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Florenz II

Wir haben im letzten Artikel Florenz am Ende des vierzehnten Jahrhunderts verlassen, als es sich bemühte, sich von schweren Schlägen, wie Pest, Konkurs der größten Banken und Aufstand der Ciompi zu erholen. 

Hätten wir damals die Stadt angeschaut, hätten wir eine für ihre Zeit imposante Agglomeration mit acht Kilometer langer Befestigungsmauer gesehen. Auf dem Berg über die Stadt ragte das Kloster San Miniato empor, im Stadtzentrum rivalisierten die „Campanilla“ von Giotto mit dem Turn des „Palazzo vecchio“ um die Ehre des höchsten Gebäudes der Stadt. Den „Palazzo vecchio“ hätten wir im heutigen Aussehen gefunden, natürlich noch ohne David vor ihm, ihm gegenüber die „Loggia dei Lanzi“, die der Versammlungen der dezimierten Bevölkerung der Stadt diente. Auch hier hätten wir vergeblich nach Stauen gesucht, die sie heute schmücken „Perseus mit Kopf der Meduse“ von Benvenuto Cellini und „Raub der Sabinerinen“ von Giambologna. Die Loggia hatte damals nicht einmal ihren heutigen Namen, den bekam sie nach den deutschen Landsknechten des Herzogs Cosimo I. aus der Familie Medici, über die wir uns heute unterhalten werden. Es gab bereits den „Il Bargelo“ und die Kathedrale, allerdings noch ohne die heutige Kuppel. Die finanzielle Notlage der letzten Jahrzehnte erzwang die Unterbrechung des Baus. Dafür ragten über die Paläste der Stadt viele Türme, die aus Ferne bereits angekündigten, dass im Haus eine Familie logiert, die sich mit einem Adelstitel schmücken durfte. Der Fluss Arno wurde von einer einzigen Brücke überbrückt, die wir als „Ponte vecchio“ kennen, statt Goldschmuck wurden hier aber in den Geschäften Lebensmittel und Fische verkauft, der Geruch aus den Buden war für die Überquerung des Flusses nicht gerade einladend, und wer es versuchte, dann am besten mit einem Tuch vor der Nase. Natürlich hätten wir noch nicht den „Palazzo Uffizi“ oder den „Palazzo Pitti“ gefunden, die dominikanische Kirche „Santa Maria Novella“, „San Lorenzo“ oder „Santa Croce“ sahen ganz anders und viel bescheidener aus. Alle diese Kirchen haben auf ihre innere Ausstattung noch gewartet. Natürlich fehlten auch alle heutigen Paläste der reichen florentinischen Familie, die mussten auf ihre Entstehung die Renaissance abwarten.

               Im Hintergrund des politischen Lebens der Stadt arbeitete bereits unermüdlich der Gründer des Ruhmes der Familie, die in die florentinische, aber auch in die Weltgeschichte, eingehen sollte. Giovanni Medici, genannt „Bicci“ war nicht nur ein Bankier, aber auch ein Politiker. Das Bankhaus Medici war relativ jung und nicht besonders groß, damit entging es aber der Katastrophe der älteren Bankhäuser. Giovanni wirkte auch als ein Anwalt und erarbeitete sich eine Position, die einem Justizminister entsprechen würde. Er setzte eine Steuerreform durch, die arme Schichten der Bevölkerung begünstigte und gewann damit in den unteren und mittleren Schichten der florentinischen Gesellschaft eine große Popularität. Dazu beflügelte er die Erzeugung von Stoffen aus Wolle und beschäftigte damit immer mehr Leute, die von ihm abhängig wurden. Florentiner nutzten die Tatsache, dass das Osmanische Reich in einem Dauerstreit mit Genua und Venedig war und knüpften mit der „Großen Pforte“ sehr gute Beziehungen. Der Handel mit dem Orient blühte und nach dem Fall von  Konstantinopel gewannen die Florentiner in den Türken einen wichtigen Abnehmer ihrer Waren – natürlich solange sie sie durch die venezianische Blockade durchbringen konnten.

               Giovanni trat auf die Bühne der Weltpolitik im Jahre 1409, als er sich entschied, den Wahlkampf eines gewissen Seeräubers namens Baldassare Cossa zu finanzieren, der zum Staunen aller Papst werden wollte. Niemand würde auf ihn einen Cent setzen, Giovanni erkannte aber das Potenzial dieses Mannes und unterstützte ihn. Als sein Kandidat wirklich zum Papst unter dem Namen Johann XXIII. wurde, brachte es dem Haus Medici Zugang zum römischen Finanzmarkt.

               Im Wappen der Medicis gibt es fünf Kugeln, die unterschiedlichste Interpretationen hervorriefen. In Zusammenhang mit dem Namen Medici entstanden Vermutungen, dass es sich um Pillen handelt, da die „Medici“ Ärzte oder Apotheker wären. Die einfache Wahrheit ist, dass die Medici seit der Entstehung Ihrer Familie sich nur mit Finanzen beschäftigten und die sechs Kugel sind sechs Münzen, so genannte „Besants“, die bekannt gaben, dass im Haus, auf dem dieses Zeichen angebracht war, sich eine Wechselstube befand.      

               Im Jahr 1414 wurde von Kaiser Sigismund ein Konzil nach Konstanz auf dem Bodensee einberufen, das die Spaltung der Kirche mit drei Päpsten beenden sollte. Giovanni zögerte nicht und entsandte nach Konstanz seinen ältesten Sohn Cosimo. Auf der Stelle, wo auf dem Platz nahe der Kathedrale von Konstanz die Wechselstube der Medici stand und wo Cosimo wirkte, gibt es heute die „Bar Medici“.

Johann XXIII. verlor zwar seinen Kampf gegen den Kaiser, die Medici aber haben gewonnen. Und das, obwohl sie ihren Kandidaten aus der kaiserlichen Gefangenschaft für 40 000 Dukaten freikaufen mussten. Dank der Kontakte, die Cosimo in Konstanz knüpfte, drangen die Greifer der Bank Medici in das ganze Europa. Cosimo kehrte aus Konstanz als ein geschätzter Herr zurück und im Jahr 1429 übernahm er von seinem Vater die Geschäfte.

               Sein Vater gab ihm folgende Ratschläge: „Heget nie eine Meinung, die dem Willen des Volkes zuwider ist, selbst wenn das Volk Dummheiten macht. Vermeidet es, zu dozieren, redet vielmehr sanft, verständlich, wohlwollend. Macht den Regierungspalast nicht zur Stätte euer Geschäfte, sondern wartet, bis man euch ruft. Denkt daran, dem Volk seinen Frieden und dem Handel seine Blüte zu erhalten. Sorgt dafür, dass nicht mit Fingern auf euch gezeigt wird.“

               Heute würden wir ihn Populist nennen, vielleicht sogar den Vater des Populismus, gäbe es nicht vor ihm bereits ein gewisser Gaius Julius Caesar.

               Cosimo nahm sich die Ratschläge seines Vaters zum Herzen. Seit den Zeiten des Kaisers Augustus gab es auf der Welt keinen Politiker, der so geschickt bei der Machtergreifung vorging, wie Cosimo, nämlich unbemerkt. Er ließ sich nie in öffentliche Ämter wählen, er sorgte aber dafür, dass seine Verwandte oder Schuldner gewählt wurden. Er handelte so geschickt, dass die Tatsache, dass er die Macht über die Stadt an sich riss, nur die Reichsten und Einflussreichsten bemerkten, nicht aber die breiten Massen. Zusätzlich erweiterte Cosimo die Stoffproduktion um das Geschäft mit Seide und auch dieser riskante Zug ging auf. Er wurde zum größten Arbeitsgeber in der Stadt.

               Seine politischen Gegner konnten keine Mittel gegen den geschickten Mann finden. Deshalb ließen sie ihn am 7.September 1433 im „Palazzo vecchio“ verhaften und einkerkern. Weil sie wussten, dass sie sich keinen öffentlichen Prozess gegen Cosimo ohne Gefahr eines Volksaufstanden leisten konnten, entschieden sie ihn im Gefängnis zu vergiften. Sein Kerkermeister konnte aber zählen, von wem er mehr Profit haben konnte und warnte ihn vor dem Giftanschlag. Cosimo hielt also 4 Tage einen Hungerstreik. So viel Zeit brauchte er, um ein tausend Dukaten zusammenzubringen um den „Gonfaloniere“ zu bestechen und der ermöglichte ihm eine Flucht nach Padua. Cosimo brauchte ein weiteres Jahr, bis er durch Intrigen, Bestechungen und Geldüberweisungen eine Armee aufstellen konnte, die danach problemlos die Opposition überwältigte und Cosimo durfte triumphal in die Stadt einziehen. Machiavelli wird einmal schreiben: „Selten ist ein Mann nach einem großen Sieg in seine Heimat zurückkehrend, von einer solchen Volksmenge und mit so herzlichen Kundgebungen oder Anhänglichkeit empfangen worden, wie Cosimo bei seiner Rückkehr aus der Verbannung.“            

Cosimo dosierte seine Rache sehr vorsichtig. Er verbannte aus der Stadt nur die größten Konkurrenten der Familien Strozzi und Albizzi, es wurden keine Paläste oder Türme niedergerissen, wie es früher Brauch war, nur achtzig Personen wurden in die Verbannung geschickt und nach einiger Zeit durften sie sogar zurückkehren und zwischen Albizzi und Medizi sollten in Zukunft sogar eheliche Verbindungen entstehen. Cosimo beherrschte die Stadt und wurde zum „Pater patriae“. Die Stadt unter seiner Herrschaft wurde immer reicher, Cosimo investierte 600 000 Dukaten in die Kunst. Die wichtigste Tat war die Anstellung des genialen Architekten Brunelleschi für die Fertigstellung des Domes. Die neue revolutionäre Lösung der Kuppel, die ohne Stützgerüst gebaut wurde, war für die Bauarbeiter so ungewöhnlich, dass sie Angst hatten dort zu arbeiten und Brunelleschi musste persönlich nach oben klettern und dort die Backsteine legen, um sie von ihrer Angst zu befreien.

Die Statuen aus dem Dom, unter ihnen auch die „Pieta“ von Michelangelo, kann man in Museum „Museo dell´Opera del Duomo“ sehen. Cosimo ließ die Kirche „San Lorenzo“ umbauen, ein Jahr vor seinem Tod wurde hier die berühmte Kapelle Medici fertiggestellt, die als Grabstätte der Familie dienen sollte. Er ließ für sich nur einen ziemlich “bescheidenen” Palast bauen, der heutige Palast Medici-Riccardi, weil er dann später an die Familie Riccardi verkauft wurde, als ihn die Medici nicht mehr brauchten.

               Vom Vater hat Cosimo gelernt, dass es notwendig ist, in der Weltpolitik mitzumischen. Er nutzte den Kampf zwischen Papst Eugen IV. und der Konziliarbewegung, die ein Konzil nach Basel gerufen hat. Eugen verlagerte das Konzil nach Ferrara und hierher kam auch der byzantinische Kaiser Johann, um über die Einigung der westlichen und östlichen Kirche zu verhandeln. Cosimo ergriff seine Chance. Durch große Bestechungen brachte er den Papst und den Kaiser dazu, dass sie unter dem Vorwand einer drohenden Pestepidemie von Ferrara nach Florenz umzogen. Seine Erfahrungen aus Konstanz kamen jetzt zu gute. In Florenz wurde dann am 6. Juli 1439 in der gerade neu vollendeten Kathedrale der Vertrag über die Union zwischen Westen und Osten der so genannte „Laenentur coeli“ unterschrieben. Zwar erfüllte dieser Vertrag nicht, was er versprach, da er von der Mehrheit des byzantinischen Klerus abgelehnt wurde, das Konzil brachte aber Fürste und kirchliche Oberhaupte nach Florenz und die alle gaben Geld aus, vor allen der byzantinische Kaiser. Und sie meldeten nach Hause Nachrichten von einer wundervollen reichen Stadt am Fluss Arno und von den ungeahnten Handelsmöglichkeiten mit dieser Metropole und mit ihrem Herrscher Cosimo, der unglaublich schöne Stoffe aus Wolle und Seide produzierte. In PR kannte sich also Cosimo perfekt aus.

Im Jahr 1453 bewirtete er in seinem „bescheidenen“ Haus Kaiser Friedrich III. auf seiner Reise nach Kaiserkrönung in Rom. Die Person des Kaisers war für Cosimo bei weitem nicht so wichtig, wie sein Sekretär Aeneas Silvius Picolomini, der später zum Papst Pius II. werden sollte. Cosimo lud die besten Maler seiner Zeit in die Stadt und er unterstützte freigiebig ihre Arbeit, was später in der Zeiten der Regierung seines Enkelsohnes Lorenzo zu größtem Ruhm von Florenz und der Familie Medici führen sollte. Jetzt waren es Fra Angelico, Donatello, Giovanni Ruccelai, Lorenzo Ghiberti und weitere, die den Boden für die Größten der Hochrenaissance wie Sandro Botticelli, Filippo Lippi Leonardo da Vinci oder Michelangelo Buonarotti vorbereiten sollten. 

               Cosimo starb im Jahr 1464 gebrochen durch den Tod seines Sohnes Giovanni vor einem Jahr zuvor. Sein zweitgeborener Sohn Pietro war sehr krank und es war offensichtlich, dass er nicht  lange zu leben hatte. Das bestätigte sich zwar, er lebte aber trotzdem lang genug, dass sein Sohn Lorenzo, später genannt „ der Prächtige“ obwohl er selbst kein schöner Mann war und im Jahr 1469 gerade zwanzig Jahre alt, bereits im Stande war, die Macht über die Stadt zu übernehmen und aus ihr das mächtigste Zentrum damaligen Italiens zu machen. Es sollte die berühmteste Epoche für Florenz einbrechen, aber darüber das nächste Mal.

Florenz I

               Florenz ist ein Pilgerort, der beinahe so oft wie Rom besucht wird. Florenz ist die Stadt der Kultur und interessant ist die Tatsache, dass während in Rom ganze Generationen und Generationen von unzähligen Künstlern, die von Päpsten gesponsert wurden, an der Schönheit der Stadt arbeiten mussten, in Florenz das ganze Kulturwunder in einer relativ kurzer Zeit als Verdienst einer einzigen Familie entstand. 

               Florenz ist eine Stadt, die ich zufällig von allen italienischen Städten am häufigsten besucht habe, trotzdem ist die Stadt immer noch nicht „abgehackt“. So nennt es meine Frau und in der Praxis bedeutet das, dass ich immer noch nicht besucht habe, was ich besuchen möchte und somit ist ein weiterer Besuch dieser Stadt unentbehrlich. Ein eintägiger Besuch zahlt sich einfach nicht aus. Man schaut sich die Kathedrale an, eventuelle läuft man auf die Campanille, man besucht die „Ufizzien“, weil man sich per Internet eine Eintrittskarte reserviert hat (auf einen anderen Weg versuchen Sie es nicht einmal), man macht ein Photo mit der Kopie des Davids auf der „Piazza dela Signoria“, bewundert die Goldschmiede auf dem „Ponte vecchio“ und vielleicht schafft man es noch, die Säle „Palazzo Pitti“ mit dem Garten „ Giardino di Boboli“  zu durchlaufen. Aber was ist mit „San Lorenzo“ mit Gräbern der Familie Medici, was ist mit „Santa Croce“ mit Grabsteinen berühmter Florentiner was mit Santa Maria Novella mit Fresken von Boccacio und Filippino Lippi, was mit „Palazzo vecchio, Bargello, Museo Academico, San Miniato, Fortezza da Basso und mit allen wunderschönen Palästen?  Und so weiter, usw… Einen Kaffee  in einem der zahlreichen Bars auf „Piazza della Republica“ zu trinken, das kann man im Stress vergessen. Es geht einfach nicht! In Florenz muss man einige Tage bleiben, was bedeutet, dass man auch ein entsprechendes Budget zur Verfügung hat. Florenz ist nämlich schön in seinen Interieurs und die sind nicht kostenlos zu bewundern.

               Genau so hoffnungslos ist es zu versuchen über Florenz einen Artikel von vier bis fünf Seiten zu schreiben (geschweige von drei, was angeblich die längste empfohlene Textlänge im Internet sei). Es ist einfach eine unmögliche Mission, obwohl die Geschichte von Florenz eigentlich wesentlich kürzer ist, als die Geschichte der Mehrzahl italienischer Städte. In der Zeit, als die Mehrzahl von ihnen bereits stand und lebte, gab es in der Region des Flusses Arno, wo heute diese stolze Stadt steht, nur einen undurchlässigen Morast, wo Hannibals letzter Elefanten ertrank. Eine Stadt in dieser Region gab es zwar, aber die befand sich auf einem Hügel und hieß Fiesole. Sie ist auch heute auf dem gleichen Platz und ist ein Vorort des heutigen Florenz. Einmal war es umgekehrt.

               Fiesole brauchte einen Hafen am Fluss Arno und so entstand Fiorentina auf dem Flussufer, häufig überschwemmt (übrigens die letzte große Flut besuchte Florenz noch im Jahr 1966). Dann bauten Römer hier die Straße „Via Cassia“ und überbrückten den Fluss mit einer Brücke, die einen Schutz benötigte und so siedelte hier Gaius Julius Caesar seine Veteranen an und der Grundstein einer zukünftig berühmten Stadt wurde gelegt.

               Auf ihren Ruhm musste Florenz noch eine Weile warten. Bis zum Hochmittelalter blieb es im Schatten des mächtigen Pisa, des befestigten Lucca auf der wichtigen Kreuzung der römischen Straßen und sogar auch Arezzos. Um alle diese Nachbaren zu überholen, musste sehr viel Kleinarbeit getan werden. Keine der toskanischen Städte war so konsequent im Gewinn des Hinterlandes, im Straßen – und Infrastrukturausbau und in der Umsiedelung der Adeligen in die Stadt, wo sie hohe Türme an ihren Palästen bauten und mit reichen Kaufleuten eine neue Nobilität der Stadt entstehen ließen. Im elften Jahrhundert gab die Stadt das erste Zeichen der kommenden Prosperität – es war die Kirche „San Miniato al Monte“, zu der den Grundstein um das Jahr 1090 Bischof Hildebrand legte, der gute Beziehungen zum Kaiser sowie auch zu den Päpsten pflegte.

Die Kirche ließ er zur Ehre eines lokalen heiligen Minius bauen, der während der Christenverfolgung unter Kaiser Decius im Jahr 295 hingerichtet wurde. Die Glaubwürdigkeit der Legende über das Leben und Tod des Heiligen wird durch die Erzählung, dass er mit seinem eigenen, bereits abgetrennten, Kopf unter dem Arm auf den Berg gelaufen sei, wesentlich geschwächt, aber bei den Legenden geht es nicht um die Glaubwürdigkeit, sondern um den Kult. Also machen wird ein Auge zu und bewundern wir die Schönheit des Baues, der zu seiner Verehrung gebaut wurde. Es ist der einzige rein romanische Bau in der Stadt, eigentlich über der Stadt, also wenn man Florenz von oben anschauen möchte, muss man hierher fahren, zu einem ausgedehnten Klosterkomplex am südlichen Ufer des Arnos – also auf der Gegenseite des Stadtzentrums. 

In der gleichen Zeit, also im elften Jahrhundert, genauer im Jahr 1059, wurde der Grundstein des Baptisteriums gelegt, also des Taufhauses im Stadtzentrum. Das achteckige Gebäude aus weißem und dunkelgrünem Marmor musste auf seine Vollendung bis in das fünfzehnte Jahrhudert warten, als es mit der letzten Bronzetür geschmückt wurde. Es hat insgesamt drei Tore. Das Südtor mit den Szenen aus dem Leben des Johannes des Täufers schuf Andrea Pisano bereits im Jahr 1330. Das Nordtor schuf im Jahr 1401 Lorenzo Ghiberti, das schönste ist  aber das Osttor vom gleichen Künstler (er arbeitete an dieser Tür lange 27 Jahre!) Porta del Paradiso, also Paradistor. Den Namen verdankt die Tür Michelangelo, der angeblich sagte, dass die Tür so schön sei, dass sie würdig wäre, im Eingang zum Paradies zu stehen.

Kurz danach bekam Florenz das erste Mal Eroberungslust und zog im Jahr 1125 – absolut ohne Grund – gegen seine Mutterstadt Fiesole und nach einer vierjährigen Belagerung nahm sie ein. Für eine gute Integration der neuen Einwohner spricht, dass der erste Podestá, der gewählte Stadtherrscher, ungefähr einhundert Jahre später, gerade aus Fiesole stammte.

               Florenz setzte neben dem zielstrebigen Infrastrukturausbau auf Bankwesen. Gelddarlehen gegen Zinsen wurde von der katholischen Kirche streng verboten, die Bürger von Florenz zeigten aber deutlich weniger Angst vor dem Höllenfeuer als ihre Nachbaren aus den anderen toskanischen Städten. Familien Bardi, Cerchi, Donati und andere bauten ihre Niederlassungen in der ganzen damals bekannten Welt aus und zu ihren Kreditnehmern gehörten auch der französische oder der englische König. Über die lokal fehlenden Hemmungen bei Geldleihen gegen Zinsen spricht auch die Tatsache, dass sich in Florenz keine bedeutende jüdische Gemeinde niedergelassen hat, die sonst diese für Christen verbotene Tätigkeit gerne übernahm. Florenz wurde reicher, es lebte aber immer noch im Schatten der mächtigeren Nachbarn. Es wurde allerdings bereits fleißig gebaut. Vor allem entstand der „Palazzo vecchio“, der im Jahr 1314 vollendet wurde und in dem sich heute das Rathaus befindet.

Es hat einen für seine Zeit absolut extravaganten Turm mit einer Höhe von 94 Meter. Ursprünglich tagte hier der Stadtsenat und danach wurde das Gebäude der Amtssitz der Herrscher aus der Familie Medici. Als diese sich am anderen Arnoufer den Palast Pitti gebaut haben und dorthin umzogen, hieß der „Palazzo Pitti“ einige Zeit „Palazzo nuovo“, also „der neue Palast“ und das Gebäude auf der „Piazza della Signoria“ wurde logisch zum alten Palast. Der Name sollte ihm schon bleiben. Weiter entstand in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhundert auch das „Bargello“.

Also das Gebäude, wo der Bürgermeister seinen Sitz hatte und wo im Innenhof die Bürgen der Stadt gefoltert und hingerichtet wurden. Heute gibt es hier ein großes Museum der Skulpturen der florentinischen Künstler, wie zum Beispiel „Der betrunkene Bacchus“ von Michelangelo. Dieses Museum hat so komische Öffnungszeiten, dass ich es bei meinen eintägigen Ausflügen nie geschafft habe, es zu besuchen (es ist 8:15 bis 14 Uhr, aber einmal ist am Sonntag geschlossen, andersmal wieder am Montag und manchmal an beiden diesen Tagen und ich habe nie den richtigen Tag erwischt.) Das ist also einer der Hauptgründe, warum ich die toskanische Metropole unbedingt noch einmal besuchen muss. Oder vielleicht sogar zweimal?

