeten gemeinsam mit dem Herzogtum Spoleto die so gennannte Langobardia Minor, die von den nördlichen Herzogtümern durch das byzantinische Exarchat von Ravenna, das später zum Kirchenstaat geworden ist, getrennt war. Man trifft in Benevent auf Schritt und Tritt Erinnerungen an diese berühmte Zeit. Hier, weit im Süden, suchten die Söhne der verräterischen Herzogin von Cividalle, Romilda, Romuald und Grimoald Asyl. Der zweite von ihnen hat von hier aus seinen Marsch zur Gewinnung der langobardischen Königskrone begonnen. Allerdings führte die Entfernung von dem Machtzentrum in Pavia die lokalen Fürste zur Annahme, dass sie der militärische Konflikt zwischen ihrem König Desiderius und dem fränkischen König Karl dem Großen nichts angehe und sie überließen im Jahr 772 den eigenen König einfach seinem Schicksal. Was sich rächen sollte. Im Jahr 840 wurde Benevent von Arabern erobert, danach zerfiel das Herzogtum in drei Teile (Benevent, Capua und Salerno), die dann eins nach dem anderen von Normannen eingenommen wurden. Die Landkarte, die die größte Ausdehnung des Herzogtums Benevent (aber auch das Gebiet, das im Altertum der Stamm Samniten beherrscht hatte) darstellt, gibt es auf der Hauptstraße Via Garibaldi mitten in der Stadt. Die Bewohner der Stadt sind also auf ihre Geschichte sehr stolz.

Diese Stadt, tief in Binnenland zwischen den Hügeln gelegen, war nämlich bereits in der vorrömischen Zeit bedeutsam. Sie war die Hauptstadt des Stammes der Samniten und fiel als eine der letzten in Italien an Rom – nach der Niederlage des griechischen Königs Pyrrhus, der von einer Karriere wie der Alexander der Große träumte. Im Jahr 275 v.Ch – fand vor den Toren von Benevent die entscheidende Schlacht, in der römische Legionen unter der Führung des Konsuls Curius Dentatus Pyrrhus besiegt haben, statt.

Bei Benevent wurde noch einmal über das Schicksal von Süditalien entschieden und zwar im Jahr 1266, als sich hier zwei mächtige Armeen gegenüber standen. Auf einer Seite waren das Truppen des sizilianischen Königs Manfred, des unehelichen Sohnes des Kaisers Friedrich II., den er mit der schönen Bianca Lancia hatte. Der Kaiser heiratete seine Geliebte an ihrem Sterbebett (sie wird also offiziell als seine dritte Frau geführt), der Papst hat diese Ehe aber niemals anerkannt und Manfred blieb also für ihn und für den Rest der Welt ein Bastard. Seine Ansprüche auf die sizilianische Königskrone lehnte der Papst in seinem Hass auf die ganze staufische Familie entschieden ab. Der Papst suchte geduldig jemanden, der bereit wäre, den letzten Vertreter dieser verdammten Familie zu verjagen oder zu töten. Und er wurde fündig.

Gegen Manfred standen Truppen des französischen Herzogs Karl von Anjou, der hier im päpstlichen Sold war und als Belohnung die Königskrone erhalten sollte, die noch auf dem Haupt von Manfred saß. Es war 26.Februar 1266, es war kalt und die Arme von Anjou war hungrig und erfroren. Die Kräfte Manfreds waren viel größer, besonders was die Fußsoldaten und sarazenische Bogenschützer betraf. Dazu verfügte Manfred über eine Truppe deutscher Söldnern, die als unbesiegbar galten und von denen Italiener panische Angst hatten. Wohl bemerkt – die Italiener, nicht aber die Franzosen. Im Grunde genommen wäre ausreichend gewesen, sich in den befestigten Städten zu verschanzen und die Armee von Karl von Anjou hätte sich wahrscheinlich selbst aufgelöst. Manfred wollte aber die Plünderung seines Landes vermeiden und dazu verließ er sich auf die zahlenmäßige Überlegenheit seiner Armee. Er stellte sich also den Eindringlingen auf der Brücke über den Fluss Calore vor den Toren von Benevent – und als Heerführer versagte er kläglich. Manfred war ein sehr schöner Mann, ähnlich seiner wunderschönen Mutter Bianca. Er war ein Maecenas der Kunst, er kümmerte sich um den Wirtschaftaufschwung seines Landes, er gründete Städte (eine von ihnen trägt bis heute seinen Namen Manfredonia), in der Kriegsführung kannte er sich aber nicht aus. Also, wenn ich mich schon einmal am Ufer eines Flusses hinter einer Brücke verschanze, hat es keinen Sinn, diese Brücke zu überqueren und den ohnehin verzweifelten Gegner anzugreifen. Dazu noch umgeben von italienischen Baronen, die immer zu einem Verrat bereit waren. Was auch geschehen ist. Im Moment, als die Schacht zugunsten der Franzosen entschieden war, rief sein Berater und Minister, der dem König immer mangelnde Interesse für seine Armee vorgeworfen hatte,  Manfred folgende Worte zu: „Wo sind jetzt deine Sänger und Geiger? Jetzt sollten sie spielen und singen und damit den Feind verjagen!“

Es gelang nicht. Manfred starb in der Schlacht. An der Stelle, wo er seinen Tod fand, steht heute am Ufer des Flusses Calore sein Denkmal „Monumento a Manfredi“. Süditalien ging in die Macht der französischen Familie Anjou über, was man an der ungewöhnlich hohen Zahl gotischer Bauten in dieser Region erkennt – in Monte San Angelo, in Lucera oder in Neapel. Die Italiener selbst haben Gotik als einen fremden französischen Stil großteils ignoriert (Ausnahme Mailand).

Der König von Neapel, Ferdinand, schenkte Benevent Papst Alexander VI. Borgia, der hier ein Herzogtum für seinen Sohn Juan neu gründete. Juan wurde bald danach ermordet, Benevent blieb aber ein Teil des Kirchenstaates.

Benevent ist ein schönes Städtchen mitten von Bergen. Einen Parkplatz hier zu finden war nicht einfach, besonders deshalb, weil es Samstag war und der Platz des Kardinals Pacco, wo sich der Hauptparkplatz der Stadt befindet, als Markt diente, wie es schon in vielen italienischen Städten der Fall ist. Wir fanden letztendlich einen kostenlosen Parkplatz ungefähr 700 Meter vom Stadtzentrum mit seinem gut erhaltenen Mauerring entfernt und ein kleiner Spaziergang schadete nicht. Zu meiner Verwunderung war von den Straßen im Zentrum nur die Hauptstraße Via Garibaldi mit Namen gekennzeichnet, alle anderen Plätzchen und Gässchen hier waren namenslos. Weil aber das Zentrum nicht gerade groß ist, war das für die Orientierung kein echtes Problem, Übrigens weiter im Getümmel der kleinen mittelalterlichen Gässchen fanden wir schon die Namen der langobardischen Herzöge Arechi I. Arechi II. oder des bereits erwähnten Romuald aus Cividale.

Durch Benevent verläuft die Via Appia (über die Brücke Ponte Leproso, die noch viel ursprüngliche römische Bausubstanz hat) und deshalb war diese Stadt auch in den römischen Zeiten bedeutsam. An die erinnert der monumentale Siegesbogen Kaisers Trajan aus dem Jahr 114 n.Ch. am Rande eines schönen Parks. Die kreativen Bürger von Benevent bauten den Bogen in die Stadtbefestigung ein und er diente als Tor „Porta aurea“, also das „Goldene Tor“.

In Benevent befindet sich als eine weitere Erinnerung an die Zeiten des römischen Imperiums ein großes römisches Theater für 20 000 Zuschauer. Es befindet sich mitten in der Stadt, was es ein bisschen schwieriger es zu finden macht. Es wirkt aber trotzdem monumental, obwohl er von Wohnhäusern umgeben ist. Die Sitzreihen sind modern mit neuen Ziegeln umgebaut, damit das Theater auch heute benutzt werden könnte, viel Authentizität kann man aber unter diesen Umständen nicht erwarten.

Eine Erinnerung an die Zeiten der Langobarden ist die Kirche Santa Sofia, neben Brescia die größte frühmittelalterliche Rotunde mit einem Kreisgrundriss und im Inneren mit zwei Säulenreihen. Sie ist in das Weltkulturerbe UNESCO aufgenommen und sie verdient das auch. Der Grundriss mit den Säulen, die die Gewölbe tragen, ließ annehmen, dass es sich hier ursprünglich um einen antiken Tempel handelte – möglicherweise war er der Göttin Juno geweiht. An die Kirche lehnt sich das Benediktinerkloster an. In dem gibt es die größte Attraktion von Benevent, das samnitische Museum „Museo del Sannio“ mit den Exponaten aus der Zeiten der Samniten, Römern und aus dem Mittelalter, als hier Langobarden und Normannen herrschten. Das Kloster selbst mit einem riesigen zweistöckigen Kreuzgang, getragen von eigenartigen Säulen (manche sogar in Knotenform) ist sicher besuchswert. Die Ausstellung ergänzt es dann sehr passend – obwohl hier natürlich ausschließlich italienisch gesprochen wird.

Der Dom von Benevent war etwas enttäuschend. Unter dem Bombenhagel des zweiten Weltkrieges wurde er vollständig vernichtet und in den Fünfzigerjahren neu aufgebaut. Erhalten sind nur die Flügel der Fassade geblieben, das Innere der Kirche ist modern. Auch die Bausubstanz, von außen betrachtet, ist sichtlich neu. Der Krieg hat hier unheilbare Spuren hinterlassen.

Benevent hat noch eine Sehenswürdigkeit. Die Stadt (oder ihre Umgebung) diente als einen Treffpunkt der italienischen Hexen (wie zum Beispiel die Stolzalpe in der Steiermark). Sie ist stolz auf diesen fraglichen Ruhm, wir aßen im Restaurant „Locande dele Streghe“ und ich kapierte endlich, woher das schöne slowakische Wort „Striga“ für eine Hexe stammt.

Ob ich dieses Restaurant mit langobardischen Spezialitäten empfehlen kann, bin ich mir nicht ganz sicher. Das Essen war sehr gut, das Kaninchen einfach köstlich und die Bedienung, an der auch der sieben- oder achtjährige Sohn der Besitzer teilnahm, lieb und schnell. Das Kaninchen auf langobardische Art hat allerdings die erlaubte Höchstgeschwindigkeit in meinen Gedärmen mehrfach überschritten und war bald wieder draußen. Gott weiß warum, vielleicht war das wirklich eine Hexerei. Der Vorteil war, dass man das Essen ohne Angst, zuzunehmen, genießen konnte. Nur, bitte, sollte man das Restaurant nicht zu früh verlassen. Schön warten, bis man von dem Kaninchen wieder verlassen wird.

Trotzdem nahmen wir aus Benevent schöne Erinnerungen mit.

Capua


Capua ist ein kleines Nest mit 18 600 Einwohnern, das kaum eines Besuches wert wäre, hätte es nicht so eine hervorragende Geschichte hinter sich. Heute ist es kaum zu glauben, aber im vierten Jahrhundert v.Ch war es nach Rom die zweitgrößte Stadt in Italien und die Hauptstadt von Kampanien, das damals von einer bunten Bevölkerungsmischung von Osken, den Ureinwohner dieses Gebietes, Griechen, die hier an der Küste zahlreiche Kolonien gegründet, und Samniten, die dieses Gebiet  kurz vorher beherrscht hatten, bewohnt wurde.

Im Jahre 340 erkannte Capua die Vorherschaft Roms an, um sich damit von den Samniten zu trennen. Dafür hat die Stadt einen Status „Halbbürgerschaft“ erhalten, was wir uns darunter immer vorstellen könnten. Die Verbindung zwischen Rom und Capua war für die Römer so wichtig, dass der Konsul Appius Claudius Caecus im Jahre 312 v.Ch den Bau einer Straße veranlasste, die diese zwei Städte verbunden hat. Die Via Appia ist die älteste Straße in Europa, die noch immer benutzt wird – sie wurde später nach Benevent, nach Tarent und Brindisi verlängert, wo sie an der Adriaküste endete. Allerdings konnte sich Capua mit der römischen Vorherrschaft lange nicht abfinden. Im Jahre 216 v.Ch. wurde die Stadt im zweiten Punischen Krieg für 14 Jahre zum Hauptstützpunkt des karthagischen Heerführers Hannibal. Capua blieb Karthago bis zum bitteren Ende des Krieges treu und wurde danach vom Rom „gerecht“ bestraft.

Die Via Appia führt direkt durch die Stadtmitte, nachdem sie den Fluss Volturno über eine römische Brücke überquert hat. Diese Brücke wurde im zweiten Weltkrieg so wie auch der Großteil der Stadt vernichtet, wurde aber vorlagetreu wieder aufgebaut. Was allerdings endgültig zerstört wurde, war das Tor auf dieser Brücke, das im Jahr 1239 Kaiser Friedrich II. bauen ließ. Von dem Tor blieben nur zwei Fundamente übrig. Gerade dieses Tor hatte aber für die Weltkultur eine unermessliche Bedeutung. Hier wurde nämlich das erste Symbol der beginnenden Renaissance erstellt, also der neuen Weltansicht. Gerade hier, in Capua, wurde das Ende des Mittelalters eingeläutet.

Friedrich II. kämpfte während seiner ganzen Regierungszeit mit Päpsten um die Macht. Er beschloss, mit Rom nicht nur auf dem Schlachtfeld zu kämpfen, sondern auch auf dem Feld der Ideologie. Er verstand diesen Kampf komplex und wusste, dass er nur durch Änderung des Denkens der Menschen die Vormachtstellung der Kirche brechen konnte. Unter anderem tat er das durch Gesetzgebung – sein Gesetzbuch von Melfi, in dem er durch seine Gesetze sein Königsreich aus der Jurisdiktion Roms vorsorglich herausgenommen hat, oder durch die Gründung der Universität in Neapel, die als erste Universität keine theologische Fakultät hatte und deren Hauptaufgabe in der Übersetzung der Schriften von Aristoteles lag. Dadurch wollte der Kaiser die kirchliche Ideologie, die auf dem Neoplatonismus beharrte, erschüttern. Was auch gelang, es musste Thomas von Aquin kommen, um diese für den Glauben tödliche Waffe zu entschärfen. Der Kaiser gründete aber auch die „Scuola nuova siciliana“, eine Vereinigung von Malern und Bildhauern, die die gotische Kunst verließen und nach antiken Vorbildern ihre Werke zu gestalten begannen und die vom Kaiser persönlich finanziell unterstützt worden sind.

Im Jahr 1239 entschloss sich der Kaiser zu einer ungehörten Provokation. Direkt an der Grenze seines Reiches in Richtung zum Kirchenstaat, also auf dem Fluss Volturno, ließ er ein Tor in der Form eines römischen Triumphbogens mit Reliefs, die seine politischen Siege feierten, bauen. Was aber ein echter Tabubruch war, war die Tatsache, dass er auf der Vorderseite des Tores also in Richtung Roms, sich selbst und zwei seine wichtigsten, Minister Petrus de Vinea und Thaddeus de Souza darstellen ließ. Lebende Personen darzustellen war im Mittelalter absolut undenkbar, es durften nur Heilige dargestellt werden. Wenn ein Donator einem Heiligen sein Gesicht verleihen wollte, musste er dafür bezahlen. Jetzt schauten in Richtung Rom drei LEBENDE Hauptfeinde der päpstlichen Macht. Möglicherweise dachte Friedrich, dass der Papst unter dieser Provokation vom Schlag getroffen werden könnte, was für ihn auch keine schlechte Lösung seines Streites gewesen wäre. Der Papst hat es aber überlebt, sogar als dieses Werk aus dem Marmor aus der Ruinen des alten Capua im Jahr 1247 fertiggestellt worden ist. Man kann also diesen Triumphbogen des Kaisers als das erste Werk der Renaissance betrachten, als ein Symbol der neuentstehenden Zeit. Die Gesichter von Petrus de Vinea (dieser wichtigste Minister des Kaisers wurde in Capua geboren)und Thaddeus de Souza kann man im Museum in Capua bewundern. Der Kopf des Kaisers ist verschollen, von Franzosen vernichtet. Ich erfuhr zwei Theorien, wie das passierte. Nach der ersten schlugen dem Kaiser Soldaten des Herzogs Karl von Anjou den Kopf ab, als Karl die Macht im Süden Italiens an sich gerissen hat, nach der zweiten waren das Soldaten der Armee Napoleons. In jedem Fall aber Franzosen. Diese bösen Buben!

Die zwei erhaltenen Köpfe durfte ich im „Museo provincionale Capuano“ bewundern. Ein bezauberndes Museum mit reichen Sammlungen. Obwohl ich die Eintrittskarten kaufte, wurde ich nicht hineingelassen, das war lediglich in Rahmen einer Führung möglich. Es erschien wirklich eine junge und hübsche Dame und ich, voll Hoffnung, fragte sie, ob sie Deutsch oder Englisch spräche. Sie schüttelte den Kopf und sagte, natürlich auf Italienisch, dass ihr Onkel in Bolsano perfekt deutsch sprach, sie aber nicht). Es war mir in diesem Moment nicht ganz klar, wie uns der ferne Onkel irgendwo in Südtirol helfen konnte und ob er ihre Führung per Telefon übersetzen würde. Nichts dergleichen passierte. Die Führung erfolgte auf Italienisch und beanspruchte meine Kenntnisse dieser Sprache bis zur äußersten Grenze und weit darüber hinaus. Allerdings strahlte unsere Führerin wie ein Weihnachtsbaum, wenn ich immer, als sie eine Pause eingelegt hat, sagte: „Ho capito.“ Ich machte ihr diese Freude mehrmals, als Belohnung durfte ich die Reste der Statuen von Friedrich II. und seinen Ministern aus dem vernichteten Tor filmen, obwohl das strengst verboten war. Aber auch ihre Dankbarkeit hatte ihre Grenzen. Als ich nach der Kamera das zweite Mal griff, sagte sie kompromisslos „Basta.“ Es kam allerdings ein Moment, in dem sie mit mir SEHR nicht einverstanden war.

In Museo Campano befindet sich nämlich eine absolut eigenartige Statuensammlung. Es handelt sich um sogenannte „matres matutae“, die Mütter mit kleinen Kindern darstellen und noch aus den samnitischen Zeiten stammen. In einer Villa nahe Capua wurden Hunderte solche Statuen, Frauen mit Säuglingen in den Armen, entdeckt. Die Zahl der Kinder bei einer Mutter schwankt zwischen zwei und zehn! Also kein Wunder, das die beliebste Göttin in Kampanien Juno, die Gattin Jupiters (Jovus), war. Beide göttliche Eheleute sind eher unter den griechischen Namen Hera und Zeus bekannt – Hera wird mit einem Spiegel und einem Granatapfel in der Hand dargestellt – Granatapfel war in der griechischen Tradition das Symbol der Fruchtbarkeit und jede Braut musste am Hochzeitstag einen Granatapfel essen. Ich kann es nicht nur für einen Zufall halten, dass gerade in Kampanien der Kult der Gottesmutter Maria so verbreitet ist wie sonst nirgends auf der Welt und eine echte kampanische Madonna mit Christkind auf dem rechten Arm und mit einem Granatapfel in der linken Hand dargestellt wird. Als ich unsere Führerin auf diese Ähnlichkeit der Kulte aufmerksam machte, wurde sie rot im Gesicht und stand meiner Theorie SEHR ablehnend gegenüber. Heidnische Kulte, meinte sie, haben mit christlichem Kult doch ÜBERHAUPT nichts Gemeinsames. Also gut, wenn eine hübsche und liebe junge Dame so denkt, widerspreche ich nicht. Ich behalte meine Meinung für mich. (Und jetzt auch für euch)

Es gibt eigentlich zwei Capuas. Die, über die ich bisher schrieb, ist die neue, von Langobarden im Jahr 856 gegründete Stadt, nachdem die alte im Jahr 840 definitiv von Arabern zerstört worden ist. Anstatt zu versuchen, die Ruinen der antiken Stadt wiederherzustellen, entschlossen sich die Langobarden, die Stadt näher an den Fluss zu verlegen, direkt zum Fluss Volturno, wo man sich bessere Verteidigungsmöglichkeiten erhofft hat. Aus dem Jahr 856 stammt also auch der „Duomo Santo Stefano“, der allerdings mehrmals umgebaut wurde. Die korinthischen Säulen im Atrium, das sehr an den Dom in Salerno erinnert, stammen aus altem Capua.

