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Wiesbaden

               In keiner deutschen Stadt war ich so häufig wie in Wiesbaden. Ich weiß eigentlich nicht einmal, wie oft es war, bestimmt mindestens siebenmal – über keine deutsche Stadt, die ich besucht habe, habe ich so wenig gewusst, wie über Wiesbaden.

               Der Grund dieses Widerspruchs ist der Kongress der deutschen Internisten, der in dieser Stadt alljährlich seit dem Jahr 1882 stattfindet, heuer also im Jahr 2021 bereits das 127. Mal. (Es gab offensichtlich auch Pausen, die durch Kriege und die unmittelbare Nachkriegszeit verursacht wurden). Meine Besuche in Wiesbaden beschränkten sich also meistens auf den Weg zwischen dem Hotel und der Kongresshalle. Die prächtige „Rhein-Main Hallen“ auf der Wilhelmstraße wurde in den letzten Jahren großzügig zu einem riesigen Gebäudekomplex aus Marmor und Glas umgebaut, damit deutsche Internisten (aber nicht nur sie) in würdigen Räumen tagen könnten. 

Wiesbaden Kongresshalle

Der Kongress wurde in Jahren des Umbaus nach Mannheim verlegt, was einen ziemlich großen Unwillen der Teilnehmer zur Folge hatte. Die deutschen Internisten dürfen sich nämlich in keinem anderen Ort als in Wiesbaden zu ihrem Kongress treffen, das wurde bereits bei der Gründung der Deutschen internistischen Gesellschaft in den Gründungbestimmungen festgeschrieben. Das sollte eine Vorbeugungsmaßnahme gegen den Berliner Zentralismus im neu entstandenen Deutschen Kaiserreich sein. Es war eine ein bisschen scheinheilige Entscheidung. Wiesbaden war eigentlich die zweite Hauptstadt Deutschlands, der kaiserliche Hof verbrachte die Sommersaison jedes Jahr in dieser Kurstadt, ähnlich wie der österreichische Kaiser in Bad Ischl.

               Der Grund des regelmäßigen Aufenthaltes der kaiserlichen Familie in Wiesbaden waren dortige Thermalquellen – an siebenundzwanzig Plätzen drängt hier das Wasser mit einer Temperatur 49 Grad Celsius an die Erdoberfläche und diese Quellen brachten Wiesbaden, wie dieser Ort bereits in der Zeit Karls des Großen genannt wurde (Wisibada), seinen Ruhm. Übrigens bereits für die Römer, die auf dem westlichen Rheinufer in Mogontiacum (heutigem Mainz) residiert haben, wurden diese Quellen zu so einer Versuchung, dass sie den Fluss überquerten und hier eine Siedlung namens „Aquae Mattiacorum“ gründeten. Gerade hier und aus diesem Grund begannen sie ihren „Limes romanum“ zu bauen, der die Flüsse Rhein und Donau verband und von Germanien eine Provinz namens „Argi decumatis“ abspaltete. Die Römer hielten sich hier bis zu den Jahren 260 – 270, bis sie von den Germanen doch gezwungen wurden, sich hinter den Schutz der europäischen Hauptströme zurückzuziehen und auf das warme Bad in schwefelhaltigen Thermen in Wiesbaden zu verzichten.

               Der wahre Ruhm von Wiesbaden begann aber nach dem Jahr 1816, als es zu Hauptstadt des vom Wiener Kongress neu gebildeten Großherzogtums Hessen wurde. Aus diesem Grund findet man hier keine Gebäude aus den Zeiten der Gotik oder der Renaissance. Es ist eine Kurstadt mit allem was dazu gehört, in erster Linie dann mit Luxus, den es gern zu Schau stellt.

               Die Altstadt ist bescheiden und bildet ein Fünfeck am Fuß des Gebirges Taunus. An ihrem oberen Ende kann man die Reste der römischen Vergangenheit in Form der so genannten „Heidenmauer“ sehen, in die in der modernen Zeit ein „Römertor“ für den Straßenverkehr geschlagen wurde. Um die Mauer sind römische Artefakte platziert, besonders damalige Grabsteine.

Heidenmauer

               Das Stadtzentrum bildet der Schlossplatz, der von drei Gebäuden dominiert wird und mehr oder weniger mit dem etwas größeren Marktplatz verbunden ist. Auf dem Marktplatz finden Märkte statt und es gibt hier ein elegantes Restaurant namens „Lumen“. Hier ein Bierchen zu trinken ist dank der Aussicht auf den Marktplatz angenehm, bezüglich Essen ist Lumen nicht unbedingt meine erste Wahl – aus dem immer wieder wiederkehrenden Grund. Die Bürger von Wiesbaden gehörten zur Reformierten Kirche, also zum Calvinismus.

               Aber zurück zum Schlossplatz mit seinen drei Gebäuden. Die Dominante der Stadt ist die „Marktkirche“, also die örtliche Kathedrale, deren schlanke rote Türme hoch in den Himmel emporragen und alle anderen Gebäude in der Stadt übertreffen.

In ihrem Inneren ist die Kathedrale nur sehr bescheiden geschmückt, freilich aus dem Grund, dass die Grafen von Nassau, aus denen dann später die Herzöge von Hessen wurden, dem calvinistischen Glauben anhörten. Vor der Kirche steht die Statue des berühmtesten Mitglieds der Nassauer Familie Wilhelm von Oranien, genannt „Schweiger“.

               Wilhelm, geboren im Jahr 1533 in Dillenburg, der damaligen Hauptstadt der Grafschaft Nassau-Dillenburg, sollte zum „Pater patriae“ der heutigen Niederlande werden. Das konnte er bei seiner Geburt nicht einmal ahnen. Als er allerdings elf Jahre alt war, machte ihn sein Onkel, der Herzog von Oranien, zum Universalerben seiner riesigen Besitzungen im heutigen Holland, damals waren es die habsburgischen Niederlande. Wilhelm wuchs am kaiserlichen Hof Karls V. auf und verstand sich mit dem toleranten Kaiser sehr gut – er war in dieser Zeit selbst noch ein Katholik. Nur die Schreckherrschaft Phillips II. und seiner rechten Hand, des Herzogs von Alba, rückte ihn immer mehr an die Seite der niederländischen Rebellen, die sich im Jahr 1566 gegen die spanische Unterdrückung erhoben haben. Wilhelm selbst trat unter dem Einfluss seiner zweiten Gattin Anna von Sachsen zur lutherischen Lehre über, später entschied er sich aber für die reformierte Kirche – seine zwei weiteren Gattinnen waren Hugenottinnen. Er selbst fühlte sich in erster Linie als Christ und die Konfessionen konnten ihm gestohlen bleiben. Er wollte nur seine Untertannen vor der brutalen Unterdrückung von Seite des fanatischen spanischen Königs schützen. Seine Freunde wurden vom Herzog von Alba heimtückisch gefangengenommen und hingerichtet, drei seine Brüder starben in Schlachten gegen spanische Heere. In damaliger Zeit war es nicht einfach „nur ein Christ“ zu sein, es wurde ein religiöser Fanatismus verlangt, gegen den Wilhelm schweigend – wie es sein Brauch war – Widerstand leistete. Die Aufständische riefen im Jahr 1581 in den sieben nördlichen niederländischen Provinzen eine Republik aus und wählten Wilhelm zum Landverweser. Philipp schrieb Kopfgeld für seinen Tod aus. Wilhelm überlebte das erste Attentat im Jahr 1582 mit Glück „nur“ schwer verletzt, seine dritte Gattin Charlotte von Bourbon-Montpesier kümmerte sich um ihn so selbstlos, dass sie selbst von Erschöpfung starb. Das zweite Attentat, das ein katholischer Fanatiker Balthasar Gérard durchführte, kostete Wilhelm das Leben. Den Willen der Holländer, ihre Freiheit zu verteidigen, konnte sein Tod aber nicht brechen, nach achtzig Jahren Krieg gewannen sie im Westphälischen Frieden im Jahr 1648 ihre Unabhängigkeit.

               Mit der Marktkirche ist noch eine Legende verbunden, die ich bei meinem ersten Besuch in Wiesbaden hörte, allerdings konnte ich später nie mehr den Namen der Person erforschen, mit der diese Legende verbunden war. Im Jahr 1866 wurde Hessen von Preußen eingenommen und wurde zum Mitglied des Norddeutschen Bundes. Damals war in der Marktkirche ein Pfarer tätig, der mit flammenden Reden gegen die preußische Okkupation kämpfte (Die Preußen waren im Gegensatz zu calvinistischen Einheimischen Lutheraner) und verteidigte die Unabhängigkeit von Hessen. Dann kam eine Vorladung nach Berlin. In der Überzeugung, dass er eingekerkert oder sogar hingerichtet werde, verabschiedete er sich von seinen Gläubigen und fuhr in der Erwartung eines Märtyrertodes nach Berlin. Dort wurde er von Kaiser Wilhelm I. empfangen und mit einer Medaille für Mut und Patriotismus geehrt. Verwirrt kehrte er nach Wiesbaden zurück, seinen Reden hörte niemand mehr zu. Der Widerstand in Wiesbaden wurde durch diese eine Medaille gebrochen. Kaiser Wilhelm war einfach ein listiger Fuchs. Er wärmte nämlich sehr gern seine alten Knochen in den Thermen von Wiesbaden, er brauchte also die Ruhe und die Liebe seiner neuen Untertanen.

               Das zweite imposante Gebäude auf dem Platz ist das Gebäude des neuen Rathauses, gebaut am Ende des neunzehnten Jahrhunderts im Neobarockstil. Im Rathaus befindet sich im Keller ein Restaurant „Ratskeller“, wo sich die Mönche aus dem bayerischen Kloster Achdechs eingenistet haben. Also natürlich nicht alle, sie öffneten hier ein Restaurant mit einer echten bayerischen Küche. Also für einen Calvinisten sicherlich eine Sünde, für einen Touristen ist der Besuch hier aber einer Sünde wert. Wie ich bereits mehrmals erwähnt habe, waren die Nassauer Calvinisten und wenn man die Möglichkeit hat, sollte man örtliche Spezialitäten lieber meiden. In Wiesbaden gibt es mehr als genug solche Möglichkeiten. Außer des bayerischen Gasthauses gibt es hier eine Menge italienische Restaurants, sogar das populäre Vappiano. In Wiesbaden kann man also trotz seiner calvinischen Vergangenheit sehr gut essen. Oder wenn man im interessanten Ambiente essen möchtet, bietet sich das Restaurant „Jagdschloss Platte“ im Gebirge Taunus in der Nähe der Stadt an.

Das ehemalige Jagdschloss der Herzöge von Nasau (gebaut von Herzog Wilhelm in den Jahren 1823 – 1826) wurde im zweiten Weltkrieg bis auf die Grundmauern zerstört. Eine Stiftung hat es bis zum Jahr 2007 restauriert, wobei aber die historischen mit modernen architektonischen Komponenten kombiniert wurden – der Ergebnis ist interessant und besuchswert.

               Das dritte Gebäude auf dem Schlossplatz ist das ziemlich unauffällige „Stadtschloss“. Es ist die ehemalige Residenz, die in den Jahren 1837 – 1841 Nassauer Herzöge bauen ließen und wo heutzutage der hessische Landtag seinen Sitz hat.

               Wiesbaden ist die Hauptstadt des Bundeslandes Hessen, obwohl es in diesem Land nicht die größte Stadt ist – das ist Frankfurt. (Frankfurt war nämlich nach dem Wiener Kongress eine freie Reichstadt und gehörte nicht zu Hessen). Wiesbaden ist eindeutig die reichste Stadt im Bundesland, nicht umsonst wird gesagt, dass das Geld, das man in Frankfurt verdient, in Wiesbaden ausgibt. Hunderte Luxusvillen in der Richtung vom Stadtzentrum in die Peripherie der Stadt, besonders im Stadtviertel Neroberg, legen von diesem Reichtum Zeugnis ab.

               Am südlichen Stadtrand gibt es die auffällige St. Bonifatius Kirche. Es handelt sich um eine katholische Kirche, was hier ein Kuriosum ist. Katholische Gottesdienste waren in der Nassauer Grafschaft streng verboten, die Grafen von Nassau waren ständig mit dem mächtigen Gegner konfrontiert – mit dem Erzbischof von Mainz, der sie über den Fluss anstarrte und große Landesteile sogar auf dem rechten Rheinufer in ihrer direkten Nachbarschaft besaß. Es dauerte bis zum Jahr 1787, als der tolerante Fürst Karl Wilhelm katholische Gottesdienste erlaubte, vorerst nur im privaten Bereich. Im Jahr 1820 durften die Katholiken endlich ein Grundstück auf dem Luisenplatz kaufen und hier eine Kirche im neogotischen Stil bauen, die ihren Namen nach dem Heiligen aus dem benachbarten Mainz, dem ersten dortigen Bischof, dem heiligen Bonifatius, bekam.

Luisenplatz

               Der Luisenplatz, der seinen Namen der Gattin des ersten Großherzogs von Hessen Wilhelm von Nassau verdankt, ist ein großes Rechteck. In seinem Zentrum steht ein Obelisk zu Ehre der gefallenen Soldaten, die in der Armee des Generals Wellington bei Waterloo kämpften und zur Napoleons Niederlage beitrugen. Das Zweite Denkmal mit einem auf den Hinterbeinen stehenden Pferd, das einen Besucher sogar mehr anzieht, ist neuer und ist dem Artillerieregiment Oranien aus dem ersten Weltkrieg gewidmet. Auf dem Luisenplatz vor der St. Bonifatius Kirche ist der Hauptverkehrsknoten – hier halten beinahe alle Buslinien, also wenn man irgendwohin in Wiesbaden mit dem Bus hinfahren möchte und nicht weiß, wo man einsteigen sollte, ist der Luisenplatz ein guter Tipp. Übrigens, unter dem Luisenplatz gibt es eine große Tiefgarage, also für die, die in die Stadt mit dem Auto kommen, ist es hier der beste Ausgangspunkt zum Kennenlernen der Stadt.

Rheinpfalz II

               Wenn wir uns vorige Woche am linken Rheinufer in dem kleinen Land namens Rheinpfalz bewegt haben, überqueren wir heute den Fluss und besuchen wir das rechte Ufer. Zu meiner großen Überraschung gehört dieser Teil der historischen Pfalz nicht mehr zum Bundesland Rheinland-Pfalz, wie es historisch gehört hätte, aber zu Baden-Württemberg. Auch diese Tatsache symbolisiert den Untergang des ehemaligen reichen und mächtigen Reichsgebietes. Aber gerade in die ruhmreichen Zeiten möchte ich euch jetzt führen.

 Ich möchte euch gerne zu einem historischen Spaziergang ins Zentrum der Pfalz einladen, nämlich in die Stadt Heidelberg. Diese am Fluss Neckar liegende Stadt versperrte den Weg von Rhein nach Osten und spielte deshalb eine strategisch wichtige Rolle. Sie wird für die schönste pfälzische Stadt gehalten, obwohl auch hier Franzosen im Jahr 1689 wüteten. Und wie! Gerade in Heidelberg ist ihr Toben am sichtbarsten und diese Spuren der Zerstörung verleihen der Stadt ein unvergleichbares Flair. Die riesige Festung, die über der Stadt emporragt, wird als die romantischste Ruine Deutschlands betrachtet und im neunzehnten Jahrhundert gab es kaum einen Dichter, der keine Verse unter den bedrohlichen Resten der einmal unüberwindbaren Mauern geschrieben und über die Liebe und die Vergeblichkeit des Seins gedichtet hätte. Ich gebe zu, dass ich selbst, als ich die Burg oberhalb der Stadt das erste Mal sah, sehr beeindruckt von ihrer Schönheit war, obwohl ich kein Dichter, sondern ein Prosaiker bin. Also schreibe ich jetzt anstatt eines Gedichtes einen Artikel. In der Burg von Heidelberg entstand nämlich die Idee es zu schreiben.