               Gerade in dieser Bauzeit wurde nach einem der wiederkehrenden Hochwässer, das die alte römische Brücke niedergerissen hatte, auf ihren Fundamenten eine neue Brücke gebaut, die allerdings paradoxerweise „Alte Brücke“, also „Ponte vecchio“ heißt und neben dem Palast auf der „Piazza della Signoria“ zum Wahrzeichen der Stadt werden sollte. Auf der Brücke wurden, wie es damals Brauch war, Geschäfte gebaut, vierundzwanzig auf jeder Seite, also insgesamt achtundvierzig. Ursprünglich wurden hier Lebensmittel verkauft, diese wurden aber später durch Goldschmiedgeschäfte ersetzt. Diese blieben hier bis heute. Ein Spaziergang über „Ponte vecchio“ ist also eine Augenweide, man wird von allen Seiten durch das Strahlen des Goldschmucks geblendet. Man muss hier nichts kaufen, aber ein Spaziergang über die Brücke ist einfach ein muss.

Schon deshalb, weil man sonst den Fluss nicht überqueren kann. Das wussten schon die Medici, die späteren Herrscher der Stadt und ließen sich im Obergeschoß der Geschäftenreihe einen geheimen überdachten Gang bauen, durch den sie unbeobachtet den Arno von ihrem Palast Pitti, wo sie lebten, zum „Palazzo dei Uffizi“, wo ihre Administrative, also ihre Beamten, ihren Sitz hatten, überqueren konnten.   

Im gleichen Jahr wie der „Palazzo vecchio“ begannen die Florentiner mit dem Bau des Domes „Santa Maria del Fiore“. Hier überschätzen sie aber ihre Kräfte. Der Bau wurde infolge der Pestepidemie unterbrochen und musste auf seine Vollendung unter der Führung des genialen Architekten Brunelleschi bis 1436 warten. Aber darüber später. Erfolgreicher waren die Florentiner bei dem Bau des Glockenturmes. Für dieses Projekt gewannen sie niemand kleineren als Giotto, der für die letzen Jahre seines Lebens in seine Heimatstadt zurückkehrte. Sein Projekt wurde einige Jahre nach seinem Tod im Jahr 1359 fertig gebaut. Der Glockenturm ist 82 Meter hoch und man kann ihn auf 414 Treppen besteigen. Obwohl das eine physisch anspruchsvolle Leistung ist, steht vor dem Eingang ständig eine Schlange, da der Gipfel der „Campanilla“ einen berauschenden Blick auf die Stadt bietet.

Natürlich zogen im dreizehnten Jahrhundert beide Bettlerorden der Dominikaner und Franziskaner in die Stadt ein. Über die Kirche „Santa Maria Novella“, die Dominikaner gehört, stolpert der Stadtbesucher gleich vor dem Hauptbahnhof (der übrigens den Namen dieser Kirche trägt).

Hinter einem Platz mit einem kleinen Obelisk gibt es eine Kirche mit einem großen Kloster. Der ursprüngliche Bau war romanisch-gotisch, das derzeitige Aussehen im Stil der Renaissance bekam die Kirche von Leon Battista Alberti in der Zeit der Herrschaft des ersten Medici Cosimos des Älteren in den Jahren 1456 – 1470. Im Inneren blieb die Kirche gotisch, die Innenausstattung stammt aber aus der Zeit der florentinischen Hochrenaissance, wie die „Geburt Christi“ von Sandro Botticelli (sein Bild „Die Anbetung der drei Könige“ wurde von hier nach Uffizien überführt) oder die Fresken von Filippino Lippi in der Kapelle Filippo Strozzi.

Die Franziskanerkirche befindet sich natürlich am anderen Ende der Stadt, wie es Brauch war, damit sich die zwei Bettlerorden nicht konkurrierten.

Die Kirche „Santa Croce“ hat in Florenz eine beinahe symbolische Bedeutung. Nicht wegen ihrer Fassade, die aus dem neunzehnten Jahrhundert stammt, sondern dank ihrer Innenausstattung, wo man 250 Grab- und Denkmäler berühmter Italiener finden kann. Der berühmteste Florentiner liegt aber in seinem Grab nicht, darüber später. Die Fresken in den beiden Kapellen rechts des Hauptaltars sind ein Werk von Giotto.

Anfangs des vierzehnten Jahrhunderts begannen die Florentiner den dritten Mauerring mit einer Gesamtlänge von acht Kilometern mit achtundsiebzig Türmen zu bauen. Dieser schloss auch die Vorstädte ein, die bisher nur mit Palisaden geschützt wurden. Die Mauer sollte sich auszahlen. Im Jahr 1311 zog Kaiser Heinrich VII. nach Italien, um hier die kaiserliche Autorität zu festigen, was seit der Zeiten Barbarossas niemand gewagt hatte. Die Stadt Florenz, die gerade vor kurzer Zeit die Seiten gewechselt hatte und von Guelfen, also der Papstpartei, beherrscht wurde, stellte für ihn ein Hindernis dar, das unbedingt entfernt werden musste. Das durch Krankheiten dezimierte kaiserliche Heer konnte aber keinen Belagerungsring um die Stadt bilden, der Kaiser schaffte es gerade noch, vor den Toren der Stadt seine Macht und Ärger zu demonstrieren, was die Florentiner ruhig ignorieren durften. Als der Kaiser zu einem neuen Angriff ansetzte, diesmal gestärkt durch Kontingente der anderen mit Florenz rivalisierten toskanischen Städte, die die wachsende Macht der Arnostadt mit Sorgen beobachteten, starb er plötzlich in einem Militärlager bei Siena. Die Mauer von Florenz musste auf die nächste Belastungsprobe weitere zweihundert Jahre warten, bis sie von Kaiser Karl V. belagert wurde – und nicht stand hielt.

               Der Anfang des Aufstieges von Florenz zu Metropole von Toskana war ganz unauffällig. Mit der Verwaltung dieser Region wurde im Jahr 1245 der uneheliche Sohn Kaisers Friedrich II., Friedrich von Antiochia, der mit einer schönen Frau aus Florenz verheiratet war, beauftragt. Dieser charmante und regierungsfähige Kunstliebhaber wählte die Geburtsstadt seiner Gattin zu seiner Residenz und – was für weitere Entwicklung der Stadt wichtig war – er vertrieb die Guelfen, als die Papstpartei, im Jahre 1248 aus der Stadt. Es wurden die Türme der Paläste der Guelfen niedergerissen und die Stadt wurde streng ghibellinisch, was sich als Segen für die kulturelle Entwicklung der Stadt herausstellen sollte.   

               Gerade in dieser Zeit sollte die Stadt der Welt die größten Schriftsteller ihrer Zeit, Dante Alighieri und Giovanni Boccacio, aber auch die Künstler der darstellenden Kunst wie Giotto, der in Florenz geboren und in dieser Stadt die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, schenken. Die Ausnahme ist nur Francesco Petrarca, der dritte der größten Schriftsteller der entstehenden Renaissance. Seine Eltern stammten zwar aus Florenz, aber als Anhänger der Papstpartei mussten sie die Stadt in der Regierungszeit von Friedrich von Antiochia verlassen. Francesco kam also in Arezzo zur Welt, er studierte in Bologna, lebte in Avignon und starb letztendlich nahe Padova. In Florenz hatte er nur seine Wurzel.

               Dante hatte die besten Voraussetzungen eine große politische Karriere in seiner Geburtsstadt zu machen. Er stammte aus einer bedeutenden florentinischen Familie, er wurde in die Familie Donati verheiratet, einer der wichtigsten Familien in der Stadt. Er zeichnete sich in zwei Schlachten, die Florenz gegen ihre Nachbarn führte, aus. Zuerst in der Schlacht bei Campaldina im Jahr 1289 gegen Arezzo und dann im Kampf um die Festung Caprone gegen Pisa. Dante stieg in das „Consiglio de Podesta“ auf, also in das Beratungsgremium des Bürgermeisters. Dann traf er seine Beatrice (obwohl er verheiratet war), verliebte sich in sie und wurde zum Dichter. Seine Sonettensammlung „La vita nuova“ aus dem Jahr 1296 gilt als Geburtsstunde der Renaissanceliteratur. Schon deshalb, da Dante es wagte, im florentinischen Dialekt zu dichten, die offizielle Sprache der Literatur war damals natürlich Latein. Latein war aber die Sprache der Kirche und Dante stellte ins Zentrum seines Interesses einen Menschen (eine Frau), die Liebe zu ihr und die Bewunderung eines Menschenwesens. Der Grundstein zum Humanismus wurde damit gelegt und entfernte aus der Mauer des mittelalterlichen Denkens, in dem das Leben auf der Erde nur ein Marsch durch einen Tränental sein sollte mit Belohnung im Jenseits, den ersten Stein. Infolge der Untergrabung dieser Weltansicht sollte diese Mauer bald einstürzen.

Aber gerade für Dante sollte das Leben zum Tränental werden. Als er im Jahr 1302 in Rom als Anführer einer Gesandtschaft der Stadt weilte, fand in seiner Abwesenheit in der Stadt ein Staatsstreich statt. Die Partei der Guelfen gelang an die Macht und für Dante gab es keine Rückkehr mehr. Er wurde zu einer Gefängnisstrafe und zum Besitzverlust verurteilt und als er sich weigerte, in die Stadt zurückzukehren, zusätzlich zum Tode durch Verbrennung. Die Strafe betraf auch seine Söhne, nicht aber seine Frau, die in die Stadt zurückkehren und sogar den Besitz, den sie in die Ehe als Mitgift brachte, retten durfte. Dante wurde zum Anführer der Opposition, die sich in Emigration befand. Wir finden ihn beim Heer der Emigranten in Moltepulciano, das allerdings beim Versuch, die Verhältnisse in Florenz zu ändern, im Jahr 1304 scheiterte. Wir finden ihn auch an der Seite Kaisers Heinrich VII. bei seinem eher erbärmlichen Versuch im Jahr 1312, die widerspenstige Stadt einzunehmen. Dann verschwand Dante vom Bildschirm des damaligen politischen Lebens, dafür begann er mit dem Schreiben seines wichtigsten Werkes, das auch heute zu den größten Werken der Weltliteratur gezählt wird – mit der „Göttlicher Komödie“. Im Exil wechselte er seine Aufenthaltsorte, nach Verona ließ er sich in Ravenna nieder, da der örtliche Herrscher Guido da Polenta sein großer Verehrer war. In seinem Auftrag fuhr Dante im Jahr 1321 als Gesandter nach Venedig, steckte sich dort mit einer fieberhaften Erkrankung an und nach der Rückkehr nach Ravenna fand sein erschöpfter Körper nicht mehr genug Kräfte, sich der Krankheit zu erwehren. Er starb am 13. September 1321 im Alter von sechsundfünfzig Jahre. Florenz bekannte sich zu spät zu seinem berühmtesten Landsmann. Vergeblich wurde ihm in der Kirche „Santa Croce“ ein prächtiges Grabmal gebaut, dieses ist bis heute leer. Ravenna weigerte sich, den Leichnam des Vaters der italienischen Sprache auszuliefern. Er ruht in Ravenna, nur das Öl, das an seinem Grab brennt, darf seine Geburtsstadt Florenz, die ihn so schändlich behandelte, liefern.

               Auf Hochmut folgt Fall. Seit Mitte des vierzehnten Jahrhunderts erlitt Florenz einige vernichtende Schläge. Zuerst war das die Pest im Jahr 1348, die die Hälfte der Bevölkerung ausrottete – dafür aber Boccacios „Decameron“ entstehen ließ. Danach gingen die Bankhäuser Bardi und Cerchi in Konkurs und rissen eine Reihe kleineren Banken mit sich ins Verderben. Ihre größten Schuldner, der französische und englische König, verzettelten sich nämlich in den hundertjährigen Krieg und waren nicht imstande, weder die Kredite, noch zumindest die Zinsen, zu zahlen. Im Jahr 1378 kam es dann zum Aufstand der Arbeiter der Textilerzeugung der Stadt, die inzwischen neben dem Bankwesen die wichtigste Rolle spielte. Der Aufstand der „Ciompi“ erschütterte die Struktur der Stadt und ihre Verfassung, die noch aus dem Jahr 1255 stammte und auf die die Florentiner so stolz waren. Es dauerte lange vier Jahre, bis es gelang, die rebellierende Menschenmenge auf der Straße zu besiegen und mehr oder weniger wieder Ordnung in der Stadt herzustellen.

               Dass sich die Stadt von diesen tödlichen Schlägen im Gegensatz zu ihren Konkurrenten erholen und einen neuen und noch größeren Ruhm erreichen konnte, war Verdienst einer Familie. Bereits in der Zeit des „Ciompi“ Aufstandes  zog ein gewisser Salvestro Medici im Hintergrund die Fäden, sein Sohn Giovanni begründete dann den Ruhm seiner Familie als ein beliebter Anwalt der Armen und natürlich auch als ein erfolgreicher Bankier, der den von der traditionellen Bankenfamilien geräumten Raum einnahm. Aber darüber das nächste Mal.   

Pisa

               „Piazza dei Miraculi“, bedeutet „Platz der Wunder“. Wenn sich eine Stadt erlaubt, seinen Hauptplatz so zu benennen, fehlt es ihr sicher nicht am Selbstbewusstsein. Im Fall der Stadt Pisa ist dieses Selbstbewusstseins aber auch begründet. Ihr Platz mit der Kathedrale, dem Baptisterium und dem schiefen Turm gehört zu den bekanntesten, aber auch zu den schönsten, der Welt. Manchmal wird es auch „Campo dei Miraculi“ also Feld der Wunder genannt, dass ändert aber nichts an der oben genannten Tatsache.

               Als ich Pisa das erste Mal in meinem Leben besuchte, es war im Jahr 1993 – noch mit dem Auto Marke Skoda 120, gab es kein GPS und ich irrte machtlos im Gewirr der engen Gassen und suchte ein Plätzchen, wo ich das Auto für einen kurzen Augenblick abstellen durfte um in den Stadtplan einen Blick zu werfen. Ich fand endlich so einen Platz, hielt an, aber noch bevor ich überhaupt den Stadtplan in die Hand nehmen konnte, stand neben meinem Auto ein italienischer Polizist und klopfte an mein Fenster. Als ich es aufmachte, voll Angst, dass ich irgendwo parke, wo das strengst verboten war, fragte er mich kurz: “Torre?“ und zeigte mit den Händen eine schiefe Ebene.           

               Ich nickte. „Torre.“ So erfuhr ich, dass ein Turm auf Italienisch „Torre“ hieß, über die Geste des Polizisten gab es keinen Zweifel. Er zeigte auf eine Ausfahrt aus dem Platz und sagte: „Questa direttione.“

               Obwohl ich damals noch kein Wort italienisch verstand, war mir alles sofort klar und bald parkte ich in der Sichtweite des Wahrzeichens von Pisa ein. Der Polizist wusste, was los war. Was sonst hätte ein Exot in einem merkwürdigen Auto in Pisa gesucht?

               Heute scheint es unglaublich zu sein, dass dieser berühmte Platz direkt am Meer stand, genauer an der Mündung des Flusses Arno ins Meer. Heute trennt es zehn Kilometer Pisa vom Meer, so viel Boden konnte in der relativ kurzen Zeit von tausend Jahren der Fluss Arno anschwemmen. Gerade diese Anschwemmungen waren der Grund für den Untergang der stolzen Stadt, die im Frühmittelalter eine echte Großmacht war, viel wichtiger und mächtiger als das damals noch bedeutungslose Florenz. Pisa war eigentlich einer der vier wichtigsten „Meeresrepubliken“ (Pisa, Genua, Venedig und Amalfi). Neben dem Hinterland in der Toskana gehörten ihr auch die Inseln im Tyrrhenischen Meer, seit Anfang 11. Jahrhundert Korsika und seit 1052 auch Sardinien. Der Hauptgegner waren die Sarazenen, also Araber, die 1004 Pisa sogar einmal überfallen und geplündert haben. Sie sollten es lieber nicht tun, die verärgerten Pisaner waren ihnen dann eine Nummer zu groß. Die Stadt ging in eine Gegenoffensive über und vertrieb die Araber aus „ihrem“ Meer.

               Gerade in dieser Zeit der Blüte und des Reichtums begann die „Piazza dei Miraculi“ zu entstehen. Der Grundstein für die Kathedrale wurde im Jahr 1063 gelegt und im Jahr 1174 wurde sie geweiht. Der Bau des Baptisteriums wurde im Jahr 1152 gestartet und die Campanile, also der Turm, der Pisa weltweit berühmt machen sollte, folgte im Jahr 1173. Es gibt hier noch den „Campo Santo“, also „Das heilige Feld“.

Das entstand dadurch, dass die Kreuzfahrer (genauer gesagt der Erzbischof Ubaldo Lanfranchi, der an dem verbrecherischen vierten Kreuzzug, der mit Eroberung von Konstantinopel und Vernichtung von Byzanz endete, teilgenommen hat) hierher Erde aus Jerusalem, (angeblich direkt vom Berg Golgota) gebracht haben, um hier in der heiligen Erde die bedeutendsten Bürger der Stadt Pisa begraben zu können. Die Erde schafft es angeblich binnen einigen Tagen den Leichnam in ein kahles Skelet umzuwandeln, also bin ich mir nicht sicher, welchen Stoff hier die Kreuzritter beigemischt haben. Der Friedhof ist überraschend monumental mit einer Kirche mit vergoldeter Kuppel in der Front und hohen Bögen auf den Seiten, die sich anscheinend nicht entscheiden können, ob sie sich noch im Stil der Gotik oder schon der Renaissance präsentieren möchten. Natürlich findet man in den Kolonnaden auch viele Statuen berühmter Persönlichkeiten und Sarkophage aus römischen Zeiten.           

               Aber zurück zur Kathedrale.

Der Architekt Buschetto mischte den frühchristlichen Stil mit Byzantinischem, Lombardischem und Arabischem, ergänzte das alles mit einigen antiken Elementen und es entstand ein neuer spezifischer Stil, so genannter pisanischer romanischer Stil, nach dem man dann nicht nur in der gesamten Toskana, sondern auch auf Sardinien, Kirchen baute. Imposant wirkt der Wechsel des dunkelgrünen und sahneweißen Marmors, das gefiel den Italiener so lange, dass in diesem Stil noch am Ende neunzehnten Jahrhunderts der Architekt Maccicini sein „Cimitero monumentale“ in Mailand baute. Es ist nämlich wirklich schön. Was der Kathedrale von Pisa ihre Eigenartigkeit gibt, sind vier Säulengallerien in der Fassade, es geht um eine wirklich beeindruckende Schöpfung, wenn wir bedenken, dass bei uns im Mitteleuropa damals gerade erste Rotunden gebaut wurden, nicht zu groß, damit sie nicht einstürzten. Bronzetüre aus der gleichen Zeit findet man im Querschiff der Kathedrale, in der Hauptfassade gibt es eine Tür aus dem sechzehnten Jahrhundert, weil die ursprüngliche holzende bei einem Feuer verloren gegangen ist. Dieses Feuer ist auch der Grund, warum die Kirche in ihrem Inneren überwiegend im Renaissancestil inklusiv einer prächtigen vergoldeten Kassettendecke ausgestattet ist. Es stört nicht, der romanische Stil verträgt sich mit der Renaissance sehr gut. Fünf Schiffe sind dann halt fünf Schiffe, das verleiht jeder Kirche ihr imposantes Aussehen, die Schiffe sind durch antike Säulen voneinander getrennt, die Seeleute von Pisa als Kriegsbeute in die Stadt brachten. Übrigens, die Bögen zwischen den Säulen können sich wieder einmal nicht entscheiden, ob sie romanisch oder arabisch aussehen möchten, es ist etwas dazwischen  und  damit wieder einmal einfach pisanisch. Was mit dem Rest der Kirche nicht übereinstimmt, ist die Kanzel. Es ist eine wunderschöne Kanzel mit beinahe filigranen Reliefs aus dem alten und neuen Testament, stehend auf den Säulen aus Porphyr – aber gotisch. Sie passt einfach in die wunderschöne romanische Kirche nicht wirklich, aber ich war gern bereit, es ihr zu verzeihen.

               Das Baptisterium steht getrennt vor dem Hauptportal und es ist ein ganz anderes Kapitel.

Mit dem Bau wurde bereits im Jahr 1152 begonnen, der Bau musste aber aus finanziellen Gründen unterbrochen werden. Heute kann man „Gott sei dank“ sagen. Die Tatsache machte es nämlich möglich, dass die Fortsetzung des Baus im Jahr 1260 Nicolo Pisano übernehmen konnte, einer der größten Künstler der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, ein Schüler der „Scuola nuova siciliana“ und damit ein Vorläufer der Renaissance. Neben dem Projekt des Baptisteriums, das mit einer Statue des heiligen Johannes des Täufers auf seiner Kuppel im Jahr 1395 finalisiert wurde, schuf Nicolo Pisano auch die Kanzel. Mit Reliefs mit den Bildern aus dem Leben Christi. Mit einem Adler, auf dessen Flügeln sich das Lesepult für den Priester befindet. Gleich wie in der Kathedrale. Es dauerte ein bisschen, bis ich entdeckt habe, dass der Adler das Wappentier der Stadt war.                      Das Wahrzeichen der Stadt ist aber der „Torre“ also der Turm – Glockenturm, Campanile, wie man ihn nennen möchte. Ein absolut eigenartiger Glockenturm, weil er schief ist. Das Problem war die unzureichende Inspektion des Unterbodens an der Stelle, wo Pisaner den Turm bauen wollten. Wie ich schon sagte, die Stadt stand am Ufer des Flusses Arno, auf seinen Sandanschwemmungen. Schon während des Baus begann sich der Turm auf dem instabilen Boden zur Seite zu neigen, die Pisaner bekamen ein bisschen Angst und sie brachen den Bau im Jahr 1185 ab. Dann aber gewann doch der Stolz, sie passten die Achse des Turmes an und beendeten den Bau.          

Der Turm neigte sich aber weiter und im zwanzigsten Jahrhundert drohte bereits der Einsturz, man durfte also EINIGE Jahrzehnte den Turm nicht besteigen. Die Rettung des Turmes war eine schwere Arbeit. Er bekam zuerst eine Art Sicherheitsgurt und auf der nördlichen Seite wurden sieben Kubikmeter des Bodens entfernt. Es gelang den Turm um 43 cm aufzurichten und so die Neigung zu erreichen, die der Turmachse aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts entsprach. Man darf also den Turm wieder besteigen. Es führen drei hundert Stufen hinauf, der Aufstieg ist aber lediglich für schwindelfreie Personen geeignet. Es ist nämlich ein eigenartiges Gefühl, wen man auf der nördlichen Seite des Turmes steht und der Boden unter den Füßen weg ins NICHTS läuft. Der Turm ist auf der nördlichen Seite 56,6 Meter hoch, auf der südlichen Seite aber nur 54,25 Meter. Es ist ein unwiederholbares Erlebnis, besonders abends. Ein Blick auf Pisa von oben, wenn man sich schon an die ungewöhnliche Situation mit der abfallenden Plattform gewöhnt hat, ist wunderschön. Obwohl die Medici, nachdem sie Pisa erobert und ihrem florentinischen Imperium angeschlossen hatten, ein Großteil der Altstadt niedergerissen und durch neue Boulevards ersetzt haben. „Piazza die Miraculi“ bleibt das Symbol des ehemaligen Ruhms und Reichtums des alten Pisas.