Der Dom selbst wurde barockisiert, er ist eine dreischiffige Basilika, die Decke ist aber entgegen der Erwartungen nicht flach, sonder eher klassistisch, man merkt, dass die Kirche in den 1200 Jahren ihrer Existenz viele Umbaus durchgemacht hat. Nur der Kampanille ist noch original aus langobardischen Zeiten. Der Antik begegnet man in Capua überall, sogar in den Mauern der Amtsgebäude mit der Anschrift SPQC (senatus et populus capuanus) findet man Köpfe von antiken Statuen. Das Baumaterial wurde offensichtlich Großteils aus der alten Stadt gewonnen.

Die alte Capua heißt heute Santa Maria Capua Vetere und ist ungefähr fünf Kilometer von der neuen Stadt entfernt. Vor hier ist einmal die größte Gefahr für das römische Reich ausgegangen, vielleicht sogar größer als von Hannibals Feldzug. Jeder von uns hat vom Sklavenaufstand des Spartakus gehört, der Rom Jahre in größter Bedrängnis gehalten hat. Im Jahr 73 v.Ch kam es zum Aufstand von ca. 70 Gladiatoren in der Gladiatorenschule des Gnaeus Cornelius Lentulus Battianus und die Aufständischen zogen zum nahen Vesuv. Dort errangen sie die ersten Siege über die römischen Truppen, für zwei Jahre brachten sie die römische Macht in Italien zu Fall, bis sie im Jahr 71 v.Ch. besiegt wurden. Spartakus wurde zum Thema zahlreichen Romane, Filme und Fernseherserien, die größte Berühmtheit erreichte der Film mit Kirk Douglas in der Hauptrolle. Warum es gerade in Capua zu dem Aufstand kam, hat eine Logik. Kampanien war bereits damals der Ausflugsort für die Römer, die besonders im Sommer aus der stinkenden Hauptstand ans Land flüchteten. Die Gladiatorenspiele waren dann eine willkommene Unterhaltung. Wie bereits gesagt, Capua war eine große Stadt, die Provinzhautstadt, bis es als Ort der Unterhaltung von Pompei abgelöst wurde.

Das Amphitheater, das man heutzutage bewundern kann, erinnert selbst an die Zeiten von Spartakus nicht, es wurde im zweiten Jahrhundert von Kaiser Hadrian gebaut, also zweihundert Jahre nach Spartakus. Das Amphitheater hatte Platz für 50 000 Zuschauer und nach dem Kolosseum im Rom war es das zweitgrößte (Verona würde jetzt heftig protestieren)  An Kaiser Hadrian erinnern die Reste eines Triumphbogens, der sich auf der Straße zwischen beiden Capuas befindet. Man kann das Amphitheater besuchen, interessanter als der monumentale überirdische Bau ist der unterirdische Teil mit den Käfigen für wilde Tiere und mit dem Weg, auf dem  die Gladiatoren auf ihrem Weg zum Ruhm oder Tod marschierten. Ein Teil des Amphitheaters ist das „Museo dei Gladiatori“ mit Erklärung der Ausrüstung und den Kampfarten der Gladiatoren mit einer Tonbegleitung.

Im alten Capua befindet sich auch ein unterirdischer Tempel des Mithra aus dem zweiten Jahrhundert v. Ch. mit schlecht erhaltenen Wandmalereien. Der Kult des Mithra kämpfte bis zum vierten Jahrhundert mit dem Christentum um die Position der monotheistischen Religion, die die alte polytheistische Religion ablösen sollte. Mithra verlor, wahrscheinlich deshalb, weil zu seinem Kult Frauen keinen Zutritt hatten. Zur Anmeldung für einen Besuch des Mithratempels muss man sich bei dem Kauf des Tickets im Amphitheater anmelden.

Auf dem Corso Garibaldi gibt es die Möglichkeit das „Museo archeolgico dell´Antica Capua“ zu besuchen. In meiner Frau kam es aber gerade zu dieser Zeit im alten Capua zum Aufstand der Meeresfrüchte, die wir am vorigen Tag gegessen hatten. Die Rückreise nach Salerno war also sehr kompliziert und wir mussten nicht nur dieses Museum, sondern auch das Versailles von Neapel – den Palast in Caserta, aus unserem Programm streichen.

Salerno und Costiera cilentana


Am 8. September 1943 schlug die Sternstunde der neapolitanischen  Camorra. An diesem Tag kam sie zur Macht, die sie bis heute behält. In Kampanien bildet diese kriminelle „Familie“ parallele Strukturen zu den staatlichen und wenn man keinen Arbeitsplatz im staatlichen Dienst bekommt, ist man gezwungen, zu einem „Paten“ zu gehen und bei ihm um eine Arbeit zu bitten. Camorra besitzt oder kontrolliert 70% des Privatsektors in Kampanien. Ihr märchenhafter Aufstieg begann an diesem Tag, dem 8.September 1943, als Alliierten in der Bucht von Salerno landeten.

Die Zeiten waren damals sehr unruhig. Als es Alliierten gelang, im Juli 1943 auf Sizilien zu landen und die dortigen italienische und deutsche Truppen zu besiegen, rief König Vittorio Emanuelle  III. Mussolini vom Posten des Premierministers ab und ließ ihn internieren. Zuerst auf der Insel Ponzo in der Inselgruppe La Maddalena bei Sardinien und dann im einem Luxushotel Campo Imperatore im Gebirge Gran Sasso nahe l´Aquilla. Am 3.September schloss er dann Waffenstillstand mit den Alliierten. Die Deutschen aber, die die strategische Bedeutung Italiens gut erkannten, waren nicht bereit, dieses Land aufzugeben und marschierten in Italien ein, um dort die Macht zu übernehmen. Am 12.September wurde Mussolini von einem Kommando unter der Führung des Obersten Skorzeny befreit und nach Deutschland ausgeflogen.

Die Zeit drängte, die Alliierten brauchten dringend eine schnelle Landung auf dem italienischen Festland und wollten dabei keine großen Verluste hinnehmen. Sie traten in Verhandlung mit Mafiachef Lucy Luciano, der seit 1936 in einem Gefängnis in den USA saß. Er vermittelte einen Kontakt zu der kampanischen Mafia – Camorra – und diese bereitete alles für eine erfolgreiche Landung in der Bucht von Salerno vor. Als Belohnung für ihre Dienste übernahm sie danach die Verwaltung der internationalen Hilfe inklusiv des Marschallplans. Und mit diesem Geld legte sie den Grundstein ihrer Machtstellung in der Region. Die amerikanische Regierung sowie auch Lucy Luciano selbst haben diese Verhandlungen immer dementiert, es ist aber eine Tatsache, dass Luciano, der im Jahre 1936 zu 30 – 50 Jahre Haft verurteil worden war, im Jahr 1946 freigelassen und des Landes verwiesen wurde – direkt nach Kampanien. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner in der Mathematik so schwach waren.

Die Stadt Salerno, der Zentralpunkt der Bucht mit einem großen Hafen und mit Industrie, wurde aber trotzdem am 8.September 1943 stark beschädigt und konnte sich von dieser Zerstörung nie mehr wirklich erholen. Also wenn man nach Salerno kommt, wird man von breiten Straßen mit hohen Wohnhäusern aus der Nachkriegszeit begrüßt, die bereits Anstrich und sogar Ziegel auf den Balkonen verlieren. Ein echtes architektonisches Juwel ist diese Stadt sicher nicht. Trotzdem ist sie eines Besuches wert. Sie hat nämlich eine ruhmreiche Geschichte hinter sich.

Im Jahre 1076 nahmen Soldaten des normannischen Herzogs Robert Guiscard die Stadt ein und vertrieben den letzten langobardischen Herrscher. An diese Zeit erinnert die größte Sehenswürdigkeit der Stadt, der Duomo San Matto. Das imposante Gebäude im normannisch-arabischen Stil ließ Robert Guiscard im Jahr 1080 bauen. Der Bau ist nur durch die Fassade aus dem 19.Jahrhundert entstellt, sonst ist er aber sicherlich eines Besuchs wert. Das riesige Atrium vor der Kirche ist von 28 Marmorsäulen aus Paestum umrahmt, die Bögen zwischen den Säulen sind schmal, es ist die typische Symbiose des romanischen und arabischen Stils, die sich Normannen aneigneten und benutzten. Auf Sizilien kann man sie an vielen Orten sehen. Die Bronzetür der Kirche stammt aus Konstantinopel, wie es in dieser Gegend öfter vorkommt und in der Kirche sind zwei beinahe filigranartige Kanzel aus dem 12.Jahrhundert am schönsten.

In der Kirche gibt es Gebeine von zwei Heiligen. Über den ersten muss man nicht streiten. Die Überreste des heiligen Evangelisten Matthäus sind in der barocken Krypta aufbewahrt. Laut einer Legende wurden sie von Äthiopien, wo er den Märtyrertod starb, im neunten Jahrhundert nach Paestum überführt und so wurde er zum Patron der Region Kampanien. Von dort wurden seine Gebeine nach Salerno transportiert, als sich die Bewohner von Paestum unter ständigen arabischen Angriffen entschlossen haben, die Stadt zu verlassen. Über die Echtheit der Gebeine dürfen wir natürlich streiten, Normannen hielten aber an dem Heiligen fest.  Die Krypta ist mit Stukatur und vielen Gemälden geschmückt und hier finden Hochzeiten statt – das Ehegelöbnis beim Grab des heiligen Evangelisten hat natürlich einen besonderen Reiz.

Das Grab des zweiten Heiligen befindet sich in einer Kapelle rechts vom Hauptaltar. Sein Bild gibt es hier auch in der Mosaikform, sogar mit seinem Namen.

Ich gebe zu, dass ich mit diesem Heiligen nicht gerade kleine Probleme habe. Es handelt sich um Gregor VII, den Papst, der den Investiturstreit ausgelöst und Europa damit für lange Jahrhunderte in einen blutigen Krieg zwischen der weltlichen und der geistlichen Macht verstrickt hat. Seine Heiligsprechung kann ich also nur als eine reine politische Tat  verstehen. Gregor VII., mit eigenem Namen Hildebrand von Soana, wurde  am 22. April 1073 vom römischen Volk zum Papst ausgerufen. Die Kardinäle wurden zur Wahl gar nicht zugelassen, wenn sie überleben wollten, mussten sie die Wahl zähneknirschend akzeptieren. Hildebrand  zögerte, die päpstliche Tiara auf diese Art zu empfangen, aber das Volk schleppte ihn in die Kirche San Pietro in Vincoli und setzte ihn auf den Thron.  Und die Geschichte nahm ihren Lauf. Bereits im Jahr 1074 rief der Papst eine Versammlung zusammen und richtete dem jungen deutschen König Heinrich IV. klar aus, dass er sich für den Herrn über alle Kirchenmänner auf der ganzen Welt halte und nur er allein über ihre Ernennung entscheiden dürfe. Er forderte alle Bischöfe, die sich ihre Ämter mit Geld gekauft hatten (der König war der größte Empfänger dieses Geldes) auf ihre Ämter unter der Androhung des kirchlichen Bannes  zu verzichten. Es begann der Kampf um die Herrschaft über unsere bekannte Welt, der so genannte Investiturstreit. Das Ziel des Papstes war einen universalen kirchlichen römischen Staat zu gründen, in dem die einzelnen Länder nur kirchliche Lehnen darstellen sollten. Im Jahr 1076 exkommunizierte er den König und zwang ihn zum demütigenden Weg nach Canossa. Dort ließ er ihn vom 25. bis 27. Januar 1077 drei Tage lang in Schnee und Frost barfuß vor der Burg stehen. Es spricht für eine hervorragende körperliche Verfassung des Königs, dass er die drei Tage ohne größeren gesundheitlichen Schaden überstanden hat. (er war letztendlich nur 28 Jahre alt und offensichtlich pumperlgesund). Danach beugte er sich dem Papst, versprach seine Vormacht zu akzeptieren und seine Exkommunikation wurde vom Papst aufgehoben. Der König kehrte nach Deutschland zurück, machte mit denen, die den Papst unterstützt hatten, kurzen Prozess und festigte seine Macht.  Der Papst bereute seine „Großmütigkeit“, im Jahr 1080 exkommunizierte er den König das zweite Mal, diesmal aber ohne Erfolg. Der Schreck dieser Maßnahme verblasste bei der Wiederholung. Der Kaiser marschierte mit seinen Truppen in Rom ein und ignorierte den Papst, der sich in der Engelsburg versteckte. Gregor suchte verzweifelt nach Verbündeten und wurde in Robert Guiscard, der eigentlich ebenso wie der Kaiser seit 1074 mit einem kirchlichen Bann belegt war, fündig. Jetzt wurden die Plündereien des Normannen im Kirchenstaat vergessen, der Bann feierlich aufgehoben und Robert Guiscard wurde vom Papst mit allen Gebieten, die er erobert hatte, als päpstlichem Lehen belohnt. Robert Guiscard hatte aber genug eigene Sorgen als der König am 21.April 1082 feierlich durch das Tor San Giovanni in Rom einzog. Der König erklärte den Papst für abgesetzt, ließ im Lateran seinen eigenen Papst Klement III. weihen und der hat ihn im Gegenzug zum Kaiser gekrönt. Nur dann erschien Robert Guiscard mit seinen Truppen vor der Stadt. Der Kaiser konnte sich dieser Armee nicht stellen, er verließ die Stadt still am 21.Mai. Normannen zogen am 27.Mai in Rom ein und begannen die Stadt zu plündern. Römer, die Widerstand leisteten, wurden erbarmungslos ermordet. In der Stadt entstanden Brände, von Rom blieb nur ein Drittel unzerstört. Nach so einem Massaker, das auf  Einladung des Papstes stattgefunden hat, durfte Gregor VII. nicht einmal daran denken, in Rom zu bleiben. Er ging mit den Normannen nach Salerno und starb dort am 25. Mai 1085 in der Verbannung. Er war ein gebrochener Mann, der seinen Machtkampf verloren hat. Er fand aber würdige Nachfolger wie Innozenz III oder Innozenz IV, die in der Mitte des dreizehnten Jahrhundert die kaiserliche Macht gebrochen haben. Der Beschützer des Papstes und Plünderer von Rom Robert Guiscard überlebte Gregor VII. nur um knappe zwei Monate.

Im Jahr 1606 wurde Gregor VII, den seine Zeitgenossen „der heilige Satan“ oder „Höllenbrand“ nannten, vom Papst Paul V. heilig gesprochen. Wenn man bedenkt, wie vielen unschuldigen Menschen seine Politik das Leben kostete, habe ich mit seiner Heiligsprechung wirklich  große Probleme. Sein Grab besuchte ich trotzdem.

Salerno ist aus noch einem Grund berühmt. Hier gab es die erste medizinische Schule in Europa. Seit neuntem Jahrhundert wirkte hier die „Scuola medica salertiana“, hier überlebte die griechische Medizin und wurde weiter entwickelt. Die Schule war so berühmt, dass bei der Gründung der Universität von Neapel der Gründer, Kaiser Friedrich II., die medizinische Fakultät weiterhin disloziert in Salerno ließ. Ein kleines Museum (Museo virtuale) ist in einer kleinen, weiß gestrichenen Kirche des heiligen Gregor untergebracht. Außer des Videos über die Geschichte der Medizin bietet es nicht zu viel, aber für Liebhaber der medizinischen Geschichte ist sicher interessant. Auf die Öffnungszeiten kann man sich nicht ganz verlassen. Wir kamen in der Zeit, in der das Museum laut Reiseführer offen sein sollte, war es aber nicht. Montags ist das Museum, egal was der Reiseführer schreibt, – geschlossen.

Viel mehr gibt es in Salerno nicht zu sehen. Natürlich gibt es hier einen Hafen, von wo aus man nach Amalfi, Possitano oder Capri fahren kann, einen großen Park und eine mit Palmen und Bäumen umrahmte Promenade am Meeresufer und eine Burg. Obwohl Castello Arechi nicht gerade leicht erreichbar ist. Sie steht auf einem Hügel hoch über der Stadt, aus meiner Sicht Ende August viel zu hoch über der Stadt, man muss sogar auf einem Wege die Autobahn durch eine Unterführung durchqueren, man hat die Autobahn dann unter sich. Im Castello gibt es ein Museum zur Stadtgeschichte und einen wunderschönen Blick auf die Stadt und die Bucht von Salerno.

Wir wählten Salerno, eigentlich das Hotel Olimpico in seiner Nähe (Pontacaiano-Faiano) als  Ausgangspunkt fürs Kennenlernen Kampaniens und wie bereuten diese Entscheidung nicht.  Das Hotel selbst war lieb, mit einem eigenen gepflegten Strand nur über der Straße und mit einem reichen Frühstückbuffet mit viel Obst. Sein alter Besitzer grüßte abends die Gäste im  Restaurant, angezogen in einem perfekt passenden Anzug mit einer Fliege, um morgens in einer Papiermütze Waffeln zu  braten. In die Stadt führte uns ein Hotelangestellter, den wir „Speedy“ nannten. Er schaffte es auf der Straße mit Geschwindigkeitsbegrenzung von siebzig Kilometern mit hundertzwanzig in die Kurve zu fahren und dabei mit seiner Freundin zu telefonieren – sein Handy natürlich am Ohr haltend. Meine Frau, die wegen ihrer Kinetose auf dem Vordersitz sitzen wollte, mochte ihn für seine Fahrstil nicht wirklich. Ich versuchte mit ihm mit meinem gebrochenen Italienisch zu kommunizieren, was zu Folge hatte, dass er mich am dritten Tag erstaunt anschaute und sagte: „Hören Sie zu, sie sprechen mit mir Italienisch?“ „Ja, schon den dritten Tag,“  bejahte ich. Er wurde still, für eine Weile wirkte er depressiv und verlangsamte (in der Stadt) auf neunzig Stundenkilometer. Er bewunderte wahrscheinlich alle die drei Tage sein eigenes Talent Englisch zu verstehen oder das, was er für Englisch hielt und die Erkenntnis, dass es die ganze Zeit seine Muttersprache war, traf ihn direkt ins Herz.

Es war von dort überallhin nah. Nach Pompei, nach Herculaneum, Amalfi, Vesuv. Nach Neapel fuhren wir mit dem Zug aus Salerno und sogar Benevent war nicht zu weit entfernt.