               Zuerst aber einen kurzen Ausflug in die Geschichte der Pfalz, um das heutige Heidelberg besser zu verstehen. Im Jahr 1214, also kurz nach Thronantritt des Kaisers Friedrich II. auf den römischen kaiserlichen Thron, kam die Familie der Wittelsbacher in den Besitz von Rheinpfalz. Friedrich II. nahm dieses Gebiet seinem Widersacher auf dem kaiserlichen Thron Otto IV. aus dem Stamm der Welfen weg und beauftragte mit der Verwaltung des Landes die Wittelsbacher, die seit 1180 in Bayern herrschten. Bayern wurde ihnen vom Friedrichs Großvater Friedrich Barbarossa geschenkt, der dieses Land dem Vater Kaisers Otto, Heinrich dem Löwen wegnahm – die Welfen und Staufen mochten sich einfach nicht und die Wittelsbacher (aber auch die österreichischen Babenberger) profitierten von diesem Streit. Sie haben einfach auf das richtige Pferd gesetzt. Während die bayerischen Wittelsbacher nach dem Tod Kaisers Ludwig IV. in sechs zerstrittene Linien zerfallen sind, stieg die rheinische Linie in ihrer Bedeutung. In der Goldenen Bulle Karls IV. aus dem Jahr 1356 wurden die Pfalzgrafen (nicht aber die bayerischen Herzöge) zu Kurfürsten, also zu Wählern der römischen Könige, ernannt. Diese waren sieben an der Zahl, im Westen war aber der pfälzische Kurfürst der einzige weltliche Fürst mit dem Wahlrecht (weitere drei westdeutsche Stimmen besaßen Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, im Osten des Reiches durften der tschechische König und die Herzöge von Sachsen und Brandenburg bei der königlichen Wahl ihre Stimmen abgeben.

Blick auf Heidelberg von der Burg

               Im Jahr 1386 wurde in Heidelberg eine Universität gegründet (die dritte Universität im deutschsprachigen Raum nach Prag und Wien). Lassen wir uns nicht irritieren – Karl IV. gründete die erste Universität in Prag als der römische, also der deutsche und nicht als der tschechische König und die Tschechen besaßen hier bei den Entscheidungen nur eine Stimme von vieren. Zu einer tschechischen Universität wurde die Prager Universität erst durch das Dekret von Kuttenberg aus dem Jahr 1410 – und dadurch verfiel sie in Bedeutungslosigkeit. Der erste Vortrag fand in Heidelberg am 18. Oktober 1386 vor 500 !!! Studenten statt. Zum Vergleich wurde für den ersten Jahrgang der Universität in Graz im Jahr 1586 ganze acht Studenten eingeschrieben. In Heidelberg las an diesem historischen Tage Magister Marsilius von Inghen über die Problematik der Logik. Die Universität in Heidelberg gelangte einen großen Ruhm und besonders in der Welt der Medizin ist sie berühmt bis heute. Ihre Bibliothek „Bibliotheca Palatina“ war weltberühmt, im Jahr 1623 schickte der bayerische Herzog Maximilian nach der Einnahme von Heidelberg im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges dem Papst nach Rom 3600 Handschriften und 13 000 gedruckte Bücher und erhielt dafür vom erfreuten Pontifex als Gegenleistung 620 000 Gulden für den Kampf gegen die Ungläubige – gemeint waren natürlich die Protestanten. Nur ein Bruchteil dieses Schatzes kam nach den Napoleonischen Kriegen nach Heidelberg zurück, trotzdem zählt die Bibliothek an 2,5 Millionen Bände und unter ihnen gibt es auch Kopien der Handschriften, die sich seit 1623 im Original in Rom befinden.

               Im Jahr 1400 wurde der Pfalzgraf Ruprecht sogar zum Römischen König gewählt (nach der Absetzung des unfähigen tschechischen Königs Wenzel IV., der sich aber bis zu seinem Tod geweigert hat, seine Absetzung anzuerkennen). Ruprecht herrschte zehn Jahre, er blamierte sich aber eher als er geherrscht hätte. Es gelang ihm zum Beispiel niemals, nach Rom zur kaiserlichen Krönung zu kommen, obwohl er das – in Gegenteil zu Wenzel – mehrmals versuchte.

               Nach Ruprechts Tod im Jahr 1410 gründeten seine Nachkommen eine ganze Reihe von Nebenlinien und teilten das Gebiet der Rheinpfalz unter sich ein. Die Schönheit und die Pracht der Renaissancestadt Heidelberg kann man heutzutage an einem einzigen Haus, das das Jahr 1689 überlebt hat – es ist das Hotel „Zum Ritter“ – betrachten. Wenn man sich vorstellt, dass die meisten Häuser in damaligem Heidelberg ähnlich wie dieses Gebäude aussahen, muss man vor dem Wohlstand der damaligen Stadt den Hut ziehen.

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Nach dem Jahr 1585, als Kurfürst Friedrich III. starb und die Vollmacht für seinen unmündigen Sohn Friedrich IV. sein Onkel Johann Kasimir übernahm, trat die Rheinpfalz zur Reformierten Kirche, also zum calvinischen Glauben, über. Es handelte sich um eine Tat mit katastrophalen Folgen. Vorerst für die pfälzische Küche – wohin einmal die Lehre von Calvin kam, ist das Essen irreparabel verdorben. In weiterer Folge störte dieser Wechsel das Gleichgewicht der politischen Kräfte im Römischen Reich, wo seit 1555 der vom Kaiser Ferdinand I. verhandelte und äußerst brüchige „Augsburger Frieden“ geherrscht hatte. Der Übertritt der mächtigen Pfalz in das calvinische Lager bedeutete eine bedeutsame Kraftverschiebung, was eine politische Spannung erzeugte und in weiterer Folge zur Gründung der Protestantischen Union und der Katholischen Liga und zur Vorbereitung einer militärischen Konfrontation zwischen den beiden Lagern führte. Für die Pfalz war diese Entwicklung fatal. Nachdem Kurfürst Friedrich V. im Jahr 1619 gegen Ferdinand II. zum tschechischen König gewählt wurde, begann der Dreißigjähriger Krieg. Nach der Niederlage auf dem Weißen Berg bei Prag musste Friedrich nicht nur aus Prag flüchten, sondern die kaiserlichen Truppen besetzten auch sein Kernland, also die Pfalz mit Heidelberg. Gerade damals bemächtigte sich der bayerische Herzog Maximilian der berühmten pfälzischen Bibliothek und schenkte sie dem Papst in Rom, wo die Bücher bis heute geblieben sind. Im Jahr 1623 verlor Friedrich sein Land und die Kurfürstwürde, die an seinen fernen Verwandten, den rechtgläubigen und kämpferischen bayerischen Herzog Maximilian überging. Friedrich V. starb im englischen Exil im Jahr 1632 (er war mit der englischen Prinzessin Elisabeth Stuart, der Tochter des Königs James I. verheiratet). Nur nach dem „Westfälischen Frieden“, der im Jahr 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendet hatte, bekam sein Sohn Karl Ludwig sein Land und die Kurfürstenstimme zurück (seit diesem Jahr gab es anstatt sieben acht Kurfürsten – für eine Wahl also eine absolut unsinnige gerade Zahl). Der Hauptstamm der Wittelsbacher starb im Jahr 1685 mit dem Enkelsohn von Friedrich V. Karl Ludwig II. aus und die Macht ging auf die Nebenlinie Pfalz-Neuburg über, die aber leider katholisch war. Diese Tatsache weckte in den calvinistischen Untertanen ein Misstrauen gegen ihren neuen Herrscher. In diesem Moment roch der französische König Ludwig XIV. seine Chance, da er sich immer die französische Ostgrenze am Rhein wünschte und er eröffnete im Namen seiner Schwägerin Liselotte (Schwester des verstorbenen Karl Ludwig und Gattin des Bruders von Ludwig), Prinzessin von Orleans, den Krieg um das Pfälzische Erbe.

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               Im November 1688 nahmen französische Truppen Heidelberg ein. Im Jahr 1693 mussten sie die Stadt räumen und Ludwig XIV. entschloss sich, verbrannte Erde zu hinterlassen. Alle besetzten deutschen Städte sollten vernichtet und dem Boden gleich gemacht werden. In Heidelberg verhielten sich die Franzosen ähnlich wie Deutschen in Warschau im Jahr 1944. Unter jedem Haus wurde Sprengstoff gelegt und ein Haus nach dem anderen in die Luft gejagt. (Nur unter dem Haus „Zum Ritter“ explodierte der Sprengstoff wahrscheinlich in Folge einer technischen Panne nicht). Die meiste Arbeit kostete die Soldaten des französischen Sonnenkönigs die Burg, die über der Stadt emporragte. Der Palast und alle Wehrtürme wurden mit Schießpulver gefüllt und dann gesprengt, manche der Türme mit bis zu sieben Meter dicken Mauern mussten sogar mehrmals gesprengt werden. Das Ergebnis dieser Mühe war die Entstehung der monumentalen Ruine, die im neunzehnten Jahrhundert alle deutschen Romantiker anzog wie die Motten das Licht.  Das Schloss von Heidelberg wurde zur romantischsten Ruine Europas und möglicherweise auch weltweit erklärt. Es ist nicht verkehrt. Die Burg aus rotem Sandstein ragt hoch über die Stadt empor (man kann sie zum Fuß oder mit der Seilbahn erreichen) und ist gigantisch. Es gibt Führungen durch die Ruine, die Guides können aber nicht viel zeigen. In der Burg gibt es dafür ein interessantes Museum der Pharmazie (in dem ich das erste Mal wirklich ordentlich in Kontakt mit dem Gründer der modernen Medizin Paracelsus kam), gigantische Weinfässer und auf den Resten der Fassade des Palastes gibt es Statuen pfälzischer Herzöge vom Bildhauer Sebastian Götz. Dass die Reihe mit dem Kaiser Karl dem Großen beginnt, kann man nur dadurch erklären, dass sich Götz sein Honorar verdienen wollte, der letzte in der Reihe rechts ganz unten ist der Vater des tschechischen „Winterkönigs“ Friedrich IV. Dann kamen die kaiserlichen Truppen des Generals Tilly und die pfälzische Idylle war dahin.

               Auch das Museum in der „Alten Universität“ ist eines Besuches wert. Besonders die „Alte Aula“ ein Festsaal, die zu besonderen Anläsen und auch als Konzertsaal dient. Natürlich sind alle Gebäude der „Alten Universität“ bei Wiederaufbau der Stadt nach dem Jahr 1693 entstanden, die „Alte Aula“ hat ihr heutiges Aussehen im Jahr 1886 anlässlich der Fünfhundertjahrfeier der Gründung der „Ruperto Carola Universität“ nach Plänen von Josef Durm bekommen. Interessant – zumindest für mich als Mediziner – sind im Museum medizinische Exponate und man sollte nicht vergessen, den „Studentenkarzer“ zu besuchen. Es ist ein Gefängnis, wo Studenten für ihre Verstöße gegen die öffentliche Ordnung Buße tun mussten und diese Verstöße gab es mehr als genug. Weil sich die jungen Insassen dort langweilten und kreativ waren, ist der ganze Karzer mit ihren möchtegern künstlerischen und witzigen Werken bekritzelt.

               Die Stadt selbst hat ihren Charme, besonders beim Blick von der Burg bei untergehender Sonne. Nach seiner Zerstörung wurde Heidelberg nicht mehr als eine Residenzstadt aufgebaut (Kurfürst Karl Philipp hatte von Streitigkeiten seinen katholischen und protestantischen Untertanen die Nase voll, weil sie sogar in der Mitte der städtischen Kathedrale (die auch der Vernichtung von Franzosen entging) eine Mauer bauten, damit sie sich gegenseitig nicht sahen und getrennt beten und Messen lesen konnten (diese Mauer blieb bis zum Jahr 1936). Der Kurfürst verlegte im Jahr 1720  die Hauptstadt der Pfalz in das nahegelegene Mannheim. Gerade deshalb ist Heidelberg eine junge Stadt, eine Studentenstadt und damit auch wirklich lieb.

               Für die Besucher, die Romantik nicht wirklich mögen und brauchen, gibt es in Heidelberg die längste Einkaufsmeile in Deutschland – sie ist sechs Kilometer lang und führt direkt durch die Mitte der Stadt.

               Wie bereits gesagt, im Jahr 1720 wurde die Residenzstadt der pfälzischen Kurfürsten nach Mannheim verlegt und dort beenden wir unseren Ausflug in die Rheinpfalz. Die Stadt entstand oder besser gesagt, erhielt die Stadtrechte, bereits im Jahr 1607, als der Vater des Winterkönigs Friedrich IV. auf dem Rheinufer die Festung Friedrichsburg zu bauen begann. Bei der Festung gründete er eine Stadt und weil er ein begeisterter Mathematiker war, ließ er die Straßen der neuen Stadt in rechten Winkeln bauen und anstatt den Straßen Namen zu geben, bezeichnete er die so entstandenen Quadrate mit den Buchstaben A bis U und Nummern eins bis sieben. Also man wohnt nicht in einer nach einem bekannten Politiker oder Künstler benannten Straße, sondern im Quadrat A1 oder zum Beispiel D6. An die gleiche Weise wird man zu unterirdischen Parkhäusern oder zu einzelnen Geschäften geführt. Die Hälfte der Altstadt wurde nämlich zu einem gigantischen Einkaufzentrum verwandelt. Das geschah in den Quadraten L1 bis U7. Die Quadrate A bis K behielten doch einen Hauch der Ursprünglichkeit und man kann dort sogar wohnen. Es ist ein praktisches System. Wenn man im Quadrat M5 parken soll und auf der vierten Straße fährt, ist es klar, dass man einfach abbiegen und um eine Straße weiter fahren muss. Einen Stadtplan braucht man nicht. Das einzige Chaos kann die Tatsache verursachen, dass die Nummer in der Mitte beginnen, die Nummer eins ist also links sowie auch rechts von der Hauptstraße, die direkt in der Mitte eines monumentalen Barockschloss endet (Zwischen den Quadraten A1 und L1). Mannheim behielt dieses System der Quadrate bis heute, nennt sich stolz „Quadratenstadt“ und lockt durch diese Kuriosität die Touristen an. Es hat nämlich im Vergleich mit anderen pfälzischen Städten nicht so viel zu bieten.

Eigentlich nur einen wunderschönen großen Park um den Wasserturm (Friedrichsplatz), ein großes Kongresszentrum „Rosengarten“ und das große Kurfürstenschloss am Rheinufer (angeblich das größte Barockschloss in Europa mit 440 Meter langer Fassade). Das Schloss ist von außen ein Beispiel des Hochbarocks, innen dann halb Rokoko und halb in Empirestil. In den Jahren 1806 – 1811 residierte hier nämlich das Ehepaar Großherzog von Baden Karl und seine Frau Stephanie de Beauharnais (eine Verwandte der Napoleons Gattin Josephine). Diese Dame kehrte im Jahr 1818 nach Mannheim zurück und ließ einen Flügel des Schlosses im damals modernen Stil des Empires einrichten. In der Zeit der Großherzogwitwe Stephanie erlebte das Schloss seine ruhmreichste Epoche.

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               Bereits im Jahr 1778 verlegte aber Kurfürst Karl Theodor die Hauptstadt seiner Länder nach München und Mannheim sowie auch die ganze Rheinpfalz verloren ihre politische Bedeutung. Der Verfall ist so weit gegangen, dass das Land letztendlich zwischen zwei Bundesländer aufgeteilt wurde, wobei die Grenze ganz einfach der Fluss Rhein bildet.

               Zum Schluss nur eine Warnung. Wie überall in der Welt kann man auch in der Rheinpfalz essen. Ich möchte aber auf diesem Wege eindringlich vor örtlichen Spezialitäten warnen. Ich probierte sie auch und es hätte mich fast das Leben gekostet. Damals habe ich noch nicht gewusst, was der Kurfürstonkel Johann Kasimir mit seinem Übertritt zu reformierter Kirche verbrochen hat. Wie ich meinem Artikel „Calvin ist an allem schuld“ geschrieben habe, muss man lokale Spezialitäten in den Ländern, wo dieser Glauben einmal Fuß fasste, unbedingt meiden. Versuchen Sie eine aufgewärmte und gewürzlose Ente zu essen. Ich habe es versucht. Versuchen Sie das nicht nachzumachen!