               Nichts dauert aber ewig, nicht einmal der Wohlstand der Stadt Pisa. Das Meer entfernte sich von der Stadt mehr und mehr, die Hegemonie über die Meere musste die Stadt an Genua abgeben. Genua vertrieb Pisa aus Korsika (Sardinien mussten sich diese beiden Mächte ohnehin von Anfang an teilen). Eine echte Tragödie war für die Stadt das Aussterben des Stammes der Hohenstaufen auf dem kaiserlichen Thron. Pisa war, in Gegenteil zu seinen ewigen Rivalen Florenz und Lucca, immer fest auf der Seite der Ghibellinnen, also auf der Seite des Kaisers. Nach dem Jahr 1268, als der letzte Staufer Konradin hingerichtet wurde, wurde die Lage der Stadt immer bedenklicher und im Jahr 1284 erlitt Pisa eine vernichtende Niederlage in der Seeschlacht bei Meloria gegen Genua. Die Zahl der gefangenen Pisaner war so riesig, dass ein Spruch aus dieser Zeit sagte, wenn man einen lebenden Pisaner sehen möchte, muss man nach Genua fahren. Anschließend verfiel die Stadt in einen Bürgerkrieg und der ganze Ruhm war dahin. Auf dem Festland wurde Florenz stärker und stärker und nach langen Kämpfen mit wechselhaften Ergebnissen gliederte es Pisa im Jahr 1406 definitiv in sein toskanisches Imperium ein. An diesen bösen Moment erinnert der Löwe auf den Mauern der „Piazza die Miraculi“ – es handelt sich um einen florentinischen Löwen, den die Eroberer auf den Mauern bauen ließen und die Bürger von Pisa mussten dem verhassten Symbol den Hintern küssen. Der Löwe hat den Adler besiegt.     

               Außer der „Piazza dei Miraculi“ gibt es in Pisa nicht so viel zu sehen, aber wenn man sucht, dann findet man auch. Suchen bedeutet aber „suchen“ im wahren Sinne des Wortes. Pisa steht in der Ebene und im Gewirr der Gassen ist die Orientierung nicht gerade einfach. Das wirkliche Stadtzentrum war die „Piazza dei Cavallieri“. Hier stehen zwei (eigentlich drei) interessante Gebäude. Im älteren „Palazzo dell´Orologio“ mit dem Uhrturm wurde Herzog Ugolino delle Gherrardesca im Jahre 1288 mit seinen Söhnen und Enkelsöhnen durch Hunger zum Tode gequält, da ihm die Pisaner die Schuld für die katastrophale Niederlage bei Melorie, die ihre Übermacht am See beendet hat, zugeschrieben haben.

Das schönste Gebäude ist der „Palazzo dei Cavallieri“, ein monumentales Gebäude im Stil der Renaissance, gebaut von Giorgio Vasari mit wunderschönen Sgraffiti auf der Fassade. Das dritte Gebäude ist die Kirche „Chieza di Santo Stefano dei Cavallieri“, die ebenfalls ein Werk von Vasari ist. Die Kirche und der Palast waren der Sitz des Ordens des heiligen Stephans, der von Cosimo I. Medici gegründet wurde, als dieser zum Großherzog von Toskana aufstieg.

               Es gibt in Pisa wie in jeder italienischen Stadt mehr als genug Kirchen. Eine davon ist aber Pflichtprogramm, ein herrliches Kirchlein am Ufer des Arnos „Santa Maria dell Spina“. Es ist winzig klein, aber wunderschön. Eine Hochgotik mit vielen Türmchen und Fassadenschmuck, trotzdem gibt es hier zumindest auf den Bögen über der Tür (Türen gibt es hier zwei, obwohl immer nur ein geöffnet wird) die typische pisanische Kombination des dunkelgrünen und sahnenweißen Marmors – die Bögen sind natürlich im romanischen Stil. Wie sonst in Pisa? Den Namen hat das Kirchlein von einem Dorn der Dornkrone Christi erhalten, der hier als heilige Reliquie aufbewahrt wird.

               Natürlich, wenn man Zeit und Lust hat, darf man durch die Gässchen der Altstadt bummeln. Die einmal reiche und große Stadt schrumpfte im siebzehnten Jahrhundert auf knappe 3000 Einwohner. Aus der berühmten Epoche ist hier noch die Kirche der heiligen Katharina, der „Palazzo dei Medici“, das Kloster der Benediktiner „San Matteo“, wo heute das Nationalmuseum mit den Bildern und Statuen lokaler Künstler untergebracht ist – das wertvollste Stück ist der Reliquienschrein des heiligen Lussorius von Donatello.  

               Also wie überall in Italien ist auch in Pisa viel zu sehen, aber  der „piú bella piazza del mondo“ also dem schönste Platz der Welt, kann nichts in der Stadt das Wasser reichen.

               Wunder sind einfach Wunder und die sind nicht wiederholbar.

Siena

Siena ist die kleinere Schwerster von Florenz, weniger bekannt, aber gleich schön. Allerdings einfache anders schön. Wenn sich Florenz der Schönheit des Interieurs ihrer Museen rühmen kann, die Stärke von Siena liegt im Exterieur. 

               Schon wenn man  aus dem Bus am Busbahnhof aussteigt (der Eisenbahnbahnhof ist vom Stadtzentrum beinahe zwei Kilometer entfernt), ragt die Stadt vor dem Besucher auf einem Hügel empor, was ihren Gebäuden einen imposanten Eindruck verleiht. Auf dem höchsten Punkt des Hügels erhebt sich der Dom gegen den Himmel. Wäre in die Stadt nicht im Jahr 1347 die Pest gekommen, würde er sich noch viel höher erheben. Aber darüber später. Auf Florenz muss man von irgendwo bei der Festung Belvedere von oben schauen, weil es sich in der Ebene um den Fluss Arno duckt, Siena ragt stolz auf einem der toskanischen Hügel (eigentlich auf drei) empor – und es hat dazu auch einen guten Grund. 

               Laut einer Legende wurde Saena Julia, wie die Stadt in den römischen Zeiten hieß, von  Söhnen des Gründers von Rom Remus namens Aschius und Senius gegründet, als sie hier vor ihrem Onkel Romulus Zuflucht suchten. In den antiken und frühmittelalterlichen Zeiten war Siena ein bedeutungsloses Plätzchen, bis das Einkommen aus den Silberminen in Montieri der Stadt nach dem Jahr 1137 Reichtum brachten und gegen Ende des 12.Jahrhunderts war sie bereits eine der bedeutendsten Stadtrepubliken Italiens. Was logischerweise zu Streitereien mit dem mächtigen Nachbarn Florenz führte. Im Jahr 1260 konnten die Sienesen die Florentiner in der Schlacht bei Montapetri noch schlagen, neun Jahre später erlitt die Stadt aber eine vernichtende Niederlage bei Colle Val d´Elsa und dadurch verlor sie die Dominanz in der Toskana.        

               Trotzdem blieb die Stadt sehr reich und wollte diese Tatsache auch gehörig publik machen. Obwohl sich auf dem höchsten Platz der Stadt eine Kathedrale – Duomo erhob, wollten die Bürgen von Siena die größte Kirche der Welt bauen und im Jahr 1339 begannen sie mit ihrem Bau. In den neuen „Duomo“ sollte die alte Kathedrale lediglich als ein Querschiff eingebaut werden. Aber Hochmut kommt vor dem Falle. Im Jahr 1348 schlug das Schicksal erbarmungslos zu, in die Stadt kam der schwarze Tod, der 60 Prozent der Bevölkerung auslöschte. Von diesem Schlag erholte sich die Stadt nie mehr. Das Geld ging aus und kam nie wieder, aus dem Projekt der neuen Kathedrale blieben nur die unvollendeten Bögen, die großteils abgerissen werden mussten. Die Mauerreste des geplanten megalomanischen Projektes, die noch heute dem Besucher den Atem rauben, kann man auf dem Weg von der „Piazza Il Campo“ zur „Piazza del Duomo“ sehen.  Nämlich auch die Kathedrale, die den Sienesen zu klein vorgekommen ist, ist erstaunlich. Sie wurde im Jahr 1264 vollendet, nur der Chor wurde über das Baptisterium im Jahr 1317 verlängert.

Duomo di Siena

Die Fassade aus dem roten, schwarzen und weißen Marmor wirkt wie Filigran und ist unglaublich schön. Sich auf eine Steinbank bei der Mauer „Ospedale di Santa Maria della Scala“ niederzusetzen und einen Blick auf die Fassade der Kirche zu genießen ist der beste Moment für ein bisschen Entspannung und eventuell auch für eine kleine Jause. Es gibt nie genug von diesem Blick. Man kann die Details der Fassade bewundern, inklusiv einer großartigen Rosette mit dem Bild des letzten Abendmahls umrahmt von 36 Büsten der Evangelisten, der Kirchenväter und der Propheten. Ein Blick in das Innere der Kirche ist vor allem teuer, bereits vor zwölf Jahren hat der Eintritt 8 Euro gekostet und die Inflation hat sicher inzwischen zugeschlagen. Das Innere der Kirche kann der Schönheit der Fassade nicht das Wasser reichen, obwohl es sich darum bemüht. Aber die Bilder auf dem Marmorboden sind meistens mit Teppichen bedeckt, nur in den Feiertagen und zwischen 15. August und 15. September werden die Teppiche entfernt und dann zahlt sich der Besuch der Kathedrale aus – wir waren hier im Juli. Die Kanzel aus dem weißen Marmor, die in den Jahren 1266 – 1268 geschaffen worden ist, stammt von Nicolo Pisano, einem Künstler, der unter anderem auch das Baptisterium in Pisa und die Fontäne in Perugia geschaffen hat und als Schüler der „Scuola nova Siciliana“, die Kaiser Friedrich II. gegründet hatte, für den ersten Künstler der gerade entstehenden Renaissance galt. Er war ein Flüchtling, der vor der Willkür des neuen Herrschers Karl von Anjou aus dem Sizilianischen Königsreich floh und logischerweise das Asyl in einer Stadt suchte, die streng ghibellinisch, also der kaiserlichen Partei treu war. Der Altar stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert und im Mittelschiff kann man 172 Büsten aus Keramik und 36 Medaillons mit den Portraits der Päpste bewundern.

               Das wahre Zentrum und der Stolz der Stadt ist die „Piazza Il Campo“, ein Platz in der Form einer Jakobsmuschel, angeblich „der schönste Platz auf der Welt“ – da haben wir wieder einmal das italienische „Piú“, mit dem man sich in diesem Land einfach abfinden muss.

Der Platz  verdankt seine ungewöhnliche Form der Tatsache, dass gerade hier alle drei Hügel, auf denen Siena steht, zusammenlaufen. Auch hier zahlt sich aus, sich in einem der zahlreichen Bars für einen Espresso niederzusetzen und das Flair des Platzes zu genießen. Weil „Il Campo“ hat es in sich. Hier findet jedes Jahr die größte Attraktion der Stadt „Palio di Siena“ statt. Es ist ein Pferderennen, bei dem Stadtviertel (so genannte Contradas) mit je einem Teilnehmer vertreten sind. Da es aber in der Stadt 17 Contradas gibt und nur zehn Pferde am Rennen teilnehmen dürfen (mehr würde wirklich nicht hineinpassen), muss über die Teilnehmer ein Los entscheiden. Das Rennen findet immer am 2. Juli und am 16. August statt und der Stadtteil, der gewonnen hat, darf sich das ganze nächste Jahr mit seinen Flaggen schmücken, die aus den Fenstern hängen. „Palio“ ist eine großartige ganztägige Veranstaltung mit Umzügen in historischen Kostümen und mit einem Wettbewerb der Fahnenträger. Jede Contrada stellt sich mit eigenen Flaggen vor und auch mit einem Flaggenwagen (caroccio), der von Ochsen gezogen wird. Das Rennen selbst besteht aus drei Runden um den Platz und dauert nur ungefähr 90 Sekunden, es ist aber eine mörderische Fahrt auf einem aus Backsteinen gelegten glatten Boden, der nur mit Streu bedeckt ist. Der Platz, wie ich bereits erwähnt habe, ist keine gerade Fläche, also das Rennen geht bergauf und bergab und es mangelt nicht an Stürzen. Dazu sind eigentlich alle Arten, den Gegner zu besiegen, erlaubt, was das Rennen noch gefährlicher macht. Der Sieger ist dann das ganze Jahr der wahre Held der Stadt und vor allem des Stadtviertels, für das er ins Rennen gegangen war. Dieses Viertel hat dann die Ehre, das „Palio“ein prächtig geschmücktes Tuch bis zum nächsten Rennen aufzubewahren.

               Im Grunde genommen hat Siena keine Stadtviertel, sondern Stadtdrittel (Terzi), „Terzo di Citta“ mit dem „Duomo“, „Terzo di Camollia“ im Norden und „Terzo di San Martino“ im Osten der Stadt. „Il Campo“ selbst ist in neun Segmente geteilt, was die berühmteste Epoche der Stadtgeschichte, als der so genannte „Rat der Neun“, die Macht in den Jahren 1287 – 1355 in der Stadt innenhatte, symbolisieren sollte. Weil aber in dieser Zeit die Regierung bereits guelfisch war, mischte sich in die Stadtangelegenheiten Kaiser Karl IV. auf seiner Durchreise nach Rom zur Kaiserkrönung. Er unterstütze in der ungehorsamen Stadt eine Revolte der Adeligen, die sich mit dem Pöbel verbanden, um den „Rat der Neun“ zu stürzen. Das gelang, es hat sich aus den niedrigsten Schichten der Gesellschaft ein „Rat der Zwölf“ konstituiert, es begann die Zeit der Bürgerkriege, Umstürze und Machtkämpfe und die Epoche der Stadtblüte ging damit zu Ende. An die berühmte Periode der „Regierung der Neun“ erinnern die schönsten Gebäude in der Stadt, die gerade in dieser Wohlstandzeit entstanden sind. Neben dem bereits erwähnten „Duomo“ ist das „Palazzo publico“ auf dem niedrigsten Punkt der „Piazza Il Campo“ mit einem 102 Meter hohem Turm „Torre della Mangia“. Im „Palazzo publico“ gibt es heute das Rathaus und das „Museo Civico“ – dieses befindet sich im Obergeschoß in den mit wunderschönen Fresken geschmückten Räumen, der schönste Raum ist die „Sala del Mappamondo“ mit dem Fresko, das den Condottiere Guidarriccia da Fogliano darstellt, der das Heer von Siena seit dem Jahr 1327 anführte und zu zahlreichen Siegen führte.

Unbedingt muss man die Kapelle mit den Fresken aus dem Leben der heiligen Jungfrau Maria besuchen. Siena besitzt – wie jede italienische Stadt – auch eine Pinakothek mit Bilder berühmter Meister. Eigentlich sogar zwei, eine davon „Museo dell´Opera Metropolitana“ befindet sich im Seitenschiff der geplanten Kathedrale, die es nicht gelang fertigzubauen und hier findet man die berühmte „Maesta“ von Duccio di Buonisegna, eigentlich ein Altar, der für den neue nicht vollendete „Duomo“ bestimmt war. Wenn man dann bergab geht, findet man die „Pinacoteca Nazionale“ mit Bilder der Meister aus dem 12. bis 16. Jahrhundert. Wer also die bildnerische Kunst der Gotik und Frührenaissance liebt, kommt hier auf seine Kosten.

               Nach dem Fall des „Rates der Neun“ kam ein allmählicher Untergang von Siena, der in eine Eingliederung der Stadt ins Großherzogtum von Toskana im Jahr 1559 mündete, als sich die Stadt endgültig vor ihrem Rivalen Florenz und vor seiner Herrschaftsfamilie Medici beugen musste. Die Medicis bauten – für alle Fälle – eine eigene Festung „Forte di Santa Barbara“. Diese  befindet sich auf der Gegenseite des „Stadio communale“. Nach den Medici kam 1737 Franz von Lothringen mit Maria Theresia und die Habsburger, die dann im Jahr 1859 nach der Niederlage bei Solferino die Stadt mit der gesamten Toskana an das neu gegründete Königreich Italien abgeben mussten.

               Ein berühmter Bürger von Siena sollte nicht vergessen werden, schon deshalb, weil er eine direkte Beziehung zu österreichischer Geschichte hatte. Nahe Siena wurde Aeneas Silvius Piccolomini geboren, der spätere Papst Pius II. An diese Tatsache erinnert der „Palazzo Piccolo delle Papese“, den er für seine Schwester im Jahr 1460 bauen ließ. Außerdem findet man in der Stadt den „Palazzo Piccolomini“, den sich die Neffen des Papstes Giacomo und Andrea bauen ließen. Dieser geniale Humanist war Sekretär des Kaisers Friedrich III und schrieb die „Historia bohemica“, also tschechische Geschichte. Gerade in Sena wurde dem Kaiser seine zukünftige Gattin, die portugiesische Prinzessin Eleonore vorgestellt. Wer sonst, als Aeneas Silvius durfte sie dem Kaiser vorstellen? Es wurde zwar ursprünglich ein schlesischer Herzog für diese Aufgabe ausgewählt, aber weil er „im Trinken mächtiger als im Worte war“ – Zitat Aeneas Silvius, musste diese Funktion der gebildete Sekretär übernehmen. Es war nicht leicht, der Kaiser war ein hartnäckige Junggeselle und in seinen 37 Jahren immer noch jungfräulich. Die Braut war fünfzehn Jahre alt und sie war angeblich so schön, dass der Kaiser todblass und beinahe bewusstlos wurde und seine Begleitung sich ernste Sorgen um seine Gesundheit machte. Alles ging sich letztendlich gut aus, nach vielen Ausreden und Verschiebungen wurde die Ehe in Neapel endlich vollzogen und aus ihr entstand der Kaiser Maximilian I. – der letzte Ritter, seinem Vater nicht ein bisschen ähnlich. Aeneas Silvius wurde dann zum „heidnischsten aller Päpste“ Pius II.  

PIUS II (Aeneas Sylvius Piccolomini)

Die Orientierung in Siena ist keine einfache Sache. Enge Gassen laufen bergauf und bergab, eine Übersicht, wo man sich gerade befindet, ist schwer zu gewinnen. Es ist aber unbedingt notwendig die „Casa di Santa Caterina“ besuchen. Sie liegt logischerweise in der „Via San Catarina“ – aber finden Sie sie, bitte!

Heilige Katharina von Siena wurde dadurch berühmt, dass sie im Jahr 1377 Papst Gregor XI. zur Rückkehr aus Avignon nach Rom überredete. Nach mehr als siebzig Jahren, in denen der Papst seinen Wohnsitz in Avignon hatte, mehr oder weniger als Geisel und Vollstrecker des Willens des französischen Königs, sollte das Oberhaupt des Christentums wieder nach Rom zurückkehren und die Angelegenheiten des Christentums nach eigenen Vorstellungen leiten. Der französische König war alt und lag im Sterben, sein Sohn war noch ein Kind und dazu auch ein Narr und beide hatten mehr als Genug Probleme mit den Engländern, die sie im hundertjährigen Krieg vor sich hertrieben und die französischen Herrscher konnten sich also um den Priester in Avignon gar nicht kümmern. Gregor stimmte also der Prophezeiung der Mystikerin Katharina zu. Die Entscheidung hatte fatale Folgen. Der Papst starb bald nach der Rückkehr nach Rom und bei der nächsten Wahl kam es zum Schisma, als ein Teil der Kardinäle einen geisterkranken Urban VI. zum Papst wählten. Ein anderer Teil reagierte mit der Wahl von Klemens VII., der nicht um viel besser als sein römischer Gegner war – von seinem Charakter zeugt am besten sein Spitzname „Der Henker von Cesena“, den er sich durch ein Massaker, das seine Soldaten nach Eroberung der Stadt Cesena verbrochen haben, verdient hatte. Urban blieb in Rom und ertränkte seine Kardinäle in Säcken, die er ins Meer werfen ließ, Klemens zog sich nach Avignon zurück und das Malheur war da. Das Problem musste Kaiser Sigismund auf dem Konzil von Konstanz lösen – die Päpste vermehrten sich inzwischen übrigens auf drei Stücke. Dem Ruhm der heiligen Katharina schadete dieses ganze Malheur keinesfalls und sie wurde zu Namensgeberin aller unseren Katharinas. Also gut, nicht aller, es gibt  noch Katharina von Alexandrien, Katharina von Bologna, Katharina von Genua und sogar auch Katharina von Schweden und es gibt noch einige weitere Katharinas, Cataline oder sogar Kateri – das war aber eine kanadische Indianerin. Dem Ruhm der Katharina von Siena kann höchstens die Katharina von Alexandrien das Wasser reichen. Das Geburtshaus von Katharina von Siena ist ein Museum, zu dem drei Jahre nach ihrer Heiligsprechung ein Oratorium mit Fresken aus dem Leben der Heiligen zugebaut wurde Das Geburtshaus selbst ist unauffällig, übrigens Katharina war das 25.!!! Kind des Stofffärbers Benincaso, in dem Häuschen musste es für die Kinder ziemlich eng sein. Allerdings nicht einmal mit der Heiligsprechung war Katharinas Karriere zu Ende. Im Jahr 1939 wurde sie zur Patronin Italiens, im Jahre 1970 zur Lehrerin der Kirche und 1999 sogar zur Patronin Europas ernannt (hinter dieser Tat stand natürlich Johann Paul II., für den solche Taten das größte Hobby waren.)

Die heilige Reliquie der körperlichen Überreste der heiligen Katharina befindet sich in einer herrlichen Kirche San Domenico, die wie eine Burg direkt über den Busbahnhof emporragt.

Die heilige Katharina ist hier auf dem Hauptaltar dargestellt, Siena ehrt seine Heilige. Wir erlebten im heiligen Dominikus einen wundervollen Moment, als hier ein Chor ungarischer Kinder sang. Es war ein spontaner Gesang der Gruppe, die Kirche hat eine so wunderbare Akustik, dass wir durch den Gesang wortwörtlich betäubt stehen geblieben sind, wir standen nach seinem Ende noch lange bewegungslos in der Hoffnung, dass vielleicht noch eine Zugabe kommt.

               Sie kam nicht. Alles hat ein Ende, sogar auch der Besuch einer wunderschönen toskanischen Stadt namens Siena. Obwohl das Verlassen der Stadt gar nicht einfach war. Wir hatten nämlich eine Idee, nach San Gimignano, also in Richtung Florenz, zu fahren. Wahrscheinlich gibt es immer noch alte Animositäten, aber nirgends, wirklich NIERGENDS, war die Ausfahrt in Richtung Florenz gekennzeichnet. Das Benutzen des Wortes „Firenze“ ist offensichtlich in Siena immer noch strengst verboten. Wir fuhren um Siena insgesamt dreimal herum – es ist zwar ein schönes Erlebnis, aber einmal wäre genug gewesen. Dann entschied ich mich einfach in die Richtung zu fahren, wo ich Norden vermutet habe. Es gelang. Nach einer langen Fahrt auf beinahe unbefahrbaren Straßen im Wald und im Feld fand ich eine Richtungstafel mit dem Namen Poggibonsi und ich wusste, dass ich richtig war. Von Poggibonsi nach San Gimignano war es kein Problem mehr. Wir bestellten den legendären „Vernacca di San  Gimignano“ zu Spagetti mit Trüffel im Restaurant „Zur Perücke“ – ich kann es herzlich empfehlen. Beides. Den Wein und das Restaurant.