Ein sehr schöner Teil des Landes ist Cilento. Costiera Cilentana ist am südlichen Ufer der Bucht von Salerno, Amalfitana am nördlichen. Cilentana beginnt in der Stadt Agrópoli, deren Altstadt hoch über das Meer emporragt. Wir stellten das Auto in der Neustadt ab und dann glich der Aufstieg auf breiten Stiegen zur Altstadt einer Bergwanderung. Die Belohnung war ein unglaublich fantastischer Blick über die ganze Bucht von Salerno. Die Kirche in der Altstadt ist der Jungfrau Maria von Konstantinopel gewidmet, der Beschützerin der Matrosen. Wir aßen in einem kleinen Restaurant auf einer Terrasse hoch über dem Meer. Als Vorspeise gab es natürlich eine Mozzarella buffalla, weil ohne sie in Kampanien gar nichts geht. Auf dieses Lokalprodukt sind die Einheimischen besonders stolz. Dann bestellte ich frittierte Fische aus dem Fang des Tages. Ich muss dazu sagen, der Fang des Tages war eindeutig miserabel. Meine Frau lachte, dass der Wirt wahrscheinlich die Fische seinem Sohn aus seinem Aquarium fischen musste und suchte die ganze Zeit den verzweifelt weinenden Buben. Es gab keinen solchen. Auf der Spitze der Stadt gibt es die mit einer Brücke mit der Stadt verbundene Festung Castello Aragonese mit dem unglaublichen Ausblick, wenn euch die ganze Welt wortwörtlich zu Füßen liegt.

Noch bevor man Cilentana einfährt, muss man Paestum besuchen, eine der größten Ausgrabungsstätten in Italien. Die Stadt wurde einmal von Griechen aus Sybaris gegründet, die die Stadt zu Ehre des Gottes Poseidon Poseidonia nannten. Als die Stadt im Jahre 273 v.CH von Römern erobert wurde, umbenannten sie die Stadt zu Paestum.    Die Stadt ist mit einer beinahe fünf Kilometer langen und fünf Meter dicken Mauer umgeben, trotzdem war diese Mauer nicht stark genug, um die Stadt vor den Einfällen der Arabern zu schützen, deshalb gaben die Bewohner die Stadt im neunten Jahrhundert auf. Sie wurde im Jahre 1752 neu entdeckt und heute gibt es hier Ausgrabungen auf einem riesigen Gebiet, obwohl nur ein kleiner Teil der Stadt bisher freigelegt wurde. Besonders der repräsentative Teil mit Tempeln von Poseidon, Apollo, Hera oder Athena. Sie werden alle von monumentalen dorischen Säulen getragen, manche haben sie sogar noch die Cella, also den inneren Teil des Tempels. Man sieht auch ein großes Forum sowie auch das Gymnasium.  Eine Kuriosität ist der Tempel der Göttin Fortuna, also der Glücksgöttin, vor dem sich ein Schwimmbecken befindet. Jedes Jahr mussten alle Frauen der Stadt im fertilen Alter ein Bad in diesem Becken nehmen, um fruchtbar zu bleiben. Ob dort nur die Verheirateten baden mussten oder auch die Unverheirateten, erfuhr ich nicht. Das Amphitheater wird schonungslos durch eine Straße „Via Magna Grecia“ in zwei Teile getrennt, die im Jahre 1829 König Franz I. von Neapel bauen ließ, um eine Verbindung mit dem bis dahin verkehrsmäßig vollkommend abgeschnittenen Kalabrien zu schaffen. Er wurde offensichtlich durch gute Absichten getrieben, heute könnte man angesichts des Ergebnisses vom Schlag getroffen werden. Im Museum von Paestum gibt es eine Menge an Gräbern mit Bildern auf dem Verputz auf der Innenseite der Grabsteine. Auf den Mauern der Gräber gibt es am häufigsten Bilder von Gastmählern, für besonders kampfsüchtige Tote gibt es aber auch Bilder von Schlachten oder Jagd. Das berühmteste ist das Bild des Tauchers, der ins Wasser springt. Ob es sich dabei wirklich um einen Sprung ins Wasser oder um einen symbolischen Sprung  in die Ewigkeit handelt, hat noch niemand beantworten können.

Dann fuhren wir weiter auf den Serpentinen der Cilentata. Wir erreichten die Ruinen der Stadt Elea/Velia (35 km von Agrópoli entfernt), wo einmal die Philosophen Xenophanes, Parmenides und Zenon tätig waren, nicht. Es war notwendig, baden zu gehen. Tief unter der Straße sahen wir ein Städtchen mit einem langen sauberen Schotterstrand und wir entschlossen uns, dort eine Pause zu machen. Dieses Städtchen oder eher ein Dörfchen hieß Pioppi. Der Strand war sehr schön. Als wir uns im Meer erfrischt hatten, brachen wir zu einer Stadtbesichtigung auf. Und wir fanden zu unserem  Erstaunen eine große Luxusvilla, in der sich das „Museum der Mediterraner Kost“ befand. Es war geschlossen, trotzdem ließ mich diese Entdeckung nicht in Ruhe und ich habe nachgeforscht. Ich wollte mehr wissen. Ich fand eine wunderschöne Geschichte.

In Boston in den USA lebte und wirkte ein berühmter Physiologe Ancel Keys. Er beschäftigte sich mit der Auswirkung der Diät auf kardiovaskuläre Erkrankungen. Im Jahr 1950 veröffentlichte er ein Buch von 1400 Seiten „The Biology of Human Starvation“, das als Bibel für die gesunde Ernährung galt. Als er mit siebzig Jahren in die Pension ging, machte er einen Urlaub in Italien und machte im Jahr 1975 in Pioppi halt – und wahrscheinlich das erste Mali im Leben hat er köstlich gegessen. In Folge dieses Erlebnisses verwarf er alle seine Theorien und begann die italienische Küche zu studieren. Er stellte fest, dass sie nicht nur gut, sondern sogar gesund sei. Sein Buch „How to eat well and stay well the Mediterranean way“ (1975) über die mediterrane Kost wurde zu einem Bestseller – natürlich auch deshalb, da es ein so berühmter Experte schrieb und der Mythos der „Mediterraner Küche“ war geboren. Und lebt bis heute. Weil Ancel Keys 101 Jahre alt wurde (nur ein Jahr vor seinem Tod verließ er seine Villa in Pioppi, wo er 28 Jahre gelebt hatte, und kehrte in die USA zurück), galt die gesunde Wirkung der mediterranen Diät auf den menschlichen Organismus als bewiesen.

Also, wenn Sie von Paestum nach Velia fahren, vergessen Sie einen Stopp in Pioppi nicht. Es ist winzig klein, lieb und historisch UNGEHEURLICH wichtig. Hier wurde eine Kultur geboren, der wir täglich in unserer eigenen Küche begegnen.

Bei dieser Gelegenheit darf ich eine Bemerkung zu einem nicht wegdenkbaren Teil der mediterranen Diät, nämlich zum Rotwein, nicht auslassen. Auf dem geriatrischen Kongress im Jahr 2012 kam es zu einer Diskussion, ob der Rotwein für alte Menschen von Vorteil sei oder nicht. Über das  Nutzen kam es zu keinem wirklichen Streit, die Frage war nur, wie viel soll oder darf ein alter Mensch davon genießen. Ob ein Achtel oder zwei und ob einmal pro Woche oder einmal pro Tag. Die Diskussion wurde von einem alten italienischen Professor beendet. Er nahm das Mikrofon  in die Hand und bestimmte die Menge des Rotweines fürs Erreichen des hohen Alters mit folgenden Worten: „So viel, wie sozial akzeptabel.“

Also Prosit!“

 

 

 

Capri


Diesmal wurde ich von Bekannten und Freunden gewarnt. Auf Capri hat man nichts verloren. Tausende Menschen in engen Gassen, wo man nur schwer durchdringen kann, ein paar Luxusgeschäfte und Hotels und vor allem übertriebene Preise. Wir überlegten also ganz ehrlich, ob wir uns so einen Ausflug antun sollten. Gegen alle diese Argumente stand nämlich noch immer die Tatsache, dass sich dort eine Villa befindet, von der aus einmal Kaiser Tiberius über die ganze damals bekannten Welt geherrscht hat. Meine Seele eines Historikers lief Sturm gegen den Gedanken, dass ich so nah war und trotzdem das nicht gesehen hatte. Wir dachten nach und beschlossen, dass es bereits Mitte September sei und damit der Hauptstrom der Touristen hoffentlich vorbei sein könnte und wir den Besuch doch überleben dürften. Ehrlich gesagt, es sah so aus, dass wir in diesem Punkt geirrt hatten. Schwer zu sagen, wie es in der Hauptsaison aussieht, aber auch im September war die Insel stark übervölkert. Trotzdem haben wir unseren Besuch nicht bereut.

Capri muss man mit dem Schiff besuchen, es ist letztendlich eine Insel. Man kann von überall hinfahren – aus Neapel, aus Salerno, Amalfi oder Positano, der stärkste Besucherstrom kommt aber aus hunderten Hotels in Sorrent – darüber habe ich bereits in meinem letzten Artikel über „costiera amalfitana“ geschrieben. Wir fuhren aus dem ziemlich entferntem Salerno hin und aus diesem Grund, obwohl wir früh aufgestanden sind, waren wir nicht unter den ersten Besuchern. Was natürlich absolut fatal war.

Die größte Attraktion der Insel ist nämlich die Blaue Grotte. Dank ihrer Bekanntheit wurde die Insel zu einem touristischen Magneten. Seit den Zeiten des Kaisers Tiberius kümmerte nämlich der Felsen Mitte im Meer niemanden mehr. Hier lebten nur Ziegen, nach denen die Insel ihren Namen bekam und ein paar frustrierte Einheimische, die neidisch zu einer anderen und glücklicheren Insel schauten, nämlich nach Ischia auf der anderen Seite der Bucht von Neapel, die dank ihren direkt aus dem Meerboden entspringenden Thermalquellen von Touristen überströmt war. Bis einer von ihnen ein bestimmter Giuseppe Pagano, der Besitzer eines der wenigen Herbergen auf der Insel, von einer genialen Idee heimgesucht wurde. Im Jahr 1826 nutzte er die Tatsache, dass bei ihm der deutsche Dichter August Kopisch mit seinem Freund Ernst Fries Unterkunft fanden und arrangierte eine „Entdeckung“ der Blauen Grotte. „Rein zufällig“ stach er mit seinem Boot einmal nachmittags mit beiden Künstlern ins Meer und „verirrte sich“ in die Grotte mit magischem blauen Licht, das durch das Wasser hineindrängte und alle drei Besucher erstaunten über dieses Naturwunder, das noch „niemand gesehen hatte“. Pagano verschwieg diskret, dass gerade aus diesem Grund bereits in römischen Zeiten über der Grotte eine Luxusvilla stand. Beide Deutschen waren von der Entdeckung begeistert und Kopisch schrieb über dieses Ereignis ein enthusiastisches Gedicht. Bald danach wurde aus der vergessenen Insel in Sichtweite vor der Küste von Sorrent ein touristisches Paradies, Giuseppe Pagano wurde ein reicher Mensch und das Hotel „La Palma“, das aus seiner ehemaligen Herberge entstand, ist heutzutage eine Luxusresidenz – ehrlich gesagt, gibt es aber auf Capri keine anderen als luxuriösen Unterkünfte. Die Versuche hier Sanatorien zur Behandlung der Lungenkrankheiten, wie es einmal ein idealistischer schottischer Arzt im Jahr 1845 versuchte, waren zum Scheitern verurteilt, der Mammon besiegte alle Idealisten und bereits im Jahr 1860 wurde aus dem Sanatorium ein Hotel, das heute das luxuriöseste auf der Insel ist, das Fünfsternehotel Quisiana. Ich las  eine Lobeshymne einer britischen Touristin, die ein magisches romantisches badeanzugfreies Bad beschrieb, wobei die Körper der Badenden im Wasser wie versilbert wirkten. Das mag natürlich wahr sein. Als wir aber unseres Schiff verließen und auf der Mole eine unendliche Schlange vor dem Verkauf der Tickets für die Überfahrt zu Blauen Grotte sahen, in der britische Touristen mit nicht besonders jungen und durch übermäßiges Konsum von „baked beans“ und „ham and eggs“ ziemlich gezeichneten Körper überwogen, konnte ich mir nicht vorstellen, das es romantisch sein könnte, auch wenn diese majestätische Figuren nicht nur versilbert aber sogar vergoldet wären. Wir verzichteten also auf den Besuch der Blauen Grotte. Um den Besuch zu genießen, müsste man wahrscheinlich auf der Insel übernachten und für entsprechendes Schmiergeld die Grotte noch vor  Sonnenaufgang besuchen, in jedem Fall noch früher als in Marina Grande Schiffe aus Sorrent zu landen beginnen und Mengen an Tagestouristen ausspucken.

Aus dem Hafen, also der Marina Grande (auf der anderen Seite der Insel gibt es noch die Marina Picola, also „der kleine Hafen“ wo aber keine touristischen Schiffe anlegen) führt ein Lift also „Funiculare“ in die Stadt. Weil auch hier eine Menschengedränge war, entschlossen wir uns in die Stadt aus eigener Kraft aufzusteigen. Dabei unterschätzten wir eindeutig den Höheunterschied von zweihundert Metern sowie auch die Tagestemperaturen oberhalb der Dreißiggradmarke. Es brauchte eine bestimmte Überwindung, wir schafften es aber trotzdem und der Hauptplatz von Capri war nicht mehr so übervölkert wie der Hafen (dafür aber die Blaue Grotte). Es war doch bereits Mitte September und so konnte man in den Kaffeehäusern sogar ab und zu einen freien Stuhl finden.

Ich wollte aber unbedingt zum Kaiser Tiberius. Zu seiner „Villa Jovi“ auf dem östlichen Kap der Insel geht man durch enge Gässchen zwischen Gärten und Villen. Praktisch der ganze Weg vom Stadtzentrum bis zur Villa ist verbaut. Es hat einen Vorteil, die engen Gassen bieten Schutz vor der Sonne. Es fahren hier auch Autos, allerdings sehr klein und nur für eine Person, größere würden nicht hinein passen. Sie befördern Pensionisten, die den Weg zum Fuß nicht schaffen würden. Wir haben es geschafft. Die Reste des Kaiserpalastes sind auch heute noch beeindruckend. Die Villa ließ bereits  Kaiser Augustus bauen, der aus der damaligen Sicht nämlich unverständlich, die Insel Ischia, die in seinem Besitz war, für Capri austauschte. Tiberius ließ die Villa ausbauen und verlegte das Machtzentrum des Römischen Reiches hierher.

Tiberius war kein schlechter Kaiser, egal was über ihn Tacitus oder Suetonius schreiben. Sie beschrieben die Meinung der reichen Römern, Patrizier und Ritter, die für den strengen Herrscher wirklich keine Liebe empfinden konnten. Er war ein tüchtiger Soldat und Beamter. Vor dem Feldzug seiner Armee in den Bereich des heutigen Böhmens, der damals von germanischem Stamm der Markomannen besiedelt war, bewahrte diese Region nur die Tragödie der Legionen des Varus im Jahr 6 nach Christus im Teutoburger Wald. Leider hatte Tiberius eine sehr ehrgeizige Mutter namens Livia und das war sein Fluch. Livia ließ sich vom Vater des Tiberius scheiden, als der Bursche gerade drei Jahre alt war (sie war in dieser Zeit schwanger mit einem zweiten Kind – mit dem späteren Heerführer Drusus). Die Schwangerschaft hinderte sie allerdings nicht, Oktavianus, den späteren Kaiser Augustus, zu heiraten und diesen konnte sie dann erfolgreich das ganze Leben lang beherrschen und manipulieren. Es wird ihr nachgesagt, dass sie alle drei Enkelsöhne des Augustus, also die Söhne von Augustus Tochter Julia, die sie mit dem Freund des Augustus Agrippa hatte, hat umbringen lassen. Nach Agrippas Tod zwang sie Tiberius, sich von seiner geliebten Frau scheiden zu lassen und die verwitwete Julia zu heiraten. Sie verheiratete somit ihren eigenen Sohn mit ihrer Stieftochter. Augustus adoptierte in weitere Folge Tiberius und ernannte ihn zu seinem Nachfolger. Das war ein Glück, nach dem sich Tiberius – in Gegenteil zu seiner ehrgeizigen Mutter – überhaupt nicht gesehnt hatte und er musste dafür teuer bezahlen. Julia war nämlich eine Nymphomanin und der zurückhaltende Tiberius konnte ihren sexuellen Appetit bei bestem Willen nicht befriedigen. Als sie schon beinahe mit dem gesamten Rom schlief, erfuhr es Augustus (es gibt seinen legendären Aufruf: „Gibt es in Rom jemanden, der noch nicht mit meiner Tochter schlief?“) und er schickte sie in Verbannung.

Tiberius konnte des Rufes des Gehörnten nie mehr los werden und als er dann tatsächlich  Herrscher wurde, ging ihm das ganze spottische Rom wahnsinnig auf die Nerven. Letztendlich meinte er, er hätte die Schnauze voll und übersiedelte nach Capri. Von dort aus konnte er effektiv das Reich beherrschen und der Spott aus der Hauptstadt erreichte ihn hier nicht. Übrigens, sobald der Kaiser weg war, verloren die Verleumdungen und Spott auch ihren Sinn und verstummten langsam. Giftige Scherze wurden vor Angst abgelöst, da in der Hauptstadt anstatt  des Kaisers die Präfekten der Prätorianergarde Seianus und nach ihm Macrus tobten. Bereits in der Zeiten des Augustus gab es ein Gesetz über Majestätsbeleidigung und dieses wurde jetzt häufig angewendet, besonders gegen die Reichen, deren Besitz dann von Seianus konfisziert werden konnte. Als sein Treiben bekannt wurde, ließ Tiberius Seianus aus seinem Exil auf Capri mit seiner gesamten Familie hinrichten (Seianus Töchter mussten vor der Hinrichtung vergewaltigt werden, da römische Gesetze eine Hinrichtung Jungfrauen verbaten). Allerdings ging es den Senatoren und Rittern unter Seianus Nachfolger Macrus nicht besser.

Tiberius ließ die Villa auf Capri monumental ausbauen, sie musste den Regierungsgeschäften dienen, zugleich aber auch dem alternden  Kaiser, der an einer Hautkrankheit litt, den notwendigen Komfort bieten. Es lebten hier inklusiv Dienerschafft dreihundert Menschen. Gigantische Zisternen, die erhalten blieben, dienten als Wasserreservoirs für die kaiserliche Therme, die einen ganzen Trakt der Villa einnahmen. Hoch über die Küste gegenüber dem Kap des sorrentischen Festlandes ließ sich der Kaiser eine Kolonnade bauen, wo er hoch über das Meer spazieren konnte. Er wählte den Ort richtig und mit gutem Geschmack, obwohl heute der Ausblick von Bäumen reduziert wird, ist er noch immer ein echtes Erlebnis. Nur der Weg, der vom Palast zur Kolonnade führte, musste dem alten Kaiser beträchtliche Probleme bereiten, die Mosaiken, mit denen er gepflastert ist, sind noch heute rutschig. „Salto Tiberio“, ein Ort aus dem der mürrische Kaiser Menschen hinunterwerfen ließ, die ihm missfielen, ist auf der anderen Seite der Villa, auf einem gut dreihundert Meter hohen Felsen. Einen solchen Sprung ins Wasser kann man nicht überleben und so ging es auch den Oppositionellen des Kaisers. Heutzutage kann man von hier wunderschöne Photos machen.

Auf dem höchsten Punkt der Villa steht heutzutage eine Kirche mit der Statue Jungfrau Maria mit dem Kind – wie übrigens in Kampanien so gut wie überall. Den Grund dieses Phänomens habe ich im Museo Campano i Capua erfahren, darüber aber ein andersmal.

Auf dem Rückweg hielt uns ein älterer Italiener auf und bestand darauf, dass wir den Weg  verlassen und einen Ausblickpunkt besuchen sollten. Er meinte es wirklich gut mit uns, wir bereuten es nicht. Wir wurden mit einem berauschenden Blick auf die ganze Küste der Weißen Grotte, „Arco naturale“ belohnt, mit dem Haus des Schriftstellers Curzio Malaparte (Casa Malaparte), der sich sein „avantgardes“ Haus dank guter Beziehungen zum Bürgermeister von Capri in einer absolut verbotenen Zone bauen lassen durfte. Seine Bücher „Caput“ und „Haut“ prägten meine Jugend und ich war sein großer Bewunderer. Sein Testament, in dem er das Haus der Volksrepublik China vermachte, nahm niemand ernst. Das Testament wurde als Zeichen einer geistigen Krankheit beurteilt und ignoriert. Die Villa ist heute im Privatbesitz und hier wurde der Film  „Verachtung“ mit Brigitte Bardot gedreht, wo sie ihren verführerischen nackten Hintern zeigen durfte.