               Also – guten Appetit und schöne Reise!

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Rheinpfalz

   Da die Coronapandemie eine Reise nach Italien verhinderte, um weitere italienischen Städte zu besuchen, werde ich in den nächsten Artikel mit euch durch Deutschland reisen. Auch hier gibt es viel interessantes zu sehen mit ebenso interessantem historischen Hintergrund. Also nach einer Einleitung vor zwei Wochen, wo ich die calvinische Küche behandelte, beginnen wir die Reise im Westen in der Rheinpfalz.           

Pfalz bedeutet Festung. Wenn ein Land einen solchen Namen bekommen hat, gab es sicherlich einen Grund dafür. Wenn man die Karte von Deutschland aus dem neunten oder zehnten Jahrhundert anschaut, sieht man, dass das damalige Deutschland um den Fluss Rhein lag – der Rest von Deutschland war eigentlich nur Urwald, der in den darauffolgenden Jahrhunderten langsam gerodet wurde. Die Elbe und die Donau spielten bei weitem eine nicht so wichtige Rolle wie der Strom im Westen des Landes, also der Rhein. Die Bedeutung des Rheins realisierte ich vor einigen Jahren, als ich an seinem Ufer in Eltville saß und beobachtete, wie ein Schiff nach dem anderen auf dem Fluss fährt, mit der Spitze beinahe auf dem Heck des vor ihm fahrenden Schiffes klebend. Nicht umsonst ist der größte „deutsche“ Hafen nicht Hamburg, sondern Rotterdam.

               Gerade die Region um den Zusammenfluss von Rhein und Neckar hatte eine Sonderstellung und die Spuren dieser frühen berühmten Geschichte sind auch noch heute merkbar. Wahrscheinlich spielte hier auch das milde Klima eine bedeutende Rolle. Die Erde ist hier sehr fruchtbar und obwohl die Region deutlich nördlich der Steiermark liegt, war ich immer wieder überrascht, dass die Vegetation hier zwei Wochen Vorsprung vor Graz hatte. Der Zusammenfluss des Rheins mit dem Neckar, geschützt vor den nördlichen Winden und Unwettern durch die Hügel der Bergkette des Odenwaldes bildet ein sehr angenehmes Mikroklima und die Natur weiß das entsprechend zu nutzen. Traditionell wurde hier immer Wein angebaut, was auf eine römische Tradition zurückzuführen ist. Dieses Gebiet gehörte einmal zum Römischen Reich als die Provinz Germania Superior. Man kann hier eine gute Ernte fast aller Produkte erzielen, dass daraus die Einheimischen nichts Essbares kochen können, ist eine andere Geschichte. Die örtliche Küche ist nicht gerade empfehlenswert, das hat aber einen historischen Hintergrund, von dem ich vor zwei Wochen schrieb.

               Liebhaber der Historie möchte ich durch dieses kleine Land führen und ihre historischen Schätze, aber auch die Fallen zu zeigen, die hier auf den Besucher lauern könnten. Meine deutschen Leser verzeihen mir hoffentlich den Blick von außen. Es handelt sich um einen Blick eines interessierten Touristen, der logischerweise nicht alle Einzelheiten wissen kann. Für ergänzende oder korrigierende Bemerkungen werde ich dankbar sein.

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               Es handelt sich grundsätzlich um vier Städte, die besuchswert sind, Worms, Speyer, Heidelberg und Mainz. Zu Pfalz gehört auch Kaiserslautern, das seinen Namen dem legendären Kaiser Friedrich Barbarossa verdankt, es ist aber doch ein bisschen weiter, obwohl hierher ein Fahrradweg von Worms führt, genannt „Kaiserweg“. Weil dieser Weg inmitten der Weinberge und Wirtshäuser führt und 40 – 50 Kilometer lang ist, kann er für die Fans der Fahrradtouristik sehr verlockend sein. Gerade in Kaiserslautern gründete Barbarossa seine „Pfalz“, also eine Festung, die Deutschland von Westen schützen sollte und nach dieser Festung wurde dann die ganze Region benannt. Die Stadtrechte bekam Kaiserslautern von Rudolf von Habsburg um mehr als hundert Jahre später. Die Rheinpfalz war nämlich der Besitz und eine Stütze der Macht der deutschen Kaiser aus der Familie der Staufer.

               Heute werden wir uns auf dem linken Rheinufer aufhalten, auf das rechte Ufer kommen wir in zwei Wochen, ich habe nicht vor, die Geduld meiner Leser mit Artikeln, die länger als fünf Seiten sind, zu strapazieren.

               Wenn wir uns entscheiden, die Geschichte dieser Region zu verfolgen, müssen wir in der ältesten Stadt beginnen, also in Worms. Nicht aber aus dem Grund, dass diese Stadt unter dem Namen Borbetomagus bereits in den Zeiten des Römischen Reiches existierte oder sogar bereits früher – sie kämpft mit Trier um den Status der ältesten deutschen Stadt überhaupt. In Worms wurde laut einer Legende der heilige Martin gefangen gehalten, der den Militärdienst dem letzten heidnischen römischen Kaiser Julius Apostata verweigerte. Aber gerade in Worms spielt sich großteils die bekannteste Geschichte der altdeutschen Sagen ab, nämlich die Nibelungensage. Weil Nibelungen zum Stamm der Burgunder gehörten, dachte ich lange, dass sich die Geschichte um den unverletzlichen Helden Siegfried, seinem heimtückischen Mörder Hagen, der stolzen Königin Brunhild und der rachsüchtigen Kriemhild irgendwo im heutigen Burgund abgespielt hatte. Ich musste etwas Besseren belehrt werden. Die Burgunder röteten sich (natürlich mit Hilfe von Attila und König Theodorich) am Rheinufer aus. Das Burgunderreich, angeführt von drei Brüdern – Königen Gundaharius (Gunter), Godomaris (Gernot) und Gislaharius (Giselher) wurde tatsächlich im Jahr 437 von Hunnen unter Anführung von Attila (Etzel) vernichtet. Die Reste der Burgunder zogen dann nach Südwesten und gründeten am Fluss Rhône das spätere Burgunderreich. Deutsche Sagen kann man nicht mit dem in den Märchen üblichen Satz beenden „und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie bis heute“. Dort überlebt nämlich niemand!

               Über Siegfried stolpert man in Worms auf jedem Schritt – auf dem Siegfriedsbrunnen vor der Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit, auf dem Weg vom Bahnhof ins Stadtzentrum, wo eine Skulptur das ganze Nibelungendrama inklusiv Siegfrieds Ermordung schildert oder auf dem Rad der Geschichte von Gustav Nonnenmacher (1914 – 2012) auf dem Obermark.

Das größte Denkmal hat aber der verräterische Hagen. Seine riesige Statue steht am Rheinufer, wo er in den Fluss den Nibelungenschatz vergraben hat – der seitdem allen Versuchen zum Trotz niemand gefunden hat. (Interessant ist, dass man den Namen Siegfried, Brunhild, Kriemhild, Gunter, Gernot oder sogar den Namen des Freundes Hagens Volker heutzutage nicht so selten begegnet, nicht aber Hagen. Dieser „größte Held“, der „Tronjer“, ist irgendwie in Ungnade gefallen). Und Giselher ist offensichtlich nicht genug sexy. Eine Nibelungenmuseum gibt es in Worms übrigens auch.

               Worms ist allerdings durch seine Kathedrale berühmt.

In Deutschland gibt es drei gigantische romanische Kathedralen – in Worms, Speyer und Mainz – logischerweise alle am Rhein. In diesem Artikel besuchen wir zwei davon. Die Kathedrale von Worms ist sicher besuchswert, obwohl sie ihre ursprüngliche romanische Innenausstattung verlor und innen barockisiert wurde. Worms verdankt seinen Aufstieg der Salischen Dynastie der deutschen Kaiser. Hier wurde der Gründer dieser Dynastie Konrad genannt „der Rote“ (er herrschte in den Jahren 1024 – 1036) geboren und begraben und von hier aus herrschten alle Heinrichs dieser Dynastie (der dritte bis der fünfte), wobei der mittlere, also der vierte in seinem Streit mit dem Papst Gregor seine Bußefahrt nach Canossa auf sich nehmen musste. Die drei Tage im Frost vor dem Tor der Festung Canossa brachte sein Blut zum Kochen. Nach seiner Absolution durch den Papst hat er den Pontifex in Rom angegriffen und vertrieben. Dieser starb dann in der Verbannung in Salerno und ob es für seine Seele ein Trost war, dass er später für seine Verdienste im Kampf gegen den Kaiser heiliggesprochen wurde, traue ich mich nicht abzuschätzen. Der Frieden zwischen der päpstlichen und kaiserlichen Macht, bekannt als „Wormser Konkordat“, wurde – wie es schon der Name dieses Dokumentes sagt – in Worms im Jahr 1122 unterschrieben und drei Jahre später starben die Salier mit Heinrich dem fünften aus. Ihre Nachfolger, die Staufen, übernahmen von ihnen die Liebe zur Residenzstadt. Friedrich Barbarossa ließ zur Kathedrale das nördliche Portal bauen, mit seiner eigenen Darstellung über die Eintritspforte.

Durch diesen Eingang betrat der Kaiser mit seiner Begleitung die Kirche bei feierlichen Anlässen, damit er nicht durch die Menschenmassen des gemeinen Volkes gehen musste. In der Kathedrale von Worms heiratete sein Enkel Friedrich II. im Jahr 1235 Isabella von England (sie war seine dritte Frau, wenn man seine größte Liebe Bianca Lancia nicht zählt), einen Tag vor dieser Hochzeit wurde – ebenso in Worms – der Kaisersohn Heinrich (VII) (aus der ersten Ehe des Kaisers mit Konstanze von Aragon) von seinem Vater gefangengenommen und ins Gefängnis geworfen, aus dem er nie mehr herauskam.

               Worms ist auch durch seine jüdische Geschichte berühmt. Weil die Juden im Reich einen direkten Schutz des Kaisers genossen (sie zahlten ihm dafür eine spezielle Steuer – einen so genannten „Jüdischen Groschen“ – diesen Schutz hat Kaiser Karl IV. aufgehoben) ist das kein Wunder, dass sie den Schutz direkt in der Residenzstadt suchten. Heute findet man noch immer viele Erinnerungen an die jüdische Vergangenheit der Stadt inklusiv Synagoge, Jeschiwa und Friedhof (so genannter „Heiliger Sand“), die man besuchen kann.

               Worms ist keine kompakte historische Stadt. Diese Tatsache ist die Folge der zweimaligen Zerstörung der Stadt. Die erste kam im Jahr 1689 in Rahmen des Pfälzer Erbfolgekrieges (1688 – 1697). In die Stadt zogen französische Truppen des Königs Ludwig XIV. ein und machten die Stadt dem Erdboden gleich – auch die berühmte Kathedrale fiel einem Brand zum Opfer. Diese fatale Tätigkeit der Franzosen in der Pfalz werde ich noch mehrmals erwähnen müssen. Die Stadt wurde neu aufgebaut (deshalb ist die Innenausstattung der Kathedrale barock), obwohl an der Stelle des ehemaligen prächtigen Rathauses (eines Gebäudes mit einem symbolischen Namen „Münze“) die Dreifaltigkeitskirche gebaut wurde. (Der Besuch der Franzosen wurde von den Einheimischen als Strafe Gottes gewertet). Das zweite Mal wurde die Stadt durch die Bombardierung der Alliierten im April 1945 vernichtet und deshalb stehen zwischen den historischen Gebäuden (man sagt, Worms hätte die größte Anzahl der romanischen Baudenkmäler im ganzen Deutschland und ich habe es wirklich bis zu meinem Besuch von Köln geglaubt) findet man – ähnlich wie zum Beispiel in Mainz – moderne Häuser, wodurch der Gesamteindruck gestört wird.

               Worms ist unmittelbar mit dem Namen Martin Luthers verbunden.

Er wurde zum Reichstag in Worms, der im Jahr 1521 abgehalten wurde, eingeladen, um vor dem Kaiser Karl V. seiner Lehre abzuschwören. Als er sich weigerte und seine berühmten Worte sagte: „Hier stehe ich. Gott helfe mir. Amen.“ wurde ihm trotzdem vom Kaiser ein freies Geleit gestattet. Wenn also Karl ehrlicher als Sigismund von Luxemburg im Falle von Jan Hus im Jahr 1415 war, hatte er als Kaiser umso weniger politische Erfolge. Einem ehrlichen Politiker wird offensichtlich ein Erfolg verwehrt.

               Luther ist in Worms ein riesiges Denkmal gewidmet, wo er mit seinen Unterstützern, Mitstreitern sowie auch Vorgängern dargestellt wird. Unter ihnen hat neben Petrus Valdes, Giacomo Savonarola und John Wyclif auch der bereits erwähnte Jan Hus seine Statue.

               Auf dem gleichen Reichstag wurde infolge der Intervention der Tante des Kaisers Margarete über die Teilung der habsburgischen Länder zwischen dem damals einundzwanzig Jahre alten Kaiser und seinem achtzehnjährigen Bruder Ferdinand, der später zum Kaiser Ferdinand I. werden sollte am 28.April 1521 entschieden. Hier fiel auch die Entscheidung, dass Ferdinand die Prinzessin Anna von Böhmen heiraten sollte (was dann am 26.Mai 1521 in Linz wirklich passierte), was ihm später auch die tschechische und ungarische königliche Krone brachte. In die Heiratsurkunde aus dem Jahr 1515 konnte endlich auf der leeren Stelle neben der Braut der Name des Bräutigams geschrieben werden. Im Jahr 1515 war nämlich noch nicht klar, wer die damals zwölfjährige Anna heiraten würde, ob Karl oder Ferdinand. Die Hochzeit fand also in Vertretung statt, der Bräutigam wurde durch den Großvater beider Kandidaten, den Kaiser Maximilian I., vertreten und in der Heiratsurkunde wurde eine freie Stelle gelassen. Die Hochzeit zwischen Ferdinand und Anna wurde allerdings am 26. Mai 1521 in Linz wiederholt und aus der glücklichen Ehe entsprangen fünfzehn Kinder. Auch dieses Glück der habsburgischen Familie hatte also ihren Ursprung in Worms.

               Wir verlassen aber jetzt das historische Worms und ziehen einige Kilometer und Jahre in der Geschichte weiter, nämlich nach Speyer. Speyer ist ein wunderschönes Städtchen. Wenn Worms als eine moderne Stadt mit zerstreuten historischen Denkmälern wirkt, ist Speyer ein einziges historisches Denkmal, dominiert natürlich von seiner gigantischen romanischen Kathedrale.

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Auch Speyer wurde durch französische Truppen im Jahr 1689 dem Boden gleichgemacht. Und dann noch einmal durch die französische Revolutionsarmee im Jahr 1793 – die Nachbarschaft der „Grande Nation“ war für diese Region wirklich kein Segen. Der Kaiser Friedrich Barbarossa wusste ganz genau, warum er sein Kaiserslautern gebaut hatte, aber nicht einmal das hat gegen die Franzosen geholfen. Gott sei Dank wurde aber die Kathedrale in Speyer verschont und was dann später um diese Kirche aufgebaut wurde und den Charme eines lieben Städtchens besaß, war den Alliierten im zweiten Weltkrieg keine Bombe wert. Deshalb ist der Besuch von Speyer ein liebes Erlebnis.