               Sollten Sie Siena in einem Bus verlassen wollen, wird es einfacher sein. Praktisch alle Buse haben hinter der Windschutzscheibe eine Tafel mit dem Namen „Firenze“, unabhängig davon, wohin sie eigentlich fahren. Wahrscheinlich ist das deshalb so, weil in Florenz der toskanische Hauptbusbahnhof ist und weil die Florentiner die Sienesen noch immer gerne provozieren – fragen Sie also lieber den Busfahrer, um nicht irgendwo zu landen, wohin Sie keinesfalls wollten. Italiener nehmen das mit der Zielbestimmung nicht so ernst. Es ist doch überall so schön!  

Gargano II – auf den Spuren Friedrichs II.

               Ich beschloss also Gargano zu verlassen und die herumliegenden Städte zu besuchen, da die eine Schlüsselrolle in meinem neuen Roman spielen sollten. Die erste sollte Foggia sein. Bis wir Forresta Umbra hinter uns gelassen haben (ohne meine Frau, die im Hotel blieb). bekam mein Sohn eine grünliche Hautfarbe und hörte auf zu sprechen. (Offensichtlich erbte er von meiner Frau ein Paar Gene inklusiv ihrer Kinetose). Dann war der Weg nach Foggia aber schnurgerade. Ich gebe zu, dass Foggia kein echter touristischer Magnet ist. Obwohl hier im dreizehnten Jahrhundert der schönste Palast des damaligen Europas stand, bei dem die westliche Baukunst mit orientalischer Pracht und orientalischem Luxus kombiniert worden ist Die Reste des kaiserlichen Palastes fielen aber einem Erdbeben irgendwann im neunzehnten Jahrhundert zum Opfer. Damals ging auch das Herz Kaisers Friedrich verloren, das er hier bestatten ließ (sein Grab ist im Dom in sizilianischem Palermo). Was das Erdbeben nicht schaffte, vollendeten Bomben des zweiten Weltkrieges. Die Stadt, ein wichtiger Stützpunkt der deutschen Luftwaffe, wurde dem Boden gleich gemacht. Von dem Palast blieb ein Brunnen – ein Bogen mit dem Reichsadler und das Wasser, das mitten aus den Säulen fließt.

Der Platz, auf dem der Brunnen steht, heißt nach dem Erbauer des Palastes „Piazza Federico secondo“. In der Stadt gibt es ein Museum, das diese berühmteste Periode der Stadtgeschichte neugierigen Touristen nahebringt, es gibt hier auch einen legendären „Augustaler“ aus dem Jahr 1231 – das war die erste goldene Münze, die in der Westeuropa geprägt wurde. Der Kaiser schätze richtig, dass der Warenumsatz beträchtlich steigen würde und führte eine wertvollere Währung in Gold ein.

Der Duomo, der ein  Paradebeispiel des romanischen Stils sein sollte, wurde gerade restauriert, also konnten wir ihn nicht besuchen und konnten also auch nicht die hier aufbewahrte byzantinische Ikone sehen. Nach einer Legende fanden sie Hirten in einem See, über den drei Flammen brannten (diese Flammen hat die Stadt in ihrem Wappen) Das Municipio, also das Rathaus, ist ein großes Gebäude in klassizistischem Stil, es erinnerte an eine umgebaute alte Festung, vielleicht war es das einmal sogar.

               Wir verließen Foggia in Richtung Lucera. Diese Stadt war deshalb so nah an Foggia, weil der Kaiser hierher die widerspenstigen Araber aus Sizilien umsiedelte. In Lucera wurden sie brav und der Kaiser bildete aus ihnen seine Leibgarde. Friedrich erlaubte ihnen freien Religionsausübung –  und das nur 290 Kilometer von Rom entfernt!, womit er den ohnehin schon wütenden Papst noch mehr ärgerte. Die Araber wurden ihm auf Leben und Tod ergeben und dann gleich auch seinem Sohn Manfred. Aber nach der Schlacht bei Benevent kam der Untergang. Anjous nahmen die Stadt ein, weil sie keine Mauer haben durfte (so viel vertraut der Kaiser seinen Arabern doch nicht) und gaben den Einheimischen die Wahl zwischen Taufe und Tod. Eine absolute Mehrheit hat den Tod gewählt. Karl von Anjou ließ die Stadt neu aufbauen, im Zentrum ragt eine gotische Kathedrale aus Backsteinen empor, ein Symbol des Triumphes der französischen Waffen.

Die Kathedrale steht auf dem Platz, wo die große Moschee stand. Die Kathedrale war natürlich geschlossen. Ein Tourist wurde in Lucera noch nie gesichtet, zumindest leitete ich diesen Schluss von den Reaktionen der Einheimischen ab. Diese hielten uns an und fragten, was wir in der Stadt wollten und warum wir hergekommen sind. Die Restaurants waren alle zu, vor dem Hungertod rettete uns ein Bistro auf der „Piazza del Duomo“. Der Kellner sagte, er könnte Englisch, sein Wortschatz bestand aber lediglich aus den Worten „Mozarela, Tomato und Beer“. Das hat gereicht. Das Brot mussten wir ihm zeigen, übrigens, das Wort „Pane“ konnte ich schon damals. Hinter Lucera gibt es die Ruine einer Festung aus der Zeit der Anjou. Friedrich II ließ gerade hier eine Festung bauen, die uneinnehmbar war – angeblich hatte sie einen unterirdischen Eingang, den man bei Bedarf überfluten konnte. Es wäre die letze Zuflucht des Kaisers, sollte er seinen ewigen Kampf gegen Papst und seine Diener verlieren. Anjou ließ die Festung vergrößern und umbauen, aus dem Bau des Kaisers blieb also nicht viel übrig. Heute handelt sich um eine monumentale Ruine auf einem felsigen Hügel 14 Kilometer von Lucera entfernt. Es handelt sich um eine fünfeckige Festung mit über ein Kilometer langen Mauern mit vierundzwanzig Türmen.

Wenn man aber naiv denkt, dass der Weg zu „Castello“ irgendwie gekennzeichnet wäre, dann liegt man falsch. Mit Touristen wird hier einfach nicht gerechnet. Bei Lucera findet man auch die Reste eines römischen Amphitheaters aus den Zeiten, als die Stadt noch Luceria geheißen hatte. Sie hörte im Frühmittealter auf zu existieren und wurde nur noch von der arabischen Kommune im dreizehnten Jahrhundert wiedergegründet.

               Der nächste Halt war „Castel del Monte“. Es ist ein Symbol des nördlichen Apuliens und ein Symbol der Herrschaft des Kaisers Friedrichs II. Nicht umsonst schaffte es dieser Bau auf die italienische 1-Cent Münze. Friedrich ließ diese Burg mitten in der offenen Landschaft bauen, bis heute weiß keiner warum. Es gab hier keinen Stall und Archelogen suchten auch vergeblich nach einer Küche. Die Burg war also unbewohnbar. Das Gebäude in der Form eines Achteckes auf einem waldlosen Hügel erinnert viel zu deutlich an eine Königskrone auf einem kahlem Schädel, um die symbolische Bedeutung nicht zu verstehen. Im Inneren spielten die Architekten mit der Perfektion der Formen auch um den Preis des Funktionalitätsverlustes. Das Gebäude hat zwei Stockwerke gebaut überwiegend aus dem schönen, mit den Korallen durchwachsenden roten Konglomerat von Gargano, genannt Brecca. An den Treppen findet man Köpfe aus Stein mit einem furchtbaren angstauslösenden  Greinen. Die Statuen brachten meinen Sohn auf die Idee, dass es sich hier um ein Gefängnis handeln könnte. Möglicherweise gerade hier wollte der Kaiser den ungehorsamen Papst Innozenz IV. einsperren, wenn er ihn aus Lyon nach Italien gebracht hätte. Der Plan schlug fehl. Die Festung diente aber trotzdem als ein Gefängnis. Anjou ließ hier Kinder des Königs Manfred, also die Enkelkinder des Kaisers, einkerkern. Der letzte der Söhne Manfreds Heinrich – also der letzte Staufer, starb hier im Jahr 1318 nach einer 52 Jahre langer Haft.  

               Der letzte Stopp auf unserer Reise war nicht geplant. Aber etwas zog mich einfach auf den Berg in die Stadt mit dem zauberhaften Namen „Monte San Angelo“. Ich sollte es nicht bereuen, auch wenn man dafür einen Höhenunterschied von 800 Meter überwinden musste.

               Der Engel, nach dem die Stadt den Namen trägt, ist Erzengel Michael, der hier angeblich mehrmals erschien, im vierten und fünften Jahrhundert, das letzte Mal allerdings in der Silvesternacht des Jahres 999. In dieser Nacht betete hier Kaiser Otto III., um eine Verschiebung des Weltunterganges. Wie wir wissen, für das Jahr 1000 nach Christi Geburt wurde mit Sicherheit mit dem jüngsten Gericht gerechnet ( dass es dazu nicht gekommen ist, erschütterte beträchtlich das Vertrauen in die katholischen Kirche) Es war angeblich der Verdienst des frommen Kaisers. Er betete für seine Untertanen so intensiv, dass ihm Erzengel Michael erschien und ihm mitteilte, dass der Weltuntergang vertagt wird. Offensichtlich auf unbestimmte Zeit. Wie ich bereits in meinem Artikel über Pavia geschrieben habe, erfreute sich Erzengel Michael als Anführer des Himmelheeres einer großen Verehrung der germanischen Stämme. Sein Kult zieht sich durch das ganze Europa von „Le-Mont San Michael“ in der Normandie über Pavia bis zum „Monte San Angelo“. Hier endet die Reihe seiner Kirchen und Pilgerorte. Hier ließen sich langobardische Könige bestatten, die hierher aus dem weiten Pavia überführt werden mussten. Der Platz war einfach ein Kult und behielt ein Flair bis heute. 

               Der Eingang ist in der Kirche, die Karl von Anjou über die Höhle bauen ließ, davon stammt also ihr gotischer Baustil. Auf einer engen Treppe steigt man in die Tiefe des Felsmassivs ab, bis zu einem massiven byzantinischen Tor. Nachdem „Monte San Angelo“ von Sarazenen im Jahr 869 zerstört wurde, ließ diese heilige Stätte Kaiser Ludwig II. im Jahr 871 wieder aufbauen. Das Tor stammt aus dieser Zeit. Gleich hinter ihm ist ein kleiner Raum, der den Namen des heiligen Franciscus von Assisi trägt. Franciscus war ein bescheidener Mensch, „PR“ beherrschte er aber hervorragend. Als er „Monte San Angelo“ besuchte, betete er nicht vor dem Altar wie alle anderen Pilger, sondern um die Ecke in einem Vorraum gleich hinter dem Tor aus Bronze. Angeblich weil er sich nicht würdig fühlte, vor den Erzengel zu treten. So bildete er eine eigene Kapelle und eine zweite Pilgerstätte. Wenn man sich durchsetzen will, muss es einfach kennen. Der Altar unter der tief hängenden Felsendecke ist aus Marmor und auf ihm steht die Statue des Erzengels Michael und ein Kreuz, das Kaiser Friedrich II. der Kirche gestiftet hat. Er brachte es aus Jerusalem. Friedrich wurde infolge der Hochzeit mit Isabella von Jerusalem (sie war seine zweite Frau) zum König von Jerusalem und im fünften Kreuzzug (in dem nicht gekämpft, umso intensiver aber verhandelt wurde) gelang es ihm, Jerusalem zu gewinnen und das Kreuz aus der Domkirche von Jerusalem wurde hierher gebracht – zu einer Pilgerstätte in seinem zweiten – eigentlich seinem ersten Königreich – Sizilien. Dem Menschen stockt ein bisschen der Atem, diese Kirche ist nichts für klaustrophobe Menschen. Im Untergrund der Kirche befinden sich die Gräber der langobardischen Könige, wir kamen nicht hin, ich weiß nicht, ob man sie überhaupt besuchen kann.

               Die zweite Dominante der Stadt ist das Kastell auf der Bergspitze. Eine riesige Festung ist von der Stadt durch einen Graben getrennt, gerade hier lebte die schöne Bianca Lancia mit ihren Kindern, die sie dem Kaiser gebar, dem zukünftigen König Manfred und der byzantinischen Kaiserin Konstanz. Vom Turm der Festung gibt es einen unglaublich schönen Blick auf das ganze Land bis zum Meer, das fast einen Kilometer tiefer liegt.

               Als wir nach Vieste zurückfuhren, belohnte uns Gargano mit einem wunderschönen Regenbogen über dem Meer. Es bedankte sich bei uns für den Besuch und für unsere Geduld mit seinen Serpentinen. Wir danken auch. Gargano ist ein schönes und vielfältiges Erlebnis. Für die Liebhaber von Baden, Geschichte, Natur oder für die Pilger. Nur Menschen mit Kinetose sollten es wahrscheinlich meiden.              

Gargano

Wissen Sie, wo es ist? Ich hätte das nicht gewusst, hätte sich meine Frau nicht entschieden, den Urlaub im Jahr 2011 gerad dort zu verbringen. Ich wollte nach Apulien, da ich gerade für meinen neuen Roman über Friedrich II. recherchierte und sie wollte baden. Eine Kombination der Unterkunft am Meer und des Kennenlernens der Umgebung schien uns beiden optimal. War es aber nicht. Also sicher nicht  für meine Frau, die an einer Kinetose leidet. Damit kommen wir endlich zur Antwort auf die Frage, was Gargano eigentlich ist. Es ist ein Gebirge. Zwar nicht besonders hoch, aber doch ein Gebirge, durch das man sich zu den Ortschaften am Meer durch unzählige Serpentinen durchkämpfen muss. Infolge dieser Tatsache blieb meine liebe Gattin an der Küste von Apulien eingesperrt. Ich glaube, es ist ihr dabei nicht wirklich schlecht gegangen, abgesehen von der Reise hin und dann wieder zurück. 

               Gargano ist der Sporn des italienischen Stiefels. Viel Natur, ein Wald mit einem mysteriösen Namen „Forresta umbra“, Seen in der Nähe des Meeres und einige kleinen Städtchen, die sich Badeorte nennen dürfen – Vieste, Peschici und Monte San Angelo, und natürlich auch das Dorf „ San Giovanni Rotondo“ (Entschuldigung, es ist eine Stadt, es leben hier doch 27 000 Einwohner), wo in den Jahren 1947 – 1968 bis zu seinem Tod der populärste aller zeitgenössischen italienischen Heiligen, Padre Pio, tätig war.

Er hat hier „Casa sollievo della sofferenza“ also „Das Haus der Leidensminderung“ gegründet. Es war sein Projekt, das Haus wurde im Jahr 1956 eröffnet und Padre Pio führte es bis zu seinem Tod.  Also eine Unterbrechung der unendlichen Serpentinen im „Forresta umbra“ gerade in diesem Ort ist sicherlich nicht uninteressant. Heute steht hier ein großes Krankenhaus, natürlich mit einer Verbindung zu einer modernen Kirche „Santa Maria delle Grazie“.

Padre Pio wurde im Jahr 1998 selig und drei Jahre später heilig gesprochen – von wem sonst als von Johannes Paulus II.?  Zur Heiligsprechung sind Wunder unentbehrlich, in diesem Fall konnte es aber Johann Paul sogar aus eigener Erfahrung tun. Im Jahr 1947 traf der damals siebenundzwanzigjährige junge polnische Priester Karol Wojtyla Padre Pio, der bereits damals den Ruf eines Heiligen hatte (ähnlich wie beim heiligen Franziskus erschienen auf seinem Körper Stigmata, also Wunden Christi). Padre Pio sagte Wojtyla eine große Karriere voraus und auch, dass er einmal Papst würde.               Wojtyla war ein Waisenkind, seine nächsten Freunde, die ihm seine Familie ersetzten, war ein Ehepaar Wanda und Andrei. Wojtyla erfuhr, dass Wanda, Mutter vier kleiner Mädchen, schwer krank wurde. Sie hatte einen Tumor. Es war notwendig, ihn operativ zu entfernen, die Ärzte konnten aber auch dann nicht garantieren, dass Wanda durch die Operation gerettet werden konnte. Wojtyla schrieb einen Brief an Padre Pio und bat ihn um Gebete für die Genesung Wandas. Der Tumor verschwand auch ohne Operation. An dieser Heiligsprechung hatte also Johann Paul persönliches Interesse.

               Die Region von Gargano erlebte seine Blütezeit in der Zeit der Regierung Kaisers Friedrich II. Dieser verlegte die Hauptstadt seines Reiches – des Sizilianischen Königreiches, in die Stadt Foggia und von dort aus regierte er auch das ganze Römische Reich. Gargano bot sich an  als Ort der Erholung, der Jagd und als Ort, wo seine Geliebten leben konnten, vor allen die Frau, die er über alles liebte, die schöne und erhabene Bianca Lancia. Für sie ließ er Burgen in Vieste und in Monte San Angelo bauen. Er hatte mit ihr drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn Manfred, den späteren sizilianischen König. Nach ihm heißt eine Stadt in der unmittelbaren Nähe von Gargano, heute ein Industriehafen Manfredonia – zum Gegenteil von allen bereits genannten Orten zahlt sich nicht aus, diese Stadt zu besuchen.

               Der Kaiser hat seine Geliebte an ihrem Sterbebett geheiratet, weil er aber gerade im kirchlichen Bann war genau wie auch der Priester, der die Hochzeitzeremonie zelebriert hat, erkannte der Papst diese Hochzeit nie an und Biancas Kinder waren offiziell Bastarde. Für Manfred sollte diese Tatsache fatale Folgen haben. Der Papst erkannte nie seine Ansprüche auf die sizilianische Krone an, er hetzte Karl von Anjou auf ihn und dieser hat Manfred in der Schlacht bei Benevento besiegt. Manfred verlor in der Schlacht nicht nur seine Krone sondern auch sein Leben. Das Grab von Bianca Lancia wurde angeblich in Tarent, wo sie starb, entdeckt, die Gräber weiterer zweier Gattinnen des Kaisers, zufällig beide Isabell (von Jerusalem und von England) befinden sich im Dom in der Stadt Andria. Andria ist ein Nest mit 100 000 Einwohnern mit einem unglaublichen Gewirr schmaler Gassen, ich glaubte von dort niemals herauskommen zu können. Wer aber genug Mut und Interesse seine Verehrung den Kaiserinnen persönlich zu bringen, soll das unbedingt versuchen. Ich habe diese Absicht aufgegeben. 

               Gargano ist aber vor allem Natur. Sie lädt zu Wanderungen im tiefen Wald „Forresta umbra“ oder zu Ausflügen an die Küste mit zauberhaften Buchten, Höhlen, alles geschmückt mit typischem roten Konglomerat, das als Baumaterial für den kaiserlichen Palast in Foggia sowie auch für die mysteriöse Burg „Castel del Monte“, genutzt worden ist.

Ich und mein Sohn entschlossen uns, die Schönheiten der Küste Garganos kennen zu lernen und meldeten uns für einen Bootsausflug an. Natürlich findet man in der ganzen Region niemanden, der Englisch sprechen würde, geschweige Deutsch, umso mehr sind aber die Einheimischen kommunikativ. Vor allem der Busfahrer Francesco, der uns zum Boot gefahren hat. Ein kleiner schlanker Mann von Gewicht irgendwo knapp unterhalb von fünfzig Kilo und ununterbrochen sprechend. Er stopfte in seinen Bus mit neuen Sitzplätzen locker 16 Personen, dreizehn Polen, mich mit meinem Sohn und eine Italienerin, wobei er die polnischen Kinder zum Erstaunen ihrer Eltern in den Gepäckraum steckte – ein Widerstand war allerdings absolut zwecklos

Mit Francesco zu diskutieren war einfach nicht möglich. Die Tatsache, dass es nur Italienisch sprach, spielte dabei aber nur eine untergeordnete Rolle. Francesco schaltete einfach nicht auf Empfang. Übrigens, bei der Rückreise fragten ihn zwei weitere Polen, ob sie mitfahren dürften. Für Francesco war das kein Problem, also fuhren wir zurück zum Hotel im Bus zu achtzehn. Es war eng aber gemütlich. Francesco fragte ein kleines polnisches Mädchen, das allen Vorschriften zuwider auf dem Vordersitz neben dem Fahrer am Schoss ihrer Mutter saß, ob sie schwimmen konnte. Als sie seine Frage mit einem „nein“ beantwortete, ohne sie zu verstehen, folgte ein längerer Vortrag von Francesco über die Risiken, die damit verbunden sind, wenn sich jemand, der nicht schwimmen kann, einen Bootausflug kauft. In diesem Moment hielt es die einzige Italienerin im Bus nicht mehr aus und sagte zu unserem lieben Busfahrer: „Francesco, non capiscono, sono tutti stranieri.“ („Francesco, keiner versteht dich, das sind alle Ausländer.“) Nicht einmal diese Bemerkung konnte Francescos Redefluss stoppen. Als er uns dann bei dem Felsen, unter dem unseres Schiff vor Anker lag, ausgesetzt hatte, verschwand er sofort mit seinem Bus. Warum, verstanden wir bald. Als wir ein Kap umfuhren und bei der nächsten Anlegestelle stopp machten, stand hier Francesco mit weiteren fünfzehn Menschen. Und als wir letztendlich im Hafen von Vieste anlegten, wo der größte Teil der Touristen zugstiegen ist, mussten wir nur eine kurze Weile warten und dann sahen wir, dass zu uns Francesco, gefolgt von weiteren achtzehn Touristen, läuft. Also, wenn ich richtig gezählt habe, schaffte es dieser eine Busfahrer mit seinem kleinen Bus mit 9 Sitzen insgesamt 48 (in Worten vierundvierzig) Passagiere zu unserem Schiff zu bringen. Das nenne ich Effektivität, da sollte sich jemand über die niedrige Arbeitsproduktivität in Italien beklagen!

               Die Küste von Gargano ist wirklich schön. Felsen, Kalkformationen wie „Arco di santa Lucia“, also „Bogen der heiligen Lucia“, Einfahrten in die Höhlen, versteckte Lagunen und zwischen Felsen kleine geschlossene Sandstrände, wo man baden konnte.

Natürlich hatten diese Idee auch viele andere Schiffe und so ist man nie allein. Nach dem Bad fuhren wir zurück, auf dem Kap vor der Stadt grüßte uns Statue des heiligen Franciscus von Paola und dann auch unserer Busfahrer Francesco. Er brachte uns alle in bester Ordnung zurück zum Hotel.       

               Die größte Stadt in Gagano ist Vieste. Die Stadt liegt auf einem Felsen hoch über das Meer mit einem Hafen, sein Wahrzeichen ist ein weißer Felsen namens Pizzomuno, der die Form eines erregten Penis hat und der sich auf dem Strand „Spiagga lunga“ also „Langer Strand“ befindet. Als ich dieses Motiv in meinem Roman „Lang sterbe der König“ verwenden wollte, leistete meine Lektorin einen unüberwindbaren Widerstand und ich musste die Stelle im Text zu einem aufgerichteten Finger verändern. Aber – nur unter uns – ein Finger schaut anders aus.