Auf der Insel gibt es zwei Städte, neben Capri auch ein weniger bekanntes Anacapri. Bis in die moderne Zeit waren sie nur durch eine Treppe aus den Zeiten der Phönizier verbunden (Scala Fenicia), nur im  Jahr 1877 wurden zwischen den Städten eine Straße gebaut – leider nicht gerade breit. Als der Bus mit uns fortfuhr, fragte ich mich, wo die Gegenrichtung ist? Zu meinem Erstaunen war sie auf der gleichen Straße. Die Busse auf Capri sind nicht groß, die Straße ist aber auch für sie grenzwertig breit. Das hinderte die Fahrer natürlich nicht daran, Vollgas zu geben. Ein Computerspiel „Mit Bus auf Capri fahren“ hätte sicher einen gewaltigen Erfolg und wäre ein Verkaufshit. Zu beschreiben, wie die Busse dem Gegenverkehr auswichen, übersteigt hoch meinen Wortschatz (nicht nur auf Deutsch, sogar auf Tschechisch konnte ich keine passenden Worte finden). Nur zweimal musste unser Bus um Platz zu machen rückwerts zu fahren, sonst hat er das immer irgendwie geschafft ohne uns umzubringen, obwohl zwischen den Rückspiegeln der Busse manchmal nur Zentimeterabstände waren. Die Fahrer kannten sich aber in ihrem Beruf aus, die Spiegel blieben auf ihren Plätzen.

Von Anacapri führt eine Sesselbahn auf den Gipfel des höchsten Berges der Insel Monte Solaro, der 589 Meter über das Meer emporragt. Das Sessellift ist ein Einzellift, also nur für Mutige und eine romantische Bergfahrt zu zweit ist nicht möglich. Der Gipfel ist aber dafür Romantik pur – und das trotz Mengen von Japanern, die gerade zur Zeit unseres Besuches den Gipfel stürmten. Die Ausblicke vom Gipfel auf die „Villa Jovi“ am anderen Ende der Insel, hinter ihr dann „Costiera Sorrentina“ und auf die Felsengruppe namens Faraglioni im Meer, die auf jeder Postkarte aus Capri zu finden ist, waren möglicherweise kitschig, aber atemberaubend. Das Meer war blau, so blau, dass man diese Farbe gar nicht beschreiben konnte, man sah aus dieser Höhe kaum die Boote, die das Uferwasser durchquerten, nur die lange weiße Spur hinter ihnen ließ sie ahnen. Einfach ein Traum vom Meer.

Der Besuch auf Capri zahlte sich trotz allem aus. Mit den Photos aus der Insel könnte man Facebook überschwemmen, jedes einzelne hatte Facebook-Qualität.

Vielleicht schau ich noch einmal hin. Allerdings müsste ich dort übernachten, um die „Blaue Grotte“ noch vor Sonnenaufgang zu erreichen. Die Vorstellung der badenden versilberten Körper lässt mich irgendwie nicht ganz in Ruhe. Vorläufig werde ich aufpassen, nicht zu viel zuzunehmen.

Amalfiküste


Ein deutscher Reiseführer warnt ausdrücklich davor, an der Amalfiküste ein eigenes Verkehrsmittel zu verwenden. Wörtlich schreibt er, dass die Nutzung eines eigenen Fahrzeuges kontraproduktiv sein könnte.  Er könnte wirklich recht haben. Die Küstenstraße, die Salerno mit Städten Amalfi, Positano und Sorrent verbindet, wurde nur dank dem Dynamit von Alfred Nobel im neunzehnten Jahrhundert gebaut, bis dahin war die Verbindung zwischen diesen Städten nur auf dem Seeweg möglich und bei schlechtem Wetter gab es dann überhaupt keine.

Grundsätzlich wurde die Straße für zwei entgegenkommende Fahrzeuge gedacht und gebaut, und diese sollten die Möglichkeit haben (mit Ausnahmen der Orte, wo die Straße doch etwas enger ist) an einander vorbeizufahren. Natürlich dachte man in der Zeit des Baus nicht an Busse, die allerdings heutzutage, voll mit neugierigen Touristen, die Straße in beiden Richtungen benutzen. Trotzdem wäre die Situation noch immer nicht ganz tragisch, wäre die Straße mit Ausnahmen der steilsten Kurven nicht völlig verparkt. Italiener stellen ihre Autos zwar unmittelbar an den Felsen, mit den rechten Rädern im Graben (wie sie dann rauskommen, bleibt für mich ein Rätsel), sie können also nur auf der Seite des Fahrers das Auto verlassen, aber auch ein so geparktes Auto macht die ohnehin schon enge Straße noch enger. Damit man sich aber nicht langweilt, kommen zu den Bussen und LKWs noch Motorräder, die Autos von rechts, von links und manchmal von beiden Seiten gleichzeitig überholen. Dazu kommt noch eine Menge britischen Touristen, die gerade lernen, rechts zu fahren. Also für Spannung wird ausreichend gesorgt und für die Straße zwischen Vietri und Sorrent braucht man Abenteuerlust und natürlich auch feste Nerven.

Weil ich beides besitze, entschied ich mich, diese Reise zu absolvieren. Meine Frau, die bei Reisen ein bisschen empfindlicher ist und Angstgefühle bereits beim Überholen auf der Autobahn hat, erhielt Kinedryl oder eine ähnliche Tablette. (Ich kaufte es in der Apotheke mit den Worten „Abiamo bisogno di farmaco contro la chinetosa“) und hoffte, dass ich wirklich bekam, was ich verlangte. In Betracht der Tatsache, dass meine liebe Frau während des gesamten Ausfluges weder schimpfte, noch versuchte, das Auto währen der Fahrt zu verlassen und keine hysterischen Anfälle bekam, als in der Gegenrichtung plötzlich ein Bus aus der Kurve auftauchte oder als uns zwei Motorräder zugleich von beiden Seiten überholten, erhielt sie offensichtlich die richtige Tablette und wahrscheinlich in einer deutlich höheren Stärke, als es bei uns üblich ist. Es war notwendig.

Natürlich brach ich auf diese selbstmörderische Mission nicht ohne gehörige Vorbereitung auf. Erstens ließ ich meinen Peugeot 508 zu Hause, weil ich seine Größe als absolut unpassend für die Straße von Amalfi beurteilte (ich hatte ihn bereits einmal auf die Palme gebracht, als ich ihn zwei Jahre früher auf eine Reise nach Apulien mitgenommen hatte und ich war mir nicht sicher, ob er mir das bereits verziehen hat). Ich bestellte im Internet ein Auto zum Flughafen von Neapel und wählte die kleine mittlere Klasse (ich verlangte einen Peugeot 208, weil ich fürchtete, dass ein Peugeot 108 oder ein Fiat 500 für meine Gattin doch zu klein sein könnte) Ich bekam einen Lancia und bestellte zu ihn ein Vollkasko ohne Selbstbehalt. Zu meiner Verwunderung habe ich es bekommen, ich beurteilte diese Tatsache als ein unglaubliches Vertrauen des italienischen Vermieters in meine Fahrkunst und entschied mich, ihn nicht zu enttäuschen.

Für die Fahrt ist angeblich der italienische Fahrstil notwendig. In Italien war ich bereits mehrmals, ich habe also genug trainiert. Wahrscheinlich habe ich mir den Stil bereits zu eigen gemacht, weil ich dort noch nie einen Unfall hatte. Ich hatte eher Probleme mich nach der Rückkehr an die österreichischen Verhältnisse wieder anzupassen. Erstens – in Italien gibt es keinen Rechtsvorrang. Es fährt der, der schneller und der Kreuzung näher ist – entscheidend können Zentimeter sein. Eine Vorstellung, dass man in einem Kreisverkehr in Sicherheit ist, weil man Vorrang hat, ist absolut falsch. Offiziell ist es zwar wirklich so, aber es gelten die gleichen Regeln wie beim Rechtsvorrang. Im Falle eines entgegenkommenden Fahrzeuges ist es keine Schande, sich in einer Lücke zwischen zwei geparkten Autos zu verstecken, auch wenn diese in einem Anhaltenverbot parken. Die befohlene Höchstgeschwindigkeit einzuhalten ist sehr gefährlich, weil man von hinten abgeschossen werden könnte, im besten Fall verdient man sich Hupen und unanständige Gesten. Neunzig bei Siebzig-gebot zu fahren ist gerade angemessen (natürlich muss man damit rechnen, dass man dabei überholt wird, es gibt nämlich Experten wie der Fahrer unseres Hotelbusses, die bei Sechzig Hundertzwanzig fahren und dabei es noch schaffen, mit der Freundin mit einem Handy zu telefonieren – natürlich ohne irgendwelche lächerliche technische Anlage wie Bluetooth.

Grundsätzlich werden die Verbote und Gebote in Italien als unverbindliche Empfehlungen interpretiert. Wenn man sich damit abfinden kann, hat man schon halb gewonnen.

Ich absolvierte zuerst eine Trainingsfahrt auf der Costiera cilentana – also auf der Küstenstraße des Nationalparks Cilento südlich von Paesta (aber darüber ein anders Mal). Die ist gleich schmal wie die Amalfitana, aber mit weniger Verkehr und ohne Busse. Nachdem ich das geschafft habe, entschloss ich mich, die Reise nach Amalfi am letzten Tag unseres Urlaubes zu unternehmen (wenn ich auch das Auto dort lassen müsste, wäre es nicht so tragisch, einen Tag ohne Auto würden wir schon überstehen) Und dann ist es los gegangen. Es zahlte sich aus.

 

Auf die Amalfitana biegt man von der Autobahn Salerno – Neapel bei Vierti sul Mare ab. Vietri ist ein ehemaliges Zentrum der Produktion typischer lokaler Keramik, die man überall sieht. Nicht nur in den Souvenirläden, aber auch in der Dekoration der Häuser, Kirchen und sogar auf den Säulen im Kreuzweg des Klosters Santa Chiara in Neapel. Übrigens – gleich bei der Einfahrt in Vietri gibt es ein liebes Lokal. Als der Besitzer hörte, dass ich mit meinem gebrochenen Italienisch bestellt habe (außer uns war hier nur eine große Gruppe Engländer, die sich solche Mühe nicht gemacht haben) lief er zu unserem Tisch, um meiner Frau ein Kompliment zu machen. Er sagte, sie wäre „signora belissima“ und in einer längeren Rede (wenn ich ihn richtig verstanden habe, da es an der äußersten Grenze meiner italienischen Kenntnissen war) erklärte er uns, dass er sich immer gewünscht hat, eine so schöne Tochter zu haben (er hat das Alter meiner Frau offensichtlich grob unterschätzt, um so viel älter als wir war er sicher nicht), aber seine Frau hat ihm nur Buben geboren. Dieses Erlebnis hatten wir allerdings am Ende unserer Reise, also eines nach dem anderen.

Nach zwei lieben Dörfchen Maiori und Minori, die wir im ersten Schock der Konfrontation mit der Realität der Amalfistraße mehr oder weniger übersehen haben, kam Altrani mit seiner Kathedrale. In der wurden die Dogen von Amalfi gewählt und  in das Amt eingeführt. Gleich danach erschien plötzlich die ganze Schönheit der Amalfitana vor uns. Eigentlich war ich gerade in ihrem Zentrum. Amalfi war einmal eine sehr reiche Stadt, eigentlich eine Weltmacht. Es nutzte geschickt seine Lage am Meer ohne Verbindungsstraßen mit dem Festland, sowie auch die Kämpfe zwischen Byzanz und Langobarden und machte sich selbständig.   Als dann die Flotte von Amalfi im Jahr 846 geholfen hat, die Sarazenen bei Ostia zu besiegen und dadurch sich eine unendliche Dankbarkeit des Papstes erwarb (der wollte natürlich vor allem Byzanz ärgern) stand nichts mehr im Wege, dass Amalfi die erste unabhängige Republik an der Küste geworden ist. (Und damit irgendwie ein Vorläufer von Venedig) Die Bürger der Stadt haben einen Dogen gewählt und, um sich die Treue vom nahen Atrani zu sichern (Bürger von Atrani waren weniger und hatten damit keine Chance einen eigenen Mann zum Doge wählen zu lassen), wurde der Doge gewählt und ins Amt in Atrani eingeführt. Klug waren Italiener immer. Weil Amalfi faktisch keinen fruchtbaren Boden besaß und aus dem Fischfang allein man nicht leben oder zumindest nicht gut leben konnte, war die Stadt auf Handel angewiesen. Sie musste alle Nahrungsmittel kaufen und war deshalb gezwungen, eigene Ware zu produzieren und zu exportieren. Das machte sie und das mit Erfolg. Eine große Bronzetür am Dom aus dem zehnten Jahrhundert, die in Byzanz erzeugt und die ältesten in Westeuropa sei – (CAVE Monte Angelo!), sowie auch der Dom allein sind durch seine Schönheit Zeugen des damaligen Reichtums. Die Stadt war damals größer als heute, weil ein Großteil der Stadt bei dem Erdbeben am Anfang des vierzehnten Jahrhundert im Meer begraben wurde. Aber schon viel früher, im Jahr 1073 eroberte die Stadt der normannische Herrscher Robert Guiscard und schloss sie seinem süditalienischen Imperium mit der Hauptstadt im nahen Salerno an. Damit wurde die berühmteste Epoche dieses  zauberhaften Städtchens beendet. Im neunzehnten Jahrhundert lebte sie von Papierproduktion und davon, dass sie zum Piratenstützpunkt wurde, bis sie im zwanzigsten Jahrhundert von Touristen entdeckt und überlaufen wurde.

Der Kaffee auf der Piazza del Duomo unter unendlich hoher Treppe, die zu einem monumentalen Eingang in die Kathedrale führt, schmeckte wirklich hervorragend. Der Dom „San Andrae Apostolo“ selbst ist barockisiert, gleich neben ihm gibt es aber ein romanisches Kloster Chiostro Paradiso mit einem Kreuzweg noch im arabischen Stil mit engen Bögen und schmalen Doppelsäulen, also die schönste Architektur des neunten Jahrhunderts.

Heute gibt es den größten Luxus in Amalfi im Hotel Luna Convento – ein Fünfsternehotel im ehemaligen Kloster oberhalb der Stadt mit eigener Zufahrtstraße. Wie viel dort eine Nacht kostet, weiß ich nicht und muss ich eigentlich gar nicht wissen, was würde man eine Woche lange in so einem kleinen Nest wie Amalfi tun?

Die Preise in den Geschäften waren verhältnismäßig niedrig, sogar niedriger als in Pontecaiano Faiano, wo wir wohnten. Also kauften wir ein paar Flaschen Wein Greco di Tufo, der berühmtesten Marke Kampaniens sowie auch legendären Limoncelo, einen Zitronenlikör, der Amalfi zu Amalfi macht.

Wir fuhren auf den Serpentinen nach dem um 350 Meter höher gelegenen Ravello. Überraschenderweise trafen wir dort auch ein, obwohl es nicht ganz problemlos war – besonders als ich eine Ampel an der Stelle, an der nur Einbahnverkehr möglich war, übersehen habe (wahrscheinlich hatte ich Glück und grünes Licht, weil mich niemand von der Straße abgeschossen hat). Ravello war einmal eine selbständige Republik, im Jahre 1086 wurde es sogar zum Bistum, im siebzehnten Jahrhundert nach einer Pestepidemie vollständig entvölkert und als Geisterstadt wurde es von den Romantikern des neunzehnten Jahrhunderts entdeckt. Richard Wagner fand hier die Idee zu seinem Parcifal, Verdi für Otello usw. usw. Ravello ist einfach die „Citta della musica“. Die Bühne steht auf einer künstlicher Plattform hoch über dem Meer und die Aufführung mit der Kulisse der drei hundert Meter tiefer liegenden Küste muss fantastisch sein.

Das Theater befindet sich in der Villa Rufolo, in einem Palast, den sich einmal im dreizehnten Jahrhundert ein Bankier der königlichen Familie Anjou aus Neapel namens Matteo Rufolo bauen ließ. Neben dem Palast gibt es einen wunderschönen Garten, mein Herz eines Gärtners jubelte, aber nicht nur hier. Die zweite Villa in Ravello ist nämlich die Villa Cimbrone mit einer Terrasse der Ewigkeit. Die Aussichtsterrasse liegt dreihundert Meter über dem Meer, ist mit Statuen geschmückt und einfach unvergesslich. Nicht jeder hat den Mut sich hinzustellen. Eine Japanerin, die mich mit meiner Frau fotografierte, lehnte mein Angebot der Gegenleistung mit einem Blick in den Abgrund dankend ab.

Der englische Millionär William Beckett kaufte die Ruine des Palastes im Jahr 1904 und ließ sie rekonstruieren – bis heute sind ihm dafür alle dankbar, wovon eine Gedenktafel beim Eingang zeugt. Der wunderschöne Garten spricht von einer gefühlsvollen Hand des englischen Gärtners, so sind die Engländer schon einmal. Meine Seele eines Gärtners jubelte schon wieder, eigentlich wollte ich gar nicht von dort fortgehen, wir wurden aber letztendlich von Durst und Hunger vertrieben. Ein großes Bier bekamen wir nur auf der Piazza del Duomo, in den Restaurants unterwegs wurden nur kleine Biere angeboten, was in Italien 0,2 L bedeutet. Wie viel davon hätten wir nach einem anstrengenden Tag trinken müssen und wie viel hätten wir dafür bezahlt? Birra Moretti auf der Piazza del Duomo war gekühlt und schmeckte wunderbar.

Die Reise führte uns weiter nach Positano, angeblich dem schönsten Städtchen auf der Amalfiküste. Die Stadt hängt eigentlich auf einem Felsen über das Meer, die Straßen in der Stadt sind Treppen. Es gibt nur eine einzige Straße, auf der man in die Stadt einfährt, um sie  dann nach unzähligen Serpentinen auf der anderen Seite zu verlassen – in diesem Fall halten sich sogar die Italiener an die Einbahnregelung und das hat schon etwas zu bedeuten. Ich verlor meine Nerven zu früh und parkte an der ersten Stelle, die sich angeboten hat. Nur dann habe ich festgestellt, dass ich noch immer gut zweihundert Meter über dem Meeresspiegel bin und die Rückkehr zum Auto einem Bergaufstieg bei Temperaturen oberhalb dreißig Grad Celsius glich. Es gibt einen großen Parkplatz (sogar zwei) gleich nahe dem Stadtzentrum, das habe ich bei meinem Abstieg auf einer steilen Treppe zum Dom und zum Strand von Positano festgestellt. Ja, Positano hat wirklich einen eigenen Strand – als die einzige Stadt an der Amalfitana. Nicht umsonst wählte es Joachim Murat, der Gatte der Napoleons Schwester Karoline, der von seinem Schwager im Jahr 1808 zum König von Neapel unter dem Namen Gicacchino I. erhoben wurde, zu seinem Sommersitz. Heute ist in seinem damaligen Palast ein Luxushotel. Murat hat ein schlechtes Ende gehabt. Als er sich seinem Schwager Napoleon nach seiner Rückkehr aus Elba angeschlossen hatte, wurde er nach seiner Niederlage bei Waterloo durch ein Standgericht im Oktober 1815 verurteilt und erschossen. Positano hat im Gegensatz zu ihm ein gutes Schicksal erwischt, es wurde von Touristen entdeckt.