               Natürlich muss man die Kathedrale besuchen. Es ist ein riesiges Gebäude, man darf sich nicht durch ihren ersten Eindruck abschrecken lassen. Alle drei romanischen Kathedralen wirken ein bisschen düster, die Zeit der großen gotischen Fenster sollte nur noch kommen. Die Kathedrale in Speyer begann bereits der Gründer der Salischen Dynastie Konrad II. im Jahr 1030 zu bauen. Er selbst erlebte die Vollendung der Kirche nicht und aus diesem Grund ist er als der einzige Salier in Worms begraben. Seine Nachfolger ruhen in der Krypta der Kathedrale in Speyer. Hier sind auch die ersten zwei römische Könige aus der Familie Habsburg begraben – Rudolf I. (er starb im Jahr 1291) und sein Sohn Albrecht (ermordet im Jahr 1308). Die Habsburger wollten damit ihre Nachfolgerschaft der Salier und den Abstand zu den Staufen, mit denen die römische Kurie nicht gerade gute Beziehungen hatte, demonstrieren. Interessant ist das Portrait von Rudolf auf seinem Sarkophag.

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Damalige Herrscher ließen sich üblicherweise in einer idealisierten Darstellung als triumphierende schöne Männer abbilden. Die Abbildung Rudolfs als eines alten müden Mannes entsprach seinem wirklichen Aussehen und entstand in dieser Form auf seinen ausdrücklichen Wunsch. Rudolf wollte nicht idealisiert, er wollte wahrhaft dargestellt werden, was in dieser Zeit eine absolut ungewöhnliche Sache war. Die Renaissance, die in der Herrschaftszeit von Friedrich II. ihren Ursprung fand und von der Kirche erbittert bekämpft wurde, war noch weit entfernt.

               Die Kathedrale in Speyer hat eine Bedeutung auch für tschechische Geschichte. Am 30.August 1310 heiratete hier der vierzehnjährige Sohn des Kaisers Heinrich VII. von Luxemburg Johann die achtzehnjährige Erbin des tschechischen Königreiches Elisabeth. Diese Hochzeit wies die Richtung nicht nur der tschechischen, sondern auch der europäischen Geschichte. Sie begründete die hundert Jahre dauernde Vorherrschaft der Luxemburger in Europa und aus dieser Ehe stammt der große Kaiser Karl IV., der Autor der „Goldenen Bulle“ aus dem Jahr 1356, eigentlich der ersten Verfassung des Römischen Reiches der deutschen Nation.

               In Speyer gibt es noch eine Kirche, die in der europäischen Geschichte eine bedeutende Rolle spielt. Gerade in dieser Kirche PROTESTIERTEN deutsche Fürsten, die inzwischen zur Lehre Martin Luthers übertreten waren, gegen die kaiserliche Entscheidung, diese Lehre zu verbieten. Es geschah auf dem Reichstag in Speyer im Jahr 1529 und seit diesen Tagen nennt man die reformierten Christen Protestanten.

               Speyer war einmal eine prächtige Stadt mit 68 Stadttoren und 38 Kirchen. Hier fanden 50 Reichstage statt. Auf einem von ihnen überzeugte zu Weihnachten 1146 der Gründer der Zisterzienserordens Bernhard von Clairvaux Kaiser Konrad III. zum Ausrufen des zweiten Kreuzzuges. Der letzte Reichstag in Speyer fand im Jahr 1570 statt, danach verlor die Stadt ihre Bedeutung und der Dreißigjähriger Krieg hinterließ in ihrer Pracht tiefe Narben. In der Stadt hatte seit 1526 das Reichskammergericht ihren Sitz, und zwar bis zur Vernichtung der Stadt im Jahr 1689.

               Das neue Speyer drückt sich um die Maximilianstrasse, es hat aber einen Charme und man findet hier schöne Gebäude wie zum Beispiel die „Alte Münze“, wo das Stadtpatriziat tagte, oder das Rathaus aus den Jahren 1712 – 1716. Und letztendlich auf der Gegenseite des Städtchens das „Altpörtel“, ein der schönsten Stadttore in Deutschland.

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Das Tor mit seinem Turm stammt aus dem Jahr 1230, wie es das Wüten der Französen im Jahr 1689 und 1793 überleben konnte, habe ich nicht erfahren. Und weiters, in Speyer gibt es das „Historische Museum der Pfalz“ mit Geschichte der gesamten Region von den römischen Zeiten bis heute, natürlich mit Betonung des ruhmreichen Mittelalters.

               Speyer ist wirklich sehr schön, wir verlassen es mit einem guten Gefühl, um ins Zentrum der Pfalz zu reisen, nämlich nach Heidelberg. Das aber in zwei Wochen, heute war es schon genug.

Massnahmen gegen Coronaverweigerer – ein Vorschlag

Die ewige Frage: Was mit den Anticoviddemonstranten tun, die sich an den antiepidemischen Regeln nicht halten?

  1. Finanzielle Strafen sind keine Lösung. Sie werden großteils nicht bezahlt und sind schwer zu fordern.
  2. Verpflichtung zu 2 Tage Zwangsarbeit auf den Intensivstationen mit Covid Patienten wäre zwar lehrreich und klingt gut, aber so ein Gerichtsurteil ist nicht schnell zu bekommen und bei Verweigerung schwer zu fordern. Natürlich dürften dann die Covid Verweigerer dort ohne Maske und ohne Schutzaufrüstung zu arbeiten, man darf sie dazu nicht zwingen.
  3. Einfache Lösung: Die Teilnehmer werden identifiziert und dann ihrer Krankenversicherung gemeldet. Die Versicherung hätte dann das Recht, (nicht die Verpflichtung) den Vertrag mit dem Versicherten für die Leistungen, die mit der Behandlung einer Covid Infektion verbunden sind, zu kündigen. Also, wenn der Demonstrant dann mit Covid erkrankt, verzichtet er entweder auf die Behandlung oder er zahlt sie privat. Ich glaube, das ist fair, da aufgrund des Solidaritätsprinzipes wir derzeit alle den kranken COVID Verweigerern ihre Behandlung zahlen müssen.

Wenn ihr das gerecht findet, schickt es weiter.

Calvin ist an allem Schuld

               Es hat überraschenderweise bereits in Genf begonnen. Ich meine damit meine Zweifel. Für eine Stadt mit Französisch als Amtssprache war die örtliche Küche ziemlich arm. Ich suchte allerdings die Schuld bei mir. In Genf hat nämlich so gut wie niemand Deutsch gesprochen (mit Ausnahme des Eintrittskartenverkäufers an der Kassa im Museum des Protestantismus) Englisch auch nicht und ich kann wieder nicht Französisch. Ich dachte also, dass ich die richtigen Lokale in Folge des Informationsmangels einfach nicht gefunden habe. Das glaubte ich damals wirklich. Dafür durften wir in der Kathedrale von Genf einen Stuhl sehen, auf dem Jean Calvin persönlich gesessen war und gepredigt hatte. Ein normales Möbelstück, allerdings mit Geschichte. Ich habe den Stuhl sogar fotografiert! Damals habe ich Calvin für einen Reformator wie jeden anderen gehalten und hatte ich ihm nichts vorzuwerfen.

               Dann entschied ich mich, örtliche Spezialitäten in Amsterdam zu verkosten. Ich habe nämlich eine dumme Eigenschaft und die heißt Neugier. Also esse ich örtliche Spezialitäten überall, wohin wir reisen. Die Erbsensuppe mit Speck war noch ziemlich essbar, die panierten Kugeln mit merkwürdigem, nicht wirklich identifizierbarem schmierigem Inhalt genannt Bitterballen, das war schon ein anderer Kaffee. (Übrigens der Reiseführer von Amsterdam warnt davon zu versuchen zu erkunden, was in den Kugeln wirklich ist). Der Kaffee war übrigens in Amsterdam auch miserabel. Nur so nebenbei habe ich erfahren, dass die Stadt im sechzehnten Jahrhundert zum Calvinismus, also zur Reformierten Kirche übergetreten war. Die Zusammenhänge blieben mir zu diesem Zeitpunkt noch verborgen.

               Und dann fuhren wir einmal nach Bremen. Im Rathauskeller, also in einem der besten Restaurants in der Stadt, bat ich den Kellner um eine örtliche Spezialität um die Mentalität dieser Stadt, die besonders in der Oleanderblütezeit so wunderschön ist, noch besser kennen zu lernen. Und ich bekam den Seemannlaubkaus. Mein erster Gedanke war, dass der Koch wahnsinnig geworden ist und der Kellner diese Tatsache fahrlässig übersehen hat. Das Essen sah so aus, als ob bei seiner Entstehung folgende Geschichte geschah: „Die Matrosen von Bremen stachen in See und zum Mittag aßen sie Kartoffeln mit Selchfleisch. Nachmittag ist dann ein starker Sturm gekommen und so konnten sie das bereits verzehrte Mittagessen noch einmal zu Abend zu sich nehmen.“ Zu diesem gemixten Brei aus Selchfleisch und Kartoffelpüree ohne jedes Gewürz wurde noch Hering mit Roten Rüben serviert. Ich verhandelte mit dem Kellner, dass ich bereit bin, die Hälfte des Preises zu bezahlen. Die zweite Hälfte sollte der Mensch bezahlen, der diese Mahlzeit bereits vor mir im Magen hatte. Ich hatte keinen Erfolg, der Ober hatte keinen Sinn für Humor und dachte sicher, dass ich nicht richtig Deutsch konnte. Die Tatsache, dass in Bremen Calvinisten an der Macht waren, weckte in mir das erste Mal einen Verdacht, dass es Zusammenhänge geben könnte. Ich roch die Spur…

Und dann plötzlich wurden mir meine Augen geöffnet. Das geschah im Deutschen historischen Museum in Berlin, als ich erfuhr, dass die ganze Rheinpfalz, also das Gebiet um Heidelberg und Mannheim, im Jahr 1566 zur Lehre Calvins konvertierte. Alte Erinnerungen wurden wach. Das war vor einigen Jahren, als ich nach Heidelberg fuhr, um meine Frau nach Hause zu holen. Sie konnte nämlich die weiße, rote und braune Saucen, die sich nur durch die Farbe, nicht aber durch Geschmack unterschieden, weil sie keinen hatten, und im Krankenhausspeisesaal zu jedem Essen (na ja zu jedem Essen, es war immer Faschiertes) serviert wurden, nicht mehr vertragen. Sie versuchte zu erfahren, wo man in Heidelberg gut essen konnte. Es wurde ihr gesagt, dass es in Wiesloch wäre, in einem Städtchen südlich von Heidelberg. Dort gäbe es ein berühmtes und hervorragendes Lokal nach der die Art des österreichischen Buschenschanks (in Wien heißen diese Lokale Heurige, diese Bemerkung natürlich nur für meine Leser aus Deutschland oder anderen Ländern) und dort könnte man sehr gut essen. Wir fuhren hin. Vor dem Lokal stand eine Unmenge von Autos. Wir kauften eine Eintrittskarte um 13,50 Euro, die uns berechtigt hat, so viel zu essen, wieviel wir mochten. Das Problem war, dass wir nach einer halben Portion Ente nichts mehr essen konnten. Das Essen war gewürzlos und wahrscheinlich aufgewärmt und ein paar Bissen, die ich verzehrt hatte, wuchsen in meinem Magen zu einer ungeheuren Größe, für die mein Magen einfach zu klein war. Hätten wir nicht eine Flasche österreichischen Marillenschnapps mit, hätte ich möglicherweise die halbe Portion, die ich im Hunger verzehrte, nicht überlebt. Das schockierte mich. Die Pfalzregion hat unglaublich günstiges Klima, es wächst hier alles inklusiv Wein, die Vegetation ist zwei Wochen vor Graz, obwohl viel mehr nördlich gelegen ist – warum können die Pfälzer aus dieser Gabe nichts Essbares kreieren? In Berlin habe ich es verstanden – es war die Schuld von Calvin!

               Ich las und fand, dass in der Lehre von Calvin jede Wohllust des Körpers eine Sünde war, also das gute Essen genau wie auch ehelicher Geschlechtsverkehr (wenn gut war) und der Rechtgläubige strengte sich an, eine Sünde zu vermeiden, um die Erlösung zu erfahren und in den Himmel zu kommen. Also offensichtlich, überall wohin die Anhänger dieser Lehre kamen, vernichteten sie als die erste Tat die örtliche Küche (wie sie das mit dem Geschlechtsverkehr taten, habe ich nicht erfahren können, obwohl es in Amsterdam mehr als genug Gelegenheit dazu gab). Obwohl gerade das „Rote Viertel“ von Amsterdam mich zum Nachdenken brachte. Entstand es nicht gerade deshalb, weil es zu Hause zu öd war? Übrigens die größte Kirche in Amsterdam „Oude Kerk“, befindet sich direkt in der Mitte des roten Viertels. Also, man konnte gleich nach der Sünde in die Kirche gehen und sich vor Gott rechtfertigen. Vom Wohnhaus und vom Ehebett war es erstens weiter, und zweitens hätte die Gattin dumme Bemerkungen machen können. Nach dem Besuch eines Bordells maulte niemand und die Kirche war gleich zur Hand. Die Protestanten brauchen zum Dialog mit Gott nicht unbedingt einen Priester, weil es bei ihnen keine Ohrenbeichte gibt. Es ist natürlich intellektuell viel anspruchsvoller, die Sünden vor Gott, ohne einen Vermittler direkt zu rechtfertigen, weil es auch keine Absolution gibt. Aber wenn am nächsten Tag die Geschäfte wieder gut laufen, ist es ein klarer Beweis, dass Gott dem die Buße tuenden Sünder seine Gunst nicht entzogen hat. Darüber später.         

               Mein Bild hat sich also vollendet und ich erlaube mir einen kleinen Tipp denen zu geben, die  ähnlich wie ich gerne örtliche Spezialitäten kosten. Erfahren Sie zuerst, ob in der Stadt, die Sie besuchen möchten, nicht einmal – vielleicht auch nur für eine kurze Zeit – die Calviner an der Macht waren. Dann ist Vorsicht geboten. Lassen sie lieber die Finger von den örtlichen Spezialitäten und gehen Sie zum Italiener oder zum Chinesen.

               Kaiser Ferdinand I. der im Jahr 1555 einen Religionsfrieden zwischen Katholiken und Lutheranern vermittelt hat, schloss in diesem Dekret dezidiert die Reformierte Kirche aus und verbot sie am strengsten. Der alte kleine Brummler wurde mir sofort sympathischer. Er aß offensichtlich gerne und das spricht für einen in Grunde guten Charakter. Wenn er schon auch hinrichten lassen musste (wie im Jahr 1522 in Wiener Neustadt,) tat er das wahrscheinlich nicht ganz gern.

               Ich würde nach dem Erlebnis mit dem Seemannlaubkaus Calvin auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen.

               Es könnte euch vielleicht interessieren, wie sich diese Lehre, die beinahe alles Angenehmes im Leben verboten hat, überhaupt durchsetzen und besonders in den Städten mit starkem Handel und reicher Kaufmannsschicht so eine starke Position erreichen konnte. Calvin predigte – gleich wie Jan Hus oder der heilige Augustin – die Lehre der Prädestination. Also jeder Mensch wird bereits bei seiner Geburt entweder zur Erlösung oder zur Verdammung vorbestimmt. Damit kann er in seinem Leben nichts mehr tun, weil seine Sünden oder auch Wohltaten von Gott gesteuert werden und der eigene freie Wille dabei keine Rolle spielt. Man kann aber die Vorbestimmung für das ewige Leben im Himmel bereits im Leben hier auf Erde erahnen. Wenn man nämlich im Leben erfolgreich ist, wenn die Geschäfte gut laufen und die Kassa sich mit Silber und Gold füllt, ist das ein klares Zeichen der Gunst Gottes und Gott würde doch nicht einem Verdammten seine Gunst schenken. Deshalb verbreitete sich diese Lehre besonders erfolgreich in den reichen Städten, wo die Kaufleute das Sagen hatten, wie in Amsterdam, Bremen oder Mannheim. Erfolgreiche Geschäftsleute waren bereit, auf gutes Essen und guten Sex zu verzichten – die Aussicht auf den Himmel war viel zu verlockend. Das Essen musste also üppig sein, damit der Herr oder die Frau ihren Wohlstand und damit auch ihre Vorbestimmung für den Himmel demonstrieren konnten, bei Gewürzen wurde aber sehr gespart. Erstens weil sie teuer waren, zweitens, weil sie das Essen köstlich machen könnten und damit den Menschen in Versuchung bringen und den Weg in den Himmel versperren konnten. Also wenn man an dem ungenießbaren Mittagessen kaute, konnte man sich auf den Himmel freuen, wo man endlich auch Pfeffer zum Gastmahl bekommt.