Vieste ist ein klassisches italienisches Städtchen mit einem kleinen, aber lieben, Hauptplatz und einem Dom, die Stromleitungen werden außen auf den Fassaden gezogen (gleich wie auch in London) und auf dem höchsten Punkt der Stadt ragt eine massive Festung empor, die hier Friedrich II. für seine Bianca Lancia bauen ließ. Auch die half aber nicht, als die Stadt im Jahr 1554 der türkische Pirat Dragut eroberte. Auf dem Hauptplatz vor der Kathedrale ließ er 5000 Einwohner der Stadt enthaupten. Alle italienischen Städte an der Ostküste litten unter türkischen Überfällen. Die Türken beherrschten in dieser Zeit den Balkan und von dem reichen Italien wurden sie nur durch die enge Adria getrennt. Die Festung kann man nicht besuchen, heute ist hier eine militärische Zone. Dafür kann man aber das Restaurant auf „Piazza Petrone“ besuchen. Die Tische standen schief nach unten in Richtung Meer geneigt. Man musste also aufpassen, dass das Essen und vor allem das Trinken nicht wegrutscht, aber es war ein wunderbares Erlebnis. Die Bucht tief unter uns wechselte die Farbe von hellblau zu silbern, dann zu  Gold und zuletzt, als die Sonne endlich unterging, wurde sie dunkelblau. Das Essen war hervorragend, aber der Ziegenkäse, der dort zum Essen serviert wird, hat eine unangenehme Eigenschaft – im Magen wächst und wächst und wächst er.  Ich hatte das Gefühl, dass mein Magen platzen würde, meine Frau fuhr mich zum Hotel und ich verdaute das Abendessen noch den ganzen nächsten Vormittag.

               Das zweite Städtchen heißt Peschici. Auch in diesem Fall handelt sich um ein Städtchen hoch über dem Meer mit einem Hafen und mit einer Festung aus dem zehnten Jahrhundert, die man im Gegenteil zu Vieste besuchen darf. Ich plagte mich mit meinem Peugeot 407 durch das Gewirr der schmalen Gassen der Stadt und suchte einen Parkplatz und dann erreichte ich eine Kreuzung in der Form des Buchstabes „T“. Ich verstand in diesem Moment, dass ich verloren war. An der Kreuzung wurde überall geparkt, mit meinem Auto war ich absolut chancenlos durchzukommen. Wie es so schon in Italien überall ist, standen in den nächsten paar Sekunden mindestens weitere drei Autos hinter mir. Ich kapierte, dass mich von dort nur mehr ein Hubschrauber holen konnte. Aber in diesem Moment eilten bereits drei italienische Pensionisten zu mir, um mir zu helfen. Sie zeigten mir, wie ich das Auto drehen sollte, mit einer Genauigkeit auf Millimeter. Es war notwendig, Zentimeter wären zu wenig gewesen. Mit dieser Hilfe verließ ich aber die Kreuzung ohne einen einzigen Kratzer und liebte die Italiener schon wieder ein bisschen mehr.

Das Städtchen selbst hat einen kleinen Hauptplatz, ein Tor der mittelalterlichen Befestigung, die Häuser drücken sich dicht zusammen, gleich wie die Restaurants. Also ein kleiner Hauptplatz für eine kleine Bewohnerzahl, die ganze Stadt hat 4500 Seelen. Wir aßen wieder einmal in einem Restaurant hoch über den Hafen mit wunderschönen Aussichten und diesmal bestellte den Ziegenkäse meine Frau. Das war der letzte Besuch in einem Restaurant in Gargano. 

               Ach so, dass ich Friedrich II. wegen dem ich eingetlich hingefahren bin, vergessen habe? Nicht ganz, aber darüber im nächsten Artikel in zwei Wochen.

Assisi

Diese Stadt wäre wahrscheinlich ein unbedeutendes Nest am Fuße des Berges „Monte Subasio“, wäre nicht gerade hier im Jahr 1181 ein Mann zur Welt gekommen der eine der berühmtesten Persönlichkeiten der christlichen Geschichte werden sollte – der heilige Franciscus. Interessant ist, dass er eigentlich gar nicht Franciscus hieß,  er wurde Giovanni, also Johann getauft. Weil aber seine Mutter aus der Provence stammte und sein Vater zur Zeit seiner Geburt in Frankreich war, um Geschäfte zu machen, bekam der Bub den Spitznamen Francesco – also „der Franzose“.

In Assisi dreht sich heute natürlich alles um seine Person. Hier wurde er geboren, hier war auch der Schwerpunkt seiner Tätigkeit, hier starb er und wurde begraben. Über seinem Grab steht eine riesige Basilika, den Grundstein zu dieser Kirche legte Papst Gregor IX. bereits im Jahr 1229, also ein Jahr nach des Franciscus Tod. Den Platz für sein Grab wählte Franciscus selbst, ob er durch seine Wahl der damaligen Stadtverwaltung eine Freude bereitet hat, würde ich eher für unwahrscheinlich halten. Er wählte nämlich das Schafott in der südlichen Stadtecke. Angeblich tat er das deshalb, weil er sich so unwürdig fühlte, an einem besseren Ort begraben zu werden. Also sollte er an einem Platz seine letzte Ruhe finden, wo sonst nur Verbrecher verscharrt worden waren, genau wie Christus selbst. Diesem Phänomen der Analogien zum Leben Christi werden wir in der Erzählung über Franciscus Leben noch mehrmals begegnen

               In jedem Fall hieß der Hügel, auf dem der Galgen stand, „Colle d´Inferno“, also „Höllenhügel“ An so einem Ort durfte man natürlich den Heiligen nicht ruhen lassen, also wurde der Hügel postwendend auf Paradishügel, also „Colle del Paradiso“ unbenannt. Tatsache aber ist, dass die Kirche des heiligen Franciscus auf einem wunderschönen Ort steht, mit atemraubenden Aussichten auf die Hochebene von Umbria. Und zwar auf dem untersten Rand der Stadt, wohin man vom Stadtzentrum durch die ganze Stadt auf der Straße „Via del Seminario“ und anschließend auf der „Via San  Francesco“ marschieren muss und damit erfüllt sie alle Voraussetzungen einer Pilgerkirche. Franciscus gründete sein Kult selbst, ob absichtlich oder unabsichtlich, weiß ich nicht, ich habe aber ein Gefühl, dass er sich in der „PR“ sehr gut ausgekannt hat. Hätte er diese Eigenschaft nicht besessen, hätte er sicher nicht so einen großen Erfolg gehabt.

               Die Basilika des Heiligen Franciscus ist ein riesiger Komplex mit einem weitläufigen Hof, wohin man durch Sicherheitskontrollen gleich wie auf den Flughäfen oder bei den römischen Basiliken, gehen muss, Soldaten checken die Besucher mit einem Metalldetektor durch, ob sie bei sich eine Waffe oder eine Bombe haben. Die Kirche selbst hat zwei Stockwerke. Das Untere ist eine romanische Basilika aus dem dreizehnten Jahrhundert, geschmückt mit bunten Fresken, obwohl man die Kirche durch eine deutlich jüngere Vorhalle im Still der Renaissance aus dem Jahr 1487 betreten muss. Die Kirche hat eine niedrige Decke und wirkt, besonders bei den Menschenmengen, die hier spazieren, beten oder singen, fast klaustrophobisch.

An den Seiten gibt es eine Menge Kapellen, ebenso mit Fresken bemalt. Rechts ist das Leiden Christi, links das Leben des heiligen Franciscus dargestellt. Das Fresko in der Apsis von Cesare Semei stellt das Jüngste Gericht da und ist deutlich jünger – der Autor schuf es im siebzehnten Jahrhundert. In der Krypta, in die man auf den Stiegen auf der rechten Seite der Kirche hinabsteigen kann, gibt es das Grab des heiligen Franciscus. Es ist ein sehr einfacher Sarkophag aus Stein, von dem im Altar nur ein kleiner Teil zu sehen ist. Als der Leichnam des Franciscus im Jahr 1818 exhumiert wurde, wurden seine Knochen zuerst in ein prächtiges Grab verlegt, das den Vergleich mit dem Grab des heiligen Dominikus in Bologna nicht scheuen müsste. Das weckte aber Widerstand besonders bei den Franziskanern, die wussten, dass so ein Grab den Vorstellungen des Gründers ihres Ordens nicht entsprechen würde. Im Jahr 1932 wurden also seine Gebeine in ein einfaches Grab verlegt, in dem sie bis heute ruhen. Bei dem Grab gibt es Bänke, wo man sich setzen darf und dann still sitzen, beten oder meditieren soll, in keinem Fall darf man hier fotografieren oder filmen.

               Von der unteren Kirche steigt man auf den Stiegen in das Zwischengeschoss, wo es den Kreuzweg des Klosters mit dem Kirchenschatzraum „Il Tresoro“ gibt. Hier werden Gegenstände ausgestellt, die dem Heiligen gehörten. Sein Mantel, seine Pantoffeln, aber auch ein Horn, das ihm der ägyptischen Sultan Al Kamil geschenkt hat. Im Jahr 1219 nahm nämlich Franciscus am Kreuzzug nach Ägypten teil (mit zwölf Ordensbrüdern – erinnert euch diese Zahl an die zwölf Apostel? – diese Zahl der Begleiter verwendete Franciscus viel zu oft um einen Zufall vermuten zu dürfen) und sah mit eigenen Augen die Eroberung der Stadt Damietta, die mit einem furchtbaren Massaker endete – es wurden 6000 Stadtbewohner von den Kreuzrittern niedergemetzelt. Franciscus entschloss sich den Frieden zu vermitteln und ging persönlich zum  Sultan. Er hatte Glück, dass der Sultan Al Kamil war, ein aufgeklärter Herrscher, neugierig auf neue Impulse, egal, woher sie kamen. Mit Franciscus verbrachte er einige Tage in einer gelehrten Diskussion. Er trat zwar nicht zum christlichen Glauben über, wie sich das Franciscus gewünscht hätte, fand aber an dem weisen Mönchen seinen Gefallen und beschenkte ihn zum  Abschied mit dem Horn, das man heute in „Tresoro“ in Assisi sehen kann. Franciscus hatte in seinem Leben mehrmals großes Glück. 

               Das erste Mal bereits im Jahr 1202, als Assisi, das traditionell zur kaiserlichen Partei der Ghibellinen gehörte, in einen Konflikt mit dem guelfischen Perugia geriet und in der Schlacht bei Colestrada verlor. Franciscus hat die Schlacht überlebt, geriet aber in Gefangenschaft, aus der ihn sein Vater im Jahr 1204 freikaufen musste.    

               Das zweite Mal hatte er Glück, als er im Jahr 1209 nach Rom aufbrach, um sich seine neue Regel, die er einige Jahre zuvor gegründet hatte, bestätigen zu lassen. Er ging hin – wieder einmal mit zwölf Gefährten – um sich gegen die Beschuldigung der Blasphemie zu verteidigen. Er ging zu Papst Innozenz III., der in der Verfolgung der Ketzerei unnachgiebig war – seine Kreuzzüge gegen Albigenser führten zu Massaker der Bevölkerung in Südfrankreich und auch sonst hatte sich der Papst als der Beschützer der Glaubensreinheit verstanden. Aber egal, wie unnachgiebig Innozenz in Verteidigung der Dogmen war, er erkannte das Potenzial, das Franciscus der Kirche anbieten konnte. Die Kirche müsste dringend für den Kampf um die Weltherrschaft, den Innozenz gegen die weltliche Macht, also gegen den Kaiser führte, das gemeine Volk zu gewinnen, das sich von den reichen Prälaten bereits abgewandt hatte. Innozenz hatte angeblich in der Nacht vor dem Empfang des Franciscus einen Traum, in dem ihm Franciscus erschien, der eine wackelnde Kirche stützte und vor einem Fall bewahrte. (Weil auf Italienisch genau wie auf Deutsch „Chieza“ das Gebäude wie auch die kirchliche Organisation bedeuten kann, bot sich die Allegorie eines Menschen, der das erschütterte menschliche Vertrauen in die katholische Kirche wiederherstellen und die Kirche vor dem Fall retten kann, an). Dieser legendäre Traum – es ist gut möglich, dass Innozenz diesen Traum selbst freierfunden hat, um seine Entscheidung besser begründen zu können, ist in der unteren Kirche direkt in der ersten Kapelle links – es ist die Kapelle des heiligen Martins – dargestellt. Innozenz hat Franciscus zur allgemeinen Überraschung nicht verurteilt und als Ketzer verbrennen lassen, sondern verfiel in eine Ekstase, erkannte seine Regel und versprach ihm volle päpstliche Unterstützung. Wäre auf dem Stuhl Petri zu dieser Zeit ein weniger weiser Herrscher gewesen, wer weiß, wie es ausgegangen wäre. Also sehr ähnliche Geschichte wie die von Ägypten.

               Die Fresken in der unteren Kirche würden sich einen eigenen Artikel verdienen, das am meisten umstrittene Fresko stellt die Franciscus preisende Madonna dar. Jungfrau Maria mit dem Christkind in den Armen zeigt mit dem  Finder auf Franciscus, während Evangelist Johannes neben ihr ganz unbeachtet steht. Ob dieses Fresko in der Kirche bleiben durfte, musste sogar der Papst persönlich entscheiden. Gregor IX., ein persönlicher Freund des Franciscus, entschied im Jahr 1234, dass dieses Fresko nicht ketzerisch sei, da Johannes das Evangelium lediglich geschrieben, Franciscus es aber gelebt hat. Und Päpste, wie wir schon wissen, irren nie.

               Das Obergeschoss der Basilika ist ein atemraubendes gotisches Gebäude mit sehr hohen Bögen.

Es  erinnert Sainte Chapelle in Paris, ist aber viel größer. Die Glasfenster stammen aus dem dreizehnten Jahrhundert und wurden von englischen und deutschen Meistern geschaffen, so schnell verbreitete sich der Kult des Heiligen in der ganzen damaligen bekannten Welt. Die Architektur ist einfach, um die Malereien an den Wänden umso mehr auf den Besucher wirken zu lassen. Hier arbeitete kein kleinerer als der größte aller Meister Giotto di Bondone und seine Schüler. Die Wände werden mit 28 Fresken geschmückt. Im Urzeigesinn beschreiben sie das Leben des heiligen Franciscus, das berühmteste Bild ist seine Predigt für die Vögel. Diese Bilder waren in ihrer Zeit eine wahre Revolution in der darstellenden Kunst. Anstatt byzantinischen vergoldeten Ikonen gab es plötzlich Bilder aus dem alltäglichen Leben mit Gesichtern von Menschen, die man auf der Straße treffen konnte. Die Renaissance klopfte auf die Tür. Zwischen den Fenstern gibt es Bilder aus dem Alten (rechts) und aus dem Neuen (links) Testament. Die Himmelfahrt Christi und die Entsendung des Heiligen Geistes schmücken die Wand der Fassade. In der Apsis gibt es einen Stuhl aus Marmor. In der ganzen oberen Kirche darf man weder fotografieren, noch filmen, als ich aber für eine Weile doch nicht widerstehen konnte, hat sich meine Frau von mir losgesagt und für einige Minuten hatten wir mit Ausnahme unserer Kinder nichts Gemeinsames. Aber wie konnte ich im Angesicht solcher Schönheit widerstehen? Vor der Kirche steht eine Statue des heiligen Franciscus auf einem Pferd, sie stellt den Moment dar, als Franciscus, noch ein Soldat, erkannte, dass dies nicht der seine Weg sei und sich entschied, sein Leben entscheidend zu ändern. Wie es passierte, dazu kommen wir noch.  Das Zentrum von Assisi ist die „Piazza del Comune“. Es ist ein ehemaliges römisches Forum, das mit mittelalterlichen Gebäuden und barocken Palästen umrahmt ist. Als Goethe Assisi besucht hat, sprach ihn nur ein Gebäude an und zwar die Kirche „Santa Maria sopra Minerva“, die gerade auf diesem Platz steht. (Der heilige Franciscus interessierte den deutschen Aufgeklärten nicht ein bisschen).

Es handelt sich nämlich um einen römischen Tempel der Göttin Minerva, den die Italiener wieder einmal nicht niedergerissen, sondern in eine christliche Kirche umqualifiziert haben, wobei der Portikus mit sechs korinthischen Säulen erhalten blieb und den Liebhaber der Antike Goethe in eine Trance versetzte. Ein Teil des römischen Forums wurde ausgegraben, die Ausgrabungen befinden sich in den Kellern der Häuser am Anfang der „Via portica“ und man kann sie besuchen. Unterwegs zu Basilika zahlt es sich aus (mit dem gleichen Eintrittsticket), auch den bischöflichen Palast, wo die Pinakothek ist, zu besuchen– interessanter als die dort ausgestellten Bilder sind die Fresken an den Wänden, die von Schülern Giottos stammen.           

               O.k., ich gebe es zu, der Aufstieg zur Festung „Rocca Maggiore“ auf dem höchsten Punkt der Stadt gerade zur Mittagszeit war wirklich nicht die beste meiner Ideen. Es hätte mich aber meine Frau an diese Tatsache nicht so oft, also jede zehn Schritte, erinnern müssen. Es ist bergauf gegangen und nach einer bestimmten Zeit verlässt man die bebauten Stadtteile, die Schatten anbieten können und so marschiert man zur monumentalen Festung in der prallenden Sonne in einer offenen Landschaft. Ich würde also den Besuch der Festung für Morgenstunden empfehlen und wenn man in der Stadt nicht wohnt, sondern hierher mit dem Auto kommt (mit Parkplätzen gibt es kein Problem, es gibt genug davon), sollte man mit der Festung den Stadtbesuch beginnen. Übrigens gerade beim Verlassen des Parkhauses haben wir das erste Wunder in der Stadt erlebt, die auch sonst voll mit Wundern ist. Auf einer Straße, die nachweislich keine Zufahrt hatte (auf einer Seite gab es ein zugemauertes Stadttor, auf der anderen eine steile Stiege), stand eine Reihe vorbildlich eingeparkten Autos. Wie sie hingekommen sind, haben wir auch nach einer längeren Forschung nicht verstanden. Aber Assisi ist schon einmal so. Hier ist es nicht notwendig zu verstehen, lediglich zu glauben.    

Die Festung „Rocca“ wurde vom Erzbischof Christian von Mainz gebaut, als er Assisi im Auftrag von Kaiser Friedrich Barbarossa erobert hat.

Nach ihm kam aber Konrad von Ursulingen, der vom Kaiser zum Grafen von Assisi und Herzog von Spoleto befördert wurde. Dass mit ihm nicht alles in Ordnung war, dafür spricht schon sein Spitzname „mesca in cervello“ also „Die Mücke im  Kopf“. Im Jahr 1198 musste er auf seine Titel verzichten und die Bürger von Assisi zerstörten in einem Rausch der Begeisterung über seinen Abschied die Festung. Dieses Ereignis erlebte bereits der siebzehnjährige Franciscus. Eine Legende erzählt, dass gerade in dieser Festung Kaiser Friedrich II. die erste zwei Jahre seines Lebens verbrachte, gerade unter der Vormundschaft des wahnsinnigen Grafen Konrad. Manche Historiker gehen noch weiter und behaupten, dass Friedrich in Assisi sogar geboren wurde. Im Text des deutschen Mönchs, der über die Geburt des Prinzen berichtet hat, ist der Geburtsort nämlich „ASSIS“ genannt. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Schreibfehler und Verstümmelung des Namens „AESIS“, also Jesi, wo der zukünftige Kaiser und „Stupor mundi“ wirklich geboren wurde. Eine Legende lässt sich aber durch solche Erklärungen nicht unterkriegen und erzählt weiter, dass der kleine Friedrich im Dom des heiligen Rufinus in Assisi getauft wurde und natürlich lässt sich den Vergleich nicht nehmen, dass an dem gleichen Ort der Heilige (also Franciscus) sowie auch der „Antichrist“ (Friedrich) geboren wurden. 

Die zerstörte Festung ließen im vierzehnten Jahrhundert der Kardinal Gil Alvárez de Albornoz und der Condottiere von Perugia Biordo Michelotti in der heutigen monumentalen Größe ausbauen – in dieser Zeit war Assisi schon guelfisch und unter der päpstlichen Kontrolle. Ich versprach mir vom höchsten Turm der Festung einen atemberaubenden Blick auf die Stadt aus der Vogelperspektive, ich sollte aber enttäuscht werden. Auf die Dachterrasse des Turmes darf man nicht steigen und das Fenster im höchsten Stockwerk ist  mit einem so dichten Gitter vergittert, dass man gar nichts sehen konnte. Aber auch die Blicke auf die Stadt auf einer und auf die Apenninen auf der anderen Seite, die ein Spaziergang auf den gut erhaltenen Festungsmauern bietet, sind schön genug, um die Festung zu besuchen. Wer mehr Kräfte und Ausdauer hat, kann auch den zweiten Turm „Roca minore“ besuchen, ich konnte aber meine Frau zu dieser Leistung nicht mehr motivieren.

               Im Stadtzentrum steht der „Duomo“, der wieder einmal, wie wir in Italien bereits gewöhnt sind, zwar die zentrale, nicht aber die bedeutsamste Kirche der Stadt ist.

„Duomo san Rufino“ ist ein monumentales gotisches Gebäude, geweiht einem lokalen Märtyrer aus den römischen Zeiten, dem Rufinus von Assisi, angeblich dem ersten dortigen Bischof. Seine Statue in einer barocken Ausführung ist im Kircheninneren, viel interessanter ist aber das Taufbecken, in dem der Legende nach der heilige Franciscus, die heilige Klara sowie auch der Kaiser Friedrich II. getauft wurden. Im Dom kann man auch „Das Kreuz des heiligen Damianus“ sehen, mit dem die ganze Geschichte um den heiligen Franciscus begann. Im Jahr 1205 betete Franciscus in einem sich im Zerfall befindendem Kirchlein des heiligen Damianus, als das Kreuz zu ihm sprach und sagte „Franciscus, erneue mein heruntergekommenes Haus“. Franciscus nahm es wörtlich. Es verkaufte Stoffe seines Vaters und das Geld widmete er für die Erneuerung der Kirche. Dadurch kam er natürlich in Konflikt mit seinem Vater, der damit endete, dass der junge Franciscus die Familie verlassen und mit dem Vaters gebrochen hat.

               Die Zelle, in die ihn der wütende Vater einsperren sollte, kann man in der Kirche „Chieza nuova“ sehen.

Diese Kirche ließ der spanische König Filip III. an der Stelle des Geburtshauses des Franciscus bauen. Die barocke Kirche passt in das Stadtkolorit nicht wirklich, damals gab es aber keine Urbanisten und wenn es sie auch gäbe, keiner hätte es gewagt, dem mächtigen spanischen Monarchen etwas zu sagen. Vor der Kirche gibt es Statuen der Eltern von Franciscus, also nach der Vorstellung des Bildhauers. Ihr Aussehen wurde – im Gegenteil zu Franciscus – nicht erhalten. Woher kennen wir das Antlitz des Franciscus? Bei den Arbeiten auf den Fresken in der unteren Basilika des heiligen Franciscus waren zwei Neffen des Heiligen mit ihrem Rat behilflich. In dem Verließ in seinem Geburtshaus ist eine Statue des bettenden Franciscus und um jeden Zweifel zu beseitigen, gibt es hier eine Anschrift „Carcer Ubi Franciscus Inclusus Fuita Patre“. Ob das wirklich so war, können wir nur raten, aber Legenden sind häufig bedeutsamer als historische Tatsachen.