Wir tranken Espresso oberhalb des Strandes von Positano, hörten Musik und beobachteten das umgebende Grün und das Menschengewimmel. In einem diesen Cafes komponierten Mick Jagger und Keith Richards ihren Song „Midnight Rambler“. Kein Wunder, Positano inspiriert.  Wie meine Frau sagte – pure Romantik, ein Platz wie geschaffen für Neuverliebte oder Neuvermählte. Kein Wunder, dass gerade am Strand von Positano Diane Lane dem italienischen Verführer Marcello im Film „Unter der Sonne von Toskana“ verfallen ist. Meine Frau meinte, ihr wäre es nicht anders gegangen. Also liebe Männer, lassen Sie niemals ihre Frauen allein nach Positano in den Urlaub fahren!  Es könnte ganz schön schief gehen!

Der Duomo steht auf einer kleinen Plattform – viel Platz gab es in Positano nicht einmal für die Kathedrale. Sie war die Kirche eines Benediktinerklosters, hat eine wunderschöne Kuppel aus Majolika und bewahrt eine byzantinische Ikone der Schwarzen Madonna aus dem dreizehnten Jahrhundert. Angeblich brachten sie Piraten nach Positano – wer sonst? Laut einer Legende haben sie diese Ikone in Byzanz gestohlen und sind an der Amalfiküste in einen Sturm geraten. Als sie um Positano segelten, hörte der Kapitän eine Stimme, die ihm sagte „Posa, posa!“ (Lege mich hier ab) Und seitdem ist die Madonna der wertvollste Gegenstand der Kathedrale.

Sorrento als die letzte Stadt der Amalfitana kann man angeblich auslassen. Wir taten es nicht. Es war gut so, wie haben dadurch viel verstanden. Sorrent liegt eigentlich nicht mehr an Amalfiküste. Um dorthin zu gelangen, muss man die Halbinsel überqueren und auf die Costiera sorrentina, also Sorrentküste kommen. Trotzdem wird sie zur Amalfitana gezählt. Warum? Wenn man in einem Reisebüro eine Reise zur Amalfiküste buchen möchte, kriegt man automatisch Übernachtungen in Sorrent. Nirgends, wirklich nirgends in meinem Leben habe ich so viele Hotels in einer Stadt gesehen. Ich wiederholte den Fehler von Positano und parkte in der ersten Tiefgarage, die sich angeboten hat. Sie war beim Rathaus, also dachte ich, dass ich bereits im Zentrum sei. Weit verfehlt! Eigentlich war ich wirklich im Zentrum, aber im Zentrum der Neustadt – ins historische Zentrum war es eine gut zwei Kilometer lange Strecke. Auf diesem Weg passierten wir unzählige Hotels – nach dem zwanzigsten hörte ich auf zu zählen. Alle waren mit vier, manche mit fünf Sternen geschmückt, vor allen hielten Busse an und spuckten Hunderte erkentnnishungrige Pensionisten aus. In der Stadt liefen unzählige Gruppen mit Reiseführen mit Regenschirmen unterschiedlichster Farben, einfach ein Chaos, das seinesgleichen lange suchen müsste. Man könnte davon wahnsinnig werden. Als ob hier noch der Geist des bekanntesten Landsmann von Sorrent, des Renaissancedichters Torquatto Tasso geisterte, der aus der Unsicherheit, ob sein Werk „La Gerusalemme liberata“ wirklich gut sei, tatsächlich wahnsinnig wurde. Endlich wahnsinnig waren auch die Preise in den Geschäften auf der Haupteinkaufstraße. Es gab hier eine Unmenge Geschäfte mit viel schöner Ware, aber der Wunsch meiner Frau, hier ein schönes Kleid für unsere Enkelin für einen angemessenen Preis zu kaufen, war natürlich absolut naiv und unerfüllbar. Letztendlich hat sie aber der italienischen Mode doch nicht widerstehen können und sie hat ein wirklich liebes Kleid gekauft. Ein angemessener Preis schaut aber meiner Meinung nach anders aus.

Sorrent allein ist schön, es steht hoch über das Meer auf einem steilen Felsen, von dem man zum Hafen absteigen muss, von wo aus Schiffe nach Positano, Amalfi, Neapel, Capri oder Ischia fahren. Alte Griechen, die einmal die Stadt gegründet haben, gaben sich mit einem kleinen Hafen unter dem Felsen zufrieden. Von diesem Hafen führt in die Stadt ein Weg durch ein historisches griechisches Tor. Es wurde zwar hundertmal repariert und umgebaut, darüber gibt es heutzutage eine Menge Wohnungen, aber es ist noch immer das ursprüngliche – nach ´dem bekannten italienischen Motto – nicht abreißen, was schon einmal steht. Unterwegs geht man an vielen schönen Restaurants mit Blick auf das Meer vorbei also, wer auf den Preis nicht unbedingt schauen muss….

Als es uns gelang, Sorrent zu verlassen und in der Abenddämmerung unübersichtliche Straßen der Städten Gragnano und Castellamare unbeschadet hinter uns zu lassen, erreichten wir endlich die Autobahn. (Abend ist die Zeit, in der alle, aber wirklich ALLE Italiener in ihren Autos trotz unverschämter Benzinpreise, die bei manchen Tankstellen die Marke zwei Euros überschritten haben, von einem Platz zu einem anderen fahren. (Ob sie dazu einen nachvollziehbaren Grund haben oder das nur zum Vergnügen und für einen Adrenalinschub tun, habe ich nicht erfahren.) Ich hatte die Schnauze voll.

Zum Glück folgte noch das bereits erwähnte Abendessen in Vietri mit dem galanten Besitzer. Also, hätten Sie Lust auf Romantik, Adrenalin und Chaos an einem Tag, kann ich die Amalfiküste herzlichst empfehlen.

Mantova


Eigentlich heißt die Stadt auf deutsch Mantua, aber wenn sie in Italien nach Mantua fragen,  wird sie kein Italiener verstehen (wollen).  Unter uns können wir sie aber weiter Mantua nennen, mit der Hoffnung, dass kein Italiener je diesen Artikel lesen wird.

Laut einer Legende ist Mantua angeblich auf einer Insel mitten in den Gewässern entstanden, diese waren die Tränen von Prophetin Manta. Sie war die Tochter eines Priesters und Propheten und ihre Tränen verliehen dem Wasser magische Kräfte. Manta heiratete Tiberius den König von Toscana. Ocmus, ihr gemeinsamer  Sohn, gründete dann im See eine Stadt, der er den Namen seiner Mutter gab. Soweit die Legende.

Mantua hat den Ruf eine der schönsten Städte Italiens zu sein und überhaupt die schönste in der Tiefebene des Flusses Po. Zu recht. „Schuld“ daran ist erstens die geographische Lage, die sie mit drei Seen umkreist (Lago superiore, Lago di mezzo und Lago inferiore), die eigentlich alle eine Erweiterung des Flusses Mincio, kurz vor seiner Mündung in den Po, sind. Und zweitens Bauaktivitäten der Familie Gonzaga, die die Stadt seit dem Jahr 1328 beherrschte, als sie aus der Stadt die diktatorische Familie Bonacolsi vertrieb (natürlich mit blutiger Gewalt). Dieses Ereignis wird auf dem Bild von Domenico Morone, in Salla della Stemma, in Palazo ducale dargestellt. Die Gonzagas haben sich immer richtig politisch orientieren können und sparten nicht mit Geld, wenn es notwendig war. Karl IV. erhob sie im Jahr 1362 zu Grafen, Sigismund 1433 zu Markgrafen und in den Zeiten von Kaiser Karl V. schafften Sie es bis zum Herzogtitel (höher ging es gar nicht mehr). Sie hielten sich abseits der Konflikte im Norditalien auf und waren auch wirtschaftlich sehr erfolgreich dank Pferdezucht, die in ganz Italien berühmt war. Und nicht nur in Italien. Ein  Pferd von Gonzaga zu haben war etwas Ähnliches wie heute der Besitz eines Ferraris. Und wer von den damaligen Reichen und Schönen wollte das nicht haben? Die Gonzagas verdienten sich dadurch eine goldene Nase, und investierten das Geld in die Verschönerung ihrer Stadt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Giuseppe Verdi ließ die Geschichte seiner Oper „Rigoletto“ in Mantua spielen. Das Haus mit einer Statue dieses buckeligen Hofnarren findet man vor „Palazzo Ducale“, auf dem Platz Sordello. Heute ist hier ein Informationsbüro für Touristen.

Das Zentrum der Stadt,  obwohl es sich am Stadtrand befindet, ist zweifellos Palazzo ducale. Warum der Eintritt ins „Castello San  Giorgio“ und „Corte Nuova“ vormittags ist und ins „Cortile d´Onore“ nachmittags, weiß ich nicht. Die Eintrittskarte ist aber für beide Teile des Palastes gültig. Möglicherweise wäre es für den Besucher auf einmal auch einfach zu viel. So bekommt man die Möglichkeit, in der Mittagspause die Eindrücke zu verarbeiten und sich in einem der vielen Bars und Restaurants auf der „Piazza Sordello“ vor dem Palast zu erfrischen. Der ganze Palast hat insgesamt acht Komplexe, die nach und nach zwischen dem dreizehnten und siebzehnten Jahrhundert entstanden sind. Er hat mehr als 500 Räume und Säle und 34 000 m2 Wohnfläche! Sie lesen richtig, mehr als drei Hektar!!! Dazu gibt es auch noch 15 Höfe und Gärten.

Das Herz der Burg ist „Castello San Giorgio“, dies ist der älteste Teil des Palastes, als diese noch der Verteidigung diente. Ludovico Gonzaga ließ hier in „Camera degli Sposi“ von seinem Hofmaler Andrea Mantegna einen Zyklus der Freskos herstellen, der ihn selbst mit seiner ganzen Familie sowie auch sein Treffen mit seinem Sohn und Kaiser Friedrich III. vor Mailand darstellt. Auf dem Familienbild entdeckte ich auch eine kleine Person die eine Beziehung zu Graz hat, nämlich Prinzessin Pauline de Gonzaga. Diese arme Seele litt an Knochentuberkulose. In Folge dieser Erkrankung hatte sie einen Buckel und auch sonst war sie keine Schönheit. Sie war einfach unvermählbar (auf dem Fresko ist sie sehr realistisch dargestellt). Ihre verzweifelte Mutter Barbara von Brandenburg (laut dem Fresko auch keine wirkliche Schönheit) veröffentlichte, in der Bemühung doch einen Bräutigam für ihre Tochter zu finden, die Höhe der Mitgift, das ihre Tochter bekommen würde. Das rief Kaiser Friedrich III. auf den Plan. Er wurde zwar spöttisch „Erzschalfmütze“ genannt, da er weder kämpfen noch herrschen vermochte und ständig mittellos war, aber in einer Sache war er ein wahrer Meister und das war die Heiratspolitik. Dank der Vermählung seines Sohnes Maximilian mit der Erbin von Burgund Maria und danach durch Verbindung seines Enkelsohnes Phillip mit Johanna von Spanien gründete er das habsburgische Imperium, über das die Sonne nie untergegangen ist. Jetzt roch er wieder seine Chance. Seit dem Jahr 1382 gehörte der Hafen Triest zu den habsburgischen Ländereien. Mit den anderen habsburgischen Ländern hatte er aber auf dem  Festland keine Verbindung. Zwischen Triest und Kärnten bzw. Windischer Mark (dies liegt im heutigen Slowenien), die bereits habsburgisch waren, gab es die Grafschaft Görz.  Mit den Grafen von Görz hatten die Habsburger einen Vertrag abgeschlossen, dass im Falle vom Aussterben einer der beiden Familien, die andere den gesamten Besitz erben würde. Der damalige Graf Leonhard war ein Lebemensch, bekannt durch seinen verschwenderischen Lebensstil, er war permanent insolvent und bedroht in seinen Schulden unter zu gehen. Dies hätte aber gefährlich werden können, wenn er seine Ländereien in höchste Not verkaufen hätte wollen, den dann wäre nichts aus dem Vertrag mit den Habsburgern geworden. Friedrich hat sich ausgerechnet, dass Paulina Gonzaga nie Kinder haben würde, ihr Geld könnte aber Leonhard von Görz gut gebrauchen. Der Plan ging auf. Leonhard heiratete Paulina mit ihrer großen Mitgift (und verschwendete es gleich wieder), die Ehe blieb kinderlos, die Grafschaft Görz  fiel nach seinem Tod an die Habsburger und blieb ein Teil ihres Imperiums bis 1918. Die Truhen, in welchen die Mitgift nach Görz transportiert wurde, kann man im Grazer Dom bewundern, sie bewahren heilige Reliquien, die Papst Paul V. Erzherzog Ferdinand (später Kaiser Ferdinand II.) im Jahre 1617 geschenkt hat auf. Leonhard verkaufte nämlich sogar die Truhen an Mönche aus dem Kloster in Millstättersee und von dort kamen sie nach Graz.

Die Gonzagas heirateten übrigens permanent in die besten Familien Europas. Sie hatten unverschämt viel Geld für die Mitgift ihre Töchter und sie waren bereit zur Nachsicht bei der Mitgift der Bräute aus den permanent insolventen kaiserlichen Familien, wenn die wieder nach Mantua verheiratet wurden. Kaiser Ferdinand I. schaffte es sogar gleich zwei seiner Töchter so zu verheiraten. Der Arme hatte übrigens 12 Töchter und es war schwierig für alle passende Bräutigame zu finden! Zuerst verheiratete er seine Tochter Katharina  mit Francesco III. von Gonzaga. Als dieser starb, verheirate er sofort die nächste Tochter, Eleonore, mit seinem Nachfolger Guglielmo. Sein Sohn Ferdinand von Tirol, wählte zu seiner zweiten Gattin (nach seiner ersten morganatischer Ehe mit Philippine Welser)  Anna Katharina Gonzaga, die Tochter seiner eigenen Schwester Eleonore. Diese sollte dem Herzog von Tirol einen Sohn gebären, der die Herrschaft in der Habsburgerfamilie übernehmen und so der Throneintritt vom Neffen des Ferdinands von Tirol, ebenso Ferdinand von der Steiermark verhindern sollte. Der Onkel hatte nämlich nicht gerade eine schmeichelhafte Meinung über die Fähigkeiten seines Neffen (zu recht, wie sich später zeigte, als dieser Neffe Europa in den Dreißigjährigen Krieg stürzte). Der Plan ging nicht auf, denn Anna Katherina gebar dem bereits älteren Lebemensch Ferdinand nur drei Töchter. Noch einmal versuchte zumindest Kaiser Mathias dem jungen steierischen Narr ein Hindernis in den Weg zu stellen und heiratete eine der Töchter von Ferdinand und Anna Katharina namens Anna (also die eigene Cousine ersten Grades). Zu diesem Zeitpunkt diagnostizierten aber die Ärzte beim Monarch bereits „impotentia totalis“. Es half nichts, Ferdinand aus der Steiermark bestieg den Kaiserthron und der Weg zur größten Katastrophe der europäischen Geschichte war frei. Und auch Ferdinand, jetzt Kaiser Ferdinand II. nahm zu seiner zweiten Frau Eleonora Gonzaga, die Enkelin seiner eigenen Tante Eleonore.

Ferdinand II. war auch die Ursache des größten Unheils in der Geschichte von Mantua.  Mantua war eine der größten Katastrophen des dreißigjährigen  Krieges. Gerade in der Zeit, als Ferdinand dank dem Wallenstein den dänischen König besiegt hatte und sich auf dem Höhepunkt seiner Macht fühlte, starb die Familie Gonzaga in der Manneslinie aus. Obwohl zwei Mitglieder der Familie, Ferdinand und Vincenzo, auf die Kardinalwürde verzichteten um Nachkommen zu zeugen und so die Zukunft der Familie retten zu dürfen, gelang es ihnen nicht und im Jahr 1627 starb der Stamm der Gonzagas in der Hauptlinie aus. Der letzte Herrscher Vincenzo sicherte sich dadurch ab, dass er das ganze Herzogtum seinem entfernten Verwandten Karl aus der französischen Linie Gonzaga-Nevers vererbte.  Dieser hatte wirklich den größten Anspruch auf das gerade freigewordene Herzogtum. Aber Ferdinand, seit 1622 mit einer Schwerster der letzten Gonzagas verheiratet, fühlte sich als ein unantastbarer und unbesiegbarer Herrscher des gesamten Europas und entschied Mantua als freies Lehen auszurufen (was sie im grundegenommen auch tatsächlich war) und beschenkt mit diesem reichen Stück Land seinen Favoriten Ferrante II., Gonzaga aus der spanischen Linie (wie ich schon gesagt habe, die Gonzagas waren verschwägert in ganz Europa). Die kaiserlichen Berater warnten den Monarchen dringlich vor diesen Schritt, weil Karl ein Franzose war und hinter ihm der mächtige Kardinal Richelieu stand, der ungeduldig auf einen passenden Vorwand gewartet hatte, um in den Krieg zu ziehen und etwas für sein Land zu gewinnen. Ferdinand, der sonst seinem Kanzler Ulrich von Eggenberg immer brav gehorchen hatte, blieb stur und setzte sein Vorhaben durch. Die Folge war der Eintritt von Frankreich in den dreißigjährigen Krieg, der dadurch weitere zwanzig Jahre dauerte. Der mantuanische Erbfolgekrieg dauerte von 1627 bis 1631. Die kaiserliche Armee unter der Führung eines gebürtigen Mantuaner, General Rambalto Collalto, eroberte am 18.Juli 1630 Mantua und plünderte die Stadt fürchterlich aus. Letztendlich musste aber der Kaiser, dessen Soldaten auf zwei Fronten kämpften mussten (den im Jahr 1630 landete in Pommerien der schwedische König Karl Gustav und begann seinen siegreichen Feldzug durch Deutschland) akzeptieren, dass der neue Herzog von Mantua der französische Kandidat Karl I. von Gonzaga Nevers würde. Das hatte aber nicht zur Folge, dass sich Frankreich aus dem  Krieg zurückziehen wollte. Es begann die letzte, zerstörerischste, Phase des Krieges.

Aber zurück zu dem Fresko in „Camera degli Sposi“. Der Maler Andrea Mantegna hat, wie gesagt, in seinen Werken die Realität sehr genau abgebildet (die Gattin von Ludovico Gonzaga Barbara von Brandenburg schaut fürchterlich aus). In eine der Wände hat er sein Autoportrait eingebaut. Er erreichte großes Reichtum, sein großes Haus am Stadtrand ist heute ein Museum und er fand sogar eine Braut, aus einer Patrizierfamilie, die ihm die Tür in die Kreisen der Stadtnobilität eröffnet hat. Natürlich erfährt man, dass „Camera degli Sposi“ der schönste Raum auf der ganzen Welt ist. Ein Italiener kann von seinem „piú“ nicht loslassen. Andrea Mantegna ist der Schöpfer eines wichtigen Kunstwerkes in Mantua, nämlich der Kirche des heiligen Andreas „Chiesa di San Andre“ auf dem Platz „Piazza delle Erbe“. Es ist ein der ersten Kirchen, gebauten im Stil der Renaissance. Es ist eine einschiffige Basilika mit hohen Renesainsbögen und kantigen Pfeiler und mit einem Architrav nach dem Vorbild der römischen Tempel. Es handelte sich zu dieser Zeit um einen vollkommen neuen und revolutionären Baustil. Sehr viele Renaissancekirchen gibt es übrigens nicht, der Mensch hat sich in der Zeit der Renaissance vom Gott zu sich selbst gewendet. In der Kirche wird eine ziemlich obskure Reliquie aufbewahrt, die sich in der Krypta unter der Kirche befindet. Man kann sie, im Rahmen einer Führung besuchen, die zweimal am Tag stattfindet.  Es handelt sich um das heilige Blut Christi, durchmischt mit dem Boden aus dem Berg Golgota. Nach einer Legende sammelte der Soldat Longinus, der die Seite Christi mit einem Speer durchbohrte, das ausgeflossene Blut und auch den Boden in den es einsickerte auf. Als er dann in Mantua starb, wurde diese blutige Erde dann eingegraben. Das erste Mal wurde sie im Jahr 804 entdeckt, als das Bischofstum von Mantua gegründet worden war, und das zweite Mal im Jahr 1048. Wer will, darf es glauben. In jedem Fall wird diese heilige Reliquie jedes Jahr am Karfreitag in einer großen Prozession durch die Stadt getragen.  Wie schon Kaiser Friedrich II. gesagt hatte: „Der Phantasie der byzantinischen und venezianischen Kaufmänner wurde keine Grenze gesetzt“.