               Es ist besser, Belgien zu besuchen. Dort hat den Menschen der Herzog von Alba solche Reformationsgedanken aus dem Kopf geschlagen (und das nicht nur im übertragenen Sinn). Die Küche in einem Land, dass an Frankreich grenzt und unter einer langen österreichischen Verwaltung katholisch blieb, ist einfach eine Traumküche. Obwohl es die Belgier waren, die Pommes frites erfanden. In dieser Erfindung hat Calvin seine Finger sicher nicht gehabt.

               Übrigens, nicht überall war seine Lehre bei der Essenvernichtung erfolgreich. Die Ungaren, obwohl sie sich der Lehre der Reformierten Kirche anschlossen und dafür einen Platz für ihren Anführer Stephan Bocskai auf dem Reformationsdenkmal in Genf erhielten, ließen sich ihr Gulasch und Paprikasch mit scharfer Paprika nicht nehmen. Eine wahrhaft weise und tapfere Entscheidung.

               Die Tschechen hatten wieder Glück, das sie bis heute nicht verstehen wollen. Friedrich von der Pfalz, der im Jahr 1619 zum tschechischen König gewählt wurde, um nach einem Jahr Herrschaft wieder flüchten zu müssen, war ein Calviner. In diesem Zusammenhang scheint die Niederlage des tschechischen Herres auf dem Weißen Berg bei Prag am 8.November 1620 nicht so tragisch zu sein. Kann man sich vorstellen, was mit der berühmten tschechischen Küche passiert wäre, wenn die Aufständischen damals gewonnen hätten und Friedrich sich auf dem tschechischen königlichen Thron eingenistet und seine Ordnung durchgesetzt hätte. Ich meine in der Küche, von dem anderen gar nicht zu sprechen….

               Na ja, Ferdinand II. mag kein wirklich sympathischer Kerl gewesen zu sein. Es gab Hinrichtungen (nur am 27. Juni 1621 in Prag siebenundzwanzig an der Zahl), es gab die gewaltsame Rekatholisierung, den dreißigjährigen Krieg, die Enteignung und die Massenemigration, die die Wirtschaft des Landes auf Jahrhunderte zurückgeworfen hat. Aber auf der anderen Seite, der Schweinsbraten mit Knödel, Kraut und Bier ist geblieben.

Plage mit dem Vakzin Astra/Zeneca

               Diese Diskussion ist derzeit sehr heiß. Ist der Impfstoff von Astra Zeneca weniger gut? Schützt er weniger und hat mehr Nebenwirkungen? Die Experten kämpfen tapfer gegen die öffentliche Meinung, die sich bereits gegen diesen Impfstoff stellte. Wo ist also die Wahrheit?

               Das wird sicher ganz schwer zu beurteilen sein. Alle Diskussionen, die Coronavirus betreffen, sind äußerst emotional, die Suche nach einer objektiven Wahrheit ist einfach „Mission impossible“.

               Zuerst aber eine Kurzfassung – womit unterscheidet sich der Impfstoff Astra Zeneca von den Impfstoffen Pfizer/Biontech und Moderna?

               Die Impfostoffe der letzten zwei Firmen arbeiten mit mRNA System, also auf der Basis der messenger Ribonukleotidsäure. Es ist eine neue Technologie, die aber nicht gezielt für das Vakzin gegen Coronavirus entwickelt wurde. In Zukunft werden wahrscheinlich alle Impfstoffe diesen Weg gehen. Bis vor kurzem waren die Nanotechnologien nicht so weit entwickelt, um so ein „Schneiden“ des Virus zu ermöglichen damit die Identifikation seiner einzelnen Teile möglich wäre. (Also fachlich gesagt, der Einfluss des Genotyps auf den Phänotyp). In Prinzip kodiert der Impfstoff lediglich das „Spike protein“ des Virus also das Eiweiß, mit der sich das Virus an die oberflächlichen Strukturen der menschlichen Zelle bindet und in sie eintritt. Das gesamte Aussehen des Virus kann diesem Impfstoff gestohlen bleiben. Um die Wirksamkeit zu verlieren, müsste sich dieses Protein wesentlich ändern, was für das Virus ein Problem sein könnte – sein Eindringen in die Zelle müsste dann nicht mehr funktionieren.

               Astra Zeneca ist – ähnlich wie das russische „Sputnik V“, eine Vektorvakzin. Es handelt sich um ein genetisch verändertes Adenovirus, das man nur bei Schimpansen trifft (bei Sputnik sind das zwei menschliche Adenoviren), das an seiner Oberfläche so verändert ist, dass es wie das Coronavirus aussieht. Das Immunsystem erkennt es, identifiziert es als einen Schädling (obwohl dieses Adenovirus für einen Menschen nicht pathogen ist, also keine Krankheit bei ihm auslösen kann) und wenn sich dann der Mensch mit dem echten Coronavirus ansteckt, hält es das Immunsystem für das Adenovirus und greift es an. Die Idee ist grundsätzlich gut, es schlichen sich aber unzählige Fehler ein, besonders bei PR.

  1. Erstens, Astra Zeneca übergab die Unterlagen an die EMA (Europäische Medikamentenzulassungsbehörde) später als die anderen Unternehmen. Der Grundsatz jeder Werbung ist: Man muss in seiner Kategorie der erste sein – wenn das nicht der Fall ist, muss man eine neue Kategorie erfinden. Astra Zeneca tat es nicht, Pfizer/Biontech und Moderna waren einfach schneller.
  2. Das Unternehmen im Bewusstsein, dass sich besonders die „sparsamen“ Länder im Mitteleuropa auf seinen Stoff verlassen haben, begann ein gefährliches Poker zu spielen. Offensichtlich verrechnete sich das Management bei Preisverhandlungen mit der EU im Preis und entschied sich jetzt den Stoff an die Länder zu liefern, die bereit waren, mehr zu zahlen. Dazu log die Firma über Produktionsausfälle, die sie dann nicht nachweisen konnte. Lange lehnte sie auch arrogant die Verhandlungen mit Politikern aus Brüssel ab. Die Verpflichtungen gegenüber der EU, die mit 300 Millionen Euro zur Entwicklung des Vakzins beigetragen hatte, wurden von Astra Zeneca einfach ignoriert. Die Folge war ein Mangel an dem Vakzin und nur langsamer Start der Impfung.
  3. In der Zwischenzeit zeigte sich jedoch, dass die Nebenwirkungen nach der Impfung mit Impfstoff von Astra Zeneca stärker sind als bei mRNA Impfstoffen. Es hat eine bestimmte Logik, da man mit dem ganzen Virus impft und nicht nur mit dem Protein, wie bei mRNA Impfstoffen.
  4. Es zeigte sich, dass die Wirksamkeit des Vakzins doch niedriger ist als bei mRNA Vakzinen. Hier ist aber notwendig am Boden der Realität zu bleiben. Astra Zeneca zeigte zwar die Wirksamkeit 59%, wenngleich die Wirkung bei Pfizer über 90% liegt. Bei den wirkungslosen Fällen handelte sich aber um Personen, die Krankheitssymptome hatten, weil nur solche Personen getestet wurden. Asymptomatische Personen wurden nicht getestet. Also die Zahl der Patienten, die keine Symptome hatten (also nicht unbedingt den mit Virus angesteckten) reduzierte sich durch das Vakzin um 60%. Keiner von den Testpersonen, die trotzdem krank wurden, musste aber im Krankenhaus behandelt werden und keine starb. Todesfall in Zusammenhang mit dem Infekt mit Covid 19 bei geimpften Personen war nur einer und das bei Moderna. Ob dieser Mensch wirklich an Covid-Infektion starb, ist noch nicht sicher. Diese Angabe von Astra Zeneca relativiert aber die Tatsache, dass zwischen den Freiwilligen praktisch keine über 65 Jahre alte Personen Jahre waren, wo die Hospitalisierung und Todesrate im Krankheitsfall wesentlich höher ist. Die Tatsache, dass unten den Freiwilligen kaum Menschen der Risikogruppen vertreten waren, reduzierte weiter die Glaubwürdigkeit des Vakzins und manche Länder lassen den Impfstoff nur für die Impfung der Menschen, die jünger als 65 Jahre sind, zu. Hier muss man wahrscheinlich die Ergebnisse „Real life“ Studie in Großbritannien abwarten.
  5. Es zeigte sich, dass der Impfstoff Astra Zeneca nicht gut auf die südafrikanische Mutation des Virus wirkt. Hier ist es aber notwendig zu bemerken, dass Astra Zeneca das EINZIGE Vakzin ist, das mit dieser Mutation überhaupt eine Erfahrung hat. Der Impfstoff wurde nämlich in Großbritannien, Brasilien und eben in Südafrika geprüft. Kein anderer Impfstoff wurde in Südafrika getestet und kam also nicht in den Kontakt mit der südafrikanischen Mutation. In Vitro – also im Labor – wurde neunmal niedrigere Wirksamkeit des Impfstoffes bei Vernichtung des Virus gesehen – aber nicht einmal unter diesen Umständen mussten die Infizierten im Krankenhaus behandelt werden und keiner von ihnen starb. Auch hier muss man aber bemerken, dass es sich überwiegend um junge Menschen handelte, die auch sonst die Krankheit in häuslicher Behandlung überstehen.
  6. Zu allen bereits begangenen Fehlern begannen die Manager von Astra Zeneca in der Zeit, als es zu Engpässen in den Lieferungen kam und die zweite Dosis der Impfung nicht gesichert war, zu behaupten, dass eigentlich nicht notwendig wäre, in 4 Wochen-Intervallen zu impfen, sondern es reichen würde, in zwölf Wochen die zweite Dosis zu verabreichen. Sofort erschienen bezahlte „Experten“, die bereit waren nachzuweisen, dass die zweite Impfung nach 12 Wochen eigentlich viel besser sei, da sich viel mehr Antikörper bilden. Obwohl dieses Intervall gar nicht dem Design der Zulassungsstudie entsprach. Die PR-Manager von Astra Zeneca sollten schon längst Arbeitslosengeld beziehen.
  7. Die derzeitige beinahe hysterische Kampagne der Politiker für Impfstoff von Astra Zeneca wirkt sehr unglaubwürdig und reduziert weiterhin das Vertrauen der Bevölkerung in den Impfstoff. Es gibt dafür einen einfachen Grund. Das Unternehmen brachte die Politiker der betroffenen Länder in Schwierigkeiten. Sie setzten auf dieses Vakzin hauptsächlich wegen der Tatsache, dass dieser Stoff leicht zu verteilen ist und keine besondere Kühlung braucht. (Pfizer muss man bei minus 70 Grad lagern, Moderna bei minus 20 Grad, bei Astra Zeneca ist die Kühlschranktemperatur ausreichend). In der Praxis sollte das bedeuten, dass die Politiker und Beamten nichts tun müssten. Es hätte gereicht, einfach den Impfstoff bei Hausärzten zu verteilen und die sollten es dann richten. Keine Impfstraßen nach dem israelischen Vorbild und Anwerben von Ärzten und Pflegepersonal oder sogar Soldaten für die Impfung in diesen Straßen. Ohne Astra Zeneca zeigt sich plötzlich, dass der Staat die Organisierung der Impfung vollständig versäumt hat. Das ist natürlich die größte Katastrophe und man versucht es durch einen hysterischen Ruf, dass alle Impfstoffe gleichwertig sind, zu verschweigen. Sie sind es nicht.
  8. Damit will ich nicht behaupten, dass der Impfstoff Astra Zeneca schlecht wäre. Schlechter als mRNA Impfstoffe ja, schlecht nicht. Sicher dann besser, als ihr angeschlagener Ruf. Er erreicht die Schutzwirkung von Pfizer oder Moderna nicht und hat mehr Nebenwirkungen – Hauptproblem ist aber, dass er zu spät und zu langsam kam und dadurch einen irreparablen Imageschaden erlitt. Vertrauensverlust repariert man nur sehr schwer – besonders in der Zeit, als durch eine gute Erfahrung mit den mRNA Vakzinen die Impfbereitschaft der Bevölkerung steigt. Menschen wollen Vakzinen, mit denen es bereits Erfahrung gibt. Astra Zeneca ist für sie wieder etwas Neues und es ist die ganz normale verständliche Angst, die jetzt die Verwendung des Vakzins blockiert. Es ist unter diesen Umständen verständlich, wenn die Gesundheitsministerium weitere Vakzinen bei Moderna bestellt hat und Astra Zeneca zur Seite schiebt. Was aber mit den Vakzinen, die bereits angekommen sind? An der Reihe waren gerade die Ärzte und ihr Personal aus dem niedergelassenen Bereich – und sie wehren sich gegen diesen Stoff. Sie möchten mit mRNA Vakzin geimpft werden und das steigert das Vertrauen der Bevölkerung zu diesem Stoff natürlich auch nicht besonders.
  9. Der Impfstoff Astra Zeneca ist einfach ein Paradebeispiel einer total vermasselten PR-Strategie. Schlechter geht es gar nicht.

Übrigens, zum Schluss eine Bemerkung für die Befürworter der russischen Vakzin Sputnik V. Kanzler Kurz wollte es angeblich sogar in Österreich produzieren lassen. Sputnik V wurde in Indien, Venezuela und Weißrussland getestet – also in drei „sehr medizinisch entwickelten und verlässlichen Ländern“. Die Wirksamkeit von über neunzig Prozent wurde vom Präsident Putin bestimmt, noch bevor die Studie gestartet ist. Der Artikel in Lancet, auf den sich europäische Russophilen berufen, war eine Arbeit der russischen Wissenschaftler und die Zeitschrift hat ihn nur mit einem Kommentar ergänzt in dem steht, dass WENN DIE EREGEBNISE DER STUDIE DER WAHRHEIT ENTSPRECHEN, würde es sich um ein hoffnungsvolles Vakzin handeln. Die Russen waren aber nicht im Stande (oder nicht bereit) bei EMA um die Zulassung überhaupt anzusuchen und entsprechende Dokumentation zu liefern. Offensichtlich wollten sie dem strengen europäischen Zulassungsverfahren ausweichen (weil eine eventuelle Ablehnung eine echte Katastrophe für ihr Image wäre) und sich auf die Osteuropäische Populisten wie Orban oder Babiš verlassen, die bereit sind mit jedem Stoff zu impfen, nur um ihr eigenes Versagen zu vertuschen. Wenn sie Ungarn mit Sputnik impfen lassen, bin ich nicht bereit, das ihnen auszureden, ich würde aber nicht mitmachen. Übrigens, die Impfbereitschaft der Russen selbst liegt bei schwachen 40 Prozent und Präsident Putin hat sich nicht impfen lassen.

               PR hat aber Sputnik im Vergleich mit Astra Zeneca perfekt. Vladimir Vladimirovic hat gesagt, dass das Vakzin über neunzigprozentige Wirksamkeit hatte und alle drei Länder, wo es geprüft wurde, haben dann diese Zahl auch nachgeliefert. Glauben Sie dann nicht!

               Eine Werbung in der tschechischen Zeitung MFdnes, die dem Oligarchen und Premierminister Babiš gehört, hat geschrieben: „Sputnik ist wie Kalaschnikow. Einfach und verlässlich.“

Ob es die richtige Werbung war? Es drängt sich der Vergleich ein: Wie Kalaschnikow: Ein Schuss, ein Toter.