               Eine wichtigere Kirche als „Chieza Nuova“ und sogar wichtiger als der „Duomo“, also die zweitwichtigste Kirche in der Stadt, ist die Kirche der heiligen Klara. Klara von Assisi (mit eigenem Namen Chiara dei Scifi) war eine treue Begleiterin des heiligen Franciscus und die Gründerin des weiblichen Zweiges des Ordens. Klara, um einer Vermählung, die für sie ihre Eltern, reiche Bürger von Assisi,  organisierten, zu entkommen, floh im Alter von achtzehn Jahren zu Franciscus, der damals mit seinen Gefährten in einer kleinen Kirche Portiuncula unterhalb der Stadt lebte. Franciscus hörte sich ihre Klagen und ihr Wunsch nach ewigen Jungfräulichkeit an, er schnitt ihr eigenhändig ihre Haare ab, ließ sie ein Ordengewand anziehen, übergab ihr einen Schleier als Zeichen der Keuschheit und nahm sie in seine Gesellschaft auf. Die Eltern der geflohenen Braut wollten aber nicht so einfach aufgeben. Sie kamen persönlich mit der Absicht, sie ins Familienhaus, das auf einem wichtigen Platz direkt neben dem Dom stand, abzuholen. Klara leistete passiven Widerstand. Sie legte sich auf den Boden nieder und ihr Körper wurde so schwer, dass nicht einmal zwölf starke Männer sie heben und abholen vermochten. Letztendlich mussten also ihre Eltern die neue Berufung ihrer Tochter akzeptieren. Klara ließ sich zwischen den Wiesen und Olivenhaien in der Kirche San Damiano nieder – ja, richtig, in der Kirche, die einmal Franciscus reparieren ließ und in ihrer Flucht vom Reichtum zur Armut hat sie eine ganze Reihe Begleiterinnen gefunden. Im Jahr 1216 bestätigte der Papst Innozenz III.  die Gründung ihres Ordens. Der Leichnam der heiligen Klara ist in der Krypta der Kirche, die ihren Namen trägt, begraben. Diese Kirche befindet sich direkt in der Stadt und es ist ein imposantes romanisches Gebäude, gestützt mit massiven Seitenbögen.

Zum Kloster „San  Damiano“, wo sie wirkte, ist es möglich außerhalb der Stadtmauern abzusteigen, hier gibt es Ruhe und nur wenig Besucher.

               San Damiano ist also der erste Ort außerhalb der Stadtmauern, der zum heiligen Paar einen Bezug hat. Der nächste ist „Eremo delle Carceri“ ungefähr vier Kilometer von der Stadt entfernt in einer Kluft des Berges „Monte Subasio“. Hier befinden sich die Grotten, wo sich Franciscus mit seinen Begleitern immer zurückgezogen hat, wenn er die Menscheit nicht mehr leiden konnte – und das war ziemlich oft.

Heute gibt es hier ein märchenhaft in den Felsen der Kluft eingebautes Kloster, die Grotten kann man besuchen und in Sichtweite gibt es die Statuen des heiligen Franciscus und seiner Freunde. Der schlafende Franciscus liegt hier friedlich am Rücken und lächelt. Er hat offensichtlich nichts dagegen, wenn sich zu ihm Touristinnen legen, um sich mit dem schlafenden Heiligen fotografieren zu lassen.  Franciscus hatte für die menschlichen Schwächen immer Verständnis.

               Sechs Kilometer von Assisi entfernt gibt es dann noch einen sehr wichtigen Ort der Legende von Franciscus. Basilika „Santa Maria degli Angeli“, der Ort, wo Franciscus starb. Es war der Ort, wo der von ihm gegründeten Orden sein Mittelpunkt hatte, seine beliebte Kapelle Portiuncula. Nachdem bei ihm im Jahr 1224 Stigmata erschienen sind, also die Wunden Christi an den Händen, Füßen und an der linken Seite, wurde Franciscus krank. Er erblindete und nach mehreren brutalen und falschen therapeutischen Versuchen starb er in furchtbaren Schmerzen im Jahr 1226 im Alter von nur 45 Jahren. Die Askese ist also aus der medizinischen Sicht möglicherweise doch nicht die gesündeste Lebensart. Natürlich ist hier heute eine Pilgerstätte und im sechzehnten Jahrhundert wurde über die Kapelle eine gigantische Basilika gebaut, später durch ein Erbeben beschädigt, aber im Jahr 1928 im neobarocken Stil wiederaufgebaut. Neben der Sakristei gibt es einen Garten, in dem die Rosen bei der Büße des Heiligen ihre Dorne verloren haben. Diese Basilika hat gleich wie die Kirche des heiligen Franciscus in der Stadt den Status „Basilica maior“.

               Sie sind die einzigen „Basiliken maior“ außerhalb von Rom – und auch dort gibt es nur vier. Franciscus erbrachte in seinem Leben eine große Leistung für die Welt sowie auch für seine Geburtsstadt. Aber nicht nur das. Er wusste seine Leistung auch gut verkaufen, nicht umsonst war er der Sohn eines Kaufmanns. Aber allein Stoffe kaufen und verkaufen war ihm einfach zu wenig.      

               Erlauben Sie mir, bitte, am Ende dieses Artikels noch eine Bemerkung. Dass Lenin eigentlich Uljanov und Stalin Dzugaswilli hießen und die Oktoberrevolution im November war, dass alles konnte ich irgendwie verdauen. Aber dass der heiliger Franciscus Johann geheißen hat, das erschütterte mein Vertrauen in diese Welt direkt in ihren Fundamenten.      

Perugia

Die Stadt Perugia steht auf einem Berg. Auf einem hohen Berg. Als sie einmal auf einem Hügel mitten in der umbrischen Hochebene von Etruskern gegründet worden ist, wollten die Bewohner durch diese Lage jeden unerwünschten Besucher offensichtlich abschrecken. Was in unserem Fall beinahe geklappt hätte. Vom Hotel „Wine and Jazz“ führte ein steiler Weg bergauf in die Stadt, zuerst zwischen den Häusern, dann durch die Stadtmauer und danach weiter steil hinauf zwischen Trattorien, Osterien und Bars, die uns zu einer Aufgabe verführen wollten.

Wir gaben nicht auf. Wir gingen an dem „Torre degli Sciri“ vorbei, dem einzigen erhaltenen Turm, so typisch für alle italienische Städte und ihre mittelalterlichen Paläste der Adeligen und wir erreichten den Gipfel des Hügels, wo sich das Stadtzentrum befindet. Die Belohnung  für diese beinahe sportliche Leistung war groß. Inklusiv wunderschöner Aussichten auf die bereits erwähnte Ebene von Umbria. Möglicherweise waren gerade diese Aussichten der wahre Grund, warum die Etrusker ihr Perusia gerade hier gebaut haben. 

Das Hotel „Wine und Jazz“ haben wir nicht nur wegen seines vielversprechenden Namens gewählt, sondern weil es mit dem Auto sehr gut erreichbar war und einen großen Hotelparkplatz besaß. Wir wunderen uns ein bisschen über eine Menge an Touristen mit Rucksäcken und Wanderstöcken am Frühstückbuffet. Die aber, wie ich später erfuhr, hatten nicht vor, mit dieser Ausrüstung den Hauptplatz von Perugia, also die „Piazza IV.Novembre“  zu erklimmen, sondern gingen in den Nationalpark „Monte Sibillini“ wandern, wo einer der höchsten Berge der Apenninen der „Monte Ventoro“ mit seinen 2478 Höhemeter emporragt. Der Aufstieg in das Stadtzentrum war doch ein bisschen weniger anstrengend als der „Monte Ventoro“ und wir schafften es ohne Bergsteigersausrüstung. Den „Monte Ventoro“ kann man von der Aussichtsterrasse im Stadtzentrum sehen, mehr dominant ist aber der näherliegende Hügel „Monte Subasio“. Auf dem Hang dieses Berges  war eine schöne weiße Stadt zu sehen, in der wir das legendäre Assisi entdeckt haben. (Von Assisi sieht man Perugia nicht so gut wie umgekehrt)

               In Perugia ist alles irgendwie überdimensioniert. Nicht nur der Hügel, auf dem die Stadt steht, aber als ob die örtlichen Architekten, hingerissen von der Lage der Stadt, kein normales Haus bauen hätten können. Alles ist einfach gigantisch, also mit Ausnahme der U-Bahn, die sich wirklich den Namen „Minimetro“ verdient. Darüber aber später.         

               Der Hauptplatz von Perugia gehört, besonders bei abendlicher Beleuchtung, zu den zehn schönsten Plätzen in Italien. Wir konnten nicht widerstehen und kletterten noch einmal abends hierher und es war wirklich hinreißend. Der Hauptplatz wird auf einer Seite vom riesigen Rathaus der „Cassa dei Priori“, auf der anderen von einem großartigen „Duomo San Lorenzo“ dominiert, zwischen diesen zwei Gebäuden befindet sich das Wahrzeichen der Stadt, die Fontäne „Fontana Maggiore“.

Es ist ein wunderbares Werk des echten Anfanges der Renaissance. Ihr Autor war nämlich kein geringerer als Nicolo Pisano, der für den ersten Bildhauer und Architekten der Renaissance  gehalten wird.  Er war ein Mitglied der „Scuola nuova Siciliana“ und nach der Machtübernahme der Anjous über den italienischen Süden ging er nach Norden, um hier die Ideen der neuen kommenden Epoche anzukündigen. Sein Werk wurde von seinem Sohn Giovanni fortgesetzt, die beiden schufen hier Reliefs, die den Tierkreis, die Landarbeiten und die sieben freien Künste symbolisierten, aber es gab hier auch Darstellungen biblischen Personen Adam und Eva, Samson und Dalila, David und Goliath und es durften natürlich auch Romulus und Remus mit der römischen Wölfin nicht fehlen.         

               Die Stadt hatte nämlich bereits in den römischen Zeiten eine bemerkenswerte Geschichte. Nach der römischen Niederlage beim Trasimenischen  See im Jahr 217 v.Ch. stellte sich Perusia überraschendeweise auf die Seite der geschlagenen Römern und gegen den siegreichen Hannibal und wurde dafür mit dem Status des „Municipiums“ belohnt. Im Bürgerkrieg zwischen Mark Anton und Oktavian stellte es sich aber diesmal auf die falsche Seite und wurde von Oktavian vollständig vernichtet. Der neue Herrscher, jetzt schon Kaiser Augustus genannt, ließ die Stadt erneuern und so trug die Stadt dann den Namen „Perusia Augusta“. Diesen Namen kann man über dem römischen Tor, das wie alles in dieser Stadt, hoffnungslos überdimensioniert ist, sehen.  Dieses Tor „Arco Etrusco“ war eines der wenigen Dinge, die das Wüten des Oktavian Augustus überlebten, der Kaiser ließ also auf diesem alten Tor den neuen Namen der Stadt eingravieren.

Unmittelbar bei diesem Tor gibt es einen großartigen Palast Gallenga-Stuart. In diesem  Gebäude befindet sich eine Universität, die auf den Unterricht der italienischen Sprache für Ausländer spezialisiert ist. Jedes Jahr besuchen sie mehr als 8000 Studenten, um sich hier in Italienisch zu verbessern und die italienische Kultur kennen zu lernen. Angeblich sollten sie hier auch die italienische Wirtschaft studieren, in diesem Fach wäre ich aber sehr zurückhaltend und skeptisch. Auf diese Art lockt Perugia jährlich tausende Ausländer in die Stadt, es war eine geniale Idee und sie ging auf. Die Mindestzeit für das Studium sind 4 Wochen und die Kurse werden mit einer Staatsprüfung beendet und mit einem entsprechenden Diplom belohnt.  Also, sollten Sie wirklich Lust auf eine Verbesserung ihres Italienisch haben, Perugia ist ein wirklich der optimale Ort dafür.

               Aber zurück auf den Hauptplatz. Man sollte ihn nicht frühzeitig verlassen, der Rückkehr bedeutet eine physisch ziemlich anstrengende Herausforderung. Also, wenn aus der blau beleuchteten „Fontana Maggiore“ abends Wasserströme fließen, hat es etwas Magisches an sich und es ist wirklich ein schönes Schauspiel.

Um das Rathaus führt der „Corso Vanussi“, die Hauptstraße der Stadt, auf ihr kommt man zum „Giardini Carducci“, zu einem Park auf einer Terrasse, die einmal der höchste Punkt einer großen Festung „Rocca Paolina“ war. Diese Festung ließ hier Papst Paul III. bauen, nachdem er die Stadt eingenommen hatte. Er ließ zu diesem Zweck Häuser der reichsten Bürger niederreißen. Natürlich hatten gerade die Reichsten ihre Häuser hier auf diesem Platz mit den schönsten Aussichten auf das Land zu ihren Füßen. Die Aussicht von der Terrasse nicht nur auf die Stadt, sondern auf ganzes Umbrien, ist auch noch heute hinreisend.

Auf einer Seite des Rathauses in Richtung zur Fontäne gibt es die so genannte „Scala“ also „Die Treppe“. Es ist ein üblicher Treffpunkt für Junge und Alte, für Verwandte, Bekannte oder Freunde. Die Perugianer müssen sich nicht zwischen den riesigen Gebäuden der Stadt suchen, sie treffen sich einfach auf der Treppe. Die Treppe führt zum Sitzungssaal „Sala dei Notari“, ein Saal, wo sich die Adeligen der Stadt zu politischen Verhandlungen trafen.

Der Saal hat eine herrlich bemalte Holzdecke, auf den romanischen Bögen gibt es hier Szenen aus den Fabeln von Aesop und Szenen aus der Bibel. Über die Treppe ragen aus der Wand des Rathauses Metallskulpturen, die einen welfischen Löwen und einen beflügelten Greif, das Wappentier von Perugia, darstellen. Dem Greifen begegnet man in der Stadt überall, die Perugianer sind, wie alle Italiener, lokale Patrioten.

Auf der anderen Seite des Rathauses gibt es zwei wunderschöne Räume, die ehemaligen Treffpunkte der wichtigsten Zünfte der Stadt. Der erste ist das „Collegio della Mercanzia“, also die Zunftstube der Kaufleute, mit Wänden und einer Decke, die mit wunderschönen Schnitzereien aus Holz bedeckt sind. Der zweite gleich nebenan ist das „Collegio del Cambio“, also der Treffpunkt der Geldwechslergilde, also der Bankleute. Diese Räume sind noch schöner, offensichtlich waren die Bankiers bereits damals reicher als Kaufleute, es ist also nicht nur die Erfindung der letzten fünfundzwanzig Jahre des entfesselten Kapitalismus. Der Saal ist bemalt mit Fresken eines der größten Meister der Renaissance Perugino, der hier auch sich selbst in einem Selbstportrait verewigte. Auf der Decke sind Zeichen des Tierkreises und Bilder berühmter Römer, ein Teil des Komplexes ist auch die Kapelle des heiligen Johannes des Täufers, ebenso bedeckt mit Fresken aus der gleichen Zeit, also aus der Renaissance des fünfzehnten Jahrhunderts. Die Darstellung der Hinrichtung des Propheten hat mich ein bisschen stutzig gemacht. Der heilige Johannes, bereits kopflos, weil sein Kopf schon auf dem Teller bereit für die blutrüstige Salome liegt, kniet immer noch und betet. Das widerspricht einigermaßen meinen medizinischen Kenntnissen, aber was soll´s? Der Besuch zahlt sich aus.

Sowie auch der Besuch der umbrischen Gallerie eine Tür weiter, noch immer in dem unglaublich riesigen Rathaus. Auf zwei Stockwerken gibt es hier eine Pinakothek mit Bildern der Meister aus dem zwölften bis sechzehnten Jahrhundert, unter anderem auch ein Werk von Fra. Angelico.

Die zweite Dominante des Platzes ist der Dom des heiligen Lorenzo. Vor dem Seiteneingang steht eine große Statue des Papstes Julius III. Ich habe vergeblich nach einer Beziehung dieses Papstes zu Perugia gesucht. Er wurde hier weder geboren (er war ein Römer) noch ist er hier gestorben, in der Geschichte hinterließ er keine wesentliche Spur, er widmete sich eher Festen und Vergnügungen des Lebens (trotz seiner Gicht) als den Regierungsgeschäften. Der einzige Grund für die Fertigstellung seiner Statue konnte eine Arschkriecherei der Perugianer sein. Perugia war nämlich bis zum Jahr 1539 eine selbständige Kommune, nur in diesem Jahr zwang sie Papst Paul III., der Vorgänger des Julius, im so genannten „Salzkrieg“ in die Knie und Perugia musste die römische Oberhoheit akzeptieren. Also bauten die Bürger von Perugia seinem Nachfolger eine Statue als Zeichen ihrer Loyalität. Angeblich sollte dieser Papst der Stadt die Selbstverwaltung zurückgeben, die von seinem Vorgänger aufgehoben wurde.

Im – wie anders – riesigen – Dom des heiligen Lorenzo geht es mit den Päpsten schon konkreter los. Es gibt hier eine große Statue des Papstes Leo XIII. (1878 – 1903), der vor seiner Wahl zum Papst am 20. Februar 1878 Erzbischof von Perugia war.

Er wurde hierher eigentlich von seinem Vorgänger Pius IX. „abgeschoben“, weil er seine Politik viel zu laut kritisierte. Dieser Papst verdient  seine Statue, er führte die katholische Kirche in sehr schwierigen Zeiten und er tat es nicht schlecht. Es waren die Zeiten nach der Besetzung von Rom durch die italienische Armee im Jahr 1870, als Rom in Italien eingegliedert und zur Hauptstadt ausgerufen wurde. Der Papst hatte also kein eigenes Hoheitsgebiet (Die Lateranverträge, in denen dem Papst der Vatikan übergeben und aus dem italienischen Gebiet ausgegliedert wurde, wurden im Jahr 1929 unterschrieben) und er wurde vom römischen Pöbel gehasst und attackiert. Papst, sowie auch die gesamte katholische Kirche, gerieten unter starken Druck und der Papst schrieb sogar an Kaiser Franz Josef I., dass er Rom gerne verlassen und die katholische Kirche von einem anderen Ort (Wien) weiter führen würde. Es gelang ihm letztendlich trotzdem, alle Krisen zu meistern und die Autorität des Heiligen Stuhles zu stabilisieren. In San Lorenzo wurden zusätzlich noch drei Päpste begraben, die in Perugia im 13. Jahrhundert starben. Zwei blieben auch hier, es waren Urban IV. (1261 – 1264) und Martin IV. (1281 – 1285). Der dritte war für die Kirche viel zu wichtig um ihn im bedeutungslosen Perugia ruhen zu lassen, wo er im Jahr 1216 starb und begraben wurde. Deshalb wurden seine Überreste im Jahr 1890 nach Rom überführt. Es war Inocenz III. (1198 – 1216) einer der größten Päpste des Mittelalters, der sich selbst „Imperator verus“ nannte und den Anspruch auf die Macht über die gesamte Welt äußerte. Er war es, der im Konflikt zwischen den Welfen und Staufen lavierte und zum Kaiser zuerst den Welfen Otto IV. und dann Friedrich II. von Hohenstaufen krönte, für den er Vormund war. Negativ wurde er durch Ausruf des Kreuzzuges gegen Albigenser im Jahr 1208 berühmt, der in furchtbare Massaker der Zivilbevölkerung in der Provence mündete. Die größte Katastrophe seines Pontifikates war der vierte Kreuzzug in den Jahre 1202 – 1204, der als Folge die Eroberung von Konstantinopel durch die Kreuzritter und Fall des byzantinischen Reiches, dem eigentlich zur Hilfe gegen die Angriffe der Türken eilen sollte, hatte. Also er war es, der obwohl nicht absichtlich, durch katastrophale Folgen seiner Taten die westliche Welt schwächte. Also mit der Vernichtung von Byzanz sowie auch durch Einleitung des Krieges um die Macht über die bekannte Welt zwischen Kaisertum und Papsttum, der die Schwächung der zentralen weltlichen Macht zu Folge hatte. Im Jahr 1215 organisierte er den IV. Lateranischen Konzil, auf dem er die Ansprüche des Papstes auf die absolute Macht verkündete.

Die größte Attraktion der Kathedrale in Perugia ist aber der „Verlobungsring der Jungfrau Maria“. Seine Echtheit könnten wir wahrscheinlich zu Recht anzweifeln, nichtsdestotrotz wird er im Dom im einem Tresor aufbewahrt, der mit sieben Schlüsseln versperrt ist und in der Kapelle „Sant´Anello“ in der Höhe von acht Meter hinter einem vergoldeten Gitter, das wiederum mit vier Schlüsseln versperrt ist, aufbewahrt. Im Jahr 1473 gelang es den Perugianen im Städtchen Chiusi in der Toskana sich des Ringes zu bemächtigen und seitdem behüten sie ihn als die heiligste Reliquie. Den Gläubigen wird er nur zweimal im Jahr gezeigt, und zwar am 29. Juli und am vorletzten Januarwochenende, bei dem Fest der Vermählung der Jungfrau Maria mit Josef. An diesem Tag werden in Perugia Eheringe für das kommende Jahr gesegnet.

Auf der „Corso Vanucci“, wo man in zahlreichen Bars sitzen könnte, kommt man zu der bereits erwähnten Aussichtsterrasse  in dem „Giardini Carducci“. Nur von hier sieht man, auf welchem „Buckel“ eigentlich Perugia liegt und welchen unregelmäßigen Grundriss dieser Hügel hat. Die Ausläufer der Stadtbefestigung kann man nach den Kirchen, die in den Stadtecken stehen, identifizieren, wie der heilige Peter, der heilige Dominik oder auf der anderen Seite der heilige Franciscus. Dann geht man wieder bergab und kommt in ein Viertel, wo man die Altstadt durch das Tor des heiligen Antonius verlassen kann. Auf dem Weg entlang der Mauer bot sich ein hinreißender Blick auf die monumentale Kirche des heiligen Franciscus al Prato, die auf einem Felsvorsprung steht.

Der Abstieg zu dieser Kirche vom Stadtzentrum ist nicht leicht, dafür aber schön. Man geht nämlich durch das Universitätsviertel, gerade vor dem heiligen Franciscus, der eine riesige Ruine ist, treffen sich auf dem Rasen Studenten. Hier wird diskutiert, Gitarre gespielt und gesungen. Gleich neben der Kirche des heiligen Franciscus gibt es ein Oratorium des heiligen Bernardins von Siena. Bernardin war ein Franziskanermönch, ein hervorragender Redner, eine seiner berühmtesten Prediger hielt er im Dom des heiligen Lorenzo in Perugia. Die Perugianer bauten ihm dafür neben der Kirche des heiligen Franziskus ein Oratorium, das für ein Juwel der Hochrenaissance gehalten wird, wo man an den Wänden Steinreliefs mit Szenen aus dem Leben des Heiligen sehen kann.  

Natürlich gibt es in Perugia noch viel mehr zu sehen. Es gibt hier ein archäologisches Museum im Kloster neben der riesigen Kirche des heiligen Dominikus (es ist die größte Kirche in Perugia und das bedeutet schon was, weil die Konkurrenz sehr groß ist). In dieser Kirche ist noch ein Papst begraben, nämlich Benedikt XI., der hier angeblich nach Verzehr vergifteter Feigen im Jahr 1325 starb. Weiter gibt es das Kloster der heiligen Juliana oder antike Säulen aus Marmor und Granit in der Kirche des heiligen Petrus, die alte Universität auf der „Piazza Mateotti“, die Kirche des heiligen Augustin oder die Kapelle des heiligen Severus, wo Rafael sein allererstes Fresko währen seines Aufenthaltes in Perugia in den Jahren 1505 – 1508 gemalt hat.