Duomo auf dem Platz „Piazza Sordello“ ist neben der Kirche San Andre beinahe bedeutungslos. Es handelt sich um eine chaotische Mischung aller möglichen Baustils vom romanischem bis zum Klassizismus. Die Mantuaner haben mit dem Bau der Kirche im Jahr 1131 begonnen, aber im achtzehnten Jahrhundert entwerteten sie dann das Gebäude mit einer Barockfasade. Vielleicht ist ja jemand einer anderen Meinung, ich aber halte den Dom von Mantua einfach für hässlich und es reicht ihn, nur nebenbei, mit einem Auge zu betrachten.

Ansonsten ist in Mantua alles sehr schön. Im Saal „Sala del Pisanello“ wurden Freskos vom Meister Pisanello, aus dem vierzehnten Jahrhundert, entdeckt und eine Gedenktafel erinnert daran dass in diesem Saal der unsterbliche Pagannini gespielt hat. Im neuen Palast gibt es wunderschöne Freskos an den Wänden und auf der Decke und auch Bilder von Paul Rubens, der für die Gonzagas in den Jahren 1605 – 1607 gearbeitet hat und für sie ein Monumentalbild der Heiligen Dreifaltigkeit malte. Nebenbei erzeugte er auch ein Portrait des letzten Gonzaga, Vincenzo, in seinen jungen Jahren.

Etwas entlegen, außerhalb des historischen Zentrums der Stadt, steht „Palazzo Te“. Dieses Palais wurde von einem Schüler Raffaelos, Giulio Romano,  in der Zeit gebaut als dort noch eine Insel des Flusses Mincio war. Einmal stand ja die ganze Stadt Mantua auf einer Insel. Der Herzog Federico II. Gonzaga ließ dieses Palais als seine Sommerresidenz außerhalb der damaligen Stadtmauern in den Jahren 1525 – 1535 bauen. Es ist ein echtes Juwel der Baukunst der Renaissance mit Fischteichen, Gärten und Kolonaden.  Später ließ sich, gerade durch dieses Palais, Ludwig XIV. zum Bau von Versailles und Maria Theresia zum Bau von Schönbrunn inspirieren. Die Fresken von Giulio Romano sind erstaunlich. Besonders der Saal der Giganten, in dem der Fall der Giganten die für Jupiter seine Blitze geschmiedet hatten, geschildert wird. Wunderschön ist auch der Saal des Amors und der Psyche. In der Tradition der Renaissance schmückte Giulio Romano die Wände des Gebäudes nicht mit christlichen sondern mit griechischen mythologischen Motiven. Im Jahr 1530 wurde auch Mantua, von Kaiser Karl V. auf seiner Krönungsreise nach Bologna, besucht. Sein Besuch ist im Palais Te detailliert dokumentiert und man findet hier sogar das feierliche Menü! Leider nur auf Italienisch.

Auf dem „Piazza delle Erbe“ kann man auch noch die Rotunde San Lorenzo aus dem elften Jahrhundert mit den Resten von Freskos und Statuen besuchen. Das Rathaus mit Torre dell´ Orologio,  also mit einer astronomischen Uhr, aus dem fünfzehnten Jahrhundert gibt es ebenfalls zu bewundern. Diese wurde vom Mathematiker, Astrologen und Mechaniker Bartolomeo Manfredi konstruiert.

Mantua blieb im Besitz der Familie Gonzaga bis zum Jahr 1707. In diesem Jahr wurde sie im Rahmen des Spanischen Erbfolgekrieges von österreichischen Truppen eingenommen und die Österreicher blieben hier mit einer Unterbrechung bis 1866. Deshalb wird in Castello Can Giorio auch ein Reisebesteck von Maria Theresia ausgestellt, wahrscheinlich hat sie es hier vergessen. Im Jahr 1796 zog aber durch Norditalien ein junger General namens Napoleon Bonaparte durch und hinterließ hier eine Verwüstung. Obwohl die Französen vom russischen General Suvorov vertrieben worden sind, kamen sie bald wieder. Nach dem Sieg bei Austerlitz im Jahr 1805 schloss Napoleon Mantua dem französischen Kaiserreich an. Für die Österreicher hat die Stadt einen bitteren Beigeschmack, hier ist der Tiroler  Nationalheld Andreas Hofer hingerichtet worden. Andreas Hofer ist es gelungen die, bis dahin unbesiegbaren Franzosen, gleich mehrmals zu besiegen (seine erste Niederlage in einer Feldschacht erlitt Napoleon bei Aspern, im Jahr 1809, und sein Bezwinger Erzherzog Karl hat aus diesem Grund eine Statue auf dem Heldenplatz in Wien). Die glorreichsten Siege feierte Andreas Hofer auf dem Bergisel bei Innsbruck, wo heute die Sprungschanze steht auf der jedes Jahr der dritte Bewerb der „Vierschanzentournee“ ausgetragen wird. Nach dem Wiener Kongress kamen die Österreicher nach Mantua zurück, aber nach der verlorenen Schlacht bei Königsgraz, im Jahr 1866, mussten sie Mantua auch mit Venedig, an den Verbündeten der siegreichen Preußen, nämlich Italien, wieder abtreten. Heute ist das kleine Mantua (47 000 Einwohner) eine der meistbesuchten Städte Italiens.

Jeden Herbst findet hier ein Treffen der Oldtimer zu Ehre des berühmtesten Sohnes der Stadt in der modernen Geschichte statt. Er hieß Tazio Nuvelari, genannt „der fliegende Mantuaner“ der in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts als ein unbesiegbarer Autofahrer galt. Er fuhr für den Rennstall  Scuderia, bis er nach einem Streit mit dem Gründer dieses Rennstalls, Enzo Ferrari, zur Konkurrenz bei Masseratti wechselte. Zwei „Hähne in einem Stall“ vertrugen sich auch schon damals nicht. Zur Zeit dieses Oldtimerrennens, aber nicht nur zu dieser Zeit, kämpft Mantua mit einem Parkplatzmangel. Also, sollten Sie Lust bekommen diese zauberhafte Stadt die am Fluss Mincio liegt zu besuchen, stehen Sie lieber früh auf.

Aber auch Damen kommen in Mantua auf ihre Kosten. Man kann hier sogar am Sonntag shoppen. Als ich mit meiner Frau nach Mantua gereist bin, an einem Sonntag, vereinbarten wir, dass zumindest dieser eine Tag ausschließlich der Kultur gewidmet wird. Das Shoppen, das sonst immer ein fester Bestandteil unseres täglichen Ablaufs war, wollten wir auslassen. Ich habe nämlich gehofft, dass die Geschäfte im katholischen Italien am Sonntag geschlossen haben. Aber weit gefehlt! Die Geschäfte auf „Piazza delle Erbe“ waren offen. Und in einem davon haben wir ein Kleid für unsere fünfjährige Enkeltochter, gerade so eines das wir gesucht haben, gefunden. Sie sollte nämlich am kommenden Samstag als Jungfer zu einer Hochzeit gehen, daher war der Kauf eines passenden Kleides eine der Prioritäten unseres italienischen Urlaubes. Das Kleid hatte genau die richtige Größe für ein fünfjähriges Kind, wir haben es gekauft und waren glücklich. Besonders ich sehnte mich im Glück, im Glauben, dass ich das Sonntagsshopping hinter mir hätte.

Ich habe mich zu früh gefreut. Als ich zu meiner Frau, von einer Phototour um die Mantua, zurückkehrte (Mantua ist am schönsten beim Blick über das Wasser, also über die Seen des Flusses Mincio und die sind breit genug, um für ein gutes Foto ziemlich weit laufen zu müssen), sagte meine Frau, wir hätten ein Problem.  Wir haben ein Kleid in Größe 110 cm gekauft, unsere liebe Enkelin ist aber inzwischen unkontrolliert auf 116 cm gewachsen und brauchte daher Größe 120, also nach italienischen Maßen ein Kleid für ein sechsjähriges Kind (ich weiß nicht, warum dort die Kinder so klein sind). Ich habe sofort verstanden dass, in erster Linie, ich jetzt ein Problem hatte. Als mir meine Frau erklärte, dass wir zurück in das Geschäft gehen müssen und ich der Verkäuferin, die nach einem guten italienischen Brauch kein Wort Englisch sprach, erklären müsse, worum es ging. Ich spürte kalten Schweiß auf dem Rücken. Mit meinem gebrochenen Italienisch sollte ich so eine komplizierte Sache erklären?

Ich  brachte alle Kräfte und meine gesamten italienischen Kenntnisse zusammen und erklärte der Verkäuferin, dass meine Gattin mit meiner Tochter telefoniert hatte und unsere Enkelin, für die das Kleid als Geschenk gemeint war, war mehr gewachsen als wir ahnen konnten und wir ein um eine Nummer größeres Kleid bräuchten. Die Verkäuferin sagte, das wäre kein Problem, daraus habe ich angenommen, dass sie mich verstanden hatte und sie ging zum Kleiderständer. Dort hat sie dann, nach meiner Erwartung festgestellt, dass sie kein Kleid in der richtigen Größe hätte. Meine schüchterne Frage, ob wir das Geld zurückhaben könnten, beantwortete sie mit einem scharfen „non´e possibile“. Dann begann sie uns die unterschiedlichsten Kleider anzubieten. Das Problem lag darin, dass alle gut für den Kindergarten oder für einen Spielplatz wären, nicht aber für eine Hochzeit. „Sag ihr, dass es für eine Hochzeit ist“, sagte meine Frau. Ich war gerührt. Das Wort „Hochzeit“ ist sicherlich eines der ersten im Wortschatz, wenn man eine fremde Sprache selbst lernt. Das schlimmste war aber die Tatsache, dass ich wusste, ich kannte das Wort (es gibt doch die Oper „Figaros Hochzeit“ und den Originaltitel der Oper hatte ich schon oftmals gehört).

Aber Sie kennen das sicher. Wenn Sie sich dringend an etwas erinnern wollen, geht es einfach nicht.  Ich probierte es mit Noce, Noca, aber keiner hat mich verstanden. Da ich ein moderner Mensch bin (oder zumindest glaube ich es zu sein), habe ich unbemerkt das Wörterbuch auf meinem Handy aktiviert und gab das Wort Hochzeit ein. Das Handy antwortete, dass es „Matrimonium“ bedeutet. Ich zweifelte. Etwas hat mir gesagt, dass Matrimonium eine Ehe bedeutet. Hätte ich es verwendet, hätte die Verkäuferin denken können, dass wir unsere fünfjährige Enkelin verheiraten wollten und dann wären Zweifel über unsere Religion aufgekommen. Ich wurde stur und sagte das Wort nicht. Letztendlich haben wir ein schönes Kleid für den Kindergarten gekauft und sogar mir ein paar Strümpfen. Es war zwar nicht das Richtige aber auch nicht unbedingt das Falsche.

Als ich ins Auto eingestiegen bin, erinnerte ich mich auf „le nozze de Figaro“, aber es war zu spät. Das Wort „le nozze“ vergesse ich jetzt natürlich nie mehr (auch wenn es sich um ein Plural handelt) und dass obwohl ich das Wort nie mehr brauchen werde. Übrigens das Wort „Matrimonium“ hätte ich auch verwenden können. Es bedeutete beides, Ehe sowie auch Hochzeit.

Mantua ist einfach schön. Man kann dort sehr gut shoppen. Auf keinen Fall lassen Sie diese Stadt bei einem Italienbesuch aus.

Matera


 

„Piú bene Jeruzalem“, also „das bessere Jerusalem“. So heißt der Spitzname der Hauptstadt der italienischen Provinz Basilicata. Wahrscheinlich gerade deswegen wählten für die Filmarbeiten zur Hinrichtung Christi die Regisseure Pier Paolo Pasolini (Erstes Evangelium – Matthäus) und Mel Gibson  „Passion Christi“ gerade diese Stadt. Pasolini hat in Matera auch ein eigenes Museum, das die Arbeit zu seinem Film dokumentiert, Mel Gibson nicht. Allerdings wählten beide Regisseure die Stadt deshalb für ihre Filme, weil ihnen keine andere Stadt der Welt für die Dreharbeiten so eine imposante Kulisse anbieten konnte. Nicht einmal das heutige Jerusalem.

Matera ist die Hauptstadt der ärmsten italienischen Provinz Basilicata. Die Armut in der Region war für die europäischen Verhältnisse einfach unfassbar. Es ist merkwürdig, dass den Umbruch ein Buch brachte. Der Roman von Carlo Levi „Christus kam nur bis Eboli“, in dem er die menschenunwürdige Lebensbedingungen der Bewohner des Landes beschrieb, brachte Politiker endlich dazu, sich mit der katastrophalen Situation in dieser Region, in der die Kindersterblichkeit 50% erreichte, zu beschäftigen. Es ist für die Diktatoren nicht immer gut, unbequeme Freigeister in die Verbannung in die verfallenen Orte zu schicken. Sie langweilen sich dort, kommen auf revolutionäre Gedanken und dann werden sie kreativ und schreiben. Und es hat dann Folgen. Für die Menschen allerdings positive Folgen.

Die Stadt Matera befindet sich auf dem Bergplateau Murgia, das sich über den Großteil  Nordapuliens erstreckt und auch in die Basilicata reicht. Die Stadt ragt monumental auf dem Felsen über die Schlucht des Flusses Gravina di Matera empor und gerade diese Felsen, die aus Tuff und damit relativ weich sind, wurden zum Wohnraum für die ärmsten Bewohner der Stadt. Es entstanden so genannte Sassi, also künstliche Höhlen, so eine Art „Zemljanka“ im Felsen, wo die Menschen auch mit ihnen Haustieren (Pferden) lebten. Erst im Jahr 1952 wurden die Menschen als Folge des Buches von Carlo Levi aus diesen Notunterkünften in neue Wohnungen am Rande der Stadt übersiedelt (nicht immer freiwillig). Heute spiegelt sich die Armut dieser Region nur mehr in der traditionellen regionaler Küche wieder, die ziemlich spartanisch ist.

Es ist nicht ganz einfach, die Stadt Matera zu erreichen, die Stadt ist nicht an das italienische Autobahnnetz angebunden, obwohl zur Zeit eine vierspurige Schnellstraße (ohne Maut) aus Bari gebaut wird. Unser GPS hatte mit dem Weg nach Matera nicht gerade kleine Probleme, im Städtchen Noci schickte es uns mit meinem Peugeot 508 sogar auf eine steile Treppe. Wir folgten der Anweisung nicht und nach drei Runden in Noci (es war nicht der Mühe wert, das Städtchen gehört nicht zu den Juwelen der italienischen Architektur) fanden wir den Weg nach Matera selbständig ohne technische Unterstützung. Natürlich waren wir selbst schuld, weil wir den kürzesten Weg von Ostuni gesucht haben, der Weg aus Richtung Bari wäre viel besser gewesen und bald wird es noch besser werden. Also wird den neugierigen Touristen nichts im Wege stehen, um diese seltsame raue Schönheit namens Matera zu besuchen.

Auf dem Platz Vittorio Veneto tranken wir einen Espresso und dann ging es los in die Altstadt. Diesen Platz, also Piazza Vittorio Veneto bauten die reichen Bürger von Matera, um die allanwesende Armut aus ihrer Wahrnehmung zu verdrängen. Der Platz hat einen schönen Springbrunnen, ist von prächtigen Palästen umrahmt und es gibt hier auch eine Bank mit funktionierendem Bankomaten. Natürlich auch mit Bars und Restaurants mit hervorragendem Kaffee – aus dieser Sicht ist Matera absolut italienisch. Matera hat keine reiche Geschichte, es war hier nie besonderes viel zu stehlen, also blieb die Stadt von den großen Eroberern eher unberührt. Die Normannen nahmen sie bereits im Jahr 1046 ein und machten sie für eine kurze Zeit sogar zum  Königssitz, nach der Zeit der Staufen und Anjou herrschten in diesem von Gott verlassenen Land nur mehr lokale Herrscher. Der berühmteste und der grausamste von ihnen war der Graf Giancarlo Tramontano. Der glaubte, dass man auch aus armen Menschen bei ausreichender Härte und Rücksichtslosigkeit genug Geld für ein luxuriöses Leben ausquetschen könnte, zur Sicherheit begann er aber über dem Stadtzentrum und außerhalb der Stadtmauer eine Festung „Castello Tramontano“ zu bauen, um sich dort vor dem Hass seinen Untertannen schützen zu können. Es half ihm nicht. Als er am 29.Dezember 1514 die Kathedrale in der Stadt besuchte, wurde er nach der Messe auf offener Straße ermordet. Es folgte ein Volksaufstand der blutig niedergeschlagen worden ist, die Festung Tramontano blieb unvollendet. Fertig waren bei der Ermordung des Grafen lediglich drei Türme und so blieb es auch.

Bereits auf dem Weg von der Piazza Vittorio Veneto zum Domplatz öffnen sich wunderbare  Aussichten auf die Felsenstadt Sassi – das Viertel Sasso Barisano. Die Felsenhöhlen – also im Felsen ausgegrabene Wohnungen – bilden zwei Stadtviertel – Sasso Barisano und Sasso Caveoso. Das zweite ist für die Touristen mehr erschlossen und man kann hier für einen mäßigen Preis einzelne Sassi besuchen.  Es ist wirklich ein merkwürdiges Erlebnis, eine Höhle zu betreten, in der Leute noch im Jahr 1952 lebten. In zwei Räumen, in denen für Kinder zum Schlafen in dem Felsen merkwürdige Kojen ausgegraben worden sind, drängten sich mit Leuten auch Haustiere und sogar Pferde zusammen. Es gab zwar Gestank, aber auch die Wärme. Leider auch Krankheiten, die Kinder starben wie die Fliegen, fünfzigprozentige Kindersterblichkeit in der Mitte des zwanzigen Jahrhunderts ist für uns etwas absolut Unvorstellbares. Nur dann griff die Politik endlich ein und übersiedelte die Einwohner in neue Wohnungen. Die Umsiedlung lief nicht friedlich ab, die Menschen wollten auf ihre furchtbaren Wohnungen nicht verzichten, sie lebten hier doch bereits seit ganzen Generationen. Wer den Eindruck von Sassi mehr auskosten will, kann im  Hotel „Sassi Hotel Matera“ wohnen. Das Hotel bietet mehr als zwanzig einzelne Sassi, die für den Aufenthalt der Hotelgäste adaptiert worden sind. Sie sind im Viertel Sasso Barisano zerstreut, eine Rezeption habe ich nicht gefunden.

Der „Duomo“ ist großartig. Von außen ist es ein elegantes Beispiel des apulischen romanischen Stils aus dem bereits mehrmals erwähnten goldartigen Marmor, innen ist es aber Barock hoch zwei. Natürlich darf eine Madonna mit Kind nicht fehlen, sie stehen unter einem prächtigen purpurroten Baldachin mit goldenen Kronen auf den Häuptern, vorne vor dem Altar steht dann der Erzbischofstuhl geschmückt mit Blättern aus purem Gold. Also Gold, Purpur, Gold und wieder Gold, man kann nicht glauben, dass man sich in der ärmsten Region Italiens befindet. Den Menschen konnte man die Haut abziehen, aber die Mächtigen, besonders dann die katholische Kirche, mussten sich als mächtig und unantastbar präsentieren. Die Farben von Gold und Blut waren deutlich genug, um die Leute auch in der größten Armut in die Knie und zu einem Gebet zu zwingen.