Montenegro – Binnenland II

Nach Petar I. bestieg den Thron sein Neffe Petar II. Petrovič Njeguš. Der wird von Montenegriner als „Pater Patriae“, also der Landesvater verehrt, aber nicht nur sie verehren ihn, auch bei Serben genießt er großen Respekt. Im Jahr 1982 war ich als Student in Montenegro und ich schloss Freundschaft mit einem Serben, der dort seinen Urlaub machte. Er ließ sich nicht abweisen, er wollte mich unbedingt zum Grab von Petar Petrovič Njeguš auf den Berg Lovčen, genauer gesagt auf einen der Gipfel dieses Nationalparks namens „Jezerni Vrh“ bringen. Die Tatsache, dass seine Gattin an einer Kinetose litt und sich in den zahlreichen Kehren auf dem Weg zum Gipfel in der Höhe über 1800 Meter über dem Meer (wir starteten logischerweise auf der Seehöhe Null) immer wieder übergeben musste, konnte ihn in seinem Verlangen, dem Ausländer das nationale Heiligtum zu zeigen, keinesfalls hindern, die arme Frau wurde von ihm aber häufig streng ermahnt, sich vor dem Fremden nicht so beschämend zu verhalten.

Diesmal fuhr ich mit meiner Frau hin und, obwohl sie ebenso an einer Kinetose leidet, meine rücksichtsvolle Fahrweise ermöglichte ihr den Besuch von „Jezerni vrh“ ohne Übelkeit.

               Auf dem Gipfel von „Jezerni vrh“ gibt es ein gigantisches Mausoleum, in dem der Vater des Landes bestattet ist. Es zahlt sich aus, in den Frühmorgenstunden hinzufahren, da es hier nicht genug Parkplätze gibt. Petr Petrovič ist hier in einer nachdenklichen Pose unter dem montenegrinischen Adler dargestellt, vom Gipfel des Berges kann man tatsächlich beinahe das ganze Land sehen. Von der Bucht von Kotor bis zum Skadarsee, man kann Cetinje unter dem Berg sehen, in der Ferne dann Podgorica und am Horizont eine hohe Bergkette mit dem höchsten Berg des Landes „Babin Kuk“. Petar Petrovič wacht von hier über sein Volk. Österreicher ließen ihn während des ersten Weltkrieges exhumieren und nach Cetinje überstellen, gleich nach dem Ende des Krieges brachten ihn aber Montenegriner zurück in sein Mausoleum, wo er bis heute ruht.

Petar Petrovič wurde von seinem Onkel nach Europa zum Studium entsandt. Er studierte in Wien und danach in St. Petersburg. Nach der Rückkehr ins Land und der Machtübernahme begann er im Lande bis dahin ungeahnte Reformen einzuführen. Er führte das Geld ein (man schrieb das Jahr 1830!!!), den Buchdruck, erste Schulen aber auch Steuern. Das gefiel den Montenegrinern nicht unbedingt, als er aber aus diesem Geld Straßen gebaut, die Post und ähnliche verlockende kulturelle Neuigkeiten eingeführt hatte, konnten sie sich damit letztendlich irgendwie abfinden. Petar II. baute in Cetinje einen Palast, der an die Zeit der Renaissance erinnert, ich dachte selbst, dass es sich um ein Gebäude aus dem sechzehnten Jahrhundert handelte – es war aber nicht.

Petar Petrovič lernte in Russland Billard zu spielen und das wurde zu seiner größten Leidenschaft. Er lud in den Palast örtliche Stammesführer ein, um mit ihnen Billard zu spielen, deshalb bekam der Palst seinen Namen, den er bis heute trägt – Billardia. Das Billard des Fürstbischofs Petar blieb erhalten und man kann es gleich in einem der ersten Räume des Palastes bewundern.

Der größte Verdienst gebührt allerdings Petar Petrovič für die Kodifizierung der serbischen Sprache. Er war selbst ein Dichter und Schriftsteller und wollte in der Muttersprache schreiben können. Nicht nur von dem Wortschatz, aber auch, weil er die Regel der Grammatik aus Russland importierte, ist Serbisch Russisch sehr ähnlich. Die Serben akzeptieren, dass der Vater ihrer Sprache ein Montenegriner war. Vielleicht auch deshalb ist das Verhältnis der Montenegriner zu den Serben gespalten. Die Reiseführerin in der Billardia bezeichnete zwar die Serben als eine Okkupationsmacht, in Wirklichkeit hatten aber die Montenegriner keine große Lust, sich von Serbien zu trennen. Wie ich schon schrieb, diese Volksabstimmung wurde durch die Stimmen der moslemischen Albaner in der Region Ulcinj entschieden.

               In Cetinje hat der montenegrinische Präsident seinen Sitz, es gibt hier auch Regierungsgebäuden, obwohl die Hauptstadt Podgorica ist, wo auch das montenegrinische Parlament tagt. Natürlich darf in Cetinje der königliche Palast nicht fehlen.

               Nach dem Tod von Petar Petrovič am 31.Oktober 1851 bestieg den Bischofsthron sein Neffe Danilo. Dieser entschied sich aber, der Praxis der Fürstbischöfe ein Ende zu machen, möglicherweise auch deshalb, weil er sich in eine bestimmte Darinka Kvekič verliebt hatte. Im Jahr 1852 verzichtete er also auf das Amt des Bischofs und rief ein weltliches Fürstentum aus. Seine Reformen, die das Land zu sehr an Westen annähern sollten, missfielen den Montenegrinern und Danilo wurde im Jahr 1860 in Kotor ermordet. Zum Fürsten wurde sein minderjähriger Sohn Nikola, die Regierungsgeschäfte führte aber in seinem Namen Danilos Bruder Mirko Petrovič – richtig, der, dem in Podgorica der Obelisk auf dem Hauptplatz errichtet wurde. Er führte nämlich lange Jahrzehnte die Montenegriner in die Kämpfe gegen Türken bis endlich im Jahr 1878 auf dem Berliner Kongress ein unabhängiges Königtum Montenegro entstand und Mirkos Neffe Nikola zum ersten (und letztem) montenegrinischen König wurde.

               Nikolas Palast, der so genannte „Blauer Palast“ in Cetinje ist ziemlich bescheiden, aber mit Geschmack eingerichtet. An den Wänden hängen Bilder bedeutsamer Mitglieder der Njeguš-Familie.

Natürlich auch die Bilder von Nikola und seiner Frau Milena. Milena war ein ganz einfaches Mädchen, das zuerst am fürstlichen Hof erzogen werden musste, bis sie die Sitten der Oberschicht gelernt hatte und erst dann durfte sie Nikola heiraten. Ihre einzige Qualifikation für den Titel einer Königin war ihre Schönheit, sie genoss den Ruf des schönsten Mädchens im Lande. Der temperamentvolle Nikola zeugte mit ihr zwölf Kinder, davon neun Töchter! Neun Töchter in gute Familien zu verheiraten ist keine einfache Aufgabe, Nikola schaffte es aber.  Nicht umsonst verdiente er sich dadurch seinen Spitznamen „Schwiegervater Europas“. Er konnte dadurch nicht nur mit der russischen Zarenfamilie, sondern auch mit den königlichen Häusern in England oder in Italien familiäre Beziehungen anknüpfen. Seine Lage wurde dadurch erleichtert, dass seine Töchter eine schöner als die andere waren, einige Räume im Palast tragen noch ihre Namen.

               Das größte Gebäude in Cetinje ist „Vladim Dom“ aus dem Jahr 1910, das zur Krönung Nikolas I. gebaut wurde.

Heute befindet sich in diesem Haus ein historisches und ein kunsthistorisches Museum. Zwischen Bildern der Mitglieder der montenegrinischen Königsfamilie findet man auch Werke von Picasso, Chagall oder Dali, historisch am meistens interessant ist allerdings die Ikone „Madona aus Philermon“. Diese heilige Schutzpatronin des Ordens der Malteserritter hat ein sehr bewegtes Schicksal hinter sich. Die Johanniter erwarben sie irgendwann im zwölften Jahrhundert, im Jahr 1291 nach dem Fall von Akko brachten sie die Ikone nach Rhodos und als sie die Insel im Jahr 1530 räumen mussten, packten sie das Bild ein und nahmen es mit nach Malta. Im Jahr 1798 besetzte Malta Napoleon mit seiner revolutionären Armee, die zu Religion und besonders zu heiligen Reliquien keine besonders positive Beziehung hatte. Um die Ikone vor der Zerstörung zu schützen, brachten sie die Ritter nach St. Petersburg. Im Jahr 1917 wurde sie wieder einmal von Revolutionären bedroht, diesmal von den kommunistischen, und wurde wieder evakuiert. Nach Zwischenstopps in London und Kopenhagen landete sie letztendlich in Beograd, wo sich der Sitz des Patriarchen der serbischen orthodoxen Kirche befand. Als im Jahr 1941 Serbien von Einheiten der deutschen Wehrmacht überrollt wurde, wurde die Ikone in montenegrinischem Kloster Ostrog untergebracht. Seit dem Jahr 1952 befindet sie sich in Cetinje, aber nur seit dem Jahr 2002 ist siefür die Öffentlichkeit zugänglich – in einem eigenen Raum – so genannter „Blauen Kapelle“.

               Das Kloster Ostrog, das in einen Felsen reingebaut wurde, gehört zum Pflichtprogramm des Besuches von Montenegro, es befindet sich auf dem Weg zu zweitgrößter Stadt Montenegros Nikšič. Bis nach Nikšič unbedingt zu fahren ist aber nicht notwendig, zum Schauen gibt es dort nicht viel (noch weniger als in Podgorica) und das einzige montenegrinische Bier „Nikšičko pivo“, übrigens von guter Qualität, bekommt man in Montenegro überall.

               Auf dem Weg von Podgorica in Richtung Meer fährt man am Skadarsee vorbei. Der See an der Grenze zu Albanien ist geteilt, zwei Drittel gehören Montenegro und ein Drittel Albanien. Wir hatten eigentlich vor, eine Rundreise um den See mit einem Besuch der albanischen Stadt Skadar zu machen. Das war aber nicht einfach. Auf dem Weg nach Süden gab es zuerst eine Abzweigung nach Skadar, die uns zuerst auf einen engen Weg zwischen Häusern führte, wo man den entgegenkommenden Fahrzeugen in die Höfe und Ausfahrten ausweichen musste. Hier gab es aber zumindest Asphalt. Nur dann plötzlich zeigte der Wegweiser steil hinauf auf einen wahnsinnig steilen Berg und dort sah ich nur mehr eine desolate Betonfläche mit riesigen Löchern und Stücken herausragendes Betons und ich beschloss, dass die Fahrt auf diesem Belag mein Auto nicht unbedingt überleben würde. Ich entschloss mich einen Umweg über Ulcinj zu machen. Dieser Weg war zwar länger, ich dachte aber, er wäre besser. Das war er nicht. In Ulcinj versperrten uns den Weg zwei quer abgestellte Autos der montenegrinischen Straßenarbeiter. Sie teilten uns trocken mit, dass die Straße in Folge von Reparaturarbeiten gesperrt sei. Umfahrung? Fehlanzeige! Also mussten wir ähnlich wie eine Reihe weiterer Touristen aus der Ukraine, Deutschland und dem Niederlande unsere Reise nach Albanien aufgeben. Statt dessen besuchten wir Podgorica, was – wie ich schon erwähnt habe – eine kleine Ehekrise zu Folge hatte. Zum See kamen wir aber trotzdem, und zwar bei Vizapar, einem Städtchen, das nur von Touristik lebt. Ungefähr zwanzigmal wurde uns ein Bootausflug auf dem See angeboten, aus Zeitmangel lehnte ich ab. Der See ist schön, groß, blau bis dunkelgrün. Er wird von einer Straße und der Eisenbahn, die Beograd mit Bar verbindet, durchquert. Wie bereits erwähnt, fuhr ich im Zug über den See schon einmal im Jahr 1982, als die Strecke sechs Jahre alt war. Auf dem Damm sieht man noch eine traurige Erinnerung an den türkisch-montenegrinischen Konflikt – die Ruinen der Festung Lesendro. Diese Festung ließ der Vater der Nation, Petar Petrovič, bauen. Aber noch vor ihrer Fertigstellung wurde die Festung von türkischen Truppen eingenommen und zerstört. Petar Petrovič zog sich also frustriert nach Cetinje zurück und schrieb Gedichte.

               Es hat vielleicht doch etwas für sich, wenn der Landesvater ein Dichter ist. Sogar bei einer Nation, die während ihrer Geschichte nichts anderes als Kriege, Leiden und Armut kannte. Heute entwickelt sich das Land in eine positive Richtung. Ob bei dieser Entwicklung der Rubel oder das Euro die entscheidende Rolle spielt, traue ich mich nicht abzuschätzen.

Spezifische Eigenschaften der Infektion mit Covid 19

               Covid 19 ist ein viraler Infekt, für den ein RNA-Virus aus der Familie Coronaviren verantwortlich ist und es benimmt sich bei seinem Übertragungsweg ähnlich wie die Grippe, deshalb wird es ständig mit Grippe verglichen. „Obergescheite“ Laien, halbgebildete „Experten“ sowie auch politische Ignoranten wollen es nicht lassen, die Erkrankung als eine „Grippe“ zu verharmlosen. Übrigens, die „spanische Grippe“, die 50 Millionen Menschen das Leben kostete, sowie auch die „Vogelgrippe“ oder die „Schweinegrippe“ – alle diese Epidemien wurden durch Mutationen der bekannten Grippeviren Klasse A oder B verursacht.

               Covid 19 zeigt aber bestimmte Eigenschaften, die wir Ärzte einfach nicht kennen. Das Krankheitsbild, das durch den Infekt hervorrufen wird, unterscheidet sich von einer Grippe in einigen entscheidenden Punkten. Was wieder Probleme bei der Therapie und eine erhöhte Sterblichkeit zur Folge hat. Dass die Sterblichkeit bei Covid 19 wesentlich höher als bei Grippe ist, beginnen sogar die hartnäckigen Leugner schweigend zu akzeptieren. Die Studie, die „Experten von Stafforduniversity“ publiziert haben und die Covid 19 eine Sterblichkeit von 0,25% zugerechnet hatte, zählte die Toten nämlich im Sommer – also zu der Zeit, als es keinen einzigen Fall von Grippe gab – also die Sterblichkeit bei Grippe bei Null lag. Auch jetzt, im Winter – fehlt der direkte Vergleich. Aus einem einfachen Grunde, die Anticovidmassnahmen konnten die Verbreitung des Grippevirus vollständig blockieren – nicht aber die Übertragung der Covid-Infektion – braucht noch jemand einen weiteren Beweis, dass dieses Virus viel ansteckender und gefährlicher als die Grippe ist? Herrn Kickl kann ich natürlich nicht überzeugen und ich würde es auch nicht versuchen – mit Zeugen Jehovas ist es auch sinnlos zu diskutieren.