Allerdings ist der Besuch von Perugia nicht vollendet, solange man nicht die örtliche U-Bahn benutzt hat – also die „Minimetro“. Die Idee ist genial, offensichtlich von den Bergen übernommen, wo man eine Seilbahn zur Fahrt auf den Gipfel benutzt. Weil Perugia ebenso auf einem Berg liegt, entschieden die Architekten, die Altstadt auf dem Berg mit der Neustadt im Tal mit einer Seilbahn zu verbinden.

Eine Kabine können ungefähr zehn Leute nutzen, aber die Kabinen fahren eine nach der anderen, die Kapazität ist also ausreichend. Wir mussten nicht warten. Es war nur ein bisschen mühsam, die Station „Pincetto“ zu finden. Man geht von der „Piazza Mateotti“ durch einen Tunnel hin, die Kennzeichnung war nicht wirklich gut. Direkt oberhalb der „Porta Santa Margherita“ genossen wir noch schöne Aussichten, tranken einen Aperolspritzer in einer winzig kleinen Bar und dann bestiegen wir eine Kabine. Obwohl die Talstation von unserem Hotel verhältnismäßig weit entfernt war, bereuten wir unsere Entscheidung nicht. So etwas Liebes in einer Stadt der Größe Perugias (163 000 Einwohner) sieht man nicht so oft.  

Bologna

               „Bologna rosa“, also das rote Bologna, wird die Stadt genannt und das hat gleich zwei Gründe. Den ersten versteht man, wenn man die Stadt vom Dach der Kirche des heiligen Petronius aus betrachtet, also beinahe aus der Vogelperspektive. (Übrigens, auf diese Aussichtsplattform brachte mich ein sehr vertrauensunwürdiger Lift, den in der Woche die Arbeiter nutzten, um das Dach der Kirche zu reparieren und am Wochenende diente der gleiche Lift zur Beförderung der Touristen zur Aussichtsplattform). Weil, noch bevor ich den Lift betreten durfte, drei Dokumente unterschreiben musste, in denen ich einverstanden war, dass ich den Lift nur auf eigene Gefahr betrat und der Liftbetreiber für gar nichts haftete, hatte ich während der Fahrt ein mulmiges Gefühl im Bauch, aber es passierte nichts Schlimmes. Die Aussicht war atemberaubend. Die Häuser sind wirklich aus roten Backsteinen und ohne Anstrich gebaut, was der Stadt ein kompaktes Bild in rotem Ton verleiht.

               Über den zweiten Aspekt zeugen hunderte Fotografien an der Mauer des Rathauses. Es sind Fotografien der Partisanen, die hier im Kampf gegen den italienischen Faschismus das Leben verloren, insbesondere in der Zeit der sogenannten „Norditalienischen Republik“, als Mussolini nur mehr eine Marionette der deutschen Nationalsozialisten war. Bologna war immer eine Stütze der italienischen Linken, entweder der Sozialdemokraten oder in angespannten Zeiten auch der Kommunisten. Auch Benito Mussolini machte mit Bologna eine schlechte Erfahrung. Der Attentäter Anteo Zamboni, der versuchte, ihn am 31. Oktober 1926 zu erschießen, stammte aus Bologna und wählte zum Attentat gerade seine Geburtsstadt. (Zamboni war 15 Jahre alt und wurde gleich nach dem Attentat gelyncht).

               Warum die bolognesische Politik traditionell nach links ausweicht, ist wahrscheinlich die Folge der Menge junger Menschen, die hier leben und studieren. Wie Wilson Churchill einmal gesagt hat: „Wer mit zwanzig kein Sozialist ist, hat kein Herz, wer mit vierzig noch immer ein Sozialist ist, hat keine Vernunft“. In Bologna lebt eine riesige Menge zwanzigjähriger Menschen, was mit der Tatsache zu tun hat, dass es hier die älteste europäische Universität gibt. Eigentlich existiert von ihr – im Gegenteil zu den Universitäten in Neapel oder Padua, die um den zweiten und dritten Platz ringen (lassen wir Pavia zur Seite, über dieses Problem habe ich bereits geschrieben), keine Gründungsurkunde und damit kann man kein genaues Datum feststellen, wann die erste Hochschule auf dem Kontinent entstanden ist. Irgendwann am Ende des 11. Jahrhunderts schlossen sich einige örtlichen Schulen zusammen und so ist die erste Universität entstanden. Im 19. Jahrhundert wurde das Datum im Jahr 1088 festgelegt, eigentlich etwas willkürlich, da die Urkunde fehlte. Es wurde hier Jus, Medizin, natürlich Theologie und die freien Künste unterrichtet, heutzutage hat die Universität 23 Fakultäten mit 100 000 Studenten. Sollten Sie sich aber für das Studium in Bologna entscheiden, müssten sie auf eine Sache aufpassen.

               Das Wahrzeichen von Bologna sind zwei schiefe Türme, die man gut von der „Piazza Maggiore“ aus sehen kann.

Der Turm in Pisa ist im Vergleich mit den Schwestern (oder Cousinen) von Bologna gerade wie eine Kerze. Der höhere der Türme „Torre degli Asinelli“ hat eine Höhe von 100 Meter und weicht um 1,3 Meter nach rechts. Wenn ein Student seine Spitze auf 498 Stufen erklimmen würde, rückte der Studienabschluss in unerreichbare Ferne. Der kleinere Turm „Torre Garisenda“ ist nur 48 Meter hoch, dafür aber beträgt seine seitliche Abweichung ganze 3,2 Meter – nach links. Wie ich schon sagte –  in Bologna hat alles eine Neigung, nach links abzuweichen, inklusiv der Politik. Die zwei Türme sind nur die auffälligsten von vielen anderen. Es sind die Türme der adeligen Paläste, die sich die erhabenen Familien bauen ließen, als sie vom Bürgertum gezwungen wurden, aus ihren Burgen am Lande in die Stadt umzuziehen. Die Türme waren ein Zeichen der Erhabenheit der Bewohner des Hauses, natürlich auch ein Verteidigungsaspekt und nicht zuletzt auch ein Phallussymbol. Ursprünglich gab es in der Stadt 180 solche Türme, heute gibt es noch immer fünfzehn davon. 

               Natürlich habe ich mich gleich beim Betreten des Stadtzentrums aufgeregt. Furchtbar aufgeregt! Die Hauptattraktion der Stadt ist nämlich der Neptunbrunnen auf einem Platz, der sogar nach ihm den Namen trägt.

Die Statue wurde vom Bildhauer Giambologna im Jahr 1566 geschaffen und zur Zeit, als ich die Stadt besucht habe, wurde sie natürlich repariert oder restauriert, sie war also von einem Gerüstmantel umhüllt und nicht sichtbar. Ich knirschte mit den Zähnen und war neugierig, wie Bologna diesen Verrat kompensieren könnte. Die Stadt hat aber, Gott sei Dank, viel Weiteres zu bieten.

Die Dominanten der Stadt sind drei Gebäude, die Kirche des heiligen Petronius, der „Pallazo del Re Enzo“ und der „Palazzo communale“, also das Rathaus. Alle drei sind so riesig, dass man vor ihnen atemlos stehen bleibt.

               Beginnen wir mit dem Palast des Königs Enzio.

Es passiert nur sehr selten, dass ein Gebäude den Namen nach seinem prominentesten Gefangenen bekommt. Der Palast direkt im Zentrum der Stadt hat eine interessante Geschichte, besonders interessant ist dann sein Name. Enzio war ein unehelicher Sohn des Kaisers Friedrich II. und sein bester Heerführer. Eine bestimmte Zeit, als er die Erbin der Provinz Gallura auf Sardinien geheiratet hatte, nannte er sich „König von Sardinien“. Weil aber der Papst diese Ehe niemals billigte, wurde aus dem Königstitel letztendlich nichts. Sein Vater ließ ihn Norditalien verwalten und Enzio machte sein Job erfolgreich und erbarmungslos. Bologna war immer im päpstlichen Lager, es lag letztendlich im Kirchenstaat. Die Bürger von Bologna waren also Guelfen und hatten mit Ghibellinen und mit ihrem Anführer Enzio nicht gerade kleine Probleme. Und dann hatten sie ein unerwartetes Glück. Am 26.Mai 1249 wurde Enzio in einem unbedeutenden Scharmützel bei Fossalta unweit von Modena vom Heer der Stadt Bologna gefangen genommen. Der Kaiser bot unglaubliches Lösegeld an, er war bereit, die ganze Stadt mit einem Ring aus Silber zu umgeben, wenn sein Sohn freigelassen würde. Die Bolognesen, die sich die mögliche Rache des freigelassenen Enzio gut vorstellen konnten, blieben für alle kaiserliche Angebote taub. Enzio blieb in der Gefangenschaft bis zu seinem Tod am 14. März 1272. Es war aber ein bequemes Gefängnis. Er bewohnte einen Palast, der damals noch „Palazzo nuovo“ geheißen hat, er musste also nur vor kurzer Zeit fertiggestellt worden sein. Enzio durfte dort Feiern veranstalten und Besuche empfangen – auch die weiblichen. Damen haben ihn gern besucht, da Enzio in sich poetische Begabung entdeckte und im Stil der gerade damals entstehenden Renaissance dichtete, also nach der „Scuola nuova siciliana.“ Es blieben uns zwar nur seine melancholischen Sonette über den Untergang des Hauses Hohenstaufen erhalten (der letzte Staufe, Enzios Neffe Konradin wurde im Jahr 1268 in Neapel hingerichtet, Enzio selbst wie auch der König von Sizilien Manfred und seine Kinder waren unehelich und damit nicht offiziell Mitglieder der Familie), aber die neue sizilianische Schule dichtete sehr häufig über die Liebe und dieses Thema mied Enzio sicher nicht. Nach seinem Tod tauften die Bologneser den Palast  auf „Palazzo del Re Enzo“ um, sie sprachen also ihren Gefangenen sogar mit seinem Königstitel an, der von ihrem Herrn, dem Papst, nie akzeptiert wurde.  

               Auf der anderen Seite des Platzes gegenüber dem „Palazzo Re Enzo“ steht die größte Kirche in Bologna, die Kirche des heiligen Petronius.

Der heilige Petronius, der Patron der Stadt, war Bischof von Bologna in den Jahren 432 – 450. Sein Grab befindet sich in der Kirche, die er selbst gegründet hatte, also in der Kirche des heiligen Stephanus, sein Name trägt aber die größte Kirche der Stadt. (In der zumindest der Kopf des Heiligen als die heilige Reliquie aufbewahrt ist). Auf den ersten Blick sind an dem Dom von Bologna zwei Sachen auffällig. Es ist nur das Erdgeschoß mit Marmorplatten verkleidet, höher auf der Fassade sind nur mehr Backsteine zu sehen (natürlich in rot). Und was das Auffälligste ist, die Kirche hat kein Querschiff. Alle Kirchen wurden immer in der Form eines Kreuzes gebaut, der „Heilige Petronius“, obwohl er ein gigantischer fünfschiffiger Bau ist, hat kein Querschiff. Beide Aspekte, die ich nannte, geben dem Menschen ein Gefühl, das die Kirche nicht fertiggestellt wurde. Und der Bau ist wirklich nie vollendet worden. Die Bologneser wollten nämlich die größte Kirche in Italien bauen, größer als die Kirche des heiligen Petrus in Rom. Im Jahr 1509 wurde aber die Stadt vom Papst Julius II. eingenommen, also gerade von dem Papst, der die Kirche des heiligen Petrus in Vatikan bauen ließ und Michelangelo zwang, ihm die Sixtinische Kapelle auszumalen. Julius II. vertrieb aus der Stadt die herrschende Familie Bentivoglio (eigentlich kam er seine „geliebten“ Untertannen zu schützen, die gegen die Familie Bentivoglio einen Aufstand angezettelt hatten, geschlagen wurden und nicht mehr wussten, was sie tun sollten). Sie riefen den Papst zu Hilfe und der machte dem Eifer bei dem Bau ein rasches Ende. Er durfte natürlich nicht zulassen, dass seine Kirche in Rom übertroffen würde. Er machte es taktisch richtig. Er verbot die Fortsetzung des Baus nicht, aber an der Stelle, an der das Querschiff gebaut werden sollte, ließ er das Gebäude der Universität bauen. Und das wars! Die Reste der Bausubstanz, aus der das Querschiff entstehen sollte, sind auch heute noch sichtbar, das Universitätsgebäude im Stil der Renaissance mit Arkadenhof, mit Wappen der Rektoren an den Wänden, mit einer riesigen Bibliothek (Biblioteca communale) und Teatro anatomico, steht aber bis heute.

Das „Teatro anatomico“ aus dem Jahr 1563 ist ein Saal, in dem öffentliche Obduktionen stattgefunden haben. Die Decke wurde symbolisch mit dem Bild des Heilungsgottes Apollo geschmückt. In der Mitte steht der Obduktionstisch aus Marmor, unter dem Baldachin an der Wand gibt es den Sitz des Rektors. Der Baldachin wird von zwei männlichen hautlosen, aus Holz geschnittenen Figuren getragen. Die Obduktionen fanden unter der Aufsicht eines Priesters der Inquisition statt, der jeder Zeit die Obduktion abbrechen durfte, wenn sie seiner Meinung nach nicht der Lehre der katholischen Kirche entsprach. In den Wänden stehen Bänke aus Zedernholz, der Raum ist sehr schön. Die hier ausgestellten Dokumente bezeugen, dass hier seit dem Jahr 1732 die erste Frau in der Position eines Universitätsprofessors, Laura Bassi, tätig war.

               Der heutige Sitz der Universität befindet sich immer noch im Stadtzentrum, ist aber in Richtung der Peripherie verschoben, er ist im Palazzo Poggi und das gesamte Viertel um diesen Palast ist voll mit Graffiti, Poster und Anzeigen für Veranstaltungen der Studenten. Man merkt, dass das ganze Universitätsviertel wirklich den Studenten gehört. Bologna ist auf seine Universität sehr stolz und Studenten genießen hier viele Privilegien und erfreuen sich vieler Toleranz.

Aber zurück zur Kirche des Heiligen Petronius, oder dazu, was aus ihr vollendet wurde. Trotz Eingriffe der Päpste Julius II. und Pius IV. ist es immer noch die fünftgrößte Kathedrale der Welt – zumindest behaupten das die Bologneser. Es ist eine fünfschiffige Kirche im gotischen Stil, das Innere macht den Besucher atemlos. Historisch am meisten interessant ist aber die erste Kapelle links. Hier fand am 24. Februar 1530 die letzte Krönung eines römischen Kaisers statt. Karl V. hat keine große Lust zu seiner Krönung nach Rom zu reisen, drei Jahre zuvor wurde Rom nämlich von seinen Soldaten furchtbar geplündert (Sacco di Roma) und er fürchtete, dass er demzufolge in der Stadt am Tiber nicht gerade große Popularität genoss. Im Jahr 1529 schlossen der Kaiser und der Papst den „Frieden von Barcelona“  der auch durch Heirat ihrer unehelichen Kinder besiegelt wurde. Die Tochter des Kaisers, Margarete, heiratete den Herzog von Urbino Lorenzo, den „Neffen“ des Papstes Klement VII., von dem alle wussten, dass er ein Sohn des Papstes war. Ein Teil des Friedensvertrages legte auch die Verpflichtung des Papstes zur Krönung des Kaisers fest, deshalb kam Karl nach einem längeren Stopp in Mantua nach Bologna.

Später ließ sich kein Kaiser mehr vom Papst krönen. Karls Bruder Ferdinand I. hatte keine wirklich harmonischen Beziehungen zu den Herren in Vatikan und nannte sich also einfach „gewählter römischer Kaiser“, und in dieser Praxis folgten ihm dann alle folgenden Herrscher des römischen Reiches. Der Papst wurde zu einer kaiserlichen Krönung nur noch von Napoleon Bonaparte im Jahr 1804 wieder einmal eingeladen.

               Das dritte Gebäude auf der „Piazza Maggiore“ ist der „Palazzo communale“, also das Rathaus. Es ist ein unglaublich riesiges Gebäude, das ein ganzes Stadtviertel einnimmt.

Mit Innenhöfen, einzelnen Palästen, natürlich alles in roter Farbe. Bramante baute hier eine Treppe, auf der in das erste Obergeschoß Menschen auf Pferden reiten konnten, man konnte sogar dort mit Kutschen fahren. Das Rathaus wurde nach der Einnahme der Stadt durch die päpstliche Armee gebaut, deshalb gibt es im ersten Obergeschoß die Kapelle Farnese mit wunderschönen Fresken, die an diese einflussreiche päpstliche Familie, die später in Parma und Piacenza herrschte, erinnern. An der Fassade des Rathauses sind Fotos der Partisanen, die im Kampf gegen Mussolini starben, aber auch eine Gedenktafel an die Opfer der Massaker auf Korfu und Kefalonia, wo die Deutschen als eine Rache für italienischen Verrat alle gefangene italienische Soldaten ermordeten. (Wer den Film Corellis Mandoline sah, weiß, welches furchtbare Verbrechen der Nazis es war)

               Aber auch wenn wir die Piazza Maggiore verlassen, kann man in Bologna noch immer sehr viel sehen. Zum  Beispiel die Kirche des heiligen Stephanus die „Basilica di Santo Stefano“.

Es handelt sich eigentlich um vier miteinander verbundene Kirchen aus dem 5. bis 11. Jahrhundert (ursprünglich gab es hier sieben von ihnen). Es sind die „Chieza del Crocefisso“, wo es den Eingang in den Komplex gibt und wo die Knochen des Gründers der Kirche, des heiligen Petronius, liegen (also außer des bereits erwähnten Kopfes). Dann geht man durch die „Chiesa del Santo Sepolcro“, die ursprünglich ein Baptisterium war, was man an dem sechseckigem Grundriss erkennen kann. Neben ihr steht die „Cortile di Pilato“ mit einem Becken, in dem Pontius Pilatus nach der Urteilsspruch über Christus seine Hände waschen sollte (das Becken stammt zwar aus dem achten Jahrhundert, ich würde aber in Bologna nicht laut darüber sprechen). Die „Chieza della Trinitta“ ist mit der „Chieza Santi Vitale e Agricola“ verbunden, die aus römischen Zeiten stammt, es könnte sich hier also wirklich um eine Kirche handeln, die der heilige Petronius persönlich gegründet hat. Vor diesen Kirchen gibt es einen romantischen Platz die „Piazza San Stefano“. Ein Aperolspritz kam hier auf 5 Euro. Im Preis ist also auch der romantische Blick ufn die Kirchen und schöne herumstehende Gebäude inbegriffen.

               In Bologna gibt es auch die Kirche des heiligen Dominikus. Der Gründer des Ordens der Predigermönche starb hier am 6.August 1221 und ist in der Kirche, die seinen Namen trägt, auch begraben. Wer das bescheidene Grabmal von Franziskus in Assisi gesehen hat, versteht, welchen Unterschied es zwischen diesen zwei konkurrierenden Orden gab, auch welches Verhältnis zu ihnen die offizielle kirchliche Macht pflegte. Die Dominikaner als „Geheimpolizei des Papstes“ wurden „Domini canes“ also „Hunde des Herren“ anstatt „Dominicani“ genannt und genossen die Gunst des Papstes. Das Grabmal des heiligen Dominikus ist riesig und an ihm arbeiteten die berühmtesten Künstler der Renaissance, wie Nicolo Pisano, der das Grabmal entworfen hat und des Manierismus. Auch der damals noch junge Michelangelo  trug zwei Engelstatuen und die Statue des heiligen Petronius bei.  

Paradox ist, dass in der gleichen Kirche wie dieser päpstliche Heilige auch der Erzhäretiker Enzio, der Sohn des von den Päpsten meistgehassten Kaisers, begraben ist. Wie sich die zwei verstehen, ist für mich ein Rätsel, allerdings wurden in der Kirche keine heftigen seismischen Aktivitäten registriert, die dafür sprechen würden, dass die zwei streiten würden oder sogar handgreiflich wären. Nicht weit von hier steht die Kirche des heiligen Franziskus mit dem Grab des Papstes Alexander V., einer der ersten Bauten im französischen gotischen Stil in Italien.

               Auf dieser Stelle ein kurzer Abstecher zum Michelangelo. In Bologna schuf er noch ein sein Werk, eigentlich eines seinen größten. Im  Auftrag Papstes Julius II., als dieser Bologna erobert hatte, schuf Michalangelo seine riesige Statue mit Tiara und Zepter, die vor die Kirche des heiligen Petronius aufgestellt wurde. Sie wurde am 21. Februar 1508 eingeweiht, Michelangelo verließ nachher Bologna in Richtung Rom, um die Decke der Sixtinischen Kapelle auszumalen. Die Statue Julis II. findet man aber in Bologna nicht mehr. Drei Jahre später zerschlugen sie Bürger von Bologna, die gegen den Papst einen Aufstand begannen. Nicht einmal Werke eines Genies sind vor einer Revolution sicher.

               Aber nicht nur durch die Kulturdenkmäler lebt der Mensch und schon überhaupt nicht in Bologna. Bologna ist eine Stadt, die für Shopping einfach geschaffen worden ist – ich hoffe, liebe Damen, dass Sie gerade jetzt Ihre Ohren gespitzt haben. Es gibt kaum eine Straße ohne Bogengänge, ihre Gesamtlänge in der Stadt beträgt 37,6 Kilometer!!!

Die meisten sind mit Fresken geschmückt, die Hauptsache aber, überall gibt es Geschäfte, Cafés, Delikatessenläden und Konditoreien, also von einem Geschäft in einen Cafe, dann in das nächste Geschäft, also wer ein Bummeln durch Geschäfte und Boutiquen liebt, ist hier absolut richtig. Ein schöneres Ambiente zu diesem Zweck findet man nirgends. Am dichtesten sind die Geschäfte im Viertel „Quadrilatero“ konzentriert, in ehemaligem römischem Bologna, als die Stadt noch Bononia hieß. Sollten jemandem die Geschäfte und Boutiquen in den Bogengängen zu teuer oder zu langweilig vorkommen, dann kann er ein paar hundert Meter vom Zentrum weitergehen (natürlich vom Unwetter durch einen Bogengang geschützt) und zwar zum Flohmarkt auf dem „Platz des achten August“ – „Piazza otto Agosto“.

Auf einem riesigen Platz wird  wirklich alles Mögliche verkauft und zwar zu Preisen zwischen 3 und 5 Euro. Es fehlt keine einzige gefälschte berühmte Marke, egal ob Handtaschen, Schuhe oder Uhren. Bitte aber auf die Geld- und Handtaschen aufpassen, nicht einmal zahlreiche anwesende Polizisten haben hier alles unter Kontrolle. Der Flohmarkt machte Bologna weit über ihre Grenzen berühmt, aus der Nähe beobachtet alles der unverzichtbare Garibaldi aus dem Sattel seines Pferdes. Einen Bogengang gibt es auch auf dem gesamten 3,6 km langen Weg, der von der „Porta Saragossa“ auf den Hügel hinter der Stadt führt, wo die Kirche „Santa Maria de Luca“ steht. Von hier gibt es atemberaubende Ausblicke nicht nur auf die Stadt, aber auch auf den Apennin und bei klarer Sicht kann man angeblich von hier auch die Alpen sehen. Als wir dort waren, gab es keine ganz klare Sicht, also mussten wir uns mit einem Blick auf die roten Dächer der Stadt mit den dominanten Kirchen zufriedengeben. Es war trotzdem wunderschön. Die hier stehende Kirche ist durch die Ikone der Maria mit dem Kind (Beata vergine di san Luca) berühmt, die einer Legende nach Evangelist Lucas höchstpersönlich gemalt haben sollte.