In Matera gibt es eine Menge Kirchen. Die interessanteste ist San Pietro de Caveoso, gebaut auf einer Plattform direkt über der Schlucht des Flusses  Gravina di Matera. Sie steht auf einem flachen viereckigen Platz, innen ist das Hauptschiff von korinthischen Säulen getragen und seitlich gibt es insgesamt acht Kapellen.

Gleich über dem Platz mit der Kirche San  Pietro ragt ein monumentaler Felsen mit einem Kreuz auf der Spitze empor. Unter dem Kreuz wurde im Felsen die Kirche Madonna dell´ Idris ausgegraben. Solche Kirchen gibt es in Matera mehrere. Der weiche Felsen aus Tuff hat sich dazu angeboten und wenn die Leute bereits in Höhlen wohnten, gruben sie auch ihre Kirchen aus. Drinnen darf man weder fotografieren noch filmen, die Felsenwände sind mit Fresken geschmückt, die direkt auf dem Felsen gemalt wurden. Solche Kirchen und Klöster, die es, wie gesagt, mehrere gibt, kann man mit einer Eintrittskarte besuchen. Die erhaltenen Wandmalereien sind bemerkenswert durch ihre Einzigartigkeit.

Am anderen Ende der Stadt, direkt über die Schlucht, steht eine gut sichtbare Dominante des unteren Teiles der Stadt, das Kloster des heiligen Augustinus.

Wenn Sie an die Stelle kommen möchten, wo Mel Gibson die Kreuzigungsszene gefilmt hat und zugleich die schönste Sicht auf die Stadt haben möchten, dann müssen Sie in Richtung Laterza fahren und dem Richtungsweiser „chiese napiestri“ folgen. Von dort gibt es die schönste Sicht auf die Stadt und auf die Schlucht unter ihr.

Wenn aber jemand glauben würde, dass Matera nur ein Stück eines monumentalen Felsens ist, den die Leute dazu nutzten, um auf ihr Tempel aus Stein zu bauen, die durch ihre Lage noch imposanter wären und die Menschen durch ihre Pracht blenden würden, es ist nicht ganz so.

Meine Frau, die sonst immer nicht gerade kleine Probleme beim Einkaufen hat, weil sie sich von keiner Ware wirklich angesprochen fühlt, würde normalerweise alle Geschäfte in der Umgebung sehen wollen, bevor sie sich für einen Einkauf entscheidet. In  Matera kaufte sie Schuhe gleich beim ersten Versuch.

Salento


Salento ist der Absatz des italienischen Schuhs. Schon weil es so weit entfernt ist, wird es weniger besucht, was es gar nicht verdient. Im Unterschied zum Rest Italiens ist das ein flaches Stück des Landes, praktisch ohne Berge, umgeben von herrlichem Meer mit wunderbaren Stränden, mit eigenem Wein Salice Salento oder Salento Primitivo. Lassen Sie sich durch den Namen nicht beirren, der Wein ist nicht primitiv, sondern stark und schmeckt sehr gut. Salento, das sind auch vierspurige Straßen mit wenig Verkehr, umrahmt von blühenden Oleandern, die häufig auch die mittlere Barriere zwischen den Fahrtrichtungen bilden und dem Menschen das Gefühl geben, in einem wunderschönen vielfärbigen Tunnel zu fahren.

Also der Transfer durch die Halbinsel ist stressfrei (natürlich nur solange die Straße nicht umgebaut wird, was häufig passiert). Und Salento, das sind drei wunderschöne Städte, deren Architektur von dem weichen lokalen Marmor profitiert, aus dem herrliche Formen geschnitten werden können und der in der untergehenden Sonne die Farbe des Goldes einnimmt.

Die Städte, das ist das wunderschöne Otranto, das geheimnisvolle Gallipoli und das extravagante Lecce, das ein natürliches Zentrum der Region darstellt – nicht umsonst wurde die Region in der normannischen Zeiten Grafschaft Lecce genannt.

Jede Stadt hat ein eigenes „Castello“, also die Burg. Alle stammen ungefähr aus der gleichen Zeit der Staufen, konkret Friedrichs II., der versuchte, aus seinem Königsreich eine große Festung zu bauen und an die fünfzig Festungen an den Grenze seines Königsreiches errichten ließ. Die Burg in Lecce ließ dann später Kaiser Karl V. umbauen. Mit der Burg in Lecce ist eine pikante Geschichte verbunden, die der Regierungszeit der Staufen unmittelbar vorausging. Der Herzog von Apulien Roger III., der aus der Nebenlinie der normannischen Herrscherfamilie Hauteville stammte, verliebte sich gerade in Lecce in die Tochter des Grafen Accarda von Lecce, deren Name uns nicht erhalten geblieben ist (oder absichtlich entfernt wurde). Ich stieß auf zwei Versionen ihres Namens Bianca oder Beatrix (offensichtlich wurde „B“ bei der Auslöschung ihres Namens vergessen). Das Problem lag darin, dass die Dame die Äbtin eines Klosters war. Das hinderte Roger nicht, mit ihr einige Kinder zu zeugen, darunter auch zwei Söhne. Der ältere erblickte im Jahr 1138 das Licht der Welt und wurde  auf den Namen Tankred getauft. Natürlich war so eine Beziehung in dieser Zeit ein riesengroßer Skandal, der kleine Tankred wurde lieber für die Erziehung an den königlichen Hof nach Palermo geschickt. Er war angeblich von sehr kleiner Gestalt (Petr de Ebulo, der Historiker der staufischen Zeit, nennt ihn „Missgeburt“, aber wer Lobeshymne auf Kaiser Friedrich II gesungen hat, musste logischerweise seinen Opponenten und Vorgänger schmähen – Shakespeare tut doch in Richard III. nichts anderes). Als Tankred 11 Jahre alt war, starb sein Vater und Tankred, obwohl ein Bastard, wurde zum  Graf von Lecce. Nachdem er an einigen misslungenen Versuchen eines Staatstreiches teilgenommen und im Krieg gegen Byzantiner eine Niederlage erlitten hatte, starb im Jahr 1189 der letzte normannische König Wilhelm II. Laut seines Testamentes sollte das Königsreich auf seine Tante Konstanze übergehen, die mit Heinrich, dem Sohn des römischen Kaisers Friedrich Barbarossa, verheiratet war. Tankred bewies in diesem Moment seine Fähigkeiten und sein Charisma. Er schaffte es, die Barone für einen Widerstand gegen die deutschen Einwanderer zu begeistern, die Barone wählten ihn zum König und er wurde mit der Unterstützung des Papstes Klement III. (den plötzlich die Tatsache, dass Tankred ein Sohn einer Braut Christi war, gar nicht störte) in Palermo gekrönt.

Heinrich zog natürlich gleich im Jahr 1191 nach Italien, um seine Erbschaft mit Gewalt zu übernehmen. Letztendlich war seine Gattin und Erbin des Sizilianischen Königsreiches um 10 Jahre älter als er und er hatte sie nicht aus reiner Liebe geheiratet, sondern gerade ihrer Erbschaft wegen, die ihm jetzt strittig gemacht worden war. Tankred verschanzte sich in Neapel und die Belagerung der Stadt endete für die Deutschen in einer Katastrophe. Wie üblich brach im Lager eine Epidemie an Ruhr aus, Heinrich überlebte nur knapp, nach Deutschlad kam sogar eine Nachricht über seinen Tod. Tankred wurde letzter König der normannischen Dynastie, er wusste aber sehr wohl, dass Heinrich, der inzwischen nach dem Tod seines Vaters Kaiser geworden war, nicht aufgeben würde. Das hat sich bewahrheitet. Nachdem der österreichische Herzog Leopold den englischen König Richard Löwenherz gefangen genommen und ihn in Dürnstein in der Wachau eingesperrt hatte, übergab er den kostbaren Gefangenen dem Kaiser, weil er selbst nicht im Stande war, das Lösegeld vom Königsbruder Johann Ohneland zu erpressen. Heinrich schaffte es und mit dem auf dieser Art gewonnenen  Geld stellte er eine neue Armee auf und zog Richtung Süden. Wer weiß, welchen Ausgang die Situation genommen hätte, wäre Tankred nicht plötzlich gestorben. Er versuchte noch seinen Sohn Roger zum neuen König auszurufen, dieser starb aber im Jahr 1993 und bald danach auch Tankred selbst. Heinrich zog in „sein Königsreich“ widerstandlos ein und ließ sich im Jahr 1196 in Palermo zum sizilianischen König krönen. Den jüngeren Sohn Tankreds Wilhelm, der noch ein Kind war, ließ der neue Herrscher nach Burg Alt-Ems in Vorarlberg überführen, wo der Junge geblendet wurde und bald danach starb. Die Politik war also auch damals nicht zimperlich und schreckte nicht einmal vor Kindermord zurück. Es begann eine neue Etappe der italienischen, aber auch der europäischen Geschichte.

Den Besuch der Halbinsel können wir in Otranto beginnen, einer kleinen Ortschaft am Ufer der Adria. Das Städtchen ist wahrlich zauberhaft.  Schon deshalb, weil es von wunderschönen, sauberen Stränden umgeben ist, es ist möglich, sogar direkt in der Stadt im kristallklaren Wasser zu baden. Die mit mächtigen Mauern umkreiste Altstadt ist von der Neustadt durch einen Park getrennt, allerdings ist Otranto auch mit der Neustadt winzig klein – es hat ungefähr 5000 Einwohner. Die Altstadt kann man durch die gigantische Porta Alfonsina betreten, vor ihr gibt es ein Monument „Monumento agli eroi e martiri del 1480“ das an die schrecklichste Episode der Stadtgeschichte erinnert. Im Jahr 1480 wurde die Stadt von Türken eingenommen. Ein Jahr davor schloss nämlich Venedig einen Friedenvertrag mit den Osmanen in Kontantinopel, der den zweiten venezianisch-türkischen Krieg beendete. Somit eröffnete sich für die Türken der Weg über die Adria und sie nutzten ihn. Otranto wurde nicht einmal von seinen mächtigen Mauern gerettet, die Stadt fiel in osmanischen Hände und 800 Einwohner, die sich weigerten, zum Islam überzutreten, wurden inklusiv des Erzbischofs Stefano Pendinelli enthauptet. Die Knochen der Ermordeten finden Sie in der Kapelle der Märtyrer in der Kathedrale. Die Türken verließen die Stad ein Jahr später, es geschah kampflos, weil die Türken andere Sorgen hatten. In Istanbul starb der Sultan Mehmet der Eroberer, es folgte ein Bürgerkrieg zwischen seinen Nachfolgern und die Türken erschienen vor Otranto nie mehr.

Durch enge Gässchen kommt man zur Festung. In dem gesamten Salento wird ein sehr guter Trick angewandt. In allen Festungen, die sich in Otranto, Gallipoli und Lecce befinden, gibt es jedes Jahr Ausstellungen weltberühmter Künstlern, die in die „Castellos“ die Besucher locken sollten. Und sie sind wirklich eines Besuches wert. In Otranto sahen wir eine Ausstellung des Fotografen Steve Mc Curry, in Lecce gab es eine Ausstellung von Andy Warhol. Es ist möglich, ein ermäßigtes Ticket zu kaufen, wenn man mehrere Festungen an einem Tag besucht. Der junge Mann an der Kassa in der Festung in Lecce war zwar einigermaßen überrascht, er telefonierte lange und danach war er so verwirrt, dass er uns kostenlos in die Burg einließ. Vom Dach der Festung gibt es wunderschöne Aussichten, nicht nur auf die Stadt, sondern auch über das Meer nach Albanien. Der Besuch zahlt sich also aus. Eine Kuriosität in der Stadt ist die byzantinische Kirche San Pietro mit einer typischen byzantinischen Architektur und erhaltenen Fresken. Man sollte keinesfalls die Kathedrale von Otranto auslassen. Erstens wegen der skurrilen Kapelle voll mit den Knochen der Märtyrer, aber hauptsächlich wegen des Bodens in der oberen Kathedrale (eine romanische Kirche hat, wie es sich gehört, untere Krypta und obere Basilika) Der Boden der Basilika ist mit einem Mosaik des Baumes des Lebens geschmückt. Der Baum des Lebens stellt die Geschichte dar, mit den biblischen Personen, aber auch mit Gestalten aus der Antik wie Herkules oder die Göttin Diana, auch König Artus oder Alexander der Große fehlen hier nicht. Der Autor hatte also eine historische Übersicht und eine unglaubliche Fantasie. Diese bewies er mit Bildern einer Menge orientalischer Tiere. Der Baum wird von zwei Elefanten getragen – der Autor sah allerdings offensichtlich nie im Leben einen Elefanten. Es ist eine köstliche naive Kunst, das Herz freut sich. Direkt unter den Mauern der Stadt badeten Menschen in einem kristallklaren Wasser, das ihnen nur bis zu Knies reichte, die Stadt ist natürlich voll mit Restaurants und Konditoreien – Gelato darf in einer italienischen Stadt natürlich nicht fehlen, um so weniger ein Espresso um 1 Euro.

Der nächste Halt war Gallipoli.    Der Name stammt aus Griechischem und heißt „Schöne Stadt“. Es durfte den Namen behalten. Gallipoli war die letzte byzantinische Bastion in Italien, als  letzte Stadt leistete sie bis zum Jahr 1085 den  Normannen Widerstand. Natürlich war ihm dabei seine Lage auf einer Insel von Vorteil, bis zur Vernichtung der byzantinischen Flotte belagerten die Normannen die Stadt vergeblich. Nur in der Altstadt, die durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist, macht Gallipoli seinem Namen Ehre.

Die neue Stadt ist sehr hässlich. Das einzige, das dort zu sehen ist, ist eine alte griechische Fontaine gleich am Ufer, gegenüber der Altstadt. Sie sollte eine furchtbare Geschichte von Metamorphose und Inzest erzählen, die Statuen im Relief sind aber so verwittert, dass sie nichts mehr erzählen können. In der Neustadt kann man aber einparken und dort kann man Geld aus Bankomaten beheben. Wir taten es nicht und dann versuchten wir den ganzen Tag Geld in der Altstadt zu beheben. In der gibt es einen, also EINEN Bankomaten. Als wir ihn besuchten, teilte er uns mit, dass er in fünf Minuten in Betrieb gehen würde. Wir kamen in fünf Minuten, er teilte uns mit, dass er den Betrieb in fünf Minuten beginnen würde. Wir haben verstanden, dass er zur Zeit ein italienisches und kein deutsches Verhältnis hatte, wir ließen ihm Zeit und kamen in einer Stunde. Er sagte, dass er gerade bei „up to date“ war und eine neue Version von Windows einspielte. Wir zeigten Verständnis, dass er damit viel Arbeit habe könnte und kamen wieder in einer Stunde. Als er uns wieder mitteilte, dass er in fünf Minuten in Betrieb gehen würde, haben wir endlich verstanden, dass er sich die ganze Zeit über uns lustig gemacht hatte und wir verzichteten auf seine Dienste. Gleich hinter der Brücke, als wir die Altstadt resigniert verließen, zählte ich auf hundert Meter gleich fünf Bankomaten. Die Altstadt selbst ist ein Gewirr schmaler Gassen, in denen man sich keinesfalls auskennen könnte. Man irrt halt durch die Gassen und dann findet man etwas Schönes. Wie die Kathedrale Santa Agata, wo man gerade eine Braut erwartete – es war Samstag. Gleich in der Nähe ist dann eine schön bemalte Apotheke „Farmacia Provenzana“. Das Schönste ist natürlich ein Spaziergang auf den Stadtmauern, aber bitte aufpassen, wohin Sie treten. Bei mir endete die Geschichte beinahe tragisch, als ich auf menschliche Schei.. trat, die  unter einem Plastikteller versteckt war. Natürlich war ich von der Schönheit der Stadt begeistert – dass passiert mir häufig – und ich filmte und fotografierte ohne unter die Füße zu schauen. Nur mit größter Mühe verhinderte ich das Schlimmste, also einen Sturz ins Braune, meine Frau war außer sich vom Lachen genauso wie die herum bummelnden Italiener. Es blieb mir nichts anders übrig, als den Schuh zu waschen.  Dazu gibt es in Gallipoli eine hervorragende Gelegenheit. Der Stadtstrand ist nämlich direkt unter den Stadtmauern. Man muss nur von den Stadtmauern auf einer breiten Treppe hinuntergehen und ist dort. Niemanden interessierte, warum ich meinen Schuh im Meerwasser wusch, die Italiener badeten weiter ungestört in dem (vermeintlich) sauberen Wasser. In den Straßen von Gallipoli kann man überall Pfefferoni unter dem Namen „Viagra Salentino“ kaufen. Also, sollten Sie Lust und Bedarf haben…

Das Zentrum von Salento ist Lecce. Die Stadt ist mit über 90 000 Einwohnern die größte in der Region. Das Zentrum ist übersichtlich, es hat zwei wichtige Plätze Piazza Sant´Oronzo und Piazza del Duomo und diese sind mit dem Corso Vittorio Emanuelle, der für shoppingwillige Besucher sehr viele Gelegenheiten in den Luxusgeschäften bietet, verbunden. Nur ein paar Schritte von der „Piazza Sant´Oronzo“ entfernt gibt es eine Kirche, die man einfach sehen muss. An der Fassade der Kirche Santa Croce tobten sich die Steinmetze unter der Führung des Architekten Giuseppe Zimbalo wirklich aus. Es ist ein Barock hoch zwei. Mit verflochtenen Steinfiguren aus dem weichen Marmor von Salento, Schafe, Cherubinen, Ungeheuern, alles was man nur will oder eher nicht will. An die Kirche lehnt sich das heutige Rathaus, ein ehemaliges Kloster der Celestinen, an, auch ein Werk von Giuseppe Zimbalo. Heute würde man ihn des übermäßiges Konsums von Haschisch oder LSD verdächtigen, wie sich Zimbalo zu seinen Fantasien im siebzehnten Jahrhundert durchgearbeitet hatte, kann ich gar nicht ahnen.

Auf der Piazza Sant´Oronzo in der Nähe von Castello Svevo (hier war die Ausstellung von Andy Warhol, aber es gibt jedes Jahr eine interessante Ausstellung, deshalb sollte man die Burg unbedingt besuchen) wurde ein altes römisches Amphitheater entdeckt. Er ist aus dem zweiten Jahrhundert und wurde unter dem Niveau des Platzes so rekonstruiert, dass man hier auch heute spielen kann. Seine Kapazität beträgt 15 000 Sitze. Der Platz wird von der Statue des heiligen Oronzio dominiert. Er ist der Patron der Stadt, er wurde hier bei der ersten Christenverfolgung im Jahr 68 getötet. Die Statue ist ein Geschenk der Republik Venedig und steht auf einer Säule, die Venezianer in Brindisi entwendeten. Dort – am Ende der Via Appia – standen zwei Säulen. Heute steht dort nur mehr eine (und ein Rudiment), die zweite ist in Lecce und auf ihr steht der Ortspatron, der die Stadt laut einer Legende vor einer Pestepidemie retten sollte. Mit diesem venezianischen Geschenk hängt auch die nahe Loggia aus dem Jahr 1592 und die Kapelle des heiligen Markus zusammen.