               Jetzt aber konkret zu Spezifika der Infektion mit Covid, wie wir es in unserer täglichen Praxis erleben:

  1. Die Prinzipien der künstlichen Beatmung, wie wir sie von früher kannten, konnten wir vergessen. Als Patienten im Frühjahr nach diesen alten Regeln beatmet wurden, starben sie in einer großen Zahl. Prinzipiell haben wir beim Covid zwei Typen der Lungenbeteiligung – also der viralen Lungenentzündung. So genannter „H“ (high elastance) Typ und „L“ (low elastance) Typ. Es ist notwendig sie unterschiedlich zu beatmen. Die Regel einer schonenden Beatmung mit Luftvolumina 6-8ml/kgKG reichen in vielen Fällen nicht, der hohe Inspirationsdruck (driving Pressure), also Druck mit dem die Luft in die Lunge des Patienten getrieben wird und von dem wir immer Angst hatten, ist bei der Patienten mit Covid häufig unentbehrlich. Der hohe „basale Beatmungsdruck“ so genannter PEEP, der normalerweise bei Lungenversagen verwendet wird, erwies sich als kontraproduktiv. Von der Bauchlagerung bei dem klassischen Lungenversagen (in der medizinischen Terminologie ARDS genannt) profitiert nur die Hälfte der Patienten. Wir sehen immer wieder Patienten mit einer so steifen Lunge, dass wir nicht im Stande sind, die Luft in ihre Lunge überhaupt zu bekommen – und sie sterben. Das ist etwas, was wir bei den Patienten mit Grippe nicht kennen, obwohl auch diese Infektion ARDS verursachen kann.
  2. Covid 19 aktiviert in bisher unbekanntem Ausmaß die Blutgerinnung. Ja, die Blutgerinnung wird allgemein bei allen septischen Zuständen aktiviert, weil sich der Körper bemüht, die infektiöse Herde durch die Blutgerinnsel abzugrenzen, aber die Aktivierung der Blutgerinnung bei Covid 19 ist vielfach höher als bei anderen Infektionen. Die Folge sind Thrombosen in allen Organen. In der Lunge, in den Nieren, der Leber und im Gehirn. Als die ersten Patienten in Italien in Frühjahr obduziert wurden, waren die Ärzte schockiert, dass die Leichen voll mit Thromben waren. Die obduzierenden Pathologen hatten so etwas noch nie gesehen. Wir versuchen diesen Zuständen mit Heparin vorzubeugen, nicht aber immer erfolgreich. Zu Thrombosen und Lungenembolien kann es noch 4 Wochen nach der durchgemachten Infektion kommen.
  3. Die Patienten, besonders die älteren, entwickeln in bisher unbekanntem Ausmaß Delir, also Verwirtheitszustände mit Aggressivität, was die Behandlung ohne Intubation und Beatmung extrem schwierig bis unmöglich macht. Delir ist zwar ein bekanntes Syndrom bei schweren Infektionen bei älteren Patienten (Confusness) und ist mit einer dreißig Prozent höheren Sterblichkeit im Vergleich mit den Patienten ohne Delir verbunden, bei Covid ist aber diese Komplikation extrem häufig. Praktisch alle Patienten leiden noch einige Tage bis Wochen nach dem Ende der Beatmung an schwerwiegende Verwirtheitszustände und brauchen sehr hohe Dosen von Medikamenten, die man sonst in der Psychiatrie verwendet – die natürlich auch mit möglichen schweren Nebenwirkungen belastet sind. Ohne diese Medikamente geht es aber gar nicht. Die Neurologen fanden noch nicht heraus, was die Ursache dieses Symptoms ist. Das Virus wurde im Gehirn nur extrem selten direkt nachgewiesen (obwohl eine solche 45 Jahre alte Patientin mit Gehirnbeteiligung hatten wir auch bei uns), es wird über kleine Blutgerinnsel in den Hirngefäßen oder über eine autoimmune Antwort mit Entzündung der Gefäße diskutiert. Langfristige psychische Folgen sind nicht nicht bekannt, wir müssen sie aber befürchten.
  4. Früher unbekannter Zustand, so genannter „happy hypoxemic“. Sogar Patienten mit einer sehr schlechten Sauerstoffsättigung im Blut fühlen sich gut, sie essen mit Lust, sie telefonieren, es scheint, dass ihnen nichts fehlt. Dann brechen sie in Laufe weniger Stunden zusammen und landen an der Beatmungsmaschine oder sind sie tot. Dieses Phänomen kennen wir bei anderen Lungenerkrankungen auch nicht. Eine frühzeitige Intubation dieser Patienten nur wegen der schlechten Blutgase führte zu erhöhter Sterblichkeit, späte Intubation im Zustand der allgemeinen Erschöpfung ist aber auch schlecht. Ein Warnzeichen in den Blutgasen ist der erniedrigte Spiegel von Kohlenhydroxid als Hinweis auf eine Hyperventilation – nur dank einer schnelleren und tieferen Atmung halten diese Patienten für den Körper akzeptablen Sauerstoffspiegel im Blut. Diese Anstrengung führt aber später zu Erschöpfung und zu dem bereits beschriebenen raschen Zusammenbruch. Diese Tatsache hängt wahrscheinlich mit dem nächsten Punkt zusammen.
  5. Nämlich mit dem Stoffwechselzusammenbruch. Das ist etwas, was wir von anderen Infektionen nicht in so einem Ausmaß kennen. Praktisch bei jedem Patienten mit einem schweren Verlauf der Krankheit kommt zu einem raschen massiven Anstieg von Ferritin, also des Speichereisens, das der Körper nicht im Stande ist, der Blutbildung zuzufügen und zu einem Albuminabfall, also massiver Reduktion eines Eiweißes, das wichtig für Kreislaufstabilität, für metabolische und immune Funktionen und für das Erhalten von normaler Azidobase (pH) im Körper zuständig ist. Der Stoffwechsel der Patienten mit Covid ist beeinträchtigt in einem Ausmaß, das wir bei anderen Krankheiten nur sehr vereinzelt sehen konnten. Natürlich wird die Abwehrfähigkeit des Immunsystems auf diese Weise entscheidend reduziert. Hier suchen die Ärzte die Antwort auf die Frage, warum übergewichtige Menschen häufiger schwere Krankheitsverläufe haben. Die Ursache könnte die Fettleber sein, die adipöse Menschen häufig haben, denn gerade die Leber spielt im Stoffwechsel eine Schlüsselrolle.
  6. Hypertensive Krisen, die nur schwer mit üblichen Medikamenten zu beherrschen sind. Natürlich spielt hier auch die verständliche Angst des Patienten eine wichtige Rolle. Die Panik schwemmt die Stresshormone wie Katecholamine aus – und die treiben den Blutdruck in die Höhe. Es kann auch ein Zeichen der Muskelerschöpfung sein, wenn der Körper die letzten Reserven aktiviert, wie bei dem Aufstieg auf einen hohen Berg, wenn die Kräfte schwinden. Dann kommt es zu einem Kreislaufzusammenbruch mit Schock.
  7. Zytokinsturm kennen wir auch von anderen infektiösen Krankheiten, er begleitet septische Zustände, wenn die Immunität außer Kontrolle gerät und den eigenen Körper zu vernichten beginnt. Aber in so einem Ausmaß wie bei Covid 19 kennen wir diese Reaktion nicht. Eine zentrale Rolle bei dem Start dieser pathologischen Reaktion, die häufig tödlich endet, spielen die Stoffe Interleukine, konkret Interleukin 6. Warum es zu dieser pathologischen Reaktion kommt, die viel zu häufig tödlich endet, wissen wir nicht. Medikamente, die diese Reaktion unterbinden sollten, wie Chloroquin oder Hydrochloroquin (in diese Stoffe hat man am Anfang der Pandemie große Hoffnungen gesetzt) oder Estrogenanaloga wie Raloxifen oder Bazedoxifen, zeigten sich unwirksam. Momentan herrscht eine Euphorie um Antiparazitikum Ivermectin, nach allen falschen Hoffnungen ist aber notwendig vorsichtig zu sein. Immunomodulantien, die direkt Rezeptoren von Interleukin 6 blockieren, wie Tozilizumab (RoActembra) oder Saralizumab (Kevzara), oder Ustekimumab (Stelara), das diese Rezeptoren indirekt durch Blockade Interleukine 12/23 blockiert, sind in der Prüfungsphase.
  8. Syndrom PIMS, also „Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrom“ war bis zu Covid-Pandemie eine extrem seltene Erkrankung der falschen Immunantwort bei Kindern, auch bekannt als Kawasaki Syndrom. Jetzt tritt es als eine späte Antwort auf eine durchgemachte Infektion bei Kindern aus, wobei der Infekt selbst meistens asymptomatisch verlief und hohes Fieber mit Beschädigung mehrerer lebenswichtigen Organe Wochen nach dem Infekt mit Covid eintritt. Aus diesem Grund wurde der direkte Zusammenhang dieses Syndroms mit der Infektion mit Covid noch nicht endgültig bestätigt, ist aber naheliegend. Es handelt sich zwar nicht um ein häufiges Syndrom, es ist aber trotzdem eine Antwort für die, die behaupten, dass Covid Kinder nicht angreifen kann. Viele der betroffenen Kinder enden auf der Intensiveinheiten der Kinderkliniken.

Einfach egal aus welchem Winkel ich die Sache betrachte, eine Grippe ist das nicht. Ich bin in der medizinischen ersten Front bereits seit 36 Jahren tätig aber das Krankheitsbild, das Covid 19 bietet, kenne ich nicht. Ich bin an dieser Stelle nicht bereit, mich mit der Frage zu beschäftigen, ob dieses Virus, das alle Naturgesetze missachtet, eine natürliche Mutation oder aus einem Labor entwischt ist. Ich will nicht zu Konspirationstheoretikern gezählt werden.

       Ich möchte nur warnen. Wir haben mit einer neuen, bisher unbekannten Krankheit zu tun. Sicherlich wird sie einen Ansturm neuer Professoren auf den Kliniken auslösen, die diese Krankheit erforschen und mit diesem Thema habilitiert werden. Und es ist auch gut so. Für sie ist es vielleicht ein Segen. Nicht aber für die Betroffenen.

Passt auf euch auf!

Montenegro – das Binnenland I

               Die Geschichte dieses kleinen Landes spielte sich nicht an der Küste ab, wo heutzutage das Leben und der Tourismus blühen, sondern im Inneren des Landers. Übrigens bis zum Jahr 1878 hatten die Montenegriner keinen Zugang zum Meer.

               Also wenn man das Land besser kennenlernen möchte, muss man die Küste verlassen. Heute erleichtert den Zugang in das Innenland ein Straßentunnel zwischen Čanj und Podgorica, durch den man für eine mäßige Gebühr von 2 Euro die Hauptstadt des Montenegros in einer guten halben Stunde erreichen kann. In den Zeiten vor der Fertigstellung dieses Tunnels gab es nur eine schlechte Straße, die bei Petrovac in die Berge abbog und an dem Skadarsee vorbei über Vizapar nach Podgorica führte – dieser Weg verlangte mehr als die doppelte Fahrzeit. Immerhin gab es aber bereits seit 1904 eine Schmalspureisenbahn zwischen Bar und Vizapar und im Jahr 1976 wurde die Eisenbahnverbindung Beograd-Bar fertiggestellt, die ich persönlich bereits im Jahr 1982 nutzen durfte.

               In der Meinung über die montenegrinische Hauptstadt Podgorica waren meine Frau und ich nicht ganz einig. Ich vertrat die Meinung, dass es dort nicht viel zu sehen gäbe, sie war dagegen überzeugt, dass es dort GAR NICHTS gab.  Wie meine Leser wissen, in diesen Streitereien mit meiner geliebten Gattin behalte ich meistens recht, schon deshalb, weil ich es bin, der darüber schreibt. Und wenn man sucht, findet man sogar in Podgorica etwas Sehenswertes, obwohl es – in diesem Punkt gebe ich meiner Frau recht – nicht einfach ist. Natürlich findet man dort nicht viel Historisches, die Stadt lag ständig an der Frontlinie zwischen Türken und Montenegrinern und wurde mehrmals zerstört, das letzte Mal im zweiten Weltkrieg, als hier verbitterte Kämpfe zwischen den Tito-Partisanen und der deutschen Wehrmacht tobten (ich kann mich aus meiner Kindheit an einen unglaublich brutalen Film „Die Schlacht an der Neretva“ erinnern, der den Kampf der Partisanen um einen Durchbruch nach Norden zu den Hauptstreitkräften der Tito-Armee schilderte, in dem der Fluss Neretva ein todbringendes Hindernis darstellte. Dank dieses Filmes konnte ich einige Nächte danach nicht schlafen). Zu Ehre des jugoslawischen Führers bekam die Stadt nach dem zweiten Weltkrieg den Namen Titograd und kehrte erst im Jahr 1992 zu ihrem ursprünglichen Namen Podgorica zurück.

               Das Stadtzentrum teilt sich in die Altstadt (Stary Varoš) und die Neustadt (Novy Varoš) auf. Die Altstadt ist tatsächlich eigenartig. Wo sonst findet man im Zentrum der Hauptstadt einen Hühnerstall mit lebenden Hühnern und Esel auf der Hauptstraße? Von der Bedeutungslosigkeit Podgoricas in der Zeit der türkischen Vorherrschaft zeugt eine bescheidene Moschee mit einem Minarett, obwohl aus dieser Zeit die einzige historische Sehenswürdigkeit der Stadt stammt – nämlich der Uhrturm „Sahat Kula“.

Von der türkischen Festung am Zusammenfluss der Flüsse Morača und Ribnica blieb nur ein kleines Stück der Befestigungsmauer übrig. Es reicht ein Blick auf diese „Sehenswürdigkeit“ vom Stadtpark mit einer großen Reiterstatue des Königs Nikola I. aus, um zu verstehen, dass sich ein Übergang des Flusses (eher eines Baches) Ribnica aus diesem Grund sicher nicht lohnt.

               Imposant ist die Milleniumsbrücke über den Fluss Morača und im Stadtzentrum der „Trg nezavisimosti“, also „Unabhängigkeitsplatz“ im Stil der kommunistischen Architektur und mit einer Fontäne in der Mitte und mit einem Obelisken, der zu meinem Erstaunen nicht Tito und seine Partisanen ehrt, wie man erwartet hätte, sondern dem Kämpfer gegen die Türken, dem Onkel des Königs Nikola I., Mirko Petrovič Njeguš gewidmet ist.

Aber immerhin fanden wir in der Neustadt die russische und die deutsche Botschaft, eine Reihe von Cafes und Restaurants, das Hotel Hilton, die Nationalbank (ich habe zwar nicht verstanden, wozu Montenegro diese Institution hat, wenn es keine eigene Emissionspolitik betreiben darf, aber so etwas gehört sich einfach), ein großes modernes Nationaltheater mit einer Statue Petars II. Petrovič Njeguš vor dem Gebäude – wer sonst könnte dort sein? Darüber aber ein bisschen später.

               Bitte, den Königspalast nicht vergessen! Am Ufer der Morača in einem großen Park unweit des Zentralkrankenhauses findet man einen ziemlich bescheidenen Palast der Familie Njeguš. König Nikola ließ diesen Palast als Geschenk für seinen Sohn Mirko bauen, Mirko mochte aber Podgorica – ähnlich wie meine Gattin – nicht, und wollte nicht in den Palast ziehen. Im Jahr 1916 hatte er aber keine Wahl. Montenegro wurde von österreichischen Truppen überrollt, Prinz Mirko geriet in die Gefangenschaft und er wurde in dem Palast, den sein Vater für ihn bauen ließ und den er nicht mochte, interniert. Sein Schicksal holte ihn also ein.

               In der Zeit vor der türkischen Expansion gab es auf dem Gebiet Montenegros ein Königreich namens Zeta, wo die Familie Crnojevič herrschte. Sie war eng mit dem serbischen Königreich verbunden und in der schicksalhaften Schlacht auf dem Amselfeld kämpften und starben also Montenegriner an der Seite der Serben. Danach gerieten sie unter einen gewaltigen türkischen Druck. Die Crnojeviči versuchten vergeblich, eine Koalition mit der Familie des albanischen Heros Skanderbeg zu bilden, die den Türken Paroli bieten könnte. Der letzte der Dynastie Ivan Crnojevič bemühte sich vergebens, seine Stellung in der Ebene unter den Bergen zu festigen, es gibt hier sogar zwei seiner Hauptstädte Žabjak und Rijeka Crnojeviča, die beide unter dem Druck der türkischen Truppen zugrunde gegangen sind. Heute sind sie kleine romantische Dörfer. Ivan Crnojevič konnte sich gegen die türkische Übermacht nicht halten und musste sich in die Berge zurückziehen, wo er im Jahr 1482 die Stadt Cetinje gründete und danach die Rettung in Italien suchte. Wenn man die geographische Lage Cetinjes wahrnimmt, kann man sich vorstellen, in welcher verzweifelten Lage sich Crnojevič befand, als er sich entschied, von diesem „Niemandsland“ aus zu regieren. Er konnte sich aber nicht einmal hier halten, die Armee der „Hohen Pforte“ war viel zu mächtig und die Dynastie der Crnojevič fand im Jahr 1499 ihr Ende. Ivan hat in Cetinje eine Statue – er war doch der Gründer der Stadt.