Die Öffnungszeiten der Kirche entsprachen keinesfalls der Angaben im touristischen Führer, also kamen wir in die Kirche fünf Minuten vor zwölf, als die Kirche geschlossen werden sollte und die Ikone haben wir ganze zehn Sekunden sehen dürfen. Einer Karbonanalyse zu Folge wurde ihr Alter auf zwölftes Jahrhundert bestimmt, aber die byzantinischen Reliquienverkäufer waren – wie bekannt – sehr erfinderisch und die Stadt Bologna hatte zu dieser Zeit viel zu viel Geld. Es beruhigte mich, dass es sich um eine Fälschung handelte. Sollte der Kollege Lucas (Arzt und Schriftsteller) auch noch ein begabter Maler sein,  wäre mir das wirklich einfach zu viel.

               Um nicht zu vergessen, Bologna ist eine italienische Stadt, also zum Schluss etwas über das Essen. Natürlich gibt es eine bekannte Spezialität. Aber bitte „Spagetti bolognese“ dürfen Sie überall auf der Welt verlangen nur nicht in Bologna! Original sind nämlich Tagliatelle (ev. noch Fettucini) bolognese, also breitgeschnittene Nudelsorten, die das Fleischragu mit der typischen Soße besser aufnehmen. Ich bestellte unter dem Bogengang „Palazzo Re Enzo“ „tagliatelle bolognese“ ohne ins Menu zu schauen und verdiente dafür ein liebes Lächeln der Kellnerin – in ihren Augen wurde ich gerade in die zivilisierte Gesellschaft aufgenommen. Möglicherweise verdiente ich mir das Lächeln durch meine Anrede „Signorina bella“. Weil meine Frau anwesend war, konnte das Mädchen keine unanständige Gedanken oder Angebote von mir erwarten und hübsch war es allemal. Sie brachte zu den Nudeln auch eine große Portion des geriebenen Parmesans. Als ich nach dem guten Essen noch zwei „Espressi“ bestellte, habe ich sie offensichtlich vollkommend gewonnen. Der Zucker stand auf dem Kaffeespiegel genau die vorgeschriebenen fünf Sekunden, bis er zum Boden sank. Die Welt kann manchmal wirklich schön sein.   

               In diesem Augenblick habe ich Bologna den Neptun verziehen. Ich komme noch einmal ihn anzuschauen. Übrigens habe ich es nicht geschafft, das Museum der Stadtgeschichte zu besuchen und eine Menge weiterer Verlockungen. Meine Frau übrigens, obwohl sie offiziell Shopping hasst, ist dem Zauber von Bologna auch erlegen.           

Padua

Padua, also italienisch Padova, ist untrennbar mit dem Namen des heiligen Antonius verbunden. Es weiß das natürlich, es bemüht sich aber viel mehr als das Kult des Heiligen zu bieten. 

Der heilige Antonius wurde am 15 August 1195 in Lissabon geboren. Auf der Stelle seines Geburtshauses steht heute natürlich eine Kirche, die seinen Namen trägt und an seinem Namenstag also am 13.Juni gibt es in  Lissabon ein großes Sardinenfest mit Sambaumzug, einfach das größte Fest im Laufe des gesamten Jahres. Antonius wurde für eine geistliche Karriere vorbestimmt und mit 15 Jahren trat er dem Orden der Augustiner bei. Allerdings bereits im Jahr 1220 trat er in den Orden der Franziskaner über, die ihn mit ihrer Bemühung der Armen und Kranken zu helfen mehr angesprochen hatten. Sein großer Wunsch war wie ein Märtyrer zu sterben – aus diesem Grund ging er als Missionar nach Marokko. Durch diesen Plan hat ihm aber seine schlechte Gesundheit Strich gemacht, er wurde nach Italien entsandt. An Tuberkulose anstatt durch Schwert unter den Ungläubigen zu sterben war nicht unbedingt sein Ziel. Als er im Jahre 1221 an der Generalkapitel des Ordens teilnahm, wurde auf seinen außergewöhnlichen rednerischen Talent der heilige Franciscus aufmerksam und entsandte ihn zu predigen in die Provinz Romagna. Dort war Antonius die letzten acht Jahre seines Lebens tätig, bis er im Alter von 36 Jahren in Padua starb. Man muss wahrnehmen, dass Antonius so hinreisend in einer ihm fremden Sprache predigte – seine Muttersprache war Portugiesisch, die sich von Italienisch ungefähr so viel wie Schwedisch von Deutsch unterscheidet, er musste also unglaublich sprachbegabt sein.

               Die Stadtbevölkerung von Padua liebte ihren Prediger so sehr (obwohl einmal, wenn ihm die Menschen nicht zuhörten, er lieber zu den Fischen zu predigen ging), dass nach seinem Tod sehr nachdrücklich seine Heiligsprechung verlangte. Papst Gregor IX. (ein bekannter verbissener Gegner des Kaisers Friedrich II.) war nicht für diese Idee besonders begeistert. Er wollte sich zu seinen zwei neuen Kindern – den Bettlerorden der Franziskaner und Dominikaner neutral verhalten, wobei ihm Dominikaner als willige Mitarbeiter der Inquisition lieber waren. Der Bevölkerung waren sie aber gerade aus diesem Grund widerlich und die Bürger versuchten immer sie außerhalb der Stadtmauer zu halten während sie die Franziskaner gerne in ihre Städte einnahmen.

               Der Papst sprach gerade am 16 Juli 1228 Franciscus heilig und bereitete die Heiligsprechung  Dominiks, die dann am 13. Juli 1238 stattfand. Und jetzt sollte er noch einen Franziskaner heilig sprechen? Auf keinen Fall! Die Menschen aus Padua entschieden sich die Heiligsprechung ihres geliebten Antonius mit Gewalt zu erzwingen. Sie bewaffneten sich mit Sensen, Heugabeln und Flegeln und zogen auf Rom zu, um dem Papst schlagende Argumente zu liefern, warum ihr Antonius heilig sein musste. Papst, der gerade einen Krieg mit Kaiser Friedrich II. führte, bekam Angst. Es folgte der schnellste Prozess der Heiligsprechung in der Geschichte und noch bevor es die Paduaner geschafft haben, nach Rom zu kommen, war schon ihr Antonius heilig, er wurde am 30. Mai 1232 heilig gesprochen. Um das mit der Fußballsprache zum Ausdruck zu bringen, die Franziskaner sind trotz  Ungunst des Schiedsrichters in die Führung 2:0 gegangen. Mit der Heiligsprechung von Dominik gelang es dem Orden der Predigermönche ein Anschlusstreffer auf 2:1, auf einen Ausgleich mussten sie allerdings bis auf den heiligen Thomas von Aquin warten. Dieser wurde von einem nicht weniger umstrittenen Papst Johann XXII. am 18 Juli 1323 heilig gesprochen.           

               Um die außergewöhnliche Beredsamkeit des Heiligen darzustellen, sind in seiner Kirche in Padua in einem Schaufenster hinter einem Panzerglas als heilige Reliquie  neben seiner Zunge und Kiefer auch seine Stimmbänder ausgestellt. Es wirkt schon ein bisschen makaber. Die Kirche, die von Paduanern einfach „Il Santo“, also „der Heilige“ genannt wird ist vom Stadtzentrum etwas entfernt.

Die Paduaner begannen mit dem Bau für ihren Heiligen aus eigener Initiative noch im Jahr seiner Heiligsprechung und im Jahr 1239 wurde der gigantische Bau fertiggestellt. Es ist eine riesige Kirche mit 6 Kuppeln (die zentrale ist spitzig), die gemeinsam ein Kreuz bilden. Ein Foto von der Kirche zu machen ist gar nicht einfach, es gibt dafür vor dem Gebäude einfach zu wenig Platz. Den Hauptaltar in der Kirche schuf Donatello, sein Werk ist auch die Statue des Gattamelata vor der Kirche. Die hat mit dem heiligen Antonius gar nichts zu tun. Donatello schuf diese Reiterstatue (angeblich die erste Reiterstatue aus Bronze weltweit – wenn man den Italienern ihr weiteres „piú“ glauben mag) für anständiges Geld des unanständigen venezianischen Condotierre  Erasmus de Narni, der „die Fleckkatze“ also Gattamelata genannt wurde. Er selbst liebte seinen Spitznamen „Katze mit den eisigen Augen“, das mochten aber die Paduaner wieder nicht. An die Kirche lehnt sich ein riesiges Franziskanerkloster an, mit mehreren Höfen und Kreuzgängen in einem interessanten Stil – zwar noch romanisch aber bereits mit spitzigen Böden, offensichtlich ein Zeichen der nährenden Gotik. Auf der Südseite des Platzes gibt es „Scuola di Santo“, wo die Wunder des heiligen Antonius in 18 Fresken dargestellt werden, die Tizian im Jahr 1511 schuf.

               Padua ist aber auf eine Reihe weiteren Dinge stolz, nicht nur auf seinen Heiligen und seine Kirche, wo er begraben ist, womit diese Kirche zu einer der meistbesuchten Pilgerstätte der Welt wurde..

               In erster Linie geht es um die Universität, die mit Neapel um den Namen der zweitältesten Universität in Europa ringt – beide sollten im Jahr 1222 gegründet worden sein. Padua siegt deshalb, weil es keine Gründungsurkunde vorliegt, Neapel wird durch diese Urkunde Friedrichs II. von 5. Juni 1224 verraten. Die Neapolitaner argumentieren vergebens, dass ihre Universität bereits zwei Jahre früher in Betrieb genommen worden ist. Dass ihr Universitäten bereits vor Padua existierten, behaupten übrigens auch Pavia und Vicenza, Vicenza hat sogar recht, die Universität in Vicenza schloss ihre Tore allerdings bereits im Jahr 1209). In Padua studierten Menschen wie Albertus Magnus, Galileo Galilei, Kopernikus oder Torquato Tasso. Im Gegenteil zu Bologna, das direkt im Machtbereich des Kirchenstaates lag, war Padua eine unabhängige Kommune (bis sie 1405 von venezianischer Republik eingenommen wurde) und deshalb durfte sie diese allen berühmten Rebellen ausbilden.

Die Herzsache von Padua ist allerdings der Platz „Prato della Valle“.

Die Paduaner behaupten, dass sich um den drittgrößten Platz im Europa nach dem Roten Platz in Moskau und „Plaza Concorde“ in Paris handelt (wobei sie Moskau nicht wirklich für Europa halten, daher ist ihr Platz wieder einmal beinahe „piú“.) Paris ist halt Paris, das muss man akzeptieren. Der Grund dieser betäubenden Größe des Platzes ist simpel. In den römischen Zeiten, als Padua noch Patavia hieß und hier unter anderen auch der berühmte römische Historiker Titus Livius lebte, gab es hier Stadion für Wagenrennen – deshalb hat auch der Platz ihre länglichrunde Form. In der damaligen Fahrspur gibt es heute ein Wasserkanal, umrahmt mit Statuen berühmten Paduaner.

Unter ihnen ist auch die Statue der ersten promovierten Ärztin der Welt –als die erste Frau in der Geschichte gewann im Jahr 1684 den Doktortittel auf der Universität von Padua die None Lucrezia Cornelia Piscopia. Aus welchem Grund sich unter die Statuen der Paduaner auch der polnische König und Herzog von Siebenbürger Stephan I. Bathory eingemischt hat, konnte ich nicht erfahren. In Padua wurde er sicher nicht geboren und wenn ich richtig nachgeforscht habe, hat er hier nicht einmal studiert. Seine Statue ließ hier der polnische König Stanislaw Poniantowski aufstellen. Vielleicht könnte der Grund dafür sein, dass Bathory eine Universität in Vilnius gegründet hat, die seinen Namen trägt.

Obwohl Padua zweimal vollständig vernichtet wurde – im Jahr 452 von Hunen und im Jahr 601 von Langobarden, im Bereich des ehemaligen Zirkus wurde nie gebaut – und so blieb dieser imposante Platz als Touristenmagnet erhalten. Der größte Bau auf dem Platz ist die Kirche Santa Giustina, die wir ursprünglich irrtümlicherweise für die Kirche des heiligen Antonius hielten. Abends ist der Platz voll mit Menschen, farbig beleuchtete Fontäne schießen Wasser in die Höhe, es gibt hier Bars und Restaurants, hier gibt es einfach das Zentrum des nächtlichen Lebens der Stadt.

Aber Padua, das war nicht nur die Wissenschaft und Revolutionäre vom Typ Kopernicus oder Galileo Galilei, sondern auch die Kunst. Und damit auch die Revolutionäre in der künstlerischen Schöpfung – der Entdecker der Perspektive in der Malerei Giotto und der Maler, der die Perspektive zu Vollkommenheit brachte, Andrea Mantegna. Den haben wir bereits in der Erzählung über Mantua getroffen, wo er gelebt und geheiratet hat. Wenn man in Padua war, aber „Capella degli Scrovegni“ nicht besuchte, gilt der Stadtbesuch nicht. Die Kapelle ließ die Familie paduanischer Neureichen bauen – den Gründer des Reichtums der Familie Reginaldo Scrovegni traf Dante in der Hölle und sein Sohn ließ in den Jahren 1303 – 1305 eine Kapelle für die Vergebung der Sünden seines Vaters bauen (sein Geld hat er aber sehr wohl behalten). Er nutzte dafür freie Grundstücke im Amphitheater der alten Patavia, der gleich wie der Rest der Stadt von Langobarden dem Boden gleich gemacht wurde – nur spärliche Reste des Amphitheaters kann man in dem herumliegenden Park sehen. Für die Innenausstattung der Kapelle wurde aus Florenz der damalige größte Meister und Reformator der Malerei Giotto bestellt. Das Ergebnis ist atemberaubend. Natürlich kann man die Kapelle nicht nur so einfach besuchen. Der Anblick an die Fresken ist beinahe „UNBEZAHLBAR“, Italiener können aus außergewöhnlichen Werken Profit machen. In die Kapelle geht man durch einen Spezialtrakt, die Kapelle selbst hat Unterdrucktüre, damit in die Kapelle keine Feuchtigkeit eindringen könnte und Touristen werden nur in kleinen Gruppen hinein gelassen – damit dort nicht zu viel geatmet wird. Die Fresken stellen das Leben der Jungfrau Maria und Jesus Christus in einem neuen, lebendigem anstatt in dem traditionellen steifen gotischen Stil dar. Giotto gab den Figuren in seinen Fresken Gesichter von Menschen, die er täglich auf der Straße traf, die Renaissance war da und trotz alle Bemühung aus Rom konnte nicht mehr gestoppt werden.

Aus den römischen Zeiten blieb in Padua wirklich nur sehr wenig. Neben den Überresten des Amphitheaters ist das „Tomba di Antenore“ – ein römisches Grabmal.

Das Stadtzentrum wird von Rathaus, also „Palazzo communale“ mit „Palazzo da Ragione“ und von gotischem Gebäude der Universität gebildet. Es gibt hier drei untereinander verbundene Plätze „Piazza della Frutta“, „Piazza dell´Erbe“ und „Piazza die Signori“. Alle sind relativ klein, mit „Prato della Valle“ können sie sich nicht messen. Sie sind aber mit sehr schönen Gebäuden umrahmt, als eine Erinnerung auf die venezianische Herrschaft ist hier die Venezianische Allgemeinversicherung und der Löwe des heiligen Markus, dieser befindet sich auf einer Säule auf dem Platz.

Der Dom stammt zwar aus dem 16. Jahrhundert, die Fassade ist aber klassizistisch, das neben ihm stehende Baptisterium verwandelte Familie Carrara in eine Familiengrabstätte. Der Dom scheint sich damit abgefunden zu haben, dass er dem heiligen Antonius in der Popularität das Wasser nicht reichen kann, darauf sind wir aber in den Norditalienischen Städten schon gewohnt. Der „Duomo“ ist hier nur ausnahmsweise die wichtigste Kirche der Stadt.

Im Innenhof des Rathauses erlebten wir ein fabelhaftes Konzert, dem auch Francesco Petrarca beiwohnte, zumindest seine Statue im Innenhof. Petrarca gehört neben Dante und Boccacio zu Gründern des Humanismus und Renaissance in der Literatur. Übrigens durch seinen Aufstieg auf Mont Vermox gilt er als der Gründer des Alpinismus. Er legte große Hoffnungen auf den Kaiser Karl IV, in dem er einen möglichen Erneuer des Ruhmes des römischen Imperiums sah. Er täuschte sich. Karl IV. ging zwar konsequent in den Spuren seines großen Vorgängers Fridrich II., mied aber jeden Konflikt mit der Kirche, die Rom und Mittelitalien beherrschte. Petrarca verbrachte einen Großteil seines Lebens in Verbannung, Padua ist stolz auf ihn. Nein, ich muss euch enttäuschen, Petrarca studierte in Bologna, er ist also kein Produkt der Universität von Padua. Im Jahr 1369 ließ er sich aber in der Gemeinde Arqua im Gebirge „Colli Euganie“ nahe Padua nieder und hier starb er. Es ist eine Thermalregion, das Städtchen ist von Termen Abano, Galzignano und Battaglia umgeben, das warme Wasser tat offensichtlich dem alten müden Mann wohl. In Arqua, die zum 500 Jahre Jubiläum des Einzugs des Meisters seinen Namen auf Arqua Petrarca änderte, gibt es also ein Haus, wo der Meister lebte (wie weit das Haus wirklich authentisch ist, können wir nur raten) mit einem Museum über sein Leben. Petrarca wurde in Arqua begraben, sein Sarkophag aus Marmor steht vor der Kirche.

Padua, das sind also Fresken (neben bereits erwähnten „Capella degli Scrovegni“ sind sie auch in „Museo civil“ gleich nebenan, aber auch in der Universität (wo es auch eine Teatro anatomico gleich wie in Bologna befindet, das zu öffentlichen Obduktionen diente) in „Chieza degli Eremiti“ usw, aber auch Bogengänge, Bogengänge und noch einmal Bogengänge. Ähnlich wie in nahem Bologna sind alle Straßen mit Bogengängen versorgt, im Gegenteil zu Bologna sind nicht so prächtig geschmückt und für Shopping geeignet, sie haben mehr private Atmosphäre. Einen Bogengang hat auch „Palazzo Zabarella“, wo eine berühmte paduanische Familie lebte.

Ihr berühmteste Sohn Francesco studierte Jus auf der Universität in der Stadt und galt anfangs fünfzehnten Jahrhunderts für den besten Jurist der damaligen Zeit. Er spielte eine bedeutsame Rolle beim Konzil in Konstanz, er bot sogar die juristische Hilfe Johann Hus an, welcher diese aber ablehnte. Zabarella galt als der hoffnungsreichste Kandidat bei der Wahl des neuen Papstes, der in Konstanz nach Absetzung der drei damaligen Päpste gewählt werden sollte. Er starb leider bereits am 26.September 1417 und die Anwesenden Wähler wählten dann am 11. November 1417 Oddo Collona zum neuen Papst, der den Namen  Martin V. annahm. Er gehörte aber im Gegenteil zu Zabarella dem konservativen Flügel an und unterdrückte die Konziliarbewegung, bis sie letztendlich in den dreißiger Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts den Kampf um die Kirchenreform aufgab und sich auflöste. Eine große Chance für eine Kirchenreform war damit vertan.  Die absolute Macht der Päpste kehrte zurück und führte letztendlich zur Reformation und Spaltung der Kirche. Wer weiß, welche Wege die Geschichte genommen hätte, wenn der für die Reformen positiv gestimmter Francesco Papst geworden wäre? Übrigens die Statue vom Papst Eugen IV, der die Reformbewegung in der Kirche endgültig zum Grabe trug, findet man unten der vielen berühmten Paduaner auf der Prato della Valle. Eugen war zwar kein Paduaner, sonder Venezianer, weil aber Padua seit 1405 zu Serenissima gehörte, mussten Paduaner auf ihn stolz sein. Ob sie es wollten oder nicht.  

Um nicht zu vergessen, Andrea Palladio! Padua war ein Teil der Republik von Venedig, wäre es möglich, dass er hier keine Spuren hinterlassen hätte? Man findet diese Spuren im Taufbuch der Kirche San Michele. Andrea Palladio wurde in Padua geboren und am 30. November 1508 getauft. In Padua findet man aber keine seinen Werke, sogar das ihm zugeschriebene Grabmal von Luigi Visconti in der Kirche des heiligen Antonius ist nicht sein Werk. Zu Hause wird keiner zum Prophet! In der unmittelbaren Umgebung der Stadt findet man aber doch Villen, die er entworfen hat, wie „Villa Pisani“ in Montagnana oder „Villa Cornaro“ in Piombino. Aber Padua, seine Geburtsstadt, bildet auf dem Boden der Serenissima eine ehrenhafte (eigentlich unehrenhafte) Ausnahme, was die Schöpfung des berühmtesten Architekten betrifft. Aber auch ohne ihn ist die Stadt schön genug.

Ganz atypisch für Italien litten wir in Padua Hunger. Im Stadtzentrum gab es Unmenge Bars, wo man trinken konnte, aber lange konnten wir kein Essen finden. Das „Cafe Pedrocchi“ direkt im Zentrum im klassistischen Stil aus dem Jahr 1831 ist zwar in Padua ein Pflichtprogramm, in Anbetracht unserer knurrenden Mägen traute ich mir gar nicht, einen Besuch hier vorzuschlagen. Die Stimmung in unserer Reisegruppe, die mein Sohn und meine Frau bildeten, wurde schnell schlecht und schuld daran war natürlich der Reiseführer, also ich. Als ich ein im Reiseführer empfohlenes Restaurant „Trattoria San Pietro“ endlich fand, war sie geschlossen „per ferie“ – es war eben August! Als schon eine Meuterei drohte, stolperten wir ganz zufällig in der Nähe von „Duomo“ über ein weiteres empfohlenes Restaurant „Osteria da Capo“. Das Essen war hervorragend, Osterien sollten aber preismäßig in einer günstigen Zone liegen. Diese lag in dieser Zone definitiv nicht. Für das Essen und „vino della casa“, die mir ein Sodbrennen für die ganze kommende Nacht verursachte, zahlte ich für 3 Personen 112 Euro. Aber Hauptsache, die Reisegruppe griff nicht dem Reiseführer gegenüber zur Gewalt, dann zahlt man gerne.

In Padua ein preislich zugängliches Hotel zu finden, das auch mit Auto gut erreichbar wäre, war kein Problem. Ein kleines Hotel mit einem interessanten Namen „M 14“ war lieb, ins Zentrum war es nur ein paar Schritte. Die junge Dame in der Rezeption sprach ein sehr gutes Englisch mit einem typischen entzückenden italienischen Akzent, das ich liebe. Jedes Wort beendete sie mit einem Vokal, weil sich das anders ein echter Italiener nicht vorstellen kann.

„Where aree you froma?“

               „Austria.“

               „You areee welkommene. Enjoyi the dayi.“

               Sie war einfach fabelhaft. Gleich wie ihre Stadt. Der heilige Antonius war nicht der einzige Sprachbegabte in dieser Stadt.