Auf dem Corso Vittorio Emmanuelle erreicht man die „Piazza del Duomo“. Was hier überrascht, ist die Tatsache, dass der Dom gleich zwei Fassaden hat, eine in der Front und eine auf der Seite. Es war einfach viel zu viel Marmor in der Gegend und die Architekten – in diesem Fall wieder einmal Giuseppe Zimbalo – hatten viel zu viel Fantasie um nur mit einer Fassade auszukommen. Der Steinschmuck der Fassaden gab sogar dem örtlichen Stil einen Namen – Barock von Lecce – man kann es sonst nirgends sehen- es ist die Folge des verwendeten leicht bearbeitbaren Materials.

In der Kirche Santa Chiara auf dem Corso werden Sie staunen – nicht aber fotografieren, das ist dort verboten. Die Säulen in der Kirche drehen sich in Form von Spiralen und sind reichlich mit Plastiken geschmückt. Ich habe noch nie etwas Ähnliches gesehen und ich bin wahrscheinlich nicht allein. Es gibt Unmenge Kirchen in Lecce – einfach Barock und damit eine Machtdemonstration der Kirche. Die einzige mittelalterliche Kirche ist Santi Nicolo e Cataldo hinter der Porta di Napoli, gestiftet von dem bereits erwähnten Tankred, dem Grafen von Lecce und letzten normannischen König von Sizilien, der trotz seiner kleinen Gestalt tapfer für die Rechte seiner Familie kämpfte.

Wer Lust auf eine wirklich skurrile Geschichte hat, muss aber nach Galatina, knappe zwanzig Kilometer von Lecce entfernt, fahren und dort die Franziskanerkirche Santa Caterina d´Alessandria besuchen. Hier wird eine heilige Reliquie aufbewahrt – nämlich ein Finger der heiligen Katharina von Sinai. Der Herr von Galatina Raimondello Orsini erwarb diese Reliquie auf eine sehr ungewöhnliche Art. Er besuchte auf seiner Pilgerreise das Kloster der heiligen Katharina auf dem Berg Sinai und als er der Heiligen die Hand küsste, biss er ihr einen Finger ab. Er behielt den Finger im Mund und so schmuggelte er ihn aus dem Kloster. Er brachte ihn nach Galatina und zur Belohnung durfte er nach seinem Tod in der gleichen Kirche bestattet werden.

Mit dieser furchterregenden Geschichte könnten wir unseren Besuch in Salento beenden. Ach so, vielleicht nur noch – wo kann man nach dem anstrengenden Tag in Salento gut essen? In Lecce besuchten wir die „Trattoria Arcu de Pratu“ auf einer kleinen Piazza (eher Piazzeta) umgeben mit Loggien und mit einer Steinbogendurchfahrt, die der Trattoria ihren Namen gab. Der Kellner sprach sehr gut deutsch, Vorspeise (Meeresfrüchte), gegrilltes Gemüse sowie auch das Hauptgericht (Schweinefleisch auf Pistazien) schmeckten einfach  wunderbar.

Bari


Wollen Sie nach Bari fahren? Und Sie wollen es mit Ihrem eigenen Auto tun? Warum nicht, trotzdem versuche ich Sie mit zwei Geschichten zu warnen, die mir zu Ohren kamen und das nämlich unmittelbar durch meine guten Bekannten. Also nicht irgendwie aus dritter oder vierter Hand.

Unser Nachbar brach zu Überreise nach Apulien auf und weil er sich bereits müde fühlte, entschied er sich, in Bari eine Pause einzulegen. Er parkte sein Auto auf einer frequentierten Straße nahe der Polizeistation und glaubte, es wäre hier in Sicherheit. Weil er Angst hatte, dass er am Strand einschlafen und dabei bestohlen werden könnte, ließ er sein Geld sowie auch seine Dokumente im Auto. Als er nach einer Stunde zum Auto zurückkam, war ein Fenster zerbrochen und Dokumente sowie auch das gesamte Geld fehlten. Für den Anfang des Urlaubes sicherlich kein aufmunterndes Erlebnis.

Die andere Geschichte liegt schon länger zurück.

Mein Kollege absolvierte seine Ausbildung zum  Facharzt für Physiotherapie in München (damals gab es die Ausbildung zu diesem Fach in Österreich noch nicht) und sein Kollege, ein Deutscher, lud ihn zu einem gemeinsamen Ausflug nach Italien ein. Sie reisten also gemeinsam, der Deutsche liebte große Autos und fuhr in einem kleinen Mikrobuss mit 7 Sitzen auf Urlaub. Sie kamen nach Bari, parkten auf einem „überwachten“ Parkplatz und am nächsten Morgen war das Auto weg. Der aufgeregte Deutsche ging zu Polizeistation um den Diebstahl zu melden. Der Polizist zeigte zwar Mitleid, äußerte aber keine Hoffnung, ihm helfen zu können.

„Wissen Sie, es verging die ganze Nacht! Wer weiß, wo das Auto zum jetzigen Zeitpunkt bereits ist? Möglicherweise auf Sizilien oder auf einer Fähre nach Afrika. Natürlich nehmen wir mit Ihnen ein Protokoll auf, aber große Hoffnung, dass wir das Auto finden könnten, dürfen Sie sich nicht machen.“

„Mein Gott, wie komme ich nach Hause?“ begann der deutsche Arzt zu jammern. „Ich habe fünf Kinder mit, wie soll ich mit ihnen in einem Zug nach München fahren?“

Der Polizist wurde aufmerksam. „Che Cosa? Cinque Bambini?“ (Was? Fünf Kinder?) Er griff zum  Telefon. Es folgte ein längeres, sehr aufgeregtes Gespräch auf Italienisch. Eine Stunde später stand das Auto vor dem Hotel. Nur am Rande merke ich an, dass der deutsche Kollege kinderlos war.

Also, Bari ist nicht wirklich eine sichere Stadt. In der Kriminalität ist sie dauernd unter den fünf problematischsten Städten Italiens mit höchster Kriminalität. Deshalb haben wir die Stadt mit Zug dem besucht.  Nachdem wir am Bahnhof von Ostuni ein italienisches Frühstück (Cafe con Cornetto) eigenommen hatten, stiegen wir in den Morgenzug. Natürlich wussten wir nicht, dass man in Italien durch den Kauf eines Tickets noch lange nicht gewonnen hat, das Ticket ist nämlich nur nach einer Abwertung im Automaten auf dem Bahnsteig gültig. Der liebe Gott meinte es aber gut mit uns.. Auf der Reise nach Bari kontrollierte uns niemand und ich schaute mir unterwegs die Tickets genau an und es war für mich auffällig, dass sie drei Monate gültig waren. Etwas hat also nicht gestimmt und deshalb habe ich auf die anderen Reisenden aufgepasst. Ich bemerkte, dass sie die Fahrkarten auf dem Bahnsteig  in irgendwelche Geräte steckten.  Also machten wir das bei unserer Rückreise ihnen nach. Wir hatten Glück, diesmal ist nämlich der Schaffner gekommen. Unsere Kontrolle verlief stressfrei, einige Sitzplätze weiter hatte aber ein Passant Pech, letztendlich führten ihn Carabinieri in der nächsten Haltestelle aus dem Zug. Also aufpassen! Außerdem kommen Züge nach Bari selbstverständlich mit Verspätung und nicht unbedingt auf dem Bahnsteig, wie es im Fahrplan angegeben war. Also muss man ständig auf der Hut und up-to date sein. Wie es meine Frau ohnehin immer von mir verlangt – flexibel. Bari ist nämlich echtes Süditalien mit seinem typischen Chaos und Charme.

Die Bürger von Bari hatten nie Probleme damit, sich auf ungesetzliche Weise zu bereichern. So kamen sie übrigens zu ihrem größten Schatz, zu den Knochen des heiligen Nikolaus. Dieser Heilige lebte in den Jahren 270 – 326 in Anatolien. Auf seinen Todestag am 6.Dezember freuen sich bis heute alle Kinder.  An diesem Tag bekommen sie Geschenke, weil es der heilige Nikolaus auch lebenslag getan hat. Die Matrosen aus Bari stahlen seinen Leichnam im Jahr 1087 in der Stadt Myra, in der heutigen Türkei gelegen. Anatolien war seit dem Jahr 1071, als die Byzantiner eine vernichtende Niederlage in der Schlacht bei Manzikert von den Seldschuken erlitten hatten, unter türkischer Herrschaft. Die Türken riefen in Anatolien das Sultanat Rum aus. Außerdem verstanden sich die damaligen Herren von Bari, die Normannen, mit dem byzantinischem Kaiser Alexios überhaupt nicht. Der normannische Herzog Robert Guiscard führte mit Alexios in den Jahren 1081 – 1085 einen Krieg, der kein geringeres Ziel hatte, als den byzantinischen Kaiser vom Thron von Konstantinopel zu stürzen und diesen Thron selbst zu erobern. Nach dem Tod von Robert Guiscard endete zwar der Krieg, aber die Rettung der körperlichen Überreste eines Heiligen aus den Händen der Moslems aus dem byzantinischen Gebiet war natürlich trotzdem eine gottgefällige Tat.

So oder so, der heilige Nikolaus machte aus Bari eine Pilgerstätte, besonders für Russen, für die der Heilige der Nationalpatron ist. Auf dem Platz vor seiner Kirche gleich neben seiner Statue gibt es eine Gedenktafel aus Bronze, die daran erinnert, dass diese Stelle auch Vladimir der Große, mit dem bürgerlichen Namen Putin, besuchte. Der heilige Nikolaus wird in Bari am 8.Mai gefeiert (am Tag, an dem die Matrosen von  Bari mit den Knochen des Heiligen im Hafen von Bari anlegten). Wie der Zufall es so will, gerade am diesen Tag feiert Russland den Sieg über das nazistische Deutschland. Die Popularität des Heiligen hat durch diesen Zufall sicherlich nicht gelitten. Die Kathedrale des heiligen Nikolaus ist einfach gigantisch und bei dem Blick auf sie stockt der Atem.

Es ist das wundervollste Beispiel des normannischen Stils aus weißem Marmor, der Bau wurde im Jahr 1089 begonnen und erlebte gleich zwei Weihen, die erste im Jahr 1098, als die untere Krypta vom Papst Urban II. geweiht worden ist, die Kirche selbst musste sich bis zum  Jahr 1196 gedulden. Die Kirche gehört zwar dem Orden der Dominikaner, in der Krypta allerdings, wo die Knochen des Heiligen aufbewahrt sind, gibt es auch eine orthodoxe Kapelle, in der die Pilger aus Russland beten und beichten dürfen.

In der Nähe der Kirche gibt es auch ein Museum des heiligen Nikolaus, um diesen Heiligen dreht sich in Bari einfach alles, er ist es, der die Pilgerströme und damit auch das liebe Geld nach Bari zieht. In der Kathedrale befindet sich ein wunderschönes Ziborium aus dem 12.Jahrhundert und in der Apsis hinter dem Hauptaltar ein monumentales Grabmal der Herzogin Bona Sforza, der Gattin des polnischen Königs Sigismund I., der letzten mailändischen Herrscherin von Bari. Ihren Einfluss konnte ich sogar in dem entfernten Vilnjus in Litauen sehen, wo sie sich ein Schloss im Stil der italienischen Renaissance bauen ließ. Nach dem Tod ihres Mannes, des polnischen Königs, kehrte sie nach Bari zurück und wurde auf Befehl des spanischen Königs Filip (der auch der König von Neapel war und dem die mailändische Enklave mitte in seinem Königsreich wahnsinnig auf die Nerven ging) vergiftet – Bari wurde zum Teil des Königsreichs von Neapel

Das Problem war, dass die Bürger von Bari in der Zeit, als sie den Heiligen Nikolaus in Türkei stahlen, bereits einen Stadtheiligen hatten, und zwar den heiligen Sabinus. Bari hatte nämlich bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. In den römischen Zeiten lebte Bari im Schatten seines mächtigen Nachbarn – Brindisium/Brindisi. Kaiser Traianus ließ endlich zumindest die „Via Traiana“ bauen, die Bari ans Netz der römischen Hauptstraßen anschloss – die Reste dieser Straße kann man im Untergeschoß der Stadtkathedrale sehen. Nach dem Fall des Römischen Reiches und einem kurzen ostgotischen Intermezzo wurde Bari  byzantinisch. Die Byzantiner konnten aber die Stadt nicht gegen die Araber  verteidigen und so wurde die Stadt mit der unmittelbaren Umgebung in den Jahren 847 – 871 bis zur Rückeroberung von den Byzantinern zu einem arabischen Emirat. Nach dem Jahr 876 erlebte die Stadt ihre berühmteste Epoche, sie wurde zur Hauptstadt des byzantinischen Verwalters (Katapans) für das gesamte Süditalien. Im Jahr 1071 nahm nach dreijähriger Belagerung der normannische Herzog Robert Guiscard die Stadt ein und in der Zeit der Kreuzzüge erlebte die Stadt ihre zweite wirtschaftliche Blüte. Im Jahr 1464 fiel die Stadt in die Hände der Sforzas aus Mailand, bis sie im Jahr 1558 dem Königsreich Neapel angeschlossen wurde und dort bis zu Vereinigung Italiens blieb.

Der heilige Sabinus war ein Bischof in Canusium (heute Canossa di Puglia bei Bari) in den Jahren 514 – 566. Er war nicht ganz bedeutungslos (er war ein Freund des heiligen Benedikt und als Vertreter des Papstes Agapitus reiste er sogar nach Konstantinopel), dem heiligen Nikolaus konnte er trotzdem nicht das Wasser reichen. Die Bürger von Bari lösten das Problem auf die salomonische Art, sie erklärten beide Heiligen für gleichwertig und seitdem haben sie zwei Stadtpatrone.

Die Stadtkathedrale ist also dem heiligen Sabinus geweiht. Im Gegenteil zum heiligen Nikolaus steht sie aber inmitten der dicht gebauten Häuser der Stadt mit nur einem kleinen Plätzchen vor dem Eingang – ein Photo von der Kathedrale zu machen ist beinahe unmöglich. Es ist ein chaotisches Gebäude mit Unmengen an Zubauten, ein Turm stürzte im Jahr 1613 ein und wurde nie wieder aufgebaut – warum auch, wenn die Bürger von Bari bereits den heiligen Nikolaus hatten? In der Kathedrale ist es möglich, ein Ticket für den Untergeschoß zu kaufen, hier gibt es Mosaike der byzantinischen Kirche, die hier bis zum Jahr 1156 stand, bis sie von den neuen Herrschern – Normannen – niedergerissen wurde. Noch tiefer unten kann man dann die Überreste der römischen Vergangenheit der Stadt sehen – die bereits erwähnte Straße Via Traiana. Interessant ist, dass die Säulen vor dem Eingang der Kirche nicht von Löwen – wie sonst so gut wie überall in Italien – sondern von Stieren getragen werden. Fragen Sie mich, bitte, nicht, warum. Sehr schön ist der Thron des Bischofs Elias aus weißem Marmor.

 

Nur ein paar Schritte von der Kathedrale entfernt gibt es eine Erinnerung an die glorreichen Zeiten, die Bari unter der Herrschaft Friedrichs II. von Hohenstaufen im dreizehnten Jahrhundert erlebt hat. Eine monumentale Festung „Castello Svevo“ erinnert schon mit ihrem Namen an die Herrschaft der schwäbischen Dynastie. Das heutige Aussehen ist aber etwas neuer – im sechzehnten Jahrhundert gaben die Könige von Neapel (genauer gesagt, die Königin Isabela von Aragon) der Festung das heutige repräsentative Aussehen. Im Castello gibt es eine schöne Ausstellung der architektonischen Relikten aus der Zeiten Friedrichs II – Statuen und Reliefs. Man kann sehen, wie sich gerade in dieser Zeit die Wahrnehmung der bildenden Kunst von mittelalterlichen religiösen Vorbildern zu der neuen, die sich auf antike Vorbilder stützte, änderte. In der Festung hatten gerade Studentinnen der Universität Aldo Moro in Bari ein Praktikum. Sie boten Touristen kostenlose Führung zu den ausgestellten Exponaten an. Ich nutzte die Gelegenheit und erklärte einer der jungen Damen, was dort eigentlich zu sehen war. Sie war begeistert und noch bevor wir den Raum verließen, rief sie alle ihre Freundinnen zusammen, um mit ihnen ihre neuen Kenntnisse zu teilen.

Aldo Moro war ein Landsmann aus Apulien, der auf der Universität in Bari Strafrecht unterrichtete und er war in den Jahren 1963 – 1968 und dann noch einmal 1974  -1976  Premierminister von Italien. Einen traurigen Ruhm brachte ihm seine Entführung durch die terroristische Organisation „Rote Brigaden“ im Jahr 1978, ein. Nach 55 Tagen der Entführung wurde er tot, ermordet durch acht Schüsse, im Kofferraum eines roten Renaults gefunden. Seine Mörder wurden ausgeforscht und 17 Mitglieder der Roten Brigaden wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Nach Aldo Moro trägt die Universität in Bari ihren Namen. Unterwegs von Bahnhof zu Altstadt geht man an ihr vorbei. Einfach nur an der schönen Fontaine vorbei und dann immer nur geradeaus.

Die Neustadt ist nämlich ein Netz aus geraden Straßen mit einer Menge an Geschäften, absolut ideal für Shopping, wenn einem genug Zeit dafür bleiben würde – besonders die Straße Via Sparano de Bari. Von der Altstadt ist die Neustadt mit einer breiten Straße Corso Vittorio Emanuelle mit zahlreichen Palmen getrennt – und dann erwartet Sie schon die „Citta Vecchia“ mit ihren engen, kurvigen Gässchen und dem Geruch des nicht wirklich entsorgten Mühls. Wir sind doch in Süditalien. Hier ist der Platz „Piazza Mercantile“ mit dem Gebäude „Sedile dei Nobili“ sehenswert, in dem im Mittelalter der „Rat der Hochgeborenen“, also der damalige Stadtrat tagte und ebenso sehenswert ist eine Säule, die als ein Pranger diente.

An der Grenze zwischen alter und neuer Stadt gibt es ein Lokal „Vini e cuccina“. Ein echtes italienisches Restaurant mit lokalem Kolorit.  Der Besitzer kümmert sich um die Bestellung und in der Zwischenzeit liest er die Zeitung, seine Söhne schuften in der Küche und servieren. Weil ich es mag, lokale Spezialitäten auszuprobieren, bat ich den Boss um ein typisches Gericht von Bari. Er musterte mich mit forschendem Blick, nickte und sagte „Tipico Bari“. Dann bediente er die Gäste und erklärte jedem, was er zum Essen bekommen hatte. Als er den Teller zu mir brachte, sagte er mit einer wichtigen Stimme: „Tipico Bari“ und legte den Teller mit seiner Schöpfung auf den Tisch vor mir. Es war ein einfaches Essen, Muscheln mit Kartoffeln und Reis, es schmeckte aber wunderbar. Es ist mir noch immer nicht ganz klar, wie es die Italiener machen, dass sie auch aus einem einfachsten Gericht etwas Hervorragendes kreieren.

Bari ist durch die Produktion von Teigwaren bekannt. Bei einem Spaziergang durch die Stadt kann man auf mehreren Plätzen Frauen sehen, die eigenhändig frische Teigwaren unterschiedlichster Formen erzeugen, besonders die für die Region typische „Orechieti“. Wer Lust hat, kann gleich eine Portion kaufen.

Bari hat etwas an sich. Schmale Gassen (natürlich, wie schon gesagt, mit nicht gerade sorgfältig beseitigten Abfällen, aber das gehört auch zum südlichen Kolorit),kleine Kirchen, Souvenirgeschäfte und eine monumentale Stadtmauer um den Hafen, an denen wir eine unglaublich süße Melone lokaler Herkunft aßen. Nur auf die Geldbörse sollte der Tourist aufpassen. Und keinesfalls auf der offenen Straße parken. Unter diesen Umständen kann man den südlichen Charme der Stadt auskosten.