               Die Türken zeigten nie besonderes Interesse in diesem unfruchtbaren Land direkt zu herrschen. Das roch nach viel undankbarer Arbeit und wenig Gewinn. Aus diesem Grund schlossen sie einen Vertrag über eine vorteilhafte Zusammenarbeit mit den örtlichen Bischöfen. Diese regierten im Land unter dem Berg Lovčen als türkische Vasallen, sie zahlten Steuern nach Istanbul und hatten von den Türken mehr oder weniger Ruhe. Im siebzehnten Jahrhundert besetzte das Amt des Bischofs die Familie Njeguš. Danilo Petrovič, der erste aus der Reihe der Bischöfe aus dieser Familie, ließ in Cetinje ein gewaltiges Kloster bauen, das auch das Zentrum der Macht war – und das steht bis heute.

Er musste es sogar dreimal bauen, da in den Jahren 1698 und 1712 das Kloster von den Türken dem Erdboden gleich gemacht wurde. Das Kloster ist eine Dominante der Stadt auch heute und wenn man Cetinje besucht, muss man es einfach besuchen. Das Mausoleum Danilos steht auf einem Hügel über dem Kloster, ein Aufstieg zu ihm ist eine kleine sportliche Leistung. Die Macht ging regelmäßig vom Onkel auf den Neffen über, da die orthodoxen Priester zwar heiraten dürfen, nicht aber die Bischöfe. Im Jahr 1784 bestieg den Thron der Fürst Bischof Petar I. Es gelang ihm nicht nur die zerstrittenen montenegrinischen Stämme zu einigen, sondern sogar so etwas wie ein Staatsgebilde zu gründen. Er konnte sehr geschickt zwischen Türken, Russen und Franzosen, die in dieser Zeit Dalmatien besetzten, manövrieren. Das Angebot Napoleons, ein serbischer Patriarch unter französischem Schutz zu werden, lehnte er aber dankend ab. Nach seinem Tod im Jahr 1830 wurde er heiliggesprochen und sein Leichnam befindet sich im Kloster in Cetinje, das seinen Namen trägt. Wir waren Zeugen, als eine Frau einen Mönch bat, den Leichnam des Heiligen sehen zu dürfen.  Er brachte sie zum Sarg und klappte den Deckel auf, der Leichnam Petars I. befindet sich im Sarg unter einer Glasscheibe. Die Frau warf sich auf das Glas, sie umarmte und küsste es, es war für uns ein etwas ungewöhnlicher Beweis des Kultes des Heiligen. Wir weigerten uns, die Dame in dieser Tätigkeit nachzuahmen, obwohl uns der Mönch dazu aufgefordert hat.

Montenegro Küste II

Mit ein bisschen Glück und Impfbereitschaft würde man heuer hoffentlich wieder reisen dürfen. So möchte ich meine Serie der Urlaubsdestinationen fortsetzen.

Im Norden von Montenegro befindet sich der größte Fjord in Südeuropa „Kotorski zaliv“ . Wenn man von Norden kommt – und das ist die Regel – kann man die Bucht an ihrer engsten Stelle mit einer Fähre für 4 Euro überqueren, die Bucht zu umfahren ist nämlich eine unendliche Angelegenheit. Von Süden erreicht man Kotor leicht durch einen Tunnel und man kann ein Stück Geschichte erleben, wenn nicht gerade im Hafen der Stadt Kreuzfahrtschiffe anlegen – und das tun sie leider ziemlich häufig. In diesem Fall ist das Städtchen, eingeklemmt zwischen Felsen und Meer in kürzester Zeit hoffnungslos überfüllt. Ich entschied mich für acht Euro einen Aufstieg auf die Stadtmauer zu kaufen, ohne zu ahnen, dass der Weg zur Festung führt, die sich in einer Höhe von 200 Meter über dem Meeresspiegel befindet – Sie ahnen richtig, die Stadt hat eine Meereshöhe von Null.

Die zweihundert Höhemeter in der adriatischen Hitze zu bezwingen ist keine einfache Sache. Ich schaffte es, meine liebe Gattin gab in der Mitte auf. Natürlich gibt es jede paar Meter eine Erfrischungsstation mit einem Montenegriner, der überteuerte gekühlte Getränke verkaufte. Wenn man dann endlich den Gipfel erreicht, wird man von einer Anschrift „Hladna Piča“ begrüßt, Gott sein Dank mit einer englischen Übersetzung „Cold drinks“. Für einen tschechischen Touristen war diese Übersetzung eine sehr wichtige Sache, um zu wissen, was auf ihn in der Festung wartet – „Piča“ auf Tschechisch ist nämlich eine nicht gerade salonkonforme Bezeichnung des weiblichen Geschlechtsorgans. Und „hladna“ bedeutet auf Tschechisch hungrig, also keine besonders schöne Vorstellung. So viel also zur Ähnlichkeit der slawischen Sprachen.

Die Türken belagerten Kotor gleich drei Mal, aber immer erfolglos, was mich nicht überrascht. Wer möchte schon die zweihundert Meter den Felsen hinaufklettern, wenn er dort anstatt von kühlen Getränken von Männern mit geladenen Musketten erwartet würde? Da könnten sie mich auch…

Kotor stellte sich im fünfzehnten Jahrhundert freiwillig unter den Schutz von Venedig und blieb hier bis zum Jahr 1797, als es dann unter die Verwaltung des Österreichischen Kaiserreichs kam. Einmal hat auch der berühmte türkische Pirat Ahmedin Barbarossa versucht, die Stadt einzunehmen, aber auch er biss sich die Zähne aus. Sogar im Jahr 1571, in der Zeit der größten türkischen Offensive, als Cyprus, Bar und Ulcinj in die türkischen Hände fielen, schaffte es Kotor sich erfolgreich zu verteidigen. Bei einem Blick auf seine Stadtmauern, die zwanzig Meter hoch und sechzehn Meter dick sind, wundert man sich eigentlich nicht.

Matrosen von Kotor kämpften auch im Oktober 1571 bei Lepanto, wo die vereinte christliche Flotte unter der Führung von Juan d´Austria die türkische Seemacht endlich brechen konnte. An diese Helden erinnert eine Gedenktafel an der Mauer eines der Paläste von Kotor.  

Die Stadt ist wortwörtlich eingekeilt in einen winzigen Raum zwischen dem Meer und dem Felsen und hat drei Tore, des Nordtor, das Südtor (das schwer zu finden, weil unter dem Felsen versteckt ist und „Glavna gradska vrata“, also Das Haupttor, durch das man den Hafen betritt, und einige Kirchen.

Nordtor von Kotor

Natürlich, dass die größte davon „Sankt Nikola“ orthodox ist, gebaut am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in neobyzantinischem Stil, die Fresken im Kircheninneren sind ein Geschenk des Patriarchen von Moskau. Neben dieser großen Kirche gibt es noch eine Dominante, die katholische Kirche des heiligen Trifons. Sie ist eine Erinnerung an die venezianische Vergangenheit der Stadt. Wie auch sonst überall, wo Venezianer in Montenegro waren, hinterließen sie ihre Spuren in der Gestalt des katholischen Glaubens und diese Spuren reichen noch weiter nach Süden nach Nordalbanien in die Region um Skadar. Die leiblichen Überreste des heiligen Trifons wurden nach Kotor anfangs des neunten Jahrhunderts von Konstantinopel gebracht und seitdem ist der Heilige der Patron der Stadt. Seine Gebeine sind in einem Sarkophag in der Kirche aufbewahrt, an dem man Spuren vieler Erdbeben sehen kann, die sich in dieser Gegend ungefähr alle hundert Jahre wiederholen. Die Innenausstattung der Kirche ist nur rudimentär, obwohl Kotor sowie auch Budva im Jahr 1979 von UNESCO in das Weltkulturerbe aufgenommen und dann für das Geld dieser Organisation wiederaufgebaut wurden. Übrigens die Kirche des heiligen Trifons hat schon schlimmere Zeiten überstanden. Bei einem Erdbeben im Jahr 1667 stürzten beide Kirchentürme ein und mussten wieder aufgebaut werden. Von der Terrasse zwischen den Türmen gibt es einen schönen Blick auf den Platz mit dem Gebäude der ehemaligen österreichischen Admiralität. Von hier aus gebärdeten sich Österreicher als Matrosen und in einer Seeschlacht konnten sie sogar gewinnen – über wen sonst, als über die Italiener. Es war im Jahr 1866 in der Schlacht bei Lissa, aber nicht einmal dieser österreichische Sieg konnte etwas an dem Ausgang dieses Krieges ändern, da dieser bei Königsgraz in der Schlacht gegen Preußen entschieden wurde. Die Schiffsglocke des Flaggschiffes der österreichischen Flotte „SMS Erzherzog Ferdinand Max“ befindet sich seit dem Jahr 1975 im Turm der Kirche des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Graz.

In Kotor gibt es mehrere kleine liebe Kirchen wie „Sveta Maria Koledata“ oder „Sveti Pavle“ oder gleich neben dem Sankt Nikola eine unauffällige, aber schöne „Sankt Luka“. Über die seefahrerische Tradition von Kotor informiert „Pomorski muzej“ in „Palata Grgutina“ mit Schiffmodellen, der Geschichte der Seefahrt von Kotor und Bilder berühmter Landsleute, die es auf den Weltmeeren weit gebracht haben. Wie zum Beispiel der Admiral Matej Zmajevic, der es bis zum Oberkommandanten der russischen Kriegsflotte gebracht hat. Er wurde zwar nicht direkt in Kotor, sondern in dem nicht weit entfernten Perast geboren, die Menschen von Kotor halten ihn aber eigentlich für einen gebürtigen Kotoraner). Der Hauptplatz gleich hinter dem Tor in den Hafen heißt zwar offiziell „Trg oktobarskej revolucie“ also „Platz der Oktoberrevolution“, die Kotoraner kennen ihn aber eher als „Trg Oružia“, also „Waffenplatz“.

Die Dominante ist der Uhrturm, den hier die Venezianer am Anfang des siebzehnten Jahrhunderts errichten ließen, über ddem Tor sieht man als eine Erinnerung an die Einnahme von Kotor durch die jugoslawischen Partisanen im Jahr 1944 dann einen Zitat von Tito „Fremdes wollen wir nicht, Unseres geben wir nicht ab“.

Im Hafen kann man einen Bootausflug in die Bucht kaufen, wobei man auch die Halbinsel Luštica mit der alten österreichischen Festung Mamula besuchen kann. Diese Festung wird gerade in ein Luxushotel umgebaut. Man kann auch die unterirdischen Katakomben in den Höhlen besuchen, wo österreichische U-Boote ihr Versteck fanden und wo man noch heute österreichischen kaiserlichen Wappen als eine Erinnerung an diese Zeiten finden kann. Zu meinem Erstaunen hatten alle Reisebüros, die diese Ausfluge anboten, gleiche Abfahrtzeiten und zwar um elf vormittags und um drei nachmittags, nichts dazwischen. Was in der Praxis bedeuten müsste, dass alle Schiffe gleichzeitig in See stechen und dann gleichzeitig ans Ziel kommen. Im Programm war auch das Baden im Meer. So etwas kennen wir schon von La Maddalena auf Sardinien, also danke, brauche ich nicht. Obwohl für mich der Besuch alter österreichischen Arsenale verlockend war.

Die südlichste Küstenstadt Montenegros ist Ulcinj, ehemaliges Dolcinea. Erinnert euch der Name an etwas? Zum Beispiel an die Traumschönheit von Don Quijote Dulcinea? Nein, es ist kein Zufall, in Ulcinj verbrachte Miguel Cervantes fünf Jahre in Gefangenschaft der Piraten und der Name der Stadt inspirierte ihn offensichtlich, um der unerreichten schönen Dame in seinem Roman den Namen zu verleihen.

Heute gibt es hier natürlich das Hotel „Dulcinea“ und eine Statue von Cervantes in einem Hotel namens „Palata Venezia“, wo er angeblich gefangen gehalten wurde – damals gab es auf dieser Stelle sicherlich noch kein Luxushotel. Ulcinj war ein Piratennest, so etwas wie adriatische Tortuga. Im Jahr 1571 fiel es in türkische Hände, was einer der Gründe für die christliche Gegenoffensive war, die mit der Niederlage der türkischen Seemacht bei Lepanto geendet hat. Die Küste von Montenegro blieb dann türkisch bis zum Jahr 1878, Ulcinj selbst wurde nach längerem hin und her letztendlich im Jahr 1880 von der Türkei an Montenegro abgetreten.

Ulcinj ist sehr malerisch und vollständig auf den Fremdverkehr orientiert. Die Altstadt ragt auf einem Felsen über dem Stadtstrand und vielen Gassen mit Geschäften, Hotels und Appartements empor.

Auf dem höchsten Punkt der Altstadt gibt es dann eine Festung mit Museum. Der Vorteil für Touristen sind hier ziemlich niedrige Preise. Die meisten Gäste der überwiegend moslemischen Ortsbevölkerung sind nämlich Albaner aus dem Kosovo und ihre Kaufkraft ist nicht sehr groß. Zu meiner Überraschung parkten in den Straßen von Ulcinj nicht wenige Autos mit amerikanischen Kennzeichen, besonders aus den Staaten New York und New Jersey. Die Albaner kehren offensichtlich nach Hause auch mit ihren auf der anderen Seite des Atlantiks gekauften Fahrzeugen zurück. Übrigens, es waren gerade die Albaner aus der Ulcinjregion, die die entscheidende Kraft bei der Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Montenegros von Serbien waren. Während die slawischen Montenegriner mehrheitlich für Verbleib in der serbisch-montenegrinischen Föderation gestimmt haben, die Albaner im Süden des Landes waren in 80% der Stimmen für die Abspaltung. Das war dann entscheidend.

Das Baden direkt in Ulcinj würde ich nicht unbedingt empfehlen. Der Strand ist überfüllt, die Frauen baden hier nach dem muslimischen Brauch angezogen.

Aber nur ein paar Kilometer südlich der Stadt gibt es einen langen, langsam abfallenden Sandstrand, ideal für das Baden auf die Art, die meine Frau liebt. Es gibt mehrere Zufahrten zu diesem Strand und seine einzelnen Teile haben unterschiedliche Namen wie „Pearl Beach“, „White Beach“ oder sogar „Copa Cabana“. Und alle sind sehr schön.

Am südlichsten Ende dieses Strandes, fünfzehn Kilometer südlich vom Ulcinj, gibt es dann in der Mündung des Flusses Bojana der berühmte FKK Camp mit dem Strand Ada Bojana, wo bereits einige Filme gedreht wurden. Die besten Zeiten hat allerdings diese Anlage schon hinter sich und sie ist bereits sanierungsbedürftig geworden.

Übrigens, sollten Sie Ulcinj besuchen und in die Altstadt aufsteigen, kann ich Ihnen das Restaurant Antigona empfehlen. Es ist ein neugebautes Restaurant auf einer Terrasse über das Meer mit einem atemberaubenden Ausblick.

Die Preise sind, wie es in Ulcinj der Brauch ist, erschwinglich, wir aßen und tranken mit meiner Frau für einen Gesamtpreis von 20 Euro. Die Bedienung war höchst professionell und der Restaurantbesitzer, ein junger Mann namens Albert, sprach vielleicht alle Sprachen der Welt, um seinen Gästen das Gefühl zu übermitteln, dass sie willkommen seien und von ihm persönlich betreut werden. Es bleibt nur zu hoffen, dass der liebe Albert durch die Coronakrise gut durchgekommen ist und seine Dienste auch weiter anbieten kann.

Montenegro ist natürlich nicht nur die Küste, sondern auch das Innenland. Danach hat doch das Land seinen Namen bekommen. Aber darüber das nächste Mal.